Die junge Restauratorin Catya leidet an Visionen, die sie als Trugbilder abtut, bis sie dem rätselhaften Enzo Barozzi begegnet. Trotz seiner kalten Fassade verliebt sie sich in den faszinierenden Vampirfürsten, der Venedigs Schattenstadt regiert. Doch dann bedrohen ihre Visionen die Schattenstadt, und ihr Tod wird unausweichlich. Catya ist nicht bereit, aufzugeben. Nur sie kann das Unheil aufhalten, aber wird sie es schaffen, den Vampirfürsten davon zu überzeugen?

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ISBN: 978-9963-53-765-5

Seiten: 269

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Mira Bates

Mira Bates
Mira Bates lebt mit ihren zwei Töchtern am schönen Rheinknie in Basel. Seit ihrer Kindheit liest sie mit Begeisterung, denn das Abtauchen in erfundene Welten ist für sie ein unverzichtbarer Teil ihres Lebens. Ihrer Leidenschaft für Fantasy-Geschichten folgend, wurde sie Balletttänzerin und lernte die Welt der Schwanenmädchen und Naturgeister kennen. Und erst seit ihrem ersten im 2013 erschienenen Roman weiß sie, wie erfüllend es ist, selbst Fantasy-Welten zu erschaffen.    

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Leseprobe

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Prolog
Venedig 1786

Die Nachtschwärze über Venedig wich der anbrechenden Dämmerung. Parmigianino stand mit zitternden Händen vor seiner Staffelei. Er war aufgewühlt, eine Emotion, die ein Vampir normalerweise nicht kannte. Schuld daran war das Porträt vor ihm, das auch nach dem Auftragen des viel zu dunklen Firnisses noch immer atemberaubend war. Parmigianino betrachtete die abgebildete rothaarige Schönheit mit Wehmut. Nie war er einem schöneren Geschöpf begegnet. Sie war seine Muse gewesen und hatte seiner schöpferischen Kraft zu ungeahnten Höhenflügen verholfen, bis sie begann, ihn zu beherrschen. Sie hatte ihn unterschätzt, und das war ihr zum Verhängnis geworden. Er warf dem Abbild eine letzte Kusshand zu und verließ das Piano Nobile seines Palazzo. Die Sonne würde bald aufgehen, und es war höchste Zeit, zu verschwinden. Er eilte die Treppe hinunter, stieg in sein Boot und fuhr den Canal Grande hinab.
   
   
   

Venedig 2016
Catya

Catya nahm die schwarze Lederjacke vom Haken, ohne die sie das Haus nie verließ. Das abgewetzte Kleidungsstück half ihr dabei, den Teil in sich zu ignorieren, den sie hasste und der nichts mit ihr zu tun hatte. Sie war keine Träumerin, sondern eine hart arbeitende junge Frau, und seit Kurzem diplomierte Restauratorin. Und heute Abend würde sie hoffentlich ihren ersten Auftrag bekommen.
   Aufgeregt strich sie ihr Haar aus dem Gesicht, aber nach einem Blick in den halb blinden Wandspiegel entschied sie sich gegen die strenge Frisur. Die Wangenknochen wirkten zu dominant in ihrem schmalen Gesicht. Die erzwungene Diät, die sie ihrem Geldmangel verdankte, hatte deutliche Spuren hinterlassen, die auch das aufgetragene Wangenrouge nicht wegzaubern konnten.
   Der Brummton ihres Handys unterbrach ihre Gedanken, und einmal mehr ärgerte sie sich darüber, den Anrufer auf dem zerbrochenen Display nicht identifizieren zu können. Vielleicht wollte Magda ihr noch etwas mitteilen. Widerwillig nahm sie den Anruf entgegen.
   »Meine Schöne, darf ich dich zum Essen ausführen?«, fragte Mario, ihr bester und einziger Freund.
   »Ich muss in einer halben Stunde in der Galerie sein.« Vor Aufregung brach ihr fast die Stimme weg.
   »Erzähl mir alles!« Marios tiefer Bass legte sich wie ein sanfter Klangteppich über ihre angespannten Nerven. Seit Kindheitstagen war Mario ihr geduldigster Zuhörer.
   Catya holte tief Luft. »Erinnerst du dich? Ich hatte dir letzte Woche von dem Auftrag erzählt, den mir die große Magda Botelli gnädigerweise angeboten hat. Das stark verschmutzte Gemälde mit der dunklen Firnis, die ich zuerst nicht auflösen konnte?«
   Mario schnaubte. »Es war wieder einmal nur ein Reinigungsauftrag. Du könntest viel mehr!«
   »Der Kunde will das Gemälde jetzt restaurieren lassen, und heute Abend soll ich ihn treffen.«
   »Das ist deine große Chance«, rief Mario viel zu laut, und Catya ließ vor Schreck beinahe ihr Handy fallen.
   Aber dann riss seine ehrliche Freude sie mit. »Stell dir das mal vor. Ich kann es nicht fassen. Die Botelli plant, mir einen richtigen Auftrag zu geben«, quiekte sie ebenfalls viel zu laut. »Ist das nicht unglaublich?«
   Mario schnalzte mit der Zunge, was er immer tat, wenn er aufgedreht war. »Ich habe es dir prophezeit«, sagte er in diesem selbstgefälligen Ton, über den sie sich sonst ärgerte. Aber heute war es ihr egal.
   »Hoffentlich schaffe ich das, du weißt schon«, sagte sie angespannt, während sie sich im Spiegel anstarrte, hin und her gerissen zwischen Panik und Vorfreude. Bis jetzt war sie nur eine unbedeutende Hilfskraft der großen Magda Botelli gewesen. Ab und an hatte sie ein Gemälde gereinigt und danach das Atelier aufgeräumt. Durch einen eigenen Auftrag würde sie eine von Magdas Engeln werden und dem hermetisch abgeschlossenen Zirkel der Restauratorinnen beitreten, so, wie sie es sich immer erträumt hatte.
   Marios Räuspern holte sie zurück in die Realität. »Ich freue mich sehr für dich. Und danach rufst du mich an. Wir gehen essen, und du erzählst mir alles von deiner neuen Aufgabe«, sagte er, und seine Stimme klang wie die eines Verschwörers.
   Catya nickte unsicher. Die Vorstellung, das Porträt zu restaurieren, war wunderschön. Aber sie hatte Angst, zu versagen. Magda wusste nichts von ihren Problemen.
   »Danke, Mario«, sagte sie leise, und ein Gefühl der Geborgenheit durchströmte sie. Er kannte ihre Ängste und Zweifel, die sie immer begleiteten.
   »Oder du schreibst mir eine SMS, wenn du fertig bist.«
   »Ja, mach ich, und ich freu mich sehr«, sagte Catya und hätte am liebsten ein »Ich liebe dich« hinterhergeschoben. Aber das tat sie nicht, weil Mario sie nur auslachen würde. Er teilte ihre Abneigung gegen Liebesbeziehungen jeder Art. Ihre unumstößliche Regel Nummer eins war und blieb: Keine Gefühle zulassen, denn daraus entstehen Verbindungen, die dir früher oder später das Herz brechen.
   Sie schlüpfte in ihre Lederjacke und verließ eilig das Haus. Es war bereits fast dunkel in Venedig, und die alten Lampen im Viertel Santa Croce erhellten die morbiden Mauern der Wohnhäuser. Magdas Auftraggeber musste ein sehr einflussreicher Mann sein. Ein Termin um acht Uhr abends bei Magda war fast unmöglich zu bekommen.
   Catya zog die Jacke enger um ihre Schultern. Ein kalter Wind blies, und die Passanten huschten wie Schatten durch die düsteren Gassen. Sie beeilte sich, zur nächsten Vaporetto-Station zu kommen.

Im Inneren des Vaporettos stank es nach Schweiß und Alkohol. Catya hielt sich an der Lehne einer Bank fest, bis das Boot seinen Rhythmus gefunden hatte. Dann schlug sie sich entschlossen bis zu der hinteren Tür durch. Eine steife Brise empfing sie, was erklärte, warum die Sitzplätze im Heck kaum besetzt waren. Die Luft roch würzig nach Meer und Salz. Eine Windböe blies ihre Haare in alle Richtungen, aber das störte sie nicht, im Gegenteil. Die kalte Luft fühlte sich gut an und vermittelte Realität. Seit Marios Anruf fiel es ihr leichter, zu glauben, dass die berühmte Magda sie wirklich aufgeboten hatte und sie sich nicht in einer ihrer Visionen befand. Sie würde in Kürze vor einem von ihr zu restaurierenden Gemälde stehen. Die Vorstellung allein bescherte ihr sofort heftiges Herzrasen. Sie brauchte diese Arbeit unbedingt, um die anstehende Miete bezahlen zu können.
   Die alten Palazzi ragten aus dem Wasser wie Kolosse, die seit Jahrhunderten unbesiegbar der Zeit trotzten.
   Ein kurzer Blick auf das beleuchtete Ballini-Fresko am Palazzo Barbarigo alla Maddalena erwies sich als Fehler. Dem Strudel, der sie erfasste, konnte sie sich nicht entziehen. Catya schloss die Augen und umklammerte das Geländer, bis ihre Knöchel schmerzten. Nur die Augen nicht öffnen und der Vision keinen Raum geben, sonst würde die verhasste Ohnmacht sie ereilen. Sie musste an etwas anderes denken, an Magda, das Atelier und an Marios Einladung.
   Das Hupen eines Motorbootes drang ihr durch Mark und Bein. Erschrocken öffnete sie die Augen und sah gerade noch, wie das Boot davonschoss. Der schrille Ton hatte sie schockartig in die Gegenwart zurückgeholt. Vor ihr ragte bereits die Rialto-Brücke aus dem Wasser, und fassungslos realisierte sie, wie lange sie blind dagestanden hatte.
   Sie drehte sich aus dem stark aufgefrischten Wind und blickte in zwei tiefblaue Augen, die sie kalt musterten. Instinktiv wich sie zurück, noch nie hatte sie sich in einer Menschenmenge so bedroht gefühlt. Sie versuchte, das beklemmende Gefühl auszublenden und konterte entschlossen den stechenden Blick des Mannes. Sie hasste es, angestarrt zu werden. Zu ihrem Erstaunen warf der Mann seine schwarzen, beinahe schulterlangen Locken lässig zurück und wandte sich ab. Catya empfand fast so etwas wie Genugtuung und drehte sich dem aufgewühlten Canal Grande zu. Ein Blitz beleuchtete sekundenlang die zahlreichen Lastkähne und Boote, die Schuld an den meterhohen Wellen waren.
   Die ersten Regentropfen trafen Catyas Nasenspitze, und sie beschloss, in den Innenraum zu gehen. Als sie das Geländer losließ, verlor sie das Gleichgewicht und schlug hart mit dem Rücken gegen die Schiffswand. Sie taumelte und wäre gestürzt, wenn nicht zwei Hände sie aufgefangen und sicher auf ihre Füße gestellt hätten. Sie starrte in die viel zu nahen Kobaltaugen des Unbekannten, während sie krampfhaft überlegte, wie sie der beklemmenden Nähe entrinnen konnte. Aber noch, bevor sie eine Lösung fand, war er weg, genauso schnell, wie er da gewesen war. Verblüfft blickte sie zur Tür, die zum Innenraum führte. Er konnte nur dort verschwunden sein, auch wenn sie ihn nicht durch diese Tür hatte gehen sehen.
   Das Vaporetto legte an, etliche Passagiere verließen das Schiff, und für einen kurzen Moment erhaschte sie einen Blick auf den davoneilenden Mann. Er trug einen anthrazitfarbenen Anzug, der so gar nicht zu seinen kraftvollen Bewegungen passen wollte. Sie zog ihre Jacke fröstelnd um die Schultern und versuchte, das Gefühl auszublenden, das seine Hände auf ihrem Körper hinterlassen hatten. Aber das Kribbeln blieb.
   Sie betrat das Innere des Vaporettos. Das grelle Neonlicht und der Gestank vermittelten Realität und beruhigten ihre angespannten Nerven. Sie beschloss, den Vorfall zu vergessen und sich einzig auf das bevorstehende Ereignis zu konzentrieren. Sie würde sich keine Blöße geben und eine eventuelle Vision sofort niederkämpfen.
   Bei der nächsten Station stieg sie aus und hastete in Richtung Santa Maria della Fava, um an ihr Ziel zu gelangen. Den Palazzo Giustinian, der die Galerie Botelli beherbergte.
   Der Türsteher, der den imposanten Haupteingang bewachte, begrüßte sie höflich und begleitete sie zum Aufzug. Er schien sie bereits für einen von Magdas Engeln zu halten. Catya wurde es mulmig zumute. Magda wusste nichts von ihren Visionen, denen sie manchmal hilflos ausgeliefert war. Würde sie die für immer vor Magda verbergen können? Mit ganzer Kraft kämpfte sie gegen den Impuls an, das Gebäude sofort wieder zu verlassen. Sie durfte nicht aufgeben, nicht jetzt, wo sich ihr Traum erfüllte. Sie fühlte sich klein und unbedeutend wie eine Sterbliche am Eingang zum Olymp. Und trotzdem, sie hatte zugesagt und musste das durchziehen. Sie atmete tief ein und betrat den Aufzug.
   Im ersten Stock kam ihr Magda geschäftig entgegen. »Catya, endlich!« Ihre Stimme klang hoch, und die schwarzen Mandelaugen glühten, was ihre Nervosität verriet. »Gut, dass Sie pünktlich sind, kommen Sie gleich mit. Ich stelle Sie Signore Ogilvy vor. Er wartet schon ungeduldig.« Mit diesen Worten bedeutete sie Catya, ihr zu folgen und marschierte zielstrebig auf den Tresor zu.
   So nannte Magda die drei zusammenhängenden Räume, in denen sie ihre Engel restaurieren ließ.
   Wie rund um die Uhr stand ein schwarz gekleideter Wächter am Eingang. Catya folgte Magda, die in ihrem grünen Kleid, den Louboutins und dem Jackett von Armani wie immer umwerfend aussah. Sie bewegte sich mit der Eleganz einer Grande Dame durch ihr Reich, das sie sich erschaffen hatte.
   Catya folgte Magda, obwohl sie am liebsten im Boden versunken wäre. In ihrer schwarzen Lederjacke fühlte sie sich wie ein Hells Angel an der Pforte zum Paradies.
   Sie durchquerten mit schnellem Schritt die Ateliers. Im hintersten Raum stand ein Herr mittleren Alters vor einer Staffelei.
   »Signore Ogilvy, darf ich Ihnen Catya Pavesi vorstellen?« Magdas Stimme klang fest, auch wenn die Höhe immer noch verräterisch war.
   Der grau melierte Mann blickte sie überrascht an, bevor er sich steif verbeugte. »Es freut mich sehr, Sie persönlich kennenzulernen.« Er sprach sehr gewählt, und nur ein leichter Englischakzent verriet seine Herkunft. »Sie sind jünger, als ich mir vorgestellt habe, aber da ich Magda uneingeschränkt vertraue, gehe ich davon aus, dass Sie sehr talentiert sind. Ansonsten hätte Magda Sie nicht ausgesucht.« Der kritische Blick aus braunen Augen ließ sie vermuten, dass der eigene Vorteil bei ihm immer an erster Stelle stand. »Sie müssen meine Sorge verstehen – dieses Gemälde ist ein Erbstück und soll bald wieder im Airlie Castle an seinem Platz hängen.« Er trat einen Schritt beiseite, damit Catya das Gemälde ungehindert betrachten konnte.
   Sie kannte es bereits, hatte es für Magda gereinigt und den rätselhaften Firnis nur während einer Vision entfernen können, was aber niemals jemand erfahren durfte. Sie blickte auf das Frauenporträt, das ohne den dunklen Firnis die Technik des Malers, mit mehreren Lichtquellen zu arbeiten, meisterlich aufzeigte. Aber das war es nicht, was sie schaudern ließ, sondern das lebensnahe Antlitz der Frau auf dem mit Luzia titulierten Porträt. Für einen Moment glaubte sie, eine Bewegung um die Mundwinkel der Frau wahrzunehmen. Catya verkrampfte sich, und die Angst trieb ihr Schweißtröpfchen auf die Stirn. Zieh das hier durch, und vergiss deine Visionen. Sie betrachtete die edlen Züge der rothaarige Luzia, die auf einem filigranen Stuhl saß. Ihr Blick war in die Ferne gerichtet, und ein verklärtes Lächeln umspielte ihre Lippen.
   »Es ist ungewöhnlich«, stammelte Catya in der Hoffnung, der Klang ihrer eigenen Stimme würde den unwiderstehlichen Sog aufhalten, den das Gemälde auf sie ausübte. Sie durfte sich auf keinen Fall ablenken lassen, musste sich unbedingt auf ihre Aufgabe konzentrieren. Aber eine unerklärbare Kraft zog sie immer tiefer in das Gemälde hinein.
   »Ein sehr bemerkenswertes Werk, leider von einem unbekannten Meister geschaffen.« Lord Ogilvys Stimme holte sie aus ihrer Versunkenheit.
   Sie zwang sich zu einem Lächeln. Sie musste in der Realität bleiben, das Gemälde nur als Arbeitsgegenstand wahrnehmen.
   Lord Ogilvy blickte Magda spöttisch an. »Die junge Dame scheint überwältigt zu sein.«
   »Das kann ich durchaus verstehen. Das Gemälde ist ein Meisterwerk«, sagte Magda bissig und konterte Lord Ogilvys Blick.
   Catya blickte wieder auf das Gemälde. Eine unerklärbare Kraft zwang sie, jedes Detail zu studieren, obwohl sie den Blick losreißen wollte. Es gelang ihr nicht, sich dem immer schneller drehenden Sog zu entziehen. Dann, ohne Vorwarnung, kündete ein kühler Hauch ihre Vision an. Dem Strudel, der sie erfasste, konnte sie sich nicht entziehen. Er trug sie fort in einen Zustand der Leichtigkeit, und sie verlor jede Orientierung. Einzig das Pochen ihres Herzens nahm sie noch wahr, während sie dahinflog. Ohne Übergang erwachte sie in der Szenerie des Gemäldes wie auf einer Bühne.
   Catya blickte die rothaarige Luzia an, die Modell saß und lasziv lächelte. Aber das war es nicht, was ihr Interesse weckte, sondern der Maler, dem sie bis anhin noch nicht begegnet war. Sie hatte den Firnis am Tag entfernt, und das Gemälde hatte einsam auf der Staffelei gestanden. Aber jetzt saß der Maler vor der Staffelei, und er war kein Unbekannter, sondern der im 1540 jung verstorbene Parmigianino. Catya war sich dessen ganz sicher, denn er sah genauso aus wie auf seinen Selbstporträts. Nur sein Blick war anders – er glühte, als hätte er Fieber. Er schien einzig sein Modell wahrzunehmen, es mit seinem Blick richtiggehend zu verschlingen. Das Glühen in seinen Augen erinnerte Catya an den Mann auf dem Vaporetto, der sie genauso gierig gemustert hatte.
   Dann, ohne Vorwarnung, liefen Luzia rote Tränen über die Wangen, und Parmigianino leckte sich über die Lippen. Catya erstarrte. Das konnte nicht sein. Ihre Fantasie spielte ihr einen Streich. Diese Vision war eine Einbildung, ein Hirngespinst, wie Mario immer behauptet hatte. Sie sank dankbar in die Dunkelheit, die sie forttrug und ihr das Bewusstsein nahm.
   Als sie erwachte, blickte sie in Magdas Funken sprühende Augen.
   Catya erhob sich vom Boden, so schnell sie konnte. »Bitte entschuldigen Sie meine Unpässlichkeit«, sagte sie und sah Lord Ogilvy und Magda an, ohne sie wirklich zu sehen.
   »Catya, kann ich Sie allein sprechen?« Magdas Blick traf sie wie ein Giftpfeil. »Wenn Sie uns einen Moment entschuldigen würden?« Sie versprühte ihren ganzen exotischen Charme über Lord Ogilvy, der Catya erstaunt ansah und nickte.
   Catya folgte Magda, die eilig den Raum verließ. In ihrem Büro schloss Magda die Tür hinter sich und fokussierte Catya mit glühender Intensität. Sie wirkte wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. »Was haben Sie mir zu sagen?«
   »Es tut mir leid. Ich werde dafür sorgen, dass so etwas nicht mehr vorkommt.« Catya schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter.
   »Sie hätten beinahe die Staffelei umgeworfen. Man hat mir von Ihren Problemen während der Ausbildung berichtet, aber ich hielt es für üble Nachrede«, sagte Magda beherrscht, und nur das Zittern ihrer Hände verriet ihren Zorn. »Ich kann mir kein Risiko erlauben. Wenn Sie während der Arbeit an diesem Kunstwerk ohnmächtig werden und einen irreparablen Schaden anrichten, muss ich dafür aufkommen. Sie verstehen bestimmt, dass ich gezwungen bin, den Auftrag einer anderen Restauratorin zu übergeben und mich von Ihnen zu trennen.«
   Catya blickte entsetzt in das schöne Gesicht. »Nein, das ist nicht so, wie Sie glauben«, sagte Catya viel zu laut. Das hier durfte so nicht ablaufen. Ihr Plan war ein ganz anderer gewesen, und das, was passiert war, ihr schlimmster Albtraum. Die Verzweiflung gab ihr Kraft. Sie sah Magda gerade in die Augen. »Meine Aussetzer haben meine Arbeit noch nie tangiert«, sagte sie und bemerkte erschrocken, wie fiepend ihre Stimme klang.
   »Bis heute«, sagte Magda unnachgiebig. »Sie wären eine gute Restauratorin geworden, schade.«
   »Ich erkannte in dem Gemälde Parmigianinos einzigartigen Malstil, und das hat mich stark mitgenommen«, sagte Catya, entschlossen, nicht einfach aufzugeben.
   »Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft und hoffe, dass Sie Ihre Probleme in den Griff bekommen. Und jetzt muss ich Sie leider bitten, zu gehen, da ich mich um meinen Kunden kümmern muss.« Magda öffnete ihr die Tür, ohne auf ihre Antwort einzugehen und funkelte sie auffordernd an.
   Catya hastete die Treppe hinunter, ohne sich noch einmal umzusehen. Unten angekommen rannte sie wie eine Gejagte durch die schmalen Gassen, die zum Glück menschenleer waren, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Tränen schossen ihr in die Augen, und am liebsten hätte sie laut aufgeschrien. Der Schmerz drückte ihren Brustkorb zusammen und raubte ihr den Atem. Warum erlitt sie diese Ohnmachten? Sie kannte die Antwort nur zu gut. Es gab keine Erklärung für ihre Visionen, sie waren nur Einbildung. Sie konnte nicht wirklich in vergangene Realitäten reisen, wie sie glaubte. Sie bildete sich das alles nur ein.
   Sie verlor jedes Zeitgefühl. Wie eine Gejagte rannte sie immer weiter, vorbei an Harrys Bar und den Giardinis Reali, die im Dunkeln lagen. Auf dem Markusplatz spiegelten sich die Lampen im steigenden Wasser. Catya flüchtete weiter, passierte den hell beleuchteten Dogenpalast und ging über die Ponte della Paglia. Sie vermied es, die Seufzerbrücke anzuschauen, sie fühlte sich wie eine Verurteilte.
   Ihre Wahnvorstellungen hatten all ihre Pläne zerstört. Das, wovor sie sich am meisten gefürchtet hatte, war eingetroffen. Sie hatte die Kontrolle verloren. Der Schmerz zerriss sie innerlich, und sie glaubte, sich aufzulösen.
   Die Promenade war wegen des drohenden Acqua alta leer. Wie eine Schlafwandlerin wankte Catya an das Ufer der dunklen, vom Sturm aufgepeitschten Lagune. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, starrte sie in das tosende Wasser.
   Zaudernd trat sie einen Schritt nach vorn. Die Vorstellung, unter Wasser zu tauchen, hatte nichts Erschreckendes. Noch ein Schritt, noch einer … Sie verharrte. Vor ihr stieg eine Nebelsäule aus dem Meer empor.
   Tränen flossen ihr über die Wangen, und sie stolperte einen Schritt zurück. Die Nebelsäule verlängerte sich und sah für einen Moment aus wie ein Engel oder eine Nymphe. »Danke, Mama«, flüsterte Catya und beobachtete die trostbringende Nebelsäule, bis sie verschwunden war.
   Kurz darauf wirkte die dunkle Lagune erneut abweisend, aber die Kraft des aufgepeitschten Wassers erschien Catya jetzt wie ein richtungweisendes Omen. »Ich werde meine Visionen bekämpfen«, sagte sie entschlossen und drehte sich um.
   Noch im selben Moment prallte sie mit einem Aufschrei zurück.
   Wie eine Fata Morgana stand die rothaarige Luzia aus dem Gemälde vor ihr und lächelte sonderbar. »Du willst sterben?«, raunte sie.
   Catya starrte die Frau verdattert an, bevor sie hysterisch zu lachen begann. Es war unglaublich – ihre Visionen verfolgten sie sogar in diesem Moment!
   Sie stieß die Frau, die sich täuschend echt anfühlte, von sich. »Verschwinden Sie, ich will nicht sterben«, rief sie wutschnaubend, obwohl die Vision beängstigend real vor ihr stand.
   Die Frau legte den Kopf schief wie ein Vogel und blickte sie mit merkwürdig glühenden Augen an.
   Catya kroch eine Gänsehaut über den Rücken. Diese Frau war aus dem Gemälde geflohen, nachdem sie den Firnis entfernt hatte. Sie musste die Rothaarige wieder dahin zurückbringen. Aber schneller, als Catya denken konnte, landete sie auf dem Boden. Ihr Schmerzensschrei klang fremd und beängstigend in ihren Ohren. Sie drehte sich in Seitenlage, ignorierte die Pein in ihrem Rücken, und stieß der Rothaarigen ihren Fuß ins Gesicht.
   Die Retourkutsche, ein Tritt in die Magengrube, erfolgte schneller, als Catya denken konnte.
   Die Rothaarige beugte sich herunter und presste ihren Kopf in den Boden, als wollte sie ihn zermalmen. Unfähig, einen Laut von sich zu geben, versuchte Catya, zu atmen. Dem trockenen Auflachen der Rothaarigen folgten ein brennender Schmerz an ihrem Hals und das Gefühl, eine Klaue würde sich in ihren Magen bohren. Catya schlug auf die Rothaarige ein, bis die Dunkelheit sie mitnahm.
   
   

Enzo

Enzo verließ das Vaporetto. Fluchend eilte er die Calle entlang. Seine Fänge pulsierten, und die Gier kostete ihn seine ganze Selbstbeherrschung. Er war durstig auf das Blut dieser Frau. Aber er würde sich von diesem lächerlichen Verlangen nicht ablenken lassen, auch wenn ihr Blutduft ihn mehr lockte, als gut für ihn war. Seinen Begierden nachzugeben war eine Schwäche, die nicht infrage kam.
   Er verharrte, empfing den schwachen Schall eines Vampirs und nahm die Verfolgung auf. Seit zwei Tagen versuchte er, den Vampir aufzuspüren, der in Venedig ein Blutbad anrichtete. Vermutlich ein Jungvampir, der es geschafft hatte, seinen Kreator zu töten. Was ihn auszeichnete und vermuten ließ, dass er außergewöhnliche Fähigkeiten besaß.
   Enzo ließ Venedig hinter sich, immer härter trieb er sich an, während er dem kaum wahrnehmbaren Schall folgte. Dann, wie weggezaubert, löste sich die Spur auf. Er drosselte das Tempo, blickte sich unschlüssig in der Industriezone um und konnte einen Anflug von Bewunderung nicht unterdrücken. Der Vampir, der ihn hier an der Nase herumgeführt hatte, verfügte über außergewöhnliche Fähigkeiten. Sein Wild hatte ihn tatsächlich abgehängt.
   Er wendete und eilte der Silhouette Venedigs entgegen, die sich majestätisch aus der fast schwarzen Lagune erhob. Der Sturm reizte seine aufgepeitschten Nerven, während er über den Ponte della Libertà in die Stadt hinein und weiter durch das Viertel Cannaregio rannte. Er fand immer mehr Gefallen an dieser außergewöhnlichen Jagd. Das Unwetter hatte die Menschen vertrieben. Enzo schärfte seine Wahrnehmung und folgte dem Kanal bis zum Campo Zanipolo. Der Regen hatte aufgehört, aber dichte Wolken ballten sich schon wieder über der Stadt. Er überquerte den Campo, hielt aber auf der Höhe des Reiterstandbildes inne. Der Schall eines Vampirs erreichte ihn, nur ganz schwach. Er schloss die Augen, um die Situation wie auf einem Schachbrett zu analysieren. Die Erkenntnis dirigierte ihn zu den Fondamente Nove. Dort angekommen rannte er am Ufer entlang bis zum schmalen Uferpfad des Sestiere Castello, aber er kam zu spät. Eine junge Frau lag mit aufgerissenem Leib auf dem regennassen Pflaster der Mole, getötet von dem Vampir, dem er gefolgt war. Er verschloss die Bissspuren am Hals des Opfers und den aufgerissenen Leib. Dann zerschnitt er dem Opfer mit seinen Fangzähnen die Pulsadern und warf die Leiche in die Lagune. Wenn man sie fand, würde sie als ein weiteres Selbstmordopfer klassifiziert werden, über das in den Nachrichten gerätselt würde. Er fluchte. Der Vampir, den er jagte, war unersättlich.
   Beim Teatro Fenice nahm er erneut einen Schall wahr und folgte dem schwachen Signal bis zum Markusplatz, der gerade vom steigenden Aqua alte erobert wurde. Wasser trat aus den Dohlen, und die Stege wurden herangeschleppt.
   Unerwartet traf ihn der Blutduft, der ihm auf dem Vaporetto fast die Kontrolle geraubt hatte. Aber er folgte dem Schall des Vampirs, über die Brücke bis zur Riva degli Schiavoni. Dort sah er, wie die Frau vom Vaporetto eine rothaarige Vampirin zurückstieß, die ihr den Weg versperrte. Worauf die rothaarige Vampirin sie zu Boden warf. Der Schmerzensschrei, den die Frau ausstieß, traf Enzo unerwartet tief in seinem Inneren. Ohne nachzudenken, rannte er los. »Lassen Sie die Frau los!«, brüllte er, während er beinahe durch die Luft flog.
   Das Aufstöhnen der Frau, als die Vampirin ihren Kopf auf die Pflastersteine schmetterte, machte ihn rasend. Er landete neben der Rothaarigen und ergriff sie mit tödlicher Entschlossenheit. Aber die Rothaarige entwand sich ihm geschickt und floh mit einer Geschwindigkeit, die Enzo überrascht zurückließ.
   Die Frau vor ihm lag gekrümmt da. Passanten eilten herbei. Sein erster Impuls war es, der Rothaarigen zu folgen und ihr die gerechte Strafe zu verpassen. Aber die Menschenfrau hielt ihn zurück. Sie war das dritte Opfer heute Abend, und er musste sie verschwinden lassen. Er hob sie hoch, wartete nicht, bis die Passanten herangekommen waren. Er hatte seine Vampirkraft noch nie in Anwesenheit von Menschen gebraucht, aber um die Geheimhaltung der Vampire zu schützen, machte er eine Ausnahme. Er rannte los. Schneller, als das menschliche Auge es erfassen konnte, eilte er die Riva degli Schiavoni hinunter, bis er ein stehendes Wassertaxi am Uferrand erspähte. Er sprang in das Boot und legte die Frau auf die hintere Bank. Dann packte er den empörten Taxifahrer und stellte ihn auf der Riva ab. Mit seinem Blick nahm er dem Taxifahrer die Erinnerung. Der brave Mann blieb stehen und sah zu, wie sie losfuhren.
   Die Rothaarige war die Verursacherin der Opfer, da war er sich fast sicher. Woher kam sie überhaupt? Er hatte sie im Schatten-Venedig noch nie gesehen. Und auch, wenn die Gepflogenheiten im Schatten-Venedig rau waren, so hatten sie doch keinerlei Gemeinsamkeiten mit der Grausamkeit dieser Vampirin.
   Er bog in den Rio di Santa Glustina ab und fuhr bis zur Vaporetto Station Ospedale. Der Taxifahrer würde einen Notfall hinter dem Diebstahl seines Bootes vermuten. Enzo hob die Frau hoch und drückte sie zur Tarnung an seine Brust. Die Passanten würden nur einen liebevollen Ehemann erkennen. Das Wassertaxi ließ er stehen und eilte den zum Glück leeren Fondamente Nove hoch bis zur Abzweigung des Rio Gesuiti. Dort lag sein Palazzo, an den Fondamente Nove angrenzend.
   Sobald er die Frau dort deponiert hatte, konnte er die Rothaarige wieder verfolgen.
   Im Palazzo Barozzi brachte er die Schwerverletzte in den ersten Stock in eines der wenigen Zimmer, die über ein Bett verfügten. Der Palazzo war, auch wenn er von außen alt aussah, innen gut erhalten. Die technische Ausrüstung war sogar ultramodern, und einzig die Wandfresken und die Gemälde erinnerten an seine vergangene Existenz hier. Er hatte sie gelassen, weil sie die Vergangenheit der Familie Barozzi repräsentierten, die ihn mit Stolz erfüllte.
   Er legte die Frau auf das Bett, ihr Duft war unerträglich stark und füllte augenblicklich den ganzen Raum. Er rümpfte die Nase. Noch nie in seiner vierhundertjährigen Existenz als Vampir hatte er einen Duft so stark wahrgenommen. Genauer gesagt hatte er als Vampir Düfte überhaupt kaum wahrgenommen, ohne aber ein Defizit zu empfinden. Die Frau war verletzt, und wenn ihr Blut nicht bald aufhörte zu sickern, würde ihr Blutparfüm seinen Palazzo in ein verdammtes Bordell verwandeln. Er fluchte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Nur weil diese Rothaarige ihre Blutgier nicht beherrschen konnte, wurde sein Rückzugsort verpestet.
   Er zog der jungen Frau entschlossen die Lederjacke aus und entfernte die zerrissene Bluse, die jetzt, getränkt mit Blut, ihren Körper kaum mehr bedeckte. Er musste diesen Blutfluss, der ihn wahnsinnig machte, stoppen. Ihre weiße Haut war blutverschmiert. Eine tiefe Wunde war über dem Bauchnabel sichtbar – die Rothaarige hatte, ihre Beute wie ein Tier gerissen.
   Ihr Puls fiel weiter ab, was ihm entgegenkam. Der starke Vanilleduft der Frau war beinahe schmerzhaft. Er fühlte sich wie ein Blinder, der sein Augenlicht zurückbekommen hatte, und den die Farben viel zu intensiv dünkten. Er starrte die Frau an und bemerkte beruhigt, wie ihr Herzschlag unregelmäßig wurde. Ihr Blut würde sich abkühlen und der Duft weniger werden. Nach einer Weile konnte er, wieder normaler atmen, ohne ununterbrochen, einer unerträglichen Parfumwolke ausgesetzt zu sein. Aber etwas anderes fiel ihm auf. Ein Modergeruch, warum hatte er den bis jetzt nie gerochen? Er ging umher und je nachdem wo er stand, roch er fauliges Holz und oder verstaubten Stoff. Er spürte den verschiedenen Düften nach, bis ihm auffiel, dass etwas fehlte. Er rannte erschrocken zum Bett, biss sich in die Pulsadern und träufelte sein Blut auf die Verletzungen der Frau. Ungeduldig wartete er, ob ihr Herzschlag wieder einsetzte. Fluchend flößte er ihr erneut seinen Lebenssaft ein, aber nichts geschah. Er hatte sich noch nie so hilflos gefühlt. Wenn sein Vampirblut nicht bald wirkte, würde sie endgültig sterben. Er beugte sich über sie. Überlegte, sie in das nahe Ospedale zu bringen.
   Er wollte diese Frau lebend. Ihr ungewöhnlicher Duft verzauberte ihn auf eine geheimnisvolle Art und Weise. Er strich ihr vorsichtig die dichten braunen Haare aus dem Gesicht. »Verdammt noch mal, bleib am Leben!«, sagte er und hätte sie am liebsten geschüttelt. Aber sie reagierte nicht. »Dann werde ich deinen Lebenswillen mit anderen Maßnahmen stärken«, knurrte er wütend über seine Hilflosigkeit und näherte sich ihr. Zuerst ganz zart, dann immer fordernder, küsste er ihre vollen Lippen.
   Als die Frau tief aufseufzte, wich er ertappt zurück. Was zum Teufel tat er hier? Er hatte seit vierhundert Jahren keine Frau mehr geküsst. Und auch damals nur aus Mitleid. Was war bloß in ihn gefahren? Er kannte die Antwort. Er wollte diese Frau lebend. Er tröpfelte erneut Blut auf ihre Wunde und beobachtete misstrauisch, ob sich eine Veränderung vollzog. Er glaubte zuerst einer Täuschung zu obliegen, bemerkte dann aber, dass sich die Wunde tatsächlich schloss. Er legte prüfend seine Hand auf die glatte Haut, die sich ihm darbot, zog sie aber sofort wieder zurück. Die Wärme und der Vanilleduft der Frau waren überwältigend und weckten sein Verlangen.
   Die Frau schien zu genesen und brauchte ihn nicht länger. Er eilte zur Tür, wo er kurz stehen blieb und kopfschüttelnd einatmete. Er hatte nie realisiert, wie bereichernd Düfte waren. Nach einem prüfenden Blick auf die ihrer Gesundung entgegenschlafende Frau verließ er den Raum.
   In der Eingangshalle grüßte er wie immer das Familienporträt. Sein Vater schien ihn eindringlich zu mustern, und er konterte den Blick ohne Scham. Er hatte wie jeden Morgen trainiert und war bereit, die Rothaarige, ohne Hemmnis zu verfolgen. Er nahm seinen Mantel und wollte den Palazzo verlassen, als er meinte, das Schlagen einer Tür zu hören. Er fokussierte seine Wahrnehmung. Die Frau konnte unmöglich wach sein. Ein Mensch schlief viele Stunden nach einer Verletzung, die durch Vampirblut geheilt wurde. Er eilte bis zur Mitte der Treppe, als erneut eine Tür schlug. Kurz danach hörte er schleifende Schritte im Rundgang und erspähte ihre Silhouette. Die schnelle Heilung der Frau kam ihm entgegen. Er entzündete durch den Hauptregler das Licht im gesamten Palazzo und eilte zu einem Schlafraum im Erdgeschoss. Er empfing nie Besucher im Palazzo. Die einzige Ausnahme war Salienta, die es liebte, ihre gemeinsamen Schäferstündchen an anderen Orten als im Schatten-Venedig abzuhalten. Er betrat den Raum, den er zu seinem Lustzimmer erkoren hatte. Ein großes, hölzernes Baldachinbett stand in der Mitte des Raumes, der durch den dunkelbraunen Parkettboden einladend aussah. Fellteppiche lagen neben dem Bett, und die offen daliegende Backsteinmauer gab dem Raum eine rustikale Note. Im großen Schrank mit den Spiegelschiebetüren entdeckte er erleichtert zwei Pullover, fein säuberlich aufgereiht, die Salienta hiergelassen hatte. Er nahm den grünen Pullover und verließ den Raum. Er würde der Frau die Erinnerung nehmen, sie aber zu ihrem eigenen Schutz, im Palazzo behalten. Ihr Duft war eine willkommene Abwechslung, und er hatte vor, jede Facette ihres betörenden Parfums kennenzulernen.
   
   

III
Die Gefahr erkennen

Catya hatte keine Ahnung, wo sie war. Es musste mitten in der Nacht sein. Modergeruch stieg ihr in die Nase, genau wie in dem verhassten Keller im Waisenhaus, in dem sie sich zur Strafe immer hatte aufhalten müssen.
   Sie erinnerte sich an die rothaarige Luzia am Ufer und an ihre darauffolgende Ohnmacht. Es musste eine Vision gewesen sein, auch die Schmerzen, sonst wäre sie jetzt noch verletzt. Zum Glück. Unvorstellbar, wenn sie tatsächlich dieses rothaarige Monster aus dem Gemälde befreit hätte. Aber wo war sie überhaupt?
   Mit einem Ruck fuhr sie hoch. Sie war abgesehen von der schwarzen Hose und ihrem Büstenhalter nackt. Eine Gänsehaut kroch ihr über den Rücken. Wer hatte ihr die Jacke und die Bluse ausgezogen, während sie ohnmächtig gewesen war? Von draußen fiel nur spärlich Licht herein. Sie saß in einem Bett in einem ihr unbekannten Raum. Die schwere Satinbettdecke zur Seite schiebend, rutschte sie zum Rand des breiten Bettes. Eines war klar: Dieser Ort war keine Vision, und sie musste so schnell wie möglich verschwinden. Wenn sie nur ihre Jacke hätte.
   Unter ihren Füßen spürte sie die weichen Fasern eines Seidenteppichs. Ein etwas hellerer Fleck in der Dunkelheit schien ein Fenster mit geschlossenen Läden zu markieren. Es war kühl und unangenehm feucht im Zimmer.
   Vor Kälte zitternd hangelte sie sich am Bett entlang bis zum Nachttisch, um eine Lampe zu finden, und entdeckte etwas, das ein Kerzenhalter sein musste. Eine Gänsehaut überlief sie. Gab es an diesem gruseligen Ort kein elektrisches Licht?
   Sie löste sich vom Bett und tastete mit ausgestreckten Armen durch die Dunkelheit, verlor die Orientierung und stieß nach einer gefühlten Ewigkeit gegen ein Möbelstück, das ein Tisch sein musste. Ein grobes Leinentuch bedeckte die Oberfläche. Zitternd vor Kälte nahm sie es und wickelte es sich um die Schultern. Mit mehr Zuversicht tastete sie sich weiter bis zur Wand, dann daran entlang. Der hölzerne Vorsprung, den sie fand, entpuppte sich als eine Tür, die sich öffnen ließ. Sie landete in einem Gang, der, soviel sie im spärlichen Licht sehen konnte, Teil eines Rundganges war. Über ihr wölbte sich eine dunkle Decke. Das entfernte Hupen eines Vaporettos machte ihr Mut. Sie war hoffentlich in Venedig und die Zivilisation ganz in der Nähe. Sie strebte entschlossen auf den spärlichen Lichtstrahl am Ende des Ganges zu. Der Boden unter ihren nackten Füßen fühlte sich kühl an. Sie beschloss, sich an den Wänden entlangzutasten, was ihr gelang. Sie erreichte den Lichtschimmer und fand sich am Eingang eines vom Mondlicht schwach ausgeleuchteten Raumes wieder. Moderne Möbel standen spärlich verteilt herum und bildeten einen starken Kontrast zu den alten Mauerfresken an den Wänden.
   Unerwartet flammte elektrisches Licht auf und beleuchtete die Szenerie. Erschrocken drehte sie sich um. Niemand war zugegen, aber dafür entdeckte sie am Ende des Ganges eine Marmortreppe, die hinunter in den Eingangsbereich führen musste. Mit zitternden Knien überwand sie die vielen Stufen. Sie hatte das Ende der Treppe fast erreicht, als ganz in der Nähe eine Tür schlug. Ihr Herz vollführte einen Trommelwirbel gegen ihre Brust. Dieser Ort war absolut gruselig. Sie sprang die letzten Stufen hinunter und fuhr vor Schreck zusammen. Der Mann mit den Kobaltaugen versperrte ihr den Weg, und sein stechender Blick durchbohrte sie mit bedrohlicher Intensität.
   Sie zog die Tischdecke enger um ihre Schultern. »Wer sind Sie?«, fauchte sie und konterte seinen stechenden Blick.
   »Wie ich sehe, sind Sie wieder munter?« Er schien ihre Frage nicht beantworten zu wollen. Sein Röntgenblick, mit dem er sie musterte, war unerträglich. Sie hatte das Gefühl, nackt vor ihm zu stehen.
   »Was wollen Sie von mir?«, fragte sie, bereit, ihre Fäuste in sein edles Gesicht zu schlagen.
   »Darf ich mich vorstellen? Enzo Barozzi«, sagte er diesmal. »Ich habe Sie ohnmächtig gefunden und Sie, zu ihrem Schutz hierbehalten.«
   »Ich brauche keinen Schutz. Sie täuschen sich«, sagte Catya schnell. Dieser Typ war ein Verrückter, der glaubte, den Bodyguard spielen zu müssen. »Was haben Sie mit meinen Kleidern gemacht?« Sie versuchte, die bleierne Müdigkeit zu überwinden, die sein Blick in ihr auslöste.
   »Ihre Bluse war leider zerrissen, aber die Jacke liegt oben in Ihrem Zimmer. Sie müssen Sie übersehen haben«, sagte er, und es schien ihm ehrlich leidzutun.
   »In meinem Zimmer?« Sie lachte hysterisch auf und zog das Tischtuch um ihre Schultern. Sie würde auf ihre geliebte Jacke verzichten und versuchen, hier wegzukommen, egal, wie nackt sie war. Sie fokussierte die Tür und versuchte, sich seitlich an ihm vorbeizudrücken. Aber ihr Überraschungsangriff funktionierte nicht. Der Typ versperrte ihr den Weg. Sie wollte ihm ihre Faust ins Gesicht schlagen, aber er reagierte blitzschnell und wehrte ihre Hand ab. Sie zuckte zusammen. Seine Hände waren eiskalt.
   »Wer war die Rothaarige, die Sie weggeschubst haben?«
   »Sie haben sie gesehen?«, fragte sie misstrauisch.
   »Sie scheinbar auch. Sie haben mit ihr gesprochen, als würden Sie sie kennen.«
   »Sie heißt Luzia und lebte im 16. Jahrhundert«, sagte Catya schnell. Sie musste den Mann ablenken und einen Weg finden, um abzuhauen.
   »Woher wissen Sie das?«, fragte er perplex.
   »Sie ist auf einem Gemälde abgebildet, das ich restaurieren sollte. Aber dann stand sie plötzlich vor mir. Haben Sie dafür eine Erklärung?«, fragte Catya und sah sich prüfend in der großen Eingangshalle um. Sie musste weg, das hatte oberste Priorität. Was die Rothaarige anging, das verstand sie selbst nicht.
   »Sie hat Sie angegriffen, sonst wäre ich Ihnen nicht zu Hilfe geeilt.«
   Catya hörte kaum, was dieser Barozzi vor ihr sagte. Sie maß die Entfernung zur Tür. »Hören Sie, wenn Sie mich nicht sofort freilassen, wird das schwerwiegende Folgen haben«, sagte sie forsch.
   Der Mann vor ihr blieb unbeeindruckt, was zu erwarten gewesen war.
   »Sie haben kein Recht, mich hier gefangen zu halten!«, sagte sie und schlug ihm ihre Faust ins Gesicht. Diesmal war sie besser vorbereitet, aber er wich ihrer Hand mit einer fließenden, kaum wahrnehmbaren Bewegung aus.
   »Beruhigen Sie sich. Als Erstes möchte ich Ihnen etwas Passenderes zum Anziehen anbieten«, sagte er und warf ihr den grünen Pullover zu, den er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte. »Sie haben wirklich türkisfarbene Augen«, sagte er und musterte sie aufmerksam.
   Sie fing den Pullover auf und wich zurück bis hinter den breiten Pfosten des Treppenanfangs. Dort bot ihr eine Nische Sichtschutz. Sie zog den zum Glück breiten Pullover über den Kopf und ließ das Tischtuch zu Boden fallen. Den Mann behielt sie im Blickwinkel, so gut sie konnte.
   Er bewegte sich nicht, sondern starrte blicklos ins Leere. Das war ihre Chance. Sie maß erneut die Distanz bis zur Eingangstür. Im Sprint war sie zwar nie gut gewesen, aber daran durfte sie jetzt nicht denken.
   Alles hing davon ab, wie schnell sie war. Sie spannte ihren Körper an und rannte um ihr Leben. Mit zitternden Händen riss sie an der Klinke, aber die verdammte Tür war abgeschlossen.
   »Ich bin sehr stolz auf dieses moderne Sicherheitssystem.«
   Sie fuhr zusammen. Er stand dicht neben ihr, war ihr wie ein Schatten gefolgt. Mit einem Satz zur Seite wich sie v zurück. »Kommen Sie mir nicht zu nahe«, fauchte sie und versuchte, dem kalten Blick seiner schimmernden Augen zu entkommen. Aber sie schaffte es nicht, wegzusehen. Eine bleierne Müdigkeit erstickte jeden Widerstand. Sie war gezwungen, immer weiter in diese Kobaltaugen zu blicken, die sie mit ihrer eisigen Kälte gefangen hielten. Sie nickte aus einem unerfindlichen Grund und taumelte plötzlich hilflos, ohne einen Fixpunkt zu finden. Dann waren da nur noch seine Arme, die sie umfassten. Er zog sie an seine Brust, sein Atem streifte sie, heiß und gierig. Der Schreck riss sie aus ihrer Benommenheit.
   Panisch schlug sie ihm ins Gesicht. »Wagen Sie es nicht, mich anzufassen!«, schrie sie und wand sich aus seinem festen Griff. Doch ihr Sieg währte nur kurze Zeit.
   Mit unmenschlicher Kraft presste er sie erneut an sich. Wie von Sinnen schreiend befreite sie sich aus seiner Umklammerung und zerkratzte ihm das Gesicht, als er sie erneut festhalten wollte.
   Er fing ihre Hände ein, worauf sie ihn in die Hand biss. Keuchend ließ er sie los. Catya holte aus, um ihm die Faust ins Gesicht zu schmettern, aber er hielt ihre Hand zurück. Ein knurrender Laut entwich seinem Mund, während sich sein Gesicht verzerrte. Ohne Vorwarnung drängten sich zwei spitze Zähne zwischen seinen Lippen hervor. Catya starrte auf die sich vergrößernden Fänge und begriff mit schneidender Klarheit, woher der brennende Schmerz an ihrem Hals früher am Abend gekommen war. Sie schrie verzweifelt um Hilfe und versuchte, ihre Hände zu befreien. Ohne eine Erklärung packte der Vampir sie und zerrte sie in das Zimmer, in dem sie aus ihrer Ohnmacht aufgewacht war.
   Die Tür schlug hinter ihr zu, und der Schlüssel drehte sich im Schloss. Sie warf sich dagegen, rüttelte an der Klinke, aber vergebens. Sie war eingesperrt. Heftig atmend stand sie einen Moment wie erstarrt, dann übermannte sie die Verzweiflung und sie warf sich schluchzend auf das große, leere Bett. Wie ein Kind kauerte sie sich zusammen, während ihre Gedanken wild durcheinanderrasten.
   Es gab keine Vampire, die zwischen den Menschen lebten! Die gab es nicht einmal in ihren Visionen. Oder doch? War die Rothaarige auch eine Vampirin?
   Sie sah sich suchend um. Auf einer Kommode an der Wand stand ein großer Kerzenständer aus Metall. Sie packte ihn und schmetterte ihn gegen die Fensterscheibe, aber nicht der kleinste Sprung entstand im Glas. Sie schlug mehrmals mit schwindender Kraft auf die Scheibe ein, die ihrem Zerstörungsversuch höhnisch widerstand.
   Entmutigt ließ sie den Kerzenständer fallen. Wie konnte sie verhindern, dass der Vampir sie tötete? Wie um ihr zu zeigen, dass es kein Entrinnen gab, erlosch das Licht und ließ sie in der Dunkelheit zurück. Fluchend tastete sie sich zum Bett zurück und ließ sich darauf fallen. Sie hatte sich noch nie in ihrem Leben hilfloser gefühlt. Gegen den Vampir hatte sie keine Chance. Vampire hatten übermenschliche Kräfte und waren schneller, als ein Mensch denken konnte. Für ihn war ihr Fluchtversuch vermutlich ein langsamer Gang zur Tür gewesen. Und wie er sie angesehen hatte, gierig, als wollte er ihr das Blut aus den Adern saugen. Sie schauderte. Tränen schossen ihr in die Augen.
   Mario war der einzige Mensch, der sie vermissen würde. »Mario, ich liebe dich, aber vielleicht wirst du das nie erfahren, weil ein Vampir mein Blut geraubt hat«, flüsterte sie in die Dunkelheit und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie stellte sich vor, wie der Vampir, der sich als Enzo Barozzi vorgestellt hatte, sie in der Nacht überfiel. Wenn sie nur mit Mario sprechen könnte und ihr verdammtes Handy nicht verloren hätte. Er kannte auf alles eine Antwort. Sie stellte sich vor, wie er dasaß und auf sie wartete, und glaubte, seine tadelnde Stimme zu hören. Mario hasste Tränen. Er hielt sie für überflüssig, sagte, sie würden die Menschen aufhalten, indem sie ihnen die Energie entzögen, die sie eigentlich für die Lösung ihrer Probleme brauchten. Unzählige Male hatte er ihr gesagt: Hör auf zu weinen. Du kannst deinen Feind besiegen, indem du seine Schwachstelle findest, sie analysierst und ihn damit schlägst.
   Aber Vampire hatten keine Schwachstellen …
   Fantasiegestalten schon gar nicht. Und sie wusste mittlerweile nicht mehr, was der Realität und was ihren Visionen entsprang. Sie brauchte dringend Hilfe.

Enzo

Enzo stürmte ins Freie. Wie hätte er ahnen können, dass diese Frau nicht zu beeinflussen war? Noch nie war er einem Menschen begegnet, der sich dem Blick und der Gedankenkraft eines Vampirs zu entziehen vermochte. Es gab keine Erklärung dafür, denn diese Frau war absolut nichts Außergewöhnliches. Zugegeben, sie verzauberte ihn, was aber keiner Hexerei zuzuschreiben war, sondern ihrem einmaligen Duft, der seinen Geruchssinn geweckt hatte.
   Er eilte stundenlang durch die Nacht und versuchte vergeblich, die Rothaarige aufzuspüren. Sie war definitiv keine Jungvampirin, sondern verfügte über unglaubliche Kräfte. Er verfolgte ihren Schall seit vier Stunden, und sie schaffte es immer wieder, sich ihm zu entziehen.
   Enzo hielt neben der Kirche Zaniopolo inne, die Glocke schlug drei Uhr morgens, und es begann leicht zu regnen. Aufgeben kam nicht infrage, auch wenn er den Schall immer wieder verlor, was ihm in seiner ganzen Existenz noch nie passiert war. Er schloss die Augen und schärfte seine Sinne durch eine tiefe Konzentration. Seine Anstrengungen wurden belohnt. Er ortete ihren Schall etwa auf der Höhe des Campo della Celestia und machte sich sofort auf den Weg. Er schlug einen großen Bogen, um sein Wild in Sicherheit zu wiegen.
   Sein Blitzangriff überraschte die Vampirin, bei der es sich, wie er vermutet hatte, tatsächlich um die Rothaarige handelte.
   Enzo warf sich auf sie, um sie durch einen Wirbelsäulenbruch zu lähmen. Aber sie drehte sich blitzschnell um, schneller, als er es je bei einer Vampirin erlebt hatte. Ihr Gesicht war vor Anstrengung und Mordlust verzerrt.
   Sie deutete seinen Sprung rückwärts als Flucht und folgte ihm mit lautem Geheul. Die Knie blitzschnell anziehend, stieß er ihr seine Füße mit ganzer Kraft in den Magen, sodass sie rückwärts in eine Hauswand flog. Putzbrocken platzten von der Wand und prasselten zu Boden.
   Der qualvolle Laut, der ihr entfuhr, und ihr gekrümmter Körper täuschten ihn. Er glaubte sie erledigt, bis sie sich blitzschnell von der Hausmauer abstieß. Die Wucht, mit der sie ihn traf, streckte ihn nieder. Er schnellte augenblicklich hoch, aber ihr Schlag ins Genick kam unerwartet und streckte ihn erneut zu Boden.
   »Lass mich in Frieden, Vampir!«, zischte sie und verschwand.
   Mit aller Geschwindigkeit, die er noch aufbrachte, sprang er auf und folgte ihr, entschlossen, ihr eine Lektion zu erteilen. Er folgte ihr bis kurz nach dem Campo della Fava, wo sie ihn erneut abschüttelte. Ihr Schall verschwand wie vom Erdboden verschluckt. Er ahnte, was sie vorhatte. Sie begehrte das Blut der Frau, der er Schutz bot. Aber den Gefallen würde er der Rothaarigen nicht erweisen. Sein Palazzo war gegen das Eindringen von ungebetenen Gästen gut abgesichert, aber trotzdem war es besser, selbst vor Ort zu sein.
   Er rannte bis zum Rand der Lagune und sah, dass er sich getäuscht hatte. Die Rothaarige fuhr mit einem Motorboot hinaus in die Lagune. Sie flüchtete sich ins Schatten-Venedig, was ihm entgegenkam. Er würde ihr dort die ihr angemessene Strafe verpassen, die ihr zustand.
   Er folgte den Fondamente Nove in Richtung Palazzo, um Shilo Anweisungen zu geben, was seine Gefangene betraf.
   Neben seinem Domizil hielt er inne und blickte auf die dunkle Lagune und auf die Insel San Michele in der Ferne. Der Regen hatte sich verzogen, und vereinzelt sah er Sterne zwischen den Wolken aufleuchten. Es musste etwa halb vier sein, und Venedig lag ruhig da. Die Rothaarige war ins Schatten-Venedig verschwunden, wo sich zeigen würde, wie außergewöhnlich ihre Kräfte waren. Er sog tief die würzige Seeluft ein, die ihm Kraft spendete, wie schon oft in seinem Leben. Er hatte in seinen vierhundert Jahren als Fürst viele Vampire bekämpft und würde auch der Rothaarigen nicht erlauben, seine Überlegenheit infrage zu stellen.
   Im Palazzo hieß ihn der unwiderstehliche Blutduft seiner Gefangenen willkommen und er gratulierte sich für seine Entscheidung.
   Lautlos glitt er die Treppe hoch.
   Die Frau lag schlafend auf dem Bett, ausgestreckt bot sie sich ihm dar. Die Vorstellung, seine Zähne in ihre Halsader zu schlagen, ließ ihn vor Lust zittern. Ihr Blut würde die Flüchtigkeit vertreiben, die jedem Vampir anhing, und die Illusion auffrischen, unsterblich zu sein.
   Sein Verlangen kontrollierend ließ er das Licht aufflammen.
   Die Frau fuhr erschrocken hoch, und er blickte fasziniert in ihre vom Schleier des Schlafes verhangenen Türkisaugen. Mit Bedauern beobachtete er, wie sich ihr sanfter Blick immer mehr verhärtete.
   »Platzen Sie immer unangemeldet herein?«, fuhr sie ihn an. Sie zitterte am ganzen Körper, entweder aus Angst oder vor Kälte. »Und starren Sie mich nicht so an! Ich hasse es, mich als Mahlzeit zu fühlen. Wenn Sie mich töten wollen – bitte. Aber erwarten Sie nicht, dass ich das Opfer spiele«, fauchte sie, während sie mit einem Satz aus dem Bett sprang und sich breitbeinig hinstellte.
   Die Angst und der Schreck erhitzten das Blut der Frau vor ihm, und wie bei einem guten Wein entfaltete sich ihr Aroma zu seiner vollen Blüte.
   Enzo inhalierte tief den viel zu starken Vanilleduft, der sein Innerstes traf und seine Gier steigerte. Seine Fangzähne vergrößerten sich bis über die Lippen, und zitternd vor Verlangen fixierte er sie.
   »Untersteh dich, du Bastard!«
   Die Worte trafen ihn wie ein Hammerschlag. Er hatte die Demütigung, die seine Kindheit begleitet hatte, noch nie zuvor unbestraft stehen lassen.
   Die Frau vor ihm umklammerte ihre Arme und krümmte sich, als hätte sie Schmerzen.
   »Sie müssen mich entschuldigen. Ihr Duft hat mich wahnsinnig gelockt«, murmelte er und wusste nicht, wohin er sich wenden sollte. Die Abscheu, mit der sie seinen Mund musterte, traf ihn zutiefst. Noch nie hatte er die Gefühle eines Menschen wahrgenommen, sie hatten ihn nicht interessiert. Warum war es bei dieser Frau anders? War es, weil sie seine erwachende Gier ohne Bewusstseinsmanipulation erlebte? Sie glaubte nicht, ein überirdisch schönes Wesen zu sehen, sondern erkannte das gierige Raubtier in ihm.
   »Sie behaupteten, ich wäre zum Schutz vor der Rothaarigen hier.« Ihre Stimme klang zittrig.
   »Das ist auch so«, murmelte er und versuchte, seine Fangzähne notdürftig zu verbergen.
   »Warum dann …?« Sie brach ab und starrte voller Abscheu auf seinen Mund.
   Er wandte sich entschlossen ab. »Kommen Sie, im großen Saal wartet meine Dienerin auf Sie«, herrschte er sie an und stürmte zur Tür, entschlossen, diese lächerliche Ehrfurcht abzuschütteln, die er dieser Frau entgegenbrachte. Er musste seine Abreise vorbereiten und Shilo Anweisungen geben, wie die Frau zu überwachen war. In vier Stunden würde die Sonne aufgehen.

IV
Der Morgen naht

Catya folgte Enzo durch den Rundgang, froh, nur seinen Rücken zu sehen und nicht andauernd mit dem Anblick der herausragenden Fangzähne konfrontiert zu sein. Sie weigerte sich, darüber nachzudenken, wie der Albtraum, in dem sie sich befand, enden würde. Mitten im modernen Venedig war sie die Gefangene eines Wesens, das eigentlich nicht existieren dürfte, und das sie durch seinen fast leeren Palazzo führte, den er unmöglich bewohnen konnte. Wo war die Polizei, wo die Gebäudekommission oder die Einwohnerkontrolle der Stadt? Ein Vampir konnte nicht unerkannt mitten unter Menschen wohnen. Das wollte sie nicht wahrhaben. Dazu kam, der Typ trug einen überaus eleganten anthrazitfarbenen Anzug. Er konnte unmöglich in diesem wohl modernisierten, aber nur spärlich eingerichteten Palazzo wohnen. Sie hatte die Familiengemälde, die den viereckigen Rundgang schmückten, bis jetzt kaum wahrgenommen, aber ein Porträt sprang ihr sofort ins Auge. Sie blieb stehen. Enzo Barozzi 1626 stand da in altertümlicher Schrift. Seinen Namen kannte sie bereits. Er hatte sich ihr vorgestellt.
   Er musste ihren Blick bemerkt haben. »Sie müssen mein unhöfliches Benehmen entschuldigen. Ich habe mich vorgestellt, ohne mich nach Ihrem Namen zu erkundigen. Das sollten wir nachholen. Enzo, bei Vampiren ist der Vornamen die übliche Anrede.« Er hielt ihr seine rechte Hand hin.
   Sie schlug achselzuckend ein. »Catya Pavesi, such dir aus, mit welchem Namen du mich herumkommandieren willst.«
   Er zog seine Hand zurück, als hätte er sich an ihr verbrannt, und marschierte weiter. Sie hätte gern den Enzo Barozzi auf dem Gemälde eingehender betrachtet. Aber Geduld schien nicht seine Stärke zu sein.
   Ein Stück weiter den Gang hinunter schmückte ein Familienporträt die Wand, auf dem er aber nicht abgebildet war, obwohl la Famiglia Barozzi darunter stand. Die Szenerie zeigte ein Elternpaar und einen Sohn im Freien vor dem Palazzo. Der rothaarige Junge auf dem Gemälde hatte graue Augen, und da das Bild mit 1612 datiert war, handelte es sich bei dem Porträtierten wohl um Enzos Bruder. Zumindest war der Blick des Jungen genauso kalt und abweisend wie der ihres Gastgebers. Die ungewöhnlich hellgraue Iris wirkte durch die gekonnte Darstellung des Malers frappant echt. Catya meinte, einen kalten Hauch auf sich zu fühlen und schloss geschwind die Augen. Nur keine Vision bekommen an diesem furchtbaren Ort.
   »Catya, geht es dir gut?«
   Enzo war ihr plötzlich sehr nahe, zu nahe. Sie riss die Augen auf. »Ja, danke«, stotterte sie verwirrt und fixierte wieder das Gemälde, um den Kobaltaugen ihres Gastgebers auszuweichen.
   Der kalte Hauch kehrte zurück, fiel wie ein hungriger Wolf über sie her. Das Gemälde erwachte zum Leben, während sie sich immer mehr auflöste und mit dem kalten Hauch verschmolz. Ohne Orientierung flog sie dahin, schwebte ziellos umher. Ihr Herzschlag war das einzige Geräusch in der Stille, die sie umgab. Raum und Zeit hatten keine Bedeutung mehr, bis der kühle Hauch sie unvermittelt freigab und sie sich mitten im Gemälde wiederfand. Zu ihrem Erstaunen war die Szenerie verändert. Ein kleiner Junge saß etwas abseits auf dem Boden. Seine schwarzen Locken waren viel zu lang und genauso wild wie heute, daran glaubte sie, Enzo zu erkennen. Auf seinem kraftlos aussehenden, linken Bein ruhte ein großes Stück Holz, auf dem er zu malen schien. Er war sehr schmutzig und gehörte offensichtlich nicht zu der Adelsfamilie, die vor dem Palazzo posierte. Catya wollte den kleinen Jungen genauer anschauen, um herauszufinden, ob es tatsächlich Enzo war, der da auf dem dreckigen Boden saß. Aber die Dunkelheit brach über sie herein und nahm sie mit.
   Sie erwachte in einer Umarmung, die ihr ein noch nie erlebtes Gefühl von Geborgenheit gab. Sie wünschte sich, in den starken Armen zu verweilen. Erschrocken blickte sie direkt in Enzos Augen, die sie angespannt musterten, und Panik ergriff sie. Er war ihr viel zu nahe!
   »Lass mich los«, murmelte sie und wich hastig zwei Schritte zurück, um die notwendige Distanz zwischen ihnen wiederherzustellen.
   Er war ein Vampir und kein Kuschelbär!
   Er fuhr sich mit der Hand durch die schwarzen Locken, kam auf sie zu und ergriff ihren Arm. »Was ist da eben geschehen?«
   »Was meinst du?« Sie wollte zurückweichen.
   Er verstärkte den Griff um ihren Arm und blickte sie eindringlich an. »Catya, ich will wissen, was da eben mit dir passiert ist?«, sagte er ausdrücklich.
   Sie zog ihren Arm zurück. »Ich hatte eine Vision«, gestand sie ihm schließlich widerstrebend, es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm die Wahrheit zu sagen.
   »Beschreib mir, was du gesehen hast!«
   »Es dauerte nur kurz, und ich bin mir nicht sicher, ob ich mich nicht getäuscht habe«, murmelte sie unentschlossen.
   »Komm!« Er führte sie durch den Rundgang am großen Saal vorbei bis zur Treppe, die zum Eingang hinunterführte. Auf der obersten Treppenstufe setzte er sich und zog sie zu sich hinunter. So nahe bei ihm zu sitzen, machte sie nervös.
   »Wie darf ich mir deine Visionen vorstellen?« Seine Stimme klang jetzt sanfter, beinahe beruhigend.
   »Ich finde mich wie auf einer Bühne in dem Gemälde wieder, vor dem ich gerade stehe, und sehe, wie der Maler sein Werk vollendet.« Mehr wollte sie dazu nicht sagen.
   »Und in diesem Fall?« Sein Blick traf sie unerwartet. Die Kälte war einer Verletzbarkeit gewichen, die sie an den kleinen Jungen in dem Bild erinnerte.
   Ihr Atem stockte. Sie würde ihm nicht erzählen, wie traurig und schmutzig er ausgesehen hatte. Sie zuckte zusammen, als er ihre Hand nahm und sie umschloss.
   »Vampire haben eine beruhigende Wirkung auf Menschen«, sagte er leise.
   Nun, als er das sagte, musste sie ihm recht geben, denn noch nie hatte sie sich bei einem Gespräch über ihre Zustände so unbeschwert und leicht gefühlt. Vielleicht war es auch seine offene Art, über ihre Visionen zu sprechen, die sie rührte und ihn richtig sympathisch machte. »Ich glaubte, dich als Kind zu sehen, am Rande des Gemäldes La Famiglia. Du hast auf der Seite auf dem Boden im Sand gesessen und auf einem Holzblock gemalt«, sprudelten die Worte aus ihr hervor, ohne dass sie sie aufhalten konnte. Sie fühlte sich sorglos trotz Enzos gefährlicher Nähe.
   Sein Schweigen nagte an ihr, und sie wäre vor Scham am liebsten in den Boden versunken. Das hatte sie schon oft erlebt. Die Menschen schwiegen, weil ihnen ihre Visionen peinlich waren. Oder sie lachten darüber. Das half ihnen, wenn sie nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Warum sollte es bei einem Vampir anders sein? Sie wollte aufstehen, aber er hielt sie fest.
   »Du hast mich gesehen. Ich saß auf dem Boden im Dreck.«
   Catya nickte schweigend.
   »Ich war ein Bastard und wünschte mir, dazuzugehören, zu dieser normalen Familie. Erst viel später hat mein leiblicher Vater, das Familienoberhaupt der Barozzi, mich als seinen Sohn anerkannt.«
   Catya zog ihre Hand zurück. »Ich wollte dich nicht beleidigen. Im Waisenhaus, wo ich aufwuchs, war Bastard eines der Schimpfwörter, mit denen wir uns gegenseitig verletzt haben. Ich wusste nicht, welche Bedeutung es für dich hat, als ich es dir vorhin an den Kopf warf.«
   »Heute wird das Wort vollkommen wahllos benutzt. Es hat keine Bedeutung mehr«, sagte Enzo achselzuckend, und einzig die Traurigkeit in seinen Augen zeigte seine Betroffenheit.
   Das Gefühl, anders, nicht gleichwertig zu sein, war Catya wohlbekannt. Und die Qualen, die damit verbunden waren, hatte sie, wie Enzo wahrscheinlich auch, zur Genüge kennengelernt.
   Aber noch, bevor sie etwas dazu sagen konnte, fuhr Enzo fort, als hätte es den Moment nie gegeben. »Der dunkelblonde Junge neben meinem Vater ist mein Halbbruder Luigi. Er starb an der Pest, genau wie meine Mutter.«
   »Das tut mir leid.«
   Enzo lachte auf. »Du kannst dir dein Mitleid sparen. Dass die beiden starben, war ein Glücksfall. Nach ihrem Tod wurde ich ein Barozzi, und niemand wagte es mehr, mich einen Bastard zu nennen – oder fast niemand.« Ein harter Zug legte sich um seinen schönen Mund, und Catya hätte zu gern gewusst, wer es gewagt hatte, den kalten, unnahbaren Barozzi-Nachkommen zu beleidigen. Aber sie unterstand sich, danach zu fragen. Sie erahnte hinter der stolzen Barozzi-Maske eine verletzte Seele, die sich nicht zu erkennen geben wollte. Was ihr auch lieber war. Denn schon jetzt fiel es ihr schwer, dem attraktiven Vampir, der ihr sein Herz einen Spalt weit geöffnet hatte, mit Hass zu begegnen.
   »Hattest du bei Luzias Portrait auch eine Vision?«, fragte Enzo plötzlich, als würde die Rothaarige ihn nicht mehr loslassen.
   Catya nickte und war mit einem Mal nicht mehr sicher, ob die Fantasie ihr wirklich einen Streich gespielt hatte. Nach allem, was sie in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebt hatte, waren auch Bluttränen kein Ding der Unmöglichkeit mehr. »In meiner Vision war Luzia noch ein Mensch, und sie hatte rote Tränen, die ihr über die Wangen flossen.«
   »Du solltest vorsichtig sein. Ich kenne mich da nicht aus. Aber deine Visionen bergen bestimmt auch Gefahren in sich«, sagte Enzo, und Catya meinte, so etwas wie Sorge in seinen Augen zu erkennen. Aber das war lächerlich.
   »Deshalb muss ich meine Visionen auch ergründen«, sagte sie, um klarzustellen, dass sie kein Angsthase war, der vor übersinnlichen Dingen davonrannte. Und weil ich die Rothaarige befreit habe, fügte sie in Gedanken hinzu, weil es eigentlich nicht sein konnte. Ihre Visionen verfügten unmöglich über so viel Macht.
   »Komm, ich zeige dir den Palazzo, damit du dich zurechtfindest. Wir haben hier genug Zeit vertrödelt«, sagte er, wie um ihre Annahme, er wäre nur ein kalter Vampir, zu bestätigen. Er gab ihr ein Zeichen, ihm zu folgen, und schien es plötzlich wieder eilig zu haben.
   Den großen Saal kannte sie von ihrer Flucht durch das Haus, aber den unglaublichen Blick auf die Lagune sah sie erst jetzt bewusst. Die Aussicht war überwältigend. Die dunkle Wassermasse war von dem vorbeigezogenen Sturm immer noch aufgewühlt. In der Ferne glitzerten die Lichter der Friedhofsinsel San Michele.
   Catya zuckte zusammen, als Enzo neben sie trat.
   »Die Aussicht ist wunderschön«, sagte er beinahe tonlos.
   Catya nickte und sah stumm auf die Lagune, die ihr nie schöner erschienen war. Enzos Anwesenheit störte sie mit einem Mal nicht mehr. Im Gegenteil. Sie konnte seine Ergriffenheit spüren, die sie mit ihm teilte.
   Am Himmel zeigten sich bereits verschiedene dunkle Grautöne, die den nahenden Morgen ankündeten, der vorerst nur eine Ahnung war. Als sich eine Nebelsäule aus dem Wasser erhob, zuckte sie zusammen. Ausgerechnet jetzt lenkte ein Nebelschleier sie ab. Dabei wollte sie ungestört das Kribbeln spüren, dass Enzos Nähe in ihr entfachte. Und wie um sie vollends wachzurütteln, stieg neben der kleinen Anlegestelle eine zweite Nebelsäule empor. Einem Derwisch gleich schraubte sie sich aus dem Wasser, schwebte zum Anfang der Anlegestelle, als würde sie von etwas angezogen. Und es dauerte nicht lang, bis Catya den Grund entdeckte. Luzia stand am Ufer, ihr rotes Haar züngelte wie Flammen im Wind. Die Nebelsäule schwebte auf sie zu, nahm ganz langsam immer mehr Gestalt an. Catya verfolgte das Spektakel mit klopfendem Herzen. »Da ist Luzia wieder«, sagte sie und zeigte auf die Frau.
   Enzo nickte, seine Augen waren nur mehr zwei Schlitze. »Ich dachte, sie wäre verschwunden, aber scheinbar ist ihre Gier nach deinem Blut zu ausgeprägt«, murmelte er.
   »Will sie mein Blut, weil sie davon gekostet hat?«, fragte Catya und starrte die Rothaarige an.
   Enzo schien die Wahrheit gesagt zu haben, sie war tatsächlich zu ihrem Schutz hier.
   Er nickte und beobachtete die Vampirin, die vor der Nebelsäule flüchtete, die sie zu verfolgen schien.
   »Was will der Nebel von ihr?«, fragte Catya perplex und begegnete Enzos erstauntem Blick.
   »Der Nebel?«, fragte Enzo.
   Catya lief rot an und hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. Warum war ihr das rausgerutscht? Sonst schaffte sie es immer, ihre Einbildungen zu vertuschen.
   »Erzähl mir, was du gesehen hast!« Enzos strenger Blick war unmissverständlich.
   »Ich sah eine Nebelsäule aufsteigen, und du scheinbar auch«, sagte sie mürrisch.
   »Seit wann siehst du diese Nebelsäulen?«, fragte Enzo, und sie fühlte sich wie in einem Verhör.
   »Seit ich ein kleines Mädchen bin. Aber bis jetzt konnte niemand die Nebelsäulen wahrnehmen. Ich glaubte, sie existierten nur in meiner Einbildung. Aber du siehst sie scheinbar auch«, sagte sie beharrend.
   »Alle Vampire sehen sie«, sagte Enzo.
   Catya schüttelte den Kopf. Sie weigerte sich, das Entsetzliche zu glauben. Die tröstlichen Nebelsäulen, die ihr seit ihrer Kindheit beigestanden waren, sollten nichts anderes als ein Vampirspuk sein? Catya wünschte, sie könnte aufwachen und dieser ganze Vampirspuk wäre nur ein Traum.
   Enzo legte eine Hand auf ihre Schulter, und die tröstliche Geste fühlte sich gut an, auch wenn sie von einem Vampir kam.
   »Erzähl mir, was damals geschah«, sagte er sanft.
   Catya schluckte, ein großer Klumpen saß plötzlich in ihrem Hals. Zu oft war sie damals als Lügnerin abgestempelt worden. »Eines Nachts besuchte mich ein Engel, und am nächsten Tag war meine Mutter Tod. Kurz darauf sah ich zum ersten Mal diese Nebelsäulen.« Sie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder. Der Klang war kalt und abgehackt wie bei einem Roboter.
   »Hat der Engel von dir getrunken?«, fragte Enzo.
   Catya zuckte mit den Schultern. Die damalige Nacht in ihrem Gedächtnis abzurufen, fiel ihr unendlich schwer. Sie starrte ins Leere und versuchte, sich zu erinnern. Enzo nahm ihre Hand, und ein wunderbar beruhigendes Gefühl verdrängte ihre Angst. Sie schloss die Augen. Die Erinnerung drängte sich nebelhaft in ihr Gedächtnis. Sie nickte, glaubte, die Lippen des Engels erneut an ihrem Hals zu spüren.
   Enzo fluchte. »Der Engel war ein Vampir, und sein Gift fließt in deinen Adern, darum kannst du die Nebelsäulen sehen.«
   Catya sah Enzo erschrocken an. »Wozu sind die Nebelsäulen da?«, fragte sie unter Aufbietung ihres ganzen Mutes.
   Enzos Blick war beängstigend. »Wenn du am Leben bleiben willst, ist es besser, wenn du nichts darüber weißt«, sagte er.
   Aber Catya brauchte eine richtige Antwort, unbedingt. »Hatte Luzia Angst vor dem Nebel, weil sie tödlich sind?«
   Enzo schüttelte den Kopf. »Sie scheint keine Ahnung zu haben, was der Nebel bedeutet.«
   »Aber sie ist eine Vampirin?«
   Enzo starrte auf den Steg, der verlassen dalag. Die Rothaarige war verschwunden, und Catya hätte zu gern gewusst, ob der Nebel sie mitgenommen hatte.
   »Sie ist aus dem Nichts aufgetaucht und wütet seit drei Tagen wie eine tödliche Seuche in Venedig«, sagte Enzo kopfschüttelnd.
   Catya vermied es, ihn anzusehen. Vor vier Tagen hatte sie während einer Vision den dunklen Firnis von dem Gemälde entfernt.
   »Gibt es hinter dem Nebel niemand, der Luzia kennt?«, fragte Catya, obwohl sie Enzos Zorn befürchtete.
   »Du musst Hunger haben«, sagte er, ohne auf ihre Frage einzugehen. Für ihn war das Thema abgeschlossen.
   Hunger war das Letzte, was sie fühlte.
   Enzo wartete nicht auf ihre Antwort. »Ich werde dir meine Dienerin Shilo schicken, damit sie dir das Essen serviert. Und falls du sonst etwas brauchst, wird sie sich darum kümmern. Sie versteht dich, auch wenn sie nicht spricht.«
   »Danke, aber ich habe keinen Hunger. Was ich will, sind Antworten«, sagte Catya fordernd.
   »Ich kann dir heute keine Antworten mehr geben, zumindest nicht die, die du willst. Und wenn du keinen Hunger hast, werde ich dich zu deinem Zimmer bringen«, sagte Enzo, der es plötzlich eilig zu haben schien.
   Catya blickte auf die Lagune, die schon in einem zarten, kaum wahrnehmbaren purpurfarbenen Zwielicht schimmerte. »Du meinst, du willst mich wieder einsperren, damit du ungehindert im Nebel verschwinden kannst.«
   Enzo schluckte, und seine Augen verengten sich zu zwei Schlitzen. »Ich werde dich nicht mehr einsperren.«
   »Aber du willst mich auch nicht freilassen?«, fragte Catya und unterdrückte das Zittern in ihrer Stimme.
   »Nein, du bist zu deinem Schutze hier«, antwortete Enzo schroff.
   »Und den kannst nur du mir geben?«
   »Das ist so«, sagte Enzo ruhig, und ihre Blicke verschmolzen für einen Moment wie ein aufglühender Funke, der genauso schnell wieder verlosch.
   »Ich finde mein Zimmer auch allein.« Ohne ihn weiter zu beachten, verließ sie den Saal. Sie würde herausfinden, was hinter dem Nebel lag, weil Luzia dahin verschwinden konnte und sie die Vampirin nicht aus den Augen verlieren durfte.
   In ihrem Zimmer legte sie sich angezogen auf das Bett und wickelte die Decke schützend um sich. Sie wünschte, dieser ganze Vampirspuk wäre nur ein Albtraum und wusste doch, dass sie, um Antworten zu bekommen, nicht aufgeben durfte.
   Ihr altes Leben erschien ihr auf einmal erstrebenswert und einfach, und sehr weit weg.

Sie musste trotz allem eingeschlafen sein. Als sie erwachte, wusste sie für einen Moment nicht, wo sie war, bis der Modergeruch sie an ihre Lage erinnerte. Sie war eingesperrt in Enzos Palazzo, den sie nicht verlassen konnte. Sie fühlte sich ausgeschlafen, und da sie im Morgengrauen ins Bett gefallen war, musste es jetzt schätzungsweise später Nachmittag sein.
   Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett und verließ das modern eingerichtete Zimmer. Der Rundgang sah im Tageslicht beinahe freundlich aus, was Catya hoffen ließ, Enzo nicht zu begegnen. Sie verschob ihren Plan, sein Porträt genauer zu betrachten. Zuerst wollte sie herausfinden, wie spät es war. Sie ging zum großen Saal, der lichtdurchflutet einladend aussah. Eine dunkelhäutige Frau kam ihr entgegen. Das Sonnenlicht schien ihr nicht zu schaden, also musste sie ein Mensch sein, wahrscheinlich Enzos Dienerin. Die Frau blieb vor ihr stehen und verbeugte sich. Dann zeigte sie auf ihren Mund, woraus Catya schloss, dass es sich bei ihr um die stumme Dienerin Shilo handeln musste.
   »Ja, ich habe Hunger«, antwortete Catya in der Gebärdensprache.
   Shilo sah sie erstaunt an und führte sie mit einem breiten Lächeln zu dem einzigen Tisch im ganzen Raum. »Ich bin gleich wieder da«, gebärdete sie und drückte Catya in den Stuhl. Dann verschwand sie.
   Catya sah ihr nicht nach, sondern ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie liefen ihr die Wangen hinunter und tropften auf den Tisch. Warum hatte sie die Gebärdensprache nach all den Jahren nicht vergessen können? Sie hatte sich geschworen, nie mehr an das kleine Mädchen zu denken, das stundenlang die Gebärdensprache eingeübt hatte. Damals, als sie unbedingt erfahren wollte, was ihre Mutter zu den Sachen dachte, die für ein Kind von so großer Wichtigkeit waren. Catya starrte durch den Tränenschleier vor sich hin und dachte an die schönste Zeit ihres Lebens zurück, die mit einem grausamen Bruch zu Ende gegangen war. Unfähig, ruhig zu bleiben, erhob sie sich und ging zum Fenster. Blicklos starrte sie auf die Lagune hinunter. Sie war zu aufgewühlt, um ihre Fassung wiederzufinden. Die Erinnerungen an ihre Mutter hatte sie tief vergraben. Sie war all die Jahre in ihrem Gedächtnis einzig als Nebelsäule da gewesen und hatte ihr in dieser Gestalt Trost gespendet.
   Damals hatte Catya ihre Vergangenheit ausgelöscht und war eine andere Person geworden, die Nähe verabscheute und einsam wie ein Stern ihrer Laufbahn folgte. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie keine Nähe mehr zugelassen, weil es der einzige Zustand war, den sie ertrug. Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung wahr und verharrte schweigend.
   Shilo klapperte laut mit dem Geschirr, aber Catya konnte sich noch nicht der Realität stellen. Zu viel war seit gestern geschehen, und zu unvorbereitet hatte ihre Vergangenheit sie eingeholt. Und es kam ihr vor, als hätte sie in den letzten vierundzwanzig Stunden mehr über ihr Leben erfahren als in den letzten zwanzig Jahren.
   Shilo winkte Catya zu sich, als sie sich endlich umwandte. »Ihr Essen ist bereit«, zeigte sie, und dem lautlosen Ruf konnte Catya nicht widerstehen.
   Shilo würde nicht begreifen, warum sie plötzlich keinen Hunger mehr hatte. Es war einfacher, sich hinzusetzen und sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Sie bedankte sich bei Shilo, die neben ihr stehen blieb. »Wie lange sind Sie schon bei Enzo?«
   Shilo zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Aber ich bin sehr glücklich. Signore Barozzis Wohlergehen ist mir das Wichtigste.« Sie strahlte und vollführte ein wahres Spektakel an Zeichen und Mimik, die Catya teilweise nicht kannte, der Botschaft aber problemlos folgen konnte.
   Der Duft der Pizza war verlockend, und hungrig aß sie die Mahlzeit, obwohl sie geglaubt hatte, nichts hinunterbringen zu können. »Ist Signore Barozzi auch hier?«
   Shilo schüttelte den Kopf. »Nein, er ist zu Hause.«
   Catya zögerte, dann hielt sie es nicht länger aus. »Zu Hause hinter dem Nebel?« Sie verschluckte sich beinahe vor Aufregung. Leider fehlte ihr das notwendige Wissen, um glaubhaft zu bluffen. Aber wie sonst konnte sie erfahren, was es mit diesen Nebelsäulen auf sich hatte?
   Die Dienerin blickte sie argwöhnisch an und zeigte dann auf das Gedeck. »Essen Sie«, gebärdete sie.
   Catya nickte. Shilo schien gut gedrillt oder, was wahrscheinlicher war, eingeschüchtert zu sein. Enzo hielt sie wie eine Sklavin, und bestimmt raubte er ihr auch ihr Blut.
   Der hypnotische Blick, mit dem er sie gestern im Eingangsbereich beinahe gelähmt hatte, kam ihr in den Sinn. Er hatte auch sie zu beeinflussen versucht, es aber aus einem unerfindlichen Grund nicht geschafft. Sie hatte seine Kraft wohl gespürt, aber zum Glück war danach nichts weiter geschehen. Oder musste er erst von ihrem Blut trinken, damit er sie manipulieren konnte?
   Shilo zeigte auffordernd auf ein weiteres Stück Pizza auf dem Tisch und ging hinaus.
   Catya aß hungrig. Den leeren Teller ließ sie stehen und ging zum Fenster. Das Wasser der Lagune schimmerte im Zwielicht, was hieß, sie hatte nach der durchwachten Nacht tatsächlich den ganzen Tag verschlafen. Sie wandte dem wunderschönen Naturspektakel entschlossen den Rücken zu und ging zurück in den Rundgang. Sie musste sich überlegen, wie sie weiter vorging. Enzo schien sie tatsächlich vor Luzia zu beschützen, die Frage war nur, warum er das tat. Aus Nächstenliebe bestimmt nicht.
   Ihre Überraschung hielt sich in Grenzen, als die Dienerin unvermittelt wieder auftauchte. »Ich werde Ihnen den Palazzo zeigen.«
   Catya nickte ergeben. Enzo hatte seiner Dienerin wohl befohlen, ein Herumschnüffeln ihrerseits zu verhindern. Immerhin schien er tatsächlich nicht im Palazzo zu sein, was hieß, er besaß zumindest genug Klasse, um nicht irgendwo in einem Sarg herumzuliegen. Darauf konnte sie gern verzichten, hatte sie doch panische Angst vor Toten und Särgen.
   Sie folgte Shilo in das zweite und oberste Stockwerk. Die Räume waren leer, aber in keinem Fall vernachlässigt. Im Gegenteil. Die alten Holzdecken waren mit größter Sorgfalt ihrem ursprünglichen Zustand nachempfunden worden. Genauso die Mauerornamente, die in satten Farben aussahen, als hätte ein Meister sie vor Kurzem erst angebracht. Der Palazzo wirkte in seiner Gesamtheit modern, obwohl er etwa im 16. Jahrhundert erbaut worden war. Catya ging kopfschüttelnd durch die Räume. Warum sollte irgendjemand einen Palazzo auf so meisterhafte Art restaurieren lassen, um ihn dann praktisch leer und unbewohnt zu lassen? In einem der Räume fand sie ein wunderschön gestaltetes Fresko der Jungfrau Maria. Sie war als kniende Lichtgestalt dargestellt. Sie betrachtete das Wandgemälde neugierig. Es war, wie alle Gemälde in dem Palazzo, kaum restauriert. Ehrfurchtsvoll staunte sie das unberührte Kunstwerk an. Die abblätternden Farben bildeten einen starken Gegensatz zu der sonst so makellosen Umgebung. Catya sah sich das Gemälde an und fühlte sich Jahrhunderte zurückversetzt, fast so, als hätte sie sich während einer Vision materialisiert. Sie studierte ausführlich die Farbgebung, bis Shilo sie aufschreckte. Mit ernstem Gesicht verkündete sie, sie habe noch zu arbeiten, und fragte, ob Catya ihr Zimmer allein finden würde. Sie nickte, worauf Shilo verschwand.
   Catya sah endlich ihre Chance gekommen. Sie inspizierte das Erdgeschoss. Die Eingangshalle kannte sie bereits. Ansonsten gab es hier noch ein Schlafzimmer, das keiner Erklärung bedurfte, obwohl es fast zu schön gestaltet war. In der Mitte des Raumes stand ein hölzernes Baldachinbett. Der Parkettboden war aus einem dunklen Holz und die offen gelassene Ziegelsteinmauer hinter dem Bett wurde von einem blauen und einem roten Spotlicht beleuchtet. Der Raum war sehr geschmackvoll eingerichtet, aber sie verbot sich, darüber nachzudenken, wie es sich anfühlen musste, in diesem Bett zu liegen. Sie ging weiter. Die verriegelten Fenster waren wie in den oberen Stockwerken gesichert.
   Im hinteren Teil führte eine kurze Steintreppe hinunter zu einer dicken Eichentür. Sie ließ sich öffnen, und dahinter lag eine zweite Eingangshalle mit einem unebenen Ziegelboden. Hier befand sich, wenn ihr Orientierungssinn sie nicht täuschte, der Zugang zum Rio Gesuiti. Aber das grüne Holztor, das zum Wasser führte, war verschlossen. Sie verließ den an eine Gruft erinnernden Ort und ging zurück. Den Palazzo auf eigene Faust zu verlassen, war unmöglich. Sie stieg wieder die Treppe hoch.
   Im Rundgang im ersten Stock angekommen, blieb sie vor Enzos Porträt stehen. Er sah umwerfend aus. Die Haare waren etwas länger, was ihm etwas Wildes und Ungestümes verlieh. Seine Kobaltaugen musterten sie spöttisch, und plötzlich war der kalte Hauch da. Ihr Herz klopfte. Sie versuchte nicht, dem Strudel auszuweichen. Ihrer Neugier folgend starrte sie in die blauen Augen und ließ sich willig in die Vision fallen. Der kalte Hauch nahm sie mit und trug sie fort.
   Kurze Zeit später erwachte sie in ihrer Vision. Sie befanden sich im großen Saal des Barozzi Palazzo, der vollkommen anders aussah. Die Wandfresken glänzten in satten Farben. Zierliche Säulen und antike Figuren schmückten jedes Möbelstück, die dem Stil der Renaissance entsprachen. In der Mitte des Raumes saß Enzo auf einem Stuhl und posierte einem Maler. Seine schwarzen Locken fielen ihm bis auf die Schultern. Das Gesicht war gebräunt, was seine Augen in einem intensiven Blau zum Strahlen brachte. Den wunderschönen Mund zierte kein Lächeln, doch das minderte den sinnlichen Ausdruck nicht. Er trug eine Samtjacke, die seine gestählten Muskeln beinahe zum Platzen brachte und erinnerte mehr an einen Pirat als an einen edlen Adelsspross. Eine junge Frau stand neben ihm, und die Blicke, die sie tauschten, wirkten vertraut wie bei einem Liebespaar.
   Catya verstand Enzos Bewunderung für die Frau neben ihm. Sie konnte selbst die Augen kaum mehr von der Schönheit abwenden. Groß gewachsen stand sie mit durchgestrecktem Rücken neben Enzo. Braune lange Locken umspielten ihr edles Gesicht mit den hohen Wangenknochen und dem sinnlichsten Mund, den Catya je gesehen hatte. Die Frau musterte Enzo, und in ihrem Blick lag Verlangen. Die beiden gaben ein atemberaubendes Paar ab und waren damals bestimmt das Highlight jeder Einladung gewesen. Catya sperrte sich nicht gegen die Ohnmacht, die sie forttrug von Enzos innigem Blick. Die absurde Frage, wie es sich anfühlen musste, auf diese Weise von ihm angesehen zu werden, würde sie zum Glück nie beantworten können.
   Sie erwachte aus ihrer Vision auf dem Terrazzoboden des Palazzos, und Enzos Blick, der sie traf, hatte so gar nichts mit dem soeben Erlebten zu tun. Er stand neben ihr und half ihr, aufzustehen.
   Sein Blick war abweisend und kalt. »Wenn du Fragen hast, was meine Person betrifft, beantworte ich sie dir gern persönlich«, sagte er gepresst.
   Sie ließ empört seine Hand los, mit der er ihr aufgeholfen hatte. »Ich habe keine Fragen. Die Gegenwart reicht mir vollkommen«, zischte sie. Wie peinlich war das denn? Er glaubte, sie spioniere ihm absichtlich hinterher. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken.
   »Und was hast du gesehen?«, fragte er und musterte sie mit einem anzüglichen Grinsen.
   »Du hast Modell gesessen und dich mit einer sehr schönen Frau unterhalten«, sagte sie so emotionslos wie möglich. Was beabsichtigte er mit seiner blöden Fragerei? Wollte er sich über sie lustig machen, weil sie ihm nachspioniert hatte? Er wusste natürlich, dass er mit der damals bestimmt schönsten Frau Italiens liiert gewesen war. Aber nicht jede Frau war darauf aus, sich ihm an den Hals zu werfen.
   »Ich wollte Antworten finden, was Luzia betrifft«, sagte sie.
   »In meinem Porträt?« Enzo zog eine Augenbraue in die Höhe.
   »Natürlich nicht. Ich wollte sehen, ob sich während meiner Visionen noch andere Phänomene als Bluttränen oder rothaarige Schattengeister zeigen«, sagte Catya ohne weitere Erklärung. Ihre Befürchtung, sie könnte Luzia aus ihrem Gemälde befreit haben, würde nur Enzos Spott hervorrufen.
   »Interessante Antwort.« Er musterte sie prüfend.
   »Hast du die Rothaarige gefunden?«, fragte sie schnell, um seinem Röntgenblick zu entkommen.
   »Noch nicht!«
   »Du hast mir zugestimmt, als ich sagte, die Rothaarige begehre mein Blut, weil sie davon getrunken hat?«
   »Ja.« Enzo starrte durch sie hindurch.
   »Lass mich ihr Köder sein«, sagte sie schnell, bevor sie den Mut verlor und es sich anders überlegte.
   Enzo sah sie erstaunt an, dann schüttelte er den Kopf. »Ausgeschlossen. Sie verfügt über unglaubliche Kräfte. Das ist viel zu gefährlich.« Seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen, und er sah nicht aus, als würde er sich umstimmen lassen.
   »Du willst lieber weitere Menschenleben gefährden, als mein Angebot anzunehmen?«
   »Ja.«
   Catya schluckte den Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals bildete. Der Gedanke, es könnte ihm wichtig sein, dass sie am Leben blieb, war absurd, und trotzdem war er schön. Aber sie durfte sich jetzt auf keinen Fall ablenken lassen. »Bitte lass es mich versuchen!«, sagte sie und ergriff seine Hand.
   »Warum willst du das tun?«, fragte er kopfschüttelnd.
   »Weil Luzia aufgetaucht ist, nachdem ich den Firnis von dem Porträt entfernt habe.«
   »Und das ist alles?«
   Catya schüttelte den Kopf. »Es ist nicht so, wie du denkst.«
   »Erzähl mir, was du getan hast.«
   »Ich hatte all mein Geld aufgebraucht und brauchte die Stelle unbedingt, aber der Firnis war ungewöhnlich. So etwas habe ich noch nie erlebt. Er klebte richtig auf dem Gemälde, was ich mir nicht erklären konnte. Kurz darauf, es war an einem Morgen, hatte ich eine Vision und landete in dem Gemälde. Nicht jede Vision ist gleich, musst du wissen. Diesmal stand das Gemälde einsam auf der Staffelei. Ich bin hingegangen. Parmigianinos Sachen lagen daneben. Ich habe etwas Terpentin genommen, und eines ergab das andere, und ehe ich es mich versah, hatte ich den ganzen Firnis entfernt, ohne dass ich ohnmächtig wurde. Noch nie zuvor, und auch nie wieder seither, konnte ich so lange in einer Vision verweilen.«
   »Und deshalb glaubst du, sie war in dem Gemälde eingesperrt?« Enzo schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich, sogar für eine Vampirin. Und das Opfer zu spielen, ist zu gefährlich, glaub mir, ich kann das besser einschätzen. Du bleibst hier, bis ich die Rothaarige getötet habe, und danach bist du frei.«
   »Ich bin es aber gewohnt, die Unordnung aufzuräumen, die ich hinterlassen habe«, schnaubte Catya. Jetzt, nachdem sie den Hergang laut ausgesprochen hatte, wusste sie mit Sicherheit, dass sie Luzia befreit hatte. »Ich bin dir egal, vor was hast du also Angst?«, fragte sie aufbrausend.
   Enzo starrte sie mit zusammengekniffenen Augen an. Dann packte er sie an ihren Handgelenken. Er zitterte, als kostete es ihn Mühe, sich zurückzuhalten. Sein Griff war roh. Die Haare fielen ihm ins Gesicht, und sein Harzduft war betörend, als er sich über sie beugte. »Hast du keine Angst davor, gebissen zu werden?«, fragte er mit heiserer Stimme.
   Catya funkelte ihn an. »Nein, habe ich nicht. Nur davor, nicht selbst bestimmen zu können, ob es passiert«, sagte sie, entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen.
   »Erhoffst du dir eine Möglichkeit zur Flucht?«
   »Natürlich, ein kleiner Spurt und weg bin ich. Hast du dich schon einmal im Spiegel angesehen?«
   »Das Äußere kann täuschen!«
   »Überlass es mir, das zu beurteilen«, sagte Catya und vermied es, ihn anzusehen. Er stand vor ihr wie die Verführung persönlich, und es war nicht der Moment, darüber nachzudenken, warum sie Nähe immer verabscheut hatte. »Wie viel Uhr ist es jetzt?«
   »Die Sonne geht im Oktober um halb sieben unter. Es ist bereits dunkel draußen. Es muss etwa halb acht sein«, sagte Enzo eisig.
   »Lass uns gehen«, erwiderte sie kurz angebunden, bereit, Luzia anzulocken und sich hoffentlich ihre Freiheit zurückzuholen.
   »Wenn das dein Wunsch ist«, sagte Enzo achselzuckend und zeigte galant auf die Treppe, die zur Eingangshalle führte.
   Catya ging entschlossen in Richtung Treppe, kam aber nicht weit. Ein erschrockener Laut entfuhr ihr, als Enzo ihre Hand umklammerte und sie zurückzog. Sie verstand nicht, was in ihn gefahren war, und wollte sich wehren.
   »Ein fremder Vampir ist im Palazzo, versteck dich hier«, flüsterte er und öffnete eine Tür in einer Nische des Rundganges, die ihr zuvor nicht aufgefallen war.
   Ohne eine Antwort abzuwarten, stieß er sie hinein. »Bleib hier, bis ich dich holen komme!« Sein Ton ließ keine Widerrede zu.
   Sie nickte, und er schloss die Tür hinter sich. Sie befand sich in einem leeren Raum, der scheinbar als Aufbewahrungsort für Werkzeuge diente. Etwas Licht fiel durch ein kleines Fenster herein. Catya lauschte angestrengt, konnte aber nichts hören. Ihr Herz hämmerte zu laut. War Luzia im Palazzo oder hatte Enzo eine Ausrede gesucht, um sie nicht mitnehmen zu müssen? Sicherheitshalber war es besser, sich zu bewaffnen. Sie sah sich um und ergriff einen Metallhaken, der zur Sicherung von altem Mauerwerk diente. Dann öffnete sie die Tür einen Spalt weit, um herauszufinden, was los war.

V
Der Besuch

Enzo eilte durch den Rundgang. Es war ihm egal, woher diese Vampirin kam, in seinen Palazzo einzudringen war ein tödlicher Fehler.
   Er zitterte. Keine Bewegung in einem Radius von hundert Metern entging seiner Aufmerksamkeit. Er hasste Überraschungen, und wenn sie seinen Rückzugsort betrafen, noch viel mehr. Er ging die Treppe hinunter im Bewusstsein, die Rothaarige unten anzutreffen. Sie stand in der Mitte des Eingangsbereichs, ihre Nasenflügel bebten, während sich ihr Gesicht zu einer Fratze verzog.
   »Ich rieche ihr Blut, gib es mir«, wisperte sie und leckte sich über die Lippen.
   Mit einem Satz war Enzo neben der Vampirin, packte sie am Hals und wollte ihren Kopf abreißen. Aber sie drehte sich schneller, als er es je erlebt hatte, und katapultierte ihn mit einem Schulterstoß gegen die Wand. Seine Wirbelsäule knackte, und ein sengender Schmerz durchfuhr ihn. Er stieß sich wütend von der Wand ab und flog auf die Rothaarige zu. Sie empfing ihn mit ihrer Faust, die sie ihm ins Jochbein schmetterte und dann seinen Hals ergriff. Er rammte ihr, noch bevor sie ihn ergreifen konnte, sein Knie in den Bauch. Gleichzeitig packte er ihren Hals. Sie entwischte ihm mit einem fauchenden Laut und sprang aus dem Stand in die Höhe. Enzo wich blitzschnell zur Seite. Sie federte bei ihrer Landung ab, sprang hoch und schmetterte ihm ihre Füße gegen seine Wirbelsäule. Ein lautes Knacken erklang, als seine Wirbel zerbrachen. Der stechende Schmerz, der durch seinen Rücken schoss, lähmte seine Beine, die unter ihm nachgaben. Reglos lag er da und musste mit ansehen, wie die Vampirin mit einem trockenen Lachen auf die Treppe zueilte. Catyas Duft füllte den Palazzo, sie musste ihm nur folgen.
   »Wenn du die Frau verschonst, bringe ich dich ins Schatten-Venedig, dorthin, wo die Vampire leben«, rief Enzo erschöpft. Seine beschädigten Nerven flammten, während sie sich regenerierten. Die Muskeln in seinen Beinen begannen zu zittern, er hatte wieder Gefühl in seinen gelähmten Extremitäten.
   Die Vampirin blieb stehen und kam dann auf ihn zu. »Du lügst, Vampir«, sagte sie, und noch bevor er seine langsam zurückkehrende Kraft nutzen konnte, traf ihn die Faust der Rothaarigen mitten ins Gesicht und brach ihm die Nase und einen Wangenknochen.
   Er ignorierte den Schmerz, bis der Fußtritt zwischen seine Beine ihn erneut zu Boden fällte. Die Rothaarige ergriff seinen Kopf. Er hatte zu wenig Kraft und schaffte es nicht, sie mit einem Fußtritt wegzustoßen.
   »Luzia, lass ihn los!«
   Der Rothaarigen entfuhr ein erstaunter Laut.
   Catya stand mit einem Metallhaken bewaffnet auf der Treppe.
   »Kennen wir uns?« Die Rothaarige und war mit einem Satz neben Catya.
   »Du hast mich überfallen«, hörte Enzo Catya sagen, während er sich aufrappelte.
   »Sag mir, woher du meinen Namen kennst!« Luzias Stimme klang drohend.
   Enzos Genick regenerierte sich. Blut schoss ihm aus der Nase, als er sich auf Luzia stürzte. Der Überraschungsangriff funktionierte. Luzia ging zu Boden. Enzo nutzte den Augenblick, packte ihren Kopf mit beiden Händen und brach ihr mit grimmiger Entschlossenheit das Genick. Der dumpfe Laut verschaffte ihm Genugtuung. Luzias Augen glimmten auf, dann entwand sie sich ihm mit einer wegen der Verletzung unbeholfenen Bewegung. Schneller, als er reagieren konnte, riss sie Catya mit ihren Fangzähnen die Kehle auf.
   »Entscheide dich, Vampir«, rief sie höhnisch, bevor sie durch die offene Tür flüchtete.
   Enzo kniete neben Catya nieder. Blut schoss aus ihrer aufgerissenen Kehle, und ihr schlaffer Körper zuckte im Todeskampf. Ihr blutverklebtes Haar floss über ihre Schultern, ihre Augen starrten blicklos und glasig an die Decke. Bleich war sie bereits wie eine Tote, und ihr Atem ging nur noch röchelnd. Sie würde sterben.
   Enzo biss sich in den Arm, riss eine Ader auf und flößte ihr sein Blut ein. Die Wunde widerstand hartnäckig der Heilungskraft, er fluchte. Verzweiflung erfasste ihn, und Wut. Sie durfte nicht sterben, ohne sie war sein Leben grau und ohne Farbe. Noch nie hatte ihm bei einem Kampf der Sieg so viel bedeutet. Er träufelte ihr vorsichtig sein Blut ein, aber sie schien nicht fähig, die wenigen Tropfen zu schlucken. Sie hustete und schnappte keuchend nach Luft. Er wartete mit vibrierenden Nerven, flößte ihr, sobald sie aufgehört hatte zu Husten, erneut seinen Lebenssaft ein. Angespannt beobachtete er ihren Hals, wünschte, er könnte Catya irgendwie dazu bringen, sein lebensnotwendiges Blut anzunehmen. Er beuge sich tief über sie und rief leise ihren Namen. Dann, nach Sekunden, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, schluckte sie einen ersten Tropfen hinunter. Er atmete auf und flößte ihr wie einem verwaisten Vogel sein Blut in winzigen Rationen ein. Die Wunde, die ihr Leben mit so grausamer Bedingungslosigkeit bedrohte hatte, schloss sich wie von Geisterhand zusammengefügt. Sie lag da mit geschlossenen Augen und schien ihrer Genesung entgegenzuschlafen.
   Enzo beugte sich ergriffen über sie und küsste sie sanft auf ihre weichen Lippen. Sie hatte ihr Leben für ihn aufs Spiel gesetzt, und er wehrte sich vergeblich gegen seine Ergriffenheit. Er hob sie hoch und trug sie wie ein kostbares Gut in ihr Bett, deckte sie vorsichtig zu. Aber sie schien andere Pläne zu haben. Mit einem Seufzer öffnete sie die Augen und sah ihn erstaunt an. Sie wirkte verwirrt und schloss die Lider, um sie sofort wieder zu öffnen. »Da ist überall Blut!«, sagte sie voller Entsetzen und starrte auf ihren Pullover.
   »Luzia hat dich übel zugerichtet.«
   Catya fasste sich an den Hals. »Danke, du hast mich gerettet«, sagte sie und musterte ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal.
   »Ich habe dir zu danken. Du hast sie mit ziemlich großem Geschütz abgelenkt. Genau die Sekunden benötigte ich, um mich aufzurappeln.«
   »Wie konntest du wissen, dass sie da ist?«, fragte Catya und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
   »Ich habe ihren Schall wahrgenommen, obwohl sie eine Meisterin im Verschwinden ist. Unzählige Male hat sie sich meiner Verfolgung auf unerklärbare Weise schon entzogen.«
   Catya war matt zurückgesunken und lag mit geschlossenen Augen da. Sie sah wunderschön aus. Bleich und entspannt, wie die Verführung in Person, kaute sie auf ihren Lippen, die ihn magisch anzogen.
   »Du solltest schlafen. Ich bleibe zu deinem Schutz hier bis morgen früh«, sagte er, und verschwieg ihr, dass einzig seine Zerstreutheit Luzia erlaubt hatte, den Palazzo zu betreten.
   Catyas Angriff kam unerwartet, und der heisere Laut, mit dem sie seine Hand ergriff, brachte ihn beinahe um seinen Verstand.
   Er sah ihre Veränderung erst, als er in ihre Türkisaugen sah. Sie schien nicht an Schlaf zu denken.
   Enzo ließ ihre Hand los, als hätte er sich daran verbrannt. Ihre Verletzung war gravierend gewesen. Er hatte ihr schon zum zweiten Male von seinem Blut gegeben, um sie zu retten, ohne daran zu denken, was geschehen würde. Ihr Blick zeigte ihm ganz klar, dass der Lauf der Dinge nicht mehr aufzuhalten war. Sie begehrte ihn bereits mehr, als gut für sie war, und ihr Verlangen würde sich während der nächsten Stunden noch steigern. »Hör zu«, sagte er ernst. »Mein Blut hat deine Wahrnehmung verändert, und das Beste wäre, du würdest jetzt schlafen gehen.«
   Er saß neben ihr auf dem Bett, was definitiv zu nahe war. Aber er kam nicht dazu, sich zu erheben. Mit verschleiertem Blick zog sie ihn zu sich hinunter. Er wollte sich ihr entziehen, aber sie hielt ihn fest, entschlossen, ihn nicht gehen zu lassen. Ihre Hände zitterten, und ihre Wangen röteten sich vor Anstrengung. Ihr Parfüm hüllte ihn ein, und die starke animalische Note, die ihm entgegenschlug, wollte er sich nicht entgehen lassen.
   Langsam, beinahe widerstrebend, senkte er den Kopf – bis er ihre vollen Lippen berührte. Sie hießen ihn weich und willig willkommen, als er sie küsste. Voller Verlangen beantwortete sie seinen Kuss mit einer Heftigkeit, die er ihr in ihrem Zustand nicht zugetraut hätte. Diese duftende Frau erregte ihn mehr, als gut für ihn war. Er brachte seine Zunge ins Spiel, und sie fanden zu einem wilden Tanz. Er neckte sie immer wieder herausfordernd und sie antwortete ihm wie ein verspieltes Kind.
   Er wollte Catya mehr, als er je eine Frau gewollt hatte.
   Sie war weich und warm und weckte all seine Sinne. Nie, seit er ein Vampir war, hatte er einen Duft so intensiv wahrgenommen, und ihm zu widerstehen, war eine süße Qual, die erregender nicht sein konnte. Er legte sich neben sie und drosselte das Tempo. Sie schmiegte sich an ihn, als wollte sie sich seiner Form anpassen.
   Er erzitterte, ihre Wärme kroch in ihn hinein, drang durch seinen harten Panzer, der ihn normalerweise gegen diese Art von Nähe schützte. Er rutscht zum Ende des Bettes, um seine Fassung wiederzugewinnen. Keine Frau war jemals zu seinem Kern vorgedrungen, der gut geschützt in seinem Inneren verborgen lag. Catya rutschte nach. Erneut erlag er ihrer Wärme, die Röntgenstrahlen gleich in sein Inneres drangen und seinen Kern zum Schmelzen brachten. Ohne Abwehr folgte er seinem Begehren, zog ihr den blutverschmierten Pullover aus und streichelte ihre weiche Haut. Er küsste Catya zärtlich und verschlang sie mit seinem Blick. Sie erwiderte seinen Kuss leidenschaftlich.
   Mit seinen Lippen wanderte er langsam ihren Hals hinunter. Ihre Schlagader vibrierte. Er verharrte kurz, ging dann weiter. Er hatte andere Pläne. Er verließ die Halsregion und glitt mit ihren Lippen weiter bis zu ihren wundervollen Brüsten, die sich straff und kühl anfühlten. Die Knospen verhärteten sich, als er sie mit der Zunge liebkoste.
   Catya verharrte, was er ihrer Schwäche zuschrieb, die aber nur kurz andauerte und mit einem intensiven Aufschwung endete. Sie zog ihn an sich und schlug ihre Nägel in seinen Rücken, als wollte sie sich eingraben, was sein Muskelpanzer zu verhindern wusste. Stöhnend umschlang sie seine Schultern, die zu breit waren, um sie zu umfassen, und landete kurze Zeit später in seinen Haaren, die sie durchwühlte. Ihre Hände hinterließen ein intensives Kribbeln auf seiner Kopfhaut. Dann änderte Catya ihre Taktik und drückte seinen Kopf nach unten in Richtung ihres Schoßes, als wollte sie ihm ihren Lustnektar anbieten. Enzo lächelte über ihre Ungeduld, die sie weiterhin würde ertragen müssen. Ihre Ungeübtheit war offensichtlich und machte ihn wild.
   Er wollte diese Frau unbedingt, auch wenn er ein stürmischer Draufgänger war, der Unerfahrenheit hasste. Aber er beschloss, sich zurückzuhalten, etwas, das er sonst nie tat. Er würde warten, bis ihr Blutrausch vorüber war und dann ihre Entjungferung zelebrieren, langsam und genussvoll. Der Gedanke erregte ihn mehr, als gut für ihn war.
   Catya hob ihre Hüften, schien nur auf eines aus zu sein. Noch nie hatte er etwas Erregenderes erlebt als diese Menschenfrau, die sich, verloren in ihrer Lust, unter ihm wand. Ihr Parfum hatte eine erdige Duftnote angenommen und verwandelte sein Begehren, in einen reißenden Strom. Seine ganze Kraft aufbietend, löste er sich aus Catyas Umklammerung und wich zurück, als wäre sie ein Sprengkörper, der bei der kleinsten Berührung explodierte.
   Sie gab einen entrüsteten Laut von sich.
   Enzo rang um seine Kontrolle, während er entschlossen den Raum verließ und durch den Rundgang eilte.
   Catya war im Rausch seines Blutes und nahm ihn anders wahr, stärker und intensiver. Sie konnte nichts dafür.
   Er eilte durch den Palazzo. Aus einem unerfindlichen Grund wurde diese ganze Sache mit Catya immer komplizierter. Er fand Shilo und trug ihr auf, die Frau zu überwachen. Sie nickte und folgte ihm bis zur Eingangstür. Dort stellte er die Türsicherung ein und trat hinaus in die Nacht. Er war froh, dass Catya überlebt hatte. Sie war ein unbeteiligter Mensch und sollte nicht wegen einer Vampirfehde sterben. Er blickte prüfend auf die dunkle Lagune. Es war ein grober Fehler gewesen, den Alarm nicht wieder einzuschalten, als er das Haus betreten hatte. Ein zweites Mal würde ihm das sicher nicht passieren. Er durfte diese Vampirin nicht weiterhin unterschätzen.

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