In der Arena des Linzer Vampirherrschers Mad Milo kämpft Marco wieder und wieder um sein Leben. Seine Fans bangen und zittern um ihn und bejubeln seine Siege. Unter ihnen Nicky, Vampirin und Computernerd. Eines Tages beschließt sie, ihn zu befreien, denn sie ist überzeugt: Wer so wunderbare Augen hat, kann kein kaltblütiger Mörder sein, der Spaß am Töten hat. Doch hat sie wirklich recht? Schließlich ist der menschliche Ex-Widerstandskämpfer Marco nicht umsonst als Vampirkiller bekannt ...

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Bettina Ferbus

Bettina Ferbus
© Ottmar Krenn
Bettina Ferbus ist eine bekennende Süchtige. Sie ist süchtig nach Pferden - das hat sich schon in ihrem Hauptberuf niedergeschlagen: Sie ist Reitlehrerin - und sie ist süchtig nach Gedrucktem. Zwanghaftes Lesen mit einer besonderen Vorliebe für Phantastisches führte dazu, dass sie Geschichten zu schreiben begann. Zuerst Kurzgeschichten, die in verschiedenen zum Teil preisgekrönten Anthologien erschienen sind, später auch längere Texte.

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Leseprobe

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1. Kapitel
Nicky

Der Dschungel schien den Atem anzuhalten. Die von der Feuchtigkeit glänzenden Blätter hingen regungslos an den Zweigen. An einer Blattspitze zitterte ein Wassertropfen, doch er wagte nicht, zu fallen.
   Dann schob sich Marco mit fließenden, gleitenden Bewegungen zwischen den Stämmen hervor. Auf seinem nackten Oberkörper glänzte Schweiß. Ein paar Strähnen seines dunkelblonden Haars klebten feucht an seiner Stirn. Unter der zu einem zarten Bronzeton gebräunten Haut bewegten sich die perfekt modellierten Muskeln. Die knapp sitzende schwarze Hose ließ nur wenig Spielraum für Fantasie. Er hatte die Figur eines Leichtathleten, punktete stets durch seine Schnelligkeit und Wendigkeit.
   In einer Hand hielt er ein Schwert, in der anderen ein Messer. Mit der gespannten Langsamkeit einer Raubkatze schob er sich vorwärts. Seine Augen waren zusammengekniffen, die Brauen berührten sich beinah, sodass sich zwischen ihnen eine steile Falte bildete – ein Zeichen seiner Konzentration.
   Sein Arm zuckte vor, das Schwert verschwand in einem Wald aus Blättern. Als er es ruckartig zurückzog, war es rot. Eine Gestalt taumelte zwischen all dem Grün hervor, hielt die Hände an die Brust gepresst. Schaumig rot troff Blut von den Lippen.
   Marco holte aus. Über seinem Gesicht lag ein konzentrierter Ausdruck. Dann fuhr das Schwert zischend hinab, trennte den Kopf sauber vom Rumpf. Eine Blutfontäne tränkte die Blätter, während der Kopf zu Boden fiel und der Körper ein paar Schritte vorwärts taumelte, bevor er mit zuckenden Beinen zusammenbrach.
   »Pass auf!«
   Marco wirbelte herum. Das Schwert wirkte wie eine Verlängerung seiner Hand. Es schien die Kehle seines Gegners kaum zu berühren, dennoch hinterließ es eine klaffende Wunde, aus der mit jedem Herzschlag ein Schwall Blut schoss. Der Angreifer taumelte, griff sich an den Hals, versuchte mit bloßen Händen, den roten Strom zu stoppen. Wenige Sekunden später ging er in die Knie und fiel schließlich vornüber.
   »Du hättest das nicht tun müssen.« Marco wandte sich an den Jungen, der sich schräg hinter ihm mit lautem Rascheln aus dem Dickicht befreite.
   »Ich weiß.«
   Julian, zwanzig, wurde unterhalb des Jungen eingeblendet. Seine Augen waren so durchdringend blau, dass sich Nicky automatisch fragte, ob er Linsen trug. Er hatte das dicke tiefschwarze Haar der Asiaten. Auch seine Gesichtszüge verrieten sein Erbe, das sich jedoch vorteilhaft mit dem ebenso offensichtlichen europäischen mischte.
   »Er war der Letzte – nicht wahr?« Die Unterlippe des Jungen zitterte leicht. Als er lächelte, offenbarte er seine Vampirzähne. Langsam ging er auf Marco zu, ließ dabei das Schwert keinen Moment aus den Augen, doch an das Messer dachte er erst, als es in seinem Herzen steckte.
   »Nein, Junge, du bist der Letzte.« Marco sagte es sanft, leise, während er den Körper des taumelnden Vampirs auffing und zu Boden gleiten ließ. Die Mundwinkel des Jungen zuckten. Er schien noch etwas sagen zu wollen, hatte jedoch bereits die Kontrolle über seinen Körper verloren. Fast schien es, als wollte er lächeln, dann entspannten sich seine Züge und die blauen Augen wurden starr.
   Marco richtete sich auf, nachdem er den Toten auf dem Boden abgelegt hatte. Sein Gesicht war ausdruckslos. Die Augen wie kalte graue Murmeln. Nur für einen Moment, als er noch einmal auf den toten Jungen zu seinen Füßen hinabsah, wurde ihr Ausdruck weich. Nicht so offensichtlich, dass es einem unbedarften Beobachter aufgefallen wäre, aber Nicky hatte die Aufnahme schon so oft gesehen, dass sie selbst das kleinste Detail wahrnahm.
   So gelang es ihr auch, im richtigen Moment auf den Knopf zu drücken, der das Bild einfror. Marcos Gesicht in Nahaufnahme. Sie starrte es an und es war beinah, als würden seine Augen ihren Blick erwidern, als würde er sie aus dem Bildschirm heraus ansehen.
   Eine Illusion. Natürlich. Sie kannte nur das Äußere dieses Mannes. Was sagte es schon aus, dass er vor zwei Monaten dreißig geworden war? Sein Sternzeichen war der Stier. Mit ein Grund, warum er manchmal als Kampfstier bezeichnet wurde. Mad Milos blonder Bulle, der in der Arena um sein Leben focht. Dabei hatte er, schlank und athletisch, nichts Bullenhaftes an sich.
   Möglich, dass Mad Milo selbst diesen Namen in Umlauf gebracht hatte. Er liebte solche Spielchen. Nicky kannte inzwischen drei Namen, unter denen der Tyrann von Linz im Netz unterwegs war. Er mischte in verschiedenen Foren mit und wer seine Meinung offen kundtat, war gut beraten, seine Identität geheim zu halten, sonst hatte er innerhalb kürzester Zeit Mad Milos Polizei vor der Tür stehen. Denn der Einzige, der sich kritisch über Mad Milo äußern durfte, war Mad Milo selbst.
   Er hatte während des Vampirkrieges die Herrschaft über Linz an sich gerissen. Zuerst noch als Präsident, der seiner Wählerschaft unzählige Versprechungen machte – den Vampiren eine perfekt ausgebaute unterirdische Stadt, den gleichberechtigten Menschen sollten die oberirdischen Teile überlassen werden. Doch es dauerte nicht lange und aus Präsident Milotinovic wurde Mad Milo, der Menschen nur als Blutbeutel betrachtete und jeden Vampir, der es wagte ihm zu widersprechen, in die Arena schickte.
   Mit einem leisen Pling kündigte Nickys Computer eingehende Nachrichten an. Ein Kontrollblick zeigte ihr, dass es sich nur um einen Newsticker handelte.
   Humanoplex, die Hoffnung vieler Vampire, hat sich als wirkungslos erwiesen. Es ist immer noch nicht möglich, die Verwandlung rückgängig zu machen. +++ Sonnenblut ist in der Testphase. Erste Ergebnisse lassen hoffen, dass es die Selbstentzündung von Vampiren der zweiten Generation um mehrere Minuten verzögert. +++ Albert Primus, Assistent von Professor Hildebrand, hat gestanden, einen Grippeimpfstoff kontaminiert zu haben, um den Rahmen für einen flächendeckenden Versuch zu schaffen.
   Nicky hatte nichts anderes erwartet. Professor Hildebrand war einer jener Männer gewesen, die die Erde als ihr persönliches Versuchsfeld ansahen. Warum ein Genie wie er ausgerechnet darauf verfallen war, ein Virus zu kreieren, das bei infizierten Menschen, wenn sie die Blutgruppe AB positiv hatten, eine Verwandlung zum Vampir auslöste, indem es das Erbgut veränderte, konnte sie sich jedoch nicht erklären. Kein Wunder, dass sich seine Schöpfungen gegen ihn gewandt und ihn auf grausamste Weise getötet hatten.
   Dabei war es möglich, mit Viren zu heilen! Sie bestanden schließlich nur aus einer Hülle und darin eingeschlossenem Erbmaterial, hatten keinen eigenen Stoffwechsel, konnten sich nicht selbst vermehren, sondern waren darauf angewiesen, die Zellen eines Wirtsorganismus für ihre eigenen Zwecke zu manipulieren. Viren waren klein. Viren kamen überall hin. Veränderte man ihr Erbmaterial, veränderte man auch ihre Wirkung.
   Die Idee, Viren für Impfungen zu verwenden, hatten Wissenschaftler schon vor Professor Hildebrand. Bei diesen sogenannten Vektor-Impfungen wurden mithilfe von Viren Gensequenzen eingeschleust, die Körperzellen dazu brachten, die Proteine eines Erregers zu produzieren. Damit wurde die Immunabwehr aktiviert, jedoch ohne das Risiko einer echten Infektion.
   Es sollten Impfstoffe gegen HIV und Ebola entwickelt werden. Der erste jedoch, der auf den Markt kam, war jener gegen die Hundegrippe. Hundegrippe deshalb, weil der liebste Freund des Menschen im Verdacht stand, dieses Virus ebenfalls zu übertragen. Ein Grund mehr, sowohl Hund als auch Herrn zu impfen. Womit das Verhängnis seinen Lauf nahm. Hunde verwandelten sich zwar nicht, aber sie standen seither im Verdacht, durch einen Biss die Verwandlung auslösen zu können. Von Hundeliebhabern stets dementiert, von Vampirhassern heiß verfochten, erhitzten sich an diesem Thema auch nach dem Vampirkrieg noch die Gemüter.
   Studien, die zeigten, dass der Umgang mit Hunden vollkommen harmlos war, wurden durch solche widerlegt, die genau das Gegenteil bewiesen. Es kam immer darauf an, wer bezahlte. Alles in allem war jedoch die Zahl der Hunde deutlich zurückgegangen. Und es konnte durchaus sein, dass der Vampirkrieg niemals ausgebrochen wäre, hätten die Hundefreunde ihre Lieblinge nicht mit solcher Inbrunst verteidigt.
   Während Nicky über Professor Hildebrand und die Folgen seiner Forschungen nachdachte, lief in roter Schrift die Ankündigung eines Kampfes über den Bildschirm.
   Erich der Löwenmann stellt sich einer ganzen Horde von Kannibalen. Morgen 20.15 Uhr.
   Mad Milo gab seinen Kämpfern gern fantasievolle Namen. So gab es auch eine Schlangenfrau, die tatsächlich beweglich wie eine Schlange war und diese Tiere auch als Waffen einsetzte, und einen Mystery Man, der stets nackt, jedoch jedes Mal mit einer anderen Körperbemalung auftrat.
   Erich hatte die Statur eines Wikingerkriegers, eine wallende blonde Mähne, die ihm bis auf die Schultern herabfiel. Der erfolgreiche Kampf gegen einen ausgewachsenen Löwen hatte den Löwenmann perfekt gemacht.
   Er war beliebt, beliebter noch als der eher einsilbige und meist ernste Marco, denn er gab sich bei den Interviews stets leutselig, ging auf seine Fans zu, ließ sich von den Zuschauern in der Arena anfassen und posierte – gegen entsprechendes Entgelt – für Fotos.
   Er wurde aufgrund seines schauspielerischen Talents meist bei Gruppenkämpfen eingesetzt, war als Tarzan ebenso aufgetreten wie als Revolverheld. Mit dem Geld, das Mad Milo für die jeweilige Dekoration der Arena aufwendete, hätte Nicky ihren Lebensunterhalt auf Jahrzehnte hinaus bestreiten können.
   Marco sah man häufiger in Zweikämpfen, bei denen seine technischen Fähigkeiten mehr zur Geltung kamen. Seine Aufgabe war meist, Mad Milos Feinde, egal ob Menschen oder Vampire, möglichst effektvoll und so, dass sie ihr Gesicht wahren konnten, vom Leben zum Tode zu befördern. In dieser Hinsicht hatte Mad Milo die Ehre eines Mafiabosses und Marco wurde nicht umsonst sein Henker genannt.
   Ein weiteres Pling riss Nicky aus ihren Gedanken.
   Drei neue Verhaftungen wegen missbräuchlicher Verwendung von Mad Milos Namen und Verunglimpfung seiner Person. Die jugendlichen Täter, ein Mensch und zwei Vampire, neunzehn beziehungsweise zwanzig Jahre alt, haben ‚Linz mutiert zum Irrenhaus, darum muss Mad Milo raus’ an eine Außenwand des Linzer Allgemeinen Krankenhauses gesprayt.
   Die Strafe für ein solches Vergehen war üblicherweise die Arena. Es gab auch Spiele, die sich darauf beschränkten, die Delinquenten lächerlich zu machen, doch so mancher ertrug es nicht, in aller Öffentlichkeit sein Gesicht zu verlieren und beging nach seiner Freilassung Selbstmord. Andere wiederum weigerten sich, bei diesen Spielchen mitzumachen und landeten daher bei den tödlichen Kämpfen.
   Ob das bei dem Jungen, den Marco getötet hatte, der Fall gewesen war? Sie mochte nicht daran denken, dass er tatsächlich tot war. Nicky vermisste die Zeiten, als Leute, die im Fernsehen starben, aufstanden, sobald die Kameras abgeschaltet wurden. Der Vampirjunge mit den blauen Augen würde nie wieder aufstehen.
   Die Übertragungen zeigten normalerweise nicht, wie die Leichen aus der Arena gebracht wurden. Manchmal jedoch schleifte ein Kämpfer im Siegestaumel seinen toten Gegner hinter sich her und gelegentlich tauchten Filmchen im Netz auf, die von einem der Gäste in der Arena illegal gemacht worden waren. Normalerweise sah sich Nicky so etwas nicht an. Sie fand es pietätlos, mit welcher Grobheit die toten Körper behandelt wurden, und fühlte sich von den rauen Scherzen, die irgendwelche Idioten als Kommentare dazu posteten, nur abgestoßen.
   Diesmal war es anders. Sie suchte alle möglichen Details zu dem Kampf. Zuerst fand sie nur Hintergrundinformationen. Die Gärtnerei Scherfauer und der Neue Botanische Garten Linz hatten die für die Dekoration benötigten Pflanzen gestellt.
   Der verwendete Leopard war ein überzähliges Männchen aus dem Zoo Linz. Es gab einige Proteste, weil ein halb zahmes Tier eingesetzt worden war. In anderen Kommentaren wiederum wurde darauf hingewiesen, dass sich solche Tiere durch ihre mangelnde Scheu vor Zweibeinern unter Umständen als noch gefährlicher erweisen konnten als ihre wilden Artgenossen. Ein Link zum entsprechenden Ausschnitt aus dem Kampf befand sich unter dem Kommentar. Und ja, der Leopard hatte sein Leben durchaus heftig verteidigt, zuerst einen Menschen mit einem Genickbiss getötet und einem Vampir den Oberschenkel und die Brust zerfleischt. Beinah sah es so aus, als würde er den Vampir auch noch töten. Er hatte ihn unter sich und setzte bereits dazu an, ihn in die Kehle zu beißen, als er zusammenbrach. Dem Vampir war es im letzten Augenblick gelungen, ihm einen Dolch zwischen die beiden Unterkieferäste zu stoßen. Als der Leopard zur Seite kippte, war der Griff deutlich zu sehen. Der Vampir hatte sich damit jedoch nur wenige Minuten erkauft. Selbst seine Regenerationsfähigkeit reichte nicht aus, um die zerfetzte Schlagader am Oberschenkel zu heilen.
   Als Nächstes fand Nicky einen Hinweis auf die Kämpfe der darauffolgenden Woche und ein Interview mit Marco direkt nach dem Kampf. Man hatte ihm nicht einmal Zeit gelassen, das Blut abzuwaschen. Im Gegenteil, er schien sogar noch blutiger zu sein.
   Nicky wechselte noch einmal zur Aufzeichnung. Sie hatte recht. War er doch schwerer verletzt, als zuerst angenommen? Nein, er hatte wirklich nicht mehr als ein paar Kratzer. Das meiste Blut stammte ohnehin von seinen Gegnern. Wenig später fand Nicky die Erklärung. Ein privates Filmchen, wie es häufig nur kurz im Netz kursierte, bevor es Mad Milos Zensur erlag. Ein paar Minuten Material, die einen erschöpften Marco zeigten. Die Augen müde, die Schultern wie von einem schweren Gewicht nach unten gedrückt. Er winkte den Arbeiter fort, der den Arm des Jungen packen und den Leichnam aus der Arena schleifen wollte. »Ich nehme den hier mit. Kümmer du dich um das Grünzeug.«
   Der Arbeiter warf einen kurzen Blick auf das blutige Schwert in Marcos Händen und hatte es ziemlich eilig, aus dem Weg zu kommen.
   Marco reinigte sein Schwert notdürftig mit einem Blatt und steckte es in die Scheide auf seinem Rücken. Für einen Augenblick schloss er die Augen. Sein Brustkorb hob und senkte sich mit einem tiefen Atemzug. Er ging in die Knie und nahm den toten Jungen auf seine Arme.
   Er trug ihn so vorsichtig aus der Arena, als hielte er seinen Sohn und nicht irgendeinen fremden Vampir, dem er wenige Minuten zuvor ein Messer ins Herz gerammt hatte. Sein Gesicht war ausdruckslos, doch seine Augen bodenlose Seen gefüllt mit tiefster Traurigkeit.
   Nicky hielt die Aufnahme an. Sie zog die Unterlippe durch die Zähne, atmete tief ein und mit einem leisen Seufzer wieder aus. Hastig wischte sie die Tränen fort, die sich in ihren Augenwinkeln sammelten.
   Dieser Film bestätigte, was sie schon eine ganze Weile dachte: Jemand wie Marco sollte nicht in der Arena kämpfen müssen.

2. Kapitel
Marco

Marco blieb ruhig liegen, als er erwachte. Das hatte er sich während seiner Zeit beim Widerstand – der den Vampiren in Linz das Leben so schwer, wie nur irgend möglich machte – angewöhnt und später, nachdem er geschnappt worden war, in der Arena beibehalten.
   Er lag mit Sicherheit nicht auf seiner Pritsche. Die Matratze war weicher als gewohnt und das Kissen roch nicht vertraut. Er hörte leises Klappern und den Atem einer anderen Person. Sein Kopf schmerzte. Das war schon öfters vorgekommen. Es hieß meist, dass er die vergangenen Stunden in einer Ohnmacht verbracht hatte. Allerdings fühlte sich dieser dumpfe Druck, der ihn diesmal plagte, anders an, als die üblichen Nachwirkungen einer Gehirnerschütterung. Marco öffnete vorsichtig die Augen, blickte auf graues Linoleum, ein Wirrwarr aus Elektrokabeln und die blanken Metallfüße von Büromöbeln.
   »Ah, du bist wach!« Eine weibliche Stimme. Hoch und schrill.
   Unwillkürlich wandte er sich in die Richtung, aus der die Stimme kam, was sein Kopf mit einer Schmerzwoge quittierte, und wollte sich aufsetzen. Fesseln an Hand- und Fußgelenken hinderten ihn jedoch daran, sodass er ungelenk wieder auf die Matratze zurückfiel.
   »Sorry wegen der Fesseln. Ich wusste nicht, wie du reagierst, wenn du aufwachst.«
   Er hörte das Geräusch, mit dem ein Drehstuhl über den Boden rollte, dann ein kurzes Zischen.
   »Du sollst viel trinken, wenn du aufwachst, haben sie gesagt. Dann lassen auch die Kopfschmerzen sofort nach.«
   Sie trat in sein Blickfeld. Ein rundes Puppengesicht. Stupsnase. Rehbraune Augen. Dunkelblondes Haar, das in ungebärdigen, krausen Locken bis auf die Schultern fiel. Zierliche Figur, nur notdürftig verhüllt durch ein knappes T-Shirt und nicht weniger eng sitzende Jeans. Er schätzte sie auf zwanzig, höchstens fünfundzwanzig. Sie lächelte verlegen. Dabei kamen die leicht verlängerten Schneidezähne zum Vorschein. Nicht so auffällig, wie bei vielen anderen ihrer Art, und jemand, der noch nicht so viel Erfahrung mit Kaninchen hatte wie Marco, hätte sie vielleicht für einen Menschen halten können. Doch die Art, wie sie sich bewegte, wie sie ihn musterte, war eindeutig. Sie war ein Vampir, aber einer von jenen, die Blut nur brauchten, um das Sonnenlicht zu ertragen und mit einer vergleichsweise geringen Menge des Lebenssaftes auskamen. Da sie in Relation zu den ‚richtigen’ Vampiren verhältnismäßig harmlos waren und ihre Zähne tatsächlich an Nagetiere erinnerten, waren sie schon von ihrem Schöpfer, Professor Hildebrand, ‚Kaninchen’ genannt worden. Richtig mit Blut abgefüllt, konnten jedoch auch sie zu gefährlichen Gegnern werden, deren Kraft die eines Menschen bei Weitem überstieg. Und den Vergleich mit den pelzigen Langohren mochten sie überhaupt nicht. Sie selbst bezeichneten sich lieber als die ‚Erste Generation’.
   Als ob das ein Ehrentitel wäre! Dabei waren sie sozusagen unausgereifte Prototypen, die den Experimenten dieses verrückten Wissenschaftlers entsprungen waren. Denn verrückt musste man sein, wenn man allen kreativen Ehrgeiz und sämtliche zur Verfügung stehenden Mittel dazu verwendete, um durch Genmanipulation aus Menschen Vampire zu machen, die ihren Vorbildern aus den Mythen vollkommen glichen.
   »Komm schon, trink!« Sie stützte ihn unbeholfen. Die Wasserflasche in ihrer Hand zitterte. Das Häschen war nervös. Unwillkürlich musste er grinsen. Deshalb war ihre Stimme so schrill.
   »Da ist nur Wasser drin – ehrlich!«
   Ein wenig der Flüssigkeit benetzte seine Lippen, sein Körper übernahm den Rest. Er trank die Flasche zur Hälfte leer. Dann musste er kurz absetzen, atmen und rülpsen.
   »Sorry! Ich hätte wohl die ohne Kohlensäure nehmen sollen.«
   Worüber sich die Kleine Sorgen machte! Er musste unwillkürlich lachen. Dieses Häschen war wirklich kein kaltblütiger Entführer oder Killer. Plötzlich wurde er wieder ernst. Wahrscheinlich kam jeden Moment ihr Liebhaber oder Chef herein. Er sah sich unauffällig nach einem Fluchtweg um. Zuerst musste er das Kaninchen ausschalten, dann die Fesseln loswerden und zusehen, dass er von hier wegkam.
   »Alles okay. Es passiert dir nichts.« Das Häschen klang nicht überzeugend, denn ihre Stimme zitterte und sie sah genauso verschreckt aus wie ihr vierbeiniger Namensvetter im Angesicht einer Schlange.
   »Bis dein Lover kommt – oder?«
   »Welcher Lover?« Nun sah sie ihn irritiert aus ihren großen braunen Augen an.
   »Na, der, der diese ganze Komödie inszeniert hat.«
   »Sorry, aber ich habe dich rausgekauft.«
   Er starrte sie an, konnte nicht glauben, dass dieses Häschen auf eigene Faust gehandelt hatte. Ausschließlich richtig hartgesottene Typen wagten es, sich mit Mad Milo anzulegen. Mit dem Namen kam die Erinnerung zurück. Die Zellen, der Drill. Nur das Essen war gut gewesen, denn schließlich wollte Mad Milo, dass seine Kämpfer in der Arena eine ordentliche Show ablieferten. »Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass du den Mumm und die Kohle für so eine Aktion hast. Sieht hier nicht gerade nach Nobelschuppen aus.«
   Das tat es tatsächlich nicht. Wasserflecken und Risse verunzierten die Wände, die längst wieder gestrichen hätten werden sollen. Von der Decke hing eine einzelne nackte Glühbirne. Das abgetretene Linoleum hatte auch schon bessere Tage gesehen. Ein Bett war nirgends zu entdecken. Es gab bloß die blanke Matratze, auf der er lag. Nur der Laptop auf dem Schreibtisch war ein neues Modell und mit allerlei anderem Schnickschnack verkabelt. Marcos Computerkenntnisse hielten sich in Grenzen, aber das sah nach Profiequipment aus.
   Das Kaninchen wurde rot. »Ich habe sein Geld genommen.«
   »Wessen?«
   »Na, Mad Milos.«
   »Wie soll das gehen?«
   »Ich habe mich in sein System gehackt.«
   Ein Pling ertönte vom Schreibtisch her. Das Häschen wurde bleich.
   »Was ist los? Hat Mad Milo deinen Hackerangriff bemerkt?«
   Sie schüttelte den Kopf, sodass ihre Locken wie eine Wolke um ihn herumwogten. »Nein, das wäre ein anderes Signal. Aber ich war wohl im realen Leben nicht so gut dabei, meine Spuren zu verwischen. Die Polizei ist oben am Eingang.
   Sie ließ ihn so hastig los, dass er reichlich unsanft auf die Matratze zurückplumpste.
   »Sorry«, sagte sie und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Laptop zu. »Mist! Wir haben keine Zeit mehr.«
   Ihre Finger flogen nur so über die Tastatur. Die externen Geräte begannen, wie wild zu piepsen. Rote und grüne Lichter blinkten. Dann unterbrach sie die Kabelverbindungen, klappte den Laptop zu, steckte ihn in eine schlammbraune Tasche, die sie sich umhängte. Dann kam sie zu Marco.
   »Du kannst jederzeit gehen, okay? Es besteht also kein Grund, mich anzugreifen.«
   Ihre Hände zitterten deutlich, als sie sich an seinen Fesseln zu schaffen machte. Er regte sich nicht. Auch als die Plastikbänder fielen, stand er nicht sofort auf. Den Fehler hatte er nur einmal gemacht und ihn mit einer blutigen Nase bezahlt. Er setzte sich vorsichtig auf, wartete, bis sich sein Kreislauf stabilisiert hatte, und massierte währenddessen seine Hände und Füße.
   »Wir nehmen den Hinterausgang. Damit kommen wir in die Kanalisation und weiter in die Gänge, die uns aus Linz herausführen.«
   Also war er noch in Linz und damit auch im unmittelbaren Herrschaftsbereich von Mad Milo, der sich gleich nach dem Krieg zwischen Menschen und Vampiren als Präsident der Föderation Linz und Umgebung hatte wählen lassen, nur um innerhalb weniger Monate ein Terrorregime zu errichten.
   Kurze Zeit später begann er damit, einen Teil der Hallen des Linzer Stahlwerks, der Voest Alpine, in eine aufwendige Arena mit allen möglichen technischen Tricks umzugestalten. Mit den tödlichen Spielen hielt er das blutsaugende Volk bei Laune und die Menschen unter seiner Knute.
   Nun, der eine oder andere Kampf mochte auch den Menschen gefallen. Dann nämlich, wenn sich ein Vampir etwas zuschulden hatte kommen lassen und Marco zum Einsatz kam. Der Vampir durfte seine Unschuld in einer modernen Form des Gottesurteils beweisen. Doch sie hatten sich alle als schuldig erwiesen, denn Marco hatte jeden einzelnen von ihnen getötet.
   »Sorry, wenn ich das so sagen muss, aber du wirst dich wohl an mich halten müssen, um hinauszufinden. Dort unten ist das reinste Labyrinth. Die ursprüngliche Kanalisation ist in den letzten Jahren von den Vampiren erweitert worden. Sie wollten tagsüber nicht in ihren Häusern festsitzen.«
   Marco hatte davon gewusst, sich in seiner Zeit im Widerstand sogar das eine oder andere Mal in die Randbereiche der unterirdischen Gänge gewagt. Jedoch nur, um einem Vampir aufzulauern und ihn ins Jenseits zu befördern. Seine bevorzugten Waffen waren sein Dolch und sein Schwert. Schnell, lautlos und effizient. Das Häschen hatte also berechtigterweise Angst vor ihm. Aber Marco war nicht dumm. Wenn ihn Mad Milos Polizei erwischte, war er wesentlich schlechter dran als in der Gesellschaft dieses Kaninchens. »Keine Sorge, Häschen. Ich werde brav sein.«
   »Ich heiße Nicky.«
   Er reagierte nicht darauf, erhob sich langsam und kam auf sie zu. Sie wich vor ihm zurück, drehte sich so, dass sie ihn sehen konnte, während sie am Lichtschalter herumhantierte. Plötzlich klappte die Plastikabdeckung auf und offenbarte komplizierte Elektronik. Nicky gab eine Kombination in das Tastenfeld ein und was Marco zuvor für Sprünge in der Wand gehalten hatte, wurde zu den Umrissen einer Tür.
   »Drück mal dagegen.«
   Sie deutete auf den Umriss. Marco tat, wie ihm geheißen worden war, und spürte, wie die Tür augenblicklich nachgab. Ein muffiger Geruch schlug ihm entgegen.
   »Gehen wir.«
   Nicky deutete auf das dunkle Rechteck. Mit gebührender Vorsicht trat Marco in die Finsternis. Alles konnte sich in der Schwärze verbergen und mochte sich dieses kleine Häschen auch harmlos geben, so gab es keine Garantie dafür, dass es nicht doch irgendwelche Heimtücken plante. Vielleicht war das Ganze auch ein Trick von Mad Milo. Er liebte es, seine Opfer in Sicherheit zu wiegen, mit ihnen zu spielen und dann, wenn sie glaubten, ihm entronnen zu sein, schlug er zu wie eine giftige Viper.
   Nicky zog die Tür zu. Marco hörte das leise Klick, mit dem das Schloss einrastete. Die Taschenlampe in Nickys Hand war winzig, verdiente den Namen beinah nicht. Ihr schwacher Schein beleuchtete den Weg nur unzureichend. Zumindest für menschliche Augen. Nicky jedoch lief voran, als würde im Gang Tageslicht herrschen. Marco hatte Mühe, ihr zu folgen.
   Ihr Kopf war hoch erhoben und sie drehte ihn mal in die eine, dann wieder in die andere Richtung. Manchmal zögerte sie, bedeutete Marco mit einer Handbewegung, ebenfalls stehen zu bleiben und still zu sein, nur um ihn wenige Minuten später wieder weiterzuführen.
   Schließlich machte sie die Lampe aus. Es war nicht gänzlich dunkel, aber der schwache Lichtschein, den winzige Lichter an den Wänden verbreiteten, reichte für menschliche Augen nicht. Marco fasste nach Nickys Schulter, als sie weiterging, ohne auf ihn zu achten. Sie war zart wie ein Kind. Er konnte die Knochen unter seinen Fingern spüren. Und er spürte auch, wie sie unter seiner Berührung zusammenzuckte und sich ihm zu entwinden versuchte.
   Marco brachte seinen Mund nahe an ihr Ohr. »Keine Angst, Häschen. Ich sehe bloß nichts.« Er sprach so leise wie möglich, denn hier unten trug der Schall weit.
   Nicky versuchte nicht mehr, ihn abzuschütteln, dennoch war ihre Anspannung deutlich zu fühlen. Die Sehnen waren straff wie Drahtseile, und wenn sie sich einen Moment lang nicht bewegte, spürte er, wie sie zitterte.
   Marco fühlte sich ebenfalls unwohl, wenn auch aus anderen Gründen. Die Dunkelheit weckte Erinnerungen an lange Nächte, in denen er regungslos auf der Lauer gelegen hatte, während die feuchte, kühle Luft langsam, aber sicher durch sämtliche Kleiderschichten drang und sich in den Knochen festsetzte. Nächte, in denen schon ein Niesen tödlich sein oder zumindest den Jagderfolg zunichtemachen konnte.
   Er passte seine Bewegungen denen von Nicky an, beneidete sie um die Sicherheit, mit der sie sich durch die Gänge bewegte. Es gab nicht viel, worum er die Vampire beneidete, die Fähigkeit, in der Dunkelheit ebenso gut zu sehen wie eine Katze, gehörte jedoch eindeutig dazu.
   Er blieb automatisch stehen, als Nicky innehielt. Sie drängte sich dich an ihn. »Polizei«, flüsterte sie kaum hörbar. »Wir können hier nicht raus. Wir müssen einen Umweg machen und zu einem anderen Ausgang.«
   Marco zögerte, als Nicky umdrehte. Waren es wirklich Polizisten, die am Tunneleingang Posten standen, oder vielleicht ehemalige Kameraden vom Widerstand? Er selbst hatte mehr als einmal die Tunneleingänge benutzt, um Vampiren aufzulauern. Zweimal war es ihm sogar gelungen, Polizisten auf Patrouille auszuschalten und sich ihre Uniformen anzueignen.
   Was immer Nicky sah, für Marco war die Gestalt am Tunneleingang nicht mehr als ein vager Schatten, der sich gegen das Licht der nächtlichen Stadt abhob. Doch dann drehte der Polizist den Kopf. Ein ungeübter Beobachter hätte vielleicht keinen Unterschied bemerkt, aber Marco kannte die Vampire und ihre Art, sich zu bewegen, zu gut. Sie hatte etwas Weiches, Gleitendes und erinnerte ihn stets ein wenig an Schlangen. Also folgte er Nicky, ließ sich von ihr in den nächsten Gang hineinziehen.
   »Mist, da sind schon wieder welche.«
   Nicky änderte die Richtung, führte Marco weiter durch das Labyrinth aus dunklen Gängen. Mal gab es ein wenig mehr Licht, dann war es wieder stockdunkel. Gelegentlich flohen Ratten mit leisem Trippeln. Mal floss stinkendes Abwasser neben ihnen und sie balancierten auf schmalen, glitschigen Pfaden, dann wieder kamen sie durch vollkommen trockene Gänge, die Platz für zwei Autos nebeneinander geboten hätten. Doch egal, welche Richtung sie auch versuchten, sie mussten jedes Mal wieder umdrehen.
   »Sorry. Tut mir echt leid! Ich glaube, die haben alle Ausgänge abgeriegelt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so wichtig bin.«
   »Du vielleicht nicht. Aber Mad Milo lässt seinen Henker sicherlich nicht so ohne Weiteres entkommen.«
   Marco konnte Nicky schlucken hören, als er sie daran erinnerte, wen sie hinter sich hatte. Ihr ganzer Körper bebte. Er wartete nur darauf, dass sie sich losriss und panisch das Weite suchte, doch sie straffte sich. »Sorry, aber ich fürchte, uns bleibt nur noch ein Ausweg.«
   Er fragte nicht, was sie meinte, sondern folgte ihr einfach, als sie weiterging. Nicky zuckte jedes Mal zusammen, wenn einer von ihnen in eine Pfütze trat und der Hall das leise Platschen durch die Gänge trug. Nach einer Weile hörte Marco das Geräusch von fließendem Wasser. Nicht das dezente Rauschen der Abwasserkanäle. Es war das beständige Brausen eines großen, fließenden Gewässers.
   »Du willst doch nicht etwa zur Donau?«
   »Das ist nicht die Donau. Das ist die Traun.«
   Marco blieb stehen. »Das ist ja noch schlimmer. Mad Milo hat sie zu einem so gut wie unüberwindlichen Hindernis ausgebaut, damit niemand auf die Idee kommt, Linz vom Süden her anzugreifen.«
   »Ich weiß. Wir müssen so spät wie möglich einsteigen und bis Pucking durchhalten. Dort sollten wir eine Möglichkeit haben, auszusteigen.« Ein Zucken lief durch ihren Körper, als hätte sie einen elektrischen Schlag erhalten. Sie blieb stehen. Atmete nicht. Nur ihr Herz raste. Marco konnte ihren Puls in seiner Handfläche spüren. Dann hörte er es auch. Schritte. Leise. Verstohlen. Mindestens zwei Leute.
   »Wir müssen uns beeilen.«
   Nicky rannte los. Marco konnte ihr kaum folgen.
   »Mist, von der anderen Seite kommen auch welche.«
   Sie hatte recht. Die Vampire machten keine Anstalten mehr, sich zu verbergen. Sie waren sich ihrer Beute sicher. Nur ein Wahnsinniger würde in den Fluss springen.
   »Das ist Selbstmord!«
   »Du musst nicht mit mir kommen. Das Schlimmste, was sie dir antun, ist, dass sie dich wieder in die Arena stecken. Wenn sie mich erwischen, töten sie mich. Langsam! Da ertrinke ich lieber. Das ist eine angenehmere Art zu sterben.« Sie machte sich von ihm los, rannte auf das Rauschen zu.
   Marco stand einen Augenblick lang da, die Hand in die Luft erhoben. Er hatte nicht einmal daran gedacht, sie festzuhalten. Starrte nur ihrer kleiner werdenden Gestalt nach. Dann rannte er ebenfalls los. Zwar hatte er die Arena nicht freiwillig verlassen, aber er bezweifelte, dass Mad Milo das ebenfalls so sehen würde. Sollten ihn die Vampire erwischen, würde Mad Milos Henker zwar in die Arena zurückkehren, aber nur noch ein einziges Mal und auch nur, um einen möglichst grausamen und spektakulären Tod zu sterben. Nicky hatte recht. Ertrinken war die angenehmere Variante.

3. Kapitel
Nicky

Der gemauerte Wall, der den Fluss in eine schmale Bahn zwang, war steil und glatt. Unmöglich, ihn emporzuklettern. Es gab keine Absperrung, die verhinderte, dass jemand in den Fluss sprang. Man ging davon aus, dass sich niemand freiwillig in das reißende Wasser stürzen würde und wenn, dann war er innerhalb kürzester Zeit kein Problem mehr.
   Nicky hatte den Sog erwartet, die Gewalt der reißenden Fluten, dennoch überraschte sie die Härte der Oberfläche, die Kraft, die ihren Körper herumschleuderte, gegen die Wände prallen ließ und untertauchte. Ihre Tasche war hinderlich, aber sie wollte den Laptop nicht loslassen. Vieles war in ihrem Kopf abgespeichert, aber so manches hatte sie in verschlüsselten Dateien versteckt. Wenn sie hier herauskam, war dieser Laptop ihre beste Chance, weiter am Stuhl von Mad Milo zu sägen. Sie wollte, dass er aufhörte, Linz in seine persönliche Spielarena zu verwandeln.
   Für ein paar Augenblicke schaffte sie es, sich über Wasser zu halten, schnappte nach Luft, nur um beinah noch im selben Moment erneut mitgerissen zu werden. Sie kämpfte sich nach oben, wurde herumgewirbelt, wusste mit einem Mal nicht mehr, ob oben wirklich noch oben war. Sank sie womöglich sogar zum Grund des Flusses hinab? Da spürte sie Luft an ihrer Wange, atmete hastig ein, bekam Wasser in den Hals, musste husten, tauchte wieder unter, schaffte es einem Korken gleich jedoch erneut an die Oberfläche.
   Dunkel wurde zu hell. Statt Tunnelwänden gab es nun grauen wolkenverhangenen Himmel. Sie nutzte die Sekunden, die sie über Wasser blieb, um nach Marco Ausschau zu halten, doch sie entdeckte ihn nirgends. Vielleicht hatte er sich tatsächlich dazu entschlossen, sich in die Arena zurückbringen zu lassen. Ein Stich durchfuhr sie. Dann wäre alles umsonst gewesen.
   Der Fluss strömte nun ein wenig ruhiger, aber die Wände waren aus glattem Beton. Nicht einmal ein Gecko hätte diese Fläche emporklettern können. Näherkommendes gleichmäßiges Brausen ließ Böses ahnen. Der Wasserfall! Es hieß, er sei hoch genug, um einen menschlichen Körper zu zermalmen. Und natürlich gab es keine Möglichkeit, vorher auszusteigen. Sie musste durch, musste sich vom Wasser tragen lassen und darauf vertrauen, dass die Verwandlung ihren Körper widerstandsfähig genug gemacht hatte. Das Brausen wurde lauter, übertönte schließlich jedes andere Geräusch. Der Sog des dahinschießenden Wassers zerrte immer heftiger an ihr.
   Schon ging es hinab. Solange sie fiel, war es nicht so schlimm, doch dann kam der Aufprall. Sie hörte in sich ein Knacken wie von einem brechenden Zweig. Eine Woge aus rot glühender Pein durchflutete sie. Ihre Glieder gehorchten ihr nicht mehr. Nicky konnte sich nicht regen, nicht gegen die Wucht der auf sie herabstürzenden Fluten ankämpfen.
   Das war es also, das Ende ihrer Karriere als Befreiungskämpferin. Sie würde als eine von vielen Leichen enden, die sich in den Gittern an der Stadtgrenze verfingen. Zur Unkenntlichkeit aufgedunsen und unbeachtet in einem Massengrab verscharrt.
   Etwas riss an ihr, zerrte an ihrem Arm. Schmerzwellen liefen durch ihre Wirbelsäule. Sie wollte unwillkürlich einatmen, bekam Wasser in die Lunge, musste husten, schluckte noch mehr Wasser, wurde weitergezogen. Dann, endlich Luft! Sie musste erneut husten, obwohl es wehtat. Ihre Lungen brannten, ihr ganzer Brustkorb schmerzte. Arme und Beine kribbelten und fühlten sich taub an, aber sie ließen sich wenigstens wieder bewegen.
   »Du bist echt ein verrücktes Huhn!«
   Marco – lebte! Er war bei ihr, hatte sie gerettet, als sie selbst sich verloren gegeben hatte. Im Stillen dankte sie Mad Milo für die Drogen, die seine erfolgreichen Kämpfer erhielten und durch die sie ebenso widerstandsfähig wie Vampire wurden.
   Plötzlich klopfte ihr Herz nicht nur wegen der Anstrengung. Selbst durchgeweicht und erschöpft war Marco unglaublich schön. Am liebsten hätte sie ihn umarmt, wagte es jedoch nicht.
   Seine Haare klebten wie dünne dunkle Tentakel am Kopf, die grauen Augen musterten sie, während er versuchte, sich an der Betonwand ein wenig abzustützen.
   »Geht es wieder? Dann sollten wir weiter.«
   Das stimmte. Sie hatten keine Zeit, um zu verweilen und zum Rasten war diese Stelle sowieso nicht geeignet. Marco konnte hier zwar stehen, aber der Beton war glitschig und sie mussten ständig gegen die Strömung ankämpfen.
   Es knallte und keinen Meter von Nicky entfernt spritzte das Wasser auf. Sie wurde vorwärtsgerissen, wehrte sich den einen Moment, den sie brauchte, um zu verstehen, dass Marco sie weiterzerrte. Halb schwimmend, halb tauchend, halb von der Strömung getrieben, flohen sie flussabwärts. Einmal erhaschte Nicky einen Blick auf die beiden Schützen mit ihren Gewehren, die ihnen am Ufer folgten. Dann tauchte sie auch schon wieder und hoffte, dass sie unter Wasser schwerer zu treffen war.
   Ein kurzer Blick nach vorn zeigte ihr Felsen im Wasser und zwischen ihnen hoch aufspritzende weiße Gischt. Die Stromschnellen! Von ihnen hatte sie nur Grauenhaftes gehört. Es hieß, es sei so gut wie unmöglich, sie zu überleben.
   Jäh aufflammende Panik durchdrang wie ein eiskalter Stachel den Schildkrötenpanzer aus allgegenwärtiger Angst und bohrte sich ihren Weg quer durch Nickys Bauch. Doch sie hatte nicht lange Zeit, sich zu fürchten. Schon erfassten sie die Strudel, schleuderten sie nach links, dann wieder nach rechts, zerrten sie nach unten, bis sie glaubte, nie wieder atmen zu können, nur um sie Augenblicke später wieder an die Oberfläche zu drücken. Die Erleichterung über den einen Atemzug, der ihr gelang, wurde sofort zunichtegemacht durch den harten Aufprall an einem der Felsen. Die Höllenfahrt schien kein Ende zu nehmen. Marco konnte sie nirgends sehen. Da waren nur wild schäumendes Wasser und Gesteinsbrocken – ebenso grau wie der wolkenbedeckte Himmel.
   Sie versuchte den Felsen auszuweichen, hatte Angst vor den Schmerzen, die jeder Zusammenstoß neu in ihrem Körper entfachte. Und doch geschah es und sie ertrug, was sie geglaubt hatte, nicht mehr ertragen zu können. Mehrfach war sie in Versuchung, einfach einzuatmen, wenn sie sich unter Wasser befand. Dann wäre es innerhalb kürzester Zeit vorbei. Ertrinken war ein gnädiger Tod. Hoffte sie zumindest.
   Vielleicht war sie schon tot und hatte es nur noch nicht bemerkt. Aber nein, das konnte nicht sein. Ihr Körper schmerzte zu sehr. Tote hatten keine Schmerzen. Oder war das in der Hölle anders? Denn dorthin würde sie wohl kommen, schließlich war laut Aussage der Prediger der meisten Glaubensgemeinschaften für Vampire kein Platz im Himmel.
   Womöglich waren diese Stromschnellen ihre ganz persönliche Hölle und sie wurde für immer und ewig von ihnen herumgeworfen, eingesperrt in einen schmerzenden, nach Luft schreienden Körper, der eigentlich nicht existierte.
   Auf einmal ging es nicht mehr weiter. Die Strömung presste sie gegen etwas Festes. Nicky spürte das Gitter mehr, als dass sie es sah.
   »Wir müssen nach oben. Durch die Stäbe kommen wir nie.«
   Er war wieder da! Marco! Wie behände er an dem glatten Gitter hochkletterte. Jemand mit weniger Arenaerfahrung als er hätte es wohl nicht geschafft. Und ihm gelang es sogar noch, ihr die Hand zu reichen und sie hochzuziehen, während er sich mit den Beinen festklammerte.
   »Komm, streng dich an. Du schaffst es.«
   Sie wollte sich vor ihm keine Blöße geben, kämpfte, als sie eigentlich keine Kraft mehr hatte, zwang ihre protestierenden Muskeln, sich zu bewegen und schob ihren Körper Zentimeter für Zentimeter nach oben. Wenigstens konnte sie wieder mit jedem Atemzug Luft holen. Wenn sie nur nicht ständig husten müsste. Wenn ihre Augen nicht so tränen würden. Wenn sie nur aufwachen und feststellen könnte, dass sie bloß träumte und sie ihr warmes Lager nie verlassen hatte. Plötzlich kam sie nicht mehr weiter. Die Laptoptasche hatte sich verkeilt.
   »Lass das Scheißding da!«
   Nicky schüttelte den Kopf und zerrte an dem Riemen. Sie hatte ein Vermögen für diese Tasche ausgegeben und der Händler hatte ihr versichert, dass sie nicht nur gut gepolstert, sondern auch zu hundert Prozent wasserdicht war. »Damit bringen Sie Ihren Laptop unbeschadet einmal quer durch die Hölle und zurück.«
   Wehe, wenn nicht! Dann konnte er sich auf etwas gefasst machen. Und wenn sie ihm als Geist erscheinen musste!
   »Sei nicht so stur! So ein verdammtes Teil kann nicht wichtiger sein als dein Leben.«
   Sie hatte nicht umsonst jahrelang Beweise gegen Mad Milo gesammelt und außerdem war auf dem ‚Teil’ ein Programm, das sie geschrieben hatte und das Passwörter schneller knackte als jedes andere Programm auf dem ganzen Planeten.
   »Das kann doch wohl nicht wahr sein! Das Ding ist sowieso längst Schrott!«
   Marco zog an ihrem Arm. Sie machte sich von ihm los. Eine Gewehrkugel traf mit einem scharfen Ping den Eisenstab direkt neben ihr.
   »Sei doch nicht so dämlich! Schlüpf aus dem Mistgurt und lass die Tasche Tasche sein.«
   Doch so schnell gab Nicky nicht auf. Sie schob und drückte, während Kugeln ein ums andere Mal zwischen den Gittern hindurchzischten oder das Metall auch direkt trafen. Es war reines Glück, dass keine von ihnen ihr Ziel fand. Einmal war es so knapp, dass Nicky den Luftzug an ihrer Wange spüren konnte. Dann bewegte sich die Tasche endlich, ließ sich zwischen den Stäben hervorzerren. Nicky hatte keine Zeit, ihre Erleichterung zu genießen. Ihre Verfolger schienen keine besonders guten Schützen zu sein. Dennoch erhöhte sich mit jedem Schuss die Wahrscheinlichkeit, dass sie trafen. Hastig setzte Nicky ihren Weg fort, folgte Marco, der bereits ein Stück weitergeklettert war, das Gitter überwand – vorsichtig darauf bedacht, sich an den scharfen Spitzen nicht zu verletzen – und ihr dabei half, es ihm gleichzutun.

Sie liefen die Mauer entlang, ein viel zu gutes Ziel für die Schützen, die ihnen immer noch auf den Fersen waren.
   »Wir müssen wieder ins Wasser.«
   Marco hatte recht. Ihre Verfolger kamen beständig näher. Damit erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit eines Treffers. Wenn sie die Mad Milos Gebietsgrenze erreichen wollten, mussten sie wohl oder übel zurück in den Fluss. Es lagen noch mehrere Kilometer vor ihnen und zu Fuß waren sie viel zu langsam. Alles in Nicky sträubte sich, dennoch stieß sie sich von der Mauerkante ab, sprang, vertraute sich wieder dem Fluss an. Auch wenn es höchstens vier oder fünf Meter bis zum Wasser waren, presste ihr der Aufprall alle Luft aus den Lungen und Wasser in die Nase. Sie kam japsend und hustend an die Oberfläche. Was hätte sie dafür gegeben, nicht mehr schwimmen, nicht mehr gegen das kalte Wasser ankämpfen zu müssen.
   Dann war Marco neben ihr und was er als Mensch schaffte, das musste sie als Vampir schon lange hinbekommen. Plötzlich zuckte er zusammen und wurde schlaff. Neben seinem Kopf färbte sich das Wasser rot. Diese Idioten hörten immer noch nicht auf, zu schießen. Dass sie einen der Flüchtigen getroffen hatten, schien sie nur noch mehr anzuspornen. Marco trieb mit dem Gesicht nach unten.
   Nicky fasste nach ihm, versuchte ihn umzudrehen, damit er atmen konnte, und krallte dabei ihre klammen Finger in seine Jacke, um die Strömung daran zu hindern, ihn ihr wieder zu entreißen. Aber wollte sie wirklich sehen, welchen Schaden die Kugel angerichtet hatte? Was, wenn er entstellt war? Was, wenn er ganz offensichtlich tot war? Vor ihrem inneren Auge manifestierten sich grauenvolle Bilder. In ihrer Fantasie fehlte Marco mal der Unterkiefer, dann wieder waren Wange und Auge weggerissen worden.
   Nein, Marco durfte nicht tot sein!
   Sie nahm all ihre Kraft zusammen und drehte ihn mit einem Schwung auf den Rücken. Das viele Blut machte es schwer, etwas zu erkennen, doch das Gesicht schien unbeschadet. Nur am Haaransatz quoll tiefrotes Blut hervor, so oft das Wasser es auch wegspülen mochte. Wie tief ging diese Wunde? Nicky würde sie später in Augenschein nehmen müssen, im Moment schaffte sie es kaum, sich über Wasser zu halten. Die unhandliche Laptoptasche zerrte an ihr, nur um Augenblicke später in ihren Rücken gedrückt zu werden. Sie versuchte, sie zu fassen zu kriegen und als Schwimmkissen zu benutzen, was ihr nach mehreren Versuchen auch gelang.
   Nun kamen auch aus einer anderen Richtung Schüsse. Noch mehr Polizei! Oder doch nicht? Nicky konnte es aus den Augenwinkeln nur undeutlich erkennen, aber es schien, als wäre der Angriff gegen ihre Verfolger gerichtet.
   Sie schluckte Wasser und musste husten, als sie den Blick zu lange auf die Männer mit den Gewehren richtete, während sie gleichzeitig darum bemüht war, Marco über Wasser zu halten.
   Endlich wich die Betonmauer einer natürlichen Uferböschung. Waren hier früher auch schon so viele Felsen gewesen? Nicky wusste es nicht. Sie hatte keine Ahnung, wie das Ufer der Traun vor dem Vampirkrieg ausgesehen hatte. Egal. Hauptsache, sie schaffte es aus dem Wasser, bevor sie zum Eiszapfen gefror. Viel fehlte dazu nicht mehr.
   Es gelang ihr, Marco an den Rand des Flusses zu bugsieren. Wie ein Rettungsschwimmer einen Ertrinkenden halten musste, wusste sie zwar nur aus Filmen, aber irgendwie funktionierte es. Jetzt noch die Felsen hoch. Sein schlaffer Körper war so verdammt schwer! Außerdem schmerzte ihr Rücken. Das dumpfe Pochen der Prellungen hätte sie problemlos ignorieren können, aber bei manchen Bewegungen durchfuhr ein scharfes Stechen ihr Rückgrat, als hätte sie einen elektrischen Schlag erhalten.
   Vampire heilten schneller als Menschen. Wenn sie genügend Blut zur Verfügung hatten, geradezu unglaublich schnell.
   Das Blut, das aus Marcos Kopfwunde sickerte, roch verlockend. Warum es verschwenden, wenn es ihr zu der Kraft verhelfen konnte, die sie brauchte? Sie beugte sich über ihn. Er fühlte sich kühl an. Gerade so, als würde ihre Zunge Stein berühren, aber sein Blut war heiß und köstlich. Nicky unterdrückte ein genussvolles Stöhnen.
   Sie durfte ihn auf keinen Fall wecken. Nicht jetzt! Wer konnte wissen, wie er reagieren würde, wenn er sie dabei erwischte, wie sie sein Blut leckte. Schließlich hatte er sein Leben lang Vampire gejagt und getötet. Er würde sie mit Sicherheit nicht freiwillig sein Blut trinken lassen.
   Mit jedem Tropfen, der ihre Kehle hinab floss, fiel die Erschöpfung mehr von ihr ab, ließen die Schmerzen nach und kehrte die Kraft in ihre zerschlagenen Glieder zurück. In diesem Moment war sie froh, ein Vampir zu sein, denn als Mensch hätte sie diese Tortur nicht überlebt.
   Nicky stemmte Marco hoch, hielt sich mit einer Hand an den Felsen fest und suchte mit ihren Füßen Halt. Dann veränderte sie ihren Griff, arbeitete sich Zentimeter für Zentimeter weiter. Vorsichtig tastete sie sich voran. Immer wieder lösten sich kleinere Bröckchen, polterten in die Tiefe und landeten platschend im Fluss. Auf einmal ging es nicht mehr weiter. Wieder hatte sich die Tasche verhakt und war einfach nicht loszubekommen. Nicky fluchte, stemmte Marco auf einen Vorsprung und zerrte mit beiden Händen wütend an dem Riemen. Da gab der Fels unter ihr nach, sie rutschte ab. Panisch krallte sie sich in das raue Gestein, schaffte es, sich wieder sicheren Stand zu verschaffen. Ihr Puls raste und sie rang nach Atem. Nur einen Moment innehalten, sich ein wenig erholen. Gleich konnte sie noch mal versuchen, die Tasche zu befreien. Doch was war das? Marcos schlaffer Körper geriet ins Rutschen! Zuerst noch kaum merklich, sodass man es sich auch einbilden konnte, dann immer offensichtlicher.
   Nicky musste ihn aufhalten! Sie zerrte am Trageriemen, aber sie bekam das verdammte Ding einfach nicht los!
   Es war keine bewusste Überlegung. Es war etwas, das einfach passierte. Sie schlüpfte aus dem Riemen. Ihre Füße fanden beinah von selbst Halt im Gestein und sie fasste nach Marco. Sie schob ihn, zog ihn, drückte ihn und nach einer gefühlten Ewigkeit lag sie neben ihm im Gras der Uferböschung.
   Nicky hörte nichts als ihre eigenen keuchenden Atemzüge und das Pochen ihres rasenden Herzens. Sie wollte sich nie wieder bewegen. Einfach nur daliegen und genießen, dass sie atmen konnte. Doch sie musste sich zu Marco umdrehen, sehen, wie sich seine Brust hob und senkte.
   Aber sie hob und senkte sich nicht!
   Er lag da wie tot!
   Sie hatte geglaubt, sich vor Erschöpfung nie wieder bewegen zu können, dennoch war sie innerhalb eines Sekundenbruchteils auf den Knien und kauerte über ihm, lauschte nach seinem Herzschlag – und konnte nichts hören!
   Vielleicht nur, weil ihr das eigene Blut in den Ohren rauschte? Sie legte eine Hand auf seine Brust. Aber auch jetzt fühlte sie nichts. Keinen Herzschlag. Keinen Atemzug.
   Nicky ballte die Fäuste und schlug auf das zertretene Gras neben ihren Knien ein. Das Leben war gemein! Wie konnte es wagen, ihr Marco ausgerechnet jetzt wieder zu nehmen.
   Was war nun mit den tollen Drogen, die seinem Körper die Kräfte und Regenerationsfähigkeit eines Vampirs verliehen? Hatte sie nicht selbst mitgevotet, wenn es darum ging, abzustimmen, welcher Kämpfer es verdient hatte, jenen Wundertrank zu bekommen, der ihn in kürzester Zeit wieder auf die Beine brachte? Und hatte sie nicht mit eigenen Augen gesehen, wie Marco jene glitzernde blaue Flasche an die Lippen führte? Gebrochene Knochen heilten innerhalb weniger Tage, kleinere Fleischwunden sogar innerhalb von Stunden.
   So konnten die Fans ihren Helden früher wieder auf dem Bildschirm bewundern und hatten gleichzeitig seine Chancen für den nächsten Kampf verbessert. Wer den Trank zu sich nahm, bewegte sich schneller, geschmeidiger und gleichzeitig mit mehr Kraft.
   Zuvor schon ein sehr guter Kämpfer, der geradezu verbissen an seiner Technik feilte, war Marco durch diese Droge nahezu unbesiegbar geworden. Und doch lag er vor ihr, so wie sie ihn in den Nahaufnahmen gesehen hatte. Allerdings war er blass und seine Haut wirkte beinah grau.
   Sie schüttelte ihn. Sein Kopf fiel schlaff zur Seite. Die Wunde hatte aufgehört zu bluten. Man konnte deutlich sehen, dass es sich bei der Verletzung nur um einen Streifschuss handelte. Sie sah nicht tödlich aus, aber er hatte bewusstlos im Wasser gelegen. Nein! Mad Milos Henker konnte nicht ertrunken sein. Das war unmöglich!
   Nicky versuchte sich alles ins Gedächtnis zu rufen, was sie über Erste Hilfe gelernt hatte. Es war so lange her, aber sie erinnerte sich zu gut an diese widerliche Plastikpuppe. Wenn ihr die Worte des Rettungssanitäters nur genauso deutlich im Gedächtnis geblieben wären! Wo hatte sie ihre Hände platzieren müssen? Sie wusste es nur noch ungefähr. Und wenn sie etwas anstellte? Toter als tot konnte er nicht werden! Sie legte die Hände übereinander auf seine Brust, presste rhythmisch mit den Handballen. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal.
   Sie konnte seine Muskeln unter ihren Händen spüren. Was hatte sie seinen durchtrainierten Körper in den Fernsehübertragungen bewundert! In ihren Fantasien hatte sie ihn berührt und dabei sanft seine Narben nachgezeichnet. Zu beinah jeder Verletzung wusste sie die Geschichte. An der Schulter der schmale Strich eines Schwertstreichs, über den Rippen ein abgeglittener Dolchstoß und am Arm das gezackte Mal eines Vampirbisses. Sie wollte ein Lächeln in sein Gesicht zaubern, wenn sie mit zärtlichen Fingern die Spuren der Gewalt streichelte.
   Nichts davon würde jemals Wirklichkeit werden. Er tötete Vampire, er küsste sie nicht. Auch wenn er bei den Gruppenkämpfen mit dem einen oder anderen zusammengearbeitet hatte, war er es, der überlebte. Marcos Gnade bestand in einem schnellen Tod. Aber das spielte alles keine Rolle. Nicht, wo er kalt und reglos vor ihr lag. Sie vermisste seine große, warme Hand auf ihrer Schulter. Dieses Prickeln, in dem sich Angst mit Erregung mischte. Sie würde alles dafür tun, damit er seine Augen wieder öffnete.
   Mund-zu-Mund-Beatmung! Seinen Nacken überstrecken, dann ihre Lippen auf seine legen, ihm die Nase zuhalten und blasen so fest sie konnte. Tränen liefen dabei über ihre Wangen. Manchmal wurden Wünsche erfüllt, aber oft nicht so, wie es den eigenen Vorstellungen entsprach. Sie hatte davon geträumt, einmal seine Lippen auf den ihren spüren zu dürfen. Aber lebendig, heiß und voller Leidenschaft!
   Wieder Herzmassage, Beatmen, Herzmassage, Beatmen …
   Etwas ihn ihr war nahe daran aufzugeben, als er sich aufbäumte, hustete, zur Seite drehte und in die Wiese erbrach. Er lag da. Keuchend. Auf seinen Ellbogen gestützt. Einen Augenblick später wandte er sich zu ihr um.
   Zuerst sah sie Irritation in seinem Blick, doch dann erstarrten seine Züge zu einer eiskalten, gefühllosen Maske.

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