Obwohl Dorian begeistert ist von der Vorstellung, Vater zu werden, sieht Louisa ihr Leben erneut in Scherben liegen. Sie weiß nicht, wie sie ihre Tochter vor anderen Vampiren beschützen und wie sie ihr in der düsteren Vampirwelt ein normales Leben ermöglichen soll. Plötzlich bekommt sie genau das angeboten, aber zu einem viel zu hohen Preis. Was ist Louisa zu tun bereit, damit ihre Tochter in Sicherheit aufwachsen kann? Kann sie alles dafür opfern? Selbst ihre Liebe zu Dorian?

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ISBN: 978-9963-52-519-5

Seiten: 441

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Sandra Florean

Sandra Florean
Sandra Florean wurde 1974 als echte Kieler Sprotte geboren und wohnt noch jetzt in der Nähe der Kieler Förde. Zum Schreiben schlug sie einen komplizierten Weg ein: Obwohl sie bereits als Jugendliche Geschichten und Gedichte zu Papier brachte, absolvierte sie erst die Fachhochschulreife mit Schwerpunkt Rechnungswesen und dann eine Ausbildung zur Schifffahrtskauffrau, um eine solide Grundlage zu haben. Seitdem arbeitet sie als Sekretärin in der Verwaltung. Dem Fantastischen blieb sie jedoch treu, sie schneidert historische und fantastische Gewandungen, zehn Jahre lang sogar nebenberuflich selbstständig mit einer kleinen Schneiderei. Noch heute trifft man sie regelmäßig in der fantastischen Szene in unterschiedlichen Kostümen an. Erst die „Nachtahn“-Reihe brachte sie zurück zum geschriebenen Wort. Seit ca. 2011 widmet sie sich ihren erdachten fantastischen Welten intensiver und veröffentlicht regelmäßig in unterschiedlichen Verlagen. Ihr Debüt „Mächtiges Blut“ ist im April 2014 erschienen, und Band 1 der „Nachtahn“-Reihe und wurde auf dem Literaturportal Lovelybooks zum besten deutschsprachigen Debüt 2014 gewählt.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1

»Moment!« Ich packte Louisa bei den Schultern. »Sag das noch mal.«
   Sie sah unglücklich und grimmig zu-
   gleich zu mir auf. »Es kann nicht von dir sein. Es muss …«
   »Nein, nein. Das andere!«
   »Ich bin schwanger. Von Eric.« Sie spie mir die Worte entgegen, als wolle sie »So, das hast du nun davon!« sagen.
   Das war mehr als ein Schlag ins Gesicht. Hatte ich nicht geahnt, dass wir diesen Mistkerl nicht loswürden? Aber so deutlich hätte sie es nicht sagen müssen.
   Ich wollte nur von meiner Freundin hören, dass sie ein Kind erwartete. Für einen Moment glauben, es wäre von mir. Nur einen winzig kleinen Augenblick vergessen, dass ich ein Vampir war. Ein totes Geschöpf, das kein Leben zeugen konnte.
   »Sag doch was.« Sie sah mich hilflos an.
   Ich seufzte und streichelte ihr über die Arme, aber ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Wir hatten natürlich nie über Kinder gesprochen. Ich hatte mich längst damit abgefunden, niemals leibliche Kinder zu haben. Wenn ich dieses Daseins überdrüssig würde, was, Gott verhüte, in absehbarer Zeit nicht geschah, würde ich mir einen würdigen Nachfolger suchen und ihm alles beibringen, was ich wusste. So, wie mein Schöpfer es mit mir gemacht hatte. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
   »Ich kann das Kind nicht bekommen.«
   Ich sah, dass sie noch keine Entscheidung getroffen hatte. Es war ihre Art, mir zu sagen, dass sie darüber reden wollte. »Und warum nicht?«
   »Das wäre … nicht richtig.«
   Ich schüttelte innerlich den Kopf. Nicht richtig? Was meinte sie nun wieder? Sie war mit einem Vampir zusammen, von dem sie keine Kinder bekommen würde. Das war nicht richtig. »Hättest du gern Kinder?«
   »Weiß ich nicht.« Tränen stiegen ihr in die Augen.
   Sie sollte keine für sich falsche Entscheidung treffen. Wenn sie einen Kinderwunsch hegte, und wäre er noch so verborgen, wäre das hier wahrscheinlich ihre einzige Chance. Sie würde kaum wieder mehr oder weniger unfreiwillig mit einem zeugungsfähigeren Kandidaten als mir schlafen. Und dass sie mich jemals verließ, war eine Möglichkeit, die ich nicht in Betracht zog. »Louisa, du weißt, dass du von mir niemals Kinder bekommen wirst.«
   »Du verlangst doch nicht von mir, dass ich das Kind bekomme? Das Kind eines anderen!«
   »Ich verlange nichts von dir, mein Engel. Ich will nur, dass du dir deine Entscheidung gut überlegst. Du weißt, dass ich alles für dich tun würde, aber das ist etwas, was ich dir nicht geben kann. Wenn du es nicht haben möchtest, verstehe ich dich und bin für dich da.«
   »Und wenn ich es will?«
   Sie sah unglücklich aus, dabei musste sie das nicht sein. Sie hatte schon so viel überstanden, da würde sie das hier auch nicht aus der Bahn werfen. Und wenn doch, war ich da, um sie wieder zurechtzuschubsen. »Auch dann bin ich für dich da.« Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, dass mir die Vorstellung, wir würden ein Kind zusammen haben, gefiel. Dass es nicht von mir war, ach, da wollen wir mal nicht so kleinlich sein. Es hätte schlimmer kommen können als mit diesem Blödmann Eric. Zumindest sah er einigermaßen ansprechend aus. Für einen Sterblichen.
   Louisa seufzte und legte ihre Stirn an meine Brust. »Warum kann es nicht einfach von dir sein?«
   »Würdest du es in dem Fall bekommen wollen?«
   »Natürlich!«
   Ich schwieg einen Moment. Vielleicht sollte ich ihr einen kleinen Schubs in die richtige Richtung geben? Ach, was soll’s. »Außer uns weiß es doch keiner.«
   Sie schreckte hoch. »Da Eric weiß, was du bist, wird er sich das wohl ausrechnen können.«
   »Ich dachte, der hat die Stadt verlassen. Außerdem glaube ich nicht, dass er sich einmischen würde.« Wenn doch, konnte ich ihn immer noch um die Ecke bringen.
   Da war er wieder, dieser forschende Blick, mit dem Louisa mich ansah, als würde sie jede Antwort in meinem Gesicht finden. Ich wischte ihr sanft ein paar Tränen fort.
   »Du würdest ein Kind akzeptieren, das nicht von dir ist?«
   Ich umfasste ihr hübsches Puppengesicht und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Natürlich. Es ist ein Teil von dir. Ich würde es lieben, als wäre es mein Eigenes.«
   Sie lächelte schwach und rieb sich die Schläfe, als würde ihr die Entscheidung Kopfschmerzen bereiten.
   »Du musst das ja nicht sofort entscheiden. Schlaf eine Nacht drüber.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich hab’s satt, schlaflos im Bett zu liegen und über mein Leben nachzudenken. Ich will das nicht allein entscheiden. Das müssen wir zusammen tun.«
   Wir zusammen. Ach, wie gut das klang! Im Grunde war ihre Entscheidung gefallen, das sah ich ihr an. Sie brauchte nur die Sicherheit, dass ich hinter ihr stand. »Willst du eine Abstimmung? Aber meine Stimme zählt doppelt, weil ich älter bin.«
   »Dann will ich zwei Stimmen, weil ich es zur Welt bringen muss«, erwiderte sie und lachte, wurde jedoch sofort wieder ernst. »Denkst du, das Kind zu bekommen, ist eine gute Idee?«
   Eine gute Idee? Nein, mit Sicherheit nicht. Aber, hey, was war im Leben schon eine gute Idee? Dass ich mich zum Vampir hatte machen lassen, war das eine gute Idee? Auf den ersten Blick nicht, trotzdem war es die beste Entscheidung, die ich hatte treffen können. War es eine gute Idee gewesen, dass ich unbedingt Louisas Herz für mich gewinnen wollte? Nein, es hatte ihr viel Schmerz eingebracht und mir auch. Dennoch war es jede Pein wert gewesen. Die meisten hervorragenden Dinge erwuchsen aus vermeintlich nicht besonders guten Ideen. »Auf jeden Fall«, antwortete ich und zauberte damit ein Lächeln auf ihr Gesicht. »Bekommen wir ein Kind?«
   »Ja, wir bekommen ein Kind!«
   Ich hob sie hoch und wirbelte sie im Kreis herum, und sie klammerte sich lachend an mich. »Ich werde Vater!« Eine unbändige Freude packte mich. Dass es nicht von mir war, störte mich nicht. Ich war nicht der Typ, der immer nach dem Haar in der Suppe suchte. Außerdem war Louisa meine Freundin, sie gehörte zu mir, und das Kind in ihrem Bauch auch. Mein kleiner Porzellanengel war schwanger! Unfassbar. Ich würde allerdings noch besser auf sie aufpassen müssen. Behutsam stellte ich sie wieder auf die Füße. »Ich hoffe, ich hab dich nicht zu fest gedrückt?«
   »Du wirst mich jetzt aber nicht in Watte packen wollen, oder?« Sie grinste mich an. »Ich hab ein erstes Bild bekommen. Willst du es sehen?«
   Ich nickte und sah mir das Schwarz-Weiß-Bild an, das sie aus ihrer Tasche kramte, und fragte mich, von was das wohl eine Abbildung war.
   »Das ist ein Ultraschallbild. Das Weiße da in dem schwarzen Rund, das ist es.«
   Ich nickte vielsagend. Es sah überhaupt nicht aus wie ein Mensch. Ich musste lachen und küsste sie. Ach, das Leben hielt viele tolle Überraschungen bereit! Louisa sah mich erleichtert, aber auch ein wenig skeptisch an und zum wiederholten Male wünschte ich mir, ihre Gedanken lesen zu können. Ich musste unbedingt einen Vampir oder Menschen finden, der das konnte, und sein Blut trinken.

*

Als der Arzt meine Befürchtungen bestätigte und mir den Beweis auf dem Ultraschallmonitor zeigte, war ich wie betäubt. Warum konnte sich das Schicksal nicht zwischendurch anderen zuwenden, um dort alles durcheinanderzubringen? So viel hatte ich bereits durchgestanden, ein bisschen Ruhe wäre schön gewesen. Ich konnte nicht sagen, warum ich das Kind dennoch bekommen wollte. Vielleicht war Dorians Reaktion ausschlaggebend. Ich hatte befürchtet, er würde vor Wut toben, weil er Eric verabscheute.
   Aber für Dorian war immer alles leicht. Nichts schien ihn aus der Bahn zu werfen oder ihm auch nur Kopfschmerzen zu bereiten. Gewann man nach einigen Jahrhunderten auf dieser Erde an Leichtigkeit? Er nahm diese Neuigkeit, diese absurde Wendung des Schicksals freudestrahlend als neue Herausforderung an. Ich ahnte bereits, dass er sich dem genauso hingebungsvoll widmen würde wie allen anderen Dingen, bei denen ich ihn bisher beobachten konnte.
   Eric war tatsächlich verschwunden und hatte sich nicht wieder gemeldet. Annie, die ich regelmäßig traf, erwähnte ihn gelegentlich, wenn er sich bei Josh von einer seiner Reisen gemeldet hatte. Sie bemerkte, dass es mich nicht interessierte, und ließ es sein. Auch wenn Eric mir leidtat, weil er mit niemandem teilen konnte, was er erlebt hatte, hoffte ich, dass wir ihn niemals wiedersehen würden. Mit wachsendem Unbehagen dachte ich daran, was passieren würde, wenn er erfuhr, dass ich schwanger war. Natürlich wüsste er sofort, dass es von ihm sein musste. Ich hatte keine Ahnung, wie er reagieren würde, und mochte auch nicht darüber nachdenken, dass er versuchen könnte, uns das Kind wegzunehmen. Und was Dorian wohl mit ihm anstellte.

*

Wenn Louisa zur Arbeit war, arbeitete ich die vielen Akten über meine diversen Firmen durch, um wieder auf dem neuesten Stand zu sein. Eine mühselige Arbeit, die mir schnell zum Hals heraus hing. Ich musste nach einem neuen Butler Ausschau halten. Mir war klar, dass das nicht leicht werden würde. James war nicht nur mein Butler gewesen, er war mein Zimmermädchen, mein Sekretär, mein Buchhalter und mein Freund. Und ein Genie. Er hatte ein fotografisches Gedächtnis und ein Gespür fürs Geschäft gehabt. Mir sagten die meisten Absender meiner Briefe nichts.
   Das alles waren sensible Informationen und mussten mit Bedacht geteilt werden. Leider weigerte sich Louisa, diese Arbeiten zu übernehmen. Ich fand, es war eine brillante Idee, dass sie für mich arbeitete. Ich hätte jemanden, der das machte, was mir nicht lag, und ich hätte Louisa die ganze Zeit bei mir. Selbstverständlich würde sie ihre bisherige Anstellung kündigen müssen. Bei mir hätte sie einen sicheren Job, denn mein Imperium würde nicht so schnell pleitegehen, und, sobald sie bei mir eingezogen war, einen kurzen Weg zur Arbeit.
   Wie so oft sah Louisa die Dinge weniger praktisch. Sie schlug mir stattdessen ihre Freundin Annie vor, die über die gleiche kaufmännische Ausbildung verfügte. Ich versprach halbherzig, darüber nachzudenken, und verlegte meine Bemühungen ins Schlafzimmer, um sie in einem dieser ekstatischen Momente zumindest davon zu überzeugen, endlich bei mir einzuziehen. Sie blieb standhaft und wehrte jedes Mal lächelnd ab.

Eines Abends, wir waren schwimmen, verließ Louisa als Erste das Becken. Ich betrachtete sie verzückt, beobachtete die kleinen Rinnsale, die ihren noch immer schlanken Körper hinunterliefen. Sie trocknete sich die langen Haare ab und wickelte sie in ein Handtuch. Wenn sie die Haare hochgesteckt trug, sah sie wirklich aus wie ein Engel. Aber vielleicht ließ die Schwangerschaft sie auch strahlen.
   »Du hast mich heute noch nicht gefragt, ob ich zu dir ziehen will.« Ihr Lächeln hätte den Nordpol zum Kochen bringen können.
   »Louisa, ziehst du endlich bei mir ein?« Ich warf mich nach hinten ins Wasser, bis meine Ohren untergetaucht waren. Dann konnte ich sie nicht mehr hören, denn ich kannte die Antwort bereits. Irgendetwas fiel neben mir ins Wasser. Ich schreckte hoch.
   Louisa stand am Beckenrand und hatte einen der gepolsterten Kleiderbügel nach mir geworfen. »Du hörst mich ja gar nicht.« Sie stemmte die schlanken Arme in die Hüften.
   Ich versank in den Fluten meines Schwimmbads und tauchte zum Rand. Mit einem einzigen kraftvollen Satz sprang ich aus dem Wasser und landete tropfend vor ihr. »Um wieder dein Nein zu hören?« Ich gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze, ging zu meiner Liege und rubbelte mir die nassen Haare ab.
   »Und wenn es dieses Mal ein Ja war?«
   Ach, jetzt verhöhnte sie mich auch noch. Das geschah mir recht. Was war aus mir geworden? Aus Dorian, dem ältesten und gefürchtetsten Vampir des Kontinents? Ach, was rede ich: der ganzen Welt. Ein liebeskranker Konservenbluttrinker! »War es eins?« Ich warf ihr über die Schulter hinweg einen Blick zu. Sie strahlte mich an und war so unglaublich schön dabei! Hatte ich tatsächlich die letzte Hürde gemeistert? Mit großen Schritten ging ich zu ihr und hob sie hoch. »Du ziehst bei mir ein?«
   Sie nickte lächelnd auf mich herab.
   »Du weißt, dass ich ein Vampir bin? Willst du wirklich mit einem Vampir zusammenleben? Dir ist schon klar, dass ich dich nie wieder gehen lassen werde? Du weißt zu viel und bist eine Gefahr für die nationale Sicherheit.«
   Louisa schüttelte den Kopf und lachte. »Ach, Dorian, du guckst zu viele Filme.«
   Ich strahlte sie an. »Das ist das größte Geschenk, das du mir machen kannst. Also mal von dem kleinen Leben abgesehen, das in dir heranwächst. Vielleicht lässt du mich auch irgendwann …?«
   Sie legte mir einen Finger auf den Mund und schüttelte den Kopf. »Du weißt, ich will das nicht. Jetzt erst recht nicht. Ich ziehe auch ohne Gegenleistung bei dir ein.«
   Ich hatte nicht ernsthaft vor, sie zu einem Vampir zu machen. Bisher hatte ich den Gedanken immer weit weggeschoben und das tat ich auch jetzt und küsste sie. Mein Glück war perfekt. Hoffte ich zumindest, aber wir wissen ja alle, wie das mit dem Hoffen läuft.
   Man rechnete unbewusst mit dem Gegenteil.

*

Jayden stand in der historischen Einkaufspassage an eine Marmorsäule gelehnt und betrachtete das rege Treiben um sich herum. Er trug einen schwarzen Anzug nach neuester Mode und teure Lederschuhe. Die strohblonden Haare hatte er sorgfältig zurückgekämmt. Sein Blick schien gelangweilt umherzuschweifen. Er stieß sich von der Wand ab und glitt mit geschmeidigen Bewegungen in den Strom der Kaufwilligen hinein. Hier und da drehten sich ein paar Köpfe nach ihm um. Sein Blick war plötzlich auf etwas vor ihm gerichtet. Er hatte sein Opfer für diesen Abend gefunden und folgte ihm hinaus auf den Domplatz und auf die geöffneten Türen der prächtigen Kirche zu.
   Die Sonne war bereits untergegangen, dennoch war es angenehm mild. Er liebte das warme Wetter im Süden, die temperamentvollen Frauen und deren Blut. Sein Opfer beobachtete er seit Wochen. Er wusste, wo sie wohnte, was sie arbeitete, wer ihre Freunde waren. Ob sie Kinder oder Haustiere hatte, Kaffee oder Tee trank und dass sie ihren Mann vor einigen Wochen verloren hatte.
   Woher er das wusste?
   Er hatte ihn getötet.
   Behände wich er einem Touristen aus, der rückwärtsgehend den richtigen Winkel zum Fotografieren des berühmten Bauwerks zu finden hoffte. Lautlos folgte er seinem Opfer, einer dunkelhaarigen Schönheit mit teuren Schnürpumps und noch teurerem Businesszweiteiler, in die Kirche. Sie bekreuzigte sich vor dem Altar, nahm an der Seite eine Kerze und zündete sie an. Sie setzte sich auf die vorderste Bank und murmelte vor sich hin. Jayden sank auf eine Bank hinter ihr. Nach wenigen Minuten stand sie auf, bekreuzigte sich erneut und schritt an ihm vorbei. Diese Szene hatte er etliche Male miterlebt. Heute sah er ihr in die Augen. Sie entdeckte ihn und senkte verlegen den Blick.
   Sie hatte große braune Augen mit dichten, langen Wimpern und einer so tiefen Traurigkeit, dass ihn eine freudige Erregung befiel. Von anderen Passanten ungesehen, folgte er ihr und sprach sie nach einigen Hundert Metern an. Er schmeichelte ihr und lullte sie geschickt ein. Es war ein kurzer Wortwechsel über wenige Meter auf dem Weg zu ihrer Wohnung. Als sich Jayden verabschieden wollte, hielt sie ihn zurück und lud ihn zu sich ein. Dass er damit gerechnet hatte, ahnte sie nicht.
   Als er sich kurze Zeit später in ihrem Bett über sie beugte, ahnte sie ebenfalls nicht, dass er nicht nur vorhatte, mit ihr zu schlafen. »Willst du wissen, wer deinen Mann umgebracht hat?« Er richtete sich auf und entblößte seine spitzen Eckzähne in einem Lächeln. »Das war ich.« Er legte ihr einen Finger auf die Lippen und bedeutete ihr mit einem intensiven Blick, den Mund zu halten.
   Die Frau riss die Augen auf. Unfähig zu schreien, war sie gezwungen, ihn anzusehen und seinen Worten zu lauschen. Er erzählte ihr in allen Einzelheiten, wie er ihren geliebten Mann getötet hatte. Dabei nahm er sie so sanft und liebevoll, dass sich ihm ihr Körper ohne ihr Zutun entgegendrängte und sie vor Wonne aufstöhnen ließ.
   Jayden ergötzte sich an ihrem Grauen und ließ sich ihr Blut schmecken. Das Blut eines zu Tode erschreckten Sterblichen schmeckte süßer, vor allem, wenn man es langsam genoss.
   Gesättigt sank er neben ihr in die Kissen. Sie lebte noch. Aus Gewohnheit hatte er etwas übrig gelassen. Für Jil. Die nicht mehr bei ihm war. Er hatte nichts mehr von ihr gehört und war zu stolz, um nach ihr zu suchen. Immerhin hatte sie ihn im Stich gelassen. Jayden hatte Trudy von Anfang an nicht leiden können. Zum wiederholten Male überlegte er, ob er Mary anrufen und sich nach seiner Schwester erkundigen sollte. Er bezweifelte nicht, dass Mary den beiden wie abgemacht geholfen hatte, an den Alten heranzukommen. Irgendetwas an der Art, wie sie seinen Namen wiederholt und wie sich ihre Stimme dabei verändert hatte, hatte ihn aufhorchen lassen. Mary kannte diesen Dorian, Jayden wusste nur nicht, woher, und wie sie zu ihm stand. Es war ihm auch egal. Er hatte zu lange unter Marys Einfluss gestanden. Das wollte er nicht noch einmal riskieren.
   Er war nach Norditalien gereist, wo er in seiner Kindheit viele glückliche Stunden verbracht hatte. Wochenlang hatte er sein Opfer beschattet. Um sich abzulenken, aber auch, weil er es liebte, sich immer wieder zu zügeln. Ihren Ehemann zu töten, war ein Versehen gewesen und sonst nicht seine Art. Er sorgte sich um seine Schwester, auch wenn er sich das ungern eingestand.
   Jayden wälzte sich in dem bequemen Bett herum. Nach all den Wochen der Vorfreude war die Show viel zu schnell vorbei gewesen. Sein Opfer war hübsch. Anders als seine blonde Schwester, aber mit einem wohlproportionierten Gesicht und langen, schmalen Armen und Beinen. Sie erinnerte ihn an ein Mädchen aus seiner Vergangenheit. Vielleicht hatte er sie deshalb ausgewählt.
   Er beschloss, wenn er bis Ende des Jahres nichts von Jil hörte, nach ihr zu suchen. Sie würde nicht merken, dass er da war. Auch wenn Mary ein Scheusal war, die Fähigkeit, sich vor anderen Vampiren zu verbergen, hatte er von ihr bekommen. Bedauerlich, dass Jil es nicht geerbt hatte.

2

Es dauerte, bis Louisa tatsächlich bei mir einzog. Ich war mir nicht sicher, ob sie mich absichtlich hinhielt. Vielleicht gab es eine Frist zu wahren, ehe man zusammenziehen konnte, ohne dass sich Freunde und Bekannte darüber wunderten. Mir war es egal. Ich hatte ihre Zusage, das reichte mir. Irgendwann war es so weit, und sie brachte ihre restlichen Sachen in einer Reisetasche mit und hielt mir ihre offene Hand hin.
   »Wenn ich hier wohnen soll, brauch ich die Codes für die Türen.« Ich sagte sie ihr. Sie schüttelte den Kopf. »Das kann ich mir nicht merken. Schreib sie mir auf.«
   Ich musste lachen. »Louisa, das sind Sicherheitscodes. Ich kann sie dir nicht aufschreiben. Das widerspricht ein bisschen dem Sicherheitsgedanken dahinter. Du könntest den Zettel verlieren.«
   Sie zog einen Schmollmund.
   »Ich helfe dir beim Lernen. Bis dahin bleibst du am besten hier drinnen.« Schnell sprang ich weg, bevor sie mir mit ihrem Ellenbogen in die Seite stoßen konnte. Ihr Lachen klang durch die Eingangshalle und erfüllte das Haus mit ganz neuem wundervollem Leben.

Mit ihr an meiner Seite, jeden Tag, begann die schönste Zeit in meinem langen Dasein. Sie war stets bei mir, selbst wenn sie nicht im Haus verweilte. Überall hing ihr Duft in der Luft und in jedem Zimmer fand ich Dinge von ihr. Es herrschte wieder Ordnung. Ich musste gestehen, dass ich Unordnung nicht ausstehen konnte, mich aber nicht in der Lage sah, sie zu beseitigen. Es war nicht so, dass ich nicht gewollt hätte, aber es war müßig, würde es doch nach kürzester Zeit wieder genauso unordentlich sein. Dieses ständige Dinge-wieder-an-ihren-Platz-bringen ging mir schlichtweg auf die Nerven. Ich stellte eine Putzfrau ein, die den Schmutz beseitigte, aber es war Louisa, die dafür sorgte, dass die Dinge an ihren Platz kamen.
   Leider wollte sie noch immer nicht für mich arbeiten und war deshalb viel zu viel außer Haus. Langsam gewöhnte ich mich daran, den Schreibkram zu erledigen. Es war jedoch mehr wie eine kahle Stelle auf dem Kopf, an die man sich gewöhnte, weil man nichts dagegen machen konnte.
   Noch ein Vorteil brachte das Zusammenleben: Ich konnte wieder regelmäßig trinken und schlafen. Wenn Louisa schlief oder auf der Arbeit war, begab ich mich in meine Betthöhle. Ich stellte mir einen Wecker und schlief nie mehr als vier Stunden und auch nicht jeden Tag. Das war eine angemessene Zeit, um mich zu entspannen, und nicht so lang, dass Louisa in der Zeit etwas geschehen konnte. Wobei ich leichter in den Schlaf kam, wenn ich sie oben im Bett wusste.
   Ich hatte bis auf die Putzfrau und einen Koch keine neuen Sterblichen eingestellt. Bei allen Angestellten achtete ich für gewöhnlich darauf, dass sie mich nicht zu Gesicht bekamen. Ich rief sie über die Haustelefone an oder schrieb ihnen Nachrichten. Das war bei unserem Koch nicht leicht, da er immer im Haus war, wenn Louisa hier war. Sobald sie hier war, wollte ich natürlich Zeit mit ihr verbringen. Glücklicherweise ging der gute Mann seiner Arbeit nach, und wenn er das Essen servierte, war er zurückhaltend und verschwand schnell wieder an seinen Arbeitsplatz. Louisa war diejenige, die ihn lobte und Menüwünsche äußerte. Ich blieb außen vor, und Henri störte sich nicht daran.
   Obwohl sie Henris Dienste gern in Anspruch nahm, nahm sie alles, was ich ihr schenkte, was ohnehin nicht viel war, eher widerwillig an. Sie war nicht der Typ Frau, der mit Kleidern, Schuhen und Schmuck glücklich zu machen war. Es war ihr unangenehm, wenn ich ihr etwas kaufte, und sie bat auch nie um etwas.
   Aber ein Auto ließ sie mich kaufen. Das nahm sie nur an, weil ihr meine Sportwagen zu schnell waren. Mir natürlich auch. Damit konnte man leicht einen Unfall bauen, was mir auch schon passiert war. Ich jedoch konnte einfach ein, zwei Minuten liegen bleiben, aus dem zerbeulten Blechhaufen aussteigen, und alles war wieder in Ordnung. Ich kaufte ihr einen Audi A1, der sah nicht so abscheulich aus wie die anderen Stadtautos, und es gab ihn in Blutrot. Ich hatte gelesen, dass die Menschen unbewusst im Straßenverkehr mehr auf rote Autos achteten. Genau richtig für meine Louisa. Außerdem ließ ich ihn drosseln, auch wenn ich bei meinem Mechaniker damit auf Unverständnis stieß.
   Selbst das Auto wollte sie bei mir abbezahlen mit dem Geld, das sie für die Untervermietung ihrer Wohnung bekam. Sie war entzückend und hatte wohl keine Ahnung, was mich der Audi in dieser speziellen Sonderausstattung gekostet hatte, und wie lange sie daran würde abzahlen müssen.
   Einen Laptop ließ sie sich bereitwilliger von mir schenken, aber auch nur, weil sie immer über ihren alten schimpfte, und ich es irgendwann nicht mehr hören konnte und ihn wegschmiss. Manchmal verbrachte sie Stunden vor dem Ding und schrieb. Ich wusste nicht, was sie da schrieb und fragte auch nicht. Wenn sie es mir zeigen wollte, würde sie es schon tun.
   Ich ließ sie noch immer ungern allein raus, aber wenn ich es tat, war es zu schön, wenn sie mich von draußen bat, sie hereinzulassen, weil sie wieder einmal den Sicherheitscode vergessen hatte. Ich bekam ein Gespür dafür, wann sie nach Hause kam. Zuerst waren es Ahnungen, doch mit der Zeit spürte ich, sobald sie in der Nähe war. Vielleicht hörte ich es auch am Klang ihres Autos. Manchmal versteckte ich mich draußen und beobachtete sie, wie sie mit der Tastatur schimpfte, als könnte die etwas dafür, dass sie sich die Zahlenkombination nicht merken konnte. Wie sie nach mir rief, die Hand in die Seite gestützt, war entzückend. Ich liebte sie wirklich über alles.

*

Annie lag mir seit meinem Umzug zu Dorian damit in den Ohren, dass wir eine Poolparty veranstalten sollten. Ich lebte mit einem Vampir zusammen. Das konnte ich Annie nicht erzählen, aber ich wollte sie nicht länger ausschließen. Immerhin war sie meine beste Freundin. Also luden wir sie und Josh zu uns auf einen Fernsehabend ein.
   Pünktlich um acht Uhr klingelten die beiden am äußeren Tor. Ich hatte Dorian gebeten, es nur dieses eine Mal offen zu lassen, damit sie nicht schon eingeschüchtert hier ankamen, aber er ließ sich auf keine Diskussion ein. Wir begrüßten die beiden in der Eingangshalle, die nicht mehr so leer war, weil ich dort ein paar der antiken Möbelstücke platziert hatte. Dorian hatte den Arm um mich gelegt und war bester Laune. Ich sah diesem Treffen eher mit gemischten Gefühlen entgegen. Obwohl sich Dorian ungeniert in der Öffentlichkeit bewegte, hatte ich immer Angst, er würde entdeckt.
   »Willkommen in meinem bescheidenen Heim«, empfing er die beiden und gab erst Annie und dann Josh die Hand.
   Ich verdrehte die Augen, aber weder das noch Dorians Worte schienen bei meiner Freundin angekommen zu sein. So wie ich vor einiger Zeit, stand sie mit offenem Mund in der Halle und starrte auf den riesigen Kronleuchter an der hohen Decke.
   »Wie habt ihr den denn da hochgekriegt? Mit einem Kran?«
   »Schön, dass ihr gekommen seid.« Ich zog sie lachend ins Wohnzimmer.
   Sie sah sich neugierig um. »Hey, das wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Wow, ihr habt ja eine Menge … Platz.«
   Dorian und Josh folgten uns.
   »Setzt euch bitte. Kann ich euch was zu trinken anbieten?«, fragte Dorian.
   »Ich nehme ein Bier«, antwortete Josh und ließ sich in einen der großen Sessel fallen. »Schön habt ihr’s hier«, fügte er hinzu und es klang so, als dachte er, er müsste etwas Derartiges sagen. Obwohl Dorian genau genommen sein Boss war, konnte Joshua das trennen.
   Dorian holte aus der Küche ein Bier für Josh, eine Flasche seines Lieblingswhiskeys und zwei Gläser. Mittlerweile kannte er sich in seinem Haus so gut aus, wie es sein sollte. Auch wenn er mit einem Lächeln zurückkam, wusste ich, dass er das lieber einen Butler machen ließ. Er war sich nicht zu schade dafür, aber es langweilte ihn, wie er sagte, und er wollte seine kostbare Zeit nicht mit solchen Nichtigkeiten verschwenden. Manchmal fragte ich mich, ob Dorian als Mensch schon sonderbar war, oder ob die Zeit ihn so hatte werden lassen. Jemanden nach über sechshundert Lebensjahren von kostbarer Zeit reden zu hören, war verrückt.
   Ich nahm Annie bei der Hand, und wir gingen lachend durchs Haus. »Da ist das Bad und hinter der Tür ist Dorians Arbeitszimmer. Dort geht es nach unten in die Garage und den Weinkeller, wobei da überwiegend Dorians Whiskey lagert.« Ich zog sie mit nach oben und zeigte ihr das Zimmer, das Dorian für mich vorgesehen hatte, und das ich nicht nutzte, und die Gästezimmer, die genauso wenig genutzt wurden.
   »Es ist verrückt, dass du tatsächlich hier wohnst. Dieses Haus ist riesengroß! Und wie edel alles eingerichtet ist. Euer Ankleidezimmer ist so groß wie mein Wohnzimmer. Das ist echt der Hammer. Und Dorian, dieser wahnsinnig gut aussehende Kerl … Ich geb’s nur ungern zu, aber ich beneide dich. Hat Dorian vielleicht noch einen hübschen Bruder, der genauso viel Kohle hat?«
   Wenn sie wüsste, wie alt dieser Bruder sein müsste. »Das Beste hast du noch nicht gesehen.« Ich zog sie wieder nach unten, um ihr die Schwimmhalle zu zeigen.
   Wie erwartet, war sie sprachlos. Es war auch nicht nur ein Pool. Dieser Pool war wahrhaftig so groß wie das Becken einer öffentlichen Schwimmhalle. Trotzdem war genügend Platz für mehrere Liegen, einen Tisch und ein Regal für die Handtücher. Es war alles nicht mehr so akkurat zusammengelegt und drapiert, wie James es gemacht hatte, aber ich gab mein Bestes. Dorian war für solche Dinge nicht zu gebrauchen. Da war er ganz Mann.
   »Um dich noch mehr zu schocken: Unter dem Haus ist eine Garage, in der weiß der Henker wie viele Luxuswagen stehen. Einer teurer als der andere. Wenn du ganz nach unten tauchst, kannst du durch ein Fenster einen Blick darauf werfen.«
   »Und trotzdem wirkt Dorian, als wäre er völlig normal geblieben.«
   Ich fand es beruhigend, dass meine Freundin meinen Vampirfreund als normal empfand. Die Tür zum Schwimmbad öffnete sich und Dorian lugte mit Josh herein.
   »Es sind elf Autos, deiner nicht mitgezählt.« Er grinste mich an. »Ich wollte gerade mit Josh hinuntergehen und sie ihm zeigen. Wollt ihr mitkommen?«
   Annie zog ein Gesicht, denn sie interessierte sich ebenso wenig für Autos wie ich.
   »Nein danke, ich zeig Annie noch den Rest.«
   »Wie ihr wollt«, sagte Dorian, kam zu mir und küsste mich, als wären wir allein. »Wir machen vielleicht noch eine Spritztour übers Grundstück.«
   Ich sah seine Augen für einen winzigen Moment dunkel auflodern und musste lachen, weil ihn ein Kuss bereits erregte. Annie beobachtete uns mit großen Augen.
   »Sie ist wundervoll, nicht wahr?«, raunte er ihr zu, schnappte sich Josh und ging mit ihm lachend wieder raus.
   »Du hast sogar ein eigenes Auto?«
   Annie wusste, dass ich mir bisher keines leisten konnte. »Ja, Dorian hat es gekauft. Seine Sportwagen sind alle zu schnell, damit möchte ich nicht fahren. Ehe er mir einen Chauffeur vorsetzt, hab ich mich darauf eingelassen. Ich zahl es ihm von dem Geld zurück, das ich für meine Wohnung bekomme.«
   »Was das angeht, hast du dich nicht verändert. Wenn ich mich hier so umsehe, tut es ihm wohl nicht im Geldbeutel weh, wenn du das Auto als Geschenk annimmst.«
   Ich zuckte die Schultern und wir gingen zurück ins Wohnzimmer.
   »Ich hab dich noch nie so glücklich und entspannt gesehen. Dorian scheint dir gutzutun und dafür musste er sich nicht einmal die langen Haare abschneiden.«
   Ich musste lachen und erinnerte mich, dass mich seine langen Haare zu Anfang abgestoßen hatten. Ich hatte mich schon immer an Kleinigkeiten festgehalten. Zum Glück war Dorian hartnäckig geblieben.
   »Wenn ich all das hier geahnt hätte, hätte ich ihn an dem Abend im R7 doch angesprochen«, neckte mich Annie.
   »Zu spät. Dorian gehört mir und das wird sich so schnell nicht ändern. Möchtest du einen Sekt trinken?«
   Annie nickte und ich holte einen Piccolo und ein Glas aus der Küche und setzte mir Wasser für einen Tee auf.
   »Du trinkst nicht mehr?«
   Ich schüttelte den Kopf und sah weg, da ich ihr die Neuigkeit über meine Schwangerschaft lieber in Dorians Anwesenheit erzählt hätte.
   »Das ist vernünftig. Ich kann mich noch gut an deinen Zusammenbruch erinnern. Das war echt nicht schön. Weißt du, ich hab schon länger darüber nachgedacht, ob ich dich mal darauf anspreche. Dass du zu viel getrunken hast und auch zu oft.«
   »Wirklich?«
   »Ich glaube, dir ist das nicht aufgefallen, aber im Gegensatz zu dir war ich nicht jedes Mal betrunken, wenn wir zusammen weggegangen sind. Ich bin froh, dass Dorian dich da rausgeholt hat, ehe es wirklich peinlich für dich geworden wäre.«
   »Eigentlich war es mir schon peinlich genug.«
   Annie sah mich nachdenklich an. »Du kannst dich wirklich nicht an den Abend erinnern, als wir Josh und Eric kennengelernt haben, oder?«
   Ich verneinte.
   »Absolut keine Erinnerung an dein Wetttrinken mit Josh? Oder deinen Tabledance? Und dass Eric dich mit Gewalt von dem Tresen zerren musste, ehe du dich blamiertest?«
   Ich schüttelte entgeistert den Kopf.
   »An dem Abend waren wir alle betrunken, aber du hast den Vogel abgeschossen. Es hat mich gewundert, dass du Eric nicht mit nach Hause genommen hast, so wild, wie ihr rumgeknutscht habt. Aber er war ja genauso betrunken. Da habt ihr, was das anging, gut zusammengepasst.«
   Hitze stieg in mir auf, doch Annie grinste.
   »Du kennst dich gut mit Autos aus.« Dorian und Josh kamen zurück und retteten mich damit aus dieser peinlichen Situation. »Das nächste Mal machen wir eine längere Tour.«
   »Sehr gern«, erwiderte Josh, dessen Wangen vor Begeisterung glühten. Er setzte sich neben Annie und griff nach seiner Bierflasche.
   Dorian gab mir einen kühlen prickelnden Kuss auf die Wange. »Tabledance?«, raunte er mir zu, und ich wusste, er hatte alles gehört.
   Ich wurde rot.
   Dorian setzte sich in den Sessel neben mir. Er ließ die Augenbrauen hüpfen, und ich konnte mir vorstellen, welches Bild ihm durch den Kopf ging.
   »Ihr seht wirklich glücklich aus«, sagte Annie, die uns beobachtet hatte.
   »Dafür haben wir auch allen Grund«, sagte Dorian und griff nach meiner Hand. »Louisa ist schwanger. Wir bekommen ein Kind.«
   Annie fiel buchstäblich die Kinnlade hinunter. Josh stand auf und klopfte Dorian freundschaftlich auf die Schulter.
   »Herzlichen Glückwunsch! Dir auch, Louisa.«
   Ich nickte nur und sah Annie an.
   »Das ist ja, äh, eine Überraschung.«
   Ich konnte ihr ihre Bedenken förmlich ansehen und ahnte, wie das alles auf sie wirken musste. »Es war nicht geplant. Wir haben einmal nicht aufgepasst und da ist es halt passiert.« Die Wahrheit konnte ich ihr natürlich nicht erzählen.
   »Tut mir leid«, sagte sie, stand auf und umarmte mich. »Damit hab ich nicht gerechnet. Du bist so schnell hier eingezogen, das hat mich schon überrascht. Meinen herzlichen Glückwunsch. Ehrlich. Euch beiden.«
   Sie drückte mich und umarmte auch Dorian spontan, doch ihr zweifelnder Blick blieb. Als Dorian aufstand, um zur Feier des Tages eine Flasche Champagner aus dem Weinkeller zu holen, bat er Josh, ihn zu begleiten.
   Kaum waren die beiden zur Tür hinaus, setzte sich Annie neben mich. »Bist du dir sicher, dass du das schon möchtest, Louisa?«
   Ich seufzte und versuchte, ihre Bedenken, die ich gut nachvollziehen konnte, zu zerstreuen. Annie sah mich noch immer mit diesem Blick an, den ich schon so oft an ihr gesehen hatte. Sie machte sich Sorgen, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Dafür mochte ich sie umso mehr. Irgendwann schien sie zu begreifen, wie ernst es mir war, und dass ich diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen hatte.
   »Dorian muss wirklich der Richtige sein. Schau dich an, was er aus dir gemacht hat. Du warst so ängstlich und ernst seit der Sache mit Mick. Nun wirkst du zufrieden und unerschütterlich. Tut mir leid, dass ich skeptisch reagiert habe. Ich glaube, ich muss mich erst an diese neue Louisa gewöhnen. Die selbstbewusste, glückliche Louisa mit dem reichen Freund und bald auch mit Baby.«
   Mir kamen die Tränen, und das lag nicht an den Hormonen, die seit einigen Wochen verrücktspielten. Als Annie mich lachend in den Arm nahm, fing ich richtig an zu weinen.
   »Du musst doch nicht weinen.«
   Doch ich konnte nicht anders, es kam einfach aus mir heraus. Ich hatte mich so oft bei Dorian ausgeweint, aber das war Annie, meine beste Freundin. Sie war diejenige, der ich bisher immer alles erzählt hatte, und es nun nicht mehr konnte. In dem Moment merkte ich erst, wie sehr sie mir fehlte. Dorians kühle Hand lag plötzlich auf meiner Schulter.
   »Warum weint sie?«
   Wir hatten ihn nicht hereinkommen hören. Natürlich nicht. Für gewöhnlich hielt er sich mit seinen Vampireigenarten zurück, wenn andere in der Nähe waren.
   »Das sind nur die Hormone«, erklärte Annie und drückte mich fester, als wollte sie mich vor Dorian beschützen.
   »Es geht schon wieder.« Ich befreite mich aus ihrer Umarmung und sah Dorian an. Er wirkte besorgt, fasste sich aber schnell wieder.
   Auch wenn ich Annie nichts von dem erzählen konnte, was mir widerfahren war, redeten wir die halbe Nacht miteinander, ohne die Männer in unser Gespräch miteinzubeziehen. Annie erzählte mir von ihrem Zusammensein mit Josh, was sich in meinen Ohren harmonisch und vor allem sexgeladen anhörte. So kannte ich sie. Sie unternahmen viel mit Kelly, worüber ich mich wunderte, denn ich an ihrer Stelle hätte keine Lust, das dritte Rad am Wagen zu sein. Ich war froh, mit jemand anderem als Dorian über meine Schwangerschaft und die Wehwehchen, die mich seitdem plagten, zu reden.
   Es war spät, als wir die beiden verabschiedeten.
   Dorian sicherte wie immer die Tür und drehte sich mit einem schelmischen Grinsen zu mir um. »Ich wusste gar nicht, dass du Tabledance kannst. Das musst du mir unbedingt zeigen.« Er nahm mich auf den Arm und sprang mit einem Satz die Treppe hinauf und rannte ins Schlafzimmer. Er küsste mich stürmisch und machte sich gleichzeitig an meiner Hose zu schaffen.
   »Dafür brauchen wir aber einen Tisch«, warf ich ein, als Dorian mich aufs Bett drängte.
   »Vergiss den Tisch.«

Im Laufe der Wochen verschlimmerten sich die körperlichen Anzeichen, die sich bereits von Anfang an in Kleinigkeiten gezeigt hatten, und ich genoss Dorians Fürsorge. Die morgendliche Übelkeit ließ schnell wieder nach, aber ich wurde launisch und war zwischendurch so müde, dass ich mich kaum wachhalten konnte. Unser Koch verzweifelte fast an meinen Gelüsten. Wovon ich tagelang nicht genug bekommen konnte, verursachte mir von einem Moment auf den anderen Übelkeit.
   Dorian bereitete sich, wie bei allem, was er tat, akribisch auf das Elternwerden vor. Ich sah ihn immer wieder über einem Buch über Schwangerschaft und Kindererziehung hocken. Er kam zu jeder Vorsorgeuntersuchung mit, auch wenn er sich in Gegenwart von Ärzten nicht wohlfühlte. Wie ein Kind starrte er fasziniert auf den Monitor und bat den Arzt jedes Mal, noch ein bisschen länger gucken zu dürfen. Ich war mir sicher, dass er meinen Gynäkologen mit seinem Vampirblick blendete.
   Im Haus gab es genügend ungenutzte Zimmer, und wir hatten fürs Kinderzimmer das ausgewählt, das dem Schlafzimmer am nächsten lag. Ich musste Dorian zügeln, nicht sofort Möbel und Spielzeug fürs Kinderzimmer zu kaufen. Ich hatte gelesen, dass es Unglück brachte, das Kinderzimmer vor der Geburt einzurichten. Deshalb beharrte ich darauf, zu warten. Außerdem mussten wir abwarten, ob es ein Junge oder ein Mädchen würde. Ich wünschte mir ein Mädchen, weil ich hoffte, dass es nicht wie Eric aussehen würde. Dorian war das egal. Er war der glücklichste werdende Vater, den ich jemals erlebt hatte.

*

Louisa tat der Besuch ihrer Freundin gut, und ich mochte Josh. Sollte ich jemals eine freundschaftliche Beziehung zu einem Sterblichen anstreben, dann mit jemandem wie Josh. Ich lud sie erneut ein und ließ die beiden sogar bei uns übernachten. Was keine gute Idee war.
   Am Morgen machte ich Annie das Angebot, für mich zu arbeiten. Sie war, wie erwartet, überrascht, aber da ich ihr wesentlich mehr zahlen würde als ihr bisheriger Arbeitgeber, wollte sie darüber nachdenken. Ihre Referenzen sprachen für sie, und als Louisas Freundin konnte ich ihr vertrauen.
   Danach verabschiedete Louisa unseren Besuch. Ich hatte keine Zeit gehabt, mich noch einmal zu ihnen zu setzen, sondern hatte E-Mails zu beantworten. Das meiste waren Anfragen, die ich sofort löschen konnte. Aber es gab auch neue Personalberichte durchzuarbeiten. Da ich nicht ständig vor Ort sein konnte, bekam ich von allen Geschäftsführern einen Wochenbericht darüber, wer wie gearbeitet hatte und was es zu berichten gab. Ich las gerade den Bericht des Blutspendezentrums durch, als Louisa zu mir kam und sich auf meinen Schoß setzte.
   »Sind sie weg?«, fragte ich, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden.
   »Es war deine Idee, sie hier übernachten zu lassen.«
   »Ja, das ist es auch nicht«, sagte ich und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Wusstest du, dass Joshua in meinem Blutspendezentrum arbeitet?«
   »Ja. Wieso?«
   »Ich hab Annie gefragt, ob sie für mich arbeiten will. Sie will es sich überlegen.«
   »Na, das ist doch gut. Warum bist du dann so grimmig?«
   Ich sah vom Monitor auf. War ich grimmig? Ja, das war ich wohl. Ich hasste diese Arbeit und ich vermisste James. Er hatte sich um diesen Mist gekümmert. Ich brauchte einen neuen James! Außerdem hatte ich die Nacht neben meiner schlafenden Freundin nicht genießen können, während ein paar Zimmer weiter zwei Sterbliche Dinge taten, die ich auch gern getan hätte. Und ich hatte Durst. »Ich hab Annie und Josh die ganze Nacht gehört.« Die Neugier hatte mich sogar an ihre Tür getrieben, die einen Spaltbreit offen gestanden hatte. Was ich gesehen hatte, hatte nicht dazu beigetragen, dass ich mich hatte entspannen können.
   »Ich hab prima geschlafen«, erwiderte Louisa und schmiegte ihre warme Wange an meinen Hals.
   »Ich weiß«, brummte ich und wollte sie von mir schieben, um mich wieder dieser lästigen Arbeit zu widmen. Nach den Wochenberichten musste ich einige Mahnungen überprüfen. Fürchterlich peinliche Angelegenheit. Ich hatte genug Geld, aber offenbar hatte ich ein paar Rechnungen übersehen. Oder sie steckten noch in den ungeöffneten Briefumschlägen.
   »Wie lange sitzt du hier schon?«
   »Keine Ahnung. Nachdem Annie das halbe Haus zusammen geschrien hat, bin ich runtergegangen.« Ich schloss den Bericht. Ich hatte ihn nur überflogen, aber das musste reichen.
   »Armer Kerl. Komm, ich helfe dir.«
   So kam es, dass Louisa aus Mitleid anfing, sich um meine Konten zu kümmern. Das war etwas, was ich Annie nicht anvertrauen würde. Es war besser, wenn nicht jeder wusste, wie zahlungskräftig man war. Und ich war verdammt zahlungskräftig. Louisa war meine Freundin. Sollte sie ruhig wissen, mit was für einem wohlhabenden Vampir sie ihr Leben verbrachte.
   Sie überprüfte Zahlungsein- und -ausgänge und kümmerte sich um aufgelaufene Rechnungen und Mahnungen. Das war zum Glück nicht so viel, dass sie sich jeden Tag daran setzen musste, sondern hielt sie nur ein paar Stunden von mir fern. Annie überlegte es sich und fing an, stundenweise für mich zu arbeiten. So hatte ich endlich mehr Zeit für die wichtigeren Dinge im Leben. Geld wollte Louisa dafür wie erwartet nicht haben. Sie meinte, das wäre ihr Beitrag zur Miete. Das war egal. Ich hatte ihr bereits ein gut gepolstertes Konto eingerichtet und ihr eine Kreditkarte dafür gegeben, die sie jederzeit benutzen konnte.
   Als sich nach meiner Stimmung auch das Wetter aufhellte, und es Sommer wurde, kam ich in den Genuss, Louisa tagtäglich leicht bekleidet herumlaufen zu sehen. Man konnte die Schwangerschaft nun deutlich sehen, und sie betonte sie mit engen Tops und Kleidern. Niemals hatte eine Schwangerschaft einer Frau so gut gestanden wie ihr.
   Im Laufe des erstaunlich warmen Spätsommers hörte sie endlich auf, für diese Fremdfirma zu arbeiten. Ich hatte lange auf sie einreden müssen, aber nachdem es einige Tage sehr heiß war, und sie Kreislaufprobleme bekommen hatte, blieb sie zu meiner Freude daheim. Ich machte es ihr so bequem wie möglich, und unsere traute Zweisamkeit wurde weder von Eric noch von anderen Vampiren gestört. Nur Louisas Launen trübten unser Glück zwischenzeitlich und machten mich mitunter so wütend, dass ich nachts losgehen musste, um jemanden zu töten. Dabei wusste ich genau, dass es die Hormone waren, aber als sie mir eine Affäre mit ihrer Freundin Annie andichtete, nur weil wir über das Geschäftliche hinaus miteinander sprachen, und Annie bei einer dieser Gelegenheiten über einen meiner Scherze lachte, wäre ich fast verzweifelt. So kannte ich meine Louisa nicht, und sie machte es mir nicht leicht, sie von diesem Gedanken abzubringen. Zwei Tage später war jedoch alles wieder beim Alten, und sie verlor kein Wort darüber. Versteh einer die Frauen!

3

Als sich das Jahr dem Ende zuneigte, trug Louisa immer schwerer an ihrem Bauch. Sie schlief viel, war launisch und schimpfte darüber, dass es zu warm war im Haus. Doch wenn sie sich an mich schmiegte, und ich die Bewegungen unseres Kindes unter ihrer extrem gespannten Haut spürte, hätte ich platzen mögen vor Glück und Liebe. Für mich war es mein Kind, das sie mühsam austrug. Um es ihr zu beweisen, obwohl ich natürlich nicht annahm, dass sie einen Beweis gebraucht hätte, hatte ich mir ein besonderes Weihnachtsgeschenk überlegt.
   Nach einigen Diskussionen mit ihren Eltern, die gern ein Weihnachtsfest mit der gesamten Familie veranstaltet hätten, setzte sich Louisa durch, und wir feierten Weihnachten zu zweit. Mir hätte es nichts ausgemacht, ihre Familie zu uns einzuladen, aber Louisa hatte sich dagegen gesträubt, sodass ich dem nichts entgegenzusetzen hatte. Solange wir zusammen waren, war mir alles recht. Dafür hatten wir Annie und Josh, die sowieso ständig zu Besuch kamen, um Louisa die Zeit zu versüßen und es in unserem Pool zu treiben, für den ersten Weihnachtstag eingeladen. Danach würden wir ins Penthouse umziehen. Es waren nur noch vier Wochen bis zur Niederkunft, und vom Penthouse aus waren wir schneller bei ihrem Arzt und im Krankenhaus.
   Am Heiligen Abend waren wir allein. Schwimmen gehen mochte Louisa nicht mehr. Sie meinte, sie würde sich danach noch schwerer fühlen. Aber wir hatten eine Badewanne, in die wir und ihr Bauch bequem hineinpassten. Ich hatte Kerzen angezündet und ließ wiederholt warmes Wasser nachlaufen, damit sie nicht fror.
   »Das ist das schönste Weihnachten, das ich je hatte.« Sie lächelte mich über die Schulter hinweg an.
   »Tatsächlich?«
   »Ja. Nicht nur, weil du da bist, sondern weil ich endlich das machen kann, worauf ich Lust habe.«
   Ich musste lachen. »Konntest du das sonst nicht?«
   »Nein, meine Eltern haben immer ein großes Trara um Weihnachten gemacht. Das Haus schmücken, einen Baum aussuchen und den auch schmücken, zusammen kochen und Weihnachtslieder singen. Die ganze Zeit musste man fröhlich sein. Das hier ist schöner. Besinnlicher, wenn du so willst.«
   Besinnlich hätte ich das nicht genannt, was wir getan hatten, bevor ich ihr die Haare gewaschen hatte. Louisa war in der Schwangerschaft sinnlicher denn je, und auch wenn ich mich zurückhielt, um ihr oder dem Baby nicht wehzutun, war es jedes Mal unvergleichlich erfüllend. »Aber schenken darf ich dir trotzdem etwas, oder?«, fragte ich sie und überlegte, ob sie noch einmal Lust auf etwas herrlich Unbesinnliches hätte.
   Ich saß hinter ihr, und sie lehnte sich seufzend zurück, als meine Hände wie automatisch von ihren Haaren abließen und ihre festen großen Brüste umschlossen. Sie legte den Kopf in den Nacken und reckte ihr Kinn vor, wie ich es schon so oft gesehen hatte, damit ich sie küsste.
   »Du bist unersättlich.«
   »Bei einer so schönen Frau wie dir ist das kein Wunder«, sagte ich, ließ aber wieder von ihr ab, da sie offensichtlich nicht so unersättlich war.
   »Mein Bauch ist schon gar nicht mehr unter Wasser«, erwiderte sie kopfschüttelnd und sah mich mit zurückgelegtem Kopf an. »Ich liebe dich, Dorian.«
   Wann immer sie das sagte, blieb mir die Luft weg. Es war jedes Mal, als hörte ich es zum ersten Mal. Jedes Mal wünschte ich mir, sie würde es wieder sagen. Nur, um mir erneut zu wünschen, sie würde es ein weiteres Mal sagen. Sie sagte es nicht einfach, sie ließ es mich spüren. Mir kribbelten die Handflächen, und ich bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend.
   »Aber ich will raus aus der Wanne. Ich hab nämlich auch ein Geschenk für dich.« Sie grinste mich an und ich hob sie mühelos aus dem Wasser. Ein Geschenk? Was könnte sie mir schenken, was sie mir nicht bereits geschenkt hatte?
   Sie erwartete mich mit einem Lächeln im Wohnzimmer. Neben ihr lag ein hübsch verpacktes Paket, an dessen Größe ich nicht ausmachen konnte, was es enthielt. Ich hielt einen Moment inne und betrachtete sie, versuchte mir dieses Bild unwiderruflich einzuprägen. Diese wundervolle Frau in dem engen schwarzen Kleid mit dem runden Bauch und dem Lächeln eines Engels, eingerahmt von einer dunklen Haarpracht und eingehüllt in ihren einzigartigen Duft nach Blumen, Liebe und Leben.
   »Du zuerst.« Sie hielt mir das Paket hin.
   Ich öffnete es. Zum Vorschein kam ein in blutroten Karton gebundenes Buch. Auf dem Einband prangte mein verschnörkeltes Monogramm »DF«. Neugierig schlug ich es auf. Erzählungen eines Vampirs stand auf der ersten Seite. Ich stutzte, blätterte weiter und las den ersten Absatz. »Hallo, mein Name ist Dorian und ich bin ein Vampir …« Ich las staunend ein paar Seiten. »Du hast meine Geschichten aufgeschrieben.«
   Louisa nickte erfreut. »Nicht für die Öffentlichkeit. Nur für uns. Du hast so viel erlebt, ich fand, das sollte aufgeschrieben werden. Sieh es einfach als deine Biografie – für unser Kind.«
   Ich umarmte sie überwältigt. Das hatte sie also die ganze Zeit geschrieben. »Das ist ein wundervolles Geschenk. Ich danke dir!« Ich blätterte noch einmal darin herum und legte es dann beiseite. »Du musst es aber noch um ein paar ganz entscheidende Kapitel erweitern.«
   Ich holte ihr Geschenk aus meinem Jackett und kniete mich vor sie auf den kalten Marmorboden. Mein Geschenk hatte eher symbolischen Charakter und war nicht so kreativ wie ihres. Leider wusste ich nicht, wie sie auf die dazugehörige Frage reagieren würde. Ich hatte lange darüber nachgedacht, aber mir lief in dieser Angelegenheit ein wenig die Zeit davon. »Louisa Flower Reeves, möchtest du meine Frau werden?«
   Sie sagte nichts, sondern öffnete lächelnd die Schmuckschatulle und sah hinein. Als sie mich wieder ansah, funkelten ihre Augen wie graublaue Diamanten. »Der ist wunderschön!«
   »Leider habe ich kein Erbstück meiner Mutter, aber dafür eines einer netten Hofdame einer französischen Königin. Das ist der Ring, der mir so viel Glück gebracht hatte, und ich dachte, er passt zu dir.« Ich hatte überlegt, ihr einen Ring anfertigen zu lassen, aber dieser Ring hatte es mir seit jeher angetan. Ich hatte ihn eine Zeit lang getragen, wovon ich Louisa erzählt hatte. Deshalb hatte ich ihn ausgewählt und anpassen lassen. Der Ring bestand aus einem blauen Saphir, der mit Diamantrosen eingefasst war. Etwas zu mächtig für die heutige Zeit, aber für meine Louisa genau richtig. »Louisa, ich liebe dich über alles. Willst du meine Frau werden?« Ich hielt ihr den Ring hin.
   »Ja. Das will ich«, flüsterte sie und brachte mein Herz damit erneut zum Bersten.
   Ich nahm ihre Hand und streifte ihr den Ring über. Er passte perfekt, selbstverständlich. »Dann werden wir wirklich eine Familie«, raunte ich ihr zu und küsste sie.
   Sie warf die Arme um meinen Nacken, soweit es mit ihrem Bauch möglich war, und lachte. Staunend stellte ich fest, dass es von Glück immer noch eine Steigerung gab. Wenn Glaube Berge versetzen kann, müsste Liebe Tote aufwecken können. Nie hatte ich mich lebendiger gefühlt als mit Louisa, meiner zukünftigen Frau, im Arm. Nun wurde ich auf meine alten Tage nicht nur Vater, sondern würde sogar noch heiraten. War das zu fassen?
   »Wir heiraten erst, wenn das Baby da ist«, holte sie mich mit einem Schlag wieder auf den kalten Boden der Tatsachen zurück. »So, wie ich aussehe, will ich das nicht.«
   »Du bist wunderschön, Louisa«, versicherte ich ihr, da es mir im Grunde genau darum ging, es jetzt noch zu tun. Bevor das Baby kam. Vielleicht wurde ich langsam sentimental oder war altmodisch, aber ich wollte, dass das Kind nicht unehelich auf die Welt kam, sondern von Anfang an meinen Namen trug. Ich würde gern als ihr Mann mit ins Krankenhaus kommen, wenn ich so etwas schon betreten musste, nicht als ihr Freund. Wie klang denn das? Als hätten wir einen Fehler gemacht und wären deshalb zusammen.
   »Ich fühl mich aber nicht so. Außerdem sind es nur noch ein paar Wochen.« Sie sah mich mit ihren weichen Augen bittend an.
   Damit setzte sie mich immer schachmatt. Vielleicht stellte ich mich ja nur an.

Es wurde mir jedoch immer wichtiger, sie noch vor der Entbindung zu meiner Frau zu machen. Dabei dachte ich nicht einmal an die standesamtlichen Formalitäten. Als Vampir verfügte ich ausschließlich über gefälschte Papiere, deshalb bedeuteten die mir nichts. Ich kam aus einer sehr religiösen Zeit, und dass ich ein Untoter, ein Geschöpf der Nacht war, änderte nichts daran. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass man alles unternehmen sollte, um sich göttlichen Beistand zu sichern.
   Gerade als Vampir.
   Verständlicherweise geriet ich vor allem deshalb in Panik, als Louisa nur wenige Tage nach Silvester zu mir kam. »Dorian, ich glaube, es ist so weit.«
   Sie hielt sich den Bauch und wirkte angespannt. Ihre Augen waren geweitet, als hätte sie Angst. Vor Schreck ließ ich den Stapel Papiere fallen, den ich hatte entsorgen wollen. Es waren noch achtzehn Tage hin bis zum errechneten Geburtstermin. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde. »Bist du sicher?«
   »Das Ziehen wird immer schlimmer«, antwortete sie. »Ich hab noch nie ein Kind bekommen, aber es ist schon seit heute Morgen so. Ich möchte lieber ins Krankenhaus, Dorian.«
   Ich nickte und drückte Louisa in einen Sessel. Das ging viel zu schnell! »Wir machen uns sofort auf den Weg«, versicherte ich ihr und holte die gepackte Tasche aus dem Schlafzimmer.

Es war noch nicht Mittag und diesig und kalt draußen. Ein Wetter, das ich für gewöhnlich genossen hätte, doch dieses Mal hatte ich dafür keinen Blick. »Wir müssen vorher noch etwas erledigen«, sagte ich so beiläufig wie möglich und drückte Louisa beruhigend die Hand.
   »Jetzt? Dorian, was ist denn so wichtig, dass du dich jetzt noch darum kümmern musst? Kann das nicht warten?«
   »Nein, das geht leider nicht.« Entschlossen schlug ich den Weg nach St. Michaels ein. Sie würde auf keinen Fall als meine Freundin das Kind bekommen!
   Die verdammte Straße zur Kirche war noch immer nicht neu gepflastert worden, deshalb ließ ich den Mercedes kurzerhand stehen und trug Louisa das letzte Stück. Ich stieß die schwere Holztür mit dem Fuß auf und rannte hinein. Neben dem Altar hatte sich eine Gruppe Gläubiger um den Pastor versammelt, der ein schreiendes Baby über das Taufbecken hielt.
   »Tut mir leid, meine Herrschaften, dass wir hier so hereinplatzen«, sagte ich mit meinem besten Sonntagslächeln. »Wenn Sie den Pastor für einen Moment entbehren könnten, wäre ich Ihnen sehr verbunden.«
   Louisa starrte mich genauso überrascht an wie der Pastor und die restlichen Kirchenbesucher.
   »Junger Mann, wir sind mitten in einer Taufe.« Der rundliche Kirchenmann hob demonstrativ das Baby etwas höher, das daraufhin etwas weniger schrill weinte.
   »Das sehe ich. Und wir bekommen gerade ein Kind. Ich möchte, dass sie uns trauen, bevor es so weit ist. Wir haben alle Papiere dabei und nicht mehr viel Zeit.«
   »Was?«, riefen der Pastor und Louisa wie aus einem Mund.
   »Dorian, dafür haben wir keine Zeit«, sagte sie. »Das können wir später immer noch machen. Bitte fahr mich ins Krankenhaus.« Louisa krampfte sich unter einer Wehe leicht zusammen.
   Die gesamte Taufgesellschaft blickte zwischen uns und dem Pastor hin und her. Selbst das Baby hatte aufgehört zu schreien.
   Ich sah die Frau in meinen Armen an. »Es tut mir leid, mein Engel, doch ich will, dass du als meine Frau das Kind bekommst.« Ich sah den Pastor wieder an. »Uns wird die Zeit knapp. Würden Sie mir bitte den Gefallen tun, uns zu verheiraten. Ich würde Ihnen auch eine großzügige Spende zukommen lassen, aber ich bitte Sie, machen Sie uns zu Mann und Frau, bevor das Kind kommt!«
   Die Mutter des Täuflings seufzte und lächelte gerührt.
   Das schien den Pastor aus seiner Starre zu reißen. »Wenn es dir so ein Bedürfnis ist, mein Sohn, werde ich euch gern den Wunsch erfüllen. Sofern die Familie Connor nichts dagegen hat.« Er holte sich die Zustimmung der Tauffamilie ein, die uns lächelnd zunickte und offensichtlich beeindruckt war von meinem Auftritt, übergab ihnen das Baby und kam zu uns.
   Ich stellte Louisa sanft auf die Füße. »Ich hoffe, du hast es dir nicht anders überlegt? Das wär jetzt peinlich für mich.«
   Sie sah kopfschüttelnd zu mir auf und griff nach meiner Hand, um sie zu drücken, was ich als ein Nein interpretierte. Ich reichte dem Pastor unsere Papiere.
   »Haben Sie einen Trauzeugen?«
   Eine weitere Wehe ließ Louisa leise aufstöhnen. Ich trat dem Pastor imaginär in den Hintern. »Nein. Wenn Sie jetzt vielleicht so gütig wären? Und könnten wir uns bitte auf das Wesentliche beschränken? Ich möchte ungern, dass meine Zukünftige das Baby hier bekommt.«
   »Hm«, sagte der Pastor, fand aber schnell zu seiner feierlichen Form zurück. »Willst du …«, er blätterte in den Papieren, »… Dorian Fitzgerald, Louisa Reeves, die Gott dir anvertraut, als deine Ehefrau lieben und ehren und die Ehe mit ihr nach Gottes Gebot und Verheißung führen – in guten und in bösen Tagen –, bis der Tod euch scheidet …?«
   »Und darüber hinaus«, warf ich ein und musste meine Vampirmagie spielen lassen, damit der Gottesmann fortfuhr.
   »… bis der Tod euch scheidet und darüber hinaus, so antworte: Ja, mit Gottes Hilfe.«
   Ich hielt Louisa im Arm und hatte eine Hand auf ihren Bauch gelegt, der sich in regelmäßigen Abständen zusammenzog. Sie sah zu mir auf und lächelte mich mit so viel Wärme an, dass es selbst meine kalten Glieder erhitzte.
   »Ja, mit Gottes Hilfe«, antwortete ich und sah sie fest an.
   Der Pastor wiederholte seinen Spruch und vergaß auch meinen für unseren Fall existenziellen Zusatz nicht.
   »Ja, mit Gottes Hilfe«, antwortete mein Porzellanengel mit fester Stimme und Tränen in den Augen.
   »Haben Sie die Ringe?«
   Ich griff in meine Jackentasche und holte die Schachtel heraus. Ich hatte goldene Eheringe anfertigen lassen mit identischer Gravur. Ihr Ring war mit drei lupenreinen Diamantrosen verziert, die denen auf dem Verlobungsring glichen, meiner war ohne jede Zier. Ich nahm Louisas Hand und streifte ihr ihren mit zitternden Fingern über. »Louisa, nimm diesen Ring als Zeichen meiner unsterblichen Liebe«, sagte ich dabei und wusste, dass sie viel besser als alle anderen in der Kirche die tiefere Bedeutung dieser Worte begriff.
   Sie lächelte mich an, tat das Gleiche mit meiner Hand und sah mit tränennassen Augen zu mir auf. »Trage auch du, Dorian, diesen Ring als Zeichen meiner unsterblichen Liebe.«
   Der Pastor legte unsere Hände übereinander und trat einen Schritt zurück. »Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut jetzt küssen.«
   Das tat ich. Und wie! Sie erwiderte meinen Kuss leidenschaftlich. Ich versank förmlich in ihren weichen Lippen und ihrem lauten Herzschlag. Mein Spruch beim Ringtausch war mir spontan eingefallen, weil ich ihr noch deutlicher meine Liebe erklären wollte. Sie sollte wissen, wie viel mir dieses Eheversprechen bedeutete. Wie viel sie mir bedeutete. Dass sie ihn übernommen hatte, löschte jeden noch so kleinen, gut versteckten Zweifel in mir aus. Sie würde für immer mein sein.
   Ich hätte sie ewig weitergeküsst. Meine Louisa. Meine Frau. Eine weitere Wehe holte uns in die Wirklichkeit zurück. Ich wischte ihr die Tränen fort und hob sie auf meine Arme. »Jetzt darfst du das Kind bekommen.«
   Ihr Lachen hallte hell durch die große, düstere Kirche, als würde sich ein Engel an unserem Glück erfreuen.

In Krankenhäusern hatte ich mich nie wohlgefühlt. Da ging es mir wahrscheinlich wie den meisten Sterblichen. Nur, dass sie Angst hatten, in einem zu sterben. Ich hatte Angst, dass jemand erkannte, dass ich bereits tot war. Deshalb hatte ich mich zeit meines Vampirdaseins von Ärzten und Krankenhäusern ferngehalten. Sicher war sicher. Das ging dieses Mal nicht, und der Aufenthalt machte mich nervös, was Louisa nicht entging.
   »Dorian, setz dich zu mir. Du machst mich nervös.«
   »Es wird noch ein bisschen dauern. Sie könnten Ihrer Frau helfen, indem Sie ein bisschen mit ihr herumgehen.« Die Hebamme lächelte uns freundlich an. »Ich komme gleich wieder zu Ihnen.«
   Ihrer Frau, wie gut das klang! Ich half Louisa auf die Beine und lief mit ihr den Flur auf und ab, hielt sie fest, wenn sie sich vor Schmerzen krümmte, und war für sie da. Sie war angespannt, versuchte aber, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie das alles anstrengte. Sie klammerte sich so verzweifelt an meine Hand, dass ich mich wunderte, woher sie die Kraft nahm. Ich konnte in ihren großen Augen sehen, dass sie Angst hatte. Das hatte ich auch. Ich befürchtete, sie würde die Schmerzen nicht aushalten. Louisa war von zarter, schmaler Statur und ihr Bauch wirkte mit einem Male bedrohlich überdimensioniert.
   »Was hältst du von Zoe, wenn es ein Mädchen wird?«
   Wir hatten uns das Geschlecht nicht sagen lassen. Ich hoffte, dass es ein Mädchen war, und sie wie Louisa aussehen würde, dann hätte ich zwei Engel zu Hause. Einen Jungennamen hatten wir schnell gefunden, aber bei dem Mädchennamen taten wir uns schwer.
   »Zoe heißt Leben.« Sie blieb keuchend stehen.

Die Hebamme kam nach einer guten halben Stunde wieder. Louisa musste sich noch einmal hinlegen, um untersucht zu werden. Die Fruchtblase platzte. Einen Moment wirkte Louisa panisch und griff verzweifelt nach meiner Hand, bis sie sich auf die Worte der Hebamme konzentrierte und anfing zu pressen. Ich setzte mich zu ihr ins Bett, hielt sie im Arm und ließ sie meine Hand drücken. Wann immer sie unter Tränen keuchte, dass sie nicht mehr konnte, redete ich ihr gut zu. Es war schrecklich, sie unter solchen Schmerzen zu sehen. Ich hätte ihr das gern erspart, traute mich aber nicht, sie mental zu beeinflussen.
   Mich packte eine nie gekannte Aufregung. Ich, Dorian der Vampir, war Zeuge, wie neues Leben geboren wurde!

*

Ich hatte mir nie Gedanken über die Ewigkeit gemacht. Wer hatte das schon? Die Ewigkeit, das war kein fester Zeitrahmen. Sie war endlos. Konnte ich mir vorstellen, eine solche Ewigkeit mit ein und demselben Mann zu verbringen? Die Frage erübrigte sich für gewöhnlich, denn die Ewigkeit der Menschen währte nur ein paar Jahrzehnte. Ich konnte mir keinen Begriff davon machen, als Dorian mich vor den Altar zerrte, aber ich konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder mit einem anderen Mann als Dorian zusammen zu sein. Also konnte ich ihm guten Gewissens für meine sterbliche Ewigkeit das Versprechen geben. Auf dem Weg ins Krankenhaus war ich froh, dass er darauf bestanden hatte, dass wir als Mann und Frau das Kind bekamen. Es fühlte sich richtig an, auch wenn ich nicht viel darüber nachdenken konnte. Die Schmerzen waren immens, und alles war beängstigend. Obwohl ich darüber gelesen hatte; eine Geburt mitzuerleben, darauf konnte man nicht vorbereitet werden. Dorian war sogar noch aufgeregter. Ab und zu kam sein mächtiges Blut in ihm durch und ließ seine Adern schwarz anschwellen, und ich musste ihn flüsternd darauf hinweisen, bevor es jemand bemerkte. Gerade als ich dachte, ich hätte keine Kraft mehr, war es da. Unser Baby. Ein winziges, leicht blau angelaufenes Mädchen. Ich war überwältigt von den Gefühlen, die auf mich einstürzten, als die Hebamme mir dieses kleine Geschöpf auf die Brust legte. Sie war das schönste Baby, das ich jemals gesehen hatte. Ich wusste sofort, ich würde alles für dieses kleine Wesen tun. Als ich zu Dorian aufsah, erkannte ich erleichtert genau die gleichen Gefühle in seinen Augen. Er schüttelte ungläubig den Kopf und wischte sich ein paar blutige Tränen fort. Vorsichtig strich er ihr über die winzige Wange, die aus dem Handtuch herausguckte.
   »Sie ist genauso schön wie du«, flüsterte er und küsste mich ungestüm auf die Stirn.
   Ich war zu erschöpft und gerührt, als dass ich hätte antworten können.
   »Unseren herzlichsten Glückwunsch, Mrs. und Mr. Fitzgerald«, sagte die Hebamme. »Sie haben eine gesunde Tochter. Wie soll sie heißen?«
   »Zoe Eternity Fitzgerald«, antwortete Dorian und sah mich an. »Außer, dir gefällt das nicht.«
   Eternity. Ewigkeit. Ewiges Leben. Wenn das kein treffender Name für unser Kind war. Ich sah lächelnd zu ihm hoch. »Ich liebe dich.«
   »Und ich liebe euch, meine kleine Familie. Das hast du sehr gut gemacht, Louisa. Sie ist das süßeste Baby, das ich jemals gesehen habe. Ich bin so stolz auf dich.«
   Er hatte sich neben mich auf das breite Bett gesetzt, und ich konnte mich an ihn lehnen. Ich war erschöpft. Noch niemals hatte ich solche körperlichen Schmerzen erlebt.
   Die junge Ärztin nahm mir Zoe ab, um sie zu untersuchen, zu wiegen und zu messen. Dorian zog mir unterdessen die Decke etwas höher und ließ unsere Kleine keinen Moment aus den Augen.
   »Mir ist kalt«, sagte ich, und Dorian drückte die Decke etwas fester um mich.
   Er sah mich glücklich an. »Ich bin wohl der glücklichste Vampir der Welt«, raunte er mir zu.
   Ich wollte seine Hand nehmen, doch ich fühlte mich zu schwach. Wieder wanderte sein Blick zurück zu der Ärztin, die unsere Tochter anzog, als hätte er Angst, sie würden sie uns wieder wegnehmen. Als er mich das nächste Mal ansah, wich die Freude schlagartig aus seinem Gesicht.

*

Es war ein Wunder, dieses winzige Menschenkind mit seinen kleinen Ärmchen und dem rosigen Gesichtchen. Ich konnte nicht aufhören, es anzusehen. Jetzt hatte ich einen zweiten wunderhübschen Engel bekommen. Niemand hatte jemals größeres Glück erfahren als ich in dem Moment, als meine wunderschöne Frau mit grimmiger Entschlossenheit unsere Tochter zur Welt brachte.
   Ich sah sie an, meine Frau und Mutter meines Kindes, denn das war es. Zoe Eternity war meine Tochter. Auch wenn ich sie nicht gezeugt hatte, liebte ich sie mit dem ersten Atemzug, den ihre kleinen Lungen taten. Ich würde alles für sie tun. Wie für Louisa auch, die erschöpft in meinen Armen lag. Sie hatte eine körperliche Höchstleistung vollbracht, die mich staunen ließ. Sie sah zu mir auf. Ich stutzte. Ihre Haut war viel zu blass und ihre Augen glasig. Ich kannte diesen Ausdruck nur zu gut. Das war ein Ausdruck, den ich an meiner Louisa niemals sehen wollte!
   Ich schlug die Decke beiseite und rief nach der Ärztin. Entsetzt starrte ich auf Louisas Blut, das das Laken durchtränkt hatte. Die Ärztin schob mich beiseite und erklärte mir, dass das nach einer Geburt durchaus passieren könne, und ich mir keine Sorgen machen müsse. Sie untersuchte Louisa und besprach sich mit der Hebamme, die daraufhin eine Schwester zur Hilfe rief.
   »Dorian, ich fühl mich nicht gut.« Louisa konnte die Augen kaum noch offen halten.
   »Das gibt sich gleich wieder.« Ich beugte mich zu der Ärztin vor. »Nun machen Sie schon was!«
   »Ich kann die Blutung hier nicht stillen«, erwiderte sie und trug der Schwester auf, im OP Bescheid zu sagen.
   »Was soll das heißen, Sie können die Blutung nicht stillen?« Ich schrie sie beinahe an und hatte das Gefühl, mir würde der Boden unter den Füßen weggerissen, und ich würde in ein tiefes schwarzes unheilvolles Loch gesogen.
   Ich sah auf Louisa hinunter, die noch blasser geworden war. Ihr Herz schlug kräftig und pumpte das kostbare Lebenselixier aus ihr heraus. Die Schwester schob mich beiseite, um die seitlichen Gitter des Bettes hochzuklappen. Sie hatten alles weggeräumt und wollten Louisa hinausschieben.
   »Das kann passieren«, versicherte sie mir. »Kein Grund zur Sorge. Wir bringen sie in den OP, da wird man gut für sie sorgen.«
   Ich hörte nicht hin. Meine Louisa verblutete. Ich wusste, wie ein Mensch aussieht, der zu viel Blut verliert! Ich sah nicht, wo sie blutete, und konnte die Blutung nicht ungesehen stoppen. Mir blieb nichts anderes übrig, als hilflos den verdammten Ärzten hinterherzulaufen. Ich hielt ihre Hand, und sie sah ängstlich zu mir hoch, bis ihre Augen zufielen. Vor einer Tür wurde ich zurückgehalten und gebeten, zu warten. Ich musste mit ansehen, wie sie Louisa, die nicht mehr ansprechbar war, auf den Operationstisch hoben und zwei weitere Ärzte dazukamen.
   Niemals in meinem langen Leben als Vampir hatte ich mich so hilflos gefühlt. Ich hätte sie von meinem Blut trinken lassen können, um sie zu heilen, aber wann und wie hätte ich das anstellen sollen? Es passierte so plötzlich, und es waren immer Sterbliche anwesend. Ich war zwar schnell – sehr schnell sogar –, aber Louisa nicht. Selbst wenn sie eine derartige Hilfe gewollt hätte, und ich nicht mir ihr darüber hätte diskutieren müssen, hätte sie niemals so zügig trinken können, dass es keiner bemerkt hätte.
   Ängstlich, wie jeder gewöhnliche Ehemann, starrte ich durch die Glasscheibe auf das Ärzteteam und die Monitore, an die sie Louisa zügig angeschlossen hatten. Eine Schwester verband eine Blutkonserve mit der Kanüle in Louisas Arm. Das Gleiche geschah an ihrem anderen Arm. Unterdessen waren die Ärzte damit beschäftigt, die Blutung in ihrem Inneren in den Griff zu bekommen. Sie pumpten so viel Blut in sie hinein, wie sie konnten. Viel lief wieder aus ihr heraus. Ich ballte verzweifelt die Hände zu Fäusten, um dem nicht sofort ein Ende zu bereiten. Ich versuchte, auf das zu hören, was die Schwestern und Ärzte sagten, aber verstand nicht einmal die Hälfte davon. Hoffentlich würde ich heraushören, wann diese Quacksalber nichts mehr tun konnten, damit ich eingreifen konnte, bevor es zu spät war.
   So litt ich Höllenqualen, während ich vor der Tür ausharrte. Ungefähr fünfmal war ich kurz davor, hineinzustürzen und Louisa mein Blut, auf welche Weise auch immer, einzuflößen. Es wäre mir egal gewesen, dass alle es gesehen hätten. Ich war mir nicht sicher, wie die Menschen heutzutage auf einen Vampir reagierten. Zu anderen Zeiten waren sie zu ängstlich, um etwas gegen mich zu unternehmen. Zu wieder anderen Zeiten wurden Vampire erbost verfolgt, und man musste wahrlich auf der Hut sein. Deshalb hatte ich seit jeher darauf geachtet, meine wahre Identität versteckt zu halten. Wenn ich mich aus Versehen gezeigt hatte, verschwand ich einfach in Windeseile. Aber das konnte ich nicht mehr. Ich musste mehr denn je darauf aufpassen, dass niemand erkannte, was ich war. Für Louisa und für unsere Tochter. Ich konnte nicht verschwinden und sie zurück lassen. Wahrscheinlich würden die anderen Sterblichen sie gegen mich verwenden. Da waren Sterbliche nicht anders als Vampire.
   Dennoch hätte ich das komplette Ärzteteam umgebracht, wenn ich Louisa damit hätte retten können. Für Louisa hätte ich jeden in diesem verfluchten Krankenhaus getötet. Glücklicherweise brauchte ich das nicht. Nachdem sie zwei weitere Konserven in sie hineingepumpt hatten, kam einer der Ärzte heraus und erklärte mir, was passiert war. Ich konnte seinem Fachchinesisch kaum folgen, so erleichtert war ich, zu hören, dass es Louisa bald wieder besser gehen würde. Er nickte mir aufmunternd zu und sagte mir, ich könne zu meiner Tochter gehen. Sie würden Louisa auf die Station bringen.
   »Nein. Ich bleibe bei ihr.« Keine Sekunde würde ich Louisa allein mit diesen Quacksalbern lassen.
   Als wir endlich in dem Einzelzimmer waren, das ich bezahlt hatte, sank ich neben Louisas Bett auf den Sessel und weinte die Tränen, die ich mir vor dem OP-Saal hatte verkneifen müssen. Sie war die Liebe meines sechshundert Jahre andauernden Daseins, und ich hätte beinahe hilflos zusehen müssen, wie sie starb. Zu oft hatte ich sie bereits fast verloren. Dieses Mal wäre es für immer gewesen. Ich verbarg meine Tränen in einem Taschentuch und lehnte meine Stirn an Louisas Schulter und spürte, wie das Leben in sie zurückkehrte.

4

Eben lag ich noch im Entbindungszimmer und plötzlich fand ich mich in einem Krankenzimmer mit hellbraunen Wänden und einem Fernseher an der Wand vor mir wieder. Ich fühlte mich sonderbar taub und schwach, spürte Dorians Kopf an meiner Schulter und seinen kühlen Arm auf meiner Brust. Er hob den Kopf und sah mich aus hell blutenden Augen gepeinigt an.
   »Du weinst ja.« Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals weinen gesehen zu haben.
   »Mein Engel«, flüsterte er und wischte sich die Tränen fort. »Fast hätte ich dich für immer verloren. Ich bin so froh, dass du wieder wach bist.« Er erzählte mir, was geschehen war. »Du wärst da drin fast gestorben. Sie haben dir immer wieder Blut gegeben, doch es lief einfach wieder heraus. Ich war kurz davor, dir mein Blut zu geben. Egal, wie viele es gesehen hätten.«
   Ich war geschockt und erleichtert, dass er sich zurückgehalten hatte und seine Tarnung nicht hatte auffliegen lassen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn jemand gesehen hätte, dass er ein Vampir war! Wahrscheinlich hätte ich ihn für immer verloren. »Es ist ja noch mal gut gegangen. Du hast mich nicht verloren. Wir sind in einem Krankenhaus, so etwas ist hier bestimmt schon öfter passiert, und die Ärzte wissen, was zu tun ist.«
   Er küsste meine Hand und sah mich ernst an. »Louisa, ich hab lange auf dich gewartet, ich habe um dich und für dich gekämpft. Ich habe dich im wahrsten Sinne des Wortes vor den Altar geschleppt. Ohne dich will und kann ich nicht leben. Wenn dein Leben noch einmal in Gefahr ist, werde ich dir mein Blut geben, auch wenn du mich danach hasst.«
   Er sagte das mit so viel Nachdruck, dass ich ihn verblüfft ansah. »Dorian, ich werde dich niemals hassen, egal, was du tust, aber eines musst du mir versprechen. Solltest du jemals vor die Wahl gestellt werden, rette unsere Tochter.«
   Dorian starrte mich entsetzt an und schüttelte langsam den Kopf. »Verlang das nicht von mir.«
   »Versprich mir, dass du dich immer zuerst um Zoe kümmern wirst.«
   Nach einem verzweifelten Blick gab er sich geschlagen und nickte matt. Vielleicht war es zu hart, es gerade in dieser Situation von ihm zu verlangen. Aber als ich dieses kleine Wesen im Arm hielt, wusste ich, dass ich lieber sterben würde, als zuzulassen, dass ihr ein Leid geschah.
   Wie bestellt ging in dem Moment die Tür auf, und eine Schwester in einem rosafarbenen Kittel kam mit einem Babybett herein. Sie begrüßte uns freundlich und versprach, uns gleich das komfortablere Partnerbett zu bringen. »Damit Sie bequem bei Ihrem Mann schlafen können«, erklärte sie und lächelte mich mütterlich an. »Aber Ihre Frau braucht noch viel Ruhe«, fügte sie an Dorian gewandt hinzu, was ein kleines Lächeln auf sein sorgenvolles Gesicht zauberte.
   »Mein Mann«, wiederholte ich, weil es so ungewohnt klang – und weil ich noch keine Zeit hatte, das zu realisieren.
   »Ja, das bin ich jetzt.« Dorian zog das Babybett näher zu uns heran und warf einen zärtlichen Blick auf Zoe. »Wir sind nun eine Familie. Ich werde auf euch aufpassen und mich zwischen keinem von euch entscheiden. Vorher brauche ich deine Hand, Mrs. Fitzgerald. Ich muss dir meinen Ring wieder anstecken, den sie dir abgenommen haben.« Er hielt den Ring zwischen zwei Fingern hoch.
   Ich nahm ihn ihm ab, um einen Blick auf die Gravur zu werfen. »Dorian & Louisa. Auf ewig verbunden«. Er beobachtete mich ernst, und ich erkannte, er würde niemals über meinen unvermeidlichen Tod hinwegkommen. Nein, er würde es nicht einmal so weit kommen lassen.

*

Die Schwester brachte uns das Doppelbett, und ich bettete Louisa vorsichtig um. Sie war noch immer blass, doch ihre Haut war bereits wärmer. Erschöpft schlief sie nach wenigen Minuten ein. Sie hatte mir dieses Versprechen abgerungen, das ich niemals würde halten können. Es war nicht so, dass ich sie getäuscht hatte, oder dass ich nicht vorhatte, es zu halten. Ich wusste, ich würde mich immer für Louisa entscheiden, wenn ich eine Wahl treffen müsste, aber ich hatte schon eine Idee, wie mir das unter Umständen erspart bliebe.
   Als ich sicher sein konnte, dass uns niemand stören würde, weckte ich Louisa auf. Ich ließ meine Vampirmagie erneut bei ihr spielen, damit sie nicht richtig aufwachte. Ein schlechtes Gewissen hatte ich deswegen nicht, denn es war zu ihrem Besten. Ich biss mir ins Handgelenk und ließ sie von meinem Blut trinken. Sie würde das niemals freiwillig tun, doch ich wollte sichergehen, dass alles verheilte, und ich sie nicht noch einmal hilflos in den Händen von Sterblichen in weißen Kitteln lassen musste. Sie würde sich an nichts erinnern, und ich gab ihr auch nicht viel. Gerade genug, dass es ihre Wundheilung beschleunigte. Okay, vielleicht ein bisschen mehr. Ich ließ sie weiterschlafen und betrachtete sie einen Moment versonnen. Langsam kehrte die Farbe in ihre Wangen zurück. Es war mein mächtiges Blut, das das bewirkte.
   Vor ewigen Zeiten hatte ich ein Kapuzineräffchen, wie man sie aus den Piratenfilmen kennt. Ich hatte ihn einem armen Schausteller abgekauft, der mir sagte, er hätte seine besten Jahre bereits hinter sich, wäre aber sehr gelehrig. Ich nannte ihn Luke. Luke war ein schlaues Bürschchen, und ich machte mir einen Spaß daraus, ihn bei hübschen Damen unter die Röcke schlüpfen zu lassen, wo ich ihn eigenhändig einfangen musste, was verzückte Ausrufe der betreffenden Dame zur Folge hatte. Ich gab ihm aus einer Laune heraus täglich von meinem Blut zu trinken, was er genüsslich aus einem winzigen Becherchen schlürfte. Der Gute wurde nie krank und begleitete mich noch knapp fünfzig Jahre lang. Er war wohl das älteste Kapuzineräffchen, das die Welt je gesehen hatte.
   Es war sonderbar, dass ich an meinen kleinen Luke dachte, während ich meine Frau betrachtete, die friedlich schlief. Nachdem sie fast gestorben wäre, als sie unsere Tochter geboren hatte. Ein allzu zerbrechliches Wesen. Ich hob dieses winzige Menschenkind behutsam aus seinem Bettchen. Hatte ich nicht versprochen, ich würde mich um sie kümmern? Dann sollte ich das auch tun. Ich streichelte ihr über die Wange, biss mir in den Finger und ließ sie daran saugen, was sie auch bereitwillig tat.

*

Dorian weckte mich, indem er mir mit seinen kühlen Fingern über die Wange strich. Er saß neben mir im Bett, hatte sich umgezogen und hielt ein kleines Stoffbündel im Arm. Ich schüttelte die Benommenheit ab und erkannte, dass es unser Baby war, das hektisch an einem viel zu großen Schnuller nuckelte und unruhig zappelte.
   »Unsere Tochter hat Hunger. Deshalb sollte ich dich wecken. Wie fühlst du dich?«
   Ich war mir nicht sicher, wie man sich fühlte, wenn man gerade ein Kind bekommen hatte und danach fast verblutet wäre, aber ich hatte keine Schmerzen und fühlte mich überraschend energiegeladen. Dorian musterte mich mit einem wissenden Lächeln und legte mir Zoe in die Arme.
   »Es geht mir richtig gut.« Ich knöpfte mein Nachthemd auf, und Zoe fand wie von selbst meine Brust und saugte daran. »Hab ich lange geschlafen?«
   Er schüttelte den Kopf und beobachtete uns fasziniert. »Nein, nur ein paar Stunden, aber wir konnten die Kleine nicht länger hinhalten. Ich wollte nicht, dass sie ihr die Flasche geben. Diese künstliche Babynahrung ist nicht gesund. Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht, dann musst du hoffentlich nicht so lange hierbleiben. Ich mag Krankenhäuser nicht.«
   Ich stimmte ihm lächelnd zu, meine Einstellung Krankenhäusern gegenüber hatte sich auch verändert. »Hast du meine Eltern angerufen?«
   »Nein. Ich dachte, das möchtest du lieber selbst machen und ich war mir nicht sicher, ob du schon bereit für einen Überfall deiner Familie bist. Wir könnten Zuhause eine Begrüßungsparty geben. Dann kannst du dich zurückziehen, wenn es dir zu viel wird.«
   Wir hatten meine Eltern besucht, als meine Schwester mit ihren Kindern da war, deshalb wusste Dorian, dass sie mir manchmal zu laut und zu wild waren. »Du kannst doch Gedanken lesen«, erwiderte ich und bettete Zoe auf die andere Seite.
   Dorian lachte und stand auf. »Vorher muss ich das Kinderzimmer einrichten, das durfte ich ja bisher nicht. Du musst dich ausruhen, auch wenn es dir schon besser geht. Und frühstücken.«
   Er klingelte nach der Schwester. Sie vergewisserte sich, dass es mir gut ging, und es mit dem Stillen klappte, und brachte mir ein Tablett mit dem Frühstück. Zoe hatte sich mittlerweile satt und in den Schlaf getrunken. Dorian hielt sie aufrecht an seine Schulter gelehnt im Arm und lief mit ihr im Zimmer auf und ab, wobei er ihr sanft auf den Rücken klopfte. Es war ein sonderbarer, unbeschreiblich schöner Anblick. Der Vampir und das Baby. Mein Mann und unsere Tochter. Er bemerkte meinen Blick und lächelte mich glücklich an.
   »Dann wollen wir der kleinen Maus mal eine neue Windel machen«, sagte die Krankenschwester und machte zu Dorian eine auffordernde Geste. »Ich helfe Ihnen«, versicherte sie, als Dorian sie erschrocken ansah.
   Ich sah zu, wie er Zoe behutsam auf die Wickelkommode legte und sie aus ihrer Decke und dem Schlafanzug schälte. Er weckte sie damit auf, aber sie verhielt sich still. Bis er ihr nacktes Bein umfasste, da fing sie gellend zu schreien an.
   Die Schwester lachte amüsiert. »Das ist nicht schlimm. Vielleicht sind Ihre Hände gerade zu kalt«, erklärte sie, übernahm das Umziehen und drückte sie Dorian wieder in den Arm.
   Er warf mir einen unglücklichen Blick zu, und es versetzte mir einen tiefen Stich. Daran hatten wir nicht gedacht. Seine Hände würden natürlich immer so kalt sein. Ich wollte ihm etwas Aufmunterndes sagen, doch er hatte sich bereits zu mir gesetzt, küsste mich auf den Scheitel und drückte mich an sich. Er gab mir damit zu verstehen, dass er nicht darüber reden wollte.

Nach zwei Tagen durfte ich nach Hause, wo mich unser Koch Henri erwartete, der mir mit geröteten Wangen und glänzenden Augen gratulierte und sich freute, mich wieder wohlauf zu sehen.
   Dorian hielt Zoe im Arm und zog mich ungeduldig die Treppe hoch. Er führte mich erwartungsvoll ins Kinderzimmer, das sehr geschmackvoll in Zartrosa und viel Weiß eingerichtet war. Er hatte einen Kinderkleiderschrank mit Prinzessinnen-Motiv, eine passende Kommode und ein niedliches Kinderbettchen aus hellem Holz gewählt. Neben der Wickelkommode stand ein Relaxsessel mit einem Tischchen daneben. In einem hohen Regal und einigen Kisten entdeckte ich Stofftiere, Bücher und Spielzeug, die für die nächsten sechs Jahre ausreichen sollten. Das Zimmer war groß genug, dass sogar ein kleines Sofa darin Platz fand, das man zu einem Bett ausziehen konnte, wie Dorian mir erklärte.
   »Und das hast du alles ausgesucht?«
   Er nickte.
   »Warum hast du den Rest des Hauses nicht auch selbst eingerichtet? Es ist viel schöner als der ganze Designerkram.«
   Dorian sah von Zoe, die er im Arm hielt und scheinbar unbewusst hin und her wiegte, zu mir auf und grinste. »Freut mich, dass es dir gefällt. Wenn dir der Rest nicht mehr gefällt, kaufen wir einfach neue Möbel.«
   »Nicht nötig«, erwiderte ich und lachte. »Aber aus meinem Zimmer hier oben könntest du noch ein Gästezimmer machen. Wenn du meine ganze Familie zu einer Babyparty eingeladen hast, müssen sie ja irgendwo schlafen.«

*

Zum Glück schöpfte meine schöne Frau keinen Verdacht, warum sie so schnell wieder auf den Beinen war. Und die Ärzte auch nicht, aber die rätselten sowieso mehr herum, als dass sie Ahnung von dem hatten, was sie taten. Nein, ich mochte Ärzte nicht. Obwohl keiner bemerkt hatte, dass ein Untoter zwischen ihnen herumlief. Das sagte doch alles.
   Ebenfalls unbemerkt gab ich Zoe Eternity von meinem Blut zu trinken. Es würde ihr nicht schaden. Viele Vampire hielten auf diese Weise ihre Sex- oder Blutsklaven bei Kräften, allerdings nur für Tage oder höchstens Wochen. Ich hatte nicht vor, damit nach ein paar Wochen aufzuhören. Ich hatte keine Ahnung, was mein uraltes Blut in einem Säugling im Laufe der Zeit bewirken würde. Das würden wir sehen. Schaden konnte es nicht, das reichte mir für den Anfang. Und Louisa würde es nie erfahren, also war alles in bester Ordnung.
   Wobei ich nicht mogeln durfte, war der Besuch ihrer Familie, die nun auch meine war. Das musste ich Louisa versprechen, und ich wollte mich daran halten, solange es ging. Da eine Vermählung heutzutage einiger Formalitäten bedarf, die der Pastor nicht vornehmen konnte, hatte ich für diesen Anlass einen Standesbeamten ins Haus bestellt. Er würde unsere Verbindung auf dem Papier legitimieren. Die Papiere hätte ich auch kaufen können, aber so würde Louisa zumindest eine kleine Hochzeitsfeier bekommen. Ich wusste nicht, ob sie Wert darauf legte und da es eine Überraschung sein sollte, erzählte ich ihr nichts davon, sondern kaufte ihr ein Kleid. Ich war mir sicher, dass sie ihren Eltern nicht erzählt hatte, dass wir geheiratet hatten. Wie es schien, würde es ein Tag der Überraschungen werden.
   Am Morgen der Familienfeier weckte ich sie, indem ich ihr unsere Tochter ins Bett legte. Ich war bereits einige Stunden auf, weil unser kleiner Sonnenschein nicht in ihrem Bettchen schlafen wollte. Irgendwann würden wir es ihr angewöhnen müssen, aber es war zu schön, dieses winzige Wesen im Arm zu halten, seinen Duft einzusaugen und ihm die kleine, weiche Wange zu streicheln. Sie war so ein hübsches Baby mit braunen Haaren und großen blauen Augen. Da die meisten Babys blaue Augen hatten, wie mir die Kinderkrankenschwester versicherte, würde sich keiner daran stören, dass meine grün waren und Louisas grau.
   »Ich hab eine Überraschung für dich«, flüsterte ich meinem Porzellanengel zu und küsste sie auf die warme Wange. Sie war wie immer wunderschön, als sie mich verschlafen anlächelte. Ich holte das Kleid aus meinem Versteck im Ankleidezimmer und präsentierte es ihr.
   »Ein Hochzeitskleid? Wir sind doch schon verheiratet.«
   »Ja, aber noch nicht offiziell. Ich dachte, dass du vielleicht noch einmal im Beisein deiner Familie heiraten möchtest.«
   »Ich hab es ihnen noch nicht einmal erzählt«, sagte Louisa erwartungsgemäß.
   »Deshalb ja.«

Ihre Familie war völlig aus dem Häuschen, und selbst Annie konnte sich ein paar Tränen nicht verkneifen, obwohl es eine eher sachliche Zeremonie war. Dennoch gaben wir uns erneut das Versprechen, uns in guten und in schlechten Zeiten und auf immerdar beizustehen. Ich schob ihr noch einmal ihren Ring über. Sie weinte noch einmal ein paar echte Tränen der Rührung. Auch der Kuss, als wir offiziell und auf dem Papier zu Mann und Frau erklärt wurden, war ebenso echt und schön wie unser erster als Eheleute. Wir nahmen Glückwünsche entgegen, und Louisa präsentierte stolz ihren sündhaft teuren Ehering. Ich stand mit den anderen Männern zusammen und rauchte nicht ganz so sündhaft teure Zigarren. Hey, das Leben war großartig!
   Henri war zu Höchstform aufgelaufen und wollte uns am Abend ein Diner präsentieren, wie es sich für eine Hochzeitsfeier gehörte. Bis dahin gab es Kuchen und Häppchen. Ich entschuldigte mich mit einer Magen-Darm-Viruserkrankung, was mir einige mitleidige Blicke bescherte, aber eine gute Entschuldigung für mein Nichtessen war. Louisa zuliebe hätte ich natürlich etwas gegessen, aber die fette Zigarre schlug mir bereits auf den Magen. Ich war kein Freund davon, meinen Körper mit Qualm zu vergiften, aber rauchte man nicht immer eine Zigarre, wenn man Vater geworden war?
   Zufrieden mit mir und dem bisher gelungenen Festtag betrachtete ich meine Frau in dem eng anliegenden Kleid. Sie warf mir durch den Raum hindurch einen vielsagenden Blick zu und flüsterte eine Liebeserklärung, die außer mir niemand hören konnte. Ich fragte mich, wann ich sie wohl wieder nackt unter mir spüren könnte, als der Page, den wir für den heutigen Tag engagiert hatten, einen weiteren Besucher ins Wohnzimmer führte, mit dem keiner von uns gerechnet hatte.

*

Meine Eltern waren wie erwartet schockiert von Dorians Riesenvilla, und ich hatte das Gefühl, dass meine Mutter mir den ganzen Tag sonderbare Blicke zuwarf. Offenbar zweifelte sie an meiner Motivation, was mein Zusammenleben mit Dorian anging. Als sie jedoch unsere Kleine sah und nachher bei der Hochzeitszeremonie weinte, schien sie zu erkennen, dass es nicht sein Geld war, das mich magisch angezogen hatte. Dorian hatte mir ein umwerfend schönes Kleid gekauft, das dank der Schnürung perfekt passte, und mit dem dazugehörenden Haarschmuck fühlte ich mich tatsächlich wie eine Braut. Ich hatte mir keine große Feier gewünscht, aber es war schön, Dorian noch einmal vor meiner Familie und meinen Freunden das Jawort zu geben.
   Er war ein ausgezeichneter Gastgeber. Erst präsentierte er stolz unsere Zoe Eternity, dann führte er alle, die es wollten, herum, unsere Kleine auf dem Arm. Jetzt unterhielt er sich mit meinem Vater und Marc, dem Mann meiner Schwester. Joshua war noch nicht da, würde aber nach seiner Schicht im Blutspendezentrum nachkommen, wie Annie mir versicherte.
   Es war eine beschauliche kleine Feier, und ich genoss die vielen Glückwünsche. Das Schwimmbad hatten wir wegen der Kinder meiner Schwester lieber zugeschlossen, aber es gab auch so genug im Haus zu entdecken. Dorian störte sich nicht daran, dass sie überall herumwuselten und alles durcheinanderbrachten. Er würde das ja auch nicht aufräumen müssen.
   »Hast du etwas von eurem Bruder gehört?«, fragte mich Mom und betrachtete Zoe verzückt.
   »Dorian hat ihn eingeladen, aber er antwortete nur, dass er nicht kommen könne.«
   Es war schade, dass Liam nicht gekommen war. Aber ich hatte nicht ernsthaft damit gerechnet. Seit er nach Südamerika ausgewandert war, war er nicht ein einziges Mal zu Besuch gekommen.
   »Dorian ist ganz vernarrt in die Kleine«, sagte meine Schwester Phoebe und sah die Männer an, die in einer Gruppe zusammenstanden und Zigarre rauchten. »Und in dich.«
   »Sie ist aber auch ein süßer kleiner Fratz«, erwiderte Mom, Zoe auf dem Arm hin und her wiegend. »Sie sieht aus wie du als Baby, Louisa.«
   »Wie er dich immer ansieht«, sinnierte Phoebe. »Marc sieht mich nie so an. Und wie gut er aussieht. Wie ein Filmstar.«
   »Marc liebt dich auch«, sagte ich und sah meinen Mann an. Er trug einen perfekt sitzenden schwarzen Anzug mit passender Weste, hatte die Haare zurück gegelt und sah mit der dicken Zigarre im Mundwinkel aus wie ein Mafiaboss.
   »Eigentlich sieht Louisa ihn genauso an«, sagte Annie und seufzte. Sie folgte meinem Blick. »Wenn man bedenkt, dass du ihn zu Anfang nicht wolltest.«
   Annie lachte, und ich stimmte mit ein.
   »Und jetzt seid ihr verheiratet, habt ein Kind zusammen und du wohnst hier in dieser Luxushütte«, fügte Kelly, die Dorian ebenfalls eingeladen hatte, hinzu. »Du hast echt den Jackpot gewonnen.«
   »Ich hoffe, dass dir das Geld nicht zu Kopf steigt, meine Blume«, sagte Mom. »Wozu brauchst du denn einen Koch und eine Putzfrau?«
   »Och, das ist schon praktisch«, warf Annie ein und grinste. Sie war bereits in den Genuss von Henris Fünfsternekochkünsten gekommen. »Und das Schwimmbad erst.«
   Meine Schwester deutete Annies vielsagenden Blick richtig und kicherte.
   »Aber deinen Job hast noch? Oder willst du dich von ihm abhängig machen?«
   Ich sah meine Mutter überrascht an. Das passte überhaupt nicht zu ihr. Wahrscheinlich war es eher mein Vater, der da aus ihr sprach. Dabei war es egal, ob ich wieder arbeiten ging. Ich war sowieso schon abhängig von Dorian – nur nicht so, wie sie meinte. Das wollte ich jetzt nicht mit ihr erörtern, und war froh, als der letzte Gast mich mit seiner Ankunft um eine Antwort brachte. Joshua kam zu uns ins Wohnzimmer und hatte einen Bekannten im Schlepptau, der ihm zögernd folgte. Eric. Dorian war sofort an meiner Seite, sodass ich erschrak.
   »Hi, Louisa, und herzlichen Glückwunsch zur Geburt«, sagte Joshua und umarmte mich zurückhaltend. »Dir natürlich auch, Dorian. Vielen Dank für die Einladung. Tut mir leid, dass ich erst so spät kommen konnte.«
   »Gern geschehen«, erwiderte Dorian und warf Eric einen bösen Blick zu. »Kann mich nicht erinnern, dich eingeladen zu haben.«
   »Eric hat mich gefahren. Ich dachte, da ihr ihn kennt, könnte er zumindest kurz gratulieren«, sagte Josh. »Ihr habt euch ja so rausgeputzt. Hab ich was verpasst?«
   »Das hast du«, antwortete Annie und stellte sich neben ihn. »Louisa ist jetzt Mrs. Fitzgerald. Die beiden haben noch vor der Geburt der Kleinen geheiratet und heute noch mal.«
   Josh riss erstaunt die Augen auf. Eric sah aus, als müsste er sich übergeben. Ich war wie erstarrt. Eric war nicht dumm, er würde wissen, dass das Kind nicht von Dorian sein konnte. Was, wenn er es erzählte? Oder uns die Kleine wegnahm? Keines von beiden würde Dorian zulassen, das wusste ich. Er würde es auf seine Art verhindern. Auf Vampirart. Ich warf Dorian einen Blick zu. Er funkelte den unerwarteten Besucher an. Wahrscheinlich dachte er das Gleiche wie ich.
   »Kommt doch rein«, sagte ich und ging zu meiner Mutter, um ihr Zoe abzunehmen.
   Dorian ging neben Eric her.
   Eric sah uns an, dann Zoe. »Meine Glückwünsche für euch beide. Ernsthaft. Ihr seid ein schönes Paar.«
   »Danke«, erwiderte Dorian kalt.
   Wahrscheinlich hätte er ihn am liebsten rausgeworfen, doch zum Glück hielt er sich zurück. In dem Moment rief Henri alle Gäste zum Essen. Dorian gesellte sich auf meine Bitte hin widerwillig zu ihnen.
   Ich blieb unsicher bei Eric stehen. »Ich glaube, du gehst besser.«
   Er nickte, und ich begleitete ihn zurück in die Eingangshalle.
   An der Tür drehte er sich um. »Ich hoffe, dir geht es gut?«
   »Ja, mir geht es gut. Und dir? Wolltest du nicht wieder zur Marine gehen?«
   »Ja, ich hab gerade ein paar Wochen Urlaub. Ein süßes Baby. Sie sieht aus wie du. Wie heißt sie?«
   »Zoe Eternity.«
   Er lächelte kurz und sah mich gequält an. »Sie kann doch nicht von ihm …?«
   »Ich war bereits mit Dorian zusammen«, sagte ich. »Eric, was willst du hier?«
   Er seufzte und schüttelte den Kopf, wie um einen Gedanken loszuwerden, der ihn plagte. »Ach, scheiße. Tut mir leid, dass ich hier reingeplatzt bin. Ich weiß auch nicht. Joshua hat mir von deiner Schwangerschaft erzählt. Vielleicht wollte ich sichergehen, dass es dir und der Kleinen gut geht und dass er dich nicht zu einer wie ihn gemacht hat.«
   »Dorian hat nicht vor, mich zu einem Vampir zu machen«, sagte ich. »Er liebt mich, und er liebt Zoe. Er würde uns niemals etwas tun. Für uns und alle anderen ist Zoe seine Tochter.«
   Eric hob beschwichtigend die Hände und öffnete die Tür. »Gib auf dich und die Kleine Acht, Louisa.«
   Er sah mich so eindringlich an, dass es mir kalt über den Rücken lief. Dann verschwand er nach draußen. Erleichtert schloss ich die Tür und gab meinem Baby gedankenverloren einen Kuss auf die Stirn. Offenbar hatte Eric niemandem von dem, was passiert war, und dem, was er erfahren hatte, erzählt. Bis jetzt. Würde ihm jemand glauben, wenn er es tatsächlich erzählte? Vielleicht genügte schon ein Gerücht, und Dorian geriet in die Schusslinie von irgendwelchen Supernaturalspinnern oder einer Spezialabteilung der Regierung oder anderen Vampiren?
   Dorian stand im Durchgang zum Wohnzimmer und sah mich besorgt an, doch ich wollte mir nicht die Stimmung vermiesen lassen. Er hatte sich so viel Mühe gegeben und genoss diese kleine Feier.
   Ich ging zu ihm und hielt ihm Zoe hin. »Nimmst du deine Tochter? Sie wird bestimmt bald wach und hungrig sein. Deshalb möchte ich etwas essen.« Ich ging zu den anderen, die sich bereits am reichlich gedeckten Tisch über die mit Sicherheit vorzüglichen Speisen unseres französischen Kochs hermachten. »Du musst ja deinen Magen schonen«, sagte ich etwas lauter und grinste ihn an.
   Keiner der anderen hatte von der Szene an der Tür Notiz genommen.

*

Wie immer, wenn ich Zoe Eternity ins Bett brachte, ließ ich sie von meinem Blut trinken. Sie nuckelte wie selbstverständlich an meinem kühlen Finger und blickte mich tief an. Sie war so ein Sonnenschein, ich liebte sie wie mein eigen Fleisch und Blut. Heute sollte sie endlich mal in ihrem Bettchen schlafen. Ich genoss es, sie abends im Arm zu halten, aber heute Abend wollte ich meine Frau im Arm halten – und hoffte, dass unsere Kleine dafür Verständnis haben würde. Es war auch für sie ein aufregender Tag gewesen. Wie für uns alle. Wobei ich auf Erics Besuch gut hätte verzichten können. Ich konnte nicht verstehen, warum Louisa ihm nicht unmissverständlich gesagt hatte, dass er verschwinden und sich nie wieder blicken lassen sollte. Zu gern hätte ich das auf meine Art und Weise getan, aber ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass Louisa genau das vermeiden wollte.
   Nachdem Zoe ein bisschen mehr als sonst von mir getrunken hatte, fielen ihr die Augen zu, und ich schlich aus ihrem Zimmer und nach unten, wo ich Musik hörte.
   »Schläft sie?«
   »Ja, aber ich weiß nicht wie lange.«
   Louisa hatte die hübsche Hochsteckfrisur gelöst und schüttelte ihre Haare aus, was mir seltsam bekannt vorkam. Auch dieses Mal trug sie ein Kleid, doch waren ihre Haare nicht nass, und sie würde nicht am Morgen Reißaus nehmen. Sie hatte eine meiner klassischen CDs eingelegt, an denen sie mit der Zeit Gefallen gefunden hatte.
   Ich ging zu ihr. »Darf ich um einen Tanz bitten, Mrs. Fitzgerald?«
   Louisa strahlte mich an und ließ sich von mir führen. Wir wiegten uns einige Augenblicke schweigend zur Musik.
   Sie schloss genüsslich die Augen und sah mich wieder an. »Diese Feier war eine sehr schöne Überraschung. Und das Kleid erst!«
   Das Kleid war an ihr sogar noch schöner als im Geschäft.
   »Was würde passieren, wenn Eric es jemandem erzählt?«
   »Dass Zoe nicht von mir ist?«
   »Nein, dass du ein Vampir bist.«
   War das die Botschaft, die Eric ihr unterschwellig vermittelt hatte? Meine sterblichen Identitäten waren schon des Öfteren beinahe aufgeflogen. Meist war ich dem entgangen, indem ich entweder meinem Widersacher einen nächtlichen Besuch abstattete, oder weitergezogen war. Damit ich nicht in Bedrängnis kam, hatte ich mich die letzten hundert, hundertfünfzig Jahre weitestgehend von den Menschen zurückgezogen. Ich hatte jeden engeren, persönlichen Kontakt vermieden, hielt mich von gesellschaftlichen Verpflichtungen fern und spielte den exzentrischen Einsiedlermillionär. Da es keine Fotografien von mir gab, wusste niemand, wer ich war, wenn ich ausging. Das war ab sofort anders. Louisa hatte ein Leben, und sie hatte Sterbliche in ihrem Leben. Die zwar keinen Verdacht schöpften, aber im Laufe der Zeit argwöhnisch werden würden.
   »Da musst du dir keine Sorgen machen. Ich glaube nicht, dass er es jemandem erzählen wird. Wer würde ihm glauben? Ein anderer Vampir würde ihm wohl nicht zuhören, falls dir das Angst macht. Denkst du, ich hätte sechshundert Jahre überstanden, wenn ich nicht wüsste, wie man seine Spuren verwischt?«
   »Werden wir wegziehen müssen?«
   Sie sah mich mit großen grauen Augen an, und ich streichelte ihr über die Wange. Ach, ich wollte mich nicht über so etwas mit ihr unterhalten. »Das wird in nächster Zeit nicht nötig sein, aber irgendwann wird deine Familie bemerken, dass ich nicht älter werde. Sie werden Fragen stellen. Ja, so leid es mir tut, irgendwann werden wir weggehen müssen. Oder du musst mich bei jedem Besuch entschuldigen.«
   Louisa seufzte und sah mich an.
   »Eric wird nichts ausplaudern«, fügte ich hinzu. Nein, das würde er mit Sicherheit nicht. Diesem kleinen Scheißer wollte ich nämlich noch in dieser Nacht einen Besuch abstatten und ihm ein für alle Mal klar machen, dass er sich von Louisa fernhalten sollte. Langsam reichte es mir mit dieser Klette! Er verdarb mir sogar die Laune, wenn er nicht anwesend war.
   »Du meinst, du wirst dafür sorgen, dass Eric nichts ausplaudern wird? Tu das bitte nicht.«
   »Dann darfst du dir keine Gedanken mehr darüber machen.«
   Es sollte doch wohl möglich sein, die eben noch romantische Stimmung wieder aufleben zu lassen. Scheiß auf diesen Eric, scheiß auf sie alle! Ich küsste Louisa stürmisch, was ihr ein entzückendes Lachen entlockte, das mich noch mehr anstachelte. Mir war klar, dass sie so kurz nach der Entbindung nicht mit mir schlafen würde, aber ich hob sie dennoch hoch und rannte mit ihr in Windeseile ins Schlafzimmer. Ich küsste sie wieder und wieder, da sie meine Küsse ebenso leidenschaftlich erwiderte. Als sie etwas sagen wollte, ich ahnte bereits, was das sein würde, legte ich ihr einen Finger auf die Lippen. »Lass mich dich einfach ausziehen und ansehen.«
   Die Schnürung in ihrem Rücken zu lösen, erinnerte mich an längst vergangene Zeiten. Die Frauen heutzutage trugen Kleidung, bei der das Ausziehen keinen Spaß mehr machte. Vielleicht hatte ich ihr deshalb dieses Kleid gekauft. Es Öse für Öse zu öffnen und ihren schlanken Rücken mit dem wehrhaften Engel darauf Stück für Stück zu entblößen, machte alles viel aufregender. Als ich fertig war, ließ sie das Kleid an sich heruntergleiten. Sie war wunderschön. Etwas runder, aber auch das würde mit Sicherheit bald vergehen. Wenn nicht, mich störte es nicht. Es machte sie nur noch sinnlicher.
   Sie lächelte mich an, und eine leichte Röte überzog wie schon so oft ihre Wangen, als sie mir das Hemd aufknöpfte. Ihre warmen Hände auf meiner Brust zu spüren, war so erregend wie beim ersten Mal. Sie drückte mich in die Kissen, zog mir die Hose aus und machte auch vor meinen Shorts nicht Halt. Ich sah sie überrascht an, doch sie schüttelte den Kopf, ließ mich weiter aufs Bett rutschen und zeigte mir, was sie mit ihrem schönen Mund noch tun konnte. Ihr Mund war so heiß! Ich betete, dass Zoe nicht gerade jetzt aufwachte, oder ich sie mit meinem Gestöhne, das ich beim besten Willen nicht unterdrücken konnte, wecken würde. Plötzlich konnte ich nicht mehr denken. Es gab nur noch diese Berührung, die mich fest umschlang. Wir hatten uns auf jede erdenkliche Art und Weise geliebt und berührt, aber in jener Nacht kamen mir ihre Liebkosungen wie etwas Besonderes vor. Es war wohl das erste Mal, dass nur ich auf meine Kosten kam. Aber wie!
   Danach kuschelte sie sich an mich. Ich küsste sie auf die Stirn und hüllte uns in die Decke. Sie spielte ein paar Minuten mit meinen Haaren und schlief ein, ihren nackten, warmen Körper fest an meinen bereits wieder erregten gepresst. So konnte es meinetwegen ewig bleiben.
   Aber nichts währt ewig. Das wusste ich besser als jeder andere auf dieser Welt.

5

Seit Monaten hatte er nichts von seiner Schwester gehört, und Jayden machte sich ernsthaft Sorgen. Vor Wochen hatte er sich auf den Rückweg in den Norden gemacht, jedes ihrer Verstecke abgesucht, aus denen sie Geld oder Klamotten geholt haben konnte, in der Hoffnung, eine Nachricht von ihr vorzufinden. Er fand nichts und spürte sie nirgends. Wenn er andere Vampire traf, beschrieb er sie und Trudy, niemand hatte sie gesehen. Mary ging nicht an ihr Telefon. Dieses Miststück! Er hätte wissen müssen, dass man ihr nicht trauen konnte.
   Jayden stand in einem Klub mit dem Namen R7 an den Tresen gelehnt und sah sich um. Er hatte Trudy und Steve von diesem Laden reden hören und wusste, dass die beiden den Alten hier das erste Mal gesehen haben. Er war sich mittlerweile sicher, dass er der Schlüssel zum Verschwinden seiner Schwester war. Grimmig ließ er seine Vampirsinne umherschweifen, um eine Fährte von ihm zu erhaschen, doch er fand nichts. Nicht den Hauch einer Spur. Er bestellte sich ein Bier und beschrieb dem Barkeeper seine Schwester und Trudy. Wie erwartet, fiel seine Antwort negativ aus.
   Er hatte die beiden gewarnt. Sich mit einem Alten anzulegen, war selten eine gute Idee. Das hatte ihm Mary gezeigt, und er hatte genau das durch sie gelernt. Mary war eine der Älteren. Sie stammte definitiv aus einer anderen Zeit, hatte Ansichten, die nicht in die moderne Welt passen wollten und Kräfte, die andere Vampire nicht hatten. Auch sie hatte sich einmal mit einem noch älteren Vampir angelegt. Er konnte sich gut an die Begegnung mit diesem Alten erinnern, so tief saß ihm das Grauen noch in den Knochen.
   Es war die Zeit, als er Mary hörig war, bevor er stark genug war, sich ihrem Bann dauerhaft zu entziehen. Sie waren unbemerkt in die Villa des Alten eingestiegen. Zumindest hatten sie das angenommen. Stattdessen erwartete er sie bereits. Er lockte sie in die Kellergewölbe und lähmte sie Kraft seiner Gedanken. Der Alte wusste sofort, dass es Marys Plan war, und konzentrierte seine Wut auf sie. Er legte sie, unbeweglich, wie sie war, auf eine Pritsche. Dann trieb er fingerdicke, rostige Nägel in ihre Hände und Fußgelenke, und schnitt ihr Arme und Beine auf. Ihr Blut wurde in bereitstehenden Eimern aufgefangen. Mary hatte geschrien und erst aufgehört, als sie fast ausgeblutet war.
   So hatte der Alte sie tagelang liegen lassen und seine Prozedur wiederholt. Zwischendurch brachte er Frauen in das Kellergewölbe und zwang sie, von Marys Blut zu trinken. Er tötete sie und schnitt ihnen die Handgelenke auf, um sie Mary vor den Mund zu pressen. Sie trank das tote Blut mehr aus Reflex denn willentlich. Danach wand sie sich stundenlang unter Krämpfen und lag tagelang in ihrem eigenen Erbrochenen. Jayden hatte nichts tun können.
   Der Alte beachtete ihn nicht, aber der Geruch nach Blut, wenn er eines der jungen Opfer in ihre Folterhöhle brachte, machte Jayden in seinem Durst fast wahnsinnig.
   Irgendwann brach der Bann, mit dem Mary ihn sogar in ihrer Pein gehalten hatte. Das war das erste Mal, dass der Alte ihn ansah.
   »Jetzt bist du frei.«
   Die Umklammerung des Alten löste sich, und Jayden sank entkräftet zu Boden. Am liebsten hätte er Mary ihrem Schicksal überlassen, aber er brachte es nicht über sich. Als der Alte sie allein ließ, schleppte er sich mühsam zur Pritsche und riss die rostigen Nägel heraus. Er trug sie auf dem Weg, den sie gekommen waren, nach draußen. Sie waren nicht aufgehalten worden.
   Bis heute hatte er keine Ahnung, ob der Alte sie hatte entkommen lassen, oder ob er sich erfolgreich vor ihm hatte verbergen können. Aber er fürchtete monatelang jeden Schatten, lebte immer in der Angst, der Alte, dessen Namen er nicht einmal erfahren hatte, würde ihn aufspüren und in diesem Kellerloch einsperren und das gleiche mit ihm anstellen, was Mary durchgemacht hatte. Noch in jener Nacht hatte er Mary verlassen und sie nie wieder gesehen oder gesprochen. Bis zu jenem Tag, als er seine Schwester in ihre Hände gab.
   Grimmig stellte er seine leere Bierflasche ab und bestellte sich mit einer eindeutigen Geste ein Neues, als ihn ein Sterblicher anrempelte.
   »’tschuldigung«, lallte der Dunkelhaarige und bestellte sich ebenfalls ein Bier.
   Jayden sah ihn von der Seite an. Er war fast so groß wie er, hatte breite Schultern und auffallend blaue Augen. Die kurzen Haare standen wild zu allen Seiten ab, was ihm etwas Jungenhaftes verlieh. Er hatte so viel getrunken, dass er fast vollständig in einer Bier- und Zigarettenrauchwolke versank. Der Dunkelhaarige nahm seine Flasche entgegen und prostete Jayden kurz zu, ehe er sich neben ihm an den Tresen lehnte und seinen trägen Blick über die Discobesucher schweifen ließ.
   Jayden drehte sich ebenfalls um.
   »Hast du ’ne Freundin?« Der Dunkelhaarige zündete sich umständlich eine Zigarette an.
   Jayden schüttelte den Kopf.
   »Sei froh, Mann. Frauen bringen echt nur Ärger.«
   Da musste er ihm zustimmen. Ob Sterbliche oder Vampirin, das machte keinen Unterschied. Wobei Jil ihm nie Ärger gemacht hatte. Sie hatte ihn geliebt, schon als kleines Mädchen, und war ihm überall hin gefolgt. Bis Trudy kam.
   »Weißt du, ich hab mal ´ne Frau kennengelernt«, sagte der Sterbliche und trank einen Schluck von seinem Bier. »Das war die Richtige. Wusst ich zuerst nicht. Aber jetzt. Scheiße!« Er sah ihn vielsagend an.
   Jayden zuckte mit den Schultern, hörte aber weiter zu. Er hatte nichts Besseres zu tun, und wenn der Sterbliche jemanden zum Reden brauchte, ihm war es recht. Besser, als hier zu stehen und sich den Kopf zu zerbrechen, wie er Jil oder den Alten finden sollte.
   »Wir ham sogar ’n Kind zusammen.«
   »Glückwunsch.«
   Der Sterbliche lachte bitter. »Das kannst du dir sparen, Alter. Sie ist mit ’nem anderen zusammen. Sie tun so, als wäre es sein Kind. Dabei kann er keine Kinder zeugen. Nee, ist absolut unmöglich, dass das geht. Dieser verdammte Blutsauger …«
   Er fuhr zu dem Sterblichen herum.
   Der wirkte plötzlich nervös, drehte den Kopf weg und trank ausgiebig aus seiner Bierflasche. »Also kein echter Blutsauger oder so. Scheißreicher Kerl ist das. Saugt andern Leuten das Geld aus der Tasche, du verstehst schon.«
   »Klar.« Jayden nickte. Natürlich verstand er. Er sah dem Dunkelhaarigen an, dass er sich herausredete. Er schwitzte, und Jayden roch seine Angst. Dieser Sterbliche war einem Vampir begegnet. Es könnte der Alte sein oder einer, der ihm mehr über den Gesuchten erzählen konnte. »Die Weiber stehen auf Kohle«, sagte er deshalb und bestellte ihnen beiden ein Bier. »Mit dem nötigen Kleingeld kannst du sie alle haben.«
   Der Sterbliche nickte grimmig und nahm die neue Flasche entgegen. »Hat ihn sogar geheiratet, diesen verfickten Fitzgerald. Ich war gerade da. Die Bude hättest du mal sehen sollen! Alter, keine Ahnung, woher der Penner so viel Geld hat.«
   »Die bescheißen doch alle«, erwiderte Jayden im gleichen Tonfall und sprang damit auf den Zug auf, den der Andere ins Rollen gebracht hatte.
   Er erntete ein zustimmendes Brummen. Sie tranken eine Weile schweigend weiter, der Sterbliche in Gedanken versunken, Jayden abwartend, was er ihm noch erzählen würde.
   »Bin wieder zur Marine gegangen. Dachte, ich würde sie vergessen. Hat nicht geholfen«, sagte der Sterbliche und trank auch diese Flasche leer.
   Jayden blickte überrascht auf seine, die er noch nicht einmal zur Hälfte geleert hatte. Die Frau musste es dem Sterblichen angetan haben, dass er sich derart betrank. Er hatte sich noch niemals mit einem Sterblichen angefreundet, seit er ein Vampir war, und ihnen nur lange genug zugehört, bis er bekommen hatte, was er wollte. Deren Blut. Diesen Kerl mochte er jedoch auf Anhieb, denn er erinnerte ihn an sich selbst. Auch er liebte eine Frau, die für ihn verloren war. Der Sterbliche bestellte eine weitere Runde, und Jayden trank sein Bier aus.
   »Sie sagt, sie liebt ihn und er sie. Is das zu fassen?«
   »Wär doch möglich.«
   Der Andere beugte sich vertraulich zu ihm und legte ihm eine breite Pranke auf die Schulter. Seine Bierfahne wehte zu Jayden herüber. »Nein. Dieser Dorian, der ist der Teufel. Wirklich. Wenn du wüsstest, was ich weiß …« Er ließ ihn los, drehte sich um und schwieg.
   »Das tut mir echt leid, Alter.« Jayden grinste in sich hinein. Dorian Fitzgerald. Das musste der Vampir sein. »Du solltest dir ’ne Neue suchen und die mal richtig durchficken. Danach geht’s dir bestimmt besser.«
   Der Dunkelhaarige drehte sich zu ihm um und grinste. »Keine schlechte Idee. Ich bin übrigens Eric.«
   »Jayden.«
   »Erzähl mal, was ist dein Problem mit den Frauen?«
   »Die Frau, die ich liebe, treibt es jetzt mit Frauen.«
   »Alter, das ist hart«, erwiderte Eric und hielt Jayden die Flasche hin, damit er anstoßen konnte.
   Er betrachtete Eric genauer.
   Er war sonnengebräunt, obwohl es gerade erst Frühling geworden war, und sehr muskulös. Seine Nase war groß, passte aber gut in das kantige Gesicht. Unter tiefschwarzen Wimpern blitzten blaue Augen hervor, die durch den Alkoholrausch getrübt waren. Er gefiel ihm. Wenn Jil tatsächlich tot war, und davon ging er mittlerweile aus, brauchte er einen neuen Gefährten. Er hasste es, allein durch die Welt zu ziehen. »Wann musst du wieder auf dein Schiff?«
   »Heute nicht mehr.«
   »Dann lass uns ein paar Weiber klar machen!«
   Sie stießen sich gleichzeitig vom Tresen ab und mischten sich unter die Tanzenden. Wenn er diesen Typen zu einem Vampir machen wollte, musste sich Jayden erst einmal stärken.
   Und ein Vierer war genau das, was er gebrauchen konnte. Vielleicht hatte Eric ja noch andere nützliche Informationen.

*

»Na, der hat vielleicht Augen gemacht!« Louisa ging mir hinterher, und ich brachte ihre Lieferung zum Esstisch. Sie hatte gerade Zoe gestillt und hielt sie an ihre Schulter gelehnt.
   Da unser Koch einen freien Tag hatte, hatten wir bei einem China-Lieferservice bestellt. Schon in der Schwangerschaft hatte Louisa unerklärliche Gelüste, und so war es gelegentlich immer noch. Einen Lieferservice hatten wir jedoch noch nie in Anspruch genommen, und der Kleine hatte vor unserer Haustür nicht schlecht gestaunt.
   »Ich weiß nur nicht, ob ihn das Haus mehr beeindruckte, oder das Trinkgeld, das ich ihm gab.«
   »Gewickelt hab ich Zoe schon, willst du sie ins Bett bringen, während ich esse?«
   Louisa war noch immer der Ansicht, dass es mir unangenehm war, ihr beim Essen zuzusehen. Keine Ahnung, wie sie darauf kam. Eigentlich sah ich ihr gern zu – egal, was sie tat. Vielleicht war es ihr unangenehm? Also stimmte ich zu und brachte das kleine schläfrige Bündel in ihr Kinderzimmer. Seit unserer Hochzeitsfeier und der nachgeholten Hochzeitsnacht, in der Zoe wie ein Vorzeigebaby geschlafen hatte, war es wieder vorbei mit der nächtlichen Ruhe. Was mich nicht davon abgehalten hatte, dieser elenden Klette Eric einen nächtlichen Besuch abzustatten. Ab und zu ging ich auf die Jagd, deshalb schöpfte Louisa zuerst keinen Verdacht. Mein allzu selbstgefälliges Lächeln verriet mich. Louisa war zwei Tage lang böse auf mich und wollte mich nicht einmal küssen. Das war wohl auch das Los eines Ehemannes.
   Seit ein paar Tagen war dennoch etwas Ruhe in unsere Abende eingekehrt. Zoe schlief zumindest am Abend einige Stunden am Stück in ihrem Bettchen, und die genossen Louisa und ich zusammen. Tagsüber hatten wir Zoe immer in der Nähe. Im Wohnzimmer hatten wir extra eine zweite Wiege hingestellt. Aber der Abend gehörte uns. Wie schön es war, meine Louisa für mich zu haben. Endlich kamen wir uns wieder etwas näher. Noch nicht so nahe, wie ich es gern hätte, aber sich Schritt für Schritt heranzutasten, hatte auch seinen Reiz.
   Ich war gerade mit unserem geheimen Abendritual fertig, als ich hörte, wie unten die Terrassentür geöffnet wurde, was mich stutzig machte. Es war bereits dunkel, was wollte sie draußen? Ich beeilte mich, nach unten zu kommen. Louisa stand auf der Terrasse und sah angespannt in die Dunkelheit. Einige Meter entfernt stand ein Mann.
   Ich war an ihr vorbei, ehe beide mich bemerkt hatten, und packte den Vampir an der Kehle. Wieso hatte ich diesen Mistkerl nicht spüren können? War es wieder einer aus Marys Brut? Ich warf ihn zu Boden und hielt ihn dort fest.
   »Dorian, nicht!« Louisa kam zaghaft näher und sah auf den Vampir herunter. »Liam?«
   »Du kennst diesen Frischling?«
   »Dorian, das ist mein Bruder.«
   Ich fuhr zu dem Vampir herum und betrachtete ihn eingehender. Jetzt, da ich ihn genau ansah, war die Familienähnlichkeit nicht zu übersehen. Wobei er eher ihrem Vater glich als ihrer Mutter. Er hatte die gleichen braunen Haare wie Louisa und ihre Schwester, sein Gesicht war jedoch etwas runder, die Lippen weniger voll, aber sie hatten die gleiche Form. Ich zog ihn auf die Beine, ließ ihn aber nicht los.
   »Hallo, Louisa.«
   »Liam? Du bist ein Vampir? Ich dachte, du … Bist du nicht in die Karibik gezogen?«
   »Eigentlich schon, aber nicht so, wie ihr glauben solltet.« Liam machte keine Anstalten, sich aus meinem Würgegriff zu befreien.
   »Dorian, könntest du ihn bitte loslassen?«
   »Nein. Wer hat dich verwandelt?«
   »Eine Rothaarige.«
   »Mary«, sagten Louisa und ich wie aus einem Mund.
   Liam nickte.
   Deshalb hatte ich ihn nicht gespürt. Verdammt! Ich hätte mehr von der Schlange trinken sollen. Diese Tarnfähigkeit war äußerst nützlich.
   »Ihr kennt sie?«
   »Sie ist tot«, antwortete ich und sah einen Anflug von Bedauern über das bleiche Gesicht meines Schwagers huschen. »Was willst du hier?«
   »Du hast mich eingeladen.«
   Ich drückte fester zu, damit er merkte, dass ich nicht zum Spaßen aufgelegt war. »Du kommst zu spät.« Ich versuchte in seinem Gesicht zu erkennen, was ihn tatsächlich hergeführt hat. »Die Party ist vorbei.«
   »Ich wollte erst sichergehen, mit wem ich es zu tun bekommen würde. Dein Name in der Einladung hat mich stutzig gemacht. Ich hab von dir gehört und wollte sehen, ob es Louisa gut geht.«
   »Das hast du nun. Dann kannst du ja verschwinden.«
   »Dorian, er ist mein Bruder.« Louisa legte mir eine Hand auf den Arm. »Lass ihn bitte los. Ich möchte wissen, was mit ihm passiert ist.«
   »Er ist nicht mehr dein Bruder!« Meine heftigen Worte taten mir sofort leid, als ich ihr gekränktes Gesicht sah. Aber es war so, er war jetzt ein Vampir. Er würde töten, um zu überleben. Seine Freunde, Eltern und Schwestern, wenn sein Leben davon abhing. Familienbande existierten nicht mehr. Louisa war jetzt seine Nahrung.
   »Er traut mir nicht«, bestätigte mein Schwager.
   »Ich glaube nicht, dass mein Bruder mir wehtun würde. Oder, Liam? Außerdem ist Dorian viel stärker als du.«
   Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Untoten. »Nein. Ich würde meiner kleinen Blume nie etwas antun.«
   Wütend sah ich mich zu Louisa um, die bei dem Kosenamen leise lächelte. Dank ihrer versteckten Drohung, blieb mir keine Wahl. Widerwillig ließ ich meinen Schwager los. »Eine falsche Bewegung, und ich töte dich ohne weitere Vorwarnung.«
   Liam nickte und rieb sich den Hals.
   »Können wir reingehen? Es ist kalt hier draußen.« Louisa sah mich bittend an.
   Um nichts in der Welt wollte ich einen Frischling in mein Haus lassen. Wenn er Marys Brut war, hatte ich allen Grund, ihm zu misstrauen, aber gegen Louisa kam ich nicht an. Ich nickte und marschierte hinter beiden her ins Wohnzimmer, wo Louisa ihre China-Menüschachtel samt Stäbchen darin auf dem Couchtisch abstellte. Sie war blass geworden, und ich ging zu ihr und legte ihr einen Arm um die Schultern. Liam musterte uns interessiert, aber nicht unfreundlich. Er war ein hübscher Bursche, schlank und hochgewachsen, größer als seine Schwestern. Gepflegt und ordentlich gekleidet in Jeans, Hemd und einer braunen Lederjacke.
   »Es stimmt also. Er ist der Dorian. Und du hast ein Kind von ihm?«
   Louisa versteifte sich merklich, und ich drückte sie an mich.
   »Es ist nicht von ihm«, antwortete sie.
   »Weißt du eigentlich, in welche Gefahr du sie bringst?« Liam funkelte mich aufgebracht an, ehe er begriff, was Louisa geflüstert hatte. »Es ist nicht von ihm?«
   Sie schüttelte unglücklich den Kopf, und Liam sah uns verwirrt an. Wir standen neben dem Sofa, ich hatte es nicht für nötig gehalten, ihm einen Platz anzubieten. Wozu auch? Er würde entweder gleich sterben oder verschwinden und danach sterben.
   »Warum hast du ihn geheiratet? Wissen Mom und Dad davon?«
   »Natürlich nicht! Du wirst es ihnen auch nicht erzählen, hörst du?«
   Liam lachte. »Nein, das werde ich mit Sicherheit nicht tun.«
   »Ach, Liam. Was ist denn passiert? Wie bist du an Mary geraten? Und wieso hast du uns erzählt, dass du in die Karibik auswanderst?«
   »Hätte ich sagen sollen, dass ich zu einem Vampir gemacht wurde? Louisa, sei kein Baby. So war es besser. Ich wusste, keiner von euch würde jemals das Geld auftreiben, um meine Einladungen, mich zu besuchen, annehmen zu können. Es tut mir leid, Louisa. Als Vampir kannst du dein Leben nicht einfach weiterführen. Dennoch war ich tatsächlich in der Karibik. Mary hat mich mitgenommen.« Er hielt inne und warf mir einen kurzen Blick zu, ehe er Louisa wieder ansah. »Ich hab Mary auf einem meiner Konzerte kennengelernt. Dass sie ein Vampir war, hab ich erst zu spät bemerkt. Sie hat mich ausgesaugt und vor die Wahl gestellt. Entweder tot oder als Untoter auferstehen. Hey, da brauchte ich nicht lange überlegen. Mary brachte mir alles bei, was ich wissen musste, bevor sie mich verließ. Sie hat mal einen Dorian erwähnt, geschaffen von Gerald. Als seine Email kam, wurde ich hellhörig. Ihr könnt euch vorstellen, dass ich überrascht war, als ich herausfand, dass er der Dorian ist. Und ein Vampir wie ich. Das Kind ist wirklich nicht von ihm?«
   Louisa schüttelte den Kopf.
   »Bist du sicher?«
   »Herrgott, ja! Ich hatte Sex mit einem anderen, als wir bereits zusammen waren. Nicht freiwillig.«
   »Das war Marys Werk. Deshalb ist sie Geschichte. Genau wie ihre Handlanger«, fügte ich hinzu, um das Thema zu beenden.
   »Das tut mir leid, kleine Blume.«
   Liam wollte zu ihr gehen, doch ich bedeutete ihm mit einer klaren Geste, dass er das lieber bleiben lassen sollte.
   »Sonst geht es dir gut?«
   »Ich bin glücklich, auch wenn das vielleicht absurd klingt. Und, nein, ich stehe nicht unter Dorians Einfluss, und er wird mich auch nicht zu einem Vampir machen.«
   Erstaunt sah Liam mich an. »Das sollte er besser. Es gibt viele, die scharf darauf sind, Dorian zu töten. Wenn sich erst einmal herumspricht, dass er jetzt eine Schwachstelle hat. Oder besser zwei …« Liam ließ den Satz unbeendet.
   Louisa sah ängstlich zu mir auf. Welch ein Blitzmerker mein Schwager doch war. Als ob mir der Gedanke nicht bereits gekommen war. »Wenn du die Schnauze hältst, wüsste ich nicht, wie sich das herumsprechen sollte. Ich werde jeden Vampir töten, der in unsere Nähe kommt.«
   »Ja, diese Einstellung passt zu dem, was Mary über dich erzählt hat. Weißt du, Louisa, was Dorian in Wirklichkeit ist? Ein Vampirkiller. Er macht Jagd auf andere Vampire, auf seine Brüder und Schwestern und tötet sie. Das hat er schon immer getan.«
   »Aber doch nur die, die ihm schaden wollten.«
   Ja, das hatte ich ihr erzählt, aber das war so nicht ganz richtig. Als ich ihr von meinem Leben erzählt hatte, stand unsere Beziehung gerade, wie soll ich sagen, auf etwas unsicheren Beinen, sodass ich möglicherweise einige Begebenheiten aus meiner langen Vergangenheit in einem besseren Licht dargestellt hatte.
   »Nein, eigentlich hat dein Dorian da nie einen Unterschied gemacht«, sagte Liam und machte sich damit nicht gerade zu meinem Lieblingsschwager. »Es gibt Vampire, denen das gegen den Strich geht. Mir persönlich ist das ja völlig egal, aber es gehen Gerüchte um, dass sich einige Vampire zusammengerauft haben. Einer der Alten soll auch dabei sein.«
   »Es gibt keine Alten mehr.«
   »Bist du dir da so sicher?«
   Da war ich mir sogar sehr sicher. Immerhin hatte ich lange genug Jagd auf sie gemacht und bis auf Mary niemanden ausgelassen. Hoffte ich zumindest. Liam grinste mich selbstgefällig an. Auch wenn er Louisas Bruder war, ich konnte ihn nicht leiden und ich traute ihm immer weniger. Er wollte nicht nur sehen, ob es seiner Schwester gut ging. Louisa hatte mir erzählt, dass die beiden ein sehr enges Verhältnis zueinander hatten, bevor er verschwand. Aber er hatte sich bisher nicht um sie gekümmert. Dabei hatte sie ihm bestimmt zwischendurch mal geschrieben. Warum jetzt? Irgendetwas führte er im Schilde. Um das zu erkennen, brauchte man keine übernatürlichen Vampirsinne. »Warum bist du wirklich hier? Dieses Mal sagst du die Wahrheit, sonst zeig ich dir mal, wie ich all die Alten erledigt habe.«
   Liam machte ein geknicktes Gesicht. »Ich bin nur gekommen, um nach meiner Schwester zu sehen. Und mir meine Nichte anzuschauen, auch wenn ich etwas spät komme. Es ist ja schon etwas Besonderes, wenn die kleine Schwester heiratet und ein Kind bekommt. Was kann ich tun, damit du mir vertraust?« Er krempelte sich den Ärmel hoch. »Trink von mir. Dann siehst du, ob ich es ehrlich meine.«
   Louisa sog scharf die Luft ein. Ich sah ihn forschend an. Meinen Schwager, wie er mir seinen bleichen Arm hinhielt und dabei versöhnlich mit leicht schief gelegtem Kopf lächelte, was ihn sehr nach Louisa aussehen ließ. Das konnte ein Trick sein. Aber wenn ich sein Blut trank, würde ich anhand der Bilder aus seinem Unterbewusstsein, die ich unter Garantie zu sehen bekäme, die Wahrheit erfahren. Das Blut lügt nie. Er könnte natürlich bluffen und hoffen, dass ich das Angebot nicht annehmen würde.
   Nicht mit mir. Blitzschnell war ich bei ihm, biss ihm aber nicht in den dargebotenen Unterarm, sondern stellte mich hinter ihn. Ich zog seinen Kopf an den Haaren nach hinten und schlug meine Zähne in seinen Hals. Nach zwei schnellen Schlucken spürte ich einen heißen Stich im Bein. Zornig fuhr ich hoch und stieß meinen Schwager von mir. Er flog zwar durchs gesamte Wohnzimmer und prallte gegen die gegenüberliegende Zimmerwand, stand jedoch nur einen Augenblick später wieder neben mir. Ich fasste mir an den Oberschenkel und sah mich zu Louisa um. Mein Blick verschwamm, und ich sackte kraftlos zusammen.
   »Was hast du getan?« Louisa fiel neben mir auf die Knie. Sie strich mir über den Kopf, und ich roch ihre Angst wie ein zu starkes Parfüm. Das Blut rauschte mir in den Ohren, und ich versuchte vergeblich, mich aufzurichten. Das Bein, in das er gestochen hatte, wurde taub. Meine Gliedmaßen gehorchten mir nicht mehr. Dieser Dreckskerl hatte mir etwas gespritzt! Ich sah sein böse grinsendes Gesicht über mir, das die Bilder seines Blutes verdrängte. Bilder von Louisa und Liam als Kinder am Strand, einer lächelnden Mary, einer alten Villa und einer Gruppe Vampire, aus dem ein Schwarzer herausragte. »Was …?«
   »Das war ein extrem starkes Nervengift mit einem synthetisch veränderten Blutgerinnungsmittel. Vermischt mit dem Blut eines Toten. Es verbreitet sich sehr schnell im Körper und wird dich für eine Weile ruhigstellen. Es ist noch in der Testphase, deshalb hab ich sicherheitshalber die dreifache Dosis genommen.« Er lachte. »Ich sag ja, ein paar Vampiren gehen deine Morde gehörig gegen den Strich. Sie wollen sich gegen diese Art von Abschlachtung wehren. Das werden sie bald können, wenn ich dir das Kostbarste genommen habe, was du hast.«
   Louisa sprang auf. Liam lachte sie aus. »Mach dich nicht lächerlich, Schwesterchen. Du überschätzt deinen Wert und den deines Bastards. Ich werde aber sichergehen, dass es wirklich ein menschliches Baby ist. Nachdem ich mit dir hier fertig bin, Schwager.«
   Louisa fing an, zu weinen, und flehte ihren Bruder an, mich in Ruhe zu lassen.
   Ich versuchte, dieser Droge Herr zu werden, die sich mittlerweile in jede Faser meines Körpers verteilt hatte. Sie lähmte meine Muskeln und vernebelte mir den Verstand. Ich konnte kaum verstehen, was Louisa sagte. Mein Blick war so trüb, dass ich blinzeln musste, um etwas erkennen zu können. Das war nicht zu fassen! Ich hatte noch nie davon gehört, dass es irgendetwas gab, womit man Vampire betäuben konnte. Ich spürte, wie mein Körper bereits dagegen anging. Es würde nicht lange anhalten, dessen war ich mir sicher. Bis dahin war ich kampfunfähig. Ich musste diesen Mistkerl hinhalten, bis ich mich wieder bewegen und ihn kalt machen konnte und ihn bis dahin vor allem davon abhalten, Louisa etwas anzutun. »Glaubst du … du kommst … hier lebend … weg?«
   Er beugte sich über mich und musterte mich abschätzig. »Wer will mich denn daran hindern?«, fragte er und warf einen Blick auf Louisa, die noch immer ein Stück von uns entfernt stand und ihn schluchzend anbettelte, mich in Ruhe zu lassen. »Sie und das Kind werde ich mitnehmen. Damit du dich benimmst, wenn ich dich zu unserem Anführer bringe.«
   Anführer? Das musste der schwarze Vampir sein, den ich in seinem Blut gesehen hatte.
   Liam hielt mir die leere Spritze vor die Nase. »Davon hab ich noch mehr, und damit werde ich dich ruhigstellen, bis wir da sind.«
   »Ich werde … dich … töten!«
   Er lachte. »Das wirst du nicht mehr können, lieber Schwager. Wir haben nicht vor, dich allzu lange am Leben zu lassen. Wir wollen nicht deine Gesellschaft, sondern nur dein Blut.«
   »Nein«, rief Louisa.
   Mir brach es fast das Herz, so viel Qual sprach aus diesem einzelnen Wort.
   Liam drehte sich überrascht zu seiner Schwester um. »Du liebst ihn wirklich.« Er schüttelte den Kopf. »Was ist nur aus der kleinen süßen Blume geworden, die nachts immer in mein Bett gekrochen kam, wenn sie nicht schlafen konnte? Eine Hure, die es mit Vampiren treibt. Geh und hol deinen Bastard! Sonst mach ich es.«
   Ich versuchte, mich aufzubäumen, doch Liam setzte sich auf mich und hielt mich am Boden. Obwohl ich sowieso nicht hochgekommen wäre. Louisa hatte zu Weinen aufgehört.
   »Ach, zu gern würde ich schon vorher von deinem Blut trinken. Man sagt, es wäre außergewöhnlich stark.«
   Noch niemals hatte ich mich so hilflos gefühlt. Zumindest nicht als Vampir. Ich war Dorian Fitzgerald, einer der mächtigsten Vampire der Welt, geschaffen von einem der Ältesten. Ich war ein Killer, da hatte mein verabscheuungswürdiger Schwager vollkommen recht. Ich hatte ungezählte Vampire getötet, und ihre Kräfte in mir aufgenommen. Keine dieser Fähigkeiten half mir, als diese Droge mich in der Gewalt hatte und mit ihren lähmenden Klauen nach meinem Bewusstsein griff. Hinzu kam meine Sorge um Louisa und Zoe, die mir schier den Verstand rauben wollte.
   Plötzlich sah ich Louisa hinter dem Rücken ihres Bruders heranschleichen. Sie hatte die Lippen fest aufeinandergepresst. Ich kannte diesen Blick und ahnte, dass sie einen Plan hatte. Noch hatte Liam sie nicht bemerkt, und ich begann zu zappeln und zu stöhnen, damit er sich weiterhin auf mich konzentrierte.
   Liams Blick wurde bohrender. Es war die Gier, die aus ihm sprach. Gier nach meinem Blut. Gier nach dem, was ich konnte. »Zu schade, dass du so voll Gift gepumpt bist, dass es das stärkste Mammut umgehauen hätte. Sonst hätte ich mir gleich hier eine Kostprobe deines mächtigen Blutes geholt.«
   »Du bist … tot!«
   Wieder lachte er.
   Louisa hatte ihren Bruder erreicht. Sie rammte ihm einen der Essspieße aus ihrer Chinaschachtel von hinten in den Hals, sodass er vorn wieder heraustrat. Liam ließ brüllend von mir ab und kam blitzschnell auf die Beine. Er packte Louisa an der Kehle und zog mit der anderen Hand den Hartplastikspieß aus seinem Hals. Sein Blut spitzte in einer Fontäne heraus. Louisa hatte die Halsschlagader getroffen. Das würde ihn nicht umbringen, aber schwächen. Er presste die Hand darauf, doch ein Schwall Blut spritzte mir dennoch ins Gesicht, und ich leckte es mir dankbar von den Lippen. Geistesgegenwärtig rammte sie ihm den zweiten Spieß ins Auge. Er schrie und schleuderte Louisa wie eine Puppe von sich. Sie schlug gegen das Fenster aus Sicherheitsglas und schrie auf. Ich konnte mich noch immer nicht bewegen und sah sie nicht mehr. Aber die Ablenkung, die paar Tropfen Vampirblut und vor allem Liams Verletzungen reichten vielleicht aus.
   Er brüllte noch immer und griff mit zitternden Händen nach dem Spieß in seinem Auge, nicht sicher, ob er ihn herausziehen oder lieber stecken lassen sollte. Ich nahm meine mentalen Kräfte zusammen und konzentrierte mich auf das Herz meines tobenden Schwagers. Er hielt in seinen Bemühungen inne und krümmte sich zusammen. Dann fuhr er herum und starrte mich erbost an. Er kam zu mir und verpasste mir einen Tritt in die Nierengegend, den ich trotz des Giftes spürte. Ich versuchte, den Schmerz zu ignorieren und konzentrierte mich, als er mich ein weiteres Mal trat. Louisa wimmerte. Ich musste mich beeilen. Erneut krümmte mein Schwager sich unter meiner Todeswelle zusammen und griff gleichzeitig nach dem Spieß in seinem Auge. Ich nahm meine letzten Kräfte zusammen. Mit einem angestrengten Keuchen ließ ich die ersten Organe zerspringen. Dann das Herz. Liam schrie noch einmal gellend. Dann brach er zusammen, und es wurde still.
   Ich drehte mühsam den Kopf in die Richtung, in der ich Louisa vermutete. »Louisa!« Das Gift war stärker, als ich gedacht hatte, und diese Todeswelle hatte mich mehr angestrengt, als im Moment gut für mich war. Übelkeit überkam mich, die meinen Blick erneut verschleierte. Das musste das Blut des Toten sein, das nun seine scheußliche Wirkung entfaltete. Wieder rauschte es in meinen Ohren, und ich musste mich anstrengen, um bei Bewusstsein zu bleiben.
   »Dorian!« Louisas besorgtes Gesicht erschien über mir. Sie war unverletzt und wischte sich hastig Tränen fort.
   Zu gern hätte ich sie getröstet. »Blut … Küche.«
   Louisa wollte schon aufspringen, sah mich aber unglücklich an. »Ich weiß nicht, wo dein Versteck ist.« Sie fing erneut an zu weinen.
   Ich schloss nicht minder verzweifelt die Augen. Verflixt! Mühevoll drehte ich den Kopf zur anderen Seite und sah Liams Füße etwas weiter weg von mir. Wenn er noch nicht ganz tot war, konnte ich von ihm trinken. Ob sie ihn hierher schleifen könnte? Ich brauchte dringend Blut, sonst würde ich wahrscheinlich in Ohnmacht fallen. Und das wäre für Louisa noch gefährlicher. Meine vampirischen Reflexe würden alles zerstören, was in meine Nähe kam, und ich könnte nichts dagegen tun.
   Louisa drehte mein Gesicht wieder zu sich. Ich sah sie an. Auch in ihrer Angst war sie wunderschön. Warum nur sprach sie so leise, dass ich sie nicht hören konnte? Sie hielt mir ihre Hand in einer auffordernden Geste hin. Ach, mein Engel, auch so komme ich nicht hoch. Ich sah sie genauer an und versuchte, zu verstehen, was sie zu mir sagte.
   »Dorian! Du stirbst. Trink von mir!«
   Ich schüttelte den Kopf, obwohl ich das Gefühl hatte, dass er sich nicht bewegte.
   Sie sprang auf, war aber wenig später wieder bei mir. Sie schnitt sich mit einem Messer in den Arm und presste mir ihr Handgelenk auf die Lippen, ehe ich mich wehren konnte. Blut, köstliches warmes Blut tropfte mir in den Mund. Oh! Was für ein Genuss!
   Ohne es zu wollen, schloss ich die Augen und trank es gierig. Sie schmeckte so lieblich, wie sie aussah und roch. Meine Louisa war das Köstlichste, das ich je genossen hatte. Ihr Blut versetzte mich in einen nie erlebten Rausch. Stärker noch als der Liebesrausch, in den ich jedes Mal verfiel, wenn wir miteinander schliefen. Es war, als würden sich unsere Seelen vereinen. Ich sah alles von ihr. All ihre Gedanken, Gefühle, Erinnerungen. Sie legte sich mir zu Füßen. Von dem Moment an liebte ich sie sogar noch mehr, obwohl ich nicht gedacht hätte, dass das möglich war. Ich erkannte in ihrem Blut, dass sie mich auf die gleiche Weise liebte.
   Ich versank in ihrem Geschmack und wachte erst aus dem Rausch auf, als ich Zoe schreien hörte. Sofort hörte ich auf zu trinken und kam ruckartig hoch. Louisa lächelte mich scheu an und fiel mir um den Hals.
   Sie wollte aufstehen, doch ich hielt sie zurück. Ich wusste nicht, wie viel ich getrunken hatte und wollte nicht, dass sie womöglich zusammenbrach. Erst jetzt wurde mir klar, was ich getan hatte.
   Meine Güte, ich hatte von meiner Frau getrunken! Sie war so lecker! Nie wieder würde ich einen derart lieblichen Genuss erleben. Sie sah mich mit tränennassen Augen an und küsste mich ungestüm und mit einer Leidenschaft, die mich fast erneut in Ekstase fallen ließ.
   »Ich hatte solche Angst. Ich dachte, ich verliere dich.«
   »Danke. Für alles. Louisa, das war unglaublich mutig von dir.«
   Sie sah mich mit großen Augen an, wurde aber unruhig, weil Zoe noch immer schrie.
   »Bleib sitzen«, sagte ich. »Ich geh sie holen. Mir geht es wieder gut.«
   Ich sprang auf, zwar noch etwas wacklig, aber das Gift war so gut wie neutralisiert. Bevor ich mich um unsere Tochter kümmern konnte, musste ich nach ihrem Onkel sehen, doch der war bereits tot. Dieses Mal richtig. Blitzschnell holte ich Zoe nach unten.
   Louisa war mittlerweile aufgestanden und hatte sich das Handgelenk mit einem Handtuch umwickelt. »Ich dachte wirklich, du stirbst.«
   »Mein Engel, du weißt doch, ich kann nicht sterben.« Ich umarmte sie mit meinem freien Arm. »Dass du mir dein Blut gegeben hast, war genau das Richtige. Sonst wäre ich ohnmächtig geworden und hätte dich aus einem Reflex heraus verletzen können. Ich hoffe, dir geht es gut, und ich hab nicht zu viel getrunken?«
   Sie schüttelte den Kopf und lächelte schwach. »Nein, es war nur kurz, dann wachte Zoe auf. Du hast sie mal wieder vor mir gehört.«
   Ich legte ihr Zoe, die sich wieder beruhigt hatte, in den Arm, und träufelte von meinem Blut auf Louisas Handgelenk, damit sich die Wunde schloss. Sie sah mir aufmerksam zu, sagte aber nichts.
   »Es tut mir so leid, Louisa.« Mehr konnte ich dazu nicht sagen. Es war ihr Bruder, den ich getötet hatte, aber er war auch ein Vampir, deshalb tat es mir nicht wirklich leid.
   »Du hattest recht«, erwiderte sie. »Er war nicht mehr mein Bruder.« Dennoch weinte sie bittere Tränen und weckte damit unsere Tochter wieder auf, die erschrocken in das Weinen einstimmte.
   »Ich muss nachsehen, ob sich noch andere draußen herumtreiben. Bring Zoe ins Bett und bleib bei ihr. Hier kommt keiner rein, das weißt du, aber du darfst auch niemanden hereinlassen. Wirklich niemanden. Ich knöpf mir seine Begleiter vor und komme sofort zurück. Kann ich dich allein lassen?«
   Louisa nickte und folgte mir mit Zoe auf dem Arm ins Arbeitszimmer. Ich holte James’ Waffe aus dem Aktenschrank und nahm sie mit nach oben. Bevor ich sie Louisa gab, entsicherte ich sie. Sie hatte bereits damit geschossen, deshalb musste ich ihr nicht erklären, wie sie sie handhaben sollte. »Schließ die Tür ab«, sagte ich ihr stattdessen, auch wenn das keinen Vampir aufhalten würde. »Und denke dran …«
   »… immer auf den Kopf zielen«, erwiderte Louisa und versuchte ein Lächeln.
   Genau das hatte ich meinem Butler James geraten. Leider hatte es ihm nicht geholfen. Ich betrachtete sie beschämt, wie sie dastand, unser Kind auf dem Arm, das Gewehr in der anderen Hand. Die Hand, mit der sie ihrem Bruder chinesische Essspieße in den Leib gerammt hatte, und an der noch sein Blut klebte.
   »Ich bin gleich wieder da.« Ich horchte, wie sie den Schlüssel im Schloss herumdrehte, und beeilte mich, nach draußen zu kommen, ehe Liams Kumpane bemerkten, dass etwas nicht stimmte. Ich huschte lautlos und in völliger Dunkelheit über das Grundstück. Es waren überall Bewegungsmelder installiert und ich wusste natürlich genau wo. Mit einem Satz setzte ich über die hohe Mauer, die mein Reich umgab. Wenig später spürte ich sie. Sie hatten nicht die Fähigkeit, ihre Anwesenheit zu verbergen. Deshalb warteten sie weit genug weg. Mal sehen, wie es mit meiner stand. Ich rannte die Straße entlang und sah nach wenigen Minuten einen schwarzen Transporter zwischen den Bäumen stehen. Ich spürte zwei Vampire, die beide vorn saßen. Einer von ihnen streckte seine mentalen Fühler in die Umgebung aus, zog jedoch an mir vorbei, ohne mich zu entdecken.
   Ich riss die Beifahrertür heraus und packte ihn am Kragen. »Überraschung!« Ich rammte ihm meine Zähne in den Hals. Den Fahrer hielt ich in Schach, indem ich sein Blut langsam, aber schmerzhaft zum Kochen brachte. Er war ein Frischling, ein Laufbursche, zu erschrocken, um zu reagieren. Bei dem Beifahrer sah das schon anders aus. Er war zwar erst ein paar Jahre alt, aber sein Blut schmeckte älter, und er wehrte sich. Er musste vor Kurzem von einem Vampir getrunken haben, der sogar älter war als dieser fernsehglotzende Russe in dem Schlangennest, das ich ausgehoben hatte. Ich ließ von ihm ab, knallte seinen Kopf auf die Armatur vor ihm und packte ihn wieder an der Kehle. »Wessen Blut hast du getrunken?«
   Er sah mich mit glasigen Augen an und verzog die Lippen. »Du tötest mich sowieso. Ich sag dir nichts.«
   Ich konzentrierte mich auf seinen Kumpanen, der daraufhin aufheulte und sich an die Ohren fasste, aus denen Blut lief. Der Andere warf ihm einen raschen Blick zu. Ich verstärkte die Kraft, die dem Fahrer die Eingeweide platzen ließ, und er jaulte noch lauter. »Klar töte ich dich. Es liegt jedoch bei dir, wie lange es dauern wird.«
   Der Fahrer heulte auf und spie eine Blutfontäne an die Windschutzscheibe. Mein Gegenüber war zäh, er zeigte keinerlei Emotionen. Was hatte ich erwartet? Unter Vampiren gab es selten echte Loyalität. Ich erlöste den Fahrer von seinen Qualen und überlegte, ob ich den anderen mit nach Hause nehmen und dort in die Mangel nehmen sollte.
   Ich war mit Attraktionen wie Enthauptungen, Ausweiden und Händeabschlagen groß geworden. Mir machte es nichts aus, jemanden zu foltern, aber ich war verheiratet und hatte eine Frau zu Hause, die mit Sicherheit nicht meine Ansicht teilte. Im Grunde war es egal. Wenn es da draußen einen Alten gab, würde ich ihn finden. Ich trank den Rest aus ihm heraus und ließ gerade so viel Blut über, dass ich auch ihn in Flammen aufgehen lassen konnte.
   Ich wischte mir an seinem Hemd den Mund ab. Ah, jetzt fühlte ich mich besser! Bevor ich mich auf den Rückweg machte, durchsuchte ich den Laderaum des Transporters und fand in einem schäbigen Rucksack zwischen Drahtseilen und uralten Hand- und Fußschellen eine Schachtel mit einer Ampulle des Vampirgiftes. Vor mich hin pfeifend fuhr ich den Van nach Hause in die Garage. Von den beiden Vampiren waren bis auf ein paar verkohlte Reste und einige Blutlachen nichts mehr übrig. Um die würde ich mich morgen kümmern. Die Ampulle nahm ich an mich und ging noch einmal nach draußen und suchte in Windeseile das Gelände ab. Blieb ab und an stehen, horchte, durchspürte die Umgebung. Leider hatte ich bei dem Vampir, dessen Blut gerade durch meine Adern floss, kein einziges brauchbares Bild gesehen. Vielleicht wusste er tatsächlich nichts, oder er hatte gelernt, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Über diese vermeintliche Vampirvereinigung hatte ich nichts herausfinden können. Wer waren sie? Und vor allem, wo?

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