Catya hat dem Vampirfürsten Enzo ihr Herz geöffnet und ist ihm ins Schatten-Venedig gefolgt. Dort erkämpft sie sich gegen alle Widerstände ihren Platz an seiner Seite. Doch dann wird Enzo das Opfer geheimnisvoller Mächte, und das Schattenreich treibt führerlos seinem Untergang entgegen. Catya ist nicht bereit, Enzo aufzugeben. Sie kann mithilfe ihrer Fähigkeiten den Vampirfürsten zurückholen, aber wird sie es schaffen, die geheimnisvollen Mächte zu bezwingen?

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ISBN: 978-9963-53-968-0

Seiten: 266

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Mira Bates

Mira Bates
Mira Bates lebt mit ihren zwei Töchtern am schönen Rheinknie in Basel. Seit ihrer Kindheit liest sie mit Begeisterung, denn das Abtauchen in erfundene Welten ist für sie ein unverzichtbarer Teil ihres Lebens. Ihrer Leidenschaft für Fantasy-Geschichten folgend, wurde sie Balletttänzerin und lernte die Welt der Schwanenmädchen und Naturgeister kennen. Und erst seit ihrem ersten im 2013 erschienenen Roman weiß sie, wie erfüllend es ist, selbst Fantasy-Welten zu erschaffen.    

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Leseprobe

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I
Catyas Erinnerung

Catya zog die Bettdecke hoch. Der Raum war gut geheizt, und trotzdem fröstelte sie. Was war nur in sie gefahren? Eine Verwandlung kam für sie nicht infrage, warum dann hatte sie Enzo gezwungen, ihr die einzelnen Phasen zu beschreiben? Es wäre besser gewesen, sie hätte nie danach gefragt. Jetzt konnte sie die aufgetauchten Fragen nicht mehr unbeantwortet lassen.
   Diese Angst, sich aufzulösen, kannte sie nur zu gut, aus eigener Erfahrung. Enzo hatte das nicht wissen können und seine Beschreibung so ausführlich wie möglich gestaltet. Vielleicht hatte er die Verwandlung sogar heruntergespielt, um sie ihr schmackhaft zu machen, damit er nicht dauernd Angst um sie zu haben brauchte. Das würde alle Probleme mit einem Schlag lösen und trotzdem: Ein Leben als Vampirin war für sie keine Option. Zumindest nicht, solange ein Vampir töten musste, um zu überleben.
   Sie sprang, entschlossen, sich ihrem neuen Leben zu stellen, aus dem Bett und ging zum Fenster. Der glühende Himmel wirkte Unheil verkündend, und der Fondamente Nuove war überschwemmt, wie meistens in der letzten Zeit. Die Hochwasser dauerten an. Es war, als ob sich die Lagune gegen die fortdauernden Kämpfe der beiden regierenden Fürsten wehrte. Das Aqua Alta war unberechenbar, und dennoch kein Grund, sie nach Venedig zu verfrachten. Enzo wollte sie dort in Sicherheit wissen, sie aber wollte ihm beistehen, mit allen Mitteln die ihr zur Verfügung standen. Das Gerücht, Luzia könnte im Nebel verschwinden, warf Fragen auf, die sie auch für sich beantworten musste. Wie zum Beispiel, was würde geschehen, wenn sie beim Schwimmen ihre Angst, mit dem Wasser zu verschmelzen, überwinden könnte und warum erstarrte sie jedes Mal, wenn sie versuchte, es herauszufinden?
   Sie ging die Treppe hinunter zum Ausgang, wo sie Stimmen hörte, und sah zu ihrer Freude Enzo. Er strich seine viel zu langen Haare nach hinten. Die ununterbrochenen Kämpfe der letzten Wochen hatten ihm keine Zeit für sich gelassen, und er sah mit jedem Tag wilder und verwegener aus. Eigentlich passte das besser zu ihm. Er spiegelte seine wahre Seele wider, die er sonst hinter einem viel zu geordneten Aussehen verbarg.
   Sie näherte sich ihm im Angriffsmodus und küsste ihn stürmisch. Wohl wissend, wie hilflos er ihrem Überraschungsmanöver ausgesetzt war. Entschlossen, die Wahrheit aus ihm herauszupressen, gab sie seine Lippen nicht frei, sondern intensivierte ihren Kuss.
   »Das Wasser hat alles überschwemmt, erzähl mir nicht, dass das üblich ist«, sagte sie, als er Luft holen musste.
   »Es ist schön, dich zu sehen«, murmelte er und zog sie wieder an sich.
   Sein Kuss ließ keinen Raum für andere Gedanken. Erst nachdem er sie wieder freigab, erinnerte sie sich nebulös an ihr Vorhaben. »Danke für die ausführliche Antwort.«
   Er blickte auf die Lagune. »Es stimmt, die Überschwemmungen sind ungewöhnlich, aber auch in Venedig werden die Aqua Alta jedes Jahr schlimmer, und da wir im Schatten-Venedigs leben, erscheinen mir diese Parallelen durchaus plausibel.«
   »Wahrscheinlich hast du recht.«
   »Das habe ich«, sagte er, und Catya rollte mit den Augen.
   »Großer Fürst beschreibe mir die Naturgewalten deines Reiches!«
   Enzo grinste und puffte sie dann, ohne auf ihre Aufforderung einzugehen, in die Seite. »Willst du mich ablenken, weil du zu träge geworden bist, um dich zu bewegen?«
   »Du hast keine Ahnung, was ein Mensch vermag«, protestierte sie und wäre fast hingefallen, als er ihr einen erneuten Stoß verpasste und zum Ausgang rannte.
   Catya brauchte keine weitere Aufforderung. Sie hasste joggen, aber dank Enzos Engagement waren die täglichen Touren eine willkommene Abwechslung.
   »Ich sorge dafür, dass du über genügend Fitness verfügst«, rief er vorauseilend.
   Sie folgte ihm. Seit einem Monat lebte sie im Schatten-Venedig wie ein Vogel in einem goldenen Käfig. Sie war vollkommen abhängig von ihrer Umgebung und musste sich an seinen oder Shilos Stundenplan anpassen, was sie träge machte. Schon nach kürzester Zeit war sie aus der Puste und sah glühende Punkte vor ihren Augen.
   »Du willst mich loswerden, damit du dich mit der schönen Salienta treffen kannst«, rief sie vollkommen außer Atem. Sie war an einem Punkt angelangt, wo sie irgendetwas zu benutzen suchte, um ihn zum Anhalten zu zwingen.
   »Du willst mich herausfordern, damit ich anhalte. Das schaffst du nicht. Ich ziehe das durch, du kannst mich noch so quälen«, erwiderte Enzo und erhöhte das Tempo.
   Catya atmete schwer, während sie versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Sie folgte ihm den Fondamente Nuove hinunter, und beschloss zu schweigen. Sie hatte ihre Fitness bereits merklich eingebüßt, und Enzo verhalf ihr mit seiner eisernen Disziplin zum Glück, dagegen anzukommen. Sie konzentrierte sich auf ihre Muskeln und rannte mit gleichmäßigen Schritten hinter ihm her, der genau das richtige Tempo anschlug, um sie zu fordern. Es gab Momente wie diese, da harmonierten sie beispiellos. Dann hatte sie das Gefühl, sie könnte jede seiner Regungen fühlen. Und dann gab es diese anderen Momente, wo er nur Vampir war und ihr wie ein Fremder vorkam.
   Enzo rannte immer weiter und sie folgte ihm durch die glühende Schattenstadt. Sie nahm die Vampire kaum wahr, die stehen blieben und ihnen nachblickten. Es war ihr egal oder besser gesagt, sie versuchte, nicht darüber nachzudenken, was sie dachten. Sie war ein Mensch, der mitten unter Vampiren lebte, ohne ihnen ihr Blut zu spenden, und sie begriffen nicht, was Enzo von ihr wollte oder in ihr sah. Für die Vampire war sie nur ein Blutfass, das geleert gehörte.

Als sie nach einer Stunde zurückkamen, fühlte sie sich ausgepowert, aber glücklich. Sie brauchte diese tägliche Bewegung, um das Herumsitzen im Palazzo zu ertragen.
   »Das war ganz in meinem Sinne«, sagte Catya, als Enzo auf den Fondamente Nouve stehen blieb.
   Überall standen Vampire in Gruppen zusammen und diskutierten über das Hochwasser. Der Wasserpegel war sehr hoch, obwohl im Moment Ebbe war.
   »Glaubst du auch, Luzias Verschwinden hat etwas mit dem Hochwasser zu tun?« Catya blickte auf die aufgewühlte Lagune.
   »Wie kommst du denn darauf?«, fragte er kopfschüttelnd.
   »Shilo hat eine solche Bemerkung gemacht.«
   »Das Gerücht, Luzia könne im Nebel verschwinden, wird bestimmt von Luzia selbst geschürt, um die Vampire durch Einschüchterung auf ihre Seite zu zwingen«, sagte er und schleuderte wütend einen Vampir davon, der sich ihr von hinten genähert hatte.
   Der splitternde Laut, als der Vampir an die Wand des Palazzos schmetterte, war grauenhaft. Catya wusste, dass der junge Vampir in wenigen Minuten, wiederhergestellt sein würde und trotzdem konnte und wollte sie ihr Mitgefühl nicht abstellen.
   Er sah sich vorsichtig um. »Ich hoffe, dass es nur ein Gerücht ist. Was geschehen würde, wenn Luzia wirklich hinter den Nebel gehen kann, will ich mir lieber nicht vorstellen«, sagte er leise.
   Sie nickte. Seine Worte bestärkten sie in ihrem Plan, sofort nach Venedig zu fahren. Einzig sie konnte eine Antwort darauf finden, ob Luzia in den Nebel reisen konnte oder nicht, und sie durfte keine Zeit verlieren.
   Sie kehrten zum Palazzo zurück, wo sie beschloss, sofort mit Enzo zu sprechen. »Ich möchte nach Venedig fahren«, sagte sie, noch bevor sie den Palazzo betraten.
   »Was willst du dort machen?«, fragte er und warf einen Blick auf den purpurnen Himmel. »Es ist etwa vier Uhr Nachmittag in Venedig«, sagte er dann, ohne ihre Antwort abzuwarten.
   Catya seufzte innerlich. Enzos Gehirn lief bereits auf Hochtouren. In Windeseile würde er einen Masterplan ausarbeiten, der ihr bis zu ihrer Rückkehr eine akribische Überwachung garantierte. Aber das war ihr egal. Es ging um mehr als seine Angst um sie. Es ging darum, herauszufinden, über welche Talente Luzia verfügte. Denn Enzo an die machthungrige Vampirin zu verlieren, war für Catya keine Option.
   Die einzige Gefahr, die ihr in Venedig drohte, war die Polizia, die sie noch immer als Gemäldediebin suchte. Und vor der menschlichen Justiz fürchtete sie sich nicht. »Ich möchte gern wieder regelmäßig trainieren und meine alte Form wiedererlangen«, sagte sie der Wahrheit entsprechend. Sie verschwieg, dass sie hoffte, mithilfe ihres Schwimmtrainings eine Antwort zu finden, auf die Frage, was mit ihr im Wasser passierte, wenn das Gefühl, sich aufzulösen, sie ergriff. Sie hatte noch niemals mit Jemandem über diese Gefühle im Wasser gesprochen und wusste nicht einmal, ob sie ihre Angst jemals würde überwinden können.
   »Ist das dein Vorschlag, mit den anhaltenden Überschwemmungen umzugehen?«, fragte Enzo, wenig begeistert über ihre Lösung.
   Catya nickte, weil es ihr Plan war, auch wenn er nicht wissen konnte, was auf dem Spiel stand.
   »Du weißt, ich sehe das anders?«
   »Du willst mich nach Venedig abschieben. Aber ich gehe nur, wenn du mich wegschickst, weil du mich nicht mehr bei dir haben willst«, sagte sie und überlegte kurz, ihn einzuweihen, entschied sich dann aber dagegen. Was sollte sie auch sagen. Ich habe furchtbare Angst, Luzia könnte dir etwas antun. Deshalb will ich herausfinden, ob Luzia noch in andere Dimensionen reisen kann und wenn ja, in welche?
   Enzo legte seine Arme um sie. »Es wäre zu deiner Sicherheit.«
   Sie wich zurück. Seine Nähe brachte sie durcheinander, und sie musste einen klaren Kopf behalten, um Enzo von ihrem Vorhaben zu überzeugen. »Ich bleibe vorderhand hier. Vor den Überschwemmungen fürchte ich mich nicht. Du selbst hast behauptet, ich würde besser schwimmen als die meisten Vampire. Dazu kommt, du predigst doch andauernd, im Moment seien wegen der Überschwemmungen keine übereilten Manöver nötig«, sagte sie, nicht bereit nachzugeben. Zu viel stand auf dem Spiel.
   Enzo musterte sie prüfend, dann nickte er. »Du hast recht und deinen Wunsch, gewappnet zu sein, finde ich gut.«
   Sie warf ihr Haare mit Schwung nach hinten. »Wenn ich sofort gehe, schaff ich heute noch eine Trainingseinheit. Wir können für die Rückkehr vor dem Schwimmbad eine Zeit vereinbaren«, sagte sie voller Tatendrang.
   »Gute Idee. Wie lange brauchst du?«
   »Mit umziehen, trainieren und reisen, etwa eineinhalb Stunden«, sagte sie schnell, wohlwissend, wie knapp seine Zeit berechnet war. Sie wollte ihn nicht aufhalten. Er würde, wie jeden Abend, Luzia in der Arena bekämpfen.
   »Ich warte um sechs Uhr vor dem Schwimmbad auf dich, dann ist die Sonne in Venedig untergegangen.«
   »Und wenn Luzia früher in der Arena auftaucht?«, fragte Catya, um ihr Gewissen zu beruhigen.
   »Das wird sie nicht. Sie kommt erst, wenn die Sonne in Venedig untergegangen ist«, sagte er und ergriff sie am Arm, als der niedergeschlagene Vampir wieder auftauchte, sich aber, sobald er Enzo sah, aus dem Staub machte.
   »Lass uns von hier verschwinden«, sagte er und zog sie mit zur Anlegestelle, wo er auf Shilos Boot zeigte. »Shilo kann das Boot zurückbringen, wenn ich dich hole, und dabei das Fahren üben.«
   »Sie hat Angst vor dem Wasser«, verteidigte Catya die Dienerin. Shilo war als Mensch ertrunken und konnte ihre Angst vor dem Wasser auch als Vampirin nicht überwinden.
   Catya sprang in das Boot, das er seiner Dienerin geschenkt hatte, und startete den Motor.
   Er fuhr neben ihr hinaus.
   Catya winkte ihm lächelnd zu. Wenn es darum ging, ihr zu helfen, sich ein selbstständiges Leben im Schatten-Venedig aufzubauen, scheute er keine Mühe. Nur leider war sie trotz seiner großzügigen Hilfe noch weit davon entfernt, in irgendeiner Weise selbstständig zu sein. Er stand hochaufgerichtet hinter dem Steuer, seine Locken hatte der Wind nach hinten gelegt, und wie jedes Mal, wenn sie ihn ansah, machte ihr Herz einen Sprung. Er war wunderschön, und mit ihm zusammen zu sein, machte jeden Tag zu einem Ereignis. Er hatte ihr eine dreimonatige Probezeit abverlangt, um sich im Schatten-Venedig zurechtzufinden. Weil er meinte, sie müsste zuerst begreifen, was einen Vampir ausmachte und was es bedeutete, bei ihnen zu leben. Er begriff nicht, dass er allein zählte.
   Kurz vor der Insel Saint Michele sah sie in der Ferne eine Gischt und befürchtete erneut die Ankunft dieser hohen Wellen, die jede Überschwemmung mit sich brachte.
   Sie drückte den Motor durch und schaffte es, sich in den Schutz der Insel Saint Michele zu bringen, was immerhin den Aufprall der Wassermassen lindern würde. Sie drosselte die Geschwindigkeit, drückte das Gaspedal aber hart durch, als sich in ihrer Nähe zischend eine Nebelsäule aus dem Wasser erhob. Sie fuhr mitten hinein und drosselte den Motor. Der Nebel umwand sie mit seiner sanften Umarmung, der sie sich willig hingab. Ihre Körperlichkeit und ihre Gefühle verschwanden, und sie verschmolz mit der kühlen, durchlässigen Nebelmasse. Federleicht flog sie dahin, eingebunden im ewigen Kreislauf, der die Schatten und die Lichtwelt verband.
   Sie erwachte in Venedig und blinzelte, bis sich ihre Augen an das viele Licht gewöhnt hatten. Die Insel Saint Michel schimmerte golden in der untergehenden Nachmittagssonne, und der Duft nach Meer und Fisch lag in der Luft. Ihr Herz machte einen Hüpfer. Sie liebte diesen Venedig-Duft, der für sie Heimat bedeutete und augenblicklich Erinnerungen weckte. Sie unterdrückte ihre Wehmut und konzentrierte sich auf das Aqua Alta. Auch Venedig war überschwemmt, aber das Hochwasser war mitnichten mit dem im Schatten-Venedig zu vergleichen. Sie fuhr bis zum Schwimmbad und vertäute das Boot. Aus Gewohnheit überprüfte sie die Umgebung, um zu sehen, ob kein hungriger Vampir in ihrer Nähe war, bis sie ihren Irrtum bemerkte. Sie war hier unbehelligt und schlenderte ruhig bis zum Eingang des Schwimmbades. Eine unbekannte Hilfskraft saß an der Kasse und ließ sie ein, nachdem sie sich als Schwimmlehrerin ausgewiesen hatte. Sie erhielt den Schlüssel zu ihrem Fach, in dem noch ein Badeanzug lag, und zog sich um. Es schien hier niemanden zu interessieren, dass sie eine gesuchte Gemäldediebin war.
   Sie verstaute ihre Haare unter der Badehaube und starrte sekundenlang in den Spiegel. Ihre grünen Augen wirkten groß und sanft. Der kalte Ausdruck, der im Schatten-Venedig jedes Gesicht zierte, fehlte ihr. Hier in Venedig war sie ein Mensch unter anderen Menschen, und es war ein angenehmes Gefühl, sich nicht verstecken zu müssen. Sie schritt zum Bassinbereich und blieb vor der letzten, nur für Sportschwimmerinnen abgetrennten Bahn stehen.
   Sie hatte noch nie jemandem von ihrer Angst im Wasser erzählt und warum sie aus dem Wettkampfteam geflogen war. Und auch nach all den Jahren wusste sie nicht, warum dieses merkwürdige Verschmelzen mit dem Wasser sie damals dauernd heimgesucht hatte oder was diese Sensation bedeutete. Sie verstaute ihre Flip-Flops, ohne die das Hallenbad nicht betreten werden durfte, und eine widerspenstige Locke unter der Badehaube. Dann duschte sie und ließ sich in das kühle Wasser gleiten. Sie hatte diesen Moment schon immer geliebt, wenn das kühle Nass ihren warmen Körper umschloss. Sie stieß sich von der Wand ab und verfiel in einen gleichmäßigen Kraulrhythmus. Sie war lange nicht mehr geschwommen, und es fühlte sich einfach nur gut an. Ihre Muskeln bewegten sich ganz von allein. Sie pflügte gleichmäßig durch das Wasser. Der Olympiapool erlaubte ihr, richtig auszuziehen, und die kurze Wende am Ende der Bahn unterbrach ihren Bewegungsfluss kaum. Sie schwamm sich warm und steigerte dann das Tempo mit jeder Runde. Sie hatte die letzte Schwimmerbahn ausgesucht, die ihr erlaubte, ein hohes Tempo anzuschlagen. Nur noch eine andere Schwimmerin war am Trainieren. Nach etwa zehn Minuten fühlten sich ihre Arme schwer an, aber sie weigerte sich, das Tempo zu drosseln. Sie zwang sich im Gegenteil, das Tempo zu steigern, um dieses verhasste Gefühl zu zwingen, obwohl sie gehofft hatte, es nie mehr erleben zu müssen. Dann war es plötzlich da. Sie fühlte sich zuerst nur federleicht und wie mitgetragen vom Wasser, dem sie sich anpasste, ihr Körper kühlte ab … oder hatte sich die Wassertemperatur aufgewärmt? Die Bewegung des Wassers wurde die ihre. Sie begann zu kraulen, ihre Arme und Beine reagierten mit weichen Wellenbewegungen, die sich ihrer Umgebung anpassten. Catya hielt abrupt an, sie musste sich vergewissern, dass sie noch da war. Die andere Schwimmerin stieß in sie hinein und sah sie empört an.
   »Können Sie nicht aufpassen!«, keifte sie.
   Catya entschuldigte sich, schwamm zum Beckenrand und zog sich empor. Sie schaffte es, das Becken zu verlassen und ihr Badetuch zu holen. Erschöpft sank sie auf eine Holzbank. Es war absurd gewesen, zu glauben, sie könnte plötzlich ihre Angst überwinden. Sie hatte vergessen, wie erschreckend diese Erfahrung war und welche Nachwirkungen sie hatte.
   Sie saß im hellen Licht und hatte trotzdem das Gefühl, ein dunkler Schatten hätte soeben seine Fänge nach ihr ausgestreckt. Es war wie damals, sie konnte nicht mehr weiterschwimmen, wenn dieses Gefühl überhandnahm. Dieses sich Auflösen war einfach nur erschreckend. Es wirkte jedes Mal so real, als würde es tatsächlich geschehen. Sie konnte, genauso wie damals, nicht begreifen, warum das so war, oder was da soeben geschehen war. Sie erhob sich und beschloss, einen Schluck Wasser zu trinken und es dann erneut zu versuchen. Sie durfte nicht aufgeben, falls Luzia im Nebel verschwinden konnte, war sie die Einzige, die Enzo helfen konnte. Sie war kein überdrehter Teenager mehr, sondern eine erwachsene Frau, die eine unglaubliche Verantwortung trug.
   Sie blickte zum Becken, und der Gedanke, erneut einen Versuch zu wagen, war grauenhaft. Sie begann zu zittern, ihre Hände wurden feucht, aber sie ignorierte entschlossen ihre Angst und erhob sich. Sie musste nur einen anderen Zugang finden. Vielleicht war diese Sensation so etwas wie Visionen im Wasser, die ihr dazu verhelfen konnten, irgendwohin zu reisen. Sie kehrte zurück zum Beckenrand, wo die Schwimmerin stand und sie anstarrte.
   Catya erkannte die junge Frau, die ihre Badehaube abgenommen hatte. Sie hieß Uma, war jünger als sie und hatte lange erfolglos im Schwimmteam geschwommen. Jetzt gab sie auch Schwimmunterricht.
   Uma drehte sich, als sie Catyas Blick bemerkte und rannte in Richtung Bademeisterbüro.
   Catya fluchte. Uma wusste, wer sie war, was, wenn sie Catya verpetzte? Sie überlegte kurz und steuerte dann die Umziehkabinen an. Enzos Taktik war in diesem Moment angebracht. Vermeide jedes Auffallen und verschwinde so schnell du kannst. Es war Januar, sie konnte unmöglich in der Lagune nach ihren Visionen im Wasser suchen. Dieses Schwimmbad war ihre einzige Hoffnung.
   Beim Verlassen des Badebereiches sah sie, wie sich der Bademeister in der Halle umsah. Er schien jemanden zu suchen und hielt ein Handy in der Hand. Catyas Herz klopfte so laut, dass sie befürchtete, gehört zu werden. Sie verließ die Halle und verschanzte sich in der Umziehkabine. Sie hatte nicht damit gerechnet, erkennt zu werden, aber Uma war an Boshaftigkeit nicht zu überbieten. Ihre erfolglose Schwimmkarriere hatte sie nie überwunden und war bereit, jedem zu schaden.
   Catya schlüpfte eilig in ihre Kleider und überlegte, wie sie das Schwimmbad verlassen konnte, ohne gesehen zu werden. Eine Verhaftung war das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Enzo würde stinksauer werden, wenn er sie aus dem Gefängnis herausholen musste. Das würde einen riesen Wirbel veranstalten und die Geheimhaltung der Vampire gefährden. Vielleicht würde er sie sogar ihrem Schicksal überlassen, weil sie dann in Sicherheit wäre. Sie stopfte wütend ihre nassen Sachen in einen herumliegenden Plastiksack und schlich zum Ausgang. Durch die Glastür sah sie, wie ein Polizeiboot zum Landesteg fuhr. Sie drückte sich in eine Nische. Eine Polizistin verließ das Boot und betrat die Schwimmhalle.
   Sie eilte, so schnell sie konnte, zu ihrem Boot und rechnete nach. Im Schatten-Venedig herrschte immer noch Flut, sie konnte praktisch direkt bis vor die Eingangstür des Palazzo fahren. Das entsprach durchaus Enzos Sicherheitsvorschriften. Sie startete den Motor und fuhr in hohem Tempo hinaus. Auf der Höhe der Insel Saint Michele bemerkte sie ein Boot, dass ihr folgte, wenn auch in großem Abstand. Catya starrte mit klopfendem Herzen auf jedes Anzeichen einer Nebelsäule, die wie immer, wenn sie gebraucht wurden, nicht erschienen. Sie fuhr um die Insel herum, als plötzlich der Motor zu spucken begann und immer stärker ratterte. Das durfte doch nicht wahr sein. Nicht ausgerechnet jetzt! Sie konnte nicht ins Schatten-Venedig, wenn ihr Motor versagte. Kurz nach der Insel Saint Michele, zeigte sich ein schmaler Nebelhauch. Sie fuhr entschlossen darauf zu. Das Polizeiboot holte auf. Sie blieb ruhig, immerhin hatte sich der Motor wieder beruhigt. Mit zusammengekniffenen Lippen dirigierte sie das Boot auf die Nebelsäule zu. Der Abstand bis zum Nebel erschien ihr unüberwindbar, obwohl die Entfernung nur gering war, aber das Polizeiboot kam näher und näher. Catya packte den Rettungsring und warf ihn über Bord. Das hatte sie in einem Krimi so gesehen.
   Und tatsächlich, das Polizeiboot drosselte kurz sein Tempo, um zu sehen, was ins Wasser gefallen war. Der Nebelhauch war genau vor ihr und sie dirigierte sich darauf zu. Der Motor des Polizeibootes heulte auf, während der kalte Hauch sie umhüllte. Sie ließ sich dankbar fallen. Der Nebel erlöste sie von ihrer Anspannung. Das sich Auflösen war ihr noch nie so entgegengekommen.
   Im Schatten-Venedig war sie einmal mehr froh über das Verlieren der Emotionen während der Reise. Es fiel ihr danach immer viel leichter, sich in dem glühenden, und im gleichen Moment düsteren Schattenreich zurechtzufinden.
   Sie fuhr in Richtung Palazzo, blickte sich immer wieder um, ihr Boot war nicht sehr stark. Sie gab Gas und fuhr, so schnell sie konnte, auf den Rio Gesuiti zu. Das Boot mit den zwei Vampiren darin kam aus dem Nichts. Catya drückte den Motor durch, aber die beiden hungrigen Blutsauger hefteten sich an ihre Fersen. Der Hintereingang zum Palazzo, vom Rio Gesuiti her, war bei Hochwasser problemlos passierbar. Sie würde wieder einmal die Tür zerstören und direkt in die Vorhalle fahren. Hoffentlich würde der Lärm Enzo alarmieren. Sie schlitterte um die Kurve in den Rio Gesuiti, bückte sich und fuhr durch die Tür. Holz splitterte, ihr Boot wurde durch den Aufprall abgebremst und kam zum Stehen. Wie erwartet war die Vorhalle mit Wasser gefüllt. Sie sprang, so schnell sie konnte, aus dem Boot. Die Vampire schienen nicht mit ihrem abrupten Abbiegen gerechnet zu haben und waren weitergefahren. Sie hörte Motoren aufheulen und rannte fluchend zur Tür, um daran zu poltern. Aber sie wurde aufgerissen, bevor sie dazu kam, und Enzo starrte sie finster an.
   »Zwei Vampire verfolgen mich«, rief sie hastig.
   »Die wagen sich nicht in meinen Palazzo«, knurrte Enzo, zog sie hinein und schloss hinter ihr die Tür.
   »Es tut mir leid, ich hatte geglaubt, in Venedig unsichtbar zu sein, aber das war ein Trugschluss«, sagte Catya, weil er stumm geblieben war und sie etwas zu ihrer Verteidigung sagen musste.
   »Die Vampire hätten dich auf der Lagune ohne Probleme abschlachten können«, sagte Enzo. Für ihn schienen einzig Probleme im Schatten-Venedig zu existieren.
   »Ich konnte ihnen entkommen, aber dein Eingang musste dran glauben«, sagte Catya und fühlte fast so etwas wie Stolz. Sie hatte sich nicht einfach wehrlos abschlachten lassen.
   »Den Eingang werde ich wiederherrichten lassen«, brummte er und sah sie prüfend an. »Ist mit dir sonst alles in Ordnung?«
   Sie nickte und erzählte ihm von ihrem Schwimmtraining und der anschließenden Verfolgungsjagd. Sie verschwieg, warum sie das Schwimmbecken verlassen hatte: Weil sie nichts herausgefunden hatte. Sie war genau gleich weit wie vorher und fühlte sich als Versagerin. Enzo schwebte in Gefahr, und sie war unfähig, ihre Angst zu überwinden. Vielleicht hatte Luzia bereits einen uneinholbaren Vorsprung.
   »Es ist mein Fehler«, sagte er, nachdem sie ihre Erzählung beendet hatte. »Ich hätte deine Verurteilung schon lange aufheben sollen.«
   »Du müsstest die ganze Polizei manipulieren.«
   »Das werde ich tun«, knurrte Enzo und beugte sich über sie. »Meine Unruhe hatte mich durch den Palazzo getrieben und es hat sich gezeigt, dass es gut war, ungewöhnlichen Geräuschen nachzugehen.«
   »Danke, dass du gekommen bist«, sagte sie und wünschte sie könnte Enzo auch so helfen, wie er ihr.
   »Gern geschehen.« Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, und sein Gesicht wirkte dadurch viel jünger und weicher. Er leckte sich über die Lippen und blickte sie gierig an, aber er hielt Abstand zu ihr, wie schon oft in der letzten Zeit.
   »Ich weiß wie schwierig es für dich ist, immer eingesperrt zu sein, weil du nichts allein entscheiden kannst. Sobald ich die Polizia manipuliert habe, kannst du jederzeit nach Venedig gehen. Dort wärst du sicher und frei und könntest deine Tage sinnvoller gestalten.«
   »Das ist sehr freundlich von dir, aber ich möchte lieber hierbleiben.« Sie konterte seinen Blick, ohne auszuweichen. Wenn er ihrer überdrüssig war, dann wollte sie das hören und nicht mit dem Argument abgeschoben werden, sie wäre sicherer in Venedig.
   »Wir sprechen noch darüber«, sagte er unwirsch und befahl ihr, ihm zu folgen. Sie gingen durch den Eingangsbereich, bis zum Haupteingang, den er öffnete und hinaustrat. Catya folge ihm erstaunt und sah augenblicklich den Grund seines Handelns.
   Salienta entstieg ihrem, an Enzos Landesteg vertäutem Boot wie eine Königin und schritt auf sie zu. Ihre schwarzen Haare glänzten, und ihre bronzene Haut war makellos. Jede ihrer Posen war anmutig und im selben Moment gefährlich. Sie erinnerte an eine sich anpirschende Löwin, bereit, mit einem Schlag zu töten. Wie immer in Salientas Gegenwart, fühlte sich Catya farblos und uninteressant. Die Frage, warum er sie dieser unvergleichlichen Schönheit vorzog, würde sie nie beantworten können. Keine Frau und noch weniger ein Mann konnte diesen merkwürdigen Umstand begreifen.
   Und Salienta würde niemals aufgeben, darauf herumzuhacken.
   »Guten Tag Enzo, wie geht es dir?«, sagte sie zur Begrüßung ihr Blick, einzig ihm zugewandt.
   Catya wäre am liebsten im Boden versunken. Sie trug eine Jogginghose und einen flüchtig ausgesuchten Pullover, da sie nach ihrem Fitnessprogramm andere Pläne gehabt hatte, als mit der Schönheitskönigin der Schattenstadt zu konkurrieren.
   »Guten Tag Salienta, wie kommen wir zu dieser Ehre?«, fragte Enzo, und Catya sah, wie sich Salientas Augen zu Schlitzen zusammenzogen.
   Salienta konnte immer noch nicht akzeptieren, dass Enzo eine Frau in seinem Palazzo duldete. Eine Neuerung, die es zuvor noch nie in seiner Vampirexistenz gegeben hatte. Salienta hatte jahrhundertelang auf dieses Privileg spekuliert, ohne Erfolg. Und nicht einmal Enzo selbst konnte erklären, warum er sich geändert hatte.
   »Lass uns hineingehen«, sagte er und zeigte auf den Palazzo.
   »Das wollte ich soeben vorschlagen. Ich möchte meine Information nicht auf dem Fondamente herumposaunen«, sagte Salienta und folgte ihnen in den Palazzo. Dort blieb sie stehen und blickte Catya auffordernd an.
   »Ich will, dass Catya bei unserem Gespräch dabei ist, ich habe keine Geheimnisse vor ihr«, sagte Enzo kurz angebunden und zeigte auf die Treppe.
   Salienta zuckte mit den Schultern. »Wie du meinst.«
   Der Blick aus ihren grünen Katzenaugen streifte Catya kurz, bevor sie die Treppe hochstiegen. Im großen Saal setzte sich Salienta ohne Aufforderung auf das Sofa. Catya blieb neben Enzo stehen, damit sie Salientas Gehässigkeiten nicht aus nächster Nähe ausgesetzt war.
   »Um es kurz zu halten, ich bin gekommen, um dich zu warnen. Die Vampire wenden sich immer mehr Luzia zu, weil sie deine Stärke vermissen«, sagte Salienta.
   »Dein Aufwand wäre nicht nötig gewesen. Ich weiß, was erzählt wird.« Enzo ergriff Catyas Hand und küsste sie galant. »Sie nennen dich meinen Klumpfuß und behaupten, du würdest mir meine Kraft rauben, was absolut lächerlich ist. Ich bin nicht bereit, zu diesem Unsinn Stellung zu nehmen«, sagte Enzo und drückte Catyas Hand, was seine Worte Lügen strafte.
   Catya unterdrückte ihren Aufschrei, weil sie keine Schwäche zeigen wollte. Sie sah in Enzos Augen Wut und war erleichtert. Er schien sie nicht als Klumpfuß zu empfinden. Im Gegenteil, er empfand Salientas Behauptung als eine Beleidigung und schien sich nur mit Mühe kontrollieren zu können.
   »Du verstehst mich nicht richtig«, meldete sich Salienta wieder zu Wort. Ihre Stimme klang gefährlich leise. »Du sollst nicht Stellung nehmen, sondern nur wissen, dass ich nicht tatenlos zuschauen werde. Ich bin eine der ältesten Vampirin, und meine besondere Begabung erlaubt mir, mich in die Geschehnisse der Schattenstadt einzumischen.«
   Enzo starrte Salienta erstaunt an. »Du willst deine seherischen Fähigkeiten nutzen und einen weiteren Fürsten anschleppen?«
   Salienta erhob sich, ihre Augen funkelten wie Saphire. »Genau das werde ich tun.«
   »Das wirst du gefälligst bleiben lassen«, knurrte Enzo. »Wir haben schon genug Mord und Totschlag. Warum willst du einen weiteren Fürsten bringen, der sofort wieder sterben wird.«
   Salientas Lachen erinnerte Catya an das Glockenspiel in chinesischen Gärten. »Das liebe ich so an dir. Du bist der Nabel deiner eigenen Welt, und alles um dich herum ist unsichtbar, außer vielleicht …« Sie starrte Catya an und durchschritt den Raum, der sich mit ihrem Lilienduft füllte.
   »Salienta, willst du dich nicht wieder setzen?«, fragte Enzo aufgebracht.
   Salienta schüttelte den Kopf und blieb vor ihm stehen. »Ich habe immer hinter dir gestanden, als deine glühende Anhängerin. Ich habe dich vergöttert, zu dir aufgesehen und dich als unfehlbaren Helden gesehen. Du bist außergewöhnlich. Meine Gunst galt immer dem unbezwingbaren Schneeleoparden, aber er existiert nicht mehr. Deine hellblauen Augen sind verschwunden. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, deine Gefühle haben dir alle Kraft geraubt. Wir brauchen einen Fürsten, zu dem wir aufschauen können. Du scheinst das zu vergessen.«
   »Und um mir das zu sagen, bist du hergekommen?«
   Salientas Augen funkelten. »Ich sage dir das nicht, um dir zu drohen, sondern um dich wachzurütteln.«
   »Danke, das wäre nicht nötig gewesen, ich habe mich nie wacher gefühlt«, sagte Enzo und blickte auf die Lagune.
   Salienta ging nicht darauf ein. »Dann kann ich dir gleich auch noch ausrichten, dass der Rat der Sieben einen Vampir gewählt hat, der in Zukunft Mose überwachen wird. Die Überschwemmungen werden immer schlimmer, und du hast recht, wir müssen die Überwachung übernehmen.«
   »Ich hatte nichts anderes erwartet und bedanke mich für deinen Einsatz, der uns hoffentlich Antworten zur Entwicklung des Aqua Alta geben wird.«
   »Ich sehe das anders. Nicht die Hochwasser sind das Problem, sondern eure nie endenden Kämpfe«, sagte Salienta kopfschüttelnd.
   »Das weiß ich, aber darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen, und jetzt würde ich mich gern meinen Aufgaben widmen«, sagte Enzo eisig.
   »Ich nehme an, du willst mich nicht dabeihaben«, sagte Salienta und in ihren Augen funkelte es dämonisch.
   »Ich nehme an, du erwartest keine Antwort darauf«, konterte Enzo.
   »Es war schön, wieder einmal hier zu sein. Ich vermisse meine Besuche hier, aber es ist Zeit, zu gehen«, sagte Salienta und wandte sich Enzo zu. Catya übersah sie geflissentlich, genau wie am Anfang.
   »Sentimentalität passt nicht zu dir«, sagte Enzo und führte Salienta die Treppe hinunter.
   Catya folgte ihnen, weil sie Salienta den Triumph nicht gönnte, sie durch ihre Nichtbeachtung ausgebootet zu haben.
   »Es war nett, mit dir zu plaudern«, sagte Salienta lächelnd zu Enzo und warf ihre schwarzen Haare nach hinten. Sie verabschiedete sich mit einer leichten Verbeugung, wie es sich für eine Vampirin ihrem Fürsten gegenüber gebührte. Sie spielte ihre Rolle perfekt.
   »Sei vorsichtig wegen der Überschwemmungen, wenn du hinausfährst«, sagte Enzo, als Salienta ihm die Hand reichte.
   »Die Zeit läuft dir davon, und du merkst es nicht«, zischte Salienta, bevor sie majestätisch davonstolzierte.
   »Sie fürchtet die Überschwemmungen auch«, sagte Catya, nachdem Salienta gegangen war.
   Enzo nickte. »Auch Vampire fürchten sich vor Ereignissen, die sie nicht erklären können. Aber Salienta macht sich vor allem Sorgen um ihr Produkt, sprich um mich, weil ich nicht siegen kann.«
   »Du meinst, sie wird einen weiteren Fürsten verwandeln?«
   »Warten wir ab, ob sie einen findet. Die laufen nicht zu Tausenden da draußen rum.«
   »Hast du keine Angst?«
   »Sie hat schon viele Fürsten angeschleppt, ich kann sie leider nicht aufhalten. Aber wenn sie so weitermacht, verzichte ich in Zukunft auf eine Seherin im Schatten-Venedig. Dann hören ihre Gehässigkeiten auch für dich auf«, sagte Enzo und zog sie an sich.«
   »Ich komme damit klar, sie ist ein kleines Übel. Ich brauche einfach Zeit, um mich überhaupt einzuleben«, sagte Catya und fügte stumm Und um dir eine brauchbare Hilfe zu werden hinzu. Sie dachte an ihr Erlebnis im Schwimmbad. Wenn sie es schaffte, auf irgendwelche Weise herauszufinden, wohin dieses Auflösen führte, wäre sie einen riesen Schritt weiter. Seine kühlen Lippen holten sie aus ihrer Versunkenheit, und sie schmiegte sich an seinen harten Körper.
   Enzo stöhnte auf. »Nicht einmal durch meinen kalten Panzer kann ich meine Lust nach dir aussperren. Das ist sehr gefährlich«, murmelte er.
   »Stell dir vor, ich wäre eine Vampirin«, sagte Catya übermütig, aber ihre Stimme gehorchte ihr nicht, wie sie geplant hatte.
   Enzo umfasste ihr Gesicht und schüttelte den Kopf, während sein Blick sie warm umschloss. »Du musst für mich nicht zur Vampirin werden, mir reicht es, dir verbunden zu sein. Ich liebe dich, und es spielt keine Rolle, was du bist.«
   »Musst du nicht aufpassen, wenn du mich liebst, ich meine, kannst du dich als Vampir gehen lassen?«, fragte sie und verfluchte die Hitze, die ihr in die Wangen schoss. Es fiel ihr unendlich schwer, diese Frage zu stellen, aber sie musste endlich eine Antwort haben.
   Enzo lächelte. »Ich verspüre kein Bedürfnis danach, sondern danach, deine Wildheit zu spüren«, sagte er und eine rote Träne lief ihm über die Wange, die Catya geschickt auffing und aufsog. Der Duft nach Leder und Zimt erschien ihr heute stärker als sonst, und sie stöhnte auf.
   Seine Fänge fuhren augenblicklich aus. Sie erschauderte, während sich die Hitze in ihrem Schoß sammelte. Sie zog ihn an sich, um seinen harten Körper zu spüren. Aber eine Bewegung bei der Tür fegte ihr Verlangen mit einem Stoß weg. Die neue Dienerin Atlina stand taumelnd im Türrahmen.
   »Shilo hat mich geschickt«, sagte sie leise und stützte sich an den beiden Türseiten ab. Ihre helle Stimme hatte allen Klang verloren und die hellblonden Haare unterschieden sich kaum mehr von ihrer Haut.
   Sie eilte zu ihr hin, bereit die Dienerin aufzufangen, falls sie umkippte, aber als sie neben ihr stand, hatte sie sich wieder gefangen und himmelte Enzo an, als wäre er ihr Lebensretter.
   Sie fluchte. Die Hilflosigkeit, mit der sie mitansehen musste, wie die engelsgleiche Dienerin immer durchsichtiger wurde, war unerträglich. »Du darfst nicht mehr von ihr trinken«, sagte sie aufbrausend und erzitterte ab ihrem Mut.
   Enzo schickte Atlina mit einer ungeduldigen Handbewegung fort.
   »Ich mache mir Sorgen um Atlina, sie wird sterben, wenn sie weiterhin als Blutdienerin gebraucht wird.«
   Enzo zuckte mit den Schultern. »Ihre Schwäche ist nichts Ungewöhnliches bei einer Dienerin. Doch wenn du darauf bestehst, werde ich, bis es ihr besser geht, meinen Durst anderweitig stillen.«
   Sie sah ihn erstaunt an. »Würdest du das tun?«
   Er nickte. »Unbedingt.«
   Catya holte tief Luft. »Danke, das bedeutet mir sehr viel«, sagte sie heiser.
   Atlina hatte von Anfang an schwach gewirkt und war wahrscheinlich schon, bevor sie zu ihnen gekommen war, eine Dienerin gewesen. Catya fühlte sich für Atlina zuständig. Sie hatte sie aus dem Wasser gerettet und drauf bestanden, sie mitzunehmen. Sie fühlte sich der Dienerin eigenartig verbunden. Es war ganz anders als bei Shilo, die vor ihr bei ihm gewesen war und ihn besser kannte als sie.
   »Ich könnte bei dir anfangen, meinen Durst zu stillen«, sagte er heiser und zog sie zu sich heran.
   Ihr Herz klopfte laut. Er küsste sie unendlich sanft und sog dann eine Blutträne auf, die ihr über die Wange lief. »Deine Tränen sind unschlagbar«, stöhnte Enzo und trank gierig.
   Catya schmiegte sich an ihn, aber das reichte ihr bald nicht mehr. Sie wollte ihn ohne störende Kleider. Doch ein sanfter silberner Schimmer überzog bereits seine Arme und umso mehr sie sich an ihn presste, umso stärker wurde der Schimmer. Er wehrte sich gegen sie, zog sich vor ihr zurück, wie ein Eskimo schottete er sich in sein zugefrorenes Iglu ab.
   Sie kam nicht mehr zu ihm durch, aber wenigstens wollte sie ihm so viele Tränen wie möglich geben. Sie presste sich hemmungslos an ihn, ihr Hüften kreisend, wollte sie diesen Eisblock, der sie in Flammen setzte, erweichen.
   Enzo löste sich mit einem Seufzer, nachdem er ausgiebig getrunken hatte. »Ich muss mich noch vorbereiten.« Seine Stimme klang kalt, fast metallen und brachte sie zurück in die Wirklichkeit. Er hatte seinen Wandel bereits vollzogen, sein Silberschimmer glänzte auch an seinem Hals und in seinem Gesicht.
   Sie berührte sein Gesicht und schloss ihre Augen. Sie glaubte fest daran, dass auch wenn Enzo nur noch Vampir war, sein menschlicher Geist vorhanden war. Sie konnte ihn spüren, als eine Art elektrisches Flimmern unter ihren Fingerkuppen. Sie ließ die Wellen durch ihren Körper gleiten, wünschte, sie könnten Enzo die Kraft geben, die er brauchte, um zu siegen. Doch das würde wohl immer nur ein Wunsch bleiben, weil Luzia, sobald sie unterlag, flüchtete.
   »Ich muss los. Du kommst mit Shilo wie immer nach«, sagte Enzo, und Catya nickte.
   Er würde sich auf dem Weg stärken und dann in der Arena auf die Rothaarige treffen. Enzo verabschiedete sich mit einem flüchtigen Kuss. Er nahm sie bereits kaum noch wahr und war schneller verschwunden, als sie denken konnte. Catya beschloss nachzuschauen, wie es Atlina ging. Sie konnte nicht alle Dienerinnen im Schatten-Venedig retten, aber wenigstens um Atlinas Leben würde sie sich kümmern.

II
Enzos Widerstand

Enzo sprang in sein Boot und startete den Motor. Die Lagune leuchtete rötlich im Widerhall des glühenden Himmels. Der Mond war schwer zu finden, und als er ihn endlich sah, wusste er, warum er so lange hatte suchen müssen. Die Sichel war schmal, und die Sensenform erschien ihm heute wie ein böses Omen.
   Er bog in den Canal Grande ein, der einsam dalag. Die Riviera war früher immer belebt gewesen. Kühlräume hatten das Flussufer gesäumt, und die Diener hatten sich hier ihre Mahlzeiten selbst ausgesucht. Seit die Kämpfe das Schatten-Venedig dominierten, lag die Stadt ausgestorben da. Er vertäute sein Boot neben der Rialtobrücke und sprang hinaus. Er musste sich eine neue Dienerin suchen. Atlina starb. Es war von Anfang an ein Fehler gewesen, sie mitzunehmen, aber Catyas Schwimmkünste, als sie die Dienerin aus dem Wasser holte, hatten ihn weich werden lassen. Es war das erste Mal gewesen, dass er Catya in der Lagune hatte schwimmen sehen. Sie schwamm wie ein Fisch, und er hätte ihr stundenlang zuschauen können. Sie war mit dem Wasser verschmolzen, und er hatte nur da gestanden und sie bewundert, seine wunderbare Meerjungfrau. Sie hatte die Dienerin aus dem Wasser gefischt, die junge Frau wäre ohne Catyas Hilfe ertrunken. Im Anschluss hatte er seine Vampirpersönlichkeit einem Menschen angepasst. Sie hatte darauf bestanden, die dem Tode geweihte Dienerin mitzunehmen, und er hatte eingewilligt.
   Er zweifelte daran, ob es richtig gewesen war. Catya glaubte an die Menschlichkeit, und es gab nur einen Weg, sie vor den Grausamkeiten des Schatten-Venedigs zu beschützen. Er hatte ihre Trennung bis jetzt vermieden, obwohl er die Wohnung in Venedig bereits gekauft und eingerichtet hatte. Er zögerte, brachte es nicht über sich, sie wegzuschicken. Obwohl er wusste, dass es besser für sie wäre. Sie war zerbrechlich wie ein Vogel und sie zu schützen, war alles, was er wollte. Auch wenn das hieß, auf sie zu verzichten.
   Er musste nicht lange suchen, bis er eine Dienerin fand. Die junge Frau war kräftig und erschien ihm geeignet.
   »Wie heißt du?«, fragte er höflich.
   »Nuria.« Ihre Stimme klang tief und passte gut zu ihrem starken Körper.
   Er nickte und nahm ihr die Erinnerung an ihren früheren Meister. Dann stärkte er sich an ihrem Blut, das seinem Körper die Lebendigkeit gab, die er als Vampir nicht aus sich selbst schöpfen konnte. Er trank ausgiebig, bis er merkte, dass die Dienerin an ihre Grenzen gelangte. Er verschloss ihre Wunde und eilte zu seinem Boot. Der heutige Kampf musste ihn einen Schritt weiterbringen. Er war entschlossen, herauszufinden, wo sich Luzia verbarg. Auch wenn das hieß, ihr tödliches Manöver nachzuahmen. Sie wagte sich so nahe an die tödliche Nebelwand, wie er das noch bei keinem anderen Vampir gesehen hatte.
   Er erreichte den Markusplatz, der gut bevölkert war, wie meistens in der letzten Zeit. Er stellte sein Boot für eine schnelle Abfahrt bereit und eilte über den Platz, der von Luzias Stimme beschallt wurde. Sie würden kämpfen wollen, wie jede Nacht. Vor der Arena blieb er stehen.
   Luzia stand in der Mitte und verbot mit lauter Stimme die Verbindung durch die Bluttränen. Sie sprach eine Strafe aus, und weiter kam sie nicht. Er stürmte wie ein wildgewordener Stier in die Arena. Luzia hatte kein Recht, irgendwelche Vorschriften zu erlassen, geschweige denn, sich eine Fürstin zu nennen. Die rothaarige Vampirin flüchtete durch den anderen Ausgang und war im Nu verschwunden. Er heftete sich an ihre Fersen und sprang in sein bereitstehendes Boot. Den Motor hatte er eigenhändig umgebaut und das hohe Tempo gab ihm Zuversicht. Er verfolgte Luzia in Richtung Nebelwand, holte problemlos auf und schnitt ihr den Weg ab. Sie musste das Tempo drosseln, um ihr Boot zu schützen, was er so eingeplant hatte. Sobald ihre Boote genug nahe nebeneinander waren, sprang er in Luzias Boot über, das gefährlich schwankte. Er verpasste Luzia einen Schlag, den sie halbherzig konterte, während sie das Steuerrad umklammerte und Vollgas gab. Das Boot schoss in Richtung Nebel. Das Aufheulen des Motors zeigte Luzias Entschlossenheit, was ihm eine klare Antwort war. Er warf sich auf sie und entriss ihr, nachdem sein Nackenschlag sie kurz lähmte, das Steuer. Er schaffte es, kurz bevor sie im Nebel landeten, das Boot nach links herumzureißen. Enzo kontrollierte sein Zittern. Schwäche hatte am Rande des Nebels keine Berechtigung. Eine falsche Bewegung, und sie würden sterben. War das Luzias Plan, ihn mit in den Tod zu reißen, weil sie ihm unterlegen war?
   Ein Schlag in sein Genick war ihm Antwort genug. Sie legte es darauf an, die Grenze zu überschreiten. Er taumelte kurz, ließ das Steuer los und erwischte Luzia. Mit einem entschlossenen Hieb auf die Wirbelsäule setzte er sie außer Gefecht. Blitzschnell umfasste er ihren Hals und drückte ihr die Luft ab, bis sie erschlaffte. Aber in dem Moment, als er ihren Kopf drehte, erwachte sie wie ein Stehaufmännchen aus ihrer Starre und packte ihn mit ihren Klauen. Er stieß ihr sein Knie in den Bauch, was sie gurgelnd zurückdrängte, dann versenkte er sie mit einem gezielten Schlag zwischen die Augen ins Nirwana. Noch während sie fiel, streifte ihn ein kalter Hauch, und er wusste, ohne sich umzudrehen, wo er war. Er ergriff das Steuer, wendete das Boot und drückte den Motor durch. Luzia sprang, einen gurgelnden Laut ausstoßend, bevor er sie erneut versenken konnte, ins Wasser und tauchte ab. Er sah ihr hinterher, kontrollierte seine Gier, zu töten. Er befand sich im Grenzbereich des Nebels und würde sich nicht hinreißen lassen. Auch wenn Luzia im Nebel verschwinden konnte, für ihn änderte sich nichts. Sie war eine Vampirin, die nur fortbestehen konnte, wenn fremdes Blut durch ihre Adern floss. Sie würde auch in Zukunft jeden Abend zurückkommen, weil ihr Durst sie zwang.
   Er dirigierte sein Boot weg von der Nebelwand in Richtung Markusplatz. Ohne Vorwarnung erfasste ihn eine aus dem Nichts auftauchende Wasserwoge. Sein Boot schwankte gefährlich, und er kämpfte dagegen an, gekentert zu werden, schaffte es schlussendlich, auf der Woge mitzureiten. Die Wassermassen trugen ihn in Richtung Markusplatz, während seine Gedanken verrücktspielten. Was zum Teufel sollte das bedeuten. Woher kamen diese Wasserwogen? Die Flut zog sich zurück, die Lagune war nicht das offene Meer, das unerklärbaren Unterwasserströmen ausgesetzt war. Er fuhr zum Markusplatz, wo sich Sandro in der Mitte der Arena gegen eine Horde Wächter verteidigte. Enzo eilte hinzu und verteidigte Sandro. Die Arena stand unter Wasser, und es war schwer auszumachen, wie viele Wächter sich anschickten, seinen Botschafter auszulöschen.
   Der Schlag eines Wächters traf ihn hart, und er kämpfte verbissen. Die Vorgehensweise der schwarz gekleideten Schattenkreaturen überraschte ihn nicht. Die Vorzeichen waren seit Langem da. Luzia hatte sie alle in ihren Bann gezogen. Weitere Wächter versammelten sich wie wild gewordene Wespen rund um sie herum. Enzo drehte jedem, der ihn belästigte, den Hals um, aber es waren zu viele und wie vorausgesehen, war jeder schwarz gekleidete Vampir auf diesem verdammten Platz bereit, Sandro auszulöschen. Es dauerte eine Weile, bis er es schaffte, Ordnung zu schaffen und die Wächter in die Flucht zu schlagen.
   Sandro rappelte sich auf. »Sie behaupteten, du würdest die Überschwemmungen herbeiführen, und ich habe das bestritten«, sagte er und blickte Enzo traurig an, so als könnte er diese Welt nicht begreifen.
   »Danke, das entspricht absolut der Wahrheit, auch wenn nicht alle das so sehen wollen«, sagte Enzo und überlegte, wie er Sandro schützen konnte. Ginos Nachfolger war tüchtig, doch er zweifelte an seiner Loyalität, die ihm vermutlich die Probleme eingebracht hatte. Die Wächter verachteten Mitläufer und vernichteten sie, damit sie keinen Schaden anrichteten. »War Catya hier?«, herrschte er ihn an, sobald er sich gefangen hatte.
   Sandro schüttelte den Kopf, und Enzo glaubte ihm. Er kannte Sandros Lügengesicht, wenn er etwas zu vertuschen hatte. Sein Gehilfe war wie ein offenes Buch.
   Er trug Sandro auf, die Arena zu überwachen, da die vielen Hochwasser Schäden hinterließen, und übersah den Markusplatz. Er war froh, wieder Ordnung geschafft zu haben, und ging in sein Büro. Dort holte er die Schlüssel und die Unterlagen, zu der neuen Behausung, die er für Catya hatte herrichten lassen. Er musste sie nach Venedig bringen, noch in dieser Nacht. Er würde ihr den Palazzo zeigen und später dann, den zuständigen Amtsrichter von Catyas Unschuld überzeugen. Er eilte zum Fenster, weil er erneut hörte, wie Wellen rhythmisch gegen die Steinmauern der Gebäude am Markusplatz schlugen. Das Hochwasser war zurückgekommen, und er verfluchte sich für den Aufschub. Er hätte sofort zu Catya zurückkehren müssen, um nach dem Rechten zu sehen.

III
Catyas Widerstand

Catya sah Enzo hinterher und beschloss, sich zu beeilen. Sie wollte so wenig wie möglich von seinem Kampf gegen Luzia verpassen. Aber zuerst musste sie nach Atlina sehen. Sie eilte durch den Palazzo. Atlina war wie vom Erdboden verschluckt, und Catya konnte sich nicht vorstellen, wo sie sein könnte. Eine Dienerin konnte in einem Palazzo nicht einfach verloren gehen. Sie verlangsamte ihre Schritte, um das wilde Pochen ihres Herzens zu beruhigen, was nicht gelang. Sie glaubte, ihre Schädeldecke explodiere. Es war nicht nur Atlinas Suche, die sie aufrührte, sondern auch die Angst um Enzo, den sie in der Arena wusste. Leider gab es dagegen kein Heilmittel. Sie hatte alles ausprobiert in den letzten vier Wochen, in denen er versucht hatte, Luzia zu besiegen. Dem Kampf fernzubleiben, war noch viel schlimmer, als dabei zu sein. Das hatte sie ausprobiert.
   Atlina wohnte unter dem Dach, wo sie aber nicht zu finden war. Catya fühlte sich verantwortlich für die Dienerin. Sie hatte darauf bestanden, sie mitzunehmen, und außerdem war Atlina genauso wie sie ein Mensch. Sie konnte sie nicht einfach sterben lassen, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Catya stieg die Treppen hoch. Atlina hatte das Recht auf eine menschenwürdige Behandlung.
   Sie stieg in den Estrich und hörte ein Geräusch. Sie unterdrückte ihre Angst und ging bis ganz nach hinten, bis zu einem Holzgestell. Enzo hatte hier eine Sternwarte errichten wollen, es dann jedoch bleiben lassen. Sie ging darauf zu, sprintete die letzte Strecke, weil ein merkwürdig klatschender Laut erklang. Sie fand Atlina, die sich mit den Händen abstützte, um Halt zu finden. Sie blickte sie aus leeren Augen an, und Catya beeilt sich, zu ihr zu kommen.
   »Atlina, was hast du?«, fragte Catya mit zittriger Stimme.
   Atlina zuckte mit den Schultern, ohne zu antworten. Sie wirkte abwesend und nahm ihre Umgebung kaum wahr. Catya stützte die taumelnde Dienerin, die mit einem gurgelnden Laut zusammenbrach.
   »Atlina, hörst du mich?«, brüllte sie, um zu ihr durchzudringen.
   Aber sie reagierte nicht, und sie musste sie auf den Boden legen. Die Dienerin war in ihrem schlaffen Zustand zu schwer, um sie zu stützen. Catya beugte sich über sie und ergriff ihre Hände. Sie waren nicht kalt, was hieß, sie war sich nicht am Wandeln.
   Sie bettete die Dienerin auf den Boden und rannte in den ersten Stock, wo sie Shilo fand.
   »Du musst Atlina verwandeln!«, gebärdete sie und hoffte inbrünstig, die richtige Antwort zu bekommen.
   Shilo schüttelte den Kopf. »Sie ist ein Blutfass, ihre Lebensdauer ist beendet«, gebärdete sie zurück.
   »Aber Enzo wandelt seine Dienerinnen immer«, insistierte Catya und zeigte auf die Treppe.
   Shilo folgte ihr nach oben. Dort angekommen musterte sie die daliegende Frau mit einem glühenden Blick. »Enzo hat sie nicht gewandelt, weil er befürchtete, sie könnte dich anfallen, wenn sie erwacht. Die Kämpfe dauern an, und er kann nicht immer hier sein.«
   »Ich nehme das Risiko auf mich, gehe sogar nach Venedig für die Zeitspanne. Shilo, bitte verwandle sie, damit sie nicht stirbt«, bettelte Catya.
   Shilo trat einen Schritt zurück. »Meine Aufgabe ist es, dich zu beschützen«, glaubte sie zu lesen, war sich aber nicht sicher, die Gebärde richtig erkannt zu haben.
   »Du warst selbst Dienerin, du musst dich doch erinnern, wie das gewesen ist.«
   »Das ist etwas anderes, du warst damals noch nicht hier.«
   Sie fluchte, sie hatte alles richtig verstanden, Shilo wollte nichts unternehmen. Enzos Beschützerinstinkt stand wie ein Speer zwischen ihnen.
   »Atlina ist nur ein Blutfass«, gebärdete Shilo, und die stumme Geste war ganz klar.
   Catya überlegte, wie sie Shilo zwingen könnte, aber der grimmige Ausdruck der Vampirin vor ihr, und ihre ausgefahrenen Fangzähne verrieten, dass sie ganz andere Absichten hatte. Nämlich das daliegende Blutfass ganz zu lehren. Sie drehte sich um. Das würde sie bestimmt zu verhindern wissen. Sie beugte sich über Atlina, die ohnmächtig dalag und kaum noch atmete. Tränen der Verzweiflung rannen ihr über die Wangen, und der Hass auf die Welt, die sie sich freiwillig ausgesucht hatte, fraß sie auf. Nie hatte sie sich unverstandener gefühlt. Shilo berührte ihre Schulter und zeigte ihr an, sie würde sich um Atlina kümmern.
   Sie schüttelte den Kopf und legte sich über den leblos daliegenden Körper. »Untersteh dich!«, gebärdete sie, und Shilo machte sich nicht die Mühe, ihr zu antworten. Stattdessen zog sie mit einer entschlossenen Geste an Atlina, die unter ihr lag. Catya krallte sich an Atlinas Kleid fest, entschlossen, sie nicht dem Tod zu übergeben.
   »Du darfst sie nicht anfassen«, brüllte sie und legte besitzergreifend einen Arm über Atlina.
   Shilo bewegte sich nicht, sie schien zu überlegen und ließ dann den leblosen Körper der Dienerin mit einem Achselzucken los. Unfähig, ihre verlockende Mahlzeit sofort aufzugeben, stand sie da und leckte sich über die Lippen, bevor sie sich abdrehte und verschwand.
   Catya zitterte vor Anstrengung. Sie hatte sich dermaßen an der Dienerin festgekrallt, dass ihre Muskeln rebellierten. Sie ließ Atlina los und betrachtete sie schluchzend. Atlina war nur kurz bei ihnen gewesen, und trotzdem hatte sie die Dienerin in ihr Herz geschlossen. Sie war etwa gleich alt wie sie, und sie war so fröhlich und tapfer gewesen. Enzo musste gespürt haben, wie sie immer schwächer wurde, aber er immer weiter von ihr getrunken, weil sie für ihn auch nur ein Blutfass war. Er würde ihre Trauer nicht verstehen, aber er würde Atlina verwandeln, wenn sie ihn darum bat. Ihre Tränen gingen über in Bluttränen, die ihr unkontrolliert über ihre Wangen flossen. Sie beugte sich über Atlina. »Ich lasse dich nicht sterben«, flüsterte sie. Ihre Tränen fielen auf Atlinas Wangen, und sie beugte sich noch tiefer über die Dienerin. »Trink meine Tränen, sie werden dir Kraft geben, bis Enzo kommt«, flüsterte sie in einer plötzlichen Eingebung, und auch wenn Atlina ihre Worte nicht hören konnte, reagierte sie. Ihre Lippen öffneten sich, und Catyas Tränen flossen in ihren Mund. Catya dachte an Enzo, daran wie er Atlina helfen würde, und ihre Tränen flossen in großen Mengen. Die Befriedigung, etwas tun zu können, erfüllte sie mit einer unglaublichen Erleichterung. Sie entspannte sich und fütterte Atlina ihre Tränen. Nichts geschah, aber wenigstens schluckte Atlina ihre Tränen, und Catya war sich sicher, ihr damit Kraft zu geben. Sie machte weiter, bis Atlina ihre Augen öffnete.
   Catya begegnete dem Blick der Dienerin, und die Gier, die daraus sprach, hatte etwas Endgültiges. Sie wich erschrocken zurück. Sie hatte Atlina an sich gebunden, was sie nicht bedacht hatte. Aber es war der einzige Weg, ihr zu helfen, und sie fürchtete sich nicht vor den Folgen. Atlina lebte und das war das Einzige, das zählte. Sie wollte ihr noch weitere Tränen geben, aber Atlina war wieder in eine Ohnmacht gesunken und diesmal blieb ihr Mund fest verschlossen.
   Catya saß neben ihr auf dem Boden. Wenigstens atmete Atlina gleichmäßig, und ihre Wangen waren sogar etwas gerötet. Im Moment schien ihr Zustand, dank der Bluttränen, stabil zu sein. Enzo würde wütend werden, aber das war unwichtig.
   Sie sprang auf. Enzo war der Einzige, der Atlinas Schicksal dauerhaft ändern konnte. Sie ging bis zum Fenster, der Wasserstand war sehr hoch. Das Aqua Alta war rasend schnell gekommen. Das geschah immer öfter in der letzten Zeit, und es gab Stimmen, die die Überschwemmungen willkommen hießen. Sie sahen darin ein Omen und sagten: Die reinigende Kraft des Wassers war schon in der Antike geflossen. Diese Vampire erhofften sich durch dieses Phänomen eine Beendigung der Streitigkeiten.
   Catya glaubte nicht an die Kraft des Wassers, sondern an die Kraft des Fürsten. Sie stürmte die Treppe hinunter. Shilo würde wenig begeistert sein, sie zu sehen. Sie fand die Dienerin beim Ausgang. Sie stellte den Bildschirm ein, der den ganzen äußeren Eingangsbereich aufzeigte und drehte sich erschrocken um, als Catya sie antippte.
   »Shilo, wir gehen zum Markusplatz.«
   Die Vampirin schüttelte den Kopf. »Das Hochwasser ist viel zu gefährlich, ich kann nicht für deine Sicherheit garantieren«, gebärdete sie.
   Catya warf einen prüfenden Blick auf die Lagune. Shilo hatte recht und trotzdem, sie musste herausfinden, was mit Enzo geschehen war. Dazu kam, jede Sekunde, die sie verlor, bedeutete für Atlina ein Schritt näher zu ihrem Tod. Sie überlegte, allein zu gehen, aber das war viel zu riskant. Sie musste sich Enzos Sicherheitsvorschriften nicht beugen, doch es gab gute Gründe für seine Anweisungen.
   »Hör zu, Shilo. Enzo kämpft besser, wenn er mich im Büro in Sicherheit weiß«, spielte sie ihren Trumpf aus. »Sein Sieg ist bestimmt auch in deinem Interesse. Luzia muss beseitigt werden.«
   Die Dienerin antwortete nicht, aber Catya wusste, wie sie zu überzeugen war. Enzos Wohlergehen hatte bei ihr höchste Priorität. »Shilo, ich fahre das Boot. Ich muss Enzo unterstützen, und das kann ich nur, wenn ich da bin und er sich keine Sorgen zu machen braucht.«
   Die Dienerin blickte sie unsicher an.
   »Komm schon, Shilo, was kann schon passieren? Ich kann sehr gut schwimmen, und du bist bei mir«, sagte Catya, den Ausflug herunterspielend.
   Shilo nickte zu ihrer Überraschung, und Catya wies Shilo an, ihr zu folgen. Sie führte die erstaunte Dienerin bis zur Vorhalle im Seitenflügel des Palazzo. Das Boot wippte auf den Wellen, und Catya war froh über das Aqua Alta. Shilo überreichte ihr den Schlüssel und zeigte ihr an, dass sie den Überwachungsposten übernehmen würde. Catya startete den Motor. Problemlos manövrierte sie das Boot rückwärts durch die Ausgangstür, die sie auf der Flucht vor den Vampiren zerstört hatte. Shilo wippte von einem Fuß auf den anderen. Sie traute Catya nicht, wollte aber das Boot auch nicht selbst steuern. Technik schien nicht ihr Ding zu sein, und obwohl Catya ihr schon oft die einzelnen Abläufe erklärt hatte, konnte sie sich nur schlecht daran erinnern.
   Sie fuhren den Rio di Gesuiti entlang.
   Der purpurne Himmel dünkte Catya noch dunkler und drohender als früher am Abend. Ein Sinnbild des momentanen Zustandes der Schattenstadt. Sie befand sich in einem Ausnahmezustand, der alles veränderte. Die Stadt, die sie kennengelernt hatte, gab es nicht mehr. Sie bogen in den Canal Grande ein, auf dem ein reger Verkehr herrschte. Jeder Vampir des Schatten-Venedigs schien es eilig zu haben.
   Catya erschauderte. War der Kampf schon vorbei? Die hungrigen Blicke der Vampire deuteten es an, und sie war froh, neben Shilo zu stehen. Ihre Stärke war ihr Schutz vor Überraschungsangriffen, die ununterbrochen stattfanden, obwohl überall schwarze Wächter wie aufgescheuchte Wespen umherschwirrten.
   Nach dem Kampf waren die Vampire immer angestachelt und durstig und mordeten, wo sie konnten. Das starke Aqua Alta hatte alle aufs Wasser gejagt, auf dem ein Chaos herrschte. Catya überlegte, umzukehren, aber sie war bereits mitten drin. Die Gefahr lauerte überall. Sie drückte das Gas durch, um so schnell wie möglich in den Rio dei S. Moise abzubiegen, aber es war zu spät. Ein Boot schob sich neben das ihre und eine Vampirin mit fast gelben Wespenaugen starrte sie gierig an. Ihre Nasenflügel bebten, und sie setzte zum Sprung an. Catya war nicht bereit, als Nahrung zu enden, und drückte das Gaspedal zum Anschlag. Ihr Boot schoss in hohem Tempo hinaus in die Lagune. Ein Blick zurück zeigte ihren Erfolg. Die Vampirin war ihnen nicht gefolgt. Shilo nickte anerkennend, und Catya beschloss, noch etwas abzuwarten, bevor sie das Boot wendete.
   Die heranrollende Welle kam überraschend, und sie waren nicht darauf vorbereitet gewesen. Ihr Boot kenterte, und sie flogen in hohem Bogen ins Wasser. Catya rief mechanisch ihre Schwimmbewegungen ab, obwohl sie nicht wusste, wo oben und wo unten war. Sie sah sich immer wieder um, aber Shilo tauchte nicht auf. Sie fackelte nicht lange und tauchte ab. Was war mit Shilo geschehen? Enzo hatte die Dienerin vor dem Ertrinken gerettet, war es möglich, dass die Vampirin immer noch nicht schwimmen konnte? Sie suchte verzweifelt, obwohl sie schon bald keinen Anhaltspunkt mehr hatte, wo genau sie ins Wasser geflogen waren. Sie tauchte immer tiefer hinunter, und dann war sie plötzlich da, die verhasste Situation, die sie sich noch vor Kurzem, im Schwimmbad, herbeigewünscht hatte. Catya verspürte den Drang aufzutauchen, obwohl Shilo irgendwo da unten war. Sie kämpfte verbissen gegen ihr Bedürfnis an, zwang sich weiterzusuchen, auch wenn mit jeder Bewegung das Gefühl, sich aufzulösen, stärker wurde. Sie verlor sich immer mehr, und die lähmende Angst übernahm, bis sie sich nicht mehr bewegen konnte. Es gab nur noch das weiche Wasser, mit dem sie sich verbunden hatte. Sie wurde selbst zur Welle, trieb dahin, ohne Zeitgefühl oder Ziel. Shilos Rettung rückte in weite Ferne, obwohl sie das nicht wollte. Verbissen kämpfte Catya um jede noch so kleine Bewegung. Sie musste raus aus diesem Albtraum, in dem sie immer tiefer versank. Sie bewegte sich langsam, wie in Zeitlupe, und nach einiger Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, begann sie sich zu bewegen. Sie schaffte es, aufzutauchen, und fand sich in der aufgewühlten Lagune wieder, wo die zerschmetternde Wahrheit sie empfing. Shilo war nirgends zu sehen. Sie hatte die Dienerin im Stich gelassen, weil ihre Angst vor dem Verschmelzen sie gelähmt hatte. Vielleicht hätte sie Shilo finden können, wenn sie weitergeschwommen wäre. Sie starrte auf die aufgewühlte Lagune, der Albtraum war vorbei. Die Wellen hatten sich beruhigt und alles war wie vorher.
   Shilo weiterzusuchen, war unmöglich. Das Wasser hatte sie fortgetrieben, sie befand sie etwa auf der Höhe des Markusplatzes, und überall schwammen Vampire im Wasser. Catya hoffte inbrünstig, Shilo wäre unter ihnen. Sie war damals, als sie ertrank, ein Mensch, aber jetzt war sie eine Vampirin, die bestimmt schwimmen konnte. Catya sah ein herumtreibendes Boot und schwamm darauf zu, nur um sich Auge um Auge mit einer Vampirin wiederzufinden. Sie tauchte ab und schwamm davon. Die Vampirin würde ihr kaum folgen und ihr Boot im Stich lassen. Trotzdem schwebte sie in Gefahr. Es gab genug andere Vampire im Wasser, die versuchten, an Land zu gelangen. Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn, während die Wut sie antrieb. Sie hatte zu lange trainiert, um sich erwischen zu lassen.
   Sie wich einem Boot aus, hörte hinter sich einen knurrenden Laut, und sah, als sie sich umdrehte, wie Shilo eine Vampirin am Hals packte und untertauchte.
   Catya schwamm entschlossen auf das Boot zu, stieß einen erstaunten Laut aus, als zwei Arme sie in das Boot hineinbugsierten. Shilo zog sich am Rand hoch und kletterte ebenfalls hinein. Catya umarmte die Dienerin voller Erleichterung.
   »Shilo, ich dachte, du wärst ertrunken«, gebärdete sie mit zitternden Fingern.
   Shilo schüttelte den Kopf. »Enzo hat mir Schwimmen beigebracht«, gebärdete sie und zeigte auf das Steuerrad.
   Catya startete den Motor und fuhr los. »Du schwimmst wie ein Fisch«, gebärdete Shilo, und sie sah Bewunderung im Blick der Vampirin.
   »Wie hast du es geschafft, mich einzuholen?«
   Shilo zuckte mit den Schultern. »Du wurdest langsamer, und dann wolltest du ein Boot ergattern, doch eine Vampirin hat dich vertrieben. Ich habe es geschafft, dir zu folgen, musste aber unterwegs ein paar Vampire aus dem Weg räumen.«
   »Danke, Shilo, ohne dich hätte ich das nicht überlebt«, sagte Catya und konzentrierte sich dann wieder auf das Boot. Sie wollte so schnell wie möglich ankommen und herausfinden, was mit Enzo geschehen war. Das Hochwasser verhieß nichts Gutes, und sie betete einzig dafür, dass er nicht zu nahe an die todbringende Nebelwand herangefahren war. Sie fuhren bis zum Markusplatz. Catya hatte in Venedig viele Aqua Alta gesehen, aber die waren nichts im Vergleich zu diesem. Sie fuhr direkt bis zum Eingang des Museo Correr.
   Catya zeigte auf den Eingang. Shilo nickte und sie betraten das Gebäude.
   Es roch feucht, weil der ganze Eingangsbereich geschwemmt worden war. Catya stürmte die Treppen hoch. Enzo wiederzusehen, war das Einzige, das zählte.
   Er kam ihnen entgegen und starrte Shilo mit zusammengekniffenen Augen an. Wut war die kleine Schwester von dem Zustand, in dem er sich augenscheinlich befand. Wäre er ein Drachen gewesen, hätte er Feuer gespuckt. Aber Catya war nie glücklicher gewesen, ihn zu sehen.
   »Habt ihr das Aqua Alta nicht gesehen?«, fragte er, während er wie ein wütender Stier mit gesenktem Kopf auf sie zukam. Nachdem er erfuhr, dass Shilo und Catya im Boot bis vor den Eingang gefahren waren, atmete er auf. Er eilte auf Catya zu und küsste sie hart und fordernd. Wie immer nach einem Kampf brauchte er Zeit, um seinen harten Panzer abzulegen.
   »Du kannst gehen, Shilo«, verabschiedete er die Dienerin, die sich eilig davonmachte.
   »Ich musste kommen«, sagte Catya, sobald Shilo gegangen war.
   »Ihr habt euch einer großen Gefahr ausgesetzt.«
   Enzo hatte Abstand zwischen sie gebracht, was ihr egal war. Er stand vor ihr, lebendig und wunderschön.
   »Ich musste kommen. Atlina geht es sehr schlecht«, sagte sie, bevor Enzo weitersprechen konnte.
   »Ich habe Shilo beauftragt, sich um sie zu kümmern«, sagte er und schien nicht zu begreifen, was los war. »Was hast du dir dabei gedacht, wegen einer Dienerin, die sowieso sterben wird, dein Leben aufs Spiel zu setzen?«
   »Du musst sie verwandeln«, sagte Catya mit fester Stimme, sobald sie den Mut zum Sprechen gefunden hatte. »Atlina darf nicht sterben, auf keinen Fall.«
   »Sie wird die Verwandlung nicht überleben«, sagte er stur, was ihr lieber war, als wenn er Mitgefühl gezeigt hätte.
   »Du hast Angst, sie würde mich angreifen, darum lässt du sie lieber sterben?«
   Er schüttelte den Kopf. »Das ist nicht der wahre Grund. Sie hat nicht genug Kraft, die Verwandlung durchzustehen. Sie würde sterben.«
   »Ich kann das nicht akzeptieren«, sagte Catya, und ihre Knie fühlten sich an, als hätten sie keine Knochen mehr. Das Schatten-Venedig erschien ihr erdrückend und düster, und sie zweifelte zum ersten Mal daran, am richtigen Ort zu sein. »Solange Atlina nicht tot ist, müssen wir uns um sie kümmern«, sagte Catya, entschlossen nicht klein beizugeben.
   Enzo antwortete nicht, sondern schritt mit zusammengekniffenen Lippen auf und ab, blieb dann vor ihr stehen. »Ich dachte, das hätten wir besprochen?«
   »Das Atlina schwach ist, haben wir besprochen, aber nicht, was wir dagegen tun. Ich habe ihr meine Bluttränen gegeben, und sie hat die Augen geöffnet. Sie haben ihr geholfen«, sagte Catya und konterte entschlossen seinen Blick. »Ich kann nicht zusehen, wie Atlina in unserem Haushalt wegstirbt, ohne etwas zu tun. Ich bin ein Mensch und muss menschlich handeln, auch wenn ich in einer Welt lebe, in der andere Sitten herrschen.«
   »Und deine Tränen, sagst du, haben ihr geholfen?«, fragte Enzo, und sein Blick war neugierig.
   »Vielleicht, für einen Moment«, sagte Catya und war sich nicht sicher, ob sie sich nicht getäuscht hatte. Jetzt wo Enzo vor ihr stand, erschien ihr das plötzlich unwirklich.
   »Deine Bluttränen sind zu schwach, um eine Dienerin am Leben zu erhalten.«
   »Und die Tränen eines Vampirs?« Sie zwang sich, Enzos Blick zu kontern.
   »Die Tränen eines Vampirs?« Er musterte sie, als wäre sie eine Außerirdische. »Wie meinst du das?«
   »Gib ihr deine Bluttränen.«
   Er wich zurück, als hätte ein Schlag ihn getroffen. »Ich kann ihr unmöglich meine Tränen geben. Diese Vorstellung ist vollkommen abwegig!« Er schüttelte den Kopf. »Ich werde sie verwandeln, das ist das Einzige, dass ich tun kann.
   »Es ist das Einzige, dass du tun willst«, erwiderte Catya wütend.
   Sein Blick traf sie unerwartet. Der Schmerz, der daraus sprach, schnitt ihr ins Herz.
   »Entschuldige, ich habe gemeint, es ist das Einzige, das du als Vampir tun kannst«, korrigierte sie leise und sah, wie eine Blutträne über seine kantige Wange lief. Aber sie konnte sie nicht trinken, in ihrem Inneren tobte ein Kampf. Er konnte genauso wenig über seinen eigenen Schatten springen wie sie. Er war ein Vampir und sie ein Mensch, und dazwischen gab es nur eine gähnende Leere.
   »Lass uns zu Atlina gehen«, sagte sie. »Ich möchte ihr trotzdem meine Tränen geben, vielleicht schafft sie es, wenn du weiterhin nicht mehr von ihr trinkst.«
   »Wenn es das ist, was du willst?«
   Catya nickte.
   »Dann soll es so geschehen.«
   »Danke.« Sie ging mit ihm zum Ausgang. Shilo hatte das Boot weggebracht, aber sie würden sowieso Enzos Boot nehmen.
   Catya watete neben Enzo durch das Wasser, bis zu seinem Boot. Sie betrachtete die rot glühende Stadt, die sie tatsächlich einmal schön gefunden hatte, was sie im Moment nicht nachempfinden konnte. Die Lagune wirkte im Widerschein des orangefarbenen Himmels wie ein mit brodelnder Lava gefülltes Kraterbecken. Es war der unwirtlichste Ort, den sie kannte. Sie fuhren den Rio Gesuiti hoch.
   Catya bat Enzo, das Tempo zu erhöhen, was er sofort machte. Vor dem Palazzo war unklar, wo die gemauerten Calle anfingen und das Wasser aufhörten. Das aufgepeitschte Wasser hatte alles verschluckt. Enzo steuerte das Boot in den von Catya gewaltsam geöffneten Hintereingang des Palazzo, der sich bei Hochwasser idealerweise anbot.

IV
Enzos Herausforderung

Enzo führte Catya durch den hinteren Eingang des Palazzo und verschloss die Tür hinter sich, um die Wassermassen auszusperren. Catyas Sorge um Atlina bereitete ihm Kopfzerbrechen. Er hatte eigentlich geplant, Catya nach Venedig zu bringen, damit er seinen letzten Trumpf gegen Luzia ausspielen konnte. Aber wenn Atlina starb, würde er es nicht zustande bringen, Catya allein nach Venedig abzuschieben. Diese ganze Sache mit dieser Dienerin schien vollkommen aus dem Ruder zu laufen. Ihr Tod war unausweichlich, und er wünschte, er könnte Catya das ersparen, aber er besaß nicht die Macht, das Leben der jungen Frau zu beeinflussen. Auch wenn er nicht mehr von ihr trank, sie würde sterben, da war er sich sicher. Und das ausgerechnet jetzt. Luzia hatte bereits zu viele Verbündete, er durfte keine Zeit verlieren, sondern musste handeln.
   Er folgte Catya, die es eilig hatte, was ihm keine Möglichkeit gab, sie erneut von ihrem Irrglauben abzubringen. Seine Tränen konnten Atlina nicht am Leben erhalten. Er hatte zumindest nie davon gehört. Es gab durchaus Dienerinnen, die sich ihren Herren liebevoll verbanden, aber ohne Verwandlung war ihre Lebensdauer beschränkt. Vampire waren nicht gemacht für Nähe. Sie eilten die Treppe hoch, in den zweiten Stock und fanden Atlina in ihrem Bett liegend. Ihre Haut war kühl, nicht wie eine werdende Vampirin, sondern wie ein sterbender Mensch.
   »Hast du sie in ihr Bett gebracht?« Enzo erinnerte sich, an Catyas Schilderung, die Dienerin sei zusammengebrochen.
   Catya schüttelte den Kopf und sah sich um. »Sie war auf dem Dachboden, aber sie hat es geschafft, sich hierher zu verkriechen.« Catya und beugte sich über die Dienerin wie eine Mutter über ihr Kind. »Es geht ihr schlecht«, flüsterte sie und ihre Tränen tropften auf Atlinas Lippen.
   Enzo fühlte sich ausgeschlossen und zu einem Monster degradiert. Er war der Mörder im Raum, den Catya mit ihren Tränen zu bekämpfen versuchte.
   Die Dienerin war schwach und ihr Tod absehbar. Enzo wollte ansetzen, um Catya auf das Unvermeidliche vorzubereiten, aber er kam nicht dazu. Catya erhob sich und küsste ihn hart und fordernd. »Ich habe ihr meine Bluttränen geben, aber sie sind nicht stark genug«, sagte sie auffordernd, und ihre Stimme klang kalt.
   Enzo zog Catya an sich, den Gedanken, was mit seinen Tränen geschehen sollte, ausblendend. Er wollte Catya, und er wollte, dass sie aufhörte, ihn so hasserfüllt anzustarren, und dazu war er bereit, was immer zu tun.
   »Sie ist eine Dienerin, verblendet durch mein Vampirgift. Sie stirbt lieber, als auf meinen Biss zu verzichten«, sagte er zusammenhanglos.
   »Das ist im Moment nicht wichtig«, herrschte Catya ihn an, und sie hatte recht.
   Aber er fühlte sich nervös wie ein Schuljunge vor seinem ersten Rendezvous. Er schloss seine Augen und versuchte, seine Kontrolle gegen sich selbst zu richten. Doch er schaffte es nicht, seinen Tränenfluss zu zwingen. Der innere Widerstand war unüberwindbar. Ein Blutfass zu ernähren, verletzte den Kreislauf und widersprach jeder Logik. Er brauchte das Blut der Dienerin, um Tränen zu generieren, nicht umgekehrt. Er öffnete die Augen und wollte das Ganze abblasen, aber Catyas Blick ließ ihn verstummen. Die Liebe, die aus ihren Augen sprach, durchdrang seinen Panzer wie ein Lichtstrahl und erwärmte seinen innersten Kern. Er beugte sich erneut über Atlina und nach einer Zeitspanne, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, fiel eine einzelne Träne auf die leicht geöffneten Lippen. Er fühlte sich erniedrigt, als er sah, wie seine Blutträne zwischen den Lippen eines Blutfasses verschwand. Aber er unterdrückte den Vampir in sich und blickte entschlossen in Catyas Türkisaugen. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten. Seine Tränen begannen zu fließen und jede einzelne, die Atlina schluckte, stachelte seinen Ehrgeiz etwas mehr an. Er staunte selbst über den fortwährenden Schwall, den er generieren konnte. Aber Atlinas Zustand änderte sich nicht, auch nicht nach einer noch ausführlicheren Stärkung durch seine Tränen. Er zog sich enttäuscht zurück und überließ ihr das Feld. Sie beugte sich über Atlina, aber es war zu spät. Atlinas Brustkorb hob und senkte sich immer langsamer und kam dann zur Ruhe.
   Sie warf sich schluchzend über die feingliedrige Dienerin und begann, sie mit Mund zu Mund Beatmung zu bearbeiten.
   Er wollte sie wegziehen, was sie mit einem wütenden Laut verhinderte, worauf er kapitulierte. Atlina war am Sterben und nichts und niemand konnte das verhindern. Catya vermied es, ihn anzusehen, und Enzo ahnte den Hass und die Abscheu, die sie empfand. Er war schuld an Atlinas Tod, das war sein Naturell, das er nie versucht hatte, vor ihr zu verstecken. Er hätte sie gern in die Arme genommen und sie getröstet, aber das stand ihm nicht zu. Er wusste nicht einmal, ob sie jemals wieder mit ihm sprechen wollte.
   Catya hielt die Hand der Dienerin, als müsste sie sie in den Tod begleiten. Nach einer Ewigkeit hob sie den Kopf und sah ihn an. Ihr Blick war klar und gesammelt. »Danke, dass du es versucht hast«, flüsterte sie, ohne Atlinas Hand loszulassen.
   Er beugte sich einem Impuls folgend zu ihr und legte seine über ihre Hand. Er wünschte, die Menschenfrau hätte durch seine Tränen wieder Kraft bekommen. Das hätte der entwürdigenden Prozedur eine andere Bedeutung gegeben. Aber scheinbar war es den Vampiren nicht vergönnt, Leben zu erhalten.
   »Es sind deine Tränen, die sie von Anfang an benötigt hätte, um zu überleben«, sagte Catya und strich Atlina wie eine Mutter über die Wangen.
   Enzo erhob sich. »Wir können nichts mehr für sie tun.«
   Sie nickte. »Ihr Herz ist stumm und ihr Gesicht bereits eine Totenmaske«, murmelte sie und starrte auf die daliegende Dienerin. Und erst nach einer gefühlten Ewigkeit ließ sie Atlina langsam los, als könnte sie sich nur schwer von ihr trennen. Dann folgte sie ihm aus dem Raum. Sie wirkte verloren und fast wie in Trance.
   »Lass uns nach Venedig fahren, in eine menschliche Umgebung«, sagte Enzo leise, um Catya nicht zu erschrecken. Seine Stimme war heiser, was zeigte, dass sein Blutverlust das normale Maß bei Weitem überschritten hatte.
   »Das würde ich gern tun«, sagte sie und wirkte mit einem Mal viel entschlossener.
   »Woran denkst du?«, fragte Enzo, weil sie über irgendetwas nachgedacht hatte. Das sah er genau.
   Im Gang blieb sie stehen und zeigte auf Shilos Zimmertür, die einen Spaltbreit offenstand, was ihm zuvor überhaupt nicht aufgefallen war.
   Er zuckte mit den Schultern und sah Catya nach, die zielstrebig zur Tür eilte und dahinter verschwand.
   Enzo wartete auf sie. Es war besser, sie gewähren zu lassen.
   »Ich hatte mit Shilo noch etwas zu besprechen«, sagte Catya, als sie herauskam.
   »Warum solltest du das tun?«
   »Weil ich fest daran glaube, dass die Bluttränen so etwas wie der heilige Gral sind. Sie haben dir geholfen, als ich dachte, du wärst tot. Warum sollten sie Atlina nicht helfen? »Falls sie aufwacht, wird Shilo nach ihr sehen.«
   »Ich glaube nicht, dass ein Zurückkehren aus dem Tod mit den Tränen wirklich klappt«, sagte Enzo, weil ihn Catyas Zuversicht erschreckte.
   Sie nickte. »Ich weiß. Aber trotzdem Ich bin froh, dass wir hier waren. Auf diese Weise ging Atlina wenigstens mit den Tränen der Liebe in den Tod.«
   »Du meinst, sie ist dem Himmel ein Stück näher?«, sagte er langsam. Er hatte nie darüber nachgedacht, ob Catya religiös war, weil das für ihn sehr weit weg war.
   »So in etwa«, murmelte Catya.
   »Und du bist sicher, Shilo hat verstanden, was sie zu tun hat?«, fragte er, froh, die Diskussion in eine andere Richtung lenken zu können. Er selbst glaubte nicht an ein Leben nach dem Tod, obwohl er selbst eines lebte.
   »Shilo hat mir versprochen, Atlina zu überwachen. Unser gemeinsames Erlebnis hat unsere Beziehung verändert«, sagte Catya und erzählte ihm, wie sie Shilo gesucht hatte und wie beeindruckt sie gewesen war, als sie Catya hatte schwimmen sehen.
   Er nickte. »Ich bin froh, sie zu haben. Bist du bereit, zu gehen?«
   Sie folgte ihm schweigend zur hinteren Eingangshalle seines Palazzo, wo das Boot stand. Enzo wünschte, er könnte immer in den eigenen vier Wänden sein Boot besteigen. Sie fuhren los.
   Auf den Fondamente Nuove lungerten schwarz gekleidete Wächter wie Schatten herum. Das Gerücht ging um, Luzia habe alle auf ihrer Seite und niemand wusste, ob das tatsächlich so war. Die Wächter stellten sich breitbeinig hin, als sie vorbeifuhren.
   Das Hochwasser zog sich zurück, aber der Fondamente Nove wurde immer noch überspült, sodass es unklar war, wo die Lagune endete und die Wege anfingen.
   Enzo schüttelte den Kopf. »So etwas habe ich noch nie erlebt.«
   Sie blickte auf die Wellen. »Sind die Hochwasser im Schatten–Venedig immer so stark?«
   »Sie unterscheiden sich schon vom Hochwasser in Venedig, aber dieses Jahr ist es außergewöhnlich.« Enzo fuhr hinaus in die Lagune. Die hohen Pappeln der Friedhofsinsel San Michele reckten ihre Äste gegen den rötlich glühenden Himmel.
   »Sie sehen aus wie Totenhände«, sagte Catya erschaudernd, während sie an der hermetisch verschlossenen Insel vorbeifuhren.
   Er nickte, froh, dass sie überhaupt sprach. Eine seltsame Stille lag über der Lagune, und ab und an war der schrille Schrei eines Menschen zu hören, worauf Catya jedes Mal zusammenzuckte.
   Enzo steuerte durch die Lagune, ohne einem anderen Booten zu begegnen. Es war eine Weile her seit dem Ende des Kampfes, und die Vampire schienen sich wieder ihren Unternehmen zugewandt zu haben. Es war, als hätte es die Wellen nie gegeben.
   Er konzentrierte sich auf die vielen Nebelschwaden, die mit der Nebelwand verschwammen. Es war schwierig auszumachen, wo die gefährliche Zone anfing, aber das war im Winter immer so, und er hatte sich noch nie täuschen lassen. Er wusste genau, wo die Grenze war.
   Sie zeigte auf die aufsteigenden Nebelschwaden. »Ist Luzia wieder in der Nähe des Nebels verschwunden?«
   »Ja, sie ist sogar im Nebel verschwunden, aber das hat keine Bedeutung mehr. Ich habe einen definitiven Plan, wie ich sie endgültig aus dem Weg räumen kann«, sagte er mit fester Stimme, weil er sich weigerte, etwas anderes zu glauben.
   Catya ergriff ihn am Arm, ihr Herz schlug schnell gegen ihren angespannten Brustkorb. »Es hat eine Bedeutung, ich habe es dir nur nie erzählt, und ich bin deshalb heute nach Venedig gegangen. Ich habe diese Angst im Wasser. Ich bin dann wie gelähmt und konnte deshalb Shilo heute im Wasser nicht retten.«
   Enzo sah sie prüfend an. »Du hattest das schon immer?«
   »Ich habe dir das bis jetzt nicht erzählt, weil es bisher nicht wichtig war und ich mich nicht gern daran erinnere. Früher, während des harten Schwimmunterrichtes, hat es angefangen. Ich hatte den Grund immer im erbarmungslosen Schwimmunterricht meiner Lehrerin gesucht, aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Es passierte kurz nach meiner ersten Vision. Ich war fünfzehn und trainierte für einen Wettkampf, und plötzlich war es da, dieses Gefühl. Ich begann, mich aufzulösen, mit dem Wasser zu verschmelzen. Ganz leicht habe ich mich jedes Mal gefühlt. Dieses Auflösen war so real, dass ich keinerlei Gefühle in meinen Armen und meinen Beinen mehr hatte. Ich wurde zu Wasser und konnte nicht mehr weiterschwimmen. Nach unzählig verlorenen Wettschwimmen habe ich meine Karriere aufgegeben. Schlussendlich wurde ich nicht mehr für Wettschwimmen angefragt, obwohl ich die beste Schwimmerin des Klubs gewesen war. Ich habe es bis heute nicht geschafft, dieses Gefühl zu überwinden, auch heute nicht, obwohl ich glaubte, Shilo wäre ertrunken.«
   »Ich glaube, du bildest dir da etwas ein, und Shilo kann übrigens schwimmen. Ich habe sie zu Unterricht verdonnert.«
   Catya schüttelte den Kopf. »Ich habe mir das nicht eingebildet. Ich war in einer Art Vision, aber wo ich war, weiß ich nicht.«
   »Du glaubst, es hat etwas mit dem Nebel zu tun?«
   Catya starrte auf die Nebelwand vor ihnen. »Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Oder besser gesagt, ich hoffe es nicht«, korrigierte sie leise.
   Enzo zog sie an sich. »Am liebsten würde ich dich schütteln und dir verbieten, irgendwelchen unwahrscheinlichen Phantomen hinterherzurennen«, sagte er aufgebracht. »Es ist die Angst vor dem Tod, die uns manchmal Sachen sehen und empfinden lässt. Diese Angst lässt auch mich zögern, und Luzia profitiert davon. Sie scheint dagegen immun zu sein und nähert sich unverfroren den Nebelschwaden. Aber ob das alles mit diesem Aqua Alta zu tun hat, wissen wir nicht sicher.«
   »Ich frage mich, warum es jedes Mal passiert, nachdem Luzia flüchtet?«
   »Es gibt durchaus auch Überschwemmungen zu anderen Zeiten.«
   »Da hast du allerdings recht. Heute, als ich zu dir kam, die großen Wellen, die unser Boot kenterten, da war der Kampf bereits vorbei und Luzia verschwunden?«, fragte Catya nachdenklich.
   »Das ist richtig, ich war bereits seit einer Weile wieder in meinem Büro.«
   »Wahrscheinlich sehe ich Gespenster.«
   Enzo nickte. »Du solltest wieder einmal zu deinem Schlaf kommen. Ich möchte dir diesen Ort in Guidecca zeigen, an dem du dich wohlfühlen wirst, hoffe ich«, fügte er leise hinzu, weil er sich das wirklich wünschte. »Keine Widerrede«, sagte er, als sie Luft holte.
   »Das mit dem Schlaf stimmt«, sagte sie ausweichend, »aber zuerst müssen wir eine Nebelsäule finden und diese Nebelwand wirkt verändert.« Ihre Stimme klang gepresst.
   Enzo zeigte frohlockend auf eine weiße Säule, die sich weit außen emporwand, und fuhr mit hohem Tempo darauf zu. Er wollte endlich nach Venedig und mit Catya allein sein.
   »Die ist zu weit außen, die Nebelwand ist vorgerückt«, rief sie erschrocken, als er auf die Nebelsäule zufuhr.
   Er schüttelte den Kopf. »Seit vierhundert Jahren ist die Nebelwand gleich geblieben, vertrau mir«, rief er und ergriff ihre Hand, als der Nebel sie umwand. Aber noch, bevor die Gefühllosigkeit ihn mitnahm, wurde es merklich kühler und kurze Zeit später fand er sich im Wasser wieder. Er begann zu schwimmen, brüllte nach Catya, die er nirgends finden konnte. Sie war verschwunden, wie weggehext. Er brüllte erneut wie von Sinnen ihren Namen und versuchte, schwimmend ihren Duft aufzuspüren. Die Müdigkeit, die ihn niederkämpfte, ignorierte er hartnäckig. Er schwamm im Kreis, tauchte ab und begann erneut, einen Kreis zu ziehen. Catya war nicht auffindbar, und er konnte das Gefühl nicht abschütteln, mit dem Wasser zu verschmelzen. Eine bleierne Müdigkeit lähmte ihn. Er verlor immer mehr Kraft und begann abzusinken, bis er Catyas Duft wahrnahm, und mit eisernem Willen begann gegen die bleierne Müdigkeit anzuschwimmen.

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