Das Leben kann wirklich gemein sein. Da glückt Laura die Flucht aus Linz und damit aus dem Machtbereich von Vampirdiktator Mad Milo! Endlich kann sie ihren kontrollsüchtigen Vampirliebhaber Leon hinter sich lassen. Doch dann hat der Lastwagen, mit dem sie unterwegs ist, einen Unfall. Laura überlebt als Einzige. Ihr Retter Christian ist nett, attraktiv, und Laura fühlt sich sofort zu ihm hingezogen. Leider ist er ausgerechnet ein Vampir ...

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Bettina Ferbus

Bettina Ferbus
© Ottmar Krenn
Bettina Ferbus ist eine bekennende Süchtige. Sie ist süchtig nach Pferden - das hat sich schon in ihrem Hauptberuf niedergeschlagen: Sie ist Reitlehrerin - und sie ist süchtig nach Gedrucktem. Zwanghaftes Lesen mit einer besonderen Vorliebe für Phantastisches führte dazu, dass sie Geschichten zu schreiben begann. Zuerst Kurzgeschichten, die in verschiedenen zum Teil preisgekrönten Anthologien erschienen sind, später auch längere Texte.

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Leseprobe

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1. Kapitel
Laura

Der Kleinlaster rumpelte durch ein Schlagloch. Laura stützte sich an einem der Säcke mit Toilettenpapier ab, um nicht gegen Eva geschleudert zu werden. Aus Lisas Richtung war ein dumpfer Aufprall zu hören, und kurz darauf ein leiser Aufschrei. Wenige Minuten später folgte das nächste Holpern. Dann legte sich der Laster in eine Kurve.
   Angst lag wie ein Eisklumpen in Lauras Magen. Sie kämpfte sie nieder, versuchte, sich auf das zarte Flattern der Hoffnung in ihrer Brust konzentrieren. Alles würde gut werden. Natürlich war eine Stelle als Dienstmädchen nicht das, wovon sie geträumt hatte. Sie erinnerte sich an ihre Zeit bei der Laientheatergruppe, an den Spaß bei den Proben, die Nervosität vor den Aufführungen und an dieses unglaubliche Hochgefühl, das sich jedes Mal beim Applaus einstellte. Die langen Stunden in der Schule hatte sie sich mit Träumen von einer Schauspielausbildung und einem richtigen Engagement versüßt.
   Und dann – die Vampire. Zuerst hatte sie nur im Internet von ihnen gelesen und im ersten Moment an einen Scherz gedacht. Ein künstlich geschaffenes Virus, das Menschen mit der Blutgruppe AB positiv in Vampire verwandelte – das klang total verrückt. Doch bald mehrten sich die Berichte.
   Hundegrippe eingedämmt – aber zu welchem Preis, lautete eine der Überschriften. Der ebenso geniale wie skrupellose Wissenschaftler Professor Hildebrand hatte die Methode der Vektorimpfung, bei der durch modifizierte Viren direkt auf das Immunsystem eingewirkt wurde, dazu benutzt, Europa mit Vampiren zu bevölkern. Die Impfung half zwar gegen die Hundegrippe – aber wer die richtige Blutgruppe hatte, verwandelte sich.
   Wenig später folgte Lauras erste Begegnung mit einem der Blutsauger. Nur zu gut erinnerte sie sich an sein selbstbewusstes Grinsen, an die aufblitzenden Fangzähne und an ihren Wunsch, dass es sich um Theaterrequisiten handeln möge. Sie spürte jetzt noch die Panik und den Schmerz, als der Vampir mit einem herzhaften Biss seine Echtheit bewies.
   Die Vampire hatten ihr Leben ruiniert, als sie mit einem Krieg Österreich in kleine Gebiete zerrissen und Laura von ihrer Familie getrennt hatten. Ihren Vater kannte sie kaum. Er hatte ihre Mutter verlassen, als sie noch im Kindergarten gewesen war. Ihre Mutter, ihre Großmutter und ihre beiden Schwestern vermisste sie dafür umso mehr.
   Sie wünschte, sie wäre nie nach Linz gegangen. Seit sich Mad Milo von Präsident Milotinovic in einen despotischen Tyrannen verwandelt hatte, waren Menschen nur noch Blutbeutel ohne Rechte. Wer keinen Vampirbeschützer hatte, war schlecht dran. Manchen Menschen schien das nichts auszumachen. Wahrscheinlich jenen, die den Vampir ihrer Träume bereits gefunden hatten. Laura gehörte nicht zu ihnen. Würde auch nie zu ihnen gehören. Sie war schließlich ein Mensch und kein Haustier!
   Deshalb hatte sie die Chance genutzt, als sie sich bot. Mit welchen Schwierigkeiten Mad Milo derzeit zu kämpfen hatte, konnte sie nicht in Erfahrung bringen. Ehrlich gesagt interessierte es sie nicht besonders. Wichtig waren nur Lücken, die dadurch in seinem Sicherheitsnetz entstanden und es den Menschen ermöglichten, aus Linz zu fliehen.
   »Wie lange dauert das noch?« Eva klang weinerlich.
   »Keine Ahnung.« Laura wünschte, das wäre anders, denn am meisten machte ihr die Ungewissheit zu schaffen. Was erwartete sie auf Burg Hohenbach? Allein, dass in Unterwald nur Menschen lebten, machte diese Gegend attraktiv. Hoffentlich war der Graf ein angenehmer Dienstgeber, der sie nicht nur den ganzen Tag Böden schrubben ließ. Schon sah sie sich selbst mit roten rissigen Händen, die sie immer wieder in den Eimer mit eiskalter Seifenlauge tauchte.
   Vielleicht hätte sie doch bei Leon bleiben sollen. Bei ihm wusste sie wenigstens, woran sie war. Plötzlich kamen ihr die letzten Jahre nicht mehr so schlimm vor. Gutes Essen, schöne Kleider, eine schicke Wohnung – doch alles nur, solange es Leon gefiel.
   Wieder rumpelte der Laster durch ein Schlagloch. Seit dem Vampirkrieg wurde nur noch wenig Geld in die Sanierung von Straßen investiert. Es gab auch kaum Autos. Verständlich, bei den hohen Benzinpreisen. Ein Wunder, dass sie nicht mit Ochsenkarren aus der Stadt geschmuggelt worden waren.
   Lisa würgte trocken und schluckte. »Mir ist schwindlig. Schon die ganze Zeit. Ich glaube, sie haben mir zu viel Blut abgenommen.« Ihre Stimme klang gepresst.
   Unwillkürlich fasste sich Laura an ihre Armbeuge. Es tat immer noch weh. Zusätzlich zu ihren vier Goldmünzen hatte sie vier Ampullen Blut bezahlt, um mit dem Transport mitfahren zu können. Leider war der Typ mit seiner Kanüle nicht gerade vorsichtig umgegangen.
   Ein leises Seufzen kam aus Evas Ecke. »Egal, wie schlecht es dir jetzt geht, denk daran: Es war das letzte Mal. Ich kann euch überhaupt nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich keinen Vampir mehr sehen muss.«
   Laura nickte, erinnerte sich dann jedoch daran, dass Eva in der Dunkelheit nichts erkennen konnte. »Ich auch.«
   »Glaubst du, wir müssen Toiletten putzen?«
   »Möglicherweise.«
   »Wenigstens werden wir unter Menschen sein.«
   »Zum Glück!« Laura seufzte. Nie mehr Blut spenden. Nie mehr Angst davor haben müssen, in eine dunkle Gasse gezerrt zu werden und leer getrunken in einem Müllcontainer zu landen.
   »Was hast du gemacht, bevor du geflohen bist?«
   Laura war sich nicht sicher, ob es Eva wirklich interessierte, oder ob sie nur die Stille mit ihren Worten füllen wollte. Sie selbst hätte lieber ihren Gedanken nachgehangen, vielleicht sogar geschlafen. Sie fühlte sich erschöpft. Ihr Kopf schmerzte, und ihr war übel von der stundenlangen Rüttelei. Aber vielleicht war es ganz gut, sich ablenken zu lassen. »Ich habe in einer Bar gearbeitet.« Bis sie Leon kennengelernt hatte. Aber davon würde sie nicht erzählen.
   »Oh.« Eva stockte kurz, räusperte sich. »Ich war Sekretärin. Bei meinem früheren Chef lief eigentlich alles ganz gut. Er war zwar auch ein Vampir, aber ein Gentleman. Nie hätte er sich an einer seiner Angestellten vergriffen.« Sie stockte wieder, schluckte.
   Laura unterdrückte ein Seufzen. Sie ahnte, was nun kommen würde.
   »Mit dem neuen Chef war alles ganz anders. Er hat Menschen nicht als Menschen gesehen, sondern als etwas, das man gebraucht. Dabei hatte ich doch schon Blut gespendet. Aber das war ihm egal. Blut aus Ampullen mochte er nicht. Er brauche etwas zum Anfassen, hat er gesagt.« Eva machte wieder eine Pause.
   »Du musst mir das nicht erzählen.«
   »Es tut gut, es loszuwerden.« Ihre Stimme klang gepresst. »Ich habe so lange nichts sagen dürfen. Wenn du die Klappe hältst, kannst du deinen Job behalten, hat er immer gesagt. Und wenn du lächelst, dann darfst du sogar Überstunden schreiben. Ich habe gelächelt, selbst wenn mir jetzt noch der Kiefer davon wehtut. Damit habe ich mir meine Flucht finanziert.«
   »Du hast wenigstens Geld bekommen«, meldete sich nun Lisa zu Wort. »Mein Boss war der Ansicht, wenn er schon Menschen beschäftigen muss, dann sollte dieser Service inkludiert sein.«
   Daraufhin breitete sich Schweigen aus. Jede von ihnen hing ihren eigenen, unangenehmen Gedanken nach. In der Hoffnung, das kühle Metall würde ihre Kopfschmerzen lindern, lehnte Laura ihre Stirn gegen die Außenwand des Lasters. Dem Boden des Fahrzeugs entströmte ein seltsamer chemischer Geruch. War er der Grund für ihre Übelkeit? Oder doch bloß die Rüttelei? Oder beides zusammen? Es fiel ihr schwer, zu denken, als würden die Chemiedämpfe ihren Geist vernebeln. Gleichzeitig wurde sie schläfrig, nickte immer wieder ein, nur, um nach unbestimmter Zeit aus wirren Träumen hochzuschrecken.
   Wie lange waren sie schon unterwegs? Sollten sie nicht längst am Ziel sein? Der Fahrer hatte von sechs Stunden gesprochen, geseufzt und gemeint, früher hätte er weniger als ein Drittel der Zeit gebraucht. Damals vor dem Krieg, als die Straßen noch besser waren.
   Die Kurven wurden häufiger. Fuhren sie bergauf? Es fühlte sich so an. Oder war Laura durch die lange Zeit in der Dunkelheit orientierungslos?
   Sie versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was sie über das Gebiet wusste, in das sie fuhren. Nahe der tschechischen Grenze. Ziemlich ländlich. Hartnäckig von einer größer werdenden Gruppe Menschen gegen jeden Vampir verteidigt. Aber auf welcher Seehöhe Unterwald lag, davon hatte sie keine Ahnung.
   Ein harter Schlag ließ den Laster erbeben. Er schien einen regelrechten Satz zu machen. Laura wurde herumgeschleudert, fiel gegen einen der Säcke mit Toilettenpapier und prallte gegen die Seitenwand. Bremsen quietschen. Eva und Lisa schrien. Ein lang gezogenes widerliches Kreischen war zu hören. Es klang wie Metall auf Fels. Die Laura gegenüberliegende Seitenwand wurde aufgerissen. Sie blickte für einen Moment auf graue Felsen. Dann drehte sich das ganze Fahrzeug und kippte. Laura wurde gegen Lisa geschleudert und bekam einen spitzen Ellbogen in den Bauch. Ein Sack mit Toilettenpapier landete auf ihrer Schulter, ein Karton, in dem Dosen schepperten, prallte gegen ihre Hüfte. Sie rang nach Luft. Versuchte, sich zu orientieren. Wusste nicht mehr, wo oben und wo unten war.
   Dann ein weiterer Ruck. Hände in ihrem Gesicht. Das Gewicht des Sacks mit dem Toilettenpapier war plötzlich verschwunden. Die aufgerissene Seitenwand des Lasters kam auf sie zu. Mit einer Hand bekam sie den Sack mit dem Toilettenpapier zu fassen, mit der anderen versuchte sie, sich in den Boden zu krallen. Das Plastik gab unter ihren Fingern nach, und Sekundenbruchteile später hatte sie nur noch einen Fetzen in den Fingern, und ihre Nägel schrammten über den glatten Kunststoff der Ladefläche.
   Es dauerte nur Sekunden, und dennoch fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Der Riss kam unaufhaltsam näher, und hinter ihm gähnte Dunkelheit. Sie sah die scharfen Metallkanten, wusste, dass sie zu langsam sein würde. Ihr Gehirn spielte verschiedene Möglichkeiten durch, sich in der Öffnung zu verspreizen. Unzählige Bilder blitzten in ihrem Kopf auf. Bilder, die Unmögliches zeigten, denn Laura konnte sich nicht aufrichten. Stattdessen glitt sie unaufhaltsam Kopf voran auf den Riss zu.
   Das verbogene Eisenblech schnitt ihr die Hände auf, als sie sich festzuhalten versuchte, dann schrammte ihr Körper über die scharfen Kanten und landete auf felsigem Boden. Der Schwung trug sie weiter. Die Hände hatte sie schützend um den Kopf geschlungen, griff jedoch instinktiv nach dem schmalen Stamm einer einsamen Fichte, als sie über die Wegkante einem Abhang entgegenfiel.
   Der Schmerz in ihrer rechten Schulter raubte ihr das letzte bisschen Atem, das der Sturz noch nicht aus ihren Lungen gepresst hatte. Hastig fasste sie mit der zweiten Hand nach und klammerte sich mit aller Kraft an das Bäumchen, das sich mit seinen Wurzeln zwischen den Felsen verkeilt hatte. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der Laster einen Augenblick lang auf einem Rad balancierte, dann zur Seite kippte, durch den Schwung der Bewegung weiterrutschte und unaufhaltsam auf den Abhang zuschlitterte. Laura sah ihn kippen. Er war so nah. So schrecklich nah. Riesig und dunkel verdeckte er den Abendhimmel. Schon glaubte sie, er würde sie mit in die Tiefe reißen, als er an ihr vorbeifiel. Allein der Luftzug reichte, um ihren Halt zu gefährden. Panisch krallte sie sich in die raue Rinde.
   Todesangst verlieh ihr die Kraft, ihre Beine nach oben zu schwingen, sie an dem Bäumchen abzustützen und sich zurück auf den Weg zu drücken. Als sie zwischen Steinen und Staub auf dem holprigen Pfad lag, kam die Zeit zurück, und der Schmerz schlug mit voller Wucht zu. Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie keuchend nach Luft rang.
   Sie wusste nicht, wie lange es dauerte, bis sie sich wenigstens in eine kniende Position aufrichten konnte. Es war dunkel geworden. Nur eine blasse Mondsichel beleuchtete den Weg. Wie weit war sie von der Siedlung entfernt? Würde irgendjemand nach ihnen suchen, wenn der Laster nicht rechtzeitig ankam?
   Die Sterne glitzerten wie Juwelen in einem Bett aus nachtschwarzer Seide. Sie wirkten so nah, dass Laura meinte, sie anfassen zu können. Allerdings hätte sie dazu ihren rechten Arm loslassen müssen. Der Schmerz jedoch war nur einigermaßen erträglich, wenn sie ihn mit der Linken fest an den Brustkorb gepresst hielt.
   Plötzlich stand Leon vor ihr und grinste sie an. »Du stehst auf Schmerzen?«
   »Nein!«
   »Warum bist du dann nicht bei mir geblieben? Du weißt doch, was mit hübschen Mädchen passiert, wenn sie nachts ohne Beschützer unterwegs sind.« Seine Gestalt löste sich in Luft auf.
   Laura schluchzte. Tränen liefen über ihre Wangen.
   »Ich habe dich nie verstanden. Du weißt dein Glück einfach nicht zu schätzen.« Wo zur Hölle kam Sabrina her? Musste sie nicht längst in der Bar arbeiten? Aber hier stand sie, lässig an das armselige, aber zum Glück sehr fest verwurzelte Bäumchen gelehnt. »Da schaffst du es doch glatt, dir einen attraktiven Mann zu angeln und musst nicht mehr für deinen Unterhalt schuften, aber statt zufrieden zu sein, rennst du mit einer zitronensauren Miene herum.«
   »Er hat dafür gesorgt, dass ich meinen Job verloren habe!«
   »Woher willst du das wissen?«
   »Ich habe Billy und Amanda tuscheln hören.«
   »Die reden viel, wenn die Nacht lang ist.« Sabrina neigte den Kopf zur Seite, stieß sich von dem Bäumchen ab und kam auf Laura zu. »Was würde ich dafür geben, wenn ich einen Lover hätte, der mich aushält, mir Schmuck schenkt und mich zum Essen ausführt.«
   »Dann schnapp ihn dir doch!«
   Sabrina ging neben Laura in die Hocke. »Vielleicht tue ich das sogar.«
   Nur, dass Leon an jemandem wie ihr nicht interessiert war. Sie war zu willig.
   »Ich verstehe sowieso nicht, warum du dich über ihn beschwert hast. Hat er dich jemals geschlagen?« Sabrina ließ nicht locker.
   »Nein.«
   »Hat er dich beim Beißen ernsthaft verletzt?«
   »Nein.«
   »Was spricht dann gegen ihn? Er ist wohlhabend und nebenbei auch noch attraktiv. Also, wenn ich an diesen Knackarsch denke, der sich da unter seiner Jeans abgezeichnet hat – und der Waschbrettbauch war auch nicht zu verachten.«
   »Als ob es darauf ankommt!«
   »Worauf dann?«
    Laura schob das Kinn trotzig vor. »Ich will eben nicht abhängig sein!«
   »Das kannst du als Mensch vergessen.« Sabrina schüttelte mitleidig den Kopf.
   »In Linz! Ja! Und genau deshalb bin ich dort weg.«
   »Und das hat dich wohin gebracht? Sieh dich um! Du bist im Nirgendwo gestrandet, deine Begleiter sind tot, und du wirst es ebenfalls bald sein.«
   »Nein!«, protestierte Laura. »Das werde ich nicht!« Sie sah Sabrina herausfordernd an, doch die lachte nur. Sie lachte und lachte und wurde dabei allmählich durchscheinend. »Wag es nicht, jetzt einfach zu verschwinden!«
   Doch genau das tat Sabrina, löste sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auf. Nur ihr Lachen war noch zu hören.
   »Warte! Dir zeige ich es!« Laura rappelte sich hoch. Ihre Schulter sandte bei jedem Schritt Schmerzwellen in den ganzen Körper. Am liebsten hätte sie sich einfach wieder hingekauert, aber wenn sie jetzt nachgab, würde sie niemals aufstehen.
   Sie zögerte, als der Weg in den Wald hineinführte. Dort war es noch dunkler. Alles Mögliche konnte sich zwischen den dichten Bäumen verbergen. Durch den Krieg war die Bevölkerung Mitteleuropas deutlich reduziert worden, sodass sich Wölfe und Bären immer mehr ausbreiten konnten. Eben dem Tod entronnen, nur, um ein Mitternachtssnack für ein Wolfsrudel zu werden?
   Doch welche Wahl hatte sie? Hierzubleiben kam nicht infrage, auch wenn ihre Schulter pochte, ihre Wange sich geschwollen anfühlte, die zerschnittenen Handflächen brannten und ihr durchgeschütteltes Gehirn ihr Halluzinationen vorgaukelte – ausgerechnet Leon, ihren Vampirlover und Sabrina, ihre ewig neidische Arbeitskollegin aus der Bar. Genau dieses Leben hatte sie hinter sich lassen wollen. Und das würde sie auch! Sie holte tief Luft und ging los, zwang ihre protestierenden Muskeln, sich zu bewegen. Ihr war übel. Wahrscheinlich aufgrund der Schmerzen. Immer wieder tanzten bunte Punkte vor ihren Augen und ein Schwindelgefühl ließ sie schwanken. Jetzt bloß nicht das Gleichgewicht verlieren und irgendwo zwischen die Büsche stürzen.
   Tränen der Verzweiflung liefen ihr über das Gesicht. Sie stolperte ein ums andere Mal, weil alle Kraft aus ihren Beinen geschwunden schien. Sabrina hatte recht. Es war vorbei. Sie schaffte es nicht. Alles umsonst. Ihr Körper verkrampfte sich vor Schwäche und Schmerz, dass sie glaubte, nicht mehr atmen zu können. Jeder Schritt wurde zur Qual, jeder zurückgelegte Meter war ein einziger Kampf.
   Eine glücklichere Zukunft unter Menschen hatte sie sich erhofft, all ihre Ersparnisse geopfert, nur um in irgendeinem gottverlassenen Wald zu verrotten. Beinahe beneidete sie Eva und Lisa. Ein paar Schrecksekunden und dann – nichts mehr.
   Und wenn sich eine Ansiedlung ganz in der Nähe befand? Freundliche Menschen, die ihr halfen? Es wäre wirklich peinlich, in der Zielgeraden aufzugeben. In ihrer Familie ließ man sich sowieso nicht leicht unterkriegen. Aufgegeben wird bestenfalls ein Brief, war das Motto.
   Also setzte sie weiter einen Fuß vor den anderen, dachte an ihre Großmutter, die mit neunundachtzig noch einen Vampir mit ihrem Regenschirm gepfählt hatte, und an ihre Mutter, die es ohne ihren Kampfgeist wohl nicht geschafft hätte, drei Kinder ohne Mann großzuziehen.
   Als etwas mit lautem Krachen durch das Unterholz brach, zuckte Laura zusammen. Die plötzliche Bewegung ließ den Schmerz jäh auflodern. Sie hielt keuchend inne. Panik schnürte ihr die Kehle zu, auch wenn sie sich einzureden versuchte, dass sie sicherlich nur ein Reh gehört hatte. Doch sie schaffte es nicht, die leise flüsternde Stimme ihres Unterbewusstseins zum Schweigen zu bringen. Etwas hatte das Reh aufgescheucht, und sie wollte lieber nicht wissen, was es war. Ein grunzender, röchelnder Laut keine zwanzig Meter entfernt sorgte dafür, dass ihr Herz noch schneller schlug. Was war das? Ein Wildschwein? Die konnten verdammt gefährlich werden. Besonders, wenn es sich um eine Mutter mit ihren Jungen handelte. Sollte sie sich verstecken? Hoffen, dass sie nicht entdeckt wurde? Wildschweine waren sicher eher an Futter interessiert als an einem ruhig stehenden Menschen. Alles, was sich bewegte erregte Aufmerksamkeit, doch wenn sie sich still verhielt, wurde sie vielleicht nicht bemerkt.
   Außerdem war es verdammt verlockend, sich hinter den dichten Busch gleich links neben ihr zu verkriechen. Ein Baumstamm bot sich zum Anlehnen an. Wie einladend die weichen Moospolster auf der rauen Rinde aussahen. Laura seufzte leise. Wenn sie sich jetzt hinsetzte, würde sie nie wieder aufstehen.
   Also doch weitergehen. Sich langsam bewegen. Die Wildtiere sollten sie auf keinen Fall für eine Gefahr halten. Und wenn doch ein Raubtier in der Nähe war? Die offensichtliche Schwäche des Zweibeiners, der auf diesem einsamen Pfad unterwegs war, könnte sie dazu verlocken, anzugreifen. Immer häufiger war in den Nächten das klagende Geheul der Wölfe zu hören, und gelegentlich hörte man Gerüchte von entkommenen Zootieren, denen es gelungen war, in den Wäldern zu überleben. So konnte es unter Umständen passieren, dass man mitten in Österreich auf einen Tiger oder einen Leoparden traf. Dass sie an Menschen gewöhnt waren, machte sie nur noch gefährlicher, denn dadurch hatten sie die natürliche Scheu von Wildtieren verloren.
   Wieder Knacken und Rascheln im Unterholz. Also doch Wildschweine. Ein Raubtier würde niemals solchen Krach machen. Der Lärm kam näher. Laura glaubte, menschliche Stimmen zu hören. Eine Treibjagd? Sollte sie sich bemerkbar machen? Es kamen immer wieder Leute durch Fehlschüsse ums Leben. Oder doch lieber verstecken? Selbst, wenn sich ihr Menschen näherten, hieß das noch lange nicht, dass sie ihr auch wohlgesinnt waren. Und Vampire waren sowieso nur auf ihr Blut aus. Sie fröstelte. Wenn sie hier noch länger stand und überlegte, würde sie festfrieren. Warum war es überhaupt so kalt? Mitten im Sommer! Sie atmete aus und erwartete, einen Eishauch in der Luft hängen zu sehen. Doch nichts. Die Kälte kam aus ihrem Inneren. Durch Bewegung würde ihr sicher wärmer werden.
   Also weiter. Schritt für Schritt. Irgendwann musste dieser Wald enden. Unsicher tastete sie sich voran. Zwischen den Bäumen war es verdammt dunkel, und der Mond hielt sich zwischen den Wolken versteckt. Aber irgendwann musste es auch wieder hell werden. Jedem Abend war bisher immer noch ein Morgen gefolgt, auch wenn es die Vampire sicherlich gern anders hätten.
   Das Krachen kam näher. Das klang nicht nach freundlichen Menschen. Das klang nach einem Ungeheuer! Laura versuchte, zu laufen, versuchte, die Schmerzen zu ignorieren. Ihr Atem ging gepresst und keuchend. Bei manchen Bewegungen hätte sie am liebsten geschrien. Ihre Kiefer waren krampfhaft aufeinandergepresst, um jeden Laut zu unterdrücken. Sollte sie querfeldein ihr Glück versuchen? Auf dem Weg war sie ein leichtes Ziel. Doch jede Unebenheit bedeutete zusätzliche Qual. Dabei kam das Untier von Sekunde zu Sekunde näher. Sie konnte es schnüffeln, röcheln und schnaufen hören. Schon war es hinter ihr.
   Sie wollte es nicht sehen und konnte doch nicht anders. Laura musste sich umdrehten, und was sie erblickte, ließ sie erstarren. Ein Schrei gefror auf ihren Lippen. Die riesigen Hauer schimmerten im Mondlicht. Ein massiger, kahler Schädel saß auf breiten Schultern. Raue, dunkle Haut spannte sich über gewaltigen Muskeln. In den schaufelgroßen Händen lag eine riesige Keule. Die Welt begann sich zu drehen. Laura taumelte.
   Und dann machte das Ungeheuer einen Schritt auf sie zu.

2. Kapitel
Christian

Mit einem Ekel erregenden Schmatzen sprang die Schulter wieder in ihr Gelenk zurück. Christian zuckte zusammen. Selmas Ausbildung als Notfallsanitäterin hatte sich wieder einmal bezahlt gemacht, aber ihm war übel.
   Mara grinste breit und stieß ihn mit dem Ellbogen an. »Wenn sie wach sind, ist es schlimmer. Dann schreien sie auch noch.«
   Christian drehte den Kopf weg und starrte in den dunklen Wald. Mara liebte es, ihn aufzuziehen, weil er so zart besaitet war. Seine Finger krampften sich um Fritzis Zügel. Das alte Norikerpferd ließ den Kopf hängen und döste vor sich hin. Der Wallach hatte sich längst damit abgefunden, dass alle Zweibeiner verrückt waren. Ihn konnte so leicht nichts mehr erschüttern.
   »Rede nicht so gescheit, Mara. Helft mir lieber, sie auf den Karren zu legen.« Selma hörte sich wieder einmal an wie ein Feldwebel.
   Christian war froh, sich damit herausreden zu können, dass er das Pferd festhalten musste. Auch wenn alle wussten, dass es nicht notwendig war. Fritzi, dessen einst lackschwarzes Fell sich an den Schläfen eisgrau verfärbt hatte, ahnte stets im Voraus, was von ihm erwartet wurde. Aus seiner Zeit als Holzrückepferd war er es gewohnt, selbständig zu arbeiten.
   »Kevin, du nimmst die Füße. Mara, du hilfst mir mit dem Oberkörper.«
   Christian sah nicht hin. Die vielen Prellungen und Abschürfungen, die den zarten Frauenkörper verunstalteten, verursachten ihm Übelkeit.
   »Ich frage mich wirklich, was sie hier gemacht hat.«
   »Mensch, überleg halt, Kevin. Sie wird eben von der Burg abgehauen sein.« Selma klang ungeduldig. Das war meistens so. Besonders, wenn sie mit Kevin redete.
   »Dann war sie aber in der falschen Richtung unterwegs.«
   »Vielleicht hat sie es sich anders überlegt und wieder umgedreht.«
   »Und woher hat sie ihre Verletzungen?« Kevin mochte einige Kilos zu viel haben und in praktischen Dingen nicht gerade der Geschickteste sein, aber dumm war er mit Sicherheit nicht.
   »Vielleicht ist sie unterwegs ausgerutscht, hat sich verletzt und ist deshalb wieder umgekehrt. Mensch, wo soll sie denn sonst hergekommen sein? Hier ist weit und breit nichts außer Wald, Weiden und Felsen.«
   »Und der Krach vorhin? Was ist, wenn sie zu einer neuen Lieferung gehört und der Laster einen Unfall hatte? Vielleicht sollten wir nachsehen. Es könnte noch jemand verletzt sein.«
   »Das kannst du allein machen«, erklärte Mara bestimmt. »Ich riskiere es nicht, den Leuten von Graf Grollbock in die Arme zu laufen.«
   Der Graf, allerdings nannte er sich selbst von Hohenbach, und seine Meute waren keine angenehme Nachbarschaft. Auch wenn ihm Christian zugutehalten musste, dass er die Burg wirklich toll restauriert hatte. Vor wenigen Jahren noch kaum mehr als eine Ruine, sah sie jetzt wieder aus wie zu ihren besten Zeiten. Sogar den Burggraben und die Zugbrücke hatte er instand setzen lassen.
   »Kann losgehen«, sagte Selma, nachdem sie die Verletzte auf den Karren verfrachtet hatten. Mara und Kevin kletterten hastig auf die Ladefläche.
   Christian stieg auf den Kutschbock, schnalzte mit der Zunge, und Fritzi setzte sich in Bewegung. Er trottete gemächlich den gewundenen Waldweg entlang.
   Kevin seufzte.
   »Was ist?« Selma klang ungeduldig.
   »Nichts.«
   »Warum seufzt du dann?«
   Kevin seufzte gleich noch einmal. »Ich musste eben an früher denken. An Rettungsautos, die mit hundert Sachen und Blaulicht über die Autobahn bretterten.«
   »Du kannst ja eine blaue Laterne zwischen Fritzis Ohren am Zaumzeug festmachen.«
   »Das meine ich nicht!« Kevin schnaubte empört.
   »Tja, Geschwindigkeit kannst du vergessen. Und das liegt nicht nur an Fritzi!«
   Wir zur Bekräftigung holperte der Wagen durch ein Schlagloch.
   »Ist doch sowieso egal«, mischte sich Christian ein. »Schließlich gibt es kein Krankenhaus in der Nähe.« Er warf einen Blick nach hinten, sah, wie Selma im Schein ihrer Taschenlampe die junge Frau auf weitere Verletzungen hin untersuchte.
   »Sie scheint Glück gehabt zu haben. Bis auf die ausgerenkte Schulter kann ich bisher nur Prellungen und Schürfwunden feststellen. Ich weiß natürlich nicht, wie es mit inneren Verletzungen aussieht.«
   Die Verletzte stöhnte leise, als wollte sie antworten. Ihre Lider zuckten. Dann blinzelte sie. Mit einem Ausdruck von Verwirrung im Gesicht sah sie sich um.
   »Wie fühlst du dich?« Selma beugte sich über sie.
   Ein unbestimmtes Brummen war die Antwort. Sie versuchte, sich aufzusetzen, zuckte zusammen und sank wieder zurück.
   »Du solltest dich am besten noch nicht zu viel bewegen.«
   Trotzdem hob die Verletzte den Kopf und sah Selma durchdringend an.
   »Ungeheuer.« Die Stimme hörte sich matt und rau an. »Da war ein Ungeheuer.«
   »Meinst du das hier?« Kevin zerrte die Orkmaske aus ihrem Sack. »Auf dem Rest liegst du drauf. Der Latexanzug war die weichste Unterlage, die wir hatten.«
   »Oh.« Nun wirkte die junge Frau komplett verwirrt.
   »Tut uns leid, dass wir dich erschreckt haben. Wir haben nicht damit gerechnet, dass jemand im Wald unterwegs ist.« Kevin räusperte sich und knetete gleichzeitig die Maske zwischen seinen Händen.
   »Wie heißt du?«, mischte sich Selma ein.
   »Laura.« Die Stimme der jungen Frau klang abwesend, während sie mit einer Hand über die im Karren gestapelten Waffen tasteten und sich die echt aussehenden Klingen unter ihren Fingern bogen. Dann wanderten ihre Blicke weiter zu Maras und Selmas Elfenohren und blieben an Kevins Kapuzenumhang hängen. »Ihr seid Rollenspieler?« Unglauben klang in ihrer Stimme.
   »Auch in diesen Zeiten muss man hin und wieder etwas für das innere Kind tun«, verteidigte sich Mara.
   »Sollte keine Kritik sein. Es ist nur … aber eigentlich, warum nicht.« Laura schloss die Augen wieder und atmete tief durch.
   Unter ihr ausgebreitet lag das Orkkostüm aus Latex, links und rechts die Waffen, dazwischen Maras Blumenkranz und die Maske, die Kevin nicht mehr in ihren Sack zurückgestopft hatte. Laura sah aus wie eine gefallene Kriegerin, die für ihre letzte Reise aufgebahrt war.
   Bis sie sich wieder regte. Die Augen öffnete. Diese unglaublichen, blauen Augen, die ihn ansahen, an seinem Gesicht hängen blieben.
   So musste es sich anfühlen, von einem Laserschwert durchbohrt zu werden. Schmerzhafte Hitze fuhr Christian bis tief ins Herz, machte etwas mit ihm, aus ihm.
   Sein Mund wurde trocken, die Kehle eng, im Bauch schien sich ein Ameisenhaufen angesiedelt zu haben, während seinen Gliedern alle Kraft entwich. Die Zügel entglitten seinen Händen, lagen lose auf seinen Knien, während Fritzi unbeeindruckt vorantrottete.
   »Soweit ich sagen kann, hast du Glück gehabt. Es scheint nichts gebrochen zu sein. Allerdings können auch Prellungen ziemlich schmerzen, und die ausgerenkte Schulter wirst du wohl eine Weile spüren.« Selma klang nüchtern – wie meistens. Es gab kaum etwas, das sie aus der Ruhe brachte.
   Laura seufzte und fasste sich an den Arm, der in einer aus einem Pullover improvisierten Schlinge lag. Dann senkte sie den Blick. Ihr Gesicht wirkte plötzlich in sich gekehrt. »Lisa. Eva«, sagte sie leise. »Sie waren auch in dem Laster …«
   Unwillkürlich fasste Christian nach den Zügeln. Fritzi blieb ruckartig stehen. »Es gibt andere Verletzte?«
   Laura schüttelte den Kopf. »Außer mir hat es keiner aus dem Wagen geschafft. Die anderen sind in die Schlucht gestürzt.«
   Selma, die sich wie Mara und Kevin bei Lauras Worten aufrechter hingesetzt hatte, sackte in sich zusammen. »Das können sie nicht überlebt haben.«
   »Das denke ich auch.« Laura wischte mit der unverletzten Hand ein paar Tränen weg. »Ich muss einen Weg finden, unserem Arbeitgeber Bescheid zu sagen, dem Grafen von Hohenbach. Wir hätten morgen als Dienstmädchen auf der Burg anfangen sollen.«
   »Dienstmädchen?« Mara fuhr auf. »Dass ich nicht lache. Obwohl es in gewisser Weise sogar stimmt. Die Mädchen und Frauen, die er zu sich auf die Burg nimmt, müssen ihm und seinen Kumpanen zu Diensten sein.«
   War Laura eben schon bleich gewesen, so wurde ihre Haut nun abseits der blauroten Blutergüsse um eine weitere Nuance blasser. »Ich hätte es wissen müssen. Wie konnte ich nur so naiv sein? Es gibt schließlich genügend Geschichten von Frauen, die auf einen seriösen Job gehofft haben und stattdessen im Bordell gelandet sind. Dabei wollte ich einfach nur raus aus Linz, und ich dachte, in Unterwald leben seriöse Leute.«
   »Du bist hier nicht in Unterwald, sondern ein ganzes Stück weiter östlich. Aber der Graf muss nichts davon erfahren, dass du den Unfall überlebt hast.« Christian lächelte sie an.
   Laura fuhr zusammen, riss die Augen auf und erstarrte. Ein ersticktes Keuchen entwich aus ihrer Kehle. »Sind die Zähne echt?«
   »Ja. Leider. Du hast wohl schlechte Erfahrungen mit Vampiren gemacht?« Christian lächelte wieder. Diesmal mit geschlossenem Mund. Er wollte Laura nicht noch mehr erschrecken. Sie hatte etwas Verlorenes an sich und weckte in ihm das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen und sie zu beschützen.
   »Was wolltest du dann bei Graf Grollbock?« Maras Stimme klang scharf.
   Christian wurde unsanft aus seinen Gedanken gerissen. Laura zuckte zusammen. Beinahe im selben Augenblick verzog sich ihr Gesicht vor Schmerzen.
   Christian warf Mara einen bösen Blick zu. Sie konnte manchmal ein derartiger Trampel sein. »Sie meint den Herrn von Hohenbach«, erklärte er, denn Laura verstand ganz offensichtlich nicht, was Mara sagen wollte. »Dieser eingebildete Kerl mit seinem gekauften Titel ist Vampir der zweiten Generation, genauso wie die meisten seiner Kumpane.«
   »Und die sind nicht so nett wie Christian«, beeilte sich Kevin zu versichern.
   Lauras Blicke irrten von einem zum anderen. »Das wusste ich nicht«, stammelte sie. »Ich dachte, wir würden zu Menschen kommen.« Eine Strähne ihres dunklen Haars war ihr in die Stirn gefallen und verdeckte einen Teil ihres Auges.
   Christians Finger zuckten. Zu gern hätte er sie ihr aus dem Gesicht gestrichen, doch er las Angst in ihren Zügen und fragte sich, ob sie sich überhaupt jemals von ihm berühren lassen würde. Er räusperte sich. »Ich schlage vor, du kommst erst einmal mit zu uns und überlegst dir in Ruhe, was du tun willst.«
   Laura zögerte, aber dann nickte sie, und Christian ließ Fritzi weitergehen.
   Nach hundert Metern zweigte ein Feldweg ab. Fritzi bog selbstständig ein. Er wusste, wo es nach Hause ging. Laura hatte sich vorsichtig aufgesetzt und hockte mit schmerzverzerrtem Gesicht im Wagen, während sie von den Schlaglöchern durchgerüttelt wurde.
   Christian konnte kaum den Blick von ihr abwenden. Mit ihren langen, dunklen Haaren und der bleichen Haut hatte sie etwas von Schneewittchen an sich. Wie sie wohl aussah, wenn die Schwellung zurückging, die ihr Gesicht verzerrte? Sicherlich war sie hübsch. Man konnte über Hohenbach sagen, was man wollte, aber er hatte einen guten Geschmack. Alle seine Mädchen und Frauen waren ausnehmend hübsch, teilweise sogar richtige Schönheiten. Jede einzelne von ihnen viel zu schade für ihn.
   Laura tat ihm leid. Immer wieder wischte sie verstohlen Tränen weg. Trauerte sie, oder hatte sie Schmerzen? Vielleicht beides. Wenn er ihr wenigstens das Rütteln hätte ersparen können, aber die alte Straße war bei einem Erdrutsch zerstört worden, und Christian hatte kein Geld, um eine neue anlegen zu lassen. Deshalb bestand die jetzige Zufahrt nur aus ein paar Spurrillen auf dem Mutterboden. Wenigstens war die Erde trocken. Nach Regenfällen verwandelten sich manche Stellen in grundlosen Morast, und es war schrecklich mühsam, wenn der Wagen alle paar hundert Meter in einem Schlammloch stecken blieb. Dann hieß es jedes Mal absteigen und anschieben. Manchmal reichte selbst das nicht. Im Wagen lagen stets ein paar Bretter, die sich im Notfall unter die Räder schieben ließen.
   Kevin quatschte unablässig. Schweigen lag ihm nicht. Die einzigen Momente, in denen nichts zwischen seinen sich unablässig bewegenden Lippen hervordrang, waren jene, in denen er etwas in sich hineinstopfte, denn essen konnte man den Vorgang, bei dem er in Rekordgeschwindigkeit Nahrungsmittel verschlang, wirklich nicht nennen. Gut, dass er sich nie verwandelt hatte. Er hätte bestimmt ein ganzes Heer an Menschen benötigt, um satt zu werden. Kein Wunder, dass er seine Kleidung mehr als gut ausfüllte – und das, obwohl er sowieso schon Übergrößen trug.
   »Christian ist schwer in Ordnung«, erklärte er gerade. »Obwohl man hier echt hart arbeiten muss.«
   »Gut für dich. Sonst würdest du längst rollen.« Mara brachte alles stets auf den Punkt.
   Christian musste grinsen.
   »Aber ihr habt trotzdem noch Zeit, Rollenspiele zu machen?« Laura klang bereits gefasster.
   »Bei Vollmond eigentlich immer – dieses Licht muss man einfach ausnutzen. Sonst ist es meist für Menschen im Wald zu dunkel. An manchen Tagen ist der Mond hell genug, ohne ganz voll zu sein. So wie heute zum Beispiel – zu deinem Glück. Hin und wieder nehmen wir aber auch Fackeln. Nur bei Regen geht einfach gar nichts. Aber das passt ganz gut. Wer geht schon gern bei Sauwetter nach draußen? Ich jedenfalls nicht. Da sitze ich lieber am Kamin und beschränke mich auf ein nettes Brettspiel. Wir haben eine ganze Sammlung. Ich entwerfe auch gern selbst Spiele und bastle Miniaturen. Im Wohnzimmer haben wir einen Tisch für unser Lieblingsszenario.«
   »Wann machst du das alles, wenn du so viel Arbeit hast?«
   »Laura hat dich erwischt.« Mara lachte ihr typisches kehliges Lachen.
   »Das hat weniger mit erwischt werden zu tun als mit Effizienz. Ich teile mir meine Zeit eben ein. Zeitmanagement nennt man so etwas. Das geht auch auf dem Bauernhof. Und was soll man sonst tun? Gibt ja kein Fernsehen und kein Internet, weil man nur Empfang hat, wenn man den Hügel hinter dem Hof hinauflatscht. Ich habe schon mal daran gedacht, mir dort oben eine Hütte zu bauen.«
   »Das wirst du bleiben lassen. Ich will keinen Ärger mit dem Grafen. Die Grenze verläuft genau über den Hügel. Dort, wo der Empfang am besten ist, fängt eigentlich bereits sein Grund an.«
   »Weiß ich doch, Christian. Sonst hätte ich dich schon längst gefragt.«
   Fritzi wurde schneller. Der Hof, den Christians Urgroßeltern gebaut hatten, tauchten zwischen den Bäumen auf. Er mochte das alte Gebäude mit dem vertrauten Kontrast zwischen weiß gekalkten Wänden und altersdunklem Holz, die Balkonblumen in weiß und rot, die vielen Fenster mit den hölzernen Läden. Dahinter lag das Stallgebäude. Der Geruch nach Kuhdung hing in der Luft. Eine einsame braune Henne scharrte in der trockenen Erde nach Futter.
   Fritzi blieb von selbst vor dem Haus stehen und regte sich auch nicht, als die Tür aufging und eine kleine Gestalt herausgestürzt kam. Sie trug einen Kittel, hatte riesige, unglaublich haarige Füße und fuchtelte mit einem Schwert herum.
   »Solltest du nicht im Bett sein, Fabian?« Es gelang Christian nicht, streng zu klingen. Ihm wurde immer ganz warm ums Herz, wenn er den Kleinen sah.
   »Papa!« Fabian stürzte auf Christian zu und umarmte ihn, bevor er noch richtig vom Karren gestiegen war. Aufgrund seiner geringen Größe erreichte er jedoch nur Christians Oberschenkel, den er dafür umso inbrünstiger drückte. Das Schwert hielt er weiter hartnäckig in seiner kleinen Faust. »Schau mal, welch tolle Hobbitfüße mir Oma gemacht hat.« Er reckte ein Bein hoch, während er sich Halt suchend am Stoff der Hose festklammerte.
   »Sieht echt gut aus. Als wärst du direkt vom Auenland hierhergekommen.«
   »Kann ich eine richtige Hobbithöhle haben?«
   Christian zog die Brauen hoch. »Das muss ich mir noch gut überlegen.«
   »Aber in den Stall darf ich reiten – oder?«
   »Du bist also wegen Fritzi aufgeblieben und nicht meinetwegen?«
   »Natürlich wegen dir, Papa. Na ja, auch ein bisschen wegen Fritzi.«
   »Also wenn du reiten willst, dann musst du mich loslassen, sonst kann ich Fritzi nicht abschirren.«
   Die anderen waren ebenfalls vom Karren gestiegen und gingen beladen mit den ganzen Utensilien zum Haus.
   »Komme gleich«, hörte er Selma sagen, dann folgte sie den anderen. Ihr langes blondes Haar hing glatt den Rücken hinab.
   Ein seltener Anblick, denn meist trug sie es zu einem strengen Knoten zusammengebunden. Aber offen passte es perfekt für eine Elfe, auch wenn Selmas Körperbau für die von ihr gewählte Figur – nun – etwas zu grobknochig war. Milde ausgedrückt. Sie war nicht hässlich, hatte aber etwas Herbes, Maskulines an sich, sodass sie in Jeans und T-Shirt besser aussah als mit dem langen weißen Kleid ihres Rollenspielcharakters.
   Christian wandte sich Fritzi zu, als sich auf dem Karren etwas regte. Laura hatte sich halb aufgerichtet und schob sich auf die Kante der Ladefläche zu.
   »Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist.« Christian ließ Fritzis Zügel los und machte einen Schritt in Lauras Richtung.
   »Geht schon.«
   Sie rutschte von der Ladefläche hinab, hielt sich mit einer Hand fest und tastete sich vorsichtig am Karren entlang Richtung Haus. Ihr Gang war unsicher, und wenn sie an Christian vorbeiwollte, dann musste sie den Karren loslassen. Er überlegte gerade, ob er zur Seite treten und sie vorbeilassen oder ihr doch lieber seine Hilfe anbieten sollte, als sie ihre Hand vom Karren nahm und einen Schritt zur Seite machte.
   Ihres Halts beraubt, begann sie zu taumeln, fasste wieder nach dem Wagen, griff jedoch ins Leere. Christian sprang vor. So schnell und gleichzeitig so sanft es ging, fasste er sie am unverletzten Arm und stützte sie an der Hüfte. Er spürte, wie sie sich unter seiner Berührung verspannte und dazu ansetzte, sich loszureißen, die Bewegung jedoch unterbrach.
   »Tut mir leid«, sagte sie, ohne ihn anzusehen. Es war ihr anzumerken, wie sehr sie gegen den Instinkt ankämpfte, fluchtartig das Weite zu suchen. »Ich habe mich immer bemüht, jeden als Einzelwesen, als Person zu sehen. Und dass du nicht wie viele andere Vampire bist, erkennt man recht schnell.« Sie senkte den Blick, und ihre Augen blieben einen Moment lang an Fabian hängen.
   »Kein Problem. Ich verstehe das. Der Körper hat sein eigenes Gedächtnis. Er speichert Erfahrungen oft recht hartnäckig und völlig unabhängig vom bewussten Denken.«
   Für einen Augenblick schien es, als würde sie sich entspannen. Sie stand ruhig neben ihm und machte nicht die geringsten Anstalten, sich aus seinem Griff zu befreien. Dann trat Selma aus der Haustür. Christian hob unwillkürlich den Kopf, um sie anzusehen. Diese kleine Bewegung reichte, um Lauras Körper wieder erstarren zu lassen.
   »Warum bist du denn nicht auf dem Karren geblieben?« Selma eilte zu ihnen und befreite Laura aus Christians Griff. »Ich habe doch gesagt, ich komme zurück. Weißt du, ich wollte nur den ganzen Krempel aus dem Weg haben, nicht, dass du in deinem Zustand noch darüber stolperst.«
   Christian sah ihnen nach, wie sie Richtung Haus gingen. Die eine schwankend, unsicher. Ein zartes Pflänzchen, das jeder Windhauch umwehen könnte. Die andere kräftig, von der harten Arbeit gestählt, ihre Hand eine sichere Stütze.
   Er starrte auch dann noch auf die Haustür, als sie sich längst hinter den beiden Frauen geschlossen hatte.
   »Kann ich jetzt auf Fritzi reiten?«
   Der Noriker wartete geduldig, ganz im Gegensatz zu dem kleinen Jungen, der an Christians Hosenbein zerrte.
   »Klar. Lass ihn mich nur fertig ausspannen.« Christian löste die Stränge vom Zugscheit und legte sie quer über den Pferderücken. Dann packte er den Jungen unter den Achseln und hob ihn hoch. Fabian jauchzte und strahlte über das ganze Gesicht, während er sich zurechtruckelte, eine Hand in der Mähne, in der anderen sein Spielzeugschwert. Fritzi setzte sich langsam in Bewegung. Es war, als würde er auf rohen Eiern laufen, um den kleinen Passagier, der mit fast zum Spagat gespreizten Beinen auf seinem Rücken thronte, auf keinen Fall zu verlieren.

Als Fritzi versorgt und Fabian endlich im Bett war, sah Christian noch einmal nach Laura. Ihr Haar, zuvor lose geflochten, breitete sich nun in langen dunklen Strähnen auf dem Kopfkissen aus. Sie trug eine Bluse von Selma, und ihr Arm lag in einer ordentlichen Schlinge, die Hände waren bandagiert. Vorsichtig tastete sie mit ihrer freien Hand über die geschwollene, verfärbte Gesichtshälfte, rückte das nasse Handtuch, das auf ihrer Wange lag, zurecht.
   »Ich sehe schrecklich aus! In meinem Zustand bräuchte ich nicht einmal eine Maske, um bei einem Rollenspiel den Part des Monsters zu übernehmen.«
   »Du wirst zuerst blau werden, dann grün und gelb und dann wirst du wieder genauso schön sein wie zuvor.«
   »Wahrscheinlich hast du recht. Es fühlt sich nicht so an, als wäre etwas gebrochen. Die Zähne sitzen auch alle fest.« Sie versuchte zu lächeln. Es geriet ziemlich schief und wirkte krampfhaft.
   Christian konnte nicht sagen, ob die Schmerzen und die Schwellung daran schuld waren oder ihre Vorbehalte gegenüber Vampiren. »Na, dann steht einer vollständigen Genesung nichts mehr im Weg.« Er versuchte, aufmunternd zu klingen. Krampfhaft überlegte er, was er noch sagen könnte. Er wollte nicht gehen, fühlte sich in ihrer Gegenwart wohl. Das war noch untertrieben. Er war regelrecht süchtig nach dem warmen Aufglühen, das ihr Anblick in seiner Körpermitte weckte. Allerdings bezweifelte er, dass es ihr ebenso erging. Ein Seufzen entwich seiner Kehle, und seine Schultern sanken nach unten. Zu gern würde er ihr beweisen, dass es auch freundliche Vampire gab.
   »Nett, wie du dich um den kleinen Jungen kümmerst, ganz, als wäre er dein eigener Sohn.«
   Christian dankte Laura im Geist für ihre Wortwahl. So hatte er eine Ausrede, noch länger mit ihr zu reden.
   »Oh, er ist tatsächlich mein Sohn.«
   »Aber du bist ein Vampir!«
   Christian hob in einer hilflosen Geste die Hände. »Du hast recht, die meisten Vampire sind zeugungsunfähig, aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Jona hat sogar einen Gentest machen lassen, um es mir zu beweisen.«
   Laura räusperte sich. »Du hast eine Freundin?«
   »Irgendwie. Obwohl das bei den Amazonen schwer zu sagen ist. Sie bleiben meist unter sich. Kontakte zu Männern nehmen sie nur auf, wenn sie Geschäfte machen wollen oder wenn sie auf Sex aus sind. Nach ihrer zweiten Schwangerschaft wollte Jona nichts mehr von mir wissen. Sie meinte, sie hätte sich extra einen Vampir ausgesucht, weil sie nicht schwanger werden wollte.«
   Normalerweise redete er nicht gern darüber. Es tat immer noch weh, dieses Gefühl, nur benutzt worden zu sein. Kaum war sie nicht mehr an seinen Diensten interessiert, hatte sie ihn entsorgt. Kein Streit. Nur eine nüchterne Mitteilung. Gelegentlich sahen sie sich, wenn er mit den Amazonen Handel trieb. Dann durfte er auch seine kleine Tochter auf dem Arm halten. Ann-Sophie, kurz Ansi genannt, hatte das blonde Haar ihrer Mutter, aber Christians braune Augen. Er würde sie gern öfter sehen, aber auch wenn die Amazonen ihm gegenüber stets höflich waren und betonten, wie gern sie mit ihm Geschäfte machten, so bestanden sie doch auf ihrer Distanz.«
   »Gleich zwei Kinder!« Laura räusperte sich. »Was wird eigentlich aus Kindern von Vampiren? Menschen oder Vampire?« Sie hielt inne. »Du musst das nicht beantworten, wenn es zu persönlich ist.«
   »Schon in Ordnung. Bis jetzt sind alle Nachkommen von Vampiren rein menschlich. Es gibt Theorien, dass eine spontane Verwandlung einsetzen könnte, wenn sie ins Erwachsenenalter kommen. Das Potenzial tragen sie alle in sich. Sie haben stets die Blutgruppe AB positiv.« Christian grinste. »Fabian möchte unbedingt Vampir werden. Er will jetzt schon meine Zusicherung, dass ich ihn verwandle, wenn es nicht spontan passiert.«
   »Und dein zweites Kind?«
   »Ansi interessiert sich nicht sonderlich für Vampire. Sie findet Pferde wesentlich spannender.«
   Laura lächelte. »Und wo ist sie?«
   Interessierte es sie wirklich? Oder wollte sie sich nur von ihren Schmerzen ablenken? Er wusste nicht, wie er sie einschätzen sollte. Aber egal! Es gefiel ihm, dass sie zwanglos mit ihm plauderte.
   »Ansi lebt bei ihrer Mutter. Die weiblichen Kinder ziehen die Amazonen selbst auf, die männlichen bringen sie dem Vater.«
   Laura zupfte mit der linken Hand unsichtbare Flusen von der Bettdecke. »Amazonen? Richtige Amazonen – also nicht nur reitende Frauen? Ich wusste überhaupt nicht, dass es so etwas in Österreich gibt.«
   »Hast du eine Ahnung, was es alles gibt! Seit unser Land in viele kleine Gebiete aufgeteilt ist, haben sich die unterschiedlichsten Formen des Zusammenlebens entwickelt. Jedem Grüppchen sein Süppchen, kann man da nur sagen.«
   »Zählst du Rollenspieler auf dem Bauernhof auch dazu?«
   Christian grinste. »Klar. Eine kleine, aber äußerst wichtige Randspezies. Und bei unseren Amazonen handelt es sich um einen losen Zusammenschluss von Frauen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten, die von Männern unabhängig leben wollen. Sie haben sich nach dem antiken Volk benannt, weil sie viele Ansichten und Lebensgewohnheiten dieser Kriegerinnen teilen.«
   »Gänzlich unabhängig geht es aber wohl doch nicht.« Ein Lächeln lockte Lauras Mundwinkel nach oben.
   »Vielleicht nicht.« Christian musste ebenfalls schmunzeln. Laura hatte recht. Für manche Dinge brauchte auch die eigenständigste Frau einen Mann. »Aber zumindest leben sie selbstbestimmt. Es sind ausgesprochen stolze, kämpferische Frauen.«
   »Amputieren sie sich auch eine Brust, um besser Bogenschießen zu können, wie es aus dem alten Griechenland überliefert wird?«
   Christian entging Lauras winziges Zucken bei dem Gedanken an diese Selbstverstümmelung nicht. Verursachte ihr diese Vorstellung Unbehagen? Falls ja, war das nur zu verständlich. Auch bei ihm löste sie ein unangenehmes Schaudern aus. »Nein, keine Sorge. Es wird nichts amputiert, aber trotzdem können die Damen ausgezeichnet mit Pfeil und Bogen umgehen.«
   »Ich würde das auch gern lernen.«
   »Kannst du doch. Kein Problem. Du musst nur warten, bis deine Schulter abgeheilt ist.« Er wusste ihren verklärten Gesichtsausdruck nicht zu deuten. War das Bogenschießen ein derart großer Wunsch von ihr?
   »Im Ernst? Einfach so? Normalerweise haben Vampire ziemliche Hemmungen, Menschen Waffen in die Hand zu geben.«
   »Das mag in Linz so sein. Ich mache keinen Unterschied zwischen Menschen und Vampiren, die Amazonen ebenso wenig. Der Herr Graf sieht das wahrscheinlich anders, aber der ist kein Maßstab für mich.«
   Laura schloss kurz die Lider, seufzte tief und sah ihn aus ihren unglaublichen blauen Augen an. »Du bist wirklich ein netter Kerl. Ich hätte nicht gedacht, dass es auch solche Vampire gibt.« Sie legte sich im Bett zurecht. Ihr Kopf sank zur Seite. Unter ihren Augen lagen tiefe Schatten. Sie sah ausgesprochen müde aus.
   »Ich sollte gehen und dich nicht länger vom Schlafen abhalten.« Er drehte sich um und ging zur Tür, streckte die Hand nach der Klinke aus.
   »Christian!«
   Er hielt inne. Sah zu Laura zurück, die sich im Bett halb aufgerichtet hatte. Sie schien mit sich zu ringen, wollte etwas sagen, das sie jedoch nicht über ihre Lippen zu bringen vermochte. Schließlich holte sie tief Luft. »Bitte bleib.«

3. Kapitel
Laura

Laura hätte sich am liebsten auf die Lippen gebissen. Warum in aller Welt hatte sie das gesagt? Was war aus ihrem Vorsatz geworden, sich von Vampiren fernzuhalten? Ihr Herz flatterte, und ihre Finger krampften sich in die Bettdecke. Sie hatte Angst, und gleichzeitig irgendwie doch nicht. Ein vollkommen verrückter Zustand. Zum ersten Mal fühlte sie sich von einem Vampir nicht abgestoßen. Ganz im Gegenteil. Sie wünschte sich, er würde näher kommen, sie anlächeln und vielleicht sogar berühren.
   Ein kleiner Teil von ihr traute der Situation nicht, raunte leise Warnungen in ihrem Hinterkopf.
   Lass dich von der Fassade nicht täuschen. Das ist nur seine Masche, um dich in Sicherheit zu wiegen.
   Innerlich zuckte sie jedes Mal zusammen, wenn seine verlängerten Eckzähne zu sehen waren, auch wenn sie am liebsten im selben Moment die Hand nach ihm ausgestreckt hätte. Vielleicht war es wirklich die in ihren Zellen abgespeicherte Erinnerung an all die Schmerzen und Erniedrigungen, die sie in den letzten Jahren hatte erdulden müssen.
   Aber Christian war vollkommen anders als alle Vampire, die sie kannte. Ihm fehlte die selbstbewusste Überheblichkeit. Wahrscheinlich würde er auch nicht in eine Bar gehen, in der sich Menschen und Vampire trafen und, nachdem ein paar Scheine ihren Besitzer gewechselt hatten, in Separees verschwanden, um Blut oder auch andere Körperflüssigkeiten auszutauschen. Das Personal wurde zwar nicht gezwungen, als Blutspender zur Verfügung zu stehen, aber der Job war so schlecht bezahlt, dass manchmal nichts anderes übrigblieb, als sich auf diese Weise etwas dazuzuverdienen.
   Laura war nie in eines der Separees mitgegangen, hatte nur den einen oder anderen an der Bar von ihrem Handgelenk trinken lassen. Keiner der Typen war vorsichtig gewesen. Deutlich sichtbare Narben erinnerten an diese Begegnungen.
   Die von Leon stammenden waren weniger offensichtlich. Kleine, blasse Male, wo er sie mit seinen Zähnen geritzt, ihr kaum körperliche Schmerzen zugefügt, aber umso mehr ihren Stolz und ihr Selbstwertgefühl verletzt hatte.
   Christian ähnelte Leon nicht im Geringsten, das sah sie bereits an seinen Bewegungen. Weicher, fließender als die eines Menschen ließen sie dennoch nicht an Schlangen denken, wie es bei vielen Vampiren der Fall war. Er hatte eher etwas von einer freundlichen Hauskatze.
   Auch jetzt, als er zu ihr zurückkam, sie anlächelte und sich einen Stuhl heranzog. Er fragte nicht, ob sie Angst davor hatte, allein zu bleiben. Er schien es zu spüren. Beinahe war es, als könnte er die Geister sehen, von denen sie umgeben war. Die Geister der Vergangenheit, die mit gebleckten Fangzähnen nach ihr schnappten. Die Geister von Eva und Lisa, die zerschlagen und blutig zu ihren Füßen kauerten und sie fragten, wie sie es hatte wagen können, zu überleben.
   In diesem Moment öffnete sich die Tür. »Ach, hier bist du!« Eine Frau kam herein. Groß. Sportliche Figur. Nur die Falten rund um ihre Augen, die tiefen Furchen um ihren Mund und das ergrauende Haar, das sie zu einem festen Pferdeschwanz zusammengefasst hatte, verrieten ihr Alter. Sie drückte Christian eine Ampulle mit Blut in die Hand. »Lass es nicht kalt werden.«
   »Nein, Mama.«
   Unwillkürlich musste Laura lächeln. Auch Christian verwendete ihn, diesen leicht genervten, leicht ungeduldigen Tonfall, den viele Kinder ihren überbehütenden Müttern gegenüber anschlugen. Dabei spielte es keine Rolle, wie alt diese Kinder waren. Für ihre Mütter würden sie immer Kinder bleiben. In Christians Fall hatte nicht einmal die Verwandlung zum Vampir etwas daran geändert.
   »Wie geht es dir?« Christians Mutter hatte sich nun Laura zugewandt. In ihren braunen Augen spiegelte sich Mitgefühl.
   »Geht schon.«
   »Es kann sein, dass es morgen schlimmer ist. Oft schmerzen Prellungen am zweiten Tag am meisten.«
   »Das ist durchaus möglich.« Laura wollte sich am liebsten gleichzeitig bedanken und entschuldigen. Diese Leute machten sich so viel Mühe mit ihr, doch es wollten ihr keine passenden Worte einfallen. Alles, was sie sich zusammenbastelte, erschien ihr platt und künstlich.
   »Du solltest viel trinken. Christian, bring ihr doch noch ein Glas mit Wasser.«
   Christian hatte sich neben den Schrank zurückgezogen, um ungestört das Blut zu sich nehmen zu können. Nur ein Teil seines Rückens war zu sehen. Bei den Worten seiner Mutter fuhr er zusammen. Er versteifte sich, atmete tief durch. »Klar. Mache ich.« Seine Stimme klang wieder ruhig und gelassen.
   Laura hörte das Rauschen von fließendem Wasser, und wenig später kam Christian mit einem Glas zurück.
   Er stellte es neben ihr auf den Nachttisch. »Aus unserer eigenen Quelle. So gutes Wasser hast du in der Stadt sicher nicht bekommen.«
   Sie wollte nicht an die Stadt erinnert werden. Dabei hatte sie Linz immer gemocht. Mad Milos Versuche, den Ruf als Kulturstadt zu erhalten, blieben zwar hinter den Vorbildern zurück, aber es gab immer noch eine Linzer Klangwolke und ein Brucknerfest. Auch das Linzer Musiktheater und das alljährliche Pflasterspektakel mit Akrobaten, Artisten und Straßenmusikanten gab es noch. Laura schluckte. Wegen des Pflasterspektakels war sie in Linz gelandet.
   Eine ganze Woche lang sollten verschiedenste Künstler – Menschen und Vampire – auf vierzig verschiedenen Schauplätzen in der Stadt ihr Können unter Beweis stellen. In jenem Jahr sogar in Kombination mit der Linzer Klangwolke. Klassische Musik, Lasershow und Akrobaten sorgten für eine unglaubliche Stimmung. Doch noch vor Ende des letzten Tages ließ Mad Milo die Pforten der Stadt schließen. Mauern wurden hochgezogen, Straßensperren errichtet und Wachen aufgestellt.
   Das Spektakel wurde zwar Jahr für Jahr fortgeführt, aber es kamen kaum noch Künstler von außerhalb. Schließlich wusste weder Mensch noch Vampir, ob er die Stadt jemals wieder verlassen durfte.
   »Dunkle Gedanken.«
   Sie nickte und war dankbar, dass Christian nicht weiter ins sie drang. Er setzte sich wieder auf den Stuhl neben dem Bett. Seiner Mutter reichte er die leere Ampulle.
   »Und für morgen setzte ich gleich eine Hühnersuppe auf. Die bringt dich wieder auf die Beine.« Christians Mutter beugte sich vor und tätschelte vorsichtig die Bettdecke. Sie wagte wohl nicht, Laura zu berühren, aus Angst, ihr Schmerzen zuzufügen.
   »Danke.«
   »Das ist doch selbstverständlich.« Damit war sie aus der Tür.
   Christian grinste. »Sie freut sich, dass sie ein Opfer gefunden hat, das ihr nicht davonlaufen kann. Weißt du, sie hört es zwar nicht gern, aber meine Mutter ist eine echte Gluckhenne.«
   »Sie sieht überhaupt nicht so aus.«
   »Seit wann hat das etwas mit dem Aussehen zu tun.«
   Laura wollte mit den Achseln zucken, doch bereits die Andeutung der Bewegung löste eine Schmerzwelle aus. Sie hielt inne und atmete tief ein und aus. »Ich habe wahrscheinlich Vorurteile, wenn ich mir die klassische behütende Mutter klein, rundlich und mit wogendem Busen vorstelle.«
   Christian grinste nur. Es handelte sich nicht um dieses verhaltene Grinsen, bei dem man die Fänge nicht sehen konnte, und auch nicht um dieses herausfordernde, das etwas von einem Zähneblecken hatte. Es war offen, freundlich, natürlich.
   Dabei sah er auch noch gut aus. Nicht auf die durchgestylte Art von Leon, der vor dem Spiegel oft genug länger gebraucht hatte als Laura. Nichts an ihm wirkte geplant oder künstlich. Den Körper hatte Arbeit geformt und nicht das Training im Fitnessstudio. Das dichte, dunkle Haar war gerade eine Spur zu lang für einen Kurzhaarschnitt und dennoch nicht lang genug, um wirklich lang genannt zu werden. Die sanften braunen Augen mit den ungewöhnlich dichten Wimpern schienen nicht so recht zu jemandem passen, der Blut trank.
   Laura ertappte sich bei dem Wunsch, ihn anfassen zu wollen. Seltsamerweise waren es seine Hände, die ihre besondere Aufmerksamkeit auf sich zogen. Lange, aber trotzdem kräftige Finger, längliche Nägel, die nach der Nacht im Wald erstaunlich sauber waren. Wie es sich wohl anfühlte, die Adern auf dem Handrücken nachzuzeichnen?
   Wenn er doch bloß kein Vampir wäre!
   Alles in ihr zog sich zusammen. Sie musste sich ablenken. Irgendwie.
   Laura räusperte sich. »Aber die anderen sind nicht mit dir verwandt – oder?«
   »Nein. Wir sind nur Freunde.«
   »Wie habt ihr euch kennengelernt?«
   »Beim Studium in Wien. Wir waren alle an Rollenspielen interessiert. Ich habe Germanistik und Anglistik studiert. Vom jetzigen Standpunkt aus vollkommen sinnlose Studien. Aber eigentlich hätte mein älterer Bruder den Hof übernehmen sollen, und ich habe das Lehramt angestrebt. Tja, dann kam der Krieg, und all unsere Pläne wurden über den Haufen geworfen.« Ein Schatten huschte bei der Erwähnung seines Bruders über sein Gesicht.
   »Das tut mir leid.« Sie zögerte. Konnte sie es wagen, ihn zu fragen, was mit seinem Bruder passiert war? Laura wollte keine schmerzhaften Erinnerungen wecken. Aber dazu war es wohl schon zu spät. Christian verzog das Gesicht, als hätte er Bauchkrämpfe.
   »Er hat die Vampire vom ersten Augenblick an gehasst und sich den Sonnenkriegern angeschlossen.«
   Laura kannte diese Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, jeden Vampir, dessen sie habhaft werden konnte, der Sonne zu übergeben.
   »Er hat nicht mehr erlebt, wie Vater und ich uns verwandelt haben. Vielleicht auch besser so.«
   Laura schluckte. Kaum eine Familie, die keine Toten zu beklagen hatte. Die Trauer und die Resignation, die aus seiner Stimme zu hören waren, ließen ihn noch menschlicher erscheinen. Er wirkte trotz allem, was er sicherlich schon mitgemacht hatte, gefasst und in sich ruhend. So stellte sich Laura einen Sozialarbeiter, einen Priester oder einen guten Arzt vor. Von Minute zu Minute entspannte sie sich mehr. Sie zuckte nicht mehr jedes Mal zusammen, wenn seine Zähne zwischen den Lippen hervorblitzten.
   Ihre zunehmende Gelöstheit sorgte dafür, dass ihre Glieder schwerer wurden und ihre Lider allmählich herabsanken. Sie verstand Christians Worte nicht mehr, doch seine Stimme hüllte sie ein, streichelte sie.
   Irgendwann kam noch eine andere Stimme dazu. War das Mara? Sie klang ärgerlich. Laura erinnerte ihr Anblick an eine Maus. Das spitze Gesicht, die vorstehenden Zähne, die abstehenden Ohren. Sie hörte sich in diesem Moment auch an wie eine Maus. Ihre Stimme war höher und schriller als zuvor.
   »Du bringst uns alle in Gefahr!«
   »Du übertreibst.« Christians Stimme. Sanft beruhigend.
   »Und was, wenn er sie sieht?«
   »Warum sollte er? Er kommt nie in die Nähe des Hofes.«
   »Du weißt sehr gut, dass er seine Augen und Ohren überall hat.«
   Schritte waren zu hören. Lief Mara auf und ab? Hatte sie recht mit ihrer Befürchtung? Etwas in Laura krampfte sich zusammen.
   »Komm, jetzt übertreibst du aber. Du tust gerade so, als würde an jedem zweiten Baum eine Überwachungskamera hängen.«
   Mara schnaubte. »Das vielleicht nicht, aber hat er seine Wege und Methoden.«
   »Dann werden wir Wege und Methoden finden, dass er nichts mitbekommt.« Christian klang sicher und überzeugend.
   Laura entspannte sich wieder. Er würde auf sie aufpassen. Die Stimmen rückten in weite Ferne, wurden zum Hintergrundgeräusch. Ein beruhigendes Summen, das sie begleitete, während ihr Geist auf samtweicher Dunkelheit dahinglitt.
   Vorsichtig drehte sie sich zur Seite, denn bereits beim Gedanken an eine Bewegung begann ihre Schulter zu schmerzen. Nach wenigen Zentimetern war jedoch schon wieder Schluss. Ihr Körper regte sich nicht mehr, lag da wie festgenagelt. Panik erfasste sie. War das die Methode, dafür zu sorgen, dass sie vom Grafen von Hohenbach nicht entdeckt wurde? Sie ans Bett zu fesseln?
   Umso mehr sie sich zu befreien versuchte, umso mehr verhedderte sie sich. Ein Schrei stieg in ihrer Kehle auf, wurde jedoch von einem Knebel gedämpft. Laura brach der Schweiß aus. Sie warf sich immer wilder herum, kämpfte gegen ihre Fesseln, ohne auf die schmerzende Schulter Rücksicht zu nehmen.

4. Kapitel
Christian

Es dauerte eine ganze Weile, bis die Laute Christians Träume durchdrangen. Dabei hatte er sehr unruhig geschlafen, denn das Licht brannte auf seiner Haut, obwohl es durch die dunklen Vorhänge gedämpft wurde, und der Stuhl erlaubte ihm nur eine mäßig bequeme Haltung.
   Laura warf sich auf dem Bett hin und her. Schweiß lief über ihr Gesicht. Sie hatte es irgendwie geschafft, sich in die Bettdecke einzuwickeln, dass sie nun vom Stoff umhüllt wurde wie eine Raupe von ihrem Kokon.
   Er stemmte sich hoch und befreite als Erstes ihren Mund, dann begann er die Decke um die Schultern zu lockern. »Du liebe Güte, wie schafft man es, sich derart selbst zu fesseln? Das ist wirklich eine Kunst.«
   Die dumpfen Laute, die Laura von sich gegeben hatte, verstummten abrupt, und sie öffnete die Augen.
   »Ich versuche gerade, dich zu befreien, ohne dir wehzutun.«
   Sie sah ihn aus ihren unglaublich blauen Augen irritiert und fragend an. Verletzt und hilflos, wie sie war, hätte er sie am liebsten in den Arm genommen, um sie zu trösten. Aber dazu kannte sie ihn noch nicht gut genug und würde wahrscheinlich mit Abwehr reagieren.
   Als sie halbwegs aus der Decke gewickelt war, setzte sie sich an das Kissen gelehnt auf. »Ich war das selbst? Ich bin so eine Idiotin! Bin wohl sogar zum Schlafen zu blöd.«
   Wie traurig und frustriert sie klang. Unwillkürlich strich Christian sanft über ihren Oberarm. Nur ganz leicht. Nur einmal auf und nieder. Es machte ihn glücklich, dass sie nicht zurückzuckte.
   Sie blinzelte bloß. Ihr Blick wanderte zu den beiden zusammengerückten Stühlen, über denen eine Wolldecke lag. »Du hast hier geschlafen?«, kommentierte sie das Offensichtliche.
   Ihr Gesicht nahm einen seltsamen, nachdenklichen Ausdruck an. »Leon hat nie …«
   Was immer sie mit diesem Leon verband, ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen schien es ihr peinlich zu sein.
   »Macht es dir nichts aus, neben Menschen zu schlafen, oder hast du überhaupt nicht geschlafen?«
   Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich bin von Freunden umgeben. Die würden eher die Fenster zunageln als die Vorhänge zur Seite zu ziehen.«
   Sie lächelte. Es war ein zaghaftes, ein vorsichtiges Lächeln. »Aber mich kennst du nicht.«
   »Da hast du recht.«
   Sie regte sich nicht, sah ihn nur an. Der Bluterguss auf ihrer Wange verzerrte ihr Gesicht, und quer über ihre Nase zog sich eine Schramme. Trotzdem erschien sie ihm wunderschön. Er hätte sie ewig ansehen können – leider platzte in diesem Moment Selma herein.
   »Die Schmerzmittel sind alle. Wir haben nur noch Weidenrindentee und Mädesüßtinktur.«
   »Mach dir keine Gedanken. Ich bin unglaublich dankbar dafür, in einem Bett liegen zu dürfen und so wunderbar versorgt zu werden. Ehrlich gesagt, hatte ich bereits mit meinem Leben abgeschlossen.«
   Wenig später kam auch Mara, schwieg verbissen und machte sich daran, mit Dunkelfinstermiene aufzuräumen. Nicht, dass es viel aufzuräumen gegeben hätte. Vielmehr suchte sie einen Vorwand, um sich im Zimmer aufzuhalten. Kevin brachte wenig später einen Topf mit seiner Honigsalbe. Selma hatte anfangs überhaupt nichts von dem Brei gehalten, den Kevin aus seinem Honig zusammenpantschte, doch nachdem die Salbe mehrfach ihre Wirksamkeit bei der Heilung von Wunden unter Beweis gestellt hatte, waren ihre Proteste verstummt.
   »Kannst du ruhig verwenden, das Zeug ist echt gut«, sagte sie nun sogar zu Laura.
   »Ich habe sechzig Bienenvölker«, erklärte Kevin stolz.
   »Wenigstens kann Kevin mit kleinen Tieren umgehen, wenn er schon mit den großen nicht klarkommt.« Selma knuffte ihn in die Schulter und grinste.
   »Kühe sind eben nicht so meins, und du, meine Liebe«, er zwinkerte Selma zu, »isst meinen Honig genauso gern wie alle anderen.«
   »Will ich überhaupt nicht bestreiten. Er verkauft sich auch gut.«
   »Und wie! Man bekommt bei mir, abgesehen von den Bienenwachskerzen, Honigseife, Lippenpflegebalsam und Honigshampoo auch Honig in sechs verschiedenen Geschmacksrichtungen. Du kannst ihn pur genießen, mit Walnüssen, mit Ingwer, mit Erdbeeren, Heidelbeeren und auch mit Vanille – solange ich noch welche bekomme. Das wird von Jahr zu Jahr schwieriger.«
   »Vielleicht auch bald wieder leichter.« Laura trug vorsichtig etwas von der Heilsalbe auf die Schürfwunden in ihrem Gesicht auf. »In Linz hört man Gerüchte über ein Handelsabkommen mit Indien.«
   »Wäre super.« Kevin seufzte. »Ansonsten ist Mitteleuropa momentan ziemlich abgeriegelt. Als ob das Vampirvirus durch Geld übertragen werden könnte. Manche Länder haben alle Menschen mit der Blutgruppe AB positiv ausgewiesen. Nur, um sicherzugehen, dass sich kein Einwohner in einen Vampir verwandelt.«
   Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und Barney drängte sich zu den Zweibeinern in das kleine Gästezimmer. Laura zuckte zusammen, als sie den Berner Sennenhund sah.
   »Keine Sorge.« Christian versuchte, seiner Stimme einen möglichst beruhigenden Klang zu geben. »Er überträgt garantiert keine Grippe.«
   Laura verkrampfte sich, rührte sich jedoch keinen Millimeter, als Barney seinen schweren Kopf neben ihrem Bein auf die Bettdecke legte.
   »Es ist nicht einmal nachgewiesen, dass Hunde als Überträger in Frage kommen.«
   Kevin nickte. »Meiner Ansicht nach ist das ein Gerücht, das ausgestreut wurde, um den Krieg auszulösen. Vielleicht hätten sich die Menschen sonst eher mit den Vampiren arrangiert. Doch nachdem einige Leute angefangen haben, Giftköder auszulegen, sind sich die Liebhaber und die Hasser unserer vierbeinigen Freunde gegenseitig an die Gurgel gegangen. Und wenn erst mal die Hemmungen gefallen sind, dann ist der Mensch des Menschen größter Feind.«
   »Bis sie einen neuen, gemeinsamen Feind finden!« Kevin knuffte Christian in die Schulter. »Und da kamen die Vampire gerade recht.«
   Christian war sich nicht sicher, ob Laura zuhörte. Ihr Blick blieb auf Barney fixiert. Millimeter für Millimeter schob sie ihre unverletzte Hand näher an ihn heran, bis die Fingerspitzen die weichen Haare hinter seinen Ohren berührten. Barney seufzte und schloss die Augen, als sie ihn sanft zu kraulen begann.
   »Ich hatte als Kind einen Hund«, sagte sie leise. »Er hieß Max. Ich habe tagelang nur geheult, als er von einem Auto überfahren wurde, als ich dreizehn war. Danach wollte ich keinen Hund mehr. Der Verlust hat zu wehgetan.«
   Christian senkte den Kopf. Sah auf seine Hände, die er im Schoß gefaltet hatte. »Ich habe es nie ohne Hund ausgehalten. Nicht einmal in der Stadt.« Er stockte. Die Erinnerung schmerzte immer noch. »Wenn ich Merle nicht mitgenommen hätte, würde sie vielleicht noch leben. Sie hat einen der ersten Giftköder erwischt. Ist elendig krepiert.«
   Selma legte ihm eine Hand auf die Schulter »Du konntest nichts dafür. Woher hättest du es wissen sollen?«
   »Zwei Tage später war es in allen Zeitungen.«
   »Zu spät.«
   Christian nickte.
   »Vielleicht hat sie dir das Leben gerettet«, mischte sich nun Mara ein. Ihre Stimme klang scharf. »Das Spiel damals war dazu gedacht, dich aufzuheitern. Der Wald hat dir immer geholfen, alles besser zu verkraften.«
   »Das stimmt. In der Stadt hätte ich möglicherweise zu den frisch verwandelten Vampiren gehört, die erschlagen oder in die Sonne gezerrt wurden. Obwohl – wenn ich gewusst hätte, dass ich mich verwandeln würde …«
   Nun grinsten alle, und Kevin gab erstickte Laute von sich, weil er sein Lachen krampfhaft unterdrückte. Laura hörte auf, Barney zu kraulen, und sah mit verständnisloser Miene von einem zum anderen.
   »Nun, in dem Fall hätte ich mir damals sicherlich keinen Vampir als Rollenspielcharakter ausgesucht.«
   Laura lächelte. Es war nur ein zaghaftes Lächeln, das sich verstohlen auf ihr Gesicht schlich. Dann wurde sie wieder ernst. »Wie ist es, wenn man sich verwandelt?«
   »Ich dachte zuerst, ich hätte die Hundegrippe. Die anfänglichen Symptome sind dieselben. Leichtes Fieber, Gliederschmerzen, Schüttelfrost. Doch als ich das Sonnenlicht immer schlechter vertrug, begann ich zu ahnen, was mit mir passierte.«
   Selma stand hinter ihm. Eine ihrer Hände lang auf seiner Schulter. Die Wärme fühlte sich angenehm an.
   Er sah zu ihr hoch. »Zum Glück hatte ich Freunde, die mich weder erschlagen noch in die Sonne gezerrt, sondern mich mit ihrem Blut gefüttert haben.«
   »Dazu sind Freunde doch da!« Kevin schlug ihm auf den Oberschenkel.
   Er verzog das Gesicht. »Ich möchte lieber nicht wissen, wie viele Freundschaften durch eine Verwandlung zerbrochen sind.«
   »Ich gehe und lasse die Kühe raus«, sagte Mara. Es war ihre Schicht, dennoch klang ihre Stimme vorwurfsvoll. Geradeso, als müsste sie die Aufgaben von jemand anderem übernehmen. Wahrscheinlich war sie einfach nur neidisch, weil Laura so viel Aufmerksamkeit bekam.
   Christian wusste, dass sie sich wegen ihres wenig attraktiven Äußeren minderwertig fühlte, auch wenn sie den daraus entstehenden Vorteil stets betonte. Ihre vorstehenden Zähne, das schmale, lange Gesicht, das aussah, als wäre sie als Baby in einen Schraubstock geraten, die lange, spitze Nase und die im Verhältnis dazu winzigen Augen machten sie für den Herrn von Hohenbach unattraktiv.
   Lauras Schönheit ließ sich trotz Bluterguss und Schwellung sofort erkennen. Alles an ihr lud ihn ein, sie zu berühren. Die glatte, weiche Haut, das lange, dunkle Haar. Christian sah bewusst nur in ihr Gesicht, vermied es, den Blick tiefer wandern zu lassen, wo sich die sanfte Wölbung ihrer Brüste unter der Bluse abzeichnete. Allein der Gedanke weckte Leben an Stellen in seinem Körper, von denen er im Moment wollte, dass sie sich ruhig verhielten.
   Dabei war es sonst nicht so, dass eine attraktive Frau sofort seine Libido in Wallung brachte. Natürlich war er nicht blind, hatte Schönheit immer schon zu schätzen gewusst. Für den alltäglichen Umgang empfand er es jedoch normalerweise als vorteilhafter, mehr auf den Charakter als auf das Aussehen zu achten.
   Laura jedoch schien nicht nur schön, sondern auch nett zu sein. Natürlich kannte er sie zu kurz, um das wirklich beurteilen zu können. Aber der erste Eindruck war sehr positiv. Die Ausdauer, mit der sie Barney streichelte, machte sie noch sympathischer, und Christian ertappte sich bei dem Wunsch, mit dem Hund den Platz zu tauschen.
   Mara war gerade dabei, den Raum zu verlassen. Die Türklinke hatte sie noch in der Hand. Sie fuhr zusammen, als vom Eingang her ein Aufschrei ertönte, ein Poltern und ein metallisches Scheppern. Dann wurde sie zur Seite gestoßen. Die Tür prallte krachend gegen die Wand, und eine dunkle Gestalt stürmte auf Christian zu.

5. Kapitel
Laura

Barney sprang zurück und begann erschrocken zu bellen. Der Stuhl ging rumpelnd zu Boden, und mit ihm Christian. Laura brauchte einige Augenblicke, um zu erkennen, was so stürmisch in den Raum eingedrungen war.
   Erst, als das Tier ruhig hielt, sah sie, dass ein braun-weißes Kalb über Christian stand und sein Gesicht leckte. Er rappelte sich hoch, und das Tier – obwohl eindeutig zu groß für ein Schoßhündchen – kuschelte sich an ihn.
   Mara kam in den Raum gestürmt. Eine Schramme zierte ihren rechten Unterarm. »Du kleines Biest!«
   Der Unterschied zwischen ihr und der Frau, die hinter ihr den Raum betrat, hätte nicht größer sein können. Die Fremde war hochgewachsen, schlank, hatte ein ebenmäßiges Gesicht und langes, zu einem Pferdeschwanz zusammengefasstes Haar.
   »Hallo Jona!«
   »Ich bin gekommen, um einen kleinen Ausreißer zurückzuholen.«
   Das Kalb duckte sich, schien regelrecht in Christian hineinkriechen zu wollen. Er kraulte es an der Stirn und spielte mit seinen großen Ohren. Dann seufzte er. »Ich schaffe es nicht. Nicht noch einmal. Tut mir leid.«
   »Du warst immer schon zu weich, Christian.«
   »Ich weiß. Deshalb wollte ich nie Bauer werden. Wenn sie wenigstens in den Stall geflüchtet wäre – aber so.«
   Mara verdrehte die Augen.
   Jona lächelte, aber es war ein kaltes Lächeln. »Du wirst uns das Geld zurückgeben müssen.«
   »Klar. Ich verstehe. Sonst alles in Ordnung bei euch?«
   Jona nickte.
   »Wie geht es Ansi?«
   »Gut. Aber du kannst dich gleich selbst überzeugen.« Jona drehte sich zur Tür um. »Ann-Sophie! Komm und sag deinem Vater hallo.«
   Ein kleiner, blonder Wirbelwind schien nur auf diese Aufforderung gewartet zu haben, stürmte zur Tür herein und warf sich in Christians Arme. Das Kalb wurde gleich in die Umarmung mit eingeschlossen.
   »Ich bin so froh, dass du sie behältst.«
   Jona schüttelte den Kopf, konnte sich aber ein dezentes Lächeln nicht verkneifen.
   »Du solltest sie Speedy nennen. Sie ist echt schnell. Die Pferde sind überhaupt nicht hinterhergekommen.« Ansis Augen leuchteten, als sie ihre Worte mit weit ausladenden Gesten untermalte.
   »Weil sie mitten durch den Jungwald gerannt ist.« Jona klang mehr als kühl. Ihre Miene war unbewegt.
   »Sie ist eben gescheit!«, verteidigte Ansi das Kalb. »Darf ich kommen und mit ihr spielen?«
   »Da musst du deine Mutter fragen«, sagte Christian.
   »Und was ist mit deinem Pony?« Jona sah ihre Tochter streng an.
   Doch Ansi hielt mit ihren vielleicht sechs Jahren dem Blick ihrer Mutter bereits stand, starrte aus ihren rehbraunen Augen herausfordernd zurück. »Robin mag Speedy. Er freut sich sicher, wenn wir sie besuchen.«
   Unglaublich, welches Selbstbewusstsein dieses Persönchen ausstrahlte. Hoch aufgerichtet saß das kleine Mädchen da, den Rücken gerade, die Schultern gestrafft. Die hellblonden Zöpfchen standen nach beiden Seiten ab. Einzelne Härchen hatten sich aus der Frisur gelöst und umgaben Ansis Gesicht wie ein Strahlenkranz.
   »In Ordnung. Wenn du deine anderen Aufgaben nicht vernachlässigst.«
   »Danke, Mama!« Von einem Moment zum nächsten war Ansi nur mehr Kind, lachte, sprang auf und lief ihrer Mutter in die Arme.
   Jonas Gesicht wurde weich, und sie drückte den kleinen Kinderkörper an sich. Dann jedoch fiel ihr Blick auf Laura. »Wer ist das?«
   Laura fühlte sich von den großen graublauen Augen durchleuchtet wie von Röntgenstrahlen. Es war, als könnte Jona bis in ihr tiefstes Inneres sehen.
   »Der Laster hatte einen Unfall und ist in die Schlucht gestürzt. Laura ist die einzige Überlebende.«
   Jona verlangte keine weitere Erklärung von Christian. Sie schien zu wissen, welchen Laster er meinte.
   »Wir haben nichts damit zu tun. Wahrscheinlich war der Fahrer wieder einmal zu schnell dran.«
   »Ich habe nichts anderes behauptet.« Die Stimme der Amazone klang kalt.
   »Der Herr von Hohenbach sollte besser nicht wissen, dass sie hier ist.«
   Jona warf Christian einen vernichtenden Blick zu. Laura schluckte. Wie konnte eine Frau nur so ausdruckvolle Augen haben? Sie brauchte keine Worte. Bereits wenn sie einen ansah, wusste man, was sie sagen wollte.
   »Wir kommunizieren nicht mit dem Herrn von Hohenbach.« Dann wurde ihr Gesicht wieder weicher. »Pass auf dich auf, Christian.«
   Es war offensichtlich, dass sie ihn immer noch mochte. Vielleicht sogar mehr als das. Laura spürte, wie ein Stich ihre Brust durchzuckte. Warum schmerzte dieser Gedanke? Idiotisch! Sie kannte Christian kaum. Es konnte ihr egal sein, wenn ihn eine Frau liebte. Es konnte ihr auch egal sein, dass diese Frau ihm zwei Kinder geboren hatte. Aber seltsamerweise war es das nicht.
   Die Zärtlichkeit in Christians Zügen tat auch weh. Ein Fingerzeig, und er würde zu Jonas Füßen liegen. Laura schluckte, drückte den rechten Arm enger an sich, damit der körperliche Schmerz alles andere übertönte. Es war lachhaft, dass sie auf jemanden eifersüchtig war, den sie kaum kannte. Und es war noch lachhafter, zu glauben, sie hätte sich in Christian verliebt. Wahrscheinlich waren ihre Gefühle nur eine seltsam verdrehte Art von Stockholmsyndrom, nur dass sie sich zu ihrem Retter statt zu ihrem Geiselnehmer hingezogen fühlte.
   Jonas Gesichtsausdruck änderte sich wieder, als sie ihren Kopf Laura zuwandte. Bring ihn nicht in Gefahr, sonst wird es dir schlecht ergehen, sagte dieser Blick.
   Laura biss sich auf die Lippen. Jona mochte vielleicht nicht mehr mit Christian schlafen, aber er gehörte immer noch ihr.
   Kaum hatte Jona mit Ansi und den beiden sie begleitenden Amazonen den Hof verlassen, begann Mara zu keifen. »Wie willst du ihr das Geld zurückgeben?«
   »Es wird schon irgendwie gehen.« Christian ging mit Barney und dem Kalb, das ihm genauso auf dem Fuß folgte wie der Hund, nach draußen.
   Laura setzte sich auf und schwang die Füße aus dem Bett. Der Boden fühlte sich kalt an.
   »Du weißt genau, wie knapp wir dran sind!«
   Langsam stand sie auf und folgte den sich entfernenden Stimmen.
   »Ich kann es trotzdem nicht, Mara. Es war schon schwer genug, sie beim ersten Mal wegzugeben, wo ich doch wusste, dass die Amazonen sie nicht für die Zucht wollen und wir sie bestenfalls als Kalbsbraten wiedersehen. Nachdem sie es geschafft hat, zu flüchten, durch den Wald nach Hause zu laufen und dann noch dazu im Wohnhaus und nicht im Stall Hilfe zu suchen – nein, tut mir leid. Nicht um alles Geld der Welt.«
   Der Steinboden im Flur war noch eisig. Es roch nach Stall. An der Wand hingen altersdunkle Gemälde, die Landschaften und Bauernhäuser zeigten. Alle paar Meter war eine massive Holztür mit schmiedeeiserner Klinke. Kurz vor dem Eingang verbreiterte sich der Gang. Dort standen Gummistiefel und grobe Wanderschuhe. Die Wände waren voller Haken, an denen Jacken aus den verschiedensten Materialien hingen. Loden in Jägergrün waren genauso vertreten wie Mikrofaser in unterschiedlichen Farben. Dazwischen eine neongelbe Regenhaut.
   Am Eingang blickte Laura irritiert auf die Wand des Stalles. Ein überdachter, an den Seiten jedoch offener Gang verband die beiden Gebäude. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie sich an der Rückseite des Wohnhauses befand.
   Das Kalb machte ein paar übermütige Bocksprünge um Christian herum. Barney blieb an der Seite seines Herrn und tat, als wäre er über solche Kindereien völlig erhaben.
   »Du bist wirklich zu weich, Christian!« Mara holte gerade Luft, um weiterzuschimpfen, als sie Laura entdeckte. »Warum um alles in der Welt bleibst du nicht im Bett?«
   »Ich muss pinkeln, und ich brauche ein bisschen frische Luft.« Laura stützte sich an der Wand ab. Ihre Beine fühlten sich schwach und eigentümlich leicht an, als hätte sie statt Muskeln Luftballons unter der Haut.
   »Dann zieh dir wenigstens Schuhe an.« Mara ging an Laura vorbei zurück ins Haus und kam mit knöchelhohen Gummischuhen wieder. Dankbar schlüpfte Laura hinein.
   Der Himmel hatte die Farbe reifer Pflaumen, und Laura konnte mit ihren menschlichen Augen nur noch Schemen erkennen, trotzdem bemühte sich Christian, im Schatten des Ganges zu bleiben. Selbst das matte Licht musste ihm Schmerzen bereiten. Hund und Kalb trabten ihm hinterher.
   Im Stall muhten die Kühe bereits ungeduldig. Das Kalb lief zielstrebig auf eine von ihnen zu. Laura hätte nicht gedacht, dass eine Kuh glücklich aussehen könnte, doch das braun gescheckte Tier, das nun das Kalb mit rauer Zunge sorgfältig ableckte, wirkte tatsächlich erleichtert und glücklich. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.

»Bist du sicher, dass du nicht hineingehen willst?«
   Inzwischen war es ganz dunkel. Barney lag ruhig an einer Ecke der Kuhweide, das Kälbchen tollte ausgelassen mit zwei anderen zwischen den ausgewachsenen Tieren herum.
   Laura schüttelte den Kopf, als Christian zu ihr hinsah. Sie saß in eine Decke gewickelt auf einem immer noch sonnenwarmen Stein, während Christian die Sense schwang.
   »Morgen und übermorgen soll das Wetter heiß und trocken sein – behauptet zumindest das Internet. Also schneide ich schon mal das Gras. Das kann ich auch in der Nacht machen. Wenden und das Heu einbringen müssen die anderen. Wenn wir warten, bis ich raus kann, wird es in der Nachtkühle schon wieder feucht. Außerdem habe ich so ein Auge auf die Tiere.« Er deutete mit dem Kopf Richtung Weide. »Sie sind momentan nachts draußen wegen der Hitze und der Insekten, die ihnen während des Tages zu schaffen machen.« Er zögerte, als würde er sich gern länger mit ihr unterhalten, seufzte dann jedoch. »Ich muss. Leider.«
   Das frisch gemähte Gras verbreitete einen angenehmen Geruch, und das rhythmische Schwusch-Schwusch der Sense wirkte einschläfernd. Laura rutschte vom Stein und rollte sich auf der Decke zusammen. Die Luft war immer noch lau, doch vom Boden her drang die Erdkühle durch die Kleider. Barney kam zu ihr getrottet und schmiegte seinen warmen, pelzigen Körper an sie.
   Kindheitserinnerungen kamen hoch. Obwohl sie ein Stadtkind war, hatte Laura ein paar Mal auf dem Bauernhof der Cousine ihrer Mutter Urlaub gemacht. Daher verband sie die ländlichen Gerüche immer mit Sommer und mit Ferien.
   Sie schloss die Augen, sah vor dem dunklen Hintergrund ihrer Lider den Colliemischling Max, der den Hühnern hinterherjagte, die ihn jedoch nicht ernst nahmen und ihn ärgerten, wenn er nach erfolgloser Hetze schlafen wollte. Dann zupften sie ihn am Schwanz oder an den Ohren.
   Wenn der Bauer mähte, musste man ihn immer einsperren, denn er versuchte, in das Mähwerk zu beißen und erkannte die Gefahr nicht.
   Damals hatte noch jeder Bauer Traktoren und Mähmaschinen. Seit die Benzinpreise ins Unermessliche gestiegen waren, wurde wieder mehr mit dem Pferd und von Hand gemacht.
   Irgendwann musste Laura eingeschlafen sein, denn als sie die Augen öffnete, war ein Großteil der Wiese gemäht.
   Christian hielt inne, wischte sich den Schweiß von der Stirn, drehte den Kopf und sah Laura an. Sie lächelte, hob grüßend die Hand.
   Er kam zu ihr, lehnte die Sense an den Stein und setzte sich neben sie. »Alles okay?«
   Laura nickte. Ihre Kehle war trocken. Er war nah. Verdammt nah. Sie krallte ihre Finger in das Hundefell, um sie davon abzuhalten, nach dem Mann zu greifen, über seinen Arm zu streichen, der mit einem Flaum aus goldenen Haaren bedeckt war.
   »Hast du noch Schmerzen?«
   »Geht so.« Klar, die Schmerzen würden noch eine ganze Weile anhalten. Sie war schließlich kein Vampir, der innerhalb weniger Stunden heilte. Trotzdem wollte irgendetwas in ihr Christian küssen, die geschwungene Form seiner Lippen mit den ihren erforschen. Wie kam sie bloß auf diesen Gedanken, wo doch ihre Wange geschwollen war und jede Bewegung ihres Kiefers schmerzte?
   »Wirkt der Weidenrindentee?«
   »Schmeckt zwar scheußlich, dieses Zeug, und mit starken Schmerzmitteln ist es sicherlich nicht zu vergleichen, aber doch, es hilft.« Sie lächelte. »Ich finde es schön, dass ihr auf dem Hof zusammenhaltet wie eine große Familie, obwohl ihr nicht alle verwandt seid.«
   »Tja, ich weiß wirklich nicht, was ich ohne meine Freunde tun würde.«
   »Ich habe keine Freunde und keine Familie. Wir wurden bei Ausbruch des Krieges getrennt.«
   »Hast du nie nach ihnen gesucht?«
   »Wie denn?« Die Verzweiflung und der Zorn schnürten ihr die Kehle zu. »Ich stamme aus St. Pölten. Meine Eltern hielten es für eine gute Idee, wenn ich für eine Weile die Stadt verlasse. Gegen meine Großmutter war ein Gerichtsverfahren anhängig. Sie hat sich mit einem Vampir angelegt. Oder besser gesagt, er mit ihr. Es ist ihm nicht gut bekommen.« Laura biss die Zähne zusammen und stieß schnaubend die Luft aus. Dieser Idiot hatte zu jenen Vampiren gehört, die glaubten, sich einfach alles erlauben zu können. Er fand es witzig, mit der alten Dame zu spielen, sie auf offener Straße anzupöbeln und zu versuchen, sie in eine dunkle Gasse zu drängen.
   »Was auch immer sie mit ihm gemacht hat, ich bin sicher, er hat es verdient.«
   »Meine Großmutter verfügte über einen ausgesprochen spitzen Regenschirm.«
   Christian gab einen leisen Laut des Erstaunens von sich. »Sie hat ihn gepfählt?«
   Laura nickte.
   »Du liebe Güte. Da muss er sie aber ziemlich provoziert haben!«
   »Absolut, auch wenn seine Freunde behaupteten, es sei alles nur Spaß gewesen und das Leben der alten Dame niemals in Gefahr.«
   »Damit sie sich nicht auf Notwehr berufen kann.«
   Laura rieb sich mit der linken Hand über die Augen. »Die Angelegenheit drohte, ziemlich hässlich zu werden. Meine Mutter wollte mich aus der Schusslinie haben. Ich hätte auf mein Gefühl hören sollen. Weißt du, ich wollte nicht aus St. Pölten weg! Trotzdem habe ich nachgegeben, als meine Mutter meinte, ich würde Oma am meisten helfen, wenn ich für eine Weile verschwände. Sie hatte Angst, eines von uns Kindern könnte entführt werden, um Oma unter Druck zu setzen. Meine Geschwister gingen nach Wien, aber ich Trottel musste unbedingt nach Linz fahren.« Sie ertappte sich dabei, dass sie sich unbewusst in Christians Richtung lehnte und setzte sich ruckartig wieder gerade hin.
   »Warum ausgerechnet Linz?«
   »Präsident Milotinovic hat publik gemacht, Linz als Kulturstadt zu erhalten und die großartigste Klangwolke aller Zeiten angekündigt. Mit dem Pflasterspektakel sollte sie verknüpft werden. Eine ganze Woche lang überall in der Stadt Akrobaten und Tänzer. Ich wollte das erleben, wollte die Musik hören, die Gaukler, die Lasershow und dieses gigantische Feuerwerk sehen. Habe ich auch. Es war unfassbar schön. Für ein paar Tage glaubte ich, der glücklichste Mensch auf Erden zu sein. Doch während der Abschlussparade wurde die Stadt abgeriegelt, aus Präsident Milotinovic wurde Mad Milo. Vorbei war es mit der Gleichberechtigung der Menschen, und der Rest ist Geschichte.«
   »Tut mir leid für dich.« Christian strich leicht mit den Fingern über ihren Handrücken. Eine harmlose Berührung, die Mitgefühl ausdrückte. Dennoch begann Lauras ganzer Körper zu kribbeln. In ihrer Mitte bildete sich eine warme Stelle, die kleine Finger aus prickelnder Glut nach allen Richtungen aussandte.
   »Sie haben mir mein Handy weggenommen, mich eingesperrt und mir nach ein paar Tagen eine Arbeit in einer Bar zugewiesen. Und das war es dann.«
   Inzwischen hatte sich Christian bis zu ihrem Handgelenk vorgearbeitet. Seine Berührung fühlte sich unglaublich gut an. Laura schaffte es nicht, sich ihm zu entziehen.
   »Es gab doch in Linz eine Widerstandsbewegung.« Seine Stimme war weich wie Samt. Ein akustisches Streicheln. Jede einzelne Silbe ein zärtlicher Finger, der noch nie zuvor gespürte Saiten in ihr zum Klingen brachte.
   »Gibt es immer noch.« Laura sprach weiter, um sich abzulenken. »Ich war zu feige, nach diesen Leuten zu suchen. Besonders, nachdem Mad Milo die riesigen Leinwände, die von der Klangwolke noch standen, dazu benützt hat, die Kämpfe aus seiner neueröffneten Arena zu übertragen. Hinrichtungen! Nichts anderes, als möglichst spektakulär inszenierte Hinrichtungen.« Laura schüttelte sich. »Ich ging kaum noch in die Stadt, habe mich nach der Arbeit sofort in meine Wohnung verkrochen. Vielleicht war das ein Fehler, vielleicht hätte ich versuchen sollen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Aber ich habe es nicht ertragen, sie sterben zu sehen.«
   »Verständlich.« Ein Wort, das sich um ihren Nacken schmiegte wie ein Arm, der sie umfasste, sie hielt, sie zärtlich drückte.
   »Trotzdem frage ich mich oft, ob es richtig war.«
   »Wer kann das schon wissen?«
   Sie schluckte, suchte seine Augen. Der Mond war aufgegangen, und auch wenn sein gelbes Rund bereits angeknabbert war, verbreitete er doch ein silbriges Licht. »Ich hätte mutiger sein sollen. Vielleicht wäre es mir gelungen, meine Familie wiederzufinden.«
   »Oder du wärst jetzt tot, und ich hätte dich nie kennengelernt.«
   Laura hatte ihre Hände fest in Barneys Nackenfell vergraben, doch nun machte sich der Hund plötzlich frei, lief zur Mitte der Wiese und begann hektisch zu buddeln.
   Christian sah ihm mit einem Grinsen im Gesicht nach. »Wahrscheinlich eine Wühlmaus.«
   »Oder ein Maulwurf.«
   »Auch möglich.«
   Laura war sich der Leere zwischen ihnen unangenehm bewusst. Sie kämpfte gegen das Bedürfnis an, näher an Christian heranzurücken. Was war bloß mit ihr los? Sonst hatte sie bei Vampiren doch eher das Bedürfnis, auf Distanz zu gehen. Umso größer der Abstand, umso besser. Nun vermisste sie den Hund schmerzlich. Zu gern hätte sie sich weiter an seinen warmen Körper geschmiegt, ihn als Ersatz benutzt.
   Christian zupfte einen Grashalm aus und spielte mit ihm. »Ich bin froh, dass du es nicht getan hast. Sonst wärst du jetzt nicht hier.«
   »Ich würde dir nicht fehlen, denn du wüsstest nicht, dass es mich gibt.« Unbewusst, war sie näher an ihn herangerückt, spürte die Wärme, die von seinem Körper ausging, obwohl sie sich noch nicht berührten.
   »Dann wäre mein Leben ärmer, und ich hätte keine Ahnung davon.«
   »Du übertreibst.«
   Laura sah Barney zu, der immer noch hingebungsvoll buddelte, dunkle Brocken nach allen Seiten schleuderte und ein ums andere Mal die Nase tief in der Erde versenkte.
   »Ich meine es verdammt ernst. Du bringst mich durcheinander, du wühlst mich auf, alles, was ich vorher dachte, erscheint mir bedeutungslos, doch zum ersten Mal seit meiner Verwandlung fühle ich mich wieder lebendig.«
   Sagte er das nur oder meinte er es auch? Wenn er tatsächlich ehrlich war, dann erging es ihm wie ihr. Zu lange war in ihrer Mitte ein leerer Ort gewesen, verbrannte Erde, tot und kahl. Doch nun glomm dort wieder eine wärmende Glut, die sich rasend schnell ausbreitete, ihren ganzen Körper erfasse und ihn mit Feuer überzog.
   Laura hatte Christian unwillkürlich ihr Gesicht zugewandt. Ohne es bewusst zu wollen, lehnte sie sich in seine Richtung. Es passierte einfach. Christian erging es nicht besser. Er kam immer näher, als würde er geradezu magnetisch von ihr angezogen. Bald trennten nur noch wenige Zentimeter ihre Münder.
   »Wir sollten das nicht tun.« Christians Stimme klang heiser.
   »Es ist viel zu früh.«
   »Du hast recht.«
   »Wir kennen uns kaum.«
   Wie kam es dann trotzdem, dass sich ihre Lippen fanden, dass der Schmerz nur noch süß war, dass Christians Hände auf ihrer Hüfte lagen?
   »Wir sollten uns mehr Zeit lassen.« Laura stieß die Worte zwischen keuchenden Atemzügen hervor. Sie schaffte es nicht, ihre Lippen von den seinen zu lösen. Er roch so gut. Schmeckte so gut. Ihre Zunge spielte mit seiner, während sie in seinen Mund atmete.
   »Du hast recht.« Christian machte jedoch keinerlei Anstalten, sie aufzuhalten, als sie sein Hemd aus der Hose zerrte, um seine bloße Haut berühren zu können. Im Gegenteil. Er setzte sich so hin, dass sie sich besser an ihn schmiegen konnte. Seine Hände waren längst unter ihre Bluse gelangt, strichen an ihren Rippen entlang und hielten inne, als sie zusammenzuckte. »Ich tue dir weh.«
   »Das macht nichts.«
   »Du musst dich noch schonen.«
   »Das kann ich morgen machen.«
   Wahrscheinlich würde sie morgen doppelt so viele Schmerzen haben, wenn die Welle aus Hormonen, die sie überschwemmte, wieder abebbte. Doch in diesem Moment war ihr alles egal. Sie wollte ihn. Jetzt. Sofort. Und mit einer Intensität, wie sie noch nie einen Mann begehrt hatte.
   Zum ersten Mal waren ihr bei einem Vampir die Zähne egal. Bei Christian löste der Gedanke, dass er sie beißen könnte, keinen eiskalten Schauder aus, sondern das Gegenteil: Hitze, die sich in der Tiefe ihres Bauches bildete und bei jeder seiner Berührungen aufloderte.
   Er war unglaublich liebevoll und vorsichtig. Trotz aller Leidenschaft behandelte er sie wie ein rohes Ei, bemühte sich, ihre lädierte Schulter und die geprellten Stellen zu schonen.
   »Geht es dir gut?«
   »Es ging mir noch nie besser.«
   »Wenn es nicht mehr geht, musst du es nur sagen.« Christian war zärtlich, liebevoll, fürsorglich.
   Laura kam nicht einmal in Versuchung, ihn zu bremsen. Bei Leon war das anders gewesen, aber der kannte Worte wie Nein oder Stopp nicht. Es hatte ihn stets gereizt, sie an ihre Grenze zu treiben, sein Verlangen so zu dosieren, dass sie sich nicht ernsthaft wehrte, seine Ambitionen gerade eben noch ertrug.
   Jetzt war alles anders. Von Christian wollte sie mehr, wand sich unbeholfen aus ihrer Hose.
   »Langsam«, sagte er. »Langsam.«
   Er war unglaublich süß in seinem Bemühen, es ihr bequem zu machen. Laura fand seine Besorgnis unglaublich attraktiv. Sie fummelte mit der linken Hand an seinem Hosenknopf herum. Es war Nerv tötend, die rechte nicht gebrauchen zu können. Laura wollte sie schon aus der Schlinge nehmen, doch selbst die kleine Bewegung verursachte ihr solche Schmerzen, dass sie innehielt.
   Sofort hörte auch Christian auf, sich zu bewegen.
   »Weitermachen«, stieß Laura zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Die Erregung durchflutete sie mit solcher Macht, dass es nicht einmal dem Schmerz gelang, sie zu dämpfen.
   »Bist du dir sicher?«
   »Ja, verdammt noch mal.«
   Zuerst küsste er sie nur, arbeitete sich von ihrem Mund bis zu ihren Brüsten vor. Die Bluse war aufgeknöpft, doch Laura konnte sie nicht abstreifen, genauso wenig wie den BH. Nicht mit ihrer verletzten Schulter. Viel zu viel hinderlicher Stoff. Christian rieb sich vorsichtig an ihr. Sie spürte seine Hose an ihrem Bein. Noch mehr Stoff!
   »Ich finde das unfair.«
   Christian erstarrte. »Was denn?«
   »Dass du im Gegensatz zu mir deine Hose noch anhast.«
   Er lachte leise. »Bei diesem Problem kann Abhilfe geschaffen werden.«
   Wenig später lag seine Haut an ihrer. Die Härchen an seinen Beinen kitzelten. Was hätte sie jetzt gern mit beiden Händen nach seinem Hintern gefasst und ihn näher gezogen. Sie stöhnte frustriert auf.
   »Entspann dich«, flüsterte Christian. »Lass mich machen.«
   Er schien jeden Quadratzentimeter ihres Körpers erkunden zu wollen, während ihre Erregung immer weiter wuchs. Sie versuchte, sich unter ihn zu schieben. Er wich ihr aus.
   »Schneller«, forderte sie ungeduldig.
   »Also euch Frauen kann man aber auch nichts recht machen«, neckte er sie. »Heißt es nicht immer, die Männer hätten es stets viel zu eilig? Und wenn man sich dann mal Zeit lässt, ist es auch nicht recht.« Seine Nasenspitze berührte ihr Kinn. Er stupste sie vorsichtig an, küsste ihre Kehle.
   »Du bist ein Sadist«, murmelte sie, während er sie das volle Ausmaß seiner Erregung spüren ließ, jedoch noch ohne in sie einzudringen.
   »Das hat noch niemand zu mir gesagt.«
   »Dann hast du wohl noch niemanden so gequält.«
   Er lachte. Seine Stimme klang heiser vor Erregung, dennoch konnte sie klar und deutlich die Belustigung heraushören. Laura spürte, wie sein Brustkorb bebte. Das fühlte sich unglaublich gut an. Leon hatte nie auf diese Weise gelacht. Spott lag ihm näher als Erheiterung. Warum dachte sie ausgerechnet jetzt wieder an ihn? Sie sollte ihn vergessen. Für immer.
   Christian beugte sich über sie. Seine Lippen streiften ihre Kehle und danach ganz zart die Spitzen seiner Zähne. Ein Kribbeln breitete sich auf Lauras Haut aus, wanderte über die Brust nach unten, setzte ihren Bauch in Flammen. Eine Empfindung jagte die andere, ließ sie ihren Körper auf eine Weise spüren, wie sie es noch nie zuvor getan hatte. Laura glaubte, diesen Zustand nicht mehr aushalten zu können und wünschte gleichzeitig, er würde niemals enden.
   Sie flüsterte Christians Namen, als sie ihn in sich aufnahm, jede seiner Bewegungen neue Wellen der Lust durch ihren Körper sandte. Niemals in ihrem Leben war sie derart bereit gewesen, noch nie von einer solch machtvollen Woge allumfassender Erregung zum Höhepunkt getragen worden. Dass er gleichzeitig mit ihr kam, war Erfüllung und Bestätigung gleichermaßen.

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