»Wenn die Hölle ihre Dämonen verstößt, kennt das Leben kein Erbarmen mit denjenigen, die das Pech haben, einer zum Psychopathen gereiften Kreatur zu begegnen, die wieder ins Höllenreich aufgenommen werden will.« Interlaken, Schweiz. Hier behandelt Dr. med. Sibylle Bachmann, forensische Traumatologin und Stationsärztin einer psychiatrischen Luxusklinik, im Jahr 2008 die 23-jährige Elisa, die seit ihrer Einlieferung vor 10 Jahren teilnahmslos vor sich hin vegetiert. Bis sich eines Morgens durch ein geheimnisvolles Manuskript alles ändert. Sibylle stößt auf das Vermächtnis einer Gemeinschaft, mit deren teuflischen Machenschaften Elisa auf geheimnisvolle Weise verbunden scheint und deren Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen. Die »Engel der Schwarzen Rose«.

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ISBN: 978-9963-2814-0-4

Seiten: 448

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John Maylynn

John Maylynn wurde 1951 in West Ham, London geboren und wuchs in der Schweiz, Deutschland und England auf. Der Entdeckergeist ist ihm in die Wiege gelegt worden, deshalb machte er früh sein Hobby zum Beruf und verband das für ihn Schönste mit dem Nützlichen. Seit John „in Rente“ ist, gondelt er weiterhin durch die Weltgeschichte, fotografiert und schreibt, immer in Begleitung seiner Labrador Retriever Hündin.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Ich bin seit meiner Geburt lebendig begraben.
   »Nein, bitte nicht … bitte nicht …« Meine Hände schießen nach vorn, ich will den Kerl abwehren, der sich über mich beugt. Er stinkt, mein Körper bäumt sich auf. Mit den Fingernägeln versuche ich, ihm das Gesicht zu zerkratzen. Bevor meine Hand ihm nahe kommt, packt er sie und reißt sie mit meinem Arm nach hinten. Schmerz durchzuckt meine Schulter, ich spüre, wie sich kaltes Metall um mein Gelenk legt. Ich versuche, mich loszureißen, kreische auf, als sich eine Eisenfessel auch um mein anderes Handgelenk schließt. Irgendwer packt meine Füße, sie drücken meine Knie hinunter und ziehen meine Beine auseinander.
   »Lasst mich in Ruhe. Warum wollt ihr mir das schon wieder antun?« Ich schreie, so laut ich kann. Mir ist klar, dass es nicht helfen wird. Es hilft nie. In ein paar Sekunden werden meine Füße gefesselt sein und ich werde auf einem widerlichen Knebel herumkauen. Doch ich gebe nicht auf, niemals!
   Es läuft immer gleich ab, wenn sie mich in dieses Zimmer schleppen. Angst habe ich keine mehr, ich weiß ja, was sie tun werden. Ich bin wütend auf mich. Warum habe ich heute gebettelt? Bitte nicht, verhöhnt mich sogleich diese lächerlich klingende Stimme in meinem Kopf. Ich beiße die Zähne zusammen und presse die Lippen aufeinander.
   Plötzlich muss ich husten. Ich reiße den Kopf zur Seite, um der Faust zu entkommen, die grob auf meinen Kehlkopf drückt. Fast erwische ich sie mit den Zähnen, aber der Scheißkerl presst mir sofort mit Daumen und Zeigefinger schmerzhaft in die Wangen und zwingt meine Kiefer auseinander. Meine Augen tränen vor Wut – ich wünsche mir, dass mein Blick töten könnte. Der Knebel wandert zwischen mein Gebiss und ich muss würgen. Hoffentlich kommt mir die Kotze hoch, dann hätte alles ein Ende.
   So sehr ich es herbeisehne, es passiert nicht.
   Ich lasse den Kopf zurückfallen.
   Der Tisch ist hart, jedoch nicht so, dass ich mich ernsthaft verletzen könnte.
   Beim letzten Mal habe ich es versucht und wieder und wieder meinen Schädel aufknallen lassen. Außer Kopfschmerzen hat es mir nichts gebracht.
   Diesmal sorgen sie vor. Einer schiebt ein Kissen unter meine Haare. Fieberhaft überlege ich, wie ich ihnen ein Schnippchen schlagen, wie ich sie überlisten, ihre Pläne durchkreuzen kann. Mir fällt nichts ein. Dieser schmierige, hässliche Typ greift nach dem Röhrchen. Was sie gleich tun werden, tut meistens nicht weh. Um mich zum Weinen zu bringen, lassen sie sich jedes Mal etwas Neues einfallen. Bis jetzt habe ich mitgespielt, ich habe mich bemüht, von allein zu weinen, ohne dass sie mir wehtun müssen. Es hat fast immer geklappt. Doch heute werde ich nicht weinen.
   Ich werde nicht weinen, nein! Sie bekommen meine Tränen nicht.
   Sie stehen um mich herum. Ihre schwarzen Umhänge verhüllen ihre Gestalten und die Gesichter sind tief unter ihren Kapuzen verborgen. Ich sehe ihr höhnisches Grinsen durch meine geschlossenen Lider.
   Ich weine nicht!
   Der Schlag auf meine Wange trifft mich unvorbereitet, es brennt höllisch.
   Ich weine nicht, ich weine nicht!
   Einer kneift mir in die Brustwarze, er drückt fester und fester. Mir stockt der Atem vor Schmerz, bis ich heftig durch die Nase ausatme. Er merkt, dass ich entschlossen bin, durchzuhalten und sein Druck lässt nach. Ich versuche, so viel Luft wie möglich in mich aufzusaugen, meine Nase verstopft immer mehr. Was ich an Tränen nicht hinauslassen will, sammelt sich in meinen Schleimhäuten. Ich weiß nicht, wie lange ich noch trotzen kann. Bitte lass es mich überstehen, ich will nicht weinen.
   Tausend Hände sind überall. Der wahnsinnige Schmerz, der mich im nächsten Moment durchzuckt, öffnet alle Schleusen.
   Ich heule. Ich schreie meinen Schmerz durch den Knebel hinaus. Ich bekomme keine Luft mehr.
   Irgendetwas bewegt sich in meinem Po, ich habe das Gefühl, sie zerreißen mich.
   Ich heule und heule und heule …

1.
Psychiatrische Privatklinik
»Sanatorium Hardegg«
Interlaken, Schweiz
24. Oktober 2008

Als sie die ersten Zeilen des Briefes las, begann ihr Leben. Sie war 23.
   Elisa streckte alle zehn Finger vor ihren Augen aus. Der Zettel schwebte zu Boden wie ein welkes Blatt. Sie brauchte ihn nicht mehr. Der Inhalt hatte sie zurückgeholt, sie erweckt aus jahrelangem Dämmerzustand. Nie wieder würde sie das Schreiben lesen müssen, um sich zu erinnern.
   Es war ihre Vergangenheit.
   Es war ihre Zukunft.
   Sie drehte die Hände und fing die Tränen auf, die ihr über die Wangen rollten. Ihr war kalt, doch die Tröpfchen in ihrer Handfläche schienen sich in Dunst aufzulösen.
   Elisa hob den Blick. Langsam lichtete sich der Nebelschleier. Sie durchschritt traumwandlerisch das geräumige Zimmer, das sie nie vorher bewusst wahrgenommen hatte. Sie stieß weder gegen die Couch noch gegen den Tisch oder das Bett. Vor dem in hellrosa Marmor eingefassten Spiegel im angrenzenden Bad blieb sie stehen.
   Sie war es. Elisa, 23 Jahre, mit langem braunem Haar, schneeweißen Zähnen, einer makellos blassen Haut und weit auseinanderstehenden, dunkelblauen Augen. Sie war es.
   Mit einem Auflachen wischte sie die Tränen fort und strich sich die gewellte Mähne zurück. Sie fühlte sich gut und befremdet zugleich. Als wäre sie aus einem Nachtmahr erwacht und würde feststellen, dass sie nur geträumt hatte.
   Liebe Elisa,
   eigentlich ist das Einzige, was ich dir sagen will: »Verzeih mir.«
   Elisa legte einen Zeigefinger an die Lippen. Sie wusste nicht, wer der Verfasser des Briefes war, noch konnte sie es sich erklären, warum er sich entschuldigte. Alles lag im Unklaren. Dennoch hatte die Nachricht bei ihr einen Schalter umgelegt – die Frage war, welchen?
   »Es fällt mir schwer, einen Anfang zu finden. Ich weiß nicht, wo ich sein werde, falls du diese Zeilen jemals liest.«
   Sie blickte durch die Tür auf die hellgelben Wände, die gepflegten Möbel und meisterhaften Gemälde. Auf dem Bett lag eine penibel glattgestrichene bunte Steppdecke, die eher in ein Kinderzimmer passte. Elisa liebte sie, sie war weich und warm und duftete stets nach Pfirsich. Sie erinnerte sich nicht, je darauf gelegen oder darunter geschlafen zu haben. Was wusste sie überhaupt, was tat sie hier, warum …? Elisa versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Es wollte ihr nicht gelingen, es schien, als arbeitete ihr Gehirn erst seit wenigen Sekunden.
   »Wahrscheinlich bin ich tot«, hatte der Schreiber vermutet.
   Sie schüttelte den Kopf und sah in den Spiegel, aus Angst, ihr Ebenbild könnte soeben verschwunden sein. Einen Moment lang versank sie in der Betrachtung, dann wandte sie sich abrupt ab und verließ das Bad. Sie stampfte auf, um sich lebendiger zu fühlen, doch ihre in flauschigen Pantoffeln steckenden Füße verursachten auf dem dicken Teppichboden kaum ein Geräusch. Am Fenster riss sie die Vorhänge beiseite. Durch die hohen Scheiben fiel ihr Blick auf einen parkähnlichen Garten und weiter hinab auf ein im Mondlicht glitzerndes Flüsschen. Bäume säumten einen hellen Kieselweg, der sich die Wiesen hinabschlängelte. Bepflanzte Rondelle und Sitzecken verteilten sich auf dem Gelände, beleuchtet von schmiedeeisernen Laternen.
   »Bin ich vielleicht tot?« Ihre Stimme klang, als wäre sie jahrelang nicht benutzt worden. Sie presste die Rechte gegen die Fensterscheibe und zählte bis zwanzig … bis vierzig … bis hundert. Sie wusste nicht, wer ihr die Zahlen beigebracht hatte, was sie verunsicherte und immer weiterzählen ließ, um sich zu beweisen, dass sie es beherrschte. Erst nach Minuten zog sie die Hand weg.
   Ein Fettfleck glänzte ihr entgegen. Ihr Atem ging flach und schnell. Schweißtropfen perlten in ihren Nacken.
   »Ich wünschte bei Gott, ich könnte die Uhr zurückdrehen und alles ungeschehen machen.«
   Wie ein eiserner Ring umklammerte Furcht ihr Herz. Ihr schwindelte, sie schwankte. Für einen Moment musste sie sich an der Kante des Sekretärs festklammern.
   Einige Bücher, ein Glas Wasser und eine Pillenschale fielen hinunter.
   »Nun aber bleibt mir nichts mehr, als dir das hier zu hinterlassen in der Hoffnung, dass die Zeit …«
   Der Brief endete mitten im Satz. Leere weitete sich in ihrem Kopf schier bis ins Unendliche aus.
   Sie wischte sich über ihr glühendes Gesicht. Ihr ganzer Körper zitterte. Halt suchend sah sie sich in dem Raum um, den sie so gut und doch nicht zu kennen schien. Das Gemälde gegenüber dem Bett zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.
   Rembrandt. Sie mochte den Maler. Helfer hoben den Leichnam Christi vom blutbefleckten Kreuz. Maria, gestützt von zwei Frauen, und andere Trauernde litten unter dem Anblick.
   Ihr Zittern verstärkte sich, ihre Gedanken verworren sich zu einem Knäuel. Mit einem Satz sprang sie auf das Kunstwerk zu. Voller Wut und Verzweiflung warf sie den Menschen auf dem Bild ihre Frage entgegen.
   »Wer bin ich?« Sie schluchzte und ihr Wimmern steigerte sich zum Schrei: »Sagt mir, wer ich bin?«
   Niemand antwortete. Elisa raufte sich die Haare, schnellte vor, verkrallte sich in der Kreuzabnahme und zerkratzte kreischend die hellen Stellen des Gemäldes.
   Jemand riss die Zimmertür auf.
   Elisa wirbelte herum. Eine eigenartige Ruhe erfasste sie. »Frau Doktor Bachmann, Sibylle!«
   »O mein Gott!«
   »Wer bin ich? Sibylle, wer bin ich?«

2.
Psychiatrische Privatklinik
»Sanatorium Hardegg«
Interlaken, Schweiz
24. Oktober 2008

Ulrike saß an ihrem Schreibtisch im Schwesternzimmer, die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt und massierte sich die Schläfen. Ihr war übel, aber sie wusste genau, warum.
   Durch die Glasscheibe beobachtete sie die Patienten im Wohnraum der Station C3. Sie lächelte Luise zu, die im Bademantel mit einem Pfleger aus der klinikeigenen Sauna kam. Die 50-Jährige hatte nicht vor, ihr Luxusleben auf der Station in absehbarer Zeit aufzugeben. Um diese frühzeitig ergraute Witwe, die den plötzlichen Tod ihres Gatten nicht verkraftet hatte und seitdem unter Depressionen litt, anfangs verbunden mit Suizidgefahr, brauchte Ulrike sich momentan keine Sorgen zu machen. Das Gewissen plagte an anderer Stelle und obwohl sie Grund genug hätte, es einfach zu ignorieren und sich wohl und glücklich zu fühlen, kam es ihr seit einigen Stunden vor, als legte sich eine unsichtbare Fessel immer enger um ihren Hals.
   Sie schrieb einige Notizen und stellte den Dienstplan für die kommende Woche zusammen. Immer wieder hielt sie inne, ihre Gedanken glitten ab zu einer angenehmen Erinnerung, die sie stets von ihren Skrupeln befreite. Leise lächelte sie in sich hinein, als sie an die Summe dachte, die sich von einem ehemaligen Patienten auf ihrem Nummernkonto häufte. Vor einigen Jahren war er als geheilt aus dem Sanatorium entlassen worden.
   Ulrike war damals hin und her gerissen zwischen Freude und Entsetzen. Über lange Zeit hinweg hatte sich Bernhard immer wieder Freigänge erkauft, von denen außer ihm und ihr niemand wusste. Jedes Mal nahm sie einen Umschlag entgegen, dem anzufühlen war, dass sich ein dickes Bündel Geldscheine darin befand. Dafür ebnete sie ihm den Weg nach draußen und ließ ihn in den frühen Morgenstunden zurück in sein Zimmer schlüpfen. Anfangs hatte sie die Nachtschichten hindurch gezittert und sich mit Vorwürfen gemartert, doch nach und nach nahm ihre Furcht ab, weil Bernhard immer zurückkehrte. Nach jedem dieser Ausflüge zierten am nächsten oder übernächsten Tag Schlagzeilen wie »Rosenplünderer hat wieder zugeschlagen« oder »Wieder eine Nacht der Rosen« die Titelseiten der Lokalzeitungen. Ihr war nicht klar, wie Bernhard es schaffte, nicht nur ungesehen das Sanatoriumsgelände zu verlassen und zurück zum Haus 3 zu gelangen, sondern ebenso unbemerkt innerhalb weniger Nachtstunden zahlreiche Gärten zu plündern, in denen er ausschließlich die Rosensträucher ihrer Köpfe beraubte und Hunderte auf den Stufen der Dorfkirche verteilte. Den Grund für diese merkwürdige Manie bekam sie nie heraus.
   Sie ließ sich diverse Ausreden einfallen, wie sie es begründen könne, dass Bernhard während ihres Dienstes aus der Station entwischt war, sollte er eines Tages ertappt werden. Eine war, dass er sich einen Zweitschlüssel zur Haustür besorgt haben müsse und vorsichtshalber hatte sie einen solchen in einem Schlitz unter dem Fensterbrett in Bernhards Zimmer deponiert. Dieser war so gut versteckt, dass ihn nicht einmal die Putzfrauen gefunden hatten.
   Ulrike atmete durch und streckte sich. Das alles lag lange zurück. Sie war knapp über 30 gewesen, als sie ihren Job als Pflegeschwester in Hardegg angetreten hatte. Damals hatte sie versucht, an jeder Ecke zu sparen, so viel zusammenzukratzen, dass sie ihren Sohn Marlon aus dem staatlichen Behindertenheim in eine private Heilanstalt hätte überweisen lassen können. Ihr größter Wunsch war es, ihn zurück nach Hause zu holen, doch mit ihrem Schwesterngehalt war das bis heute nicht möglich.
   Sie seufzte. Das Lottospiel hatte sie aufgegeben, als ihr Mann Rolf sie nach Marlons Geburt sitzen ließ.
   »Ulrike!«
   Erschreckt fuhr sie auf. Im Wohnraum war alles ruhig, nur einige Patienten schauten verständnislos umher. Wer rief, besser gesagt schrie fast nach ihr?
   »Schwester Ulrike. Kommen Sie!«
   Sie erkannte die Stimme von Dr. Sibylle Bachmann. Mit einem Satz sprang Ulrike vom Stuhl und eilte in Richtung der Privatzimmer, stürmte den Flur entlang auf die offene Tür von Elisas Zimmer zu. O nein, o nein, dachte sie, als sie neben der Ärztin zum Stehen kam. Sie wusste, dass ihr Fehlverhalten schlimme Folgen haben würde.
   »Elisa hat gesprochen«, informierte Dr. Bachmann sie leise.
   »Bitte?« Ulrike starrte die Ärztin an.
   »Sie hat mich gerade beim Namen genannt. Nicht wahr, Elisa?«
   Ulrikes Blick hetzte durch den Raum. Ein paar Gegenstände lagen auf dem Boden, die Gardine war teilweise aus der Schiene geglitten und das Duplikat eines Gemäldes zerstört. Aber falls Elisa wirklich etwas gesagt hatte …
   »Bringen wir sie in mein Besprechungszimmer. Danach machen Sie hier bitte Klarschiff«, forderte Sibylle.
   Ulrike trat behutsam auf die junge Frau zu, die wie immer teilnahmslos auf der Bettkante saß. Sie kannte Elisa gut – sie stellte keine Gefahr dar, auch wenn manche Patienten übermenschliche Kräfte entwickelten, wenn sie sich eingeengt fühlten oder sich erschreckten.
   Kurz darauf stand sie allein in Elisas Zimmer und schloss die Tür. Ob Dr. Bachmann sich etwas eingebildet hatte? Ulrike ging ins Bad, setzte die Brille ab und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Wenn dem so war, dann hatte sie doch Gutes bewirkt, oder? Nichts Schreckliches war passiert, die Kleine hatte sich lediglich ein wenig abreagiert, was gut war. Endlich zeigte sie eine Reaktion.
   Zahlreiche Mediziner hatten sich im Laufe der Zeit um Elisa bemüht, ohne den geringsten Erfolg. Einige der Schwestern und Pfleger, allen Personen voran Frau Dr. Bachmann, versuchten jahrelang, ihr Mutter und Vater zu sein, ließen ihr Aufmerksamkeiten zuteilwerden, schlossen sie liebevoll in die Arme, brachten Geschenke zu Ostern und Weihnachten und legten ihr hübsche Kleider, Bücher, CDs und Schmuck ins Zimmer.
   Doch Elisa blieb stumm und reaktionslos.
   Ulrike trocknete sich das Gesicht und blickte in den wassertropfenbesprenkelten Spiegel. Sie mochte ihren blonden Pagenschnitt nicht, aber nach einem Mecki war dies wohl die am einfachsten zu pflegende Frisur. Sie musste dringend nachfärben, ihr Ansatz war bereits einen Zentimeter breit.
   »Mist«, stieß sie aus und räumte mit wenigen Handgriffen auf.
   Als sie den Brief unter dem Sekretär fand, pochte ihr Herz bis in die Ohren. Sie las ihn, nochmals, und steckte ihn mit zitternden Fingern ein. Ulrike dachte an das Vermögen, das sie bekommen und das ihren Unterhalt bis an ihr Lebensende sowie eine vernünftige Versorgung ihres Sohnes sichern würde.
   »Liebe Ulrike«, hatte er gesagt, »ich bitte Sie, mir diesen letzten Gefallen zu tun. Bitte!«
   Sie hatte weinend genickt und ihm versprochen, sich danach nie wieder bei ihm zu melden.
   Mit steifen Bewegungen trat sie vor das zerstörte Gemälde und hob es vom Haken. Es wog mehr, als sie erwartet hatte und sie ließ sich aufs Bett sinken. Das Ding hing seit Jahr und Tag an dieser Wand, es wurde Zeit für etwas Moderneres. Elisa hatte es unrettbar zerstört. Vornehmlich die Gesichter und das helle Kreuz waren zerkratzt. Wahrscheinlich hing auch dem Mädchen das Motiv längst zum Hals heraus.
   Sie schickte eine Putzfrau in das Zimmer, beauftragte einen Pfleger, ein neues Bild zu besorgen und es gleich aufzuhängen, sammelte die Verbandsmaterialien für Elisas Finger auf einem Tablett zusammen und begab sich schweren Herzens auf den Weg zu Dr. Bachmanns Besprechungszimmer, um ihr den Zettel zu überreichen.
   Vielleicht wendete sich ja doch endlich alles zum Guten. Zumindest konnte dies ein Anfang sein.

3.
Kingsford Smith International Airport
Sydney, Australien
22. Dezember 1974

»This is the last call for flight LH 691 with Lufthansa from Sydney to Frankfurt via Singapore and Bombay. Passengers are requested to …«
   Benni hetzte durch die überfüllte Abflughalle. In letzter Minute hatte er sein Gepäck aufgegeben. »Straight to the gate, Sir«, hallten die Worte der Frau am Check-in Schalter auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle in seinem Kopf nach. Er rempelte versehentlich einen älteren Mann an, entschuldigte sich und schob sich in der Schlange der wartenden Passagiere weiter nach vorn. Mit der hektisch vorgebrachten Erklärung »I miss my flight to Germany …« und einem Lächeln gelang es ihm, sich vorzumogeln. Nur noch eine junge Frau war vor ihm an der Reihe, ehe er sein Handgepäck über das Band zur Durchleuchtung laufen lassen und durch den Metalldetektor treten konnte.
   Geschafft! Benni schmiss sich den Rucksack um, trabte im Laufschritt weiter und gelangte als Letzter zur Boarding-Kontrolle. In der Hast fielen ihm sein Ausweis und die Bordkarte aus der Hand. Ehe er sich mit dem Gepäck auf dem Rücken bücken konnte, griff der Steward zu, warf einen Blick auf die Unterlagen und streckte sie ihm entgegen. »Bitte schön, Herr von Felthen.«
   Benni strich sich über die Stirn. Einige Strähnen hatten sich aus seinem Zopf gelöst. Er fasste die Haare zusammen und band sie im Nacken erneut fest. Dass sein Gegenüber ihn nur zu gern um ein Date gebeten hätte, wäre das hier nicht ausgerechnet der Flughafen, sah er ihm an der Nasenspitze an. Er schenkte dem Steward sein strahlendstes Lächeln.
   Endlich im Flugzeug, fiel die Hektik augenblicklich von ihm ab. Reihe 12. Die anderen Passagiere saßen bereits auf ihren Plätzen. Benni konnte ungestört den Rucksack im Gepäckfach der DC-10 verstauen. Er warf einen verstohlenen Blick auf seinen Sitznachbarn. Sexy. Ein junger Mann mit südländischer Ausstrahlung, etwa in seinem Alter, betrachtete durch das kleine Fenster das Treiben um das Flugzeug herum. Gekonnt zerzauste Haare umrahmten ein markantes Gesicht mit dunklen Augenbrauen, dichten langen Wimpern und einem glatt rasierten Kinn. Wahrscheinlich ein Weiberheld, dachte er, probte dennoch sein bewährtes Lächeln und ließ sich auf den Sitz fallen. Der Duft eines schweren Rasierwassers zog ihm in die Nase. Pitralon?
   »Ho, ho, hooo. Der Platz neben diesem wunderhübschen Jüngling ist mir für viele Stunden vergönnt. Ho, ho, ho.« Er machte eine Pause und streckte die Hand aus. »Hi, ich bin Benni.«
   Der Typ wandte sich ihm zu und ergriff zögernd Bennis Rechte. »Ahriman«, murmelte er.
   »Sorry? What’s your name?«
   »Ahriman.«
   »Oh, really? What an unusual name.«
   »Künstlername.«
   »He, du sprichst Deutsch? Was für ein Künstler bist du?«
   Sein Nachbar zögerte für eine Sekunde und griff sich an die Innentasche seiner schwarzen Lederjacke.
   »Kunsthistoriker.«
   »Freut mich, dich kennenzulernen.« Benni grinste. »Fliegst du heim?«
   »Nein, du?«
   »Ich besuche meine Familie in Interlaken. In der Schweiz.«
   Ein unergründlicher Blick traf Benni aus den dunklen Augen und ließ seine Haut kribbeln.
   »Ich bin auch auf dem Weg nach Interlaken«, sagte Ahriman.
   »Was machst du da?«
   »Ich folge den Spuren meines Vaters.« Ahrimans Miene verfinsterte sich. »Er ist vor sechs Monaten gestorben und wurde in Interlaken beerdigt.« Er wandte sich ab.
   Benni störte es nicht, allerdings fragte er sich für einen Moment, ob er vielleicht zu aufdringlich gewesen war? Aber nein, wahrscheinlicher schien es, dass sein Sitznachbar noch trauerte.
   Ahriman zog die Lederjacke aus und schob sie unter den Sitz. Seine Schulter streifte Benni, es fühlte sich beabsichtigt an. Er genoss das süße Prickeln. Doch kein Weiberheld? Möglicherweise hatte er eine Chance, der Flug war schließlich lang. Er schloss die Augen und wartete auf den Start.
   Seine Gedanken wanderten zu seiner Familie. Am meisten freute er sich auf das Wiedersehen mit seinen Nichten. Wie sie jetzt wohl aussahen?

4.
Flug LH 691 mit Lufthansa
22. Dezember 1974

»Sekt?« Benni hielt Ahriman das Glas mit der prickelnden Flüssigkeit dicht unter die Nase. Witzig, wie seinem Nachbarn Tröpfchen des kühlen Nass ins Gesicht spritzten. Ahriman fuhr sich mit dem Handrücken über Wange und Kinn. Das leise Kratzen elektrisierte Benni.
   »Gib her.« Ahriman griff zu. Seine Finger glitten betont langsam über Bennis Haut.
   Hitze floss durch seine Hand. Er grinste und zwinkerte. Mehr als eine Sektdusche riskierte er wohl kaum.
   »Prost. Auf eine gute Reise.« Ahriman stieß gut gelaunt an.
   »Prost. Und auf ein fröhliches Weihnachtsfest im Kreis meiner bescheidenen Familie.«
   »Bescheiden?«
   Benni lachte und gluckste zwischen zwei Schlucken: »Mein Bruder Arno ist total vernarrt in seine drei Prinzessinnen. Er würde ihnen die ganze Welt schenken, wenn er sie kaufen könnte.«
   »Kann er nicht?«
   »Naja, noch hält Dad seine Hand über die Firma. Arno verdient zwar nicht schlecht, aber die ganze Welt ist auch für seinen Geldbeutel ein bisschen zu viel.« Benni hickste und schenkte sich sein Glas wieder voll.
   Ahriman suchte seinen Blick. »Bist du deshalb nach Australien gegangen?«
   »Deshalb?« Benni stockte für einen Moment. »Oh, du meinst ›der reiche schwule Sohn der geschätzten Family‹. Nö, sie wissen, dass ich schwul bin. Sie finden es nicht grandios, akzeptieren es aber. Gezwungenermaßen.«
   »Irre. Erzähl mir von ihnen.«
   »Arno ist ein Hippie. Naja, jedenfalls war er mal einer. Seine Frau Petra auch. Aber seit die beiden die Zwillinge haben, sind sie spießig geworden.«
   »Alla ricerca di un mondo nuovo.«
   »Bitte?«
   »Italienisch. Auf der Suche nach einer neuen Welt.«
   »So ungefähr. Arno war ziemlich rebellisch.«
   »Wieso?«
   »Partys, Frauen, Sex, Drogen …«
   »Wo hat er seine Schnecke angegraben?«
   »Im Büro, in Dads Firma.«
   »Wie öde.«
   »Dafür war die Hochzeitsreise genial.«
   »Wieso?«
   »Sie waren in den Staaten. Quer durch. San Francisko, Kansas, New York. Und Woodstock. What do I do when my love is away …« Benni erntete ein Räuspern und einen schrägen Blick eines Opas aus der Sitzreihe neben ihnen.
   Ahriman schickte ein freches Grinsen zurück. »Cocker-Fan?«
   »Ja. Seit ich auf Woodstock war.«
   »Ich denke, dein Bruder und seine Schnecke waren da. Du auch?«
   Benni nickte. »Als die beiden in New York ankamen, haben sie von dem Festival gehört und wollten unbedingt hin. Arno hatte Geburtstag, als das Konzert anfing.«
   »Wieso warst du denn bei der Hochzeitsreise dabei?«
   »War ich ja nicht. Ich bin am Tag nach Arnos Anruf nach New York geflogen. Und dann haben wir uns sofort auf den Weg gemacht. Wir kamen fast zu spät.«
   »Wieso?«
   »Wir mussten Stau um Stau umfahren. Die Hälfte der Besucher ist nicht angekommen. Aber wir haben es trotzdem geschafft.« Benni klopfte sich auf die Brust.
   »Wie kommts?«
   »Hast du das nicht im Fernsehen gesehen? Es waren fast eine Million Menschen auf dem Weg nach White Lake. Weniger als die Hälfte waren dort.«
   »Nö, nie gehört. Ich war in dem Jahr auf See.«
   »Du warst Seemann? Wo bist du gewesen?« Benni warf einen bewundernden Blick auf Ahrimans kräftige Oberarme.
   »Was war auf Woodstock los?«
   »War ne Mordsparty, sag ich dir. Wir waren so high, haben im strömenden Regen geschlafen, ohne was zu merken. Wir haben gekifft, gebumst, gesungen …«
   Benni wurde von der Stewardess unterbrochen, die das Essen servierte. Sie klappten die Tische auf und ließen sich die Tabletts reichen.
   »Gekifft, gebumst, gesungen. Hab ich auch noch vor ein paar Stunden.« Ahriman verzog die Lippen zu einem breiten Grinsen. »Hatte eine 16 Jahre ältere Schnecke in Sydney. War ’ne nette Lady, aber schon leicht angeschrumpelt. Das ist jetzt aus.«
   »Einfach so?«
   »Ich ruf sie aus der Schweiz an. Wird ’n bisschen sauer auf mich sein, aber das krieg ich hin. Vielleicht halte ich sie mir auch noch ’ne Weile warm.«
   »Öfter mal was Neues, was?« Zufrieden fing Benni Ahrimans Blick auf, der mehr als tausend Worte sprach. »Willst du auch noch ’n Glas?«

5.
Villa Felthen
Interlaken, Schweiz
22. Dezember 1974

Petra von Felthen hörte, wie die Haustür krachend ins Schloss fiel und eilte in die Diele. Arno klopfte sich Schnee von der Lodenjacke, sodass feine Flocken auf den hellen Teppich in der Eingangshalle rieselten.
   Sie warf ihrem Mann einen drohenden Blick zu, den er mit einem spitzbübischen Lächeln erwiderte. Seine ebenmäßigen Zähne blitzten aus dem gebräunten Gesicht und sein Haar leuchtete wie ihre eigene naturblonde Mähne.
   »Komm mal her«, sagte Arno. Aufgeregt wie ein Junge zog er Petra heran. Er trat mit ihr an die bis zum Boden reichenden Fenster, schob die schweren Vorhänge beiseite und legte einen Arm um sie. »Schau hinaus.«
   Andächtig betrachtete sie sein Werk. Arno hatte den ganzen Nachmittag geschuftet, und erst, nachdem es dunkel geworden war, hatte er die letzte Lichterkette befestigt. Zur Belohnung strahlten mehrere Hundert Lichter von der schneebedeckten Tanne vor dem Haus mit dem Mond und den Sternen um die Wette. Petra kuschelte sich an ihn und dachte daran, wie sehr sie ihn liebte – ihn und die eineiigen Zwillinge Lena und Lisa. Sie waren ihr ganzes Lebensglück, seit sie vor vier Jahren das Licht der Welt erblickt hatten.
   »Deine Eltern werden begeistert sein.«
   »Wie jedes Jahr«, sagte Arno. »Aber dieses Mal wird es noch besser. Die Augen unserer beiden Engel werden heller leuchten als alle Sterne des Universums. Sie können schon nicht mehr ihre Plappermäulchen halten und reden nur noch vom Weihnachtsmann und seinen Rentieren.«
   »Hoffentlich ist dein Bruder rechtzeitig hier, um den Weihnachtsmann zu spielen.«
   »Du kleine Schwarzmalerin.«
   »Die Wettervorhersage hat für die nächsten Tage heftige Schneefälle vorausgesagt.«
   »Benni hat es in den letzten Jahren immer geschafft, sich pünktlich zu Heiligabend von seinen Palmen hierher zu schwingen. Er wird es auch in diesem Jahr schaffen.« Arno ließ sie los und marschierte Richtung Küche. »Ich brauche einen heißen Glühwein. Möchtest du auch? Und wann gibt es endlich was zu essen?«
   »Martha hat Karotteneintopf gekocht. Eine leichte Kost vor der großen Schlemmerei morgen.« Was für eine Perle, dachte Petra und spürte, wie ihr Wärme durch den Körper floss. Sie hoffte, dass Martha ihnen noch viele Jahre zur Seite stehen würde. Bereits seit drei Tagen stand die Haushälterin ununterbrochen in der Küche und bereitete das Festmahl für die Feiertage vor. Sie scheuchte die beiden Hausmädchen zum Putzen durchs Haus – selbst John, den Chauffeur und Gärtner, spannte sie rigoros ein.
   »Karotteneintopf?« Arno verzog das Gesicht. »Ich glaube, ich schieb mir eine Pizza in den Ofen.« Damit verschwand er durch die Doppeltür zur Küche und Petra hörte ihn gerade noch rufen: »Bin dann noch für eine Weile im Büro.«
   Er konnte die Arbeit nie liegen lassen, nicht einmal so kurz vor dem Fest. Petras Gedanken glitten in die Zeit zurück, als sie sich kennengelernt hatten. Arno war kein Workaholic, er liebte nur seine Arbeit. Sie hatte lange gebraucht, um das zu verstehen. Seit der Schule arbeitete er als Programmierer in der Felthen AG. Sein Vater Thomas hatte die Firma vor 18 Jahren gegründet, nachdem er zehn Jahre im In- und Ausland bei IBM beschäftigt war. Die Familie lebte lange Zeit in den Vereinigten Staaten. Thomas entwickelte Ende der 50er die ersten FORTRAN-Programme für die Automobilindustrie und in wenigen Jahren wuchs sein Unternehmen vom Einmannbetrieb zu einem der größten Arbeitgeber in Thun mit mittlerweile über 4000 Beschäftigten weltweit. Arno hätte in der Chefetage sitzen und von seinem Gehalt als Vorstandsmitglied und seinen Tantiemen leben können, jedoch zog er es vor, aktiv weiterzuarbeiten. Anders sein fünf Jahre jüngerer Bruder Benni, der seit seinem Lehramtsstudium mit dem Rucksack durch Australien trampte und im Begriff war, sich dort niederzulassen, ohne einer geregelten Arbeit nachzugehen.
   Sie liebte Benni trotzdem und freute sich auf seinen Besuch. War gespannt, was der Hallodri wieder für Geschichten zu erzählen hatte. Ein wenig — nur ein klitzekleines bisschen — vermisste sie das Flower-Power-Leben.
   Petra riss sich aus ihrer Abwesenheit. Nein, dachte sie. Ihr Leben war gut und richtig. Mit der Geburt ihrer Töchter hatte es erst einen Sinn bekommen.
   Sie betrachtete die Schneeflocken, die malerisch durch die Luft wirbelten und nicht nach Kälte und Nässe aussahen. Ob sie morgen besser John zu Thomas und Constanze schicken sollten, damit ihre Schwiegereltern nicht selbst fahren müssen?
   »Mummy, Mummy …«, tönte es im Chor vom Treppenabsatz in der ersten Etage. Lena und Lisa drückten ihre Gesichtchen zwischen die Gitterstäbe des Treppengeländers und schauten erwartungsvoll herunter.
   Petra zwinkerte Kathy zu. Sie war dankbar, dass das aparte Kindermädchen ihr im Weihnachtstrubel besonders zur Seite stand und sich liebevoll mit den Mädchen beschäftigte.
   »Kommt der Weihnachtsmann jetzt gleich, Mummy?«
   »Bringt der auch seine Kutsche mit?«
   »Passt der mit seinem dicken Bauch überhaupt durch unseren Rauchstein?«
   »Schornstein, Engelchen. Der Schornstein zieht den Rauch vom Kamin ab.« Petra kicherte und lief die Treppe hinauf. Oben angelangt flogen ihr die Zwillinge um den Hals und vier Händchen vergruben sich in ihren Haaren.
   »Hast du deine schönen Haare vom Weihnachtsmann bekommen?«
   »Werden meine Haare auch so lang wie deine, Mummy?«
   »Warum kommt nicht heute das Christkind und morgen der Weihnachtsmann?«
   Das Geplapper wurde vom volltönenden Dreiklang der Klingel unterbrochen und Petra befreite sich aus tausend Krakenarmen.

6.
Anschlussflug Frankfurt – Zürich
23. Dezember 1974

»Verehrte Damen und Herren. Wir beginnen in wenigen Minuten unseren Landeanflug auf Zürich. Bitte stellen Sie das Rauchen ein und legen Sie Ihre Sicherheitsgurte an.«
   Benni brummte der Schädel. Nach einem feuchtfröhlichen Abend bei der Ankunft in Frankfurt war er mit Ahriman auf seinem Hotelzimmer gelandet. Die Erinnerung war ihm peinlich. Scheiße, war ja mal wieder sonnenklar. Wie soll es jetzt bitte weitergehen? Ahriman als One-Night-Stand abzutun, erschien ihm abwegig. Er würde die nächsten fünf Wochen in Interlaken verbringen und da gab es mehr als eine Möglichkeit, sich über den Weg zu laufen. Andererseits, wollte er das überhaupt?
   Die Klänge von Sugar Baby Love lagen ihm noch im Ohr, bei denen sie sich zärtlich geliebt hatten. Seit er Ahriman begegnet war, hatte er nicht nur Sex mit einem Unbekannten genossen, sondern auch eine Menge von sich preisgegeben. Normalerweise war das nicht seine Art. Welcher Teufel hatte ihn geritten? Beinahe hätte er laut losgeprustet. Warum musste ihn Weihnachten immer so redselig werden lassen?
   Vergiss es, der Sekt hat viel mehr dazu beigetragen …
   Er spürte, wie ihm bei diesem Gedanken das Blut in den Kopf stieg. Verdammt, das sollte ihm mit seinen 27 Jahren nicht mehr passieren. Er warf einen verstohlenen Blick zu Ahriman. Eigentlich war er nicht übel. Sah einfach höllisch gut aus.
   Benni lehnte sich zurück und ließ den Ohrwurm Oberhand gewinnen. Sugar Baby Love … Die Klänge wollten jedoch nicht zu den Bildern passen, die ihm in den Sinn kamen, nachdem er seine Entscheidung gefällt hatte. Er sah seine Schwägerin vor sich, wie sie ihn letztes Jahr mit einer roten Pudelmütze auf dem Kopf begrüßt hatte. Die Zwillinge waren auf ihn zugestürmt, und als Benni sich zu ihnen hinunterbeugte, hatten sie ihn umgeschmissen und wild mit ihm auf dem Boden herumgetollt.
   Wenn er heute Nacht ankam, würden die Racker allerdings leider schon im Bett sein.
   Sein Kopf wurde schon wieder schwerer. Der Ruck beim Aufsetzen des Flugzeugs auf der Landebahn sorgte beinahe für eine weitere Peinlichkeit, doch Benni schluckte sie hinunter.
   »Alles okay?«
   Er wich Ahrimans feistem Grinsen aus. Garantiert wechselte seine Gesichtsfarbe zwischen Rot und Grün. Am liebsten wäre er in eine Bodenluke gekrochen. So blöd wie auf diesem Flug hatte er sich nicht mal als pubertierender Zwölfjähriger benommen.

7.
Psychiatrische Privatklinik
»Sanatorium Hardegg«
Interlaken, Schweiz
24. Oktober 2008

Dr. Sibylle Bachmann setzte sich Elisa gegenüber. Sie war aufgewühlt, ließ es sich aber nicht anmerken. Stattdessen sah sie der jungen Frau in die Augen. Zum ersten Mal hielt Elisa den Blick nicht gesenkt, sondern erwiderte ihn mit wachem Interesse. Der Patientin war kein weiteres Wort entschlüpft, seit Sibylle in das Zimmer gestürmt war. Langsam glaubte sie, dass ihre Sinne ihr einen bösen Streich gespielt hatten.
   Sie wusste, dass sie vor Verblüffung starr im Türrahmen gestanden und erst Sekunden später Schwester Ulrike gerufen hatte, um die junge Frau in ihr Büro zu bringen. Der Verwüstung nach zu schließen musste Elisa in ihrem Zimmer getobt haben. So hatte sie die Patientin noch nie erlebt, die ganzen, sie überlegte, neun Jahre. Ja, dachte sie, seit fast neun Jahren versuchte sie, eine Bindung zu diesem Mädchen aufzubauen. Eine Zeit voller Hingabe und Enttäuschung.
   »Elisa«, begann sie behutsam, »ich habe mich vorhin so gefreut. Du weißt, du darfst mich Sibylle nennen.« Sie lächelte und streichelte Elisas Hände, die wie immer kühl und untätig in ihrem Schoß lagen.
   Elisa, das Mädchen ohne Vergangenheit, ohne Nachnamen. Das Mädchen, das man nackt in einem Hauseingang gefunden hatte, nachdem sie missbraucht worden war, vermutlich jahrelang. Die Kriminalpolizei, die Reporter, Hobbydetektive und -psychologen stürzten sich auf ihre Geschichte und waren sich anschließend immer noch nicht einig, wer das Mädchen war, das seit ihrem Auffinden kein Wort gesprochen hatte. Nach drei Jahren stellte die Kriminalpolizei die Ermittlungen ein. Sibylle hätte gern daran teilgehabt, aber sie hatte sich zu Beginn ihrer Karriere nicht für die Rechtsmedizin, sondern für Elisa entschieden. Die Polizei hatte dem Mädchen damals ein goldenes Armbändchen mit eingraviertem Namen, das sie bei ihrem Auffinden getragen hatte, zurückgegeben. Elisa trug es noch immer.
   Sibylle maß weiterhin Elisas wachen Blick. Etwas hatte sich geändert, doch was und vor allem, warum?
   Es klopfte an der Tür. Schwester Ulrike trat ein und übergab ihr einen Zettel.
   »Das habe ich in Elisas Zimmer gefunden.« Ulrike beugte sich vor, strich der jungen Frau über den Arm und verband mit geübten Handgriffen ihre eingerissenen Fingernägel, die Sibylle desinfiziert und mit Tupfern abgedeckt hatte.
   Währenddessen wandte sich Sibylle dem Brief zu. Sie bekam kaum mit, dass Ulrike das Verbandsmaterial zusammenpackte und das Zimmer verließ. Nach einer Weile senkte sie das Blatt. Sie konnte nicht glauben, was sie gelesen hatte.
   »Elisa, woher hast du das?«
   Nur ein Kopfschütteln verriet, dass sie ihr darauf keine Antwort geben konnte oder wollte. Sibylle durfte Elisa jetzt nicht überfordern. Enttäuschung breitete sich für einen Moment aus, die aber nicht währte. Elisa reagierte. Sie befand sich nicht mehr in ihrem Gefängnis, war ausgebrochen aus ihrer Apathie, die sie so lang in ihrem Inneren gebunden hatte.
   Sibylle stand auf und kramte auf ihrem Schreibtisch herum, um ihren inneren Aufruhr zu verdrängen. Vor neun Jahren hatte sie den Entschluss gefasst, Elisa zu helfen. Dafür hatte sie ihre beruflichen Pläne über den Haufen geworfen und entschieden, sich zu bilden, wo es möglich war, um irgendwann hinter Elisas starre Fassade blicken zu können.
   Nun war es so weit. Mehr denn je war sie überzeugt, dass Elisa unter Hospitalismus litt, einer Krankheit, unter der man sämtliche negativen körperlichen und seelischen Begleitfolgen unter anderem einer längeren Gefangenschaft verstand. Die Symptome konnten bei einer äußerlichen Besserung der Umstände sowie einer intensiven und liebevollen Zuwendung mit der Zeit zurückgehen. Aber auch totaler Mutismus war nicht auszuschließen. Ihre Diagnose beruhte auf der Tatsache, dass Elisa seit ihrem Auffinden nicht gesprochen hatte, obwohl keine Defekte der Sprachorgane vorlagen. Mutismus war eine sehr seltene und oft unbekannte Kommunikationsstörung, deren Ursachen auch Traumata sein konnten.
   Sie beschloss, heute nicht weiter auf Elisa einzuwirken und das abendliche Ritual anstelle von Schwester Ulrike vorzunehmen. Sie führte Elisa in ihr Zimmer zurück, brachte sie ins Bad und legte, während sich Elisa frisch machte, ihren Schlafanzug zurecht.
   »Gute Nacht, Elisa.«
   Sie löschte alle Lampen bis auf das Notlicht. Bevor sie auf den Flur trat, vernahm sie ein geflüstertes »Dir auch«. Sie schloss die Tür lauter als nötig, um Elisa zu signalisieren, dass sie es gehört hatte. Im Gang bekam sie feuchte Augen und eilte mit verschwommenem Blick zurück in ihr Büro. Trotz der späten Stunde rief sie ihren Mann an, der mit einem Glas Wein auf sie wartete.
   Vor 14 Jahren hatte sie Matthias in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern kennengelernt, als sie für ihre Weiterbildung als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie recherchiert hatte. Er war der erste Mann in ihrem Leben, der ihre Hingabe für ihren Beruf akzeptierte und sogar unterstützte. So fühlte sich Sibylle auch nach diesem Gespräch gestärkt.
   Sie warf die Decke ihres Beistellbetts zurück, um sich hinzulegen, entschied allerdings dann, sich einen Kaffee zu holen. Als dieser dampfend vor ihr auf dem Schreibtisch stand, drehte sie sich in ihrem Chefsessel, schloss den Metallschrank auf und zog eine dicke Mappe aus einem Hängeregister. Sie atmete durch und schlug Elisas Akte auf. Erneut würde sie die Daten von vorn bis hinten durchgehen, obwohl sie sicher war, jedes Detail auswendig zu kennen.

8.
Troyes, Frankreich
1190 n. Chr.

Chrétien erhob seinen Oberkörper aus einer unbequemen, halb sitzenden Schlafposition und stützte sich auf die Ellbogen. Er blinzelte, um seine Augen an das flackernde Dämmerlicht zu gewöhnen. Das zur Hälfte heruntergebrannte Licht neben seiner Schlafstatt gab einen feinen Wachsdampf von sich, der ihm beißend in die Nase stieg. Chrétien sandte ein leises Stoßgebet himmelwärts, dankend für jede Minute, die er auf dem bescheidenen Strohlager verbringen durfte, ohne sich die schmale Nische zwischen den feuchten, rauen Wänden mit den beiden Hofschreibern teilen zu müssen. Wo trieb sich das törichte Pack eigentlich rum?
   Ein unangenehmer Luftzug umwehte seine Knochen. Schlaftrunken griff sich Chrétien an sein linkes Bein, an dem er die Kälte wie Nadelstiche auf der nackten Haut spürte. Er ertastete eines der Bänder seiner Beinlinge, die sich vom Gürtel seiner Bruche gelöst hatten. Sein Beinkleid war bis an die Ferse gerutscht. Mühsam hob er den Fuß auf den Schoß, nestelte an den Streifen und zog den aus gelbem Tuch gewebten Strumpf nach oben, wo er ihn wieder an seinem Untergewand befestigte.
   Der Gedanke an Perceval, den jugendlichen Helden seines aktuellen Romanwerks, ließ ihn im Bruchteil einer Sekunde munter werden.
   Noch war es draußen nicht hell. Vorbei an der ledernen Haut des Fensters ihm gegenüber erspähte er den ersten grauen Schimmer des herannahenden Tages. Er hatte noch genug Zeit zum Überlegen. Chrétien sackte auf das Strohkissen zurück und wägte sein Problem ab. Währenddessen schob sich unaufhaltsam die Sonne über den Horizont, und als sich ein Streifen goldenes Licht seinen Weg durch die Fensterritzen stahl, erhob Chrétien sich stöhnend. Er glättete seinen Rock, klopfte sich den Staub von den Ärmeln und musste laut furzen, was er auf den Genuss eines Eichhörnchens mit reichlich Kohl am Vorabend zurückführte.
   Schlurfend durchquerte er den engen Raum und ließ sich auf einem Schemel vor dem Schreibpult unter dem einzigen kleinen Fenster des Zimmers nieder. Er richtete den Blick auf sein noch nicht vollendetes Werk, das er Phillipe d’Alsace, dem Grafen von Flandern, gewidmet hatte. Der ausdrückliche Wunsch seines Hofherrn stand Pate für die Entstehung der Erzählung. Doch das furchtbare Geheimnis, das er in dem für seine Recherchen zur Verfügung gestellten Buch aus der Bibliothek des Grafen enthüllt hatte, ließ ihn innerlich verstummen.
   Das Pergament! Seitdem fand er keine Worte mehr, den zweiten Teil seiner Geschichte um seinen Helden und den Heiligen Gral fortzuführen.
   Chrétien schlug das Buch auf und betrachtete wie schon so oft den Einband. Er verfluchte den Abend, an dem ihm ein winziger Papierfetzen aufgefallen war, der aus dem Umschlag am Buchrücken herausragte. Das dünne Pergament, das er vorsichtig aus dem doppelten Einband gelöst hatte, hätte niemals gefunden werden dürfen.
   Er griff das Schriftstück und verbarg es unter seinem Rock. Wie sollte er seine Schuld sühnen? Wie konnte er es verantworten, dass das Pergament in fremde Hände geraten war?
   Jemand musste in seiner Abwesenheit die teuflische Überlieferung abgeschrieben haben. Der undurchsichtige Wicht von Hofschreiber, der erst seit Kurzem in den Diensten des Grafen stand, schien ihm am wahrscheinlichsten. Warum war er nur so unachtsam gewesen?
   Die Herstellung seiner eigenen Tinte aus getrockneten Schlehenzweigen, die er im letzten Frühjahr geschnitten hatte, hatte ihn in den vergangenen Wochen beschäftigt. Daher war die Kammer, die sie sich teilten, häufig verlassen. Er wusste genau, dass er am Morgen zwei Pergamentsäckchen zerbröckelt und in Wein aufgelöst und damit sein Tintenfass aufgefüllt hatte. Mehrere Bogen frisches Pergament lagen auf dem Pult bereit.
   Bei seiner Rückkehr hatte er das Fässchen fast leer vorgefunden. Auch schien es, dass zwei bis drei Bogen Pergament verschwunden waren.
   Es war alles seine Schuld.
   Hätte er bloß seine Neugierde unterdrückt oder es geschafft, seinen Fund zu vernichten. Aber er konnte es einfach nicht.
   Nein, mit dieser Schmach wollte er nicht leben.
   Gemächlich trottete er zu seiner Schlafstätte zurück und sackte nieder. Die bis an den Rand gefüllte Kanne Wein ließ er, ohne einen Becher zu benutzen, hastig die Kehle hinunterrinnen, bis er ein Kribbeln in den Gliedmaßen verspürte, wobei ihn gleichzeitig ein wohliges Gefühl der Müdigkeit überkam. Er griff sein Strohkissen, riss die Füllung heraus und verteilte sie dicht um das Licht neben seinem Bettkasten.
   Als der beißende Rauch das Zimmer zu füllen begann, befand sich Chrétien tief und fest im Land der Träume, sein Holzkreuz auf der Brust eisern umklammert.

9.
Hamburg, Deutschland
1955

Sonnenstrahlen stachen schräg durch graue Wolkenberge und ließen mich blinzeln. Ich setzte mich rittlings auf und ließ meine Beine von der hohen Mauer hinabbaumeln, hauchte in meine Hände und bemerkte, wie die Dämmerung hinter den Häusern und Ruinen einsetzte. Voller Vorfreude legte ich den Kopf in den Nacken und spähte an dem verwitterten Mauerwerk empor. Dies war meine Lieblingsstelle. Ich fühlte mich wohl zwischen den herumliegenden Trümmern, die noch aus dem Krieg stammten. Ich sah zum Kirchturm hinauf. Schade, dass der nicht auch eingekracht war, direkt auf des Pastors Stube. Ich grinste und starrte ungeniert in das Fenster. Wie jeden Donnerstag stellte die Tochter des Pfaffen ihm einen Teller mit einer dick mit Butter bestrichenen Rosinenstulle auf den Tisch, nicht, ohne vorab ein Küchentuch daruntergelegt zu haben.
   Mir knurrte der Magen wie die lästigen Hunde, die mich nachts nicht schlafen ließen. Außerdem kroch mir die Kälte bereits bis in die Fingerspitzen. Endlich – der Zeiger der Standuhr ruckte auf den großen Strich vor der Zwölf.
   Ich schwang ein Bein über die Mauer, drehte mich auf den Bauch und wollte mich wie immer erst hinabhängen lassen, um das letzte Stück zu springen, doch meine Finger waren so klamm, dass sie abrutschten, bevor ich Halt fand. Ich stürzte und schlug mit den Knien auf. Die Zähne zusammenbeißend rappelte ich mich auf und rannte los. Ich übersprang ein paar Trümmerstücke, prallte in der Seitengasse, die eine Abkürzung zu meinem Zuhause war, gegen einen Mantelträger, der mir wütend mit seinem Stock drohte, und stand Atemwolken ausstoßend vor der Eingangstür zu unserem Wohnblock. Das entfernte Läuten einer Kirchenglocke drang an meine Ohren.
   Um söß biste to Huus!
   Ich grinste breit. Auf die Sekunde.
   Ich stürmte in das Treppenhaus und rupfte einen Zettel aus unserem Briefkasten. Herbert & Julia Förster stand darauf. Simon fand ich nirgends, obwohl ich die Buchstaben meines Namens schon kannte. Ich machte einen Bogen um den alten Kriegsveteranen, wie mein Paps ihn nannte, was schwierig war, weil er stets an die abblätternde Wand gelehnt auf der untersten Treppenstufe saß. Ich hasste es, an dem Kerl vorbeizumüssen, kickte ihm wie immer den Hut vom Kopf und polterte johlend die ausgetretenen Stufen hinauf.
   Mein Herz pochte, als ich den an meinem Hosenbund befestigten Schlüssel aus der Tasche zog und die Tür des Dachgeschosses aufschloss. Ich feixte. Dieses Mal hatte ich darauf geachtet, mit meinen nassen Schuhen nicht auf dem Linoleum auszurutschen und sie vor Betreten des Teppichs im Flur auszuziehen. Ich schlüpfte in meine Puschen.
   »Mama, bin da!« Mein Hunger trieb mich in die Küche. Nach einem geschickten Sprung über meinen neuen Schulranzen hinweg erklomm ich den Hocker. Auf den beiden Herdplatten standen zwei leere Töpfe, doch der Tisch, den Papa gebeizt und gestrichen hatte, war nicht gedeckt. Ich zog eine Schnute.
   »Mama, ik bin daha!«
   Dicke Enttäuschung setzte sich in meinem Hals fest, während Herr Hunger mir in den Magen boxte. Ich stapfte in das angrenzende Wohnzimmer.
   Mama lag in eine Wolldecke gewickelt auf dem Sofa. Es roch auch hier nicht nach Fleisch und ihrer leckeren Soße, sondern nach kaltem Rauch. Ich trampelte besonders laut bis zum Sofa, aber sie wachte nicht auf. Meine Hände schnellten vor. Ich wollte sie an den Schultern wachrütteln. Im letzten Moment hielt ich inne.
   Vereinzelte braune Haare standen wie Antennen von ihrem fast kahlen Kopf ab. Einige lagen auf der Sofalehne, ich konnte sie kaum erkennen, weil beides die gleiche Farbe hatte. Den Schmerz in meinem Bauch ignorierend ging ich rückwärts, bis ich an den Wohnzimmertisch stieß. Die Sonne spähte durch die zugezogenen Gardinen und hinterließ weiße Streifen auf Mamas blassem Gesicht.
   Mien Jung, hör zu. Mama is krank. Nimm Rücksicht, hörst du? »Ja, Papa«, flüsterte ich, als stünde Paps hinter mir.
   Ich drehte mich zum Fernseher und ließ mich auf den dicken Teppich fallen. Ein Blitz durchfuhr meine Knie. Ich würgte den Aufschrei mit der einen Hand ab, während die andere versuchte, den Schmerz plattzudrücken. Vorsichtig hob ich die Hand. Die Schürfwunde vom Mauersturz hatte ich völlig vergessen. Baustaub und Steinchen sammelten sich darin. Tapfer pulte ich ein wenig herum, bis es mir zu langweilig wurde. Ich rutschte zu der Flimmerkiste und hinterließ eine dünne Blutspur auf dem Blumenmuster des Teppichs.
   Das ist unser neuer Fernseher. Papa war stolz wie Oskar, als er ihn mit nach Hause gebracht hatte. Papa kam immer samstags und fuhr wieder am Sonntag. Er war ein berühmter Kirchenbauer und Restaurator. Ich wusste nicht, was das war, aber Papa war der Größte und alle wollten, dass er für sie arbeitete, deshalb war er viel unterwegs.
   Aus diesem Kasten konnten Menschen und Tiere auf mich herabsehen und zu mir sprechen, das machte Spaß. Doch wenn die Nachbarn vorbeikamen, um sich um das Ding zu versammeln, musste ich mich in die Ecke verkrümeln. Dann häuften sich Gläser auf dem Wohnzimmertisch und Mama holte eine hellblaue Packung hervor, in der leckere Schokoladenkugeln lagen. Jetzt stand nur ein Aschenbecher auf dem Tisch. Ich stellte den Fernseher leise. Doof war ich ja nicht. Ich wollte allein gucken und mich an Papas Anweisung halten, auf Mama Rücksicht zu nehmen. Eine schwarze Katze blickte in einen Kasten, der aussah wie unserer, in dem eine andere Katze mit Halstuch und geschminkten Lippen saß. Ich war verwirrt und wütend zugleich, als das Bild verschwamm. Ich streckte mich aus und drehte an einem Knopf. Das Bild erschien wieder. Eine Frau in einem Kleid sang in einen Stab mit einer Kugel und schien mich direkt anzulachen.
   Ich sah zum Fenster und gähnte. Es war bereits dunkel draußen, die Abendbrotzeit längst vorüber. Ob es heute nichts gab? Ich hatte zum Frühstück eine Stulle gegessen und da war keine Butter drauf gewesen. Mittags hatte ich meinen Apfel geknabbert und die Kerne von der Mauer auf die streunenden Hunde gespuckt.
   Mein Magen siegte. Ich krabbelte um den Tisch herum und zupfte Mama am Ärmel ihrer Strickjacke.
   »Mama!« Ich zog heftiger.
   »Oh, mien lütter Simon.«
   Ich schnaufte, endlich war sie wach. Jetzt würde sie sich hinsetzen, über die Kreuzschmerzen oder so fluchen und in die Küche gehen. Nur noch ein paar Minuten und ich konnte mir die leckere Soße reichlich über das Fleisch schütten.
   Stattdessen legte Mama ihren Arm um meinen Nacken und streichelte meine Wange. »Ik heeb dich so leev, mien Jung. Mien lütter Simon.«
   »Ik heeb dich och leev, Mami.« Wie gern hätte ich ihr gesagt, was für einen Kohldampf ich hatte. Papas erhobener Zeigefinger »Nimm Rücksicht« verbot es mir.
   »Ik muss mich noch a lütt ausruhen, bis Papa kümmt.«
   Ich nickte. »Is gut, Mama.«
   Sie seufzte tief. Ihre kühle Hand zitterte, rutschte von meiner Wange und blieb auf meiner Schulter liegen. Erst als es mir in der Haltung auf dem Fußboden unangenehm wurde, wand ich mich aus ihrer Umarmung. Ihr Arm hing schlaff vom Sofa und baumelte knapp über dem Teppich.
   Ich drehte mich zum Fernseher, mit dem Rücken an die Couch gelehnt. Papa kam doch erst Samstag. Ich schüttelte den Kopf und folgte dem Geschehen.
   Ein Gestank wie der aus dem Lokus ließ mich wegrücken. Ich fing an zu beten: »Bitte Gott, lass Papi nach Hause kommen …«

10.
Villa Felthen
Interlaken, Schweiz
24. Dezember 1974

Fröhliche Weihnachtsmusik klang aus in die Wand eingelassenen Lautsprechern im Wohnzimmer. Ein flackerndes Kaminfeuer war neben einer Stehlampe die einzige Lichtquelle im Raum.
   Petra kniete mit Arno und den Kindern auf einem Teppich vor dem Kamin und sang »Kling Glöckchen, klingelingeling«, als tatsächlich Glöckchen vor der Tür zu klingeln begannen.
   Lisa sprang als Erste auf und drückte die Nase an die Terrassentür. Sofort breitete sich Feuchtigkeit auf dem kalten Glas aus, die sie ungeduldig mit dem Ärmel ihres roten Samtkleidchens wegwischte.
   Das Klingeln wurde lauter.
   »Ich seh nichts. Ich seh nichts.« Lena, die ihrer Schwester ans Fenster gefolgt war, drehte sich um und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. »Was, wenn es der Weihnachtsmann ist und er an unserem Haus vorbeifährt?«
   Arno grinste. »Süße, dein Onkel ist draußen, um die Rentiere zu versorgen, wenn der Weihnachtsmann kommt. Er passt schon auf, dass er uns findet.«
   »Kommt, zieht eure Mäntel an, wir schauen mal.« Petra streckte den Zwillingen die Arme entgegen und ging mit ihnen an den Händen zur Garderobe.
   Das Klingeln hatte aufgehört.
   »Er ist weg.« Lena schniefte und ihre Augen bekamen einen feuchten Glanz.
   Arno öffnete die Haustür und betätigte einen Schalter. Der Lichterglanz der Tanne erhellte die Einfahrt, die kreisförmig um die Rasenfläche lief. Der schneebedeckte Kreis mündete in einem von Laternen gesäumten Weg, an dessen Ende in einigem Abstand ein breites Tor zu sehen war. Die Torflügel glitten elektronisch auseinander. Für die Zwillinge musste es aussehen wie von Zauberhand.
   Quer vor dem Tor stand eine zweispännige Kutsche, die Pferde schnauften leise. Die Tiere waren nicht genau zu erkennen, zudem verdeckte eine dick vermummte Person größtenteils den Blick.
   »Der Weihnachtsmann«, flüsterte Petra und ging zwischen Lena und Lisa in die Hocke. Lisa zappelte an ihrer Hand, während Lena sich hinter Petra versteckte. Sie zog die Mädchen an sich.
   Aus der Kutsche erhob sich eine wuchtige Gestalt und kletterte die Stufe herunter. Sie nahm einen Sack, hievte ihn über den Rücken und stapfte in großen Schritten die Einfahrt herauf. Schwere, schwarze Stiefel lugten unter einem mit weißem Pelz besetzten roten Mantel hervor. Unter der Kapuze verbarg sich ein Gesicht, das von buschigen Augenbrauen und einem eisgrauen Bart verdeckt wurde.
   »Ho, ho, ho. Sind das hier Lena und Lisa von Felthen?«
   »Ja. Ja.« Lena drückte sich enger an Petra, aber Lisa trat unerschrocken einen Schritt vor: »Hallo lieber Weihnachtsmann. Soll ich dir mein Gedicht aufsagen?«
   »Ohoho. Du kannst also ein Gedicht aufsagen? Was ist mit dem anderen Mädchen da?« Seine Hand wies auf Lena. Zögernd trat diese einen Schritt nach vorn und ergriff Lisas Finger. Nacheinander begannen sie, ihr Gedicht vorzutragen.
   »Kinder kommt und ratet, was im Ofen bratet. Hört …«
   »… wie es knallt und zischt«, flüsterte Petra.
   »Bald wird er aufgetischt, der Zipfl, der Zapfl, der Kipfl, der Kapfl, der gelbrote Apfel.« Lisa strahlte.
   Lena begann. »Kinder lauft schneller, holt einen Teller, holt eine Gabel …«, und Petra ergänzte: »… sperrt auf den Schnabel.«
   Den Refrain trugen alle vier gemeinsam vor: »Für den Zipfl, den Zapfl, den Kipfl, den Kapfl, den goldbraunen Apfel.«
   Der Weihnachtsmann applaudierte.
   »Das habt ihr toll gemacht.« Er ließ den Sack von der Schulter rutschen. Mit einem leisen Plumps setzte er ihn auf dem Boden ab.
   »Ob euer Papa das hier für euch ins Haus trägt? Ich muss schnell weiter, es warten noch viele, viele Kinder auf mich. Frohes Fest euch allen.«
   Er fuhr den Mädchen mit dem Handschuh über die Mützen, drehte sich um und schritt zurück zu seiner Kutsche. Staunend sahen ihm die Zwillinge hinterher. Nach ein paar Sekunden siegte die Neugier.
   »Daddy, was ist in dem Sack? Dürfen wir reingucken?«
   »Langsam, langsam. Hier draußen ist es zu kalt. Rein mit euch, ihr habt ganz rote Nasen.«
   Mit einem letzten Blick auf den Weihnachtsmann ließen sich Lena und Lisa ins Haus ziehen, während Arno den Sack in die Diele trug.
   Die Mädchen stürmten ins Wohnzimmer und blieben wie angewurzelt stehen. Vor dem Kamin stand ein riesengroßes Puppenhaus. Vier Zimmer nebeneinander und zwei Zimmer übereinander mit einem leuchtend roten Dach erstrahlten durch winzige Lampen erleuchtet. Lisa fand als Erste ihre Sprache wieder. »Yippie. Ein Haus für unsere Barbies.«
   Die Mädchen hüpften auf das Haus zu. Während Lena sofort die Möbel inspizierte, ging Lisa andächtig um die Puppenstube herum und betrachtete die kleinen Räume. »Ein richtiges Badezimmer«, jauchzte sie, »da können unsere Barbies jetzt immer baden gehen, so wie wir.«
   Petra schaute auf die beiden hinab, der Sack war vergessen. »Wo bleiben bloß deine Eltern?«, flüsterte sie ihrem Mann ins Ohr. »Sie sollten längst hier sein.«
   »Ich rufe mal an.«
   Kurze Zeit später kam Arno ins Wohnzimmer zurück. Petra hatte sich mit den Kindern vor dem Puppenhaus niedergelassen und gemeinsam ließen sie die Barbies im Haus umherwandern.
   »Keiner da«, gab er ihr mit einem Kopfschütteln zu verstehen.
   »Wir sollten ohne deine Eltern anfangen. Martha ist ganz ungeduldig. Ihr verdirbt das Essen.«
   »Und für die Kleinen wird es zu spät, wenn wir nicht langsam beginnen. Sie werden schon kommen.« Arno klang zuversichtlich. »Geh bitte und sag Martha Bescheid, dass sie auflegen soll. Und ruf Benni, John und Kathy.«
   Bald darauf saßen sie mit den Bediensteten an der festlichen Tafel und das fröhliche Geplapper aus zwei Mäulchen, die kaum zum Essen kamen, wollte nicht aufhören.
   »… und hast du den Rauchstein gesehen? Wie in unserem echten Wohnzimmer.« Lena schaute ihre Schwester fragend an.
   »Schornstein«, antwortete diese altklug und alle brachen in Gelächter aus. »Onkel Benni, fressen die Rentiere vom Weihnachtsmann auch Hafer wie unsere Pferde im Stall?«
   »Wie kommst du darauf, kleine Maus?«
   »Naja, weil die Rentiere geschnaubt haben wie unsere Pferde.«
   Petra biss sich auf die Lippen und entnahm den Mienen, dass die anderen sich ebenfalls beherrschen mussten, nicht schon wieder loszulachen. Nächstes Jahr würden sie sich etwas anderes einfallen lassen müssen.
   Eine Weile plätscherte die Unterhaltung dahin, aber die flüchtigen Blicke, die Petra tauschte, wurden immer besorgter. Nach dem Essen ging sie mit Arno, Benni und den Kindern zurück ins Wohnzimmer, während die Angestellten sich in der Küche versammelten. Lena und Lisa packten ihre Geschenke aus, und die »Ah« und »Oh«-Rufe wurden mit der Zeit immer leiser.
   »Ich werde sie ins Bett bringen«, sagte Petra. »Versucht ihr noch mal, anzurufen?«
   Abwechselnd hatten sie den ganzen Abend probiert, bei den von Felthens senior jemanden zu erreichen, aber das Telefon blieb stumm. Ärgerlich, dass das gesamte Personal über die Feiertage frei bekommen hatte. Als Petra zurückkam, schüttelte Arno den Kopf.
   »Da muss etwas passiert sein. Wir sollten die Polizei anrufen.«
   Arno nickte ihr zu und gemeinsam gingen sie in die Diele. Als er den Hörer auflegte, waren sie nicht schlauer, der Polizei lagen keine Unfallmeldungen vor.
   »Lass uns den Weg abfahren und selbst nachschauen.« Benni war bereits auf dem Weg zur Garderobe und griff nach seinem Parka.
   »Ruf John«, stimmte Arno zu und stand gleich neben seinem Bruder. »Bleib bitte hier, Petra. Wir melden uns von einer Telefonzelle.« Er drückte ihren Arm.
   Bis John vorgefahren kam, schwiegen sie. Die Weihnachtsstimmung war verflogen. Kurz darauf starrte Petra mit brennenden Augen den Männern im Wagen hinterher, der langsam die Einfahrt hinabrollte. Mochte Gott verhüten, dass etwas Schlimmes passiert war.
   Im Wohnzimmer war das Kaminfeuer heruntergebrannt. Geistesabwesend griff sie einige Scheite und legte sie auf den glühenden Rest. Sofort züngelten Flämmchen an dem trockenen Holz und brachten das Feuer zum Aufflackern.
   Sie nahm sich ein Glas Wein vom Tisch und verkroch sich in dem Sessel. Es war noch nie vorgekommen, dass ihre Schwiegereltern sich verspäteten. Petra machte sich Vorwürfe, weil die Männer sich nicht eher auf den Weg gemacht hatten, sie zu suchen. Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gebracht, vernahm sie Schritte in der Diele. Hastig sprang sie auf und verschüttete das halbe Glas Wein über die Sessellehne. Mist!
   Sie stolperte in den Flur. Mit finsteren Mienen kamen ihr Arno und Benni entgegen.
   »Die Schneedecke ist vereist, wir kommen keinen Meter voran«, fluchte Arno.
   »Johnny steht mit dem Wagen vor dem Tor. Wir sind fast in die Beete gerutscht. Er legt ein paar Steine unter die Räder, dann kommt er zurück«, ergänzte Benni.
   »John will die Schneeketten aufziehen, danach versuchen wir es noch mal.« Arno griff nach Petras Hand.
   Sie standen erneut schweigend in der Diele, bis sie ein kurzes Hupen hörten, das Zeichen zum Aufbruch.
   Arno drückte Petra einen Kuss auf die Haare und Benni legte ihr die Hand auf die Schulter.
   »Viel Erfolg«, murmelte sie und stand noch geraume Zeit später in der geöffneten Haustür, als sich das Fahrzeug längst entfernt hatte und die Rücklichter nicht mehr zu sehen waren.
   Martha berührte sie am Arm. »Kommen Sie rein, Frau von Felthen. Sie holen sich noch den Tod.«
   Petra war sich nicht bewusst, wie die Kälte ins Haus und in ihre Knochen gekrochen war. Sie ließ sich von Martha an den Kamin zurückführen und sich fürsorglich eine Wolldecke umlegen. Martha schürte das Kaminfeuer erneut und zog sich zurück, doch schon kurz darauf kam sie mit einem dampfenden Becher Glühwein zurück.
   Petra trank hastig und in kleinen Schlucken. Nach der Hälfte stellte sie das Glas auf das Couchtischchen. Sie rollte sich im Sessel zusammen und schloss die Augen. Sekunden später war sie vor Erschöpfung eingeschlafen.

Es kam ihr vor, als wäre sie nur für einen Moment eingenickt, als Arno sie weckte. Ihr Blick fiel auf die Uhr über dem Kamin. Vier Uhr in der Frühe. Schlaftrunken sah sie ihren Mann an. »Habt ihr sie gefunden?«
   »Nein.« Arno schnaubte resigniert. »Wir sind die Strecke von hier bis zu ihrer Villa zwei Mal abgefahren. Keine Spur.«
   Petra drückte seine Hand.
   »Es ist zu dunkel, um überall etwas erkennen zu können. Die Strecke am Thunersee ist wie ausgestorben. Kein einziges Auto ist unterwegs. Wir waren bei ihnen im Haus, die Alarmanlage war eingeschaltet. Alles sah aus wie immer, aber ihr Jaguar stand nicht in der Garage.«
   »Hätten die beiden sich bloß von John abholen lassen.«
   »Du weißt doch, wie Papa ist. Er wollte noch nie gefahren werden. Solange ich selbst das Pedal treten kann, fahre ich! Das waren immer seine Worte …«
   »Mein Gott, du klingst, als wäre er nicht mehr da.« Petra brach in Tränen aus.
   Arno nahm sie in die Arme. »Komm, lass uns noch für ein paar Stunden zu Bett gehen. Wir können zurzeit nichts mehr tun. Sobald es hell wird, fährt Benni zur Polizei und ich werde mich mit John noch mal auf die Suche machen. Bis dahin sollten wir Kraft schöpfen.«

11.
Thun, Schweiz
24. Dezember 1974, einige Stunden zuvor

»Hast du die Fenster zugemacht?« Constanze hielt vor dem Schminktisch inne und kontrollierte zum wiederholten Mal ihr Aussehen. Kritisch suchte sie in ihrem Haar nach ersten silbernen Fäden. Sie konnte keine entdecken.
   Dieses weiche Lederkostüm mit den passenden Stiefeln stand ihr gut, dachte sie zufrieden, strich den wadenlangen Rock glatt und drehte sich auf den halb hohen Absätzen vor dem Spiegel.
   Thomas betrat das Schlafzimmer.
   Sie hatte ihn weder hereinkommen gehört noch seine Antwort mitbekommen, bis er hinter ihr stand und sich geräuschvoll räusperte.
   »Hast du die Fenster zugemacht?«, fragte sie erneut.
   »Ja, Gschpusi. Toll siehst du aus, altes Maitli.«
   Sie genoss den bewundernden Blick, den sie im Spiegel auffing. »Du schaust aber auch ganz schön fesch aus, Bärli.« Zärtlich strich sie ihrem Mann über die grauen Schläfen, während Thomas die Hornknöpfe an ihrer Jacke schloss, die jeweils mit einem goldenen Kettchen verbunden waren. Er griff nach dem bereitgelegten Mantel und hielt ihn ihr zum Anziehen hin.
   »Fertig?«
   »Ja. Sind die Geschenke im Wagen?«
   »Alles parat. Das Auto wird schon warm sein.«
   Gemeinsam gingen sie die breite Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Die Diele lag im Halbdunkel.
   »Wie still es hier ist. Ich wünschte, Petra würde öfter mit den Kindern herüberkommen.« Constanze seufzte.
   »Gott bewahre«, konterte Thomas. »Ich bin froh, dass sie mir im Büro wieder zur Seite steht. Während ihrer Pause hat sie mir gefehlt. Petra ist für mich nicht zu ersetzen.«
   »Hey, ich muss doch nicht auf meine alten Tage noch auf deine Sekretärin eifersüchtig werden?«
   »Aaba. Musstä mich ewig feckä, Baabä?« Thomas lachte.
   Durch den an die Küche grenzenden Hauswirtschaftsraum betraten sie die Doppelgarage. Das Tor war geöffnet, das Heißluftgebläse brummte. Nachdem Thomas die Alarmanlage des Hauses eingeschaltet hatte, öffnete er Constanze die Wagentür und schloss sie, als sie sich in den bequemen Polstern zurückgelehnt hatte. Sie wusste, der dumpfe Ton der zufallenden Tür klang in Thomas’ Ohren wie Musik. Seine Finger fuhren zärtlich über die Motorhaube, als er um den Sportwagen herum zur Fahrerseite ging. Constanze lächelte. Sie gönnte ihrem Mann sein Spielzeug, das er wie seinen Augapfel hegte und pflegte. Sie nahm sich dafür Zeit, karitative Einrichtungen im Kanton Bern zu besuchen und packte mit an, wenn »Not am Mann« war. Die Spenden an die Hilfsorganisationen betrachtete sie als einen gerechten Ausgleich für Thomas’ kostspieliges Hobby und die Arbeit erfüllte sie mit Zufriedenheit.
   »Mir knurrt der Magen«, jammerte Thomas. Elegant glitt der Wagen aus der Garage und schoss die beheizte Einfahrt hinab. Das Rolltor senkte sich laut ratternd hinter ihnen.
   Thomas war ein flotter, aber sicherer Fahrer. Sie konnte entspannt aus dem Seitenfenster schauen und ihre Umgebung betrachten. Immer wieder erfreute sie sich neu an ihrer Umwelt, am Blick auf den glitzernden Thunersee in der Abendsonne, den schneebedeckten Niesengipfel und die anderen Berge im Hintergrund.
   »Weißt du noch, wie wir vor 20 Jahren den Niesen hinaufgeklettert sind?«
   Thomas grinste. »Da waren wir noch jung und fit, was? Wie viele Stufen führen da noch hoch?«
   »11674. Die längste Treppe der Welt.«
   »Das weiß ich. Mir war nur die Anzahl entfallen.«
   »Das Alter, Bärli … das Alter.« Constanze quiekte vergnügt, als Thomas ihr einen Klaps auf den Oberschenkel gab. Sie waren oft so albern wie als Teenager und kamen sich längst nicht wie Mittfünfziger vor.
   Thomas hielt an einer Ampel. Schräg über die Kreuzung hinweg fiel ihr Blick auf eine Tankstelle frei. Zwei Polizeiautos standen mit Blaulicht neben den Zapfsäulen. Mehrere Beamte redeten mit einem Mann, der wild gestikulierte.
   »Ist das nicht der Schoren-Fritzl?«
   »Ja, ich glaube, er ist der Pächter. Was mag da passiert sein?«
   »Nichts Schlimmes, hoffe ich.«
   Die Ampel sprang auf Grün. Im Vorbeifahren sahen sie, wie Fritzl die Hände vors Gesicht schlug und seine Schultern zuckten. Der arme Kerl. Die meisten Thuner saßen jetzt mit ihren Familien in den festlich geschmückten Wohnstuben.
   Der Lichterglanz in den Fenstern verstärkte sich, je weiter die Dämmerung fortschritt. Als sie die Staatsstraße am Ufer des Thunersees erreichten, begann es zu schneien. Dicke Flocken, fast so groß wie Tischtennisbälle, tanzten im Scheinwerferlicht. Gemächlich steuerte Thomas das Auto durch die Dörfchen am Rande des Sees. Vor ihnen kroch eine Autokolonne, die sich von Dorf zu Dorf verkürzte. In Merlingen bog der letzte Wagen ab. Sie hatten eine mehrere Kilometer lange bewaldete Strecke vor sich, die teilweise hoch über dem See an den Klippen entlangführte. Bei Tag war dies eine paradiesische Tour. Von der Beatenbucht genoss man eine atemberaubende Sicht über das Wasser auf den Niesen, der sich in seiner Pyramidenform majestätisch auf der anderen Seite erhob. Seit Constanzes Vater ihr die alten Drachengeschichten erzählt hatte, musste sie immer an Beatus denken, wenn sie diesen Weg entlangfuhren. Der Apostel aus dem 13. Jahrhundert hatte einen furchtbaren Drachen besiegt und war ihr Held aus Kindertagen.
   Sie schreckte aus ihren Gedanken. Der Flitzer war leicht ins Schlingern geraten, aber Thomas fing ihn geschickt ab und brachte ihn wieder in die Spur.
   »So ein Depp. Wie kann man bei dem Wetter so rasen und dann auch noch auf dieser Strecke überholen?« Thomas stieß einen nicht jugendfreien Fluch aus.
   Constanze sah die Rücklichter des Wagens vor sich in einem kurzen Tunnel und um eine anschließende Kurve verschwinden. Sie setzte zu einer Erwiderung an, doch bevor sie den Satz aussprechen konnte, trat Thomas erneut auf die Bremse, diesmal heftiger. Der Sportwagen drehte sich auf der glatten Fahrbahn halb um die Achse und kam gefährlich nahe der Brüstung zum Stehen. Constanze zitterte.
   Neben dem Geländer ging es bestimmt 50 Meter senkrecht zum See hinab. Erst jetzt erkannte sie das Fahrzeug, das kurz vor ihnen quer auf der Straße stand.
   »Das sieht mir nicht koscher aus«, sagte Thomas und drückte die Zentralverriegelung hinunter.
   Das Scheinwerferlicht des Jaguars beleuchtete die karge Felswand auf der anderen Straßenseite und der hängen gebliebene Schnee glitzerte wie Milliarden kleiner Diamanten. Ein märchenhaftes Bild, das nicht zu der Gänsehaut und der Situation passte. War das ein Unfall oder ein Überfall?
   Das fremde Fahrzeug lag nahezu im Dunkeln.
   Ein eisiger Schreck durchfuhr Constanze, als neben der Fahrertür wie aus dem Nichts eine Gestalt auftauchte und am Türgriff riss.
   Gott sei Dank hatte Thomas die Ze…

12.
Villa Felthen
Interlaken, Schweiz
25. Dezember 1974

Der Wecker brummte laut und durchdringend. Ach du meine Güte … »Arno!« Petra rüttelte ihn an der Schulter. Sobald er sich gesammelt hatte, fuhr er panisch hoch. Die vergangene Nacht erwachte zu neuem Schrecken. Nachdem Petra sich hastig angezogen hatte, stürmte sie ins Kinderzimmer.
   »Mummy, wir gehen Schlittenfahren nach dem Frühstück.«
   Dankbar sah sie Kathy an, die zu wissen schien, dass Petra das quirlige Doppel im Moment nicht in ihrer Nähe gebrauchen konnte.
   »Da wünsche ich euch ganz viel Spaß, meine Engel. Habt ihr eure Mützen und Handschuhe?«
   »Klar.« Wie immer im Chor.
   »Wir sehen uns heute Mittag beim Essen. Ich fahre jetzt mit Onkel Benni in die Stadt, okay? Tschau, ihr Süßen.«
   Petra eilte zur Haustür. Arno hatte in der Zwischenzeit wie vereinbart John gebeten, mit dem Wagen vorzufahren. Benni kam gleichzeitig mit ihrem Auto an, einem feuerroten Scirocco Sportcoupé, das sie zum fünften Hochzeitstag von Arno geschenkt bekommen hatte. »Wir fahren zur Polizei. Wenn du mit John an der Villa ankommst, warte dort bitte auf unseren Anruf.«
   Sie küsste Arno flüchtig auf die Wange und ging noch mal ins Haus zurück, um Martha Bescheid zu sagen, als das Telefon in der Halle klingelte. Einen Aufschrei unterdrückend stürzte Petra auf den Apparat zu und riss die Muschel ans Ohr. Ihre Knöchel stachen schmerzhaft hervor, so fest umklammerte sie den Hörer. »Petra von Felthen?« Gespannt hielt sie die Luft an.
   »Fröhliche Weihnachten«, tönte es. »Hal-loho, hier ist Christa. Wie geht es euch da drüben, ihr Lieben?«
   Petra musste sich zusammennehmen, um den Hörer nicht gleich auf die Gabel zurückzuknallen. Christa hatte ihr gerade noch gefehlt. Die weitläufige Verwandte rief jedes Jahr zu Weihnachten an, gab sich aber nie die Ehre eines Besuchs, obwohl sie nur drei Kilometer entfernt wohnte.
   »Christa, ich kann jetzt nicht reden. Ich habe keine Zeit und muss dringend los. Arno wird dich später anrufen.« Sie legte den Hörer auf, schnappte sich ihren Mantel und eilte zur Haustür. Da klingelte das Telefon erneut. Unschlüssig hielt sie inne. Sollte sie es ignorieren? Kurzerhand drehte sie sich um und griff erneut zum Telefonhörer. »Von Felthen?«
   »Petra, hier ist noch mal Christa. Was ist denn bei euch los?« Christas Stimme klang weinerlich und beinahe hysterisch.
   Petra murmelte eine Entschuldigung, warf den Hörer zurück auf den Apparat und rannte zur Tür. »Martha, wir sind jetzt weg.« Beim Zuklappen der Tür hörte sie das Telefon zum dritten Mal klingeln. Sie beachtete es nicht mehr. Wahrscheinlich war es ohnehin wieder Christa. Sollte sich Martha drum kümmern. Sie sprang zu Benni ins Auto.
   Die Glätte der Nacht war dahingeschmolzen. Die Temperatur lag bei frostigen sechs Grad Celsius. Petra spürte die Kälte, die schleichend durch die Kleidung kroch, erst, als sie anfing, mit den Zähnen zu klappern. Sie fühlte sich wie ein Eisklotz, als sie die Polizeiwache erreichten, obwohl die Fahrt nur wenige Minuten gedauert hatte.
   Drinnen erwartete sie ein Stadtpolizist, der in eine Zeitschrift versunken hinter einer Theke saß. Darauf brannten vier dicke rote Kerzenstummel auf einem Adventskranz, um den herum sich zahllose trockene Tannennadeln ein trauriges Stelldichein gaben.
   Der Polizist legte das Magazin zur Seite, stand auf und trat an die Theke heran. »Was kann ich für Sie tun?«
   Benni öffnete den Mund, aber Petra kam ihm zuvor. »Meine Schwiegereltern, Thomas und Constanze von Felthen. Sie wollten gestern Abend zu uns kommen, doch sie sind bis jetzt nicht aufgetaucht. Mein Mann ist die Strecke in der Nacht abgefahren, hat jedoch keine Spur von ihnen gefunden. Ihr Haus in Thun ist leer, die Garage auch.«
   Der Beamte hörte geduldig zu, bis Petra geendet hatte. Gleichzeitig machte er sich Notizen. »Sind Sie sicher, dass Ihre Schwiegereltern nicht ihre Pläne geändert haben und zu einem Urlaub aufgebrochen sind?«
   Petra riss die Augen auf. »Ganz bestimmt nicht. Wir waren definitiv zur Bescherung und zum Essen am Heiligen Abend verabredet. Sie würden nie ihre Enkel …« Ihr versiegten die Worte.
   »Sie sagten, Ihr Mann sei die Strecke in der Nacht abgefahren. Um welche Uhrzeit war das?«
   »Gegen 23:00 Uhr.«
   »Sind Sie der Ehemann?« Der Polizist musterte Benni.
   »Der Schwager.«
   »Mein Mann ist noch mal ins Haus meiner Schwiegereltern gefahren und wartet auf meinen Anruf.«
   »Können Sie ihn dort erreichen? Vielleicht sind Ihre Schwiegereltern wieder zu Hause.«
   »Ja. Ja, gewiss. Ich kann es versuchen. Wenn ich das Telefon benutzen darf?«
   Der Polizist drehte sich um und griff nach dem Apparat auf dem Schreibtisch. Er musste am Kabel zerren, bevor er ihn auf die Theke vor Petra stellen konnte.
   Wie in Trance drehte sie die Wählscheibe. Sie ließ es einige Male klingeln. »Er ist noch nicht da. Kann ich es in ein paar Minuten noch mal probieren?«
   »Natürlich. Lassen Sie uns in der Zeit die Daten Ihrer Schwiegereltern aufnehmen. Name, Geburtsdatum, Anschrift?«
   Petra gab die gewünschten Auskünfte.
   »Wie lautet das Kennzeichen des Wagens?«
   Fragend sah Petra Benni an, der darüber besser Bescheid wusste. Er konnte auch die nächsten Fragen nach Fahrzeugtyp und Baujahr beantworten.
   Etwas später griff Petra erneut zum Telefon.
   »Hallo?«
   »Hallo Arno. Ich bin’s. Sind deine Eltern daheim?«
   »Nein, alles wie heute Nacht. Gibt es eine Unfallmeldung?«
   »Ich glaube nicht.«
   »Dann komme ich zurück. Wo treffen wir uns?«
   Petra schaute zu dem Wachmann auf, der sie um mehr als eine Kopflänge überragte.
   »Macht es Sinn, dass mein Mann hierherkommt?«
   Benni schaltete sich ein. »Ich kann genauso die Vermisstenanzeige aufgeben. Ich bin der zweite Sohn der Familie.«
   Petra verabschiedete Arno mit der Vereinbarung, sich schnellstmöglich zu Hause zu treffen. Es dauerte nur noch wenige Minuten, die restlichen Formalitäten aufzunehmen. Der Beamte hatte zwischenzeitlich die Reviere in Thun und Bern informiert. Aus Bern sollte sich schnellstmöglich ein Team auf den Weg machen. Gleichzeitig wurden die Besatzungen aller verfügbaren Streifenwagen aufgefordert, nach dem Jaguar Ausschau zu halten. In Thun würde eine groß angelegte Suchaktion gestartet werden. Doch die Vorbereitungen dauerten ihre Zeit. Am Weihnachtstag hatten die meisten Beamten dienstfrei und mussten über die Bereitschaftskette herbeigerufen werden. Das konnte einige Stunden in Anspruch nehmen, hatte der Polizist erklärt. Er empfahl Petra und Benni, nach Hause zurückzufahren und auf das Eintreffen der Kollegen zu warten.
   »Mehr können wir im Moment nicht tun. Ich versichere Ihnen, dass ich und meine Kollegen alles in unserer Macht Stehende veranlassen werden.«
   Du Esel, dachte Petra. Fehlte noch, dass er ‚Machen Sie sich keine Sorgen‘ hinzusetzte. Die Familie von Felthen war in der Gegend bekannt wie manch ein Politiker nicht. Es war mehr als naheliegend, dass jemand ihre Schwiegereltern entführt haben könnte.
   Sie verabschiedeten sich hastig und Petra sah im Hinausgehen, wie der Beamte erneut zum Telefonhörer griff.
   »Wenigstens scheint es, als würde er sich an die Sache dranhängen«, sagte Benni. Er öffnete ihr die Wagentür.
   »Hoffentlich mit Erfolg.« Sie konnte ihr Zittern nicht unterdrücken, doch es rührte nicht von der Kälte.

13.
Region Paphos, Zypern
3. August 1332

Sie hatten ihre Burg eingebüßt. Jetzt mussten sie sich in einer Grotte verbergen, aber der Standort war gut. Bei Tag konnten sie in den weiten Tälern ungehindert auf die Jagd und die Suche nach Früchten und Pflanzen gehen, bei Nacht sah niemand die schmale Rauchsäule, die aus dem natürlichen Abzug in ihrer Höhle in den Himmel emporstieg. Boote lagen unter Felsvorsprüngen versteckt, die sie rasch hätten erreichen können, wären sie wieder zur Flucht gezwungen worden. Sie hatten sie seit Jahren nicht mehr benutzen müssen und monatelang nicht danach geschaut – vielleicht waren sie bereits untergegangen. Sie brauchten sie nicht mehr. Sie fühlten sich sicher nach der langen Zeit.
   In ganz Europa waren ihre Besitztümer an die Kirche gefallen. Nach über 100 Jahren hatten die Tempelritter auf Zypern ihren Hauptsitz in Kalecik nahe Famagusta verlassen müssen. Die Johanniter übernahmen Gastria vor etwa 20 Jahren, nachdem der Templerorden von Papst Clemens V. aufgelöst worden war. Ihr letzter Großmeister – Jacques de Molay – war einen Heldentod gestorben. Er war wirklich ein Held. Sein Held. Er hatte alle unter Folter zugegebenen Beschuldigungen widerrufen und wurde daraufhin kurzerhand als Ketzer in Paris auf den Scheiterhaufen gebracht. Damit war der Orden geschlagen, aber nicht besiegt. Tausende waren verfolgt, gequält, gemeuchelt und ermordet worden, doch es gab Überlebende. Er hatte ein paar davon rufen lassen.
   Nach und nach waren die Eingeweihten auf Zypern eingetroffen. Unter tiefster Geheimhaltung hatten sie sich zusammengeschlossen. Sie sammelten neue Kraft. Sie, die sich vom eigentlichen Ziel der Templer abgewandt hatten, die von Hass und Wut auf die Ungerechten, die den Orden zerstört hatten, zerfressen waren.
   Es hatte ihnen keine Genugtuung gebracht, dass der von ihrem Großmeister auf dem Scheiterhaufen ausgestoßene Fluch sich bewahrheitet hatte. Binnen eines Jahres seit Molays Hinrichtung waren König Philipp der Schöne und der amtierende Papst Clemens V. gestorben.
   Es war nicht genug. Es gab nur ein Ziel: Rache. Sein Ziel war gleichzeitig ein anderes, aber das wusste nur er.
   Er nannte sich Jakob Traves und war nicht von adeliger Geburt. Er war nie Ritter, nicht einmal Knappe. Aber er hatte Macht – die Macht des geheimen Wissens.
   Den Namen, den ihm seine Mutter gegeben hatte, hatte er vergessen. Seit seiner frühesten Kindheit malte er sich aus, dass Jacques de Molay sein Vater war.
   Genefe hatte bis zu ihrem Tod ein Geheimnis um seinen Vater gemacht. Selbst auf dem Sterbebett gab sie keine neuen Erkenntnisse preis und so musste Jakob aus dem Wenigen, das er wusste, seine eigenen Schlüsse ziehen. Aber er behielt recht. Neben dem wahren Schatz hütete er einen Brief an seine Mutter, den er nach ihrem Tod in ihrem Rock fand. Zerknittert und voller Dreck und Fettflecken war die blasse Tinte kaum noch zu entziffern. Der Verfasser schwor seiner Mutter ewige Liebe und Treue. Er bedrängte sie, nicht zu der alten Hebamme zu gehen und ihr giftiges Gebräu zu schlucken. Der Schrieb war mit einem großen, schwungvollen »Dein Dich ewiglich liebender J.« unterzeichnet. Jakob lächelte in sich hinein.
   Genefe war das einzige Kind des Färbers im Hause von Gérard de Molay, einem Vasallen des Seigneurs von La Rochelle. Sie genoss aus unerfindlichem Grund das Privileg, gemeinsam mit Molays Kindern Lesen und Schreiben zu lernen. Dieses Wissen hatte sie später an ihn weitergegeben. Aber das war auch das Einzige, womit sie ihm dienlich gewesen war. Mit gerade 15 Jahren gebar sie ihn und wurde als ledige Mutter, und weil sie um nichts in der Welt den Namen des Vaters verraten wollte, vom Hof verbannt. Genefes Mutter, die bei Gérard einen Stein im Brett hatte, konnte diesen mit all ihren Tränen nicht davon abbringen. Genefes Vater starb vor Gram kurz vor ihrer Niederkunft. Etwa zur gleichen Zeit war Jacques, der 17-jährige Sohn Gérards, verschwunden.
   Jakob wuchs in bitterer Armut auf. Genefe brachte sich als Wanderhure durch. Er schüttelte sich bei dem Gedanken an all die Ekel und Lust erregenden Szenen, in denen er seine Mutter mit den Scharen von Männern beobachtet hatte, während er hinter einem dünnen Tuch verborgen in einer Ecke ihres winzigen Zeltes kauerte. Als er zwölf Jahre alt war, starb Genefe an Herpes. Er verdingte sich als Stalljunge bei verschiedenen Rittern und landete 1293 endlich im Gefolge von Jacques de Molay. 1297 kam er mit den Tempelrittern nach Zypern. Zwar war er kein Ordensmitglied, aber er hatte es geschafft, dass Jacques seine Hand schützend über ihn hielt. Was diesen dazu veranlasst hatte, blieb Jakobs Geheimnis. So wie er andere Geheimnisse wahrte. Er grinste.
   Die fünf Eingeweihten verehrten Jacques de Molay, sie hätten ihr Leben für ihn gegeben. Jetzt ehrten und achteten sie ihn.
   Jakob dachte oft an das Ereignis, das seinem Glauben die endgültige Bestätigung gab.
   Das Pergament!
   Es entstammte dem Erbe seines Vaters, davon war er überzeugt gewesen, als ihm vor vielen Jahren eines Abends ein Bote wortlos eine Botschaft überreicht hatte. Die folgenden Jahre verbrachte Jakob daraufhin mit der Suche nach der Schriftrolle und der Reliquie. Am Ende war es nicht die Botschaft, sondern ein blutroter Strahl, der ihn zum Versteck führte. Von da an lag die Zukunft klar vor ihm und er folgte seiner Bestimmung.
   Die Zeit war gekommen, seine Zeit. Er war 70 Jahre alt und er wusste, nur er konnte der Auserwählte sein. Man schrieb das Jahr 1332. Zwei mal 666, versuchte er zum wiederholten Mal nachzurechnen.
   Die Mathematik fiel ihm schwer. Nur mit Mühe konnte er die Zahlen in den Sand malen und er erinnerte sich nur schwach an den Rechenweg, den ihm einst ein langjähriger Freier seiner Mutter beigebracht hatte. Damals hoffte er vergebens, dass sie heiraten würde und sie endlich ein normales Leben führen konnten.
   Jakob blickte in den Himmel. Nicht mehr lange bis zur Zeremonie, die Sonne stand zur Hälfte hinter dem Zenit. Andächtig senkte er den Blick und richtete ihn auf das schwarze Zeichen an seiner rechten Hand. Eine blühende Rose. Das war ihr Erkennungsmal, das Zeichen der ›Engel der Schwarzen Rose‹.
   Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.
   Die Luft flimmerte vor Hitze und ihm fiel das Atmen schwer, obwohl er im Schatten eines riesigen Olivenbaums stand. Das Bad, das er gleich nehmen würde, würde ihm guttun.
   Bevor er sich auf den Weg zu dem Tümpel machen konnte, der sich aus einer Quelle nährte und verborgen zwischen wuchtigen Felsbrocken lag, kam Matthias, einer seiner Jünger, keuchend auf ihn zugerannt.
   »Meister, der Kelch ist nicht voll geworden.«
   Jakob schüttelte den Kopf. »Egal, es wird ausreichen. Wir haben keine Zeit mehr. Ist das Weib bereit?«
   »Ja, Meister. Es ist alles vorbereitet. Wir können anfangen. Cunrad und Steffen erwarten dich.«
   Er stieß sich mühsam vom Baum ab und schritt mit steifem Gang den kaum wahrnehmbaren Pfad Richtung Höhle entlang. Er mied penibel Büsche und Gestrüpp, um keiner Schlange nahe zu kommen. Diese gottverdammten giftigen Viecher. Beinahe wäre sein Plan gescheitert. Erst zwei Monate zuvor war einer seiner Jünger von einer Schlange gebissen worden und innerhalb von Tagesfrist gestorben. Es hatte Jakob einige Mühe gekostet, einen Ersatz für ihn zu finden. Sie mussten zu sechst sein, wenn das Ritual ausgeführt wurde. Doch das Glück war ihm letztlich wie seit Langem hold. Er fand einen Eremiten in den Bergen des Tróodos-Gebirges, der zwar taub und stumm war, sich ihnen aber anschloss und ihren Anweisungen penibel Folge leistete.
   Gleich am ersten Tag hatten sie Ali, wie sie ihn getauft hatten, das Mal in die rechte Hand gestochen. Ali hatte ein glückliches Lächeln gestrahlt und seine verfaulten Zähne mit der riesigen Lücke im Oberkiefer gezeigt. Ali strahlte selbst noch, als sie den Schäfer, den sie zuerst eingefangen hatten, um ihn für sich zu gewinnen, eine Steilklippe hinab ins tosende Meer stießen. Dummer Idiot. Warum wollte er nicht dazugehören? Der Schäfer hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt, als sie ihm ihre Tätowierung zeigten und ihm zu vermitteln suchten, dass er einer von ihnen werden sollte. Er bekreuzigte sich stundenlang und seine Bewegungen wurden so schnell, dass man den Eindruck bekam, er male Kreise vor seinem Kopf und Oberkörper. Jakob hoffte, dass Ali die Zeremonie ebenso gelassen hinnehmen würde, wie er alles andere akzeptiert hatte. Dies war das einzige Risiko, das er zum Gelingen sah. Ihm blieb keine Wahl, als sich ein weiteres Mal auf sein Glück zu verlassen.
   Wenn nicht jetzt, dann erst wieder in 666 Jahren …
   Jakob erreichte mit Matthias die Höhle. Cunrad und Steffen kamen auf ihn zu, hakten ihn beidseits unter und geleiteten ihn zur nahe gelegenen Quelle. Endlich. Es konnte beginnen.
   Genussvoll ließ er sich von seinen Jüngern die Kleidung vom Körper streifen und stellte sich unter den kühlen Wasserfall. Während das Nass auf ihn herabprasselte, konzentrierte er sich auf das Geräusch des Aufklatschens auf dem Felsboden, um seine Gedanken frei zu bekommen.
   Trotz der Hitze begann er zu frieren. Jakob biss die Zähne zusammen. Er geißelte seinen alten Körper, bis er anfing, blau zu werden, bevor er aus dem Strahl hinaustrat. Sofort fing die Sonne auf seiner Haut an zu brennen und im Nu verdunsteten die Tropfen. Seine Jünger warfen ihm einen schwarzen Umhang über, was ihn erst recht zum Schwitzen brachte. Die Erfrischung war dahin.
   Cunrad und Steffen verhakten ihre Arme ineinander, sodass sie zwischen sich einen Platz schufen, auf den er sich setzen konnte. Sie trugen ihn zurück zur Höhle und setzten ihn am Eingang ab. Ehrfürchtig überreichte Cunrad ihm das Pergament. Jakob kannte es auswendig.
   Er trat vorsichtig ins Dunkel. Er wollte mit seinen nackten Füßen nicht gegen Steine stoßen und wartete, bis sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt hatten. In einiger Entfernung sah er den flackernden Schein von Kerzen an den Felswänden spielen. Gerade stieß das Weibsstück einen schrillen Schrei aus. Sollte sie heulen und flennen, dachte er und verzog seine Mundwinkel.
   Die Höhle unterteilte sich in mehrere natürliche Kammern. Sie nutzten sie, um die Zeremonie Schritt für Schritt durchzuführen. Eine Etappe je Kammer.
   »Bahael ahhri ruhmain!«, donnerte Jakob und der Schall erfüllte dröhnend den Raum.
   Cunrad und Steffen waren ihm gefolgt. Sie entzündeten Fackeln und aus der Schwärze schälten sich die Umrisse der wartenden Jünger und einer reich gedeckten Tafel.
   Eine niedrige Steinplatte diente als Tisch, der vor Speisen überquoll. Die schwarz umhüllten Jünger gruppierten sich darum. Jakob nahm im Schneidersitz am Kopfende Platz.
   »Bahael ahhri ruhmain!«, rief er noch lauter als zuvor.
   Die Jünger stürzten sich auf die gebratenen Hähnchen und spülten die letzten Bisse mit dem selbst gemachten Wein hinunter, den sie eigens für die Zeremonie gekeltert hatten.
   Als alle ihre Gefäße abgestellt hatten, erhob sich Jakob. Die anderen taten es ihm gleich.
   Jemand schob eine Kiste vor seine Füße. Erwartungsvoll reihten sich die ›Engel der Schwarzen Rose‹ darum und blickten Jakob an. Er bückte sich und hob den Deckel des geflochtenen Korbes. Wütend quiekend quollen Dutzende Ratten über den Rand. Die seit Tagen ausgehungerten Tiere stürzten sich auf die Männer und nicht wenige Nager schlugen ihre spitzen Zähne in deren Fleisch.
   Sie ertrugen den Schmerz still. Dies gehörte zu ihrer Prüfung und war Teil der Geißelungen, die sie erdulden mussten.
   Die Ratten ließen von ihnen ab, als sie die Überreste der üppigen Mahlzeit entdeckten. Jakob drehte sich um, zog einen Vorhang beiseite und schob sich durch einen schmalen Spalt in die zweite Höhle. Nachdem alle eingetreten waren, rollten sie einen Felsbrocken davor, sodass die Ratten ihnen nicht folgen konnten.
   »Weheleki ihla ahhri iktalah!« Jakobs Stimme klang nicht alt und gebrechlich, wie sein Körper es verlangt hätte. Die Grotte war viel kleiner als die erste, sodass Jakob seine ganze Kraft in den Ausruf legen musste, weil hier kaum ein Echo seine Beschwörung unterstützte.
   Wieder entflammten Fackeln an den rauen Wänden. Er war auf die Szene gefasst, aber ihn schauderte dennoch.
   »Weheleki ihla ahhri iktalah!«
   Gleichzeitig stürzten sie sich auf die sich am Boden windenden Schlangen, die teilweise in undurchschaubaren Knäueln miteinander verwoben waren. Ali hatte die eingefangenen Tiere begutachtet und nur die Ungiftigen ausgesucht.
   Mit bloßen Händen würgten und schlugen sie jedes einzelne Tier. Die schwarzen Umhänge fielen zu Boden. Sie rissen den Tieren mit den Fingern den Leib auf und rieben sich gegenseitig mit dem Blut der Reptilien ein, bis kein Fleck weißer Haut mehr zu sehen war.
   »Fehmaahn ikriza teona ahhri awalag!« Jakob betrat die letzte Höhle. Diese war bereits von Hunderten Kerzen erleuchtet. Der Anblick des Mädchens erregte ihn. Nackt lag sie auf einem wuchtigen Altar, die Beine gespreizt, Hände und Füße gefesselt und festgebunden. Gieriges Verlangen überflutete ihn und sein Herz begann zu rasen. Bald würde er sein Ziel erreicht haben, seine Bestimmung erfüllt.
   »Fehmaahn ikriza teona aahrg…« Jakob bemerkte noch, wie sich ungläubige Überraschung im Gesicht seiner Enkelin auf dem Altar abzeichnete, als er sich gepeinigt an die Brust griff.
   All die Tränen … verloren.
   Mit einem Röcheln sackte er in sich zusammen, seine Stimme erstarb.

14.
Neuer Mariendom
St. Georg, Hamburg, Deutschland
1957

»Habe ich dir nicht schon hunderttausendmal gesagt, du sollst in der Kirche bleiben? Hier, direkt bei den Bänken, verdammt noch mal!«
   Ich zog den Kopf ein. Nicht, dass ich Angst hatte, dass Paps mich schlagen könnte. Das tat er nie. Seine Stimme schallte in der leeren Kuppel wider wie Donnerhall, als wäre er der Heilige Vater persönlich. Außerdem fühlte ich, wie sich unzählige Augenpaare auf mich richteten, obwohl niemand außer uns im Kirchenschiff war. Ich nickte, während ich einen Kloß im Hals spürte. Kaum hatte ich mich auf eine der harten Bänke gesetzt, ließ sich Papa vor mir auf die Knie fallen und zog mich an sich.
   »O Simon, mien lütt Jung. Tut mir leid. Entschuldige, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Aber bitte, bitte bleib hier sitzen, bis ich mit der Arbeit fertig bin. Dann gehen wir nach Hause und ich koche uns was Feines. Ja? Es geht nicht anders, versteh mich doch.«
   Ich sah ihn traurig an und blinzelte ein paar Tränen weg. Papa drehte sich rasch um und ließ mich wieder allein. Allein mit meinen Gedanken, den unheimlichen Steinskulpturen, den Wandmalereien und der bedrückenden Stille, die nur ab und zu durch die Hammerschläge oder den Maschinenlärm der Arbeiter aus den beiden Türmen unterbrochen wurde. Seit Mama gestorben war, musste ich jeden Tag nach der Schule in den Kirchen verbringen, in denen Papa gerade arbeitete, und machte meine Hausaufgaben auf einer der harten Holzbänke. Ich stellte die Füße auf den Sitz und umfasste meine Knie.
   Hinter mir räusperte sich jemand. Mein Herz fing heftig an zu pochen. Ich dachte, niemand wäre hier. Wohl deshalb standen mir die Nackenhaare zu Berge. Meine Beine glitten wie von selbst brav auf den unebenen Steinboden zurück und ich legte die Hände auf die Schenkel. Ich betrachtete sie wehmütig. Sie waren ganz staubig von meiner kürzlichen Tour durch die unrenovierten Gänge. Sollte ich mich umdrehen? Ich spitzte die Ohren, doch ich hörte weder das Scharren von Schuhen noch ein Hüsteln oder ein leises Gebet. Viel schlimmer als das stundenlange Herumsitzen und Warten waren die alten Menschen, die herkamen, um mit dem Kerl zu reden, der keinen Steinwurf entfernt an seinem Kreuz hing. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sich das Bild in meine Augen eingebrannt hatte, weil ich es auch sah, wenn ich sie schloss. Dieser blutende, hängende Langhaarige verfolgte mich bis in meine Träume. Jesus, pff.
   »Als wenn ich dich tagsüber nicht lang genug ertragen müsste.«
   Erneut räusperte sich jemand.
   Ich wirbelte herum.
   Fast am Ende des gewaltigen Kirchenschiffs, gleich neben der weißen Madonna, saß eine kleine, schwarz gekleidete Gestalt. Ich sah in jede düstere Ecke. Sie war die Einzige mit mir im Dom. Was wollte die von mir? Ich drehte mich nach vorn, doch von dort glotzte der Typ am Kreuz mich an.
   Es war zum Verrücktwerden.
   Ich legte mich auf die Bank, ließ die dreckigen Schuhe von der Kante hängen und richtete den Blick an die hohe Decke. Eine Kuppel wölbte sich über mir. Wie in fast jeder Kirche. Langweilig. Das schwache Licht, das durch die bunten Glasfenster hereindrang, malte verschwommene Schatten auf die ursprünglich weißen Wände. Mächtige Bogen spannten sich über meinen Kopf hinweg, angenagt vom Krieg. Risse zogen sich quer durch das Gewölbe und die dicken Steinmauern. »Na bravo«, brummte ich vor mich hin, »ein Gekreuzigter, eine trauernde Kriegswitwe und ein Junge, verschüttet und begraben vom Dom.«
   Ich drehte mich auf den Bauch und drückte die Stirn auf das harte Holz. Hätte ich bloß dem Schreihals vor dem Deutschen Schauspielhaus oder einem Reisenden am Bahnhof eine Zeitung geklaut, dann hätte ich jetzt wenigstens lesen können. Es war mir egal, dass ich das Meiste nicht entziffern konnte. Ein paar Wörter kannte ich allerdings schon und den Rest reimte ich mir mithilfe der Bilder zusammen. Dabei verging die Zeit wie im Flug. Das war wesentlich interessanter, als in der Nase zu bohren, an den Fingernägeln zu knabbern oder zu versuchen, die Geschichten der bunten Glasfenster zu ergründen.
   Klappernde Schritte auf dem Mittelgang ließen mich hochfahren. Das schwarze Gespenst kam schleppend auf mich zu. Ich wusste, dass hinter dem Schleier ein Mensch steckte. Sie war nicht die erste Trauernde, die hier saß und flennte, bis ich hätte kotzen können.
   Flennte ich etwa?
   Sie war die Erste, die wie selbstverständlich auf mich zukam. Sie blickte mich an, dessen war ich mir sicher, ohne ihr Gesicht zu sehen. Mir war, als würde sie mich lähmen. Ich rutschte in eine Sitz-Hockposition und faltete die Hände. Bestimmt würde sie nun vorbei zu dem Kerl gehen und mich gar nicht beachten.
   »Hallo, kleiner Mann.«
   Ich presste die Lippen aufeinander und betrachtete den Fußboden, auf dem der Staub Skizzen formte.
   »Ich heiße Emma. Hast du Lust, mir Gesellschaft zu leisten?«
   »Was?« Ich hatte eigentlich vorgehabt, nichts zu sagen, mich stumm oder bekloppt zu stellen. Solche gab es nach dem Krieg ja genug. Bei den Alten, die mir ständig durch die Haare wuschelten oder mir in die Wange kniffen, klappte das. Die Schwarze, wie ich sie in Gedanken nannte, setzte sich einfach neben mich und nicht nur das, sie legte ihre behandschuhte Hand auf meine gefalteten.
   »Ich wäre erfreut, wenn wir uns unterhalten könnten. Was machst du hier, so allein?« Ihre Stimme klang, als hätte sie einen Papagei verschluckt.
   Nicht weit von hier war ein Geschäft, das lebende Tiere verkaufte. Ich durfte nicht mehr dorthin, weil ich einige mit nach draußen genommen hatte, zum Spielen. Das Krächzen des Vogels, der mir ganz schlimm ins Handgelenk gehackt hatte, war mir in Erinnerung geblieben.
   »Ich rede nicht mit Fremden!«
   Ihre Finger zuckten auf meinen, aber sie nahm die Hand nicht fort. Wie konnte ich die Schreckschraube davon überzeugen, dass ich allein sein und nicht von ihr begrapscht werden wollte? Ich blickte auf, direkt in ihr verschleiertes Gesicht. Ich wollte allein sein, ihr die Meinung sagen und dass ich einen Teufel tun würde, aber mich nicht mit ihr unterhalten … doch ich starrte sie nur an und mein Körper begann zu kribbeln. Mir war schlecht und ich musste die Milch vom Frühstück hinunterschlucken. Sie war sauer. Ich zog meine Hände weg und rutschte zur Seite. Ich durfte die Kirche ja nicht verlassen, obwohl die Wände sich unaufhörlich auf mich zuschoben. Das wurde mir alles viel zu eng.
   »Hast du kein Zuhause?«
   Ich fiel nicht darauf herein und biss mir auf die Lippe.
   »Ich könnte dich mit zu mir nehmen.«
   Was? Die Alte hatte doch nicht alle Tassen im Schrank.
   »Weißt du, seit mein Mann im Krieg gestorben ist und jetzt meine kleine … kleine Julia …«
   Den Rest bekam ich nicht mehr mit. Mama, Mama, hämmerte es in meinem Schädel. Die Kirche, Wände, Skulpturen drehten sich um mich. Warten sollte ich … ich wartete. Hunger, Tod und … und … Ich blickte der Witwe ins Gesicht und riss ihr den Schleier vom Kopf.
   Sie schrie. Ich starrte sie nur an. Meine Augen brannten. Ich war überzeugt, dass es keine Tränen waren, sondern tödliche Strahlen, die die Alte vernichten würden. Sie schlug sich beide Handschuhe vor den geöffneten Mund. Ihr Schrei verebbte nur langsam in der hohen Halle. Ihre Augen waren gerötet, ihre Haut rissig und grobporig. Ihre Nase lugte spitz hervor.
   Ich riss einen Arm hoch und wies mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Mann, den sie ans Kreuz genagelt hatten. Ich atmete durch, sah den Schrecken in ihren Augen – ein wenig Hoffnung, doch viel mehr tief sitzende Trauer. Sie war eklig und erbärmlich. Ich flüsterte so sauber wie der Schnitt eines Diamanten auf Glas: »ER hat mir auch nicht geholfen!«
   Sie sprang wimmernd auf, verhedderte sich in ihrem langen Gewand, fiel, raffte sich auf und stolperte schluchzend aus der Kirche.
   Ich grinste, hopste von der Bank, hüpfte durch den Gang und schob die Gesangbücher vor mir her, bis sie polternd im Staub landeten.
   Stolz marschierte ich aus dem verhassten Dom hinaus.

15.
Psychiatrische Privatklinik
»Sanatorium Hardegg«
Interlaken, Schweiz
25. Oktober 2008

Sibylle klopfte an Elisas Tür und betrat den Raum. Sie hatte in der letzten Nacht beschlossen, Elisa zu behandeln, als wären Gespräche mit ihr alltäglich. Um alles in der Welt wollte sie verhindern, dass Elisa in ihre Lethargie zurückfiel, und erreichen, dass die junge Frau einer Therapie zustimmte. Wenn dabei ihre Vergangenheit zutage käme und bewältigt werden könnte, stünde ihr vielleicht ein normales Leben bevor.
   Eine Familie, Glück, Zufriedenheit.
   Nichts wünschte sie sich so sehr wie die Genesung ihres Sorgenkindes. Sibylle trat an das Bett und ergriff ihre Hand. »Guten Morgen, Elisa. Wie geht es dir?«
   Elisa blinzelte und sah sie an, ihr Blick war ungetrübt. Sie erkannte sie. Das Mädchen war verängstigt und verwirrt, aber sie machte den Eindruck, ihre Situation bewältigen zu können. Dieser seltsame Brief hatte wahrhaftig etwas in ihr verändert.
   »Danke, gut. Wo bin ich?«
   Sibylle brauchte ein paar Sekunden, um sich zu sammeln. »Darf ich mich auf dein Bett setzen?«
   »Natürlich.« Elisa rutschte zur Seite. Ihre Stimme klang leise und klar, nicht so, wie Sibylle es erwartet hatte. Normalerweise verkümmerten die Stimmbänder und die Patienten mussten erst wieder lernen, zu sprechen. Sie setzte sich auf die Bettkante.
   »Du darfst jetzt nicht erschrecken.« Sibylle griff erneut nach Elisas Hand. »Dies ist ein Sanatorium, eine Art privates Krankenhaus, und wir wollen dir helfen, gesund zu werden.«
   »Warum? Was habe ich denn?«
   »Du hast seit elf Jahren kein Wort gesprochen.«
   »Papa? Wo ist mein Papa? Gestern hat er mir doch noch … So lange?« Elisa rutschte zurück in ihr Kissen.
   Sibylle gab sich Mühe, besonders ruhig und gelassen aufzutreten, als sie nickend bestätigte: »Ja Elisa, elf Jahre. Seit neun Jahren bist du hier.« Sie ließ der jungen Frau Zeit, die Erkenntnis zu verarbeiten, bevor sie fragte: »An was erinnerst du dich?«
   Elisa schloss die Augen. Tränen quollen unter ihren Wimpern hervor und bahnten sich einen Weg die blassen Wangen hinab. Plötzlich fuhren Elisas Hände in ihr Gesicht und wischten zornig die Tränen weg. Sie stützte sich auf die Ellbogen. »Nichts. Mein Kopf ist leer.«
   »Möchtest du, dass wir gemeinsam versuchen, die Leere auszufüllen? Bist du bereit, eine Therapie zu machen, Elisa?« Gespannt wartete sie auf ihre Antwort.
   »Was denn für eine?«
   »Ich würde dir Hypnose vorschlagen. Wir können miteinander den Weg zurückgehen, den du gekommen bist.«
   »Was ist mit dem Brief?«
   »Ich habe ihn bei mir. Möchtest du ihn haben?«
   »Ich weiß nicht. Ich habe Angst.«
   »Woher kommt der Zettel?«
   Elisa zeigte auf den Boden vor der Zimmertür. »Da lag er. Ich … ich kam vom Abendessen, glaube ich.«
   Sibylles Gedanken rasten. Was lief hier ab?
   »Bin ich Elisa?«
   »Ja.« Sibylle verschwieg, dass man nichts Näheres über sie wusste und ihr Name nur auf der Gravur des Armbändchens beruhte, das sie bei ihrem Auffinden getragen hatte. Allerdings, so musste sie zugeben, bestätigte dieser ominöse Brief, der mit Liebe Elisa anfing, diese These.
   »Erinnerst du dich an deinen Namen?«
   »Hmm? Weiß nicht … Aber auch sonst weiß ich nichts. Ich kenne das Zimmer, weiß, dass draußen im Garten Bäume stehen …, aber ich kann mich weder an mich noch an sonst jemanden erinnern … außer … Papa …«
   »Du erinnerst dich an deinen Vater?«
   Elisa schüttelte den Kopf. »Nein. Ich dachte, ich würde mich erinnern. Aber wenn ich versuche, eine Erinnerung in Worte zu fassen, ist sie wieder weg.«
   »Ich bin zuversichtlich, dass wir dir mit einer Therapie helfen können. Lass uns so schnell wie möglich beginnen.«
   »Okay, geht klar, denke ich.«
   »Sehr gut.« Sie würde noch heute mit ihren Kollegen einen Therapieplan aufstellen. »Magst du mich zum Frühstück begleiten?«
   Elisa nickte.
   Sibylle erhob sich und ging zum Schreibtisch, während Elisa ins Badezimmer huschte. Sie zog leise die Schubladen auf. Sie waren leer, es lagen keine weiteren Zettel darin. Nein, sie hat ihr die Fortsetzung nicht unterschlagen. Ihre Habe stapelte Elisa ordentlich oben auf dem Sekretär, auf dem Sideboard und ihrem Nachttisch. Nach ein paar Minuten kam Elisa geduscht und angekleidet zurück.
   Das hatte sie in all den Jahren allein gemacht. Nun sprach sie wieder. Hoffentlich konnte Sibylle ihr jetzt endlich helfen. Sie wollte Elisa am Ellbogen stützen, entschied sich aber dagegen, als ihr bewusst wurde, wie selbstständig Elisa sich bewegte. Immerhin lebte das Mädchen hier nicht erst seit gestern, tadelte sich Sibylle und folgte Elisa in den Speisesaal.
   Die meisten Patienten hatten bereits gefrühstückt, saßen aber noch an dem langen Tisch in der Mitte des Raumes. Elisa ließ sich auf einem freien Platz nieder, den Kopf gesenkt, wie immer. Sibylle setzte sich ebenfalls und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die anderen Anwesenden. Sie überlegte, ob es einem der Patienten zuzutrauen war, diesen Brief verfasst zu haben. Genauso schnell, wie der Gedanke gekommen war, tat sie ihn wieder ab. Es hätten auch Besucher oder das Pflegepersonal sein können, vielleicht sogar einer ihrer Ärztekollegen. Dietmar kam ihr in den Sinn. Dr. Dietmar Ebeling hatte schon bei Elisas Aufnahme im Sanatorium versucht, den Fall an sich zu reißen. Diesem Oberschlaumeier würde sie es glatt zutrauen. Der wollte ihr ständig an die Karre pissen. Sibylle würde sich vorrangig eine Liste zusammenstellen lassen von den Personen, die gestern Abend Dienst hatten. Jeder Besucher musste sich anmelden und sich beim Betreten des Hauses eintragen. Sie wusste, dass das Buch am Eingang ordentlich geführt wurde. Das war die Klinikleitung ihren vermögenden Patienten schuldig.
   Nach dem Frühstück ging Elisa zurück in ihr Zimmer und schloss die Tür. Sibylle eilte weiter zum Schwesternzimmer.
   »Ulrike, schalten Sie bitte die Kameras in Elisas Zimmer ein und sorgen Sie dafür, dass sie rund um die Uhr beobachtet wird.«
   Die Pflegerin nickte.
   »Und lassen Sie mich sofort rufen, wenn etwas ist.«
   Wieder bestätigte Ulrike per Kopfnicken.
   »Machen Sie mir eine Liste von den Leuten, die gestern Dienst hatten und im Laufe des Tages zu Besuch waren.«
   »Unser Mädchen wird schon wieder. Sie schaffen das.«
   Sibylle verließ die Station tief in Gedanken versunken. Auf Ulrike konnte sie sich verlassen. Sie verlor nie die Ruhe, egal wie misslich die Situation war. Ulrike ging ihr seit Jahren zur Hand, sie waren ein gutes Team. Dennoch war ihr bewusst, dass sie nur an Ulrikes Oberfläche kratzte. Das Privatleben der Schwester lag ebenso im Dunkeln wie das Leben von Elisa. Sibylle nahm sich vor, das bei beiden demnächst zu ändern.
   Sie betrat ihr Büro und lehnte sich an die Tür. Sie war müde und strich sich über die Augen. Das Beste wäre, sofort zur Sanatoriumsleitung zu gehen, um im Flur eine weitere Kamera installieren zu lassen, damit man sehen könnte, ob jemand ein weiteres Blatt unter der Tür hindurchschieben würde. Falls derjenige zusätzliche Zettel schrieb, falls er sich nochmals traute, sich Elisas Zimmer zu nähern … falls, falls, falls.
   Sibylle drückte sich von der Tür ab, ging die paar Schritte zu ihrem Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl fallen.
   Aber wäre Elisa damit geholfen? Was, wenn derjenige erwischt würde und keine weiteren Informationen preisgab? Könnte nicht Elisas Geschichte eher an den Tag kommen und zur Heilung beitragen, wenn sie den Dingen freien Lauf ließ? Es widerstrebte ihr genauso, die Kriminalpolizei wieder hinzuzuziehen, obwohl sie wusste, dass es verkehrt war, es nicht zu tun.

16.
Villa Felthen
Interlaken, Schweiz
25. Dezember 1974

Arno wurde von Petra und Benni bereits an der Haustür erwartet, als er mit John zurückkehrte. »Wir haben Reifenspuren auf der Seestraße entdeckt, ziemlich frisch. Sonst nicht das Geringste.« Er ließ sich mit den Schultern von innen gegen die Tür sacken.
   Nachdem Petra ihm von dem Gespräch auf der Polizeiwache erzählt hatte, setzten sie sich ins Wohnzimmer.
   »Was glaubst du, was geschehen ist?« Sie sah ihn an, als hätte er just die Aufklärung parat.
   »Ich weiß nicht, was los sein könnte, ohne dass etwas Grauenhaftes passiert ist.«
   »Hast du daran gedacht, dass man Mom und Dad entführt haben könnte?«, fragte Benni.
   »Ja, aber warum hat sich bislang noch niemand gemeldet?« Arno las die gleiche Ratlosigkeit in Petras und Bennis Gesichtern, die ihn erfüllte.
   Bis zum Mittag verlief das Gespräch einsilbig, die meiste Zeit war er in Gedanken versunken. Auch das Essen verbrachten sie schweigend. Nur die Zwillinge plapperten fröhlich vor sich hin und erzählten ohne Unterlass.
   »Mummy, Mummy, dürfen wir nach dem Essen wieder raus? Kein Mittagsschlaf heute. Bitte, bitte.«
   »Wir wollen einen dicken Schneemann bauen. Der soll aussehen wie der Weihnachtsmann.«
   »Ja. Einen roten Mantel soll er auch bekommen. Kathy hat von Martha Stoff bekommen, den hängen wir ihm um.«
   »Genau. Damit er außen draußen auch nicht friert.«
   »Bitte Mummy, dürfen wir? Dürfen wir?«
   Petra nickte und rieb sich die Schläfen. Die Mädchen verließen mit Kathy den Raum.

Eine gute Stunde später klingelte es an der Haustür. Arno eilte durch die Halle und öffnete. Zwei Männer in Zivilkleidung blickten ihn an, ein Polizeiwagen parkte in der verschneiten Einfahrt.
   »Herr von Felthen? Kriminalpolizei Bern, dürfen wir hereinkommen?«
   Er trat zurück, bat die Polizisten mit einer Handbewegung ins Haus und führte sie ins Wohnzimmer. »Nehmen Sie Platz.«
   Arno war froh, dass nur noch Benni anwesend war. Petra hatte sich, kurz nachdem Kathy und die Mädchen nach draußen gegangen waren, wegen ihrer Kopfschmerzen entschuldigt und sich zurückgezogen. In Wahrheit stellte sie sich das Schlimmste vor und ertrug es nicht, dass sie es nicht schaffte, ihre Sorgen vor ihm zu verbergen. An den Gesichtern der Polizisten las Arno Petras Befürchtungen ab und es fühlte sich an wie ein Fausthieb in den Magen.
   Die Beamten nahmen Platz. Der eine hielt den Kopf gesenkt und starrte auf seine ineinander verschränkten Hände.
   »Herr von Felthen, Sie ahnen wahrscheinlich, dass wir Ihnen eine traurige Nachricht überbringen.«
   Arno schluckte.
   »Wir haben das Fahrzeug Ihrer Eltern gefunden. Auf einem Parkplatz an der Seestraße kurz vor Interlaken. Das Auto war eingeschneit, sodass der Wagen nicht auf Anhieb zu erkennen war.«
   Arno erinnerte sich, dass es erneut in dichten Flocken angefangen hatte zu schneien, bevor er in der Nacht mit John zu Hause angelangt war.
   »Haben Sie unsere Eltern gefunden?«
   »Leider ja.« Diesmal hörte er den Polizisten schlucken. »Zumindest Ihre Mutter. Herr von Felthen, Ihre Mutter ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Sie hatte eine tödliche Schussverletzung am Kopf.«
   Arno sackte in sich zusammen. Warum hatten sie den Parkplatz nicht kontrolliert? Sie hätten sie finden müssen.
   Benni sprang von seinem Sessel. »Was ist mit unserem Vater? Haben Sie ihn auch gefunden?«
   »Nein. Es tut uns leid. Aber es liegen Indizien vor, dass es sich auch in seinem Fall um ein Verbrechen handeln könnte.«
   Arno sah dem Beamten an, dass er etwas verschwieg. Bilder einer von Haaren, Blut und Gehirnmasse bespritzten Nackenstütze stiegen in ihm auf. Er presste eine Faust gegen seinen Magen, um Übelkeit und Schmerz zu unterdrücken. Die Polizisten standen auf und reichten Arno und Benni die Hände.
   »Unser aufrichtiges Bei…«
   Ein lautes Poltern und ein spitzer, lang gezogener Schrei unterbrachen das Gespräch. Danach wurde es still, viel zu still.
   Arno rannte in die Diele. Am Fuß der Treppe lag Petra, ein Bein klemmte seltsam verrenkt halb unter ihr. Er stürzte auf seine Frau zu. Noch bevor er neben ihr auf den Boden sank, bemerkte er eine sich schnell ausbreitende Blutlache, die sich unter ihrem Kopf verteilte. Ein leises Stöhnen ließ Petras Lippen erbeben.
   »O mein Gott. Liebling. Halte durch.« Arno legte seine Hand vorsichtig an Petras Wange. Er traute sich nicht, sie zu bewegen. Blut rann ihr aus der Nase.
   Benni kniete sich auf die andere Seite.
   Wie durch Watte vernahm er, dass die Polizisten den Notarzt alarmierten. Energisch schoben sie ihn und Benni beiseite. Einer rannte zum Fahrzeug. Sie brachten Petra in die stabile Seitenlage, legten ihr eine Decke über und drückten eine Kompresse auf die klaffende Wunde an ihrem Kopf. Nach wenigen Minuten hörte Arno die Sirenen der sich nähernden Ambulanz. Als diese eintraf, ging alles sehr schnell. Der Notarzt befestigte die Kompresse, ein Assistent legte eine Infusion an. Petra wurde auf eine Trage gebettet und in den Krankenwagen geschoben. Arno durfte im Transportraum einsteigen.
   Benni war von den Beamten zum Streifenwagen geführt worden. Man würde der Ambulanz folgen und ihn am Hospital absetzen.
   Der Krankenwagen fuhr an und kam nach wenigen Metern ruckartig zum Stehen, nachdem ein heftiges Rumpeln den Fahrer hatte auf die Bremse treten lassen. Es fühlte sich für Arno an, als wären sie über einen weichen Berg gefahren.
   Das Fahrzeug stand noch nicht ganz still, als er durch die Trennscheibe zwischen Fahrerkabine und Transportraum beobachtete, wie der Assistent, der im Sicherheitsgurt nach vorn gerissen worden war, seitlich in den Außenspiegel der Beifahrerseite blickte. Automatisch folgte er seinem Blick und wurde leichenblass. Bewusstlos sackte er zusammen.

*

Im Wagen hinter der Ambulanz bot sich den Polizisten und Benni ein entsetzliches Bild. Wie in Zeitlupe hatte er Kathy mit den Mädchen an der Hand um die Hausecke biegen sehen.
   Kaum erblickte Lena den Krankenwagen und sah ihren Vater die Türen schließen, riss sie sich von Kathys Hand los und rannte von der Seite auf das Fahrzeug zu. Das Kindermädchen versuchte, ihr zu folgen und sie aufzuhalten, stolperte aber mit Lisa an der Hand und fiel in den Schnee.
   »Daddy …« Der verzweifelte Ausruf wurde abrupt abgebrochen, als Lena gegen die Seitenwand des Krankenwagens flog, von der Wucht des anfahrenden Wagens umgerissen wurde und mit den Füßen voran unter das Fahrzeug rutschte. Ein Hinterreifen rollte über sie hinweg und hinterließ eine hellrote Spur im frischen Schnee.
   Bennis Schrei, heiser, rau und animalisch wie von einem verletzten Tier, unterbrach Sekunden danach die fassungslose Stille.

17.
Stevensburc – Kanton Bern
1448 n. Chr.


Ein unruhiger Tag war zu Ende gegangen. Der Wind hatte die Wolken wie riesige Schneelawinen vor sich hergetrieben und am Abend folgten Blitz und Donner. Als die Nacht endgültig hereinbrach, war am Himmel keine Spur der Naturgewalten mehr zu erkennen, das Sternenzelt glitzerte hell und klar über der Ansammlung erbärmlicher Hütten, die sich um die hölzerne Stevensburc scharten.
   Wie ein einsames Auge schien der Mond einen Blick auf das Dorf zu werfen. Es herrschte Grabesstille, kein Käuzchen rief, keine Feldmaus huschte umher, selbst die Hunde, deren Gejaule in anderen Nächten die Ruhe durchdrang, waren verstummt.
   Umso lauter hallten seine Schritte den schmalen Korridor entlang. Er stoppte unvermittelt. Ein lang gezogenes, durchdringendes Quietschen folgte der kurzen Stille, abgelöst von dumpfem Poltern auf Holz, das sich rasch in der Tiefe der Burg verlor. Der Frieden der Nacht war trügerisch. »Das Ende naht, Meister.«
   »Ich weiß. Wie viele sind es?«
   »Sechs Ritter auf ihren Streitrössern. Sie sind nah.«
   »Den Häschern des Savoyenherzogs sind wir nicht gewachsen. Du musst fliehen. Sofort.«
   »Nein, Meister, ich lasse Euch nicht im Stich. Wenn die Stevensburc fällt, sind wir gemeinsam dem Untergang geweiht.«
   Der Ältere dachte einen Moment nach und ignorierte offensichtlich das anschwellende lustvolle Stöhnen um ihn herum. Schwer stützte er sich mit beiden Händen auf den Altar. Das Fest im Kellergewölbe strebte seinem Höhepunkt entgegen. Die schwarzen Kerzen flackerten im Takt der erregten Atemstöße, mit denen die Jünger, ein halbes Dutzend Mönche und drei Mal so viele Nonnen des nahegelegenen Klosters Interlaken den Ritus zelebrierten. Trotz der aussichtslosen Lage genoss er für einen Moment den Anblick der auf dem Boden in Ekstase versunkenen Leiber. Er blickte auf das sorgenvolle Gesicht seines Meisters. Nicht nur der Kelch musste in Sicherheit gebracht werden, auch das Wissen musste der Nachwelt erhalten bleiben. Es hatte Jahrhunderte zu überdauern, damit es zur rechten Zeit dem Auserwählten zu neuer Regentschaft verhelfen konnte.
   Das Pergament! Die Uhr seines Herrn war fast abgelaufen, das Alter forderte seinen Tribut. Seinem Meister musste die Verpflichtung bewusst werden, die Verantwortung an einen Gefolgsmann abzugeben.
   Endlich fasste sein Herr mit energischem Griff den Rosenkelch.
   »Hör mich an, Engel der Schwarzen Rose. Flieh und verbirg die Reliquie an einem sicheren Ort. Schreib nieder, wie der Auserwählte sie wiederfinden kann.«
   Sein Herr drückte auf eine Stelle am linken Rand des steinernen Monsters. Ein Quader schob sich zur Seite. Rasch langte der Alte in den geöffneten Spalt in der Mitte des Altars und ergriff eine Rolle Pergament, die mit einem schwarzen Siegel in Form einer Rose verschlossen war. Er fischte nach einer am Boden liegenden Kutte, wickelte Kelch und Rolle darin ein und drückte ihm das Bündel in die Hand. »Geh jetzt!«
   Er griff das wertvolle Knäuel und wandte sich um. Er wusste, was er zu tun hatte und er würde es gut tun. Er war sich sicher, dass sein Herr das genauso sah. Bevor er aus dem Gewölbe schlüpfte, bekam er im Augenwinkel mit, wie sich sein Meister mit einem zufriedenen Lächeln umdrehte, seine Kutte zu Boden gleiten ließ und das zarte Mädchen, das vor ihm auf den Steinen kniete, während sie heftig von hinten genommen wurde, mit dem Gesicht an seinen schlaffen Penis zog.

Minuten später erfüllte Kampfgeschrei die Burg. Die Ritter des Gegenpapstes Felix V. vollbrachten ihr Werk, das seine Erfüllung in einer alles vernichtenden Feuersbrunst fand. Noch Stunden danach hing der beißende Rauchgeruch über dem Dorf, in dem sich die Bewohner aus den Betten gequält hatten und in erstarrter Faszination das Flammenmeer begafften, das meterhoch in den Himmel schoss. Aber er hatte es geschafft. Frierend hockte er in seinem Versteck am Ufer des Thunersees.

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