Sie dachten, sie stünden am Beginn einer gemeinsamen Zukunft. Und ahnten nicht, dass es das Ende war. Ihre Liebe ist unbeschwert, leidenschaftlich und tief. Sie wollen miteinander alt werden. Doch da passiert das Unfassbare: Erik kommt beim Bergsteigen ums Leben. Die Seilschaft, zu der auch Roselyne gehört, muss seinen Leichnam in einer Gletscherspalte zurücklassen. Gebrochen zieht sich Roselyne in das Strandhaus „Villa Himmelreich“ an der Schlei zurück. Bald nähert sich ihr der undurchsichtige Ruben - der ihr eine absurde Erklärung für die unheimlichen Ereignisse bietet, die sich plötzlich um Roselyne herum abspielen: Angeblich sind Ruben acht Tage gegeben, um die skeptische Roselyne von etwas zu überzeugen, das ihr Weltbild völlig auf den Kopf stellt. Acht Tage, um sie aus ihrer Trauer zu einem Neubeginn zu führen.

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Zeichen: 420.030

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-52-313-9

Seiten: 269

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Sabine Ludwigs

Sabine Ludwigs
Sabine Ludwigs wurde in Dortmund geboren und wuchs auch dort auf. Zur Schriftstellerei fand sie 2004 und trat kurz darauf in einer Krimi-Anthologie erstmals als Autorin in Erscheinung. Bis etwa 2010 verfasste sie ausschließlich Kurzprosa. Es folgten zahlreiche Publikationen in Anthologien, Hörbüchern und Zeitungen. 2011 erfolgte Ludwigs erste Einzelveröffentlichung: eine Kurzgeschichtensammlung (Krimis, Thriller). 2012 erschien ihr Debütroman, dem weitere Romane folgten. Inzwischen veröffentlicht die Autorin vorwiegend Unterhaltungsromane. Sabine Ludwigs Schreibstil ist ausdrucksstark, packend, eindrücklich - egal, welches Thema sie aufgreift. Sie schafft es, Spannendes und Gefühlvolles gekonnt miteinander zu verknüpfen und ihre Leser zu bewegen. Sie erhielt den Friedes-Literaturpreis des Berliner Kulturrings sowie den Literaturpreis Ideale Stiftung. Die Autorin lebt als Freiberuflerin mit ihrer Familie in Lünen an der Lippe im Ruhrgebiet. Bisher verfasste Titel: „Die Totmacher“, „Der Sommer mit dem Erdbeermädchen“, „Meine Seele weiß von dir“, „Acht Tage bis zur Ewigkeit“, „Winterspaß und Weihnachtszauber“, „Stirb! Rotköpfchen“ und zuletzt „Winterlicht“. 2018 erscheint ihr Psychothriller „Ausgeburt“.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Als Kind war ich fasziniert von der Vorstellung, dass gute Menschen nach ihrem Tod zu Engeln werden. Zu Schutzengeln, so hatte man es mir erzählt.
   Ich blickte in den Himmel und suchte in dieser unvorstellbaren Weite nach einer Lücke zwischen ihrer und unserer Welt. Manchmal, wenn fedrige Wolken über das grenzenlose Blau zogen, kam es mir vor, als würden sich lichte Gestalten mit ausgebreiteten Schwingen dahinter verbergen. Andere Male, wenn ich zum nächtlichen Firmament hinaufsah, den Mond und die funkelnden Sterne betrachtete, glaubte ich, überirdische Musik zu hören. Alles erschien mir friedlich.
   Bis heute halte ich Ausschau nach den himmlischen Wesen, denn ich glaube noch immer, dass sie kommen, um uns ein Stück unseres Weges zu geleiten, wenn wir sie brauchen.

Prolog
Ostersamstag

Plötzlich fällt ihm auf, dass kein Wind geht, als er die Abkürzung über die Weiden nimmt. Nicht ein Blatt bewegt sich, kein Halm, nichts rührt sich. Sogar die Pferde stehen reglos da, wie gemalt. Kein Grasen, kein Zucken mit den Ohren, Schweifwedeln oder Schütteln der Mähnen. Ein Leben wie im Stand-by-Modus, ganz so, als hielte die Zeit ihren ewig gleichen Lauf an.
   Stille senkt sich herab. Tiere verstummen, Vögel schweigen, selbst die Insekten geben keinen Ton von sich. Es ist so lautlos, als hätte die Welt irgendwo ein Leck, aus dem sämtliche Geräusche hinausgeflossen sind und stattdessen eine schwere, elektrisch aufgeladene Atmosphäre zurückgelassen haben. Die Ruhe vor dem Sturm.
   Das Hellblau des Himmels verdichtet sich von cyan zu dunkelblau, ballt sich zusammen, wird immer düsterer, bis schließlich Sturmwolken in eigenartigen Formationen dahinjagen. Fahles Licht wetterleuchtet hinter diesen Gebilden und lässt alles unirdisch erscheinen. Irisierendes Flimmern durchzieht die drückend schwere Luft, und er spürt sein schweißnasses Hemd am Körper.
   Dann, ganz sachte, beginnt das Wehen, das Rauschen in den Wipfeln. Mit der Stille ist es vorbei. Bald darauf peitschen heulende Böen die Bäume. Die Büsche und das Gras ducken sich und beugen sich dem Tosen. Die Pferde galoppieren wie toll auf ihren Unterstand zu. Es riecht nach Ozon.
   Jetzt fängt es an zu regnen. Er erwartet das Aufklatschen schwerer Wassertropfen auf der Erde, doch es bleibt trocken. Er legt den Kopf zurück und sieht in den Blitz, der genau in dieser Sekunde niedergeht, einen, wie er ihn nie zuvor gesehen hat. Es ist ein gleißender Kugelblitz, purpurrot, ungefähr so groß wie ein Fußball, der einen kometengleichen Schweif hinter sich herzieht.
   Geblendet schließt er die Augen und reißt einen Arm hoch. All das geschieht rasend schnell. Der Blitz schlägt ein. Im gleichen Moment spürt er einen schmerzhaften Schlag gegen die Brust, als hätte ihn ein Knüppel mit voller Wucht getroffen und von den Füßen geholt. Im nächsten Augenblick liegt er lang ausgestreckt auf dem Rücken, hilflos nach Atem ringend. Blind, taub, wie gelähmt, unfähig, auch nur einen Laut von sich zu geben. Er kann sich nicht rühren. Um ihn herum ist nichts als Schwärze.
   Ein Summen in seinen Ohren. Ein Gefühl, als würde er schweben. Ist er tot? Vom Blitz erschlagen?
   Das Denken tut weh, also lässt er es.
   Sekunden- oder minutenlang liegt er so, bis ihm bewusst wird, dass er nicht allein ist. Einen Herzschlag später gelingt es ihm endlich, die Lider zu heben.
   Da ist ein Licht. Ein Schemen. Nein, eine Gestalt aus Licht. Eine Lichtgestalt. Schillernd, blass, eigenartig durchsichtig. Wunderschön.
   Sein Haar knistert statisch. Irgendwie schafft er es, einen Arm hochzubekommen und seine Hand nach dem Wesen auszustrecken. Es gelingt ihm sogar, den Kopf anzuheben und zu erkennen, dass dieses raue Krächzen seine Stimme ist, die ehrfürchtig flüstert: »Bist du ein Engel?«

Trügerisch
Oktober – ein Jahr zuvor

Es war ein Montagmorgen. Einer dieser seltenen, spätsommerlichen Tage im Herbst, die morgens bereits empfindlich kühl sind, die jedoch ab der Mittagszeit noch immer mediterrane Temperaturen erreichen.
   Die Sonne schien in Roselynes Küche und übertünchte die Wände mit orangegelbem Licht. Im Radio spielten sie Show Me Heaven von Maria McKee. Roselyne sang laut mit, soweit sie den Text wusste. Barfuß, nur in Unterwäsche, stand sie mit eingerollten Zehen am Kaffeeautomaten. Sie überlegte, was sie bei diesem Wetter anziehen sollte. Gleichzeitig beobachtete sie voll Verlangen, wie die wohlriechende Flüssigkeit in ihre Tasse lief. Der Kaffee sah köstlich aus. Wie aus dem Bilderbuch. Obenauf schwamm eine feine Crema, und der Geschmack war Welten von dem entfernt, was aus der alten Kaffeemaschine getröpfelt war.
   Sie nahm die Tasse und trank den ersten Schluck. Dann stellte sie das Radio leiser. »Beeil dich, Erik«, rief sie in Richtung Korridor. »Du bist spät dran!« Sie bereitete eine zweite Tasse zu und trug sie zum Tisch. »Erik! Wo bleibst du?« Kopfschüttelnd setzte sie sich und blätterte durch die Zeitung.
   Wie immer, wenn Erik bei ihr übernachtet hatte, ging es hektisch zu. Besonders nach einem Wochenende. Er stand zu spät auf, duschte zu lange, hatte die falschen Klamotten für die Arbeit dabei, sodass er unbedingt noch zu seiner Wohnung fahren musste. Zu allem Überfluss fand er seine Schlüssel nicht.
   Erik trat hinter sie und hob ihr Haar an. Sein Atem streifte die Haut in ihrem Nacken, als er ihn küsste.
   »Morgen, Löwin«, murmelte er. So nannte er sie wegen ihres Sternzeichens. Niemand sonst kannte diesen Kosenamen. Roselyne fand es albern, sich in Gegenwart anderer auf diese Art anreden zu lassen, daher benutzte Erik ihn nur, wenn sie allein waren.
   Lächelnd drehte sie sich um und erwiderte seinen Kuss. Er schmeckte nach Mundwasser. »Guten Morgen, du Chaot.«
   Er verdrehte die Augen und stürzte den Kaffee in einem Zug hinunter. »Verdammt noch mal«, zischte er, weil er sich die Zunge verbrannt hatte. »Ich muss los!«
   »Wie wahr. Du musst dich wirklich ranhalten.«
   »Mhm, ja. Also, bis heute Abend.«
   »Okay. Kommst du her?«
   Erik nickte. »Liebdich.« Weg war er.
   Das hieß, sie hörte ihn noch im Korridor nach seinem Schlüsselbund kramen, fluchen, und erst danach hallten seine Schritte durch das Treppenhaus. Roselyne ging zum Fenster. Sie sah auf die Straße hinunter. Kurz darauf kam Erik aus dem Haus. Er sprintete zu seinem Wagen, den er, wie sonst auch, beim Westpark abgestellt hatte. Bevor er einstieg, drehte er sich noch einmal um. Er wusste ganz genau, dass sie ihm nachsah. Sie küsste in die Luft und formte mit den Lippen: »Liebdich!«
   Erik hob die Linke zum Gruß und sprang ins Auto. Mit quietschenden Reifen brauste er los.
   Roselyne drehte das Radio wieder lauter. This is the Life von Amy Macdonald vor sich hinsummend, schlenderte sie ins Schlafzimmer. Sie öffnete den Kleiderschrank und entschied sich für die beige Leinenhose, die sie vergangene Woche während eines Einkaufsbummels mit ihrer Schwester Amélie gekauft hatte. Dazu wollte sie die braune, mit sandfarbenen Blüten bedruckte Bluse tragen.
   Als sie sich vom Ankleidespiegel abwandte, fiel ihr der Origami-Berg auf, der auf ihrem Nachtschränkchen thronte. Sie nahm ihn, betrachtete ihn eingehend und musste lachen. Erik hatte für das Origami die Seite eines Reiseprospekts herausgerissen. Darauf war die Abbildung des Hotels in Nido, in dem sie für übernächste Woche ein Zimmer gebucht hatten.
   Zum ersten Mal in den fünfzehn Monaten, die sie zusammen waren, nahm er sie mit auf eine seiner Bergtouren. Gemeinsam mit seinen Brüdern Nick und Malte würden sie den Monte Rosa besteigen. Freudige Aufregung durchzuckte sie.
   Behutsam stellte sie das leicht instabile Papiergebilde zu den anderen gefalteten Figuren auf das Sideboard. Zu ihren Lieblingsstücken zählten eine weiße Rose, Sinnbild ihres Namens Roselyne Weiß, ein Vogel in Anlehnung an Eriks Nachnamen, der Ammer lautete, ein Engel aus dem roten Geschenkpapier, in das sie Eriks erstes Weihnachtsgeschenk – ein Zippo-Sturmfeuerzeug – eingepackt hatte, und eine sandfarbene Löwin in Anspielung auf ihren Kosenamen.
   Sie machte die Betten, brachte die Küche und das Bad in Ordnung und ging ins Wohnzimmer. Sofort zog der wuchtige, altehrwürdige Schreibtisch, der beim Fenster stand, ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er war vollgepackt mit Büchern, Blöcken und Kugelschreibern in allen möglichen Farben und Ausführungen, die um ihren PC und den Drucker herum verteilt lagen. Ein Stapel blütenweißes Druckerpapier stach hervor. Aus den Ablagefächern quollen unzählige Ausdrucke und drohten, sich auf das Durcheinander zu ergießen.
   Sie blätterte die bedruckten Seiten durch. Erik arbeitete an einem Buch. Er hatte Mythen und Sagen über Berge aus aller Herren Länder zusammengetragen und neu erzählt. Die meisten Legenden kannte er von seinem inzwischen verstorbenen Großvater, einem ebenfalls leidenschaftlichen Bergsteiger. Erik hatte sie als Junge faszinierend gefunden und über die Jahre in lebhafter Erinnerung behalten.
   Irgendwann kam er auf die Idee, all diese Erzählungen in einem Buch zusammenzufassen, damit sie nicht gänzlich in Vergessenheit gerieten. Sein Traum war, dass er einen Verlag finden und eines Tages sein Buch erscheinen würde. Ein Titel schwebte ihm bereits vor: Sagenhaft. Die Erlöse sollten der Bergwacht zugutekommen.
   Roselyne lächelte vor sich hin. Sie hatte sich in der Landesbibliothek in Erik verliebt, im Juli vergangenen Jahres. Zwischen hohen Regalen voller Wälzer und endlosen Reihen von Bücherrücken war es von einem Moment zum anderen passiert.
   Damals sammelte Erik Recherchematerial. Sie konnte sich nicht mehr an den Titel des dicken Buches erinnern, das er schmerzhaft auf ihre Füße fallen ließ. Sie erinnerte sich jedoch gut an den erschrockenen Ausruf, als er sich danach bückte. Auch sein Blick, der bewundernd über ihre Gestalt wanderte, war ihr unvergessen geblieben.
   »Echo«, sagte er zu ihr. »Verzeihen Sie, aber genau so stelle ich mir Echo vor.«
   Er erzählte ihr von der griechischen Bergnymphe, der Oreade des Berges Helikon, nach der das Phänomen des Widerhalls benannt ist: Demzufolge sollte Echo im Auftrag des Zeus dessen Gattin Hera mit Geschichtenerzählen ablenken, damit dieser ungestört seinen Liebesabenteuern frönen konnte. Doch Hera durchschaute das perfide Spiel und nahm Echo zur Strafe die Sprache. Einzig die Fähigkeit, die jeweils letzten an sie gerichteten Worte zu wiederholen, ließ sie ihr.
   Wie gebannt hatte Roselyne an seinen Lippen gehangen. Danach fragte Erik, ob sie Lust hätte, mit ihm in die Eisdiele gegenüber zu gehen. Sie wollte. Kein Mann vorher hatte ihr ein schöneres Kompliment gemacht, niemals war sie mit einer Nymphe verglichen worden. So ließ sie sich nur allzu gern von Erik zu einem Bananensplit einladen und an den folgenden Wochenenden ins Kino, später in Restaurants, Konzerte, auf Antikmärkte. In sein Apartment …
   Die Monate waren verflogen. Inzwischen übernachtete Erik meistens bei ihr, weil ihre Wohnung um einiges geräumiger war als seine.
   Roselyne legte die ausgedruckten Seiten in eine Mappe und brachte mit wenigen Handgriffen das Durcheinander, das Erik auf ihrem Schreibtisch hinterlassen hatte, einigermaßen in Ordnung.
   Bis auf das Ticken der Standuhr lag die Wohnung still im Sonnenlicht. In den Räumen hing ein flüchtiger Hauch von Rasierwasser, Parfüm und Kaffee.
   Alles war wie immer.
   Kurz darauf zog sie die Haustür hinter sich zu.

Als Roselyne auf den Parkplatz des Übersetzungsbüros a-z translations fuhr, registrierte sie zu ihrer Freude, dass der Wagen ihres Chefs noch nicht dort stand. Was bedeutete, dass ihnen allen eine kurze Gnadenfrist vergönnt war, bevor Doktor Werner Simmel jeden in seinem Umfeld in einen gestreckten Dauergalopp zwingen würde.
   Werner Simmel sah aus wie ein Zwilling von Danny DeVito. Er war kleinwüchsig, korpulent, beinahe kahlköpfig und beileibe keine Schönheit. Leider endete hier jede Ähnlichkeit mit dem Komiker, da der wortkarge Simmel über kein Gran Humor verfügte.
   Claudia Schäfer, die Kollegin, mit der sich Roselyne seit Jahren einen Büroraum teilte, war bereits da. Sie goss die Blumen auf dem Fensterbrett, die Simmel stets ein Dorn im Auge waren. Es verging kaum eine Woche, in der er nicht eine Bemerkung deswegen fallen ließ, wobei er es schaffte, mit einem Wort seine Meinung so darzulegen, dass niemand ihn missverstehen konnte.
   Simmel beherrschte die Gabe, sich mit den Augen, einem Gesichtsausdruck, einer winzigen Geste oder einem einzigen Wort mitzuteilen, bis zur Perfektion. Es war, als könnte man ihn im Kopf hören. Manchmal warf er einen Blick auf die von Claudia gehegten Fensterpflanzen, wobei er seine Gedanken scheinbar ohne Umwege in die Köpfe seiner Mitarbeiterinnen transferierte: Sträucher gehören nach draußen, bestenfalls in den Wintergarten, keinesfalls in ein Büro und schon gar nicht in meins! Laut gab er jedoch nur »Kroppzeug« von sich.
   Roselyne und Claudia hatten gelernt, solche Zwischenspiele zu ignorieren. Eines Tages postierte Claudia sogar einen Gartenzwerg zwischen den Pflanzen, dem sie zur allgemeinen Belustigung eine gewisse Ähnlichkeit mit Simmel attestierte. Falls dieser es bemerkte, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken.
   Claudia hatte auf der Weihnachtsfeier im vergangenen Jahr, an der Simmel wie gewohnt nicht teilgenommen hatte und bei der sie ein paar Gläser Punsch zu viel getrunken hatte, geschworen, Simmel sei ein Telepath und in der Lage, ihnen seine Gedanken mental zu übertragen. Die übrigen Mitarbeiter waren zwar in Gelächter ausgebrochen, doch hatten einige nachdenklich gewirkt.
   Auch Roselyne wusste nur zu genau, was Claudia gemeint hatte. Doch trotz der rauen Schale, mit der Simmel sich umgab, mochte sie ihren Chef und arbeitete gern für ihn. Ebenso erging es Claudia, die sich mit der Gießkanne umdrehte, als Roselyne das Büro betrat.
   »Guten Morgen«, rief Roselyne. »Na, hattest du ein schönes Wochenende?«
   Ohne den Gruß zu erwidern, stellte Claudia die Kanne zur Seite und sprudelte einen Bericht darüber hervor, wie sie im Supermarkt ihren Traummann kennengelernt und sogar schon das Wochenende mit ihm verbracht hatte. »Und nur deshalb, weil sie in dem Laden umgeräumt haben und meine Lieblings-Chilisoße zu weit oben für mich stand. Ich musste ihn bitten, sie mir herunterzuholen«, schloss sie aufgekratzt.
   Roselyne lächelte. Typisch Claudia, sich gleich wieder Hals über Kopf zu verlieben. Das war ihr bereits an einem Container für Altglas passiert, als sie Weißweinflaschen entsorgte. Ebenso beim Postamt, in einer Waschstraße und als sie mit einer Gruppe Tierschützer Krötenzäune aufgestellt hatte. Am Telefon hatte sie sich in die Stimme eines Kunden verliebt – der sich am Ende als eine Frau mit außergewöhnlich tiefer Stimme entpuppte.
   Claudias kurzes, stark blondiertes Haar war sorgsam zerzaust. Ihre Lippen waren ebenso sorgsam in einem zu kräftigen Rot angemalt, wodurch ihre Zähne gelblich wirkten. Sie strahlte Roselyne über den Schreibtisch hinweg an, während sie ihre Computer hochfuhren. Gerade zur rechten Zeit, denn schon hörte Roselyne Simmels Schritte näher kommen.
   Bis zum Mittag arbeitete sie an einer Fallstudie über Autismus, die sie aus dem Französischen übersetzte. Zur Pause ging sie wie üblich um die Ecke ins Petit Bistro. Es war urgemütlich und bot eine abwechslungsreiche, preislich erschwingliche Speisekarte, weshalb sie sich hier mit Doro zum Essen traf.
   Doro Bender nahm das Leben so, wie es war, und selten schwer. Sie unterhielt ein Verhältnis mit dem Anwalt Markus Krämer, ihrem verheirateten Chef. Ein überaus glückliches, wie sie betonte. Seit der Kindergartenzeit war sie Roselynes beste Freundin. Dank einer günstigen Fügung des Schicksals arbeitete sie in der Nähe in Markus’ Notar- und Anwaltskanzlei, weshalb sie ihre Mittagspause meistens gemeinsam mit Roselyne verbrachte.
   Roselyne sah Doro an und fühlte sich wieder einmal an diese dämliche Schokoladenwerbung erinnert, in der zwei Freundinnen joggten und ein paar Männer der größeren, schlankeren Frau beifällig hinterherstarrten. Der kleineren mit Busen und Po gönnten sie hingegen kein Quäntchen Aufmerksamkeit.
   Sie war natürlich die Kleinere mit Busen und Po, die quasi Unsichtbare. Das empfand sie schon seit ihrer Teenagerzeit so. Ständig fühlte sie sich zu füllig.
   Lustlos stocherte sie mit der Gabel in ihrem Salat mit Putenbruststreifen herum und warf begehrliche Blicke auf Doros Quiche Lorraine.
   »Hm«, machte Doro. »Die ist perfekt.« Sie schob sich ein weiteres Stück in den Mund. Kauend erzählte sie, dass sie am Samstagabend auf ihren Neffen aufgepasst hatte. »Als ich Tim ins Bett gebracht und zugedeckt habe, hat er mir etwas echt Unheimliches erzählt.« Doro beugte sich vor. »Er hat mir anvertraut«, sie senkte die Stimme, »dass er einen unsichtbaren Freund hat.«
   »Unsichtbar?« Roselyne runzelte die Stirn. »Ach so. Du meinst einen imaginären Freund. Na und? Das kommt häufig vor. Solange er seine Traumwelt nicht mit der Realität verwechselt, ist das kein Problem. Wie alt ist Tim jetzt? Acht?«
   »Sieben. Und er hat keinen unsichtbaren Freund nötig, Lyn. In der Schule ist er beliebt. Er hat mehr als genug Freunde. Außerdem geht er zweimal in der Woche zum Judo.«
   »Was ist mit seinen Eltern?« Roselyne kaute ohne Begeisterung auf einem Stück Putenfleisch herum. »Vielleicht sind sie zu streng. Oder sie verlangen ihm zu viel ab.«
   »Ach, Quatsch! Du kennst doch meine Schwester und Michael. Nee, wirklich. Da ist alles im grünen Bereich.« Doro schüttelte den Kopf. »Sie haben keine Ahnung von dem Unsichtbaren. Im Grunde ist Tims Freund auch nicht unsichtbar, sondern durchsichtig wie eine Seifenblase.« Sie schob ihren leeren Teller zurück und stibitzte ein Stück Tomate von Roselynes. »Ansonsten benimmt Tim sich ganz normal. Außer, dass er ab und an über Albträume klagt. Er hat erzählt, wenn sie am schlimmsten sind, weckt sein Freund ihn auf.«
   »Ich verstehe. Der Durchsichtige steht ihm bei, wenn er Angst hat. Eine Art Schutzengelfunktion. Wie gesagt, das kommt bei Kindern häufig vor. Ich finde es zwar interessant, aber wenn ich ehrlich bin, frage ich mich, was dir daran unheimlich vorkommt.«
   Doros Miene wurde nachdenklich. Mit leicht gerunzelter Stirn musterte sie Roselyne, so als würde sie in Gedanken ein Für und Wider abwägen, bevor sie weitersprach. »Das Unheimliche ist nicht, dass Tim einen durchsichtigen Freund hat.« Sie senkte die Stimme. »Das Unheimliche ist, dass Tim behauptet hat, der Junge wäre«, das letzte Wort aus Doros Mund war kaum noch hörbar, »tot.«
   »Was?«
   »Seine genauen Worte waren: Er ist ein Gestorbener.«
   »Okay. Das ist unheimlich.«
   »Ich bin noch nicht fertig.«
   Jedes Härchen auf Roselynes Körper richtete sich auf, als Doro raunte: »Er sagte, der Gestorbene hieße Hinkeldrei.«
   Hinkeldrei.
   Beim Klang dieses Namens wurde Roselyne melancholisch.
   Seit über zwanzig Jahren hatte sie nicht mehr an ihn gedacht. Patrick Metzger, so lautete Hinkeldreis richtiger Name, war ein blasser, unscheinbarer Junge, der im ersten Schuljahr mit ihnen in dieselbe Klasse gegangen war. Eines Tages blieb sein Platz für längere Zeit leer, was keinem besonders auffiel. Irgendwann hatte die Lehrerin ihnen dann mitgeteilt, dass Patrick an Leukämie gestorben war, worunter sich jedoch niemand etwas vorstellen konnte.
   Damals waren Doro und sie erschrocken gewesen, dass ein Kind überhaupt sterben konnte. Jedoch nicht sehr lange. Und als Hinkeldreis Bank wieder besetzt war, vergaßen sie ihn mit der Zeit.
   »Das kann nicht sein«, rief Roselyne.
   »Ist aber so.«
   »Du musst ihm von Hinkeldrei erzählt haben.«
   »Nein. Nie.«
   »Bist du sicher?«
   »Hundertprozentig! Ich gebe es ungern zu, aber Tatsache ist, dass ich Hinkeldrei bis zu diesem Abend komplett aus dem Gedächtnis verloren hatte.«
   »Dann hat er es irgendwo anders aufgeschnappt. Möglicherweise bei deiner Schwester.«
   »Imke ging damals noch in den Kindergarten. Sie kannte Hinkeldrei nicht.«
   »Was willst du damit sagen?«
   Doro zuckte mit den Achseln. »Möglicherweise nichts. Außer, dass Tim mir etwas Unheimliches erzählt hat.«
   »Hat er erwähnt, wie sein Freund aussieht?«
   Doro deutete eine Höhe von etwas über einen Meter an. »Tim meint, sie wären gleich groß. Außerdem hätte er dunkelblondes Haar. Zahnlücken. Nicht dick, nicht dünn.«
   Eine Weile sprach keine ein Wort. Vor Roselynes geistigem Auge tauchte Hinkeldrei auf. Sie versuchte, sich genau zu erinnern. Blasswangig saß er in seiner Schulbank. Er sah sie an. Rasch fuhr sie sich mit der Hand über die Augen, um das Bild zu verscheuchen. Sie sprach aus, was beide dachten: »Die Beschreibung passt auf Hinkeldrei.«
   »Stimmt. Aber auch auf jeden zweiten Grundschüler, oder? Man muss realistisch bleiben.«
   »Du hast recht. Natürlich. Trotzdem …« Sie ließ den Satz unvollendet.
   »Das ist noch nicht alles«, meinte Doro bedeutungsvoll. »Ich habe Tim gefragt, warum Hinkeldrei diesen seltsamen Namen trägt.«
   »Was hat er geantwortet?«
   »Weil er früher beim Paradiesspiel auf dem Pausenhof meistens schon beim dritten Hinkelkästchen rausgeflogen ist.«
   Sekundenlang herrschte Schweigen zwischen ihnen. Roselyne schluckte. »Wie konnte Tim das wissen?«
   »Ich habe keinen Schimmer. Sie spielen dieses Spiel heutzutage gar nicht mehr. Tim behauptet steif und fest, der Gestorbene hätte es ihm gesagt.«
   »Glaubst du das?«
   Ein Achselzucken. »Ehrlich, ich weiß nicht, was ich glauben soll. Das alles ist unheimlich und verblüffend … Aber bestimmt nicht mehr als das Hirngespinst eines Kindes.« Sie kicherte nervös. »Oder sollte ich besser Hirngespenst sagen?«
   Eva, die Bedienung, unterbrach sie, als sie ihre Stammgäste fragte, ob es nicht Zeit für die Rechnung wäre.
   Roselyne sah auf die Uhr und stöhnte. Es blieben ihr knapp zehn Minuten, um pünktlich an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Über Hinkeldrei mussten sie sich ein andermal unterhalten.

Roselyne räumte die Einkäufe aus, die sie nach Feierabend erledigt hatte, und stopfte eine Ladung Wäsche in die Maschine. Nachdem sie damit fertig war, beantwortete sie eine Mail ihrer Schwester Amélie, in der es um nichts Wichtigeres ging als den alltäglichen Kleinkram. Dieser Austausch war ihnen wichtig, denn als Hebamme war Amélie viel unterwegs, oft zu den unmöglichsten Zeiten, und daher schwer zu erreichen. Auf diesem Wege blieben sie in regelmäßigem Kontakt. Sie setzte ihr übliches »grosses bises, dicke Küsschen, Lyn« unter die Mail und schaltete gerade den PC aus, da hörte sie Erik.
   »Bin da«, rief er. Mit zwei flachen Kartons in der Hand, begleitet vom leckeren Duft von Hefeteig, Käse, Knoblauch und Gewürzen, kam er ins Wohnzimmer. »Pizza Diavolo! Ich hatte urplötzlich Lust darauf.«
   »Gute Idee.« Roselyne erwiderte seinen Kuss. »Wir decken den Tisch vor dem Fernseher.«
   Sie aßen während der Nachrichten. Erik erzählte nebenher von Maltes neuestem Flirt, einer Journalistenkollegin, und davon, dass Nick sich von seiner Freundin getrennt hatte. Julia, der sie vielleicht drei-, viermal begegnet waren.
   »Diesmal hat Nick es volle sechs Monate ausgehalten.« Erik verschlang den letzten Bissen und wischte sich mit seiner Serviette den Mund ab. Mit einem zufriedenen Seufzen sank er auf die Couch und streckte die langen Beine aus. Ein Lächeln umspielte seinen Mund. »Ich kann mir kaum noch vorstellen, dass ich vor nicht allzu langer Zeit genauso leichtlebig war wie meine Brüder. Und dass ich es genossen habe. Aber dann bin ich dir begegnet, Roselyne Weiß.«
   »Und du warst auf der Stelle hin und weg«, zog sie ihn auf.
   »So ist es. Du sitzt viel zu weit entfernt. Komm zu mir.«
   Roselyne rutschte näher. Erik zog sie zu sich hinunter und bettete ihren Kopf auf seine Brust. Kurze Zeit später schlief sie über dem langweiligen Tatort ein und wachte erst beim vorhersehbaren Ende wieder auf.
   »Mist«, schimpfte Roselyne, als sie sich im Bad für die Nacht fertig machten. »Jetzt bin ich wieder richtig munter.«
   »Tatsächlich?« Erik hob sie hoch, als hätte sie kein Gewicht, trug sie ins Schlafzimmer und ließ sie ins Bett fallen, wobei sie quietschte. Er legte sich zu ihr. »A rose is a rose is a rose is a rose«, flüsterte er ihr verheißungsvoll ins Ohr. Er spielte mit der Melodie, dem Gleichklang der Worte a rose und Eros. Mit zärtlichen Händen streifte er das Seidenhemd von ihrem Körper. Sie erschauderte unter seinen Berührungen und ließ sich mit ihm treiben.
   Nachdem sie sich geliebt hatten und aneinandergeschmiegt im Bett lagen, lauschte Roselyne Eriks Atemzügen. Das stetige Ein- und Ausatmen, das gleichmäßige Heben und Senken seines Brustkorbs, dieser sich wiederholende Rhythmus – all das lullte sie angenehm ein. Erik bewegte sich im Schlaf. Er gab ein Murmeln von sich und legte seinen schweren Arm quer über ihren Bauch. Sofort breitete sich ein tiefes Gefühl der Geborgenheit in ihr aus. Sie liebte ihn und wünschte sich, den Rest ihres Lebens mit ihm zu verbringen.

Am Samstag vor Roselynes und Eriks Abreise feierte Karin Ammer, Eriks Mutter, ihren sechzigsten Geburtstag. »Im engsten Familien- und Freundeskreis«, verkündete die Einladungskarte. Kein persönliches Wort, kein »Ich freue mich auf Euch«, und obwohl jemand eigenhändig die Karte vor drei Wochen in Roselynes Briefkasten gesteckt haben musste – es klebte keine Marke auf dem Umschlag –, stand lediglich Eriks Name auf dem Kuvert.
   Genau da lag das Problem. Karin Ammer behandelte Roselyne meistens, als wäre sie Luft. Roselyne befürchtete, dass Karin sie unausstehlich fand. Es lag nicht daran, dass sie irgendetwas falsch machte. Im Gegenteil, sie gab sich alle Mühe, aber offenbar lagen sie nicht auf einer Wellenlänge, egal, wie oft Erik wiederholte, dass sie eben noch warm miteinander werden müssten. Daher vermied sie es lieber, Karin zu begegnen.
   Leider würde sich das heute kaum bewerkstelligen lassen. Sie zog das knielange Kleid aus blauem Satin an, das in raffinierte Falten drapiert war. Es hatte einen Rundhalsausschnitt, lange Ärmel mit Spitzenbündchen und war gerade geschnitten. Ihr Haar fasste sie zu einem spanischen Knoten zusammen, dazu trug sie winzige Diamantohrstecker als einzigen Schmuck. Sie war zufrieden mit ihrer schlichten, aber eleganten Erscheinung.
   Erik trug wie gewöhnlich Jeans, hatte jedoch zur Feier des Tages ein lässig-markantes Zweiknopf-Sakko in Anthrazit und ein schwarz-grau gemustertes Hemd angezogen. Beides stand ihm ausgezeichnet.
   Als sie am Haus der Ammers eintrafen, öffnete Malte ihnen. Er begrüßte sie herzlich. An der Schiebetür zum Wohnzimmer blieben sie stehen. Obwohl der Bungalow vor über dreißig Jahren erbaut worden war, hatte der Architekt, Eriks Vater, bereits damals mit Echtholzdielen, geschickter Lichtführung, hellen Farben und einer klaren Formensprache eine moderne und zugleich einladende Atmosphäre geschaffen. Musik rieselte aus in die Decke eingelassenen Lautsprechern auf sie herab.
   Vor den Terrassentüren war ein Büfett aufgebaut. Ungefähr dreißig Menschen hatten sich zu Grüppchen zusammengefunden, die sich im Raum verteilten.
   Eriks Eltern Karin und Bernd standen mit einigen Freunden an der Hausbar. Bernd winkte, als er sie bemerkte. Karin rauschte auf Erik zu. Überschwänglich küsste sie ihn auf beide Wangen.
   Sie umarmte ihn, als wäre er soeben von einer monatelangen Reise zurückgekehrt, und nannte ihn »mein Junge«.
   Anschließend musterte sie Roselyne und nahm ihre Glückwünsche entgegen.
   »Danke. Wie nett, Sie wiederzusehen«, sagte sie knapp und zog eine derart frostige Miene, dass Roselyne befürchtete, ihr mitgebrachter Blumenstrauß könnte sich mit Raureif überziehen.
   Über das Geschenk, das Erik in ihrer beider Namen überreichte, freute sie sich jedoch offenbar. Es handelte sich um eine aufwendig und sorgfältig gearbeitete Anstecknadel, in deren Mitte eine rosafarbene geschnittene Muschelkamee eingefasst war. Bei einem Bummel hatten sie das Schmuckstück zufällig im Schaufenster eines Antiquitätenladens entdeckt. Erik wusste sofort, dass es seiner Mutter gefallen würde. Wieder küsste sie ihn und nickte beiläufig in Roselynes Richtung.
   »Ich glaube fast, sie hasst mich«, wisperte Roselyne Erik nervös zu, als sich seine Mutter entfernte, um die Blumen in eine Vase zu stellen.
   »Quatsch! Man muss dich einfach mögen.«
   »Er hat recht«, stimmte Nick zu, der in der Nähe stand und den verhaltenen Wortwechsel zufällig mit angehört haben musste. Er umarmte erst Roselyne, wobei er sie länger umfangen hielt als nötig. Danach kurz, aber herzlich, seinen Bruder. »Ihr Verhalten hat nicht das Geringste mit dir zu tun, Lyn. Sie mag prinzipiell keine Frauen, die ihr einen ihrer Söhne wegnehmen könnten.« Nick musterte Roselyne anerkennend. »Und um ehrlich zu sein, hast du gleich zweien von uns den Kopf verdreht. Schade, dass Erik dich vor mir entdeckt hat.«
   »Danke, du Schmeichler.« Sie lachte. »Das nehme ich als dickes Kompliment.«
   »Genau so ist es gemeint.«
   »Hey!« Erik mischte sich ein. »Machst du sie etwa an?«
   »Ein wenig.«
   Erik versetzte seinem Bruder einen gutmütigen Rempler. »Mach bloß, dass du wegkommst.«
   »Schon gut. Aber solltest du, liebe Lyn, meines Bruders je überdrüssig werden, dann …« Er zog vielsagend die Brauen in die Höhe und schlenderte feixend davon.
   Erik beugte sich zu Roselyne. »Ich glaube, Nick hat tatsächlich eine Schwäche für dich.«
   Eriks Patenonkel Robert und seine Frau Vera gesellten sich zu ihnen und verwickelten sie in ein Gespräch über die Wirtschaftskrise und über die Frage, ob man den Banken mit Krediten helfen sollte (Vera) oder es auf keinen Fall tun dürfte (Robert). Anschließend bedienten sich Erik und sie ein weiteres Mal am Büfett.
   Während der ganzen Zeit spürte sie, dass jemand sie beobachtete. Wie die meisten Frauen bemerkte sie es, wenn ein Mann sie ansah, weil sie sein Interesse geweckt hatte. Manchmal war es ihr unangenehm, besonders wenn sie den Mann unsympathisch fand, der sie im Visier hatte. Aber es gab auch Situationen, das musste sie zugeben, in denen es ihr schmeichelte. Bei Männern, die unaufdringlich, sympathisch oder sogar attraktiv waren. Es kam vor, dass sie solchen Blicken mit einem liebenswürdigen, doch zurückhaltenden Lächeln begegnete. Einfach aus Freude darüber, dass sie sich begehrenswert fühlte.
   Genau auf diese Art lächelte sie Nick zu, der allein auf einem Sofa saß. Nick, von dem Erik meistens nur erzählte, dass er Frauen anzog wie das Licht die Nachtfalter, von denen keine Einzige ihn bisher zu fesseln vermochte. Der Mann, der ständig neue Bekanntschaften schloss, offenbar stets auf der Suche nach etwas Reizvollem. Dieser Mann erwiderte ihr Lächeln und seine Blicke folgten ihr an diesem Abend noch häufig, bis Erik und sie schließlich aufbrechen wollten.
   Zunächst verabschiedeten sie sich von Eriks Vater, dann von seiner Mutter und Malte. Zuletzt kam Nick an die Reihe. Mit beiden Händen zog er sie an sich. Wieder meinte sie, die Umarmung dauerte zu lang. Oder täuschte sie sich?
   Auf der Heimfahrt beschloss sie, die Sache nicht überzubewerten und zu vergessen. Sie gähnte ausgiebig und Erik, wohl durch sie angesteckt, gähnte ebenfalls. Zufrieden lehnte sie ihren Kopf gegen seine Schulter und genoss das gemächliche Dahinrollen des Wagens, den Erik sicher durch die Dunkelheit lenkte.

Am Sonntagmorgen kam Erik wie üblich noch einmal zu Roselyne ins Schlafzimmer, ehe er sich mit seinem besten Freund Kevin zum Joggen traf. Obwohl es am Abend zuvor spät geworden war, war er bereits hellwach und trug seine Laufsachen und Turnschuhe.
   Sie blieb zusammengerollt unter der Decke liegen.
   »Löwin?«
   »Was gibt’s?«, fragte sie schlaftrunken.
   »Was soll ich dir vom Bäcker mitbringen?«
   Nun rührte sie sich. Sie gab ein träges und zugleich zufriedenes »Croissants« von sich. »Mit Schokolade, bitte.«
   »Zwei?«
   »Zwei, und zwei Körnerbrötchen. Diese dreieckigen mit Sesam drauf.«
   »Okay. Wird erledigt.« Er küsste ihre Stirn und ihre Nase – doch bevor er ihren Mund berührten konnte, zog sie blitzschnell die Decke bis zur Nasenspitze hoch.
   »Nicht, bevor meine Zähne geputzt sind«, zischte sie. »Das weißt du doch, Erik!«
   »Komm schon, stell dich nicht an.«
   »Nein!« Sie sah ihn empört über den Saum der Bettdecke hinweg an. »Ich finde das eklig.«
   »Ich nicht.«
   »Keine Chance.« Sie schüttelte den Kopf. »Jeden Sonntag das gleiche Spielchen. Wann gibst du es endlich auf?«
   »Keine Chance«, äffte er sie nach. »Wann gewöhnst du dich endlich daran?«
   »Nie, und damit basta! Zieh los, Kevin wartet.«
   »Also gut. Bis später. Liebdich.«
   »Liebdich.«
   Als die Haustür zuschlug, reckte sie sich ausgiebig, stand auf und ließ Wasser in die Wanne laufen. Fast zwei Stunden blieben ihr, um ausgiebig zu baden und ihr wöchentliches Körperpflegeprogramm zu absolvieren. Danach würde es ein köstliches Frühstück geben. Das Leben war herrlich! Sie drehte den Hahn zu und versank im Schaum. Es roch nach Mandelblüten. Ja, das Leben war wunderbar!
   »Kevin und Marina werden heiraten.«
   »Was?« Neugierig sah Roselyne von ihrem Brettchen hoch. Sie saßen am Frühstückstisch in der Küche. Draußen auf dem Fensterbrett gurrten mehrere Tauben, die Roselyne allmählich in den Wahnsinn trieben. »Wirklich?«
   »Wirklich.« Erik bestrich eine Brötchenhälfte dick mit Butter und Erdbeermarmelade. »Kevin hat es mir eben erzählt.« Herzhaft biss er hinein.
   »Das ist eine tolle Neuigkeit! Wann soll die Hochzeit stattfinden? Gibt es eine kirchliche Trauung? Werden wir eingeladen?«
   Kauend und nickend beantwortete er ihre hervorgesprudelten Fragen. »Nächstes Jahr, im Juli. In der Georgskirche. Natürlich sind wir eingeladen. Außerdem hat Kevin mich gefragt, ob ich sein Trauzeuge sein möchte.«
   »Das freut mich.« Sie konnte Kevin und Marina gut leiden. Seit sie mit Erik zusammen war, gingen sie hin und wieder zu viert aus und luden sich gegenseitig ein. Roselyne hoffte, dass sie bald fest in diese Freundschaft integriert sein würde. »Ich bin sicher, du wirst in einem eleganten Anzug umwerfend aussehen. Wie lange sind die beiden eigentlich zusammen?«
   »Fünf Jahre. Wenn ich ehrlich bin, fand ich es an der Zeit, dass sie Nägel mit Köpfen machen.«
   »Wie heißt es so schön im Volksmund?« Roselyne klopfte gegen die Fensterscheibe und die Tauben stoben davon. Endlich Ruhe. Sie lächelte Erik zu. »Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht was Besseres findet.«
   »Der Ansicht war ich früher auch. Doch seit einigen Monaten halte ich es mit einem anderen Sprichwort.«
   »Darf man erfahren, wie es lautet?«
   »Wahre Liebe gleicht einem Ring, und ein Ring hat kein Ende.«
   »Das klingt schön, Erik.«
   »Ja.«
   »Aber wie kann man sicher sein, dass es wahre Liebe ist?«
   »Ganz einfach. Man fühlt es, Löwin. Man weiß es sofort. So war es bei mir.«
   »Erik?«
   »Mhm?«
   »Bei mir war es auch so.«
   »Das ist gut«, sagte er ernst und zog sie eng an sich.

Bettgeflüster

Es kam ihr so vor, als verliefe die letzte Arbeitswoche vor ihrem Urlaub hektischer als gewöhnlich. Simmel schien sämtliche Übersetzungsarbeiten aus dem medizinischen Fachbereich ausgerechnet auf ihren Schreibtisch zu türmen, sodass sie sogar zweimal die Mittagspause mit Doro ausfallen lassen musste. Zu ihrer Freude nahm sie durch den Stress vier Pfund ab.
   Noch am Abend vor ihrem Urlaubsbeginn schob sie Überstunden. Ein Umstand, der ihr von Simmel lediglich ein Brummen einbrachte, das sie mit ein wenig gutem Willen als ‚einigermaßen zufrieden‘ interpretieren konnte. Erst gegen Viertel vor acht klopfte sie zaghaft an seine Tür und trat nach seinem »Herein« ein, um sich zu verabschieden.
   Er saß in seinem modernen, schmucklosen Büro, das komplett in Beige gehalten war. Hinter seinem Schreibtisch wirkte er noch gedrungener. Der bunte Tiffany-Rahmen mit dem Portrait seiner Frau mutete in der Kargheit des Raumes seltsam fehl am Platz an. Wie das einzig Lebendige. Dabei hatte Brigitte Simmel ein rascher Krebstod ereilt. Ihre Lunge war von unzähligen Tumoren befallen gewesen, ohne dass sie je eine Zigarette geraucht hätte. Simmel war bereits Witwer, als Roselyne die Stelle bei ihm antrat.
   Er musterte sie verhalten. Offenbar wünschte er ihr einen tollen Urlaub und dass sie sich gut erholen sollte, damit sie wieder voller Tatendrang an ihren Arbeitsplatz zurückkehren konnte. Sie war sicher, dass seine Miene genau das ausdrücken sollte. »Schönen Urlaub«, sagte er laut.
   »Danke, Herr Doktor Simmel. Also dann, bis übernächste Woche.«
   Wortlos wandte er sich wieder seinem Bildschirm zu, was so viel bedeutete wie: Sie können gehen.
   Auf dem Weg zum Parkplatz verfolgte sie die Vorstellung, wie Simmel von einem einsamen, freudlosen Büro in ein ebenso einsames, freudloses Haus heimkehren würde. Es schauderte Roselyne, wenn sie an dieses Haus dachte, an den Garten und das, was dahinter lag. Sie war nur einmal dort gewesen, vor drei Jahren ungefähr, als der schwer erkältete Simmel sie gebeten hatte, einige Unterlagen abzuholen, die für den Jahresabschluss in der Buchhaltung benötigt wurden. Sie hatte sich in seinem Haus mehr als beklommen gefühlt und es kaum abwarten können, wieder zu gehen.
   Sie verlangsamte ihre Schritte und blieb stehen. Hinter Simmels Fenstern brannte Licht, das seine Silhouette an die kahle Wand warf. Es war das einzige noch erleuchtete Fenster. Dann wurde auch das dunkel. Sie ging weiter. Der Wind blies ihr in den Rücken und trieb sie vor sich her, als wollte er sie zur Eile anhalten. Sie schloss die Wagentür auf und ließ sich in den Sitz fallen. Es war kalt im Auto und es dauerte eine Weile, bis die Heizung heiße Luft hervorbrachte. Sie stöhnte wohlig unter dem Luftschwall.
   Im Radio kamen die Nachrichten. Der Wettermann berichtete im Anschluss, dass es in den Bergen Mitteleuropas einen ungewöhnlich frühen winterlichen Wettereinbruch gegeben hätte. Sie horchte auf und drehte lauter. Vor allem im östlichen Mitteleuropa sowie im Alpenraum waren bis zu dreißig Zentimeter Neuschnee gefallen. Die Ortschaften in den tieferen Lagen waren jedoch bisher verschont geblieben. Genau dort würden sie ihren Urlaub verbringen. Einerseits freute sich Roselyne auf die frisch verschneiten Gipfel – anderseits schüttelte es sie, wenn sie an das frostige Wetter dachte. Sie hoffte inständig, dass der Schnee ihr die Kletterei nicht allzu sehr erschweren würde. Sie wollte keinesfalls eine lästige Bürde für die anderen sein und ihnen den Spaß an der Sache verderben.
   Eine leichte Unruhe überkam sie. Genau das konnte passieren, machte sie sich klar. Sie war blutige Anfängerin, völlig unerfahren, was das Klettern betraf. Noch nie war sie im Gebirge gewesen. Das Höchste, was sie jemals bestiegen hatte, waren die Rodelhänge im Sauerland in ihrer Kindheit. Hänge eben, höhere Hügel – keine Berge.
   Sie hatte Erik wochenlang anbetteln, geradezu beknien müssen, sie einmal zu einer Bergtour mitzunehmen, und stets eine abschlägige Antwort zu hören bekommen. Nur ihre Hartnäckigkeit und die Tatsache, dass Nick irgendwann mitleidig vorgeschlagen hatte, mit ihr zum Monte Rosa zu fahren, weil der für Neulinge halbwegs einfach zu bewältigen war, brachten schließlich den gewünschten Erfolg. Wie dankbar sie Nick gewesen war. Doch nach diesem Wetterbericht breitete sich in ihrem Bauchraum ein leeres Gefühl aus.
   Verdammt, sie würde das hinkriegen! Schnee hin oder her. Sie war wohl kaum die Erste, die da raufkraxelte, und sie würde nicht die Letzte sein. Außerdem waren Erik, Nick und Malte bei ihr.
   Sie drehte die Heizung auf die höchste Stufe und trat fester auf das Gaspedal. Es verlangte sie nach Eriks Nähe. Nach seinem sonnigen Gemüt, seiner Gelassenheit. Er würde ihr zuhören und sie necken. »Erst raubst du mir den letzten Nerv, weil du mitwillst, und anschließend jammerst du mir die Ohren voll, weil du lieber zu Hause bleiben würdest.«
   So etwas in der Art. Doch am Ende würde er ihr Unbehagen zerstreuen.

Zu Hause fand sie lediglich eine Nachricht von Erik vor. Er hatte sie auf ein Blatt Papier geschrieben und daraus ein Männlein gefaltet. Seine typische Art, ihr kleine Botschaften zu hinterlassen. Erik, der Tag für Tag mit Computern, Programmen und dem Internet zu tun hatte, verschickte privat ungern Mails oder SMS. Er fand es unpersönlich und nur in Ausnahmefällen oder geschäftlichen Angelegenheiten passend.
   Sie entfaltete das Männchen und strich den Bogen glatt.

Löwin,

ich muss bei meiner Versicherung vorbei. Den Termin hatte ich vollkommen verschwitzt! Danach fahre ich in meine Wohnung, um meine Klamotten zu holen, und auf einen Sprung zu meinen Eltern.

Lieb dich!
Erik

PS: Warte auf mich und schlaf nicht ein – es wird nicht allzu spät!

Den letzten Satz las sie zweimal. Ein Kitzeln strich über sie hinweg, das den Berührungen von Erik glich. Sie nahm sich fest vor, wach zu bleiben.
   Im Korridor standen ihr Gepäck und ihr nagelneues Kletterzeug samt Helm und Stiefeln für die morgige Abfahrt bereit. Daneben war noch Platz für Eriks Reisetasche, Rucksack und seine umfangreiche Ausrüstung.
   Sie räumte den Wäschetrockner aus und legte ein zweites Nachthemd und Socken in ihre Tasche. Jetzt fehlte nur noch das Waschzeug, das sie morgen nach dem Duschen einpacken wollte. Das Telefon läutete. Sie hoffte, dass es nicht Erik war, um ihr zu sagen, dass er es sich anders überlegt hätte und in seiner Wohnung übernachten würde. »Weiß«, meldete sie sich.
   »Salut, Lyn, mon cœur.«
   »Maman!« Roselyne freute sich jedes Mal, wenn sie mit Maman wieder französisch reden konnte.
   Ihre Eltern hatten sich, ziemlich klischeehaft, bei einer Weinprobe kennen- und lieben gelernt. Ihr Vater, den Maman Pierre statt Peter nannte, heiratete die elfenhafte Yvette vom Fleck weg – sehr zum Verdruss der Großeltern, die ihrer einzigen Tochter die Ehe mit einem Boche, wie viele Franzosen die Deutschen in Anspielung auf ihre Vergangenheit noch immer abschätzig nannten, nie verziehen.
   Umgekehrt gab es keine Schwierigkeiten, denn ihr Vater kannte seine Eltern nicht. Er war in diversen Heimen aufgewachsen. Eine Zeit, über die er ungern sprach.
   »Salut, Maman, ça va?«
   »Ça va bien, merci. Es geht mir gut. Ich wollte mich … Comment?«
   Eine tiefe Stimme im Hintergrund mischte sich ein.
   »Ah, oui, Pierre. Das weiß sie doch«, sagte Maman mit einer Spur von Ungeduld.
   Roselyne stellte sich vor, wie ihre Eltern nebeneinander auf dem Sofa saßen. Maman drückte das schnurlose Telefon gegen ihr Ohr, während ihr Herr Papa versuchte, mitzuhören.
   »Lyn? Also, wir wollten nur Hallo sagen und euch einen tollen Urlaub wünschen. Amusez-vous bien. Bonnes vacances.«
   »Merci. Ich bin ziemlich aufgeregt. Hast du den Wetterbericht mitbekommen? In den Hochlagen hat es bereits geschneit.«
   »Ah bon? Es wird bestimmt magnifique. Die Berge, die gute Luft, das Essen!« Maman schnalzte hingerissen mit der Zunge.
   Roselyne kicherte. »Oui. Vor allem das gute Essen.«
   »Gib sie mir auch mal«, verlangte ihr Vater. Sie hörte ein kurzes Gerangel, auf Französisch hervorgestoßene Proteste Mamans und dann dröhnte der väterliche Bass durch den Hörer: »Ich wünsche dir viel Spaß, mein Mädchen! Pass gut auf dich auf, hörst du?«
   »Klar, mach dir keine Sorgen. Die Jungs sind doch bei mir.«
   »Gut, gut. Das beruhigt mich wirklich.«
   Abermals Gerangel. »Yvette!«
   »Ihr habt bestimmt noch dies und das zu erledigen, n’est-ce pas?« Maman war wieder dran.
   »Oui. Allerdings nur Kleinigkeiten. Blumen gießen, den Abfall rausbringen. Solche Sachen.«
   »Bon. Tut das und legt euch früh hin, damit ihr für die lange Fahrt ausgeruht seid. Ist Erik bei dir?«
   »Non, Maman. Allerdings müsste er bald eintrudeln.«
   »Ah. Also, grüß ihn von mir … Was? … Das weiß sie doch. Also, grüß ihn von uns, Roselyne. Alors, bis in einer Woche! Au revoir, mon cœur.«
   »Bis in einer Woche. Macht’s gut. Bonne nuit.«
   »Du auch, Lyn. Dors bien … Was? … Oui, oui! Papa wünscht dir schöne Träume. Fais de beaux rêves!«

Eine Stunde später verlor Roselyne den Kampf gegen die Müdigkeit und legte sich ins Bett.
   Es war Eriks Stimme, die sie weckte. »A rose is a rose is a rose is a rose …« Dieser sinnliche Rhythmus, den sie mittlerweile so gut kannte.
   »Erik«, wisperte sie in die Dunkelheit.
   Sein Feuerzeug loderte auf. Die drei Kaminkerzen in der Ecke des Zimmers wurden angezündet. Ihre Flammen flackerten kurz, dann brannten sie ruhig und leise knisternd. Sie verströmten ihr weiches Licht und legten eine Aura um Eriks nackte Gestalt. Langsam wurde Roselynes Decke fortgezogen. Sie glitt schmeichelnd an ihr hinab. Dort, wo die Abendkühle ihren bloßen Körper berührte, überzog er sich mit einer Gänsehaut. Einen Pulsschlag später war Erik auf ihr. Sein Gewicht hielt sie fest in den Kissen und sein Blick versenkte sich tief in ihrem. Lippen suchten Lippen, Fingerspitzen tasteten, Atem streifte erhitzte Haut, bis jeder Nerv vibrierte, jede Zelle glühte.
   »Glaubst du, das wird irgendwann mal anders sein, Lyn?« Eriks Stimme war belegt. »Dieses Gefühl. Dieser Drang. Werden wir je aufhören, uns berühren, uns lieben zu wollen?«
   »Nein.« Für sie war das unvorstellbar. »Komm zu mir«, flüsterte sie. »Komm ganz tief in mich.«
   Und sie fanden auf die wunderbare Art zusammen, in der Liebende eins werden, wild und sanft zugleich. Am Ende liebten sie sich langsam, ganz langsam.
   Als hätten sie alle Zeit der Welt.

Im Schlafzimmer roch es nach geschmolzenem Kerzenwachs mit einer Spur Vanille. Roselyne setzte sich auf und wickelte sich in ihre Decke. Die Bewegungen brachten das Kerzenlicht zum Flackern. Schatten tanzten durch das Zimmer, huschten über das Bett und kamen wieder zur Ruhe. »Erik?«
   »Hm?« Träge öffnete er ein Auge.
   »Ich habe nachgedacht. Ich mache mir Sorgen, dass ich in Nido nicht mit euch mithalten kann und euch mit meiner Ungeschicklichkeit den Urlaub verderbe.« Sie hielt kurz inne, als urplötzlich ein neuer, ein erschreckender Gedanke aufzuckte. »Oder was ist, wenn mir bei der Herumkraxelei etwas zustößt? Wenn ich abstürze und mir was breche? Oder …« Ihr stockte der Atem.
   »Oder, was?«
   »Tödlich verunglücke.«
   »Was?« Er öffnete beide Augen und musterte sie aufmerksam. »Nun hör aber auf. Erstens: Sterben kann man immer und überall. Beim Fensterputzen, wenn man die Straße überquert oder in der eigenen Badewanne. Sogar im Schlaf. Dazu muss man keinen Berg besteigen. Und zweitens: Du wolltest unter allen Umständen mitkommen. Du hast dich riesig gefreut, als du mich so weit hattest. Was bringt dich jetzt auf solche absurden Ideen?«
   »Ich kann es nicht genau erklären. Ich bin unruhig.«
   »Hast du die Nachrichten gesehen? Den Wetterbericht?« Seine Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen. »Ist es wegen des frühen Schnees?« Er setzte sich ebenfalls auf, nahm ein gelbliches bedrucktes Blatt von seinem Nachttisch und begann, nebenher ein Origami zu falten.
   »Vermutlich«, räumte sie ein. »Ich habe es auf dem Heimweg im Radio gehört. Seitdem habe ich irgendwie Angst.«
   »Nick, Malte und ich, wir sind seit unserer Kindheit Alpinisten. Wir steigen nicht zum ersten Mal auf einen verschneiten Gipfel.« Ein beruhigender Unterton schwang in Eriks Worten mit.
   »Ich dagegen schon.«
   »Aber in unserem Beisein. Außerdem ist der Monte Rosa nicht der Nanga Parbat.«
   Sie schwiegen. Nur das Rascheln des Papiers in Eriks faltenden Händen war zu hören.
   »Es wird dir nichts passieren.« Er zeigte ein zuversichtliches Grinsen. »Keinem von uns. Ich versichere es dir. Immerhin bist du mit der Ammer-Seilschaft unterwegs.«
   »Und wenn doch? Was würden meine Eltern durchmachen! Amélie. Doro. Und du? Was würdest du durchmachen, Erik?«
   Er schaute von seiner Arbeit auf. »Rede keinen Unsinn.« Seine Augen waren so blau wie die eines Siamkaters. Liebevoll und ein wenig belustigt ruhten sie auf ihr. Roselyne hatte diese Katzenaugen niemals traurig gesehen. Sie musste wieder an Simmel denken. An das Haus, den Garten und an das, was sich dahinter erstreckte. Das leere Bauchgefühl breitete sich erneut in ihr aus.
   »Ich würde nicht wollen, dass ihr zu sehr um mich trauert«, setzte sie hinzu, als hätte es keinen Einwand gegeben. »Keiner von euch. Und du am allerwenigsten. Du solltest dir so rasch wie möglich ein Leben ohne mich aufbauen, es genießen – an der Seite einer neuen Frau. Das würde ich wollen. Ich würde es wirklich wollen.«
   »Kann es sein, dass du dich in etwas hineinsteigerst?«
   Sie ging nicht darauf ein. »Du kennst doch Simmel«, fuhr sie stattdessen fort.
   »Simmel?« Er legte die Stirn in grüblerische Falten. »Warte mal. Das ist doch der kleine, wortkarge, völlig humorlose Telepath, für den du arbeitest«, neckte er sie.
   »Wirklich, Erik, du Kindskopf. Sehr lustig!« Sie schleuderte ein Kissen nach ihm, dem er geschickt auswich. Sofort wurde sie wieder ernst. »Wusstest du, dass er Witwer ist?«
   Erik begutachtete sein Papiergebilde. »Sicher, du hast es erwähnt.«
   »Habe ich auch erwähnt, dass er in einer alten Stadtvilla in einer Sackgasse wohnt? Ganz allein. Und mir zudem aufgefallen ist, dass die meisten Zimmer noch nicht einmal möbliert sind?«
   »Und? Möchtest du, dass ich zu ihm ziehe, falls dir etwas zustößt? Dass wir eine Art Witwer-WG gründen, oder was?«
   »Erik!« Halb im Spaß versuchte sie, ihm einen Schlag zu versetzen, wobei die Decke verrutschte und ihre Brüste entblößte.
   Begehren glomm in den Tiefen seiner Pupillen auf. Er legte zur Seite, woran auch immer er herumfaltete. »Wenn ich dich nur ansehe, Löwin …« Sein Mund kam ihrem ganz nah. Betörend nahe …
   Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Es pochte wild, doch sie legte ihre Hand über Eriks Lippen.
   »Simmels Haus ist deprimierend genug«, fuhr sie unbeirrt fort. »Aber das, was mich wirklich fertiggemacht hat, war nicht das Haus, sondern der Garten. Er läuft leicht abschüssig auf eine Koniferenhecke zu und dahinter …« Sie schluckte die Trockenheit in ihrer Mundhöhle hinunter.
   »Und dahinter – was?«
   »Dahinter liegt ein Friedhof. Er grenzt an Simmels Garten. Es ist der Friedhof, auf dem seine Frau beigesetzt ist. Nur aus diesem Grund hat er das Haus genommen, als es zum Verkauf stand. Das hat er mir selbst erzählt.«
   Eriks Miene war undeutbar.
   »Er will in ihrer Nähe sein. Wenn er tagsüber aus dem Fenster blickt, sieht er den Marmorengel auf ihrem Grab. Bei Dunkelheit das ewige Licht darauf. Dann hat er das Gefühl, ihr nah zu sein.«
   »Das ist krass«, bemerkte Erik nach einer Weile. »Hat aber nichts mit uns zu tun.« Er legte die Arme um sie.
   Roselyne lehnte sich an ihn und wurde ruhiger.
   »Außer, dass ich erwarte, du würdest in ähnlicher Weise um mich trauern.« Er scherzte, offensichtlich in dem Versuch, sie aufzuheitern. »Falls ich vor dir sterbe, darfst du dir keinen anderen Mann mehr nehmen. Versprich es mir.«
   »Das ist kein bisschen witzig!«
   »Versprich es.«
   »Ich meine, Simmels Frau ist tot, sie hat ihren Frieden – es ist sein Geist, der keine Ruhe findet. Es ist grauenvoll. Ich fände es unerträglich, wenn du so weiterleben würdest.«
   »Manche würden es wildromantisch nennen.«
   Ihre Blicke verfingen sich, bevor Erik sie küsste. Roselyne ließ sich zurücksinken. Ihre Lippen lösten sich voneinander.
   »Ich verspreche es dir«, murmelte sie erstickt.
   Verwirrt sah er sie an. »Was?«
   »Falls du vor mir sterben solltest, nehme ich mir keinen anderen Mann mehr«, wiederholte sie seine Worte. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. »Niemals.«
   »Sehr gut. Ich werde aus dem Jenseits darüber wachen. Und falls du dein Wort brichst, kehre ich zurück. Dann geschieht Folgendes mit dir …« Er biss leicht in ihren Hals, die Schultern, Arme und überzog ihren Körper mit zärtlichen Bissen, unter denen Roselyne sich abwechselnd kichernd oder genüsslich seufzend wand.
   In dieser Nacht fanden sie nur wenig Schlaf. Kurz vor der Morgendämmerung legte Erik ihr das Origami auf den Bauch, das er während ihres Gespräches gefaltet hatte.
   »Was ist das?« Sie hob es hoch. »Ein Schmetterling?«
   Er nickte. »Das Sinnbild der unsterblichen Seele.«
   Das Flackern des Kerzenlichts zauberte die Illusion, der Falter wäre lebendig.
   »Er ist wunderschön.«
   »Du solltest gut auf ihn achtgeben.« Eriks Stimme klang ungewöhnlich ernst. »Der ist etwas ganz Besonderes.« Er nahm ihn und setzte ihn zwischen die anderen Figuren auf die Kommode. »Und ziemlich wertvoll.« Damit verschwand er im Bad.
   Roselyne gähnte, zu übernächtigt, um über seine Worte nachzudenken. Sie schloss die Augen wieder und träumte, Erik hätte sich in einen Schmetterling verwandelt, der, weiß und zart wie ein Flaumfederchen, im blauen Tageslicht umherflatterte und sich immer weiter von ihr entfernte. Bis er verschwunden war.

Reiselust, Reisefrust

Zaghaft stahl sich die Morgendämmerung in die Küche, in der sich Roselyne, benebelt von Müdigkeit, an den Tresen klammerte.
   »Das ist alles deine Schuld, Erik Ammer«, schmollte sie. Verflogen war die romantische Stimmung, der Rausch der Gefühle, die beseelte Lust der vergangenen Nacht. Verflogen jeder Funke Verzückung. Sie wollte nur schlafen.
   »Was meinst du?« Erik mimte den Ahnungslosen. Er war hellwach und agierte ausnahmsweise rasch und geordnet: packte ihr Waschzeug ein, füllte Thermoskannen, kontrollierte Geld, Ausweispapiere und Handys, während Roselyne am Tisch saß, einen doppelten Espresso trank und Erik im Auge behielt. Geschäftig lief er hin und her, um … ach, was wusste sie, warum!
   Sie zeigte mit dem Finger auf ihn. »Du hast mich die ganze Nacht wach gehalten.«
   »Ich hatte nicht den Eindruck, dass es dich störte. Wenn ich mich recht erinnere«, er schnappte ihr die leere Tasse weg, »hast du dich regelrecht, nennen wir es mal, angebiedert.«
   Sanfte Hitze stieg Roselyne ins Gesicht und sie ärgerte sich, dass sie errötete.
   »Um die Wahrheit zu sagen …« Erik spülte die Tassen. »Du warst wie eine wilde Bestie. Eine Löwin vielleicht.« Er zwinkerte ihr zu. Das brachte sie zum Lachen, weil Erik nicht zwinkern konnte, ohne seine Stirn in tiefe Falten zu legen und sein Gesicht zu verzerren. Was jedes Mal urkomisch aussah und sie an Stan Laurel erinnerte.
   Sie fing das Geschirrtuch auf, das er ihr zuwarf, trocknete ab und räumte die Tassen in den Schrank.
   »Fertig?« Erik trat dicht hinter sie. Er streifte ihr Haar zur Seite und küsste ihren Nackenwirbel.
   »Ja. Außer, dass ich noch mal zur Toilette muss.«
   Als sie zurückkam, stand er am Fenster, ein dunkler Umriss vor dem sich erhellenden Rechteck, und sah auf die Straße. Sie stellte sich neben ihn. Erik legte den Arm um sie und zog sie an sich. Schweigend sahen sie dem Erwachen eines neuen Tages zu, während sie auf Nick und Malte warteten.
   In der Ferne war ein Motorengeräusch zu hören, das rasch lauter wurde.
   »Da kommen sie«, bemerkte Erik.
   Tatsächlich hielt der Jeep seines Bruders vor dem Haus. Malte stieg aus, sah zu ihnen hinauf und winkte. Roselyne und Erik erwiderten den Gruß. Zweimal mussten sie den Weg durch den Hausflur machen, bis sie die Sachen runtergetragen hatten, und zweimal räumten sie den Wagen aus und wieder ein, ehe alles so gepackt war, dass das Gepäck Platz fand.
   Roselyne befürchtete insgeheim, dass sie die gesamte Nachbarschaft aufwecken könnten und es womöglich ein Mordstheater gäbe. Doch bis auf ihre eigenen gedämpften Stimmen und das Gepolter im Treppenhaus, das ihr überlaut vorkam, blieb es ruhig.
   Wieder einmal fiel ihr auf, wie sehr die Brüder einander ähnelten. Besonders Erik und Nick. Ihre Schultern waren breit und die Haare vom gleichen Strohgelb. Bei allen dreien hing dieses leicht verwegene Grinsen in den Mundwinkeln und sie hatten lange, kräftige Beine, die in Jeans steckten. Irgendwie wirkten sie auf Roselyne an diesem Morgen wie Fantasiegestalten. Prinzen vielleicht. Oder möglicherweise die drei Musketiere. Bei dieser Vorstellung standen sie vor ihrem geistigen Auge in der jeweils passenden Kleidung da. Als sie bei Cowboys in langen Staubmänteln angekommen war, gluckste sie vor sich hin, wodurch sie die Aufmerksamkeit und befremdete Blicke des Trios auf sich zog.
   »Ich fürchte, sie ist überdreht«, meinte Erik gedehnt. »Sie hatte eine«, geschickt machte er eine winzige Atempause, die hoffentlich nur Roselyne auffiel, »unruhige Nacht.« Dabei legte er eine kaum merkliche Betonung auf unruhige.
   Wieder spürte sie diese verräterische Hitze in den Wangen und registrierte, wie viel Spaß Erik das bereitete. Sie sah ihn böse ihn an, doch er verzog nur belustigt den Mund.
   »Willst du dich auf den Rücksitz setzen?«, fragte Nick. »Du kannst dich ausruhen, solange wir die restlichen Kleinigkeiten einpacken.«
   Roselyne nickte und machte es sich im Fond bequem. Sie ließ sogar zu, dass Nick eine Decke zum Schutz gegen die morgendliche Kälte um sie legte. Als endlich alle im Wagen saßen und sie dem sachten Schaukeln des Autos nachspürte, fühlte sie sich rundherum wohl. Die Abenteuerlust kehrte zurück. Holprig fiel sie in den Refrain mit ein, als die Brüder Azurro anstimmten. »Azzurro, il pomeriggio è troppo azzurro e lungo per me. Mi accorgo di non avere più risorse senza di te.« Erik begann mit dem Gesang, dann stiegen Malte und Nick perfekt abgestimmt ein.
   Azzurro, übersetzte sie in Gedanken, zu blau ist der Nachmittag, und zu lang für mich. Ich spüre, dass ich kaum noch Kraft habe, seit du weg bist … Wie seltsam. Sie hatte nie bemerkt, wie schwermütig dieses fröhlich klingende Lied im Grunde war.

Zehn Stunden, zwei ausgiebige Rasten, vier Pinkelpausen und drei Fahrerwechsel später erreichten sie am Spätnachmittag ihr Ziel. Zumindest Roselyne war am Ende ihrer Kräfte, denn während sie die Serpentinen der italienischen Alpen überquerten, hatte sich herausgestellt, dass sie regelrecht seekrank wurde. Die Windungen, das sich wiederholende Auf und Ab der schier endlosen Strecke, die sich wie eine gigantische Urzeitschlange durch die Bergwelt zog, verursachten ihr heftige Übelkeit. Wieder und wieder ballte sich ihr Magen zusammen und Nick, der zuletzt Erik abgelöst hatte, musste rechts ranfahren, damit sie sich übergeben konnte. Sie würgte hilflos am Straßenrand, bis nur noch Gallenflüssigkeit hochkam und schließlich nichts mehr. Ihr tränten die Augen. Sie schwitzte vor Anstrengung und wusste, dass sie unangenehm roch.
   Erik hockte mit besorgter Miene neben ihr. Der Gedanke, dass er sie in diesem unwürdigen Zustand sah, behagte ihr wenig. Wenn sie geahnt hätte, dass ihr übel werden würde, hätte sie sich ein Medikament gegen Reisekrankheit besorgt. Aber das ließ sich jetzt kaum mehr ändern. Erneut krampfte ihr Magen sich zusammen und sie würgte. Es klang, als ob jemand stranguliert würde.
   Währenddessen murmelte Erik beruhigende Worte. Er half ihr auf die Beine und gab ihr eine Flasche Mineralwasser, mit dem sie sich den Mund ausspülte und den Geschmack von Erbrochenem und Galle ausspuckte. Mit Tempotaschentüchern wischte er ihr das Gesicht ab, als wäre sie ein Kind. Auf wackligen Knien stand sie neben ihm.
   »Sieh mal.« Er deutete auf das Bergmassiv. Das Sonnenlicht funkelte in seinen Augen, während er ehrfürchtig die Jahrmillionen alten Felsformationen betrachtete.
   Sie gab ihm zuliebe ein Krächzen von sich, von dem sie hoffte, dass es einigermaßen beeindruckt klang, doch ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen. Sie hatte im Moment keinen Blick für die Silhouette der Granitzacken, keinen Sinn für das Schimmern der von ewigem Schnee überzogenen Gipfel oder die schroffe Schönheit der Steilwände.
   »Spürst du es?« Er blickte weiter sehnsuchtsvoll in die Ferne. »Der Hauch der Ewigkeit weht dort oben.«
   Roselyne spürte nur ihren verkrampften, gluckernden Magen, behielt das aber für sich.
   »Sie rufen nach dir«, sagte Erik wie zu sich selbst. »Die Berge. Man kann es bis hierher hören.«
   Alles, was an ihr Ohr drang, war der gutmütige Spott seiner Brüder, die im Wagen saßen und feixend fragten, ob sie versehentlich ihren Magen mit erbrochen hätte. Deren Lachen kam Roselyne reichlich übertrieben vor.
   Erik legte einen Arm um ihre Schultern. Aufmunternd zwinkerte er ihr zu, doch nicht einmal sein Stan-Laurel-Gesicht, das er dabei zog, konnte sie aufheitern. Erst, als sie die Kurven hinter sich gelassen hatten und auf das Örtchen Nido zuhielten, ließ die Übelkeit allmählich nach.
   Sie fuhren langsam durch das urige Walserdörfchen, dessen Ortsschilder in drei Sprachen – Italienisch, Deutsch und Französisch – beschriftet waren. Das waren Roselynes Sprachen.
   Ihr Hotel, das Albergo Il Rosa, lag ein wenig abseits. Es war genauso malerisch wie auf dem Bild im Reisekatalog: ein Walserhaus mit der für die Region charakteristischen Holzschindelverkleidung, von Balkonen umgeben. Die schmucke Giebelseite mit den zahlreichen kleinen Fenstern samt ihren hölzernen Läden und den von Blüten überwucherten Geranienkästen davor war talwärts gerichtet wie die der anderen Häuser, die sich alle mehr oder weniger glichen.
   Sie hielten auf dem Parkplatz vor dem Gebäude und stiegen aus. Roselyne atmete tief durch. Erik streckte sich ausgiebig.
   »Geschafft!« Nick schüttelte seine langen Beine und unterdrückte ein Gähnen. »Herzlich willkommen in Nido, Lyn!«
   »Ah, da kommt Gianna.« Malte deutete mit dem Kopf in Richtung des Hotels. Die Tür hatte sich geöffnet. Eine füllige Frau mit Haarknoten eilte die Stufen hinunter. Sie war um die sechzig und trug eine schlichte, hochgeschnürte Frauentracht mit hellrosa Schürze.
   »Bon Giorno«, rief sie schon von Weitem und begrüßte sie mit einem deutschen Redeschwall herzlicher Wiedersehensfreude.
   »Das ist Gianna Castagnola, unsere Wirtin. Und das hier ist Roselyne Weiß«, stellte Erik sie einander vor. »Meine Roselyne.« In seinem breiten Grinsen schienen all seine Zuneigung und ein tiefer Stolz auf Roselyne zu liegen, was ihr in Anbetracht ihres desolaten Zustandes zumindest schwer nachvollziehbar vorkam.
   »Ah, va béne!« Gianna lächelte ebenfalls. Erfreut schüttelte sie Roselynes Hand, als diese sie in fehlerfreiem Italienisch begrüßte.
   Im Haus luden die urgemütliche Stube und die bereits für das Abendessen gedeckten Tische zum Verweilen ein. Der Geruch von Polenta, geschmortem Fleisch, Tomaten und Käse breitete sich aus. Roselynes gereizter Magen protestierte und sie war dankbar, als Erik ihre Koffer nahm und sie zu ihrem Zimmer brachte, um danach mit seinen Brüdern den Wagen weiter auszuladen.
   »Bis später.« Er schob sie durch die Tür in das Zimmer. Es war ein schlichter, doch durch und durch anheimelnder Raum mit niedriger Decke und einem Dielenboden, auf dem ein Wollteppich lag. An den hellen Wänden hingen Bilder von Bergen: naive Kunst zwar, aber keine Drucke, sondern Aquarelle. Das rustikale Bett war breit und das Federbett darauf dick wie eine Kumuluswolke.
   Durch das geöffnete Doppelfenster sah man durch die Geranien hindurch auf das machtvolle Gebirge, seine nackten blaugrauen Felsen und die glitzernden Schneekuppen. Darüber spannte sich der Himmel, an dessen Rand die Abendsonne langsam versank. Weiter unten im Tal waren Häuser zu erkennen, dazwischen enge Gassen. Erste Lichter flammten auf. Ein Vogel zog vorbei, sonst regte sich nichts. Die Landschaft ruhte still, während die Dämmerung träge vom Himmel schwebte, die Berge umhüllte und sie in düstere, schroffe Schatten verwandelte.
   Es wurde kühler. Roselyne riss sich von dem Panorama los, schloss das Fenster und zog die Vorhänge vor. Im gelben Schein der Lampe packte sie die Koffer aus. Danach putzte sie sich die Zähne und duschte, so heiß sie es aushielt. Anschließend schlüpfte sie in ihr Nachthemd und ließ sich aufstöhnend auf das Bett fallen.
   Sie fragte sich, wo Erik blieb, dabei lauschte sie auf die gedämpften Geräusche in dem hellhörigen Haus. Da waren die Stimmen von Gästen und dem Personal: gebrochenes Italienisch auf der einen Seite, mit Akzent gefärbtes Deutsch auf der anderen, oder beides fließend. Geschirrklappern, Giannas Lachen, in das Erik, Nick und Malte einfielen. Fußgetrappel auf dem Flur.
   Irgendwo spielte Musik, zu leise, als dass sie erkennen konnte, was es war, aber besänftigend und einschläfernd. Ihr Kopf wurde schwer. Sie drückte sich tiefer in das Daunenkissen. Traumfetzen flimmerten auf und beinahe hätte sie das Klopfen überhört. Auf nackten Füßen tappte sie zur Tür. Sie sah in Eriks Gesicht. Er zog verwundert die Brauen zusammen.
   »He, was ist los? Warum bist du schon im Nachthemd?« Er legte das Kletterzeug ab und zog sie in eine Umarmung. »Willst du nicht zum Essen runterkommen?«
   Roselyne lehnte die Stirn gegen sein Brustbein. »Nein«, murmelte sie. »Sei nicht böse, aber ich möchte lieber liegen bleiben. Ich bin völlig erledigt. Außerdem habe ich überhaupt keinen Hunger.«
   »Okay. Wie du willst.« Ein Kuss streifte ihre Schläfe. »Dann wirst du wohl nachher schon schlafen, oder?«
   »Mit Sicherheit.«
   »Na gut.« Er küsste sie noch einmal. Es war ein sanfter, gefühlvoller Kuss. »Bis später, Löwin. Ich werde versuchen, dich nicht zu wecken.« Zögernd gab er sie frei. Bevor er hinausging, drehte er sich noch einmal um. Seine Rechte fuhr zu seiner Hemdtasche. Erst jetzt fiel ihr die Ausbeulung darin auf. Erik öffnete den Mund, ganz so, als wollte er noch etwas sagen. Doch dann schien er es sich anders zu überlegen und ließ die Hand wieder sinken.
   »Ist was, Erik?«
   Nachdenklich musterte er sie. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Alles in Ordnung.« Er fügte das vertraute »Liebdich« hinzu.
   »Liebdich auch. Nimm den Schlüssel mit«, gähnte sie.
   Sein Gesichtsausdruck wurde weich. Er zog die Tür hinter sich ins Schloss.
   Sie war allein. Schlotternd kroch sie unter die noch warme Decke zurück und knipste die Nachttischlampe aus. Die Musik war verstummt, die Geräusche im Haus klangen leiser in ihren Ohren, bis die Erschöpfung sie ganz auslöschte. Schwer tauchte Roselyne hinab in den Schlaf.
   Irgendwann bemerkte sie, wie Erik sich ins Zimmer schlich und zu ihr ins Bett kam. Im Halbschlaf rückte sie an ihn heran. Er legte sich hinter sie und schlang einen Arm um ihre Mitte, sodass sie eng beieinanderlagen. Seine Atemzüge passten sich den ihren an, vereinten sich mit ihnen, bis sie wie die eines einzigen Menschen klangen.
   Draußen fing es an zu tröpfeln. Daraus wurde ein gleichmäßiger, schwerer Regen, der wie Tränen auf das Dach und gegen die Fenster klopfte.

Dem Himmel so nah

Am Morgen war von dem schlechten Wetter keine Spur mehr auszumachen. Noch bevor die Dämmerung die Nacht vollständig vertreiben konnte, hatten sie sich als einzige Gäste zu viert um einen der Tische im Frühstücksraum versammelt und ausgiebig zugelangt.
   »Nirgendwo auf der Welt sind die Viertausender leichter zu erklettern als hier am Monte Rosa«, verkündete Nick aufgekratzt. Nachdem Gianna abgeräumt hatte, breitete er eine Karte aus. »Bei diesem Wetter können wir in zwei, drei Tagen gleich mehrere Gipfel besteigen.« Sein Finger flog über die Karte und tippte bei jedem Bergnamen zielsicher auf eine bestimmte Stelle. »Die Vincent-Pyramide, Balmenhorn, Zumsteinspitze, die Signalkuppe, Ludwigshöhe und die Parrotspitze. Was meint ihr?«
   Malte nickte. Auch sein Gesicht glühte vor Tatendrang. »Ich sehe das genauso. Als Anlaufpunkte haben wir hier die Gnifettihütte und auf der Signalkuppe die Margeritha.« Er markierte mit dem Finger flüchtig die genannten Punkte. »Es ist Jahre her, seit wir zuletzt dort waren.«
   »Die Capanna Regina Margherita ist die höchste Schutzhütte Europas«, erklärte Erik mit Blick auf Roselyne. Er blinzelte ernsthaft wie ein weiser Uhu. »Es wird dir gefallen. Jeder, der hinaufkommt, greift als Erstes zum Telefon, um bei irgendwem da unten zu prahlen, dass er den Aufstieg geschafft hat.« Er lachte gedämpft. »Und was andere schaffen, das schaffst du auch.«
   »Klar kriegt sie das hin«, erklärte Nick im Brustton der Überzeugung. »Mach dir keine Sorgen, Lyn! Die meisten Routen sind relativ einfach zu bewältigen. Da reichen bei Sonnenschein Eispickel und Steigeisen.«
   »Wirklich?«, gab sie gedehnt zurück. »Trotzdem. Ich weiß nicht recht.« Sie sah unschlüssig aus dem Fenster auf die sich auftürmenden Gipfel. So groß, so monumental hatte sie sich die Berge nie vorgestellt.
   Eine weitere Klettergruppe zog draußen vorbei. Touristen, einige eindeutig zu leicht bekleidet, das erkannte selbst Roselyne. Zwei oder drei waren sogar nur mit Halbschuhen und ohne Helm unterwegs.
   »Die fahren mit der ersten Gondel rauf.« Malte schüttelte den Kopf. »Dann versuchen sie, ohne Führer und Ausrüstung den Gipfel zu stürmen. Kraxeln quietschvergnügt herum und riskieren Knochenbrüche oder Lungenödeme, weil in der Höhe der Luftdruck sinkt und daher weniger Sauerstoff in der Luft enthalten ist. Leichtsinn pur!«
   »Stimmt«, sagte Nick. »Oder sie verirren sich. Erst im vorletzten Sommer haben sie eine Frau im Eis gefunden. Erfroren. Keinen Steinwurf weit von der Capanna Regina Margherita-Hütte entfernt. Sie war allein und hatte bei einem plötzlichen Schneetreiben die Spur verloren, die über den Gletscher zur Signalkuppe führt. Stell dir vor, Lyn, eine Spur beinahe so gerade wie mit dem Lineal gezogen. Die Steigung ist wirklich kaum der Rede wert.«
   Wortlos schauten sie dem Grüppchen nach, bis auch der Letzte von ihnen um die Häuserecke verschwunden war.
   »Oder der Berg verschluckt sie ganz einfach«, sagte Malte.
   Roselyne horchte auf. »Er verschluckt sie?«
   Malte nickte. »Jedes Jahr stürzen Touristen in dieser Region in Gletscherspalten. Viele verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Wie vor zwei Jahren. Erinnerst du dich, Erik?«
   »Sicher.« Es klang unbehaglich.
   »Was ist passiert?«
   »Ein Einheimischer fand oben am Gletscher einen Schuh. Da steckte ein Fuß drin. Daran konnte man feststellen, dass er einem jungen Mann gehört hatte. Seine Leiche haben sie nie gefunden.«
   »Das ist der reine Horror! Wie können die Leute hier mit so was leben?«
   »Gewohnheit, nehme ich an.« Erik nahm ihre Hände und umschloss sie mit seinen. »Sie haben über Generationen gelernt, solche Dinge hinzunehmen. Verstehst du, das hier ist ein winziges Dorf. Es gibt kaum Familien, die nicht einen Verwandten oder zumindest einen Freund oder Bekannten an den Berg verloren haben. Bei Gianna war es ihr Verlobter. Sergio.«
   »Bei Gianna? Du meinst unsere Gianna, hier vom Hotel?«
   »Ja. Es hat achtzehn Jahre gedauert, bis der Gletscher Sergios Leiche freigab. Gianna hatte in der Zwischenzeit längst geheiratet und drei Kinder geboren. Als sie Sergio beerdigt haben, war er noch immer ein junger Mann, während sich in Giannas Haar das erste Grau zeigte. Aber wenigstens konnten sie ihn begraben. Denn, wie Malte richtig bemerkte, manche Menschen verschluckt der Berg für immer.«
   Roselyne lief ein Schauder über den Rücken. Sie fing Nicks beschwichtigenden Blick auf und war froh, als er auf die Tischplatte schlug.
   »Verdammt, hören wir auf mit solchen Geschichten!« Ruhig legte er die Karte zusammen und schob sie umständlich in seine Gesäßtasche. »Geht euch umziehen und holt eure Sachen. Wir treffen uns in einer Viertelstunde hier unten.«
   Erik runzelte die Stirn. »Du willst schon heute los?«
   »Was dachtest du?« Nick, der sich bereits erhoben hatte, war erstaunt. »So machen wir es doch immer.«
   »Normalerweise. Aber diesmal ist Lyn dabei. Sie sollte sich erst eingewöhnen. Wir könnten bis Montag warten und ihr stattdessen die Umgebung zeigen.«
   »Dann gehen uns zwei volle Tage verloren.« Malte zog die Mundwinkel ein wenig herunter. »Wir bleiben nur eine Woche. Da sind zwei Tage ein herber Verlust.«
   »Trotzdem.« Eriks Gesicht verfinsterte sich. »Ich halte es für das Beste, wenn sie …«
   »He«, rief Roselyne dazwischen. »Hört auf, so zu reden, als wäre ich nicht da!« Sie stand auf. »Natürlich gehen wir heute zum Klettern. Dazu sind wir hergekommen. Oder warum sonst stehen wir in aller Herrgottsfrühe auf?«
   »Aber …«
   »Kein Aber«, unterbrach sie ihn nochmals. »Bin ich aus Zuckerguss? Du hast selbst gesagt: Der Berg ruft.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Nase. »Das kann sogar ich hören.«
   Nachdenklich musterte Erik sie. Ein Schmunzeln folgte, dann gab er nach.

Ihre Klettertour begann ebenfalls mit einer Seilbahnfahrt – sehr zu Roselynes heimlicher Erleichterung. Denn sie schwitzte bereits und fühlte sich in der ungewohnten Kleidung, den Stiefeln und mit der Ausrüstung schwer wie ein Ritter im Kettenhemd, dabei waren sie bisher nur dem leicht ansteigenden Weg vom Parkplatz gefolgt, der zur Bergbahnstation führte.
   Die über drei Etappen gehende Fahrt mit der Seilbahn würde ihnen gut zweitausend Höhenmeter und somit stundenlanges Wandern durch Skigebiete ersparen, erklärte Erik. »Außerdem hält sie mit Sicherheit die eine oder andere Überraschung bereit.«
   Sofort wurde Roselyne hellhörig. »Was für Überraschungen?«, fragte sie misstrauisch, während sie in die moderne Kabinenbahn stieg. Ihre Nachfrage brachte ihr lediglich das Gelächter der Männer ein. Aber das war ihr bereits einerlei – denn jetzt schwebten sie gemächlich über die Abgründe dahin. Roselyne begann zu glauben, dass womöglich doch nicht alles so anstrengend werden würde, wie sie eben noch befürchtet hatte.
   Sie waren allein in der Kabine. Fast geräuschlos glitten sie durch den Morgen, über Baumwipfel, Felsen und zu Tal stürzendes, schäumendes Wasser, immer weiter dem Gipfel entgegen. Auf den Gesichtern der Brüder spiegelte sich Vorfreude. Schweigend sahen sie hinaus.
   Der zweite Teilabschnitt der Fahrt folgte. Als sie umstiegen, erlebte Roselyne die erste Überraschung. Sie mussten die Teilstrecke im offenen Sessellift zurücklegen.
   »Das ist nicht euer Ernst«, quetschte sie mühsam hervor.
   »So, oder zu Fuß«, gab Malte gut gelaunt zurück. Wieder lachten sie auf ihre Kosten, Grinsen überzog ihre Gesichter.
   Nick legte einen Arm um ihre Schultern. »Es ist halb so schlimm! Glaub mir.«
   Erik beugte sich zu ihr hinunter. Sein Haar, das unter der Mütze hervorquoll, kitzelte sie. »Ich bin bei dir«, murmelte er in ihr Ohr. »Okay?« Er ließ sich in einen der Zweisitzer plumpsen, der an ihnen vorbeizog und der unter seinem Gewicht noch lauter ächzte und heftig schaukelte.
   Roselyne zuckte zusammen. Aber ihr blieb kaum Zeit zu überlegen.
   »Na schön.« Sie ließ sich rasch, doch mit äußerster Vorsicht, neben Erik nieder. Schwankend und quietschend setzte das Gefährt seinen Weg fort. »O mein Gott«, entfuhr es ihr. Sie hatte das eigenartige Gefühl, förmlich zwischen Himmel und Erde zu hängen, wie an dem sprichwörtlichen seidenen Faden. Und der konnte jeden Moment reißen.
   Ihre Schwitzattacke von vorhin war wie weggeblasen, verweht von ihrem Unbehagen und dem Wind, der an ihr zerrte wie rabiate Hände. Fröstelnd zog sie ihre Mütze tiefer ins Gesicht. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Wie aus Blei gegossen saß sie da und wünschte, sie wäre in ihrem Hotelzimmer und würde sich die Gipfel aus sicherer Entfernung anschauen.
   »Sieh mal.« Erik deutete nach vorn. »Da ist der Gletscher. Den müssen wir überqueren, um zur Hütte zu gelangen.« Eis glitzerte in der Ferne, als hätte jemand großzügig Glaskristalle ausgestreut. »Sind diese Lichtreflexe nicht wunderschön, Löwin?«
   »Ja, das sind sie wirklich.«
   Erik erzählte ihr von der uralten Sage der tanzenden Lichter, dem Totenumzug, wie er es nannte, was Roselyne in Anbetracht ihrer Situation für kein unterhaltsames Thema hielt. Sie schwieg jedoch und hörte ihm zu, weil der Klang seiner Stimme beruhigend auf sie wirkte.
   »Eine Sage erzählt, wenn hier jemand stirbt, geschieht am Fuß des ewigen Eises etwas Wundersames: Um Mitternacht erscheinen flackernde Lichter. Es sind Hunderte, Tausende. In aller Stille schweben sie langsam von den Eisgipfeln herab, verteilen sich über die Schneefelder, den Gletscher und die Moränen, über den ganzen Berg. Das sind die Seelen der Verstorbenen. Sie erscheinen, um den Neuankömmling in Empfang zu nehmen, um ihn zu geleiten, damit er sich nicht verirrt, allein, auf seinem letzten Weg durch die Nacht.«
   Die Gondel schaukelte unter einer weiteren Windbö. Roselyne klammerte sich unwillkürlich an der Haltestange fest und warf einen Blick in die Tiefe.
   »Das … das ist eine wirklich schöne Legende. Wirst du sie mit in dein Buch aufnehmen?«
   »Das habe ich bereits. Ich muss sie noch überarbeiten – wie die anderen auch.«
   »Gut«, japste sie.
   Erik beobachtete sie von der Seite.
   »Mach die Augen zu«, empfahl er ihr. »Mach sie einfach zu, schau in die Dunkelheit dahinter und du wirst sehen, dass es dir besser geht.«
   Roselyne folgte seinem Rat. Sie presste ihre Lider zusammen, starrte auf das Dunkel. Sie ignorierte das Schnarren der Rollen auf dem Drahtseil, das Quietschen und den Wind. Sie überließ sich der tröstenden Schwärze, den undeutlichen Stimmen von Eriks Brüdern, die in der Gondel hinter ihnen saßen, und Eriks Gegenwart.
   Plötzlich stieß er sie leicht an. »Wir sind da. Aber wir müssen noch einmal umsteigen.«
   Roselyne war unendlich erleichtert, die schwankende Gondel verlassen zu können. Wenigstens für einen Moment, bis sie erkannte, womit sie den letzten Abschnitt überwinden mussten. Ein einziger, kurzer Blick auf die vorsintflutliche Seilbahn genügte, um ihren letzten Nerv zum Summen zu bringen wie eine zu stark gespannte Gitarrensaite. Der Umstand, dass die Türen lediglich durch eine Art Kabel zusammengehalten wurden, tat sein Übriges. Abermals schloss sie die Augen. Urplötzlich musste sie an ihre Großmutter denken. An das Kindergebet, das diese ihr beigebracht hatte – und das sie jetzt ganz leise aufsagte:
   »Lieber Schutzengel mein,
   lass mich dir empfohlen sein.
   Bei Tag und Nacht, ich bitte dich,
   beschütze und bewahre mich.«
   Falls Erik es hörte, ließ er sich nichts anmerken. Als sie endlich die Station erreichten, öffnete Roselyne vorsichtig die Lider. Beim Auftauchen der bunkerähnlichen Hausquader musste sie unwillkürlich an alte Gebäude in Industriebrachen denken, die man zum Abriss vorgesehen hatte. Sie waren einfach nur hässlich und wirkten fehl am Platze.
   Sie stiegen aus und marschierten durch einen scheinbaren Irrgarten aus Beton ins Freie. Der Gestank von Altöl klebte regelrecht in den Gängen.
   Roselyne war dankbar, als ihnen wieder frischer Wind entgegenwehte.
   Draußen stülpten die Brüder ihre Helme über und befestigten die Steigeisen an den Stiefeln. Ohne Eile seilten sie sich untereinander an.
   Roselyne tat es ihnen nach.
   Schweigend, mit ihren Rucksäcken bepackt, bahnten sie sich vom Vorplatz aus ihren Weg durch Geröll und kleinere Schneefelder. Sie lenkten ihre Schritte in Richtung Gletscher, einer an den anderen geseilt wie eine Maultierkarawane.
   Die Ammer-Seilschaft, dachte Roselyne in einem unerwarteten Anflug von Stolz. Und ich gehöre dazu!
   Nick setzte sich wie selbstverständlich an die Spitze. Ihm folgte Erik, dann Roselyne. Malte bildete das Schlusslicht. Sie fanden den Einstieg zum Gletscher beinahe sofort. Roselyne erschauderte, als sie die verrotteten, rostroten Trümmer eines alten Skilifts passierten, die wie das Skelett eines verendeten Dinosauriers dalagen.
   Sie gewannen weiter an Höhe. Windböen fuhren ihnen harsch ins Gesicht. Schnee überzog die Eisdecke, in die sich, für Roselyne ein herrlich beruhigendes Gefühl, ihre Steigeisen frästen.
   »Wir sind jetzt ungefähr auf dreitausend Höhenmeter«, verkündete Nick irgendwann. Er blieb stehen und sah sich um. »Du kannst bestimmt eine Verschnaufpause brauchen, Lyn.«
   Roselyne widersprach nicht.
   Sie ließen sich an einem Felsen nieder. Hier oben ging ein schneidender Wind, der einen schnell auskühlte, und da die Sonne noch durch ein Massiv verdeckt wurde, erreichten ihre wärmenden Strahlen sie nicht. Schon bald klapperte Roselyne mit den Zähnen.
   »Da hilft nur Bewegung«, sagte Erik und alle rappelten sich auf.
   Sie kletterten weiter, immer weiter nach oben. Der Schnee wurde tiefer. Jeder ihrer Tritte durchbrach knirschend den Firn, sank tief ein, und es kostete Roselyne einen Großteil ihrer Kraft, die Füße mit den schweren Eisen wieder herauszuziehen und den nächsten Schritt zu tun.
   Die dünner werdende Luft machte ihr zusätzlich zu schaffen, und die Brüder mussten ständig stehen bleiben, um sie ausruhen und trinken zu lassen. Erik griff ab und an nach ihr, um sie mitzuziehen. Das brachte ihr zwar Erleichterung, aber trotzdem war der Weg noch anstrengend genug. Zu anstrengend, gestand sie sich ein. Bergsteigen, so viel stand fest, war definitiv kein Hobby für sie.
   Schließlich erreichten sie ein steiles, von Klüften durchzogenes Gebiet, das sie nur mithilfe ihrer Pickel bewältigen konnten. Erik drehte sich zu Roselyne um. »Noch einhundertzwanzig Höhenmeter. Das ist alles, was uns vom Gipfel trennt. Eins – zwei – null. Ab jetzt gibt es nur noch einen Weg.« Er hob einen behandschuhten Daumen. »Nach oben.«
   Weiter ging der Aufstieg durch wildes weißes Gelände und wurde mit jedem Schritt steiler. Zum Schluss kam es Roselyne vor, als würde sie direkt in den Himmel steigen. Das Blut dröhnte ihr in den Ohren, doch allmählich spürte sie die Berührung der Mittagssonne wohltuend auf ihrer klammen, ausgekühlten Haut. Schließlich erreichten sie die mit Sonnenlicht übergossene Madonna auf dem Gipfel.
   Ergriffenheit. Das war es, was Roselyne empfand, als sie dort oben stand. Eine tiefe, rauschhafte, euphorisch stimmende Ergriffenheit.
   Langsam schweiften ihre Blicke über die archaischen Massive, die aussahen wie ein aufgewühlter, in Stein erstarrter Ozean. Wolken drifteten tiefer darunter vorbei. Der Himmel über ihnen dagegen war grenzenlos weit, die dünne Luft glasklar und von einem ihr unbekannten goldenen Blau.
   Eine Gänsehaut überzog ihren Körper.
   Sie nahm ihren Rucksack sowie den Helm ab und löste wie die anderen das Seil. All das tat sie mit langsamen Bewegungen und schaute dabei wie eine Träumende um sich.
   Das einzigartige Bergpanorama ragte dramatisch in eine lichthelle Weite, scheinbar allem Weltlichen entzogen, die Gegenwart der Menschen lediglich duldend. Die reine Kühle, die glitzernden Schneefelder und die zerklüfteten Gletscherabbrüche übten einen eigenartigen Zauber auf sie aus. Viel von dieser unwiderstehlichen Sehnsucht, von der Erik gesprochen hatte, schwang darin mit. Sie beschirmte ihre Augen. Was für ein unglaublicher Ort! Sie brauchte sich nicht umzudrehen, sie wusste auch so, dass Erik dicht hinter ihr stand.
   »Hier oben, wo die Erde den Himmel berührt, kann ich das Wirken eines höheren Wesens förmlich spüren«, murmelte Erik dicht an ihrem Ohr.
   Sie begriff sofort, was er meinte. Sie hatte das Gefühl, gleich vor Euphorie weinen zu müssen. Zu keiner Zeit hatte sie sich enger mit Erik verbunden gefühlt, ihn nie mehr geliebt als in diesem Moment. Sie ruhte in seinen Armen, die sich von hinten um sie schlossen, und lehnte sich gegen ihn.
   »Hast du schon einmal etwas gesehen, das dich ähnlich berührt hat, Lyn?«
   »Nein, ich glaube nicht.«
   »Hier kann ich am besten zu mir selbst finden. Hier komme ich zur Ruhe. Ich denke, mein Weg zu Gott führt über die Gipfel der Berge. Und ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen, um …« Er löste seine Umarmung und drehte Roselyne zu sich herum. Hinter ihm, in einiger Entfernung, hockten Malte und Nick mit dem Rücken zu ihnen und genossen die Aussicht auf ihre Weise. Sie unterschieden sich in ihren hellen Jacken kaum von den schneebedeckten Felsen um sie herum. Beide rührten sich nicht, als wären auch sie in diesen Ausblick versunken, und verschafften ihnen so Abgeschiedenheit.
   Es gab nur noch sie. Und die unausgesprochene Frage, die sie in Eriks Mienenspiel las. Seine Unterlippe zitterte. »Roselyne Weiß, eigentlich wollte ich dich gestern Abend schon bitten, meine Frau zu werden.« Er streckte ihr seine Rechte entgegen, öffnete die Faust und darin lag ein dunkelrotes Samtkästchen, so groß wie die Ausbuchtung seiner Hemdtasche am Vorabend. »Aber es hier und jetzt zu tun, gefällt mir noch viel besser.«
   »Erik!«
   »Du bist die richtige Frau für mich, Roselyne.« Er verstummte und um seinen Mund legte sich ein beinahe ängstlicher Zug, so als fürchtete er ihre Antwort. »Deswegen frage ich dich, ob du mich heiraten willst.«
   Wie vom Donner gerührt stand Roselyne da. Sie brachte zuerst keinen Ton hervor. »Oh, Himmel!« Ihre Knie fühlten sich weich an und das Einzige, was sie bewegen konnte, war ihr Mund. Bis auch der nach einem zweiten »Oh, Himmel« stillhielt.
   »Was … was heißt das?«
   »Ja«, antwortete Roselyne viel zu laut und hoch. Sofort senkte sie die Lautstärke. »Ja«, sagte sie leiser. »Ich will dich heiraten, Erik!«
   »Ich liebe dich.« Erik sprach mit kehliger Stimme. »Das hier ist für dich, Löwin.« Er ließ den Deckel des Kästchens aufschnappen.
   Es gab ein leises Geräusch und Roselyne sog die Luft ein, als sie den Ring erblickte. Ein Saphir, so blau wie Eriks Iris, funkelte sie an.
   Die Welt wurde zu Nebel. Blind griff sie nach dem Kästchen. Berührte es. Spürte den weichen Samt. Spürte, wie es über Eriks Handfläche rutschte. Spürte, wie es fiel.
   Sie blinzelte.
   Sah wieder klar, aber zu langsam. Viel, viel zu langsam. Sah das Kästchen, das davonschlidderte und in einiger Entfernung liegen blieb.
   Sah Erik, der ein paar Zeitlupenschritte darauf zu tat.
   Niederkniete.
   Danach griff.
   Sah gleichsam alles.
   Und dann.
   Verschwand Erik.
   Ihr Arm, den sie reflexartig nach ihm ausstreckte, kam zu langsam. Schwerfällig und ungeschickt. Als ob er durch Fluten von Wasser pflügen würde.
   Sie fasste ins Leere.
   Erik war weg.
   Von einem Moment zum anderen.
   Es gab nur noch den dunklen Riss in einem tückischen Schneebrett, und die Spalte darunter klaffte bodenlos tief, scharfkantig und tödlich.
   Der Berg hatte Erik verschluckt.
   Der. Berg. Hat. Erik. Verschluckt.

Wumm, macht Roselynes Puls. Und noch einmal: Wumm. Danach steht er still wie eine Maschine, deren Antrieb aussetzt, und dann rattert er – wumm, wumm, wumm – wie ein Sturmgewehr weiter.
   Jetzt rast alles im Zeitraffer und erscheint ihr wie ein 3-D-Film auf einer riesigen Kinoleinwand. Einer, der einem das Herz zersplittert. Ein Streifen, den man mit der schrecklichen Gewissheit verfolgt, dass es kein Happy End geben wird. Und Tränen steigen einem in die Augen.
   Da sind Geräusche, Töne, so hoch und schrill, dass sie beinahe ihre Trommelfelle zerschneiden. Sie begreift, dass diese schrecklichen Laute aus ihrem Brustkorb, aus ihrem Mund schießen.
   Sie wagt nicht, auch nur zu zucken, hat Angst, sie könnte bei der kleinsten Erschütterung zerbrechen, in tausend und abertausend eisige Teilchen, die der Wind verwehen würde.
   Trotzdem tut sie einen raschen Schritt nach vorn, hin zu dem Riss, hin zu Erik, noch einen und noch …
   Sie kann nur ahnen, was passiert wäre, wenn sich in dieser Sekunde nicht kräftige Hände auf ihre Schultern gelegt und sie zurückgerissen hätten, weg von diesem gefräßigen Schlund.
   »Bleib stehen«, gellt Nicks Stimme in Panik.
   Malte, halb von Sinnen, legt sich auf das Eis und robbt, nun durch ein Seil gesichert, auf die Einbruchstelle zu.
   Währenddessen zerrt Nick, der ihn beharrlich im Auge behält, blind sein Satellitenhandy aus dem Rucksack. In abgehackten Sätzen erklärt er der Bergrettung, was passiert ist und wo sie sich befinden.
   Währenddessen schiebt Malte seinen Kopf über das Loch. »Erik«, schreit er in die Tiefe. »Erik!« Immer wieder und wieder. Seine Schultern sacken zusammen. Er blickt auf und schüttelt den Kopf.
   »Das hat keinen Sinn«, brüllt Nick. »Komm wieder her!«
   Vorsichtig kriecht Malte zurück. Zu dritt, wieder aneinandergeseilt und durch Karabiner gehalten, brechen sie unter Nicks Anleitung in fieberhafter Eile das Firnbrett weiter auf. Sie funktionieren wie Roboter, präzise, eigenartig gefühllos. Endlose Minuten verstreichen. Endlich dringen sie tiefer vor.
   Es gibt keine Spur von Erik. Nur ein fernes Glitzern blitzt zu ihnen herauf, wie von einem Stern, der in die Spalte gestürzt ist. Vielleicht ein Ring, der auf einem Eisvorsprung unter ihnen liegt. So nah, und doch unerreichbar für sie.
   Sie rufen in die Dunkelheit der Tiefe, bis ihre Stimmen rau und heiser klingen, rufen unaufhörlich – aber es kommt keine Antwort.
   In der Ferne ertönt das Dröhnen von Hubschrauberrotoren, das sich stetig nähert, bis der Helikopter donnernd über ihnen kreist. Vier Helfer der Bergrettung seilen sich ab, weil der Pilot hier oben nicht landen kann. Doch auch ihre Bemühungen bringen kein Ergebnis.
   Erst Stunden später, als der Hubschrauber sie alle aufgenommen hat, gesteht Roselyne sich die unfassbare Tatsache ein, dass sie Erik zurücklassen müssen. Grenzenlose Erschöpfung überkommt sie. Entsetzen breitet sich wie ein Gift in ihr aus, das ihre Nerven, ihre Gefühle, sogar ihre Gedanken lähmt.
   Sie weint nicht.
   Sie schreit nicht.
   Sie tobt nicht.
   Obwohl ein Teil ihrer Seele bei Erik im ewigen Eis zurückbleibt.

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