In Unterwald gelten Vampire als blutrünstige Monster. Doch als sich Jakob gegen seinen Willen durch ein kontaminiertes Antibiotikum verwandelt, ist er immer noch Jakob. Nur, dass das im Dorf niemand außer Jakobs Geliebter Stefanie glauben will. Selbst seine Verwandten sind der Überzeugung, ihm einen Gefallen zu tun, wenn sie ihn töten. Jakob kann nur überleben, wenn er aus Unterwald flieht, aber seine Verfolger sind ihm dicht auf den Fersen. Einzig Stefanie setzt alles daran, ihm zu helfen.

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Bettina Ferbus

Bettina Ferbus
© Ottmar Krenn
Bettina Ferbus ist eine bekennende Süchtige. Sie ist süchtig nach Pferden - das hat sich schon in ihrem Hauptberuf niedergeschlagen: Sie ist Reitlehrerin - und sie ist süchtig nach Gedrucktem. Zwanghaftes Lesen mit einer besonderen Vorliebe für Phantastisches führte dazu, dass sie Geschichten zu schreiben begann. Zuerst Kurzgeschichten, die in verschiedenen zum Teil preisgekrönten Anthologien erschienen sind, später auch längere Texte.

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Leseprobe

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1. Kapitel
Stefanie

»Du bleibst im Haus! Wir haben Vampiralarm!«
   Stefanie lief ihrem Vater nach. »Komm schon, Papa! Ich bin keine zehn mehr! Ich kann euch helfen!«
   »Bei aller Liebe, aber dazu bist du momentan nicht in der Verfassung.«
   Stefanie schnaubte. »Es würde mich ablenken. Glaubst du, es ist besser, wenn ich hier herumsitze? Allein!«
   »Du wärst nicht konzentriert. Es ist zu gefährlich.«
   »Ich kann auf mich aufpassen!«
   Ihr Vater schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Frustriert trat Stefanie gegen das Holz. Verdammt! Reichte es nicht, dass Jakob gestorben war? Schon schossen wieder Tränen in ihre Augen. Sie vermisste ihn so. Warum hatten sie ihr nicht wenigstens erlaubt, ihn noch einmal zu sehen, sich von ihm zu verabschieden?
   Die Gefahr der Ansteckung sei zu groß. Bei einer Lungenentzündung! Gestorben war Jakob an dem Antibiotikum, das ihn eigentlich hätte heilen sollen. »Das Medikament war mit einem Virus kontaminiert«, lautete die offizielle Erklärung.
   Stefanie kauerte sich auf dem Boden zusammen. Heiße Tränen liefen über ihre Wangen und benetzten ihre Jeans. Es tat so weh. Wenn sie doch nur die Zeit zurückdrehen könnte! Sie wollte die letzten beiden Wochen einfach streichen und für immer in jenem Moment nach der Heuernte verbleiben. In ihrer Erinnerung durchlebte sie noch einmal die letzten Stunden dieses heißen, sonnigen Tages. Sie roch wieder das frische Heu, sah Sonnenstrahlen, die zwischen den Brettern in die Scheune fielen, und die Staubkörner, die in ihnen tanzten.
   »Pst!« Jakob fasste sie am Arm und zog sie beiseite.
   Stefanie schrie leise auf, war dann jedoch sofort wieder still. Zu selten gelang es ihnen ein paar gestohlene Momente zu zweit zu genießen. Ein Kuss, ein wenig Gefummel, dann tauchte meist schon jemand auf. Das war der Nachteil, wenn man in einer Zweihundertseelengemeinde wohnte.
   Wenigstens waren in Unterwald die Sitten nicht ganz so streng wie in Waschenberg, wo nach dem Vampirkrieg das Mittelalter wieder Einzug gehalten hatte. Dort war eine Beziehung vor der Ehe gänzlich undenkbar, und die Eltern bestimmten, wen man heiratete.
   Für Stefanie kam nur Jakob infrage. Sie würde sich von niemandem reinreden lassen. Zärtlich biss sie ihn in die Unterlippe. Er stöhnte auf, zog sie enger an sich. Seine Hände wanderten unter ihre Bluse und strichen ihren Rücken entlang.
   »Was hältst du davon, wenn wir heiraten?« Jakob sah sie erwartungsvoll an. »Zwar habe ich kein Land und kein Haus, aber ich bin ein guter Arbeiter. Ich schaffe es, für uns etwas aufzubauen. Für uns und unsere Kinder.«
   Stefanie drückte ihn und küsste ihn. Dann warf sie ihre blonden Zöpfe zurück. »Ich dachte schon, du würdest mich nie fragen.«
   »Glaubst du, dein Vater ist einverstanden? Ihm wäre Erich lieber gewesen.«
   »Ja, weil er den Hof seiner Eltern erbt. Aber keine Sorge, ich rede mit meinem Vater. Schließlich heirate ich einen Mann und keinen Hof.«
   Jakobs Hände lagen warm auf ihrem Rücken.
   Sie drückte sich an ihn, die Arme um seinen Nacken geschlungen. »Treffen wir uns heute Nacht?«
   »Ganz wie die Dame wünscht. Ich hole dich ab.«
   Ein paar Stunden später klopfte es leise an ihr Fenster. Sie hörte es immer noch. Doch nein, es klopfte tatsächlich jemand.
   Stefanie sprang auf, eilte zu ihrem Zimmer, stoppte dann jedoch abrupt vor der Tür. Ihr Vater hatte zum Glück nie mitbekommen, dass sich ein Ast des alten Apfelbaumes so biegen ließ, dass man zu ihrem Fenster gelangte. Ideal, um sich heimlich mit dem Geliebten zu treffen. Niemand außer ihr und Jakob wusste davon. Bis jetzt! Irgendjemand musste es herausgefunden haben. Sie schnappte sich Großmutters Zinnvase, die auf einem kleinen Beistelltischchen im Flur stand, und öffnete die Tür. Zuerst war das Gesicht nicht mehr als ein heller, ovaler Fleck am Fenster. Doch als sie ein paar Schritte in den Raum machte, erkannte sie die Züge. Die Vase entfiel ihren schlaff werdenden Fingern.
   Jakob! Er war doch nicht tot. Sie hatten sich alle getäuscht. Vielleicht war der Herzstillstand eine Nebenwirkung des Medikaments gewesen.
   Sie sah die Erleichterung in seinem Gesicht, als sie auf das Fenster zulief. Er lächelte sie an und ihr war mit einem Mal so kalt, als hätte jemand sie mit Eiswasser übergossen.
   Es war genau die Szene, die sie nur zu gut aus Filmen und Büchern kannte. Sie standen vom Grab auf und kamen zurück um die Lebenden heimzusuchen. Wenn sich jemand in einen Vampir verwandelte, blieb von seinem Selbst nichts zurück. Mochte er dem ursprünglichen Menschen auch gleichen wie ein Ei dem anderen, war dieser Leib nur die Hülle für eine blutrünstige Bestie, deren einziges Ziel es war, die eigene Existenz durch das Blut anderer zu verlängern.
   Sah Jakob jetzt deshalb enttäuscht aus? Sein Gesicht war blass, die Augen rot unterlaufen und die Eckzähne unmenschlich lang und spitz, aber er war irgendwie immer noch Jakob. Stefanies Unterlippe zitterte. Tränen füllten ihre Augen. Sie blinzelte sie weg.
   Jakob ließ den Kopf hängen und lehnte die Stirn gegen das Fensterglas. Diese Bewegung war ganz er. Sie konnte ihn seufzen hören, obwohl das eigentlich nicht möglich war. Es tat unglaublich weh, ihn zu sehen und nicht zu ihm zu dürfen. Stefanie ballte die Fäuste und presste die Lippen fest aufeinander. Bald würden die anderen kommen, ihn hier finden, ihn pfählen und seinen Kopf abschneiden, damit er sich nie wieder aus seinem Grab erheben konnte. Der Gedanke daran tat derartig weh, dass es war, als würde ihr jemand einen Pfahl durch das Herz treiben. Sie hielt es nicht aus. Lieber wollte sie sterben, als zulassen, dass Jakob das ihm zugedachte Schicksal ereilte.
   Mit zwei Schritten war sie beim Fenster, riss es auf und packte ihn am Ärmel.
   »Komm rein! Schnell!«
   Sie gingen in einem Knäuel aus Gliedmaßen zu Boden. Jakob fühlte sich gar nicht kalt und tot an. Sie konnte sein Herz schlagen hören, als sie an ihn gepresst dalag. Er versuchte auch nicht, sie zu beißen, presste sie nur fest an sich.
   »Ich hatte solche Angst, dass du mich nicht mehr willst, wie ich jetzt bin«, flüsterte er über ihrem Kopf.
   Sie rückte gerade genug von ihm ab, dass sie ihm in die Augen sehen konnte. »Du bist immer noch du –, oder?«
   »Ich liebe dich immer noch wie am ersten Tag. Daran hat sich nichts geändert. Ich kann mich an alles erinnern und fühle wie zuvor.«
   »Aber du brauchst Blut?« Ihr Herz klopfte wie verrückt, und ihr war heiß und kalt zugleich. Gleich würde er sagen, dass er von ihr trinken wollte. Womöglich war er nur aus diesem Grund zu ihr gekommen. Der Zweifel bohrte seine Krallen schmerzhaft ihn ihr Fleisch.
   »Momentan nicht. Ich habe von Olga getrunken.«
   »Olga?« Stefanie blinzelte. Hatte sie richtig gehört? Immerhin war Olga ein Schwarzwälder Fuchs und damit ein Pferd! »Geht das?«
   »Tierblut ist weniger nahrhaft als Menschenblut und es schmeckt auch nicht besonders, aber ein Pferd kann es sich ohne weiteres leisten, ein paar Liter zu verlieren, ohne Schaden zu nehmen. Deshalb schien es mir sicherer.«
   »Woher wusstest du, dass du es trinken kannst?«
   »Ich habe es von den Händlern gehört. Wenn Hans nicht in der Nähe war, haben sie gelegentlich das eine oder andere erzählt.«
   Jakobs Umarmung wurde lockerer. Dafür begann er, Stefanie zu streicheln. »Ich habe auch sonst noch so einiges gehört.«
   »Was denn?«
   »Dass an vielen Orten Menschen und Vampire zusammenleben. Was auch immer Professor Hildebrand mit seiner Genmanipulation geschaffen hat, die Vampire aus den Legenden sind es nicht. Zwar brauche ich eindeutig Blut und das Sonnenlicht ertrage ich nicht, aber ich bin nie gestorben, war nie begraben, habe mich deshalb auch nie aus meinem Grab erhoben. Ich bin schlicht und einfach abgehauen, als ich die anderen davon reden hörte, dass sie mich von meinem Leiden erlösten wollen, indem sie mir den Kopf abschlagen.«
   »Du hast also nicht vor, mich umzubringen.«
   Jakob schnaubte leise und schüttelte den Kopf. »Wie könnte ich das tun? Du bist das Licht meiner Seele. Ohne dich wäre mein Leben nicht mehr lebenswert.«
   Wieder liefen Stefanie Tränen über die Wangen, aber diesmal waren es Tränen der Erleichterung. Sie fasste nach Jakobs Kopf, zog ihn näher, küsste ihn, ohne auch nur einen Gedanken an die spitzen Zähne zu verschwenden.
   Plötzlich erstarrte Jakob. »Sie kommen zurück.«
   »Ich höre nichts.«
   »Sie reden über mich. Verdammter Mist! Ich muss weg.«
   »Wo willst du hin?«
   »Ich weiß nicht. Irgendwohin.«
   Stefanie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände. »Und wenn sie dich erwischen?«
   »Stefanie!« Die Stimme ihres Vaters erklang von unterhalb des Fensters. »Bist du wahnsinnig? Mach sofort das Fenster zu.«
   »Ja! Gleich.«
   »Nicht gleich. Jetzt! Sofort! Augenblicklich!«
   Stefanie verdrehte die Augen, löste sich von Jakob und stand auf. Langsam ging sie zum Fenster und schloss es. Dann drehte sie sich um und kam wieder zu Jakob zurück. »Du musst dich verstecken. So wie ich meinen Vater kenne, wird er in spätestens fünf Minuten hier im Zimmer stehen und mir eine Standpauke halten.«
   »Und wo soll ich hin? Unter das Bett.«
   »Wäre eine Möglichkeit. Aber ich traue meinem Vater zu, dass er nachschaut.«
   Jakob zog die Brauen hoch. »So sonst?«
   »Im Schrank.«
   »Da sieht er nicht nach?«
   »Im Schrank vielleicht schon, aber sicher nicht unter den Pferdedecken.«
   Jakob stieß heftig die Luft aus. »Die sind hoffentlich gewaschen.«
   »Nein. Und das ist auch gut so. Wegen der Schweine.«
   »Du glaubst, sie bringen die Schweine ins Haus?« Jakob lauschte und riss dann die Augen auf. »Verdammt! Sie tun es tatsächlich. Welcher Schrank ist es?«
   Stefanie deutete auf den großen Schrank im Vorraum. Jakob sprang auf die Füße, war mit zwei Schritten beim Schrank und riss die Tür auf. Als ihm ein Schwall Pferdegeruch entgegenschlug, stockte er und verzog das Gesicht. Dann zuckte sein Kopf kurz zur Eingangstür, er lauschte einen Augenblick, drehte sich dann wieder in Stefanies Richtung. Er sah aus, als hätte er eben in einen sauren Apfel gebissen, verschwand im Schrank und hüllte sich in die Decken. Stefanie stand auf und machte die Tür hinter ihm zu.
   Keine Sekunde zu früh, denn sie hatte gerade noch Zeit einmal tief durchzuatmen und zu ihrem Bett zurückzugehen, bevor ihr Vater die Tür aufriss. Zwei der Wollschweine begleiteten ihn. Aufgeregt grunzend begannen sie, im Raum herumzuschnüffeln.
   Stefanie drehte sich hastig um, als hätte sie sich erschrocken. Dabei stieß sie die Schale mit den Äpfeln vom Tischchen neben dem Bett. Sie polterte zu Boden und die Äpfel verteilten sich im Raum. Sofort waren die Schweine abgelenkt und begannen sich über die Äpfel herzumachen.
   »Was sollte das?«
   »Tut mir leid das mit den Äpfeln, Papa. Du bist so plötzlich hereingekommen. Warum hast du nicht geklopft? Und warum hast du die Schweine mit?«
   »Vergiss die Äpfel. Warum hattest du das Fenster offen?«
   »Es war so stickig.«
   »Du weißt, dass bei Vampiralarm alle Fenster geschlossen bleiben müssen.«
   Stefanie senkte den Kopf. Die langen, blonden Strähnen ihres Haares fielen vor ihr Gesicht. »Ich dachte, ich bekomme keine Luft mehr. Es war einfach nicht auszuhalten. Ihr hättet mich mitnehmen sollen, statt mich hier einzusperren.«
   Eines der Schweine kam zu ihr und stieß sie grunzend mit dem Rüssel an. Dann begann es ganz interessiert an ihr zu schnüffeln, wurde immer aufgeregter.
   »He! Ich habe keine Äpfel mehr. Ihr habt alle aufgefressen.« Stefanies Herz klopfte wie verrückt, aber sie schaffte es, ihre Stimme ruhig zu halten.
   »Lass ab jetzt dein Fenster geschlossen.« Ihr Vater klang ein wenig milder. Er glaubte die Geschichte mit den Äpfeln! Das Schwein war nicht so leicht zu überzeugen. Immer wieder stieß es sie mit dem Rüssel an. Es roch das Fremdartige des Vampirs an ihrer Kleidung. Allerdings wirkte es gleichzeitig irritiert. Mischte sich Jakobs vertrauter Geruch mit dem des Vampirs? Reagierte das Schwein deshalb nicht aggressiv?
   »Ich werde Walter fragen, dass er mit seinen Schweinen vorbeikommt.«
   Stefanie hob den Kopf und sah ihren Vater durch den Vorhang ihrer Haare hindurch an. »Aber du hast die hier doch von ihm gekauft.«
   »Sie haben schon zu lange keinen Vampir mehr gerochen. Sie verlieren die Fährte immer wieder und mit ihrem Eifer ist es auch nicht weit her.« Während er sprach, trat ihr Vater neben sie, sah unter das Bett, stocherte mit seinem spitzen Stab darunter herum.
   »Was soll das? Glaubst du, der Vampir hat sich unter meinem Bett versteckt?«
   Ihr Vater antwortete nicht, erhob sich, ging zum Kleiderschrank, öffnete ihn, schob die Jacken und Pullover mit seinem Stab beiseite. Dann wandte er sich dem Schrank im Vorraum zu. Stefanies Herz pochte. Die Schweine folgten ihrem Vater, schnüffelten am Schrank herum. Stefanie zwang sich, gleichmäßig weiterzuatmen. Sie versteckte die Finger unter der Bettdecke, damit man nicht sah, wie sehr sie zitterten.
   Ihr Vater zog die Tür auf und rümpfte die Nase. »Sag mal, bist du noch bei Trost? Pferdedecken im Haus! Ungewaschen! Die gehören in den Stall!«
   Stefanie machte sich bereit, aufzuspringen, für den Fall, dass ihr Vater die Decken aus dem Schrank riss und Jakob entdeckte.
   »Heidi nimmt immer meine Decken für Whisky, weil er seine zerrissen hat und sie sich keine neuen leisten kann. Damit er meine dann auch kaputt macht! Dieses Pferd ist ein echter Zerreißteufel.«
   »Jetzt braucht keines von den Pferden eine Decke, und es wäre längst Zeit gewesen, die Decken zu waschen. Also entweder du wäschst sie morgen oder du bringst sie in den Stall. In meinem Haus will ich keine ungewaschenen Pferdedecken.«
   »Es ist mein Zimmer.«
   »Das sich in meinem Haus befindet.«
   Stefanie verzog das Gesicht. »Ja, Papa.«
   »Ich frage mich wirklich, wie du einen eigenen Haushalt führen willst.«
   Mit dem eigenen Haushalt würde es in nächster Zeit nichts werden. Bei dem Gedanken schossen Stefanie Tränen in die Augen. Wenigstens verzichtete ihr Vater darauf, eventuelle andere Heiratskandidaten anzusprechen. Hätte er Erich auch nur mit einem einzigen Wort erwähnt, hätte sie entweder einen Heulkrampf oder einen Wutausbruch bekommen.
   Doch er sagte nichts, rührte auch die Pferdedecken nicht an, sondern schloss langsam die Schranktür wieder. Die Schweine hatten inzwischen alle Äpfel aufgefressen und kamen zum Schrank. Sie drückten ihre feuchten, rosaroten Schweineschnauzen gegen die Tür.
   Stefanie betete darum, dass ihr Vater endlich gehen und die Schweine mit sich nehmen möge, doch er stand unschlüssig neben den leise grunzenden Tieren und sah Stefanie an. Seine Brauen waren zusammengeschoben, die Lippen aufeinandergepresst. Sein Unterkiefer bewegte sich leicht hin und her. Er räusperte sich. »Also, du machst das gleich morgen. Das mit den Decken meine ich.«
   Stefanie nickte. »Klar.«
   Er wandte sich zum Gehen. Nur dummerweise interessierten sich die blöden Schweine immer noch für den Schrank. Eine der Decken hatte sich in der Tür verklemmt, sodass sie nicht vollständig geschlossen war. Schon schob eines der Schweine die Seite seines Rüssels in den Spalt und drückte die Tür auf.
   Stefanie wurde heiß und kalt zugleich. Sie überlegte fieberhaft, wie sie die Schweine ablenken könnte. Es wollte ihr jedoch nichts einfallen und schon hatte auch das zweite Schwein seinen Kopf in den Spalt geschoben, packte eine der Decken mit den Zähnen und zerrte sie heraus.
   »Nicht!«
   Zu spät. Der ganze Deckenstapel fiel aus dem Schrank und mit ihnen Jakob. Stefanie sprang vor und stellte sich zwischen ihn und ihren Vater, der sein Gewehr von der Schulter riss.
   »Geh aus dem Weg!«
   »Nein!«
   Stefanie würde keinen Millimeter weichen. Nur gegen die Schweine konnte sie nichts tun. Sie waren darauf abgerichtet, Vampire nicht nur aufzuspüren, sondern auch anzugreifen. Schon ging eines von ihnen mit schrillem Quieken auf Jakob los und schlug die Zähne in seinen Unterschenkel. Er riss sich mit einem Fluch los. Blut lief sein Bein hinab. Das machte die Schweine erst recht wild.
   Jakob wich in Richtung Fenster zurück. Stefanies Blick flatterte zwischen ihrem Vater und Jakob hin und her. »Bitte ruf die Schweine zurück! Jakob ist immer noch er selbst. Du darfst nicht erlauben, dass er getötet wird.«
   »Mädel, du bist auf seine Worte hereingefallen. Das ist das Tückische an den Vampiren. Sie ähneln allzu sehr der Person, die sie einmal gewesen sind.«
   »Aber er ist noch immer dieselbe Person. Er liebt mich noch und ich ihn!«
   Jakob hatte das Fenster beinahe erreicht. Die Schweine folgten ihm dicht auf den Fersen. Die Schnauze des einen war vom Blut gerötet. Die Gefährlichkeit dieser Schweine war nicht zu unterschätzen. Sie reichten Jakob beinahe bis zur Mitte des Oberschenkels und waren deutlich hochbeiniger und schneller als ein Mastschwein. Hauer ragten links und rechts aus ihrem Maul hervor. Die im Verhältnis winzigen Augen verschwanden beinahe im weißen wolligen Fell, die Schlappohren wackelten und die rosaroten Schweinerüssel bewegten sich unablässig.
   Dann stürzten sie los. Stefanie schrie gellend. Sie sah Jakob bereits zerfleischt vor sich. Sein Blut auf dem Boden ihres Zimmers. Doch er war schnell. Sprang. Glas klirrte. Das Fenster barst.

2. Kapitel
Jakob

Seit der Hundegrippe und dem damit deutlich zurückgegangenen Hundebestand, übernahmen Schweine einen Teil der Aufgaben. Sie waren schnell, wenn nötig aggressiv und mehr als intelligent genug, um sich abrichten zu lassen.
   Womöglich war es jedoch genauso erstunken und erlogen, dass die Hundegrippe von Hunden übertragen wurde, wie all diese Geschichten über Vampire. Von wegen, Vampire wären gefühllose Monster mit dem einzigen Ziel, Tod und Verderben über die Menschen zu bringen.
   Jakob spürte nichts von dem unstillbaren Blutdurst, der einen Vampir alle Vernunft vergessen ließ. Natürlich hatte sich seine Einstellung zu Blut völlig verändert. Hätte ihm vor einer Woche jemand gesagt, dass er bei klarem Verstand den Geruch des Blutes als appetitanregend empfinden würde, hätte er ihn für verrückt erklärt. Und ja, das Pferdeblut hatte nicht schlecht geschmeckt. Er konnte sich durchaus vorstellen, von einem Menschen zu trinken. Er konnte sich sogar vorstellen, von Stefanie zu trinken. Nicht grob natürlich, sondern ganz sanft und zärtlich. Womöglich konnte sie es genauso genießen wie er. Dass das durchaus möglich war, hatte er ebenfalls von den Händlern gehört.
   Er wollte nicht sterben, obwohl er vor einer Woche noch etwas anderes behauptet hätte. Wie schnell Überzeugungen auf den Kopf gestellt werden konnten. »Sollte ich mich jemals in einen Vampir verwandeln, dann bringt mich um, lasst nicht zu, dass ich als Kreatur der Dunkelheit weiterexistiere und Unheil über die Menschen bringe.«
   Jetzt rannte er, rannte um sein Leben, das ihm immer noch genauso kostbar und teuer war. Seine Schulter fühlte sich feucht an und pulsierte im Rhythmus des Herzschlags. Sie hatte bei seinem Sprung durch die Glasscheibe einiges abbekommen. Hinter sich hörte er eine Stimme.
   »Wir müssen ihn aufhalten, bevor er sich an Menschen vergeht!« Das war Hans. Lange Zeit hatte Jakob zu ihm aufgeblickt und war stolz gewesen, dass es dem Führer ihrer kleinen Gemeinde gelungen war, Unterwald und seine nähere Umgebung vampirfrei zu halten. Jetzt fragte er sich, ob Hans bewusst gelogen hatte oder ob er seine Geschichten tatsächlich glaubte.
   Professor Hildebrand mochte durch Genmanipulation Vampire erschaffen haben, die gewisse Ähnlichkeiten mit ihren Vorbildern aus Mythen und Legenden hatten, doch man konnte das Wissen aus den Überlieferungen nur bedingt auf die modernen Vampire anwenden. Das musste Jakob am eigenen Leib feststellen.
   Sollte er jemals auch nur einen Funken Hoffnung gehegt haben, dass sich die anderen Dorfbewohner von seiner Harmlosigkeit überzeugen ließen, dann löste er sich unter dem zustimmenden Gejohle, das auf die Worte von Hans folgte, in Nichts auf.
   Jakob rannte weiter. Er nahm nicht die Dorfstraße, sondern die kleinen Gassen und Hinterhöfe, kletterte über Gartenzäune und machte sich gelegentlich sogar die Dächer zunutze. Die Schatten hatten ihre Schwärze verloren und luden ihn mit ihrem dunklen Blau dazu ein, tiefer in sie einzutauchen. Er kannte dieses Dorf in- und auswendig. Sein ganzes Leben hatte er hier verbracht, in den Straßen und Höfen Räuber und Gendarm gespielt, sich in den Scheunen versteckt, dem Hufschmied geholfen und sich mit Botengängen ein Taschengeld verdient.
   Das Haus seines Onkels ließ er links liegen, rannte an der Tischlerwerkstatt vorbei, wo ihm der Geruch von frischen Spänen in die Nase stieg, und huschte durch den still daliegenden Hof des Hacklbauern. Er duckte sich in den Schatten des Traktors, der kaum noch benutzt wurde, weil meist das Geld für Treibstoff fehlte. Aus dem Inneren des Stalls drangen die Kaugeräusche der Milchkühe zu ihm. Die Pferde und das Jungvieh waren auf der Weide. Eine leichte Brise trieb den Geruch von Kuhdung heran. Jakob wandte sich in die andere Richtung. Wenn er sich hinter Abrahams Krämerladen vorbeischlich, war der Weg zum Wald deutlich kürzer.
   Bald schon bereute er seine Entscheidung, denn hinter sich hörte er das Grunzen der Schweine. Vielleicht hätte der Kuhdung den Vampirgeruch übertüncht, so jedoch wehte ihn der Wind den Tieren genau in die Rüssel. Jakob setzte über den nächsten Gartenzaun. Auf ebener Strecke waren Schweine bei weitem schneller als ein Mensch. Aber ihre Fähigkeit, zu springen, hielt sich in Grenzen.
   Er duckte sich in den Schatten des Hauses, nutzte auf seinem Weg durch das Gemüsebeet die Trittsteine, um keine sichtbaren Spuren zu hinterlassen. Das Grunzen der Schweine wurde hektisch. Sie hörten sich an, als würden sie auf und ab laufen. Suchten sie einen Weg zu ihm? Nun, das würde er ihnen nicht leicht machen.
   Ein kleiner Schuppen grenzte an das Gemüsebeet. Jakob kletterte auf das Dach, schlich geduckt bis zu der Stelle, wo sich das Wohnhaus anschloss. Ein beherzter Sprung, der ihn auf den Balkon trug. Die Balkontüren waren trotz der Vampirwarnung gekippt, eine sogar ganz offen. Eine weiße Gestalt erschien in der Öffnung. Jakob legte den Zeigefinger an die Lippen, lächelte und zwinkerte der kleinen Marie in ihrem Nachthemd zu. Sie starrte ihn mit großen Augen an, während er an ihr vorüberschlich und sich an der anderen Seite über die Balkonbrüstung schwang. Es blieb still. Offensichtlich war sein Plan aufgegangen und seine fünfjährige Großcousine hielt sein plötzliches Erscheinen für den Teil eines eigenartigen Spiels.
   Er mochte die Kleine, half ihr mit ihrem Pony. Jakob schluckte. Er hatte ihr geholfen. In Zukunft würde es wohl keine Reitstunden mehr für Marie geben. Zumindest nicht bei Jakob. So leise wie er konnte, ließ er sich an der Regenrinne nach unten gleiten. Ein weiterer Zaun, ein Sprint durch den Obstgarten der Familie Moser und dann ein Sprung über die Mauer am anderen Ende. Von den Schweinen war nichts zu hören, und die Stimmen des Jagdtrupps vernahm er ziemlich weit hinter sich. Die Leute schienen sich zu beraten. Er atmete tief durch. Vielleicht gelang es ihm ja doch, ungesehen zu entkommen.
   Da gellte ein Schrei durch die Nacht. »Da ist er!« Dann wurde hastig ein Fenster zugeknallt.
   Jakob kannte die Stimme, und er kannte das Haus. Er biss die Zähne zusammen. Die Mooslechnerin hatte ihm als kleinem Jungen immer Bonbons zugesteckt, wenn er Tinkturen für seine ewig kränkelnde Mutter aus ihrer Kräuterapotheke holte. Nun verriet sie ihn.
   Noch ein Zaun und noch einer. Er kletterte durch den Misthaufen des jungen Rathgeb. Der Mist von dessen Pferden war deutlich trockener als der weiche Kuhmist des benachbarten Hofes, würde aber hoffentlich seinen Geruch genauso wirkungsvoll vor den Schweinen verbergen. Jakob duckte sich und schlich am Rand der Koppeln in Richtung Wald. Die Deckung war spärlich. Was musste der junge Rathgeb seine Koppeln auch so sorgfältig pflegen? Hätte er nicht ein paar Büsche stehen lassen können, statt die Geilstellen sorgfältig zu mähen?
   Die Lichtkegel von Taschenlampen schnitten durch die Dunkelheit. Jakob robbte nun beinahe durch das Gras.
   »Ich sehe ihn! Hier! Links von uns!«
   Hinter ihm erhob sich Gebrüll.
   Jakob gab es auf, sich verbergen zu wollen, und rannte wieder los.
   Das Grunzen der Schweine kam näher. Diese Biester waren wirklich schnell. Ein scharfer Knall ließ ihn noch schneller laufen. Verdammt! Die Menschen, die vor wenigen Tagen noch Freunde und Verwandte gewesen waren, schossen auf ihn!
   Er begann Haken zu schlagen wie ein Kaninchen. Ein weiterer Knall und dann noch einer. Jeder Schuss ein scharfer Schmerz in seinen Ohren. Er taumelte. Rappelte sich wieder hoch.
   Rannte weiter. Seine Augen waren auf den Waldrand gerichtet.
   Deckung. Er brauchte Deckung. Hier auf dem freien Feld würden sie über kurz oder lang ein Sieb aus ihm machen. Wieder knallte es. Jakob fühlte sich, als würde ein Messer durch sein Ohr bis mitten ins Gehirn getrieben.
   Er brüllte auf, taumelte. Der Schmerz war unbeschreiblich, doch die Verzweiflung verlieh ihm ungeheure Kräfte. Er steigerte seine Geschwindigkeit, holte aus seinem Vampirkörper alles heraus. Mit einem langen Sprung setzte er über den Koppelzaun. Da traf ihn ein Schlag an der Schulter, riss ihn aus der Luft und warf ihn zu Boden. Hinter ihm wurden Schreie laut, die wenig später in Triumphgeheul übergingen.
   »Ich habe ihn erwischt.«
   Jakob stemmte sich hoch. In seiner Schulter pochte ein wilder, bohrender Schmerz. Jeder Atemzug brannte wie Feuer. Aber er wollte atmen! Er wollte leben! Taumelnd kam er auf die Beine. Ein Schritt, noch ein Schritt. Schließlich fiel er in einen beständigen Trott und achtete nicht darauf, dass etwas Warmes, Feuchtes seine Rippen entlanglief.
   Flüche wurden hinter ihm laut. Anfeuerungsrufe für die Schweine.
   Jakob versuchte schneller zu laufen. Irgendwie musste es ihm gelingen, die Tiere abzuhängen. Er konnte es selbst kaum glauben, aber seine Beine gehorchten seinem Befehl. Sie bewegten sich schneller und immer schneller. Wenn er jetzt noch seine Geruchsspur verwischen könnte … Doch der Boden war weich, der nächste Bach noch Kilometer entfernt. Überlege dir etwas! Sein Kopf fühlte sich unangenehm leer an. Sonst stets voller Ideen wollte er nun nicht einen vernünftigen Gedanken ausspucken. Also weiterlaufen. Immer weiterlaufen. Bloß nicht halt machen, damit ihn die Schweine nicht einholten.
   Als der Boden zu beben begann, hielt er es zuerst für ein Produkt seiner überreizten Sinne. Doch dann wurde es stärker. Ein Dröhnen erfüllte die Luft. Jakobs Panik steigerte sich zu nackter Todesfurcht.

3. Kapitel
Stefanie

Die Schweine liefen an Stefanie vorbei nach draußen. Sie griff nach der Schranktür, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden, als eines der Tiere sie anrempelte. Ihr Vater drehte sich um und stürmte ebenfalls ins Treppenhaus. Stefanie lief ihm nach, fasste ihn an der Schulter.
   »Du kannst das nicht tun! Es ist immer noch Jakob!«
   Er schüttelte ihre Hand ab, drehte sich um und drängte sie zurück ins Zimmer. »Er hat dich getäuscht. Ich kann das verstehen. Du liebst ihn. Deshalb siehst du, was du sehen willst.«
   »Nein, so ist das nicht. Du verstehst das nicht.«
   Plötzlich betrachte ihr Vater sie durchdringend. »Er hat dich doch nicht etwa gebissen?« Mit einer Hand fasste nach dem Kragen ihrer Bluse und zerrte ihn beiseite.
   Stefanie entzog sich ihm. »Nein! Hat er nicht!« Sie hielt dem stechenden Blick ihres Vaters stand.
   »Gut«, sagte er, packte sie an der Schulter und schob sie in ihr Zimmer zurück. Er hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite, denn Stefanie war zu verblüfft, um zu reagieren, als er den Schlüssel abzog, außen wieder ansteckte, die Tür zudrückte und sie einsperrte.
   Ein paar Atemzüge lang starrte sie auf die Tür, auf die vertraute Maserung des Holzes. Dann hob sie die Fäuste und trommelte dagegen. »Du kannst mich nicht einfach einsperren!«
   »Es ist nur zu deinem Besten.«
   Sie hörte, wie sich seine Schritte entfernten. Wieder schlug sie gegen die Tür, um ihrer ohnmächtigen Wut Luft zu machen. Dann rüttelte sie mit aller Kraft an der Klinke. Vergeblich. Tür und Schloss waren solide Handarbeit, der Spalt unter der Tür zu schmal, um den Schlüssel untendurch zu bekommen, sollte sie es schaffen, ihn aus dem Schloss zu stoßen. Sie hatte auch keinen Reserveschlüssel und wagte zu bezweifeln, dass es ihr gelingen würde, aus einem Drahtkleiderbügel einen funktionierenden Dietrich zu basteln, wie sie es einmal in einem Film gesehen hatte.
   Also blieb ihr nur ein Weg. Gut, dass sich ihr Vater keine Gedanken darüber gemacht hatte, wie Jakob in ihr Zimmer gekommen war und somit auch nicht erkannt hatte, dass dieser Weg auch für einen halbwegs sportlichen Menschen eine Möglichkeit darstellte, das Haus zu verlassen.
   Sie schimpfte lautstark weiter und schlug immer wieder gegen die Tür, damit ihr Vater keinen Verdacht schöpfte. Erst, als sie hörte, wie er das Haus verließ, wagte sie, sich ihrem Kleiderschrank zuzuwenden. Jetzt brauchte sie erst mal vernünftige Kleidung. Die Jeans war in Ordnung, doch die dünne Bluse zog sie sich hastig über den Kopf. Dazwischen gab sie immer wieder Schimpftiraden von sich, nur für den Fall, dass er sie immer noch hören konnte. Sie schlüpfte in ein T-Shirt und zog ihre Wanderjacke darüber, in deren Taschen sich unzählige Utensilien verbargen. Taschenmesser, Taschenlampe, Hufräumer, ein kleines Werkzeugset …
   Dann schlüpfte sie in derbe Wanderschuhe und zog ihre Chaps über. Die ledernen Beinkleider, wie sie auch Cowboys verwendeten, würden sie vor Dornen und spitzen Zweigen bewahren. Das musste genügen. Zum Glück gab es um diese Jahreszeit jede Menge Pilze und Beeren im Wald. Eine Drahtschlinge, um Kaninchen zu fangen, hatte sie auch dabei.

Sie ließ das Licht an und ging zum Fenster. Vorsichtig spähte sie hinaus. Niemand zu sehen. Stefanie öffnete einen Fensterflügel und achtete dabei darauf, sich nicht an den Glassplittern zu schneiden. Dann stieg sie auf die Fensterbank und richtete sich auf. Gerade eben erreichte sie den Ast, der über ihrem Kopf die Hauswand streifte. Sie bog ihn zu sich herab, hangelte sich zu einer Stelle vor, an der er dicker wurde, trat auf das schmale Sims vor dem Fenster, zog das Fenster hinter sich zu und verlagerte ihr Gewicht mehr und mehr auf den Ast, der sich langsam weiter nach unten bog.
   Sie arbeitete sich den Ast entlang weiter in Richtung Stamm. Schließlich verloren ihre Füße den Halt auf dem Sims und sie hing an ihren Händen. Mit geübtem Griff setzte sie eine Hand vor die andere, schlang ihre Beine um den Stamm, als sie nahe genug war, und rutschte nach unten. Ihre Hände brannten von der rauen Rinde, doch sie ignorierte es.
   In die Schatten geduckt schlich sie in Richtung Gemeinschaftsstall. In der Ferne hörte sie, wie sich Jakobs Verfolger gegenseitig anfeuerten. Wenigstens hatten sie ihn noch nicht erwischt.
   Als sie den Stall erreichte, nahm sie zwei Halfter von einem Haken. Die Sattelkammertür war verschlossen. Auch an seinem üblichen Platz lag der Schlüssel nicht. Ungewöhnlich, aber vermutlich dazu gedacht, Jakobs Flucht zu erschweren. Ein Geräusch ließ Stefanie herumfahren und hinter einem nahen Busch Deckung suchen.
   »Wer da?« Herbert, der Stallmeister war auf den Vorplatz mit den Anbindebalken getreten, ein Gewehr im Anschlag. Aus seiner Stimme war Angst herauszuhören. Klar, auch er kannte nichts anderes als die Schauergeschichten über Vampire. Er musste annehmen, dass ihn Jakob ohne Hemmungen beißen und leer trinken würde.
   Er sah sich um, umrundete dabei den Platz und kam Stefanies Versteck immer näher. Der Mond stand hoch am Himmel und der Busch verbarg sie nur unzureichend. Herbert bewegte sich langsam und schwenkte dabei das Gewehr von einer Seite auf die andere. Nur noch wenige Meter trennten sie voneinander. Wenn er noch ein bisschen näher kam und dabei ein paar Schritte nach rechts machte, würde er sie sehen.
   Ob er in seiner Nervosität zuerst abdrücken und dann nachsehen würde, wer sich hinter dem Busch verbarg? Stefanie spielte bereits mit dem Gedanken, ihn anzurufen, damit er sie nicht versehentlich erschoss. Welche Erklärung konnte sie für ihre Anwesenheit liefern? Dass sie Trost bei den Pferden suchen wollte? Das hatte sie bereits oft genug getan. Warum nicht auch heute?
   Ein plötzliches Geräusch ließ sie zusammenfahren. Ein Busch drei Meter links von ihr begann zu wackeln. Herbert hatte sich ebenfalls dem Geräusch zugewandt, das Gewehr im Anschlag. Seine Hände zitterten ein wenig.
   »Komm raus!« Auch seine Stimme zitterte.
   Der Busch wackelte wieder und Seppl, das Hängebauchschwein, schob sich unter den Zweigen hervor. Herbert ließ das Gewehr sinken und stieß einen tiefen Seufzer aus. »Du spielst mit deinem Leben, dummes Vieh.«
   Seppl beeindruckten diese Worte nicht weiter, er näherte sich Herbert in seinem Watschelgang, schnüffelte an den Schuhen des Stallmeisters und blickte erwartungsvoll zu ihm hoch. Der drahtige Mann hatte häufig Leckereien für die Pferde eingesteckt, und was den Pferden schmeckte, verachtete auch Seppl nicht. Ein weiterer Seufzer. Eine Karotte wanderte in Seppls Schnauze und wurde geräuschvoll gekaut. Herbert sah sich noch einmal um und ging dann zurück zu seiner Wohnung. Seppl folgte ihm und wollte auch an der Schwelle nicht Halt machen. Nach kurzem Überlegen seufzte Herbert ein weiteres Mal. »Dann komm halt«, sagte er und ließ das Schwein eintreten.
   Es war nicht das erste Mal, dass Seppl bei Herbert übernachtete. Soweit Stefanie wusste, war das Hängebauchschwein stubenrein und Herberts einzige Beschwerde war stets, dass das Tier das Sofa mit Beschlag belegte und er auf den Lehnsessel ausweichen musste.
   Sie wartete, bis sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte und dann noch ein paar Minuten länger. Herbert durfte sie auf keinen Fall erwischen. Dabei lief ihr die Zeit davon. Es musste ohne Sattel gehen.
   Sie schlich sich zwischen den Büschen davon. Im Stall selbst war es still. Die Pferde waren auf der großen Koppel. Stefanie nahm die Abkürzung über die Dorfweide, auf der im Moment nur ein paar Schafe grasten. Sie schenkten Stefanie keine Beachtung. Stefanie schlüpfte durch den nächsten Zaun und schlug beiläufig nach den Mücken, die ständig versuchten, ein Fleckchen unbedeckte Haut zu finden, auf der sie sich niederlassen konnten.
   Plötzlich glitt ihr Fuß weg. Hastig griff sie nach dem nächsten Zaunpfahl, um nicht zu stürzten. Der Pfad zwischen den Weiden war noch matschig vom gestrigen Gewitter. Sie sollte sich wirklich darauf konzentrieren, wo sie hintrat. Es wäre wirklich zu dumm, wenn ihr grandioser Plan danebenginge, weil sie sich den Fuß verstauchte.
   Endlich kam die große Koppel in Sicht. Die Pferde waren nichts anderes als dunkle Schemen vor dem mitternachtsblauen Himmel. Lässig schlugen sie mit ihren langen Schweifen nach den Insekten. Stefanie pfiff leise eine Melodie. Zwei der Pferde hoben die Köpfe, drehten sich in ihre Richtung und kamen langsam auf sie zu.
   Stefanie machte das Gatter auf, trat auf die Weide und näherte sich ihrerseits den beiden großen Tieren. Schnaubend blieben die Pferde vor ihr stehen. Sie hielten Abstand, warteten, bis Stefanie die Hand ausstreckte und sanft die Pferdeköpfe berührte. Dann reckten sie die Hälse und bliesen ihr warmen, nach frischem Gras riechenden Atem ins Gesicht.
   Stefanie legte ihnen die Halfter an.
   Sie schwang sich auf Sharifas Rücken. Die zierliche fuchsfarbene Stute mit der flachsblonden Mähne stand still wie eine Statue. Ihre Ohren spielten aufmerksam vor und zurück. Stefanie hatte sie selbst aufgezogen und eingeritten. Wenn sie auf dem Rücken des Tieres saß, fühlte es sich an, als wäre Sharifa ein Teil von ihr.
   Jakobs dunkelbraune Lady hielt sich dicht daneben. Sie war etwas größer und massiger als Sharifa.
   Nur wenige Meter entfernt bimmelte leise das Glöckchen von Charisma, der Leitstute. Ein leises Lächeln stahl sich auf Stefanies Lippen. Das kam ihren Plänen zugute. Mit einer leichten Drehung ihres Körpers, bedeutete sie Sharifa um die Leitstute herumzugehen. Dann schnalzte sie mit der Zunge. Charisma hob den Kopf. Ein weiteres Zungenschnalzen und die kleine hellbraune Stute setzte sich in Bewegung. Stefanie trieb sie in Richtung des weit offenen Gatters. Die anderen Pferde hatten nun auch aufgehört zu grasen und kamen ihnen langsam hinterher. Stefanie forderte Sharifa auf, anzutraben und drängte sie näher an Charisma heran. Nun trabte auch die Leitstute. Die Pferde hinter ihnen wurden ebenfalls schneller.
   Dann kam die Kurve ins Dorf hinein. Von dort an ging es nur noch geradeaus. Stefanie trieb die Pferde weiter an. Die Leitstute voraus, gefolgt von Sharifa und Lady und hinter ihnen in einem Pulk dreißig Reit- und Fahrpferde, trainiert, muskulös und begierig darauf, sich zu bewegen.
   Noch waren die Gassen eng, und die Tiere mussten dicht aneinandergedrängt laufen. Stefanie führte sie an den Rand des Dorfes, dorthin, wo sich links von ihnen umzäunte Koppeln erstreckten, vor ihnen und auf der Seite jedoch unbegrenzte Felder und einige Hundert Meter dahinter dichter Wald.
   Jakob hatte diesen Weg mit Sicherheit nicht gewählt, da die Gemüseäcker für ihn keine Deckung boten, doch Stefanie suchte keine Deckung. Sie wollte gesehen werden. Beziehungsweise, sie wollte, dass die Pferde gesehen wurden.
   Als plötzlich Schüsse durch die Nacht gellten, trieb sie die Tiere zum Galopp an. Mit donnernden Hufen stoben sie durch die Nacht. Fette braune Ackererde wurde durch die Luft geschleudert, Pflanzen zertreten und aus der Erde gerissen. Wie ein Sturmwind fegten die Pferde dahin.
   Etwas in Stefanie genoss es, wild zu sein, etwas Verbotenes zu tun. Normalerweise durfte nicht über den Acker geritten werden. Das Gemüse wurde für das Dorf gebraucht. Das Überleben der Gemeinschaft hing von einer guten Ernte ab. Aber heute war alles anders. Nur Jakob zählte. Sie durfte nicht zulassen, dass er umgebracht wurde.
   Einmal hatte sie bereits von seinem Tod erfahren. Der Schmerz saß immer noch in Stefanies Herz, hatte sich dort eingenistet wie ein Wurm in einem Apfel, nur in Schach gehalten von der wahnsinnigen Freude darüber, dass Jakob zwar verändert, aber nicht tot und immer noch ihr Jakob war. Sollte er ein zweites Mal und diesmal tatsächlich sterben, Stefanie glaubte nicht, dass sie dies würde ertragen können.
   Sie liebte Jakob seit sie denken konnte, hatte ihn bereits angehimmelt, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war und mit ihrem sturköpfigen Shetlandpony gekämpft hatte. Wie oft hatte der nur zwei Jahre ältere Jakob das Pony eingefangen und zu ihr zurückgebracht? Wenn sie sich darüber beschwert hatte, dass das Tier bockig und wild sei, hatte er nur gelacht und gemeint, das würde schon passen, denn sie sei genauso.
   Wild war sie immer noch und wohl gelegentlich auch bockig. Trotz aller Angst um Jakob gefiel es ihr, wild und frei dahinzujagen, den starken Pferdeleib unter sich, dem Tier dankbar dafür, dass es ihr seine schnellen Beine lieh.
   Die Herde donnerte über den Acker und die Wege zwischen den Feldern entlang. Der Wind trieb Stefanie die Tränen in die Augen und rauschte in ihren Ohren. Trotzdem konnte sie die Schreie hören, die beim Herannahen der Pferde laut wurden. Stefanie krallte sich in Sharifas Mähne, duckte sich zur Seite und fasste nach Lady. Die beiden Pferde liefen dicht nebeneinander. Stefanie und Jakob hatten sie darauf trainiert, um Ungarische Post reiten zu können. Das war an sich schon nicht ganz einfach und durch die unterschiedliche Größe der Tiere noch schwieriger, denn schließlich musste man mit einem Fuß auf jeweils einem Pferd stehen. Jetzt jedoch wollte sie nicht stehen, im Gegenteil. Die Pferde sollten ihr Deckung bieten. Ein Bein noch über Sharifas Rücken, hing sie zwischen den beiden Tieren, die im vollen Galopp dahinstoben.
   Stefanie dirigierte Sharifa und Lady in Richtung Wald. Es war nicht leicht, ihnen verständlich zu machen, was sie von ihnen wollte. Aber nicht umsonst hatten Stefanie und Jakob jahrelang hartnäckig geübt. Stefanies Vater hatte das Trickreiten immer als Blödsinn abgetan. Mit Ausmisten und Reitunterricht musste sich Stefanie ihren Spezialsattel verdienen.
   »Ein Pferd ist dazu da, um dich zu tragen und nicht, damit du im Galopp unter seinem Bauch durchklettern kannst. Solche Dummheiten unterstütze ich nicht.«
   Zum Glück hatte ihr Vater es wenigstens nicht verboten, denn Stefanie widersetzte sich ihm nicht gern. Aber manchmal gab es eben Dinge, die zu wichtig waren, die man einfach tun musste. So wie jetzt Jakob retten.
   Im Sichtschutz der Bäume zog sich Stefanie wieder zurück auf Sharifas Rücken, duckte sich jedoch dicht über den Pferdehals, um nicht von einem tief hängenden Ast zu Boden gefegt zu werden.
   Die Herde hatte sich verstreut. Überall zwischen den Bäumen liefen Pferde herum und zertrampelten dabei hoffentlich alle brauchbaren Spuren. Wo immer Jakob jetzt war, Stefanie hoffte, dass ihn die Schweine nun nicht mehr finden würden. Sie hörte die Rufe der Männer, ritt noch tiefer in den Wald hinein und überließ Sharifa dabei die Führung. In der Düsternis unter den Bäumen wurden die Pferde nun allmählich von selbst langsamer. Stefanie sah sich um. Zwar konnte sie Jakob nirgends entdecken, aber sie wusste, wo sie sich befand und sie ahnte, wo Jakob hingehen würde.
   Auch die Pferde kannten den Weg. Sie folgten den Wildpfaden, wie sie es schon oft getan hatten. Als hinter ihnen die Rufe der Männer verklangen, die versuchten die Pferde einzufangen und Jakobs Spur wieder aufzunehmen, wurde in der Ferne das leise Rauschen des Baches hörbar. Wo der Boden eben genug war, ließ sie die Tiere in einem leichten Trab laufen, doch wo der Wald dichter war und das Licht des Mondes ausschloss und auch dort, wo Felsen oder Wurzeln den Untergrund uneben machten, überließ sie es den Pferden, die Geschwindigkeit zu wählen.
   Am Bach angekommen trieb sie die Stuten ins Wasser. Durch die Gewitter der vergangenen Tage reichte es den Tieren bis zum Bauch. Auf der anderen Seite war das Ufer felsig. Dort würden sie keine Spuren hinterlassen. Ein Reh beäugte sie misstrauisch und verschwand schließlich mit langen Sprüngen im Unterholz. Über ihnen schrie ein Käuzchen.
   Im Mondlicht war die Nacht eine Welt aus Dunkelheit und silbrigen Schatten.
   Sie war auch zuvor schon nachts unterwegs gewesen. Allerdings nicht allein. Jakob hatte sie stets begleitet. Anfangs aus jugendlicher Tollerei, später um sich ein paar Stunden in trauter Zweisamkeit zu stehlen. Oft waren sie auf diesen Pfaden gewandelt, hatten versucht, ihre Spuren zu verbergen, damit niemand außer ihnen die kleine Hütte fand.
   Eine alte Jagdhütte, halb verfallen und von allerlei Getier bewohnt. Jakob hatte das Dach repariert. Sehr zur Freude der Siebenschläfer, die sich unter dem Dachfirst häuslich eingerichtet hatten und deren Nest nun nicht mehr von Gewitterregen durchweicht wurde.
   Die possierlichen Tierchen bedankten sich, indem sie regelmäßig einen derartigen Höllenlärm veranstalteten, dass man hätte meinen können, eine Horde Einbrecher hätte die Hütte gestürmt. Sie versuchten auch ständig an die Notvorräte zu gelangen, die Stefanie und Jakob in der Hütte einlagerten. Dosennahrung, Trockenfrüchte, eingelegtes Obst. Stefanies Magen begann zu knurren. Als ob ihr die Pferde einen Gefallen tun wollten, wurden sie schneller. Für sie gab es rund um die Hütte Gras und in einer fest verschlossenen Kiste ein wenig Hafer.
   Hoffentlich hatten weder die Siebenschläfer noch die Mäusefamilie, die sich an der Ostecke einquartiert hatte, die Decken angenagt. Es war ziemlich viel Mühe gewesen, sie aus dem Dorf zu schmuggeln. Stefanie hatte sie zwar in einen Schrank gesperrt, fragte sich nun aber, ob die Rückwand tatsächlich noch stabil genug war, um einer eventuellen Mäuseattacke standzuhalten. Womöglich würde ihr beim Öffnen der Geruch nach Mäusekot entgegenschlagen und die Decken eine ganze Anzahl von Löchern aufweisen.
   Eigentlich war alles nicht so viel anders wie sonst. Auch bisher hatten sie sich stets vor Entdeckung gefürchtet. Gestohlene Stunden in ihrem kleinen Nest. Nur dass es diesmal um Leben und Tod ging und nicht um eine voreheliche Liebesbeziehung.
   In der Vergangenheit war das Schlimmste, was ihnen hätte passieren können, eine vorgezogene Hochzeit gewesen. Etwas, das Stefanie sogar entgegengekommen wäre. Jakob war der Brave, der alles nach den Regeln machen wollte. Wie lange sparte er nun schon, um ihr ein ordentliches Heim bieten und eine tolle Hochzeit ausrichten zu können? Alles umsonst. Das Einzige, was Jakob jetzt noch von Unterwald und ihrem Vater zu erwarten hatte, war der Tod.
   Stefanie verfluchte Professor Hildebrand, der auf die idiotische Idee gekommen war, Vampire zu erschaffen. Wenn wenigstens die Wahl bestünde, die Verwandlung anzunehmen oder abzulehnen. Aber als vor Jahren der kontaminierte Grippeimpfstoff freigesetzt worden war, hatten sich alle geimpften Personen mit der Blutgruppe AB positiv in Vampire verwandelt. Diese armen Menschen hatten geglaubt, mit einer Vektorimpfung den Körper schonend vor einer Infektion zu schützen und sich dabei etwas viel Schlimmeres als eine Grippe geholt.
   Es klang sowieso nicht gut, ein Virus als Heilmittel zu verwenden. Gerade so, als wollte man den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Dennoch hatte Professor Hildebrand nichts anderes getan. Denn bei einer Vektorimpfung wurde dem Impfling ein kompletter, vermehrungsfähiger und gezielt genetisch veränderter Mikroorganismus verabreicht. Dadurch sollte auf zellulärer Ebene eine symptomfreie Infektion im Wirtskörper simuliert werden. Von wegen symptomfrei! Von wegen schonend!
   Jetzt schien dasselbe auch mit Antibiotika zu passieren. Sollten diese nicht Mikroorganismen abtöten? Doch nein, wenn sie sich richtig erinnerte, wirkten Antibiotika nur bei Bakterien und nicht bei Viren. Ihr Vater hatte sich stets darüber aufgeregt, wenn bei Schnupfen und bei Grippe Antibiotika eingesetzt wurden.
   »Das sind Virusinfektionen! Da helfen Antibiotika nicht! Im Gegenteil, sie schädigen die natürliche Bakterienflora des Menschen und damit sein Immunsystem.«
   Doktor Steinlechner hatte nur die Schultern gezuckt und gemeint, manche Menschen bestünden darauf, stets Antibiotika zu nehmen, als wären sie ein Allheilmittel. Woraufhin ihr Vater ihn als einen rückgratlosen Schwächling bezeichnete, der der weiteren Verbreitung von Resistenzen gegen Antibiotika Vorschub leistete.
   Aber das spielte jetzt keine Rolle. Und in Jakobs Fall waren Antibiotika durchaus angebracht gewesen. Schließlich handelte es sich bei einer Lungenentzündung um eine bakterielle Infektion. Irgendjemand musste das Serum jedoch mit manipulierten Viren kontaminiert haben. Professor Hildebrand konnte es nicht sein. Er war seit Jahren tot.
   Wen interessierte eine weitere Verbreitung des Vampirismus? Die Vampire? Vielleicht. Allerdings bedeutete das auch mehr Nahrungskonkurrenten. Oder sah irgendjemand in der kleinen, ausschließlich aus Menschen bestehenden Gemeinschaft, eine Bedrohung?
   Egal. Was geschehen war, war geschehen. Das Einzige, was zählte, war Jakobs Rettung.
   Stefanie kreuzte den Bach noch zwei Mal, legte eine falsche Spur bis zur Wildschweinsuhle und schlug dann erst den Weg zur Hütte ein. Als die Bäume den Blick auf die kleine Lichtung davor freigaben, hielt sie Sharifa abrupt an. Die Eingangstür stand offen. Ein menschliches Bein ragte ins Freie. Der Boden vor der Hütte war dunkel. Es sah aus, als wäre er mit einer Flüssigkeit getränkt.
   Die Pferde schnaubten und scharrten unruhig. Stefanie schnupperte. Ja, sie roch es ebenfalls. Es war der metallische Geruch von Blut.

4. Kapitel
Jakob

Er sah die Pferde herannahen, spürte den Boden beben und rannte. Ein Schlag traf ihn in den Rücken und er ging zu Boden. Jakob fühlte sich, als wäre er von einem Pferd niedergetrampelt worden. Doch die Tiere waren noch gut hundert Meter entfernt. Er griff sich an die Brust. Blut klebte an seinen Fingern. Eine weitere Kugel hatte ihn getroffen. Er rappelte sich hoch. Jeder Atemzug brannte wie Feuer. Trotzdem schaffte er es irgendwie, seine Füße in Bewegung zu setzen. Zusammengekrümmt lief er auf die Bäume zu. Sie würden ihm Deckung bieten. Das dichte Laubdach schirmte das Licht des Mondes ab und verbarg ihn vor den Augen seiner Verfolger.
   Ein scharfer Schmerz fuhr durch seinen linken Oberschenkel. Der Fuß knickte unter ihm weg. Wieder landete er auf dem Boden. Aus. Nun war es endgültig aus. Dabei war der Wald so nah. Verzweifelt versuchte er, auf die Beine zu kommen. Blut durchtränkte seine Jeans. Jedes Mal, wenn er Luft holte, hörte er ein eigenartiges Gurgeln in seiner Brust, und es fühlte sich an, als würde er durch Wasser atmen. Trotzdem schaffte er es irgendwie, weiterzulaufen.
   Jeder einzelne Schritt schmerzte höllisch. Das verletzte Bein konnte er kaum belasten. Bei jedem Atemzug sprühten feine rote Tröpfchen aus seiner Nase und die Schulter sorgte mit einem durchdringenden Stechen dafür, dass er sie nicht vergaß.
   Trotzdem rannte er. Ein Mensch hätte sich mit diesen Verletzungen nicht einmal mehr erheben können, und er lief immer noch. In diesem Moment war er dankbar für den Vampirkörper, der ihn immer noch vorwärtstrug, auch wenn es ohne die Verwandlung nie dazu gekommen wäre, dass ihn Freunde und Verwandte nun jagten wie ein tollwütiges Tier.
   Endlich die rettenden Baumschatten. Er lief weiter, so schnell er konnte, während das Donnern der Hufe näherkam, und immer näher. Jakob duckte sich hinter einen Busch, während die Tiere an ihm vorbeipreschten. Erdklumpen spritzen in alle Richtungen. Der Geruch von Pferdeschweiß drang in seine Nase. Er konnte sich denken, wer dieses Ablenkungsmanöver inszeniert hatte. Jakob seufzte. Ein Funken sanfte Wärme drang durch die Erschöpfung, die Schmerzen. Wenigstens einen Menschen gab es, der nicht seinen Tod wollte. Dieser Gedanke gab ihm Kraft, während er sich humpelnd weiter vorwärtskämpfte.
   Blut lief bei jedem Schritt sein Bein hinab. Er fuhr sich mit den Handrücken über die Nase. Dunkle Schlieren blieben auf der hellen Haut zurück. Stefanies gut gemeintes Ablenkungsmanöver würde wahrscheinlich nicht ausreichen, um die Schweine von seiner Spur abzubringen. Auch wenn die Pferde wieder zurückkamen, nun in Richtung Dorf galoppierten und die Erde erneut aufwühlten. Flüche wurden hinter ihm laut.
   Jakob kämpfte sich vorwärts. Zwischen den Bäumen war er immerhin schlecht zu sehen. Wo es ging, versuchte er weiche Stellen zu vermeiden. Ohne die Verletzungen hätte er klettern können, die Bäume und Felsen benutzen, um weniger Spuren zu hinterlassen. Doch in seinem momentanen Zustand, musste er froh sein, wenn er überhaupt vorwärtskam.
   Schließlich erreichte er den Bach. Er wollte ein Stück den Bauchlauf entlangwaten und dann irgendwann ans Ufer klettern. Doch die Strömung war stärker als üblich und er selbst in einer schlechten Verfassung. Kein Wunder also, dass ihn das Wasser von den Füßen riss und mit sich forttrug.
   Die Kälte betäubte den Schmerz. Er ließ sich einfach treiben. Hin und wieder stieß er gegen einen Felsen. Manchmal tauchte er ganz unter, um wenig später prustend und keuchend wieder hochzukommen. Wenn sich die Gelegenheit bot, warf er einen Blick zum Ufer. Bäume, nichts als Bäume. Dazwischen hin und wieder ein Felsen oder eine kleine Lichtung.
   Endlich sah er die flache Stelle, an der sie immer wieder mal ihre Pferde trinken ließen. Er biss die Zähne zusammen, als er gegen die Strömung ankämpfte. Solange er sich treiben ließ, waren die Schmerzen erträglich, doch wenn er sich bewegte, flammten sie mit aller Macht wieder auf.
   Als er sich nun mit Schwimmstößen dem Ufer näherte und schließlich nach einem Ast griff, um sich aus dem Wasser zu ziehen, steigerten sie sich von einem dumpfen Pochen zu einem grellen Stechen, das ihm den Atem raubte und jede Bewegung zur Qual machte. Beim Erklimmen des Ufers, nicht mehr vom Wasser getragen, sodass die volle Erdenschwere an seinen Gliedern zerrte, erreichten sie ein Ausmaß, das ihn mehrfach an den Rand der Bewusstlosigkeit trieb.
   Jakob kämpfte sich trotzdem vorwärts. Vor der Morgendämmerung musste er einen Unterschlupf finden, sonst würde die Sonne vollenden, was seine Verfolger nicht geschafft hatten.
   Ein Eichhörnchen huschte vor ihm über den Boden und floh auf eine nahe Buche. Leuchtendgelbe Pilze wuchsen auf einem umgestürzten Baumstamm. Irgendetwas in ihm schaffte es, sich trotz seiner Verfassung über die kräftigen Farben zu wundern. Das Grün der Blätter war dunkler und satter als im Tageslicht, dafür leuchteten die Sterne in allen Farben. Die Lichtpunkte am Himmel hatten sich in Saphire, Rubine, Smaragde und Diamanten verwandelt.
   Der Wald lockte mit dem Duft nach Harz, nach Pilzen und dunkler Erde. Der Schrei eines Käuzchens klang so laut, dass er im ersten Moment glaubte, es wäre direkt neben ihm. Im Unterholz hörte er das Rascheln und Fiepen der Mäuse.
   Jakob lächelte still in sich hinein. Erstaunlich, was er alles hörte, sah und roch. Und das trotz der Schmerzen, trotz der dunklen Flecken, die durch sein Gesichtsfeld tanzten, trotz der zunehmend mühsamer werdenden Atemzüge und trotz des Taubheitsgefühls in seinem verletzten Bein.
   Mit jedem Schritt verdichteten sich die dunklen Flecken, eroberten vom Rand her sein Gesichtsfeld, sodass er die Hütte schließlich wie durch einen Tunnel wahrnahm. Noch ein Schritt und noch einer. Schon lag eine Hand auf dem Türgriff, die andere drückte gegen das alte Holz. Die Tür schwang auf.
   Erleichterung durchflutete ihn für einen Augenblick. Dann gaben seine Beine unter ihm nach. Halt suchend fuhr er mit den Händen durch die Luft. Er bekam das Regal zu fassen, doch das alte Holz gab nach. Er riss alles mit sich zu Boden. Das Glas mit den getrockneten Tomaten fiel ihm auf den Kopf und zerbarst. Der Wasserkrug folgte. Immer noch nass vom Bach, wurde er erneut eingeweicht. Rund um ihn bildete sich eine Pfütze, und er war nicht in der Lage, sich daraus zu erheben.
   Das war es also. Eine tolle Art zu sterben! Vielleicht konnte er auf diese Weise wenigstens einmal noch die Sonne sehen. Natürlich nur, falls das Wasser in der Lage war, das Vampirfeuer zu dämpfen. Wie viel Zeit konnte es ihm verschaffen? Eine Minute oder zwei? Dann würde es wohl verdunstet sein. Ob es sehr weh tat, wenn die Haut anfing Blasen zu schlagen und sich schließlich entzündete?
   Aber was war der körperliche Schmerz gegen die seelischen Qualen, die er Stefanie zufügen musste. Er konnte nur hoffen, dass nicht sie ihn finden würde. Sie sollte nicht diejenige sein, die als Erste auf seinen verkohlten Leichnam stieß. Der Gedanke an sie trieb ihn an, noch einmal zu versuchen, in die Hütte zu gelangen. Zentimeter für Zentimeter schob er sich voran, spürte bereits das Brennen der Sonnenstrahlen, obwohl es noch dunkel war und das Tagesgestirn bestenfalls eine vage Ahnung am Horizont.
   Er wusste zuerst nicht, was los war, als ein Schatten auf ihn fiel. Er hielt inne, wartete auf den tödlichen Schuss. Doch der kam nicht.
   »Augenblick, ich helfe dir.«
   Hände schoben sich unter seine Schultern, zerrten ihn in die Hütte, schlossen hinter ihm die Tür. »Stefanie.« Er krächzte das Wort. Seine Kehle war rau.
   »Alles wird gut. Wir kriegen das hin. Ich mache die Fensterläden zu. Wie gut, dass du sie im Frühjahr repariert hast. Dann hole ich ein paar Decken und wir machen dir hier am Boden ein richtig bequemes Nest. Denn ich fürchte, ins Bett kriege ich dich nicht. Ist vielleicht auch besser. Es könnte deine Verletzungen verschlimmern, wenn ich dich zu viel herumzerre.«
   Er erkannte an den hastig hervorgestoßenen Worten, wie nervös sie war. Hatte sie Angst vor ihm? Warum war sie ihm dann hinterher gekommen. Wohltuende Dunkelheit breitete sich in der Hütte aus. Er hörte das Quietschen der Schranktür.
   »Ich hoffe, die Mäuse waren nicht dran. Ein wenig nach Maus riecht es hier schon. Aber ich denke, du bist über das Stadium hinaus, in dem dich ein wenig Mäusepisse stört.«
   Das Gewebe, das über ihn gebreitet wurde, roch tatsächlich nach den kleinen Nagern, aber es war ihm völlig egal. Er hörte ein leises Schaben neben sich und spürte Stefanies Hand an seiner Wange.
   »Ich habe die Pferde mitgebracht. Allerdings ohne Sättel. Die Sattelkammer war zugesperrt. So haben wir wenigstens gleiche Chancen. Denn es wäre mir nie gelungen, beide Sättel zur Koppel zu bekommen. Also hätte ich wohl meinen genommen. Der ist leichter. Du hättest dann in jedem Fall ohne Sattel reiten müssen. Mit Sattel verteilt sich zwar das Reitergewicht besser auf dem Pferderücken, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Unsere Damen werden es schon überleben.«
   Normalerweise schwafelte Stefanie nicht. Dass sie nun unablässig redete, gab Zeugnis von ihrer tief sitzenden Angst. Es war nicht leicht, sie zu beunruhigen, und noch schwerer, ihr Angst zu machen. Jakob wünschte, er wäre in der Lage, sie in seinen Armen zu halten, aber er konnte sich noch nicht einmal aufrichten.
   »Ich bin froh, dass du da bist.« Seine Stimme war rau und leise. Das Sprechen schmerzte. Er hörte wie sich Stefanie bewegte, sich über ihn beugte, damit sie ihn besser verstehen konnte. Wahrscheinlich fiel nun auch ihr dicker, blonder Zopf nach vorn. Er wartete darauf, dass das Ende ihn kitzelte. Und tatsächlich, schon spürte er die Haare auf seiner Haut.
   Er kämpfte mit seinen widerstrebenden Lidern, wollte Stefanie wenigstens noch einmal sehen. Schließlich gelang es ihm, sie aufzuzwingen. Stefanie war immer schon hübsch gewesen, doch nun sah sie aus wie ein Engel. Oh, sie war keine ätherische Schönheit, nein, für Jakob war sie der Inbegriff der Lebenskraft. Schlank, aber nicht dünn, harte Muskeln verbargen sich unter den weichen Formen, erlaubten es ihr, im vollen Galopp unter dem Bauch ihres galoppierenden Pferdes durchzuklettern. Wenn sich die Sonne in ihrem Haar fing, leuchtete es wie heller, flüssiger Honig. Was war sie immer böse geworden, wenn er ihre süße, kleine Nase als niedlich bezeichnet hatte! Aber sie hatte gelacht dabei. Und ihm den Ellbogen in die Rippen gerammt. Oder ihn ins Heu gestoßen, um einen Kuss als Wiedergutmachung zu fordern. Sie war wild, seine Stefanie, mit ihren großen blauen Augen, in denen sich nun Angst spiegelte.
   Mit ihren schlanken, kräftigen Fingern fuhr sie durch sein Haar. Glättete die feuchten Strähnen. Wieder und wieder. »Wir sitzen das aus. Wir kriegen das hin. Wenn wir zusammen sind kriegen wir alles hin.« Ihre Stimme war leise, beruhigend, doch er hörte das Zittern zwischen ihren Worten.
   Er drehte den Kopf so weit, dass seine Wange an ihrem Knie zu liegen kam. Dann sah er ihr in die Augen, versuchte ihrem Blick standzuhalten. »Du musst auch ohne mich weitermachen. Lass dich nicht unterkriegen, du bist stark.«
   »Rede keinen Blödsinn. Wir warten den Tag ab, dann machen wir uns auf den Weg. Wir finden einen Platz, wo wir zusammenleben können.«
   »Sie werden mich finden, Stefanie. Ich habe eine Blutspur hinterlassen, der sogar ein Blinder folgen könnte. Deine Idee mit den Pferden war gut. Es hätte sogar funktionieren können. Wenn Alfred mich nicht angeschossen hätte. Ich nehme zumindest an, dass es Alfred gewesen ist. Er ist der beste Schütze des Dorfes. Wer außer ihm sollte ein bewegtes Ziel aus hundert Metern Entfernung drei Mal treffen. Vielleicht hat aber auch einer der anderen einen Glückstreffer gelandet.«
   Stefanie schüttelte energisch den Kopf. »He! Positiv denken. War das nicht immer unser Motto? Sie werden uns nicht finden, und wir machen uns mit Anbruch der Nacht auf den Weg irgendwohin, wo Menschen und Vampire gemeinsam leben, so wie es der Händler gesagt hat.«
   »Klar«, flüsterte Jakob und versuchte ein Lächeln. »Du hast recht.« Aber er glaubte sich selbst nicht. Sollte Alfred ihn tatsächlich nicht finden und ihm damit auch keinen Fangschuss verpassen, würde er seinen Verletzungen erliegen. Längst breitete sich Kälte in seinem Inneren aus, und sie fühlte sich nach Tod an, lähmte ihn, machte jede Bewegung zum Kampf. Das war vielleicht auch besser, denn Stefanie roch von Minute zu Minute betörender.
   Er hatte sie schon früher gebissen und damit zum Stöhnen gebracht. Doch das waren nur stumpfe, menschliche Zähne gewesen, die nichts als blaue Flecke hinterließen. Ihre Schelte, wenn er sie an allzu offensichtlichen Stellen gezeichnet hatte, klang ihm noch jetzt in den Ohren. Das eine oder andere Mal hatte sie sich auch gerächt. Aber nie zuvor hatte er den Drang verspürt, sie bis auf Blut zu beißen. Er war sicher, dass ihr Blut viel besser als das Pferdeblut schmecken würde.
   Jakob dämmerte weg, träumte von Stefanie, wie sie ihn in ihren Armen hielt, seine blutigen Lippen küsste, und als er wach wurde, geschah es tatsächlich. Sie hatte sich an ihn gedrückt, ihr warmer Körper gegen seinen kalten. »Du bleibst da«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Wage es bloß nicht, mir jetzt wegzusterben.« Ihr Atem roch nach den getrockneten Birnen und Äpfeln aus dem Notfallvorrat. Irgendwie beruhigend, dass sie trotz ihrer angespannten Lage nicht das Essen vergessen hatte.
   »He! Ich meine es ernst. Du hast so viel überlebt. Du überlebst auch das hier.«
   Er antwortete nicht, versuchte nur ein zaghaftes Lächeln, von dem er nicht sicher war, ob sie es sah, und fragte sich, warum er noch am Leben war. Eigentlich hätte er längst tot sein müssen. Die Schmerzen ließen allmählich nach. Vielleicht war das ein Zeichen, dass es tatsächlich mit ihm zu Ende ging. Warum atmete er dann leichter? Das Gurgeln in seiner Brust war verstummt. Hatte er etwa doch noch eine Chance? Nein, es war dumm auf die übernatürlichen Heilkräfte eines Vampirs zu hoffen. Man sagte ihnen zwar nach, dass sie mehr aushielten als ein Mensch, dass sie genau genommen kaum totzukriegen waren, aber viele Dinge, die er über Vampire gehört hatte, stimmten nicht. Warum sollte ausgerechnet diese eine Sache der Wahrheit entsprechen?
   Vielleicht hatte er doch noch eine Chance, wenn sie ihn nicht fanden. Vielleicht reichte Stefanies Ablenkungsmanöver aus, um die Spuren zu verwischen. Er wagte, Hoffnung zu schöpfen – bis er die Schritte hörte.

5. Kapitel
Stefanie

Stefanie spürte, wie Jakob sich anspannte. »Was ist los?«
   »Jemand kommt.« Seine Stimme war leise und klang gequält. Es tat weh, seinen Überlebenskampf mitanzusehen. Genau genommen eher zu spüren und zu hören, denn ihre Augen vermochten die Dunkelheit der Hütte kaum zu durchdringen. Aber Hauptsache er lebte noch. So lange sein Herz noch schlug, so lange er atmete, gab es Hoffnung.
   »Ich werde hinausgehen und sie ablenken.«
   »Nein! Es ist zu gefährlich.«
   »Komm schon, Jakob. Mir tun sie nichts. Ich werde versuchen, sie von dir wegzulocken. Es ist bereits Abend. Bald setzt die Dämmerung ein. Wenn ich es schaffe, sie ein wenig hinzuhalten, kannst du im Schutz der Dunkelheit verschwinden.«
   Er grunzte etwas Unverständliches. Sie konnte sich denken, was er sagen wollte. In seiner derzeitigen körperlichen Verfassung würde er nirgendwohin verschwinden. Egal, wer ihnen auf den Fersen war, Jakob war seinen Verfolgern hilflos ausgeliefert.
   »Ich werde nicht dabei zusehen, wie sie dich abknallen!« Tatsächlich schien er sich im Verlauf des Tages ein wenig erholt zu haben. Die Wunden bluteten nicht mehr, das beunruhigende Rasseln, das stundenlang jeden seiner Atemzüge begleitet hatte, war verklungen.
   Stefanie strich ihm noch einmal über die Wange und stand dann auf. Sie schob sich noch ein paar Rosinen in den Mund. Den Beutel mit den restlichen Trockenfrüchten und Nüssen steckte sie in ihre Jackentasche. Jakob streckte sie Hand nach ihr aus und berührte sie am Bein. Stefanie hielt inne und beugte sich über ihn.
   »Mach dir keine Sorgen. Ich führe sie an der Nase herum, bis du wieder vollkommen fit bist.«
   Damit schlüpfte sie aus der Hütte. Das grelle Tageslicht war längst einem sanften, matten abendlichen Schein gewichen.
   Die Pferde grasten nicht mehr, sondern standen mit hoch erhobenen Köpfen mitten in dem Bereich, den Stefanie ihnen mit Seilen abgesperrt hatte. Ihre Ohren waren gespitzt. Sie lauschten angespannt.
   Sollte sie versuchen, mit den Männern zu reden? Alfred hatte sich immer gut mit Jakob verstanden, er mochte seinen Cousin, aber die Mythen mit denen er aufgewachsen war, hatten sich in seinem Kopf genauso festgefressen wie bei jedem anderen in Unterwald. Mit Sicherheit würde er glauben, Jakob etwas Gutes zu tun, wenn er ihm den Kopf abschlug.
   Stefanie überlegte fieberhaft, wie sie die Männer ablenken konnte. Ihr wollte nichts einfallen. Sie ein wenig aufzuhalten wäre kein Problem, doch Jakob konnte nicht fliehen. Nicht in seinem Zustand und schon gar nicht bei Tageslicht. Stefanie blickte zum Himmel empor. Das Blau verdunkelte sich allmählich und im Westen glühte ein Abendrot zwischen den Baumwipfeln.
   Sie hörte ein Rascheln. Wer würde ihr gleich gegenübertreten? Ihr Vater? Jakobs Cousin Alfred oder sein Onkel Theo? Martin, der Schmied, oder Peter, der Jagdaufseher? Sie schluckte. Vielleicht waren ihre Chancen besser, wenn sie versuchte, mit den Pferden eine falsche Spur zu legen. Sie machte einen Schritt auf die Tiere zu.
   »Na, wen haben wir denn da?«
   Stefanie erstarrte. Ihre Hand glitt automatisch zu dem Messer in ihrer Tasche. Ihr Puls beschleunigte sich. Alle Ratschläge, die sie in Bezug auf Selbstverteidigung gehört hatte, kreisten wirr in ihrem Kopf. Sie war kräftig von der Arbeit und schnell von ihrem Training mit den Pferden, aber ohne Kampferfahrung. Auch jetzt hatte sie nicht damit gerechnet, sich verteidigen zu müssen, doch die beiden Männer, die aus dem Schatten der Bäume kamen und auf die Lichtung traten, waren nicht aus Unterwald.
   Unwillkürlich stellte sich Stefanie breiter hin, um einen besseren Stand zu haben und ließ ihr Taschenmesser aufschnappen. Sie mochte vielleicht keine Kampferfahrung haben, aber sie wusste, wo ein Treffer wehtat, und hatte auch keine Skrupel, diese Kerle zu verletzten.
   »Was willst du denn mit dem Zahnstocher, Mädchen?« Der kleinere der beiden grinste breit. Sein fettiges Haar klebte ihm am Kopf, in seinem ungepflegten Bart hingen noch Essensreste. Die abgetragene Lederjacke war fleckig, die Jeans löchrig. Das Einzige gut gepflegte war die Pistole, die er nun aus einem Gürtelholster zog.
   »Hübsches Liebesnest habt ihr hier. Nah genug an Unterwald, um unauffällig hin- und herzukommen und doch weit genug entfernt, um ungestört zu sein.«
   Der zweite Mann hatte nun ebenfalls eine Pistole gezogen und blickte sich um. Er war nicht weniger widerlich als sein Kumpan. Im Gegenteil. All sein Dreck konnte nicht die Narbe überdecken, die sich von seiner Stirn aus quer über sein Auge bis zur Wange zog, wo sie in seinem struppigen Bart verschwand. Er trug ebenfalls eine Lederjacke, die sich jedoch über einem runden Bauch spannte, der einen seltsamen Kontrast zu seinen dünnen Gliedmaßen bildete.
   Stefanie schluckte trocken. Ihr Mund fühlte sich an, als wäre er mit Sand gefüllt. Sie bekam kaum Luft. Die Angst raubte ihr den Atem, nur die Wut hielt sie noch auf den Beinen.
   »Na, hat dein Liebhaber das Weite gesucht?« Der Kleinere grinste noch breiter. »Mach dir keine Sorgen, Süße, wir helfen dir gern aus.«
   Er kam näher, die Pistole auf sie gerichtet. Stefanie wich zurück.
   »Was hast du denn? Sind wir dir nicht gut genug?« Er machte einen weiteren Schritt. »Oder möchtest du auf deinen Schatz nicht verzichten? Kein Problem. Er kann gern mitmachen.« Sein dreckiges Lachen jagte Stefanie einen Schauder über den Rücken.
   Sie wich zurück und suchte Schutz hinter der breiten Kruppe ihrer Stute.
   »Wäre doch perfekt für dich –, oder? Ihr Frauen jammert doch immer, dass ihr nicht zum Zug kommt, weil die Kerle zu schnell fertig sind. Bei drei Kerlen hast du dieses Problem nicht.«
   Inzwischen war er nahe genug, dass sie ihn riechen konnte. Die Ausdünstungen des ungewaschenen Mannes raubten ihr beinahe den Atem. Nicht einmal der Ziegenbock ihres Vaters verbreitete einen derartigen Gestank.
   Wenn wenigstens die verdammte Pistole nicht gewesen wäre. Wie sollte sie zwei Typen mit Pistolen abwehren? Unwillkürlich wich sie immer weiter zwischen die Pferde zurück, deren Schweife unruhig hin und her schlug. Der Mann folgte ihr, seine Waffe immer noch im Anschlag.
   »Was zierst du dich denn, Püppchen?«
   Keine zwei Meter trennten Stefanie noch von dem widerlichen Kerl. Nun klatsche Sharifas Schweif mitten in sein Gesicht. Er zuckte zusammen. Seine Pistole deutete einen Augenblick lang nicht auf sie. Stefanie sprang zwischen die Pferde. Das war ihre Chance. Wenn der Kerl Schweifhaare in die Augen bekommen hatte, würden sie für einige Momente höllisch brennen und tränen. Stefanie musste die Gelegenheit nutzen und fliehen und damit ihn und seinen Kumpan von Jakob weglocken.
   »Du verdammter Mistbock!« Der Mann schlug blindlings mit einer Hand nach Sharifa und traf sie am Hinterschenkel.
   Normalerweise war die Stute ruhig und gelassen. Mehr als einmal hatte Stefanie ihren Vater beinahe in den Wahnsinn getrieben, weil sie sich unter das Tier gelegt, einen Huf der Stute auf ihren Kopf gestellt oder von hinten mit einem Bocksprung auf ihren Rücken gesprungen war. Nun jedoch war sie angespannt und es war ein Fremder, der sie anschrie und sie unvermutet anfasste. So schnell, dass Stefanie die Bewegung kaum wahrnahm, trat das Pferd mit beiden Hinterhufen aus. Der Mann flog mehrere Meter durch die Luft und krachte gegen die Tür der Hütte. Das alte Holz gab nach. Tür und Mann verschwanden im Inneren. Ein klaffendes schwarzes Loch blieb zurück.
   »Ich knalle dich ab, du elender Gaul!« Der zweite Mann kam herangestürmt, die Pistole auf Sharifas Kopf gerichtet. Stefanie tauchte unter dem Pferd durch und stürzte sich auf ihn. Mit beiden Händen fasste sie nach seinem Arm. Plötzlich fühlte sie sich um die Hüften gepackt und herumgerissen. Das Messer löste sich aus ihrem Griff, weil sie das Handgelenk des Mannes nicht loslassen wollte. Mit aller Kraft drückte sie es nach oben.
   Plötzlich löste sich der Griff des Mannes um ihre Hüften und fasste nach ihrer Hand. Sie trat nach seinen Schienbeinen, um ihn abzulenken. Er wich ihr aus. Trotz seiner runden Leibesmitte war er verdammt flink auf den Beinen. Dann schaffte sie es, ihn tatsächlich zu treten. Er sog zischend die Luft ein und fluchte. Doch er ließ sie nicht los. Mit einem Ruck löste er ihre rechte Hand von seinem Arm und bog sie nach hinten. Er verdrehte ihr so lange Schulter und Ellbogen, bis sie auch mit der zweiten Hand loslassen musste.
   »Du kleines Biest. Dafür wirst du bezahlen. Und wie du bezahlen wirst.« Sein faulig riechender Atem strich über ihren Hals. »Aber zuerst werden wir nach meinem Kumpel sehen.«
   Er drängte sie in Richtung Hütte. Stefanie fluchte innerlich. Sie hatte ihre Waffe verloren und Licht fiel in die Hütte. Auch wenn es inzwischen dämmerte, war es womöglich zu hell für Jakob. Hoffentlich hatte er sich rechtzeitig mit den Decken schützen können.
   »Ewald? Bist du okay?«
   Ewald hörte sich nicht okay an. Sein Atmen glich mehr einem feuchten Röcheln. Er sah auch nicht okay aus. Sein Gesicht war blutüberströmt und wirkte irgendwie deformiert.
   »So eine Scheiße! Schau dir an, was dein verdammter Gaul angerichtet hat!«
   Der Mann stieß Stefanie vorwärts, ohne sie loszulassen. Ihre Füße verfingen sich in den Überresten der Tür. Sie stolperte. Der Mann riss sie hoch, bevor sie stürzen konnte. Sie schrie auf, als ihre Schulter schmerzhaft überdehnt wurde.
   »Ewald? Sag doch was!«
   Doch Ewald sagte nichts mehr. Er gab nur noch ein ersticktes Grunzen von sich. Seine Glieder scharrten über den Boden.
   »Das wird wieder! Sag mir, dass du wieder in Ordnung kommst! Du darfst nicht abkratzen.«
   So wie es aussah, würde Ewald jedoch genau das tun. Unglaublich, dass er überhaupt noch lebte. Täuschte das Licht, oder war ein Teil des Gehirns zwischen Blut und zerschmetterten Knochen sichtbar?
   »Du Miststück, du verdammtes Miststück. Wenn er stirbt, stirbst du auch, aber vorher zahlst du!«

6. Kapitel
Jakob

Ein weiterer Aufschrei. Das Reißen von Stoff. Dumpfe Schläge. Jakob glaubte, wahnsinnig zu werden. Stefanie kämpfte um ihr Leben, und er war unter dieser verdammten Decke gefangen. Dabei herrschte in der Hütte Dämmerlicht. Unmöglich, auch nur daran zu denken, nach draußen zu gehen.
   Jakob warf sich herum, schrie auf, weil er unbeabsichtigt, die Decke dabei ein wenig angehoben hatte. Warum konnte es nicht endlich dunkel werden. Jakob biss die Zähne aufeinander und ballte die Fäuste.
   Schritte näherten sich. Es hörte sich an, als würde jemand eine weitere, widerstrebende Person hinter sich herschleifen.
   »So eine Scheiße! Schau dir an, was dein verdammter Gaul angerichtet hat!«
   Ein Schmerzensschrei folgte.
   Jakob sah die Szene beinahe bildlich vor sich. Dieser widerliche Typ, dessen Gestank bis zu ihm unter die Decke drang, zerrte Stefanie in die Hütte, zwang sie, sich den Verletzten anzusehen, als wäre sie ein ungehorsamer Welpe, den sein Herr mit der Nase in einen Kothaufen stieß, den er auf dem Wohnzimmerteppich hinterlassen hatte.
   Leises Wimmern. Das stammte eindeutig von Stefanie. Sie musste Schmerzen haben, richtige Schmerzen. Normalerweise gehörte sie zu den Leuten, die selbst mit einem gebrochenen Fuß noch weitergingen und behaupteten, alles wäre in Ordnung.
   »Wenn er stirbt, stirbst du auch, aber vorher zahlst du!«
   Ein weiterer Schrei von Stefanie. Rumpeln. Hastiges Trampeln großer und kleiner Füße. Dann ein gedämpfter Schmerzensschrei. Diesmal stammte er eindeutig von einem Mann. Derbe Flüche folgten. »Wenn du es wagst, noch einmal zu treten, dann zahlst du doppelt.«
   Der Kerl ächzte. Etwas krachte. Holz splitterte. Lautes Klatschen. Es hörte sich an wie eine große Männerhand, die auf eine zarte Frauenwange traf.
   Es geschah beinahe von selbst, dass Jakob sich auf die Beine kämpfte. Obwohl er die Decke um sich geschlungen hatte, fraß sich der Schmerz seines verbrennenden Fleisches die Nervenbahnen entlang und setzte sein Hirn in Flammen. Doch seine Wut loderte heißer und erlaubte ihm, die Pein zu ignorieren.
   Die Augen hielt er geschlossen, orientierte sich an den Geräuschen. Jeder Versuch, auch nur zu blinzeln, sandte glühende Nadeln durch seine Augäpfel. Jetzt musste er ganz nahe sein. Er stieß gegen etwas Festes.
   »Was soll der …? Ein verdammter Blutsauger? Aus dir mache ich Schmorbraten, und deiner Bluthure zeige ich, was es heißt, es mit einem richtigen Mann zu treiben.«
   »Wag es nicht«, kreischte Stefanie.
   Doch schon fühlte sich Jakob gepackt und in Richtung Tür geschleift. Er bezweifelte nicht, dass selbst das schwindende Dämmerlicht des scheidenden Tages ausreichte, um ihn zu töten. In seinem Zorn und seiner Verzweiflung tat er das Einzige, wozu sein schmerzgeplagter Körper noch in der Lage war. Er wand sich wie eine Schlange und biss zu.
   Süße explodierte in seinem Mund. Er hörte nichts mehr, außer dem Blut, das sirenengleich seinen Lockruf sang. Das Strampeln und Zappeln seines Opfers regte ihn nur dazu an, fester zuzubeißen. Etwas in dem Hals zwischen seinen Zähnen zerriss. Der heiße Lebenssaft sprudelte nun heftiger, ergoss sich im Rhythmus des Herzschlags in seine Kehle.
   Schmeckte das gut! Göttlicher Nektar, der seine Mitte füllte, sich nach allen Seiten ausbreitete und balsamgleich die glühenden Nerven beruhigte. Er schluckte wieder und wieder, konnte nicht aufhören zu trinken, saugte den Leben spendenden Saft auf wie ein ausgetrockneter Schwamm.
   Nach einer Ewigkeit, die vielleicht nur wenige Minuten dauerte, verringerte sich die Heftigkeit des Blutstroms. Aus dem Fluss wurde ein Bächlein, das sich schließlich in ein Rinnsal verwandelte. Das stete Trommeln des menschlichen Herzens verlangsamte sich und verklang schließlich zur Gänze. Die Hand, die sich schmerzhaft in seine Schulter gegraben hatte, erschlaffte.
   Langsam löste Jakob seine Zähne aus dem Hals des Mannes. Er fühlte sich gut. Unglaublich gut. Wenn man Pferdeblut Wasser gleichsetzte, dann war Menschenblut wie Wein. Es berauschte, ließ sämtliche Geschmacksnerven explodieren, wärmte den Körper von innen her. Langsam ließ Jakob den immer schwerer werdenden Mann zu Boden gleiten. Wie hell das Rot des Blutes leuchtete, das sich in der Wunde zu einem kleinen See gesammelt hatte, und von dort aus verzweigt wie die Wurzeln eines Baumes über die Haut floss. Er fing die letzten Tropfen mit den Fingern auf. Dann löste er die Hand vom Nacken des Mannes und die schlaffe Puppe, die einmal ein Mensch gewesen war, sackte zusammen.
   Genüsslich leckte er den süßen Lebenssaft ab. Ein Stöhnen lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Er hörte ein Herz schlagen. Welch verlockender Klang. Noch eine Kehle, der er den süßen Lebenssaft entreißen konnte. Es gab nichts, was ihn zurückhielt, nichts was ihn bremste. Unstillbare Gier trieb ihn voran, ließ ihn erneut zubeißen. Flammengleich loderte das frische Menschenblut durch seine Adern. Mehr! Er wollte mehr! Viel zu schnell verklang das Herz. Er war immer noch nicht gesättigt.
   Langsam, unendlich langsam drehte er sich herum. Und da war sie! Süß, duftend, unglaublich verlockend.

7. Kapitel
Stefanie

Es stank. Der Geruch von verkohlten Fleisch erfüllte die Luft, mischte sich mit dem von frischem Blut, Angstschweiß, Kot und Urin. Als sich Jakob von seinem letzten Opfer löste, schrak Stefanie vor ihm zurück. Selbst im Dämmerlicht des schwindenden Tages sah Jakob furchtbar aus! Sein Gesicht war vollkommen verbrannt. Von seiner verkohlten, nässenden Haut stiegen dünne Rauchfäden auf. Teilweise schien sie Blasen zu werfen. An anderen Stellen wieder war sie aufgerissen und rohes, blutiges Fleisch brach hervor wie geschmolzene Lava aus schwarzem Gestein. Zwischen den geröteten Lidern sah sie Augen, deren Weiß die Farbe frischen Blutes angenommen hatte. Ein Mensch mit solchen Verbrennungen würde sich schreiend auf dem Boden wälzen. Und sie wurden immer schlimmer!
   Stefanie war von dem Anblick ganz flau im Magen. Hastig riss sie den verblichenen Flickenteppich vom Boden hoch und hängte ihn über den Türrahmen, um das wenige Tageslicht auszusperren, das ausreichte um Jakob mit solcher Gewalt zu verbrennen. Dass sie ihn nun nur mehr als Umriss wahrnehmen konnte, machte für sie jedoch alles noch schlimmer. In ihrer Fantasie fraßen sich die Verbrennungen immer tiefer in sein Fleisch, lösten es von den Knochen, bis nur noch der blanke Schädel mit den blutigen Augen übrig blieb. Sie kramte in ihrer Jackentasche nach der kleinen Taschenlampe, um wenigstens ein bisschen Licht zu haben.
   In dem schwachen gelblichen Schein ging sie auf ihn zu. Er stand einfach nur da und starrte sie an. Wie konnte er in seinem Zustand noch stehen? Er wirkte angespannt, hatte die Zähne fest aufeinandergebissen und schien kaum zu atmen.
   Der Anblick und der Geruch nach verbranntem Fleisch, der sich in ihre Schleimhäute gesengt hatte, verursachten Stefanie Übelkeit.
   »Mist! Jakob! Ich habe keine Ahnung, was Vampiren bei Verbrennungen hilft. Mal ganz abgesehen davon, dass ich sowieso nichts dabeihabe. Vielleicht sollten wir deine Haut im Bach kühlen. Ich denke mal, Wasser kann nicht schaden.«
   Sie ging zu ihm, fasste ihn vorsichtig am Ärmel, ließ ihn jedoch gleich wieder los. Ihre Hand sank nach unten. »Mist! Ich habe ganz vergessen, dass es noch zu hell ist. Wir müssen warten.«
   Jakob wich vor ihr zurück. »Geh«, sagte er. Seine Stimme klang rau. Bereits das eine Wort schien eine unglaubliche Anstrengung für ihn zu bedeuten.
   »Ja«, stimmte sie zu. »Später. Sobald es dunkel genug ist.«
   »Nein. Jetzt.«
   »Was ist in dich gefahren, Jakob? Du kannst noch nicht raus. Das Licht würde dich noch mehr verbrennen.«
   Er schüttelte langsam und unter offensichtlichen Schmerzen den Kopf. »Du gehst.«
   »Nichts da«, erklärte Stefanie energisch. »Entweder wir gehen beide oder keiner.«
   Er schloss die kurz die Augen. Stefanie kannte diesen Ausdruck. Er setzte ihn immer auf, wenn sie etwas Dummes gesagt hatte. Oder zumindest etwas, das er als dumm empfand.
   »Du hast recht. Ich könnte Wasser holen gehen. Irgendwo hier muss ein Eimer sein.« Sie drehte sich zur Seite und wollte bereits los, als Jakob sie an der Schulter festhielt.
   »Du gehst nach Hause.«
   »Und lasse dich allein? Bist du von allen guten Geistern verlassen?«
   Jakob senkte den Kopf. »Ich bin ein Monster.«
   »Du siehst zwar momentan wie eines aus, aber du bist definitiv keines.«
   »Doch! Ich …« Sein Blick ging zu den Leichen mit den aufgerissenen Hälsen. Er schluckte vernehmlich.
   »Mach dir wegen den beiden keinen Kopf. Die sind mir tot sowieso lieber als lebendig.«
   Sie versuchte, ihre Augen von den Leichen fernzuhalten, doch sie wurden unwillkürlich immer wieder von ihnen angezogen. Krampfhaft hielt sie ihre Taschenlampe auf Jakob gerichtet. Sein Mund war blutverschmiert. Genaugenommen war alles an ihm voller Blut. Sein Hemd, seine Hände. Auch seine Hose war voller Flecken. Teilweise war es wohl sein eigenes, halb ausgewaschen vom Wasser. Und – sie holte tief Luft – seine Wunden …, sie heilten. Bisher hatte sie so etwas nur in Filmen gesehen. Als Trickaufnahme! Nun konnte sie zusehen, wie sich die Schusswunden schlossen.
   »Du …« Sie streckte die Hand nach ihm aus, wollte dieses Fleisch, das sich vor ihren Augen wieder zusammenfügte, berühren.
   Jakob fuhr zurück, als hätte sie ihn verbrannt. »Geh zurück nach Unterwald. Du willst nichts mehr mit mir zu tun haben.«
   »Wie wäre es, wenn du diese Entscheidung mir überlässt?«
   Jakob stieß sie zur Seite. Stefanie machte einen Schritt, um nicht hinzufallen. Sie fühlte etwas Weiches unter ihrem Fuß. Hoffentlich nicht die Hand einer der Leichen. Hastig folgte sie Jakob, der sich der Tür näherte.
   »Warte!«
   Jakob ignorierte sie.
   »Lass mich nachsehen, ob es schon dunkel ist.«
   Stefanie verfluchte alle starrköpfigen Männer, als Jakob einfach den Teppich beiseite riss, und nach draußen stürmte. Sie rannte ihm hinterher.
   Die Pferde hatten das Gras niedergetreten. Die ehemals grüne Fläche mit ihren gelben und weißen Tupfern aus Gänseblümchen- und Löwenzahnblüten war nur braun-grüner mit Hufabdrücken übersäter Matsch. Gelegentlich rupfte eines der Tiere einen übrig gebliebenen Halm ab, um jedoch sofort wieder den Kopf hochzureißen und mit geblähten Nüstern heftig die Luft auszustoßen.
   Stefanie sprach leise mit ihnen, während ihre Schweife die Luft peitschten. Rochen sie das Blut? Spürten sie die Anwesenheit der Toten? Oder waren die Kerle nicht allein gewesen? Stefanie tastete mit dem Strahl ihrer Taschenlampe die Büsche und Bäume ab. Die Pferde traten auf der Stelle und scharrten mit den Vorderhufen.
   Stefanie starrte angestrengt in die Schatten. Es raschelte. Zweige knackten. Insekten zirpten. Der Wind rauschte in den Baumwipfeln. Irgendwo schrie ein Käuzchen. Rief es nach seinem Partner oder warnte es die Mäuse, dass bald Jagd auf sie gemacht wurde? Eine Brise trug den Geruch von Pferdeschweiß heran, der sich mit den Aromen der Erde mischte.
   Plötzlich stand Jakob neben ihr. Sie zuckte zusammen, weil er sich ihr lautlos genähert hatte. Er schien eher wie ein Geist und weniger wie ein lebendes Wesen. Geblendet schloss er die Augen, als sie ihm in einem Reflex mitten ins Gesicht leuchtete.
   »Du musst zurück nach Hause«, sagte er, während er die Hand hob, um den Lichtstrahl abzuschirmen.
   Hastig nahm sie die Taschenlampe etwas tiefer. »Vergiss es!«
   Stefanie betrachte Jakob voller Staunen. Er musste am Bach gewesen sein und sich das Blut abgewaschen haben. Auch ein Großteil der verbrannten Haut war verschwunden. Nur am Haaransatz hingen noch ein paar verkohlte Fetzen. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Das Blut! Es hatte ihn geheilt!
   »Stefanie, ich bin ein Monster. Ich habe diese Männer umgebracht.« Er deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger in Richtung Hütte.
   »Das Thema hatten wir schon.« Der Gedanke an die Toten verursachte ihr Übelkeit, aber das änderte nichts an ihrer Meinung. »Der eine wäre sowieso gestorben. Sharifa hat ihm den Schädel eingetreten. Glaubst du etwa, ich liebe dieses Pferd deshalb auch nur einen Deut weniger?«
   »Das ist etwas anderes.«
   »Ist es nicht!« Stefanie stemmte die freie Hand in die Hüfte.
   »Doch!« Er fuhr sich durch die Haare. Eine eigentümlich vertraute Geste. Nur dass diesmal ein paar schwärzliche Hautfetzen zwischen seinen Fingern hängen blieben. »Ich habe es genossen«, sagte er leise. »Menschenblut ist mit Tierblut nicht zu vergleichen. Ich werde es wieder trinken. Ich will es wieder trinken.«
   »Und dafür töten?« Stefanie sah ihn durchdringend an. Er wirkte ruhig und gefasst. Seine Augen sahen beinahe normal aus. Wären die langen, spitzen Eckzähne nicht gewesen, die beim Sprechen zwischen den Lippen hervorblitzten, hätte sie glauben können, sie würde sich mit dem alten, dem menschlichen Jakob unterhalten.
   »Wenn es nötig ist«, sagte er leise. Seine Lider waren halb geschlossen, sein Blick zu Boden gerichtet.
   Stefanie reckte trotzig ihr Kinn vor. »Wenn du dich dabei an Kerle wie die in der Hütte hältst, machst du die Welt damit zu einem besseren Ort.«
   »Das meinst du nicht im Ernst.«
   »Doch.« Sie sah ihn herausfordernd an.
   Er schüttelte den Kopf. Dann drehte er sich unvermittelt um und sprang auf Ladys Rücken. Die braune Stute bockte erschrocken, nur um nach ein paar Sprüngen in wildem Galopp loszustürmen. Jakob klebte auf ihr, als wäre er mit ihr verschmolzen.
   »Idiot!« Stefanie stopfte die Taschenlampe in eine Jackentasche und schwang sich auf Sharifas Rücken. Die Stute bedurfte keiner Aufforderung. Sie war begierig darauf, ihrer Freundin zu folgen. Beinahe hätte sie das Seil übersehen, das immer noch zwischen den Bäumen gespannt war. Stefanie fasste nach vorn ins Halfter der Stute und riss sie herum, um sie durch die einzige Lücke zu zwingen. Dort nämlich, wo Jakob das Seil durchtrennt haben musste.
   Sie duckte sich dicht über den Pferdehals, um nicht von tief hängenden Ästen vom Rücken des Tieres gefegt zu werden. Sie konnte nichts sehen. Es war zu dunkel, und alles ging zu schnell. Sie konnte nur hoffen, dass sich Sharifa nicht die Beine brach, während sie dem anderen Pferd hinterherstürmte. Zum Glück sahen Pferde nachts besser als Menschen.
   In einem Höllentempo ging es über Stock und Stein.
   Was war nur in Jakob gefahren, dass er sie nun auf einmal loswerden wollte? Er führte sich auf, als wären ihm mit einem Mal Hörner und Klauen gewachsen. Außerdem ritt er, als wäre er tatsächlich der Leibhaftige persönlich oder als würde ihm zumindest der Teufel im Nacken sitzen. Wie die Wilde Jagd preschten sie durch den Wald. Äste droschen auf Stefanies Rücken ein. Sie krallte sich in Sharifas Mähne und presste sich noch enger an ihren Hals, um nicht den Halt zu verlieren. Da sie nichts sah, musste sie sich auf ihr Gespür für Sharifas Bewegungen verlassen, um Sprünge und Richtungsänderungen vorausahnen zu können.
   Endlich wurde Lady langsamer und damit auch Sharifa. Erleichtert richtete sich Stefanie auf. Sie sah sich um. Büsche, Bäume, ein klarer Sternenhimmel mit einem beinahe vollen Mond und vor ihnen die Überreste einer Asphaltstraße. Der Belag war gesprungen. Gras und kleine Bäumchen zwängten sich durch die Lücken. Weiter vorn konnte sie ein liegen gebliebenes Auto mit abgeplatztem Lack und zersplitterten Scheiben erkennen.
   Sie hatte keine Ahnung, wo sie waren, wusste nur, dass sie sich noch nie so weit von Unterwald entfernt hatten. Sharifa atmete schwer. Stefanie spürte die Bewegung des pumpenden Pferderumpfes und das heftige Schlagen des Herzens mit ihren Beinen. Das seidenglatte Sommerfell des Tieres war nass vom Schweiß.
   Im Schritt folgten sie dem zerrissenen Band aus Asphalt. Sie kamen an einer Abzweigung vorbei. Stefanie erspähte ein rostiges Schild. Als sie die Augen zusammenkniff konnte sie das Wort entziffern. ‚Windhaag‘ stand da zu lesen. Dort fand der große Wochenmarkt statt. Stefanie hatte ihn das eine oder andere Mal besucht, obwohl es Hans nicht gern sah, wenn seine Leute das taten. Er hielt nichts von den losen Sitten in Windhaag. Stefanie hatte nie herausgefunden, was er damit meinte. Auf dem Markt wurde gekauft und verkauft. Es gab Sachen, die man in Unterwald längst nicht mehr bekam. Ob Hans mit der Dekadenz, die er den Leuten in Windhaag zuschrieb, die Stände mit Süßigkeiten meinte? Die Schokolade war wirklich sündhaft teuer gewesen. Kein Wunder, schließlich war Schokolade nicht mehr so leicht zu bekommen. Genauso wie Kaffee, exotische Gewürze und tropische Früchte. Irgendwie schien der Rest der Welt zu hoffen, den Vampirismus ausrotten zu können, indem sie Mitteleuropa isolierten.
   Stefanie rutschte unruhig auf Sharifas Rücken herum. Jakob machte keine Anstalten, nach Windhaag abzubiegen. Somit hatte sie auch keine Möglichkeit, sich mit Vorräten einzudecken. Die Erinnerungen an den Markt hatten den Hunger geweckt, der nun in ihren Eingeweiden nagte. Sie angelte nach den restlichen Trockenfrüchten, steckte sich ein paar Rosinen und getrocknete Apfelstücke in den Mund und kaute langsam.
   Sharifa drehte ihren Kopf mal nach links, dann wieder nach rechts. Ihre Ohren waren angestrengt gespitzt, ihre Schritte verhalten und der Körper angespannt. Sie war unsicher in der fremden Umgebung. Stefanie legte beruhigend die Hand auf ihren Hals. Sofort drehte das Pferd die Ohren in ihre Richtung. »Alles wird gut«, flüsterte Stefanie leise. Sie wusste nicht, ob sie mit diesen Worten nicht bloß sich selbst überzeugen wollte.
   Mehrfach versuchte Stefanie zu Jakob aufzuschließen, doch jedes Mal wurde auch er schneller, sodass sie ihr Pferd schließlich zurückfallen ließ. »Idiot«, fauchte sie leise. Am liebsten hätte sie ihn angeschrien, wagte es jedoch nicht. Die verwilderten Gebiete zwischen den Ortschaften waren ein Niemandsland, das von unterschiedlichen Gruppierungen bevölkert wurde, von denen die wenigsten Reisenden freundlich gesinnt waren. Einzelgängerische Vampire lauerten ihren Opfern auf. Räuberische Banden machten alles zu Geld, dessen sie habhaft werden konnten. Leute, die über Nacht aus Unterwald fortblieben, kehrten in der Regel nicht mehr zurück.
   Angestrengt lauschte Stefanie nach eventuellen Angreifern. Die paar im Saum ihrer Jacke eingenähten Silbermünzen würden sie vielleicht nicht finden, aber allein die Pferde waren es wert, gestohlen zu werden, und Stefanie war sich nur zu bewusst, dass es Leute gab, die auch sie als Ware betrachteten. Allerdings sie hatte keine Lust, in einem Bordell oder als lebender Blutvorrat für einen Vampir zu enden. Jakob einmal ausgenommen. Daher wagte sie nicht, nach ihm zu rufen. Sie konnte nicht wissen, wer den Ruf sonst noch hören würde.
   Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Sie saß ab und führte ihr Pferd, wenn er das tat und wenn er nach einer Weile mit einem Satz wieder auf seine Stute sprang und losgaloppierte, tat sie ihm auch das nach. Schlug er sich in die Büsche, folgte sie seiner Spur. Kein Bluthund hätte hartnäckiger sein können.
   An einem Bach hielt Jakob an, um Lady trinken zu lassen. Stefanie suchte sich eine Stelle, die ein wenig entfernt lag, um Sharifa ebenfalls den Zugang zum Wasser zu ermöglich, ohne Jakob zu einem verfrühten Aufbruch zu provozieren. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit rupfte Sharifa Grashalme und Blätter ab. Stefanie ließ es zu. Umso mehr Nahrung das Tier zu sich nahm, desto länger würde es durchhalten.
   Die ganze Verdauung eines Pferdes war auf nährstoffarme, faserreiche Kost ausgelegt. Das ermöglichte es ihm, sich von Gras zu ernähren, führte aber auch dazu, dass es große Mengen Futter am besten über den ganzen Tag verteilt benötigte. Während Fleischfressern eine längere Fastenzeit nichts ausmachte, litten Pferde vergleichsweise schnell unter Nahrungsentzug.
   Menschen sollten theoretisch auch problemlos mehrere Tage ohne Essen auskommen, doch wenn Stefanies Gedanken nicht um Jakob oder die Pferde oder die Menschen, die sie zurückgelassen hatte, kreisten, beschäftigten sie sich mit dem Hunger, der bereits eine ganze Weile hartnäckig in ihren Eingeweiden wühlte.
   So schwer das Leben in Unterwald gewesen sein mochte, sie hatte nie hungern müssen. Jetzt nicht zu wissen, wann sie die nächste Gelegenheit für eine Mahlzeit haben würde, verstärkte das Nagen in ihrem Bauch.
   Immer wieder kamen sie an verlassenen Häusern vorbei. Stefanie war versucht, hinter den verrotteten Türen und den geborstenen Fenstern nach brauchbarer Dosennahrung zu suchen. Aber die Angst, Jakob anschließend nicht mehr wiederzufinden, war viel zu groß. Auch als sie an Büschen mit Beeren vorüberkamen, wagte sie nur, sich hastig eine Handvoll zu pflücken. Die wenigen Früchte fachten ihren Hunger bloß noch mehr an, statt ihn zu stillen.
   Unvermittelt verlor sie Jakob aus den Augen. Eben noch hatte er sich vor ihr querfeldein durch die Büsche geschlagen. Einige Augenblicke später war er verschwunden, als hätte ihn die Erde verschluckt. Mit klopfendem Herzen saß Stefanie auf Sharifa. Sie bemühte sich, mit den Bewegungen des Pferdes mitzugehen, es aber nicht zu beeinflussen. Der Herdentrieb würde es dazu veranlassen, der anderen Stute zu folgen. Die beiden kannten sich, seit sie Fohlen waren, und standen auch auf der Weide meist zusammen. Sharifa würde ihre Freundin nicht allein lassen. Bestimmt nicht.
   Als sie sich jedoch eine gefühlte Ewigkeit lang durch Büsche und Jungwald quälte, kamen Stefanie Zweifel. Was, wenn die Stute genauso orientierungslos war, wie sie selbst? Sie presste die Lippen aufeinander, um den Drang zu unterdrücken, laut nach Jakob zu rufen. Ganz in der Nähe schrie ein Käuzchen. Etwas flüchtete raschelnd und prustend durch das Unterholz. Vielleicht ein Dachs?
   Plötzlich stand Lady vor ihnen.
   Doch von Jakob keine Spur.
   Eine eiskalte Faust umklammerte Stefanies Herz. Würde er sein Pferd zurücklassen und zu Fuß weitergehen, nur um sie loszuwerden? Warum wollte er sie überhaupt loswerden? Sie verstand es nicht. Mit der Faust schlug sie auf ihren Oberschenkel, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.
   Die Pferde taten sich an den zwischen den Büschen verstreuten Grasbüscheln gütlich und rupften auch das eine oder andere Maul voll Blätter ab. Stefanie blieb noch eine ganze Weile auf Sharifa sitzen. Als Jakob nicht auftauchte und sich auch Lady nicht davonmachte, saß sie schließlich ab, ließ jedoch die Mähne ihres Pferdes nicht los. Angespannt lauschte sie in die Nacht. Bei jedem Knacken durchfuhren sie Angst und Hoffnung gleichermaßen. Doch nichts.
   Langsam begann es zu dämmern. Zuerst war es nur ein Schimmer am Horizont, dann wurde der ganze Himmel grau.
   Stefanie glaubte zu verstehen, warum Jakob hier angehalten hatte. Er hatte ein Versteck für den Tag gefunden. Mit klopfendem Herzen und einem flauen Gefühl im Magen, aus Hunger und Nervosität gleichermaßen, suchte sie mit ihren Augen die Umgebung ab. Es dauerte nach ihrem Empfinden viel zu lange, bis es hell genug war, dass sie wirklich etwas erkennen konnte.
   Die ersten Strahlen der Sonne fielen bereits durch die Baumwipfel, als sie die Höhlung unter einem umgestürzten Baumstamm entdeckte. Büsche verbargen mit ihren Zweigen den Eingang.
   »Jakob?« Stefanie wagte nicht, die Zweige auseinanderzuschieben. Wer konnte wissen, wie tief es hineinging? Vielleicht verbrannte sie Jakob, wenn sie unbedarft in sein Versteck vordrang.
   Jakob regte sich nicht. Womöglich bildete sie sich alles nur ein? War er ganz woanders, und sie stand mutterseelenallein vor diesem verdammten umgestürzten Baum, der mit seinen ausladenden Wurzeln ein riesiges Loch in die Erde gerissen hatte. Durch seinen Fall war eine Lücke im Blätterdach entstanden, sodass genügend Licht bis zum Boden drang, um jungen Pflanzen das Wachstum zu ermöglichen. Regenfälle mussten dann die Höhlung unter dem Baum noch tiefer ausgewaschen haben. Oder hatte ein Tier seinen Bau unter den Wurzeln gegraben? Wölfe vielleicht oder ein Bär? Seit dem Vampirkrieg gab es wieder mehr Platz für große Räuber.
   Stefanie sah zu den Pferden hin. Sie wirkten ruhig. Also wohl doch keine Wölfe in der Nähe.
   »Jakob! Verdammt noch mal, kannst du mir nicht wenigstens sagen, ob es dir gut geht?«
   Vielleicht sollte sie doch versuchen, sich zwischen den Büschen hindurchzuzwängen, um unter die Baumwurzel spähen zu können. Sie lauschte. War da nicht ein schabendes Geräusch? Und ein leises Seufzen?
   »Geh nach Hause!«
   »Das Thema hatten wir schon mal und die Antwort lautet immer noch Nein.« Stefanie richtete sich auf und stemmte die Hände in die Hüften, obwohl Jakob sie nicht sehen konnte.
   »Ich bin ein Monster und ein Sünder. Ich habe getötet.«
   Stefanie stieß heftig die Luft aus. »Ich bin sicher, dass auch Gott das Konzept von Notwehr kennt, und wenn er es nicht tut, dann kann er mich mal.«
   Jakob schnaubte. »Und ich habe Blut getrunken. Menschenblut! Aber es heißt schon bei Mose: ‚Deshalb habe ich befohlen, niemals Blut zu verzehren, denn das Leben eines jeden Lebewesens ist in seinem Blut‘.«
   »Was sollst du denn sonst tun, Jakob? Du bist jetzt ein Vampir!« Stefanie kauerte sich so nahe an die Büsche, wie sie wagte. Sie betete um Wolken, doch ausgerechnet heute zeigte sich keine einzige. Die Sonne stieg immer höher und brannte mit sommerlicher Kraft auf sie herab.
   »Du verstehst nicht! Auch in der Apostelgeschichte steht: ‚Gottes Gesetz verbietet Christen, Blut in irgendeiner Form zu sich zu nehmen‘.«
   »Seit wann bist du so bibelfest? Ich dachte, wir hätten die meisten Predigten von Pfarrer Liebknecht geschwänzt?«
   »Stefanie!«
   »Dein ‚Stefanie‘ kannst du dir sparen, und wortwörtlich hat der gute Pfarrer seine Bibelzitate auch nicht genommen. Ich habe selbst gesehen, wie er Blutwurst gegessen hat.«
   »Das kannst du doch nicht vergleichen!«
   »Warum nicht? Es ist nicht ausdrücklich von Menschenblut die Rede. Also muss Schweineblut genauso gemeint sein, und eine Blutwurst ist definitiv irgendeine Form von Blut.« Stefanie hörte an der Art, wie er Luft holte, dass Jakob noch etwas sagen wollte, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Mir ist es verdammt noch mal egal, was in der Bibel steht. Als Vampir hast du doch sowieso keine andere Wahl, als zu sündigen. Selbst wenn du kein Blut zu dir nimmst und dich zu Tode hungerst, sündigst du, denn auch Selbstmord ist eine Sünde. Eigentlich bedeutet die Verwandlung automatisch eine Verdammung zur Sünde.«
   »Deshalb hat Pfarrer Liebknecht sie auch als Geschöpfe des Teufels bezeichnet. ‚Wer Sünde tut, der ist des Teufels, denn der Teufel sündigt von Anfang an.‘ So steht es in der Bibel.«
   »Wie gut, dass mir der ganze Sündenscheiß am Arsch vorbei geht«, fauchte Stefanie. Sie hatte Pfarrer Liebknecht nie besonders gemocht und sich Gott stets in der Natur näher gefühlt als in der Kirche.
   »Wenn dich dein Vater so reden hören würde …«
   »Tut er aber nicht.« Stefanie schluckte. Wahrscheinlich würde sie ihren Vater nie wiedersehen. Er hatte sie allein großgezogen, nachdem ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben war. Stefanie dachte an das Foto auf dem Kaminsims, an die lachende, junge Frau, von der alle behaupteten, sie würde ihr ähneln. Nun, sie hatte das gleiche dichte, honigblonde Haar, die blauen Augen, das leicht rundliche Gesicht. Aber ihre Figur war fülliger gewesen, nicht so durchtrainiert wie Stefanies.
   Jetzt hatte ihr Vater niemanden mehr. Schuld flackerte in ihr auf. Sie schob das Gefühl beiseite. Wenn er zu blind war, um zu sehen, dass in dem Vampirkörper immer noch Jakob steckte, dann konnte sie ihm nicht helfen.
   Jakob war still geworden in seinem Versteck.
   »Hast du es halbwegs bequem da drinnen?«
   »Geht so.« Jakob klang nicht überzeugend.
   »Kann ich reinkommen?«
   »Nein!« Er stieß die Antwort heftig hervor.
   »Würde ich dich verbrennen, wenn ich die Büsche beiseiteschiebe?«
   Ein kurzes Zögern. »Ja.« Das einzelne Wort schien nur mühsam über seine Lippen zu kommen.
   Stefanie hatte das Gefühl, dass er log. Er log, weil er sich einbildete, sie schützen zu müssen. »In Ordnung«, lenkte sie ein. »Ich sehe mich mal um, ob ich etwas zu essen finde.«
   Sie stand auf, fand tatsächlich ein paar Büsche mit Beeren. Das Gelände sah aus wie ein verwilderter Garten. Einige der Bäume trugen Früchte, doch sie waren noch nicht reif. Enttäuscht wandte sie sich ab, bis sie einen Klarapfelbaum entdeckte. Grinsend reckte sie sich nach den Ästen mit den weißlich gelben Früchten. Klaräpfel hielten sich zwar nicht lange, aber dafür reiften sie bereits im August.
   Stefanie brachte auch den Pferden einige Äpfel. Lady lag im Gras, während Sharifa die Umgebung im Auge behielt. Nach einer Weile würden sie sich abwechseln. Stefanie war froh, dass sie trotz der fremden Umgebung entspannt genug waren, um sich die Ruhe zu gönnen. Auch wenn Pferde in der Lage waren, im Stehen zu schlafen, mussten sie sich doch hinlegen, um sich vollständig zu erholen. Lady streckte sich lang aus und schloss die Augen. Ihr Atem wurde tief und ruhig. Stefanie legte sich neben sie. Sollte sich irgendjemand nähern, würden die Pferde sie wecken.

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