Als Andrei gegen seinen Willen in einen Vampir gewandelt wird, ändert sich sein Leben schlagartig. Zwar entkommt er den Klauen des Vampirfürsten, der für seine neue Lebensform verantwortlich ist, aber er ist nun zu einem Dasein als Nachtwesen gezwungen. In der Vampirin Sabienne findet er eine treue Freundin, die ihn in dieses neue Leben einführt. Andrei nimmt ihre Ratschläge jedoch nur zögerlich an und geht seinen eigenen Weg. Während Sabienne die bretonische Stadt Saint-Pol-de-Léon unsicher macht, lernt Andrei den geheimnisvollen Samuel Marshwood kennen und verliebt sich in ihn. Fast zu spät erkennt er, dass Samuel der Sohn eines berüchtigten Vampirjägers ist. Doch auch Samuel kämpft mit seinen Gefühlen. Zwischen den ungleichen Männern entspinnt sich eine heikle Romanze, die das Leben aller aufs Spiel setzt.

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ISBN: 978-9963-52-945-2

Seiten: 273

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Tanja Bern

Tanja Bern
© Svenja Born
Tanja Bern ist dem Ruhrgebiet immer treu geblieben, obwohl sie eine Vorliebe für die nordischen Länder hegt. Sie ist in Herten geboren und lebt heute mit ihrer Familie und drei Katzen in einem kleinen Gelsenkirchener Stadtteil. Durch eine starke Verbundenheit zur Natur und die Liebe für mystische Bücher entstand bei ihr schon früh das Bedürfnis zu schreiben. Zu der Fantasy ist vor allem die Romance ein fester Bestandteil in den Geschichten von Tanja Bern, die den Leser mit ihren authentischen Figuren zu fesseln weiß. Die Autorin hat schon mehrere Bücher und E-Books veröffentlicht und ist in diversen Anthologien vertreten.

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Der letzte Sonnenstrahl

Der Himmel wirkte wie einer der seltenen Kiesel, die ich manchmal im alten Steinbruch fand. Helles Blau umspannte die Landschaft, nur durchzogen von weißen Wolkenschlieren. Das Gras neben mir wiegte leicht im Wind, und ich roch den Duft der Kräuter, die zwischen den Halmen wuchsen.
   Ich rekelte mich auf der Wiese, schloss die Augen und genoss die Nachmittagssonne, die mein Gesicht wärmte. Eine flüchtige Berührung meiner Lippen ließ mich blinzeln.
   Eine Lockenflut, die wie aus dem Abendrot gewebt zu sein schien, ergoss sich über mich, kitzelte mich an der Wange. Irissas Haar war nicht wild, sondern fiel in Wellen über ihre weibliche Gestalt. Man wollte die Hand darin versenken, und ich tat genau das. Es fühlte sich an, als würde ich die teuerste Seide auf dem Markt berühren. Ihre hellgrünen Augen funkelten mich an, ihre Lippen umspielte ein feines Lächeln. Erneut senkte sich ihr Mund auf meinen. Sie seufzte leise.
   Und ich … spürte nichts.
   Verflucht, sie war eines der schönsten Mädchen im Dorf, ich war ihr versprochen, und ich fühlte nichts bei ihrem Kuss? Ich begriff es nicht. Was war ich für ein Trottel!
   Anmerken ließ ich mir nichts. Fordernd erwiderte ich ihren zarten Kuss und zog sie näher an meine Brust. Lachend entwand sie sich meinem Griff und richtete sich auf.
   »Wovon träumst du, Andrei?«
   Ich folgte ihrer Bewegung und stemmte die Ellbogen in das weiche Gras. »Was meinst du?«
   »Immer, wenn du hier in der Sonne liegst, scheinst du mir so … versonnen.« Irissa kicherte über ihre Wortwahl.
   Ich würde ihr nicht sagen, dass der muskulöse Oberkörper von Thierry meine Gedanken beherrscht hatte. Was stimmte nur mit mir nicht? Ich verdrängte jegliche Überlegungen in dieser Richtung. »Hat deine Mutter dich fortgelassen oder bist du geflohen?«
   »Geflohen. Sie denkt, ich bin oben in der Dachkammer.«
   Dann war sie wieder über die Holzstapel gestiegen. Ich stellte mir vor, wie sie dabei ihren Rock hochhob, um besser klettern zu können. Hoffte ich auf eine Regung? Ja! Sie kam nicht. Thierry stahl sich erneut in meine Erinnerung, und ich wischte das Bild mit einem leisen Schnauben fort.
   Irissa sah mich irritiert an. »Hab ich was Falsches gesagt?«
   »Nein, ich habe was Falsches gedacht.«
   »Oh!« Sie schlug mir spielerisch auf den Oberarm. »Ich möchte nicht wissen, worüber du nachgedacht hast«, sagte sie mit ernster Stimme, ein ironisches Lächeln auf den schönen Lippen.
   Nein, das wollte sie wirklich nicht. Ich ließ sie in dem Glauben, dass ich nur in Bezug auf sie an etwas Unanständiges gedacht hatte.
   Ihr Name hallte über die Felder und sie zuckte zusammen. Man hatte ihre Flucht bemerkt.
   »Ich muss fort, Andrei.« Irissa beugte sich zu mir und küsste mich stürmisch. Rasch erhob sie sich mit einer fließenden Bewegung und rannte zum Dorf. Mein verzagtes Seufzen hörte sie zum Glück nicht mehr.
   Schritte näherten sich, und ich biss mir auf die Unterlippe. Thierry stellte sich so ungeschickt hin, dass er mich in seinen Schatten tauchte. Er stemmte sich auf die lange Sense und begutachtete mich. Ich versuchte, nicht auf seinen verschwitzten Körper zu sehen, sondern zwang mich, in seine Rehaugen zu blicken. Sein Gesicht war nicht besonders hübsch und ernüchterte mich jedes Mal, wenn mein Blick es schaffte, sich von seiner halb nackten Gestalt zu trennen. Fror er eigentlich nie? Ständig erwischte ich ihn ohne Hemd, als wollte er mich provozieren.
   Er wechselte die Position, und die späte Sonne blendete mich unerwartet. Ich beschattete meine Augen mit der Hand und blinzelte zu ihm hoch. Seine Nase war zu breit und sie wuchs etwas schief, weil sein Bruder ihm dort den Knochen bei einer Prügelei gebrochen hatte. Das braune Haar stand ihm wild vom Kopf ab.
   »Du bist ein fauler Hund, Andrei.«
   Ich setzte mich auf. »Was? Warum denn das?«
   »Dein Vater und ich haben bereits das halbe Feld gemäht, und du liegst hier herum.«
   Trotz seines durchaus ansprechenden Körpers war Thierry manchmal eine dumme Nervensäge. »Dafür habe ich drüben bei den Schafen die ganze Weide gesenst«, sagte ich und stand auf, um nicht zu ihm aufblicken zu müssen.
   Thierry runzelte die Stirn. »Das wusste ich nicht«, murmelte er. »Was wollte Irissa denn von dir?«
   Er hatte uns beobachtet? »Das geht dich nichts an, Thierry.«
   Schließlich trollte er sich, und ich wandte mich ab, um dem Anblick seiner Rückseite zu entgehen. Wahrscheinlich fehlte mir einfach eine Frau. Mein Bruder hatte vor seiner Hochzeit diverse Bekanntschaften mit den Hafenhuren gehabt. Bisher interessierte mich das jedoch nicht. Vielleicht war ich einfach nur sehr beherrscht? Das musste es sein! Ich prägte mir diese Überlegung gut ein, auch wenn sie mir völlig absurd vorkam. Welcher Mann von einundzwanzig Jahren war bitte schön beherrscht, wenn eine Frau wie Irissa ihn küsste? Den letzten Gedanken wischte ich schnell beiseite.
   Als die Sonne hinter dem Hügel versank, sah ich dem Abendrot zu. Der Himmel stand in Flammen, und die Farben liefen ineinander wie ein Fluss aus Lava. Noch einmal lehnte ich mich zurück, schloss die Augen und genoss die erwachenden Geräusche der Dämmerung, das warme Streicheln des Sommerwindes …
   Entfernte Schreie drangen an mein Bewusstsein. Mit klopfendem Herzen schreckte ich auf und begriff, dass ich eingenickt war. Die Wiese lag bereits im Dunkeln. Verdammt, es war spät.
   Meine Glieder fühlten sich steif an, und ich streckte mich wie eine Katze. Dann horchte ich auf. Die seltsamen Rufe waren kein Traum gewesen, sie hatten mich geweckt. Trotz des milden Wetters erfasste mich Kälte. Mir lief ein Schauder über die Haut. Diese Geräusche kamen von unserem Dorf!
   Ohne zu überlegen, rannte ich nach Hause und katapultierte mich ins Chaos. Mein Dorf wurde überfallen, aber die Eindringlinge plünderten nicht. Sie … bissen. Eine Frau mit hellem Haar riss Thierry förmlich die Kehle auf. Wie ein wildes Tier fiel sie über ihn her.
   Irissas Schrei hallte in meiner Nähe durch unsere kleine Ortschaft. Ein Mann mit Haaren wie aus Schnee, die ihm weit über die Schultern fielen, zog meine Verlobte an einigen Strähnen über den sandigen Boden. Irissa kreischte und versuchte, sich zu wehren, doch der schlanke Mann schien eine ungeahnte Kraft zu haben, der niemand trotzen konnte.
   Der Schock hemmte meine Bewegungen, und ich starrte fassungslos auf die Szenerie.
   Aus den Augenwinkeln sah ich, wie meine Mutter mit einer Keule bewaffnet den Fremden angreifen wollte. Er wischte sie mit einer Handbewegung beiseite. Sofort stürzten sich drei Männer auf sie. »Nein!« Mein Ruf verhallte ungehört, aber ich bekam wieder Kontrolle über meinen Körper und ging auf die Männer los, zog sie von ihr herunter. Sie grinsten mich mit blutigen Mündern an. Mutter starrte mit leblosen Augen in den Nachthimmel.
   Wutentbrannt wollte ich sie rächen, doch jemand packte mich am Kragen und schleifte mich wie Irissa durch die Gegend. Gegenwehr hatte einfach keinen Nutzen. Egal, was ich tat, der Griff war unerbittlich. Man warf mich in den Staub, und ich blickte den Weißhaarigen an. Bestürzt sah ich Irissa am Boden liegen. Ihr Hals blutete und das Kleid war vorn aufgerissen. »Irissa«, flüsterte ich und kroch zu ihr.
   Der Brustkorb hob und senkte sich noch. Sie lebte.
   Jemand riss mich zurück und bog meinen Kopf weit nach hinten. Das erste Mal sah ich ihm in die Augen. Sie glommen in der hereinbrechenden Dunkelheit, und ich blickte sprachlos in sein elfenhaftes Gesicht, das mir viel zu blass erschien. Er betrachtete mich ausgiebig und riss mir brutal das Hemd auf, zerrte an meiner Kleidung, bis ich halb entblößt vor ihm lag.
   Ich kämpfte gegen ihn, aber zwei seiner Leute hielten mich mit den Armen am Boden, sodass er mich begutachten konnte. Sachte fuhren seine Fingerspitzen über meine Brust. Als er lächelte, sah ich seine Fangzähne. Mir stockte der Atem. Konnten die Legenden wahr sein? Waren es Vampire?
   Meine Gedanken erstarben, als er sich langsam über mich beugte. Nicht einen Ton brachte ich heraus. Erst, als er mich in den Hals biss, keuchte ich auf. Die anderen Männer ließen meine Arme los. Sofort versuchte ich, den Mann von mir zu stemmen. Er rückte von mir ab, lachte leise und biss mich in die Brust. Ich schrie auf vor Schmerz, konnte mich nicht wehren. Seine Hände pressten mich zu Boden, und sein Biss lähmte mich.
   Die Panik um mich herum verblasste. Ein grauer Nebel senkte sich auf mich. Einer seiner Begleiter wollte es ihm nachtun, doch er fauchte ihn wie eine Katze an, vertrieb ihn.
   Bevor ich vollends in die Finsternis sackte, blickte ich in sein wunderschönes Gesicht. Das Haar umrahmte seine Gestalt wie ein weißgrauer Schleier. Seine Hand glitt über meinen Körper bis hinunter zu meinem Schritt, wo er prüfend innehielt.
   »Ich bin Orville van Dahlen.« Er beugte sich nah zu mir herunter. Mein Blut tropfte von seinen Lippen. »Und du gehörst von nun an mir, mein Schöner.«
   Orville richtete sich auf, gab zwei Begleitern ein Zeichen und man hob mich hoch. Ob sie auch Irissa mitnahmen, konnte ich nicht sehen. Ein Schatten legte sich schwer auf mein Bewusstsein, und ich verlor die Besinnung.

Schmerzvolle Wandlung

Ich nahm Stimmen wahr, die sich in meiner Nähe unterhielten. Kraft, meine Lider zu öffnen, hatte ich nicht. Meine Hände fühlten ein weiches Laken, aber diese seltsame Schwäche ließ keine Bewegungen meinerseits zu. Ich versuchte, mich zumindest auf das Gespräch zu konzentrieren.
   »Hat Orville dir befohlen, dass du es in die Ader gibst?«, fragte ein Fremder. Seine Stimme hörte sich heiser an.
   »Nein, aber van Dahlen hat ihm zu viel genommen. Er kann nicht trinken, ich hab es versucht. Der Blutverlust und die Bisse lähmen ihn zu sehr, und wenn ich nicht handele, stirbt er noch in dieser Nacht. Du willst doch nicht Orvilles Zorn spüren?«
   Der andere Mann sprach mit leichtem Akzent, den ich nicht einordnen konnte. Seine Art zu sprechen, kam mir melodiös und sanft vor.
   Ein scharfer Stich fuhr mir in die rechte Armbeuge. Wehren konnte ich mich nicht. Nur ein leises Wimmern brachte ich fertig. Ein Feuer kroch meinen Arm herauf, und ich keuchte auf. Irgendetwas geschah. Ich schaffte es endlich, die Augen zu öffnen und blickte auf einen Fremden, der über mich gebeugt war. Sein schwarzes Haar lockte sich, er hatte es mit einem Zopf gebändigt. In seiner Hand lag ein langer Glaskolben, in dem sich eine rote Flüssigkeit befand. Erst jetzt nahm ich die Nadel daran wahr. Er setzte sie erneut an und stach zu. Das dickflüssige Rot verschwand in meiner Ader am linken Arm.
   »Nein! Hör auf«, presste ich hervor.
   Trotz meines Protestes beendete er seine Arbeit, legte die Spritze beiseite und sah mich an. »Also erwachen deine Lebensgeister wieder ein wenig? Gut.« Das Lächeln erreichte seine Augen nicht.
   Der Schmerz bahnte sich einen Weg zu meinem Hals. Mir fiel es schwer, zu atmen.
   »Es tut mir leid, Junge, ich musste es tun. Gegen Orville rebelliert man nicht. Ich bin nicht sicher, ob der Tod für dich nicht gnädiger gewesen wäre, aber nun ja. Wir alle haben unser Schicksal.« Er nahm meine Hand. »Es wird wehtun, allerdings geht es durch diese neue Art der Wandlung schneller. Obwohl es auch risikobehaftet ist, denn ich habe es erst das dritte Mal ausprobiert und einer … nun ja … hat es nicht geschafft. Der andere stürzte sich hinterher in die Sonne.«
   Die Flammen verzehrten mich. Mein Blick verschwamm und grauer Nebel legte sich wie ein kalter Hauch auf mich. Mein Körper bäumte sich ohne mein Zutun auf. Schreie hallten wie ein Echo in meinen Ohren. Waren es meine? Ich wusste es nicht. Der Schmerz, der sich wie feurige Schlangen durch meine Adern fraß, erstickte und verbrannte mich, zertrümmerte meine Seele. Die Zeit hatte keine Bedeutung mehr. In mir tobte nur diese furchtbare Qual, die mir alles nahm, was mich je ausgemacht hatte. Das Einzige, was ich nach einer Weile noch mitbekam, war mein eigenes leises Schluchzen, als der Brand in eine Glut überging, die mein Inneres in Asche verwandelte. Noch immer rang ich nach Luft. Wieso starb ich nicht einfach?
   »Ich weiß nicht, was es ist, Junge«, sagte er leise zu mir. »Ein Fluch? Eine Krankheit? Ein Dämon, der sich einnistet? Ich habe es nicht herausfinden können, selbst das Mikroskop zeigte mir nichts. Doch dieses andere Blut verändert uns so sehr, dass wir nie wieder umkehren können. Das Menschsein fällt von uns ab.«
   Die Stimme des Fremden drang zu mir durch, wirkte wie ein rettender Strohhalm, den ich nicht zu fassen bekam. Furchtbare Übelkeit befiel mich, und ich schaffte es gerade noch, mich halbwegs aufzurichten. Er half mir rasch und hielt mir eine tiefe Schüssel unter die Nase. Es war, als würde ich mein Inneres ausbrechen.
   »Die Reste der menschlichen Nahrung werden abgestoßen«, erklärte er mir. »Es ist gleich vorbei.«
   Ich keuchte und schöpfte nach Atem, der endlich wieder durch meine Lungen strömte. Kraftlos sank ich in die Arme des Fremden. »Was passiert … mit mir?«
   »Du wirst zu einem Vampir, Andrei. So heißt du doch, oder? Das Mädchen rief stundenlang nach dir.«
   Ich stemmte mich auf. »Irissa?« Der Schweißfilm auf meiner Haut ließ mich frösteln, trotz der Hitze, die mich innerlich quälte.
   »Sie lebt, aber sie ist noch nicht so weit wie du. Orville ließ sie nur von sich trinken und diese Wandlung kann Tage dauern.«
   Seine Antwort auf meine Frage sickerte in mein Hirn. Ein Vampir? Der Schock versetzte mich in eine seltsame Starre.
   »Ich heiße Castielle«, stellte er sich vor.
   Ich sah ihn nicht an.
   Ein Vampir …
   Castielle zog mich in eine sitzende Position. »Du musst baden, und das Bett muss neu bezogen werden.«
   Ich blickte an mir herab. Mein Körper musste alles von sich gestoßen haben, und erst jetzt roch ich den unangenehmen Geruch, der mir anhaftete.
   »Du kannst nichts dafür, Andrei. Jeder macht das durch.«
   Als er den Arm um mich legte, um mich zum Aufstehen zu bewegen, schien mein Körper nicht mir zu gehören. Steifbeinig und noch immer von diesem Brennen befallen, stand ich unsicher da und klammerte mich an Castielle. Er schleifte mich in einen anderen Raum, in dem ein Badezuber stand. Als er mir die zerrissene und beschmutzte Kleidung abstreifte, konnte ich mich nur am Rand des Beckens festhalten.
   »Das Wasser ist kühl, denn Wärme wirst du zurzeit noch nicht ertragen.«
   Mon dieu, wie recht er damit hatte.
   Als ich in das Wasser stieg, erreichte die Kälte zuerst nur vage meine Sinne. Konnte das Wasser meinen flammenden Körper beruhigen? Ich saß bis zum Hals im Badezuber. Langsam erfasste mich die angenehme Temperatur, die endlich diese schmerzhafte Glut in mir löschte. Meine Lebensgeister erwachten, und ich fühlte mich annähernd wieder wie ich selbst.
   Ich sah zu Castielle. Sein Gesicht war eben, ohne Makel. Keine Falten oder Narben verunzierten es. Nur wenn er lächelte, so wie jetzt, begann es zu leben. Zaghaft hob ich die Hand, berührte seine Wange, die glatt wie Marmor, aber warm wie die eines Menschen war. Er schmiegte sich in meine Berührung und der Ausdruck in seinen Augen drückte Bedauern aus. Mich verwirrte diese Geste, sie rührte mich irgendwo tief in meinem Herzen.
   Meinem Herzen? Schlug es noch? Oder war ich bereits ein Untoter?
   Diese Vorstellung ließ pures Grauen in mir emporsteigen. Castielle hielt meine Hand, küsste mich sachte auf die Handfläche. Ich entwand mich ihm und legte die Rechte voller Angst auf meine Brust.
   Es schlug. Mein Herz schlug noch.
   Ich sah verstört zu Castielle, der begann, mich zu waschen. Seine Hände fuhren forschend über meinen Körper.
   »Ich … ich kann das selbst.«
   Sofort ließ er von mir ab und nickte, reichte mir ein Tuch.
   Zaghaft nahm ich es entgegen und wusch mich ausgiebig. »Ich lebe noch. Warum?«
   Castielle neigte den Kopf. »Weil Orvilles Blut dich …«
   »Das weiß ich mittlerweile. Aber … mein Herz … es schlägt noch.«
   Er lächelte, und das erste Mal schien dieser Gefühlsausdruck ehrlich zu sein. »Wir sind nicht tot, Andrei. Keiner von uns. Nicht einmal Orville.« Beim Klang des Namens huschte ein Schatten über sein blasses Gesicht. »Wir leben, solange wir Blut trinken. Kein Alter kann uns erreichen, wenn der Lebenssaft anderer durch uns fließt.«
   »Und … wenn wir kein Blut trinken?«
   Castielle lachte und seine sanfte Stimme hallte in dem kargen Raum wider, der aus dunklem Holz getäfelt war. »Das wirst du nicht ausprobieren wollen, denn der Durst treibt dich früher oder später in den Wahnsinn. Wahrscheinlich würdest du tatsächlich sterben. Genau weiß ich es nicht.«
   »Wer bist du, Castielle?«
   Er seufzte tief auf, und seine Hand fuhr sanft durch mein halblanges Haar, von dem das Wasser wie kleine Perlen tropfte – ich spürte es auf meinen Schultern.
   »Bis vor zwanzig Jahren war ich noch Arzt in einer kleinen Ortschaft, bis Orville entschied, meine Dienste für sich zu nutzen. Ich versuchte, hinter das Geheimnis unserer Existenz zu kommen, scheiterte jedoch. Es bleibt ein Rätsel. Allerdings fand ich heraus, dass die Wandlungen schneller vonstattengehen, wenn man Vampirblut in die Adern spritzt. Orville sagte, ich solle mich um dich kümmern, bis er die Zeit findet, zu dir zu kommen. Er ist fasziniert von dem Mädchen.«
   »Irissa?« Ich setzte mich heftig auf, sodass Wasser aus dem Zuber schwappte.
   »War sie dein?«
   Ich senkte den Kopf. »Sie sollte es werden.«
   »Liebst du sie?«
   »Das … das weiß ich nicht.« Ich blickte Castielle vorsichtig an.
   Der schnaubte amüsiert. »Wenn du es nicht weißt, tust du es nicht. Glaube mir, die Liebe bricht über dich herein wie eine durchgehende Pferdeherde. Wenn du jemanden liebst, weißt du es.«
   Das Wasser war verschmutzt, und ich fühlte mich unwohl, wollte hinaus. Castielle bemerkte das und half mir aus dem Badetrog.
   »Der Schmerz … ist fort«, sagte ich verwundert.
   »Ja, die Kälte des Wassers lässt es verebben, aber du hast auch lange genug gekämpft. Fast zwei Tage wachte ich bei dir und war nicht sicher, ob du es schaffst, denn Orville brachte dich an die Schwelle des Todes. Es ist selten, dass er die Beherrschung verliert. Du hast ihn dazu getrieben.«
   »Ich habe doch nichts getan!«
   Castielle entschlüpfte ein Laut zwischen Lachen und Räuspern. »Du siehst nicht oft in den Spiegel, oder?«
   Ich schnaufte auf. Natürlich sah ich in den Spiegel. Ich wusste um mein Aussehen, um mein hübsches Gesicht. Aber ich war ein Mann und Orville schließlich auch. Thierry kam mir in den Sinn. Machte das wirklich einen Unterschied? Prüfend betrachtete ich Castielle, der mich mit sichtbarer Erregung musterte.
   Verflucht! Ich wollte etwas zum Anziehen.
   Castielle schien meine Gedanken zu lesen, hüstelte und hielt mir ein Badetuch hin, in das ich mich einhüllte. »Orville ist beiden Geschlechtern zugetan und er umgibt sich gern mit seinen …«
   »Ich bin nicht …«
   Seine Finger legten sich auf meine Lippen. »Das interessiert ihn nicht. Du bist ihm nicht gleichgestellt, Andrei. Mich toleriert er auch nur wegen meiner medizinischen Kenntnisse.«
   »Was bin ich dann für ihn?« Eine furchtbare Ahnung keimte in mir.
   »Orville unterhält eine Art … Harem.«
   Was? Das konnte doch nicht sein Ernst sein.
   »Allerdings bist du recht eigenständig und … ähm … störrisch, dafür, dass du ein junger Vampir von Orvilles Blut bist.«
   »Was willst du mir sagen?«
   »Dass Orville bewusst sein Blut benutzt, denn für gewöhnlich fühlt sich ein junger Vampir seinem Schöpfer sehr … wirklich sehr verbunden.«
   Ich stemmte die Hände in die Hüften, wodurch das Handtuch hinunterrutschte. Ich fischte danach und schlang es mir rasch wieder um. »Willst du hier andeuten, dass ich ihm verfallen sein müsste?«
   »Äh, ja. Aber vielleicht passiert das ja noch, wenn du ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübertrittst. So ist es bei mir.«
   Verfallen?
   Plötzlich fühlte ich etwas Hartes in meinem Mund. Ich spukte es rasch in meine Hand und sah verdattert auf einen meiner Eckzähne. Erschrocken blickte ich auf Castielle. »Ich … ich verliere meine Zähne.«
   »Nur zwei, und die wachsen nach.«
   Mir schwante Übles. Vorsichtig zog ich an dem anderen Eckzahn und hatte ihn blutverschmiert zwischen den Fingern. Ein Ziehen an den zahnlosen Lücken ließ mich das Gesicht verzerren. Verdammt, das tat weh! Es war kein Vergleich zu dieser seltsamen Wandlung, dennoch … Meine Zunge erfühlte eine Spitze. Das konnte doch nicht …? »Wo ist hier ein Spiegel?«
   Castielle wies galant auf den Nebenraum, in dem ich zuvor geschwächt auf dem Bett gelegen hatte. Immer noch mit weichen Knien torkelte ich in den Raum und sah mich um. Das Bett war nach wie vor zerwühlt und beschmutzt. Ich rümpfte die Nase über meinen Geruch, der noch im Zimmer hing. Auch hier fanden sich holzgetäfelte Wände, an denen eine einzige Fackel hing, die den Raum taghell erleuchtete. An einer Seite befand sich ein massiver Holzschrank mit verschnörkelten Verzierungen. In einer der Türen war der Spiegel eingelassen. Ich umklammerte das Handtuch und sah mich an. Hellblondes Haar umrahmte mein Gesicht, das wie immer wirkte, obwohl meine Haut reiner erschien, irgendwie zu perfekt. Die Bisswunden waren wie weggewischt, als würde mein neues Dasein Narben nicht tolerieren. Selbst die Bräune des Sommers war einer Blässe gewichen, dich ich so von mir nicht kannte. Ich sah aus wie die Adligen, die keinen Fitzel Sonne an ihre kostbare Haut ließen.
   Sonne! Castielles Worte kamen mir in den Sinn: … der andere stürzte sich hinterher in die Sonne …
   Also war ich ein Wesen der Nacht?
   Ich sah mich zu Castielle um. Der ließ mir die Privatsphäre, die ich gerade dringend brauchte. Zögerlich nahm ich das Handtuch beiseite und fragte mich für einen Augenblick, ob mein Körper noch funktionieren würde wie zuvor. Könnte ich noch …? Ich hatte doch bisher nie …
   Ich knabberte an meiner Unterlippe und zuckte zusammen. Abrupt sah ich hoch. Blut quoll aus meiner Lippe. Ich hatte mich gebissen, weil die Spitzen dieser neuen verdammten Eckzähne viel zu scharf waren. Rasch wischte ich mit dem Handrücken über die kleine Wunde und sah mit einem seltsamen Gefühl in der Brust zu, wie sie sich viel zu schnell schloss.
   »Unsere Körper mögen es nicht, wenn das kostbare Blut verloren geht«, raunte Castielle hinter mir.
   Ich fuhr herum und suchte hastig das Handtuch, aber er entwand es mir. Seine Hand strich wie zufällig über mein kostbarstes Körperteil, und ich zuckte zurück. »Gib mir das Badetuch, Castielle.«
   »Es ist nass.« Er beugte sich zu mir herunter – ich war zu meinem Leidwesen kleiner als er – und seine Lippen küssten zart meine Schulter.
   Ich stellte recht schnell fest, dass mein Körper sehr wohl noch funktionierte. Beschämt schubste ich den Vampir von mir und kämpfte um das Tuch, das er lachend auf das beschmutzte Bett warf. Dieser so fröhliche Laut erinnerte mich für einen Augenblick an mein Zuhause. Wie ein plötzliches Erdbeben rauschte das Gefühl des Verlustes durch mein Herz. »Was … was ist mit meinem Dorf?«
   Castielle sah mich bestürzt an und wandte den Blick ab. »Sie sind tot, Andrei. Ich weiß aber, dass Orville ein paar mitgenommen hat … als Beute.«
   Verzweiflung überspülte mich – und Hass.

Fürst der Finsternis

Die Tür wurde aufgerissen. Orville van Dahlen stand im Rahmen und sah mich abschätzend an. Ich schluckte schwer.
   »Herr, Ihr solltet ihm vielleicht noch ein wenig Ruhe gönnen«, sagte Castielle in einer unterwürfigen Tonart.
   Orville warf dem Arzt einen vernichtenden Blick zu. Der kuschte vor dem weißhaarigen Vampir, raffte das Bettzeug zusammen und verließ fluchtartig den Raum.
   »Komm mit«, sagte Orville.
   Ich kniff die Augen zusammen. Er glaubte nicht ernsthaft, dass ich ihm nackt durch die Flure folgte, die ich durch die offene Tür erspähte? »Ich möchte gern eine Hose, bevor ich diesen Raum verlasse.«
   Orville starrte mich an. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass ich seinen Worten trotzte. Sein vollkommenes Gesicht verzog sich zu keiner Miene. War ihm bewusst, dass er wie ein Engel aussah?
   Der Vampirfürst leckte sich über die Lippen und blinzelte. »Wenn du nicht an den Haaren durch die Katakomben gezogen werden willst, kommst du«, sagte er völlig ruhig. »Sofort.«
   An den Haaren gezogen zu werden, erschien mir keine gute Option, und ich sah ihm an, dass er es ernst meinte. Hastig sah ich mich um. Hier musste doch irgendetwas sein.
   Viel zu schnell stand er vor mir. Ich spürte seine Hand in meinem Haar. Sanft bog er meinen Kopf nach hinten und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. Seine Iris erinnerte mich an den hellblauen Himmel, den ich von der Wiese aus gesehen hatte.
   »Was ist nun? Ich könnte dich auch an deinem Schwanz in mein Schlafzimmer zerren.« Seine Stimme klang amüsiert, nicht böse.
   Zu meinem Erschrecken berührte er mich genau dort, umfasste ihn. »Äh, nein«, brachte ich heraus. »Lieber an den Haaren.«
   Orville brach in ein lautes Lachen aus. Ich flüchtete, sobald es mir möglich war – auch wenn mir diese zwei Meter Abstand trügerisch vorkamen. Es war wie verhext, hier lag nicht einmal ein Laken herum.
   »Du bist schon wacher, als ich gedacht hätte. Also muss Castielles Methode recht erfolgreich sein.« Mit zwei Schritten durchmaß er die Entfernung zu mir, ich stolperte zurück, aber er fing mich auf und umfasste mit einer Hand mein Kinn. »Sieh mich an.«
   Ich raffte meinen Mut zusammen und blickte erneut in seine schönen Augen. Ich verfing mich ein wenig in deren Ausdruck, der mir unbeschreiblich erschien. War etwas an Castielles Worten wahr? Würde ich diesem Vampirfürsten verfallen? Nein, er hatte meine Familie ermorden lassen.
   »Du bist eigensinnig, das mag ich. Nur gefällt mir dein abschätziger Blick nicht. Was hat Castielle mit dir gemacht? Du müsstest unter meiner Berührung wie Butter zerfließen.«
   Wie Butter? Ich wand mich aus seinem Griff, floh in Richtung des Badebereichs und suchte nach einem weiteren Handtuch. Ich fand ein, zugegeben, recht kurzes Tuch, das ich mir umband.
   Orville folgte mir mit neugierigem Ausdruck. »Du bist ein verdammt hübsches Exemplar, Andrei Belliér.«
   »Woher kennst du meinen Namen?«
   Orville lächelte, sodass seine Fangzähne hervorblitzten. »Dein Mädchen gehört mir, aber sie ist noch nicht so weit. Anfangs rief sie unentwegt deinen Namen.« Das Lächeln verwandelte sich in ein hässliches Grinsen. »Nun existiere nur noch ich in ihrem noch unschuldigen Herzen, das bald so schwarz sein wird wie meines.«
   Ich hätte mich gern auf ihn gestürzt, wollte verlangen, Irissa zu sehen, doch ich wagte es nicht. Wie ein Raubtier näherte er sich. Ich wich zurück. Seine schmerzhaften Bisse hatte ich nicht vergessen und auch nicht seine unmenschliche Kraft.
   »Nun komm endlich«, grollte er.
   Orville fasste mich am Arm und zerrte mich aus dem Raum in kalte Flure. Fackellicht erhellte die Umgebung, doch der Feuerschein erschien mir viel heller als sonst. Die Wände waren aus grauem Stein und glatt geschliffen, als hätte Wasser es in jahrelanger Arbeit zu einer Ebene geformt. Er führte mich durch einen Korridor, der durch Vorhänge getrennt war, schob diese unwirsch beiseite. Ich sah Räumlichkeiten, die mir wie ein düsterer Palast vorkamen. Der Vampirfürst stieß eine Tür auf und mich in das dahinterliegende Zimmer. Taumelnd landete ich auf einem Teppich, der so weich war, dass ich ihn für einen erschreckenden Moment für ein Tier hielt. Das erste Mal begriff ich, dass sich meine Sicht verändert hatte. Orville schlug die Tür zu, und eigentlich hätte ich im Dunkeln sitzen müssen. Den Raum erhellte keine Lichtquelle, die Läden nach außen waren verschlossen, trotzdem konnte ich meine Umgebung sehen, als würde Tageslicht einfallen.
   Die Schmerzen waren mittlerweile vollständig verebbt. Eine ungeahnte Stärke floss durch meine Adern. Wirkliche Anziehung zu van Dahlen spürte ich nicht. Wenn ich ihm hätte verfallen sollen, war etwas gehörig schiefgegangen.
   Mit einem gewinnenden Lächeln näherte er sich mir. Ich erhob mich rasch. Er drückte mich nach hinten. Meine Kniekehlen stießen gegen eine Kante, und ich fiel in weiche Laken. Als er sich mit einem süffisanten Gesichtsausdruck seines Hemdes entledigte, entschied ich, nicht kampflos unterzugehen. Seine Bewegung war dennoch zu schnell, als dass ich ihr hätte ausweichen können. Verdutzt fand ich mich auf dem Rücken liegend, er rittlings auf mir.
   Orville van Dahlen glaubte tatsächlich, es wäre so einfach?
   Er band sich die Hose auf. Ich dachte an meine neuen Zähne. »Was tust du, wenn ich ihn dir abbeiße?«
   Orville hielt inne und starrte mich überrascht an. »Wie bitte?«
   Ich antwortete nicht, aber seine flache Hand schlug mir hart auf die Wange. Das lange Haar fiel ihm nach vorn über die Schultern, und er warf es unwirsch nach hinten.
   »Wenn du wagst, mich dort zu beißen, bist du tot«, flüsterte er mit einem so bösartigen Unterton, der mich hätte einschüchtern sollen.
   »Und du um deinen Schwanz ärmer«, zischte ich unerschrocken und richtete mich ruckartig auf. Meine neuen Kräfte konnte ich noch nicht erahnen, daher knallte mein Kopf gegen seinen. Wir fuhren auseinander, und ich hielt mir keuchend die Stirn. So war das nicht geplant.
   »Schluss!«
   Er packte mich an meinen Haaren, drehte mich erbarmungslos herum und presste mich auf das Bett. Als er sich über mich beugte und seinen Arm neben mir abstützte, biss ich dort so fest zu, dass sein Blut in meinen Mund schoss.
   Mon dieu, was war das?
   Orville schrie auf, schlug mir hart ins Gesicht, sodass ich losließ. Der Geschmack des Blutes berauschte mich derart, dass ich nicht klar denken konnte.
   »Du bist wahrlich keine leichte Beute. Ich verfluche Castielle, dass er gerade an dir seine Experimente ausprobiert hat.« Er stieg aus dem Bett.
   Ich riss mich zusammen. »Ohne ihn wäre ich nicht hier, weil du mich fast getötet hättest«, rief ich und meine Stimme überschlug sich.
   Orville lachte schrill. »Vielleicht wäre das besser gewesen.«
   Wut, die ich nicht bändigen konnte, durchfloss mich wie eine Welle. »Du hast mir mein Leben gestohlen.«
   »Ich habe dir ein anderes gegeben.«
   »Ein Leben in der Hölle!«
   Orville wollte auf mich zugehen, wohl, um sein Vorhaben endlich durchzuführen. Ich reagierte völlig instinktiv, sprang wie eine Raubkatze auf ihn zu. Der Vampirfürst ging zu Boden, doch ich hatte keine Chance gegen ihn. Mit einem Handgriff schlug er mich und hielt mich am Haarschopf, drückte mich auf den Boden. Seine Stimme hallte viel zu laut in meinen Ohren.
   Castielle kam hereingestürmt, besah sich das Disaster und blickte uns erschrocken an.
   »Er ist untauglich für meine Dienste«, fauchte der Fürst Castielle an. »Wenn du noch einmal diese Spritzen anwendest, mauere ich dich persönlich ein.«
   »Herr, was …?«
   Orville spuckte mich an. »Er kämpft gegen mich. Wirf ihn in ein Verlies und lass ihn hungern. Wir werden sehen, wann er zur Besinnung kommt.«
   Seine Hand ließ mich los, ich sackte zu Boden und Orville van Dahlen rauschte aus dem Raum. Castielle sah seinem Herrn fassungslos nach, wandte den Blick zu mir und verlor jegliche Kontrolle über seine Gesichtszüge. »Du … hast …«
   Ich rappelte mich auf, griff nach dem Laken und hüllte mich ein. »Er kann sich einen anderen suchen, der ihm den … den …« Ich wollte es nicht mal aussprechen.
   »Er wird dich quälen, Andrei.« Sein Flüstern klang tief besorgt.
   Ich packte Castielle am Kragen. »Was kann er mir denn noch antun?«
   »Junge, du hast keine Ahnung von diesem Leben. Er wird dich brechen. Füge dich ihm.«
   »Nein!«
   Mit einem Seufzen befreite er sich aus meinem Griff, wies mich an, ihm zu folgen. Ich glaube, ich hätte ihn besiegen können, war aber nicht sicher. Doch ich gehorchte ihm. Er war die einzige Person, die hier gut zu mir gewesen war.
   Castielle führte mich durch Flure, die so finster waren, dass nicht einmal meine neuen Vampiraugen jede Ecke durchschauen konnten. Ein Schrei hallte klagend über mir in den oberen Räumen.
   Irissa? Meine Augen brannten vor ungeweinten Tränen. Was würde er ihr antun?
   Castielle brachte mich an einen Ort, der gefühlsmäßig kaum zu beschreiben war. Kälte herrschte hier und Gestank. Leises Wimmern schien allgegenwärtig und mir war, als würde ich aus den Wänden leises Kratzen hören.
   … mauere ich dich ein …
   Meine Hand glitt über die bröckligen Wände. Ich spürte mit meinen neuen Sinnen, dass dort jemand vor sich hin darb. Ein eisiger Schrecken fuhr mir in die Glieder, und als Castielle mich in eine kleine Kammer sperrte, weckten Orvilles Worte pure Furcht in mir.
   Lass ihn hungern.

Kerker des Todes

Ich wagte kaum, mich umzusehen, starrte nur Castielle hinterher. Der Arzt verschwand in einer Biegung des Ganges. Ich war allein.
   Nein, das stimmte nicht. Ich spürte Blicke auf mir. Die Geräusche um mich verstummten, als würden die anderen Insassen in ihrem Leid innehalten und abwarten, was ich tun würde.
   Ich tat nichts, setzte mich auf den feuchten Boden und kauerte mich zusammen. Meine Arme schlangen sich um meine angezogenen Knie, und ich schloss die Augen, träumte von warmen Sonnenstrahlen, die auf meiner Haut tanzten.
   Nie wieder …
   Das Bild einer aufgehenden Sonne kam mir in den Sinn, während um mich das Wimmern und Scharren erneut begann. Tief in mir versuchte ich, mir einzubilden, dass die letzten Tage ein übler Albtraum waren, aber diese Überlegungen ließen sich ebenso wenig halten, wie das Bild der Morgensonne. Meine Hand tastete zu dem Laken, das mich umhüllte und ich verfluchte Orville, dass er mir nicht einmal Kleidung zugestand. Ich zog den Stoff fester um mich, wärmen konnte er mich nicht. Die Kälte, die mich in Besitz nahm, ließ mich mit tauben Gliedern zurück. Ich zwang mich, die Augen zu öffnen, denn der Boden wirkte irgendwie modrig. Angeekelt starrte ich den Untergrund an und nahm verwirrt zur Kenntnis, dass er mein Laken rostrot verfärbte. Wie ich in diesem Zwielicht Farben wahrnehmen konnte, blieb mir schleierhaft. Irgendwo am Ende des Flures brannte eine einzelne Fackel. Als ich aufsah, erschien mir die Umgebung trotzdem gut erhellt.
   »Du solltest dich auf die Bank am Rand setzen, der Boden ist voller Blut.« Eine weibliche Stimme drang zu mir durch. Trotzdem realisierte ich ihre Worte nur sehr langsam.
   Voller Blut …
   Abrupt stand ich auf, das Laken rutschte mir herunter in den Schmutz, und ich verhedderte mich darin. Stolpernd fing ich mich, zerrte rasch den Stoff zu mir und schlang ihn um meine Hüften. Dann sah ich mich um.
   Eine Frau stand an dem gegenüberliegenden Gitter. Ihre Hände umfassten die Eisenstangen, und sie betrachtete mich mit einem Blick, den ich nicht zu deuten wusste. Sie trug aschblondes Haar, das ihr zerzaust bis zur Taille fiel.
   Argwöhnisch ging ich auf sie zu. »Wer bist du?«, fragte ich unsicher und spürte sofort, dass sie ein Vampir war – wie ich. Es war ein untrügliches Gefühl.
   »Vor vielen Zeiten war ich Sabienne Dupont, doch mein Nachname ist nach all den Jahren nur noch Schall und Rauch.«
   Sie erschien mir vertrauenswürdig, und ich näherte mich weiter den Gittern. Ihr Gesicht wirkte ausgezehrt, ihre Kleidung schmutzig. Sie trug außergewöhnliche Sachen für eine Frau, ein zerschlissenes Hemd und eine enge Hose. »Warum bist du hier?« Ob sie sich auch dem Fürsten widersetzt hatte?
   Mit einem Seufzen rutschte sie am Gitter hinab, blieb auf dem blutigen Boden sitzen und wandte mir den Rücken zu. Ich sah, dass das Hemd dort zerrissen, der Stoff blutig war. Helle Narben, die wie ein zartes Muster über ihre Haut liefen, fielen mir ins Auge. Hatte man sie so sehr gepeitscht, dass nicht einmal ihr Vampirdasein dies auslöschen konnte?
   »Ohne Blut versagen unsere Körper – auch bei der Heilung.«
   Ich erschrak. Spürte sie meine Blicke oder konnte sie meine Gedanken lesen?
   Sie wandte sich mir zu und schenkte mir ein trauriges Lächeln. »Das hast du dich doch gefragt, oder?«
   Ich brachte nur ein Nicken zustande. »Ich … ich bin Andrei«, sagte ich zu ihr, obwohl ich nicht wusste, ob sie das überhaupt wissen wollte.
   »Warum schickt er einen Frischling wie dich ins Verlies?«
   Sah man es mir an, dass ich eben erst zu einem … Vampir erwacht war? »Ich wollte Orville nicht den Schw…« Ich erinnerte mich daran, dass ich trotz der Situation in der Gegenwart einer Frau war. »Ich wollte nicht … ihn … seinen …« Stockend umschrieb ich die Szene.
   Sabienne lachte auf. »Ich verstehe schon. Wessen Blut wandelte dich?«
   »Orvilles.«
   Sabienne fuhr abrupt herum und starrte mich an. »Du bist von Orvilles Blut und hast dich ihm widersetzt?«
   »Ja.«
   Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Es erschien mir hoffnungsvoller als das vorige. »Dann hat Castielle seine neue Methode ausprobiert?«
   »Wusste er, das so etwas passiert?«
   Sabienne schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich hoffte so etwas in der Art. Da hätte ich gern Orvilles dummes Gesicht gesehen.«
   Ich konnte mir ein freches Grinsen nicht verkneifen, als ich ihr erzählte, mit was ich ihm gedroht hatte. Sabienne prustete undamenhaft. Ihr fröhlicher Gesichtsausdruck verblasste so rasch wie ein vorbeifliegender Schmetterling. »Was ist passiert, Andrei?«
   Ein Stich fuhr mir in die Brust, als hätte mich ein flammender Pfeil getroffen. »Sie überfielen mein Dorf.«
   »Hat er dich aus dem Süden verschleppt oder bist du hier aus der Bretagne? Wo hast du gelebt?«
   »In der Nähe von Cléder. Ich bekam jedoch von der Reise hierher nichts mit. Kannst du mir sagen, wohin er mich gebracht hat?«
   »Also hat er dich fast in den Tod getrieben?«
   »So sagt Castielle.«
   Sabienne seufzte leise. »Wie geht es ihm?«
   »Sag du mir erst, wo wir sind.«
   Wieder lächelte sie, doch der Gefühlsausdruck erreichte ihre Augen nicht. »Nahe Landéda. Die Tunnel führen bis zur Küste.«
   Tunnel? Wäre das ein Fluchtweg?
   Ich überwand meinen Ekel, richtete das Laken und setzte mich zu ihr in das schmierige Blut. Sie deutete meinen Blick richtig.
   »Er will, dass wir vor Durst den Boden lecken. Und glaub mir, du wirst es tun.«
   »Hast du …?«
   »Nur darum habe ich noch die Kraft, zu stehen, aber es ist nicht zu empfehlen. Das kann ich dir versichern.« Sabienne gab ein trockenes Lachen von sich, das seltsam in den Verliesen widerhallte.
   Ich verweigerte mir jeden Gedanken daran, woher das Blut kam. Der Geruch war nicht mit dem frischen Blut Orvilles zu vergleichen, den ich gekostet hatte. »Es weckt nicht unbedingt … Durst in mir.«
   »Noch nicht. Weil dich Orvilles Blut umströmt. Warte bis zum nächsten Abend, dann erscheint dir selbst das tote Blut am Boden schmackhaft.«
   »Meinst du, man … man gibt mir vielleicht etwas zum Anziehen?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Wenn es dir nicht zu eklig ist, könnte ich vielleicht an die Kleidung von dem armen Geschöpf gelangen, das in der gegenüberliegenden Zelle verbrannt wurde.«
   »Verbrannt?«, krächzte ich.
   Sabienne raffte sich auf und lief mit schwankendem Schritt zum anderen Ende der Zelle, wo ebenfalls Eisenstangen in den Boden gelassen waren. »Man ließ ihn hungern, öffnete die Luke und brachte ihn in die Sonne.« Sie drehte sich zu mir zurück. »Wir sterben nicht sofort, wenn die Sonne uns trifft, aber wenn man uns zuvor aushungert …«
   »Also können wir auch am Tag raus?«, fragte ich voller Hoffnung.
   »Nein, Andrei. Die Sonne verletzt uns und diese Wunden heilen langsam und sind quälend, denn unsere Haut ist verändert, viel empfindlicher. Außerdem würdest du nichts sehen können, denn deine Augen wären geblendet.«
   »Wie lange hat es gedauert … bis er … starb?«
   Sabienne beugte sich hinab, streckte die Hände durch die Gitter und zerrte an etwas.
   »Stunden. Ich war nicht dabei. Man erzählte es mir.« Ihre Stimme war nur ein Wispern.
   Sabienne kehrte mit schmutziger Kleidung zurück. Sie schob alles durch die Gitter, und ich griff zögernd danach. Ich überwand mich, ließ das Laken fallen, ignorierte Sabiennes Blick und schlüpfte in die Hose, die mir ein wenig zu lang war. Ich schlug sie unten um und streifte mir das Wollhemd über.
   »Danke.«
   Ein leises Wimmern ertönte. Sabiennes Gesicht spiegelte für einen Augenblick pure Trauer wider. »Deshalb bin ich hier.«
   »Ich verstehe nicht, Sabienne.«
   »Hörst du ihn, Andrei?«
   Ihn? »Wen?«
   »Man hat ihn vor Tagen in eine Nische gemauert. Er stirbt.«
   Ich folgte ihrer vagen Geste und fand meinen Blick auf die Stelle gerichtet, die ich zuvor schon erspürt hatte, als ich heruntergeführt worden war. »Was hat er getan?«
   Sabienne zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, aber so ließ er auch … Justin sterben. Ich wollte ihn rächen, und nun sitze ich hier.«
   »Hast du ihn geliebt?«
   Sabienne sah mich getroffen an. »Justin war mein Leben. Er rettete mich nach der Wandlung aus den Fängen eines anderen Fürsten. Ich reiste fast ein halbes Jahrhundert mit ihm durch Frankreich. Ja, ich liebte ihn. Mehr als mein Leben. Und Orville ließ ihn töten, weil er zu nah an seinem Revier jagte.« Ihre Faust schlug hart gegen die Gitter, und ich zuckte zurück.
   »Castielle sagt, die Liebe trifft einen wie eine Pferdeherde.« Wieso ich eine so dumme Bemerkung machte, während sie mir von ihrem Schicksal berichtete, wusste ich nicht.
   »Manchmal ist es so, und ein anderes Mal kommt sie schleichend wie ein Rinnsal, das dich mehr und mehr erfüllt.«
   »Und … bei Justin?«
   Sabienne lachte leise, und dieses Mal klang es anders – weiblicher, zarter. »Es war die Pferdeherde. Ich sah in seine Augen, und es war um mich geschehen.«
   Langsam setzte ich mich wieder nah zu ihr an die Eisenstäbe, denn auch sie war zurück auf den Boden gesunken. »Ich war verlobt. Bei mir wäre es wohl das Rinnsal gewesen.«
   »Ist sie tot?«
   »Nein, bei Orville.« Bei meinen Worten konnte ich die leise Wut in mir nicht unterdrücken.
   Sabienne suchte meinen Blick. »Willst du Rache?«
   Ich begegnete ihrem rauchblauen Blick. »Ja.« Meine Stimme kam mir heiser, fast düster vor.
   »Das ist gut. Dann wirst du dies hier vielleicht überstehen.«
   Sabienne hustete leise. Ich sah, wie sie mit dem Finger über den Boden strich, ihn sich verstohlen in den Mund steckte.
   »Wie lange … hungerst du schon?«
   »Es ist der siebte Tag«, antwortete sie leise.
   »Und … und ab wann kommt der Durst? Ich spüre noch nichts.«
   Sabienne lehnte ihren Kopf gegen das Gitter. »Orvilles Blut umspült deine Adern. Einige Stunden wirst du noch verschont sein, dann wirst du das Blut eines Lebenden brauchen, sonst vergehst du schneller, als irgendwer sonst hier unten. Oder hat Castielle dir zu trinken gegeben?«
   Ich schüttelte unsicher den Kopf.
   »Neugeborene Vampire müssen die Wandlung mit Menschenblut beenden. Erst danach erringen sie ihre wahre Stärke und sind überlebensfähig.«
   »Und wenn sie das nicht können?«
   »Dann stirbst du, Andrei.«
   »Wann würdest du sterben?«
   Langsam drehte sich Sabienne zu mir um, sah mich durch die Gitter mit einem undurchsichtigen Gesichtsausdruck an. »Orville wird mich Wochen quälen, bis er mich der Sonne aussetzt, glaub mir. Ich habe versucht, ihn zu töten.«
   »Du hast …? Wegen Justin?«
   »Ja, aber ich habe versagt. Nicht einmal einen Kratzer habe ich ihm zufügen können.«
   »Das tut mir leid.« Ich meinte es ehrlich, es war keine Floskel. Zaghaft streckte ich die Hand durch die Stäbe und legte sie auf ihre Schulter.
   Sie zuckte zurück. »Tu das nicht, Andrei. Ich habe mich nicht unter Kontrolle, und es ist besser, wenn du die Gitter zwischen uns lässt.«
   »Würdest du mich beißen? Also, wenn du die Beherrschung verlierst?«
   Sabienne verzog das Gesicht. »Ich lecke den Boden ab, Kleiner, ich würde dich beißen.«
   Dieser Spitzname gefiel mir nicht. Angesichts unserer unterschiedlichen Lebensspannen verkniff ich mir jeden Kommentar.
   Ein Zittern durchlief ihren Körper, und wieder wischte sie über den Boden. Ich wollte nicht sehen, wie sie erneut das alte Blut vom Finger sog, und wandte mich ab, hörte, wie sie fortkroch. Müdigkeit überfiel mich. Gleichzeitig stieg Angst in mir auf. Wie eine unsichtbare Kraft griff sie nach mir und ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Ist dies das erste Zeichen des nahenden Todes?
   Mit gemischten Gefühlen erhob ich mich und legte mich auf die harte Bank. Sabiennes leises Schluchzen drang zu mir durch, sie hatte sich in die hinterste Ecke verkrochen. Ein Instinkt sagte mir, dass die Trauer noch schlimmer in ihr wütete als der Durst.
   Während mir die Augen zufielen, fragte ich mich, ob ich dieses neue Leben überhaupt wollte. Wäre ein rascher Tod nicht besser? Castielles Worte drangen plötzlich durch meine wirren Gedanken: Wir alle haben unser Schicksal. Sterben konnte ich immer noch, oder? Mit diesem Gedanken wischte der Schlaf jede Überlegung beiseite.

Ich schrak auf, als ein Schrei durch die Verliese hallte. Mit einem Ruck fuhr ich auf. Meine Kehle brannte, ich musste husten. Als ich mich erhob, knickten meine Beine weg, ich stolperte und kroch zu den Gittern. Eine Empfindung quälte mich, und ich konnte sie zuerst nicht einordnen, denn sie fühlte sich anders an als zuvor. Ich brauchte einen Augenblick, um zu realisieren, dass ich eine seltsame Art von Durst verspürte.
   Mein Blick fiel auf Sabienne, die verzweifelt den blutigen Boden ableckte. Dieses Bild erschütterte mich, ich konnte es nicht mit ansehen. »Sabienne.« Ich streckte meine Hand durch das Gitter, bot ihr mein Handgelenk an.
   Sie starrte mich mit Raubtieraugen an, schoss auf mich zu und griff nach meiner Hand, doch sie zögerte. »Warum … tust du das?«
   »Lass mir einfach noch ein wenig zum Leben.«
   Ihr Biss war schnell und fühlte sich eher wie ein Stich an. Trotz ihrer Gier fehlte die Grausamkeit, die Orville mich hatte spüren lassen. Sabienne trank von mir, und meine Glieder begannen, taub zu werden. Ich sackte zusammen.
   Sie ließ erschrocken ab von mir. »Andrei.«
   War sie wieder bei Besinnung? Ihre sorgenvollen Augen blickten mich durch das Gitter an. Sie schob ihre Hände durch die Stäbe, zog mich näher zu sich heran.
   »Warum hast du das getan?«
   »Du hast … gelitten.« Der Blutverlust lähmte mich. Hitze und Kälte gleichermaßen strömten durch meinen Körper.
   Sabiennes kühle Hand strich über meine Wange. »Stirb nicht.«
   Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ich … versuch es.« Der blutverschmierte Boden kam mir plötzlich willkommen vor. Ich kämpfte darum, mich umzudrehen.
   »Andrei … füg dich Orville. Spiel ihm etwas vor. Lebe! Und wenn du die Gelegenheit bekommst, töte ihn und rette uns alle.«
   Ich erwog diesen Gedanken und dachte seltsamerweise an Thierry. Erinnerungen rauschten durch mich hindurch. Sein Oberkörper, der verschwitzt in der Sonne glänzte. Sein Lächeln, die krumme Nase. Vielleicht hatte ich ihn mehr gemocht, als ich zugeben wollte. Würde ich einem anderen Mann zu Willen sein können? Könnte ich ihm etwas vorspielen, um ihn zu töten?
   Ich stöhnte leise, als eine Welle des Schmerzes durch meine Adern strömte und den Durst verstärkte. Anders als Sabienne konnte ich mich kaum rühren.
   »Hörst du mich, Andrei?«
   »Ja …«
   »Und du wirst es tun?«
   Ich brachte ein Nicken zustande und schloss die Augen. Sabiennes Rufen drang nur schemenhaft zu mir durch. Dunkelheit überschattete mich und der Tod kam als kalter Hauch zu mir, hüllte mich wie Eis ein.
   »Andrei.«
   Eine warme Flüssigkeit drang in meinen Mund. Ich hustete. Der Geschmack explodierte in meinem Mund, und ich schluckte reflexartig. Kraft schoss durch meinen Körper, sodass ich regelrecht davon zusammenzuckte.
   Was passierte mit mir?
   Als ich die Lider aufschlug, sah ich in Castielles Gesicht. Über ihm stand Orville van Dahlen und beobachtete mich. Ich verschluckte mich und Castielle nahm den Becher von meinen Lippen.
   »Geh«, raunzte Orville den Arzt an und wandte sich mir zu. »Bist du zur Besinnung gekommen?«
   »Bin ich«, flüsterte ich.
   »Willst du mehr?« Orville wischte über mein Kinn und hielt mir seinen blutverschmierten Finger hin.
   Ich nickte und widerstand im letzten Moment dem Impuls, seine Hand an mich zu ziehen, um das Blut daran abzulecken. Er schien es in meinem Blick zu sehen und lachte leise. Orville gab Castielle ein Zeichen. Sie zerrten jemanden zu mir. Mit einem fassungslosen Gefühl sah ich in das Gesicht meines Freundes, den ich seit Kindertagen kannte. Ich wich zurück, wischte mir rasch über das Gesicht und konnte doch dem Geruch, den Jean ausströmte, nicht entgehen. Blut rann an seinem Handgelenk hinab. Er starrte mich mit schreckgeweiteten Augen an.
   Orville trat in mein Blickfeld, umfasste mein Kinn und hob mein Gesicht zu sich empor. »Das erste Opfer ist immer ein wenig schwierig, also lass dir Zeit«, sagte er und lächelte. »Ich komme bald zurück. Dann hoffe ich, dass du wirklich deine Sturheit im Griff hast.«
   Sie ließen mich allein mit Jean, der vor Angst in die hinterste Ecke kroch. Sein Duft erfüllte die Zelle und aus den Augenwinkeln sah ich, wie Sabienne lauernd an den Gittern stand. Jean war ihr viel zu nah und bemerkte sie nicht, war auf mich konzentriert.
   »Geh von den Eisenstäben, Jean.«
   Ruckartig blickte sich Jean um. Ein leiser Schrei entfuhr ihm, und er robbte von Sabienne fort. Verzweifelt versuchte er, den Blutfluss an seinem Handgelenk zu stoppen.
   Ich wagte mich etwas näher zu ihm, hielt aber genug Abstand. Der Geschmack seines Blutes lag auf meiner Zunge, und mein veränderter Körper verlangte nach mehr. Tränen verschleierten meinen Blick. »Es tut mir leid, Jean.« Als mich ein leises Schluchzen überwältigte, senkte ich den Kopf. Immer noch versuchte ich, mir das Blut vom Kinn zu wischen. Ich erreichte wohl nur, dass ich es überall verschmierte. Vehement kämpfte ich gegen den Drang an, zu ihm zu gehen. Jeans Blut sammelte sich am Boden, und ich begriff, wieso der Boden hier übersät davon war.
   Schließlich überwand sich Jean. Zögernd näherte er sich mir. Diesmal wich ich zurück, denn ich wollte meinen Freund nicht töten. Dies hätte ich mir niemals verzeihen können.
   »Andrei? Bist du es noch?«, flüsterte er.
   Ich blickte auf, sah in seine rehbraunen Augen. »Ja, ich bin es noch, Jean.«
   »Ich … ich dachte, du bist … wie Irissa geworden.« Er hob die Hand und presste sie an seine Brust, stöhnte leise auf. Das Blut benetzte sein Hemd.
   »Was ist mit Irissa?«, fragte ich alarmiert.
   Jeans Augen füllten sich mit Tränen. »Sie … sie hat … meine Mutter getötet. Und ihre eigene Schwester. Man hat sie … in unser Gefängnis gebracht.«
   Das Bild von Irissas zauberhaftem Lächeln floss in meine Gedanken. Ihre rote Flut von Haaren, die im Sonnenschein schimmerte.
   »Sie war nicht mehr sie selbst.«
   »Die … Vampire haben … mich auch gewandelt.«
   »Du bist noch Andrei.« Er robbte zu mir, ließ sein aufgerissenes Handgelenk los und strich mir mit der gesunden Hand sanft über die Wange. Er hielt mir die Wunde seiner Rechten hin. Ich starrte wie paralysiert auf das Blut und konnte mich nicht bewegen.
   »Ich bin verloren, Andrei. Bitte töte mich.«
   Ansehen konnte ich Jean nicht, alles in mir sperrte sich.
   »Aber ich … habe eine Bitte. Nimm Rache.«
   Nun blickte ich doch auf. Jean konnte kaum noch die Augen offen halten, er sackte gegen mich, und ich fing ihn verstört auf. Das Blut pulsierte aus seiner Wunde.
   »Befrei die … anderen, Andrei. Du … bist die … letzte Hoffnung.«
   Jean ergab sich der Bewusstlosigkeit, lag leblos in meinen Armen. Der Durst raubte mir schier den Verstand.
   Sabienne rüttelte an den Gittern, ich sah ihre Gier. Aber ich würde Jean nicht teilen, er war mein Freund, und ich würde seine Bitte respektieren. Ich presste meinen Freund an mich, strich ihm das verschwitzte Haar aus dem Gesicht.
   Das erste Opfer ist immer ein wenig schwierig, hallte Orvilles Stimme in mir.
   Er ahnte kaum, wie schwierig.
   Ich schloss die Augen, als ich Jeans Hand ergriff, und konnte mich nicht mehr beherrschen. Sein Blut schoss mir in den Mund, und ich versank in einer Art Trance, als es süß durch meine Kehle rann.

Widerstreit der Gefühle

Als Orville zurückkehrte, saß ich noch immer mit Jean in seinem Blut und hielt ihn fest an mich gedrückt. Meine Tränen ließen sich nicht stoppen, und ich zitterte unkontrolliert. Mit sanftem, aber nachdrücklichem Griff befreite mich der Vampirfürst von Jeans totem Körper und brachte mich fort. Ich warf Sabienne einen letzten Blick zu, der ihr sagen sollte, dass ich versuchen würde, sie zu retten. Ob sie es begriff, wusste ich nicht. Orville stützte mich, weil ich kaum laufen konnte.
   »Was ist … mit mir?«
   »Dein Körper ist überfordert. Die schnelle Wandlung, der Blutentzug und die Besiegelung deines neuen Daseins ringen noch miteinander.«
   Er brachte mich in einen Raum, in dem ich zuvor noch nicht gewesen war, geleitete mich zu einer weichen Liegefläche. Nachdenklich betrachtete er mich. »Ich fürchte, wir hatten einen schlechten Start.«
   Ungläubig starrte ich ihn an.
   Seine Fingerspitzen strichen zart über meine Wange. »Ich bin es gewohnt, dass meine Kinder mir sehr zugetan sind. Deine Abwehr verwirrte mich, machte mich wütend.«
   Ich wollte meinen Körper wieder unter Kontrolle bringen, doch je mehr ich darum rang, desto mehr verlor ich diese. »Ich wehre mich nicht mehr.«
   Orville nickte und half mir aus der blutbesudelten Kleidung. »Das Zittern wird gleich nachlassen, entspann dich.«
   Wie ich Sabienne versprochen hatte, versuchte ich, ihm zu Willen zu sein, aber die Bilder, wie er mein Dorf niedergemetzelt hatte, wollten nicht aus meiner Erinnerung weichen. Also schloss ich die Augen und dachte an Thierry. Auch hier drängten sich mir die Gedanken seines Todes auf, und ich presste die Hände auf meine Augen, in dem Versuch, es nicht sehen zu müssen. Natürlich war diese Hoffnung umsonst. Ich öffnete die Lider und sah in Orvilles Gesicht, er war über mich gebeugt und betrachtete mich.
   Das Zittern ließ langsam nach. Ich wurde mir meiner Nacktheit nur zu bewusst.
   »Ich hatte am Tag deiner Wandlung eigentlich nicht vor, dir mein Geschlecht darzubieten. Das vermeide ich bei Neugeborenen, die ihre Zähne noch nicht im Griff haben.« Er lachte leise und mit kehliger Stimme.
   »Was wolltest du dann?«
   »Du hast dich gewunden wie ein Fisch an Land.«
   »Und das wundert dich?«
   Orville strich über meinen Hals, über meine Brust. »Ja. Vampire, die von meinem Blut gezeugt wurden, brauchen normalerweise besonders zu Anfang meine Nähe.«
   Ich stemmte mich auf die Ellbogen und wagte, in seine Augen zu sehen, die wie aus einem stürmischen Meer gewirkt schienen. Für einen Moment ertrank ich in dieser Farbe und blinzelte, als seine Hand tiefer wanderte.
   »Entspann dich«, wisperte er.
   Seine Lippen senkten sich auf meine, seine Hände streichelten über meine Haut. Überrascht von der Flut der Gefühle keuchte ich auf. Alle Bilder und Erinnerungen gerieten in die Dunkelheit meines Seins. Ich weigerte mich, die Augen zu öffnen, wollte nur die Berührungen fühlen, nichts sehen. Als er später mein rechtes Bein anhob, es auf seiner Schulter ablegte, ließ ich ihn gewähren. Ich hieß den kurzen und seltsamen Schmerz willkommen, als er sich in mir versenkte, wollte dies nicht genießen, doch Orville ließ mir kaum eine Wahl. Der Vampirfürst wusste genau, wie er jemandem Vergnügen bereiten konnte, und ich konnte dem nicht entrinnen.
   Danach blieb Orville nicht bei mir, sondern richtete sich auf und verließ nackt das Zimmer. Ich blieb zurück und starrte an die steinerne Decke des Raumes. Irgendwann raffte ich mich auf, erhaschte einen Blick auf das Öl, das er verwendet hatte, und blickte mich suchend um. Ich wollte mich wenigstens waschen. In einer Ecke des Zimmers stand eine Schüssel mit frischem Wasser und einem weichen Tuch. Als ich mich säuberte, fröstelte ich, denn das Wasser erschien mir eisig.
   Wieso war er so sanft gewesen? Warum schien es ihm wichtig gewesen zu sein, mir nicht wehzutun?
   »Verdammt!« Es wäre weitaus einfacher gewesen, wenn er mich verletzt hätte, sodass ich meinen Hass schüren könnte. So sah ich vor mir sein wunderschönes Gesicht und konnte das Gefühl seiner Berührungen nicht vertreiben.
   Die Tür öffnete sich und Castielle lugte in den Raum. Ich fühlte mich noch ein wenig betäubt und bedeckte mich nicht einmal.
   »Hat er dich verletzt?«
   Ich schüttelte den Kopf. Seine Worte verdeutlichten mir aber, dass Orville wohl je nach Laune handelte und ich verdammt viel Glück hatte.
   »Ich habe hier Kleidung für dich. Er sagt, du darfst dich frei bewegen.« Castielle zögerte, bevor er fortfuhr. »Du bist ihm also doch verfallen?«
   Entsprach dies der Wahrheit? In diesem Augenblick wusste ich es nicht. »Ich ließ ihn gewähren«, antwortete ich vage.
   Castielle nickte, reichte mir die Kleidung.
   Überrascht befühlte ich den teuren Stoff und begutachtete die Sachen, die er mir gereicht hatte. Er wollte den Raum verlassen, und ich hielt ihn zurück. »Weißt du, wo Irissa ist?«
   Castielle nickte zaghaft. »Ich bringe dich zu ihr, denn ihr geht es nicht gut.«
   Das hatte ich angesichts von Jeans Worten befürchtet. Der Gedanke an ihn versetzte mir einen solchen Stich, dass ich instinktiv nach meinem Herzen fasste. Es schlug noch immer und schmerzte wie vor meiner Zeit als Wesen der Nacht. Was immer diese Verwandlung mit mir angerichtet hatte – meine Seele hatte sie mir nicht nehmen können, dessen war ich sicher. Ich fühlte mich in der Kleidung fast ein wenig aufgetakelt. Bisher hatte ich solche teuren Stoffe, diese besonderen Schnitte, nur an Adligen gesehen. Als ich einen Blick in den Spiegel warf, hielt ich inne. Sollte ich dieser fremde, fast übernatürlich schöne Mann sein? Nach dem Blutgenuss hatte ich mich erneut verändert. Das Haar erschien mir voller, ich glaube, es war sogar etwas gewachsen. Meine sonst braunen Augen leuchteten in einer Farbe, die ich nur mit Bernstein gleichsetzen konnte. Einmal hatte ein Händler dieses versteinerte Harz ins Dorf gebracht. Genauso leuchteten meine Iriden. Die außergewöhnliche Kleidung tat ihr Übriges, um mir ein völlig anderes Aussehen zu geben. »Will sich Orville mit mir brüsten?«, fragte ich Castielle, da er ziemlich gewöhnliche Sachen trug.
   Er hob die Schultern. An seinem Gesichtsausdruck las ich, dass er diese Vermutung ebenso hegte. Bevor wir hinausgingen, hielt ich ihn zurück. »Sabienne vertraut dir«, sagte ich leise.
   Castielle nickte nur.
   »Zu Recht?«
   »Ja.«
   »Dann weißt du, dass wir ihr helfen müssen.«
   »Ich weiß nicht, wie, Andrei.«
   »Du kannst ihm nichts antun, oder?«
   Meinem Blick konnte er nicht standhalten. »Ich würde es niemals über mich bringen.«
   »Würdest du mich verraten, wenn ich es tun würde?«
   »Nein. Aber …« Castielle stockte, denn Stimmen näherten sich. »Komm.«
   Er brachte mich in einen großen Versammlungsraum. Mit ungläubigem Blick sah ich einige Vampire, die wie handzahme Schoßhunde zu Orvilles Füßen saßen. Der Fürst trug nur ein helles Gewand und schien auf mein Erscheinen zu warten. Er winkte mich zu sich. Ich ignorierte seine Geste und blickte suchend umher.
   »Irissa ist dort.« Castielle zeigte auf die dunkelste Ecke, in der eine Person kauerte, die sich sachte hin und her wiegte. Ich spürte Orvilles prüfenden Blick, vermied es, zu ihm hinzusehen. Völlig war dieses Phänomen des Verfallens nicht an mir vorübergegangen. Eine andere Schlussfolgerung fiel mir nicht ein, wenn ich daran dachte, wie ich mich ihm hingegeben hatte.
   Plötzlich wurde mir klar, dass diese körperliche Begegnung mein … erstes Mal gewesen war. Ein wenig erstaunt hielt ich inne. In meinen Träumen hatte ich immer Irissa geliebt – und war am Fehlen jeglicher Gefühle gescheitert. Thierry drang erneut in meine Erinnerung, und ich drängte sein Bild fort. Langsam dämmerte mir trotzdem, dass ich vielleicht doch anders war als die meisten Männer.
   Unsinn! Das kam nur, weil ich von Orvilles Blut war.
   Irissas Anblick wischte mit einem Schlag jede Überlegung beiseite. Ihr Haar leuchtete im Fackellicht wie reines Feuer. Ihr wunderschönes, perfektes Gesicht wirkte abwesend. Ich kniete mich zu ihr. »Irissa?«
   Sie reagierte nicht, darum nahm ich ihr Gesicht in meine Hände und hob es an. Die Augen funkelten wie aus zartgrüner Jade. Die Wandlung hatte ihr jede Sommersprosse geraubt, ihre Haut erschien mir wie aus Schnee.
   »Ich war Andrei versprochen«, sagte sie leise. »Weißt du, wo er ist?«
   »Ich bin hier«, wisperte ich ihr zu.
   »Er hat sich genommen, was Andrei zugestanden hätte … und … und ich hab …« Ein heiseres Schluchzen überkam sie.
   Ich zog sie in meine Arme und umfasste ihre zarte Gestalt.
   »Meinst du, Andrei ist tot?«
   »Nein, er wird dich retten, Liebes.« Nie zuvor hatte ich sie so genannt. Sanft küsste ich ihre Stirn.
   Fast lautlos weinte sie an meiner Brust. »Ich bin tot«, sagte sie unerwartet und schob mich von sich.
   Castielle zog mich hoch und drehte mich herum. »Sie hat den Verstand verloren. Manchmal passiert das, Andrei.«
   »Man hat sie ihre eigenen Leute töten lassen, ihre Schwester.«
   »Ich weiß …«
   Ein furchtbarer Gedanke erwachte in mir. »Wusste Orville, dass Jean mein Freund war? Hat er ihn mit Absicht ausgesucht?«
   Der Arzt antwortete mir nicht, sondern dirigierte mich zu Orville. Der Fürst wartete ungeduldig, dass ich seinen Gesten Folge leistete. Als ich vor ihm stand, in seine Augen blickte, in deren Tiefen sich das Fackellicht spiegelte, wollte ich stehen bleiben und auf ihn hinuntersehen. Doch wie von einer fremden Macht gelenkt, sank ich vor ihm nieder. Die anderen Vampire wichen zurück, und Orville beugte sich zu mir. Sein Mund senkte sich auf meinen und seine Zunge strich über meine Zähne. Kurz vergaß ich, wo wir waren, und öffnete meine Lippen für ihn. Mein Körper erwachte mit Macht, ich konnte nichts dagegen tun. Orville lachte und zog sich zurück. Wie gelähmt blieb ich bei ihm hocken, als würden mich unsichtbare Ketten halten. Wie lange ich zwischen den anderen Huren saß, konnte ich nicht einschätzen. Sie wisperten und flüsterten miteinander, während Orville mit anderen wohl hochrangigen Vampiren Gespräche führte. Ich hörte Wortfetzen, die mir sagten, dass allen bewusst war, dass ich der neue Liebling des Fürsten war, dass ihm meine rebellische Art gefiel.
   Irgendwann öffnete Orville mein Seidenhemd, ließ seine kühle Hand hineingleiten und strich über meine Brust. Er zog mich am Kragen zwischen seine Schenkel, und ich spürte trotz der Hose deutlich seine Erregung.
   »Genug geredet«, fuhr er die anderen an, zerrte mich auf und zurück in den Raum, in dem ich schon zuvor mit ihm gewesen war.
   Er sah nicht, dass ich im Vorbeigehen eine große Glasscherbe an mich nahm, die auf einer Kommode im Flur lag. Rasch verbarg ich sie in der Innentasche meines Jacketts, das ich sofort auszog und zu Boden fallen ließ, als wir im Zimmer waren.
   Orville entledigte sich seines Gewands, und ich lernte erneut ein anderes Gesicht von ihm kennen. Er riss an meinem Hemd und presste mich an sich.
   »Selten habe ich jemanden so begehrt.« Seine Stimme war rau.
   Mir lief ein Schauder über die Haut. Ich wusste, was er wollte, konnte mich seinem Begehren nicht entziehen und befreite mich aus den kostbaren Sachen. Seine Hand wölbte sich um meinen Nacken, er zog mich unsanft zu sich und küsste mich mit einer Wildheit, die mich erschreckte und zugleich in tiefe Erregung stürzte. Mir entfuhr ein Stöhnen, als er mich auf die Knie zwang, mein Geschlecht umfasste. Das Öl fiel hinunter, als er danach griff, versickerte teilweise im Teppich. Er vermied es also immer noch, mir wirklich Schmerzen zuzufügen. Als er meinen Oberkörper hinunterdrückte und ohne Vorwarnung in mich eindrang, schrie ich auf – Öl hin oder her.
   Ich kann diese Erfahrung kaum beschreiben. Dies hier war anders. Wild und unbeherrscht. Seine rücksichtslosen Stöße schmerzten und weckten dennoch Lust in mir. Ich keuchte auf, als er fortfuhr, auch mich zu befriedigen. Sterne explodierten vor meinen Blicken, als die Gefühle wie Flammen durch meinen Körper schossen. Orville packte mein Haar, riss meinen Kopf zurück und folgte mir mit einem letzten Eintauchen.
   Atemlos ließ er von mir ab, und ich richtete mich mit steifen Gliedern auf. Auch ich konnte meinen Atem kaum beruhigen, sah ihn ein wenig überwältigt an.
   »Komm her«, befahl er mit heiserer Stimme. Mit einer fließenden Bewegung stieg er in das Bett und klaubte mich gleichzeitig vom Boden auf. »Du darfst heute bei mir bleiben. – Schlaf.«
   »Ist es Tag?«
   »Ja, ist es. Schlaf«, forderte Orville erneut.
   Gehorsam legte ich mich nieder und schloss die Augen, kämpfte trotzdem darum, wach zu bleiben. Ich fühlte mich wund. Mit einem unguten Gefühl dachte ich an das nächste Mal. Aber vielleicht wischte mein neues Dasein auch das weg? Ich spürte, wie bereits die Heilung mit einem Kribbeln einsetzte.
   Trotzdem kam mir die Glasscherbe wieder in den Sinn.
   Mein Blick glitt auf das Jackett am Boden, dann zu Orville. Sein Atem ging ruhig, seine Augen waren fest geschlossen. Sollte er tatsächlich schon eingeschlafen sein? Ich fühlte mich erschöpft, aber nicht müde. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, stieg ich aus dem Bett. Es wäre der perfekte Zeitpunkt, Rache zu nehmen. Ich würde Orville töten, Irissa und Sabienne retten und vielleicht noch Castielle mit mir nehmen. Vorausgesetzt, es schliefen alle und nicht nur der Fürst.
   Ich hatte zwar keine Ahnung, wohin ich gehen sollte, und ich wollte auch unbedingt meine Leute aus den Verliesen holen – falls sie noch lebten –, aber eins nach dem anderen.
   Die Scherbe lag gut in meiner Hand und sie schien ausreichend für mein Vorhaben. Ob Castielle sie mir hingelegt hatte?
   Langsam lief ich um das Bett herum. Orville van Dahlen lag mit friedlichem Gesichtsausdruck da. Sein ebenmäßiges Gesicht wirkte im Schlaf so vollendet schön, dass es mir schwerfiel, den Blick abzuwenden. Ich hob die Glasscherbe wie eine Waffe an, bereit, sie ihm ins Herz zu stoßen.
   Verdammt! Tötete man so einen Vampir?
   Ich suchte den Hass in mir, setzte die Scherbe fast auf seine Haut – und konnte es nicht. Es ging nicht. Ihm den Todesstoß zu versetzen, brachte ich nicht über mich. Tränen der Wut stiegen in mir auf, und ich versuchte es erneut und begriff, dass mich doch etwas an ihn band und er dies genau wusste. Sonst würde er niemals ohne Schutzmaßnahmen bei mir schlafen. Ob der Sex etwas in mir ausgelöst hatte?
   Mit einem inneren Seufzen nahm ich die improvisierte Waffe zur Seite. Ich musste fort. Nur eine könnte ihn töten. Rasch wusch ich mir die Spuren unserer wilden Begegnung ab, streifte mir wieder meine Kleidung über und lugte in den Flur. Ich sah mich zu Orville um und ahnte, dass ich ihn das letzte Mal sehen würde.
   Nicht einmal gehen konnte ich. Verwirrt nahm ich zur Kenntnis, dass ich wieder zum Bett zurückgegangen war und ihn erneut betrachtete.
   Er hatte mir ein neues Leben geschenkt und mir Dinge gezeigt, die ich wohl niemals auszuleben gewagt hätte. Es fiel mir schwer, ihn weiter zu hassen. Trotzdem hatte er mein Dorf niedermetzeln lassen.
   Meine Fingerspitzen strichen sachte über seine glatte Wange. Der Abschied war endgültig, ich riss mich von ihm los und verließ ihn.

Die Verliese

In den Korridoren war es ungewöhnlich still. Die Vampire schienen tatsächlich alle zu schlafen. Die Glasscherbe hatte ich mitgenommen. Mein erster Gedanke galt Irissa. Lautlos schlich ich mich zurück in den Raum, in dem ich sie zuletzt gesehen hatte. Castielle kam plötzlich aus einer Nische und hielt mich auf. Vor Schreck zuckte ich zusammen und konnte so gerade einen Aufschrei unterdrücken.
   »Verzeih«, flüsterte Castielle mir zu. Seine Augen weiteten sich. »Hast du … ihn …?«
   »War die Glasscherbe dein Verdienst?«
   Castielle nickte.
   Ich legte die Hand auf seine Schulter. »Ich konnte es nicht. Wir brauchen Sabienne.«
   »Ich dachte es mir.«
   »Wo ist Irissa?« Ich würde sie nicht zurücklassen.
   »Andrei …« Seine Stimme klang seltsam hohl. »Sie ist tot, Andrei.«
   Ein stechendes Gefühl bohrte sich in meine Brust. »Was?« Verstört starrte ich den Arzt an.
   »Sie hat sich das Herz durchbohrt, nachdem Orville mit dir in seine Kammer ging. Es tut mir leid.«
   Seine Worte sickerten nur langsam in meinen Verstand. »Wo ist sie?«, flüsterte ich.
   Castielle fasste mich am Arm und führte mich durch einige verlassene Flure zu einer Treppe, die wir hinaufstiegen. »Ich hatte mir gedacht, dass du sie noch einmal sehen möchtest.« Er sah mich an. »Zuweilen passiert so etwas.«
   Eine Antwort gab ich ihm nicht.
   Castielle zeigte auf einen Raum und zog sich zurück. »Pass aber auf, dort dringen einige Sonnenstrahlen ein«, wisperte er mir noch zu.
   Als ich die Tür öffnete, blendete mich die Helligkeit so sehr, dass es mir in den Augen brannte. Ich beschattete sie und erkannte, dass tatsächlich drei einzelne Sonnenstrahlen durch die Ritzen im Holz drangen. Zaghaft streckte ich die Hand ins Licht und zog sie sofort mit einem Zischen zurück. Auf meiner Haut entstand ein rotes Mal, als ob ich sie ins Feuer gehalten hätte.
   Als ich die eingehüllte Gestalt sah, fühlte ich mich, als ob ein Splitter in mein Herz drang. Ich mied das Helle, fasste nach dem Stoff und zog meine Verlobte in eine dunkle Ecke.
   Zögernd nahm ich die Decke fort und blickte in Irissas offene Augen, deren Grün von einem weißen Schleier überzogen war. Ich schluchzte leise auf und schloss ihr die Lider. Man hatte ihr die Waffe aus der Wunde gezogen, und der Blutfluss war längst versiegt, ihr Kleid davon durchtränkt. Meine Brust bestand aus Flammen, die mich aufzehren wollten, als ich sie an mich presste und um Verzeihung bat, sie nicht gerettet zu haben.
   Castielle kam in den Raum, nahm mir ihren Körper ab und zog mich nach draußen. »Sie wird auf Vampirart bestattet werden«, sagte er leise.
   Mich interessierte nicht, wie Vampire die ihren beisetzten, ich wusste nur, dass diese Wesen ihr das Leben geraubt hatten – und mir. Ich wischte mir über die Augen und riss mich zusammen. »Bring mich zu Sabienne.«
   Castielle sah sich unsicher um, als wollte er prüfen, dass auch wirklich niemand hier verweilte. »Wir begehen einen Frevel, indem wir überhaupt hier sind«, erklärte er mir leise. »Am Tag zu schlafen, ist oberstes Gebot. Orville lässt jeden auspeitschen, der sich dem widersetzt.«
   »Dann hat er mit diesem Befehl sein Grab geschaufelt.«
   Ich stieg die Stufen hinunter. Die Verliese machten mir keine Angst mehr. Als ich an der wimmernden Stelle in der Wand vorbeikam, suchte ich nach einem Werkzeug, fand nur einen eisernen Stab und begann die Mauer einzuschlagen.
   »Nicht. Er wird über dich herfallen«, warnte Castielle.
   »Wird er nicht, wenn er leben will.«
   Castielle sah mich völlig verblüfft an.
   Hinter der Mauer kam ein Vampir zutage, der nur noch von den Steinen aufrecht gehalten wurde. Ich beließ ihn untenherum zunächst noch eingemauert.
   »Er wird Blut brauchen«, mahnte der Arzt. »Willst du für ihn einen deiner Leute opfern?«
   »Nein, will ich nicht.« Ich bot dem Fremden mein Handgelenk dar. »Wenn du mir zu viel raubst, töte ich dich.«
   Der Fremde nickte schwach. Ich zuckte zusammen, als er zubiss, doch ich gab keinen Laut von mir. Der Vampir wollte leben. Er nahm mir nur so viel, wie er brauchte, und ließ von mir ab.
   »Ich stehe in deiner Schuld«, hauchte er.
   Pflichtschuldig nickte ich und hieb mit der Stange den Rest seiner Gefangenschaft entzwei. Er sackte zusammen, kroch ein wenig fort und richtete sich torkelnd auf.
   »Es ist Tag, also flüchte nicht gleich hinaus«, warnte ich ihn. Ich sah zu Castielle, der mich immer noch völlig verstört ansah. »Hast du getrunken?«
   »Ja.«
   »Dann hilf Sabienne. Ich kann nicht noch mehr opfern.« Mein Durst machte sich bemerkbar. Ich musste mich zusammenreißen. Eine Hand fasste sachte nach meinem Arm. Ich blickte den fremden Vampir an.
   »Mein Name ist Raoul, ich werde nicht vergessen, was du für mich getan hast.«
   »Weißt du einen Weg hinaus?«
   »Ich kann dich durch die Tunnel zum Meer führen.«
   »Gut.«
   Unerwartet riss man mich herum, und ich blickte in Sabiennes erstauntes Gesicht. »Du hast mich gerettet.«
   Ich lächelte, griff in mein Jackett und hielt ihr die Glasscherbe hin. »Töte ihn. Ich konnte es nicht.«
   Mit grimmigem Ausdruck nahm sie meine Gabe an.
   »Weißt du, wo er schläft?«
   »Nachdem er mich drei Nächte vergewaltigt hat, weiß ich es.« Sie verschwand so schnell, dass ich kaum ihrer Bewegung folgen konnte.
   »Castielle, wo sind die Menschen aus meinem Dorf? Wir werden sie befreien, und niemand wird ihnen etwas tun.«
   »Komm …« Er brachte mich in einen anderen Bereich der Verliese. Käfige tauchten vor mir auf. Ich traute meinen Augen kaum. Menschen waren dort zusammengepfercht und vegetierten vor sich hin. Leises Weinen erfüllte den Raum. Der Geruch von Blut waberte mir entgegen, und etwas erwachte in mir, das mich zutiefst erschreckte. Für einen Augenblick sah ich diese armen Geschöpfe wie eine Beute. In mir erwachte ein Raubtier und in einer Art Trance näherte ich mich einem Käfig.
   »Andrei?«
   Eine vertraute Stimme drang zu mir durch, und ich blickte in die Augen meines Vaters.
   »Andrei, bist du es, oder …?«
   Ich wies das Gefühl von mir, riss mich zusammen. »Vater …«
   Ein leises Schluchzen entrang sich seiner Kehle. Er streckte die Hand vor, fuhr mir durch das Haar. »Du bist es.«
   Ich blinzelte, als ich den Puls an seinem Handgelenk gewahrte, wich zurück. »Vater, sie haben mich zu einem der ihren gemacht. Ich muss … ich darf nicht zu nah kommen. Wir lassen euch frei, und ihr müsst fliehen, solange es noch Tag ist.«
   Er fuhr sich durch den unsauberen Bart und betrachtete mich mit einem seltsamen Ausdruck. Endlich schien er meine Worte zu realisieren und trat einen Schritt zurück in den Schutz des Käfigs. In seinen Augen glänzten Tränen. »Irissa … sie …«
   »Vater, ich weiß. Ich kümmere mich um sie.« Dass sie tot war, würde ich ihm nicht sagen.
   »Warum war sie so … anders als du, Andrei?«
   Mit einem Kopfschütteln verdeutlichte ich mein Unwissen.
   Castielle ergriff meinen Arm und drehte mich herum. »Du kannst nicht alle freilassen. Die Vampire würden nur ein anderes Dorf angreifen. Und glaub mir, ihre Rache wird auch ohne Orville furchtbar sein.«
   »Aber …« Wie sollte ich über Tod und Leben entscheiden? Für eine Antwort, die meinem Gewissen gerecht werden würde, hatte ich keine Zeit. Kurzerhand öffnete ich Vaters Käfig. »Nimm unsere Leute und verschwinde hier. Die anderen lass zurück, sonst werden sie euch jagen.«
   Sabienne kam zu uns. Ihr Kleid war voller Blut und sie wischte sich Reste davon vom Kinn ab. In ihren Augen glitzerte noch immer etwas Bösartiges. »Orville ist tot«, raunte sie mit dunkler Stimme.
   Mir lief ein Schauder über die Haut und Castielle begann zu weinen, obwohl er dies alles ermöglicht hatte.
   Er war tot? Einfach so? Ich versuchte, das zu begreifen, und konnte es nicht. Vom Gefühl her erwartete ich, dass er wutschnaubend hier auftauchte und mich in sein Schlafgemach zerrte. Wie Sabienne ihn getötet hatte, wollte ich nicht wissen, es sollte ein Geheimnis zwischen uns bleiben. Ein seltsames Ziehen durchbohrte meine Brust. Ich ignorierte es.
   Vater riss mich aus diesen Gedanken. Er öffnete zwei weitere Käfige, nahm meinen Rat ernst und ignorierte das Flehen der anderen.
   Raoul trank sich an einem der Opfer in den Gefängnissen satt, und ich hinderte ihn nicht daran. Er hatte trotzdem nicht vergessen, dass er mir etwas schuldete. Als sich unsere Blicke danach kreuzten, begriff er, um was ich ihn stumm bat und wies meinen Leuten den Weg hinaus.
   »Andrei, du musst trinken. Sonst ist jede Flucht zum Scheitern verurteilt. Du musst stark sein.«
   Ein Mann in einem der geschlossenen Käfige hörte wohl Sabiennes beschwörende Worte und rief mich verzweifelt zu sich. Ein wenig verwirrt näherte ich mich ihm. Der Durst brannte mir mittlerweile heiß in der Kehle, und ich musste Abstand halten, sonst würde ich mich noch gegen die Gitter werfen. Als mir der Duft der Menschen in die Nase stieg, musste ich leise keuchen. »Was … willst … du?«
   »Rettest du meine Tochter, wenn ich dir mein Leben gebe?«
   Ich starrte ihn an. Sein erregender Geruch raubte mir fast den Atem, und nun sah ich auch, wieso. Er konnte kaum stehen, ihn quälte eine Verletzung am Bein, aus der Blut sickerte. »Sabienne«, rief ich heiser. Meine Beherrschung hatte ihre Grenze erreicht. Ich wagte mich nicht mehr näher heran, ich hätte sonst alle in dem Käfig getötet.
   »Du darfst nicht so freigiebig mit dem Blut sein, das in dir ist. Das schwächt dich mehr, als du glaubst, Andrei.«
   Langsam verstand auch ich diese Tatsache. »Hol ihn mir, aber versichere ihm, dass ich das Mädchen hinausführe.«
   »Du bist der seltsamste, jedoch auch der edelste Vampir, der mir je begegnet ist. Ich frage mich nur, wie du dich bei solch einem Gewissen ernähren willst.«
   »Bring … ihn … her, Sabienne.«
   Sie erfüllte mir meinen Wunsch. Ich vermied es, dem Mann in die Augen zu blicken, riss ihn mit einer Gier an mich, die ich zuvor noch nie verspürt hatte, und biss ihm in den Hals – ohne zu zögern. Er stöhnte leise auf, alles verschwamm um mich herum. Wie bei Jean geriet ich in eine Trance, in der das Blut, das ich zu mir nahm, alle meine Sinne übernahm.
   »Andrei …«
   Jemand flüsterte meinen Namen. Ich wollte nicht reagieren. Das kostbare Blut berauschte mich wie ein Orkan. Anders als zuvor als Mensch wanderte meine Nahrung sofort in jeden Winkel meines Körpers, als wäre innerlich alles durchlässig, um ihm Platz einzuräumen.
   »Andrei! Wir müssen gehen.«
   Sabiennes Stimme drang zu mir durch, dennoch wollte ich mich nicht bewegen. Ich genoss das Fließen des Blutes in mir. Mir wurde bewusst, dass ich jemanden im Arm hielt, und öffnete die Lider. Der Anblick des Toten beraubte mich jeglicher positiver Gefühle. Mit einem heiseren Schrei ließ ich ihn fallen und wich zurück.
   »Komm schon«, herrschte mich Sabienne an und zog mich am Kragen nach oben. Ein entsetztes Augenpaar starrte mich an. Mit wildem Blick und zerzaustem Haar stand das Mädchen fassungslos da. Ich erinnerte mich an den Wunsch des Mannes. Es war die Tochter.
   »Ich weiß, wie es zu Anfang ist. Reiß dich trotzdem zusammen. Sie werden bald erwachen und wissen, was geschehen ist. Dann sollten wir weit fort sein.«
   »Ich will nach Hause.«
   »Was?«
   »Sabienne, ich muss wissen, ob noch mehr überlebt haben. Ich … ich will mein Dorf ein letztes Mal sehen.«
   Ich sah ihr an, wie sie sich hin und her gerissen fühlte. Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände. »Nun gut. Das wäre meine allerletzte Wahl gewesen, aber du hast mich gerettet. Ich lasse dich nicht allein. Nicht am Anfang dieses Lebens.«
   Ihre Worte ließen mich bewegungslos verharren. Am Anfang dieses Lebens … Mit einem Kopfschütteln riss ich mich zusammen, ergriff die Hand des Mädchens, das zurückzuckte. Meiner Kraft hatte es nichts entgegenzusetzen. »Ich habe deinem Vater etwas versprochen, und ich halte mich daran.« Sie stolperte hinter mir her. Ich verringerte meine Geschwindigkeit, blieb hinter Sabienne zurück. Raoul hatte meine Leute bereits hinausgeführt, war weit vor uns. Wo war Castielle? Ich stoppte. »Sabienne«, zischte ich.
   Sie verharrte und schien erneut meine Gedanken zu wissen. »Castielle kommt nicht mit uns.«
   Damit rechnete ich nicht. »Warum?«
   »Er hat das Leben in diesem Stamm angenommen, auch ohne Orville. Er wird seine Familie nicht im Stich lassen.«
   »Aber er hat …«
   »Er hat geholfen, sie von einem Tyrannen zu befreien.«
   »Um einen neuen auf den Thron zu setzen?«
   »Das weiß man nicht, Andrei. Bitte, komm. Ich spüre Unruhe.«
   Widerwillig gehorchte ich ihr. Als das Mädchen weinend zu Boden fiel, handelte ich instinktiv, nahm sie auf den Rücken und rannte mit ihr weiter.
   »Lass das Balg zurück oder töte sie, aber schlepp sie doch nicht herum.« Sabiennes Augen funkelten wütend.
   »Ich habe ein Versprechen gegeben.«
   Sabienne schrie unterdrückt und voller Zorn auf, ließ mir trotzdem meinen Willen.
   Wir rannten durch düstere Gänge, und ich spürte, wie die Kleine ihr Gesicht an meiner Schulter verbarg. Mein Durst war fort, ich hatte nicht das Bedürfnis, von ihr zu trinken, fühlte mich wieder wie ein Mensch. Obwohl ich ihre Gefühle auf erschreckende Weise wahrnahm.
   Über uns tauchten Stalaktiten auf. Sie ragten wie Dolche von der Decke. Ich stolperte fast über einen Tropfstein am Boden und fluchte leise. Die vor uns liegende Höhle wirkte bizarr und unheimlich. Wie Fallen voller Dolche, die jeden töten würden, hingen die nassen Felsspitzen von der Decke und bildeten am Boden geheimnisvolle Formen. Weiter hinten strahlte die Sonne durch einen Spalt.
   »Lauf fort«, flüsterte ich dem Mädchen zu.
   Es sah mich ungläubig an, sagte kein Wort und taumelte in Richtung Sonnenlicht. Ich konnte ihrer Gestalt nicht folgen, denn das Licht brannte in meinen Augen. Raoul kam aus einer dunklen Ecke hervor.
   »Nun können wir nur hoffen, dass die Nacht schneller kommt als die Vampire.«
   Die letzten goldenen Strahlen lockten mich an. Nie wieder würde ich die Farben der Sonne sehen. Tränen verschleierten meinen Blick.
   Jemand packte mich am Arm. »Ich weiß, wie verlockend am Anfang die Sonne ist, aber sie verbrennt dich. Unsere Haut erträgt ihr Licht nicht mehr.«
   Ich wandte mich zu Sabienne, die mich mit einem seltsamen Blick betrachtete. Ihre Hand hob sich, strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »So schön«, hauchte sie. »Zerstöre es nicht.«
   Sanft machte ich mich von ihr los und strebte zu dem Spalt. An der leicht bläulichen Farbveränderung erkannte ich, dass der Tag fast zu Ende war.
   Nur einmal noch …
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