Jede Nacht quält Melanie der gleiche schwermütige Traum aus einer längst vergangenen Zeit - ihr geliebter Ritter reitet mit wehenden Fahnen seiner nächsten Schlacht entgegen und lässt sie hoffnungslos auf ihrer Burg zurück. Als sie im New York des 21. Jahrhunderts völlig überraschend genau diesem attraktiven Mann gegenübersteht, setzt sie alles daran, das Rätsel ihrer Träume zu lösen. Doch sie ahnt nicht, worauf sie sich einlässt ...

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ISBN: 978-9963-52-579-9

Seiten: 217

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Ela van de Maan

Ela van de Maan
Ela van de Maan wurde im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts im vorangegangenen Jahrtausend in einer Kleinstadt in Süddeutschland geboren. Seit sie lesen kann, wollte sie auch schreiben. Ihre größte Leidenschaft waren Fantasy und Abenteuerromane, die in ihrer eigenen Traumwelt immer neue Geschichten nach sich zogen. Irgendwann wurde der Geschichtenstapel in ihrem Kopf zu hoch und sie begann sie aufzuschreiben ... Ela van de Maan ist Mitglied in der DELIA - Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren und -autorinnen und im PAN - Phantastik-Autoren-Netzwerk.

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Leseprobe

Ich blickte meinem stolzen Ritter nach, wie er mit wehenden Haaren die Allee entlanggaloppierte. Ich hatte ihn nicht zurückhalten können. Das Schwert war, wie so viele Male vorher, stärker gewesen.
   Dieses Mal würde ich ihn nicht mehr empfangen können, wenn er aus seinen zahlreichen heroischen Kämpfen zurückkehrte. Etwas Dunkles und überaus Mächtiges näherte sich unaufhaltsam. Tränen liefen über meine Wangen, während ich den verhallenden Hufschlägen des schwarzen Hengstes lauschte. Bald war nur noch das Summen der Bienen zu vernehmen, die in den Rosenblüten an meinem Fenster nach Nektar suchten. Mühevoll steckte ich mein Haar wieder auf, das sich in der innigen Umarmung des Abschieds gelöst hatte. »Ich werde dich wiederfinden mein Geliebter – irgendwann werde ich dich wiederfinden …«


Kapitel 1

Der Traum der vergangenen Nacht steckte mir immer noch in den Knochen. Nicht, dass er mir neu gewesen wäre – ich konnte mich kaum erinnern, jemals etwas anderes geträumt zu haben –, aber die Intensität, mit der er über mich hereingebrochen war, hatte deutlich zugenommen. Selbst nach dem Aufwachen meinte ich noch, das Summen der Bienen gehört und den stechenden Schmerz des Verlustes so stark gespürt zu haben, dass ich das Gefühl nicht los wurde, tatsächlich Teil dieser Geschichte gewesen zu sein. Dabei wusste ich noch nicht einmal den Namen des Ritters, der mich so hoffnungslos zurückließ.
   Ich ließ meinen Blick über die glänzenden Fassaden der majestätisch aufragenden Wolkenkratzer gleiten und musste ein leises Seufzen unterdrücken. New York. Wie lange hatte ich auf eine Gelegenheit gewartet, hier zu arbeiten. Diese unglaublich pulsierende Metropole glich einem tobenden Schmelzkessel aus Freude und Leid, aus großer Hoffnung und tiefer Enttäuschung, aus vielen glücklichen Zufällen und unglücklichen Stolperfallen, wie sie nur das Leben bereithalten konnte. Man brauchte nur zuzugreifen und hielt die interessantesten Geschichten in den Händen.
   Dennoch kam keine Euphorie in mir auf.
   Im Gegenteil.
   Ein kalter Schauder lief mir über den Rücken, als ich über die Umstände meines Umzugs nachdachte. Mein alter Arbeitgeber in London hatte mich kurzerhand, sozusagen ‚sicherheitshalber’, hierher vermittelt. Insgeheim fragte ich mich, ob es überhaupt noch einen sicheren Ort auf diesem Planeten für mich gab.
   »Hey Melanie, kommst du mit zum Lunch?«
   Ich fuhr unwillkürlich zusammen, ich hatte nicht bemerkt, dass sich die Bürotür geöffnet hatte. Meine neue Kollegin Rachel lehnte freundlich lächelnd im Türrahmen und deutete auf die Uhr, die bereits fünf nach zwölf anzeigte. Ich runzelte die Stirn. Nach Essen war mir nicht gerade zumute. Die ganze Sache schlug mir mehr auf den Magen, als ich zugeben wollte, aber vielleicht sollte ich zumindest die Gelegenheit nutzen, um etwas über mein neues Einsatzgebiet in Erfahrung zu bringen.
   Ich angelte mühsam meine Tasche hervor, die unter den Tisch gerutscht war und überprüfte zum wiederholten Mal an diesem Tag, ob ich alles Wichtige bei mir hatte. Wenn ich nicht aufpasste, würde sich das noch zu einem richtigen Tick entwickeln. Rachel hakte sich vertraulich bei mir unter und zog mich fröhlich vor sich hin plaudernd in die Cafeteria des Verlagshauses.
   »Wo willst du denn mit deiner Recherche über die New Yorker Party Crowd anfangen?«, erkundigte sie sich, nachdem wir unsere Bestellung aufgegeben hatten.
   Ratlos zuckte ich mit den Schultern. Ich hatte überstürzt und ohne Vorbereitung auf meinen neuen Job aus England fliehen müssen. Zum Glück war ich noch rechtzeitig gewarnt worden, als mein Freund Carlos alias Charlie dahintergekommen war, dass irgendjemand ihn verpfiffen hatte. Langsam war ich es wirklich leid, mich immer wieder neu verlieben zu müssen, nur weil alle meine Lover früher oder später im Knast landeten. Ein Frösteln lief meinen Rücken hinunter. Was machte ich bloß immer falsch?
   Als Reporterin für die Yellow Press war ich eigentlich auf skandalöse Geschichten aus der Party- und Peopleszene abonniert und ich liebte diese Aufgabe. Aber das Nachtleben mit den mehr oder weniger finsteren Gestalten der Gesellschaft und deren Geheimnissen faszinierte mich noch mehr. Unglücklicherweise blieb ich bei meinen Recherchen des Öfteren ausgerechnet an der finstersten Gestalt hängen, die ich finden konnte. Irgendwie übte ich eine magische Anziehungskraft auf Kerle aus, die gewaltig Dreck am Stecken hatten, nur dass ich es immer erst bemerkte, wenn es zu spät war.
   »Ich würde zum Warm werden erst einmal die In-Klubs durchstreifen und versuchen, die richtigen Leute kennenzulernen, um in die Underground-Klubs eingeladen zu werden«, meinte Rachel.
   »Underground-Klubs?« Ich rümpfte die Nase. Untergrundrecherchen standen derzeit eher nicht allzu weit oben auf meiner Wunschliste.
   »Die Klubs in den alten U-Bahn-Schächten«, erklärte Rachel. »In viele kommt man nur auf Einladung. Wenn man irgendwann zur In-Crowd gehört, hat man vielleicht die Möglichkeit, auf eine der legendären Partys des ‚Marquis’ eingeladen zu werden. Aber das kann dauern. Man weiß nicht einmal genau, wo diese Partys stattfinden und wer der Gastgeber wirklich ist.«
   Ich horchte auf.
   »Man sagt«, flüsterte Rachel geheimnisvoll, »er sei ein exzentrischer, europäischer Adeliger, der einen Teil der Schächte der Stadt abgekauft und sich dort sogar so etwas wie ein Untergrundschloss eingerichtet haben soll.«
   Diese Geschichte hörte sich nach meinem Geschmack an. Ein Phantom in einem Phantomschloss tief unter den Straßen von New York. Das könnte interessant werden! Da gäbe es bestimmt noch eine finstere Ecke, wo ich mich vor den Racheakten meiner Verflossenen verstecken konnte.
   »Wir könnten gleich damit anfangen, zusammen ein paar Klubs unsicher zu machen. Was hältst du davon?«, fragte Rachel begeistert. »Robert und ich wollten schon lange einmal wieder feiern gehen.« Rachel zeichnete freudestrahlend mit ihrer Gabel die einzelnen Standorte der Klubs in die Luft, die sie besuchen wollte.
   Nachdenklich rührte ich in meinem Cappuccino. Würde es mir vielleicht auch Spaß machen, wie Rachel jemanden an meiner Seite zu haben, mit dem ich normale Abendbeschäftigungen planen konnte? Weit abseits von wilden Partys, One-Night-Stands oder Lovern mit undurchsichtigem Lebenswandel? Immer zu zweit, anstatt allein? Dafür müsste ich wirklich erst einmal gründlich mein Beuteschema ändern. Ich dachte an den mysteriösen Ritter aus meinen Träumen. Ob er derjenige hätte sein können? Wohl kaum – er war eher die Vorlage für meine ständigen Missgriffe in Sachen Männer. Sogar in meinen Träumen ließ er mich ohne Hoffnung auf ein Wiedersehen in seinem Schloss zurück und ritt einfach mit wehenden Fahnen davon. Was hätte ich für ein einziges Lächeln oder einen letzten tiefen Blick in seine nachtblauen Augen gegeben, der mir versicherte, dass er zurückkehrte? Aber nein, er war wie alle anderen Kerle – egoistisch und herzlos.
   »Ich würde vorschlagen, wir ziehen heute Abend gleich um neun los«, meldete sich Rachel wieder zu Wort, als sie ihre Planungen mit der Gabel zu Ende gebracht hatte. »Gehen erst in eine Bar auf einen Cocktail und machen anschließend die Klubs am Broadway unsicher.« Ich nickte zustimmend. Es war in jedem Fall hundertmal besser, als planlos allein aufbrechen zu müssen. Trotz meiner äußerst angespannten nervlichen Verfassung freute ich mich darauf, zu erkunden, was mich in meiner neuen Stadt erwartete.

Rachel und Robert verabschiedeten sich bereits nach den ersten fünf Klubs, weil sie todmüde waren. Mir machte es nichts aus, bis früh morgens um die Häuser zu ziehen. Schlafen konnte ich noch genug, wenn ich tot war und auf meinen Dauertraum konnte ich ebenfalls verzichten. Party machen entspannte mich und Entspannung war das, wovon ich derzeit mehr brauchte, als ich bekommen konnte. Rachel und Robert hatten mich vor dem neuesten In-Klub abgesetzt, den ich an diesem Abend noch als Letztes erforschen wollte.
   Der Einlass am Klub war, wie üblich, von einer Schlange partywütiger Girlies blockiert, die nur auf die Gelegenheit warteten, dass einer der VIPs noch eine Begleitung suchte. Ich drängelte mich vorbei und wedelte elegant mit meinem Presseausweis, worauf der Türsteher sofort den Weg freimachte. Der Trick funktionierte nicht immer, aber wenn der Klub scharf darauf war, genannt zu werden, wurde man bevorzugt behandelt.
   Ich lehnte mich an eine Ecke der Bar und sah mich um. Von den anwesenden Gästen erkannte ich nur vage ein paar Gesichter, die ich der Lokalprominenz zuordnete. Es würde einige Tage dauern, bis ich alle für mein Ressort interessanten Personen im Kopf hatte, aber mein Personengedächtnis ließ mich zum Glück nie im Stich. Wenn einmal jemand darin gespeichert war, blieb er dort auch.
   Meine Antenne für spannende Situationen meldete nichts. Keine interessanten Leute, keine sich anbahnenden Konflikte, die Gäste waren nicht einmal betrunken genug, um darauf wetten zu können, dass es noch dramatisch werden würde. Die paar Liebespärchen, die sich unter den Besuchern abzeichneten, machten auch nicht den Eindruck, als hätten sie sich gerade erst kennengelernt. Unter diesen Umständen versprach es, langweilig zu werden. Ich beschloss, erst einmal zu überprüfen, ob ich überhaupt noch gesellschaftsfähig genug aussah, um auf eine Wendung zu warten, oder ob ich besser in meine Wohnung gehen sollte.

Kapitel 2

Plötzlich stand er mir gegenüber.
   Ich überlegte fieberhaft, wie viele Tequila Sunrise ich im Laufe des Abends getrunken hatte, aber es waren definitiv nicht genug gewesen, um die Möglichkeit zu erwägen, alles nur zu träumen.
   Er sah genauso aus wie in meinen Träumen. Sein langes schwarzes Haar hing zerzaust über sein Gesicht, als wäre er soeben von dem langen Ritt zurückgekehrt, zu dem er vor vielen Jahren aufgebrochen war. Beinahe hätte ich einem Impuls nachgegeben und es zurückgestrichen, doch der regungslose, kalte Blick aus seinen tiefblauen Augen ließ mich bis ins Mark erschaudern.
   Verwirrt sah ich mich um.
   Die Atmosphäre dieses Privatbereiches war anders, als die des Klubs, unter dem er lag. Es hatte eher etwas von einem orientalischen Bordell. Die schwere Luft, die mit Rauch eindeutig illegalen Ursprungs geschwängert war, schien geradezu im berauschenden Takt der fernöstlichen Musik zwischen den großen dunkelroten Liegelandschaften auf und ab zu wabern. Es war fast unmöglich, zu atmen. Als sich meine Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten, registrierte ich mit Erstaunen das rege Treiben hinter den schwarzen Chiffonschleiern, die die anwesenden und äußerst spärlich bekleideten blonden Schönheiten, die sich leidenschaftlich um ihre Kundschaft kümmerten, nicht im Entferntesten abzuschirmen vermochten.
   Obwohl ich noch nie prüde gewesen war, konnte ich kaum den Drang unterdrücken, den Blick zu senken. Ich fühlte mich vollkommen fehl am Platz.
   Unsicher blickte ich zu meinem Gegenüber auf.
   Er musterte mich immer noch mit versteinerter Miene. Nicht die geringste Bewegung war in seinem Gesicht zu erkennen. Hätte ich einer steinernen Statue gegenübergestanden, hätte ich nicht weniger aus deren Zügen lesen können.
   Der Türsteher des ungewöhnlichen Etablissements kam peinlich berührt herbeigeeilt und entschuldigte sich tausendmal für die nicht versperrte Tür – und schloss ab.
   »Sorry, aber ich bin hier falsch«, versuchte ich, mich verständlich zu machen. »Ich wollte eigentlich zur Toilette auf der anderen Seite dieses Universums und hab aus Versehen die falsche Tür erwischt. Könnten sie mich wieder rauslassen?«
   Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, wir sprächen nicht die gleiche Sprache. Der Türsteher sah den Mann meiner Träume fragend an und nichts passierte. Ich blickte von einem zum anderen und wieder zurück. Das Ganze wurde mir etwas unheimlich. Nicht, dass ich grundsätzlich moralische Bedenken gegen Orgien gehabt hätte, aber unvorbereitet, an solch einem ungewöhnlichen Ort und zwischen lauter Fremden? Das war doch eine ganze Spur heftiger, als ich es gewohnt war.
   Mein Ritter nickte jemandem zu, der offenbar hinter mir stand. Der packte mich hart am Arm … und draußen war ich wieder. Ich stand vor der Tür und starrte das Schild an, auf dem in großen Lettern ‚Private’ prangte. So ein Blödmann! Hätte er nicht wenigstens irgendetwas von sich geben können? Da träumt man seit Jahrzehnten von ihm und in dem Moment, in dem man ihm gegenübersteht, ist er stumm wie ein Fisch.
   Ich schüttelte den Kopf und atmete tief durch. Wenigstens bekam ich hier wieder Luft, die auch zum Atmen gedacht war. Ich ging erst einmal meiner ursprünglichen Absicht nach – das Spiegelbild war durchaus noch akzeptabel und sogar der Lidstrich saß noch an der Stelle, wo ich ihn platziert hatte. Ich strich mir das Kleid glatt und überlegte fieberhaft, ob ich vielleicht noch einmal versuchen sollte, die Türen zu verwechseln. Aber so offensichtlich blöd würde sich niemand anstellen. Was auch immer dort ablief und wer auch immer dieser faszinierende Mann war, ich war mir sicher, ich würde es herausfinden. Allerdings nicht mehr an diesem Abend. Ich wollte nur noch ein heißes Bad nehmen und meine beste Freundin Tamara in Berlin wecken.

*

Alexandre stand noch eine Weile da und starrte auf die verschlossene Tür, durch die die ungeladene Besucherin verschwunden war. Zornig versuchte er, dem Chaos der Gefühle Herr zu werden, das sie in ihm ausgelöst hatte.
   Schmerzhafte Erinnerungen an eine andere Frau drängten sich in sein Bewusstsein – an seine Frau. Diese Ähnlichkeit war unbegreiflich!
   Wut kochte in ihm hoch. Es durfte nicht sein! Keine Frau der Welt hatte das Recht die gleichen seidig glänzend roten Haare, die gleichen ungewöhnlich olivgrünen Augen und diesen leicht verträumten Blick, den er so sehr geliebt hatte, zu besitzen. Ihr wunderschönes Gesicht tauchte wieder vor seinem geistigen Auge auf; ihr verzweifelter Ausdruck, als er ging.
   Viel zu lange war es her, dass er sich intensiver mit diesen Erinnerungen beschäftigt hatte. Es würde nie aufhören, ihm Schmerzen zu bereiten, an sie zu denken. Er fühlte, wie sich seine Reißzähne verlängerten. Am liebsten würde er dieser Frau hinterherstürzen, sie in eine dunkle Ecke zerren und ergründen, ob noch mehr Ähnlichkeiten vorhanden waren. Er hasste sie, er war sich sicher, er musste sie dafür hassen, dass sie ihn an sein Versagen erinnerte. Die Ähnlichkeit – konnte er wirklich etwas hassen, das so schön war wie sie? Er wollte sie berühren, er wollte ihre weiche Haut streicheln, er wollte sich der Illusion hingeben, dass er seine geliebte Frau nie verloren hatte. Seine Hände ballten sich unerbittlich zu Fäusten und die Spitzen seiner Nägel bohrten sich in seine Haut.
   »Willst du ein Loch in die Tür starren, Alex?« Eine langbeinige Blondine baute sich mit all ihren Reizen vor ihm auf, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Langsam fuhr sie am Schritt seiner Jeans entlang und lächelte ihn wissend an. »Wie wär’s denn noch mal mit uns beiden, oder hast du schon genug für heute?« Er warf einen letzten hasserfüllten Blick in Richtung Ausgang, bevor er die Schöne grob am Arm packte und sie zurück zu den Liegelandschaften zerrte.

*

Es bereitete mir eine tierische Freude, Tamaras Nummer zu wählen. Ich war enttäuscht, dass ich sie nicht mehr aus den Federn schmeißen konnte, weil sie bereits bei ihrer sonntäglichen Frühstückslektüre saß. Tamara lauschte eine Weile geduldig meinen Erzählungen aus der Badewanne, bis ich endlich zum Höhepunkt meiner Story kam.
   »Schätzchen, wie viele Sunrise waren es diesmal?«, fragte sie ungerührt.
   »Was heißt hier diesmal?«, entgegnete ich. Klar, ich trank öfter Sunrise, wenn ich Frust hatte. Es machte zwar nicht viel Sinn, weil der Tequila den Frust meist noch verstärkte, aber dieses Mal hatte es nichts damit zu tun! Tamara war tatsächlich der Meinung, ich hätte soweit über meinen Durst getrunken, dass ich bereits Gespenster sah. Das war unglaublich! So was schimpfte sich eine beste Freundin!
   Tamara lachte nur. Logisch, Frau Psychologin wusste ja in jeder Lebenslage Bescheid. Mit Männern hatte sie noch nie Probleme gehabt. Sie stand ja nicht auf sie, sondern auf ihresgleichen. Frauen würden inniger lieben und in einer Beziehung wesentlich toleranter sein, sagte sie. Fragte sich bloß, warum ihre Toleranzen immer so schnell wieder verschwanden? Ich war jedenfalls felsenfest davon überzeugt, dass ich dem Mann meiner Träume gegenübergestanden hatte und ich würde herausfinden, wer es war.
   Ich stieg aus der Wanne und machte mich erst einmal am Kühlschrank zu schaffen. Glücklicherweise hatte ich noch keine Zeit gehabt, ihn ausreichend zu füllen. Müde und frustriert schlug ich die Tür wieder zu und setzte mich an mein Notebook, um auf den Seiten sämtlicher aktueller Klubs nach Hinweisen zu diesen geheimen Untergrundpartys zu suchen. Ich war mir sicher, dass die Veranstaltung, in die ich hineingeplatzt war, zu den Partys dieses ominösen Marquis’ gehörte, aber es gab weder auf der Seite des Klubs noch auf anderen Seiten irgendwelche Anmerkungen, Kommentare oder Termine, die ein Anzeichen für eine weitere Party hätten sein können.
   Irgendwie erinnerte mich das Ganze an die Zeit der Prohibition und des illegalen Glückspiels in den geheimen Hinterzimmern der Tanzlokale, die man nur durch persönliche Empfehlungen betreten konnte. Ein gespanntes Kribbeln packte mich. Das war eine Geschichte nach meinem Geschmack.

Am nächsten Morgen fragte ich sofort Rachel und Robert zu allem aus, was sie über diese Partys wussten. Aber die beiden waren auch keine große Hilfe, mehr darüber zu erfahren. Sie waren an dem Thema nicht besonders interessiert. Robert kannte sich in den Untiefen der Festplatten und den Geheimnissen der Softwarebugs wesentlich besser aus, als in der realen Welt. Rachel liebte es, in noblen Restaurants und leisen Bars ihren Feierabend zu verbringen. Sodom und Gomorra war definitiv nichts für sie. So entschied ich mich, am Abend noch einmal an den Ort des Geschehens zurückzukehren, um nach weiteren Anhaltspunkten zu suchen.

Der Klub war dieses Mal kaum besucht. Ich positionierte mich in Sichtweite der Treppe zu den Toiletten und beobachtete, wer hinunterging. Niemand erschien auffällig und es kamen alle nach der üblichen Zeit auch wieder die Treppe herauf.
   Nach einer Weile wurde mir das Warten zu dumm. Geduld war noch nie meine Stärke gewesen. Ich wollte lieber noch einmal nachsehen, was da unten geboten war, auch auf die Gefahr hin, nicht erneut nach draußen befördert zu werden. Vielleicht wäre es auch nicht so schlecht gewesen, diesem eindeutig freudigen Treiben beizuwohnen.
   Typisch Journalistin. Irgendwann siegte die Neugier über die Angst und jegliche Bedenken wurden zugunsten des öffentlichen Interesses beiseitegeschoben. Beziehungsweise – wie Tamara es immer formulierte: Ich hatte eine angeborene Neigung, meine Nase in die Angelegenheiten anderer Leute zu stecken und diese Angelegenheiten aller Welt preiszugeben. Das würde mir, ihrer Meinung nach, irgendwann das Genick brechen. Tja, und wenn ich an Carlos dachte, könnte Tamara auch noch recht haben. Aber da ich nicht vorhatte nach London zurückzukehren, hoffte ich, dass mein Genick noch eine Weile heil blieb.
   Als ich versuchte, die Tür zu öffnen, auf der immer noch deutlich ‚Private’ stand, war ich äußerst erstaunt. Die Tür war erneut unverschlossen. Und noch erstaunter war ich, als ich feststellte, dass ich in einem kleinen Raum mit Besen und Putzmitteln stand.
   Eine Besenkammer? Da erschien die ein oder andere Affäre prominenter Zeitgenossen gleich in einem neuen Licht. Ich suchte die Wände nach verdächtigen Spuren ab. Vielleicht ließen sie sich ja nach Art einer Geheimtür drehen? Aber sie schienen stabil und fest eingebaut zu sein. Seltsam. Gab es noch eine zweite Tür mit der ‚Private’-Aufschrift? Ich schob mich wieder in den Vorraum hinaus und sah mich um. Im selben Moment kam ein Angestellter des Klubs die Treppe herunter und warf mir einen fragenden Blick zu.
   »Ich habe die Tür verwechselt, ich war in Gedanken«, versuchte ich, mich herauszureden.
   Er musterte mich skeptisch von oben bis unten. »Diesen Monat ist hier nichts mehr los«, murmelte er schließlich kaum hörbar und verschwand hinter der nächsten Tür.
   Na toll, wo denn dann? Vielleicht hätte er mir noch sagen können, wo ich sonst in diesem Monat fündig wurde? Aber das nun eindeutige Zeichen an der Tür hielt selbst mich davon ab, ihm auf die Herrentoilette zu folgen.
   Ich ging wieder nach oben und überlegte. Angesichts der Tatsache, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich zu suchen beginnen sollte, beschloss ich, mir mehr Informationen über die alten U-Bahnen zu besorgen. Vielleicht ließe sich ja anhand der Pläne eine Übersicht erstellen, welche Klubs über den Schächten lagen? Damit hätte ich zumindest mögliche Zugänge. Ich müsste nur der Reihe nach alle infrage kommenden Klubs abklappern und hoffen, dass ich noch einmal soviel Glück hatte wie beim letzten Mal. Es war also die berühmte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen und das bedeutete, dass ich in den nächsten Wochen jeden Tag etwas vorhatte, wenn ich nicht gerade, wie an diesem Abend, arbeiten musste.
   Meine vorrangige Aufgabe bei meinem neuen Arbeitgeber bestand nämlich darin, über Events und gesellschaftliche Ereignisse zu berichten. An diesem Abend sollte ein Rockfestival im Central Park stattfinden und ich hatte alle Hände voll zu tun, mich über die Bands zu informieren, die dort auftreten würden. Das riesige Areal war in verschiedene Bereiche mit unterschiedlich großen Bühnen aufgeteilt. Ich hörte in die aktuellen CDs der Gruppen hinein, machte mir Notizen, zu welchen Bühnen ich unbedingt musste, und freute mich auf den Abend. Rachel und Robert wollten mit von der Partie sein, da sie ohnehin nicht weit entfernt vom Park wohnten.
   Der Abend war lau und angenehm. Ich suchte mir ein rockkonzerttaugliches Outfit zusammen, das aus Jeans, schwarzem T-Shirt, Lederjacke und Stiefeln bestand, und betrachtete skeptisch meine rot leuchtende, fast taillenlange Mähne, die hervorragend dazu passte. Vielleicht war das das Problem, das mir immer die falschen Kerle bescherte? Vielleicht sollte ich meine Haare schwarz färben und kürzer schneiden. Es hieß ja immer, dass man genau das anzog, was man ausstrahlte. Womöglich strahlte ich in meinem Aufzug ja aus, dass ich vergnügungssüchtig, leicht zu haben und nicht gerade wählerisch war?
   Ich musste lachen. Nein, nur weil ich einen unmöglichen Männergeschmack hatte, würde ich mich sicher nicht den Rest meines Lebens verkleiden. Schließlich war ich nicht auf der Suche nach der großen Liebe unterwegs, sondern auf der Suche nach der großen Story. Dass mir dabei ständig die große Liebe über den Weg lief, nur um anschließend verhaftet zu werden, dafür konnte ich nun wirklich nichts.
   Ich rückte meinen mondförmigen Talisman mit dem ovalen Mondstein auf der unteren Sichelspitze zurecht, den mir meine Großmutter zur Geburt geschenkt hatte. Auch er passte perfekt zu mir. Ich liebte dieses Schmuckstück und konnte mich nicht erinnern, jemals ohne ihn das Haus verlassen zu haben, selbst als ich noch klein war. Er gab mir Mut und Kraft und vielleicht sogar eine kleine Spur von Leichtsinn. Zumindest hatte das meine Mutter immer behauptet, wenn ich wieder einmal in allerhand Unsinn verstrickt gewesen war.

Die Musik auf dem Festival war mitreißend. Der Beat vibrierte in den Knochen. Ich schlenderte mit meinen Kollegen von einer Bühne zur anderen und machte mir Notizen zur Stimmung und den anwesenden Leuten. Hin und wieder ließ ich mir die Geschichte eines Zuhörers erzählen, wieso er diese eine Band sehen wollte und welche Erinnerungen er mit dem gerade gespielten Song verband. Bald hatte ich so viel Material für eine Story zusammen, dass ich mich etwas abseits unter eine kleine Brücke setzte, um die Ideen vorzusortieren und möglichst schnell die versprochene Reportage in den Druck geben zu können.
   Eine Gruppe von Leuten kam von einer der Bühnen in Richtung Brücke. Ich blickte abwesend auf und erstarrte.
   Umringt von, bis auf die langen hohen Lackstiefel etwas zu spärlich bekleideten, modelmäßig gut aussehenden Blondinen, kam er auf mich zu. Im ersten Moment hatte ich angenommen, es wären Mitglieder einer Rockband mit ihren Groupies.
   Sie boten einen äußerst beeindruckenden Anblick. Er und seine männlichen Begleiter waren allesamt groß, breitschultrig und langhaarig. Ihre langen schwarzen Ledermäntel trugen sie lässig offen und ließen den Blick frei auf düstere Rockshirts mit Totenköpfen und martialischen Drachenmotiven, die lässig über den Bund ihrer Jeans hingen. Ihre schweren Bikerboots brachten den Kiesweg im Gleichschritt zum Knirschen und die Metallketten, die einige der Kerle an den Jeans trugen, klirrten. Einen von ihnen, einen großen blonden mit Pferdeschwanz, glaubte ich ebenfalls in dem Klub gesehen zu haben, kurz bevor ich wieder hinausbefördert worden war. Sie schienen eine eingeschworene Gemeinschaft zu bilden, vielleicht doch eine Gang oder etwas in der Art?
   Ich hielt den Atem an und hoffte inständig, dass mein Ritter mich im Vorbeigehen nicht wahrnahm.
   Abrupt blieb er stehen und drehte sich zu mir um. Für einen Augenblick fixierte er zuerst mein Gesicht und dann mit kaum wahrnehmbarem Erstaunen irgendetwas auf Höhe meines Busens. Ich war mir sicher, es war nicht das, worauf Männer im Allgemeinen achteten, obwohl davon durchaus genügend vorhanden gewesen wäre.
   Verunsichert rückte ich ein Stück weiter in den Schutz der Brücke. Er kniff die Augen zusammen. Sein durchdringender Blick verfolgte jede meiner Bewegungen. Ich spannte alle verfügbaren Muskeln an, um mich schnellstens aus meiner Deckung auf einen belebteren Platz in Sicherheit bringen zu können, wenn es nötig wäre. Irgendetwas an ihm machte mich mehr als nervös. Seine eiskalten Augen jagten mir einen Schauder nach dem anderen über den Rücken. Genauso jäh, wie er stehen geblieben war, setzte er seinen Weg fort und hatte in sekundenschnelle seine Freunde wieder eingeholt, die, ohne die kleinste Notiz von seinem Verhalten zu nehmen, weitergegangen waren.
   Ich blinzelte ungläubig und atmete auf. So hatte ich mir die Treffen mit dem Mann meiner Träume nicht vorgestellt. Ich überlegte fieberhaft, ob ich hinterherschleichen sollte. Doch tief in mir drinnen mahnte mich eine Stimme zur Vorsicht. Er strahlte eine Gefahr aus, die ich nicht einschätzen konnte. Bevor ich eine Entscheidung getroffen hatte, rief Rachel nach mir und kam suchend den Weg heruntergelaufen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie mein Traummann, wenn ich ihn überhaupt noch weiterhin so nennen konnte, den Kopf wandte und mich erneut taxierte.
   Mit einem Mal war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich erfreut darüber sein sollte, dass ich womöglich nahe dran war, das Geheimnis meiner nächtlichen Fantasien zu lüften.
   Schnell erhob ich mich und ging Rachel entgegen.
   Wir überflogen gemeinsam meinen fast fertigen Artikel und stellten uns an eine erhöhte Stelle, um das Feuerwerk, weswegen Rachel mich eigentlich gesucht hatte, besser sehen zu können. Robert legte romantisch den Arm um ihre Taille und sie lehnte entspannt den Kopf an seine Schulter. Diese vertraute Zweisamkeit nervte mich mit einem Mal, oder vielleicht wurde ich auch ein klein wenig neidisch, so genau wollte ich das gar nicht wissen. Also tat ich das, was ich am Besten konnte und klappte noch vor Ende der Vorstellung mein Notebook auf, um die letzten Zeilen meines Artikels fertig zu schreiben.

Die Nacht war sternenklar und immer noch mild. Durch den Beat der Rockmusik war ich zu aufgedreht, um gleich ins Bett zu fallen.
   Nachdem ich unter der heißen Dusche noch einmal ausgiebig über die Begegnung nachgedacht hatte und wieder zu keiner schlüssigen Erkenntnis gekommen war, wollte ich es mir mit einem Glas Rotwein oder auch zweien auf meiner Terrasse gemütlich machen und die Aussicht aus dem zwanzigsten Stock auf die Lichter New Yorks genießen. Ich ließ mein schmales Handtuch fallen und schlüpfte lächelnd in einen sehr kurzen lapislazuliblauen Seidenkimono, den mir meine Mutter vor Jahren aus Singapur mitgebracht hatte. Der Vorteil an dem Apartment, das ich freundlicherweise zur Verfügung gestellt bekommen hatte, bis ich etwas Eigenes fand, war, dass es keine Beobachter gab, die feststellen konnten, dass ich unter dem Kimono nichts anhatte, selbst wenn ihn der Wind einmal kurz in die Höhe heben sollte. Es sei denn, jemand saß mit einem Fernglas bewaffnet hinter einem der Fenster im Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Aber wer soviel Geduld aufbrachte, stundenlang auf seine Chance zu warten, dem würde ich den Spaß auch gönnen.
   Mit einem ironischen Grinsen um die Mundwinkel trat ich auf die kleine grüne Oase über der Stadt und mir blieb fast das Herz stehen.
   An der Brüstung lehnte – ganz lässig – er!
   Mein entsetzter Gesichtsausdruck musste Bände gesprochen haben, denn er wirkte durchaus amüsiert. Der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht. Doch die eisige Kälte in seinen Augen ließ mich frösteln.
   »Was zur Hölle machst du auf meiner Terrasse und wie zur Hölle bist du hierher gekommen?«, stieß ich atemlos hervor und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
   »Du bist sehr schön, weißt du das?«, gab er äußerst provozierend zur Antwort. Seine raue dunkle Stimme verursachte mir ein Kribbeln auf der Haut.
   »Ja, verarschen kann ich mich selbst«, flüsterte ich. Vorsichtig warf ich einen Blick über die Brüstung. »Wie bist du hier hergekommen? Bist du die Fassade hochgeklettert, oder vom Dach runter?«
   Er grinste spöttisch. »Sehe ich aus wie Spiderman?«
   Natürlich nicht, der sah im normalen Leben ja auch eher aus wie ein leeres Hemd und nicht wie Adonis in groß. »Was dann? Bist du auf meine Terrasse geflogen?«, fragte ich schroff.
   Er lachte kurz auf. »Dann müsste ich wohl irgendwo Flügel haben, denn ein Hubschrauber vor deinem Fenster wäre dir sicherlich aufgefallen.«
   »Ach, vielleicht bist du ja ein Vampir und brauchst weder das eine noch das andere, weil du dich in eine Fledermaus verwandeln kannst.« Ich ärgerte mich darüber, dass ich mich nicht im Bad angezogen hatte, sondern sicherlich eine Viertelstunde halb nackt in der Wohnung umhergelaufen war. Schnell zog ich meinen Kimono enger und hielt mir krampfhaft mein Weinglas vor den Ausschnitt.
   »Ich kenne keinen Vampir, der sich in eine Fledermaus verwandeln könnte«, entgegnete er ernst.
   »Tatsächlich? Was machen denn die Vampire, die du so kennst, wenn sie auf einen Balkon im zwanzigsten Stock gelangen möchten?«
   »Die klettern die Fassade hoch, wenn sie keine andere Möglichkeit finden.« In seinen Augen blitzte der Spott, aber wenigstens hatte er die eisige Kälte verdrängt.
   »Und welche Möglichkeit hast du gefunden, nachdem du offenbar weder Vampir noch Spiderman bist?«
   »Ich bin mit dem Aufzug hochgefahren«, erwiderte er in einem derart selbstverständlichen Tonfall, als wäre diese Tatsache die offensichtlichste der Welt.
   »Wie bitte? Und wie bist du über den Aufzug auf meine Terrasse gelangt?«
   »Durch deine Wohnungstür.«
   »Ich hatte abgeschlossen!«
   »Aber du hattest sie nicht verriegelt.«
   »Du bist bei mir eingebrochen! Ist dir das klar? Das ist strafbar!«
   »Aber die Fassade hoch zu klettern wäre galant gewesen, oder wie?« Genervt verdrehte er die Augen und ließ den Blick gen Himmel schweifen.
   »Was heißt hier galant? Du stehst vor meinem Fenster und beobachtest mich, wie ich im Evaskostüm durch die Wohnung spaziere. Das nennt man spannen, würde ich sagen!«
   Er lachte mich aus. »Ich habe mich ja nicht versteckt. Ich habe hier nur auf dich gewartet. Wenn du mir freiwillig deine Vorzüge zeigst, kannst du nicht erwarten, dass ich die Augen verschließe.«
   »Auf mich gewartet?«, wiederholte ich erbost. »Wir waren nicht verabredet. Du konntest nicht wissen, dass ich heute noch auf die Terrasse gehen würde.«
   »Die Wahrscheinlichkeit war aber groß, in dieser wunderbaren Nacht«, sagte er mit einer selbstgefälligen Geste und legte grinsend den Kopf schief.
   Ich schüttelte ungläubig den Kopf. »Das gibt dir noch lange nicht das Recht, in meine Wohnung einzubrechen!«
   »Das ist richtig, aber ich wollte nicht das Risiko eingehen, mir beim Fassadenklettern das Genick zu brechen.«
   Der Kerl war unschlagbar. Was wollte er von mir? Eigentlich sollte ich hysterisch schreiend in mein Apartment zurückstürzen und die Polizei rufen. Er machte mir Angst, schließlich war er, ohne zu zögern, bei mir eingebrochen. Andererseits fühlte ich mich seltsam zu ihm hingezogen. Ich hatte das Gefühl ihn seit Jahren zu kennen, nur lange Zeit nicht gesehen zu haben. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass ich seit einer Ewigkeit fast jede Nacht von ihm träumte.
   Ich musste mich kneifen. Gab es das wirklich? Konnte man tatsächlich ein Leben lang von einem Menschen träumen, den man noch nie gesehen hat und irgendwann trifft man ihn und er sieht genauso aus, wie man es sich geträumt hatte? »Hast du einen schwarzen Hengst?« Die Frage platzte aus mir heraus, bevor ich darüber nachdenken konnte.
   »Derzeit nicht, warum?«
   »Aber du hattest mal einen?«
   Er zögerte. »Ich hatte mal einen. Warum fragst du?«
   Ich konnte ihm unmöglich auf die Nase binden, dass er mir ständig in meinen Träumen Liebeskummer bereitete. Womöglich würde er sich noch etwas darauf einbilden. Und Vorsicht! Wenn er im Traum schon so unzuverlässig war und Ärger machte, was würde sich da wohl im realen Leben abspielen? Bei meinem Glück mit den falschen Männern könnte er tatsächlich die Krönung der Sammlung sein. »Ach, es hätte irgendwie zu dir gepasst«, sagte ich schließlich in beiläufigem Ton auf seinen immer noch fragenden Blick hin.
   »Wie kommst du darauf?« Er kniff die Augen zusammen und beobachtete mich genau.
   Ich wand mich äußerst unwohl um eine Antwort herum. »Ich … ich lese gern Historienromane und du passt irgendwie zu den Helden, die da vorkommen.«
   »Was bin ich denn nun? Der gesetzlose Einbrecher oder der Held, der dich rettet?«
   »Wovor solltest du mich denn retten müssen?« Erschrocken sah ich ihn an. Unweigerlich schoss mir der Gedanke an Carlos wieder durch den Kopf. Aber er konnte unmöglich davon wissen!
   »Ich habe keine Ahnung. Aber wenn du keine Gefahr befürchtest, warum trägst du selbst nackt noch einen Talisman?«
   »Einen was?«
   »Der Anhänger an deiner Kette.«
   Ich griff nach der Mondsichel. Das war es also! Darauf hatte er im Park so erstaunt reagiert! »Das ist ein Erinnerungsstück an meine Großmutter. Ich wusste nicht, dass es eine tiefere Bedeutung hat«, schwindelte ich. Ich wusste sehr wohl, dass es mittelalterliche Symbole für heidnische Zeremonien um die weibliche Göttin und die Venus waren. Meine Großmutter hatte mir viel darüber erzählt. Nur warum sollte ich es ausgerechnet ihm auf die Nase binden?
   »Legst du es nie ab?«
   Seine Frage ließ mich aufhorchen. »Selten, warum?«
   Er zuckte nur mit den Schultern. Mir wurde zunehmend unwohl. War der Anhänger so wertvoll, dass er es womöglich darauf abgesehen haben könnte? Dazu hätte er mich weder beobachten noch in ein Gespräch verwickeln müssen. Hatte ich ihn vielleicht überrascht und er wollte irgendwie halbwegs sauber aus der Sache herauskommen? Oder war er sich womöglich sicher, dass ich keine Gelegenheit mehr haben würde, irgendjemandem zu erzählen, dass er hier gewesen war. Langsam schnürte mir die Furcht die Kehle zu. Ich versuchte mir Mut zu machen und ballte die freie Hand zur Faust. »Was interessiert dich denn so an meiner Kette und wer bist du eigentlich?«
   »Oh, entschuldige, wie unhöflich von mir.« Er lächelte düster und deutete eine Verbeugung an. »Mein Name lautet Alexandre de Mirecourt.«
   Mir wurde schlagartig bewusst, dass dies genau die Antwort auf die Frage war, die ich mir so oft schon gestellt hatte. Doch was hatte das alles zu bedeuten?
   »Und«, fuhr er fort, »ich interessiere mich eigentlich mehr für dich als für deine Kette, obwohl …«
   »Obwohl was?«
   »Obwohl es durchaus interessant war, zu hören, dass es ein Schmuckstück deiner Großmutter war. Es scheint wesentlich älter zu sein.«
   »Du kennst dich wohl damit aus?«, fragte ich. Sein Blick wanderte immer wieder von meinem Gesicht zu dem Anhänger. Es irritierte mich. Er schien sich nicht entscheiden zu können, was er lieber ansah.
   »Ich hatte schon öfter mit altem Schmuck zu tun«, antwortete er schließlich mit einem Grinsen, das mehr als verdächtig war.
   Natürlich. Wer käme sonst auf die Idee, einfach in eine Wohnung einzubrechen, als ein Profi? Welch eine Erkenntnis! Ich hatte ja schon alles durch vom Autoschieber bis zum Zuhälter, nur ein Einbrecher fehlte mir tatsächlich noch in meiner Sammlung. Et voilà! »Wenn du dich so gut mit altem Schmuck auskennst, kannst du mir vielleicht sagen, aus welcher Zeit der Anhänger stammen könnte?«, versuchte ich, Zeit zu schinden. Irgendwie musste ich erst eine Lösung finden, wie ich aus dieser Situation unbeschadet herauskommen konnte.
   »Darf ich ihn mir genauer ansehen?«
   Er ging langsam auf mich zu. Das hatte ich nicht beabsichtigt. Ich zögerte und wollte zurückweichen.
   »Keine Sorge. Ich werde ihn lassen, wo er ist. Ich möchte ihn nur einmal in der Hand halten, um ihn besser betrachten zu können.« Er streckte langsam seine Hand nach dem Schmuckstück aus und versuchte, im Halbdunkel irgendetwas daran zu erkennen. »Der Verarbeitung und dem Material nach zu urteilen, könnte der Anhänger in der Zeit um 1600 in Mitteleuropa hergestellt worden sein. Auch die Symbolik würde dazu passen. Weißt du zufällig, wie deine Großmutter an den Schmuck gekommen ist?«
   Er sah mir in die Augen. Schlagartig wurde mir schwindlig. Ich atmete tief ein, doch ein äußerst betörender Duft ließ meine Sinne davonziehen. Halt suchend lehnte ich mich an die raue Wand.
   »Alles ok?«, fragte Alexandre skeptisch und trat sofort einen Schritt zurück.
   Ich nickte mühevoll. Abgesehen davon, dass ich immer noch nicht wirklich wusste, warum er in meine Wohnung eingebrochen war, um auf meiner Terrasse auf mich zu warten, und ich einer Ohnmacht nahe war, war alles in Ordnung. »Ich bin nur ein bisschen müde«, murmelte ich benommen. Der Boden hörte nicht mehr zu schwanken auf.

Kapitel 3

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf meinem Bett, das Fenster war offen und es war bereits hell. Erschrocken griff ich nach meiner Kette, aber sie war noch da. Ich blickte mich um. Es schien nichts durchwühlt worden zu sein.
   Und wenn schon. Es wäre ohnehin nicht viel Wertvolles zu finden gewesen. Ich musste ja das meiste in meiner Londoner Wohnung zurücklassen, als ich vor Carlos floh.
   Der Gedanke daran ließ mich erneut erschaudern. Ich hatte es gerade noch rechtzeitig über die Hintertreppe nach draußen geschafft, als er mit seinen Leuten in die Wohnung eindrang. Kurz darauf konnte ich mich zum Glück mit einem Last-minute-Flug zuerst nach Barcelona und einen Tag später nach New York absetzen. Fröstelnd zog ich die Decke fester um mich. Offensichtlich war ich sehr gut im Verdrängen von Gefahren, sonst wäre ich wohl nach dieser Erfahrung nicht so leichtfertig mit dem Verschließen meiner Wohnungstür umgegangen.
   Das zischende Geräusch der Kaffeemaschine ließ mich aufhorchen. Wer rumorte da in der Küche? War Alexandre womöglich nicht verschwunden, als ich zusammengesackt war? Er hatte mich immerhin ins Bett gebracht. Schnell warf ich einen Blick unter die Decke. Ich hatte immer noch meinen Kimono an. Wenn er mich zum Bett getragen hatte, wovon ich ausgehen musste, war ihm nicht viel verborgen geblieben.
   In dem Moment kam er mit einer dampfenden Tasse Kaffee aus der Küche und grinste mich amüsiert an.
   »Fällst du immer in Ohnmacht, wenn ein Mann neben dir steht?«, fragte er spöttisch.
   »Och, eher selten.« Ich konnte mir nicht erklären, was in mich gefahren war. Ich war einfach nur so müde und fertig – fix und fertig. Auf der Jagd nach der ultimativen Story hatte ich mir in den vergangenen Jahren keine Pause gegönnt. Es hätte seltsam geklungen, wenn ich hätte sagen müssen, ich bräuchte eine Auszeit vom Feiern. Und meine ganzen gescheiterten Affären hatten ihr Übriges dazu getan.
   Ich musterte Alexandre ausgiebig, als ich meinen Kaffee schlürfte. Er sah wirklich blendend aus. Seine markanten Gesichtszüge konnten durchaus französischer Herkunft sein. Die ungewöhnlichen, im helleren Licht eher royalblau wirkenden Augen, waren von einem dunklen Kranz langer, dichter Wimpern umgeben und er verstand es ausgezeichnet, einen äußerst verführerischen Blick darunter hervorzuwerfen. Er war mindestens einen Meter neunzig groß und muskulös, was man durch sein extrem eng geschnittenes schwarzes Hemd unschwer erkennen konnte.
   Der Kerl wusste, wie man sich in Szene setzte, doch er war wieder ein Gesetzloser. Was zum Teufel machte ich nur immer falsch? Warum zum Teufel sahen diese Kerle immer so verdammt gut aus? Wobei ich mir eingestehen musste, dass an Alexandre keiner meiner Verflossenen heranreichen konnte. Schweren Herzens löste ich mich von seinem Anblick, bevor ich noch in Gefahr geriet, dahinzuschmelzen.
   Das Telefon klingelte. Tamara war dran. Sie wollte mich warnen, dass es besser sei, mich die nächste Zeit nicht in Richtung Europa aufzumachen. Carlos Spur war endgültig im Sande verlaufen und so wie er meine Wohnung hinterlassen hatte, wäre es meiner Gesundheit sicher zuträglicher, wenn ich ihm nicht über den Weg liefe.
   Auch das noch! Ich stöhnte.
   »Geht es dir nicht gut?«, fragte sie sofort besorgt.
   »Bin umgekippt.«
   »Habe ich dir das nicht schon vor Monaten prophezeit?«, bemerkte sie in ihrem typischen vorwurfsvollen Ton, den sie anschlug, wenn sie sich Sorgen machte. »Jetzt bist du Tausende von Meilen weit weg und hast niemanden, der sich um dich kümmert.«
   »Na ja, im Moment bin ich gut versorgt.« Ich lächelte Alexandre zu, der sich mit der Tasse an mein Bett gesetzt hatte.
   »Bewahre!« Tamara hielt sich bestimmt wieder mit total entsetzter Mine den Handrücken an die Stirn. »Wen hast du dir diesmal angelacht?«
   »Das erzähle ich dir ein andermal. Jetzt brauche ich erst einmal einen starken Kaffee. Ich rufe dich wieder an. Mach dir keine Sorgen.«
   »Keine Sorgen machen? Um dich? Verrate mir mal, wie das gehen soll?«
   Schnell verabschiedete ich mich und legte auf. Ihre Vorhaltungen konnte ich mir auch später noch anhören. Irgendwie ging es mir nicht mehr so schlecht. Ich könnte noch einen kleinen Kick für meinen desolaten Kreislauf brauchen.
   In Gedanken hörte ich noch Tamara schimpfen, ich sei unverbesserlich und lerne nie dazu. Aber was soll’s, ich war halt oft spontan, unüberlegt und unvorsichtig. Das gehörte zu meinem Charakter und verhalf mir in meinem Job zu einigen Vorteilen. Ich war mir sicher, ich hatte wesentlich mehr Spaß im Leben als sie, auch wenn es unter den gegebenen Umständen deutlich kürzer sein könnte als ihres. Aber daran wollte ich nicht denken.
   Ich reichte Alexandre die leere Tasse und blickte ihm tief in die Augen. Die erhoffte Wirkung blieb aus. Er ging wortlos in die Küche und brachte mir eine weitere Tasse mit dem überaus starken Gebräu, das er da gezaubert hatte. Ich machte einen Schmollmund.
   »Schmeckt dir der Kaffee nicht?«
   »Er macht wach.«
   »Das sollte wohl auch der Sinn dieses Getränks sein«, erwiderte er mit einem unterdrückten Grinsen.
   Ich nahm noch einen Schluck und beobachtete ihn mit zusammengekniffen Augen über den Tassenrand hinweg. »Wieso bist du eigentlich noch hier?«, fragte ich neugierig.
   »Soll ich gehen?«
   »Nein, so war das nicht gemeint. Ich frage mich nur immer noch, was der Grund deiner Anwesenheit ist. Und warum du offenbar die ganze Nacht hier verbracht und dir dabei bestimmt eine tolle Party hast entgehen lassen.« Der Seitenhieb musste sein, aber es schien ihn nicht zu stören.
   »Ich wollte sichergehen, dass du nicht doch noch ärztliche Hilfe brauchst.«
   »Ach, und wenn es so gewesen wäre, was hättest du dann gemacht?«
   »Ich hätte den Notarzt gerufen, was sonst?« Er warf mir einen spöttischen Blick zu.
   »Dann hättest du ja wohl riskiert, dass man deinen Einbruch bemerkt, oder nicht?«, konterte ich.
   »Wieso hätte das jemand bemerken sollen? Ich habe keine Spuren an der Tür hinterlassen und ich kann mir nicht vorstellen, dass du mich verraten hättest.«
   Seine selbstgefällige Antwort ärgerte mich. »Machst du das immer so, wenn dir eine Frau gefällt?«
   »Was?«
   Ich verdrehte die Augen. »Na, einfach einbrechen!«
   »Eigentlich nicht, aber du hättest mir wohl kaum geöffnet, wenn ich geklingelt hätte.«
   »Hm.« Da hatte er auch wieder recht.
   »Weißt du, wenn ich ehrlich bin«, fuhr er langsam fort, während er sich wieder auf die Kante des Bettes setzte, »habe ich schon so lange nicht mehr versucht, einer Frau den Hof zu machen, dass ich mir nicht mehr sicher bin, wie das geht.« Er sah mich irgendwie verlegen an.
   »Den was?« Dieser Ausdruck kam eigentlich nur in den alten Romanen vor, die ich so gern las. Meine bisherigen Lover hätten höchstens gesagt, sie wollten mich anmachen, und wie das ging, wussten die sehr genau. Und ich wusste auch, woran ich war. Alexandre machte absolut keine Anstalten in diese Richtung. Mir blieb also nichts anderes übrig, als auf seine Vorlage einzugehen. »Ich würde vorschlagen, wir überspringen das offizielle Vorstellen bei meinen Eltern, das um die Hand anhalten bei meinem Vater und den Tanztee, bei meinen Tanten, wo wir das erste Mal stundenlang Händchenhalten dürfen und du küsst mich einfach, damit ich entscheiden kann, ob ich dieses ganze Vorspiel irgendwann noch nachholen möchte.«
   Sein zaghaftes Lächeln sah seltsamerweise nach Erleichterung aus. Er konnte seine Bemerkung doch unmöglich ernst gemeint haben? Er, der offensichtlich ständig von den schönsten Frauen umgeben war, tat so, als wüsste er nicht, wie man eine Frau anmacht. Was spielte der denn für ein Theater? Machte ich tatsächlich den Eindruck, als wäre ich so naiv?
   Meine Überlegungen wurden schlagartig unterbrochen, als er meiner Aufforderung nachkam. Er war so fordernd, so leidenschaftlich, dass es mir schier den Atem raubte. Wie küssen ging, wusste er jedenfalls genau. Er bog meinen Kopf zurück und zeichnete fasziniert mit den Fingern die Linie meiner Halsschlagader nach. Ein kaltes Kribbeln lief mir über den Körper, als sein Griff immer unnachgiebiger wurde. Er nahm eine der Haarsträhnen, die sich über meinen Hals schlängelten, zwischen die Finger und sog gierig ihren Duft ein. Seine Augen hatten einen merkwürdigen Glanz angenommen.
   Ich keuchte auf. Sein ungewöhnliches Aftershave benebelte mich erneut. Meine Gefühle fuhren Achterbahn. Langsam leckte er mit der Zunge über seine Lippen. Er beugte sich zu meinem Hals herab und nahm bedächtig jedes Fleckchen unbedeckter Haut in Besitz. Seine Lippen waren so kalt wie seine Finger – eiskalt. Er riss die Decke weg und betrachtete hemmungslos meinen Körper, der nur noch unzureichend durch ein bisschen nachtblaue Seide bedeckt war. Sachte öffnete er den Gürtel und ließ den Stoff zur Seite gleiten.
   Langsam, ganz langsam, strich er mit zwei Fingern über die Rundungen meiner nackten Brust hinunter zum Bauchnabel. Ich wand mich lustvoll unter seinen Berührungen, ich war ihm willenlos ausgeliefert. Und trotzdem genoss ich es in vollen Zügen. Er ließ seine Zunge der Spur seiner Finger folgen. Ein heißes Prickeln zog sich hinterher und drang in tiefere Regionen vor. Ich bäumte mich ihm entgegen in der Hoffnung, er würde nicht an derselben Stelle damit aufhören. Sanft neckte er mit der Zunge die Höhle meines Bauchnabels. Ich verlor endgültig die Beherrschung und atmete stöhnend aus.
   Er sah mich an, grinste triumphierend, gab mir noch einen flüchtigen Kuss und sagte: »Du musst zur Arbeit, ma belle. Deine Kollegin rief an, als du noch schliefst, und ließ ausrichten, dass ihr um zehn Uhr Redaktionssitzung habt.«
   Was für ein Schuft! Es war viertel nach neun. Sollte ich etwa derart angeheizt zur Arbeit? Er machte keinerlei Anstalten sein Spiel fortzusetzen.
   »Ich rufe dir ein Taxi. Wenn du dich gleich anziehst, schaffst du es noch rechtzeitig.«
   Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Es blieb mir nichts anderes übrig, als aufzustehen. Ich konnte nicht schon zur ersten Sitzung zu spät kommen! Und mit welcher Begründung? Apropos! »Du hast mit Rachel gesprochen? Was hast du ihr gesagt, wer du bist? Meine Putzfrau vielleicht?«
   Er zwinkerte mir grinsend zu. »Sag einfach dein Fitnesstrainer, für deinen schwachen Kreislauf.«
   Das wäre eine Erklärung. Zumindest für Leute, die mich noch nicht gut genug kannten. Hier war es ohnehin nichts Ungewöhnliches, vor Arbeitsbeginn noch schnell ein paar Übungen zu machen. Ich musste ja keinem sagen, dass die Art von Übungen, die ich für meinen Kreislauf bevorzugte, nichts mit Sport im üblichen Sinn zu tun hatte. Schnell sprang ich in etwas Bürotaugliches, band meine Haare zu einem Zopf und trug ein wenig Make-up auf.
   Alexandre betrachtete mich am Türrahmen des Bades angelehnt mit äußerst selbstgefälliger Miene. Ich verkniff mir einen sarkastischen Kommentar, der mir auf der Zunge gelegen hatte. Stattdessen nahm ich einen Notizzettel und schrieb meine Handynummer darauf. »Falls du wieder einmal beabsichtigst, bei mir vorbeizuschauen, ruf vorher kurz an. Nicht, dass du noch beim Einbrechen erwischt wirst, oder mir womöglich ungelegen kommst.«
   Er grinste nur schief und steckte den Zettel in die Tasche seiner ausgewaschenen Designerjeans. Unweigerlich schoss mir die Frage in den Sinn, ob er die, dem Label nach zu urteilen, sicherlich dreihundert Dollar teure, Jeans bezahlt hatte, oder ob die ihm bei seinen nächtlichen Streifzügen wohl ganz zufällig in die Hände gefallen war.
   Aber irgendwie hatte er so gar nichts von einem Gesetzesbrecher an sich. Wenn man einmal davon absah, dass ein ehrlicher Mann wohl niemals auf die Idee käme, in eine fremde Wohnung einzubrechen und eine nackte Frau durch ihr Schlafzimmerfenster zu beobachten. Und wenn man zusätzlich davon absah, dass ich es ohnehin nie früh genug bemerkte, wenn mein gerade aktuell Auserkorener auf einer anderen Seite des Gesetzes stand als ich.
   Doch ich hatte keine Zeit, weiter darüber nachzusinnen. Ich musste ins Büro, und zwar sofort. Alexandre begleitete mich noch bis zum Ausgang des Hauses und war verschwunden, ehe ich das Taxi erreicht hatte. Was hatte ich auch erwartet? Dass er stehen blieb und mir nachwinkte? Er hatte es auch nicht für notwendig erachtet, mir seine Telefonnummer zu geben. Was zum Teufel wollte er nur von mir?

*

Alexandre sah noch eine Weile aus dem Schutz eines Hauseingangs in die Richtung, in der das Taxi verschwunden war. Noch immer hüllte ihn ihr verlockender Duft ein. Seine Fänge schmerzten im Kiefer. Auch wenn es knapp war, hatte er es doch geschafft, sich zurückzuhalten. Er wunderte sich überhaupt, wie er der Verlockung, die sie darstellte, die ganze Nacht hatte widerstehen können. Und dabei war er von seinen Freunden noch eindringlich davor gewarnt worden, ihr nachzustellen. Er würde sein Verlangen nicht zügeln können, wenn er ihr gegenüberstand, hatten sie einstimmig zu Bedenken gegeben.
   Aber es war unmöglich. Sie hatte ein Gefühl in ihm geweckt, das er nicht mehr verdrängen konnte. Er musste sie sehen. Er musste herausfinden, wer sie war. Eigentlich hatte er sich ihr nicht zeigen wollen, doch der Anblick, den er erhaschte, als sie sich in ihrem Schlafzimmer umzog, war zu verlockend gewesen, als dass er schnell genug wieder von der Terrasse hätte verschwinden können.
   Seit einer Ewigkeit war ihm niemand mehr begegnet, der ihn so gefesselt hatte wie diese Frau, doch er konnte nicht einschätzen, wie diese Faszination wirklich geartet war.
   War es diese unbegreifliche Ähnlichkeit mit seiner einzigen großen Liebe, die er vor unendlich langer Zeit verloren hatte? Oder war es doch nur das rein körperliche Verlangen, seine Lippen auf die zarte Haut einer schönen Frau zu pressen und ihr pulsierendes Leben zu genießen, solange es ihm lieb war?
   Der Gedanke erregte ihn sehr und diese Erregung war gefährlich für sie, das wusste er. Doch er würde ein weiteres Mal versuchen, sich zu beherrschen, denn das Spiel begann, ihm Spaß zu machen.
   Ein zaghaftes Lächeln huschte über sein Gesicht. Dann wandte er sich um und verschwand wieder im Untergrund.

*

Ich konnte mich kaum auf die Redaktionssitzung konzentrieren, zu viele verwirrende Gedanken gingen mir durch den Kopf. Ich hatte das Gefühl, als wäre alles nur ein seltsamer Traum gewesen. Doch ich spürte noch deutlich seine Berührungen. Mühsam versuchte ich, den Ausführungen meines Chefredakteurs zu folgen. Am Abend würde eine Filmpremiere stattfinden, über die ich berichten sollte. Das Aufgebot an internationalen Stars war beträchtlich. Vielleicht konnte ich eine gute Story erwischen. Es war nicht allzu schwer, hinter die Fassaden zu blicken und sich nicht von den gestellten Posen und einstudierten Gesichtsausdrücken blenden zu lassen. Wenn man dazu noch die Begleitungen der Stars genauer im Blick behielt, dann konnte man oft schon viele kleine und große Neuigkeiten erahnen, bevor die ersten Gerüchte die Runde machten.
   Bis dahin wollte ich jedoch Wichtigeres erledigen. Ich recherchierte aufgewühlt Alexandres Namen im Netz und wurde tatsächlich fündig, allerdings anders, als ich es mir erhofft hatte.
   Der einzige Alexandre de Mirecourt, den ich fand, war ein französischer Adeliger, der im Dreißigjährigen Krieg gegen die Schweden gekämpft hatte und er wurde ziemlich genauso beschrieben, wie mein nächtlicher Einbrecher. Ich musste neidlos anerkennen, dass er wohl gute Recherche betrieb bei der Wahl seiner Pseudonyme. Irgendwie war ich enttäuscht, dass er mir seinen richtigen Namen verschwiegen hatte, aber so naiv konnte selbst ich nicht sein, zu erwarten, dass er seine Deckung preisgab.
   Unweigerlich fiel mir der Film The Saint ein, mit Val Kilmer als Meisterdieb, der immer Namen von Heiligen verwendete, weil er in einem Kloster aufgewachsen war. Ich selbst schrieb meine Artikel unter verschiedenen Namen, was in Anbetracht meiner derzeitigen Situation mit Carlos nicht mal schlecht war. So war ich zumindest nicht ganz so leicht aufzuspüren.
   Da ich im Internet offenbar bei Alexandre nicht weiterkam, gab ich vorerst den Versuch auf, auf diese Weise zu erfahren, wer er wirklich war, aber die Geschichte um den wahren Alexandre de Mirecourt interessierte mich doch.
   Es hieß, er sei mit einer gewissen Elaine verheiratet gewesen, die bei seinem Onkel auf dessen Schloss lebte, weil sie in ihrer Heimat nicht besonders angesehen war. Man munkelte von dunklen Gaben, was für emanzipierte und womöglich auch noch schöne Frauen zu dieser Zeit sehr gefährlich werden konnte. Entweder drohte man damit, sie in ein Kloster zu sperren oder gleich, sie zu verbrennen. Welch ein Glück, dass sich die Zeiten seitdem grundlegend geändert hatten.
   Nach einem Überfall der Schweden auf das Schloss des Onkels, bei dem es bis auf die Grundmauern niederbrannte, war Elaine, den Quellen zufolge nach Skandinavien verschleppt worden. Alexandre wurde unter den fadenscheinigen Vorwürfen der Unterstützung von Hexerei von einem Widersacher seines Onkels gefangen genommen und verstarb nach kurzer Zeit in einem der schlimmsten Gefängnisse der damaligen Zeit. Ob und wie lange Elaine noch gelebt hatte, war nicht mehr zu erfahren, aber meistens überlebten die weiblichen Gefangenen in diesen barbarischen Kriegen auch nicht lange.
   Ich mochte diese tragischen Liebesgeschichten ohne Happy End nicht. Fast bereute ich es, dass ich die Geschichte überhaupt gelesen hatte. Das Leben war einfach nicht fair.

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