Innere Unruhe plagt die junge Vampirin Louisa. Der Hunger äußert sich bei jedem Vampir anders und ist schwerer zu kontrollieren als die Blutgier. Auch wenn ihr geliebter Dorian alles unternimmt, um ihr diese letzte quälende Last zu nehmen, ahnt Louisa, dass nur einer ihr helfen kann. Der ist allerdings weit entfernt. Sie hat ihn aus ihrem Leben verbannt und ist sich nicht sicher, ob er je zurückkehren wird … Der 4. Band entführt Sie in die düstere Welt der Nachtahne, in der der Vampir noch Vampir ist!

Alle Titel der Serie!

E-Book: 3,99 €

ePub: 978-9963-53-176-9
Kindle: 978-9963-53-178-3
pdf: 978-9963-53-175-2

Zeichen: 698.000

Printausgabe: 14,99 €

ISBN: 978-9963-53-174-5

Seiten: 420

Kaufen bei:  Amazon Beam iTunes Thalia Weltbild

Sandra Florean

Sandra Florean
Sandra Florean wurde 1974 als echte Kieler Sprotte geboren und wohnt noch jetzt in der Nähe der Kieler Förde. Zum Schreiben schlug sie einen komplizierten Weg ein: Obwohl sie bereits als Jugendliche Geschichten und Gedichte zu Papier brachte, absolvierte sie erst die Fachhochschulreife mit Schwerpunkt Rechnungswesen und dann eine Ausbildung zur Schifffahrtskauffrau, um eine solide Grundlage zu haben. Seitdem arbeitet sie als Sekretärin in der Verwaltung. Dem Fantastischen blieb sie jedoch treu, sie schneidert historische und fantastische Gewandungen, zehn Jahre lang sogar nebenberuflich selbstständig mit einer kleinen Schneiderei. Noch heute trifft man sie regelmäßig in der fantastischen Szene in unterschiedlichen Kostümen an. Erst die „Nachtahn“-Reihe brachte sie zurück zum geschriebenen Wort. Seit ca. 2011 widmet sie sich ihren erdachten fantastischen Welten intensiver und veröffentlicht regelmäßig in unterschiedlichen Verlagen. Ihr Debüt „Mächtiges Blut“ ist im April 2014 erschienen, und Band 1 der „Nachtahn“-Reihe und wurde auf dem Literaturportal Lovelybooks zum besten deutschsprachigen Debüt 2014 gewählt.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Sam schloss die Tür zu ihrem Haus ab und fuhr mit dem Auto aus der Garage. In die Innenstadt brauchte man gut zwanzig Minuten, aber das störte sie nicht. Sie genoss das Leben auf dem Land, seit sie von einer nicht gekannten Tante das Reihenhaus geerbt hatte. Es war ein entzückendes Häuschen, schmal, aber dafür in die Höhe gebaut, wie man es in Südengland häufig fand. Mit einem winzigen Garten, der genug Platz zum Durchatmen bot und sogar ein umfangreiches Kräuterbeet hatte. Ihre Nachbarn waren überwiegend ältere Leute, die sie anfangs kritisch beäugt, aber mittlerweile ins Herz geschlossen hatten. Es war eine nette Dorfgemeinschaft, wo jeder jeden kannte und alles friedlich verlief. Ein bisschen, als würde die Zeit hier langsamer verstreichen. Das genoss sie, denn ihr Job in der Anwaltskanzlei war hektisch. Sie brauchte den Ausgleich, die Abgeschiedenheit, das Gefühl der Geborgenheit.
   Sie parkte vor ihrem Lieblingsitaliener und ließ sich von dem älteren Kellner an den Tisch bringen. Hal erwartete sie bereits mit einem Lächeln. Ganz Gentleman stand er auf, gab ihr einen warmen Kuss auf die Wange und schob ihr den Stuhl hin. Er trug einen dunkelgrauen Anzug und ein fliederfarbenes Hemd. Das helle Lila passte gut zu seiner sonnengebräunten Haut. Sein Haar war sehr kurz. Sam wusste, dass er sich nicht der vielen grauen Strähnen schämte, sondern es praktisch mochte. Hal war fünfzehn Jahre älter als sie, fast eins neunzig groß, hatte breite Schultern und war genau die Sorte Mann, die Sam mochte. Er sah trotz seines Alters blendend aus, seine Muskeln waren von harter Arbeit geformt, und er behandelte sie gut. Es war nicht so, dass er ein Pantoffelheld war, er respektierte sie. Selbst wenn sie stritten, blieb er sachlich. Er hörte ihr zu und ließ sie an seinem Leben teilhaben. Sie waren Freunde, Partner.
   »Du siehst umwerfend aus in dem kleinen Schwarzen«, raunte er ihr über die Speisekarte hinweg zu.
   Seine grauen Augen blitzten kurz auf. Auch wenn er nie in einem Lokal mit ihr knutschen würde, gab es stets eine sexuelle Spannung zwischen ihnen. Das hatte ihr von Anfang an an ihm gefallen. Und die erwachsene Art, mit der er Dinge anging. Er war kein von zu viel Testosteron gebeutelter Mittvierziger, der es noch mal wissen wollte. Hal liebte Sex, kam aber auch gut ohne klar. Er sprach offen aus, was er begehrte, und war bisher jedem ihrer Wünsche nachgekommen.
   »Wenn du erst siehst, was ich drunter trage«, sagte sie in dem gleichen nüchternen Ton und warf ihm lächelnd einen Blick zu.
   Er erwiderte das Lächeln und winkte den Kellner heran. Hal achtete darauf, was er aß. Sam war das ziemlich egal. Sie konnte essen, so viel sie wollte, und nahm doch nicht zu.
   »Wie war dein Tag?«, fragte sie.
   Er knöpfte sich das Jackett auf und strich sich die ebenfalls graue Krawatte glatt, ehe er von dem Geschäftsabschluss erzählte, auf den er die vergangenen Wochen hingearbeitet hatte. Er war ein erfolgreicher Bauunternehmer. Das war er vor allem, weil er hart dafür gearbeitet hatte und sich auch jetzt als Big Boss nicht zu schade war, mit anzupacken. Seine Mitarbeiter mochten ihn, und seine Geschäftspartner schätzten seine direkte, ehrliche Art. Sam hatte bereits einige dieser Leute kennengelernt.
   Sie waren knapp zwei Jahre zusammen. Anfangs hatten sie es langsam angehen lassen. Sie hatten sich angefreundet und erst im Laufe der Zeit tiefere Gefühle füreinander entwickelt. Es war keine alles verzehrende Liebe, sondern tiefe Zuneigung und das Wissen, einander vertrauen und miteinander leben zu können. Sam ließ alles auf sich zukommen. Sie hatte das Gefühl, nach Jahren der Rastlosigkeit endlich angekommen zu sein, und sie schaute nicht zurück. Es gab aber auch nicht viel, auf das sie zurückblicken konnte. Die Jahre, bevor sie nach Südengland gezogen war, waren wie mit einem Schleier belegt. Sie konnte sich an keine Einzelheiten erinnern. Sie wusste nur, dass sie lange krank gewesen war. Daher rührten die vielen Narben. Es war keine schöne Zeit gewesen, und sie hatte sie deshalb tief in sich vergraben. Jedes Mal, wenn sie versuchte, eine dieser Erinnerungen hervorzuholen, überkam sie ein ängstliches Frösteln, und sie schüttelte sich förmlich und ließ es bleiben.
   Manchmal fragte sie sich, ob es diesen blonden Mann wirklich gegeben hatte, von dem sie so häufig träumte. Sie wusste weder seinen Namen noch, woher sie ihn kannte. Vielleicht war er keine reale Person, aber sie träumte immer wieder von ihm. Er war unglaublich groß und hatte die tiefsten blauen Augen, die man sich vorstellen konnte. Überhaupt war er einfach zu schön, um wahr zu sein. Wie ein Filmstar. Wahrscheinlich hatte sie ihn mal irgendwo auf der Leinwand gesehen, und er hatte einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen, weil er so groß war und so schöne Haare hatte und weil …
   »Hallo? Sam?« Hal sah sie fragend an. »Wollen wir zu dir oder zu mir fahren?«
   »Entschuldige, ich war in Gedanken. Lass uns zu dir fahren. Ich brauch mal wieder ein heißes Bad.«
   Hal lachte. »Wenn du mich lassen würdest, könnten wir auch bei dir einen Whirlpool einbauen.«
   Sie standen auf und verließen zusammen das Restaurant, um dann getrennt zu Hals Wohnung in der Innenstadt zu fahren. Obwohl sie sich gut verstanden, bestand Sam auf ihren eigenen Haushalt. Hal hatte eine schöne, moderne Wohnung, die ihm gleichzeitig als Büro diente. Sam war gern dort. Vor allem, weil er das luxuriöseste Badezimmer hatte, das man sich vorstellen konnte. Als Selfmademan war die Installation für ihn natürlich ein Kinderspiel gewesen.
   Aber sie mochte ihr Haus. Sie hatte diese entfernte Verwandte nicht gekannt, die ihr das Haus vermacht hatte, und es hatte niemanden gegeben, den sie nach ihr hätte fragen können. Ihre Eltern lebten nicht mehr, und andere Familienmitglieder gab es nicht. Nachdem sie das Haus gesehen hatte, hatte sie nicht lange gezögert. Sie liebte es. Ein Auto gehörte mit zum Erbe. Ein fast neuer Land Rover. Als sie kurz darauf noch den Job in der Anwaltskanzlei angeboten bekam, konnte sie es sich sogar leisten, dort zu wohnen. Es war wie ein Geschenk des Himmels.

»Weißt du, so gefällst du mir wesentlich besser als in dem Anzug. Obwohl auch der echt heiß aussah«, rief sie Hal hinterher, als er ins Badezimmer ging, um ihr ein Bad einzulassen.
   Sie hatten sich wild und ausgiebig auf dem Küchentisch geliebt. Sam blieb auf der blank polierten Oberfläche liegen und sah ihm hinterher. Er besaß die klassische Bauarbeiterbräune. Brauner Nacken und Arme bis dahin, wo das T-Shirt anfing, und den knackigsten Arsch, den sie je an einem Mann gesehen hatte.
   »Guckst du mir schon wieder auf den Hintern?«, fragte er über die Schulter hinweg und verschwand hinter der Badezimmertür. Im Bademantel kam er wieder, den er jedoch nicht zugebunden hatte.
   »Jetzt nicht mehr«, antwortete sie und rekelte sich lasziv auf der kalten Oberfläche.
   Hal hatte den Tisch vor ein paar Tagen im Boden verankert, damit sie nicht immer damit durch die ganze Küche wanderten. Ein Handwerker im Haus war praktisch.
   »Eigentlich wollte ich so ein bisschen Eindruck schinden«, erwiderte er und beugte sich kurz über sie, um sie zu küssen. »Um das hier zu tun.«
   Er holte eine kleine Schachtel aus der Tasche seines Bademantels und legte sie ihr auf den nackten Bauch. Sam nahm sie argwöhnisch in die Hand und setzte sich auf. Hal stand zwischen ihren Beinen und ließ seinen Blick über ihren Körper wandern. Sie sah die Begierde in seinen Augen und die Zuneigung. Beides kannte sie bereits, doch es war noch etwas Anderes darin. Etwas Ernstes. Als er tief Luft holte, überkam Sam eine sonderbare Beklemmung.
   »Weißt du, du bist die aufregendste Frau, die jemals nackt auf meinem Küchentisch gelegen hat«, begann er und lächelte. »Okay, eigentlich bist du die einzige Frau, die jemals nackt auf meinem Küchentisch gelegen hat. Ich würde mir wünschen, dass das so bleibt. Dass du weiterhin hier auf meinem Tisch liegst. Also, nicht die ganze Zeit. Aber doch, na ja, also … ach, Mist!«
   Sam stieß ein kleines Lachen aus, und Hal schlug den Bademantel vorn zu, um seine erneute Erektion zu verbergen. Er sah sie ernst an.
   »Sam, ich möchte dich bitten, meine Frau zu werden.«

*

Jayden wusch sich die Hände, strich sich die Haare glatt und verließ das Hotelzimmer. Sein Opfer, eine Blondine aus Deutschland mit einem fürchterlichen Dialekt, lag in den zerwühlten Laken und schlief. Ihre Angst war köstlich gewesen und ihr Blut auch. Er hatte ihr Gedächtnis gelöscht, nichts würde an ihn erinnern, sobald sie aufwachte. Sie würde sich ein wenig schwach und benommen fühlen aufgrund des Blutverlustes und wund an Stellen sein, an denen sie wahrscheinlich noch nicht allzu häufig wund gewesen war, aber ansonsten würde sie sich an nichts erinnern. Wozu auch? Er hatte seinen Spaß an ihr gehabt, wie immer. Sie durfte weiterleben, was sonst eher selten geschah.
   Anfangs war er beinahe sanft mit seinen Opfern umgegangen, doch das war nicht das Gleiche. Er brauchte ihre Angst. Nur das befriedigte ihn. Irgendwann schaltete er die gefühlvolle, von Gewissensbissen gebeutelte Seite aus. Danach konnte er die Todesangst in den Augen seiner Opfer wieder genießen, aber er ließ keines von ihnen am Leben. Er konnte ihr Gebettel, ihr Geheule, selbst ihre Furcht danach nicht ertragen. Er hasste sich dafür. Noch mehr hasste er sie dafür. Die Frau, die eine Saite in ihm zum Klingen gebracht hatte, die er nicht hören wollte.
   Den Türknauf noch in der Hand hielt er inne. Die Sache mit Sam hatte ihn lange verfolgt. Obwohl er sie liebte, hatte er ihr die Erinnerungen genommen und ihr ein geregeltes Leben verschafft. Zu viel hatte sie von Vampiren wie ihm erleiden müssen. Hätte sie als Vampirjägerin weitergemacht, hätte sie unweigerlich den Tod gefunden. Bald und unter Garantie schmerzhaft. Das hatte er ihr erspart.
   Jayden stieß sich von der Tür ab und ging gemächlich den Gang hinunter. Er würde keinen Gedanken mehr an die Blondine, die er gerade beinahe sechs Stunden lang gefickt und zu Tode erschreckt hatte, verschwenden. An die Andere auch nicht. Die, nach der er unbewusst seine Opfer aussuchte. Die er unbedingt aus seinem Kopf bekommen musste.
   Jahrelang war er damit beschäftigt gewesen, sich die Frau auszutreiben, die ihn verwandelt hatte. Mary, das manipulative Miststück. Mit ihr hatte er erkannt, wie nah Hass und Liebe oftmals beieinanderlagen. Und wie wenig sich diese beiden Emotionen voneinander unterschieden. Beides konnte einen antreiben und gleichzeitig zugrunde richten. Als er Mary traf, war er gerade von Zuhause abgehauen. Eigentlich war sie nicht sein Stil gewesen. Sie war zwar hübsch mit ihren feuerroten Haaren und den großen Brüsten, aber sie war ungebildet und wirkte bäurisch auf ihn. Jayden kam aus gutem Hause, sah blendend aus, war sportlich und ein Einserschüler. Mary passte nicht zu ihm, aber der Sex mit ihr war bahnbrechend. Sie war hemmungslos, ohne Sinn für Anstand und derart versaut, dass er Probleme hatte, mit ihr mitzuhalten. Sie trieb es auf jede nur erdenkliche Weise mit ihm und anderen. Nachdem er wusste, was sie war, ergaben auch die gewöhnungsbedürftigen Blutspiele einen Sinn.
   Als sie ihn verwandeln wollte, war er so high von ihrem Blut und stundenlangem Sex, dass er zu allem Ja gesagt hätte. Danach wurde alles anders. Durch seinen Durst hatte sie ihn komplett in der Hand. Sie liebte es, ihn zu quälen, ihn dursten zu lassen, während sie vor seinen Augen andere fickte und deren Blut trank. Nicht nur das. Sie zwang ihm Dinge auf, die er normalerweise nicht getan hätte. Es waren abartige, unmenschliche Dinge, für die er sich noch Jahrzehnte später verabscheute. Sie benutzte ihn und jeden, den sie in die Finger bekam, für ihre Zwecke. Nicht nur, um ihre abartige Lust zu befriedigen. Wie oft hatte er jemanden mit seinen bloßen Händen ermorden müssen, damit sie sich in dem Blut des Toten buchstäblich suhlen konnte. Wie ein Tier hatte sie ihre Opfer ausgeweidet und sich ihr Blut auf den nackten Körper geschmiert, das er hatte ablecken müssen. Wenn er sich anschließend in Krämpfen am Boden wand, weil ihm das Blut nicht bekommen war, hatte sie ihn bestiegen oder ausgelacht. Nicht nur einmal hatte er seinen Körper dafür verflucht, dass er auf ihre Reize reagierte. Hätte er keinen mehr hochbekommen, hätte sie ihn in Frieden gelassen. Wahrscheinlich hätte sie ihn geschlagen oder ihn anderweitig gequält, aber zumindest hätte er sie dann nicht mehr nackt und feucht auf sich spüren müssen.
   Anfangs hatte er geglaubt, Mary zu lieben und von ihr geliebt zu werden, doch sie war zu so einem Gefühl nicht fähig. Mit ihrem Neid auf das Glück und die Zufriedenheit anderer, ihrem unstillbaren Hass auf ihren Schöpfer Dorian und ihrer abgrundtiefen Grausamkeit zerstörte sie ihn Stück für Stück. Als er sich von ihr losmachen konnte, war nicht nur sein Körper tot. Seine Schwester Jil brachte ihm etwas Frieden, aber nicht für lange. Auch sie entwickelte sich zu einer unbarmherzigen, gewissenlosen Bestie, die ihn ebenfalls für ihre Zwecke und ihre Lust benutzte. Wann seine Liebe zu ihr in Hass umgeschlagen war, wusste er nicht. Er hatte sie lange gesucht, nachdem sie verschwunden war. Aus Pflichtbewusstsein und weil er nicht allein sein wollte. Tief in seinem Inneren hatte er gehofft, er wäre sie los. Für immer.
   Das alles wurde ihm bewusst, als er mit Dorian und Louisa zusammenlebte. Zu was für einem Ungeheuer er geworden war und mit welcher Art Monstern er sich bisher umgeben hatte. Dorian und Louisa waren anders. Sogar Dorian war mit den Jahren menschlicher geworden, ohne dadurch weniger Furcht einflößend zu wirken. Sie hatten ihm ein Heim geboten, ein Zuhause. Er vermisste sie. Ohne sie war er wieder das, was Mary aus ihm gemacht hatte. Ein Killer, der von der Angst seiner Opfer lebte.
   Er durchschritt die helle Lobby und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Zeit, Eric abzuholen. Mit dem Taxi ließ er sich zu einem verlassenen und halb verfallenen Werksgelände bringen. Es war eine Fabrik für Billigspielzeug, die vor Jahren stillgelegt worden war. Jetzt fanden in den baufälligen Lagerhallen Techno- und Mangapartys statt. Heute war jedoch alles ruhig, wenn man nicht genau hinhörte. Er durchquerte eine große Halle, in der noch der Geruch nach schwitzenden Menschen in der Luft hing, die sich hier am Wochenende vergnügt hatten, und ging in den Keller. Ein verzweigtes Tunnelsystem ohne Markierungen, in dem sich jeder nicht Eingeweihte zwangsläufig verirrte, brachte ihn zum eigentlichen Schauplatz. Ein Kellergewölbe, das vor Jahrzehnten als Lagerraum für große Kriegsmaschinerie benutzt worden war. Der Lärm der begeisterten Menge und der dicke, schwere Geruch nach Schweiß, Blut und Tabak waren wie eine zähe Masse, durch die sich Jayden mühsam hindurchzwängen musste. In der Halle, die etwa so groß war wie ein Fußballfeld, waren mehrere Reihen Stühle um ein Podest in der Mitte verteilt. Es erinnerte an eine Boxarena, nur dass es aus Beton gegossen war, und zwischen die vier Eckpfeiler aus rohen Stahlträgern, wie man sie beim Bau von Hochhäusern verwendete, waren dicke Stahlseile gespannt. Hier fanden Kämpfe aller Art statt. Vor allem Vampirkämpfe. Über die Hälfte der Anwesenden waren Vampire. Der Rest wollte einer werden, gehörte zum Veranstalterteam oder war zur falschen Zeit am falschen Ort.
   Im Ring standen sich zwei Vampire blutend und keuchend gegenüber. Der eine war ein riesiger japanischer Kämpfer mit der Statur eines Sumoringers und dem Grinsen eines Raubtieres. Er spie Blut und einen Fetzen Haut aus, den er seinem Gegenüber aus der Schulter gerissen hatte. Eric stand breitbeinig vor ihm und machte auffordernde Gesten. Wobei ihm der linke Arm nicht mehr zu gehorchen schien. Er stand in einem merkwürdigen Winkel vom Ellenbogen ab und war wahrscheinlich gebrochen. Eric hatte sein T-Shirt ausgezogen und war eine imposante Erscheinung.
   Diese Vampirkämpfe waren der neueste Schrei in Ostasien. Es hatte sich eine ganze Liga mit mehreren Klubs herausgebildet, die sich gegenseitig zu überbieten versuchten. Erics Gegner war einer ihrer Stars. Ausländer hatten hier generell schlechte Chancen, denn auch wenn es strikte Regeln gab, hielten sich diese verdammten Schlitzaugen selten daran. Wie auch jetzt, als der fette Sumo Eric mit seiner Vampirkraft niederdrückte, um ihm so heftig ins Gesicht zu schlagen, dass Jayden hören konnte, wie sein Schädel brach. Erics massiger Körper, der durch die ungezählten Kämpfe noch mehr gestählt war, schlug hart auf dem kalten Beton auf. Jayden wusste, er würde nicht lange liegen bleiben. Louisas Blut hatte ihm eine erstaunliche Selbstheilungskraft verliehen. Nicht so enorm wie Dorians, aber so gut, dass er nie lange verletzt blieb. Den Schmerz musste er dennoch aushalten. Das kümmerte Eric jedoch nicht.
   Eric hatte ein neues Ventil gefunden, um seine Scham, seine Trauer und seine Wut auf sich herauszulassen. Er wusste, dass er allein schuld daran war, dass Louisa ihn weggeschickt hatte. Ihm war klar, dass keine Entschuldigung oder Beteuerung, es nie wieder zu tun, ausreichte, damit sie ihm vergab. Das hatte er alles schon durch. Tagelang hatte er bei Louisa angerufen, nachdem Jayden ihn fortgeschleift hatte. Sie hatte nicht einmal mit ihm geredet. Dorian war es, der versucht hatte, ihn zu beruhigen und ihm versicherte, Louisa würde ihm verzeihen, wenn er sie ein wenig in Ruhe ließe. Ausgerechnet Dorian! Irgendwann hatte Eric es begriffen. Zwei Jahre waren sie nun fort. Seit über einem Jahr machte Eric diese Vampirkämpfe mit. Zwei Jahre, und er vermisste sie wie am ersten Tag. Dabei waren sie nicht einmal zusammen gewesen. Sie war Dorian stets treu geblieben.
   Eric vermisste auch seine Tochter. Die kleine Zoe. Dass er nicht bei ihr war, nicht sehen konnte, wie sie aufwuchs, quälte ihn sogar noch mehr. Wahrscheinlich ließ er sich deshalb immer zu Brei schlagen. Zoe sprach wenigstens mit ihm. Einmal die Woche telefonierten sie miteinander, und sie erzählte ihm, was sie erlebt hatte. Über Louisa sprachen sie nie. Nach diesen Telefonaten ging es Eric noch beschissener. Jayden glaubte nicht, dass er Todeswünsche hatte, aber manchmal hatte er Angst, einer seiner Gegner würde ihn umbringen. Entweder fair im Ring oder aus dem Hinterhalt in einer dunklen Gasse.
   Dorian hatte sich geirrt. Es gab noch alte Vampire und die asiatischen Alten waren unberechenbar. Glücklicherweise hatten er und Eric einige von ihnen gefickt. Sie standen auf so große, breite Kerle wie ihn und Jayden. Jayden war sich dennoch sicher, sobald sie die Schnauze voll von ihnen hätten, wären sie schnell ihre Unsterblichkeit los.
   Erstaunlicherweise hatte Eric nie wieder eine Sterbliche angerührt, um mit ihr zu schlafen. Auch bei Vampiren suchte er sich stets Frauen, die groß und kräftig waren. Als hätte er Angst, er würde wieder eine von ihnen aus Versehen töten, wie es mit Concetta geschehen war. Leider gab es von den größeren Frauen nicht allzu viele, weshalb er sich auf Männer verlegte oder überhaupt keinen Sex hatte. Letzteres war die Regel. Was dazu führte, dass er noch mehr unter Strom stand.
   Ein heiseres Lachen ließ die Menge aufjohlen. Jayden betete, Eric würde einfach liegen bleiben und sich auszählen lassen. Stattdessen kam er blitzschnell auf die Beine und stürzte sich auf den Sumoringer, der ihm in seiner Überraschung nichts entgegenzusetzen hatte. Er schlug ihm die Rechte in den fetten Wanst, fegte den Ellenbogen einmal durch sein weißes fleischiges Gesicht und riss ihn in einer schnellen Bewegung am Genick von den Füßen. Mit einem klatschenden Geräusch landete der Vampir auf dem Boden. Eric stellte ihm einen Stiefel aufs Gesicht und drückte zu. Blut spritzte darunter hervor. Sein Gegner knurrte vor Schmerz auf. Er versuchte, sich unter Erics Stiefel zu befreien, doch Eris Fuß nagelte ihn förmlich an den Boden. Er würde nicht weichen. Der Sumo versuchte ein paar Mal vergeblich, ihn an den Beinen zu packen und umzuwerfen. Als es ihm nicht gelang, schlug er mit der flachen Hand auf den Beton neben sich. Eric nahm seinen Fuß von ihm und ließ die Schultern hängen. Der Kampf war vorbei. Auch wenn Eric wie so oft gewonnen hatte, schien er in sich zusammenzusinken. Jede Kampfkraft, jeder Elan wich mit dem finalen Gong von ihm und brachte ihn wieder an den Punkt, weswegen er überhaupt in den Ring gestiegen war. In seine persönliche Hölle.

Kapitel 2

Wir hatten schwere Zeiten hinter uns. Seit Louisa mich kannte, litt sie. Bereits als Mensch wurde sie von Vampiren angegriffen und schließlich entführt, wobei man sie zwang, mit Eric, der Flachpfeife, zu schlafen. Dabei wurde sie schwanger. Wir entschieden uns für das Kind, was die zweitbeste Entscheidung meines Lebens war. Die beste war, Louisa noch vor der Entbindung zu meiner Frau zu machen. Auch ohne diese Schrecknisse hatte Louisa mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen, seit ich sie verwandelt hatte. Sie liebte mich. Aber sie liebte auch Eric, den leiblichen Vater unserer kleinen Zoe. Um ihn zu retten, war sie bereit gewesen, sich einem Mann hinzugeben, den sie nicht mochte. Es war nicht dazu gekommen, Louisa hatte den Kerl getötet, doch etwas in ihr zerbrach. Sie schickte Eric fort, der seinen Gefährten Jayden mit sich nahm. Damit bestrafte sie nicht nur ihn, sondern auch sich.
   Sie litt unter dieser Trennung, ließ sich jedoch nicht erweichen, ihn zurückzurufen. Dass Eric ebenso litt, gerade weil er unsere Tochter Zoe nun nicht mehr aufwachsen sehen konnte, bekam ich jede Woche zu spüren, wenn er anrief und sich nach den beiden erkundigte. Louisa redete nicht ein einziges Mal mit ihm. Mir waren die Hände gebunden, wollte ich nicht ihren Zorn auf mich laden. Louisa war die Liebe meines Lebens, und ich respektierte ihre Entscheidungen, auch wenn ich sie nicht verstand.
   Nur langsam fand sie ins Leben zurück und kroch aus ihrer Höhle heraus, um sich mit ihrem Polizistenfreund Franco und Pierre, dem Leiter des Tenebra, eines Vampirklubs in Palermo, zu treffen. Es war Pierres Ziehvater gewesen, der sich an Louisa vergriffen hatte und dafür sein Leben lassen musste. Obwohl Vincenzo den sterblichen Pierre bereits als Kleinkind zu sich genommen hatte, misshandelte er ihn und Pierre war nicht traurig über seinen Abgang. Im Gegenteil, er hatte meine Frau sogar tatkräftig dabei unterstützt, ohne an sein eigenes kostbares Leben zu denken. Sie war ihm noch immer dankbar dafür. Deshalb überraschte es mich nicht, dass er Louisa irgendwann bat, ihn zu verwandeln.
   »Pierre, das kann ich nicht.« Sie starrte ihn entsetzt an.
   »Chérie, es wird Zeit für mich«, sagte er und klang nach dem alten Mann, der er im Grunde war. Er nahm ihre kleine Hand in seine. »Ohne Vincenzos Blut werde ich altern. Wenn ich die Kontrolle über die anderen behalten möchte, und das möchte ich, muss ich stärker sein als sie. Dein Blut ist stärker.«
   »Pierre, ich weiß, was du für Louisa getan hast«, sagte ich. »Dafür schulde ich dir etwas. Michael kann dich verwandeln. Er ist alt und hat zumindest einen Teil von Louisas Blut in sich. Er wird es tun.«
   Pierre nickte dankbar. Er wusste, wie eigen ich mit meinem und Louisas Blut war. Wir einigten uns darauf, es nach dem Wochenende zu tun. Im Tenebra gab es mehrere Arrestzellen, in die würden wir ihn einsperren, und ich würde einmal am Tag nach ihm sehen. Wenn der Blutdurst vorüber war, würden wir ihn hinauslassen. Pierre war mit allem einverstanden. Allerdings blieb ihm keine andere Wahl.

»Ich kann das nicht, Dorian«, jammerte Louisa, als wir auf dem Rückweg waren.
   Louisa sollte von ihm trinken, bis er ohnmächtig wurde. Michael und ich würden den Rest erledigen. »Er wird Angst haben, Louisa. Du wärest ein Trost für ihn, jemand, den er mag, an dem er sich festhalten kann.«
   »Aber wir töten ihn.«
   Ich seufzte. Louisa war in vielen Dingen nervenaufreibend widersprüchlich. Sie würde, um ihre Familie zu schützen, ebenso gewissenlos töten wie ich. Dabei zu sein, wie wir einem Freund seinen Wunsch erfüllten und ihn zu einem von uns machten, quälte sie schon vorher. Sie hatte bis heute nicht begriffen, dass die meisten das Vampirdasein als Geschenk betrachteten. »Wir erwecken ihn ja auch gleich wieder. Er wird nichts davon spüren.« Wenn alles klappte.

Pierres Verwandlung verlief reibungslos. Ich war froh darüber, denn trotz meiner sechshundert Jahre hatte ich nicht viel Erfahrung damit und wusste nur, dass es nicht immer funktionierte.
   Miss Miller, meine Sekretärin und Michaels langjährige feste Freundin, war ebenfalls anwesend. Sie hatte sehen sollen, was wir waren und wie eine Verwandlung verlief. Ich hatte Louisa nicht darauf vorbereiten können, den Fehler wollte ich Michael bei Miss Miller nicht machen lassen. Es hatte sie entsetzt und Michael hatte sie bereits nach Hause gebracht, ehe wir fertig waren. Es wunderte mich nicht, dass sie das Geschehen erschreckt hatte, passte es doch nicht zu der romantischen Vorstellung, die sie aufgrund dieser Vampirromane und Michaels sanftem Umgang mit ihr gewonnen hatte.
   Wir waren noch nicht aus dem Tenebra heraus, als mein Handy klingelte.
   »Franco, was kann ich für Sie tun?« Normalerweise rief er nie an, wenn Zoe bei ihnen war, und mich beschlich ein ungutes Gefühl. Seit ich einen Clan um mich versammelt hatte und verantwortlich für mehrere Leben war, hatte ich des Öfteren Vorahnungen, die sich meist als weit schlimmer herausstellten als angenommen.
   »Endlich erreiche ich Sie«, sagte er, und die Erleichterung war ihm deutlich anzuhören. »Es geht um Zoe. Sie ist im Krankenhaus.«

*

Auf dem Weg zum Flughafen konnte Sam an nichts anderes denken als an Hals Antrag. Nie im Leben hätte sie das erwartet, und sie hatte ihm keine Antwort geben können. Es tat ihr in der Seele weh, aber sie konnte weder Ja noch Nein sagen. Sie hatte sich bisher übers Heiraten keine Gedanken gemacht. Es lief prima mit ihnen. Sie verstanden sich gut, hatten guten, häufigen Sex und lange, tief gehende Gespräche. Sie hatten gemeinsame Freunde und unternahmen viel zusammen. Sie mochte ihn. Nein, mehr als das. Aber heiraten? Dazu fühlte sie sich nicht bereit. Sie wollte ihr Haus nicht aufgeben und auch nicht ihr Leben, das sie gerade erst wiederbekommen hatte. Zumindest fühlten sich die vergangenen drei Jahre an, als hätte sie ihr Leben gerade erst wiederentdeckt.
   Sam wollte Hal nicht verlieren. Auch wenn er ihr versichert hatte, dass das keine Ganz-oder-gar-nicht-Entscheidung sein würde, war sie sich sicher, dass es nach einem Nein zwischen ihnen nicht mehr sein würde wie bisher. Aber deswegen heiraten?
   Sie überlegte, einen Umweg zu der Baustelle zu machen, die er leitete, um ihn noch einmal zu sehen. Vielleicht fiele ihr die Entscheidung leichter, wenn sie ihn sah, und sie müsste ihn nicht unnötig übers Wochenende zappeln lassen. Als sie aus dem Autofenster blickte und die ersten Flugzeuge starten und landen sah, erkannte sie, dass es zu spät war. Er hatte ihr diese Bedenkzeit eingeräumt, also würde Sam sie nutzen. Die Reise mit ihrer Freundin war schon länger geplant.
   Ellen arbeitete für ein politisches Magazin und war der neue Liebling ihres Redakteurs. Dank ihr war die Vertuschung einer Bankenpleite aufgedeckt worden, was ihr großes Lob und vor allem den Respekt ihres Chefs eingebracht hatte. Dabei war es eher Zufall gewesen, wie sie Sam später gestanden hatte. Sie war mit einem der Firmenchefs ausgegangen, und der hatte sich in einem Anfall von schlechtem Gewissen bei ihr ausgeheult. Nun war sie losgeschickt worden, um in Japan Recherchen über eine neue Form von illegalen Sportwetten anzustellen, die nach Europa zu schwappen drohte. Ein Kollege von ihr hatte erste Kontakte geknüpft und um weibliche Verstärkung gebeten. Eine Riesensache, wie ihre Freundin ihr versicherte. Man setzte große Hoffnungen in sie. Weshalb es ihr erlaubt war, jemanden mitzunehmen. Sam kam es so vor, als brauchten sie eine Frau, die über gewisse Reize verfügte und damit vielleicht mehr erreichte. Sie war sich nicht sicher, ob sich Ellen dessen bewusst war oder ob es ihr egal war.
   Sam traf Ellen am Schalter beim Check-in. Ihre Freundin war wesentlich pünktlicher gewesen, denn sie stand fast ganz vorn in der langen Schlange. Sam stellte sich einfach zu ihr. Mit ihren fast einen Meter achtzig ohne High Heels und den langen blonden Haaren kamen die meisten Frauen nicht an sie heran, um sich über sie zu beschweren. Die Männer starrten für gewöhnlich auf ihre langen Beine. Ellen war fast so groß wie sie, hatte kinnlange dunkelblonde Haare mit helleren Strähnchen. Sie plapperte die ganze Zeit, als würde es sich um einen Vergnügungsurlaub handeln. Dabei würden sie ein Terrain betreten, das eindeutig am Rande der Legalität und vermutlich auch am Rande der Gesellschaft lag, zu der sie normalerweise gehörten.
   »Denkst du, die japanischen Männer sind so erfinderisch im Bett, wie man sagt?«, fragte Ellen, als sie die übliche Sicherheitsunterweisung hinter sich hatten und der Flieger gestartet war.
   »Hal hat mich gefragt, ob ich ihn heiraten will«, platzte Sam anstatt einer Antwort mit ihrer Neuigkeit heraus.
   Ellen quiekte vor Freude auf und umarmte sie stürmisch. Sam kannte keine andere Dreißigjährige, die tatsächlich quiekte.
   »Oh, herzlichen Glückwunsch. Darf ich mitkommen und dein Kleid aussuchen?«
   »Ich hab ihm nicht geantwortet.« Sie vermied es, Ellen anzusehen. Als ihre Freundin nichts sagte, drehte sie sich doch zu ihr um.
   »Dann habt ihr euch getrennt?«
   »Nein, ich hab mich nur noch nicht entschieden.«
   »Du liebst ihn doch, oder nicht?«
   Natürlich, wollte sie antworten, sagte allerdings nichts. Es war keine Liebe, was sie für Hal empfand. Liebe hatte sie sich anders vorgestellt. Hatte sie anders erlebt. Ja, sie war sich sicher, dass sie jemanden geliebt hatte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wer und wann das gewesen war, aber die Erinnerung an das Gefühl, das sie damals verspürt hatte, zog manchmal wie ein flüchtiger Windhauch an ihr vorbei. Allein dieser leise Nachhauch war tief greifender und umfassender als das, was sie für Hal empfand. »Ich weiß es nicht. Ich bin gern mit ihm zusammen. Er ist ein toller Mann. Er hat mich auch noch nie bedrängt, aber ich bin mir sicher, wenn ich Nein sage, werde ich ihn verlieren.«
   »Wenn du ihn nicht verlieren willst, dann solltest du einfach Ja sagen«, sagte Ellen und lächelte ihr aufmunternd zu.
   Da hatte sie vermutlich recht. Bei Ellen gab es häufig nur schwarz oder weiß. Sam wusste, dass das Leben aus allzu vielen Grautönen in unterschiedlichen Abstufungen bestand. Es wäre zu schön, wenn alles nur schwarz oder weiß, gut oder böse, ja oder nein wäre. Wie einfach wären Entscheidungen.
   Sie schwieg den Rest des Fluges und versuchte, sich vorzustellen, wie es sein würde, mit Hal verheiratet, Mrs Samantha Fletcher geborene Stayton, zu sein. Sie konnte es nicht. Sam hatte das Gefühl, als hätte das Leben etwas anderes mit ihr vor.

Kapitel 3

Zoe lag auf einer Behandlungsliege und hatte ein dickes Pflaster auf der Stirn. Chiara saß neben ihr. Francesca und ihre Tochter ebenfalls. Franco ging seit einigen Wochen mit Francesca aus, hatte Louisa mir berichtet. Die drei Mädchen kicherten, als wir hereingestürmt kamen.
   Ich hasste Krankenhäuser.
   »Ist alles halb so wild«, sagte Francesca. »Zoe war nur verwirrt, als sie aufgewacht ist und keiner von euch da war. Sie hatte Angst, weil sie noch nie im Krankenhaus war.«
   »Was ist passiert?«, fragte Louisa. Sie hatte sich zu Zoe gesetzt und sie in die Arme genommen.
   Franco hatte uns alles erzählt, dennoch hörten wir uns ihre Version an. Sie waren in der Stadt bummeln, als sich ein Motorradfahrer im Vorbeifahren Zoes Tasche schnappte. Dabei war sie gestürzt und hatte sich den Kopf aufgeschlagen, sodass sie kurz weggetreten war.
   »Es musste nicht genäht werden«, beruhigte sie uns und strahlte schon wieder. »Es tut auch gar nicht mehr weh.«
   Louisa warf mir einen unglücklichen Blick zu. Zoe war niemals krank gewesen, und natürlich hatte sie noch nie einen Unfall gehabt. Es war immer einer von uns bei ihr. So konnte ihr nichts passieren. Seit sie kein Kind mehr war und öfter ihre eigenen Wege gehen wollte, war sie leider häufiger allein auf ihnen unterwegs. So etwas musste wohl zwangsläufig irgendwann passieren.
   Als die Tür aufging und eine junge Ärztin mit Zoes Akte hereinkam, verließen uns die anderen.
   »Wann können wir sie wieder mit nach Hause nehmen?«, fragte Louisa, die noch immer bei Zoe auf der Liegenkante saß.
   »Da es Ihrer Tochter wieder gut geht und es nicht nach einer Gehirnerschütterung aussieht«, antwortete die Ärztin, die sich als Dr. Grocera vorgestellt hatte, »können Sie sie gleich wieder mitnehmen. Ich wollte sie ihren Eltern übergeben, auch wenn Signore Lutoni mir versicherte, dass Sie befreundet sind. Außerdem gab es Ungereimtheiten bei ihren Werten, die ich gern mit Ihnen besprochen hätte.«
   Ungereimtheiten. Tja, das konnte ich mir denken. Immerhin hatten wir unsere Tochter mit Vampirblut aufgezogen. Auch jetzt bekam sie es noch ab und zu. Das konnte ich Dr. Grocera natürlich nicht erzählen. Ich trat zu ihr und beugte mich neugierig über die Akte, die sie in der Hand hielt. Viel stand nicht drin, wie ich mit einem schnellen Blick feststellte.
   »Ist es richtig, dass Zoe noch niemals in ärztlicher Behandlung war außer zu den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen?«
   »Das ist korrekt. Wir leben sehr natürlich«, antwortete ich und grinste.
   »Sie hatte nicht eine Kinderkrankheit? Windpocken, Scharlach, Röteln?«
   »Nein.«
   »Gibt es irgendwelche Erbkrankheiten in Ihrer Familie oder der Ihrer Frau?«
   »Ich kann mich nicht erinnern.«
   Zoe kicherte leise und erntete einen bösen Blick von Louisa.
   »Mr. Fitzgerald, ich will ehrlich sein.« Dr. Grocera sah mich ernst an. »Als Ihre Tochter hergebracht wurde, sprach der Notarzt von einer stark blutenden Platzwunde am Kopf. Sie war einige Minuten nicht ansprechbar und alles deutete auf ein Schädeltrauma hin. Als ich mir Ihre Tochter etwa eine halbe Stunde später angesehen habe, war es nicht viel mehr als eine Platzwunde, die man sich holt, wenn man sich zum Beispiel an einem Tisch den Kopf stößt.«
   »Na, das ist doch schön.«
   »Ich habe daraufhin Ihrer Tochter Blut abgenommen und einem routinemäßigen Check unterzogen«, fuhr Dr. Grocera unbeirrt fort. »Dabei sind mir besagte Unregelmäßigkeiten aufgefallen.«
   »Zum Beispiel?« Die Sache fing an, mich zu erheitern.
   »Zum Beispiel weist Ihre Tochter mehrere Blutgruppen auf.« Dr. Grocera klang nicht amüsiert. Eigentlich wirkte sie sogar ernst, fast erschüttert und empört darüber, dass ich ihre Entdeckung so gelassen aufnahm.
   »Aber wie ist das denn möglich?«, mimte ich den Empörten.
   »Nun reicht es, Dorian«, sagte Louisa leise und beendete damit den Spaß.
   Ich beugte mich zu Dr. Grocera herunter und erzählte ihr, dass ihr nichts Ungewöhnliches aufgefallen war und dass sie keinen Bluttest gemacht hatte, sondern dass sie Zoe für ein gesundes, hübsches Mädchen hielt. Junge Frau, musste ich auf Protest von Zoe verbessern und schickte die nette Ärztin nach draußen.
   Zoe kicherte, als wir allein waren. Louisa verdrehte die Augen.
   »Den Typen hab ich übrigens erwischt. Ich hab ihn von seinem dämlichen Motorrad geschleudert. Er liegt vier Türen weiter. Hat sich den Arm gebrochen.«
   »Du hast ihn umgestoßen?«, fragte Louisa. »Wie das denn?«
   »Na, so wie Jayden es mir beigebracht hat«, antwortete unsere Tochter, als wäre das keine große Sache.
   Louisas Blick sprach Bände. Ich lächelte stolz. Was Vampirblut nicht alles bewirkte. Seit Zoe auf der Welt war, bekam sie mein Blut zu trinken. Nicht viel, dennoch hatte sie erstaunliche Kräfte entwickelt. Übernatürliche Fähigkeiten, die ein sterbliches Mädchen nicht haben sollte. Jayden hatte sie darin trainiert. Louisa war nie wohl dabei gewesen, aber nun zeigte sich, dass er gut daran getan hatte.
   Bevor wir das Krankenhaus verließen, stattete ich dem Angreifer meiner Tochter einen Besuch ab. Er war ein vielleicht dreiundzwanzigjähriger Mann mit dunklen krausen Haaren und ungepflegten Klamotten. Ich flößte ihm ein, dass er sich, sobald er entlassen würde, sofort ins Luce del giorno begeben und sich mit freundlichem Gruß von Dorian als Mahlzeit für Pierre vorstellen sollte. Er schaute mich etwas verwirrt an, aber ich war mir sicher, dass er tun würde, was ich ihm befohlen hatte. Rache war süß.

*

Sam ließ ihren Blick über die begeisterte Menge schweifen. Ihre Freundin erbebte neben ihr, den Blick der weit aufgerissenen Augen starr auf den Ring geheftet. Sie hatte sich kerzengerade aufgerichtet, um alles mitzubekommen. Immer wieder leckte sie sich über die Unterlippe. Herrgott, dieser Kampf gefiel ihr, stellte Sam mit Schrecken fest. Sie persönlich fand schon Wrestling im Fernsehen krank, auch wenn sie genau wusste, dass das meiste von dem, was man sah, Show und einstudiert war. Das, was sie in dieser Lagerhalle zu sehen bekamen, war keine Show.
   Gerade hatte ein extrem gut aussehender, dunkelhaariger Kerl den Ring betreten. Sie hatte sofort erkannt, dass er ein geübter Kämpfer war, dennoch war es ihr ein Rätsel, wie er nach all diesen Schlägen noch immer so ein hübsches Gesicht haben konnte. Der Kampf war brutal und schnell. Sam saß weit genug weg, um nicht alles genau hören zu können, doch sie hätte schwören können, dass der fette Asiate dem Dunkelhaarigen den Arm gebrochen hatte. Sie sah sogar das Blut spritzen, als sie weiter aufeinander eindroschen, und wendete sich angewidert ab. Mit was für Mitteln waren diese Kämpfer wohl gedopt? Kein normaler Mensch konnte solch brutale Schläge einstecken und dann noch aufrecht stehen! Vielleicht war eine neue Droge im Umlauf, die sich alle wie He-Man fühlen ließ. Oder standen die beiden unter Hypnose und spürten den Schmerz nicht?
   Sam war froh, wenn sie endlich gehen konnten. Da war sie allerdings die Einzige, wie sie feststellte, als sie ihren Blick erneut über die Menge schweifen ließ, um nicht in den Ring schauen zu müssen. Ellen keuchte neben ihr auf. Sam wollte gerade zu ihr schauen, als ihr im Publikum jemand auffiel.
   Ein großer blonder Mann kam zielstrebig und mit ernster Miene zur Tür herein und schlängelte sich mit anmutigen Bewegungen durch die hinteren Reihen, wo die Leute dicht an dicht standen und die Hälse reckten. Sam hatte das merkwürdige Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben. Er blieb stehen und richtete seinen Blick auf die Kämpfenden und auf einige Besucher zu seiner Linken. Er schien über etwas nachzudenken. Als er sich mit der gleichen Anmut, mit der er durch die Tür gekommen war, wieder in Bewegung setzte, verspürte sie den dringenden Wunsch, zu ihm zu gehen. Sie kannte ihn und hatte das Gefühl, dass etwas zwischen ihnen war. Etwas, das nie ausgesprochen worden war.
   »Ich bin gleich wieder da«, sagte sie, auch wenn Ellen nicht darauf reagierte, und stand auf.
   Schnell drängelte sie sich durch die Sitzplätze auf den blonden Mann zu. Sie fühlte sich magisch angezogen von seinem blassen Gesicht mit den tief liegenden blauen Augen. Wenn sie nur wüsste, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte. Als sie nur noch wenige Schritte entfernt war, fiel es ihr ein. Das war der Mann aus ihrem Traum!
   Bevor sie ihn erreichen konnte, war der Kampf vorüber, und die Leute erhoben sich von ihren Plätzen. Einige strebten dem Ausgang zu, die meisten jedoch bildeten Grüppchen, um sich zu unterhalten. Sam war größer als viele Zuschauer, sodass sie beobachten konnte, wie der dunkelhaarige Kämpfer zu dem blonden Mann aus ihren Träumen ging. Sie begrüßten sich, und der Blonde beäugte kritisch die Platzwunde an der Stirn des Kämpfers. Sam zwängte sich durch eine Gruppe asiatischer Frauen hindurch, als der Blonde den Kopf in ihre Richtung drehte und sie entdeckte.

*

»Wie hast du dich eigentlich von deiner Familie verabschiedet?«, fragte ich Dorian, nachdem wir Zoe zu Bett gebracht hatten.
   Wir lagen im Bett, aber ich war viel zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Es ging ihr gut, dennoch hatte sie uns einen gehörigen Schrecken eingejagt.
   »Ich war von Zuhause weggelaufen«, erzählte Dorian leise, nachdem er eine Zeit lang geschwiegen hatte. »Wahrscheinlich haben sie gedacht, ich wäre auf dem Nachhauseweg überfallen worden. Oder einer der Gutsherren hätte mich als Sklave oder Soldat mitgenommen. Damals war es nicht ungewöhnlich, dass Leute verschwanden. Kurze Zeit, nachdem ich verwandelt worden war, ging ich zu ihnen. Es war ein harter Winter gewesen. Ich wusste, sie würden es schwer haben. Meine jüngste Schwester war bereits tot, als ich ankam. Verhungert. Gerald hat nie davon erfahren, dass ich sie besucht habe. Er hatte uns strikt verboten, uns bei unserer Familie blicken zu lassen. Ich konnte ihnen nicht über den Winter helfen, doch ich konnte etwas anderes für sie tun. Sie von ihrem Leid erlösen.«
   »Du hast sie getötet?«
   »Glaub nicht, dass mir das leichtgefallen ist, aber sie wären sowieso verhungert.«
   Ich sah den Schmerz bei der Erinnerung daran deutlich in seinem Gesicht, das plötzlich so jung wirkte, wie er tatsächlich war. Er atmete tief durch und sah mich ernst an.
   »Louisa, ich will, dass Eric wiederkommt. Das mit Zoe heute hat mir zu denken gegeben. Ich hab die ganze Zeit nichts dazu gesagt, aber du darfst ihn nicht länger von ihr fernhalten. Das ist grausam. Ich werde ihn anrufen und bitten, nach Hause zu kommen. Notfalls auch ohne deine Zustimmung.«

Kapitel 4

»Scheiße! Der Penner hat mir den Schädel gebrochen«, schimpfte Eric, als er bei Jayden ankam.
   Jayden verdrehte die Augen. »Deinen Dick-
   schädel kriegt man nicht so leicht kaputt. Zeig mal her.« Er besah sich die Platzwunde und schüttelte missbilligend den Kopf. »Du hättest den Sumoringer gewinnen lassen sollen. Verschwinden wir, ehe sie uns nicht mehr gehen lassen.«
   »Dann bleiben wir nicht zum Essen?«, fragte Eric und stöhnte.
   Das war das Beste an diesen Kämpfen. Willige Blutspender, die sich ihnen nur zu gern an den Hals warfen. Jayden drehte sich weg und erstarrte. Aus einer Gruppe schwarzhaariger Asiatinnen stach eine große blonde Frau hervor. Er erkannte sie sofort. Sam. Was zum Teufel machte Sam denn hier? Auf einem Vampirkampf. Ohne Schutz.
   »Eric, geh zum Auto. Sofort!«
   Er spürte, wie Eric verschwand. Sie machten nie viele Worte, Jaydens Stimmlage reichte für gewöhnlich aus, dass Eric verstand, wann es ernst war. Wie immer vertraute er ihm und reagierte umgehend und ohne Diskussion.
   Die asiatische Vampirliga war nicht gut auf Eric und ihn zu sprechen. Eric gewann zu viele Kämpfe, und er und Jayden ließen sich nicht einschüchtern. Das an sich brachte jeden in potenzielle Gefahr, der sich in ihrer Nähe aufhielt – oder an dem sie ein besonderes Interesse zeigten. Sam schwebte jedoch in einer viel greifbareren, reelleren Gefahr. Oberstes Gebot dieser illegalen Vampirkämpfe war strikte Geheimhaltung. Wer nicht von seinem Schöpfer hergebracht worden war, um verwandelt zu werden, wurde gefressen. Und so, wie diese Schlitzaugen über ihre Opfer herfielen, erinnerte es buchstäblich an Gefressenwerden.
   Schnell schob er sich durch die Menge auf Sam zu. Er konnte kaum glauben, dass sie hier vor ihm stand. So bezaubernd und gesund. Sie sah erholt aus, zufrieden, glücklich. Genau das hatte er sich für sie gewünscht. Wie war sie nur ans andere Ende der Welt gekommen, um ausgerechnet auf einer Vampirdinnerparty zu landen? Er musste sie hier rausschaffen.
   »Jayden!«
   »Sam«, flüsterte er und lächelte gequält. »Wir müssen verschwinden. Schnell.« Er nahm ihren Arm und zog sie den Weg zurück, den er gekommen war. Rücksichtslos schob er andere Gäste beiseite.
   »Meine Freundin! Ich lass sie nicht hier.« Sie wollte sich losmachen, aber er hielt sie mühelos fest und lief weiter. Endlich erreichten sie den Gang, der sie nach draußen bringen würde.
   »Wenn sie jetzt noch da drin ist, können wir ihr nicht mehr helfen.«
   »Was soll das heißen?«
   Die Schreie der Gebissenen drangen zu ihnen in den dunklen Tunnel, und der Geruch des Blutes kroch ihm in die Nase. Ohne zu antworten, beschleunigte er seine Schritte. Über die Geräusche des Gemetzels hörte er eine einzelne Stimme, die etwas rief, was nach einem Schlachtruf klang.
   »Schluckt dies, ihr Blutsauger!«
   Im nächsten Moment riss ihn eine fürchterliche Explosion von den Füßen und ließ die Halle einstürzen. Dicke Gesteins- und Betonbrocken wurden in den Tunnel hineingeschleudert. Er versuchte, Sam mit seinem Körper abzuschirmen und spannte jeden Muskel an, um seine Knochen zu schützen, dennoch schlug er hart auf dem Boden auf. Gesteinshagel ging auf ihn nieder. Staub drang ihm in die Lunge und ließ ihm die Augen tränen. Er war taub von der Detonation und für einen Moment orientierungslos. Sein Gehör würde schnell regenerieren, bis dahin musste er auf seine anderen Sinne vertrauen. Sein Körper schmerzte, als er seine Kräfte mobilisierte und auf die Beine kam. Sam rührte sich nicht. Er zog sie hoch in seine Arme und tastete mit einer Hand blind die Wände ab. Sie mussten hier heraus, bevor der Tunnel einstürzte.
   Irgendwann spürte er kräftige Hände auf sich und wusste sofort, dass es Erics waren. Selbst halb blind und mit dem ohrenbetäubenden Piepen in den Ohren hatte er ihn erkannt. Eric nahm ihm Sam ab und stützte ihn. Es dauerte nicht lange, bis sie draußen waren. Jayden hatte den Großteil des Weges allein geschafft. Die frische Luft tat seinen Lungen gut, und er hustete würgend, um den feinen Staub herauszubekommen, der ihm das Atmen erschwerte.
   »Du bringst mir ’ne tote Frau zum Essen mit?« Eric starrte auf die Frau hinunter, die er im Arm trug. »Scheiße! Ist das die Vampirjägerin?«
   Er nickte und rieb sich die Augen, die von dem Staub, aber auch vor Wut und Sorge tränten. Das Piepen in seinen Ohren wurde langsam leiser. »Beeil dich, wir müssen sie in ein Krankenhaus bringen.«
   Eric rührte sich nicht von der Stelle. »Jayden. Das wird sie nicht mehr schaffen. Ihr Kopf blutet stark. Und sieh dir ihre Beine an. Scheiße, das kriegen die nie wieder hin.«
   Jayden sah erst Eric an und dann auf Sam in seinen Armen. Ihre Beine waren verdreht und zerquetscht. Ihre Brust wirkte eingefallen. Die Bluse war blutdurchtränkt. Das Schlimmste jedoch war ihr Kopf. Er war an einer Seite eingedrückt, die Haut heruntergerissen. Er konnte den Schädelknochen weiß unter dem ganzen Blut hervorschimmern sehen. Es war so viel Blut, dass ihre schönen blonden Haare rot gefärbt waren. Er trat vorsichtig näher, als würde er seinen Beinen nicht mehr trauen. So sehr hatte er sich bemüht, ihr ein neues Leben zu schenken. Er hatte ihr dieses Haus besorgt mit netten, normalen Nachbarn, einen Job und ein dickes, finanzielles Polster angelegt. Er hatte ihr alle Erinnerungen an Vampire genommen. An sich auch, obwohl sie ihn angefleht hatte, es nicht zu tun. Sollte sie gerade bei einem Angriff von Vampirjägern ums Leben kommen? Wie konnte das Schicksal so grausam sein!
   Er streichelte ihr über die Wange und hätte am liebsten geschrien. Stattdessen nahm er sie Eric vorsichtig aus den Armen und drückte ihr einen Kuss auf die blutverschmierte Stirn.
   »Jayden«, hauchte sie und schlug die Augen auf.
   Eric zuckte erschrocken zusammen. »Scheiße! Die lebt ja noch!«
   Jayden sank kraftlos auf die Knie. »Dein Blut«, bat er Eric und schaute zu ihm auf. »Gib ihr dein Blut.«
   »Jayden, du weißt, das wird sie nicht mehr heilen«, warf Eric ein. Mit einem Blick machte Jayden ihm klar, dass er das auch nicht vorhatte.

»Wo ist Ellen, meine Freundin?«, fragte Sam irgendwann.
   »Es gab eine Explosion«, erklärte Jayden ihr. »Du bist schwer verletzt worden. Aber das wird wieder.«
   Sie versuchte, sich aufzusetzen, schaffte es aber nicht. »Ich muss Hal anrufen. Damit er Bescheid weiß und sich keine Sorgen macht, bis ich zurück bin.«
   »Schätzchen. Du wirst erst mal nirgendwo hingehen.«
   Sie starrte Eric an und fing an zu schreien.

»Warum musste ich ihr unbedingt von meinem Blut geben?«, meckerte Eric, als sie aus der Stadt hinausfuhren.
   Sams Wunden waren verheilt, und sie atmete ruhig und gleichmäßig. Sie hatten ihre Beine gerichtet. Jayden war sich nicht sicher, ob die Verwandlung funktioniert hatte oder ob sie sie geheilt hatten. Dennoch hatten sie sicherheitshalber eine Blutbank ausgeräumt und waren auf dem Weg zu einem alten verlassenen Bauernhaus in den Bergen. Obwohl Haus für den zugigen Holzverschlag eine eher unpassende Bezeichnung war, aber er lag weit weg von allen Wanderwegen und sonstiger Zivilisation. Dort würde sie niemand finden. Oder hören.
   »Weil du mehr von Louisas und demnach von Dorians Heilerblut in dir hast.«
   Er fuhr. Eric hatte sich mit Sam auf den Rücksitz gequetscht. Sie hatten ein für sie drei viel zu kleines Auto, aber damit kam man besser durch den Verkehr. Bevor sie in die Wildnis fahren konnten, hatten sie ihre restlichen Sachen, vor allem die Handys und ihre Pässe, holen müssen. So wie Sam und Eric aussahen, wollte Jayden nicht riskieren, ein neues Auto zu besorgen. Außerdem war es mitten in der Nacht. Wenn der kleine Honda Civic in dem unebenen Gelände nicht mehr weiterkam, würden sie zu Fuß weitergehen.
   »Und was, wenn sie von mir besessen ist?«
   »Was meinst du mit besessen?«
   »Na ja, Louisa ist von Dorian verwandelt worden, ich von Louisa. Sie ist besessen von Dorian und ich … tja …«
   »Louisa war doch schon besessen von Dorian, bevor sie verwandelt wurde«, sagte Jayden und schüttelte den Kopf. »Ich glaub außerdem nicht, dass man das Besessenheit nennt. Das ist Liebe.«
   »Nenn es, wie du willst. Ich will die hier nicht nachher an der Backe haben. Was hat sie da überhaupt gemacht? Ich dachte, du hättest ihr Gedächtnis gelöscht.«
   »Woher soll ich das wissen?« Als ob er sich das nicht bereits gefragt hätte. Seit sie unterwegs waren, war er alles noch mal durchgegangen, was er in ihrem Gedächtnis verändert hatte. Er hatte keinen Fehler gemacht. Er hatte restlos jede Erinnerung an ihn gelöscht. Und an alles, was geschehen war, seit Dorian sie damals in dieser Bar überfallen hatte. Er war gründlich gewesen. Dennoch hatte sie ihn erkannt. Dass sie dort gewesen war, musste ein dummer und unglücklicherweise tödlicher Zufall gewesen sein. Keiner wusste, wo sie waren.
   »Denkst du, es hat geklappt?«
   Jayden antwortete nicht, weil er es nicht wusste. Er hatte erst eine Verwandlung durchgeführt. Die seiner Schwester. Die hatte er genauso gemacht, wie er es bei Mary gesehen hatte. Jil hatte friedlich im Bett gelegen. Er hatte ihr das Blut ausgesaugt, bis ihr Herz fast stehen geblieben war, und ihr dann seines gegeben. Im Grunde war es einfach. Aber er hatte keine Ahnung, wie viel von dem Vampirblut wieder aus Sams unzähligen Wunden herausgeflossen war. Ob genügend in ihr geblieben war, um sie zu verwandeln. Solange sie ohnmächtig war, konnte man das schlecht sagen.
   »Eine Vampirjägerin zum Vampir machen. Das ist schon grausam.«
   War es das? Jayden war sich nicht sicher, was Sam anging. Er konnte sich sehr gut daran erinnern, wie sie ihn angesehen hatte. Wahrscheinlich hätte er sie schon damals verwandeln können. Sie hätte zugestimmt, wenn er sie gefragt hätte. Aber dann hätte er nicht wieder zurück zu Louisa und Dorian gehen können. Und zu Eric. »Du bist nicht besessen von Louisa.« Er warf Eric einen Blick durch den Rückspiegel zu. Er hatte lange darüber nachgedacht, als er Eric die letzten zwei Jahre beobachtet hatte. Wie er sich quälte, indem er mit Männern schlief, obwohl er es verabscheute. Wie er sich die Seele aus dem Leib prügeln ließ. Wie er sich dem Blutrausch hingab, sodass seine Augen tagelang komplett rot gefärbt waren. Wie er im Schlaf nach Louisa rief. Und nach Zoe. »Du brauchst sie. Ich glaube, Louisa ist dein Hunger.«

*

Es schien wirklich die Wärme zu sein, die Louisa fehlte. Monatelang grübelte ich nun, was ich tun konnte, um ihr das zu geben, wonach ihr Hunger verlangte. Der Hunger war eines der Grundbedürfnisse eines Vampirs und fiel bei jedem anders aus. Manche töteten, manche brauchten die Angst ihrer Opfer oder deren Liebe, wieder andere sättigten ihren Hunger mit Schmerz oder Sex. Bei Louisa schien es das Bedürfnis nach Wärme zu sein. Es reichte jedoch nicht, wenn ich gerade getrunken oder heiß geduscht hatte. Meine Haut kühlte zu schnell ab. Ich musste mich irgendwie von innen wärmen. Und wie konnte ich das am besten tun? Mit meiner Todeswelle. Das war die Lösung! Ich konnte anderen Vampiren das Blut in den Eingeweiden zum Kochen bringen. Auf mich angewendet, sollte das für ausreichend Hitze sorgen, dass sich meine Haut warm anfühlte. Warum war ich nicht schon vorher darauf gekommen?
   Ich hatte bisher nie überprüft, ob sich die Haut meiner Opfer wirklich wärmer anfühlte. Das war mir nie wichtig erschienen. Rein theoretisch sollte es funktionieren. Die Schwierigkeit lag auch nicht darin, genügend Hitze zu erzeugen, sondern meine Todeswelle auf mich anzuwenden und das richtige Maß dabei zu finden. Ich wollte mich ungern zu Brei kochen. Dennoch nahm ich das Wagnis gern auf mich.
   Anfangs trainierte ich an einer Hand. An der linken, die ich zur Not entbehren konnte. So konnte ich überprüfen, ob es funktionierte. Es kostete mich fünf Tage, bis ich mich überwand. Das Ergebnis waren höllische Schmerzen, die sich meinen ganzen Arm hinaufzogen. Der Arm war währenddessen tatsächlich warm geworden. Das war doch schon mal was. Nun hieß es, die richtigen Körperteile zu erhitzen und dabei das richtige Maß zu finden.
   Nach zwei Wochen traute ich mich das erste Mal an mein bestes Stück heran. Ich wurde prompt von Louisa überrascht, die mir einen merkwürdigen Blick schenkte, als ich ihn mir in einer Schüssel voll Eiswasser abkühlte. Sonderbarerweise fragte sie nicht nach, sondern ging nur lachend wieder hinaus. Eine Woche später war ich so weit und überraschte sie, als sie aus der Dusche kam. Ich wollte sicherheitshalber in der Nähe des kalten Wasserhahns bleiben und schloss leise die Tür.
   »Was führst du wieder im Schilde?«, fragte sie und lächelte mich durch den Spiegel hindurch an.
   Ich nahm ihr das Handtuch ab, warf es in die Ecke und stellte mich hinter sie. Ihre Haare waren nass und klebten ihr dick und schwer am Rücken. Ich hob sie hoch und legte sie ihr über die Schulter, wo sie sich bis über ihre Brust ergossen. Dann ließ ich meine Todeswelle mein Blut erhitzen. Es schmerzte ein wenig, aber was war schon ein bisschen Schmerz, wenn ich meine Frau damit glücklich machen konnte. Ohne sie woanders zu berühren, presste ich ihr meine Lippen auf die Schulter. Sie erschauerte und schloss genüsslich die Augen. Ich sah in den Spiegel und bestaunte für einen Moment ihre vollkommene Schönheit. Die bleiche Haut, die wundervollen dicken Haare. Sie hatte perfekte Rundungen an den richtigen Stellen und ich wurde nie satt, sie anzusehen. Ich trat nah an sie heran, schob meine Hände auf ihre Hüften und zog sie an mich. Louisa riss die Augen auf und sog geräuschvoll die Luft ein.
   »Dorian!« Sie drehte sich zu mir um und legte ihre kalten Hände auf meine Wangen. »Du bist ja ganz warm!«
   Ich küsste sie und rieb mich an ihrem herrlichen, kalten Körper. Noch niemals hatte sie mich so sehr erregt. Es war, als würde ich sie noch deutlicher spüren. Mein Körper stand in Flammen und ihrer war so kühl und erregt. Oh, ich konnte es fühlen und riechen, wie sehr Louisa mich wollte. Ich riss die Tür zum Schlafzimmer auf und zerrte sie aufs Bett. Scheiß auf die Abkühlung. Ich wollte sie unter mir spüren, wollte ihren Körper an meinem fühlen.
   Ihre Hände waren überall, ihre Lippen bedeckten mein Gesicht, meinen Hals mit kühlen, gierigen Küssen. Sie wand sich unter mir, als wollte auch sie mehr von mir spüren. Als ich in sie eindrang, war es wie die heiß ersehnte Abkühlung nach einer schier unerträglichen Hitzeperiode, und ich stöhnte laut auf.
   Louisa strich mir die Haare aus dem Gesicht und lächelte mich an. Ihre Blicke wanderten immer wieder über mein Gesicht, während ihr Körper mich in lustvollen Kontraktionen immer tiefer in sich hineinzog. Als ich schon dachte, ich würde mir doch noch mein Gemächt verbrennen, kam sie mit einem lustvollen Schrei und riss mich mit sich.
   Noch niemals war ich nach dem Sex so erschöpft gewesen. Ich ließ mich zur Seite fallen, gab meine Todeswelle auf und zog Louisa auf mich.
   »Dorian! Deine Haut war ganz warm! Wie hast du das gemacht?« Sie lachte mich so glücklich an wie, ja, wie noch nie, seit sie ein Vampir war.
   Dann war es tatsächlich das, was ihr Hunger wollte? Obwohl ich in dem Moment glücklich und zufrieden war, wäre mir jede andere Art von Hunger lieber gewesen, denn rein körperlich gesehen, fühlte ich mich grauenhaft. Meine Güte, meine Todeswelle war wirklich fürchterlich.
   »Du wolltest dir die Eingeweide kochen?«, fragte sie mich entsetzt, als ich es ihr erzählt hatte.
   »Eigentlich wollte ich nur, dass meine Haut wärmer wird. Das hat doch gut geklappt, oder?«
   Sie lachte wieder. Allein dieses Lachen war jede geplatzte Ader und jeden gezerrten Muskel wert. Es heilte alles wieder, noch bevor die Ekstase dieses unvergleichlichen Orgasmus nachgelassen hatte.
   »Mit dir ist wirklich alles möglich, oder?«, fragte sie mich, lachte noch immer und küsste mich.
   »Ja, nur nicht jederzeit«, gestand ich und entlockte ihr damit erneut ein herrliches Lachen.

Kapitel 5

Sam streckte sich und schlug die Augen auf. Die Sonne schien durch die aufgeklappte Luke herein, und fast wäre sie aufgesprungen. Doch, nein, sie würde nicht zu Asche zerfallen. Sie hob ihre lange bleiche Hand in die einfallenden Strahlen.
   »So warm!«, murmelte sie und betrachtete verzückt die umherfliegenden Staubteilchen, die ihre Bewegung aufgewirbelte hatte.
   Sie war ein Vampir. War das zu fassen? Es fühlte sich so gut an! Sie konnte schärfer sehen, besser hören, nahm Gerüche viel intensiver wahr. Alles fühlte sich komplexer an. Selbst ihr eigener Körper. Sie konnte kaum satt werden, sich zu betrachten. Ihre Haut war schneeweiß geworden und so rein, wie sie noch nie gewesen war, seit sie sich erinnern konnte. Es waren keine Narben von der Explosion zurückgeblieben. Sogar ihre schlimmste Narbe, die am Hals, fiel nicht mehr so sehr auf. Ihre blonden Haare fühlten sich weicher an als vorher und passten herrlich zu der weißen Haut. Ihre Augen hatten einen wärmeren Blauton angenommen. Mit ihren schlanken, festen Muskeln und der hellen Haut fühlte sie sich wie eine Elfe oder so was.
   Die vergangenen Wochen – oder waren es Monate? – waren hart gewesen. Sie hatte noch nie solche Schmerzen erlebt. Vor allem nicht solchen Durst. Sie wusste, dass sie Jayden und Eric mit allen Mitteln dazu hatte bringen wollen, ihr mehr zu trinken zu geben. Nur mehr! Aber an vieles erinnerte sie sich nicht.
   Irgendwann war es besser geworden, sie hatte den Durst aushalten können und hatte das erste Mal als Vampir Sex gehabt. Schon bei der Erinnerung daran wäre sie am liebsten aufgesprungen und hätte Jayden auf ihr Lager gezerrt. Es war schon der Wahnsinn mit ihm gewesen, als sie noch ein Mensch war. Aber jetzt, als Vampir! Sie hätte am liebsten den ganzen Tag nichts anderes getan. Als er irgendwann Eric dazuholte, war es das Aufregendste, was sie jemals erlebt hatte. Jayden allein war schon unbeschreiblich, gepaart mit seinem dunklen Gegenpart war es Erfüllung pur. Manchmal dachte sie, in einem verrückten erotischen Traum zu stecken und jeden Moment aufzuwachen, um festzustellen, dass sie noch immer in ihrem Haus in Südengland saß und ihr entspanntes, ruhiges Leben führte.
   Dann dachte sie an Hal zurück. Sie hatte ihn noch nicht anrufen können. Was sollte sie ihm sagen? Wahrscheinlich hatte er von der Explosion gehört. Die Zeitung, für die Ellen arbeitete, hatte bestimmt Nachforschungen angestellt, als sie nichts mehr von ihr gehört hatten. Vielleicht war es besser, er dachte, sie wäre tot. Heiraten würde sie ihn nicht mehr können. Auch wenn es ihr wehtat, war es besser, er hielt sie für tot. Er würde eine andere finden. Hoffte sie zumindest. Ihr altes Leben war definitiv vorbei. Woraus auch immer dieses Leben bestanden haben mochte. Sie konnte sich daran erinnern, wie sie Jayden das erste Mal gesehen und dass sie genau gewusst hatte, dass er ein Vampir war. Woher, das konnte sie sich zwar nicht erklären, aber sie war vom ersten Moment an von ihm fasziniert gewesen. Sie wusste, dass sie eine Jägerin gewesen war. Eine Vampirjägerin. Dass sie Vampire aus Hass und Angst gejagt hatte. Warum, war ihr nicht klar. Ihre Erinnerungen waren noch immer lückenhaft. Auch Jayden hatte dafür keine Erklärung.
   Sie stand auf und ging nach draußen. Jayden und Eric standen ein Stück von der Holzhütte entfernt und stritten. Sie wusste, worum es ging. Eric hatte schon vor Wochen eine Nachricht von diesem Dorian bekommen, bei dem sie normalerweise lebten, mit der Bitte, zurückzukommen. Er wollte nach Hause.
   »Sie ist noch nicht so weit«, sagte Jayden.
   Eric lief wie ein Raubtier vor ihm hin und her und raufte sich die Haare. »Das dauert alles schon viel zu lange«, schimpfte er und blieb dann vor ihm stehen. »Ich will nach Hause, Jayden.«
   Er klang so verzweifelt, dass es Sam in der Seele wehtat. Sie trat zu ihm und legte ihm sanft eine Hand auf den muskulösen Unterarm. Er stieß sie unwirsch beiseite.
   »Bleib mir vom Leib! Ich hab kein Bock mehr, dass du von mir trinkst. Und, nein, ich hab noch viel weniger Lust, dich zu ficken. Also, zisch ab.«
   Sam starrte ihn verwirrt an und war ein bisschen beleidigt. Sie hatte nicht das Gefühl, dass ihm die flotten Dreier nicht gefallen hatten. Oder wenn sie ihn berührt hatte, während sie von ihm getrunken hatte.
   Jayden lachte grimmig. »Jetzt weißt du mal, wie das ist. Wie fühlst du dich, Sam? Was macht der Durst?«
   »Ich fühl mich großartig«, antwortete sie.
   Er trug ein gestreiftes Leinenhemd, das ihm locker aus der kurzen Hose hing, und Sandalen. Man sah viel von seiner weißen Haut, und mit der kurzen Hose wirkte er noch größer, als er sowieso schon war. Sie staunte jedes Mal, dass sie immer neue, schöne Einzelheiten an ihm entdeckte. Selbst seine Füße waren schön!
   »Sieh doch, wie sie dich schon wieder anguckt«, sagte Eric. »Mann, die ist ’n Sexteufel oder so was. Ihretwegen komm ich hier nie weg!«
   Jayden schüttelte den Kopf. »Gut, okay. Ruf am Flughafen an und lass Dorians Jet klar machen. Aber wenn sich Sam nicht unter Kontrolle halten kann, nimmst du das auf deine Kappe.«
   Er nahm Sams Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und bog ihren Kopf leicht nach hinten, damit er sie küssen konnte. Sein Geruch schlug ihr schwer und verführerisch entgegen. Sam stöhnte leise auf.
   »Denkst du, du schaffst das?«, fragte er und sah sie tief an.
   »Ist mir scheißegal«, brummte Eric. »Und wenn ich sie dafür fesseln und knebeln und in einen gottverdammten Sarg stecken muss.«
   »Wenn du mit reinkommst.« Sie grinste ihn über die Schulter hinweg an.
   Eric zog eine Grimasse und kramte sein Handy aus der Tasche.
   »Ich will baden gehen, Eric. Willst du nicht mitkommen?«
   »Nein«, blaffte er sie an und hielt sein Handy hoch. »Verficktes Funkloch hier!« Er stapfte davon.
   Sam ließ sich von Jayden durch den Dschungel zum Fluss führen. Sie hatten eine Stelle gefunden, an der sich der träge dahinfließende Strom verbreiterte und durch eine natürliche Senke einen kleinen See bildete. Das Wasser war trüb, obwohl es in Bewegung war. Als Sterbliche wäre sie niemals dort baden gegangen aus Angst vor giftigen Schlangen oder sonstigem Getier. Das kümmerte sie nun nicht mehr. Das sommerliche Trägerkleid hatte sie schnell abgestreift. Sie glitt ins Wasser und beobachtete Jayden, wie er sich am Ufer auszog. Alles an ihm war weiß und groß und sexy. Er bewegte sich mit einer kraftvollen Anmut, und sie wünschte sich jedes Mal, er würde sich wieder anziehen und von vorn beginnen. Als er zu ihr schwamm und sie in die Arme nahm, um sie zu küssen, staunte sie, wie perfekt ihre Körper zusammenpassten. Seine Lippen schienen für ihre gemacht zu sein.
   Jayden küsste sanft und forschend, während Eric eher grob und fordernd war. Erics massiger Körper kam ihr im Gegensatz zu Jaydens geschmeidigen Gliedern störrisch vor, als wollte er nicht, dass sich jemand an ihn schmiegte. Sie konnte sich wieder daran erinnern, ihn im Ring gesehen zu haben. Es hatte ihn nicht gestört, verprügelt zu werden. Im Gegenteil. Er hatte jeden Schlag genossen und um mehr gebettelt. Als wäre er der Meinung, nichts Besseres zu verdienen.
   Er und Jayden waren schon ein sonderbares Paar. Sie waren buchstäblich wie Tag und Nacht. Jayden mit seinen strohblonden Haaren und seiner elfengleichen Schönheit und Eric, der Dunkle, mit seiner eher wilden, widerspenstigen Art. Sie wusste, dass sie mehr verband als Männerfreundschaft. Immerhin hatte sie mit beiden gleichzeitig geschlafen und es war nicht immer sie, die Jayden geküsst hatte. Aber im Gegensatz zu dem stillen, ernsten Jayden war Eric ein schlecht gelauntes, unruhiges Plappermaul. Sie wusste, er wollte nicht mit ihr schlafen, aber er war so unglaublich scharf mit seinen dicken Muskeln und den großen Händen. Sie konnte einfach nicht anders, als es immer wieder bei ihm zu versuchen. Vielleicht würde er ja zugänglicher, wenn er zu Hause war. Das schien am meisten an ihm zu nagen. Dass er hier festsaß und nicht nach Hause konnte. Wo auch immer das war. Sam war gespannt auf das, was sie dort erwartete.

*

Ich hatte das Gefühl, als würde ich mich verändern. Körperlich. Seit Dorian es geschafft hatte, seinen Körper zu erwärmen, nur um mir zu geben, wonach ich mich seiner Meinung nach sehnte, nahm ich meinen Körper anders wahr. Das erste Mal, als er das tat, war ich entsetzt. Es war ein wunderbarer, erfüllender Schock und ich hätte am liebsten geweint. Weil ich ihn wieder so deutlich spürte wie zu Anfang, aber auch, weil er mir damit erneut bewies, wie sehr er mich liebte. Auch wenn es ihm danach nicht gut ging, was er sich jedoch nicht anmerken ließ, machte er es wieder. Nicht oft, aber es war jedes Mal herrlich. Obwohl ich auch ohne das glücklich gewesen wäre. Er ließ sich jedoch nicht davon abbringen und dafür liebte ich ihn sogar noch mehr.
   Seit Wochen schon spürte ich eine kribbelnde Aufregung in mir. Vielleicht lag es daran, dass Eric und Jayden zurückkommen würden. Dorian hatte mehrere Versuche gebraucht, bis er sie erreicht hatte. Sie waren irgendwo in Südostasien im Scheißdschungel, wie sich Eric ausdrückte. Es war das erste Mal, dass ich mit ihm gesprochen hatte. Ich war froh, dass Dorian bei mir sitzen geblieben war. Zu hören, wie Eric am anderen Ende der Welt aufschluchzte und sich weinend immer wieder entschuldigte, war das Quälendste, was ich jemals erlebt hatte. Seine Erleichterung war fast greifbar gewesen. Dennoch konnte er sich nicht sofort auf den Weg machen und erzählte uns auch, warum.
   Also warteten wir. Dorian und ich. Zoe hatten wir nichts davon erzählt, weil wir nicht wussten, wann es so weit sein würde. Außerdem hatte sie ihren ersten richtigen Freund, mit dem sie sich regelmäßig traf. Dorian hatte ihn bei seinem ersten Besuch so bedrängt, dass der Ärmste blass geworden war. Doch Paolo war ein guter Junge. Er war ein bisschen kleiner als Zoe, aber es fiel nicht auf. Sie waren zusammen im Schwimmleistungskurs und hatten die gleichen, breiten Schwimmerschultern. Paolo fuhr eine Vespa, was Dorian natürlich nicht gefiel. Auch wenn Paolo eingeschüchtert war in Dorians Gegenwart, hatte er sich die ersten Male wacker geschlagen, wenn Dorian darauf bestanden hatte, dass wir alle zusammen etwas unternahmen. Neuerdings blieben sie jedoch immer häufiger in Zoes Zimmer. Bei geschlossener Tür. Dorian tigerte jedes Mal immer wieder nach oben, um zu lauschen. Aber sie war kein Kind mehr. Sie hatte ein Recht auf Privatsphäre.

Diese sonderbare Aufregung oder Unruhe in mir sorgte dafür, dass ich schlecht in den Schlaf kam. Irgendwann fingen die Stimmen an. Nein, eigentlich war es nur eine Stimme. Ich konnte nicht verstehen, was sie sagte, aber sie rief nach mir. Nicht mit Worten, eher mit Lauten. Es waren beruhigende Klänge, tief und melodiös. Mich fröstelte dennoch, wenn ich sie hörte. Ich wollte Dorian davon erzählen, doch der war seit einigen Tagen mürrisch und unausgeglichen. Es hatte mit der Burg in Schottland zu tun. Ich hatte nicht nachgefragt, weil ich mich mit dieser verfluchten Burg nicht mehr beschäftigen wollte. Dieses Kapitel war abgehakt.
   Vielleicht war es die Aufregung, dass Eric und Jayden zurückkamen. Erics Stimme am Telefon zu hören, war ein Schock gewesen. Seine Verzweiflung dahinter ein noch größerer. Sie waren lange fort. Vieles hatte sich verändert. Wie würde es sein, sie wieder hier zu haben? Würden Erics Gefühle noch die Gleichen sein? Wie stand es mit meinen Gefühlen ihm gegenüber? Dorian hatte sich aufopferungsvoll um mich gekümmert, seit die beiden weg waren. Wir waren als Familie mehr zusammengewachsen. Würde Eric erneut Unruhe in unser Leben bringen? Beim letzten Mal hatte ich alles getan, um ihn vor dem sicheren Tod zu bewahren. Wenn er uns in Schwierigkeiten brachte, war ich mir nicht sicher, ob ich wieder bereit dazu war.

*

Dorian hatte den Code nicht geändert, und so konnten Eric und Jayden leicht ins Haus gelangen. Es sah alles unverändert aus. Selbst die Gerüche waren die gleichen. Durch die offene Terrassentür scholl Gelächter herein, untermalt von lautem Wellenrauschen. Zusammen gingen sie auf die Terrasse und an den Strand hinunter. Eric konnte Dorian und ein junges Mädchen erkennen. Das Mädchen drehte sich zuerst um und strahlte ihn und Jayden an. Sie winkte mit einem langen, schlanken Arm und kam ungelenk aus dem Wasser gelaufen. Es war Zoe, wie er mit Schrecken feststellte. Und sie war kein Kind mehr! Aus seiner kleinen Tochter war eine junge Frau geworden. Mit einem erstaunlich weiblichen Körper, aber dem ausgelassenen Lachen eines Kindes. Ein dicker Kloß bildete sich in seinem Hals, als sie auf ihn zulief. Im nächsten Moment tauchte Louisa aus den Fluten auf, und sein Herz setzte aus. Langsam und lächelnd stieg sie aus dem Wasser, den Blick fest auf ihn geheftet, als wären sie allein.
   »Scheiße, sie ist ja sogar noch schöner geworden«, stöhnte er und hörte Jayden neben sich schwer schlucken. Er stieß seinem Gefährten in die Seite und sah ihn an. »Wo guckst du denn hin? Ich meine Louisa. Unfassbar, dass sie noch schöner werden konnte, oder?«
   Zoe hatte den Strand hinter sich gelassen und flog ihm im nächsten Moment um den Hals. »Ihr seid wieder da!«
   Sie umschlang ihn mit ihren nassen Beinen. Er drückte sie lachend an sich, drehte sich mit ihr im Kreis und stellte sie wieder auf die Beine. Sie war so schlank wie Louisa, hatte aber breitere Schultern und reichte ihm bereits bis zum Kinn. Ihre Haut war sonnengebräunt, und sie hatte entzückende Sommersprossen auf Nase und Wangen. Sie war so voller Leben! Ihr Gesicht strahlte vor Freude, ihr Herz pochte schnell und laut, und ihr Blick huschte neugierig über sein Gesicht.
   »Mann, bist du groß geworden«, sagte er.
   Sie sah ihn geschmeichelt an und wandte sich dann zu Jayden, scheinbar unschlüssig, ob sie ihn umarmen sollte. Erst da fiel ihm der Blick des Blonden auf, der fest auf Zoe geheftet war. Sein Mund war leicht geöffnet, und die Augen funkelten. Fast schien es, als würde Jayden rot werden. Er stieß ihn unsanft an.
   »Hey, krieg dich wieder ein. Das ist Zoe, unsere kleine Zoe! Ist das zu fassen?«
   Sie gab Jayden schüchtern die Hand, der sie zurückhaltend ergriff und die andere Hand hob, um ihr kurz über die Wange zu streichen. »Hallo, kleine Zoe.«
   »Hallo Jayden.« Wurde sie etwa auch rot?
   »Eric. Jayden.« Dorians harte Stimme ließ ihn beinahe zusammenzucken.
   Als sich Eric umdrehte, erkannte er jedoch, dass auch er lächelte, und gab dem Älteren erleichtert die Hand.
   »Ich bin froh, dass ihr wieder hier seid!«
   Der Alte schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter und sah ihn lange an. Eric fühlte sich etwas unbehaglich, aber Dorians Freude war nicht gespielt. Er hatte noch nie erlebt, dass er ihn so dankbar und mit ehrlicher Zuneigung angesehen hatte. Ebenso erfreut begrüßte er danach Jayden, der den Blick kaum von Zoe lassen konnte. Sie war aber auch groß geworden und so hübsch! Michael und Charlotte hatten etwas entfernt unter dem großen schwarzen Sonnenschirm im Schatten gesessen und kamen nun auch zu ihnen.
   »Hey, Knochenmann«, begrüßte er Michael und klopfte ihm auf den Rücken.
   »Eric, ich wusste gar nicht, dass ihr wiederkommt«, erwiderte dieser überrascht und warf Dorian einen fragenden Blick zu.
   Eric beugte sich zu der viel kleineren Charlotte. »Na, Miss Charlotte, immer noch Jungfrau?«
   Sofort war der schlanke Vampir schützend zwischen ihn und seine Freundin getreten. Eric lachte. Er würde die Finger von ihrem Blut lassen. Definitiv. Damit hatte er sich den schlimmsten Ärger seines Lebens eingehandelt.
   Louisa wartete im Hintergrund. Sie hatte sich einen kurzen Bademantel angezogen, und Eric war dankbar dafür. Ihren halb nackten Alabasterkörper hätte er nicht ertragen können. Dann wäre er wohl vor Sehnsucht und Geilheit geplatzt. Auch so sah sie umwerfend aus. Jayden ging mit großen Schritten zu ihr und nahm sie unerwartet stürmisch in die Arme. Sie lachte verzückt auf. Solche Überschwänglichkeit kannte keiner von ihm.
   »Hey, Lou«, begrüßte er sie und grinste breit.
   »Hey, Jay. Schön, dass ihr wieder hier seid. Habt ihr Sam nicht mitgebracht?«
   »Nein, wir haben sie im Tenebra abgeliefert.«
   Sie nickte und schob sich an ihm vorbei. »Eric.« Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern und zitterte leicht.
   Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt, als er langsam zu ihr ging. Er spürte seine Beine kaum und hätte sie am liebsten stürmisch umarmt und geküsst. Aber sie war Dorians Frau und würde es immer sein. Er sollte froh sein, wieder in ihrer Nähe sein zu können, und das war er auch. Er hatte sie so sehr vermisst, dass er glaubte, er müsste vor Erleichterung zusammenbrechen. Sie lächelte ihn an, bis ihm die Knie noch weicher wurden. Ohne ein Wort zu sagen, legte sie ihm eine kühle Hand auf die Wange und sah ihn an. In dem Blick ihrer hellgrauen Augen erkannte er alles, was wichtig war. Wie sehr sie sich freute, ihn zu sehen, und dass sie ihm nicht mehr böse war.
   Er nahm ihre Hand, legte sie sich auf den Mund und presste seine Lippen auf ihre Handfläche. Sie schloss für einen Moment die Augen und biss sich auf die Lippen, zog die Hand aber nicht weg. Als sie die Augen öffnete, waren sie rot vor Tränen. Sie schluchzte unterdrückt. Da konnte er nicht mehr an sich halten. Er zog sie in die Arme, hob sie hoch und presste sein Gesicht an ihren Hals. Louisa schlang die Arme um seinen Nacken und drückte ihn nicht weniger fest an sich, auch wenn ihre Füße in der Luft baumelten.
   Endlich kam der Sturm, der seit einer Ewigkeit in ihm zu toben schien, etwas zum Stillstand. Es wurde ruhiger. Er atmete erleichtert aus und stellte sie auf die Füße, ließ sie aber nicht los. Er wollte sein Gesicht nicht von ihrer Haut nehmen. Nie wieder. Hier gehörte er hin. Zu ihr. Louisa wehrte sich nicht. Fast hatte er das Gefühl, dass sie es ebenso genoss wie er.
   Sich auf ein Donnerwetter gefasst machend ließ er sie doch irgendwann los und drehte sich zu Dorian um. Dieser beobachtete sie mit einem wehmütigen Ausdruck im Gesicht. Eric sah auf Louisa hinunter, die Dorian fragend ansah und plötzlich ihre kleine Hand in seine schob.
   »Geht nur«, beantwortete der Alte die ungestellte Frage, und Louisa zog ihn lächelnd den Strand entlang.
   Eric stolperte hinterher und blickte sich noch einmal um. Die anderen gingen zum Haus. Als er sich umdrehte, stand Louisa genau vor ihm, und er prallte gegen sie. Das warf sie nicht um, dafür war sie zu stark, auch wenn man es ihrem kleinen Körper nicht ansah. Sie griff mit beiden Händen in seine Haare und zog seinen Kopf zu sich herunter und küsste ihn. Es war eine sanfte Berührung ihrer vollen Lippen, die er gierig in sich aufsog. Er hätte in dieser kleinen Berührung zerfließen können. Sein ganzer Körper schrie danach, sie an sich zu pressen, sie zu spüren, sie fester zu küssen, doch er war zu lange weg gewesen. Er hatte sie zu sehr vermisst, er musste sich zusammenreißen, damit sie ihn nicht noch einmal fortjagte. Dieses Mal wollte er alles richtig machen. »Louisa«, stammelte er und schob sie widerwillig von sich weg.
   »Es tut mir so leid, was ich getan habe. Ich hätte dich nicht wegschicken dürfen. Nicht so lange. Das war grausam von mir. Eric.« Sie sah zu ihm auf und Tränen glitzerten in ihren Augen. »Das hätte ich dir niemals antun dürfen. Kannst du mir verzeihen?«
   Eric starrte sie an. Sie sah verzweifelt zu ihm auf. Er nickte nur, weil er kein Wort herausbrachte, und schloss sie fest in die Arme. Sie schluchzte leise und umschlang seine Mitte. Es tat so gut! Wieder bei ihr zu sein, war alles, was er wollte. Und alles, was sie ihm würde geben können. Er hatte kein Recht, mehr zu verlangen, und würde es auch nicht tun.

*

»Du lässt Eric mit Louisa allein am Strand? Was hat sich noch alles verändert, als wir weg waren?«
   Ich warf Jayden einen Seitenblick zu. Das hatte er ja wohl mehr als deutlich gesehen. Ich zumindest hatte genau gesehen, wie ihm die Luft weggeblieben war, als Zoe zu ihnen gelaufen war. Diesen Paolo zu ertragen, war schon schwierig. Wahrscheinlich war er ein vernünftiger Junge, aber er war bereits siebzehn, fuhr Motorrad und war trotzdem noch Jungfrau. Woher ich das wusste? Tja, auch männliche Jungfrauen schmeckten anders. Jetzt wusste ich es endlich. Ich war Jungfrauenblut noch immer nicht abgeneigt, aber nachdem Louisa herausgefunden hatte, dass ich heimlich von unserer Köchin trank, war der Teufel los. Im wahrsten Sinne. Louisa war tagelang wütend auf mich, und Michael, der Verräter, bestärkte sie darin. Er war immer noch sauer, weil ich ein paar Mal von Miss Miller getrunken hatte. Aber, hey, haben wir nicht alle unsere Laster? Wir engagierten eine neue Köchin und ich musste auf die Jungfrauen im Tageslicht ausweichen. Meistens.
   Paolo sah ansprechend aus für einen leicht verpickelten Teenager und hatte gute Noten. Trotzdem hatte ihn noch keine rangelassen. Er stand mit Sicherheit weit mehr unter Druck als unser blonder Engel hier. Deshalb sollte ich mir wahrscheinlich keine Sorgen machen, dass Jayden über Zoe herfallen könnte. Immerhin ließ ich sie ja auch mit Paolo allein, und ich hatte nicht das Gefühl, dass er bei ihr weiterkam als bei seinen anderen Freundinnen. Vielleicht sollte sie sich tatsächlich jemanden mit mehr Erfahrung suchen.
   Ach, Herrgott, jetzt dachte ich schon über mögliche Sexualpartner meiner Tochter nach! Sie sollte einfach keinen Sex haben. Nicht die nächsten Jahre. Weder mit diesem Nerd Paolo noch mit einem Vampir. Himmelherrgott noch mal, ich würde sie wegsperren müssen! »Louisa hat ihn vermisst. Mehr, als ich gedacht hätte. Ich weiß, sie brauchen ein paar Minuten für sich.«
   »Das ist sehr … äh, großzügig von dir«, erwiderte Jayden.
   Seinem Gesicht konnte man mal wieder nichts entnehmen. Von allein würde er auch nicht weiterreden, obwohl ich genau wusste, dass er mir etwas sagen wollte. Wollte ich hören, was es war? Nein, denn was Louisas Hunger anging, hatte ich mich getäuscht. Wieder einmal. Sie genoss die Wärme, die ich für sie erzeugte, aber geändert hatte das nichts. Wie sehr sie Eric vermisst hatte, hatten wir gerade alle gesehen. Da war etwas zwischen ihnen. Es war nicht das Gleiche, was mich und Louisa verband, doch auch die beiden verband etwas. Wahrscheinlich würde ich meine Frau zukünftig mit Eric teilen müssen. Es würde ihm garantiert guttun, und ihr auch. Nur mir gefiel das ganz und gar nicht.
   »Louisa kann seinen Hunger stillen«, sprach Jayden das aus, was wir alle im Grunde wussten. Ich rechnete ihm hoch an, dass er noch immer so felsenfest zu Eric stand, dennoch wäre es mir lieber gewesen, es nicht zu hören. »Und ich glaube, sie wäre damals in dieser Burg gestorben, wenn er nicht bei ihr geblieben wäre. Er ist ihr Hunger.«
   Auch dieser Gedanke kam mir gelegentlich. Ich scheuchte ihn stets fort wie eine lästige Fliege, aber die Wirklichkeit holte einen immer ein, egal wie sehr man nach ihr ausschlägt. Louisa hatte über ein Jahr in einem sonderbaren Koma gelegen. Sie hatte kein Blut zu sich genommen und sich trotzdem nicht verändert. Wie Dornröschen hatte der Schmerz über unsere gewaltsame Trennung sie in diesen unnatürlichen Schlaf sinken lassen. Eric war die ganze Zeit nicht von ihrer Seite gewichen. »Wenn du recht hast, sollten wir dafür sorgen, dass sie ihn nicht noch einmal rauswirft. Mir wäre es dennoch lieber, die beiden würden einfach töten.«
   Ich schnaubte grimmig. Jayden lachte. Das Lachen eines Engels, das man nicht häufig hörte und das deshalb umso schöner klang. Kein Wunder, dass ihm die Frauen zu Füßen lagen. »Was macht deine Vampirjägerin?«
   »Ihr Hunger ist auch nicht das Töten«, antwortete er und grinste. Ich fuhr zu ihm herum und verdrehte die Augen, als ich begriff, was er meinte. »Wir haben sie zusammen verwandelt. Erics Blut hat sich stärker durchgesetzt.«
   Na, das hatte mir gerade noch gefehlt. Eine blut- und sexbesessene, frische Vampirfrau!

*

»Und was gibts sonst noch Neues hier?«
   Eric setzte sich auf die Bettkante und wartete, bis Zoe aus dem Badezimmer kam. Er sah sich in ihrem Zimmer um. Es war noch immer in einem zarten Rosaton gestrichen, aber die Einrichtung war nicht mehr die eines Kindes. Unter dem Fenster stand ein großer Schreibtisch mit der für Jugendliche üblichen Unordnung aus Büchern, Heften, losen Zetteln und Stiften. Über dem Schreibtischstuhl hing eine blaue Jeansjacke. Im Regal neben der Tür standen Romane, Nachschlagewerke und allerhand Bildbände, aber keine Kinderbücher mehr. Es gab eine moderne Anlage mit einem unordentlichen Haufen CDs davor und einem aufgeklappten Laptop daneben. Ihr großer Kleiderschrank nahm fast die gesamte linke Wand ein, auf den Spiegel der mittleren Tür war »Ti amo, Chiara« mit pinkfarbenem Lippenstift gekritzelt. Das Bett war ein Doppelbett mit einer gepolsterten Lehne und mehreren bunten Kissen. Er fischte einen Teddybären heraus, den er ihr von unterwegs geschickt hatte, und betrachtete die vielen Postkarten von ihm und Jayden, die sie scheinbar alle an die Wand über ihrem Bett geklebt hatte. Meistens war die bunte Bilderseite zu sehen, doch an manchen Stellen hatte Zoe sie andersherum aufgeklebt. Jayden hatte ihr immer eine Kleinigkeit dazugeschrieben und einen kleinen Engel dazugemalt. Eine Art Schutzengel, wie er ihm mal erklärt hatte. Zwischen den bunten Karten waren dieser Engel und die charakteristische Unterschrift seines Gefährten erstaunlich oft zu sehen.
   Er legte sich ein Kissen zurecht und zog einen schwarzen Spitzen-BH darunter hervor, den er peinlich berührt wieder darunterstopfte. Es war unglaublich. Er hatte eine Tochter, die ein Teenager war! Sie kam lachend zu ihm und schlüpfte unter die Decke, die er für sie anhob.
   »Michael ist wieder mit Charlotte zusammen, das hast du ja gesehen. Sie waren zwischendurch getrennt, aber nun verstehen sie sich wieder. Ich finde, die sehen seltsam zusammen aus, weil sie so klein ist«, plapperte Zoe und ließ sich von Eric zudecken. »Na ja, und Papa hat eine neue Köchin eingestellt, nachdem die andere geheiratet hat. Aber ihr Essen schmeckt komisch. Ich ess lieber in der Schule.«
   »Soll ich mal mit Louisa reden, damit sie eine neue sucht?«
   »Oh, Gott, nein«, widersprach sie und lachte. »Ich glaub, Papa trinkt heimlich von ihr. Das würde ihm den ganzen Spaß verderben. So schlimm ist das Essen nicht. Es ist schön, dass ihr wieder hier seid. War Jayden sehr böse auf mich, weil ich ihn gerufen habe?«
   »Jayden war überhaupt nicht böse auf dich. Er hat nur entsetzliche Kopfschmerzen davon bekommen. Wie kommst du denn darauf?«
   »Er hat mich gar nicht richtig begrüßt«, antwortete Zoe und wirkte gekränkt. »Sonst hat er mich immer in den Arm genommen.«
   »Vielleicht war er nur überrascht, weil du kein Kind mehr bist«, erwiderte er achselzuckend. »Und er nicht wusste, ob er das noch darf.«
   Das schien Zoe zu beruhigen, denn sie zuckte ebenfalls die Schultern und verschränkte im Liegen die Arme hinter dem Kopf. »Ist er mit Sam zusammen? Warum habt ihr sie nicht mitgebracht?«
   »Sam? Ja, wahrscheinlich sind die beiden zusammen. Ich weiß es nicht. Sie ist eine Nervensäge.« Er war froh, dass sie Sam im Tenebra gelassen hatten.
   »Und du hast dir keine Freundin gesucht?«
   Er lachte. Sie hatten ihr zwar kleine Reiseberichte mit ihren Postkarten geschickt, aber was sie oder vor allem er wirklich getan hatten, würde er ihr niemals erzählen. »Klar, aber hat nie lange gehalten. Waren halt alles nicht die Richtigen.«
   »Nicht wie Mama«, sagte Zoe. »Mama hat dich auch vermisst.«
   Er seufzte und hob die Augenbrauen. Möglich. Ändern würde es doch nichts. »Und wie schauts bei dir aus? Als schönstes Mädchen der ganzen Insel müsstest du doch freie Auswahl haben.«
   Zoe kniff die Lippen zusammen und wurde ein bisschen rot. »Da gabs schon ein paar, aber die meisten hat Papa verscheucht. Mit einem aus meinem Schwimmleistungskurs hab ich mich angefreundet. Der ist ganz okay. Er heißt Paolo und fährt eine Vespa.«
   »Das ist cool. Jayden hat sich ein Motorrad gekauft, gleich, nachdem wir angekommen waren. Vielleicht lässt Dorian dich ja mal mitfahren. Magst du diesen Paolo?«
   »Ich denke schon.« Zoe zuckte die Schultern.
   »Habt ihr denn auch schon … na, du weißt schon?«
   Dass er so ein Gespräch mal mit seiner Tochter führen würde … Er war lange weg gewesen. Sie war erwachsen geworden. Dann musste man auch über solche Dinge sprechen.
   »Nein«, rief sie. »Du willst mich nicht auch noch aufklären, oder? Da kommst du ein bisschen zu spät. Nein, Paolo und ich hatten noch keinen Sex. Außerdem würde Papa ihm den Kopf abreißen.«
   Eric lachte. Das würde Dorian wahrscheinlich tun. Er war nach wie vor vernarrt in die Kleine und mit Sicherheit der Albtraum jedes männlichen Verehrers. »Das erste Mal sollte immer mit jemand Besonderem sein«, sagte Eric, auch wenn ihm etwas unbehaglich bei diesem Gespräch wurde.
   »Das hat Mama auch gesagt. Von wegen, dass es schöner ist, wenn man denjenigen liebt und ihm vertraut. Ich vertraue Paolo. Warum auch nicht? Er war immer nett zu mir.« Zoe wirkte im Gegensatz zu Eric ganz entspannt. »Aber …«, sie hielt inne und seufzte. »Er schwitzt immer so.«
   »Du meinst, er schwitzt die ganze Zeit über? Da kann er ja nichts für.«
   Eric versuchte, sich ein Grinsen zu verkneifen. Als Vampir schwitzte er natürlich nicht. Wenn er seine Tochter so betrachtete, wunderte ihn nicht, dass dieser Paolo bei ihr ins Schwitzen kam. Sie sah so sehr nach Louisa aus, nur dass sie blaue Augen hatte. Aber sie hatte die gleichen vollen Lippen und ihre puppenhaften Gesichtszüge.
   »Nein, wenn ich ihn anfasse und er, na ja, in Fahrt kommt.«
   In Fahrt kommt? Eric wünschte sich, er hätte niemals von diesem Thema angefangen. Sich vorzustellen, wie seine kleine Tochter einem Jungen in die Hose … scheiße, nein! Das konnte und wollte er sich beim besten Willen nicht ausmalen.
   »Ich glaube, er hat es noch nicht gemacht«, fuhr Zoe ungerührt fort. »Vielleicht wäre es gut, wenn zumindest einer weiß, wie das geht. Chiara hat es schon getan. Franco weiß nichts davon. Mit Frederico. Der war auch noch Jungfrau. Sie ist sogar noch mit ihm zusammen, aber nur, weil sie nicht weiß, wie sie ihm sagen soll, dass sie es nicht so toll gefunden hat. Ich glaube, für mich lohnt es sich eh nicht, dass ich mir hier einen festen Freund suche.« Ein trauriger Unterton schwang in ihrer Stimme mit und Eric horchte auf. »Sobald ich mit der Schule fertig bin, werden wir weggehen. Ehe jemandem auffällt, dass ihr nicht älter werdet.«
   Er strich ihr über die kurzen Haare. Sie hatte die gleichen schönen Haare wie ihre Mutter, warum hatte sie sie sich bloß abgeschnitten?
   »Du musst nicht mitgehen. Alt genug wärst du dann ja«, erwiderte er.
   »Als ob Papa das zulassen würde.«
   »Irgendwann wird er dich gehen lassen müssen.«
   Zoe sah ihn ernst an. »Das wird er erst können, wenn ich kein Mensch mehr bin.«
   »Will er dich denn verwandeln?«
   »Weiß ich nicht. Mama würde es nicht wollen. Sie hat sich immer ein normales Leben für mich gewünscht.«
   O ja, das hatte Louisa. Und sie hatte es auch geschafft. Alles, was er bisher über Zoe erfahren hatte, klang nach einem normalen Teenager. Bis auf die Tatsache, dass sie diesen Motorrad-Rowdy mit ihren Kräften vom Rad gestoßen hatte. Sie war halt Louisas Tochter, die sich zu wehren wusste. Er gab seinem schon so erwachsenen Kind einen Kuss auf die Stirn. »Schlaf jetzt, mein Schatz. Morgen machen wir was Schönes zusammen. Nur wir beide und Jayden.«
   Sie grinste ihn an und eine leichte Röte überzog ihr Gesicht.
   »Kannst auch deinen Freund mitnehmen«, schlug er vor, doch sie schüttelte den Kopf.
   Bevor er aus dem Zimmer ging, hielt er noch mal inne. »Willst du denn werden wie wir?«
   »Natürlich.«

*

Ich klopfte an die Wohnungstür der beiden Heimkehrer und war überrascht, als Jayden mir aufmachte.
   »Du bist ja noch hier.« Ich hatte keine Ahnung, warum ich mich ertappt fühlte.
   »Ja, ich will erst mal richtig ankommen.« Jayden lächelte mich an und ließ mich rein. »Eric ist unter der Dusche.«
   »Ich wollte nicht …«
   »Doch, wolltest du«, unterbrach er mich. »Lou, ich hab kein Problem damit. Solange du keins damit hast. Eric hat dich fürchterlich vermisst. Versteh mich bitte nicht falsch, ich bin froh, wieder hier zu sein. Aber ich möchte, dass du dir sicher bist, wie viel du ihm geben kannst. Wenn du ihn jetzt in dein Bett holst und danach ein schlechtes Gewissen hast, wird es für ihn noch schlimmer. Ich kann das nicht noch einmal durchstehen. Du hast keine Ahnung, wie es mit ihm war, nachdem … « Er wandte sich ab und schluckte schwer. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und schwieg. »Ihr müsst das zwischen euch regeln. Ein für alle mal. Versprich es mir, Louisa.«
   »Okay. Ich verspreche es.«
   Er lächelte. Auch wenn es müde wirkte, wusste ich, dass zwischen uns alles in Ordnung und er mir nicht böse war.
   »Warum bist du nicht bei Sam?« Ich hatte nicht verstanden, warum sie sie nicht gleich mitgebracht hatten. Wenn sie ihren Blutdurst noch nicht unter Kontrolle hatte, wären wir da gewesen, um Zoe und Charlotte zu beschützen. Ich hätte angenommen, dass er die Nacht lieber bei ihr verbringen wollte. Immerhin hatte er sich bereits damals in sie verliebt. Das war mit Sicherheit nicht über Nacht verschwunden, nur weil er wieder bei uns war.
   Jayden antwortete nicht. Das konnte heißen, dass er keine Antwort wusste. Oder, dass er nicht darüber reden wollte. Bei Jayden wusste man nie.
   »Wirst du sie herholen oder mit ihr weggehen?«
   Er schüttelte den Kopf. »Ich hab euch vermisst. Ich will nicht gehen. Aber ich glaube, sie erinnert sich nicht an alles.« Jayden erzählte mir, wie es dazu kam, dass Sam nun auch ein Vampir war. »Sie war vom ersten Moment an begeistert vom Vampirsein. Ich weiß nicht, ich hab so ein Gefühl, dass es möglicherweise unschön werden kann, wenn sie auf Dorian trifft.« Er seufzte schwer und zuckte dann die Schultern. »Willst du was trinken?«
   Ich schüttelte den Kopf. »Es wird schon gut gehen. Ich bin froh, dass du bei uns bleiben willst, Jay.«
   Schnell gab ich ihm einen Kuss auf die Wange. Er warf mir diesen Großer-Bruder-Blick zu und drückte mich an sich. Dann ließ er mich los und scheuchte mich mit einem Kopfnicken ins Nebenzimmer, wo wir Eric hörten.
   Mit gemischten Gefühlen ging ich und schloss die Tür hinter mir. Er war noch keinen Tag hier und hatte schon ein beachtliches Chaos angerichtet. Die Post, die wir nicht weitergeleitet oder bearbeitet hatten, war durchwühlt, einige Schubladen der Kommode standen offen, die Klamotten, die er bei seiner Ankunft getragen hatte, lagen als unordentlicher Haufen auf dem Boden neben der offenen Badezimmertür. Gerade, als ich die Tür schloss, kam er in Shorts aus dem Bad und rubbelte sich mit einem Handtuch über den Kopf.
   »Scheiße, Louisa! Hast du mich erschreckt.«
   Er blieb stehen und legte sich das Handtuch in den Nacken. Die Haare waren nass dunkler, das Türkis seiner Augen hatte etwas mehr an Grün gewonnen und wirkte ebenfalls dunkler, wärmer, aber genauso strahlend wie immer. Als Sterblicher waren seine Augen blau gewesen. Wie Zoes.
   »Wenn du mich noch länger anstarrst, werde ich rot«, sagte er. In seinem Blick lag Unbehagen.
   »Du siehst gut aus.«
   »Und du bist so schön wie immer.« Er räusperte sich und trat von einem Bein aufs andere. »Was machst du hier, Louisa?«
   Das wusste ich auch nicht genau, und ich hatte das Gefühl, nun rot zu werden. Ohne zu antworten, ging ich zu ihm. Ich lehnte meine Stirn an seine gewölbte Brust und genoss das Gefühl seiner Haut an meiner. Ich kannte seinen Geruch. Er war etwas Vertrautes, Schönes. Etwas, das mich an mein sterbliches Leben erinnerte.
   Eric rührte sich nicht, und ich hob den Kopf und sah ihn an. »Ich hätte nicht so grausam zu dir sein dürfen.«
   Er seufzte. »Ich war selbst schuld. Jayden hatte mich gewarnt, dass du mich irgendwann wegschicken würdest, wenn ich mich nicht zusammenreiße.«
   »Nein«, sagte ich. »Ich war wütend auf dich und auf mich. Und als du weg warst …«
   »Schnee von gestern. Nun bin ich wieder da.« Er grinste und ging um mich herum zur Kommode.
   »Eric.«
   Er blieb stehen und drehte sich zu mir um.
   »Du hast mir gefehlt.«
   »Du mir auch, Louisa.« Er kam zu mir und nahm mich sanft bei den Oberarmen. »Ich kann verstehen, warum du mich weggeschickt hast. Ich werd so ’ne Scheiße nicht mehr machen und ich werde dich auch nicht mehr bedrängen. Dieses Mal reiße ich mich wirklich zusammen. Versprochen. Ich will dir keinen Ärger mehr machen.«
   Er ließ mich los, und ich griff nach seiner Hand. Sie war größer und rauer als Dorians. Ich hatte mich lange für ihn verantwortlich gefühlt, immerhin hatte ich ihn verwandelt. Es war eine Last, weil ich mich schämte und mich schuldig fühlte, ihm seine Zukunft als Mensch genommen zu haben. Voll Unverständnis und Schuldgefühlen hatte ich seine Gefühle für mich nie annehmen können. Er liebte mich und hatte mich immer geliebt, aber ich wollte, dass es nicht so war. Er sollte damit aufhören. Dabei wusste ich nur zu gut, dass man seine Gefühle weder kontrollieren noch abschalten konnte. Ich hatte ihn vermisst. Aber nicht, weil ich ihn so liebte, wie er es verdient hatte. Sondern weil er mein Nachkomme war. Das musste ich endlich akzeptieren. Ich war ein Vampir und hatte einem anderen das Leben genommen und ihn ebenfalls zu einem Vampir gemacht. Es hatte nichts mit dem Hunger zu tun, sondern lediglich mit der besonderen Bindung zwischen Schöpfer und Nachkomme. Ich musste diese Schuldgefühle überwinden, denn Eric war nie traurig oder wütend darüber gewesen, dass ich ihn vor dem sicheren Tod bewahrt hatte. Im Gegenteil. Ich sah ihn an und endlich konnte ich ihn als das sehen, was er war: ein Mann mit Gefühlen und Bedürfnissen. Mein Nachkomme, der sich nichts mehr wünschte, als in der Nähe seiner Schöpferin und seiner Tochter zu sein. Dorian hatte recht, ich war grausam gewesen. Gegen ihn, gegen mich und gegen Zoe. Ich wünschte ebenfalls, ihn in meiner Nähe zu haben, aber es passte nicht in meine Vorstellung von der Ehe mit Dorian. Es fühlte sich falsch an, und dabei war es das nicht. Er war mein Nachkomme und als solcher schuldete ich ihm etwas.
   Er strich mir mit der freien Hand über die Wange. »Ich bin froh, wieder hier zu sein. Mehr brauche ich nicht. Ich weiß, wie sehr du Dorian liebst.«
   »Dorian weiß, dass ich hier bin.«
   Er runzelte die Stirn. »Was soll das heißen, Louisa?«

Kapitel 6

Ich saß in meinem Arbeitszimmer, hatte mich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen in meinem Deluxe-Schreibtischsessel zurückgelehnt und Louisa bereits gehört, als sie mit nackten Füßen durchs Wohnzimmer lief. Obwohl, nein, ich hatte sie nicht gehört. Ich hatte sie gespürt. Es hatte nichts mit meinen Vampirsinnen zu tun, sondern damit, dass ich mich stets nach ihr sehnte und es mit jeder Faser spürte, wenn sie in der Nähe war. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie die letzten Stunden bei Eric verbracht und ich auf sie gewartet hatte. Wenn Jayden recht hatte, was ich befürchtete, brauchten die beiden diese Zeit für sich. Es quälte mich, so sehr ich mich auch bemühte, mein gekränktes männliches Ego zum Schweigen zu bringen. Ich wollte meine Louisa nicht teilen. Weder mit Eric noch mit sonst jemandem. Aber ich hatte gesehen, wie sehr sie ihn all die Monate vermisst hatte, und wusste, welche Vorwürfe sie sich gemacht hatte. Sie mussten klären, was zwischen ihnen war. Und, auch wenn es mir nicht gefiel, sie mussten ihren Hunger stillen. Sonst würde es sie beide verrückt machen – und uns andere ebenfalls. Mein Herz zeigte sich jedoch wenig offen für logische Argumente, und ich hatte unbewusst die ganze Zeit auf ihre Schritte gehorcht.
   Sie kam zu mir, und ich drehte seufzend den Kopf in ihre Richtung. Sie wirkte entspannter und zufriedener als jemals zuvor, seit ich sie verwandelt hatte.
   »Dann ist er wirklich dein Hunger?«, fragte ich, obwohl ich das Thema am liebsten gemieden hätte.
   Ihr Blick war ernst, als sie mir eine Hand auf die Wange legte. Ein wohliger Schauder durchlief meinen Körper. Zusammen mit einer schrecklichen Vorahnung. Hatte sie sich doch gegen mich und für Eric entschieden? Vielleicht war es nicht nur der Hunger, sondern der natürliche Lauf der Dinge, den ich gestört hatte? Würde ich sie verlieren? Ich schluckte hart. Was sollte ich dann tun? Wie weiterleben? Ohne sie und ohne Zoe? Nicht zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie sehr ich diese Frau liebte. Noch immer bekam ich weiche Knie, wenn ich sie sah mit ihrem hübschen Puppengesicht und den wundervollen Lippen. Der Blick ihrer fast weißen Augen ging mir durch und durch und mein Körper lechzte förmlich nach ihren Berührungen und würde doch nie satt werden. Sie gab meinem Dasein einen Sinn. Mit ihr führte ich das Leben, das ich mir gewünscht hatte. Als hätte ich über sechshundert Jahre einzig und allein auf sie gewartet. Sie war mein Schicksal, meine Bestimmung, mein Leben.
   »Es ist nichts passiert«, sagte sie.
   Ich blinzelte verwirrt. »Was?«
   »Ich war bei ihm, und wir haben uns unterhalten und in den Armen gehalten. Mehr ist nicht passiert, Dorian.«
   Erleichtert stieß ich den Atem aus, den ich unbewusst angehalten hatte. Tränen brannten mir in den Augen und suchten sich einen Weg ins Freie. Ich griff nach Louisas Hand auf meiner Wange und presste meine Lippen darauf. Ich würde sie nicht verlieren. Sie war noch immer mein.
   »Ich liebe dich«, sagte sie und brach damit endgültig den Damm, der meine Tränen in Schach gehalten hatte. Sie setzte sich auf meinen Schoss und ich konnte nicht anders, als mein Gesicht an ihre Brust zu schmiegen und vor Erleichterung zu weinen.
   »Ich liebe dich auch, Louisa.« Ich hielt sie fest, lange, und ließ mich von ihr halten. Wie es sein sollte und wie es nun für immer sein würde. Nichts würde mehr zwischen uns kommen. Auch das letzte Hindernis hatten wir überwunden.
   »Ich bin froh, dass er wieder hier ist«, sagte sie irgendwann. »Ich weiß nicht, ob er mein Hunger ist, aber ich bin erleichtert, ihn hier zu haben. Und ich möchte mehr Zeit mit ihm verbringen, ihm das Gefühl geben, dass er geliebt und gebraucht wird.«
   »Damit kann ich leben«, sagte ich und wischte mir das Gesicht trocken. »Solange du mich mehr liebst als ihn.« Es sollte witzig klingen, aber Louisa blieb ernst. Sie sah mich mit diesem Blick an, den ich schon so gut kannte, und der bis in die schwärzesten Untiefen meiner Seele zu dringen schien.
   »Dorian, ich werde dich immer mehr lieben. Dich und Zoe. Ihr seid mein Leben. Du und unsere Tochter.« Bei diesen Worten wären mir beinahe erneut die Tränen gekommen. Louisa wusste, wie sehr es mir zu schaffen machte, dass Eric ihr das hatte geben können, was sie von mir niemals bekommen würde. Ein Kind. Er war Zoes Vater, nicht ich. Auch wenn sie mich Papa nannte, war es so, und Eric hatte damit einen entscheidenden Vorteil auf seiner Seite. Ich strich ihr die vollen Haare aus dem Gesicht und küsste sie. Ihre Lippen waren weich und nachgiebig und wie für mich gemacht. Sofort öffnete sie sich mir und schmiegte sich an mich. Sie schob ihre Hände an meinen Seiten entlang, streichelte mir über die Taille und mein Körper brannte lichterloh. Sie roch nach Erics Deo und nach Bier, aber das kümmerte mich nicht. Sie gehörte mir - nicht ihm. Ich küsste sie stürmischer, suchte einen Weg unter ihre Kleidung, um endlich ihre nackte Haut zu spüren. Während ich mich in den feinen Lagen ihres Kleides verhedderte, waren Louisas Hände schneller und hatten bereits mein Hemd aufgeknöpft. Ich stöhnte, als sie ihre Handflächen auf meine Haut drückte, und riss die Stofflagen kurzerhand auseinander. Louisa lachte, und es war das schönste Geräusch, das ich seit Langem gehört hatte. Ich stand auf, hob sie auf meinen Schreibtisch und zerrte den Rest der störenden Kleidung von unseren Körpern. Dann liebte ich sie lange und sanft, küsste sie und wurde nicht satt, zuzusehen, wie ihre Augen diesen erregten Glanz bekamen. Sie war das schönste Geschöpf auf Gottes Erden – und sie gehörte mir.
   Nachdem ich ihr einen Orgasmus bescherte, der sie aufschreien ließ, fiel ich in meinen Schreibtischsessel und zog sie auf meinen Schoss. Sie spielte mit meinen Haaren, und ich hielt sie einfach nur fest. Ich war glücklich. So konnte es meinetwegen für immer bleiben. Nur die Erinnerung an die Nachricht aus Schottland, die ich vor Louisas Eintreffen gelesen hatte, trübte meine Freude.
   Es war erneut eingebrochen worden. Dieses Mal hatten die Vandalen ein Loch in der großen Halle gegraben. Sie hatten die riesigen Gesteinsbrocken, die den Boden der Halle bildeten, und den über Jahrhunderte festgetretenen Sand durchbrochen und ein Loch hineingebuddelt. Mir war nicht klar, warum. Gab es einen Schatz unter der Burg? Dann würde ich davon wissen. Vielleicht glaubten sie nur, es gäbe einen?
   Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich hinfahren sollte. Jayden und Eric waren zurück. Louisa hätte mehr als genug Schutz und müsste nicht mitkommen. Allein die Vorstellung, ohne sie irgendwohin zu fahren, ließ mir eiskalte Schauder über den Rücken laufen. Wir waren seit dieser Sache mit Richard nicht einen Tag getrennt.
   »Was ist los?«, fragte Louisa und sah mich stirnrunzelnd an.
   »Ärger in der Burg.« Ich seufzte und erzählte ihr, was passiert war. »Ich werde einen Sicherheitsdienst beauftragen müssen.«
   »Warum lassen wir die Burg nicht einfach fallen?«
   »Weil ich viele schöne Stunden dort verbracht habe, auch wenn Richard das alles verdorben hat. Es war Geralds Burg und mein Heim. Ich will nicht, dass jugendliche Randalierer sie zerstören oder dort ihre bescheuerten Partys feiern.« Es klang heftiger, als ich gewollt hatte, und Louisa zog überrascht die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts dazu.
   »Erzähl mir von ihm. Von Gerald.«
   »Gerald? Gerald war wie ein Vater für mich und hat mich geliebt wie ein Vater«, begann ich. »Wenn auch auf seine eigene, heutzutage schwer nachvollziehbare Art. Er kam aus einer anderen Zeit. Er war streng und setzte seine Regeln konsequent durch. Mehr als einmal hat er mich halb tot geprügelt, nachdem er mich verwandelt hatte. Weil ich meinen Durst nicht kontrollieren konnte oder die Vampire, für die ich verantwortlich war, nicht gehorchten.«
   »Hat er dich auch …?«, fragte Louisa.
   »Ob er mich missbraucht hat? Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Er hat mir klar gemacht, welches Geschenk das mächtige Blut ist. Er half mir, meine Fähigkeiten zu schulen, und brachte mir bei, die Vampire zu bestrafen, die des Blutes nicht würdig waren. Nein, Gerald hat mir gegenüber nie sexuelle Macht ausgeübt. Das brauchte er nicht. Trotz meiner Vampirkräfte war ich ihm weit unterlegen. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, mich gegen ihn aufzulehnen. Er war so alt wie die Welt selbst und hatte erstaunliche Fähigkeiten.«
   »Die du alle geerbt hast.«
   »Nein, obwohl ich ihn getötet habe, erstaunlicherweise nicht alle. Gerald setzte seine Fähigkeiten nie so manipulativ ein wie Richard, obwohl auch er Blendwerke erschaffen konnte. Er konnte zum Beispiel ein ganzes Dorf mit der Kraft seiner Gedanken in Schlaf versetzen. Seine Todeswelle funktionierte anders als meine. Während ich das Blut zum Kochen bringe – oder in Wallung, wenn du so willst, zerquetschte Gerald einen innerlich. Er nahm seine Hand zu Hilfe, und wenn er sie zur Faust ballte, bekam man seine geballte Macht zu spüren. Wahrscheinlich brauchte er die Hand dafür nicht, aber es war effektvoller. Er war aber auch ein sehr gelehrter Mann, der sein Wissen gern teilte. Was auch ein Grund war, warum ich so oft verprügelt worden war. Mir fiel das Lernen nicht so leicht wie Richard. Richard war eindeutig der Intelligentere von uns beiden. Vielleicht hatte Gerald deshalb gehofft, wir würden uns verstehen und zusammen seine Nachfolge antreten. Ach, und Gerald hatte auch eine Frau. Also nur eine einzige.«
   »Das hast du mir nie erzählt.«
   »Vielleicht weil es eine traurige Geschichte ist. Sie starb, kurz bevor ich zu ihm kam. Es waren Vampirjäger, die sie eingefangen hatten. Ich weiß nicht viel über sie, aber sie war erst wenige Jahrzehnte alt, mächtig dank seines Blutes, und so schön wie die Nacht mit langen schwarzen Haaren und weißer makelloser Haut. Sie soll groß gewesen sein, aber dennoch von zarter Statur. Die Vampirjäger fanden sie bei ihrer nächtlichen Jagd. Ich habe keine Ahnung, wie sie sie überwältigen konnten. Sie schändeten und zerstückelten sie, um ihre Überreste zu verbrennen. Gerald hatte sich nie von ihrem Verlust erholt. Er fand diese Jäger, folterte und tötete sie auf so grausame und bestialische Weise, wie ich es nicht wieder erlebt habe. Jeden Abend kniete er sich nackt in seinem Gemach vor ihr gemeinsames Bett und bestrafte sich dafür, dass er nicht besser auf sie aufgepasst hatte.« Ich hielt inne und schloss die Augen bei der Erinnerung an meinen Meister. Ich hatte nie verstanden, wie ihn der Tod einer Frau so sehr zusetzen konnte. Bis ich Louisa traf. »Ich wollte ihn nicht töten. Er hat mich tagelang hungern lassen, mich verprügelt, bis ich Sterne sah, weil ich mich weigerte. Ich wollte ihn nicht verlieren. Ich wollte nicht, dass so ein altes mächtiges Wesen unwiederbringlich von dieser Erde verschwindet.«
   Louisa sah mich mit großen rot glänzenden Augen an. »Warum hast du mir nie davon erzählt?«
   Ich zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Es erschien mir nie wichtig. Ist es auch nicht. Gerald ist tot. Lass uns ins Bett gehen, mein Engel.« Ich stand auf und zog sie an mich. »Morgen Abend müssen wir ins Tageslicht und uns diese Sam ansehen. Die Exvampirjägerin.« Ich gab Louisa mein Hemd. Ihr Kleid war nicht mehr zu retten. Nichts hält meiner ungezügelten vampirischen Lust stand.
   »Eric sagt, sie wäre eine Nervensäge«, sagte sie und lachte leise.
   O ja, das konnte ich mir denken. »Jayden meinte, sie würde ihrem zweiten Schöpfer nachkommen«, erwiderte ich. »Ach ja, Jayden will Zoe morgen von der Schule abholen.«

Am nächsten Morgen kam Eric zu mir, nachdem er Zoe zur Schule gebracht hatte. Louisa schlief. Sie hatte vergangene Nacht mehrere Blutkonserven getrunken und war augenblicklich eingeschlafen. Vielleicht hatte ich ihr zu viel abverlangt. Natürlich wollte ich ihr Eric austreiben, auch wenn sogar ich das Gefühl hatte, als wollte ich mein Revier markieren. Kleinlich, aber ich konnte nicht anders. Louisa war die Liebe meines Lebens. Ich wollte sie nicht teilen müssen. Ich würde es tun, wenn es ihr dadurch besser ging, aber gefallen musste es mir nicht.
   Eric wanderte ziellos in meinem Büro herum. Ich recherchierte gerade eine Wach- und Schließgesellschaft, die ich mit der Betreuung der Burg beauftragen konnte.
   »Was ist?«, fragte ich ihn leicht genervt und sah zu ihm auf.
   »Ich hab sie nicht angefasst. Louisa. Ich dachte dennoch, wir sollten uns unterhalten«, sagte er und blieb wie ein Bittsteller vor meinem Schreibtisch stehen. Er ragte vor mir auf wie ein Schrank.
   »Dann rede!« Ich wies auf einen Sessel, und er setzte sich.
   »Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll … äh … Ich bin froh, dass ich zurückkommen durfte. Und ich bin froh, dass Louisa … also, dass sie und ich …« Er räusperte sich.
   Ich bedeutete ihm mit einer Geste, zu schweigen. Ich hatte keine Lust, mit ihm darüber zu reden, rechnete es ihm aber hoch an, dass er es versuchte. »Ich tu das nicht für dich, nur, damit das klar ist. Louisa braucht dich. Es passt mir nicht, aber es ist so. Wahrscheinlich wird es vergehen, vielleicht aber auch nicht. Keine Ahnung. Ich kann dir nicht drohen. Was auch immer ich dir antue, würde ich gleichzeitig Louisa antun.« Ich atmete tief durch und sah ihn eindringlich an. »Bitte, tu ihr nicht weh. Ich bin es leid, sie leiden zu sehen. Also, bitte, Eric, reiß dich zusammen. Um ihretwillen. Und verschone mich mit deinem Hohn, weil ich ihr nicht geben kann, was sie braucht.«
   Eric sah mich mit großen Augen an. »Das würde ich niemals tun. Danke, Dorian. Ich werde dich nicht enttäuschen.«
   »Wir werden sehen«, brummte ich und widmete mich wieder meiner Arbeit.
   Eric stapfte zur Tür. Nach all den Jahren hatte er es immer noch nicht gelernt, sich lautlos zu bewegen. Oder er wollte es nicht. »Dorian?«
   Ich sah erneut hoch.
   »Sie wird mich nie so ansehen, wie sie dich ansieht. Ihr Herz gehört dir, und jetzt versteh ich, warum sie dich so sehr liebt.«

*

Jayden wartete an seine Ducati 848 Evo gelehnt vor Zoes Schule. Er hatte sich das Motorrad gekauft, weil er es leid gewesen war, sich Erics Gemecker anzuhören. Je länger sie auf Sam hatten aufpassen müssen, umso gereizter war er geworden. Jayden hatte es verstanden. Dorian hatte sie gebeten, nach Hause zu kommen, und Sams Verwandlung hatte sie davon abgehalten. Dennoch ging es ihm irgendwann auf die Nerven und Sam auch. Also waren sie getrennt weitergefahren.
   Zoe hatte ihn und Dorian so lange angebettelt, auf seinem Motorrad mitfahren zu dürfen, dass Dorian irgendwann nachgegeben hatte. Unter der Bedingung, dass Jayden ihr vernünftige Motorradkleidung besorgte. Der Verkäufer in dem Biker-Laden war davon ausgegangen, er würde die Klamotten für seine Freundin kaufen. Jayden hatte ihn in dem Glauben gelassen. Was hätte er ihm auch sagen sollen? Dass sie für die leibliche Tochter seines Gefährten waren, die über Nacht zur Frau herangereift war? Dass er ein Scheusal sein musste, dass ihn ihr Anblick derart aus der Fassung gebracht hatte, und er ganz andere Dinge mit ihr tun wollte, als sie auf seinen Sozius zu setzen? Dass sie so schön und aufregend war, dass er sich schämen sollte, solche Gedanken zu hegen? Selbst wenn er dem langhaarigen Biker das gesagt hätte, hätte der es wahrscheinlich nicht begriffen. Zoe war zu rein, zu unverdorben und zu naiv für jemanden wie ihn. Sie war sterblich, und er ein Vampir. Und sie war die Tochter eines der meistgefürchteten und skrupellosesten Vampire, die es gab. Der ihn ohne Wenn und Aber in den Boden stampfen würde, wenn er auch nur ahnte, was in Jaydens Kopf vor sich ging. Und Eric erst.
   Dann war da auch noch Sam, die er liebte. Das tat er doch, oder?
   Zoe kam mit einem dunkelgelockten, jungen Mann heraus, der ihm finstere Blicke zuwarf und sie demonstrativ küsste, ehe er zu seiner Vespa stapfte. Das musste Paolo sein, Zoes Freund. Er war etwas kleiner als Zoe, aber er sah gut aus. Breite Schultern, kraftvoller Gang. Er hatte was im Kopf, hatte Dorian erzählt. Warum sollte sich Zoe auch mit weniger zufriedengeben? Sie kam lächelnd zu ihm. Es war warm. Sie trug keine Schuluniform, wie er es von früher kannte, sondern einen weit schwingenden Rock, der ihr bis zum Knie ging und fast ein bisschen zu lang war für ein Mädchen ihres Alters. Wahrscheinlich trug man das heutzutage so. Das ärmellose Top brachte ihre breiten Schultern gut zur Geltung, und das helle Gelb passte wunderschön zu ihrer gebräunten Haut. Er konnte ihre BH-Träger unter dem Top hervorblitzen sehen. Allein, dass sie einen trug, machte ihm deutlich bewusst, dass sie kein Kind mehr war.
   »Hallo Jayden. Das ist aber echt ein klasse Motorrad«, begrüßte sie ihn und sah an seiner mattschwarzen Maschine entlang.
   Er hielt ihr die Tüte hin. »Du musst noch mal reingehen und das hier anziehen.«
   Sie zog die Lederhose und –jacke heraus und schüttelte den Kopf. »Ach, was, das geht auch so.«
   Schnell schlüpfte sie in die Hose, indem sie sie einfach unter ihrem Rock anzog. Dass er trotzdem ihre schlanken braun gebrannten Oberschenkel sah, störte sie nicht. Sie zog den Rock aus, die Lederjacke an, stopfte Tüte und Rock in ihren Rucksack und schulterte ihn. Die Hose saß wie eine zweite Haut, und Jayden wünschte sich, er hätte eine aus diesen modernen Materialien genommen. Darin hätte sie mit ihren langen Beinen nicht ausgesehen wie der heiße Lack- und Ledertraum eines jeden Bikers. Er rief sich zur Ordnung und hielt ihr seinen Helm hin.
   »Du trägst keinen?«, fragte sie, als er ihn ihr unter dem Kinn zuband.
   Er zog ein Gesicht, und sie lachte. Ein herrliches Geräusch, das ihn mehr von innen wärmte als frisches Blut. »Wollen wir direkt nach Hause fahren oder noch einen kleinen Umweg machen?«, fragte er.
   Sie setzte sich hinter ihn und schlang ihre warmen Arme um ihn. »Was denkst du denn?«, antwortete sie, und er konnte sich ein erfreutes Grinsen nicht verkneifen.
   Sie fuhren aus der Stadt hinaus. Obwohl er Dorian versprochen hatte, langsam zu fahren, ließ er sich von Zoe drängen, Gas zu geben. Sie klammerte sich an ihm fest und juchzte und lachte. Am liebsten wäre er den ganzen Tag mit ihr herumgefahren. Er liebte dieses Motorrad. Auch mit Sam hintendrauf war er gern gefahren. Sam hatte es nie lange ausgehalten, ehe sie immer anfing, ihn zu befummeln. Auf ihr zu fahren, war wie auf einem übergroßen Vibrator zu sitzen, hatte sie ihm beim ersten Mal erklärt. Allerdings hatte sie auch nur in ihrem Sommerkleid hinter ihm gesessen.
   Irgendwann fuhr Jayden in ein kleines Touristenörtchen und hielt an einer belebten Promenade. Zoe kletterte hinunter und riss sich den Helm ab. Ihre Wangen glühten und die blauen Augen funkelten vor Begeisterung.
   »Das war total toll!« Sie lachte und schüttelte ihre langen Beine aus. »Ich fühl mich total kribblig und mir haben die ganze Zeit die Augen getränt.« Sie rieb sich wenig damenhaft mit beiden Händen übers Gesicht.
   Jayden lachte und stieg ebenfalls ab. »Ich dachte, wir gehen noch ein Eis essen, wenn du magst«, schlug er vor und nahm ihr Helm und Rucksack ab.
   »Du isst doch gar kein Eis«, erwiderte sie und zog sich die Lederjacke aus. »Aber was trinken würde ich gern und nicht zu lange in diesen Lederklamotten rumlaufen. Das ist echt zu warm. Ich fühl mich, als würde ich zerfließen, wenn wir noch länger in der Sonne bleiben. Du schwitzt nie, oder?«, fragte sie mit einem Blick auf seine Lederhose.
   »Nein, das weißt du doch.«
   Sie strahlte ihn an.
   Gemeinsam steuerten sie auf eine Strandbar zu und setzten sich in den Schatten. Jayden bestellte zwei Gläser Cola. Er hätte zwar lieber ein Bier getrunken, fand es aber unpassend, in Zoes Gegenwart Alkohol zu trinken. Sie war ein Teenager, wahrscheinlich trank sie bereits heimlich mit ihren Freundinnen Alkohol, aber er musste es ihr ja nicht vormachen. »Dein Freund sieht nett aus«, sagte er, obwohl er eigentlich nicht über ihn reden wollte. Dass es ihn überhaupt gab, gefiel ihm nicht, wie er erstaunt feststellte.
   »Paolo?«, fragte sie. »Das ist er auch. Er war ziemlich angepisst, weil du mich abgeholt hast. Eigentlich wollte er mich nach Hause fahren.«
   »Dorian lässt dich allein mit Paolo fahren?«, fragte er.
   Sie zog ein Gesicht. »Wohl kaum. Er fährt immer hinterher. Paolo merkt nichts davon, aber ich schon.«
   Jayden konnte sich nicht vorstellen, dass es ihr nichts ausmachte, auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden.
   »Vielleicht merkt er es doch, ich weiß nicht. Auf jeden Fall hab ich vergessen, ihm Bescheid zu sagen. Deshalb war er sauer. Na ja, und dann hast du auch noch dieses Supermotorrad und nicht so ’ne Nullachtfünfzehn-Vespa.« Sie kicherte, warf ihm aber einen langen tiefen Blick zu, der ernster war als ihr scheinbar ungezwungenes Kichern.
   »Du meinst, er war eifersüchtig?« Insgeheim freute er sich darüber.
   »Und wie«, erwiderte sie und lachte. »Aber ist ja auch kein Wunder.«
   »Warum? Hast du ihm denn nicht gesagt, wer ich bin?«
   »Ach, du meinst die Geschichte mit dem schwulen Freund meines Onkels? Die glaubt doch sowieso keiner. Dafür siehst du viel zu gut aus. Und viel zu wenig schwul.«
   Jayden musste lachen und beugte sich dann leicht vor. »Vielen Dank für die Blumen, kleine Zoe.«
   »Kleine Zoe sagt sonst keiner zu mir.« Sie trank von ihrer Cola. »Es gefällt mir, dass du größer bist als ich.«
   Jayden zog die Augenbrauen hoch. Sie sah ihn offen an, die Wangen von der Hitze gerötet, die dunklen, kurzen Haare standen so wirr um ihren Kopf wie bei Eric. Ein schiefes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. Ihr Blick war weich und abwartend, als hoffte sie auf seine Reaktion. Das war kein kindlicher Blick mehr. »Flirtest du mit mir, kleine Zoe?«, fragte er, und ihr Lächeln wurde breiter.
   »Warum denn nicht?«
   »Weil ich dich bereits als kleinen Hosenscheißer kannte. Wir haben Kniereiter gespielt, und ich hab dich getröstet, wenn du dich gestoßen hast.«
   Ihr Lächeln wurde ernsthafter. »Aber jetzt bin ich kein Kind mehr.« Sie sah ihn noch einen Moment an und senkte dann langsam die Augenlider, um ihre Cola auszutrinken.
   Bei Gott, sie war wirklich kein Kind mehr! »Du verdrehst den Jungs in deiner Schule bestimmt ordentlich den Kopf.«
   Sie zuckte mit einer Schulter. »Kann schon sein. Aber die meisten kommen eh nicht an Papa vorbei.«
   Sie sah nicht zu ihm auf, und Jayden wusste darauf nichts zu erwidern. »Wollen wir zurückfahren?« Er wollte vermeiden, dass zu Hause jemandem auffiel, dass sie viel länger als gewöhnlich weg waren. Er hatte Zoe schon früher von der Schule abgeholt, aber meistens waren sie ohne Umwege zurückgefahren. Da hatte sie allerdings noch nicht mit ihm geflirtet.
   Auf dem Rückweg juchzte Zoe nicht mehr, und Jayden hatte das Gefühl, dass sie sich etwas fester an ihn klammerte, näher gerückt war, als würde sie sich an ihn anschmiegen. Vielleicht kam ihm das auch nur so vor, weil es sich so gut anfühlte.
   Er fuhr die Ducati in die Garage. Zoe stieg ab und er schaltete die Maschine aus. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange, der ihn so unverhofft traf, dass er jäh zusammenzuckte.
   »Danke. Das hat Spaß gemacht«, sagte sie und hielt ihm den Helm hin. »Holst du mich morgen wieder ab?«
   »Wenn du das möchtest.« Jayden grinste und strich sich beinahe verlegen die blonden Haare glatt, die der Fahrtwind zerzaust hatte. Am liebsten hätte er die Stelle auf seiner Wange berührt, wo sie ihn geküsst hatte. Er musste sich zwingen, es nicht zu tun, und ging ihr hinterher zum Haus. Den Blick fest auf ihren Nacken geheftet, um ihr nicht auch noch auf den Po zu starren.
   Im Haus wurden sie bereits erwartet. Eric sprang förmlich auf, als sie hereinkamen. Er strahlte über das ganze Gesicht und wirkte anders. Glücklicher und entspannter.
   »Hey, ihr seht ja aus wie die X-Men in diesen Lederklamotten«, rief er ihnen zu und hob Zoe hoch, wie er es schon immer getan hatte. »Heiß. Zum Anbeißen.« Er fletschte die Zähne und drohte ihr spaßeshalber.
   Zoe lachte laut und wand sich in seinem Griff wie ein Aal. »Lass mich runter! Es sieht nicht nur heiß aus. Es ist auch heiß da drin. Ich muss diese Sachen unbedingt ausziehen.« Sie machte sich los und lief, noch immer lachend, nach oben.
   »Du bist gut gelaunt«, stellte Jayden fest.
   »Und du?«, erwiderte Eric und musterte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Scheiße, ist das ein richtiges Lächeln in deinem Gesicht? Dass ich das noch erleben darf!«
   Schnell sprang er außer Reichweite, sodass Jaydens freundschaftlicher Hieb ins Leere ging.
   »Heute Abend gehts ins Tenebra!«, verkündete er dann singend.
   Jaydens Stimmung sank schlagartig.

Kapitel 7

Ich möchte zuerst trinken«, bat mich Louisa leise, als wir ins Tageslicht kamen.
   »Alles in Ordnung mit dir?«
   Sie seufzte. »Ich weiß nicht, ich hab schrecklichen Durst in letzter Zeit.«
   »Können Vampire eigentlich zunehmen?«, witzelte Eric, ehe er mit Jayden verschwand.
   Louisa zog ein Gesicht.
   Sie wollten Sam auf die Begegnung mit mir vorbereiten. Jayden hatte mir erzählt, dass ich es war, der über sie hergefallen war und sie deshalb zu einer Jägerin wurde. Ich konnte mich nicht daran erinnern. Wahrscheinlich war es in der Zeit, als Louisa bei Richard war. Auch die Jägerin konnte sich nicht mehr daran erinnern. Gut für sie. Ob das so blieb, war jedoch fraglich.
   Wenn Louisa und ich zusammen hergingen, tranken wir oft gemeinsam von den gleichen Opfern. Sofern Louisa länger bleiben wollte. Es ist ungemein erregend, sich ein Opfer zu teilen. Dieses Mal sah ich ihr nur zu. Sie hatte mehrere Arten zu trinken. Je nach Zweck. Manchmal trank sie, um sich zu berauschen, manchmal, um mich zu betören. Heute hatte sie Durst. Sie trank zügig und wandte sich schwer atmend dem zweiten Opfer zu. Selbst wenn sie schnell trank, tat sie es sanft, war immer darauf bedacht, nichts zu vergeuden und vor allem, dem Opfer nicht wehzutun. Wobei den meisten das völlig egal gewesen wäre. Sie hätten ihr die Füße abgeleckt, wenn sie sie darum gebeten hätte. Wenn Louisa Durst hatte, trank sie von Männern. Wenn sie mit mir länger hier bleiben wollte, von Frauen. Immer Sterbliche und immer junge. Seit der Sache mit Vincenzo wollte sie niemanden, der auch nur annähernd dessen äußerliches Alter erreicht hatte. Mit der Zeit entwickelte ein Vampir halt so seine Eigenarten. Dennoch wunderte ich mich über ihren neu erwachten Durst.

»Wie ist es gelaufen mit dieser Sam?«, fragte ich Pierre, nachdem Louisa fertig war.
   Er verdrehte die Augen. »Sie ist jung, sie ist durstig und sie ist fasziniert von ihren geschärften Sinnen«, antwortete er.
   Pierre war von Anfang an ruhig und beherrscht gewesen. Wahrscheinlich, weil er schon als Mensch Vampirblut getrunken hatte und die Verwandlung nur noch eine Formsache gewesen war. »Wir haben sie Erica getauft, weil sie eurem Eric in nichts nachsteht. Ich hoffe, dass zumindest er sich jetzt unter Kontrolle hat. Ich habe einige Jungfrauen hier und noch mehr zahlungswillige Kunden. Beides möchte ich ungern verlieren.«
   »Eric wird dir keine Probleme machen«, sagte Louisa und lächelte ihn an.
   Pierre betrachtete sie mit schief gelegtem Kopf. »Du siehst anders aus, chérie. Haben wir uns alle getäuscht, was deinen Hunger angeht?«
   Louisa lachte leise. »Und was ist mit deinem Hunger, Pierre?«
   Sein Hunger bestand darin, dass er sich weiterhin beißen lassen wollte. Das war nicht unbedingt ungewöhnlich, aber damit es ihn befriedigte, mussten es mächtigere Vampirfrauen sein. Wovon es dank Michaels Blut in seinen Adern nicht allzu viele in seinem Dunstkreis gab. Eigentlich nur eine. Louisa.
   »Touché.«
   »Du solltest die Jägerin ausprobieren«, schlug ich vor. »Dann lassen wir sie dir hier.«
   Pierre lachte, und Louisa knuffte mich in die Seite.
   »Ich will keinen weiblichen Eric bei uns zu Hause haben«, raunte ich ihr zu und erhielt dafür einen weiteren Stoß in die Rippen. »Das würde mich zu sehr in Versuchung führen.«
   Louisa lachte und schüttelte den Kopf. Sie wusste, keine Frau der Welt würde mich je wieder in Versuchung führen. Diese Jägerin schon gar nicht. Sie war zu groß, zu blond und viel zu leicht zu haben. Doch sie passte gut zu unserem blonden Engel. »Hat Jayden dir von den Jägern in Asien erzählt?«, fragte ich Pierre.
   »Ja, das hat er. Das ist eine ernste Sache, wenn sie sich mit Sprengstoff in die Luft jagen, um uns zu schaden. Ich hab oben einige Söldner in Zivil als Gäste platziert.«
   »Söldner?«
   »Private Soldaten, die für Geld alles tun«, antwortete Pierre. »Sie sind hervorragend ausgebildet, zuverlässig und zielorientiert. Ich hab sie in unsere Kreise eingeführt und ihnen gezeigt, welche Kräfte ihnen unser Blut geben kann. Sofern sie sich bewähren. Sie sind bereits so süchtig nach dem Vampirblutrausch, dass ich mich voll und ganz auf sie verlassen kann. Sie werden jeden, der ihnen auffällig vorkommt, unauffällig nach draußen komplimentieren und filzen. Wir durchsuchen außerdem jeden, der nach unten kommen will.«
   »Uns hast du nicht durchsucht«, erwiderte ich ernst, und Pierre sah mich mit einem merkwürdigen Blick an. »Du hast gesagt, du lässt jeden durchsuchen.«
   Er sah mich erstaunt an. »Euch doch nicht.«
   »Weißt du, wie ich so alt werden konnte, Pierre? Vertraue niemandem blind.«
   Pierre schluckte hörbar, und selbst Louisa sah mich mit einem überraschten Blick an.
   »Ich werde es mir merken«, sagte Pierre.
   »Tu das. Nun bring uns zu der Jägerin.«

*

Den Flug und die Fahrt über Land hatte Sam gut überstanden, dennoch war sie froh, als sie endlich trinken durfte. Sie war überrascht gewesen, als Jayden und Eric sie in diese unterirdische Bar geführt hatten. In einem der Zimmer wurden sie von dem Inhaber begrüßt, und er führte zwei männliche Sterbliche herein, die gern von sich trinken ließen. War das zu fassen? Typen, die darauf standen, dass man ihnen das Blut aussaugte und die es derart erregte, dass Sam es kaum erwarten konnte, das nächste Mal mit ihnen ins Bett zu gehen.
   Jayden und Eric blieben nicht lange. Sam war ein bisschen enttäuscht gewesen, dass Jayden erst am nächsten Abend wieder zu ihr kommen wollte, doch es gab so viele Vampire kennenzulernen, so viel zu entdecken in diesen unterirdischen Katakomben, dass sie schnell jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Es war ja nicht so, dass sie den Tagesanbruch fürchten oder morgens um acht im Büro erscheinen musste. Sie musste nichts tun und nirgendwo hin. Das war Freiheit. Mal von der räumlichen Einschränkung abgesehen, aber die war ja nur vorübergehend. Und dieser Pierre, der den Laden schmiss, war sexy. Ein bisschen klein geraten, aber definitiv sexy.
   Man hatte ihr Bescheid gesagt, dass die Fitzgeralds und Jayden da waren. Dennoch musste sie warten, bis Jayden und Eric ohne die anderen zu ihr kamen. Jayden begrüßte sie auf die gewohnte zärtliche, aber ernst-zurückhaltende Art und fragte, ob es ihr gut ging. Sie hörte kaum auf seine Worte und starrte Eric an. Er schien wie ausgewechselt. Alles Grimmige, Miesepetrige war verschwunden. Als wäre es nie da gewesen. Er kam beschwingten Schrittes hinter Jayden herein, ein breites Grinsen im Gesicht. Er drückte ihr sogar einen Kuss auf die Wange und strahlte so viel Zufriedenheit aus, dass Sam ihn nur verwundert ansehen konnte. Jayden wirkte neben ihm noch ernster und verschlossener. Yin und Yang hatten gerade die Rollen getauscht.
   »Dorian und Louisa kommen gleich«, sagte Jayden, dem sie sich nur mühsam zuwenden konnte. »Louisa wollte erst trinken. Sam, ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst, aber du bist Dorian und ihr schon mal begegnet.«
   »Tatsächlich?«, fragte sie und starrte immer noch Eric an, der sie offen und kein bisschen feindselig anlächelte.
   Er hatte sich in einen Sessel gesetzt, ein Bein quer über das andere gelegt, und ließ die Arme locker zur Seite baumeln. Er sah aus, als wäre er auf einem vergnüglichen Samstagabendausflug. Seit sie ihn kannte, war er feindselig und barsch, fast schon grob zu ihr gewesen. Er hatte auf eine unbestimmte Art gehetzt und unzufrieden gewirkt, als wäre alles, aber auch wirklich alles auf dieser Welt beschissen. So sah er jetzt nicht mehr aus.
   »Wenn dir irgendetwas Angst macht«, fuhr Jayden fort, »ich bin bei dir.«
   Sie nickte nur.
   Die Tür ging auf. Pierre kam herein, gefolgt von einer kleinen Frau, bei deren Anblick Sam die Luft wegblieb. Sie trug ein enges schwarzes Kleid und hochhackige Schuhe, dennoch war sie kleiner als alle anderen. Ihre Präsenz hingegen füllte den ganzen Raum aus. Sie hatte dunkles, volles Haar und schneeweiße Haut. Ihre Augen leuchteten so hell, dass sie wie kleine Scheinwerfer wirkten. Sie streifte Eric mit einem warmen Lächeln, der daraufhin breiter grinste. Sie war unglaublich mächtig, das erkannte Sam. Sie wusste zwar nicht, woran sie das sah, sie wusste es einfach. Spürte es.
   Noch mächtiger war der Mann, der hinter ihr in den Raum kam. Bei dem Sam das Gefühl hatte, sie müsste auf die Knie sinken und den Boden küssen, auf dem er lief. Er strahlte eine Macht aus, die ihr ins Gesicht zu schlagen schien, und bewegte sich mit einer Eleganz, die jede Katze plump und ungelenk hätte aussehen lassen. Wenn es einen König unter den Vampiren gab, musste er es sein. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug und teure italienische Schuhe. Die langen Haare waren zum Teil zurückgebunden, was die sanften Kieferknochen schön betonte. Seine Augen funkelten wie grüne Sterne, sein Lächeln war umwerfend. Er war der vollkommenste Mann, den Sam jemals gesehen hatte.
   Dennoch schienen sich alle im Raum um die Frau zu scharen. Jayden stand noch immer neben Sam, aber er war einen Schritt zur Seite und auf die Frau zugetreten. Als Eric aufstand und sich hinter die Frau stellte, kam es Sam so vor, als wäre das eine eingeübte Aufstellung. Eine Art Formation mit der Frau im Mittelpunkt und dem König vorweg. Sie kam lächelnd auf Sam zu.
   »Hallo Sam«, sagte sie mit einer Stimme, die Sam bekannt vorkam. »Vielleicht erinnerst du dich an mich? Ich bin Louisa.«
   Sam schüttelte langsam den Kopf.
   Der Vampirkönig trat ebenfalls vor. »Hallo Erica … äh, Erics und Jaydens Sproß«, sagte er und räusperte sich.
   Seine Augen glühten für einen Moment schwarz auf, als er Louisa einen schnellen Blick zuwarf. Plötzlich wusste Sam, wer da vor ihr stand.
   Ohne darüber nachzudenken, schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Er blickte überrascht, zuckte aber nicht einmal zusammen. Sie schlug ihn noch mal und noch mal und hatte das Gefühl, nie wieder aufhören zu können. Die kleine Frau wollte sich zwischen sie drängen, Jayden wollte ihre Arme ergreifen, doch der Vampirkönig hielt sie alle zurück. Er hob nur leicht die Hand, und die anderen gehorchten. Dann stand er einfach da und ließ sich von ihr schlagen. Mit jedem Schlag kamen mehr Erinnerungen in Sam hoch. An den Überfall in dieser Bar, an ihre Angst, an ihr Leben danach in der Psychiatrie und als Vampirjägerin. Jules Tod, ihre Entführung, die Vergewaltigungen. Sie schrie ihren Schmerz heraus und legte ihre ganze Wut in ihre Schläge. Tränen rannen ihr über das Gesicht. Erst da kam Bewegung in das Monster, das ihr Leben zerstört hatte. Er nahm sie sanft in die Arme und tröstete sie. Sie zuckte zusammen, doch dann klammerte sie sich an ihn und weinte, bis sein Anzug an der Schulter durchtränkt war von ihren blutigen Tränen.
   Erst, als sie sich beruhigt hatte, ließ er sie los. Sie war überrascht von der Zärtlichkeit und der Fürsorge, die sie bei ihm spürte. Eine große Last war damit von ihr abgefallen. Auch wenn sie sich bis eben nicht an die Schrecknisse von damals hatte erinnern können, wusste sie, dass sie diese Last schon zu lange mit sich herumschleppte und daran irgendwann zerbrochen wäre.
   Er schob sie sanft von sich und in Jaydens Arme. Irgendwer reichte ihr ein Taschentuch, und Sam wischte sich beschämt das Gesicht ab. Als sie aufsah, sah der Vampirkönig sie mit ernstem Blick an. Nichts ließ erkennen, dass sie ihn gerade mehrmals geschlagen hatte. Keine Rötung der Haut, nichts. Er war noch immer einfach nur schmerzhaft schön. Seine Augen blickten freundlich, fast schon gütig.
   »Es gibt keine Entschuldigung für das, was ich dir angetan habe«, sagte er. »Auch wenn du zu Jayden gehörst, werde ich dir nichts aufzwängen. Ich biete dir an, bei uns zu leben, wenn du dich unseren Regeln beugst. Die Entscheidung liegt bei dir.«
   »Welche Regeln sind das?«
   »Zuerst muss ich sichergehen, dass du deinen Blutdurst unter Kontrolle hast«, erklärte er. »Da wir mit Sterblichen zusammenleben, ist das eine Grundvoraussetzung. Pierre sagte schon, dass du dich relativ gut im Griff hast. Deshalb wirst du das wahrscheinlich schnell überstehen. Dann erwarten wir absoluten Gehorsam mir und meiner Frau gegenüber. Es wird nicht gewildert. Zum Trinken kannst du hierher fahren. Die Sterblichen in unserer Mitte werden beschützt und ansonsten nicht angerührt. Wir leben in einer Gemeinschaft, das heißt, dass wir aufeinander achten. Und wir leben unter den Sterblichen. Deshalb wollen wir möglichst unauffällig bleiben, weil nicht alle wissen, was wir sind.«
   Unauffällig?, dachte Sam und hätte fast gelacht. Hatten sie mal in den Spiegel gesehen? Keiner würde sie für Menschen halten!
   »Wie gesagt, keiner wird dich zu etwas drängen. Auch wenn du mit uns kommen möchtest, kannst du jederzeit wieder gehen.«
   »Danke. Ich glaube, darüber muss ich nachdenken«, sagte sie und warf Jayden einen unsicheren Blick zu. Seiner Miene war wie immer nichts zu entnehmen.
   »Gut, dann kommt einer von uns morgen Abend wieder. Jayden, ich denke, das Beste wird sein, wenn Sam in Ruhe darüber nachdenken kann. Allein.«
   Jayden deutete ein Nicken an. Absoluter Gehorsam, schoss es Sam in den Kopf. Sie wusste nicht, ob sie mitgehen wollte. Es klang nicht nach dem Leben, das sie sich vorgestellt hätte. Jetzt, wo sie alle Konventionen, alle Zwänge abgestreift hatte, wo ihr kein anderer Vampir je wieder etwas antun konnte. Wollte sie sich da einem Vampir in absolutem Gehorsam beugen? Das klang irgendwie mittelalterlich.

*

Es regnete. Jayden saß im Auto vor Zoes Schule und wartete. Die Luft war dick und schwer vom Regen, aber nicht wesentlich abgekühlt. Es roch nach Erde und Asphalt, als würde die von der Hitze des Sommers aufgewärmte Straße die Nässe ausgeschwitzt haben. Dicke Tropfen prasselten auf das Autodach, zu heftig, zu laut, als dass es ihn entspannt hätte. Sam letzte Nacht zu sehen, hatte ihn verwirrt. Er war noch bei ihr geblieben, um sie zu trösten, sie sich aussprechen zu lassen, ehe er nach Hause gefahren war. Sie war ungewöhnlich schweigsam gewesen. Er hatte nicht gewusst, was er hätte sagen sollen, und war froh, dass Dorian ihm die Entscheidung abgenommen hatte, wo er den Tag verbringen sollte. Jayden wusste, es war ein Test. Dorian wollte wissen, wie wichtig Sam ihm war. Ob Jayden sie über die anderen Mitglieder des Clans stellen würde. Er wollte beweisen, wer das letzte Wort über alles hatte. Jayden hätte es an Dorians Stelle genauso getan.
   Die meisten Schüler waren schon weg. Auch Paolo hatte er mit eingezogenem Kopf davongehen sehen. Von Zoe keine Spur. Es gab nur diesen einen Eingang in dem flachen, klobigen Schulgebäude, allerdings mehrere Notausgänge, die außer im Notfall nicht benutzt werden durften. Er stieg aus, betrat das Schulgelände und überlegte, ob er das Sekretariat suchen und dort nach ihr fragen sollte, entschied sich aber dafür, sie zu rufen. Ihre Verbindung hatte kurz, nachdem er mit Eric gegangen war, gut funktioniert. Es hatte ihm fast den Kopf weggeblasen, so verzweifelt waren Zoes Rufe in seinem inneren Gehör angekommen. Er wusste nicht, ob es auch jetzt noch funktionierte. Vielleicht war sein Blut in ihr bereits verbraucht, aber es war einen Versuch wert. Er konzentrierte sich und schickte seine mentalen Fühler in alle Richtungen. Dabei flüsterte er in Gedanken unablässig ihren Namen. Als Richtungsanzeige für seinen Spürsinn.
   Sein Körper war schnell, seine unsichtbaren Finger hingegen noch schneller. Bald hatte er sie gefunden. Er konnte sie so deutlich spüren, als stünde sie vor ihm, und sein Gedächtnis beschwor ihr Bild herauf. Fast dachte er, er könnte die Hand ausstrecken und sie berühren. Er ging um das Hauptgebäude herum auf einen großen Schulhof, an dessen hinterem Ende sich die Turn- und Schwimmhalle befand. Mitten auf dem Schulhof stand sie. Im Regen. Die Arme ausgebreitet, den Kopf in den Nacken gelegt. Es war keiner mehr hier, das hatten ihm seine inneren Sinne gesagt. Er konnte also vampirisch schnell zu ihr gehen, ohne entdeckt zu werden.
   »Ich hab dich gehört«, sagte sie und lächelte, ohne die Augen zu öffnen.
   Er sah auf sie hinunter. Sie war bereits völlig durchnässt. Dicke Tropfen perlten von ihrer jugendlich glatten Haut ab, liefen an ihrem Hals hinab und verschwanden in dem Ausschnitt ihres T-Shirts. Die Jeansjacke war nass und dadurch dunkler, als sie normalerweise war, das T-Shirt mit dem Rock ’n’ Roll-Aufdruck klebte ihr an Brust und Bauch, wo es nicht von der Jacke bedeckt war.
   »Was machst du hier, Zoe? Du wirst dich erkälten.«
   Sie lachte leise, rührte sich aber nicht. »Ich mag den Regen.« Sie hob den Kopf und sah ihn an. Wasser lief aus ihren Augen und hing in dicken Tropfen an ihren schwarzen langen Wimpern. Oder waren es Tränen? »Heute fahren wir nicht Motorrad, oder?«
   Jayden schüttelte den Kopf. Zoe bückte sich nach Rucksack und Sporttasche, die beide ebenfalls durchnässt waren. Als sie sich wieder aufrichtete, wanderte ihr Blick über seinen Oberkörper, ehe sie ihm in die Augen sah. Er trug ein helles Hemd mit feinen Streifen, das ihm bereits klitschnass am Körper klebte. Es störte ihn nicht. Nicht nach dem, was er in Zoes Blick gesehen hatte. Er war sich fast sicher, dass es das Gleiche war, was auch in seinem Blick gelegen haben musste, als er sie eben angesehen hatte.
   Als sie losfuhren, drehte Jayden die Heizung auf. Es war draußen noch genau so warm wie sonst, aber vielleicht trockneten Zoes Klamotten ein bisschen, damit es keinen Ärger zu Hause gab. Sie hatte ihre Jeansjacke ausgezogen und sich die Haare mit einem Handtuch aus ihrem Sportbeutel abgetrocknet.
   »Wo warst du so lange?«, fragte er.
   »Es gab noch etwas für den nächsten Wettkampf zu besprechen.« Zoe stopfte das Handtuch zurück in den Beutel.
   »Ist Paolo nicht auch in deiner Schwimmriege? Den hab ich lange vorher nach Hause gehen sehen«, erwiderte Jayden und sah sie an.
   Sie hatte sich entspannt zurückgelehnt, den Kopf an der Lehne, und drehte ihm das Gesicht zu.
   »Ja, aber ich bin besser als er. Mein Trainer hat mich gefragt, ob ich die Europa-Schulmeisterschaft mitschwimmen möchte. Er meinte, ich könnte es schaffen.«
   »Das ist toll«, sagte er und lächelte sie stolz an.
   »Sie findet in Glasgow statt. Mama wird nicht hinwollen.«
   Er warf ihr einen Blick zu, aber sie zuckte nur mit der Schulter und wirkte weder traurig noch wütend. Eher resigniert. Das war wohl nicht das Erste, was ihr verwehrt wurde, weil sie war, was sie war. Die Tochter von Vampiren. Er konnte sich vorstellen, dass Louisa keinen Fuß mehr auf schottischen Boden setzen wollte und ihre Tochter dort ebenfalls nicht hinfahren lassen würde, obwohl Richard tot war. Louisa hatte sich immer ein normales Leben für Zoe gewünscht. Nun war sie es, die dem im Wege zu stehen schien. Auch wenn er sie verstand, war es nicht fair.
   Sie schwiegen den Rest der Fahrt. Es war kein schweres, belastendes Schweigen. Jayden redete eh nicht viel, und schon als Zoe noch klein war, hatten sie oft schweigend zusammengesessen. Es war etwas Gewohntes, etwas Tröstliches. Schweigen verband. Zumindest die richtigen Leute. Außerdem wusste er nicht, was er hätte sagen sollen. Er hätte sie gern auf diesen Wettkampf begleitet, über sie gewacht. Vielleicht würde er mit Louisa reden.
   In der Garage stellte er den Motor ab und drehte sich leicht zu ihr herum. Zoe saß noch immer mit dem Kopf an der Lehne und sah zu ihm auf. Das T-Shirt war bereits getrocknet und hatte sich von ihrem schlanken Körper gelöst. Aber die Jeans, die sie trug, klebte noch immer an ihren langen Beinen, die sie leicht hin- und herschaukelte. Er beobachtete es fasziniert und verbarg sie unbewusst vor neugierigen Blicken anderer. Plötzlich sah sie sich stirnrunzelnd um, als hätte sie etwas gehört und setzte sich auf.
   »Verbirgst du uns etwa?«
   »Du hast es gespürt?«, fragte er, obwohl das eigentlich nicht sein konnte. Sie war ein Mensch. Selbst ein Vampir hätte es nur gespürt, wenn er ähnliche Fähigkeiten gehabt hätte.
   »Seit dieser Sache mit Vincenzo gibt Papa mir wieder sein Blut«, antwortete Zoe, als hätte sie zu allem Überfluss auch noch seine Gedanken gelesen. »Nur ab und zu. Es beruhigt ihn. Ohne das hätte ich dich vorhin wahrscheinlich nicht gehört.«
   Er betrachtete sie fasziniert. Sie hatte schon als kleines Kind unglaubliche Fähigkeiten besessen. Dabei war sie ein Mensch, durch und durch. Als er als Mensch von Marys Blut getrunken hatte, war er lediglich high geworden. Es hatte ihn für kurze Zeit sensibilisiert und dafür gesorgt, dass er länger einen hochbekam. Nachdem das Blut verbraucht war, verschwand die Wirkung. Das war bei Zoe anders. Sie war ein außergewöhnliches Wesen und so schön, schon jetzt, dass er sie am liebsten den Rest des Tages betrachtet hätte, wie sie da vor ihm saß und ihn mit einem kleinen, entzückenden Lächeln ansah. Keiner würde sie sehen. Nicht einmal Dorian konnte seine Tarnung durchbrechen. Sie konnten einfach hier sitzen bleiben. Vielleicht würde er irgendwann ihre Hand nehmen, sie streicheln …
   »Willst du mich küssen?«, fragte sie mit leiser Stimme, die tiefer klang als sonst. Fraulicher.
   Jaydens Herz schlug schneller. »Würdest du das denn wollen?«
   Ihr wunderschöner Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln. »Das wirst du schon selbst herausfinden müssen«, erwiderte sie und funkelte ihn mit ihren herrlich blauen Augen an.
   Ihm stockte der Atem. Er beugte sich langsam vor, sie kam ihm nicht entgegen, rückte aber auch nicht weg. Als er ihren warmen Atem bereits auf seiner Haut spürte, konnte er nicht anders. Er umfasste ihren Kopf leicht mit einer Hand und zog sie sanft zu sich, presste seine Lippen auf ihre und erbebte. Es war ein kurzer, unschuldiger Kuss, ehe er sie erneut küsste. Ihre Zungen glitten fast gleichzeitig heraus. Eine warme Hand schob sich an seine Taille, hielt ihn fest. Er legte auch seine andere Hand um ihr Gesicht. Ihre Lippen waren voll und weich, und sie schmeckte so süß wie Honig und fühlte sich prickelnd an wie das Leben selbst. Es war der erste Kuss.
   Der erste Kuss war immer etwas Besonderes. Jayden hatte bereits Tausende erste Küsse erlebt und sie alle vergessen. Dieser fühlte sich an wie sein allererster. Das Gefühl ihrer Lippen, ihr Geschmack füllten ihn aus, ließen ihn auf seltsame Weise aufatmen. Als hätte er zeit seines Lebens noch nie richtig Luft geholt. Er wollte seine Lippen nie wieder von ihren nehmen, sie an sich pressen, sie atmen. Es war der erste Kuss, an den man sich ein Leben lang erinnerte.
   Und es war falsch. Sie war Dorians Tochter. Er durfte das nicht. Behutsam zog er sich zurück, zwang seine Hände, ihr wunderschönes Gesicht loszulassen. Zerrte ihre Lippen auseinander und hätte sie am liebsten sofort wieder an sich gerissen.
   »Es tut mir leid, Zoe. Wir dürfen das nicht tun.«
   Sie sog geräuschvoll die Luft ein und lehnte sich zurück. »Warum nicht?«
   Sie klang verärgert, bemühte sich aber um einen ruhigen Tonfall. Es tat ihm beinahe körperlich weh, sie wegstoßen zu müssen. Was sollte er ihr sagen? Er entschied sich für das Naheliegendste. »Weil du einen Freund hast.«
   Sie lachte grimmig auf. »Ja, klar. Und wenns nicht so wäre?« Sie sah ihn herausfordernd an. »Ich weiß genau, was hier los ist. Warum du uns getarnt hast. Weil du Angst hast. Vor Papa.«
   Sie raffte ihre Sachen zusammen und stieg aus. Blitzschnell war Jayden ebenfalls ausgestiegen und um das Auto herumgekommen. Er stellte sich vor sie, beugte sich leicht zu ihr herab, berührte sie aber nicht.
   »Zoe, bitte.«
   Sie seufzte. »Ist schon in Ordnung. Du hast wahrscheinlich recht.« Sie drängte sich an ihm vorbei, wartete an der Haustür auf ihn und tippte den Code ein. Die Hand bereits am Türgriff, drehte sie sich noch mal zu ihm um.
   »Mir tuts übrigens nicht leid«, sagte sie leise und verschwand nach drinnen.

*

Es war ein Sturm, der in ihm getobt hatte. Ein eisiger, todbringender Wind, der durch die Ritzen eines alten Hauses pfiff. Ein stetig ansteigendes und wieder abschwellendes ununterbrochenes Pfeifen. Wenn er Sex oder sehr viel Blut getrunken hatte, wurde es etwas ruhiger. Als Louisa zu ihm kam, sich ihm öffnete, hörte es schlagartig auf. Sie war bereit für ihn und das, was zwischen ihnen war, und sträubte sich nicht länger dagegen. Es war nicht nötig, dass sie miteinander schliefen, wie er bisher immer angenommen hatte. Es war ihre Aufmerksamkeit, die ihm gefehlt hatte. Sie sah ihn nicht länger als Unfall, als jemand, für dessen Schicksal sie verantwortlich war. Zum ersten Mal sah sie ihn als Person an. Natürlich wollte er sie anfassen und küssen und noch vieles mehr - aber es war das Wissen, dass sie ihn fortan nicht mehr als Störenfried und Belastung sehen würde, das alles zum Stillstand brachte. Die Unruhe, den Sturm, dieses entsetzliche Pfeifen. Zu wissen, sie war bei ihm und würde es bleiben. Das war es, das hatte ihn beruhigt.
   All die Schläge, die er eingesteckt hatte, die Kämpfe, die er gefochten hatte, damit hatte er sich bestrafen wollen. Das unruhige, stürmische Pfeifen in seinem Inneren war, nachdem Louisa ihn verbannt hatte, zur Unerträglichkeit angeschwollen. Nichts hatte dagegen geholfen. Hätte er sich selbst schlagen können, er hätte es getan. Dafür, dass er so dumm gewesen war, es sich mit Louisa zu verscherzen. Stattdessen ließ er sich mit Freuden verprügeln. Er hatte es verdient. Die Schmerzen, die gebrochenen Knochen waren nichts im Vergleich zu dem Aufruhr in seinem Inneren.
   Plötzlich war alles ruhig und er würde alles daran setzen, dass es so blieb. Für sich. Für Louisa. Sie saß in seinen Armen auf dem Sofa, den Rücken an seine Seite gelehnt, und schien zu schlafen. Das tat sie natürlich nicht, aber sie war in Gedanken versunken, und er entspannte in ihrer Nähe. Das reichte, um ihn durchatmen zu lassen. Er streichelte sie sanft, und sie genoss es wie eine Katze. Er konnte spüren, dass sie ebenfalls Kraft aus dieser Berührung zog.
   Er hörte Zoe vor der Tür und hob den Kopf. Sie sagte irgendwas, was nicht an ihn gerichtet war. Zoe, seine kleine Tochter, war ein Teenager, fast eine Frau. Es war unfassbar. Dorian hatte das Haus nachträglich einwandfrei isolieren lassen, doch er wünschte sich, er könnte nur einmal an Zoes Tür lauschen, wenn sie Besuch hatte.
   Er schob Louisa sanft von sich und stand auf. Zoe stapfte mit trauriger Miene ohne Gruß nach oben. Wenig später kam Jayden herein, das Gesicht wie immer. Na ja, einmal hatte er gelächelt, seit sie hier waren. Mehr konnte man von ihm nicht erwarten. »Warum bist du so nass?«
   »Es regnet«, antwortete er.
   »Das ist mir doch glatt entgangen, Schlaumeier. Mit Zoe alles in Ordnung?«
   Jayden zuckte die Schultern und ging an ihm vorbei. Teenager halt. Als Teenager war nie alles in Ordnung. Das war eine Zeit in seinem Leben, die Eric für kein Geld der Welt noch mal durchmachen wollte. Er ging nach oben und klopfte an Zoes Tür. Nachdem sie sich vergewissert hatte, wer Einlass begehrte, ließ sie ihn hereinkommen. Sie saß zugedeckt im Bett, die nasse Jeans davor auf dem Boden, und hatte ihren Laptop auf dem Schoß.
   Er ließ sich neben sie fallen. »Was machst du?«
   »Ich chatte mit Chiara«, antwortete sie, ohne von der Tastatur aufzusehen.
   »Warum trefft ihr euch nicht? Soll ich dich hinfahren?«
   »Nein, sie hat keine Zeit.«
   Eric runzelte die Stirn.
   »Außerdem hab ich keine Lust, sie zu treffen«, sagte Zoe und klappte das Notebook zu. »Ich wollte ihr nur schnell was erzählen. Eigentlich dachte ich ja, dass Jayden und ich heute einen Motorradausflug machen, aber der fiel ins Wasser.«
   »Wir könnten ins Kino gehen, wenn du Lust hast?« Er legte sich mit den Armen hinter dem Kopf in Zoes Kissen, und sie kuschelte sich an ihn wie eben Louisa. Nur war sie schön warm, was er genoss.
   »Nö, ich mag nicht.«
   »Alles in Ordnung bei dir?«, fragte er und strich ihr über die kurzen Haare.
   »Ich hab mit Paolo Schluss gemacht.« Es klang eher grimmig als traurig. »Er war nicht der Richtige.«
   »Das tut mir leid.«
   »Das muss es nicht.«
   »Du wirst bestimmt schnell einen anderen finden.«
   »Das glaub ich kaum«, sagte Zoe und setzte sich wieder auf. »Papa hat bisher jeden vergrault. Ich glaube, das hat sich rumgesprochen, und viele trauen sich nicht, mich anzusprechen.«
   »Ich glaube, so sind alle Väter.«
   »Die sterblichen Jungs, die ich kennengelernt habe, waren Papa alle nicht gut genug. Und die Vampire haben alle so viel Angst vor ihm, dass sie sich nicht trauen, sich überhaupt mit mir einzulassen.«
   »Dann würdest du auch mit Vampirjungs ausgehen?«
   »Mir ist das völlig egal, ob Vampir oder Mensch. Mit der Tochter des Vampirkillers würde eh keiner ausgehen.«
   »Dorian meint es nur gut. Er will dich beschützen. Vor allem will er, dass du glücklich wirst. Er ist so alt, ich glaube, er hat eine andere Vorstellung davon, was dich glücklich machen könnte. Vielleicht solltest du mal mit ihm reden und es ihm erklären. Sag ihm, was du willst. Ich meine, er kann dir doch sonst nichts abschlagen. Nicht seinem kleinen Engel.«
   Zoe lachte. »Ja, vielleicht hast du recht.«
   »Natürlich hab ich recht«, sagte er und lachte ebenfalls. »Willst du jetzt noch mit ins Kino? Da läuft doch dieser neue Vampirfilm.«
   »Der, in dem die Vampire in der Sonne glitzern?« Zoe lachte, stand dann aber auf und zog sich an.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.