Die 23-jährige Antonia glaubt an Übernatürliches. Aber so übernatürlich? Bei der Beerdigung ihrer Großmutter stützt sie sich auf einen alten Grabstein und hört eine Stimme. Die junge Frau zweifelt an ihrem Verstand, doch der Versuchung, den Stein erneut zu berühren, kann sie nicht widerstehen. Anna – eine Frau aus der Vergangenheit, zieht Antonia immer tiefer in ihren Bann. Die Situation wird verzwickt, als Sascha auftaucht, ein Mann, zu dem sich Antonia augenblicklich hingezogen fühlt. Eine Zerreißprobe der Gefühle beginnt, denn Antonia spürt eine tiefe Verbundenheit zu Anna, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, Anna über die Zeit hinweg zu helfen, ohne von Sascha für verrückt erklärt zu werden, und der Gefahr, den Sinn für die Realität zu verlieren. Kann Antonia der Frau im Stein helfen? Ändert sich durch die Vergangenheit die Gegenwart?

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ISBN: 978-9963-2814-5-9

Seiten: 384

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Isabella Falk

Isabella Falk
Mein Name ist Isabella Falk, geboren 1965 in Saarbrücken, wo ich bis heute lebe. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und wenigen Berufsjahren in unterschiedlichen Unternehmen setzte ich meine Schwerpunkte neu und kümmerte mich fortan um die Erziehung zweier teilweise schwer kranker Pflegekinder. Während eines der beiden Mädchen nach acht Jahren Pflege in die Obhut seiner Mutter zurückging, wurde die andere zum Glück vollständig gesund. Heute ist sie erwachsen und lebt ganz in meiner Nähe. Von 1998 bis Dezember 2010 arbeitete ich als Führungskraft in einem Telekommunikationsunternehmen. Seit ein paar Jahren habe ich mein Hauptaugenmerk auf das Schreiben gelegt. Außerdem mache ich eine Umschulung zum Webmaster. In meinem Leben habe ich viele Romane geschrieben und wieder verworfen, bis ich vor wenigen Jahren einen Schreibkurs bei dem Schriftsteller Rainer Wekwerth belegte. Dort sind Teile der „Gräfin“ entstanden. Den letzten Schliff bekam das Manuskript schließlich in der Zusammenarbeit mit Susanne Strecker, von der ich ebenfalls sehr viel über das Schreiben gelernt habe.

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Leseprobe

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1. Kapitel
Die Begegnung

Antonia verbeugte sich vor Omas Grab. Noch hatte der Friedhofsgärtner die dunkle, duftende Erde nicht auf den schweren Sarg geschaufelt. Sie konnte die Rosen sehen, die Lisbeth ihrer Mutter ins Grab geworfen hatte und die gelben Freesien von ihr selbst. Auch ihr Vater Rainer war da gewesen. Er hatte seiner Ex-Schwiegermutter drei Schippen Dreck hinterhergeworfen, so hätte Oma es ausgedrückt. Dabei machte er ein Gesicht, als würde es ihm leidtun. Heuchler, hatte Antonia gedacht und tat es wieder.
   Omas Tod war kein Drama. Sie war alt, ihr neunzigster Geburtstag lag bereits zwei Jahre zurück. Zu diesem Zeitpunkt waren Vater und Mutter noch ein Paar, ein sich ständig streitendes Paar, aber immerhin. Antonia seufzte und wandte sich ab, um zu der Trauergesellschaft zu eilen, die unentschlossen vor der Leichenhalle stand.
   Ein Blick nach unten zeigte ihr, dass ihr Schuh wieder einmal aufgegangen war.
   »Kind, binde dir die Schnürsenkel fest, sonst fällst du noch hin.« Antonia hörte die Stimme ihrer Oma im Kopf und lächelte. Sicher, sie war mit ihren vierundzwanzig Jahren kein Kind mehr, aber für Oma war sie immer eines geblieben und das war gut so.
   Jetzt war sie fort. Oma, und es war kein Drama. Antonia schluckte und bückte sich, um den Schuh zu binden. Sie stützte sich auf einem alten, verwitterten Grabmal ab. Der dunkle Stein war kühl und fühlte sich seltsam brüchig an, als würde er schon seit Hunderten von Jahren hier stehen.
   Ein Schluchzen erklang in Antonias Ohr.
   Sie hob den Kopf und blickte um sich – da war niemand außer der Trauergesellschaft vor den Mauern des Friedhofes.
   Wieder stützte sich Antonia auf den Stein und bückte sich, um nun endlich den Schuh zu binden. Das Schluchzen erklang erneut. Es klang verzweifelt und grausam zugleich. Alles verloren, glaubte sie zu verstehen, und doch hörte sie keine Worte. Ein Gefühl erfüllte sie, das eine unglaubliche Verzweiflung in ihr auslöste. Antonia richtete sich abrupt auf und schüttelte ihren Kopf. Ihre Nerven lagen offensichtlich blank. Wahrscheinlich hatte der Tod der Großmutter sie doch mehr mitgenommen, als sie es sich glauben machen wollte. Doch Oma war über neunzig gewesen und sie hatte ein schönes Leben gehabt. Es gab keinen Grund, sich so anzustellen. Ehe sie den Gedanken noch zu Ende gedacht hatte, hörte sie die vertraute Stimme ihrer Mutter. Sie klang schon leicht gereizt.
   »Toni, wo bleibst du denn? Tante Agnes ist müde und muss sich setzen. Du hast versprochen, sie zum Gemeindesaal zu fahren.«
   Tante Agnes, auch das noch. Antonia stöhnte innerlich auf. Ihre Tante war nett, aber sie konnte eine Kuh aufs Eis quatschen und gleich auf der anderen Seite wieder hinunter.
   »Ich komme, ich musste nur noch meinen Schuh binden.«
   Wenig später blickte Lisbeth anklagend auf Antonias Füße. »Das mit dem Binden musst du wohl noch üben.« Mutters Lächeln geriet etwas schief.
   Antonia betrachtete den offenen Schnürsenkel. »Es war der andere«, log sie und ließ sich von Tante Agnes unterhaken, die überhaupt nicht kränklich von einem Fuß auf den anderen trippelte.
   »Ach meine Kleine, dass du schon Autofahren kannst.«
   »Tante, Agnes, ich bin vierundzwanzig.«
   »Ich weiß aber noch, als du vier geworden bist. So goldig warst du, und ein richtig pausbackiges Pummelchen. Wer hätte je gedacht, dass aus dir mal so ein schönes Mädchen wird? Ach, übrigens, was macht eigentlich die Liebe? Die Männer müssen doch …«
   Antonia öffnete die Tür ihres kleinen Peugeot und bugsierte die Tante etwas lieblos auf die Beifahrerseite. Ehe sie sich noch anhörte, dass die Männer an ihrer Tür Schlange stehen müssten, schloss sie die Beifahrertür, ging um den Wagen herum und setzte sich auf die Fahrerseite.
   »Als ich in deinem Alter war, da war Jens schon zwei Jahre alt und ich mit Jan gerade schwanger. Ach, aber das waren andere Zeiten.«
   Antonia fuhr vorsichtig aus der Parklücke. Da war ein Schluchzen gewesen, das hatte sie deutlich gehört. Ein Schluchzen und eine unendliche Verzweiflung, die sie selbst niemals verspürt hatte. Woher wusste sie überhaupt, dass es Verzweiflung war?
   »Ich finde wirklich, man sollte seine Kinder jung bekommen. Du bist auch schon bald fünfundzwanzig.«
   »Tante Agnes«, ihre Stimme klang lauter, als sie es beabsichtigt hatte, »gerade eben hast du noch gedacht, ich sei zu jung zum Autofahren, und jetzt glaubst du, ich sei zu alt, um Kinder zu bekommen. Entscheide dich mal.«
   »Schon gut, ich sag ja nichts mehr. Wenn man nicht einmal mehr einen guten Rat geben darf …« Die Tante hatte Tränen in den Augen und Antonia tat ihr Verhalten augenblicklich leid.
   Eigentlich mochte sie Agnes, die älteste Schwester ihrer Mutter. Was war nur in sie gefahren? Sie war überlastet und aufgeregt. Vielleicht war doch alles zu viel für sie gewesen.

*

Annas Herz raste, als sie die Wunde ihres kleinen Bruders betrachtete. Seit der vergangenen Nacht hatte sich die Stelle noch schlimmer entzündet. Gelber Eiter rann aus der offenen Stelle, das Bein war unvorstellbar dick angeschwollen und Jakob stöhnte vor Schmerz. So viel Schreckliches hatte sie in den letzten Tagen sehen und vor allem hören müssen. Das Geschrei der Männer und Frauen, das Winseln der Tiere und nun noch immer dieses schreckliche, leidvolle Stöhnen ihres Bruders. Wenn sie ihm nur helfen könnte. Anna versuchte, den Eiter aus der offenen Wunde zu reiben, traute sich aber kaum, das Bein zu berühren. Zu groß waren Jakobs Schmerzen und sie wollte ihm nicht noch mehr Leid zufügen. Sie riss neue Binden aus ihrem fadenscheinigen Rock und wickelte sie um Jakobs Wunden. Wenn sie nur wüsste, was sie sonst noch tun konnte.

*

Antonia erwachte, wie jeden Tag, um Viertel nach sieben, aber heute war Samstag und sie konnte endlich ausschlafen. »Mist«, grummelte sie, drehte den Wecker zu der einen Wand und sich zur anderen. Um halb elf war sie mit Lisbeth verabredet, um einen Grabstein für Oma auszusuchen, mit dem Gärtner zu sprechen, den Pflegedienst zu besuchen und dann beim Italiener zu essen. Nicht gerade die coolste Wochenendbeschäftigung, aber besser als Fensterputzen war es allemal.
   Bis dahin hatte sie noch genügend Zeit, um in Ruhe am Kissen zu lauschen. Was sie jedoch hörte, machte ihr keine Freude.
   Sie glaubte, ein Schluchzen zu hören, oder vielmehr den Nachklang dessen, was sie für ein Schluchzen gehalten hatte.
   Antonia richtete sich auf. Seit Omas Beerdigung hatte sie nicht mehr an den Vorfall gedacht. Zu viel war in den vergangenen vier Tagen geschehen. Sie hatte auf der Trauerfeier einige alte Cousins und Cousinen getroffen und eine Verabredung für den zweiten Samstag im Juli gemacht. Antonia hätte auch am ersten Samstag im Mai gekonnt, am dritten im Juni, und überhaupt an jedem Samstag, den heutigen eingeschlossen. Sie war die Einzige, die immer Zeit hatte, und viel zu spät erst war es ihr bewusst geworden. Da waren die Blicke schon mitleidig. Pah, was wussten die schon. Die meisten ihrer Cousins und Cousinen waren im Studium oder sogar noch in der Schule. Eine Cousine, Raffaela, war verheiratet und hatte ein Kind. Der Mann verdiente gut, sah auch noch gut aus und alles war toll. Selbstverständlich hatte Raffaela viel zu tun, würde es sich aber einrichten. Es war eben etwas anderes, wenn man arbeitete.
   Antonia versuchte, sich zu trösten, merkte jedoch, dass ihre Argumentation ziemlich dürftig war. Schließlich war ihr Problem nicht, dass sie zu wenig Zeit hatte.
   Nun komm schon, hör endlich auf mit deinem Selbstmitleid. Das klang gut. Sie probierte den Satz noch einmal, diesmal laut. »Hör auf mit deinem Selbstmitleid. Steh lieber auf und mach deine Übungen.« Bevor sie die Decke zurückschlug und die Beine aus dem Bett streckte, kuschelte sie sich noch einmal in ihr Kissen und schlummerte ein.
   Sie sah ein schmutziges Gesicht mit katzengrünen Augen vor sich. Die Wangen waren von Tränen verschmiert, um den Mund lag ein bitterer Zug und verfilzte Haare umrahmten ein ovales, seltsam vertrautes Antlitz, das vielleicht von zwanzig oder dreißig Jahren gezeichnet war. Die Frau trug ein gelbes Kleid aus grobem Stoff, das bis zum Boden reichte. Über die Schultern hatte sie ein Wolltuch gebunden. Eine Schürze und schwere Holzschuhe vervollständigten das Bild. Sie sah aus, als wäre sie geradewegs vom Mittelaltermarkt in Ulrichstein angekommen.
   Antonia öffnete blinzelnd die Augen. Jetzt schien die Sonne auf ihr Bett, die Uhr zeigte halb neun. Mit beiden Beinen gleichzeitig sprang sie auf, legte ihre Lieblingsmusik in den Player und begann mit ihrer wöchentlichen Dosis Aerobic. Anschließend trabte sie ins Bad. Verschwitzt blickte sie in den Spiegel. Ihr Gesicht war rot und fleckig, die Wangen eindeutig zu dick und das Grübchen am Kinn sah völlig deplatziert aus. Das Einzige, was sie einigermaßen mochte, waren ihre grünen Augen, über die sich zwei nahezu perfekte Bogen heller Augenbrauen spannten, die noch nie in ihrem Leben eine Pinzette von Nahem gesehen hatten. Ein Umstand, der Antonia gut gefiel. Kritisch drehte sie sich vor dem Spiegel. Die Brust war zu klein und der Bauch zu dick. Das Schlimmste war, dass sie an ihren Oberschenkeln die ersten Anzeichen von Cellulitis feststellte.
   »Cellulitis, so was gab es früher nicht, dafür hatten wir kein Geld.« Omas Antwort, als sie nach einem Hausmittel gegen Orangenhaut fragte. »Wenn du sonst keine Probleme hast. So was hat man früher Grübchen genannt. Ich hatte auch welche und dein Opa war ganz verrückt drauf.« Dann hatte sie gekichert und Antonia auch.
   Ach Oma, du fehlst mir.
   Sie seufzte, stieg unter die Dusche und stellte den Temperaturregler auf kalt. Das tat gut, auch wenn ihre Haut jetzt noch roter glänzte als vorher. Sie cremte sich sorgfältig ein, und während die Lotion einzog, lief sie durch ihr Apartment, kochte Kaffee und steckte zwei Scheiben Toastbrot in den Toaster. Ein gemütliches Frühstück mit einem Buch. Ihr E-Book-Reader lag schon neben der Kaffeetasse und wartete an einer spannenden Stelle auf sie.
   Die Hebamme hatte soeben das Dorf vor den Eindringlingen gerettet und war nun auf dem Weg zu ihrem Geliebten, der sie mindestens ebenso vermisste wie sie ihn. Was für ein herrlicher Kitsch. Wenn es so etwas im Leben doch auch geben könnte. Aber Männer warteten nicht. Wenn man keine Zeit hatte, suchten sie sich eben jemand anderen. Weil die Oma im Pflegeheim war, oder weil man arbeiten musste oder …
   »Ach … Antonia, halt endlich die Klappe!«
   Sie griff ihre Jeans, zog sich das helle Shirt mit dem Blümchenmuster über und goss sich Kaffee ein. Als Nächstes würde sie einen Krimi lesen, einen, in dem Frauen Männer ermordeten – auf vielfältige Weise.

Pünktlich um halb elf parkte sie vor dem Wohnblock, in dem Mama in einer Zweizimmerwohnung hauste.
   Antonia lehnte sich an den Wagen und wartete. Wann immer sie es vermeiden konnte, ging sie nicht in Lisbeths Wohnung. Antonia hatte ihr noch immer nicht verziehen, dass sie aus dem großen Haus ausgezogen war, in dem sie so viele Jahre mit Vater und ihrem kleinen Bruder Patrick gewohnt hatten. Nur, um jetzt in dieser elenden Mietskaserne zu versauern.
   Wie erwartet stand Lisbeth auf dem Balkon und zupfte Blätter von bunten Primeln, die dieses hässliche Fleckchen Beton kein bisschen verschönerten.
   »Willst du nicht auf einen Kaffee hochkommen, Toni?« Auch diese Frage war zu erwarten und Antonia schüttelte den Kopf. Resigniert hob Mama die Schultern. Wenig später tauchte ihr Kopf in den Fensterscheiben des Treppenaufgangs auf. Vom vierten Stock zu Fuß, Mutter war da eisern. Kein Wunder, dass sie immer noch die Figur einer jungen Frau hatte. Na ja, eine schlankere junge Frau, als Antonia es war.

Zuerst fuhren sie zum Steinmetz. Heller Marmor, schwarzer Marmor, roter Marmor – es schien, als würde heutzutage jeder Verstorbene sein eigenes Marmordenkmal erhalten.
   »Ich weiß nicht, ob Oma auf Marmor steht?« Antonia blickte ihre Mutter fragend an.
   Die verzog den Mund. »Du kennst sie besser als ich. Zu mir war sie niemals so nett wie zu dir. Aber so ist es wohl. Welchen Stein würdest du denn aussuchen? Einen Engel etwa?« Sie zeigte auf einen knienden Engel.
   »Nein!« Antonia drehte sich im Kreis, und während ein eifriger Verkäufer auf Lisbeth zuhielt, schlenderte sie einige Schritte in den hinteren Teil des Hofes. Hier standen die weniger schönen Steine. Solche, die kaum behauen waren.
   Sie legte ihre Hand auf einen der alten grauen Steine. Es war ein Basaltstein, hier aus der Umgebung und er sah ein wenig wie ein Dinosaurierei aus. Mit beiden Händen befühlte sie die raue Oberfläche. Der Stein war so alt wie die Welt, aber er schluchzte nicht.
   »Närrin«, schalt sie sich. »Das ist ja zum Steinerweichen.«
   Sie winkte ihre Mutter herbei. Der Verkäufer verzog das Gesicht und folgte. Schon von Weitem hörte sie seine hektischen Erklärungen. »Das ist ein schöner Stein, den Sie da gefunden haben, junge Frau. So etwas war vor vielen Jahren ganz modern. Diesen hier habe ich erst letzte Woche vom Friedhof geholt. Ich habe die Schrift entfernt, aber ich gehe davon aus, dass Sie Ihrer Frau Mutter«, diese Worte richtete er wieder an Lisbeth, »lieber einen neuen Stein kaufen wollen.«
   »So, davon gehen Sie aus.« Mutters Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. Wer sie nicht kannte, könnte es für liebenswürdig halten, doch Antonia wusste es besser.
   Offensichtlich hatte der schleimige Verkäufer es geschafft, Mama zu verärgern. »Was denkst du darüber, Antonia?«, fragte sie nun süffisant.
   Antonia wusste, was ihre Mutter erwartete und es machte ihr diebische Freude, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. »Ich finde einen gebrauchten Stein ganz passend. Du weißt, Oma hatte auch alte Möbel und sogar alte Stühle und sie liebte altes Geschirr.«
   »Stimmt.« Lisbeths Grinsen wurde immer breiter. »Was kostet es, wenn wir den Stein säubern und für meine Mutter passend umarbeiten lassen?«
   Der Verkäufer gab noch nicht auf. »Aber das ist doch keine Antiquität. Wenn Ihre liebe Frau Mama, Gott hab sie selig, Antiquitäten mochte, dann kann …«
   »Meine liebe Frau Mama mochte die einfachen Dinge des Lebens.« Jetzt war Mutters Stimme eisig.
   Der Verkäufer hatte verloren. Noch ein falsches Wort, und Lisbeth würde die Schultern straffen, ihm liebenswürdig die Hand mit den ausgefahrenen Krallen entgegenstrecken, und einen anderen Laden aufsuchen, nicht ohne beim Hinausgehen eine bitterböse Bemerkung vom Stapel zu lassen.
   »Der Preis hängt davon ab, wie viel Arbeit ich mit dem Stein haben werde. Wie die Buchstaben beschaffen sein sollen, wie viele es sind und so weiter. Ich habe vor ein paar Jahren schon einmal so einen alten Stein umgearbeitet. Er ist, so darf ich mit aller Bescheidenheit sagen, sehr schön geworden. Wenn Sie möchten, schauen Sie sich diesen Stein an und kommen Sie dann wieder, damit wir alles Weitere besprechen können.« Der Verkäufer schien doch keine so schlechte Menschenkenntnis zu haben und versuchte, verlorenen Boden wiedergutzumachen.
   Antonia beeilte sich, ihn zu beruhigen, sie hatte das Zucken in den Mundwinkeln ihrer Mutter gesehen, aber ihr war jetzt nicht nach Lisbeths wohl kalkulierten Unverschämtheiten.
   »Na komm, Mama, das ist doch eine gute Idee. Wir schauen uns das Ganze mal an.«
   Sie ließen sich den Platz des anderen Steins beschreiben und schritten, für Antonia zum ersten Mal seit der Beerdigung, wieder durch das Friedhofstor.
   Reihe 12, Grab Nummer 14.
   Antonia erschrak, als sie den Stein erkannte, und doch war sie nicht verwundert.
   Sie legte ihre Hand darauf. Er fühlte sich rau an und – unglücklich. Ein Schluchzen drang an ihr Ohr. Sie blickte sich um, nahm die Hand herunter. Das Geräusch verstummte. Jetzt fuhr auch Lisbeth mit der Hand über den Findling. Antonia betrachtete sie genau, keine Reaktion.
   »Meinst du, so ein Stein würde ihr gefallen?«
   Antonia legte die Hand auf die gleiche Stelle wie zuvor. Das Schluchzen war leiser geworden, war in ein Summen übergegangen. Die Verzweiflung blieb. Gleichzeitig ging eine Klarheit von dem Stein aus, wie von einem Lebewesen, das genau beobachtet, was geschieht. Antonia blickte um sich, suchte die versteckte Kamera. Hier war etwas oberfaul – oder sie einfach vollkommen überspannt.
   »Antonia, meinst du, der würde ihr gefallen?«
   »Was?«
   »Der Findling. Mädchen, was ist denn mit dir los? Sag schon, gefällt Oma der Stein?«
   »Aber ja, Mama, das weißt du doch. Und für die Schrift nicht so viel Gold. Ganz schlicht. Charlotte Ohlen, geboren 1920, gestorben 2012 – sonst nichts, das würde ihr gefallen.« Antonia schluckte einen Kloß hinunter, der ihr den Hals versperrte.
   Lisbeth legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Ich vermisse sie auch, auch wenn wir uns oft gestritten haben. Ich vermisse den Streit.«
   »Ja Mama, ich weiß.«

*

Anna blickte um sich. Nur Jakobs gleichmäßiger Atem durchdrang die Stille des Waldes. Es schien, als hätten selbst die Vögel Reißaus vor den mordenden und brandschatzenden Schergen genommen. Zögerlich legte sie die Hand auf den Stein, doch diesmal war da nichts zu hören – nur ein sanftes Gefühl von Verwirrung und Wut legte sich in ihren Geist. Ein Gefühl, von dem sie nicht wusste, wo es herkam. Oh ja, sie hätte beileibe genügend Gründe, wütend zu sein, doch Wut gehörte nicht zu den Gefühlen, die man sie gelehrt hatte. Das war ein Gefühl für Männer, für die kriegerischen Horden, die ihr Dorf überfallen hatten und für Vater, als er sie geweckt hatte. Vor fünf Tagen war das gewesen, oder waren es weniger?
   »Anna, los, renn!«, hatte er gesagt und ihr die kalte Hand des Bruders in die Rechte gedrückt. »Rennt um euer Leben und dreht euch nicht um! Mutter hat das Zweite Gesicht – und du weißt, was sie sieht, erfüllt sich auch.« Anna blickte in Ottilies geweitete Pupillen. »Mama«, rief sie und bettete ihren Kopf an ihre Brust, als wäre sie noch ein kleines Mädchen und nicht eine Frau im heiratsfähigen Alter. »Es ist so weit, mein Kind, sie kommen. Geht und versteckt euch, ihr habt nicht mehr viel Zeit.«
   »Und ihr?« Annas Stimme klang ungewohnt. »Warum geht ihr nicht?«
   »Weil sie deinen Vater suchen werden und dann werden sie euch finden. Wir müssen bleiben.«
   Das waren die letzten Worte, die Anna von ihrer Mutter gehört hatte. Vater hielt ihr die Tür auf und gemeinsam mit Jakob lief sie in die Dunkelheit des Dorfes. Hinaus über die Felder bis in den Wald, wo der alte Steinwall lag. Inmitten der Steine fanden sie ein Versteck. Beinahe wäre alles gut gegangen, doch dann zerriss Jakobs gellender Schrei die Nacht.
   Sie blieb stehen, hörte ihren Herzschlag und erschrak vor der Stille, die dem Schrei folgte.
   Sie konnte nichts sehen.
   Endlich hörte sie ein leichtes Wimmern.
   Anna eilte dem Geräusch entgegen. Schließlich fand sie ihn. Er lag zwischen den Steinen. Sie zog ihn heraus und betrachtete das Bein, das in seltsamem Winkel von seinem Körper abstand. Es war gebrochen, das konnte sie selbst in der Dunkelheit gut erkennen. Anna versuchte, es so gut es ging zu richten. Am nächsten Morgen sah sie das Ausmaß der Katastrophe. Die Wunde war tief, ein Knochen sichtbar und gelber Eiter trat heraus. Seit ein paar Tagen nun hatte Jakob Fieber. Er würde sterben und es war ihre Schuld. Annas Magen krampfte sich zusammen. Ein Schluchzen brannte in ihrem Hals und trieb ihr Tränen in die Augen. Nun auch noch ihr kleiner Bruder. »Jakob.« Sie beugte sich über ihn, zerzauste ihm das kurze Haar und bemühte sich, ein Lächeln in sein Gesicht zu zaubern. »Mutter und Vater leben, ich weiß es genau.« Sie versuchte, so viel Sicherheit in ihre Stimme zu legen, wie sie nur konnte. Dabei war sie sich keineswegs sicher, ob Ottilie und Hannes sich bei den zerlumpten Gestalten befanden, die einen Tag nach dem Überfall aus dem Dorf getrieben worden waren. Doch Anna wollte fest daran glauben, dass sie noch lebten, auch weil sie sie in den Trümmern des Dorfes bisher nicht gefunden hatte.
   Vor ein paar Tagen war sie im Schutz der Dunkelheit zurückgekehrt. Noch immer kokelten die Balken vor sich hin und überall lag der Gestank von verbranntem Fleisch in der Luft. Von ihrem Elternhaus war nichts mehr übrig, aber es lagen auch keine dunklen Gestalten in den Ecken, wie es vor anderen Häusern der Fall war. Das musste genügen. Anna verbot sich, darüber nachzudenken, dass ihre Eltern durchaus auch an einem anderen Platz ihr Ende gefunden haben könnten. Sie hatte ihre Leichen nicht entdeckt und das bedeutete, dass es Hoffnung gab. Mutter und Vater mussten einfach noch leben, alles andere war viel zu grausam.
   Ein Stöhnen ließ Anna wieder zu ihrem Bruder blicken, der seinen Mund öffnete, als wollte er etwas sagen. Sie neigte den Kopf vor.
   »Sie leben, ich weiß es.« Jakobs Stimme klang leise, war kaum zu verstehen »Aber ich werde sterben, Anna.«
   »Nein!« Anna schrie. Sie legte die Stirn an den Stein, in dessen Mitte ein großer Fleck vom Blut des Bruders zeugte. »Nein! Du sollst leben!«

*

Der Kellner kam und Antonia bestellte sich eine Pizza Margherita. Gemeinsam warteten sie auf Lisbeth, die die Speisekarte durchlas. Schließlich ließ sie die Karte sinken und bestellte, wie es zu erwarten war, Spaghetti Carbonara und Rotwein.
   »Wieso trinkst du jetzt schon am Mittag Alkohol?« Antonia verzog angewidert das Gesicht.
   »Liebes, es ist Samstag. Ich trinke beim Essen ein Glas Rotwein, was ist dabei? Du solltest etwas lockerer werden, das Leben genießen.«
   Antonia schnaufte. Es war nicht einfach, mit einer Mutter zusammen zu sein, die sich gerade im dritten Frühling befand. Manchmal glaubte sie, dass Lisbeth so etwas wie eine zweite Pubertät durchlebte. Alles hatte angefangen, als sie Knall auf Fall Antonias Vater verlassen hatte und in dieses Zweizimmerapartment gezogen war, ohne Grund, einfach nur so. Danach fing sie bei diesem Chirurgen an, dem Metzger, wie Antonia ihn gern bei sich nannte.
   Der Kellner brachte das Essen.
   Beinahe gleichzeitig begannen sie reinzuhauen. Antonia aß gern. Eine Leidenschaft, die sie mit ihrer Mutter teilte, die zudem auch noch eine gute Köchin war. Voller stiller Freude machte sie sich über ihre Pizza her.
   »Nein!«
   Antonias Mund blieb offen, verwundert hob sie den Kopf, die Gabel schwebte über dem Teller. »Was ist?«
   Lisbeth kaute, schluckte und spülte mit einem großen Schluck Wein nach. »Was soll sein? Ich bin am Essen.«
   »Ich dachte … Hast du nicht eben?« Verstohlen blickte Antonia um sich. Da hatte jemand gerufen, doch sie schien die Einzige zu sein, die etwas gehört hatte. Die wenigen Menschen in der Pizzeria aßen und unterhielten sich, als wäre nichts gewesen. Was stimmte nicht mit ihr? Plötzlich schmeckte die Pizza nicht mehr. Eine tiefe Unruhe griff nach ihr, eine abgrundtiefe Verzweiflung. Sie hätte weinen können, schreien – ihr Magen krümmte sich vor Angst. Antonia trank einen großen Schluck ihrer Cola light. Sie liebte es, ihr Essen und ihre Getränke fast schon hinunterzuschlingen. Auf vollen Backen kauen und einen großen Schluck eines leckeren Getränks hinterher, das war einfach herrlich. Aber jetzt war ihr Hunger verschwunden. Nur das ungute Gefühl blieb, als würde etwas Schreckliches geschehen.
   »Sag, Mama, wie geht es eigentlich Patrick? Ist bei ihm alles in Ordnung?«
   Lisbeth hob den Kopf, lächelte. »Ich denke doch. Er sitzt in Heidelberg und scheint eine neue Freundin zu haben, aber seit wann interessierst du dich für deinen Bruder?«
   Hm, Mutter hatte recht. Seit wann interessierte sie sich für Patrick? »Schließlich ist er mein kleiner Bruder.« Patrick war vor wenigen Wochen zwanzig Jahre alt geworden und im zweiten Semester. Ganz im Gegensatz zu ihr war er in der Schule sehr fleißig und strebsam und wusste bereits mit acht Jahren, dass er einmal Mathematiker werden wollte – ausgerechnet Mathematik.
   Antonias Magen beruhigte sich nicht. Noch immer saß dieser Schrei in ihrem Hals, hatte sie das Gefühl, etwas Schreckliches würde geschehen. »Du, Mama.«
   »Ja?« Lisbeth legte ihre Gabel hin und setzte ihren Mutterblick auf. Von einem auf den anderen Augenblick sah sie nicht mehr wie eine pubertierende Mittvierzigerin aus, sondern wie eine besorgte Mutter. Sie griff über den Tisch und legte ihre kühle Hand auf Antonias verschwitzte Finger. »Was ist los? Geht es dir nicht gut?«
   »Mama, ich hab solche Angst. Ich glaub, es ist was mit Patrick.«
   »Was? Wie kommst du darauf?«
   Antonia nestelte an ihrer Tasche und kramte ihr Smartphone hervor. Im Augenwinkel bemerkte sie, wie Lisbeth die Stirn runzelte. Es war ihr egal, sie musste wissen, ob etwas mit ihrem Bruder war. Irgendetwas Schlimmes geschah und sie musste es verhindern. Sie wählte Patricks Nummer, es klingelte.
   »Das wird ihm um diese Uhrzeit keine Freude machen, du kennst doch deinen Bruder.« Es klingelte und klingelte, sie wollte bereits wieder auflegen, da hörte sie Patricks verschlafene Stimme.
   »Hallo Toni, warum rufst du an? Ist was mit Mama?«
   »Nein, Bruderherz – geht es dir gut?«
   »Was?« Antonia hörte eine weibliche Stimme im Hintergrund, verstand aber nicht, was sie sagte. »Das ist meine Schwester – weiß nicht, was sie will. Sag schon, Toni, was ist los?«
   Ja, was war los? »Ich dachte – ich wollte nur wissen, ob es dir gut geht. Ich mach mir Sorgen.«
   Lisbeths Blick sprach Bände und Antonia konnte sich sehr gut vorstellen, dass Patrick genau den gleichen Blick aufgesetzt hatte. Es war auch kein Wunder.
   »Sag, Antonia, geht es dir gut? Bei mir zumindest ist alles in bester Ordnung, außer, dass mich jemand mitten in der Nacht geweckt hat.«
   »Es ist nicht mitten in der Nacht, sondern Mittag und ich bin auch nicht jemand, sondern deine Schwester, verdammt – und ich mach mir einfach Sorgen.« Antonia spürte Tränen in den Augen und was noch schlimmer war, sie hörte selbst, dass ihre Stimme zitterte.
   Patricks Reaktion war ungewöhnlich sanft. Sie hörte, wie er sich aufsetzte. »Toni, es ist doch alles gut. Das hat dich sehr mitgenommen mit Oma, das tut mir leid. Sybilla und ich kommen nächstes Wochenende nach Hause, dann gehen wir zusammen aus. Was hältst du davon? Caipirinhas trinken und abtanzen, du, ich und Sybilla. Das wird dir gefallen.«
   Was dachte der sich? Dass sie sonst niemanden zum Feiern hätte außer ihrem kleinen Bruder? Wie kam der auf so was? Aber sie sagte nichts, versuchte, die Tränen zurückzuhalten.
   »Es ist gut. Ich weiß nicht, ich hatte nur so ein Gefühl.«
   »Ist Mama da?«
   Antonia nickte und reichte das Telefon an ihre Mutter weiter, die nun vollständig zum Muttertier mutiert war.
   »Hallo Patrick, ich weiß nicht, was mit ihr ist. Seit der Beerdigung – ja, genau. Mach dir keine Sorgen, ich passe auf sie auf. Tschüss und grüß mir das Mädel.« Lisbeths mütterlicher Blick bohrte sich in Antonias Augen. »Geht es dir jetzt besser?«
   »Mama, ich wollte doch nur mal wissen, wie es meinem Bruder geht. Ist das so schlimm?«
   »Nein, Toni – das ist in Ordnung. Nun iss deine Pizza auf, ehe sie noch vollständig kalt wird.«
   »Ich hab keinen Hunger.«
   »Du hast was?«
   »Mama!«
   »Ist ja schon gut. Ist deine Sache. Du weißt ja, wenn etwas ist – ich bin immer für dich da.«
   »Ich weiß, Mama.«
   Das war sie ja auch und Antonia war froh darüber. Doch diesmal konnte Mama nicht helfen. Sie wusste ja selbst nicht, was ihr Problem war. Was sollte sie auch sagen? Noch immer fühlte sich ihr Hals wie eine Wunde an und noch immer würde sie am liebsten laut weinen. Schweigend sah sie zu, wie Lisbeth ihre Spaghetti aufaß.

Es war heller Nachmittag, als Antonia wieder in ihrem kleinen Apartment ankam. Sie hatte die besorgten Blicke ihrer Mutter kaum noch ertragen, ihr Kopf dröhnte, sie fühlte sich müde und unerträglich erschöpft. Wahrscheinlich waren die letzten Wochen tatsächlich zu viel für sie gewesen. Ihre Nerven lagen blank und dann noch diese Scheiße mit Christian. Ihre Partnerschaft hatte gerade so lange gedauert, wie alles gut gegangen war. Dann war Oma ins Pflegeheim gekommen und Antonia hatte sich die Betreuung mit Mama geteilt.
   Der Weg war frei gewesen und wurde auch sogleich beschritten. Von einer Zwanzigjährigen, mit blonden Haaren und blödem Blick. Eine Figur wie ein Magermodel – wer darauf stand. Antonia war wütend, wenn sie daran dachte – schrecklich wütend, und sie dachte eigentlich immer daran. Auch jetzt. Doch hinter der Wut spürte sie noch etwas anderes. Eine abgrundtiefe Verzweiflung, die ihr völlig fremd war. Ein Gefühl, das Christian nicht verdient hatte. Sie legte sich in die Nachmittagssonne, die ihren Balkon hell beschien, und las ihr E-Book zu Ende. Einen Krimi hatte sie sich schon heruntergeladen. Ein Buch, in dem wenigstens drei Männer ermordet wurden – geschah ihnen recht.

*

Es war kalt und Anna schmiegte sich enger an Jakob, der glühte wie ein kleiner Ofen. Sie wusste, dass das kein gutes Zeichen war. Auch Gera hatte so geglüht und am gleichen Tag war sie gestorben. Was konnte sie nur tun? Fieber musste man mit kaltem Wasser bekämpfen. Also hatte sie aus dem Dorf eine Schüssel und eine blutverschmierte Schürze mitgenommen und versuchte nun, Jakobs Stirn und Beine zu kühlen.
   Das Dorf war verlassen, niemand war mehr dort, dennoch wäre sie gern zurückgekehrt und hätte sich in dem, was noch übrig war, eingerichtet. Doch mit Jakob war der Weg viel zu weit und gemeinsam konnten sie auch nicht schnell wieder verschwinden, wenn die Schergen noch einmal zurückkehren würden.
   Jakob stöhnte. Seit ein paar Stunden war er nicht mehr erwacht. Langsam neigte sich der Tag seinem Ende zu. Würde er die Nacht überstehen? Ein tiefes Schluchzen drang ihr in die Kehle und brach sich Bahn. Ohne es zu wollen, schrie sie auf. »Hilf mir!« Sie legte ihren Kopf an den Stein hinter ihr. Es war ein zu grausames Schicksal, das auf sie wartete und sie fürchtete sich. Davor, ihren Bruder zu verlieren, ihre Eltern nicht mehr zu finden und allein zu sein auf dieser Welt, wie so viele Menschen in dieser Zeit.

*

Antonia erwachte, weil sie fror. Die Sonne war um die Hausecke verschwunden und sofort schlich sich die Aprilkälte in ihre Knochen. Weiter draußen sah sie noch die letzten Schimmer der Abendsonne. Vielleicht sollte sie ja noch einmal hinausgehen. Im Biergarten beim Braustüberl einen Milchkaffee trinken und die allerletzten Sonnenstrahlen genießen. Sie könnte ja mal bei Katrin anrufen. Vielleicht hatte die Freundin Zeit. Antonia schlüpfte in ihre Schuhe. Sie würde die paar Minuten zu Fuß gehen, Bewegung tat gut. Sie griff nach dem Handy und wählte Katrins Nummer. Besetzt. Also tippte sie eine SMS. Gehe zum Braustüberl, Kaffee trinken und die Sonne ausnutzen, komm doch einfach vorbei.
   Katrin wohnte nur fünf Minuten von der netten, kleinen Kneipe entfernt.
   Um zum Braustüberl zu kommen, musste Antonia am Friedhof vorbei. Einen Ort, den sie in den nächsten Tagen ganz sicher nicht mehr aufsuchen wollte. Dann tat sie es doch. Ohne zu denken, trat sie durch das verwitterte, schmiedeeiserne Tor und stand wenig später in Reihe 12 vor Grab Nummer 14. Sie legte eine Hand auf den Stein. Hilf mir. Diesmal hatte sie genau aufgepasst. Der Gedanke war in ihrem Kopf, ohne Worte und doch mehr als ein Gefühl. Sie schauderte und etwas in ihr wurde ganz ruhig.
   Sie wischte über den Stein. Ein Name stand darauf. Jakob Grimm – wie der Märchenerzähler. Er war alt gewesen und bereits seit über zehn Jahren tot. Sicher hatte Oma ihn gekannt, aber Antonia nicht.
   Mit einem Seitenblick vergewisserte sie sich, dass niemand sie sah, und legte dann ihre Stirn auf den Stein. Wer bist du? Ihre Zweifel schwanden. Was ist mit dir? Warum bist du so verzweifelt? Ihr wurde kalt und ihr Kopf war plötzlich ganz leer. Um sie herum verschwand die Welt und wurde gleichzeitig deutlicher als jemals zuvor. Antonia erkannte einen Jungen von ungefähr fünfzehn Jahren. Er lag in einem Wald, den Kopf an einen moosbewachsenen Stein gelehnt. Der Junge war ganz blass, seine geschlossenen Augenlider flatterten unruhig und eine dunkle Locke fiel ihm auf die schweißnasse Stirn. Der Junge trug eine Mütze, keine Baseballkappe, sondern etwas anderes, was Antonia nicht kannte. Außerdem hatte er ein schmutziges Hemd an, das ihm bis zu den Knien reichte. Seine Beine steckten in braunen, hautengen Hosen und Antonia erkannte einen offenen Bruch des Schienbeins. Er müsste dringend in ein Krankenhaus, aber aus irgendeinem Grund wusste Antonia, dass das keine Option war.
   Du musst das Fieber kühlen und die Wunde auswaschen, dachte sie. Ich weiß nicht, womit – noch nicht, aber ich komme wieder. Versprochen!
   Noch einmal legte Antonia die Hand sanft auf den Stein, dann verließ sie den Friedhof und setzte sich in die Abendsonne vor dem Braustüberl. Sie bestellte eine Latte macchiato und zog ihr Smartphone aus der Tasche. Wie konnte man eine Wunde desinfizieren und ein Fieber heilen? Das musste doch möglich sein. Während ihre Finger über die Tastatur huschten, versuchte die vernünftige Antonia, wieder die Oberhand zu gewinnen. Ein Fieber heilen, eine Wunde desinfizieren. Dafür gab es Ärzte und Krankenhäuser und überhaupt. Sie war überspannt, hoffnungslos überspannt. Niemals hätte sie geglaubt, dass ihre Nerven so schlecht waren. Oma war nur drei Monate im Pflegeheim gewesen und schon drehte sie am Rad. Hörte Stimmen – o Gott. Antonia wusste, wie die Krankheit hieß, bei der Leute Stimmen hörten. Die waren schizophren oder litten unter Verfolgungswahn – in jedem Fall waren sie vollkommen durchgeknallt und mussten in die Psychiatrie. Antonia wollte nicht in die Psychiatrie.
   Ihre Finger rasten über die Tastatur ihres Smartphones. Google war geöffnet und sie tippte »desinfizieren von Wunden« ein. Ungefähr 14.000 Einträge, und alle handelten von Salben und Lösungen. Aus irgendeinem Grund wusste sie genau, dass hier mit Salben keine Lösung zu erzielen war. Hach, lustig, Wortspiel. Antonia lächelte schief. Was für ein beschissener Tag und was für eine seltsame Situation. Das Suchergebnis in jedem Fall war nicht hilfreich. Sie erweiterte ihre Suche um das Wörtchen »Naturheilverfahren«. Jetzt sah alles schon besser aus. Schnaps half wohl zur Desinfektion, aber das wusste jeder. Außerdem stand hier was von Spitzwegerich und Zinnkraut, was immer das war.
   Sie wusste, dass Wasser ausgekocht werden musste und mit ihm das Tuch, damit es steril wurde. Was wusste sie noch? Das Fieber musste gesenkt werden. Dafür konnte man Chinarinde nehmen. Ging es auch mit einer anderen Rinde von einem anderen Baum? Ihre Finger huschten wieder über die Tasten. Es gab eine Menge Pflanzen, die Fieber senken konnten, Holunder und Lindenblüten, Spierstrauchblüten und Hagebutte. Außerdem die Blätter von Himbeeren, Pfefferminz, Melisse und Thymian. Aber wann wuchs das Zeug und wo?
   »Wenn ich nur wüsste, womit ich es zu tun habe.«
   »Jetzt auf jeden Fall hast du es mit mir zu tun.« Katrin verteilte Küsschen auf die Wangen und setzte sich ihr gegenüber.
   Es tat gut, dass sie da war, auch wenn Antonia augenblicklich wusste, dass sie der Freundin besser nichts von fiebrigen Jungen und sprechenden Grabsteinen erzählte. Das war auch nicht nötig, denn in dieser Freundschaft war Katrin die Erzählerin und sie plapperte auch gleich munter drauf los. Erzählte von ihrem Job in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses – ausgerechnet – von ihrem neuen Freund und ihren tausend Freundinnen. Antonia hörte zu, weniger neidisch als sonst, und machte sich weiter darüber Gedanken, wie man hohes Fieber senken konnte. Es musste doch auch noch andere Rinden geben.
   »Weißt du eigentlich, wie man Fieber senkt?«
   Katrin blickte irritiert von ihrem Milchkaffee auf, den sie seit zwei Minuten ununterbrochen rührte, ohne davon zu trinken. »Wie kommst du jetzt darauf? Manchmal glaub ich, du hörst mir gar nicht richtig zu. Aber mit Paracetamol geht’s am besten.«
   »Nein, ich meine, wenn du nur pflanzliche Mittel hast. Sagen wir mal, du bist im Urwald oder so.«
   Katrin legte den Kopf schief. »Liest du eine Abenteuergeschichte und willst schlauer als die Heldin sein?«
   »Du hast es erfasst.« Antonia lächelte, das war eine gute Ausrede. »Weißt du, die Zwei sind im Dschungel, er hat eine offene Wunde, Schmerzen und hohes Fieber. Wenn der Schriftstellerin jetzt nicht bald was einfällt, wird er sterben.«
   »Soll er das nicht?«
   »Ich glaub nicht. Am Ende muss es doch gut ausgehen.«
   »Im Dschungel ist das auch gar kein Problem. Der kaut einfach auf einem Stück Chinarinde und schon ist alles wieder gut. Kannst beruhigt weiterlesen, noch bevor du einschläfst, ist der Typ wieder gesund.«
   »Hm, aber die sind nicht so wirklich im Dschungel. Die sind irgendwie im Wald.«
   »Dann wird es schwieriger. Ich bin Krankenschwester, keine Wunderheilerin. Bei uns gibt’s ne Tablette und gut ist. Tja, und früher sind die Menschen eben am Fieber gestorben.«
   »Aber doch nicht immer.«
   »Na ja, etwas wussten sie schon. Kühlen zum Beispiel und Tees. In welcher Zeit spielt dein Roman denn?«
   »Das weiß ich nicht.«
   »Wie, das weißt du nicht? Das ist aber nicht in Ordnung.« Katrin schüttelte den Kopf. »Aber ich habe ja auch keine Ahnung von hoher Literatur.«
   »Von niederer auch nicht.« Antonia lachte und Katrin stimmte in ihr Lachen ein.

*

Es war spät, die Sonne war vollständig untergegangen und Anna fror erbärmlich. Auch Jakob klapperte mit den Zähnen, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Anna war wieder im Dorf gewesen. Sie hatte einen Kessel, ein paar Tücher, ein Schlagstahl und Zunder mitgebracht. Außerdem hatte sie einen kleinen Bachlauf aufgesucht, der jetzt im Frühjahr ausreichend Wasser mit sich führte. Sie schöpfte den Kessel voll Wasser und hängte ihn über das Feuer. Während sie das Wasser erhitzte, putzte sie ein paar wilde Rüben, Pilze und eine Menge Kräuter, die sie am Wegrand gefunden hatte. Auch einige vertrocknete Hagebutten landeten in Annas Topf. Seit der seltsamen Begegnung mit der Frau im Stein war sie ruhiger geworden. Sie würde ihr helfen, das hatte sie versprochen, auch wenn Anna nicht wusste, wer diese Frau war. Sie hatte noch nie etwas von ihr gehört. Dabei gab es viele Geschichten über wilde Frauen, Werwölfe und andere Ammenmärchen, an die sie als Kind mit wilder Inbrunst geglaubt hatte. Doch die Frau im Stein wurde nie erwähnt, auch wenn Anna sie nun leibhaftig erlebte. Sie würde wiederkommen, das war ihr Versprechen und dann würde sie ihr helfen. Anna tat einige der Kräuter ins Wasser, wartete ein wenig und schöpfte den Tee in einen Becher.
   Einer plötzlichen Eingebung folgend warf sie eines der Tücher in den Topf mit dem restlichen Tee. Sie rührte mit einem Stecken, ließ das Ganze wieder aufkochen und nahm den Topf wenig später vom Feuer, wo sie das Wasser mitsamt Tuch abkühlen ließ. In der Zwischenzeit wickelte sie die Verbände von Jakobs Bein. Es sah schlimm aus. Zwar war der Knochen einigermaßen wieder gerichtet, aber die Wunde schwelte und brannte. Anna nahm das heiße Tuch und schlug es nass, wie es war, auf die Wunde. Jakob stöhnte auf, seine Augenlider flatterten, während sie das Tuch sorgfältig um das verletzte Bein wickelte. Schwach wehrte er sich gegen Annas Versuche, ihm Tee einzuflößen, doch mit viel Geduld gelang es ihr, ihm einen ganzen Becher von dem heißen Getränk zu verabreichen. Anschließend ging sie erneut zum Bach, um kaltes Wasser zu schöpfen, mit dem sie Jakobs Stirn, seine Beine und seinen Nacken kühlte. Ihr Bruder fiel wieder in einen unruhigen Dämmerzustand.
   Anna lehnte ihren Kopf an den Stein und schloss die Augen.
   Wann würde die Frau im Stein wiederkommen? Was brachte sie mit? Würde sie sie endlich sehen können? Eine warme Zuversicht erfüllte ihr Herz, sie fiel in einen leichten Schlaf und träumte von einer seltsamen Frau ohne Gesicht. Dann wurde ihr Bewusstsein von dem Bild einer Pflanze geflutet. Es war Meerrettich, sie kannte ihn. Die alte Hebamme hatte immer eine ganze Menge davon hinter ihrem Haus angebaut. Im nächsten Augenblick wusste Anna, sie war wieder da, die Frau im Stein war zurückgekehrt.
   Ich weiß, wo er wächst. Was soll ich damit tun?
   Die Frage brauchte sie nicht zu stellen, denn sie wusste es. Sie würde die Wurzel kochen und eine Paste davon machen, außerdem einen Sud, den Jakob trinken musste. Anna berührte Jakobs glühende Stirn, ihre Hand zuckte beinahe vor der Hitze zurück, die er ausstrahlte. Sie schloss erneut die Augen und sah einen wunderschönen Blauen Eisenhut vor sich.
   »Der ist giftig«, entfuhr es ihr, doch das Bild veränderte sich nicht. Was wusste sie über die Pflanze? Auch sie wuchs im Kräutergarten der Hebamme, war giftig und dennoch trocknete Margret sie. Ach, Margret, was war nur aus ihnen allen geworden? Doch dafür war keine Zeit. Anna legte die Hand auf den Stein. »Danke«, sagte sie laut und deutlich. Danke, liebe Frau im Stein, wer auch immer du bist. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Anna legte die Stirn auf den Stein. Sie war unendlich erschöpft, aber sie musste unbedingt noch einmal ins Dorf laufen, auch wenn es mittlerweile stockdunkel war.

*

Antonia sank langsam neben dem Grabstein auf den Boden. Sie wusste nicht, was geschehen war und wollte es auch nicht wissen. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie mit flüssigem Blei gefüllt. Sie konnte sich kaum noch bewegen und doch fühlte sie sich unsäglich erleichtert. Antonia schloss die Augen und sog gierig die kühle Frühlingsluft ein. Sie hatte keine Angst, obwohl sie noch niemals mitten in der Nacht auf dem Friedhof gewesen war. Als Katrin zu ihrer Verabredung aufgebrochen war, hatte Antonia bezahlt und war zum Grabstein gelaufen, ohne darüber nachzudenken, als würde sie von einer unsichtbaren Kraft dorthin gezogen. Um diese Zeit parkten die ersten Nachtschwärmer, die im Braustüberl feiern wollten, genau vorm Friedhofsgatter. Dennoch war es ihr gelungen, in einem unbeobachteten Augenblick über das Tor zu klettern. Ausgerechnet sie, die sich sonst vor allem fürchtete, was höher als ein Kinderhocker vorm Waschbecken war. Das Dumme war, wenn sie nicht die ganze Nacht auf dem Friedhof verbringen wollte, musste sie exakt den gleichen Weg wieder zurück. Dabei konnte sie jetzt schon kaum noch laufen, geschweige denn klettern. Mühsam zog sie sich am Grabstein hoch, der endlich schwieg. Doch darüber würde sie erst wieder nachdenken, wenn sie in ihrem Bett lag. Jetzt musste sie losmarschieren. Einen Fuß vor den anderen, links, rechts – stolpern, sie fing sich und stolperte wieder. Mein Gott, wie konnte man nur so müde sein?
   Nach einer quälend langen Zeit stand sie endlich vor dem Gatter. Doch damit fingen die Probleme erst an. Wie sollte sie hier rüberkommen? Mit beiden Händen griff sie nach den Gitterstäben und versuchte, sich hinaufzuziehen. Keine Chance. Sie rutschte immer wieder ab. Schließlich ließ sie sich erschöpft auf den Boden nieder, den Rücken ans Friedhofstor gelehnt. Hinter ihr blendeten die Scheinwerfer eines Autos auf. Ein weiterer Nachtschwärmer, der den Samstagabend im Braustüberl verbringen wollte. Warum auch nicht? Sollte er doch, sie wollte einfach nur schlafen. Antonia legte den Kopf schief und schloss die Augen.
   »Hallo.«
   Lass mich schlafen, ich bin so müde.
   »Hallo, was machst du auf dem Friedhof? Bist du ein Zombie oder so?«
   Ha ha, witzig. »Nein, ich bin müde.«
   »Ah, das erklärt alles. Aber willst du nicht vielleicht mal wieder in die Welt der Lebenden?« Die Stimme war weit weg.
   Eine Hand klatsche ihr Sekunden später von hinten an die Wange. Antonia schüttelte sich. Wer ist da, was macht der? Plötzlich war sie hellwach und wünschte sich im nächsten Augenblick auch schon, wieder zu schlafen. Da saß sie, auf der falschen Seite der Friedhofsmauer, mitten am Samstagabend und ein fremder Mann schlug ihr ins Gesicht. Prima – genau so hatte sie sich immer das Saturday Night Fever vorgestellt. Apropos Fieber – nur nicht daran denken.
   »Soll ich dir helfen, auf die richtige Seite zu kommen?«
   »Ja, ich denke, das wäre nicht schlecht.« Durch die breiten Stäbe des Gitters machte der Fremde eine Räuberleiter und wenig später saß Antonia auf der Spitze des Tores. Ehe sie noch springen konnte, hob er sie auch schon hinunter. Es schien ihm keine Mühe zu machen. Aber Antonia hatte eine Waage, sie wusste, wie schwer sie war.
   »Hast du Drogen genommen oder bist du eine Satanistin?«
   Er meinte sie und die Frage war gar nicht dumm.
   Nein, ich habe eine Stimme gehört, die aus einem Grabstein kommt und deshalb bin ich jetzt hier. Ist alles ganz logisch.
   Manchmal war die Wahrheit keine gute Antwort. Was sollte sie sagen? »Ich habe Diabetes und war auf einer Beerdigung und muss wohl zusammengebrochen sein.«
   »O mein Gott, und nun? Muss – ich meine, sollen wir zum Arzt fahren? Brauchst du Insulin oder so? Soll ich dich wo hinbringen?«
   Antonia wehrte ab. »Nein, nein, ist alles in Ordnung. Ich habe grad mein Insulin gespritzt. Mir geht es auch schon wieder besser. Bin nur noch ein wenig wackelig auf den Beinen.«
   »Komm mit ins Braustüberl, vielleicht trinkst du einen Saft oder so, ich denke, das wird dir guttun. Bist du sicher, dass du keinen Arzt brauchst? Mein Opa hatte auch Diabetes, war nicht spaßig.«
   »Nein danke.« Wie kam sie ausgerechnet auf Diabetes? Aber immerhin, er hatte es direkt geschluckt. Etwas trinken war eine gute Idee, aber keinen Saft. Zumindest nicht nur Saft.
   Sie sah ihn an und nickte.
   Gemeinsam gingen sie ins Braustüberl. Der Lärm der Musik legte sich wie ein warmer Mantel um ihre Schultern. Es fühlte sich gut an. So echt.
   Sie fanden einen Barhocker an der Theke. Dankbar ließ sich Antonia darauf nieder und bestellte einen Caipirinha.
   »Bist du sicher, dass das geht?« Er sah sie mit einer Mischung aus Unverständnis und Besorgnis aus dunklen braunen Augen an.
   Ausgerechnet Diabetes. Aber jetzt konnte sie nicht mehr zurück. »Das ist in Ordnung. Es bleibt ja nur bei dem einen.«
   Von wegen. Wenn sie gekonnt hätte, wie sie wollte, hätte sie die Dinger heute schneller hinuntergestürzt, als der Barkeeper sie zusammenschütten konnte.
   »Und du?« Hatte er etwas gesagt? Antonia merkte selbst, wie blöd sie blickte, kein Wunder, dass er sich Sorgen machte.
   »Ich bin Sascha. Wie heißt du?«
   »Antonia. Du kannst du mich auch Toni nennen.«
   Sascha hob sein Glas und prostete ihr zu. Er trank Cola, am Samstagabend. Der sollte mal lernen, die Feste zu feiern. Antonia grinste.
   »Was ist so lustig?«
   »Ich weiß nicht. Vielleicht, wie ich da am Friedhof gesessen habe. Was hast du gedacht, als du mich sahst?«
   »Ehrlich?«
   Antonia nickte.
   »Ich dachte, da liegt ein Junkie und ich muss die Polizei rufen. War ganz schön erschrocken.«
   Aber er hatte sich nicht weggedreht, das war richtig nett von ihm.
   Ehe sie noch etwas sagen konnte, kamen zwei Typen um die Ecke, einer davon war Christian.
   »Hi Sascha. Wir warten schon die ganze Zeit.«
   »Stellt euch vor, ich habe ein Mädchen auf dem Friedhof gefunden.«
   Das auch noch. Antonia trat ihm gezielt ans Schienbein, Sascha verzog schmerzhaft das Gesicht.
   »Ich hätte dir sagen können, dass unsere Toni ziemlich bissig ist, wenn’s drauf ankommt. Hallo.« Christian grinste sie an, als wären sie die besten Freunde. »Komm doch mit an unseren Tisch. Julia ist auch dabei. Wäre doch schön, wenn ihr euch endlich kennenlernen würdet.«
   Ja, wäre superschön. Was dachte sich Christian? Dass sie der Kleinen ein paar Schminktipps geben würde, oder schlimmer noch, welche von ihr bekommen wollte? Sie griff ihr Glas, stürzte es in einem Rutsch hinunter und zog Christian am Ärmel, sodass sie über den Lärm der Musik hinweg ein paar Worte mit ihm wechseln konnte. »Hör zu! Erstens hab ich keine Lust, deine Tussi kennenzulernen und zweitens ist Oma gerade mal eine Woche tot.«
   »Oh, das …«
   »Halt die Klappe und hör mir zu! Wenn Sascha was von Diabetes sagt, sei einfach still, ist das klar? Ich geh jetzt.«
   Während sich Antonia zu Sascha umdrehte, setzte sie ihr schönstes Lächeln auf und legte einen Zehner auf die Theke. »Vielen Dank für deine Hilfe. Es war nett, dich kennenzulernen.«
   Ehe noch einer etwas sagen konnte, war sie auch schon verschwunden. Was für ein beschissener Tag. Es war Zeit, nach Hause zu gehen.

2. Kapitel
Anna und Jakob

Anna legte den Kopf in den Nacken und lauschte in die Finsternis. Es waren die typischen Geräusche des Waldes, nichts Ungewöhnliches. Es raschelte und irgendwo rief ein Käuzchen – der Klang des Todes. Doch mehr noch als das Geräusch war es der Hauch des Todes, der über die Felder wehte. Über frisch bestellte Felder, die nun keiner mehr abernten würde. Anna schluckte die Tränen hinunter. Es war nicht die Zeit, zu trauern, auch wenn die vielen Toten, die in den Straßen und halb verbrannten Häusern lagen, dringend beerdigt werden müssten.
   Die Reste ihres Dorfes lagen still im blassen Mondlicht, die letzten Schwelbrände waren verraucht. Anna betrat Margrets Kate. Der Tisch lag auf dem Boden, neben dem zerschlagenen Stuhl. Auch das kleine Bord, auf dem Margret ihre wenigen Gefäße aufbewahrte, war heruntergerissen, der Raum mit Scherben übersät. Anna tastete sich an der Wand entlang und fand die Truhe, in der die Hebamme ihre Kleider und Gerätschaften aufbewahrte. Sie war durchwühlt. Anna wusste, dass die Diebe nicht viel gefunden haben konnten, Margret besaß kein Geld. Die wenigen Taler, die sie hin und wieder mit ihrem Gewerbe verdiente, gab sie sofort wieder aus. Die Hebamme wurde ohnehin meistens mit Naturalien bezahlt. Tauschgeschäfte waren im Dorf üblich. Nun lagen ihre Habseligkeiten verstreut auf dem Boden. Ein Durcheinander aus Kräutersäcklein, zerrissenen Kleidern und zerstörten Gerätschaften. Anna packte alles an Salben und Kräutern ein. Außerdem fand sie einen Löffel, ein Messer und einen vertrockneten Knoblauchzopf. Durch die Hintertür ging sie in den Garten. Er lag im milchigen Mondlicht, kaum etwas war zu erkennen. Wahnsinn, in dieser Dunkelheit nach Kräutern und Wurzeln zu graben, dennoch musste sie es versuchen. Der Meerrettich war rasch gefunden, sein beißender Geruch verriet ihn. Anna grub eine große Wurzel aus und machte sich auf die Suche nach dem Blauen Eisenhut. Um diese Jahreszeit war die Pflanze noch nicht erblüht und in der Dunkelheit kaum auszumachen. Anna suchte, grub und roch an den Wurzeln, doch nach einiger Zeit musste sie aufgeben. Zu groß war die Gefahr, etwas Giftiges auszugraben. Also blieben ihr die scharfe Wurzel, der Knoblauch und das Wenige, was sie an Margrets Heilmitteln retten konnte.
   Ohne echte Erleichterung zu verspüren, trat sie den Rückweg an. Ihr Herz lag umklammert in einer kalten Hand, der Weg durch das stille, zerstörte Dorf war der blanke Horror. Anna versuchte, nicht nach links oder rechts zu blicken. Der Mond war verschwunden. Die Nacht bäumte sich in letzter Schwärze gegen die im Osten nahende Sonne auf. Stille lag über allem. Anna schlich durch das Dorf. Jeder schwarze Fleck am Wegesrand schien ihr die Leiche eines geliebten Menschen zu sein. Überall lagen sie, Nachbarn, Freunde und Verwandte – grausam verstümmelt. Bisher hatte sie sich den Anblick in hellem Sonnenlicht erspart. Bereits das Grauen, das sie im Zwielicht der Sterne ausmachen konnte, war entsetzlich. Anna schritt schneller und straffte die Schultern. Jetzt war nicht die Zeit, sich darum zu kümmern. Die Toten waren vergangen, so furchtbar das auch klang. Nun galt es, sich um die Lebenden zu kümmern. Zunächst um Jakob und später auch um die Menschen, die aus dem Dorf vertrieben wurden. Anna erinnerte sich an die kleine Prozession. Es waren vielleicht ein Dutzend Männer und Frauen, aber keine Kinder. Anna schluchzte auf, sie krümmte sich. Wo waren die Kinder? Sie konnte sich nicht länger vor der Aufgabe verstecken, musste zurück ins Dorf, bei Tageslicht, dann, wenn die Sonne die grausame Wirklichkeit hell erleuchtete. Sie musste die Menschen sehen und sie bestatten. Auf dass ihre Seelen auferstanden von den Toten.
   Soweit es das unwegsame Gelände und die Dunkelheit erlaubten, rannte sie. Sie fiel hin, rappelte sich wieder auf und rannte weiter. Endlich kam sie in den Wald. Ihr Schritt wurde langsamer und ihr Gehör schärfer. Es war so gut wie nichts mehr zu hören. Die Tiere der Nacht hatten sich zum Schlafen gelegt. Bald würde die Lerche ihr Morgenlied singen. Ein aufgeschreckter Eichelhäher fing an zu kreischen.
   Anna stolperte weiter, kam zum Steinwall und kletterte hinauf. Jakob lag noch an der gleichen Stelle. Sie horchte auf seinen Atem und ihr Herz blieb für einen Augenblick stehen, als sie nichts mehr hörte. Sie trat näher, legte eine Hand auf seine Stirn. Er glühte noch immer, doch zum Glück spürte sie nun seinen schwachen Atem. Er lebte! Wieder standen Tränen in ihren Augen.
   Nicht weinen, dafür war keine Zeit. Anna zündete Feuer an, nahm den Topf und ging zum Bach. Zunächst wusch sie die Wurzel sorgfältig, dann füllte sie das Gefäß, ging zurück und hängte den Topf über das Feuer. Es dauerte eine Zeit, ehe das Wasser zu sieden begann. Sie warf die in Stücke geschnittene Wurzel ins Wasser, tat Knoblauch hinzu und roch an den Kräutern, die sie aus Margrets Kate mitgenommen hatte. Kamille, Pfefferminz und Baldrian. Alle drei schienen ihr in der jetzigen Situation angebracht. Anna nahm von jedem Kraut eine Handvoll.
   Ein scharfer Geruch stieg von dem Topf auf. Sie machte sich daran, ihren Bruder zu wecken, legte behutsam seinen Kopf in ihren Schoß und flößte ihm mit einem hölzernen Löffel die heiße Flüssigkeit ein.
   Im Morgengrauen bettete Anna ihn auf eine Unterlage aus Lumpen und Kleiderresten, die sie bei ihren Streifzügen aus dem Dorf mitgebracht hatte. Sie zerstieß die ausgekochten Pflanzen mit einem Stein, wickelte die Paste in Tücher und presste sie auf die Wunde. Anschließend verband sie alles wieder und erneuerte die kühlenden Lappen an Armen und Beinen.
   Jakob schlief, sein Atem war noch immer schwach, aber regelmäßiger als vorher. Anna legte sich dicht neben ihn, zog eine Decke über sich und schloss erschöpft die Augen. Am Mittag würde sie zurück zum Dorf gehen, auch wenn die Vorstellung sie schreckte. Sie brauchte Gewissheit. Nur weil ihre Eltern im Haus nicht zu finden waren, hieß das noch lange nicht, dass sie nicht zu den Toten gehörten, die überall an den Wegen lagen. Es war Zeit, der Wahrheit ins Auge zu sehen.
   Anna legte noch einmal ihre Hand an den Stein. »Vielen Dank, liebe Frau im Stein«, murmelte sie. »Vielen Dank für deine Hilfe.«

*

Antonia erwachte mit schrecklichen Kopfschmerzen. Sie blinzelte in den verregneten Sonntag. Ein Tag, um im Bett zu bleiben. Antonia rückte ihr Kissen zurecht, schlug einen Zipfel der Decke hinter ihr Ohr und kuschelte sich ein. Augen zu und vor sich hin dösen. Sie liebte diese zeitlose Zeit zwischen Wachen und Träumen, doch heute fiel es ihr schwer, zu entspannen. Ihr Kopf tat weh, als hätte sie mehr als nur ein alkoholisches Getränk zu sich genommen. Dem war aber nicht so. Sie war brav nach Hause geschlichen, absolut müde und kaum in der Lage, ihre Beine zu bewegen. Sie war so erschöpft, dass sie glaubte, eine Erkältung zu bekommen. Vielleicht kamen daher die Kopfschmerzen. Sie würde einfach nur die Augen schließen, wieder einschlafen und gesund werden. Es war nicht das erste Mal, dass sie eine Erkältung einfach wegschlief.
   Antonia drehte sich hin und her. Schließlich gab sie es auf und stand auf. Ihre Füße tasteten das kühle Laminat ab. Statt des erwarteten Schwindelgefühls verspürte sie Hunger. Daher also die Kopfschmerzen.
   Hunger war ein gutes Gefühl, vor allem, wenn frisches Brot und Nussnugatcreme auf sie warteten. Mochte der Sonntag kommen, sie war bereit für ihn. Küche, Kaffee, Krimi – die drei Ks für einen erfolgreichen Sonntag.

Antonia war gerade bei ihrem vierten Mord angekommen, als ihr Handy einen alten Abba Song von sich gab. Mamas Klingelton. Ein wenig missmutig legte sie ihr E-Book zur Seite und griff zum Telefon. »Hallo Mama, es ist grad so spannend. Was gibt’s?«
   »Was ist spannend? Hast du jemanden bei dir?«
   »Nein, ich bin beim vierten Mord, langsam muss sich zeigen, wer der Täter ist. Zwei Verdächtige kann ich schon ausschließen.«
   »Kind, du liest zu viel. Du musst raus, was unternehmen. Was macht denn Katrin heute?«
   »Mama!« Sie machte sich mal wieder Sorgen. Immer wollte Lisbeth, dass sie etwas unternahm. Sich mit Freunden traf und wilde Partys feierte. Was wusste Lisbeth schon davon? Die Zeiten der wilden Partys schienen seit den Siebziger Jahren vorbei zu sein. Zumindest für Antonia. »Ich bin müde, war gestern Abend aus.« Warum erzählte sie das? Nur, um Lisbeth eine Freude zu machen?
   Die nächste Frage kam prompt. »Und? Hast du jemand Netten kennengelernt?«
   Ja, das hatte sie. Verdammt, es war ihr den ganzen Vormittag über gelungen, nicht daran zu denken. Eigentlich hatte sie sogar zwei kennengelernt, oder vielleicht drei. Prima, Mama, danke, dass du mir die Erinnerung geschenkt hast. Doch Antonia konnte Lisbeth nicht anlügen. »Ja, ich habe einen Mann kennengelernt.«
   »Oh, und wie sieht er aus, wie alt ist er, was macht er beruflich, hat er Geld?« Es sollte wie ein Scherz klingen, doch Antonia wusste, dass auch immer ein Quäntchen Ernst dabei war.
   »Er ist groß, größer als ich.«
   »Das ist kein Kunststück.«
   »Haha. Er hat dunkle Haare, fast schwarz, und er sieht ziemlich gut aus.«
    »Aha, und wann trefft ihr euch wieder?«
   »Gar nicht, Mama, die Siebziger sind vorbei. Wir waren auch nicht zusammen im Bett. Nix passiert, außerdem ist er ein Freund von Christian. Damit scheidet er aus der Gruppe der zukünftigen Schwiegersöhne aus.«
   »Kennst du ihn durch Christian?«
    »Nein. Wir haben uns gestern zufällig auf dem Parkplatz vorm Braustüberl getroffen und sind zusammen was trinken gegangen und da ist Christian aufgetaucht.«
   »Und da bist du einfach davongelaufen.«
   »Ja, was hätte ich tun sollen? Brav danebensitzen und Julia das Händchen reichen? Das ist nicht mein Stil.«
   »Ach, Toni, damit hast du dir doch alles selbst versaut. Du hättest dableiben und mit dem Typ auf Teufel komm heraus flirten sollen. So macht man das. Was glaubst du, wie viel Spaß der gute Christian an dem Abend noch gehabt hätte? So hast du ihm noch einen Gefallen getan, den er gar nicht verdient, so wie er dich behandelt hat.«
   Sie hatte sich die Sache noch viel mehr versaut. Wie sollte sie Sascha wieder unter die Augen treten, jetzt, wo er dachte, sie hätte Diabetes? Mit halbem Ohr hörte Antonia ihrer Mutter zu, die offensichtlich einen deutlich erfolgreicheren Samstagabend verbracht hatte. Sie war mit dem neuen Chef zum Abendessen gewesen und anschließend zu einem Livekonzert. Mutter hatte noch was vom Leben.
   Antonia spürte einen leichten Anflug von Neid und Wut. Warum war Lisbeth auch nicht bei Papa geblieben? In ihrem schönen Haus mit dem großen Garten und der Schaukel, auf der sie als Kind so gern geschaukelt hatte. Das Haus war verkauft, Papa wieder Vater geworden und Lisbeth ging mit ihrem Chef essen. Was für eine Welt.
   »Toni, kommst du? Ich habe Käsekuchen gebacken, den isst du doch so gern.«
   Ganz zufällig. »Du musst dir keine Sorgen um mich machen, Mama. Mir geht es gut und außerdem werde ich zu dick. Ich will keinen Käsekuchen.«
   »Komm schon, ich mach uns einen leckeren Milchkaffee und wir setzen uns auf den Balkon. Oder soll ich zu dir kommen?«
   Lisbeth wusste, dass Antonia nicht gern in ihr lächerliches Apartment kam. Der Vorschlag zeigte, dass ihre Mutter sich wirklich um sie sorgte. Denn eigentlich war Mama konsequent. Wer nicht zu ihr kam, bekam auch kein leckeres Essen. Ein Grund, warum Antonia trotz ihrer Abneigung immer wieder die mütterliche Wohnung betrat. »Willst du den Kuchen auf dem Rad transportieren?«
   »Warum nicht? Ich hab schon ganz andere Sachen hinten in meinem Körbchen gehabt. Außerdem scheint bei dir die Nachmittagssonne auf den Balkon. Also, was sagst du? Ich komme so gegen vier. Ist das in Ordnung?«
   Was sollte sie sagen? Es war immer noch besser, am Nachmittag mit Lisbeth Kaffee zu trinken, als den ganzen Tag im Schlafanzug am Frühstückstisch zu sitzen. »Ich weiß noch nicht. Ich ruf dich an.«
   Sie würde anrufen, sie wusste es und ihre Mutter, da war Antonia sich sicher, wusste es auch.
   Nach dem Telefonat war der Tag unweigerlich angebrochen. Antonia erhob sich, packte das Geschirr in die Spüle und suchte ihre Klamotten zusammen. Wenig später stand sie vorm Fenster. Dicke Wolken zogen in rasender Geschwindigkeit über den Aprilhimmel. Antonia blinzelte in die Sonne, die eben noch mit voller Wucht ins Fenster schien, und im nächsten Augenblick hinter einer Wolke verschwand. Antonia fröstelte. Was soll’s, dachte sie, auf einen wortlosen Gedanken in ihrem Kopf hörend. Ging sie eben los und machte sich zum Deppen. Sonst würde sie ohnehin keine Ruhe finden.
   Sie zog Schuhe und Regenjacke an und machte sich auf den Weg zum Friedhof. Es war Sonntagvormittag, um diese Zeit hatte sie Oma oft besucht, da konnte sie auch genauso gut an ihr Grab gehen.
   Die Sonne verschwand wieder hinter einem dunklen Wolkenturm, als Antonia durch das Friedhofsgatter schritt. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Einen Augenblick blieb sie stehen. Was erwartete sie?
   Vor allem Witwen waren unterwegs. Sie trafen sich an den Gräbern ihrer Männer, zupften an den Blumen und gingen anschließend zum Kaffeetrinken, ein Treffpunkt für einsame Herzen.
   Einen Moment fürchtete Antonia, dass jemand an dem Grab stehen könnte. Doch es war nur eine ältere Dame, die eines der Nachbargräber besuchte.
   Sie ging weiter, grüßte, als sie auf gleicher Höhe waren, und drehte sich auch nicht um, als Antonia ihre Hand langsam ausstreckte und den Grabstein berührte. Nichts. Es war alles still. Erleichtert stieß sie die Luft aus. Sie hatte sich alles nur eingebildet. Wie bescheuert.
   Ein Lachen stieg in ihr auf und wollte nicht so recht hinaus. Noch immer lag ihre Hand auf dem kühlen, rauen Stein. Ein wildes Zerrbild ihrer überspannten Fantasie. Das Bild von dem kranken Jungen, die Frau, die so verzweifelt war und ihre Hilfe brauchte und vielleicht sogar die Geschichte mit Sascha. War sie überhaupt hier gewesen, oder war sie über ihrem Buch eingeschlafen und hatte alles nur geträumt?
   Antonia ging die wenigen Schritte zum Grab ihrer Oma, auf dem noch immer die Kränze und Gebinde von der Beerdigung lagen. Sie bückte sich und zupfte an den Schleifen herum.
   Ach, Oma, ich weiß nicht, was ich da für seltsame Dinge erlebt habe.
   Du hast es doch gefühlt, mein Kind, und wenn du es gefühlt hast, dann ist es auch so gewesen.
   Ich habe auch gefühlt, dass ich Christian liebe und er mich liebt.
   Das war auch so, Kind. Nicht jede Liebe hält ein Leben lang, aber es ist dennoch Liebe.
   Woher weiß du das alles?
   Weil ich tot bin und weil ich alt war. Warte ab, bis du einmal alt und tot bist, dann weißt du das auch alles.

   Antonia lächelte. Sie wusste, dass es nicht wirklich Oma war, die mit ihr sprach, eher so etwas wie ihre eigene innere Oma – die »Überoma« hätte Freud wohl gesagt. Dennoch war es tröstlich. Diesmal jedoch hatte die kluge Oma in Antonias Kopf unrecht. Sie hatte es zwar gefühlt, aber es war nicht echt. Ebenso wie Omas Stimme nicht echt war.
   Ach, Kind, wie kannst du so etwas nur denken?
   Jetzt ging sie zu weit. Nicht Oma, sie selbst, Antonia ging zu weit. »Schluss jetzt«, rief sie sich zur Ordnung, in der Hoffnung, ihren sich widersprechenden Kopf endlich zum Schweigen zu bringen.

*

Anna erwachte, kaum dass die Sonne durch den wolkenverhangenen Himmel brach. Kurze Zeit wärmte sie ihr Gesicht, dann schoben sich erneut dicke Wolken davor. Jakob stöhnte und versuchte, seinen Arm unter ihrem Kopf hervorzuziehen. Augenblicklich setzte sich Anna auf, sie war nun hellwach. Jakob fieberte noch immer, auch wenn sich seine Stirn längst nicht mehr so glühend anfühlte wie noch am Vorabend.
   Er öffnete die Augen und blickte sie an. »Anna, ich glaube, ich lebe noch.« Er versuchte ein Lächeln.
   »Ja.« Sie schluchzte auf, mehr kam nicht über ihre Lippen. Stattdessen füllte sie den Becher mit dem Rest der kalten Brühe und half ihrem Bruder, zu trinken. Dann machte sie sich erneut an die Arbeit. Sie kochte bittere Meerrettichbrühe, wusch die Wunde mit heißem Wasser aus und legte die gekochte und ausgedrückte Wurzel auf und einen neuen Verband an. Einer Eingebung folgend, verzichtete sie darauf, das Fieber jetzt weiter hinunterzukühlen. Das würde sie erst wieder am Abend tun, wenn die Hitze erneut in seine Glieder kroch.
   Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als sie mit ihrer Arbeit fertig war. Sie deckte Jakob liebevoll zu und hielt seine Hand fest. »Ich werde jetzt ins Dorf gehen. Ich muss wissen, wer gestorben ist. Außerdem brauchen wir etwas zu essen. Du musst schlafen, nur so kannst du gesund werden und das musst du, hörst du? Du darfst mich nicht allein lassen.«
   Jakob nickte schwach. Er war schon so gut wie eingeschlafen und Anna schöpfte neue Hoffnung. Zum ersten Mal seit Tagen wirkte er, als würde er sich erholen. Ihre Hand streifte den kühlen Fels.
   Vielen Dank, Frau im Stein, wer auch immer du bist.
   Für einen Moment versank sie in das schlafende Gesicht ihres Bruders. Jakob war viele Jahre jünger als sie, sie konnte sich gut an seine Geburt erinnern. Vor ihm hatte die Mutter andere Kinder geboren, doch keines davon war so groß und kräftig gewesen wie Jakob, und letztlich hatte auch keines überlebt. Er war stark, war es immer schon gewesen und er würde auch dieses hier überleben. Am liebsten würde sie bei ihm bleiben. Ihren Kopf an seinen Bauch kuscheln und noch ein wenig schlafen. Ein Wunsch, den sie sich nicht erfüllen durfte. Mit einem Ruck stand sie auf. Es half nichts. Sie musste ins Dorf, sich dem stellen, was dort auf sie wartete.
   Die dünner gewordene Wolkendecke ließ Sonnenstrahlen durchblitzen und zauberte Lichtblitze auf den Waldboden. Es hätte ein schöner Frühlingstag sein können, wenn nicht der Gestank des Todes in allen Ecken auf sie lauern würde. Anna zwang sich schaudernd, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Das Leben war grausam.
   Fürchtete sie sich früher vor der Dunkelheit, so war es heute das gleißende Sonnenlicht, das ihr Angst bereitete. Es brachte unbarmherzig all das Grauen an den Tag, das in früher Morgendämmerung über ihr Dorf gekommen war. Wie würde es sein, wenn die Toten nicht mehr nur als leblose Schatten überall im Dreck lagen? Würde sie nun doch noch die Leichen ihrer Eltern entdecken und alle Hoffnung wäre verloren? Anna ging weiter, stets darauf bedacht, ihre Schritte nicht langsamer werden zu lassen. Sie stolperte über eine Hacke, hob sie verwundert auf. Bisher hatte sie das Werkzeug nicht gesehen, obwohl sie bereits mehrfach hier entlanggekommen war. Die Hacke war gut zu gebrauchen. Mit ihr konnte sie nach Wurzeln graben und vielleicht sogar die Toten bestatten. Anna schulterte das Werkzeug und ging weiter, immer schneller lief sie. Was half es ihr auch, langsam zu sein? Was konnte sie dadurch erreichen? Das Geschehene war längst geschehen und niemand konnte seinem Schicksal entrinnen.
   Die erste Leiche, die sie erkannte, lag einige Meter vor Bauer Mirkos Haus. Es war der Hund der Familie, oder das, was von ihm übrig war. Viel war es nicht.
   Anna hielt sich nicht auf, sie rannte weiter, konnte sich kaum für den nächsten Anblick wappnen.Die Leiche des Bauern lag neben seiner Scheune. Der Hund hatte ihn nicht retten können, ihn nicht und seine Frau auch nicht, die wenige Schritte neben ihm unnatürlich verrenkt im Stroh lag. Was hatten sie erleiden müssen? Anna griff der Bäuerin an die Füße und schleifte sie zu Mirko. Sie legte das alte Ehepaar, das sich im Leben in liebevoller Zärtlichkeit stets gezankt hatte, zueinander und deckte sie mit einer verschlissenen Decke zu.
   Als Nächstes kam sie zum Hof des Schusters. Er lag mit verdrehten Gliedern auf seiner Schwelle. Von seiner Frau und seinen Töchtern fehlte jede Spur, doch nachdem Anna das halb verbrannte Haus genauer durchsucht hatte, fand sie sie. Alle drei lagen dicht beieinander und zu einem großen Teil verbrannt.
   Anna trat ins Freie. Sie schleifte den Schuster zu seiner Familie. Dann schichtete sie das restliche Holz auf. Im hinteren Teil des Hauses wusste sie die Werkstatt. Sie fand sie verwüstet, aber das kleine Fass mit Pech, das sie suchte, stand kaum versehrt am vorgesehenen Platz. Anna rollte es zu den Toten und bestrich die Holzbalken. Sie machte Feuer und setzte die Hütte erneut in Brand.
   Sollten diese Vier gemeinsam verbrennen und sich ihre Asche miteinander vermischen. Mehr konnte sie nicht für die Familie tun.
   Auf ihrem Weg durch das Dorf fand sie noch viele weitere Tote. Kinder waren dabei und sogar Säuglinge. Die meisten von ihnen an die Brüste ihrer Mütter gedrückt, wenn diese noch Brüste hatten. Anna versuchte, alle so zueinanderzubringen, wie sie im Leben zusammengehört hatten. Viele brachte sie zum Schusterhaus und warf sie in die Flammen, die sie immer weiter mit neuem Pech und weiterem Holz anheizte. Es war eine schwere Arbeit und das Grauen wurde ihr bald schon zur Gewohnheit. Sie erschrak nicht mehr vor dem Anblick verdrehter Glieder, geschändeter Frauen und toter Hunde. Nur der Anblick eines toten Kindes drang noch in ihr Bewusstsein und rührte eine Stelle in ihrem Inneren, die noch lebendig schien. Nüchtern stellte sie fest, dass sie weniger Tote fand, als sie erwartet hatte. Selbst die kleine Amalia, die noch keinen Winter überstanden hatte, war, ebenso wie die Mutter, nicht zu finden.
   Schließlich hatte sie alle Toten bestattet, zugedeckt oder ins Feuer geworfen, ohne auf die Leichen ihrer Eltern gestoßen zu sein. Erschöpft sank sie auf die Bank vor ihrem Haus, die wie ein groteskes Mahnmal unversehrt inmitten all der Zerstörung stand. Sie hatte jeden einzelnen Toten des Dorfes gesehen und sie fühlte nichts mehr. Nur ihren Körper spürte sie. Ihre Muskeln brannten, ihr Atem ging stoßweise und ihre Lungen kämpften gegen den beißenden Gestank, der aus dem noch immer brennenden Schusterhaus kam. Für ihre Nachbarn und Freunde hatte sie getan, was sie konnte. Jetzt musste sie noch einmal in den Häusern nachsehen, ob sie etwas fand, das ihr und ihrem Bruder das Leben erleichterte. Außerdem musste sie nachdenken. Wo waren die anderen? Wie viele waren verschleppt worden? Und gab es noch weitere Überlebende im Wald rund um ihr Dorf?
   Die Hacke fiel ihr wieder ein. Sie hatte sie am Haus des Schusters abgestellt. Jetzt brauchte Anna sie, um nach der Wurzel des Blauen Eisenhuts zu graben. Mühsam erhob sie sich von der Bank.
   Je näher sie dem Schusterhaus kam, umso mehr reizte der beißende Rauch ihre Lungen. Sie hielt sich ein Tuch vor den Mund und beschleunigte ihren Schritt. Die Hacke war weg. Anna ging zu einer anderen Stelle, vielleicht hatte sie sich ja getäuscht, auch dort – nichts. Es war wie ein Fluch. Die Hacke war verschwunden. Einfach so. Sie hätte ihr so gute Dienste erweisen können. Es war unerträglich und unvorstellbar. Die verschwundene Hacke war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ein Schrei formte sich in ihrer Kehle, stieg ihren Hals hinauf und verließ ihren Mund in einer Lautstärke, dass sie selbst darüber erschrak. Sie schrie und schrie. Anna sank auf die Knie, hielt die Hände zum Himmel und konnte nicht aufhören. Ihr Hals schmerzte und ihre Augen waren blind vor Tränen.
   Eine gnadenvolle Stille legte sich über sie wie ein warmer Mantel.
   Es dauerte einen Augenblick, ehe sie bemerkte, dass es die Stille nach ihrem eigenen Schrei war. Die Welt schien auf eine sonderbare Weise friedlich zu werden. In ihrem Inneren fühlte sie eine seltsame Verbundenheit, so, als wäre sie nicht allein. Anna legte sich auf die Erde und schlief ein.

*

Antonia rekelte sich satt und zufrieden auf ihrem Liegestuhl. Es gab einfach nichts Besseres als Mutters Käsekuchen, vor allem dann, wenn er ihr auch noch in die Wohnung gebracht wurde. Sie beobachtete Lisbeth, die sich eine Zigarette anzündete. Antonia wusste, dass es ihrer Mutter nicht leicht fiel, gegen ihre Prinzipien zu verstoßen, genau wie ihr, umso mehr freute sie sich, dass sie es diesmal getan hatte.
   Sie spürte, wie ihr Blick weich wurde. Das war ein Fehler, denn kaum bemerkte Mutter diesen Blick, setzte sie auch schon ihre typische Mutter-macht-sich-Sorgen-Miene auf.
   »Was ist nur los mit dir? Worüber grübelst du den ganzen Tag schon? Seit Omas Beerdigung bist du so seltsam.«
   Antonia versuchte es mit der halben Wahrheit. »Sie fehlt mir eben und Christian fehlt mir auch.« Antonia merkte selbst, dass dies halbherzig klang. Aber mehr war nicht möglich. Wusste sie doch selbst nicht, was mit ihr geschah.
   »Ich kann verstehen, dass sie dir fehlen, Süße. Mir fehlen sie auch. Aber das Leben geht weiter und Christian ist so viel Kummer nicht wert. Aber sag schon, was ist denn mit diesem Sascha?«
   »Mama, ich hab doch schon gesagt, der scheidet aus. Er ist ein Freund von Christian und überhaupt.«
   »So eng kann er ja mit Christian nicht befreundet sein, sonst hättest du ihn längst kennengelernt. Oder kennst du ihn bereits? Seid ihr euch vielleicht mal begegnet?« Aus ihrem Mund klang das Wort begegnet anzüglich.
   »Was du wieder denkst. Wir sind nicht so wie ihr früher. Bei uns gibt es zum Beispiel AIDS – schon mal was davon gehört?«
   »Musst nicht gleich pampig werden. Aber ich verstehe nicht, was so schlimm daran ist und außerdem, was meinst du denn mit und überhaupt
   »Das ist nicht immer alles so einfach.«
   »Hat er dir gefallen?«
   »Ja.«
   »Und warum triffst du dich nicht mit ihm?«
   »Er hat mich nicht gefragt.«
   »Hatte er denn eine Chance?«
   Das war ein Verhör und Antonia wusste, dass sie gegen die Verhörtechnik ihrer Mutter auf die Dauer machtlos war. Aber dies hier war nun wirklich eine Sache, über die sie nicht sprechen konnte. Wie sollte sie ihrer Mutter auch erklären, dass Sascha sie dabei erwischt hatte, wie sie erfolglos versuchte, über die Friedhofsmauer zu klettern? Oder schlimmer noch, dass sie nicht genau wusste, ob sie überhaupt auf dem Friedhof war und ihn getroffen hatte.
   Antonia stand auf und ging in die Küche. Sie hatte das Gefühl, sie würde schwanken »Willst du auch noch eine Tasse Kaffee«, fragte sie über die Schulter.
   Wie zu erwarten war, sagte Lisbeth nicht Nein. In Antonias Wohnung galt Rauchverbot, das gab ihr eine kleine Atempause. Während der Kaffee in die Tasse tröpfelte, beobachtete sie durch die offene Balkontür, wie Lisbeth an ihrer Kippe zog. Genussvoll war anders.
   »Hier, extra für dich.« Antonia stellte die Tasse auf den Tisch und setzte sich.
   Lisbeths Blick bohrte sich in ihre Seele.
   Was sollte sie ihr sagen? »Bitte, ich kann da jetzt nicht drüber reden. Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung.«
   »Hm, weißt du denn selbst, was los ist?«
   »Nein. Vielleicht bekomme ich eine Erkältung oder so. Ich bin müde und hab Kopfschmerzen. Deshalb bin ich gestern auch so früh weggegangen. Es ging mir nicht gut und ich war schlecht gelaunt.« Wieder eine Halbwahrheit, die Mama diesmal wenigstens schluckte.
   »Sagst du mir, wenn du mich brauchst?«
   »Klar, Mama, das mach ich doch immer.«
   Lisbeth nickte verständnisvoll. Sie würde Antonia nun in Ruhe lassen, zumindest bis morgen, wenn es ihr auch schwerfiel. Es gab noch einen besorgten Mutterblick und dann einen bemühten Themenwechsel. Bald jedoch plauderten sie wieder wie sonst, über Cousine Raffaela und ihren tollen Mann, über Tante Agnes und über viele andere Dinge. Es war kurz vor acht Uhr abends, als Lisbeth den Kuchen aufteilte und mit ihrem Stück nach Hause fuhr. Tatortzeit, in zwanzig Minuten würden sie beide auf ihren Sofas liegen und der bekannten Melodie lauschen.
   Antonia stellte sich auf den Balkon und sah ihrer Mutter hinterher. Plötzlich fühlte sie eine große Leere, die sich immer weiter ausbreitete, von ihr Besitz ergriff und ihre Gedanken lähmte. Mit beiden Händen hielt sie sich am Geländer fest. Was geschah nur?
   Wie benommen ging sie zu ihrem Computer, öffnete die Suchmaske und starrte Löcher in den Bildschirm. Hier lag das Wissen der Welt und sie wusste nicht, wie sie es anzapfen sollte. Was sollte sie eingeben? »Sprechende Grabsteine« etwa? Sie versuchte es und die Suchmaschine fand in der Tat 19.100 Einträge. Wer hätte das gedacht? In fast allen Fällen ging es um Gedenksteine oder Archäologie und nicht um unglückliche Steine auf dem Friedhof von Bobenhausen.
   Bobenhausen, Antonia dachte nach. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sich dieses ganze Drama um den kranken Jungen und die unglückliche Frau hier in ihrem Heimatort abspielte, auch wenn sie nicht wusste, wie sie auf die Idee kam. Gut, der Junge lehnte an einem Basaltstein, wie er im Vogelsberg besonders häufig vorkam. Auch der sprechende Grabstein war aus Basalt und stammte sicher aus einem der hiesigen Steinbrüche. Es hatte doch sein Gutes, wenn man im Heimatkundeunterricht aufgepasst hatte. Also schloss Antonia, in Ermangelung einer klügeren Alternative, ihre Suche zunächst auf Bobenhausen zu beschränken. Sie gab den Namen ihrer Heimatstadt in die Suchmaschine ein. Da gab es die offizielle Homepage, die Seite des örtlichen Fußballvereins und auch in Wikipedia hatte die Kreisstadt eine eigene Seite. Das alles half ihr nicht weiter. Also setzte sie das Wort »Geschichte« dahinter. Die Geschichte ihrer Stadt begann vor über achthundert Jahren und hing eng mit der Burg zusammen, die im 13. Jahrhundert auf einen Basaltkegel bei der heutigen Kreisstadt gebaut worden war. Das Dorf Bobenhausen wurde ebenfalls zum ersten Mal im 13. Jahrhundert erwähnt, damals hieß es noch Babinhusin. Es gab ein weiteres Dorf des gleichen Namens in ihrer Nähe, mehr konnte sie nicht aus den Tiefen von Wikipedia herauslesen.
   Antonia öffnete erneut die Suchmaschine und gab Babinhusin ein. Hier gab es einige Hinweise auf den Landgrafen von Hessen und eine Dorfchronik. Antonia überflog den Text. Babinhusin wurde während des Dreißigjährigen Krieges wie die Nachbargemeinde Kölzenhain dem Erdboden gleichgemacht. Von den ehemals 600 Bewohnern überlebten nur 200 das Massaker. Einzig das Pfarrhaus und die Kirche blieben von den Bränden verschont.
   Dieser Text machte Antonia bewusst, dass sie nicht nur das Problem des Ortes klären musste, sie müsste auch wissen, in welcher Zeit all das stattfand, was sie auf dem Friedhof zu hören oder zu sehen geglaubt hatte. Wie kam sie überhaupt dazu, all das ernst zu nehmen? Was wollte sie am Rechner? Sie hatte es mit einer seltsamen psychischen Störung zu tun und danach sollte sie googeln.
   Vom Fernseher her ertönte der bekannte Fünfklang. Ein Mann rannte zum tausendsten Mal über die regennasse Straße, wenig später stand der Gerichtsmediziner kopfschüttelnd vor einer Leiche. Ihr Lieblingsermittlerpaar flackerte über den Bildschirm. Trotz ihrer Bedenken wollte sie noch rasch den Artikel über die Geschichte ihrer Stadt zu Ende lesen. Im Dreißigjährigen Krieg wurden mehr als zwei Drittel der Bevölkerung ausgelöscht und ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Vor Antonias geschlossenen Augen zeigte sich ein Bild der Verwüstung. Brennende Häuser und aufgeschichtete Leichenberge. Ihr Magen krampfte sich zusammen und sie spürte, wie Tränen über ihr Gesicht liefen. Sie riss die Augen auf, klappte ihren Laptop zu und ging ins Bad. Mit beiden Händen schüttete sie sich eiskaltes Wasser ins Gesicht. Als sie endlich aufhörte, waren ihr Shirt und der Boden nass.
   Antonia zog einen Schlafanzug an und kuschelte sich in die Ecke ihres Sofas. Es war Tatortzeit, sie wollte nicht an Leichenberge und an verbrannte Dörfer denken. Sie lächelte über den Vater des Polizisten, auch so ein alter Hippie, sie war wohl nicht die Einzige, die eine solche Plage in der Familie hatte.

*

Anna erwachte, als die Sonne bereits lange Schatten warf. Es war unerträglich still um sie herum, geradezu gespenstisch. Sie tat ein paar Schritte und hörte noch immer keinen Ton. Stattdessen lehnte die Hacke wieder an der Stelle, an der sie sie am Mittag das letzte Mal gesehen hatte. Verwundert trat sie näher, nahm das Werkzeug und machte sich auf den Heimweg. Noch immer umfing sie eine Lautlosigkeit, die sie nicht kannte. Anna öffnete ihren Mund und rief ihren Namen. Nichts geschah. Sie hörte keinen Ton, so, als hätte ihr jemand die Stimme genommen. Oder war es gar nicht ihre Stimme, die verschwunden war, sondern ihr Gehör? Abrupt blieb sie stehen, fasste sich unwillkürlich an die Ohren. Sie waren noch genau dort, wo sie immer gewesen waren. Aber sie hörte nichts.
   Anna war sich nun ganz sicher, sie war taub geworden. Nie wieder würde ein Laut sie erschrecken können. Eine seltsam willkommene Vorstellung. Nie wieder müsste sie das Prasseln des Feuers hören, das ihr Dorf und die Menschen, die sie liebte, vernichtete. Niemals wieder quälte sie der Schrei eines Kindes, das von Soldatenhorden niedergestochen wurde oder das Jammern seiner Mutter, die diese Freveltat mit ansehen musste, während sich die Horden an ihr vergingen.
   Sie konnte einfach die Augen schließen und alles Schreckliche würde nicht mehr sein. Anna eilte durch das lautlose Dorf, rannte über die schweigenden Felder und betrat den stillen Wald. Hier blieb sie stehen, lauschte und hörte nichts. Hinter jedem Baum könnte etwas lauern, sie würde es nicht bemerken. Ein Soldat könnte sie verfolgen, ohne dass sein Tritt sie warnen würde. Anna erstarrte, ihre Haare stellten sich auf und sie fühlte sich hilfloser als jemals zuvor in ihrem Leben.
   Langsam drehte sie den Kopf.
   Da war nichts. Kein wildes Tier und kein Soldat. Nur ein stiller Wald in einer geräuschlosen Welt. Sie ging weiter, noch immer unruhig und ängstlich, die Hacke in der Hand. Die gleiche Hacke, die plötzlich verschwunden und dann wieder da gewesen war.
   In ihren Ohren hallten der Nachklang des brodelnden Feuers und ihr eigener Schrei. Das letzte Geräusch, das sie gehört hatte.
   Mit jedem Schritt kam sie dem Steinbruch näher. Sie rief den Namen ihres Bruders und hörte doch nichts. Aber wenn er noch lebte, dann hörte er sie.
   Anna erkletterte die kleine Anhöhe. Da lag Jakob, halb aufgerichtet und wach. Sein Mund bewegte sich, Anna verstand ihn nicht. Sanft trat sie näher, legte ihren Finger auf seine Lippen und sprach zu ihm. Langsam und deutlich. Sie erklärte ihm, dass sie taub sei, seine Stimme nicht mehr hören würde und auch ihre eigene nicht. Jakob erschrak, er riss die Augen auf und sein Mund öffnete sich. So, wie er aussah, schien er zu schreien. Anna beschwichtigte ihn. Es war nicht schlimm, nicht zu hören, tat gut, nicht zu sprechen. Ihre Hände glitten über seine Stirn und in seinen Nacken. Er war noch immer verschwitzt, doch sein Körper fühlte sich kühler an. Anna füllte die Behälter mit Wasser, kochte Tee und legte Jakob neue Verbände an. Während sie das tat, ging die Stille auf ihren Geist über und eine angenehme Gelassenheit erfüllte sie. Schließlich setzte sie sich und lehnte ihren Kopf an den Stein.
   Wer bist du?
   Die Frage erfüllte ihr Inneres.
   Ich bin Anna, und ich brauche deine Hilfe, denn du bist der einzige Mensch, den ich hören kann.

*

Ich bin Anna und ich brauche deine Hilfe.
   Antonia schrak auf. Das war also ihr Name, Anna, und sie konnte sie hören. Antonia setzte sich auf. Eine der unzähligen Talkrunden lief über den Bildschirm, sie schaltete den Fernseher aus. Müde schlich sie Richtung Badezimmer. Ihr Geist torkelte trübe mit ihr mit. Die Welt schien in einem Nebelfeld versunken zu sein. In diesem traumähnlichen Zustand fühlte sich alles vollkommen logisch an. Da gab es eine Anna, irgendwo im Universum und sie brauchte ihre Hilfe. Ganz normal eben. Sie hatten den Kontakt über einen Grabstein aufgebaut und nun konnten sie sich telepathisch unterhalten. Hörte sich nicht mal so neu an. Stand bestimmt schon irgendwo mal geschrieben. Aber Antonia las keine Fantasyromane, weil sie so etwas für Blödsinn hielt. Da hatte sie erst recht keine Lust, selbst die Hauptfigur inmitten eines dämlichen Fantasyromans zu spielen, verdammt. Es musste eine Erklärung geben. Eine psychische wahrscheinlich, mit der Psyche konnte man schließlich alles erklären. Sie würde sich am nächsten Tag darüber Gedanken machen. Sie war so müde.
   Trotzdem konnte sie nicht einschlafen. Sie lag in ihrem Bett und dachte über Anna und ihren Bruder nach. Was glaubte sie, zu wissen? Anna schien so alt wie sie zu sein. Warum? Sie wusste es nicht, aber alles andere schien unlogisch.
   Der kranke Junge war Annas Bruder und Antonia hatte das Gefühl, dass es ihm besser ging. Sie glaubte immer noch, dass Anna und ihr Bruder hier an diesem Ort waren, jetzt sogar noch mehr als vorher, aber in welcher Zeit lebten sie? Und lebten sie überhaupt? Was waren sie? Menschen oder Gespenster, Außerirdische oder Ahnen aus der Vergangenheit? Antonia erinnerte sich an die seltsame Kopfbedeckung, die der Junge trug. Er sah ein wenig aus wie Hänsel aus dem Märchenbuch. Die junge Frau, von der sie letztens geträumt hatte, fiel ihr wieder ein. Hatte sie nicht an die Mittelaltermärkte denken müssen bei ihrem Anblick? Aber wie kam sie auf so etwas? Warum spielte ihre überspannte Fantasie ihr so etwas vor? Vielleicht lag es daran, dass ihr Leben langweilig geworden war. Ja, das war eine gute Erklärung. Ihr Geist spielte ihr eine Geschichte vor, damit sie das Gefühl hatte, etwas Besonderes zu sein. Dann würde sie ihrem Geist eben den Gefallen tun und morgen nach der Arbeit zum Friedhof gehen und nachsehen, wer unter dem Grabstein lag.
   Das war eine gute Idee. Antonia kuschelte sich in ihr Kissen und schlief ein.

Als ihr Radiowecker sie aus dunklen Träumen riss, hatte sie das Gefühl, gerade mal eine Stunde geschlafen zu haben. In ihrem Traum war sie auf der Flucht gewesen. Ein roter Schein am Nachthimmel hatte das brennende Dorf angekündigt. In diesem Traum gab es keine Zweifel. Alles Schreckliche um sie herum war Gewissheit. Menschen waren gestorben, das Dorf zerstört und sie stand einsam und frierend mitten im Wald. Jetzt steckte bleierne Müdigkeit in Antonias Knochen. Vielleicht kam doch eine Erkältung auf sie zu. Mühsam rappelte sie sich aus dem Bett und stellte sich unter die Dusche. Sie drehte den Hahn auf, ließ das heiße Wasser über ihre verspannten Schultern laufen und drehte es langsam immer kälter. Antonia bog den Kopf zurück und das Wasser lief ihr über Stirn und Brust, ihre Haare wurden nass, es half nichts. Als sie sich aus der Dusche kämpfte, fühlte sie sich kein bisschen frischer als vorher.
   Sie verließ das Haus, ohne etwas zu essen. Gewöhnlich frühstückte sie im Reisebüro, gemeinsam mit Gwendolin, ihrer Chefin. Vielleicht sollte sie diese darauf vorbereiten, dass sie bald eine Erkältung bekommen würde und einen freien Nachmittag nehmen. Antonia ging in die Bäckerei und stellte sich missmutig ans Ende der Warteschlange. Was würde wohl Anna frühstücken? Schon wieder dieser Gedanke. Gut, dann wollte sie das Spiel doch mal weiterspielen. Also, was würde wohl Anna frühstücken, oder gefrühstückt haben, oder gefrühstückt gehabt haben werden? Es war einfach zu verrückt. Wenn sie überhaupt etwas aß. Immerhin hatte sie noch nie was davon gehört, dass Gespenster essen, sähe ja auch zu komisch aus, vor allem, wenn sie durchsichtig sind. Antonia kicherte, dann war sie an der Reihe. Sie kaufte Brötchen und ging zu ihrem Auto. Motor anlassen, Kupplung, Bremse, Gaspedal, das war Realität. Sie bog in den Waldsteinweg ein. Woher kam der Name? Antonia hatte sich noch nie dafür interessiert, warum es in ihrer Stadt einen Waldsteinweg gab, oder eine Schwedengasse. Überhaupt hatte sie sich nicht wirklich dafür interessiert, dass vor ihr auch schon Menschen durch diese Straßen und Gassen gelaufen waren. Warum auch, sie kannte sie ja nicht. Bis jetzt. Wieder kicherte Antonia. Eine schöne Vorstellung. Wenn es so war, wenn man verrückt wurde, konnte sie gut damit leben.

*

Anna erwachte an einem nebligen Morgen. Stille umfing sie wie eine warme Decke. Jakob schlief noch. Sie stand leise auf, um Wasser zu holen und seine Wunden zu versorgen. Sie hatte noch immer keine Wurzeln ausgegraben und das letzte Stück Meerrettich würde am Ende des Tages aufgebraucht sein. Doch wenn sie es vermeiden konnte, wollte sie heute nicht ins Dorf gehen. Stattdessen musste sie etwas Essbares besorgen. Anna hatte noch nie in ihrem Leben gejagt oder gefischt, das war Männerarbeit. Doch wenn sie beide nicht bald etwas Handfestes in den Magen bekämen, würden sie verhungern. Sie legte ihren Kopf an den Stein, schloss die Augen und träumte einen Augenblick von frischem Brot und duftendem Käse. Ach, wie lange würde sie diese Speisen missen müssen. Vielleicht lebte ja noch eine Kuh oder eine Ziege. Anna nahm sich vor, am Nachmittag durch das Unterholz zu streifen und nach den Tieren zu suchen. Doch die schwedischen Horden neigten dazu, alles Vieh noch am gleichen Tag abzuschlachten und zu braten. Egal, ob Huhn, Schwein oder Kuh. Vollkommene Verschwendung, schließlich brachten die Hühner Eier und Kühe und Ziegen Milch. Ein Blick auf Jakob zeigte ihr, dass ihr Bruder zwischenzeitlich erwacht war. Er schien mit ihr zu sprechen, sie verstand kein Wort. Anna setzte sich ihm gegenüber und bat ihn, langsam und deutlich zu sprechen, sodass sie seine Lippenbewegungen lesen konnte. Sie hatte einmal einen alten Soldaten gekannt, der taub wurde, nachdem neben ihm eine Kanone losgegangen war. Er konnte Lippenlesen, vielleicht würde sie es auch lernen können. Doch die ersten Übungssätze verklangen unverstanden im Wald. Gerade einmal die Mundbewegungen für ihre Namen, Jakob und Anna, konnte sie herauslesen. Sie zwinkerte ihrem Bruder zu und sprach, wie sie hoffte, ohne Stimme, damit er sehen konnte, wie schwer das war. Er lachte, es war das erste Mal seit Tagen. Dann wurde er wieder ernst. Er fasste ihre Hand, zeigte auf das Dorf, dann auf sie beide und formte die Worte Mama und Papa. Anna wusste genau, was er fragte, aber sie zog es vor, ihn nicht zu verstehen. Was sollte sie ihm auch sagen? Sie wusste doch nichts. Sie strich ihm über den Kopf und ging zur Wasserstelle. Der Bach plätscherte friedlich den steinigen Hang hinunter und sammelte sich, ehe er in einem kleinen Wasserfall über die Steine sprang und in ein Becken mündete, in dem sie als Kinder oft gespielt hatten. Anna sah an sich hinab. Ihr Kleid war schmutzig, mit Blut verkrustet und an einigen Stellen von Funken angesengt. Die Haare hingen ihr strähnig ins Gesicht. Überall schien sich der Gestank des Todes an ihr festgesetzt zu haben. Bei ihrem nächsten Besuch im Dorf wollte sie nach einem anderen Kleid Ausschau halten. Anna sehnte sich danach, das Alte hinter sich zu lassen. Als Erstes würde sie eine Unterkunft bauen und sich um Essen kümmern müssen. So, wie es jetzt war, konnte es nicht bleiben. Bisher hatten sie noch eine Menge Glück gehabt. Es hatte nicht stark geregnet, war verhältnismäßig warm und bisher waren sie von Hunger verschont geblieben. Erst jetzt fiel Anna auf, dass sie sich bisher um diese Dinge keine Gedanken gemacht hatte. Das musste sich ändern, augenblicklich.
   Sorgfältig wusch sie ihre Kleider mit Kieselsand und einem kleinen Stück Seife und legte sie in die Sonne zum Trocknen, ehe sie selbst in das eiskalte Wasser stieg. Ihr Körper zitterte vor Kälte, doch das störte sie nicht. Sie wollte den Gestank des Todes loswerden. Anna riss ein paar Kräuter aus, die rund um die Wasserstelle wuchsen, zerrieb sie zwischen den Händen, vermengte das Ganze mit Kieselsand und schrubbte sich damit den Schmutz von Haut und Haaren. Die Kräuter gaben einen leichten, angenehmen Duft ab, der sich auf ihre gerötete Haut legte. Als sie sich endlich sauber genug fühlte, drehte sie sich auf den Rücken und streckte sich der zarten Maisonne entgegen. Ihre Eltern lebten, ihr Bruder lebte. Sie hatte mehr Glück gehabt als die Meisten im Dorf. Anna spürte, wie mit der Sauberkeit und dem frischen Wasser neuer Lebensmut in sie eintauchte. Die Sonne zeichnete bunte Kringel auf ihren Körper. Wenn sie zwischen den Wimpern hindurchblinzelte, sah die Welt aus, als wäre sie von Diamanten durchsetzt.
   Plötzlich fühlte sich Anna beobachtet und ihr wurde bewusst, dass sich ihr jeder nähern konnte, ohne dass sie es bemerken würde. Abrupt richtete sie sich auf, nur um sich augenblicklich wieder ins Wasser zu stürzen. Sie war nackt. Wenn da jemand war, dann dürfte er sie auf keinen Fall so sehen. Vorsichtig blickte sie sich nach allen Seiten um. Da war niemand. Wie hätte er auch hierherkommen sollen? Prustend tauchte sie ihren Kopf unter Wasser und ließ ihr Haar für einen Augenblick wie einen Algenteppich um sich her wehen. Sie zog die nassen Kleider wieder an und fror erbärmlich.
   Rasch füllte sie das Gefäß mit Wasser und ging zurück zum Lagerplatz. Dort würde sie sich in eine warme Decke hüllen und die Kleider auf einem Stein trocknen lassen.

*

Antonia verbrachte diesen Tag in einer seltsamen Mischung aus Müdigkeit und Aufregung. Ständig hatte sie das Gefühl, dass jeden Augenblick etwas Unerwartetes geschehen müsste, gleichzeitig konnte sie sich vor Erschöpfung kaum auf den Beinen halten.
   Kurz vor der Mittagspause kam der alte Herr Britz ins Reisebüro. Er war ein pensionierter Lehrer am örtlichen Gymnasium und verbrachte viele Wochen des Jahres gemeinsam mit seiner Frau, ebenfalls eine pensionierte Lehrerin, auf Reisen. Aus diesem Grund war das Reisebüro für Herrn Britz sozusagen zum zweiten Wohnzimmer geworden, und wenn seine Frau montags ihr Damenfrühstück hatte, verzog er sich nach einer angemessenen Weile ins Reisebüro, um mit Antonia über fremde Länder zu sprechen. Diesmal ging es um Sri Lanka, hier hatten die Britzens vor einigen Jahrzehnten ihre Hochzeitsreise verbracht und Herr Britz wollte es unbedingt noch einmal sehen, ehe er starb.
   Eigentlich dürfte Herr Britz niemals sterben, denn es gab Hunderte von Ländern, die er unbedingt noch sehen wollte.
   Aktuell packte er seine Koffer von einer Reise nach Myanmar aus. »Dass ich das noch einmal sehen durfte, ehe ich sterbe, hätte ich nicht zu hoffen gewagt.«
   Antonia lächelte. »Sagen Sie Herr Britz, warum zieht es Sie und Ihre Frau eigentlich immer nach Asien?«
   Herr Britz lächelte. »Sie würden wohl lieber in die USA fliegen oder nach Hawaii?«
   »Ja, in die Südsee, das ist mein Traum.«
   »Vergessen Sie dabei den Osten nicht. Ich versichere Ihnen, wenn Sie einmal in einer buddhistischen Stupa gestanden haben, dann wissen Sie was Ruhe und Frieden ist und das ist auch für Menschen in Ihrem Alter wichtig. Wir sind damals mit dem Rucksack durch ganz Asien gereist, da waren wir auch nicht älter als Sie jetzt.«
   »Ja, ich weiß, die Hippies.« Antonia zwinkerte und Herr Britz zwinkerte zurück.
   »Natürlich, da gab es auch Marihuana, aber das war nicht der Grund. Fliegen Sie nach Sri Lanka. Das ist ein guter Einstieg für Asien. Ich hab so ein Gefühl, dass Ihnen der Buddhismus gut gefallen wird.«
   Antonia blätterte eine Seite im Katalog um. Schöne Tänzerinnen und üppig geschmückte Elefanten. »Stimmt es, dass die Menschen dort glauben, als Elefant oder Mücke wiedergeboren zu werden?«
   Herr Britz winkte ab. »Mädchen, der Buddhismus ist viel vielschichtiger, als wir es hier im Westen in ein oder zwei Sätzen verstehen. Setzen Sie sich einfach einmal hin und seien Sie ganz still. Spüren Sie tief in sich hinein und öffnen Sie Ihren Geist. Das ist die einfachste Art, um zu erkennen, dass alles mit allem verbunden ist. Zu jeder Zeit und an jedem Ort. Das ist Buddhismus.« Er zwinkerte, stand auf und verließ mit einem kurzen Gruß das Reisebüro.
   Antonia blickte ihm nach. Herr Britz hatte etwas von dem Buchhändler in der »Unendlichen Geschichte«. So, als wäre er viel mehr als nur ein pensionierter Lehrer. Während sie noch die Kataloge, die sie gemeinsam durchgeblättert hatten in den Schrank zurückräumte, hallten seine Worte in ihrem Kopf. »Es ist alles mit allem verbunden, zu jeder Zeit an jedem Ort.« Wie schön und seltsam das klang.
   Gwen schloss die Tür ab. Es war Mittagspause. Meist gingen sie montags zusammen essen, doch heute verabschiedete sich Antonia eilig. »Ich bin müde, ich fahr nach Hause und leg mich eine Stunde hin. Es wäre nett, wenn du mich kurz vor zwei anrufen könntest, damit ich nicht verschlafe.«
   »Was ist mit dir? Hast du deine Tage?«
   Nein, hatte sie nicht, aber vielleicht war das ja auch der Grund, warum es ihr nicht gut ging. Rasch rechnete Antonia nach. Keine Verspätung, alles in bester Ordnung. Ihr Leben war langweilig, was sollte da auch dazwischen kommen? Trotzdem, dankbar für die gute Ausrede nickte sie ihrer Chefin zu.
   »Ich denke, ich komme heute Mittag ganz gut allein zurecht. Ich rufe dich an, wenn die Hütte brennt, ansonsten mach dir einen schönen Nachmittag, mit einer Wärmflasche und einem guten Buch.«
   Das war ein verlockender Gedanke und Antonia merkte, dass sie über das ganze Gesicht strahlte. »Nun los, geh schon.« Gwen nickte freundlich, sie fühlte sich gern als gute Chefin und Antonia tat ihr den Gefallen, sie zu loben.
   »Du bist die allerbeste Chefin der Welt.« Sie drückte Gwen kurz und eilte dann zu ihrem Auto. Nichts wie nach Hause, ins Bett gelegt und geschlafen. Vielleicht bekam sie ja doch eine Erkältung. Sie war so müde.
   Das Nächste, an das sie sich erinnerte, war ein lautes Hupen. Sie saß in ihrem Auto und stand mitten auf der Kreuzung. Antonia blickte in das wutverzerrte Gesicht eines älteren Herrn, der wild gestikulierend vor ihrem Auto stand.
   »Verdammt! Haben Sie Tomaten auf den Augen? Seien Sie froh, dass ich so schnell reagiert habe.«
   Sie schüttelte unsicher den Kopf, öffnete die Tür, die der Rotgesichtige ihr aus der Hand riss, und taumelte verstört auf die Straße. Eine Hand griff ihr unter den Ellbogen, verhinderte, dass sie stürzte. Antonia glaubte an ein Déjà-vu. Sie blickte geradewegs in die braunen Augen von Samstagabend.
   »Mir scheint, ich bin als Retter geboren. Ist das wieder deine Diabetes? Du solltest wirklich zum Arzt gehen.«
   »Die ist doch nicht krank, die simuliert doch nur. Die hat mir doch glatt die Vorfahrt genommen.«
   »Stimmt, und ich wundere mich, dass Sie bei dem Tempo noch so schnell bremsen konnten, Hut ab. Das hätte ich Ihnen nie zugetraut.«
   »Soll das etwa heißen, ich sei zu schnell gefahren?«
   Plötzlich waren noch mehr Menschen um sie herum und jeder hatte eine Meinung. Antonia war die Einzige, die nicht wusste, was geschehen war. Sie konnte sich noch nicht einmal daran erinnern, wie sie ins Auto gekommen war, doch das würde sie besser niemandem erzählen. Stattdessen versuchte sie, sich Gehör zu verschaffen. »Hallo, kann mir mal jemand sagen …« Sie versuchte es in normaler Lautstärke, doch niemand wollte darauf reagieren. Also sprach sie ein wenig lauter, keine Reaktion. Schließlich schrie sie. »Was ist überhaupt passiert, verdammt noch mal.«
   Plötzlich waren alle still.
   Eine junge Frau ergriff das Wort. Sie hatte Antonia auf eine sehr eigenwillige Weise verstanden. »Sie hat recht«, erklärte sie fest. »Schließlich ist nichts passiert und wir sind alle mit einem Schrecken davongekommen. Sie haben dem Herrn die Vorfahrt genommen, der war jedoch ziemlich schnell, während sie superlangsam waren. Jetzt sollten wir die Kreuzung räumen, bevor wirklich noch etwas passiert.« Die junge Frau war offensichtlich sehr zufrieden mit sich und die Menschen drum herum verstreuten sich. Der Herr, dessen Vorfahrt auf so unverschämte Weise gestohlen worden war, begab sich brummelnd zu seinem Auto, startete den Motor und fuhr davon. Antonia hingegen fand sich plötzlich auf dem Beifahrersitz ihres eigenen Wagens wieder. Der Platz, der eigentlich ihr vorbehalten war, wurde von Sascha eingenommen. »Wohin?«
   »Nach Hause.«
   »Ah, wo ist das? Auf dem Friedhof?«
   »Sehr witzig.« Antonia nannte Straße und Hausnummer. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie er langsam losfuhr. Ihr Herz tat einen unangebrachten Hüpfer, als wollte es sich mit Lisbeth verbünden. Antonia schluckte, die Liebe war nichts für sie und im Moment schon gar nicht.
   »Was war los?«
   »Ich weiß es nicht. Bin losgefahren und dann stand ich auf der Kreuzung. Es war geradezu gespenstisch.«
   »Hast du öfter Nasenbluten?«
   »Nein. Wieso?«
   Statt einer Antwort klappte Sascha die Sonnenblende herunter. Antonia sah getrocknetes Blut unter ihrer Nase.
   »Ist das üblich bei Diabetes?«
   »Bei was? Ach so, ja, nein. Ich meine nein, das hatte ich noch nie, das mit dem Diabetes, ich meine, das, mit dem Blut. Ich bin im Moment nicht gut drauf. Meine Chefin hat mir freigegeben, damit ich mich richtig ausschlafen kann.«
   »Mir scheint, das hast du nötig. Soll ich heute Abend noch mal vorbeikommen?«
   Sie waren vor Antonias Wohnhaus angekommen. Sascha schaltete den Motor ab und reichte Antonia ihren Autoschlüssel.
   »Nein danke, mir geht es gut. Aber wie kommst du heim? Soll ich dich fahren?«
   »Gute Idee …« Sascha schmunzelte »Willst du wieder einen Unfall bauen? Mach dir um mich keine Sorgen. Ich wohne nicht weit von hier. Ist ein netter Spaziergang. Soll ich nicht doch …?«
   »Nein, danke. Ich bin müde und außerdem …«
   »Was?«
   Außerdem will ich mich nicht mehr verlieben. Aber das war jetzt wirklich ein Satz, den sie besser für sich behielt. Mit einem schiefen Grinsen ging sie zu ihrer Haustür und versuchte, aufzuschließen.
   Der Schlüssel wollte einfach nicht ins Schloss passen. Sie spürte Saschas Blick in ihrem Nacken. Der Blick war enttäuscht. Wie kam er dazu? Warum war sie auch so zickig? Endlich fand sie das Schlüsselloch und öffnete die Tür. Noch einen Blick zurück, den rettenden Hauseingang direkt vor ihren Füßen. Sie probierte ein Lächeln. Er war ein netter Typ, sah supergut aus, aber er hatte ein paar ziemlich doofe Freunde und außerdem glaubte er, sie hätte Diabetes. Falls Christian ihm nicht schon alles erzählt hatte, und sie insgeheim über sie lachten. Antonia seufzte und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Warum um alles in der Welt hatte sie immer Pech mit Männern?

*

Anna eilte, so rasch sie konnte, zu ihrem Lagerplatz zurück. Obgleich sie sich ständig umblickte und niemanden sah, ließ das Gefühl sie nicht los, beobachtet zu werden. Am liebsten hätte sie die Hände vors Gesicht geschlagen und laut geheult. Doch was hatte es für einen Sinn zu weinen, wenn sie noch nicht einmal selbst ihr Weinen hören konnte? So ging sie weiter, setzte einen Fuß vor den anderen, in der Hoffnung, alles so anzutreffen, wie sie es verlassen hatte.
   Mit letzter Kraft zog sie sich zu ihrem Rastplatz hoch, das Herz voller banger Erwartungen. Was sie erblickte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Da saß Jakob, nahezu aufgerichtet und unterhielt sich mit einem Fremden! Einem Mann, den Anna noch niemals gesehen hatte.
   Sie duckte sich hinter einen Stein, beobachtete die beiden einen Augenblick. Woher kam der Fremde? War er es, der sie beim Baden beobachtet hatte? Sie musste ein Geräusch gemacht haben, denn beide Köpfe drehten sich gleichzeitig zu ihr um. Jakobs Mund formte ihren Namen. Der Fremde lächelte, stand auf und kam auf sie zu. Er reichte ihr eine erstaunlich saubere Hand. Er musste am Wasser gewesen sein. Anna versteckte ihre Hände hinter dem Rücken, wie es nur Kinder tun. Sie wusste nicht, wer er war und sie wollte ihn nicht hier haben.
   Der Fremde schien ihre Abneigung zu spüren. Er ging zu seinem Sack und zog ein Kaninchen hervor. Das Tier war schon gehäutet, jetzt erblickte Anna auch das Fell, das frisch gesäubert auf einem Stein zum Trocknen ausgelegt war. Der Fremde zeigte unbeholfen auf das Tier und dann auf sie drei. Er wusste also bereits, dass sie ihn nicht hören konnte. Oder sprach er nicht ihre Sprache? Anna blickte Jakob an, der lächelte und die Hand des Fremden ergriff. Freund, formten seine Lippen. Freund oder vielleicht auch einfach nur Heu oder Feuer. Woher wollte sie das wissen? Sie konnte keine Lippen lesen, sie konnte überhaupt nicht lesen und hören konnte sie auch nicht.
   Der Fremde hielt ihr noch immer das Kaninchen entgegen. Es war etwas zu essen. Etwas Gutes. Sie konnten das Fleisch braten und von den Knochen eine gute Suppe kochen. Das würde Kraft bringen, für sie und Jakob, der sie gut brauchen konnte und auch für den Fremden, denn er ließ keinen Zweifel daran, dass er mit ihnen essen wollte.
   Anna nahm das Kaninchen und machte sich an die Arbeit. Sie nahm das Tier aus und entfernte sich widerwillig von ihrem Bruder, um nach frischen Kräutern zu suchen, die dem Fleisch einen guten Geschmack geben würden. Als sie zurückkam, lag ein Säckchen neben dem Tier auf dem Stein, den Anna für die Essensvorbereitungen mit frischem Wasser geschrubbt hatte. Der Fremde war verschwunden. Anna sah ihren Bruder fragend an. Er machte eine Handbewegung, als würde er Wasser schöpfen.
   Richtig, der Topf war weg. Gut, wenn er sich nützlich machte.
   Anna öffnete das Säckchen und erschrak. Es enthielt ein kleines Vermögen. Dort lag echtes Salz. Sie brauchte die Finger nicht in die weißen Körner zu tauchen, sie erkannte das Aussehen und den Geruch des weißen Goldes. Vorsichtig rieb sie den Hasen mit einigen Körnern Salz ein, gab die Kräuter dazu und spießte den Braten auf einen Birkenzweig, den Jakob vorsichtig von der Rinde befreit hatte. Der Fremde war zurückgekommen. Zusätzlich zu dem Wassertopf, den sie die ganze Zeit bereits nutzten, hatte er ein weiteres Gefäß mit Wasser dabei. Es handelte sich um einen Holzeimer, wie Anna ihn in der Schmiede und bei wohlhabenden Bauern gesehen hatte. Auch die Stiefel des Fremden hatten einmal einem reichen Mann gehört. Sie waren aus feinem Leder gearbeitet und am Schaft so weit, dass der Mann problemlos seine beiden Fäuste zusammen mit seinem Bein hineinpacken könnte. Sie standen in seltsamem Gegensatz zu den zerschlissenen Beinkleidern und dem fadenscheinigen Wams, das sich über ein ehemals helles Hemd schloss. Nur die Kopfbedeckung des Fremden passte zu den Stiefeln. Es war ein breitkrempiger Hut, an dem sicherlich einmal eine Fasanenfeder geprangt hatte. Stattdessen hing nun eine vertrocknete Ähre an der Krempe. Ein seltsamer Schmuck für einen Mann.
   Anna bemerkte, wie ein leichtes Lächeln ihre Mundwinkel hob. Der Fremde sah es auch. Er zeigte auf sich und sein Mund formte ein Wort. Sicherlich wollte er sich vorstellen. Sie nannte ihren Namen, ignorierte jedoch die ausgestreckte Hand. Warum war er hier?
   Der Fremde wiederholte die Geste. Seine Lippen bewegten sich langsam. Er spitzte den Mund, als wollte er ein U aussprechen. Als Nächstes erkannte Anna ein A und ein F. »Uaf«, sagte sie, oder glaubte, es zu sagen. Er lachte. Seine Augen blinzelten und sein Gesicht wirkte freundlich. Sie wiederholte das Wort.
   Auch Jakob lachte, sie sah es deutlich. Er klopfte sich auf die Schenkel. Anna lachte mit ihnen. Das geräuschlose Gelächter nahm ihr den Atem und trieb ihr Tränen in die Augen. Plötzlich weinte sie. Anna schloss die Augen und hörte ihr Schluchzen als tonlosen Widerhall in ihrem Kopf. Der Hals tat ihr weh, die Ohren schmerzten von der ungewohnten Stille. Sie glaubte, Geräusche und Stimmen zu vernehmen, vernehmen zu müssen. Vage erinnerte sie sich an einen Bauern, der seine linke Hand verloren hatte und Stein auf Bein schwor, dass genau diese Hand ihm ständig Schmerzen verursachte. So war es nun mit ihren Ohren. Sie hörte Dinge, die sie nicht hören konnte, nur weil sie die Stille plötzlich nicht mehr ertrug.
   Dann erklang ihr Name. Weit weg und dennoch deutlich. Anna setzte sich an den Stein. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie der Fremde das Feuer schürte und eine Vorrichtung aus zwei Astgabeln baute, auf denen er das Kaninchen braten wollte. Das tat er nicht zum ersten Mal.
   Sie schloss die Augen erneut, blendete alles Trennende aus. Die Frau im Stein rief ihren Namen.
   Anna, wo bist du? Wer, verdammt noch mal, bist du?
   Sie fluchte. Niemand hatte Anna darauf vorbereitet, dass Sagengestalten fluchen würden. Aber warum auch nicht?
   Ich bin hier, antwortete sie in Gedanken. Hier im Steinbruch und höre auf das, was du mir sagst.
   Ich werde verrückt. Ganz sicher, ich werde verrückt.
   Was für ein schreckliches Schicksal hatte die Frau im Stein erlitten? Was konnte sie tun, um sie zu befreien? Denn dass es darauf hinauslief, darüber war sich Anna plötzlich ganz klar. Es lief immer darauf hinaus. Sagengestalten halfen, um selbst Hilfe zu bekommen und am Ende wurden sie von einem schrecklichen Fluch befreit. Von einer Jungfer und das war sie. Noch nie war sie mit einem Mann zusammen gewesen und dank der umsichtigen Handlungsweise ihres Vaters war ihr auch an dem schrecklichen Morgen nichts widerfahren.
   Was für ein Fluch liegt auf dir?, fragte Anna und strich dabei nahezu zärtlich über den rauen Stein.

*

Antonia hob den Kopf. Sie war auf dem Sofa eingeschlafen, die Schuhe noch an den Füßen, und hatte von Anna geträumt. Einer Anna, die unbeirrt darauf vertraute, dass Antonia ihr half. Gleichzeitig hatte Anna ihr ebenfalls Hilfe angeboten. Was für eine Hilfe konnte das sein?
   Von welchem Fluch sprach sie? Antonia schnippte die Schuhe von den Füßen und stand auf, um sich einen Kaffee zu kochen. Sie fühlte sich noch immer vollkommen erschöpft, auch wenn ein Blick auf die Uhr zeigte, dass sie über eine Stunde geschlafen hatte.
   Wenig später saß sie mit ihrer Tasse auf dem Balkon und blickte in den trüben Aprilnachmittag. Sie versuchte, sich an ihren Traum zu erinnern. Von einer Frau im Stein war die Rede und Antonia war sich seltsamerweise sicher, dass Anna sie damit meinte. Sie schnappte sich ihr Notebook, öffnete die Suchmaschine und tippte »Die Frau im Stein« ein. Google gab sich reichlich Mühe und zeigte etliche Webseiten an, die von Charlotte von Stein handelten, Goethes langjährigen Geliebten. Antonia suchte weiter. Sie fand einige Sagen von Steinen, aber keine von einer Frau im Stein. Einzig eine Sage erschien ihr vielversprechend, in der eine Frau in einen Stein verwandelt worden war. Der Stein, ein alter Menhir, stand in der Nähe von Carnac in der Bretagne. Antonia kannte diese Region von einer Reise, aber auch diese Geschichte half ihr nicht weiter.
   Ratlos starrte sie ihren Computer an. Einer plötzlichen Eingebung folgend gab sie »Märchen und Sagen aus Oberhessen« ein. Wenn es eine Frau im Stein gab, dann müsste sie doch in einer dieser regionalen Sagen erwähnt werden. Es gab für die Region Oberhessen 2000 Sagen und 150 Märchen, das schrieb die Oberhessische Zeitung. Selbstverständlich war dieser Geschichtenschatz nirgends im Internet zu öffnen. Antonia fand ein paar Bücher, teilweise sehr alte Auflagen, die zu hohen Preisen gebraucht zu kaufen waren. Der alte Herr Britz fiel ihr ein. Er war Lehrer und hatte sogar mal Heimatkunde unterrichtet. Ihn würde sie fragen. Vielleicht bekam sie ja eine hilfreiche Antwort.
   Antonia klappte den Rechner zu und schnappte sich ihr Buch. Jetzt würde sie einfach den Rest des Nachmittags und den ganzen Abend auf ihrem Liegestuhl liegen und ihren Krimi lesen. Da klingelte es.
   Es kam nicht oft vor, dass jemand unangemeldet vor ihrer Tür stand. Vielleicht war es Mama, die im Reisebüro vorbeigeschaut hatte und sich jetzt schon wieder Sorgen um sie machte? Etwas missmutig drückte Antonia auf den Öffner, ließ die Tür auf und schlappte zurück in die Küche, um die Kaffeemaschine in Gang zu setzen, denn Lisbeth war eine schreckliche Kaffeetante. Ein dunkles Räuspern von der Tür ließ sie zusammenfahren. Antonia drehte sich um, da funkelten Saschas braune Augen sie an.
   Blitzschnell überprüfte Antonia ihr Aussehen. Sie trug eine verbeulte rosa Jogginghose, ein verwaschenes Shirt und zu allem Elend ein paar Socken, die ihren großen Zehen eine gehörige Menge Freiheit verschafften. Warum kam er auch immer in den unmöglichsten Augenblicken? »Was willst du hier?«, fuhr sie ihn an und er machte Anstalten, wieder zu gehen. Das wollte sie allerdings auch nicht. »Komm schon rein.« Sie lächelte und winkte ihm mit ihrem vorwitzigen großen Zeh zu.
   Sascha lachte.
   »Ich bin nicht auf Herrenbesuch eingestellt, sorry. Soll ich mich umziehen?« Toll, sie hörte sich an wie das Mittelding zwischen einem Backfisch und einer alten Jungfrau. Sascha schien es nicht zu merken, im Gegenteil, er war sogar zwei Schritte näher gekommen.
    »Ich wollte nur wissen, wie es dir geht.«
   »Gut, danke.« Schweigen. Wie blöd standen sie hier herum? Wie bestellt und nicht abgeholt. Alle beide. »Mach doch die Tür zu.«
   Sascha schloss die Tür und lächelte.
   »Willst du nen Kaffee?« Das klang doch schon mal ganz gut. »Ich wollte gerade welchen für meine Mutter kochen.«
   »Für deine Mutter? Ist sie da?« Er schien nervös.
   »Nein, sie ist nicht da.«
   »Ähm, ich verstehe.«
   Offensichtlich verstand er nicht. »Ich dachte, weil es klingelte. Also ich dachte, meine Mutter kommt.«
   »Komm ich ungelegen, bist du verabredet?«
   »Nein, ich dachte nur, sonst klingelt keiner. Also ich meine, um diese Zeit.« Was sollte er von ihr denken? Dass sie ein Mauerblümchen war, auf Friedhöfen herumrannte, nur von ihrer Mutter besucht wurde und außerdem Diabetes hatte? Es war hoffnungslos. Antonia beobachtete angestrengt, wie der Kaffee in die bereitgestellte Tasse tröpfelte. Sascha sagte nichts. Es würde sicherlich nur noch Sekunden dauern, bis er schreiend die Wohnung verließ und nie mehr ein Wort mit ihr wechselte. Warum war er überhaupt gekommen?
   »Warum bist du hier?« Wenn ihr Mundwerk doch nur nicht immer so unglaublich schnell wäre.
   »Ich wollte wissen, wie es dir geht. Sagte ich doch schon. Als dein Retter sollte ich mich auch um dich kümmern.«
   »Niemand muss sich um mich kümmern.« Warum war sie nur so schrecklich wütend? »Es tut mir leid.« Schon zum zweiten Mal entschuldigte sie sich, das schien langsam zur Gewohnheit zu werden. Antonia nahm die Tasse und trat auf den Balkon hinaus. Sascha folgte ihr.
   »Ähm, danke noch mal, dass du mich nach Hause gefahren hast.« Was für ein blöder Anfang.
   »Schon in Ordnung, hat mir Freude gemacht und außerdem weiß ich jetzt auch, wo du wohnst. Das ist doch schon mal was.«
   Der Typ war tatsächlich nett und ein Draufgänger war er auch. Genau wie Christian. Und als sie dann mal keine Zeit für ihn hatte, da war er immer noch ein Draufgänger gewesen. Antonia drehte sich um, damit sie seine Augen nicht länger ansehen musste. Sie hatte einfach kein gutes Händchen für Männer und solche, die ihr gefielen, waren sicher nicht gut für sie. Sascha gefiel ihr sogar ausnehmend gut. Antonia hörte, wie der Stuhl auf dem Balkon verschoben wurde. Sie drehte sich um. Er hatte sich gesetzt und zeigte einladend auf ihren Liegestuhl.
   »Ich dachte mir, wenn du dich setzt und die Füße aufs Geländer legst, dann können deine Zehen was von der Welt sehen.«
   »Gute Idee, was glaubst du, warum ich so tolle Socken anhabe, willst du auch welche? Ich könnte dir welche verkaufen.« Sie grinste breit und Sascha lachte.
   Plötzlich war alles ganz einfach. Sascha erzählte von seinem Studium an der Fachhochschule und vor allem von einem der Lehrer, den er so treffend nachmachte, dass Antonia aus dem Lachen nicht mehr hinauskam. Zwischenzeitlich war es dunkel geworden und nicht nur ihre großen Zehen froren. Doch sie wollte in keinem Fall nach drinnen gehen, wollte den schönen Abend nicht einfach so aufhören lassen.
   »Kennst Du Christian schon lange?«
   Der Name riss sie aus ihren Träumen und brachte sie zurück in die kühle Wirklichkeit. Frostig wie der Aprilabend stand Antonia auf. »Mir ist kalt und ich bin müde.«
   »Hab ich was Falsches gesagt?«
   Und ob er was Falsches gesagt hatte.
   »Ich hatte nur den Eindruck, ihr kennt euch länger.«
    »So, hattest du?« Sie klang wie Lisbeth, wenn sie kurz davor war, einen Verkäufer zu zerfleischen. Dabei war es gerade so lustig gewesen.
   »Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Ich kenne Christian erst seit ein paar Wochen. Ich bin mit Julia befreundet, wir studieren zusammen.«
   »Schön, freut mich.«
   Das machte es auch nicht besser, dass er mit Julia befreundet war. Ausgerechnet mit der Frau, die ihr den Freund ausgespannt hatte. Vielleicht war er ja sogar ein Ex von ihr. Dann konnten sie schön »Bäumchen wechsel dich« spielen. Antonia blieb unbeirrt an der Balkontür stehen. Sascha erhob sich. »Ich geh dann mal wieder.«
   »Gute Idee«, ihre Stimme klang so eisig, dass sie befürchtete, ihre Pflanzen würden erfrieren.
   Vor der Haustür drehte er sich noch einmal um und streckte ihr die Hand entgegen. So unhöflich war sie dann doch nicht. Sie griff zu und im nächsten Augenblick hatte er sie an sich gezogen. Er setzte ihr einen Kuss auf die Wange, und ehe sie sich versah, auf die andere auch noch. Er fühlte sich so verdammt gut an.
   »Die Franzosen machen das dreimal«, fügte er mit einem Schmunzeln hinzu und ein kleiner Teufel in Antonia stellte sich auf die Zehenspitze und gab ihm einen dritten Wangenkuss.

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