Nach dem Tod ihrer Eltern zieht die siebzehnjährige Isabel zu ihrer Tante nach Norwegen. Als sie den mysteriösen und attraktiven Kristian kennenlernt und er ihre Gefühle erwidert, scheint endlich alles wieder gut zu werden. Doch der Mord an einer Klassenkameradin wirft einen dunklen Schatten auf ihr Glück. Isabel muss erkennen, dass Kristian Teil einer Welt ist, die es eigentlich nicht geben dürfte. Nach und nach lüftet sie sein Geheimnis und rückt Kristian und sich damit ins Visier der Mörder. Isabel kann Kristian retten, doch der Preis dafür ist hoch: Sie muss Kristian verlassen. Für immer!

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-727-75-9
Kindle: 978-9963-727-77-3
pdf: 978-9963-727-74-2

Zeichen: 434.940

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-727-73-5

Seiten: 288

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Doris Rothweiler

Doris Rothweiler
Doris Rothweiler wurde 1972 in Villingen geboren und wuchs in Blumberg nahe der Schweizer Grenze auf, wo sie mit ihrer Familie auch lebt. Nach einem Studium der Verwaltungswissenschaften machte sie eine Ausbildung zur Lerntherapeutin. Schreiben ist für sie wie Schauspielerei. Nur, dass die Autorin alle Rollen gleichzeitig besetzt. Vom Regisseur bis in die kleinste Nebenrolle hinein. „Darin liegt auch das Spannende in diesem Beruf“, findet Doris Rothweiler. „Jeden Tag aufs Neue zu spüren, dass der eigenen Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.“

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Norwegen 1831

Der Jäger stand in der Mitte der winzigen, kreisrunden Insel, die wie eine Perle aus dem kristallklaren Wasser ragte, und reckte seine Arme dem Blätterdach entgegen, durch das glitzernd das Sonnenlicht fiel. Er stimmte einen klagenden, bittenden Singsang an.
   Kristian kauerte verborgen im Halbschatten der uralten Bäume, die das Seeufer umrundeten. Besorgt drückte er sich dichter an den Stamm. Obwohl dieser alte See in seiner Welt Feenteich, Festjern, genannt wurde, ängstigte ihn die Macht seines Zaubers.
   Noch viel mehr als diesen heiligen Ort aber, fürchtete er den Morgen. Dann würde der Jäger sein Gebet beendet haben und die Spur seines neuesten Opfers aufnehmen.
   Der Gesang des Jägers steigerte sich zu einem wilden Gejohle, während er begann, mit langen Schritten das Ufer der Insel abzuschreiten. Obwohl er inmitten einer kleinen Lichtung an der Südküste Norwegens stand, fühlte sich Kristian an die Kriegstänze der Indianer erinnert, die er vor Kurzem erst besucht hatte. Aber dies hier war kein Abenteuerausflug mit Lagefeuerromantik. Dies war bitterer Ernst. Tödlicher Ernst, wenn es ihm nicht endlich gelingen würde, den Jäger aufzuhalten.
   Seine Gedanken schweiften zu dem Mädchen ab, das der Jäger in den letzten Wochen nicht aus den Augen gelassen hatte.
   Sie würde die Nächste sein.
   Kristian ballte die Hände zu Fäusten. Er drehte sich um und schlich gebückt durch die dichten Hecken, die den Festjern umgaben.
   Diesmal nicht!
   Er biss die Zähne zusammen, bis sein Kiefer schmerzte.
   Diesmal würde er vorher da sein.

Kapitel 1

Zum ersten Mal seit Wochen empfand Isabel so etwas wie Frieden.
   Sie stand auf dem riesigen Felsplateau etwa dreißig Meter über dem Fjord, blickte auf die tanzenden Lichtblitze auf dem Wasser unter ihr und hörte in der Erinnerung die Stimme ihres Vaters.
   »Die Fischer sagen, es sind die Seelen der Toten, die im Sonnenschein auf dem Wasser glitzern.«
   Jetzt war er selbst so ein winziges, silbernes Pünktchen, das funkelnd auf dem unendlichen Blau des Meeres blinkte. Genau wie ihre Mutter.
   Der Wind streichelte tröstend über ihre Haut, verfing sich in ihren Haaren und ließ die Strähnen auf und ab wirbeln. Die wenigen Schweißtropfen, die ihr nach dem Aufstieg auf Nase und Stirn gestanden hatten, hatte der Wind bereits getrocknet.
   Es war das erste Mal seit vier Monaten, dass sie am Rand der Klippen stehen konnte, ohne sich vorzustellen, wie es wäre, die Augen zu schließen, sich umzudrehen und sich einfach fallen zu lassen. Würde es wehtun? Oder würden die liebenden Arme ihrer Eltern sie auffangen und über jene Schwelle tragen, vor der die meisten Menschen sich mehr fürchteten als vor irgendetwas sonst?
   Isabel wischte hastig leise Tränen aus den Augen. Dummer Wind, dachte sie wütend. Dabei hatte sie sich vorgenommen, nicht mehr zu weinen. So schrecklich war es hier schließlich nicht. Sie mochte Norwegen, und in Emily und Morten hatte sie gute Freunde gefunden. Außerdem hatte sie ihrem Vater versprochen, dass sie nicht aufgeben, dass sie sich nicht unterkriegen lassen würde.
   Es war leicht gefallen, dieses Versprechen zu geben, als er noch lebte. Es einzuhalten, nachdem er sie ganz allein zurückgelassen hatte, war unendlich schwerer.
   Jetzt jedenfalls war sie hier. In Norwegen. Dem Land, in dem ihre Mutter geboren und aufgewachsen war. Dem Land, in dem sich ihre Eltern kennengelernt und sich ineinander verliebt hatten. Dem Land, in dem ihre Mutter verunglückt und kurz darauf gestorben war.
   »Ich hasse dich«, rief Isabel, als die Trauer über alles, was sie verloren hatte, sie überwältigte. Dabei hätte sie noch nicht einmal sagen können, ob sie damit das Land, das Schicksal, den Tod oder sich selbst meinte. Aber das war auch egal, denn im Grunde meinte sie sowieso alles. Und jeden.
   »Hass ist ein verdammt endgültiges Wort«, sagte eine Stimme hinter ihr.
   Isabel fuhr herum. »Was?«
   Ein Junge, nicht viel älter als sie, neunzehn, vielleicht auch zwanzig, schätzte sie, trat neben ihr an den Abgrund, den Blick auf den strahlend blauen Horizont gerichtet. Er war groß und schlank, eher drahtig als muskulös und sein schmales Gesicht wirkte selbst für skandinavische Verhältnisse ungewöhnlich blass. Aber er hatte die aufrechte Haltung eines Zulu-Kriegers. Um seine Lippen spielte ein Lächeln. »Da habe ich mich noch nicht einmal vorgestellt und schon werde ich gehasst.«
   Seine Stimme hatte trotz der harten, norwegischen Sprache einen weichen Klang. Er streckte ihr eine Hand entgegen. »Hi, ich bin Kristian.«
   Isabels Wangen brannten. »Ich habe doch nicht …«
   »Natürlich nicht. Sein Lächeln wurde breiter. »Aber deine Worte klangen irgendwie so …« Er machte eine kurze Pause. »Als würdest du einfach alles meinen.«
   Zum ersten Mal sah Isabel ihn richtig an. Seine Augen waren grau wie das Meer an einem stürmischen Tag und in seinem rechten Nasenflügel zeigte ein winziges Loch, wo er einmal ein Nasenpiercing getragen hatte. Sie wusste immer noch nicht, wie sie auf das plötzliche Erscheinen des Jungen reagieren sollte. Die Art, wie er mit ihr sprach und auch die Art, wie er sie ansah, irritierten sie. Sie hatte das Gefühl, ihm gegenüber im Nachteil zu sein. So, als würde er sie schon eine lange kennen.
   »Schön hier oben, nicht wahr?«
   In seinen Augen las Isabel einen Hauch von gutmütigem Spott.
   »Kommst du oft hoch, oder nur, wenn du der Welt sagen willst, dass sie dich mal kann?«
   Trotz ihres Ärgers musste Isabel lachen. »Beides«, sagte sie. »Ich steige immer dann auf den Stin, wenn ich in dieser Stimmung bin, also bin ich wohl tatsächlich ziemlich oft hier oben.«
   »Hm …« Er blickte wieder auf das Meer, das heute fast so glatt wie ein Spiegel war. Sein Gesicht nahm einen wehmütigen Ausdruck an. »Ich bin früher auch oft hier hochgestiegen.« Er seufzte. »Aber das war in einem anderen Leben.«
   Klar, du bist ja auch schon uralt, dachte Isabel und wünschte sich, endlich den Blick von seinen Augen lösen zu können, die jetzt, da sie noch einmal genauer hingeschaut hatte, eher an flüssigen Stein erinnerten.
   »Wie heißt du eigentlich?« Seine Stimme riss sie aus ihren albernen Überlegungen. »Wenn ich schon gehasst werde, möchte ich zumindest wissen, von wem.« Er zwinkerte ihr neckisch zu.
   »Ich?«
   Belustigt sah er sich um, als würde er nach anderen Anwesenden suchen. »Siehst du außer uns noch jemanden?«
   »Nein, natürlich nicht«, murmelte Isabel und wäre jetzt am liebsten doch von der Klippe gesprungen. Dann konnte sie sich wenigstens nicht noch mehr blamieren. Trotzdem stellte sie sich aufrecht hin und streckte ihm so würdevoll wie möglich die Hand entgegen. »Ich heiße Isabel.«
   Kristian deutete eine kleine Verbeugung an. »Ein schöner Name«, sagte er, setzte sich an den Rand der Klippe und ließ seine Beine über den Abgrund baumeln.
   »Man bekommt eine Ahnung von der Ewigkeit, wenn man sich überlegt, wie uralt diese Felsen hier sind.« Er schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein, doch als sich Isabel nach kurzem Zögern neben ihn setzte, lächelte er sie an.
   »Meine Mutter hat mir eine Geschichte über die Entstehung der Schären erzählt. Kennst du sie?«
   Kristian hob den Kopf. Er sah überrascht aus. »Eine Geschichte? Nein. Die kenne ich sicher nicht.« Er legte den Kopf schief und sah sie aufmunternd an. »Erzählst du sie mir?«
   »Nun …« Isabel versuchte, sich an die Worte zu erinnern. »Es ist eine Geschichte für Kinder«, sagte sie entschuldigend, »aber ich finde sie trotzdem ganz nett. Also: Eines Morgens beschloss der liebe Gott, dass er Perlen sammeln wollte.«
   Kristians Blick ruhte auf ihrem Gesicht.
   Turmalin, schoss es durch ihren Kopf. Seine Augen hatten die Farbe eines Turmalins. Ihre Stimme zitterte leicht, als sie fortfuhr. »Er war auch ziemlich erfolgreich. Die Muscheln öffneten sich, sobald er sie berührte, und gaben ihm bereitwillig ihre kostbaren Schätze. Auf diese Weise sammelte Gott in einer knappen Stunde einen Eimer voller Perlen, obwohl er doch die ganze Ewigkeit Zeit gehabt hätte. Auf dem Weg zum Himmel aber stolperte er und der Eimer fiel ihm aus der Hand. Die Perlen rollten überall herum. Eine hierhin und eine dorthin.« Isabel hatte die Augen geschlossen. Es fiel ihr leichter zu reden, wenn sie dabei nicht in dunkelgraue Augen blickte. »Als sich der liebe Gott wieder aufgerappelt hatte und er nach den Perlen suchte, gefielen sie ihm in dem blauen Wasser so gut, dass er sie einfach liegen ließ. Im Laufe der Zeit versteinerten sie und so sind die Schären entstanden.«
   »Das ist eine schöne Geschichte.« Um Kristians Mund spielte ein warmes Lächeln. »Sie sehen wirklich aus wie riesige Perlen, die ins Meer gefallen sind, wenn man sie von oben betrachtet.« Er deutete auf die halbrunden, kuppelförmigen Inselchen, die sich kilometerweit vor ihnen ausdehnten.
   Eine Weile schwiegen sie, versunken in ihre eigenen Gedanken.
   »Woher kommst du eigentlich? Du sprichst zwar sehr gut Norwegisch, aber, ohne dir zu nahe treten zu wollen, du hast einen ziemlich niedlichen Dialekt.«
   »Ich komme aus Deutschland. Aber meine Mutter war Norwegerin.«
   »Und jetzt machst du Urlaub? Oder bleibst du länger?«
   Die Frage traf Isabel nicht unerwartet. Im Gegenteil. In den letzten Monaten war sie ihr sogar sehr häufig gestellt worden. »Irgendwie ist es ein bisschen von beidem«, sagte sie vage. Im Augenblick konnte sie sich nicht vorstellen, den Rest ihres Lebens am Skagerrak zu verbringen.
   »Und du?«, fragte sie zurück. »Bist du über die Sommerferien in Nipe?« Die Vermutung lag nahe. Das kleine Nest, in das es Isabel verschlagen hatte, beherbergte im Sommer beinahe dreihundert Menschen. Die meisten davon waren Feriengäste aus Oslo, die sich an der Südküste Norwegens, ein Ferienhaus leisten konnten. Im Winter hingegen lebten in Nipe nur dreiundvierzig Seelen. Isabel eingeschlossen.
   Kristian grinste. »Wie kommst du darauf? Und sag jetzt bloß nicht, dass ich wie die aus Oslo sprechen würde.«
   In Norwegen gab es Hunderte regional begrenzter Mundarten. Da in und um Oslo, was bei den Bewohnern der Hauptstadt wie »Uschlu« klang, die meisten Norweger lebten, hatte sich dieser weich klingende Dialekt als eine Art »Hochnorwegisch« durchgesetzt. Hier unten im Süden hörten sich die Leute eher an, als hätten sie einen Frosch im Hals.
   »Nein, aber du bist nicht viel älter als ich und ich habe dich nie an meiner Schule gesehen«, erklärte sie ihren Verdacht. »Vielleicht hast du ja früher hier gewohnt und lebst jetzt in Oslo?«
   »Vielleicht bin ich dir auch nur nicht aufgefallen.«
   Isabel hätte beinahe schallend gelacht. Wenn ihr ein Junge wie er nicht sofort ins Auge gestochen wäre, müsste sie dringend einen Termin beim Augenarzt vereinbaren. Kristian sah umwerfend aus. Er hatte, bei aller Freundlichkeit, dieses gewisse Etwas, das ihn unnahbar oder besser noch, unerreichbar scheinen ließ und das den Mädchen sicher reihenweise den Kopf verdrehte. Seine Augen waren von einem unergründlichen Grau und glänzten wie eine Mischung aus Onyx und Rauchquarz. Endlich hatte sie einen Vergleich gefunden, mit dem sie zufrieden war. Am faszinierendsten aber war der feine Schwung seiner Wangen, seines Kinns, seiner Augenbrauen. Fang bloß nicht an zu sabbern, dachte Isabel und spürte, wie ihre Wangen erneut zu brennen anfingen.
   »Du liegst völlig richtig«, sagte Kristian in ihre Gedanken hinein und Isabel war froh, dass sie im Gesicht ohnehin einen leichten Sonnenbrand hatte. So würde ihre Tomatenröte nicht auffallen. »Ich bin hier aufgewachsen.« Er senkte den Kopf. Der Schmerz, der aus seinen Worten klang, traf Isabel mitten ins Herz. »Aber das ist schon so lange her, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass es nie wahr gewesen ist.«
   Isabel unterdrückte den Impuls, seinen Kopf an ihre Schulter zu lehnen und tröstend über seine Haare zu fahren, gerade noch rechtzeitig. Um das Zucken ihrer Hand zu überspielen, strich sie sich eine vorwitzige Strähne ihrer eigenen, straßenköterbraunen Haare hinter das Ohr. »Dann kennst du sicher auch Morten und Emily?« Die nächsten Worte purzelten einfach aus ihr heraus. »Vielleicht können wir ja alle mal was miteinander unternehmen.« Am liebsten hätte sie sich den Mund zugehalten. Die Abfuhr kannst du dir selbst zuschreiben, dachte sie und kniff die Lippen zusammen.
   Kristians Gesicht nahm einen melancholischen Ausdruck an. »Ich fürchte, da wird nichts draus«, sagte er prompt.
   War ja klar. Warum musste sie auch so vorlaut sein.
   »Aber dich würde ich gern wiedersehen.«
   Isabel musste sich vergewissern, dass ihr Mund nicht offen stand. »Echt?« O Mann! Warum konnte sie nicht einfach nur unverbindlich lächeln und so etwas sagen wie: Das freut mich. Klar. Das lässt sich einrichten …
   Kristian lachte und legte den Kopf schief. »Ja, ich finde dich sehr nett.«
   Jetzt musste sich Isabel nicht mehr anstrengen, den Mund zu halten. Es hatte ihr schlicht und ergreifend die Sprache verschlagen. Ihr Blut schien mit doppelter Geschwindigkeit durch ihre Adern zu rasen. Nach einer Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, murmelte sie ein verlegenes »Danke.« Zum ersten Mal seit Monaten bekam sie wieder eine Ahnung davon, wie es sich anfühlte, zu leben.
   Befangen starrte sie auf das glitzernde Meer, als Kristian unvermittelt aufstand. Das freundliche Lächeln auf seinem Gesicht war verschwunden. Er sah aus, als würde er angestrengt versuchen, etwas zu hören. Sein Blick war in die Ferne gerichtet. »Verdammt! Das darf doch nicht wahr sein!«
   Hätte Isabel die Veränderung beschreiben müssen, sie hätte geschworen, dass die Temperatur um ein paar Grad gesunken war. Als Kristian eine Hand hob, verstummte sie. »Ist was?«
   Es dauerte eine Weile, bis sich seine Miene glättete. »Es ist alles in Ordnung«, sagte er schließlich, doch der Klang seiner Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht die Wahrheit sagte.
   Wie er so dastand, erinnerte er sie an ein Radargerät, das Mal hierhin und Mal dorthin schwenkte, um ein undeutliches Signal aufzufangen.
   »Ich habe einen wichtigen Termin vergessen und muss sofort weg. Leider.« Er wirkte abgelenkt. So, als würde er mit ihr sprechen und gleichzeitig jemand anderem zuhören. »Sehen wir uns wieder? Hier? Morgen?«
   Isabel nickte, doch noch ehe sie fragen konnte, um welche Uhrzeit sie sich treffen sollten, war Kristian verschwunden.

Kapitel 2

Als er den Rand des kleinen Wäldchens erreicht hatte, blieb Kristian stehen und ließ seinen Blick über den dunklen Vorhang aus Kiefern- und Tannenzweigen gleiten. Auch wenn absolut nichts Verdächtiges zu erkennen war, fürchtete er sich beinahe davor, den nächsten Schritt zu tun. Alles in ihm schrie nach Flucht.
   Er hatte es zuerst nicht glauben wollen, als die Welle aus reiner Energie ihn erfasst hatte. Trotzdem war er sofort aufgebrochen, obwohl kein Zweifel daran bestand, dass er zu spät kommen würde.
   Schon wieder!
   Er konnte es sich nicht erklären. Er hatte den Jäger doch nicht aus den Augen gelassen. Und Isabel war das Mädchen, das seine Gedanken beherrscht, nach dessen Leben er getrachtet hatte. Kristians Magen krampfte sich zusammen, als er daran dachte, dass er sie vielleicht genauso wenig würde beschützen können wie die anderen. Das Mädchen hatte etwas, das ihn bewegte. Und sie war hübsch, wie er sich eingestehen musste. Sehr hübsch sogar. Sofort sah er ihre hellbraunen Augen vor sich, die ihn an feinen, von der Sonne aufgewärmten Sand erinnerten.
   Widerwillig setzte er einen Fuß vor den anderen, teilte die dichten Zweige, schritt durch sie hindurch und ließ sie wieder an ihren Platz zurückgleiten.
   Sofort umfing ihn drückende Stille.
   
   »Bitte!« Das erstickte Flehen eines fremden Mädchens drang an sein Ohr. »Bitte! Du tust mir weh!«
   Kristian fuhr herum und suchte den Waldrand in der Richtung ab, aus der das Flüstern gekommen war. Sie lebte!
   Er stürmte los.
   »Wehr dich nicht.« Die Stimme des Jägers klang zärtlich. Liebevoll. »Gleich ist es vorbei. Du wirst nicht umsonst gestorben sein, das verspreche ich dir.«
   Er hörte das Mädchen röcheln, dann legte sich über die kleine Lichtung endgültig ein Tuch aus Stille.
   Kristian blieb stehen. Vor ihm, etwa zweihundert Meter entfernt, lag die zusammengekauerte Gestalt des Mädchens auf einem weichen Teppich aus Moos. Über ihr, die Augen geschlossen und die Arme im Triumph erhoben, stand breitbeinig der Mann, den Kristian am wenigsten hatte sehen wollen auf dieser Welt.
   Roald Smeby!
   Und um ihn herum flimmerte und knisterte die Luft, als wäre sie elektrisch aufgeladen, während sein Körper wieder und wieder wie vom Blitz getroffen zusammenzuckte.
   Kristian konnte seinen Blick nicht von dem leblosen Körper wenden, den Smeby wie ein Kleidungsstück, das nicht mehr gebraucht wurde, auf den Boden geworfen hatte.
   In seinem Kopf brauste ein einziges Wort, das er dem Jäger in stummem Entsetzen entgegenschrie: Mörder!

Kapitel 3

Als Isabel mit klopfendem Herzen aufwachte, schien die Sonne bereits durch ihr Fenster. Sie musste nicht lange darüber nachdenken, was sie geträumt hatte. Der Name Kristian hing wie Parfum in der Luft.
   Nach einem Blick auf ihren Wecker floh sie förmlich aus dem Bett. Schon nach zwölf. Vielleicht wartete er ja bereits auf dem Stin auf sie. Oder er hatte gewartet und war schon wieder gegangen. Vielleicht war er ja erleichtert gewesen, dass sie verschlafen hatte. Blödsinn! Dann hätte er nicht gesagt, dass er sie nett fand. Das Lächeln, das der Traum auf ihren Lippen hinterlassen hatte, wurde breiter. Sie duschte, schlüpfte in kurze Jeans und ein leichtes, weißes T-Shirt und lief, so schnell sie konnte, die Treppe hinunter in den Garten.
   »Na? Auch schon wach? Hör mal: Kannst du bitte den Tisch decken?«
   Christine, die jüngere Schwester ihrer Mutter und Isabels einzige Verwandte, stand mit farbverschmierten Klamotten vor einem wahren Ungeheuer aus Blech und Stahl. Ihre blonden Haare hingen ihr wild ins Gesicht und ein breiter Streifen rostbrauner Farbe zeigte, wo sie sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn gewischt hatte.
   »Was wird das, wenn es fertig ist?«
   Ihre Tante warf ihr einen komisch verzweifelten Blick zu. »Also ehrlich. Wie kann ein so junger Mensch nur so wenig Fantasie haben?«
   »Ich weiß.« Isabel grinste. »Aber was man nicht ändern kann, sollte man nicht beklagen. Also, was soll das Ding darstellen?« Isabel mochte die Leichtigkeit, mit der Christine das Leben nahm. Eigentlich bewunderte sie ihre Tante sogar dafür. Und Christine versuchte wirklich, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, Isabel ihre Traurigkeit vergessen zu lassen. Das Problem war nur, dass sie ihr nicht ersetzen konnte, was ihr fehlte.
   Isabel seufzte.
   Sie war ungerecht. Christine und Andreas gaben sich alle Mühe mit ihr. Und es war ihr durchaus klar, dass sie es ihnen nicht unbedingt leicht machte. Ihre Bemühungen, sie abzulenken, sie ihren Verlust nicht spüren zu lassen, waren rührend.
   Aber es war schon schwer genug, es einer normalen Siebzehnjährigen recht zu machen. Bei einer verwaisten Siebzehnjährigen war es ein Ding der Unmöglichkeit.
   »Diesmal musst du selbst draufkommen.« Christine klang wie eine geduldige Lehrerin. »Du musst lernen, deinen Blick für die Dinge zu schulen, die nicht offensichtlich sind. Die du nur fühlen und nicht mit dem Verstand erfassen kannst.«
   Isabel hielt es für besser, sich nicht auf eine Diskussion über den Sinn und Unsinn solcher Aussagen einzulassen und schnupperte stattdessen. Über dem Garten hing der vertraute Geruch qualmender Holzkohle.
   »Grillen wir?«
   »Nö, wieso?«
   »Weil du Feuer gemacht hast.«
   »Ach verdammt!« Christine ließ den Stofflappen fallen, an dem sie ihre Pinsel abgewischt hatte und rannte ins Haus. »Das schöne Essen!«
   Als Isabel ihr in die Küche folgte, entsorgte Christine gerade mit traurigem Gesicht die Reste der verkohlten Lasagne im Müll. Isabel konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und nahm ihre Tante tröstend in den Arm. Von zehn Mahlzeiten, die Christine zubereitete, landeten sicher sechs bis zur Unkenntlichkeit verbrannt im Abfall. Das lag weniger an ihren Kochkünsten, Schuld daran war vielmehr die Tatsache, dass ein profaner Topf voller Essen für ihre Tante jegliche Bedeutung verlor, sobald sie sich herzlich von der Muse geküsst fühlte. Wenn sie es aber einmal schaffte, mit dem Kopf bei der Sache zu bleiben, schmeckten ihre Gerichte ausgezeichnet.
   »Ich hole einen Lachs aus der Tiefkühltruhe«, rief Isabel und machte sich auf den Weg in den Keller. Ihr Magen knurrte gewaltig. Schließlich hatte sie ja schon das Frühstück verschlafen.
   »Nein, warte.« Ihre Tante stand oben an der Treppe und sah zu ihr herunter. »Lass es. Wir müssen heute sowieso nach Arendal zur Kontrolle.« Ihre Hand wanderte zu ihrem Bauch. »Wir können dort essen.«
   Isabel wurde heiß. Richtig. Sie hatte ihrer Tante versprochen, sie zum nächsten Termin zu begleiten. Christine war mit Anfang vierzig eine späte Schwangere. Aus diesem Grund hatte sie sich für eine Fruchtwasseruntersuchung entschieden, vor der sie panische Angst hatte. Da Andreas einen wichtigen Termin hatte, den er nicht verschieben konnte, hatte Christine sie gebeten, ihr die Hand zu halten.
   »Stimmt ja«, erwiderte sie enttäuscht. So würde sie Kristian sicher verpassen. Und sie hatte weder seine Telefonnummer noch sonst eine Möglichkeit, ihm Bescheid zu geben, weshalb sie ihre Verabredung nicht einhalten konnte. Sie stellte sich vor, wie sie sich an seiner Stelle fühlen würde, und wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen. Sie würde ihn keines Blickes mehr würdigen.
   »Ist was?« Christine sah sie skeptisch an. »Du siehst aus, als hättest du Rosenkohl essen müssen.«
   Christine hasste Rosenkohl.
   »Nein, alles klar. Ich hatte nur den Termin vergessen.«
   »Und jetzt hast du dir etwas anderes vorgenommen?«
   Ja!
   »Nein. Nichts Bestimmtes zumindest.«
   Christine hatte viel zu viel für sie getan, als dass sie sie jetzt im Stich lassen konnte. Der Blick ihrer Tante wurde weich. »Es wird auch nicht lange dauern. Danach kannst du tun und lassen, was du willst.« Sie griff nach dem Wagenschlüssel. »Komm. Vielleicht kann er uns zwischendurch reinschieben, wenn wir früher da sind.«
   Isabel bezweifelte das zwar, nickte aber und kletterte auf den Beifahrersitz des alten Geländewagens. Verstohlen warf sie einen Blick auf den Stin, dessen Kuppe menschenleer über ihr thronte. Vielleicht würden sie Christine wirklich vorher drannehmen, dachte sie und faltete ihre Hände. Aber allein der Weg nach Arendal dauerte mehr als eine halbe Stunde. Dann musste sie noch Wartezeit und Untersuchung einrechnen. Noch einmal dreißig Minuten zurück. Isabel seufzte. Sie würde es nie rechtzeitig schaffen.

»Was machst du hier?« Der Jäger tauchte unvermittelt an Kristians Seite auf. »Das ist mein Territorium.«
   Sie standen auf der flachgespülten Plattform, die die höchste Stelle des Hyggestins bildete, und starrten einander finster an. Kristian ballte die Hände zu Fäusten. »Ich werde nicht zulassen, dass du noch mehr unschuldige Menschen tötest!«
   Der Jäger umkreiste ihn wie ein Raubtier, das auf den richtigen Augenblick wartete, zuzupacken. »Nein?« In seinen Augen blitzte es belustigt auf. »Und wie genau willst du das verhindern?«
   »Das weiß ich nicht«, gab Kristian zu. Lügen machte in einer Welt, in der jeder die Gedanken des anderen lesen konnte, keinen Sinn. Zumindest hatte er das bisher angenommen. Doch dass der Jäger gestern das arme Mädchen umbringen konnte, ohne dass sie vorher in seinen Gedanken erschienen war, hatte ihm gezeigt, dass es möglich sein musste, seinen Geist zu verschließen.
   »Nun.« Der Jäger grinste. »Wenn ich wetten müsste, würde ich nicht auf deinen Sieg setzen.« Er wirkte ausgesprochen zufrieden. Dann machte er zwei schnelle Schritte auf ihn zu. »Misch dich nicht in eine Sache, die du nicht verstehst, Kristian.« Für einen Augenblick erkannte er in seinen Augen die alte Freundschaft. »Du hast keine Ahnung, mit welchen Kräften du dich anlegen willst.«
   Kristian ließ den Jäger nicht aus den Augen.
   »Dann kläre mich auf, Smeby! Warum mussten diese Mädchen sterben?«
   »Weil es der einzige Weg ist.«
   »Der einzige Weg wohin?« Kristian fühlte den Schmerz des anderen in sich brennen, als wäre es sein eigener.
   »Das musst du selbst erkennen.« Smebys Blick wurde wieder hart, die Miene verschlossen. »Aber gleichgültig, ob du es herausfindest, oder nicht. Du kannst das Mädchen nicht mehr retten.« Seine Augen ruhten kalt auf Kristians Gesicht. »Sie gehört mir. Genau wie all die anderen, deren Namen du nicht kennst.« Ein heiseres Lachen kroch aus seiner Kehle. Dann verschwand er.
   Kristian blieb nachdenklich zurück. Wenn er Isabel retten wollte, musste er mehr über die Welt erfahren, in der er lebte. Dass Smeby in der Lage war, ihn nicht in seine Gedanken blicken zu lassen, beunruhigte ihn am meisten, denn das machte den Jäger zu einer unberechenbaren Größe. Als Wanderer war Smeby, wie Kristian auch, in der Lage, sich frei durch Raum und Zeit zu bewegen. Bisher hatte er sich nur auf ihn konzentrieren müssen, und schon wusste er, wo Smeby war und was er dort tat. Aus diesem Grund war er auch zu Isabel auf den Stin gestiegen. Smeby hatte das Mädchen seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Jetzt fragte er sich, ob Smeby ihn absichtlich getäuscht hatte, um das andere Mädchen ungestört töten zu können.
   Er setzte sich an den Rand der Klippe und ließ die Beine über den Abgrund baumeln. Nur beiläufig nahm er wahr, dass er genau an derselben Stelle saß wie gestern. Isabels schmales Gesicht mit den traurigen Augen erschien vor seinem inneren Auge und er fragte sich keine Sekunde mehr, weshalb es ausgerechnet sie war, die er um jeden Preis retten musste.
   Er beobachtete das Meer, das verlockend zu ihm heraufblitzte, und sog den salzigen Geruch des Wassers ein. Dann schloss er die Augen. Isabel würde kommen. Irgendwann. Wenn nicht heute, dann morgen oder an einem anderen Tag. Und dann würde er hier sein. Heute, morgen und an jedem anderen Tag.
   Zeit spielte für ihn keine Rolle.

Als Isabel und Christine aus Arendal zurückkamen, war es schon weit nach siebzehn Uhr. Der Stin warf einen langen Schatten über den Garten und erinnerte Isabel an einen mahnenden Zeigefinger. Sie schlich in ihr Zimmer und kramte im Schrank nach dem Feldstecher, den ihr Vater früher zur Jagd benutzt hatte.
   Doch der Stin war so leer, wie sie sich fühlte.
   Sie hatte ihn verpasst.
   Mit Tränen in den Augen ließ sie sich auf ihr Bett fallen, stellte die alte Stereoanlage an, schloss die Augen und lauschte den Klängen von Bonnie Tylers »Total Eclipse of the Heart.« Sie liebte die alten CDs und Platten ihres Vaters. Diese alten Songs bedeuteten noch etwas und sie konnte ihren Tränen endlich freien Lauf lassen, als das Klingeln ihres Handys sie aufschrecken ließ.
   »Hallo?«
   »Isabel?« Emilys Stimme klang dünn.
   »He … ist was passiert?«
   »Ich weiß nicht.« Emily klang unschlüssig. »Vielleicht bedeutet das alles ja auch gar nichts.«
   Emily war Isabels beste Freundin. Sie hatten sich sofort gemocht, als Isabel vor sechs Monaten nach Norwegen gekommen war. Durch das Schicksal ihres Bruders, der nach einem Unfall in ein tiefes Koma gefallen war, hatte Emily, genau wie Isabel, schnell erwachsen werden müssen. Sie mochten beide keine wilden Partys, hassten Lady Gaga und den ganzen anderen Mist, der gerade die Radios rauf und runter dröhnte, und waren auch sonst nicht so unbeschwert wie andere Mädchen ihres Alters.
   »Du musst doch wissen, ob etwas passiert ist, oder nicht«, bohrte Isabel.
   »Das ist ja das Problem. Noch ist nichts passiert. Aber es könnte etwas passiert sein.« Emily sprach so leise, dass Isabel Mühe hatte, sie zu verstehen. »Es ist wegen Bo.« Isabel versuchte, Emilys aufgeregtem Bericht zu folgen, verlor jedoch irgendwo zwischen ungewöhnlichen Hirnaktivitäten und Herzrasen den Überblick.
   »Halt! Stopp«, unterbrach sie schließlich Emilys Redefluss. »Heißt das, dass dein Bruder aufwacht?«
   »Doktor Edvardsen möchte sich noch nicht dazu äußern. Aber he! Das EEG hat eindeutig Tätigkeiten in Bereichen aufgezeichnet, in denen es gar keine geben dürfte.«
   »Und von welchen Bereichen sprechen wir konkret?« Isabel sah sich nicht gern in der Rolle des Miesmachers, aber wenn sie eines im Leben gelernt hatte, dann war es, dass Hoffnungen immer nur enttäuscht, und Gebete nicht erhört wurden.
   »Zum Beispiel im Zentrum für die Motorik.«
   »Wow!« Isabel war überrascht. »Das sind aber wirklich gute Neuigkeiten.« Sie freute sich für Emily. Wenigstens ein Lichtblick heute. Automatisch wanderte ihr Blick durch das Fenster zum Hyggestin.
   »Ja.« Emily klang nachdenklich. »Allerdings fängt jetzt alles wieder von vorn an.«
   »Was denn?« Isabel versuchte, sich auf Emily zu konzentrieren und Kristians graue Augen aus ihren Gedanken zu verbannen. Vergeblich!
   »Dieses Hoffen. Dieses gottverdammte Warten, dass sich etwas ändert und Bo zu uns zurückkommt.« Sie blies hörbar die Luft aus. »Es wäre leichter für uns alle, wenn wir wüssten, dass er nie wieder aufwacht.«
   »Dafür musst du dich nicht schämen.« Isabel versuchte, ihr ganzes Verständnis für Emilys Situation in ihre Stimme zu legen, wenn sie ihre Freundin schon nicht in den Arm nehmen konnte. »Nicht zu wissen, auf was man sich einstellen muss, das ist die Hölle.«
   »Hm.« Emily stieß einen langen Seufzer aus, als wollte sie einen Schlussstrich ziehen. Allzu lange blieb sie nie in solch düsterer Stimmung. »Aber wir beide sind ja Kummer gewohnt.« Schon lachte sie.
   Das war eine der Fähigkeiten, die Isabel an ihrer Freundin so schätzte. Emily konnte von einer Sekunde auf die andere ihren Kummer beiseiteschieben und der fröhlichste Mensch der Welt sein. Trotzdem war sie nie albern oder kindisch. »Was hast du in den letzten Tagen alles angestellt? Wir haben uns ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.«
   »Stimmt. Immerhin sind es jetzt schon fast drei Tage. Ich glaube nicht, dass wir es jemals vorher so lange geschafft haben, uns aus dem Weg zu gehen.«
   Emily ging auf ihren leichten Ton ein. »Dass mir das aber nicht einreißt, hörst du? Also: Wie sieht es aus? Was machst du nachher?«
   »Nichts Besonderes.« Isabel bedauerte, dass sie nicht halb so gut schauspielern konnte wie Emily. »Ich bin später vielleicht noch verabredet.« Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.
   »Wann genau ist: später? Und wieso nur vielleicht?«
   Isabel schloss die Augen. Sofort sah sie das schmale Gesicht des fremden Jungen vor sich, und wieder berührte sie der schwermütige Ausdruck in seinen Augen. Sie erzählte Emily von ihm. »Er sah aus, als hätte er irgendwas Trauriges erlebt, oder so.«
   »Aha!«
   »Ich habe es in seinen Augen gesehen. Ehrlich …« Isabel merkte, wie sie sich unwillkürlich anspannte. Es war ihr nie leicht gefallen, zuzugeben, wenn sie jemanden mochte. »Ich habe noch nie so schöne Augen gesehen.«
   »Im Ernst?« Emily war sofort Feuer und Flamme. »Erzähl! Wie heißt er denn? Kenne ich ihn? Hat er einen Zwillingsbruder?«
   Isabel kicherte. »Das weiß ich nicht. Ich habe ihn jedenfalls noch nie gesehen. Sein Name ist Kristian. Und einen Zwilling hat er nicht erwähnt.«
   »Das ist schade. Hört sich nach einem ziemlichen Schätzchen an. Aber Isabel, hör mal.« Emily klang plötzlich sehr ernst. »Pass bitte auf dich auf. Ich meine: Gerade jetzt.«
   »Ich bin kein kleines Mädchen, dem man sagen muss, dass es von Fremden keine Bonbons annehmen darf.«
   »Die Antwort hätte auch von Inga kommen können. Und was hat sie jetzt davon?«
   Isabel stutzte und zog verwirrt die Augenbrauen nach oben. »Was hat denn Inga jetzt mit mir und Kristian zu tun?«
   »Du hast es noch nicht gehört?« Emily schnappte überrascht nach Luft. »Ich dachte, die Nachricht wäre schon bis nach Nipe durchgedrungen.«
   Isabel war alarmiert. »Nein, keine Ahnung. Ich war heute den ganzen Tag mit Christine in Arendal. Sie hatte diese Fruchtwassersache. Was ist denn mit Inga?«
   Inga ging mit Isabel und Emily in eine Klasse. Sie kamen gut mir ihr zurecht. Auch wenn, oder vielleicht gerade weil sich Inga gern in der Rolle der Außenseiterin sah. Sie lebte ein Leben, das Eltern graue Haare wachsen ließ, und achtete sorgfältig darauf, keine Dummheit auszulassen. Live fast, die young, schien ihr Lebensmotto zu sein.
   »Sie ist verschwunden.«
   »Abgehauen?«
   »Eher nicht.«
   Es hätte zu Inga gepasst, die Koffer zu packen und mit dem nächstbesten Kerl durchzubrennen, oder sich für ein paar Tage auf ein Open-Air-Konzert zu verdrücken, ohne vorher Bescheid zu sagen.
   »Die Polizei geht jedenfalls nicht davon aus, dass sie irgendwie ausgerissen ist, oder so. Sie hat nichts mitgenommen. Kein Geld, keine Klamotten, keinen Ausweis.«
   »Hm.« Isabel war ratlos. »Aber es würde schon zu ihr passen. Hat sie nicht von diesem Typen geschwärmt? Dem, der schon eine Tochter hat und verheiratet ist?«
   Emily schwieg einen Augenblick. »Das könnte sein. Aber solange niemand weiß, wie der Typ heißt … Sei eben einfach vorsichtig, okay? Ein kleines bisschen Misstrauen hat noch nie geschadet, und wenn Inga zurückkommt und alles ist gut, dann … he«, sagte sie versöhnlich. »Dann darfst du gern so unartig und unvorsichtig sein, wie du willst.«
   Sie lachten.
   In diesem Augenblick fesselte eine Bewegung, die sie aus den Augenwinkeln heraus wahrnahm, Isabels Aufmerksamkeit.
   Sie starrte wie gebannt zu dem mächtigen, grauen Felsen, der von urzeitlichen Gletschern glatt geschliffen war, und kniff die Augen zusammen, um sie gegen die tief stehende Sonne zu schützen.
   Kristian!
   Er war wirklich gekommen.
   »Emily?« Ihr Herz schlug bis zum Hals und ihre Finger zitterten. Sie musste sich Mühe geben, dass das Handy ihr nicht aus der Hand rutschte. »Er ist da! Ich muss jetzt gehen.« Hastig griff sie nach ihrer Tasche. Sie versprach Emily, sich später bei ihr zu melden und alles haarklein zu erzählen, dann machte sie sich auf den Weg.
   Troll, ihr blonder Englisch Setter, folgte ihr auf dem Fuß.

Kristian war beunruhigt.
   Seit gestern gingen ihm zwei Sachen nicht mehr aus dem Kopf. Zum einen war er Zeuge eines brutalen Verbrechens geworden und hatte dann auch noch tatenlos mit ansehen müssen, wie Smeby die Leiche des armen Mädchens achtlos unter einem Haufen faulender und stinkender Blätter verscharrt hatte. Und jetzt konnte er nicht einmal zur Polizei gehen, um den Täter für den Rest seines Lebens hinter Gitter zu bringen. Einen Augenblick lang hatte er mit dem Gedanken gespielt, Isabel wie zufällig zu der Leiche zu führen, damit das Mädchen wenigstens eine anständige Beerdigung bekam und ihre Eltern nicht länger mit der Ungewissheit leben mussten, aber dann hatte er die Idee schnell wieder verworfen. Er konnte Isabel nicht in eine Sache hineinziehen, die er selbst noch nicht überblickte.
   Isabel!
   Das Mädchen war die andere Sache, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Warum konnte sie ihn sehen?
   Gestern, auf dem Stin, war er beinahe zu Tode erschrocken, als sie seinen achtlos dahingeworfenen Kommentar aufgegriffen und sich zu ihm umgedreht hatte. Er war zu ihr gegangen, um in ihrer Nähe zu sein. Um Smeby, falls nötig, mit Gewalt davon abzubringen, ihr etwas zu tun. Doch darauf, dass sie ihn sehen konnte, war er nicht vorbereitet gewesen.
   Nur mit Mühe hatte er sein Entsetzen unterdrücken und so tun können, als wäre er der ganz normale Junge, nach dem er sich in ihrer Gegenwart fühlte. Liebe auf den ersten Blick. Bis gestern hatte er nicht daran geglaubt. Für ihn hatte zur Liebe immer mehr gehört als ein oberflächliches Gefallen. Dass man sich aus heiterem Himmel verlieben konnte, Schmetterlinge im Bauch haben könnte, gut. Aber das Gefühl, das er Isabel gegenüber empfand, ging weit über das hinaus. Weit über alles, was er bisher gekannt und gefühlt hatte. Doch dann war dieses andere Mädchen getötet worden und er hatte Dinge gesehen, die er nicht verstand. Er sah die Szene wie in Zeitlupe vor sich vorüberziehen und erinnerte sich an das Flirren der Luft und daran, dass es ausgesehen hatte, als wäre irgendetwas von dem Mädchen in Smeby hineingekrochen, der wie in Ekstase die Arme hochgerissen und gejubelt hatte. Er hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Er wusste nur, dass Smeby ein Wanderer war, wie er selbst. Bedeutete dies, dass er auch so werden würde? Und wenn ja: Wie viel Zeit blieb ihm noch, ehe er sich in ein Monster verwandelte?
   Kristian hob den Kopf. Irgendetwas hatte sich verändert.
   Er lächelte, als eine warme Brise Isabels Duft zu ihm heraufwehte. Sie war also bereits auf dem Weg. Doch dann nahm er noch etwas anderes wahr. Als hätte sich der sanfte Duft einer Orchidee in einen stinkenden Moloch verwandelt. Kristian sprang auf.
   Nein, dachte er so laut er konnte und rannte los. Sie bekommst du nicht!

Isabel hatte beinahe die Hälfte des Weges zurückgelegt, als sie wie angewurzelt stehen blieb. Direkt vor ihr, lässig an einen Findling gelehnt, stand Kristian. »Wie, zum Henker, bist du so schnell hier runtergekommen?«
   »Hallo.« Statt einer Antwort lächelte er. »Ich hatte schon Angst, du kommst nicht mehr.« Sein Blick wanderte unruhig zwischen Isabel und dem Waldrand hin und her.
   »Ich …«, stammelte Isabel. »Du warst so schnell verschwunden, dass wir gar keine Uhrzeit ausmachen konnten. Ich musste mit meiner Tante noch zum Arzt. Du hast doch noch nicht lange gewartet?« Sie beobachtete Troll, der mit einem leisen Knurren im nächsten Busch verschwand.
   »Nur ein paar Minuten. Dann habe ich dich kommen sehen und dachte, bei dem schönen Wetter sollten wir lieber zum Strand gehen. Es wäre doch schade, wenn wir diesen Tag im schattigen Wald vergeuden würden. Der Sommer ist immer so kurz.« Als Troll aufgeregt bellte, legte er einen Arm um ihre Schultern und schob sie in die Mitte des schmalen Waldweges. »Man weiß nie, was sich alles in den Büschen versteckt«, lächelte er und zwinkerte ihr zu.
   Isabel blinzelte amüsiert. »Klar. So ein Kaninchen oder Reh kann schon ziemlich beängstigend sein.«
   »So etwas kann auch nur sagen, wer nicht in der rauen, nordischen Wildnis aufgewachsen ist und sich in langen Winternächsten düstere Geschichten von Bären, Wölfen und Trollen anhören musste.« Kristian lachte gutmütig. Plötzlich wirkte er viel entspannter.
   Gleich darauf stürzte auch Troll mit einem riesigen, halb verrotteten Prügel im Maul aus dem Dickicht und ließ sich von Isabel ausgiebig streicheln. Offenbar war er der Meinung, eine Heldentat begangen zu haben. »Braver Hund«, sagte Isabel und kraulte seine Brust. »Da hast du ja einen echten Bösewicht gefangen.« Sie zwinkerte Kristian zu, der so tat, als wäre er tödlich beleidigt.
   »Immerhin hatte ich recht, als ich gesagt habe, dass sich hier auch manchmal Trolle im Gebüsch verstecken, oder?«
   Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Isabel die Linie zwischen den norwegischen Kobolden und dem Namen ihres Hundes, der erwartungsvoll zu ihr hochhechelte, zog. Dann prusteten Kristian und sie los.
   »Wie ist es?«, fragte er, nachdem sie noch ein paar weitere Witze über Trolle im Allgemeinen und ihren Troll im Besonderen gemacht hatte. »Gehen wir zum Strand?« Er warf erneut einen langen Blick auf das undurchdringliche Dickicht und für einen Augenblick glaubte sie zu sehen, wie sich seine Miene verfinsterte.
   Inga kam ihr in den Sinn und unvermittelt sehnte sie sich nach der hellen Wärme des kleinen Sandstrands. »Ja«, sagte sie und konnte es plötzlich kaum noch erwarten. »Lass uns gehen. Irgendwie ist es heute wirklich unheimlich hier.«

Am Strand tummelten sich nur wenige Menschen. Die meisten waren Kinder auf der Suche nach Muscheln und gläsernen Quallen. Kristian und Isabel suchten einen Platz, der abgeschieden lag und beobachteten Troll, der wie ein tapsiger Welpe Jagd auf Enten machte. Sein aufgeregtes Gebell zog dabei einige missmutige Blicke auf ihn.
   »Erzähl mir von dir.«
   Isabel hob erschrocken den Kopf. Was sollte sie über sich erzählen? Sie konnte sich kaum jemanden vorstellen, der uninteressanter war als sie. Sie zog die Beine eng an ihren Körper und durchsuchte ihr Gedächtnis krampfhaft nach einer einigermaßen unterhaltsamen Geschichte. Ihr fiel nichts ein.
   »Wo wohnst du?«, durchbrach er ihr Schweigen.
   »In Nipe. Bei meiner Tante und meinem Onkel.«
   Kristian zog erstaunt die Augenbrauen nach oben. »Wieso das?«
   Isabel schluckte krampfhaft. Die Wunden waren noch so frisch. Zu frisch. Sie schüttelte stumm den Kopf. Eine Zeit lang verharrten sie schweigend, doch dann hörte sie wieder Kristians Stimme, sanft wie die Brise, die ihre Haut streichelte.
   »Und wo sind deine Eltern?«
   Isabel kämpfte heftig gegen die aufsteigenden Tränen an. Es fiel ihr auch nach all den Wochen noch schwer, die Worte auszusprechen. »Meine Eltern sind tot.«
   Kristian nickte mitfühlend. »Das dachte ich mir.« Er hob seine Hand und steckte Isabel eine besonders vorwitzige Strähne hinter das Ohr. »Seit gestern, als ich dich auf dem Stin gesehen habe. So verzweifelt, so traurig …«
   So allein!
   Isabel starrte angestrengt auf das silbrige Meer. Ihr Herz schlug so kräftig, dass sie glaubte, Kristian müsste es hören.
   »Wie sind deine Eltern gestorben?«
   Ein Schauder überzog ihren Rücken. Obwohl es heiß war, fror sie. »Meine Mutter hatte einen Unfall«, sagte sie leise. »Ich war fünf Jahre alt, als sie starb.«
   »Und dein Vater?«
   »Im Dezember. Krebs.« Sie verstummte, als sie Kristians warme Hand auf ihrer fühlte.
   »Deine Mutter muss ein besonderer Mensch gewesen sein, wenn sie sich so schöne Geschichten für dich ausgedacht hat. Willst du mir von ihr erzählen? Wie sie gestorben ist?«
   Isabel blockte ab. »Das ist keine Geschichte für so einen schönen Tag.« Sie hatte Angst, diesen schönen Augenblick zu zerstören. Die Menschen wollten nichts über Leid oder Verlust hören, diese Erfahrung hatte Isabel in ihrem Leben gemacht.
   Kristian zwinkerte ihr aufmunternd zu. »Geteiltes Leid ist halbes Leid. Hat dir das noch niemand gesagt?« Er griff nach ihrer Hand. »Ich bin ein guter Zuhörer.« Seine Hand war wie ein Anker und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Isabel das Gefühl, von ihrem Schmerz nicht fortgerissen zu werden, solange er sie hielt. Sie schloss die Augen und sofort erinnerte sie sich an die Kälte, die an diesem Tag über Nipe gelegen hatte. Die warme Sommerluft roch plötzlich nach Eis und Schnee.
   »Meine Mutter hatte einen Autounfall. Sie war auf dem Weg von Risor zurück nach Nipe. Es war Winter und die Straße war nicht geräumt. Sie prallte mit dem Wagen gegen eine Felswand. Wir hatten die Weihnachtsferien bei meinen Großeltern verbracht.« Sie sah ihn an und verlor sich für einen Augenblick in den unergründlichen Tiefen steingrauer Augen, die voller Mitgefühl schimmerten.
   »Das muss schrecklich gewesen sein.«
   »Ich habe sie zuerst überhaupt nicht erkannt«, flüsterte Isabel. »Sie sah so anders aus. So fremd. Ihr Kopf war dick verbunden und ich konnte kaum etwas von ihrem Gesicht sehen. Es sah aus, als hätten sie ihr einen viel zu großen, weißen Turban aufgesetzt. Ihr Kopf wirkte riesig.« Isabel schauderte. Noch immer ließ sie die Erinnerung nicht kalt. Nach all den Jahren tat es noch genau so weh wie an diesem Tag. »Mein Vater hat nur dagesessen, das Gesicht grau und schlaff, den Blick starr auf den Brustkorb meiner Mutter gerichtet, der sich nur hob, wenn das Beatmungsgerät Luft in sie hineinpumpte.«
   Kristian hatte recht. Jedes Wort war wie ein Gewicht, das sie von ihren Schultern nehmen konnte.
   »Wie lange lag deine Mutter im Koma?« Seine Stimme klang merkwürdig gepresst. Aus seinem Gesicht war jede Farbe gewichen.
   »Zwei Wochen«, flüsterte Isabel. »Sie kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Jeden Tag fuhr mein Vater mit mir in die Klinik – dabei wollte ich das gar nicht. Ich fühlte mich, als müsste ich eine Leiche besuchen. Tag für Tag.«
   »Ein Koma ist nicht gleichbedeutend mit dem Tod«, sagte Kristian. Der Druck seiner Hand verstärkte sich. Er wirkte aufgewühlt.
   »Siehst du! Jetzt habe ich dir die Laune verdorben.«
   »Aber nein.« Er lächelte sie entschuldigend an. »Tut mir leid. Ich wollte dich nicht unterbrechen. Bitte, erzähl weiter.«
   Isabel zögerte. Seine heftige Reaktion irritierte sie. »Heute kenne ich den Unterschied natürlich. Ich war ja erst fünf. Die Frau, die dort im Bett lag, zwischen all den Apparaten und Geräten, war nicht mehr meine Mutter.« Isabel folgte Kristian, der aufgestanden war. Er stand mit dem Rücken zu ihr und blickte auf die Wellen, die hungrig am Strand leckten.
   »Sie bekam noch eine schwere Infektion und ihr Gehirn schwoll so stark an, dass es keine Hoffnung mehr gab. Nach zwei Wochen stellten die Ärzte ihren Hirntod fest. Aber mein Vater brachte es einfach nicht über sich, sie gehen zu lassen.«
   »Dieser Zustand ist schlimmer als der Tod.«
   Isabel nickte. »Ich habe Gott gedankt, als sie endlich starb.«
   Obwohl sie Kristian erst kennengelernt hatte, fühlte es sich ganz natürlich an, mit ihm über die vermutlich schwerste Zeit ihres Lebens zu sprechen.
   »Mein Vater ist daran zerbrochen. Er war nie wieder so wie vorher. Fast auf den Tag genau elf Jahre später war auch er tot.« Isabel versuchte ein Lächeln. »Und so bin ich hier gelandet. Wie eine von diesen Perlen, die Gott aus seinem Eimer verloren hat.«
   Sie standen so dicht beieinander, dass Isabel glaubte, seinen Herzschlag zu spüren.
   »Ich bin froh, dass du ausgerechnet hierher gerollt bist.« Der raue Klang seiner Stimme ließ Isabel aufschauen.
   Ihre Blicke trafen sich unvermittelt, unvorbereitet und für die Ewigkeit einer Sekunde verlor sie sich in seinen Augen. In diesem Augenblick wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass er seine Worte ernst gemeint hätte.
   Plötzlich hob Kristian den Kopf. Sein Blick richtete sich nach innen und seine Hand zuckte an seine Armbeuge, als hätte ihn etwas gestochen.
   »Ist was?«
   »Nein.«
   Sie spürte, dass er log. Schon wieder. In seinen Augen pochte Schmerz. »Aber ich fürchte, ich habe einen wichtigen Termin vergessen.«
   »Schon wieder? Du hast eine Vorliebe für den schnellen Abgang, was?« Isabel hatte das Gefühl, um etwas Wunderbares betrogen worden zu sein.
   Kristian lächelte belustigt. »Vorliebe würde ich das nicht nennen.« Dann wurde er ernst. »Sehen wir uns morgen?«
   »Klar!« Mehr brachte sie nicht heraus.
   Sein Blick wurde abwesend.
   Die Sonne brach durch die dunstige Wolkendecke und Isabel wurde für eine Sekunde geblendet. Sie blinzelte. Als sie die Augen wieder öffnete, war Kristian verschwunden.
   »Wo ist er hin?« Isabel drehte sich um die eigene Achse und schaute auf Troll, der seinen Bauch in die Sonne streckte, als wäre nichts passiert. »Wer bist du?«, murmelte sie verwirrt und starrte auf die Stelle, an der er Sekunden vorher noch gestanden hatte. »Edward Cullen, oder wer?«

Kapitel 4

Kristian starrte schon seit Stunden den gleichen Fleck an seiner Zimmerdecke an. Sein erneuter schneller Aufbruch hatte Isabel verärgert, das hatte er deutlich gespürt. Aber was hätte er tun sollen?
   Er ballte die Hände zu Fäusten. Viel zu lange hatte er untätig dagesessen, den Zustand betrauert, in dem er sich befand, und nichts getan, um herauszufinden, wie er diese Mädchen hätte retten können.
   Seine Gedanken rasten und drehten sich doch immer nur im Kreis.
   Worum ging es Smeby? Warum mussten diese Mädchen sterben? Wie hatte er ihn täuschen können? War Isabel tatsächlich in Gefahr? Und nicht zuletzt: Wie hatte Smeby seine Gedanken vor ihm verbergen können?
   Er brauchte Antworten auf seine Fragen, sonst würde er in ein paar Tagen zusehen müssen, wie sich Smebys Hände um Isabels Hals schlossen. Der Gedanken allein jagte einen heftigen Schlag durch sein Herz.
   Isabel war etwas Besonderes. Sie hatte in der Finsternis seines Herzens ein Licht entzündet. Und jetzt, da er die Wärme kannte, die das Licht mit sich brachte, fürchtete er die Dunkelheit.
   Er erhob sich von seinem Bett und fing an, in seinem Zimmer auf und ab zu gehen. Die Zeit, zu handeln, war gekommen, doch er musste vorsichtig sein. Wenn sich Smeby in seine Gedanken einschlich, dürfte er dort nichts von Kristians Absichten finden, sonst war Isabel verloren. Er musste wissen, wo Smeby jetzt war. Entschieden schloss er die Augen und versuchte, aus dem Wirrwarr fremder, beiläufiger Gedanken, diejenigen herauszufiltern, die zu Roald Smeby gehörten.
   Es fühlte sich an, als ob in seinem Kopf eine Art Sendersuchlauf stattfand. Zunächst hörte er nur ein Rauschen, das hin und wieder von einem lästigen Knacken unterbrochen wurde. Er versuchte, sich noch ein bisschen besser zu konzentrieren. Jetzt sah er Smebys blonde Locken vor sich. Seinen durchtrainierten Körper, die geschmeidigen Bewegungen, mit denen er sich fortbewegte. Das Rauschen wurde leiser. Einzelne Wortfetzen in allen erdenklichen Sprachen zogen wie Wolken durch seinen Kopf. Doch noch war Smebys Stimme nicht darunter.
   Komm schon!, dachte er. Seine Fingernägel bohrten sich in seine Handballen. Er stellte sich seine erste Begegnung mit Smeby vor. Wie er an sein Bett getreten war und ihm gezeigt hatte, wie es funktionierte. Das Übergehen in die andere Welt.
   Da!
   »… der Senex erwartet mich.«
   Das war eindeutig Smebys Stimme gewesen. Wer oder was war dieser Senex?
   Kristian versuchte es noch einmal, doch es gelang ihm immer wieder nur, sich für den Bruchteil einer Sekunde in Smebys Gedanken einzuloggen, bevor die Verbindung erneut abbrach.
   Kristian keuchte vor Anstrengung.
   Warum konnte er die Brücke nicht aufrechterhalten? Er war auf dem richtigen Weg, das spürte er. Aber es schien, als ob die Kraft seiner Erinnerung nicht ausreichte. Als würde er versuchen, mit einer einzigen Kerze ein ganzes Haus zu erleuchten. Was er brauchte, war keine Kerze. Er brauchte ein ganzes Arsenal an Lampen und Leuchten. Und dafür brauchte er genügend Energie.
   Sein Blick wurde klar und seine Augen weiteten sich. Er wusste jetzt, was er zu tun hatte. Er musste die Erinnerung an Smeby zurückholen, die am Lebendigsten war.
   Seine Hände zitterten, als er sich durch die schweißnassen Haare fuhr. Dann schloss er erneut die Augen. Sein Magen rebellierte, als er Smebys triumphierendes Gesicht über der zusammengekrümmten Gestalt auftauchen sah. Die stärkste Erinnerung, die er an Roald Smeby hatte, war der Tod von Inga Berland.
   In selben Augenblick verschwamm das Bild und Kristian zuckte zusammen. Es fühlte sich an, als würde er in die Haut eines anderen schlüpfen. Einen Augenblick kämpfte er gegen den Ekel, der ihn packte, als ihm bewusst wurde, dass er sich so sehr auf Smeby konzentriert hatte, dass ihre Gedanken eins geworden waren. Doch dann erregte eine leise, fast zärtlich klingende Stimme seine Aufmerksamkeit.
   »Bist du sicher?« Der Senex starrte aus dem Fenster. »Du weißt, dass wir keinen Zweifel haben dürfen.«
   »Ich bin sicher.« Roald Smeby stand im Kreis der Wanderer. Er hatte Angst.
   »Ich habe gesehen, wie sie sich miteinander unterhalten haben. Sie ist eine Sehende!«, sagte er hastig. Sein Unbehagen konnte auch dem alten Wanderer nicht entgangen sein.
   Kristian versuchte, seine Gedanken auf jenen Mann zu richten, den Smeby Senex genannt hatte, doch er stieß gegen eine undurchdringliche Mauer. Schnell kehrte er zu Roald Smeby zurück, der krampfhaft darum bemüht war, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen.
   »Warum wussten wir nichts von ihr?«, fragte er Senex mit leiser Stimme.
   Er hätte auch nicht lauter sprechen müssen, dachte Kristian erstaunt. Sobald der alte Mann das Wort ergriff, wurde es so still in dem Raum, dass Kristian fürchtete, die anderen Wanderer könnten seinen Herzschlag hören.
   Es gab keinen Zweifel. Dieser Mann war ihr Anführer.
   Der Senex wanderte zwischen seinen Anhängern umher. »Hat niemand eine Idee? Warum ist uns dieses Mädchen bisher nicht als Sehende bekannt?«
   Die meisten Wanderer blickten zu Boden, als wollten sie sich damit unsichtbar machen.
   Einzig Roald Smeby stand erhobenen Hauptes da. »Vielleicht ist sie anders als die anderen.« Seine Stimme zitterte leicht.
   Womöglich meinte Kristian das aber auch nur, weil er wusste, was für eine Überwindung es Smeby gekostet hatte, diese Vermutung zu äußern.
   Der Senex drehte sich zu ihm um. Um seine faltigen Lippen spielte ein mildes Lächeln. Trotz seines hohen Alters hielt er sich aufrecht wie ein junger Krieger. »Und wie soll es bei ihr sein?« Seine Stimme klang wie raschelndes Papier.
   Smebys Adamsapfel hüpfte krampfhaft auf und ab. »Ich weiß es nicht«, sagte er zerknirscht.
   »Dann wollen wir einmal gemeinsam darüber nachdenken, nicht wahr?« Der Senex blieb vor einem jungen Mann mit ausdruckslosem Gesicht stehen. »Hast du eine Vermutung, Gabriel?«
   Gabriel schüttelte den Kopf. »Nein.«
   »Sehende werden üblicherweise mit diesem zweifelhaften Talent geboren, nicht wahr?«
   Gabriel nickte. Es schien ihm äußerst unwohl dabei zu sein, dass der Senex noch immer das Wort an ihn richtete.
   »Und sobald diese Kreaturen ausgewachsen sind, werden sie von uns eliminiert, nicht wahr?«
   Erneut füllte beifälliges Gemurmel den Raum.
   »Unserem Roald ist es erst gestern wieder gelungen, eine von ihnen zu beseitigen.« Der Senex breitete die Arme aus und lächelte zufrieden. Anerkennender Beifall unterbrach die Rede. »Roald ist unter meiner Führung zu einem ausgezeichneten Jäger geworden.« Wieder begleitete gemurmelte Zustimmung seine Worte. Der Senex ging zu einem alten Holzstuhl und setzte sich. Er wirkte jetzt noch mehr wie ein altertümlicher Herrscher. »Nun«, sagte er. »Ich bin sicher, wir werden auch dieses Rätsel der Natur entschlüsseln. Fürs Erste reicht es mir zu wissen, dass sie von ihrer Begabung weiß, oder täusche ich mich?«
   Smeby schüttelte den Kopf. »Sie ist völlig ahnungslos.«
   Der Senex klatschte in die Hände. »Nun, dann dürfte es doch ein Leichtes sein, sie zu unserem heiligen Ort zu bringen.«
   »Wenn da nicht dieser andere Wanderer wäre.« Trotz der Kälte seiner Worte fühlte Kristian, dass Smeby ihn nur widerwillig verriet.
   Wie hat es nur so weit mit dir kommen können, alter Freund?, dachte er betrübt.
   »Ein anderer Wanderer? Wer ist es?«
   »Kristian.«
   Der Senex nickte nachdenklich. »Nun. Auch er dürfte kein Hindernis darstellen. Er ist noch neu in unserer Gemeinschaft, nicht wahr?«
   »Er kam vor zwei Jahren zu uns.« Roald schlug die Augen nieder. »Ich habe ihn mit unserer Welt vertraut gemacht.«
   Der Senex legte seinen Kopf schief. Tausende feiner Runzeln überzogen sein Gesicht. »Nun. Dann mach ihn doch auch mit dieser hier vertraut.« Er machte eine ausholende Handbewegung. Seine Stimme klang noch immer wie ein verheißungsvolles Versprechen.
   »Solange das Mädchen lebt, wird er sich uns nicht anschließen. Er ist verliebt in sie.«
   Ein unmutiges Raunen brandete auf und wurde erst durch ein energisches Zeichen des Senex beendet.
   »Ein Wanderer, der eine Sehende liebt.« Ein freudloses Lächeln umspielte seine grauen Lippen. »Ein Skandal! Aber wenigstens ein Skandal ohne Happy End.« Seine Augen bohrten sich in die Roalds. »Und doch sollte das alles kein Hinderungsgrund sein, dieses Mädchen zu töten.«
   Smeby nickte. »Aber meine Kräfte reichen dazu nicht aus.«
   Die Augen des alten Wanderers wurden zu schmalen Schlitzen. »Sie haben ausgereicht, das andere Mädchen zu töten.«
   »Ich weiß. Aber mit ihr ist es anders. Es ist, als ob eine Art Hülle sie umgibt. Ich kann nicht zu ihr durchdringen.«
   Auf der Stirn des Alten erschien eine steile Falte. »Sorg dafür, dass sie zum Festjern kommt.« Seine Stimme duldete keinen Widerspruch. »Wir werden dort auf sie warten. Wie du es machst, ist gleichgültig. Du weißt aber, dass sie dir freiwillig dorthin folgen muss, nicht wahr?«
   »Ich bin mir dessen bewusst, ja.«
   »Solange sie nicht aus freien Stücken kommt, könnte eine ganze Armee an Jägern ihr nichts anhaben.« Der alte Mann hob drohend seinen Zeigefinger. »Und was diesen anderen Wanderer anbetrifft.« Er machte ein kleine Pause. »Lassen wir ihn erst mal ein bisschen erwachsen werden. Solange er sich nicht Nathanael und seinen Spießgesellen anschließt, wird er keine Bedrohung für uns darstellen.«
   Damit waren sie entlassen.

Kristian schreckte aus seiner Trance. Jetzt verstand er, was Smeby gemeint hatte, als er ihn warnte, sich nicht mit etwas anzulegen, das größer war, als er überblicken konnte.
   Er hatte nicht viel von dem verstanden, was er gehört hatte. Zu viel ergab noch keinen Sinn. Was war zum Beispiel so schlimm daran, dass Isabel ihn sehen konnte, dass sie dafür sterben musste? Und warum musste Smeby sie zu diesem Ort locken, vor dem Kristians Eltern ihn immer gewarnt hatten?
   Inga hatte er doch auch woanders getötet?
   Warum war Smeby zwar stark genug, Inga umzubringen, nicht aber, um Isabel töten zu können?
   Und wer waren dieser Nathanael und seine Leute? Wenn sie Feinde des Senex waren, konnten sie dann seine Verbündeten sein?
   Sein Puls raste, während in seinem Kopf ein wahrer Wirbelwind an Fragen tobte. Seine Atmung ging flach und schnell und brachte nicht genügend Luft in seine Lungen. Ein penetrantes Piepsen durchdrang den Raum. Dann richtete Kristian die Kraft seiner Gedanken erneut auf Roald Smeby: Ich werde dich aufhalten! Hörst du? Ich weiß noch nicht, wie, aber ich werde dich stoppen.

Kapitel 5

Das Telefon klingelte, als Isabel gerade aus der Dusche kam.
   »Hallo?«
   »Hey!«
   Morten! Endlich! Ein warmes Gefühl durchdrang ihren Körper. »Hey! Du bist genau der, den ich jetzt brauche.«
   Sie hörte ihn schmunzeln. »Ich kann nicht sagen, dass ich das nicht gern höre.«
   Weil sie gerade vor dem Spiegel ihre Haare richtete, sah Isabel, wie sie rot anlief. »Und ich kann nicht sagen, dass es nicht meistens so wäre.« Morten und sie waren seit ihrem ersten Tag in Norwegen unzertrennlich. »Du bist also wieder im Lande?« Wenn Morten in der Nähe war, war das Leben ziemlich einfach zu ertragen, doch seit sie Kristian kannte, hatte sie das Gefühl, dass das Leben sogar sehr schön sein könnte. Kristians graue, ernsthafte Augen schoben sich vor Mortens braungebranntes Gesicht mit dem unbekümmerten Lachen. »Wann können wir uns treffen? Hast du heute Zeit?« Sie konnte es kaum noch erwarten, mit ihm über Kristian, den sie in den letzten zwei Wochen jeden Tag gesehen hatte, und über Ingas Verschwinden zu sprechen, das in ihrem kleinen, beschaulichen Ort für ziemlichen Wirbel sorgte. Hundertschaften an Polizei mit Hubschraubern und Hunden durchforsteten jeden Quadratzentimeter des Waldes und gruben den Boden um, während Taucher den Grund des Fjords nach ihr abgesuchten. Ergebnislos. Alle hatten schreckliche Angst um Inga.
   »Eigentlich habe ich meiner Mutter versprochen, nachher zum Angeln rauszufahren.« Morten lachte unbeschwert, und Isabel sah es förmlich vor sich, wie seine Augen blitzten. »Sie meinte, nach der ganzen schweren, italienischen Pasta bräuchte sie mal wieder einen richtigen Fisch zum Essen.«
   »Ich könnte doch mit dir rausfahren?«
   Er lachte noch ein bisschen lauter. »Dann muss es bei dir ja wirklich brennen, wenn du freiwillig anbietest, mit zum Angeln zu fahren.«
   »Ich habe nicht gesagt, dass ich angeln werde«, half sie seinem Gedächtnis auf die Sprünge.
   »Nein? Hast du nicht? Du kennst die Regel, Isa.« Er war der Einzige, der sie so nennen durfte. »Wer auf dem Boot ist und zwei gesunde Hände hat, muss sich um eine Angelschnur kümmern.«
   »Aber da kriege ich immer einen Krampf«, jammerte sie. »Warum könnt ihr Norweger nicht mit einer Angel angeln, wie andere Menschen auch?«
   »Warum sollten wir? Das ist doch langweilig. Außerdem ist eine Angel viel schwerer. Da würdest du erst recht einen Krampf bekommen.«
   Isabel seufzte übertrieben. »Also gut, dann werde ich dir helfen, frischen Fisch auf den Tisch zu bringen. Wir treffen uns in einer Viertelstunde am Boot?«
   »Ja, das machen wir.« Morten gluckste. Wie immer.
   Sie kannte ihn eigentlich nur gut gelaunt. Ein echter Sonnyboy. Obwohl sie selbst nicht gerade zu den Menschen gehörte, die das Leben mit beiden Händen umarmte, steckte Mortens Lebenslust sie an.
   Er tat ihr einfach gut.
   Eine halbe Stunde später stellte er den Motor seines alten Holzbootes ab. Er hatte die »Frihet«, Freiheit, von seinem Vater zum Geburtstag bekommen und konnte hervorragend damit umgehen.
   Sie wickelten die Angelschnur von der Spule und warteten. Das Boot tanzte leicht auf den Wellen und hob und senkte sich in einem beruhigenden Rhythmus. Die Luft war rein und schmeckte herrlich nach Salz. Isabel lehnte sich zurück und streckte ihr Gesicht in die Sonne. Eine Zeit lang saßen sie einfach nur da und genossen den Augenblick, bis Isabel einen Ruck an ihrer Hand spürte. Sie quietschte vor Entsetzen. »O mein Gott! Doch nicht ich! Ich glaube, ich habe einen Fisch am Haken.«
   »Echt? Toll!« Morten rutschte zu ihr herüber.
   »Und was mache ich jetzt?«
   »Jetzt wickeltest du die Schnur langsam auf und versuchst, den Fisch dabei nicht zu verlieren.« Seine Anweisungen klangen routiniert und geduldig.
   Sie tat, was Morten sagte. »Richtig so?«
   »Ja, du machst das gut. Spürst du noch immer das Gewicht des Fisches?«
   Sie hatte eine Gänsehaut. »Ja. Der zappelt aber ganz schön!«
   »Bleib ruhig. Dann passiert nichts.«
   Je mehr Schnur sie auf die Rolle wickelte, umso schwerer schien der Fisch zu werden. Was hatte sie da am Haken? Moby Dick? Ein alberner Gedanke schoss ihr durch den Kopf. »Gibt es im Skagerrak eigentlich auch Haie?« Das Meer sprühte feine Wassertropfen auf ihre Haut, während sie sich weit aus dem Boot beugte.
   Morten sah sie ernst an. »Wieso? Ist der Fisch so schwer? O mein Gott, Isabel! Wir müssen sofort weg von hier.«
   Sie verschluckte sich.
   »War nur ein Scherz«. Morten prustete los und schlug sich auf den Schenkel.
   Kindskopf! »Haha! Saukomisch.«
   Morten bog sich vor Lachen. »Ehrlich, Isabel. Du hättest dein Gesicht sehen sollen.«
   Am liebsten hätte sie den Fisch samt Angelschnur einfach losgelassen. Sollte er doch allein fischen. Aber auf der anderen Seite war sie auch neugierig, wie groß der Fisch sein würde, den sie höher und höher zog.
   »Wie viele Knoten hast du schon aufgewickelt?« Morten gluckste immer noch.
   »Hätte ich die zählen sollen?«
   »Oh, du Landratte!« Er lachte.
   Scheinbar gab sie eine äußerst komische Gestalt ab.
   »Woher willst du denn sonst wissen, wann der Fisch an die Oberfläche kommt.«
   »Wenn ich ihn sehe«, gab Isabel schnippisch zurück.
   »Ja«, sagte er grinsend. »So kann man es auch machen.« Er sagte das in einem Ton, dem man nicht anhörte, ob er sie aufzog, oder ob er es ernst meinte.
   »Ha!«, rief sie triumphierend, als es für den Bruchteil einer Sekunde silbrig unter der Wasseroberfläche glitzern sah. »Da ist er!« Plötzlich wurde sie ganz still. »Was mache ich denn jetzt nur wieder?«
   »Jetzt ziehst du ihn raus und steckst ihn in den Eimer.«
   Sie schüttelte energisch den Kopf. »Nein! Das mache ich auf keinen Fall.«
   Morten grinste breit und kletterte über sie. »Komm schon, gib mir die Angelschnur. Ich ziehe den Fisch raus. Es wäre doch zu schade, wenn wir ihn wieder verlieren würden.«
   Sie aß zwar für ihr Leben gern Fisch, vor allem Lachs, aber sie hasste es, ihn vorher als lebendiges Wesen zu sehen. Morten hingegen war es von Kindesbeinen an gewöhnt, dass ein Teil seines Essens frisch aus dem Meer geholt wurde.
   »Ist er groß?«, fragte sie, als sie hörte, wie der Fisch im Eimer landete. »Reicht er für uns alle zum Essen?« Sie hoffte inständig, er würde Ja sagen, denn dann würden sie die blöde Angelei endlich abhaken können.
   »Ich fürchte, das kannst du vergessen, wenn jeder von uns mehr als eine Viertel Brosme kriegen soll.«
   Isabel öffnete die Augen und starrte ungläubig auf den etwa dreißig Zentimeter kleinen Fisch, der zur Gattung der Dorsche zählte.
   »Der war so schwer?«
   Morten grinste schon wieder. »Ich habe es mir nicht anders gedacht. Du hast vergessen, dass du den Widerstand der Wasseroberfläche auch erst überwinden musst, wenn du den Fisch herausholst. Deswegen fand ich deine Frage nach dem Hai ja auch so irrsinnig komisch.« Als wollte er ihr zeigen, wie lustig er sie fand, kicherte er schon wieder.
   »Könntest du endlich mal die blöde Lacherei lassen? Das nervt!«
   »Entschuldige. Ich bin heute einfach ein bisschen albern.«
   »Heute?« Sie legte so viel Sarkasmus in ihre Stimme, wie sie aufbringen konnte, und beobachtete die Brosme, die im klaren Wasser des Eimers langsam zu sich kam. »Das ist die Untertreibung des Tages!« Erneut tauchte sie die Angelschnur ins Wasser und warf einen Blick auf den Stin. Jetzt konnte sie die Frage, die ihr die ganze Zeit auf der Zunge gebrannt hatte, nicht mehr zurückhalten. »Kennst du eigentlich einen Jungen, der Kristian heißt?«
   »Kristian?« Morten hob den Kopf. Er hockte auf einer Kiste im Heck der Billa. »Wie noch?«
   »Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er Kristian heißt.« Irgendwie hatte es sich nie ergeben, ihm Fragen zu sich oder seiner Familie zu stellen. Einmal hatte sie es versucht, doch da war ihm wieder ein wichtiger Termin eingefallen, den er angeblich vergessen hatte und Isabel war zu dem Schluss gekommen, dass er wohl nicht gern über seine Familie sprach. Trotzdem nagte die Tatsache an ihr, dass sie auch nach zwei Wochen kaum etwas über den Jungen wusste, in den sie sich unsterblich verliebt hatte.
   Mortens zufriedenes Grinsen verschwand aus seinem Gesicht. »Wer ist das?«
   »Ich weiß nicht. Deswegen frage ich ja dich.« Verflixte Röte! »Er ist einfach nur ein Junge, den ich ab und zu treffe.« Na ja, wenn sie ehrlich war, war das die Untertreibung des Tages.
   »Nein«, überlegte Morten laut. »Ich kenne keinen Kristian. Isabel, wenn das einer von den reichen Jungs aus Oslo ist, dann lass besser die Finger von ihm. Ich habe schon viele Mädchen gesehen, denen so ein Typ das Herz gebrochen hat.« Mortens Rat war ehrlich und gut gemeint. »Vielleicht wäre es im Augenblick nicht besonders ratsam …«, setzte er leise fort. »… wenn du dich ausgerechnet jetzt mit einem Jungen abgibst, den niemand kennt.«
   Isabel wusste, dass er auf Ingas Verschwinden anspielte. »Ich gebe mich mit niemandem ab.« Sein stummer Vorwurf ärgerte sie. »Ich bin schließlich nicht blöd.«
   »Das war Inga auch nicht!«
   »Das mit Inga ist doch was völlig anderes.«
   Morten runzelte die Stirn. »Das weißt du besser als ich. Ihr wart befreundet, nicht sie und ich. Was hältst du von dieser Sache? Glaubst du, dass sie ausgerissen ist?«
   Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, was auch immer passiert ist, es geht gut für Inga aus.«
   Morten sah sie lange an. »Aber du glaubst es nicht, oder?«
   Isabels Herz wurde schwer. Zum ersten Mal sprach sie aus, was sie von Anfang an gespürt hatte. »Nein. Ich fürchte, ihr ist was richtig Schlimmes passiert.«
   Morten nickte und kniff die Lippen zusammen. Er schien etwas sagen zu wollen, überlegte es sich aber offensichtlich anders. Dann sprudelte es doch aus ihm heraus. »Ich finde es ziemlich merkwürdig, dass sie niemandem erzählt haben soll, wer der verheiratete Typ ist, mit dem sie was hatte. Ich an deiner Stelle wäre also echt vorsichtig. Vor allem mit Fremden.«
   Isabel verdrehte die Augen. »Das dachte ich auch zuerst. Aber dann kam mir ein anderer Gedanken. Wenn ihr Mörder wirklich der ist, mit dem sie ein Verhältnis hatte, dann muss es einer von hier gewesen sein. Sonst hätte sie es doch nicht verheimlichen müssen.«
   Morten riss die Augen auf. »Du hast recht!« Für einen Augenblick verließ das Strahlen sein Gesicht. »Das bedeutet, dass jeder, der vor zwei Wochen hier gewesen ist, ihr Mörder sein kann.« Die gute Laune kehrte zurück. »Dann bin ich ja fein raus!« Vertrauensselig legte er eine Hand auf Isabels Schulter. »Mit mir bist du also völlig sicher. Ich habe zum Tatzeitpunkt im sonnigen Italien rumgeflirtet.«
   Isabel stieß ihm neckisch in die Seite. »Und? Hast du das auch Emily erzählt? Falls ja, könnte ich mir vorstellen, dass in absehbarer Zeit noch jemand umgebracht wird.«
   Morten stand schon seit Jahren auf Emily, wie er Isabel einmal gestanden hatte. »Meinst du? Hat sie mal was zu dir gesagt?« Wenn es um Emily ging, verließ Morten regelmäßig der Mut. Er brachte es einfach nicht übers Herz, ihr zu sagen, was er für sie empfand, und himmelte sie aus sicherer Entfernung an. Das passte eigentlich nicht zu ihm. Vermutlich waren seine Gefühle für Emily tiefer und ernster als er sich eingestehen wollte.
   »Nein, das hat sie nicht. Ich weiß, dass sie dich mag.«
   »Mögen ist aber nicht genug.«
   Sie starrten eine Weile auf die glitzernde See und schwiegen. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Dann holte Morten plötzlich seine Angelschnur ein. »Ich glaube, wir fahren besser wieder nach Hause. Für ein Abendessen hat es heute eben nicht gereicht.«
   Isabel protestierte nicht.

Schon den ganzen Tag hatte sie sich nach Kristian gesehnt. Sie hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, sich abends am auf dem Hyggestin zu treffen.
   In den letzten zwei Wochen waren sie einander immer vertrauter geworden. Alles hätte wunderbar sein können, wenn nur Inga nicht immer noch vermisst werden würde.
   »Ich möchte nicht, dass du schon wieder allein losziehst, Isabel. Das ist zu gefährlich, solange niemand weiß, was mit Inga ist.«
   »Und wenn etwas Schlimmes passiert ist? Lasst ihr mich dann gar nicht mehr aus dem Haus? Oder nur noch in Begleitung?« Isabel schnitt sich ein Stück Wassermelone ab, biss ab und spuckte die Kerne auf einen Teller. Sie hatte es eilig. Kristian wartete sicher schon auf sie.
   Christine stand im Garten. Sie trug ihre uralte Jeanslatzhose, die so weit geschnitten war, dass ihr Babybauch bequem hineinpasste. In einer Hand hielt sie eine rote Dose. Auf dem gläsernen Gartentisch stand eine dampfende Tasse mit grünem Tee. Christines größtes Zugeständnis an ihren »Zustand«, wie sie ihre Schwangerschaft nannte, war der Verzicht auf ihren heiß geliebten Kaffee. Ihre Wangen glühten rot und von ihrer Stirn tropfte der Schweiß. Erst jetzt sah Isabel, dass das, was sie für eine Spraydose gehalten hatte, ein kleiner Gasbrenner war.
   »Isabel, sei so lieb und halt für einen Augenblick dieses grässliche Stück Stahl, ja?«, bat sie. »Das blöde Ding nervt mich schon seit Stunden. Weißt du, wenn niemand hinten dagegendrückt, löst es sich vorn immer wieder von der Konstruktion.«
   Wortlos griff Isabel um das Monstrum herum und drückte den Draht dorthin, wo Christine ihn haben wollte. »Verrätst du mir dann vielleicht auch irgendwann einmal, was das Ding darstellen soll?«, fragte sie und hoffte inbrünstig, dass ihre Tante wirklich wusste, was sie mit dem Brenner tat. Falls nicht, würde sie Isabels Finger flambieren.
   »Kannst du es denn immer noch nicht erkennen?« Christine ächzte, als sie unter dem Koloss hindurchkroch, um den Draht irgendwo auf der anderen Seite festzulöten.
   Isabel schüttelte den Kopf. »Ganz ehrlich? Nein.«
   »Erinnert es dich denn an überhaupt nichts?«
   Isabel hob den Kopf, kniff das linke Auge zu, weil die Sonne sie blendete, und schüttelte erneut den Kopf. Auch aus dieser Perspektive ließ sich nichts Bekanntes erkennen.
   »Vielleicht erkennst du es, wenn es fertig ist.« An ihrem Tonfall erkannte Isabel, dass sie gekränkt war.
   »Du weißt ja, wie fürchterlich fantasielos ich bin«, entschuldigte sich Isabel. Sie wollte diesen schönen Abend nicht verderben.
   Christine seufzte. Auch sie schien heute nicht wild auf eine Diskussion zu sein. »Fantasielos und total unromantisch.« Sie schüttelte den Kopf und grinste. »Gott sei Dank ist nicht jeder hier so ein Kunstbanause wie du, sonst würde ich wirklich verzweifeln.«
   »Und verhungern«, konterte Isabel und lachte ebenfalls. »Apropos, wie sieht’s aus? Hast du heute vor, zu kochen?«
   Christine schüttelte den Kopf.
   »Nein, wir grillen, sobald Andreas zu Hause ist. Die Nielsens kommen zu Besuch.« Sie trat einen Schritt von ihrem Monstrum aus Stahl zurück und betrachtete es liebevoll.
   Obwohl sie und Emily beinahe jeden Tag zusammen rumhingen, hatte Isabel bisher weder ihre Mutter noch ihren Vater kennenlernen können. Wenn Mette Nielsen nicht gerade in der Klinik bei ihrem Sohn war, verbrachte sie ihre Zeit in ihrem Atelier, in dem sie Trolle und andere Fabelwesen aus den verschiedensten Materialien entwarf, um sie an Touristen und wohlhabende Norweger zu verkaufen.
   Wenn Christine ein bisschen überdreht auf den ein oder anderen wirken konnte, so eilte Mette der Ruf voraus, eine waschechte, exzentrische Künstlerin zu sein.
   »Kommt Emily auch?« Sie überlegte fieberhaft, wie sie dann aus der Nummer herauskam.
   »Nein.«
   Gott sei Dank! »Dann muss ich doch auch nicht dabei sein?«
   Christine hob interessiert den Kopf. »Wieso? Habt ihr jungen Leute was anderes vor?«
   Als wäre sie schon hundert.
   Isabel nagte an ihrer Unterlippe. In ihr sträubte sich alles, mit Christine über Kristian zu sprechen. »Nichts Konkretes«, antwortete sie ausweichend. »Ich treffe mich mit Kristian. Was wir heute Abend machen, wissen wir noch nicht.«
   Christine runzelte die Stirn. »Wie ich vorhin schon gesagt habe, halte ich das für keine gute Idee.« Sie legte den kleinen Brenner zur Seite. »Du verbringst ziemlich viel Zeit mit diesem Jungen.«
   Aus ihrem Mund klang das wie ein Vorwurf.
   »Ja und? Das hat dich doch in den letzten Tagen auch nicht gestört.«
   »Ich dachte, das Interesse flaut ab, sobald Morten zurück ist«, gab Christine zu. »Allerdings scheint es, als hätte ich mich getäuscht.«
   »Morten? Was hat Kristian mit Morten zu tun?« Plötzlich ging ihr ein Licht auf. »Morten ist mein Freund. Und nichts weiter.« Sie klang energischer, als es ihre Absicht war.
   »Ist ja schon gut. Aber ich finde, dass es allmählich an der Zeit wäre, uns diesen Kristian mal vorzustellen. Was meinst du? Du könntest ihn beispielsweise heute Abend zum Grillen einladen.« Sie zwinkerte.
   »Eigentlich ist die Idee gar nicht so schlecht«, erwiderte sie nachdenklich. »Ihr seid sicher total begeistert. Weißt du, Kristian ist anders als andere Jungs in seinem Alter. Er ist«, ihr fehlten die Worte. »Er ist eben kein kleiner Junge mehr, für den das Leben nur aus Partys besteht.«
   »Dann bringst du ihn heute Abend mit?«
   »No way«, erklärte Isabel energisch. »Ich will ihn ja nicht ganz vergraulen. Aber wenn nicht gerade deine durchgeknallte Freundin da ist, hat er sicher nichts dagegen, euch kennenzulernen.« Sie seufzte. »Wenn dann endlich alles klar ist.« Sie legte ihren Arm um Christines Schulter. »Einverstanden?«
   »Das muss ich ja wohl sein«, sagte sie. »Aber pass auf dich auf.«
   »Mir wird schon nichts passieren. Erstens habe ich ja Kristian, und zweitens nehme ich Troll mit. Der passt so lange auf mich auf, bis ich bei Kristian bin.«
   Christine verdrehte entnervt die Augen. »Troll? Ehrlich, ich kenne den Hund jetzt schon eine Weile. Einen Wachhund habe ich in ihm noch nicht entdeckt.«
   »Wo hast du denn Zeichenblock und Kohle?«
   Kristian hatte ihr erzählt, dass er ganz gut zeichnen konnte, dass er es aber schon lange nicht mehr getan hatte.
   Christine ließ die Tasse sinken, die sie gerade an ihre Lippen gehoben hatte, und setzte zu einem theatralischen Hustenanfall an. »Du willst was malen? Mit Bleistift? Auf Papier?« Der Husten wurde von einem heftigen Lachanfall abgelöst. »Ehrlich, Isabel. Allein die Vorstellung ist der Kracher.«
   Isabel verzog das Gesicht. »Ich freue mich immer, wenn ich dich zum Lachen bringen kann. Aber keine Sorge. Ich werde nichts Bleibendes hinterlassen. Kristian malt gern. Ich will ihn überraschen. Er soll etwas für mich zeichnen.«
   »Dann bin ich ja beruhigt«, neckte Christine sie weiter. »Das Zeugs liegt in der Eckbank.«
   Mit gespielter Entrüstung stapfte Isabel in die Küche und griff nach den Utensilien. Dann klopfte sie auf ihren Schenkel. »Komm Troll«, rief sie. »Gehen wir dorthin, wo sie wahre Kunst zu schätzen wissen.«
   Christines Lachen folgte ihr, bis sie um die Kurve war.
   Sie wählte den schmalen Trampelpfad zum Hyggestin. Er führte durch den dichten Wald am Fjord entlang und sparte ihr mindestens eine halbe Stunde Fußmarsch. Doch zum ersten Mal konnte sie den Zauber, der diesem Weg sonst innewohnte, nicht spüren. Es war, als hätte die Natur die Luft angehalten. Atemlose Stille! Auch Troll schien die Bedrohung zu spüren, die über ihren Rücken kroch und sich in ihrem Nacken festbiss.
   »Ruhig«, flüsterte sie und beobachtete, wie Trolls Ohren spielten. »Alles ist gut.« Sie plapperte wie ein Kind, das sich vor dem dunklen Keller fürchtete und versuchte, mit dem Singen fröhlicher Kinderlieder das Böse von sich fernzuhalten. Sie beschleunigte ihre Schritte. Bald würde der Wald lichter werden. »Gleich haben wir es geschafft. Nur noch diese Kurve und dann sind wir aus dem Wald draußen.«
   Als wollte er ihre Worte Lügen strafen, blieb Troll stehen und ließ ein tiefes Knurren hören.
   Als es in dem Gebüsch hinter ihnen knackte, fuhr Isabel mit einem Schrei herum. Ein Star hüpfte auf den Weg, drehte seinen Kopf, lauschte und flatterte davon.
   Isabel lachte nervös. »Wir sind schon zwei Helden, Troll. Haben Angst vor einem kleinen Vogel.«
   Troll hechelte aufgeregt und wedelte mit dem Schwanz. Das merkwürdige Gefühl war verschwunden.
   Der Weg machte eine scharfe Rechtsbiegung und führte jetzt geradewegs zu den Felsen. Dort gab es keinen Wald mehr. Isabel hätte diesen Weg auch blind gehen können. Seit ihrer frühesten Kindheit hatte sie mit ihren Eltern die Sommerferien bei ihren Großeltern in Norwegen verbracht. Ihre Mutter war in Nipe aufgewachsen und es war bei der kleinen Familie zu einem Ritual geworden, jeden Urlaubstag mit einem Blick vom Stin über den Fjord zu beenden. Wahrscheinlich war sie genau deswegen so gern dort oben.
   Endlich war der Gipfel zu sehen. Nur noch ein paar Schritte. Sie spürte ihren Herzschlag bis zum Hals.
   Sekunden später hatte sie den Gipfel erreicht und schnappte nach Luft. Kristian sah aus wie ein Engel.
   Er stand hart am Rand der Klippe. Der Wind zerrte an seinen Kleidern. Sie wagte es kaum, zu atmen. Noch nie hatte sie jemanden gesehen, der so in seine Gedanken versunken war. Obwohl sie das Gefühl hatte, es wäre nicht richtig, ihn zu beobachten, konnte sie sich nicht von diesem Anblick losreißen. Sie hätte ewig so dastehen und ihn anschauen können, sie würde sich nie sattsehen. In diesem Augenblick wusste sie, dass sie ihn liebte.
   Sie betrachtete die scharfe Linie seines Kinns, seine vollen Lippen, die gerade Nase, die ein bisschen zu breit schien, das winzige Piercingloch in rechten Nasenflügel.
   Seine Jeans waren an den Knien eingerissen, sein schwarzes T-Shirt hing locker um seine schmalen Hüften. Sie sah die harten Muskeln an seinen Armen, und dass der Nagel seines kleinen Fingers länger war als die der anderen. Er hatte noch nie erwähnt, dass er Gitarre spielte.
   Noch immer hatte er sich nicht bewegt.
   Plötzlich wurde sie sich der beiden Dinge bewusst, die sie in der Hand hielt. Sie setzte sich auf einen der Steine und begann zu zeichnen.
   Zuerst waren ihre Striche unsicher, aber dann erkannte sie, dass es weniger auf die Genauigkeit der Linien ankam, als auf das Gefühl. Sie zeichnete und wischte mit einem Finger über die Kohle, fing die Stimmung ein, das Licht, seine Traurigkeit.
   Sein Schmerz war so dicht, dass sie glaubte, ihn greifen zu können und sie stöhnte unvermittelt auf. Im nächsten Moment hätte sie sich am liebsten die Hand vor den Mund gehalten. Zu spät! Der Zauber war zerstört. Noch bevor er sich zu ihr umdrehte, merkte sie es an der Anspannung, die sich fast augenblicklich auf seinem Gesicht zeigte.
   »Es tut mir leid, ich wollte nicht«, stotterte sie und versuchte, unauffällig den Block hinter sich verschwinden zu lassen.
   »Isabel!«
   Das Lächeln in Kristians Augen war wie der Fels, auf dem sie saß. Warm, ewig, grau. »Ich hatte schon Angst, dass du nicht kommen würdest.«
   »Ja?«, fragte sie verwundert. Sie war so erleichtert, dass er nicht verärgert wirkte, dass sie nicht denken konnte.
   »Ich habe auf dich gewartet.«
   Ihr Herz setzte einige Schläge aus. »Du hast so traurig ausgesehen«, plapperte sie, um irgendetwas zu sagen. Und das war genau das, was ihre Gedanken ausfüllte. Einen Wimpernschlag lang glaubte sie zu sehen, wie das Lächeln auf seinen Lippen erstarb, doch der kurze Schatten verschwand so schnell wie eine Wolke über der Wüste. Was blieb, war die Wärme in seinen Augen, als er schmunzelte.
   »Tut mir leid, wenn ich diesen Eindruck auf dich gemacht habe.« Wieder war da dieser merkwürdige Unterton. Als wüsste er genau, wovon sie sprach. »Was hast du da?«
   Sie war überzeugt, dass ihr Kopf jetzt so rot glühte wie die untergehende Sonne.
   »Einen Zeichenblock.« Isabel schielte sehnsüchtig zum Abgrund. Wenn sie den Block nur unauffällig verschwinden lassen könnte. Aber dann würde sie das Bild verlieren. Und das konnte sie unmöglich riskieren.
   »Du malst?« Kristian hob überrascht den Kopf und sah sie interessiert an. »Zeigst du es mir?«
   »Nein!« Sie konnte ihm das Bild unmöglich zeigen. Nicht nur, weil sie überhaupt kein Zeichentalent besaß. »Das ist nichts, wirklich. Nur dilettantisches Geschmiere. So was kann man unmöglich herzeigen.«
   »Das glaube ich nicht. Du malst sicher sehr gut.« Er machte Anstalten, hinter sie zu greifen, doch dann überlegte er es sich offensichtlich anders. Vielleicht hatte er die Panik in ihrem Gesicht bemerkt. »Du zeigst es mir eben einfach, wenn du damit fertig bist.«
   »Eigentlich habe ich den Block ja für dich mitgebracht«, murmelte sie. »Du hast gesagt, du hättest ganz gut zeichnen können und …« Sie senkte den Blick. »Du hast dich dabei so traurig angehört. Ich dachte, wenn ich dir einen Block und einen Stift mitbringe, dass du dann …« Sie brach ab und hob den Kopf.
   Kristians Miene wirkte versteinert, doch in seinen Augen glitzerte es verdächtig. »Du hast ja keine Ahnung, was für eine Freude du mir damit gemacht hast.« Er zog sie zu sich. »Du bist ein ganz besonderer Mensch, weißt du das?« Seine Augen waren voller Zärtlichkeit.
   Isabel schwindelte. Seine Lippen strichen über ihren Hals. Sie reagierte, ohne nachzudenken und beugte den Kopf, bis seine Lippen ihre berührten. Dann versank die Welt um sie herum.
   »Gibst du mir jetzt den Block?« Der Ausdruck in Kristians Augen hatte sich verändert. »Und dann könntest du dich vielleicht dort drüben hinsetzen.« Er deutete auf den Rand der Klippe.
   »Wieso?« Tief in ihrem Bauch fühlte sie eine nagende Unzufriedenheit. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte dieser Kuss niemals enden dürfen.
   »Nun.« Seine Augen strahlten auf eine Weise, wie sie es noch nie gesehen hatte. »Dann zeichne ich ein Bild von dir.« Er legte seine Daumen und Zeigefinger zu einem Viereck zusammen und tat, als würde er durch eine Linse schauen. Dann lachte er. »Im Ernst. Ich bin zwar ein bisschen aus der Übung, aber das könnte mein Meisterwerk werden.«
   »Aber nicht mit mir als Motiv.«
   »Gerade mit dir als Motiv.« Kristian berührte ihr Kinn. »Ich glaube, du hast keine Ahnung, wie schön du bist.«
   Isabel schluckte. »Du brauchst eine Brille. Und zwar dringend.«
   »Und du ein bisschen mehr Selbstbewusstsein«, gab er zärtlich zurück. »Also, was ist jetzt? Darf ich dich zeichnen? Immerhin hast du auch ein Bild von mir gemalt.« Er grinste breit. »Quid pro quo!«
   Isabel seufzte ergeben. Sie hätte ihm sowieso nichts abschlagen können. »Also gut.«

Sie saß so reglos wie möglich, obwohl nach einer Weile ihre Arme und Beine kribbelten, als ob Hunderte kleiner Stromstöße durch ihre Adern schießen würden.
   Immer wieder ruhten Kristians Augen konzentriert auf ihrem Gesicht, ehe er sich, mit der Zunge zwischen den Lippen, wieder seiner Zeichnung zuwandte.
   Für Isabels Geschmack widmete er ihrem Äußeren entschieden zu viel Aufmerksamkeit. Ihm konnte unmöglich entgehen, dass ihr linkes Auge ein kleines bisschen größer war als ihr rechtes, oder dass sich beim Lächeln ein Mundwinkel weiter hob als der andere. Erst recht nicht, dass sie auf der Nase Tausende winziger Sommersprossen spazieren trug.
   Wie er die wohl zeichnen würde?
   Sie stöhnte. Als sie ihr Gewicht verlagerte, setzte sie die Ameisen wieder in Gang. Ihr Bein fühlte sich an, als wäre es mit Glaswolle gefüllt.
   »Fertig!« Kristian riss in einer fließenden Bewegung das Blatt aus dem Block.
   »Ich will es sehen«, protestierte Isabel, als er Anstalten machte, die Zeichnung zusammenzufalten.
   Ein listiges Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Nur, wenn ich mir dein Bild anschauen darf. Wie gesagt: Quid pro quo.«
   Isabel seufzte. »Du mit deinem Quid pro quo. Quid pro quo gilt übrigens nur, wenn die Voraussetzungen dieselben sind. Und im Gegensatz zu dir kann ich überhaupt nicht zeichnen. Ich kriege gerade mal ein Strichmännchen hin. Wenn wir uns gegenseitig unsere Zeichnungen zeigen, bedeutet das für mich, dass ich mich bis auf die Knochen blamiere, wohingegen du der strahlende Stern am Künstlerhimmel bist.«
   »Und woher willst du das wissen? Immerhin hast du noch nie ein Bild gesehen, das ich gemalt habe, oder?«
   »Nein. Aber du hast gesagt, du hättest gern gezeichnet.«
   »Gern, ja. Gut? Das steht auf einem anderen Blatt.« Er grinste. »Wenn du wissen möchtest, ob ich wirklich etwas davon verstehe, wirst du mir dein Bild zeigen müssen. Vielleicht bin ich ja auch nur ein Maulheld?«
   »Pah!« Isabel wusste, dass das nicht der Fall war. Es passte einfach zu ihm, in allem, was er tat, perfekt zu sein. Sie hingegen? Eine Weile kämpfte sie mit sich, doch dann siegte die Neugier. Hieß es nicht immer: Ein guter Maler würde nicht nur das Aussehen, sondern auch die Seele seines Models auf das Papier zaubern? Sie wollte zu gern wissen, was Kristian in ihr sah.
   »Einverstanden«, murmelte sie und gab ihm den Block zurück. Im Austausch reichte er ihr seine Zeichnung.
   Ein junges Mädchen in Jeans und T-Shirt saß auf einem Felsen, umgeben von Möwen und Schmetterlingen. Ihr Haar floss in weichen Wellen bis auf ihre Schultern. Sie hatte ein sehr schmales Gesicht, mit auffallend großen, etwas traurigen Augen. Kristian hatte recht: Es bestand wirklich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Mädchen auf dem Bild und ihr. Nur, dass das Mädchen auf dem Bild schön war, während sie nur einigermaßen hübsch aussah. »Blind«, flüsterte sie, als sie endlich ihre Sprache wiedergefunden hatte. »Du musst wirklich blind wie ein Maulwurf sein.«
   Isabel würde nie den Blick vergessen, mit dem Kristian sie ansah, als er sie zu sich zog. Es war einer jener Momente, die einem ein Leben lang im Gedächtnis blieben.
   »Ist es nicht das, was die Leute alle sagen, dass Liebe blind macht?«
   Es war schon dunkel, als sie vom Hyggestin zurückkehrte. Im Garten brannte ein Lagerfeuer.
   »Kommst du noch mit rein?« Isabel löste sich nur widerwillig aus seinen Armen. Ein wehmütiger Ausdruck legte sich wie ein Schatten über sein Gesicht. »Ein anderes Mal. Ihr habt Besuch, da würde ich nur stören.«
   Christine und eine Frau, die Isabel noch nie gesehen hatte, sangen mit geschlossenen Augen zu den Klängen einer Gitarre, der Andreas leise Töne entlockte.
   Schön war das nicht!
   »Du störst nicht, im Gegenteil«, protestierte Isabel, doch Kristian ließ sich nicht erweichen.
   »Wir sehen uns morgen?« Er ließ ihre Hand los.
   »Aber erst morgen Abend. Ich habe Andreas versprochen, mein Zimmer zu tapezieren.«
   Kristian hüstelte und riss seine Augen in gespieltem Entsetzen auf. »Du willst tapezieren?«
   Isabel stemmte ihre Hände in die Hüften. »Ich sage immer: Was andere können, das kann ich auch.«
   »Die Einstellung klingt in meinen Ohren ziemlich – gewagt, wenn ich ehrlich bin.« Er lachte.
   »Wenn du glaubst, ich kann das nicht, kannst du ja kommen und mir helfen«, neckte Isabel. »Aber du hast Glück. Emily hat sich bereits angekündigt. Mit ihr zusammen wird es schon nicht schiefgehen.«
   Kristian sah sie skeptisch an. Dann nickte er. »Ihr werdet das schon schaffen«, sagte er und zog sie ein letztes Mal in die Arme. »Und jetzt ab ins Bett mit dir. Ich warte morgen am Strand auf dich, einverstanden?«
   Natürlich war sie einverstanden. »Und wenn du in der Hölle auf mich warten würdest«, murmelte sie, während sie zusah, wie die Dunkelheit ihn verschluckte. »Ich würde auch dorthin zu dir kommen.«
   Isabel wollte sich heimlich durch die Terrassentür hineinschleichen, als sie geradewegs in einen Mann rannte. Sie konnte einen Schrei nicht unterdrücken. Der Mann sah aus wie ein Bär. Nicht nur, weil er riesengroß und breit war, sondern vor allem, weil sein Gesicht nur aus Haaren zu bestehen schien.
   »Holla, wen haben wir denn da?«, polterte er und grinste, wobei er zwei runde, gerötete Wangen präsentierte, die wie feurige Eisberge aus einem Meer aus Barthaaren auftauchten. Hätte der Mann jetzt noch »Ho-ho-ho« gerufen, hätte er als die Sommerausgabe des Weihnachtsmannes durchgehen können.
   »Ich bin Isabel, Christines Nichte.« Ein bisschen eingeschüchtert streckte sie ihm die Hand entgegen, die er jedoch glatt ignorierte. Stattdessen nahm er sie in seine Arme und drückte sie entschlossen an seine breite Brust.
   »Es ist mir ein Vergnügen, dich endlich kennenzulernen, meine Liebe!«
   Isabel war ernsthaft besorgt, in seiner durchaus freundlich gemeinten Umarmung zu ersticken.
   »Erdrück unsere Isabel aber nicht, Erik«, rief Andreas lachend über das Flackern des Feuers hinweg. »Die brauchen wir nämlich noch. Du weißt, wie schwierig gute Babysitter heutzutage zu finden sind.«
   O Mann! Noch ein Beweis, dass Alkohol nicht unbedingt dazu diente, die Intelligenz seiner Konsumenten zu steigern.
   »Keine Sorge« gab Erik zurück. »Ich mach sie euch schon nicht kaputt.« Dann wandte er sich Isabel zu. »Du kommst aber noch ein bisschen mit zu uns ans Feuer, Kleine. Und keine Angst.« Er blinzelte ihr verschwörerisch zu. »Ich passe auch auf, dass die beiden nicht wieder anfangen zu singen.«
   Isabel lachte. Sie mochte Erik auf Anhieb.