Liebstein ist ein abgelegenes Dorf, in dem langsam aber sicher die Moderne Einzug hält und den alten Glauben an Zauberwesen und Geister verdrängt. Nur eine will das nicht hinnehmen: Fiona. Kein Wunder, dass man sie im Dorf für seltsam hält.
Eine Vollmondnacht ändert alles. Drei riesige Wölfe zieht es auf ihrem Beutezug in das alte Dorf. In höchster Gefahr gewährt Fiona den heranstürmenden Tieren Unterschlupf und rettet ihnen damit das Leben. Am nächsten Morgen sieht sie sich am Ziel ihrer Träume. Anstatt der Wölfe erwachen neben ihr drei imposante Männer: Lex, Carras und Serafin. Darf sie den geheimnisvollen Gestaltwandlern vertrauen? Mehr und mehr Dörfler schöpfen Verdacht und der nächste Vollmond zieht gewaltige Feinde in das Dorf – ein gefürchtetes Wolfsrudel, das es auf Serafin und seine Gefährten abgesehen hat. Hineingezogen in die gefährliche Welt der Wölfe, in einen Kampf um Macht und Freiheit, muss Fiona sich nun behaupten, denn sie wird niemals zulassen, dass jemand ihren neuen Freunden etwas antut, zumal einer von ihnen heimlich ihr Herz erobert hat.

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ISBN: 978-9963-727-18-6

Seiten: 436

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Viola L. Gabriel

Viola L. Gabriel
Hinter dem Namen Viola L. Gabriel steht das Autoren-Trio Viola Schmidt, Leonard Schmidt und Gabriela Schmidt. Nach der Idee der (inzwischen) 23-jährigen Viola taten sich die Mutter und der 19-jährige Bruder mit ihr zusammen, um zwei Jahre lang gemeinsam zu recherchieren und zu schreiben. Inspiration war immer wieder ihr Hund Remus. Viola Schmidt studiert seit 2010 „Theater und Medien“ an der Universität Bayreuth. Sie schreibt mit Begeisterung für Film und Theater und ist Gewinnerin zweier Drehbuchpreise für Jugendliche. Leonard Gabriel Schmidt hat gerade sein Abitur gemacht und steht nebenbei als Sänger und Gitarrist mit seiner Band „Lot“ und bei Musicalproduktionen auf der Bühne. Gabriela Schmidt absolvierte ein Studium der Literaturwissenschaften, ist Mitarbeiterin in einer PR-Agentur und Mutter von vier Kindern. Die „Dreimond“-Saga ist das erste Buchprojekt im Familienteam.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Atemlos starrte sie in die klirrend kalte Vollmondnacht.
   Die drei Schatten, die sich eben erst vom Dorfrand gelöst hatten, jagten über die lang gestreckte, in fahles Licht getauchte Anhöhe auf sie zu. Irgendjemand im Dorf läutete die Sturmglocke. Klagende Klangfetzen und fernes Hundegebell drangen zu ihr herauf, während sich schemenhaft die Umrisse dreier vor Anstrengung dampfender Leiber vor der mondbeschienenen Fläche abzeichneten.
   Die Wesen hatten inzwischen gut die Hälfte des steinigen Hangs hinter sich gelassen und würden sie in weniger als einer Minute erreichen. Mit rasendem Puls, aber unfähig, sich zu rühren, verharrte sie weithin sichtbar inmitten der geöffneten Tür.
   Langsam schloss sie die Augen. Überdeutlich vernahm sie das immer lauter werdende, keuchende Hecheln, das dumpfe Trommeln heranstürmender Pfoten.
   Sie riss die Augen auf und blickte in die eng zugekniffenen Sehschlitze eines riesigen schwarzen Wolfs, aus dessen schweißglänzender Kehle ein tiefes, drohendes Grollen drang.
   Da breitete sie ihre Arme aus – und lachte.

TEIL I
Begegnung

Kapitel 1

Wunsch

Sonne.
   Rotgoldene Nachmittagssonne, die Fiona blinzeln ließ.
   Und doch konnte sie ihn zwischen den herbstgelben Blättern des alten Apfelbaums erspähen. Rot, glänzend und verheißungsvoll. Sie rang nach Luft, krempelte ihre Ärmel hoch, fixierte das Ziel weit oben in der knorrigen Baumkrone und nahm die erste Sprosse. Die schiefe Leiter zitterte bedenklich, doch sie stand fest. Fiona grinste.
   Also los …
   Sie kletterte in die Höhe, hörte Desiree unter sich aufgeregt grunzend um den alten Stamm stromern. Weniger aus Sorge, als aus Lust auf Äpfel, schwante es Fiona. Das Hängebauchschwein, ihre einzige Wohngefährtin, war eine große Egoistin, und noch dazu unersättlich.
   Konzentration! Nicht zu viel denken! Nicht nach unten sehen! Schau nur auf ihn: den einzigen, den wichtigsten, den letzten Apfel des Baumes!
   Hinter der Frucht verbarg sich ein Geheimnis.
   Langsam, ganz langsam kam sie ihr näher. Leider reichte die Leiter nicht ganz heran, und nach kurzem Zögern zog sich Fiona auf jenen Ast, an dessen äußerstem Zweig verheißungsvoll sein Ein und Alles glänzte. Die Sache war zu wichtig, um jetzt aufzugeben.
   Erleichtert atmete Fiona aus, weil der Ast ihrem Gewicht standhielt. Es hatte eben auch seine Vorteile, klein und dünn zu sein. So rutschte sie weiter nach vorn, Moosstaub an ihrem weißen Kleid, und war dem Ziel zum Greifen nah, als der Herbstwind urplötzlich auffrischte. Jetzt erwachte der alte Baum zum Leben, wand sich zuckend, um mit ganzer Kraft die Diebin seines letzten Schatzes abzuwerfen. Fiona klammerte sich an den Ast und kämpfte gegen den Schwindel an, als der Windstoß abflachte. Sie hatte ihr Gleichgewicht gerade wiedergefunden, als ein Ächzen den Ast durchfuhr.
   Freier Fall.
   Zwei fliegende Sekunden.

Was für ein Windstoß!
   Unbehaglich vergrub sich Nanna tiefer in ihren roten Wollmantel. Es hatte nichts Gutes zu bedeuten, wenn die Winde am Tag vor dem Vollmond so friedlos, so ruhelos sausten. Etwas lag in der Luft, etwas Sonderbares, das spürte sie in jedem ihrer alten Knochen.
   Wehmütig blickte sie sich um. Die Strahlen der Abendsonne tauchten ihr kleines, von wilden Kräutern umschlossenes Holzhaus, das sich zwischen den großen Fachwerkhäusern des Dorfes versteckte, in ein tiefes Rot. Zu gern säße sie drinnen in ihrem Schaukelstuhl. Warm und wohlbehütet. Vielleicht mit dem ein oder anderen Kümmelkeks.
   Es half nichts. Nur bei Vollmondlicht gepflückt entfaltete der Gnadenwurz, der sich tief im Wald verbarg, jene heilsame Wirkung, die Wunder bei Blutungen und Entzündungen tat. Ein hilfreiches Kraut, von dem eine Kräuterfrau und Heilerin wie Nanna stets genug im Haus haben sollte, und leider, leider war ihr Vorrat beinahe aufgebraucht. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und endlich aufzubrechen.
   Wie zum Spott blies ihr der kalte Herbstwind ins Gesicht, als sie entlang der schmalen Straße ging, die aus dem Dorf hoch zum Wald führte.
   Der Name des Hundertseelenörtchens, in dem sie von Geburt an lebte, war Liebstein. Nicht sehr passend, denn lieblich waren sie nun wirklich nicht, die krummen und grotesken Felsen, die die Umgebung prägten und über, neben und unter den Fachwerkhäusern emporragten. Sie mochte diese grauen Riesen, die so gar nicht zu den streng säuberlich gefegten Straßen des Örtchens passten, und trotzdem nicht daran dachten, den Menschen Platz zu machen, die ihre Häuser wohl oder übel an die alten Steine lehnten und ihre Wege um die Felsen winden mussten.
   Der Herbstwind frischte abermals auf, rüttelte an den Fensterläden und riss einen Blumentopf von einer Fensterbank, der krachend in tausend Stücke zerbrach. Ein schlechtes Vorzeichen?
   Lennart, der Tischler, saß, von alldem unbeeindruckt, auf der Treppe zu seiner Werkstatt und rauchte eine Zigarre. Wortlos nickte er Nanna zu, als sie an ihm vorüberging. Ein dünnes schwarzes Kätzchen wand sich um den Kastanienbaum, der seit jeher vor der Dorfschenke wuchs. Bald öffnete sich ihr die nächste Gasse, in der Karl Zwieker, der Trunkenbold, unruhig auf und ab schlurfte. Offensichtlich konnte er es kaum erwarten, bis die Wirtsleute ihm Einlass gewährten. Eilig bog Nanna zum Dorfplatz ab.
   Am Brunnen, der sich schief an einen mannshohen Felsen schmiegte, hatte sich eine Gruppe junger Leute um Emerald, den Sohn des Schweinehirten, versammelt, den Nanna sofort an seiner schallend lauten Stimme erkannte. Der Junge gab mit vollem Körpereinsatz eine seiner Geschichten zum Besten. Sarah, die am Brunnen lehnte, schüttelte ungläubig den Kopf und fiel ihm lachend ins Wort. Sofort brachte Emerald sie zum Schweigen, indem er einen Satz auf sie zumachte, sie beherzt um die Taille packte und mit ihr, wie beim Tanz um den Maibaum, einmal um den Brunnen wirbelte, wobei seine Freunde ihn lauthals anspornten.
   Erst, als das Paar zum Stehen gekommen war – das Mädchen lachte und blickte mit rotem Kopf zu Boden – fiel Emeralds Blick auf Nanna.
   »Na, Alte«, rief er ihr grinsend zu. »Wollen wir auch ’ne Runde drehen? Ist schon ’ne ganze Weile her, dass dich einer aufgefordert hat, wie?«
   »Die will nicht mit dir tanzen, Emerald, die gibt sich nur mit Verrückten ab!«, posaunte ein anderer, noch ehe Nanna dem ersten Rüpel etwas entgegnen konnte.
   »Die geht wieder die seltsame Kleine am Waldesrand besuchen.«
   Emerald lachte zustimmend. »Sag Fiona, sie soll ihre Kobolde von uns grüßen.«
   Nanna warf dem Sohn des Schweinehirten einen vernichtenden Blick zu, ehe sie erhobenen Hauptes über den Platz aus dem Dorf marschierte.
   Sie wusste, dass sie sich solche Scherze nicht zu Herzen nehmen sollte, und doch machte es sie wütend, wenn man sie und ihre Künste so wenig zu schätzen wusste. Damals, als sie noch jung gewesen war, hätte man es nicht einmal gewagt, dem Dorfheiler zu widersprechen. Nein, Nanna verlangte keine Ehrfurcht, aber in einem war sie sich sicher: Es stand schlecht um das Dorf, wenn die Jugend den Respekt vor, nein, noch schlimmer, den Glauben an Ahnen und Schutzgeister verlor, denen sie sich als Heilerin verschworen hatte. Was der lange Arm strenger Kirchenmänner in all den Jahren nie ganz zerstört hatte, schien nun einem neuen Glauben zum Opfer zu fallen: dem blinden Vertrauen auf die sogenannte moderne Medizin. Nanna schnaubte.
   Nicht nur die Jungen vergaßen die zauberischen Traditionen des abgelegenen Dorfes, auch die Älteren, die es doch besser wissen sollten, suchten, sofern sie sich seine teuren Pillen leisten konnten, lieber den Rat des Arztes aus Coms, weit hinterm Johannisforst, als an ihrer nahen Tür zu klopfen.
   Grimmig lief sie aus dem Dorf, stieg den steilen, steinigen Abhang hinauf zum Waldesrand. Ihr kamen die Worte des Bengels wieder in den Sinn: Sag Fiona, sie soll ihre Kobolde grüßen!
   Nanna musste schmunzeln. Tja, solange es noch Mädchen wie Fräulein Fiona gab, musste sie sich keine Sorgen machen, dass die alten Lehren von Kräutern und Geistern gänzlich in Vergessenheit gerieten. Es war wirklich kein Wunder, dass das junge Ding, das dort oben allein am Waldesrand lebte, den Leuten in Liebstein ein Rätsel war. In einem Alter, in dem die anderen Mädchen beim Tanzen in engen Miedern und bunten Röcken ihre frisch erlangte Weiblichkeit feierten, war Fräulein Fiona überaus dünn, blass und schmächtig geblieben. Als kleines Kind war sie mit ihrem Vater in das lang schon verlassene Forsthaus zwischen Dorf und Wald gezogen. Schon bald hatten sich in Liebstein zahlreiche Gerüchte um den Fremden verbreitet, der offenbar ein reicher Kaufmann war. Mit einer Mischung aus unverhohlener Bewunderung und neidischer Ablehnung hatten die Dörfler den Neuankömmling beäugt. Kaum hatte man sich allerdings an den Kaufmann gewöhnt – auf Dauer schien es die Leute zu langweilen, immer über ein und dieselbe Person zu tratschen –, war er auch schon wieder verschwunden. In einem privaten Gespräch mit dem Dorfvorsteher, über das Minuten später ganz Liebstein Bescheid wusste, hatte er erklärt, für einige Zeit auf eine dringliche Reise gehen zu müssen. Er spendete dem Dorf eine beträchtliche Summe, nachdem er dem Vorsteher das Versprechen abgenommen hatte, bis zu seiner Rückkehr für seine Tochter zu sorgen.
   Das war nun sieben Jahre her. Fionas Vater war nicht zurückgekommen. Und doch schien er am Leben zu sein, denn manchmal brachten Boten, die beim Bier in der Dorfschenke verblüffende Geschichten über ferne Länder mit absonderlichen Sitten zu erzählen hatten, Pakete zum Forsthaus des Fräuleins. Fremdartige, zumeist weiße Kleider mit ausladenden Volants und Puffärmeln waren darin, Gewänder, die das blasse Mädchen mit dem aschbraunen Haar voller Begeisterung trug. Es störte sie offenbar wenig, dass ihr zarter Körper in den weiten Stoffen zu verschwinden schien.
   Nanna lachte. Nein, es war wirklich kein Wunder, dass die Dörfler das Fräulein für seltsam hielten.
   So hatte man nach einigen Versuchen, die Kleine dazu zu bewegen, ins Dorf zu ziehen, eine einvernehmliche Entscheidung getroffen. Man würde das Versprechen, für Fiona zu sorgen, nur so weit einhalten, als dass man einmal die Woche Nahrungsmittel den Hang zu ihr hinaufbringen, ansonsten aber einen großen Bogen um das alte Forsthaus und seine seltsame Bewohnerin machen würde.
   Einzig Nanna war recht häufig dort, hatte sie doch das blasse Fräulein, das früher nicht selten gekränkelt hatte, oft behandeln müssen. Dank Nanna war Fiona heute, mit ihren fünfzehn Jahren, wesentlich kräftiger und gesünder als zuvor. Trotzdem besuchte sie Fiona weiterhin gern, schätzte sie doch ihre Eigenarten, über die die Dorfbewohner meist nur die Nase rümpften, über alle Maßen.
   Sag Fiona, sie soll ihre Kobolde grüßen!
   Nanna sah hinauf zum Himmel. Noch war der Mond nicht aufgegangen. Das Forsthaus lag ohnehin auf dem Weg. Warum also nicht Fräulein Fiona einen kurzen Besuch abstatten?

Freier Fall.
   Zwei fliegende Sekunden.
   Dann fand sich Fiona auf der harten Erde wieder. So ein Mist, so ein verdammter! Nur gut, dass Vaters Rüschenkleider aus so vielen Lagen bestanden …
   Missmutig rieb sie sich den Steiß, untersuchte, ob sie sich auch sonst nichts getan hatte, und dachte plötzlich wieder klar. Der Apfel!
   Da, hüpfend, kullernd, den Hügel hinunter. Dahinter Desiree, das Schwein!
   »Nein! Aus!« Fionas Herz raste, als sie die alte Heilerin den Hügel hinaufsteigen sah. »Nanna! Der Apfel! Der Apfel!«

Erst sah Nanna das dicke, borstige Etwas, das auf sie zuraste. Als Nächstes hörte sie Fiona irgendetwas rufen, sah das Fräulein unterm Apfelbaum liegen, der Stoff ihres weißen Kleids weit auf dem Boden ausgebreitet. Dann rollte ihr eine rote Kugel vor die Füße.
   Nanna griff instinktiv danach und glaubte im nächsten Moment, Desiree wollte sie umrennen. Doch das Schwein kam kaum einen Atemzug vor ihr zum Stehen, scharrte unruhig mit den Füßen und starrte sie mit verengten Augen an, so als wäre Desiree zutiefst beleidigt.
   Verblüfft blickte Nanna auf das rote Etwas, das sie der Sau streitig gemacht hatte. Ein Apfel …?
   Schon kam ihr das Mädchen entgegengerannt. »Du hast ihn? Nanna! Dich schickt der Himmel!«
   Nanna lächelte beruhigt. Der Sturz hatte dem Fräulein offensichtlich nichts getan. Sie reichte Fiona den Apfel. Mit einem erleichterten Seufzer nahm das Fräulein ihn in beide Hände wie einen seltenen Schatz. Fragend starrte Nanna sie an.
   Fiona sah sich offenbar in Erklärungsnöten. »Es ist … Der Apfel … also … Ach, komm einfach mit, ich zeig’s dir!« Eilig griff sie nach Nannas Hand und zu zweit liefen sie, gefolgt von Desiree, den Hang hinauf zum alten Forsthaus, dessen sonst so schwarze Fachwerkbalken rotbraun in der Abendsonne glänzten. Fiona stieß die Tür auf, und der Herbstwind jagte gierig durch den dunklen, schmalen Flur, blies durch die Seiten all der alten Bücher, die auf den Schränken und Kommoden verteilt lagen. Selbst auf den schwarzen Fliesen und den hölzernen Stufen hoch zum ersten Stock.
   Fiona rannte die gewundene Treppe empor und beugte sich über das hohe Geländer. »Komm mit, es liegt im Arbeitszimmer.«
   Nanna lachte und folgte dem Fräulein. Eines der Bücher also …
   Außer Fiona war im Dorf kein einziges Mädchen des Lesens und Schreibens mächtig, was ihr dort aber nicht etwa Bewunderung, sondern bestenfalls Kopfschütteln einbrachte. Ihr Vater hatte keine großen Pläne mit Fiona gehabt, als er damit begonnen hatte, ihr die Buchstaben zu erklären. Selbst unfähig zum Spielen, war ihm wohl allmählich klar geworden, dass er irgendetwas Sinnvolles mit diesem merkwürdigen Kind, das auch noch seines war, anstellen musste. So hatte er ihr schließlich Buchstaben aufgemalt und mit Überraschung festgestellt, wie schnell und begierig sie lernte. Als er sie verließ, hatte er sich bestimmt keine großen Gedanken darüber gemacht, was seine Tochter mit diesem Wissen nun anfangen könnte. Er war einfach gegangen. Hatte sie zurückgelassen mit all den Tintenteufeln, Wölfen und Vampiren, nach deren Welt sich Fiona offensichtlich von Tag zu Tag mehr sehnte.
   Nanna starrte auf die schwere schwarz lackierte Eichentür, die, gefolgt von zwei schmaleren Türen zu Fionas Schlafzimmer und einer kaum genutzten Abstellkammer, jedem, der den Flur zum ersten Stock betrat, sofort ins Auge fiel. Fiona hatte sie aufgeschlossen und trat beinahe ehrfurchtsvoll in das Zimmer ihres Vaters. Nanna folgte ihr.
   Ein Bett stand dort, ein Stuhl, ein Kleiderschrank und im Licht des Fensters ein massiver Schreibtisch, auf dem sich alte Briefe, Karten und wer weiß, was noch für Dokumente türmten. Darüber thronte ein hölzernes Regal, bis an den Rand gefüllt mit Büchern. Das alte Arbeitszimmer, das Fiona inzwischen ein wenig großspurig ihre Bibliothek nannte, wirkte, als würde der Kaufmann jede Sekunde geschäftig eintreten. Dabei war er schon so lange fort …
   Fiona stellte sich auf die Zehenspitzen, um eines der Bücher aus dem Regal zu ziehen. »Da ist es!«
   Ein Märchenbuch. Fiona blätterte in den Seiten, deren Ränder vergoldet waren wie die der alten Bibel unten in der Dorfkapelle. Und wie ein Priester, der die Wahrheit in den Händen hält, präsentierte Fiona ihr nun triumphierend eine aufgeschlagene Seite. Nanna kniff die Augen zusammen. Gott, die waren auch schon mal besser gewesen … ›Von Baumgeistern‹ stand da verschnörkelt geschrieben. Mehr brauchte sie nicht zu wissen. »Soso … Es geht also wieder um den Kontakt zur Anderswelt?«
   Fiona nickte. »Man muss bloß einen Kuchen mit dem letzten Apfel des Baumes backen. Bei Vollmond stellt man ihn an die Türschwelle. Das sehen sie als Willkommensgruß. Dann treten sie ein. Steht hier drin! Mit Rezept und allem.« Sie schob ein buntes Lesezeichen zwischen die Zeilen, klappte das Buch zu und eilte durch den Flur die knarzende Treppe hinunter, den Folianten unter dem rechten Arm, in der linken Hand den rotbäckigen Apfel.
   Nanna folgte ihr langsam. Sie schmunzelte. »Ein neuer Versuch also. Was ist aus der Sache mit dem Elfenthron geworden?«
   Fiona seufzte. »Hab ihn nie gefunden …«
   »Der Steinkreis?«
   »Den hat der letzte Regen weggeschwemmt.«
   Ungeduldig wartete Desiree am unteren Ende der Treppe.
   »Und die Runen an deinem Türrahmen? In welcher Sprache waren die noch gleich?«
   »Gnomisch.« Fionas Hand fuhr über das hölzerne Geländer. »Aber lass uns nicht mehr davon reden. Diesmal klappt es!«
   Nanna folgte ihr in die Küche. In dem großen, schwarz-weiß gekachelten Raum, der die Hälfte des unteren Stockwerks ausmachte, stand ein mächtiger Eichentisch, an dem gut und gern zehn Erwachsene Platz gefunden hätten. Fiona hatte Schüsseln mit Butter, Mehl, Eiern und Gewürzen vorbereitet. In der Mitte stand ein kleines, kunstvoll verziertes Weidenkörbchen, in das sie feierlich – weit außerhalb von Desirees Reichweite – den rotbäckigen Apfel setzte. Kein Zweifel: Sie meint es ernst!
   Fiona bemerkte ihren skeptischen Blick. »Was hast du, Nanna? Du musst mich doch verstehen. Du glaubst doch auch an Geister!«
   »Nun ja …« Nanna schob sich eine ihrer langen Strähnen hinters Ohr. »Aber ob so ein Kuchen der Weisheit letzter Schluss ist … Ich könnte dir ein paar neue Märchenbücher besorgen. Zur weiteren … Recherche«, fügte sie zwinkernd hinzu.
   Mit einem Seufzer sank das Mädchen auf die Küchenbank. »Ach, nein! Ich kenne ja doch schon jedes. Ich weiß alles, Nanna. Alles! Ich weiß, wie Zauberer sich bekriegen, wen Vampire lieben und wie man Ringgeister fängt. Ich kann das nicht noch mal und noch mal lesen. Nicht mehr bloß lesen. Verstehst du? Das reicht mir nicht mehr.« Sie sagte es beinahe vorwurfsvoll.
   Diese Bücher hatten ihr im Grunde die Nase lang gemacht, um sie schließlich daran herumzuführen. Fiona fühlte sich offensichtlich betrogen.
   Nachdenklich sah Nanna das Fräulein an und stellte jene Frage, deren Antwort sie nur zu gut kannte. »Wenn du dich einsam fühlst, warum kommst du nicht zu uns ins Dorf?«
   »Ins Dorf«, rief Fiona empört, dann grinste sie. »Das sagst du ständig. Dabei kannst du die da unten selbst nicht leiden.«
   »Manchmal«, gab Nanna zu und dachte grimmig an den Sohn des Schweinehirten. »Trotzdem bist du zu lang allein gewesen. Sie mögen dich nicht, aber vielleicht, wenn sie dich erst verstehen …«
   »Ach! Ich bin es, die sie nicht versteht.« Fiona rang nach Luft. »Wie kann man leben, ohne an Götter und Geister zu glauben? Ohne zu hoffen oder zu träumen, dass das Leben … vielleicht … irgendwie … besonders sein kann? Für die gibt es nur ihr Dorf, nichts Neues, nichts Großes. Sie … sie sind …«
   »… anders als du?«, fragte Nanna und lächelte.
   »Eben nicht anders! Sondern in allem viel zu normal.« Fiona seufzte. Sie deutete auf das Märchenbuch, das Mehl, den Apfel. »Ich weiß selbst, dass es albern ist, aber einmal nur will ich jemandem begegnen, der anders ist. Anders, besonders, aufregend … Verstehst du, Nanna? Ich will, dass sich endlich etwas tut.«
   Nanna sagte kein Wort, krempelte nur stumm die Ärmel hoch. Mehl stäubte auf, Zimtwolken dufteten, als Fiona und sie ihre Hände in die hölzerne Schüssel steckten, kneteten, formten, und backten.
   Irgendwann aber musste Nanna das Haus verlassen, um im Wald ihre Kräuter zu schneiden, denn der Mond war strahlend aufgegangen.

Bei jedem Schritt, den Lex auf das Menschendorf zutat, spürte er, wie die Macht des Vollmonds seinen Körper erfüllte und die Sehnsucht nach wilder Jagd und unbändiger Freiheit mehrte. Er wusste, dass seine beiden Gefährten dasselbe fühlten, als sie immer näher auf das Dorf zugingen. Sein Körper bebte vor Vorfreude. Er witterte die Menschen, das fette Vieh, das sie sich hielten. Er hörte Carras neben sich vor Ungeduld fiepen. Wann endlich würde Serafin sie ihre Jagdlust stillen lassen? Wie lange wollte der Leitwolf sie noch zurückhalten?
   Erwartungsvoll blickte Lex zu Serafin, dessen schwarzes Fell im Mondlicht glänzte. Plötzlich hielt er an. Mit aufgestellter Rute stand er da und blickte zu dem Dorf, von dem sie nur noch ein paar Sätze trennten.
   Wie konnte Serafin nur so ruhig bleiben? Lex kannte seine Warnung: Die Menschen sind hier in der Überzahl und die Umgebung ist uns fremd. Heute Nacht wird leise und vorsichtig gejagt. Schleicht durch die Gassen. Meidet die Menschen! Tötet die Tiere schnell, ehe sie lärmen.
   Ja doch, ja. Aber wann ging es endlich los? Ungeduldig scharrte er mit den Pfoten.
   Carras fiepte zum zweiten Mal, lauter diesmal, beinahe vorwurfsvoll.
   Endlich reckte der Leitwolf die Kehle gen Himmel und gab ihnen das wichtige Zeichen. Lex stieß sich vom Boden ab und preschte vorwärts. Keine Sekunde länger hätte er stillstehen können. Keine Sekunde länger warten. Er rannte, so schnell ihn seine Beine trugen. Schon hatte er Carras überholt, jetzt sogar Serafin. Der Schwarze ließ es geschehen.
   Lex hob den Kopf zum Himmel. Wie gut es tat, mit dem Herbstwind um die Wette zu jagen. Wie gut es tat, frei zu sein.
   Kurz vor der Siedlung verlangsamte er seine Schritte, trank in vollen Zügen die kalte Luft der Nacht, mit der er nun allzu deutlich all die wohligen Gerüche des Dorfes wahrnahm. Er witterte die Menschen, die faul und dumm in ihren schiefen Häusern schliefen, unfähig, die unbändige Schönheit dieser Nacht zu empfinden. Er roch Kühe, Schweine und Schafe, die eng aneinandergepfercht in ihren Ställen ruhten.
   Hinter sich hörte er Carras schnuppern. Schnell lief er weiter ins Dorf. Heute würde ihm der Jüngere mit seiner feinen Nase nicht zuvorkommen. Lex folgte dem vielversprechenden Duft eines Schweinestalls, als er plötzlich einen anderen Geruch wahrnahm. Er sah sich um und blickte in einen überwucherten Kräutergarten, der vor einem winzigen Holzhaus lag. Schnüffelnd hob er die Nase. Nein, es waren nicht bloß die Aromen der Gewächse, die der Wind ihm zutrug …
   Da! Panisch sprang eine schwarze Katze aus einem Strauch, von dem goldgelbe Blätter rieselten, und flüchtete auf die Dorfstraße. Übermütig nahm Lex die Verfolgung auf. Es ging ihm nicht darum, das schmächtige Tier zu töten, das hätte er mit einem Satz erledigen können. Nein, er genoss es, durch die dunklen Gassen zu jagen, mit Leib und Seele Tier zu sein, jetzt, unter dem vollen Mond.
   Als sich die Katze keuchend auf einen krummen, mannshohen Felsen gerettet hatte, ließ Lex die verängstigte Mieze zurück und nahm wieder die Fährte seiner Schweine auf. Was für eine Nacht!
   Bald schon hatte er sein Ziel erreicht. Hinter einem aus soliden, senkrecht aneinandergereihten Stämmen gebauten Zaun mussten die Tiere ihren Auslauf haben. Deutlich witterte Lex ihre Leiber. Was war er doch für ein Glückspilz! Von Carras, dem nimmersatten Jungtier mit der viel zu feinen Nase, und Serafin, dem die besten Stücke zustanden, wenn er zugegen war, fehlte weit und breit jede Spur.
   Da würde er sich wohl oder übel ohne die zwei den Bauch vollschlagen müssen …
   Kraftvoll warf er sich gegen das Gattertor. Schon beim zweiten Versuch sprang es auf und Lex fand sich im warmen Stroh des überwältigend duftenden Auslaufs wieder. Sechs, nein sieben fette Schweine rannten angstvoll quiekend hin und her. Lex stand noch immer im einzigen Ausweg. Die Tiere warfen sich panisch gegen den massiven Zaun. Vergebens. Lex’ Maul war überfüllt von Speichel, der ihm bald bis über die Lefzen quoll. Er liebte den Geruch von Angstschweiß, der über die Haut der Tiere rann. Lex genoss seine Überlegenheit. Endlich würde er seinen Hunger stillen können. Endlich ganz Raubtier sein.
   Gerade wollte er sich auf das fetteste Schwein stürzen, als er einen Windzug spürte und zur Seite sprang. Gerade noch rechtzeitig war er dem Schlag ausgewichen. Wütend fuhr er herum.
   Vor ihm stand ein halbstarker Junge, der mit einer jämmerlichen Mistgabel versuchte, ihn von seiner Beute wegzutreiben. Als Lex drohend die Lefzen hochzog und seine spitzen Zähne zeigte, sah er die Hände des Bengels zittern. Er zögerte nicht lange und warf sich auf den Kerl. Der Junge schrie. Die Mistgabel fiel zu Boden. Heftig biss Lex in den linken Arm, den der Bursche zum Schutz vor sein Gesicht gerissen hatte. Kaum war der Ausgang frei, rasten die Schweine quiekend aus ihrem Gefängnis. Es kümmerte Lex nicht. O, wie gut warmes Blut schmeckte! Wie in Trance wollte er noch einmal, noch fester zubeißen, als er ein Knurren wahrnahm.
   Lex musste sich zwingen, zu Serafin aufzusehen. Der schwarze Wolf stand über ihm auf dem hölzernen Gatterzaun und blickte ernst auf ihn herab. Tadel stand in seinen Augen.
   Wütend blitzte Lex ihn an. Er würde nicht gehorchen. Nicht jetzt. Er wollte fressen!
   Auf einmal spürte Lex einen stechenden Schmerz an seinem Vorderlauf. Er fuhr herum. Mit ganzer Kraft hatte der keuchende Junge sein Taschenmesser tief in sein Bein gestoßen. Taumelnd sah Lex aus den Augenwinkeln, wie die Stalltür aufgestoßen wurde. Ein großer Mann stürmte herein, rief irgendeinen Namen, richtete eine Flinte auf ihn und schoss.
   Im selben Moment warf sich Serafin auf den Menschen. Die Kugel verfehlte knapp ihr Ziel und schlug in den Gatterzaun ein, sodass die Holzsplitter flogen.
   Er rang nach Luft und sah zu dem Mann, den Serafin zu Boden gestoßen hatte. Der Leitwolf warf Lex einen kurzen Blick zu, dann ließ er von dem Menschen ab und verließ mit zwei Sprüngen das Schweinegatter. Lex zögerte nicht, ihm zu folgen. Die Angst vor einem zweiten Schuss ließ ihn den schmerzenden Vorderlauf vergessen. Sein Herz raste, als er Serafin durch die verwinkelten Dorfgassen folgte, an deren Ecken spitze Felsen aus dem Boden ragten.
   Lichter flammten in den Häusern auf, Fenster wurden aufgerissen. An dem großen Platz vor dem Dorfausgang stieß Carras zu ihnen. Zu dritt hasteten sie davon. Hundegebell, Menschenstimmen und das grelle Läuten einer Glocke ertönten hinter ihnen, als sie, so schnell ihre Beine sie trugen, den steinernen Hang hinaufjagten, auf dessen höchstem Punkt der rettende Wald lag.
   Er würde nicht mehr lange mit den anderen mithalten können. Bei jedem Auftreten schwoll der Schmerz am Vorderlauf an. Doch er bremste nicht ab, denn er wusste, dass die anderen diesmal nicht auf ihn warten würden. So zwang er sich, weiterzulaufen.
   Wenn sie doch nur endlich den Wald erreichten! Erst jetzt nahm er das Haus am Berghang wahr. Stand dort nicht eine Gestalt in der Tür? Was war das wieder für eine Teufelei?
   Mit Entsetzen merkte er, dass sich Serafin entschlossen hatte, nicht am Haus vorbei, sondern direkt darauf zuzurasen. Carras folgte dem Anführer. Und auch Lex wagte es nicht, sich von der Gruppe zu trennen. Schmerzwellen überrollten ihn, als er hinter Serafin und Carras vor dem Haus zum Stehen kam. In der Tür stand ein dünnes Mädchen, blickte dem Leitwolf in die Augen – und lachte.

Fiona hatte in dieser Nacht noch keinen Schlaf gefunden. Was war nur los mit ihr? Unruhig warf sie sich von einer Seite auf die andere. Ihre zerzausten Haare rochen nach Zimt, das gerüschte Kleid nach getrockneten Teigresten.
   Nanna zuliebe hatte sie noch eine Kanne der für sie persönlich zusammengestellten Teemischung aufgebrüht. Die gute Alte hatte es wohl diesmal einfach zu gut gemeint und die belebende Wirkung eines Krautes überdosiert. Oder wollte sie der Vollmond zum Narren halten?
   Erschöpft und doch hellwach stieg Fiona die knarzende Treppe hinab, trat vor die schwere Eichentür und sog die kühle, beruhigende Nachtluft in tiefen Zügen ein. Es war so viel kälter, als sie erwartet hatte. Eng schlang sie die Arme um ihren Körper.
   Plötzlich nahm sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr und hob den Blick. Atemlos starrte sie in die klirrend kalte Vollmondnacht.
   Die drei Schatten, die sich eben erst vom Dorfrand gelöst hatten, jagten über die lang gestreckte, in fahles Licht getauchte Anhöhe auf sie zu. Irgendjemand im Dorf läutete die Sturmglocke. Klagende Klangfetzen und fernes Hundegebell drangen zu ihr herauf, während sich schemenhaft die Umrisse dreier vor Anstrengung dampfender Leiber von der mondbeschienenen Fläche abzeichneten.
   Die Wesen hatten inzwischen gut die Hälfte des steinigen Hangs hinter sich gelassen und würden sie in weniger als einer Minute erreichen. Mit rasendem Puls, aber unfähig, sich zu rühren, verharrte sie weithin sichtbar inmitten der geöffneten Tür.
   Langsam schloss sie die Augen. Überdeutlich vernahm sie das immer lauter werdende, keuchende Hecheln, das dumpfe Trommeln heranstürmender Pfoten.
   Sie riss die Augen auf und blickte in die eng zugekniffenen Sehschlitze eines riesigen schwarzen Wolfs, aus dessen schweißglänzender Kehle ein tiefes, drohendes Grollen drang.
   Da breitete sie ihre Arme aus – und lachte.
   Sie konnte kaum glauben, dass Flucht für sie überhaupt nicht infrage kam. Nicht jetzt. Nicht hier. Sie zitterte am ganzen Körper, aber nicht aus Furcht. Etwas in ihr war dabei, aufzubrechen, etwas, das ihr verboten hatte, einfach ins Haus zu laufen und die Türe zuzuschlagen. Es fühlte sich zu wertvoll an, um es zu übergehen. Ganz egal, was jetzt geschah. Wichtig war nur, dass sich endlich, endlich etwas tat.
   Der schwarze Wolf hatte sie, wie seine beiden Begleiter, nicht aus den Augen gelassen. Das tiefe, unbestimmte Grollen stockte, als Fiona den Kopf in den Nacken legte und nur noch ein leises Glucksen aus ihrer Kehle kam. Dafür fiepte das deutlich kleinere Jungtier hinter dem großen Schwarzen kurz auf und drehte seinen rundlichen braunen Kopf mit den großen gelben Knopfaugen fragend zur Seite.
   Der andere Wolf, das rotbraune Fell schweißgebadet, fletschte die Zähne und ließ ein bedrohlich anschwellendes Knurren hören. Mit einem Ruck wandte sich der Schwarze zu ihm um. Sofort trat eine angespannte Stille ein. Stille, bis auf das Läuten der Sturmglocke.
   Fiona drehte sich unvermittelt zum Haus und bedeutete den Wölfen mit einem kurzen Nicken, ihr zu folgen. Sie führte die Tiere wie selbstverständlich über eine steile, ausgetretene Kellertreppe in ein steinernes Gewölbe, das sie selten betrat, weil es in ihren Augen nur Gerümpel barg. Ihr Vater hatte dort alte Decken, Weinfässer und eine Zeit lang sogar einige Kisten mit Lebensmitteln gelagert.
   Die Wölfe betraten den kühlen, feuchten Raum zögerlich, nervös und beinahe widerstrebend. Keine Sekunde zu früh. Von draußen drang immer deutlicher aufgeregtes Rufen und Lärmen zu ihnen herunter. Ein kurzer Blick in die flackernden Augen des Leitwolfes genügte. Sie verzichtete darauf, die Kellertür mit dem dafür vorgesehenen rostigen Riegel zu sichern. Fiona rannte ins Freie, den Dörflern entgegen, bis sie gänzlich außer Atem und zitternd vor ihnen stand. »Ich … O Gott! Ich … ich habe sie gesehen«, stieß sie hervor. »Da entlang! Sie … sie sind im Wald verschwunden.«

Kapitel 2
Zweifel

Mit einem Ruck setzte sich Fiona auf und rieb sich die Augen. Irritiert stellte sie fest, dass sie sich auf einem Stuhl im Flur des Forsthauses befand, nicht etwa in ihrem Bett ein Stockwerk weiter oben. Bibbernd hob sie die Decke zu ihren Füßen auf, die offenbar hinuntergerutscht war. Ein Blick aus dem Fenster in die sternhelle Nacht zeigte ihr, dass es noch sehr früh sein musste. Vergebens hielt sie Ausschau nach jenem zarten, kaum wahrnehmbaren Lichtstreifen, der am Horizont den beginnenden Tag ankündigte.
   Jetzt einen Zuber mit heißem Wasser oder wenigstens ein honigsüßer Tee, frisch aufgebrüht von Nanna. Manchmal war es nicht leicht, allein zu sein, aber wenigstens gab es Desiree und …
   Schlagartig wurde ihr bewusst, wer noch mit ihr im Hause war, warum sie sich so nahe der Kellertür schlafen gelegt hatte. Die Wucht der Erinnerung vertrieb den letzten Rest von Schläfrigkeit. Von einer Sekunde auf die andere war sie hellwach.
   Die Wölfe.
   Sie schleuderte die Decke wieder auf den Boden, stand auf, griff sich den zweiarmigen Messingleuchter von der Kommode, entzündete die Kerzen und sprang zur Kellertür. Sie wusste, was zu tun war.
   Behutsam drückte sie die schwere Tür zum Gewölbe auf. Sie hatte die Tür am Vorabend nicht verschlossen. Das kam ihr jetzt zugute, hätte sie das Hochschieben des rostigen Riegels doch unweigerlich laut angekündigt. Sie blieb eine halbe Ewigkeit in der Tür stehen und lauschte in die Dunkelheit, die allmählich verschwommene Konturen anzunehmen begann.
   Da waren keine Wölfe mehr. Die hätten sie längst gewittert und sich bemerkbar gemacht. Wölfe waren tatsächlich keine mehr da, doch leer war der Raum nicht.
   Eine bis dahin nicht gekannte, pochende Erregung erfüllte sie wie bei jemandem, der über Jahre unbeirrt und ohne sich entmutigen zu lassen auf etwas hingearbeitet hat und dem mit einem Mal bewusst wird, dass das Ziel zum Greifen nah ist.
   Dann waren es tatsächlich …
   Ihr Puls raste. Beinahe wäre ihr der Leuchter aus der Hand gerutscht. Sie riss sich zusammen und ging ein paar Schritte in den Raum, bis sie nah vor einem auf dem Boden ausgestreckten Körper stand. Sie kniete nieder, stellte vorsichtig das Licht ab und betrachtete ungläubig den Mann.
   Also doch!
   Behutsam und beinahe ehrfürchtig tastete sie nach seinem langen, schwarzen Haar. Es fühlte sich fest und geschmeidig an. Sacht strich sie darüber, bis zu den breiten knochigen Schultern, die sie nur einen Wimpernschlag lang berührte. Die Brust des Mannes hob und senkte sich. Vergebens lauschte sie auf seine Atemzüge. Er lag still, wirkte fast leblos. Hohe, kantige Wagenknochen, schwarze Brauen und auffällig dichte, dunkle Wimpern prägten sein Gesicht. Sie zuckte zurück, als er plötzlich im Schlaf die Lippen zusammenpresste. Mehrere Minuten verharrte sie reglos. Ihr Blick glitt über seinen Körper zur Hüfte, um die nachlässig eine Decke geschlungen war.
   Da! Ein Stöhnen! Sie fuhr auf und starrte angestrengt ins Dunkel. Der Lichtschein der Kerzen beleuchtete nur ihre unmittelbare Umgebung. Instinktiv löschte sie die Flammen. Jemand atmete schwer, dann trat erneut Stille ein. Fiona wagte nicht, sich zu bewegen. Ihre Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt und die allmählich durch die vergitterten Fenster sickernde Morgendämmerung half ihr, die Umgebung deutlicher wahrzunehmen.
   Nahe dem großen dunklen Mann machte sie eine sehr viel kleinere Gestalt aus. Sie kroch zu ihr. Ein Kind, wie sie vermutete, lag auf der Seite und war von oben bis unten dick eingemummelt. Außer dem hellen Lockenschopf, unter dem eine Stupsnase hervorlugte, war nichts zu erkennen. Eine Weile lauschte sie den regelmäßigen, tiefen Atemzügen und musste lächeln. Einfach so.
   Vorsichtig durchquerte sie das Kellergewölbe, bis in die hinterste Ecke, wo sie auf einem zerwühlten Deckenlager einen weiteren männlichen Körper, halb auf dem Bauch liegend, entdeckte. Er war nackt. Sie wollte sich, einem ersten Impuls folgend, abwenden. Doch was konnte sie dafür, dass er sich freigestrampelt hatte?
   Dieser Mann war stämmiger als der große Schwarzhaarige und allem Anschein nach etwas jünger. Sein Kopf lag seitlich auf einem der angewinkelten, kräftigen Arme und Fiona bemerkte, dass seine kurzen braunen Haare schweißnass und dunkel an Nacken und Schläfen klebten. Sie seufzte. Das gestaltete sich alles viel schwieriger als vermutet.
   Sie war schließlich nicht aus oberflächlicher Neugier in den Keller hinabgestiegen. Nein. Sie war auf der Suche nach etwas Bestimmtem, etwas Besonderem. Statt der drei Wölfe, denen sie Unterschlupf gewährt hatte, lagen jetzt dort drei Menschen. Sie hatte genug über Zauberwesen gelesen, um zu ahnen, was das zu bedeuten hatte.
   Doch sie wollte mehr. Sie wollte beweisen, dass die Menschen, die hier lagen, doch nicht so menschlich waren, wie es den Anschein hatte.
   Aber wie? Nur die Ruhe. Denk nach.
   Sie hatte doch von dem Wolfszeichen gelesen, dem Kainsmal.
   Nur wo?
   Noch einmal tastete sie nach dem Fremden. Erst jetzt bemerkte sie den großen Flecken auf dem Laken unter seinem linken Arm.
   Sofort befühlte sie das Tuch und stellte fest, dass es an dieser Stelle ziemlich feucht war. Sie streckte ihre Fingerspitzen nach oben, roch daran und erschrak: Blut! Jetzt hielt sie nichts mehr zurück. Sie griff nach dem Ellenbogen, um ihn anzuheben, fühlte die fiebrige Hitze der Haut und …
   »Na warte, du Luder!« Mit einem einzigen Satz war der Mann, der eben noch vor ihr auf dem Boden gelegen hatte, aufgesprungen und hatte sie so fest am Kragen gepackt, dass es schmerzte.
   Fiona starrte keuchend in seine tiefbraunen, weit aufgerissenen Augen, die sie mit Wut und unverhohlener Verachtung durchbohrten.
   »Lass sie los!«, ertönte eine feste, tiefe Stimme aus dem Hintergrund. Das war der Schwarzhaarige.
   »Was? Loslassen? Hast du …?«
   Urplötzlich ließ er von ihr ab, kam ins Taumeln, und stützte sich keuchend gegen die Wand.
   »Lex, was ist? Was hast du?«
   Das Kind war aufgewacht.
   »Ist schon gut, Kleiner, ist gut …«, versuchte der Angesprochene, abzuwiegeln.
   »Schon gut …? Du bist verletzt … du brauchst Hilfe!«, mischte sich Fiona ein, als er sie wütend anstarrte und eilig seine Blöße mit dem blutverschmierten Tuch verdeckte.
   »Hilfe? Kein Bedarf!«, fuhr er sie an. »Und sicher nicht von einer, die hier reinschleicht, um mich … zu begrapschen!«
   Fiona wich einen Schritt zurück. Für einen Moment war sie sprachlos. »Nein, das habe ich ganz bestimmt nicht«, sagte sie zornbebend, aber mit lauter, fester Stimme. Mit hochrotem Kopf, mehr vor Wut als vor Scham, machte sie kehrt und eilte aus dem Gewölbe.

»Das Mädchen hat recht. Du siehst wirklich nicht gut aus.«
   Langsam trat der Schwarze auf ihn zu.
   »Was soll das, Serafin?«, fuhr Lex ihn an. »Wieso hast du uns hierher geführt? Sich im stillen Kämmerlein verkriechen! Wie ein Hund den Schutz des Menschen suchen! Das passt nicht zu dir!« Wütend wollte er sich ganz aufrichten. O, er konnte es nicht leiden, wie Serafin dastand. Wie er die Decke, einem fürstlichen Umhang gleich, um seinen edlen Körper gelegt hatte, wie er mit viel zu stolzer Miene auf ihn niedersah. Doch ein Schmerzensstoß durchfuhr Lex’ Arm, und er schaffte es nicht, aufzustehen.
   »Wie redest du überhaupt mit Serafin?«, schaltete sich Carras mit empörter Stimme ein.
   Genervt drehte sich Lex zu dem Jüngeren um.
   »Was glaubst du denn, weswegen wir hier festsitzen? Für wen Serafin darauf verzichtet hat, in den Wald zu fliehen?«
   »Was soll das heißen?«, knurrte Lex, was in seiner menschlichen Form wesentlich weniger Furcht einflößend wirkte, als ihm lieb war.
   »Na deinetwegen, das ist doch klar. Weil du’s mit deiner Verletzung nicht mehr weit geschafft hättest.«
   »Wie war das?«, fauchte Lex. Vor wenigen Monden noch hätte Carras es nicht gewagt, so zu ihm zu sprechen. »Willst du kleiner Wicht damit sagen, ich wäre nicht in der Lage, schneller zu laufen als ein Haufen fauler Menschen?«
   Carras seufzte.
   »Ach, Lex, spiel nicht den Starken. Glaubst du, wir hätten gestern nicht bemerkt, wie du immer weiter zurückgeblieben bist? Die Menschen hätten dich eingeholt, und wenn du erst im Wald zusammengebrochen wärst.«
   »Und wenn schon«, keuchte Lex. »Besser tot, als unter einem Dach mit Menschen.«
   »Das sagt sich leicht.« Carras grinste. »Aber gestern bist du mit ins Haus gekommen.«
   »Sag das noch mal!« Diesmal riss es Lex auf die Beine, doch noch bevor er auf Carras zuwanken konnte, spürte er Serafins Hände auf den Schultern.
   Mit stillem Ernst sah der Leitwolf ihn an. »Genug jetzt.«
   Lex blickte zu Boden. »Ich bleibe bei keinem Menschen. Du kannst mich nicht zwingen.«
   Serafin wandte den Blick nicht ab. »Mein Bruder, ich schätze dein Ehrgefühl. Aber wer aus bloßem Stolz sein Leben riskiert, der ist töricht. Du bist verletzt. Du musst dich ausruhen. Und darum werden wir hierbleiben. Vorläufig.«
   Lex biss sich auf die Lippen, machte sich von Serafins Händen los und ließ sich seufzend auf den Boden sinken. Für einen Moment herrschte Stille. Serafin kehrte ihm den Rücken zu und streichelte Carras, dessen Wangen von dem Wortgefecht noch rot glühten, im Vorbeigehen über das lockige Haar, ehe er sich an die Wand lehnte.
   Carras stellte sich mit stolzer Miene neben seinen Leitwolf.
   »Aber«, brach Lex zerknirscht das Schweigen, »kann man der Kleinen denn trauen?«
   »Vermutlich«, antwortete der Leitwolf knapp.
   »Du weißt, dass Serafin ein Gespür für solche Dinge hat«, ergänzte Carras eifrig. Er lächelte. »Und ich finde sie sehr lustig.«
   Lex stöhnte. »Lustig? Lustig ist gut! Wir müssen wahre Glückspilze sein, dass wir unter den tausend stinkenden Menschen dieser Erde ausgerechnet eine verdrehte, unverschämte Zwergin als Gastgeberin haben.«
   »So!«
   Ein riesiger bunter Kleiderballen begrub Lex unter sich.
   »Bitte, die Herren, bedient euch.« Fiona lächelte eisig.

Die Sonne war schon längst aufgegangen, als Nanna endlich das Dorf erreichte, das noch im Schatten der Bäume lag. Schon lange war sie nicht mehr so ausgelaugt gewesen.
   Der Weg zu der Waldlichtung hatte entschieden länger gedauert, als sie es in Erinnerung gehabt hatte. Sie hatte sogar eine Rast einlegen müssen, sie, die diesen Weg früher in nur wenigen Stunden zurückgelegt hatte. Nun, sie musste sich wohl eingestehen, dass sie älter wurde … Aber wenigstens war die Nacht entgegen ihren Sorgen ruhig verlaufen. Und sie hatte so viel Gnadenwurz gefunden wie schon lange nicht mehr.
   Langsam schlurfte sie über den breiten Hauptweg des Dorfes auf ihre Hütte zu und sah, wie ganze Trauben von Menschen beieinanderstanden und tuschelten. Die meisten drängten sich um Erwins Gänsestall. Nanna fehlte die Lust, um genauer hinzusehen. Dafür drehten sich einige der Dorfbewohner misstrauisch zu ihr um, doch sogleich wandten sie sich wieder ab und redeten weiter. Irgendetwas schien das ganze Dorf zu beschäftigen und Nanna meinte, sogar den einen oder anderen Ausruf des Schreckens zu hören.
   Was war wohl geschehen?
   Sie spielte mit dem Gedanken, jemanden danach zu fragen, doch tiefe Erschöpfung lähmte ihre Zunge.
   Und morgen war auch noch ein Tag …
   Müde durchschritt sie ihren Kräutergarten – war hier jemand herumgestromert? –, entriegelte die Haustür und wollte sich in ihr Bett legen, als ein hektisches Klopfen an der Tür ertönte.
   »Herein!« Sie seufzte und warf dem dicken Kerl, der daraufhin ins Zimmer stampfte, einen strafenden Blick zu. »Was ist denn zu so früher Stun…«
   »Endlich bist du wieder da«, fiel der Mann ihr ins Wort und fuhr sich mit einem schmutzigen Tuch über die schweißnasse Stirn.
   Hermann, der Schweinehirt … Er hatte noch nie besonders gute Manieren gehabt.
   »Es ist furchtbar! Komm sofort mit! Er … er ist verletzt!«
   »Wer hat was für eine Verletzung?«
   »Eine Bisswunde! Mein Sohn – Emerald.«
   Nanna erhob sich schicksalsergeben. Ihr wohlverdienter Schlaf würde wohl noch eine Weile warten müssen. Emerald also. Über ihn sprach das ganze Dorf. Das sah dem Bengel ähnlich.
   »Nun gut, ich komme.« Mit schneller Hand suchte sie Verbandszeug, einen Mörser, ihr letztes getrocknetes Bündel Gnadenwurz und noch einige andere Kräuter und Tinkturen zusammen.
   »Eigentlich wollte ich mich ja an Doktor Feldmann vom Nachbarort wenden, aber der ist zu teuer …«, murmelte Hermann.
   »Gut zu wissen«, flüsterte Nanna und folgte dem aufgebrachten Mann zu seinem Grundstück.
   Auch hier trieben sich Dorfbewohner herum, vertieft in heftige Gespräche. Als sie Nanna kommen sahen, wandten sich ihr erneut eine Unzahl von misstrauischen Blicken zu. Sie achtete kaum darauf. Aus den Augenwinkeln nahm sie das zertrümmerte, nur notdürftig wiederaufgebaute Schweinegatter wahr. Hermann riss die Tür zu seiner Wohnung auf und schon von Weitem hörte Nanna den verletzten Jungen stöhnen. Er lag auf seinem Bett und hielt sich den linken Arm. Das Tuch, das seine neben ihm kniende Mutter auf die Wunde presste, war schon rotbraun verkrustet.
   »Na, Alte? Einen … Tanz gefällig?«, presste er mühsam hervor, als er Nanna bemerkte.
   Sie musste lächeln, stellte Kraut und Mörser auf ein Tischchen neben dem Bett, um nach dem verwundeten Arm zu sehen. Tatsächlich – eine Bisswunde. Vermutlich war der Flegel Hasso, dem Schäferhund, einmal zu oft auf den Schwanz getreten …
   »Du hast Glück gehabt, Junge. Es ist bloß eine Fleischwunde, der Knochen ist unversehrt.«
   »Kannst du ihm helfen?« Die Mutter seufzte. »Wir brauchen den Jungen im Stall.«
   Nanna nickte, gab etwas von dem getrockneten Gnadenwurz in den Mörser und machte sich daran, ihn zu zerkleinern.
   »Ein Wolf!«, riss Hermann sie aus ihren Gedanken. »Ein Wolf hat ihn angefallen. Genau genommen sogar zwei. Sie waren im Schweinegatter. Heute Nacht. Ich habe sie gesehen.«
   »Wölfe?« Beinahe wäre ihr der Stößel aus der Hand gerutscht.
   Der Dicke nickte eifrig. »Erwin hat mir erzählt, dass sich so ein Biest auch eine seiner Gänse geschnappt hat. Es waren wohl mindestens drei.«
   »Wölfe … gewöhnliche Wölfe?«, flüsterte Nanna, als sie den zerkleinerten Gnadenwurz, vermischt mit einer ihrer Salben, auf der Verletzung verteilte.
   Emerald schrie auf. »Willst du mich umbringen, Alte? Das … das brennt wie Feuer.«
   »Je stärker es brennt, desto besser«, erklärte sie ohne großes Mitleid. »Keine Angst. Gleich wird es besser«, setzte sie dann aber doch freundlicher hinzu.
   Bald wurde der Atem des Jungen ruhiger und der Schmerz schien nachzulassen.
   »Wann kann er wieder arbeiten?«, fragte der Vater.
   »Gebt ihm Zeit. Er kommt schnell auf die Beine. Ich lasse euch die Salbe hier«, murmelte Nanna in sich gekehrt, um Hermann plötzlich umso eindringlicher anzusehen. »Hör zu, diese Wölfe …« Sie zuckte zusammen, als der Junge urplötzlich nach ihrem Handgelenk griff.
   »Nanna!« Zum ersten Mal klang seine Stimme ängstlich. »Das … das waren keine einfachen Tiere! Viel zu groß. Und diese Augen …«
   »Nimm ihn nicht ernst.« Der Vater seufzte. »Es ist bloß eine seiner Geschichten.« Er wandte sich an Emerald. »Ja, du bist angegriffen worden. Kein Grund, zu winseln wie ein Mädchen!«
   Nanna schwieg. War es möglich, dass …? Mit einem Ruck beugte sie sich zu dem Jungen. »Das hast du dir nur eingebildet! Vergiss es! Es ist besser für dich, wenn du keinen Gedanken mehr daran verschwendest.« Abrupt löste sie sich von Emeralds Griff und eilte aus dem Haus. Sie musste nach dem Mädchen sehen. Nach Isaaks Tochter!

Fiona hielt den Atem an.
   Gut, der grobe Wolfsmann konnte sie nicht leiden. Aber so leicht würde sie sich nicht einschüchtern lassen. Nicht jetzt, wo sich hier, in ihrem Keller, Wesen dieser Art aufhielten. Sie würde aus denen schon noch etwas herausbekommen. Das waren sie ihr schuldig.
   Fiona ging ungeduldig im Gang auf und ab und unterdrückte den Impuls, durch den Türspalt in den Keller zu linsen. Ein bisschen Zeit, um sich aus den Kleidern, die sie eiligst aus Vaters Schrank zusammengesucht hatte, etwas auszusuchen, würde sie den Wolfsmenschen schon lassen. Aber dann würde sie wiederkommen, und die dort unten mussten ihr Rede und Antwort stehen. Sie musste es nur richtig angehen …
   Fieberhaft schmiedete sie Pläne – dem groben Kerl aus dem Weg gehen, zuerst unverfängliche Fragen stellen, am besten an den Schönen mit dem schwarzen Haar … –, als ihr plötzlich etwas völlig anderes in den Sinn kam: das Schwein!
   Im Chaos der letzten Nacht hatte sie völlig vergessen, Desiree zurück in den Stall zu bringen. Die Sau hatte sich, als die Wölfe kamen, sicher irgendwo im Haus verkrochen und war bestimmt völlig verängstigt!
   Hin- und hergerissen blickte sie sich um. Sie wollte die Tür zum Keller nicht aus den Augen lassen, und doch sorgte sie sich um das Tier.
   Langsam schlich sie über den schwarz gekachelten Flur, lugte ins Bad und ins Arbeitszimmer. »Desiree …? Komm, komm, komm …«, flüsterte sie.
   Fiona zuckte zusammen, als sie eine zarte Stimme hinter sich vernahm.
   »Sucht du das Schwein?«
   Sie fuhr herum. Sie hatte den jüngsten der drei Wolfsmenschen nicht kommen hören.
   Er war barfuß, trug eine für ihn viel zu große Hose von ihrem Vater und eine von ihren weißen Rüschenblusen, die ihm, obgleich sein Gesicht verriet, dass er jünger war als sie, weitaus besser passte als ihr. Er war tatsächlich größer als sie.
   Fiona seufzte. Sie war wohl wirklich eine Zwergin …
   »Das Schwein versteckt sich da vorn, in der Nische unter der Treppe nach oben«, erklärte der Junge. »Es riecht nach Zimt und Äpfeln«, fügte er nach einer kurzen Pause ein wenig schüchtern hinzu.
   Verdutzt starrte sie ihn an, zählte eins und eins zusammen – und raste zur Treppennische. Sie fand die Sau, die ihr den fetten Bauch entgegenstreckte, selig schlummernd unterm Treppengang.
   Desiree schmatzte schläfrig, an ihrem Maul klebten verräterisch die kläglichen Überreste eines Apfelkuchens.
   Fiona stöhnte.
   »Wieso wohnt das Schwein im Haus?« Der Junge lachte.
   »Tut es ja nicht.« Fiona seufzte und warf der Sau einen vernichtenden Blick zu. »Desiree schläft draußen im Stall. Eigentlich. Aber manchmal hol’ ich sie zu mir ins Haus und …«
   Sie brach ab. »Also …«, fühlte sie sich bemüßigt, weiter auszuholen, »… das Schwein ist dem Schlachter fortgelaufen und hierher geflohen … Weil ich sie behalten wollte, hat mein Vater den Stall gebaut …«
   »Wo ist dein Vater?«, unterbrach sie der Junge, wobei er seinen Kopf schief legte wie ein Hund.
   »Ich und das Schwein leben allein hier.«
   Der Junge lachte.
   »Du bist wirklich lustig. Lex soll sich nicht so haben.«
   »Lex? Ist das der Raufbold?«
   Wieder ein Lachen.
   »Ja, das ist er. Aber nimm sein Gehabe nicht persönlich. Lex mag nun mal keine Menschen.«
   »So?« Neugierig ging sie auf ihn zu. »Und wie siehst du das?«
   Der Kleine überlegte.
   »Ach, ich find’ es schade, dass wir meistens einen Bogen um die Menschensiedlungen machen. Ich finde, Menschen können lustig sein. Du zum Beispiel bist sehr lustig!«
   »Zuviel der Ehre«, entgegnete sie ironisch.
   Er grinste breit.
   »Ich heiße Carras.«
   »Fiona. Du, sag mal … Carras, woher hast du das gewusst? Wo das Schwein ist, meine ich.«
   Er zuckte mit den Achseln. »Na, ich hab’s gerochen.«
   »Gerochen?« Hastig tat sie noch ein paar Schritte auf ihn zu. »Soll das heißen, auch in Menschengestalt habt ihr Werwölfe übernatürliche Fähigkeiten?«
   Verlegen rieb er sich die Nase. »Naja, ich kann gut riechen. Das ist ja nichts Großes. Aber Serafin, der kann noch viel, viel mehr! Er …«
   »Serafin …?«
   »Serafin ist unser Anführer«, verkündete Carras voller Stolz. »Er ist stark und klug und mutig! Und scharfsinnig sowieso. Er spürt, ob ihm jemand Gutes will. Er war es auch, der entschieden hat, dass wir bei dir sicher sind.«
   Fiona dachte an den durchdringenden Blick des schwarzen Wolfes. »So war das also …«
   »Ja«, fuhr Carras eifrig fort. »Und es war ein Glück, dass er so entschieden hat. Weißt du, es fühlt sich gut an, ein Wolf zu sein – sehr gut. Aber anstrengend ist es, das sag’ ich dir. Am Tag nach dem Vollmond sind wir völlig fertig. Da ist es gar nicht gut, im Wald herumzuliegen. Erst recht nicht, weil Lex ja gestern im Dorf …«
   »Carras!« Eine bebende Stimme unterbrach den Redefluss.
   Der Raufbold – in den Kleidern ihres Vaters – stand im Türrahmen und rang nach Luft. »Du solltest die da im Auge behalten und nicht mit ihr plaudern!«
   »Pah!«, rief Carras. »Ich gehorche nur Serafin!«
   Frisches Blut benetzte das weiße Hemd an Lex‘ linkem Arm. »Du bist verletzt!«, unterbrach Fiona die beiden und fixierte den Wolfsmann. »Lass mich mal sehen.«
   Spöttisch wehrte er ihre Hand ab. »Da mach dir mal keine Sorge, Zwergin. Mir geht es bestens.«
   Bildete sie sich das nur sein oder biss er bei jedem Wort die Zähne zusammen? Zitterte nicht seine Hand, mit der er sich am Türrahmen abstützte? Ganz leicht nur, aber doch klar zu sehen, wenn man genauer hinsah.
   »Hör zu …«
   »Wieso riecht es hier nach Schweinen? Ich habe für Jahre genug von Schweinen.«
   Irritiert hielt Fiona die Nase in die Luft. Sie bemühte sich um eine hübschere Pose, als der dritte Mann neben Lex aus dem Keller trat.
   Freundlich nickte er ihr zu. Sein schwarzes Haar fiel sanft über das dunkle Hemd ihres Vaters. »Danke für alles, Mädchen …«
   Verlegen blickte sie zu Boden.
   Plötzlich fiel der, den sie Lex nannten, auf die Knie. Keuchend versuchte er, sich aufzurichten. Vergebens.
   »Narr!«, rief der Schwarze und beugte sich zu ihm. »Hast du nicht gesagt, du hättest keine Schmerzen mehr?«
   »Ich … Es geht schon … Bitte, lass uns gehen …«, keuchte Lex.
   Fiona kniete sich neben ihn, als Serafin mit einem Mal den Kopf herumriss. »Jemand kommt! Jemand kommt hierher«, zischte er.
   »Was? Ich hab so gut wie nie Besuch«, stammelte sie, als ein Klopfen an der Tür sie eines Besseren belehrte.
   »Fiona? Fräulein? Bist du schon wach?«
   Sie blickte noch zur Tür, als Lex sie mit einem Mal packte, und mit schmerzverzerrter Miene zu sich zog.
   So nah, dass sie seinen Atem spüren konnte.
   »Wenn du uns verrätst, töte ich dich!«
   Ärgerlich machte sie sich von ihm los. »Ich habe nicht vor, irgendwen zu verraten.«
   »Fiona? Bist du hier?«, erklang es ein zweites Mal von draußen und verzweifelt wandte sich Lex an seinen Leitwolf.
   »Die Menschen sind uns auf den Fersen. Macht die da draußen fertig! Dann verschwinden wir.«
   Fiona schüttelte hektisch den Kopf. »Es ist nur eine Freundin. Ich schicke sie fort. Ich werd’ euch nicht verraten!«
   Der Leitwolf zögerte. Sie spürte den Blick seiner schwarzen Augen auf sich.
   »Zurück in den Keller«, entschied er endlich.
   Lex hatte nicht mehr die Kraft, sich zu sträuben. Carras und der Leitwolf packten ihn und waren kaum im Keller verschwunden, als sich die Tür zum Forsthaus mit einem Ruck auftat.
   Entsetzt starrte Fiona die Heilerin an.
   Die Tür war nicht mal verschlossen gewesen …

Nanna sah Fiona vor sich stehen. Im Nachthemd, barfuß, die Augen weit aufgerissen. Und wie blass sie aussah.
   »Kind …? Was ist mit dir?« Atemlos eilte Nanna auf ihr Fräulein zu.
   Es passte einfach nicht zu Fiona, was die Dörfler, bei denen sich die Alte voller Sorge nach dem Mädchen erkundigt hatte, über die vergangene Nacht berichtet hatten. Hilfe suchend sei das dünne Mädchen auf die Wolfsjäger zugestolpert und habe mit zittriger Hand in die Richtung gedeutet, in welche die Untiere verschwunden waren.
   Nein! Das war nicht das Fräulein, das Nanna kannte. Sogar ernstlich krank hatte sich Fiona stets gesträubt, um Hilfe zu bitten und Schwäche zu zeigen, weil doch schon ihr schmächtiges Äußeres Grund genug für die meisten war, sie nicht ernst zu nehmen. Außerdem, wenn die Kleine nur einen winzigen Grund zu der Annahme gehabt hätte, dass die Wölfe mehr als bloß Tiere waren, Fiona wäre ihnen eher mit blanken Füßen in den Wald gefolgt, als bei den Dörflern Schutz zu suchen.
   »Was ist mit dir …?«, wiederholte sie voller Sorge, als Fiona tief Luft holte.
   »Nichts, gar nichts, Nanna! Ich habe bloß verschlafen. Alles bestens. Alles wie immer.« Das Mädchen lächelte.
   Nanna kniff die Augen zusammen. »Wie immer? Nachdem, was gestern Nacht passiert ist?« Misstrauisch blickte sie sich um.
   Fiona schob sich lächelnd vor sie.
   »Letzte Nacht? Letzte Nacht ist nichts Besonderes gewesen.«
   »Nun, Fräulein, im Dorf hat man mir erzählt …«
   »Nichts Besonderes – außer der Sache mit den Wölfen natürlich!«
   Nanna zog die Augenbrauen zusammen.
   »Na, du weißt doch, Nanna, auf was ich gehofft hatte in der Vollmondnacht. Baumgeister, Kobolde, Wesen anderer Art eben. Bei solchen Erwartungen … sind ein paar Wölfe, die mal eben an dir vorbei in den Wald tapern, schon eine derbe Enttäuschung.«
   Fiona hatte also nichts Außergewöhnliches an den Tieren bemerkt? Die Alte überlegte.
   »Kind, das könnte wichtig sein. Hast du die Wölfe von Nahem gesehen?«
   Fiona zögerte. »Von Nahem? Na ja … nah, das wäre übertrieben.«
   »Dann bist du nicht in Gefahr gewesen?«
   »Ich? In Gefahr? Nein!«
   »Warum bist du dann zu den Dörflern geflüchtet?«
   Nannas Blick fiel auf die angelehnte Kellertür.
   »O Nanna, ich …« Fiona fiel ihr in die Arme. »Ich freu’ mich so, dass du dich um mich sorgst.«
   Nanna musste lächeln. Solche Gefühlsausbrüche war sie von dem Fräulein gar nicht gewohnt.
   »Die Dörfler übertreiben«, rief das Mädchen.
   Kam es ihr nur so vor, oder schob Fiona sie in der Umarmung ein Stück zurück, fort von der Kellertür?
   »Wer hat dir denn so einen Unsinn erzählt? Bestimmt eines von den Tratschweibern. Die plustern doch jede Geschichte auf.«
   Nanna überlegte. Nun ja, Rosa Zwieker hatte schon so manches Mal übertrieben, wenn es um die Probleme anderer Leute ging.
   »Mir geht es bestens«, beteuerte das Mädchen. »Sehr gut. Wirklich!«
   Plötzlich löste sie sich aus der Umarmung, um Nanna ins Gesicht zu sehen.
   »Aber du … du siehst erschöpft aus, Nanna. Du bist wohl die ganze Nacht unterwegs gewesen. Es ist sehr lieb, dass du zu mir gekommen bist …«, sie gab ihr einen Kuss auf die Wange, »… aber jetzt, jetzt brauchst du deinen Schlaf!«
   Nanna seufzte. Das Fräulein hatte nicht ganz unrecht. Sie spürte, wie die schlaflose Nacht an ihren Kräften zehrte. Und dennoch …
   Durchdringend sah sie das Mädchen an. »Kann es sein, dass du mich loswerden möchtest?«
   »Um ehrlich zu sein … oben auf meinem Bett … da liegt dieser Vampirroman und …« Fiona lächelte verlegen.
   Nanna war erleichtert. Dem Mädchen ging es gut. Sogar viel besser als gestern Abend. »In Ordnung. Ich komme wieder …«
   Langsam machte sie sich auf den Weg zur Tür.
   »Ach, Nanna …«, rief Fiona sie noch einmal zurück. »Dieser Gnadenwurz … das Heilkraut, das du im Wald gesucht hast … Ich meine …, hast du welches bei dir?«
   »Du fragst dich, ob meine Suche erfolgreich war?« Sie freute sich über das Interesse des Mädchens. »Ja, das war sie. Allerdings habe ich heute schon wieder mehr davon verbraucht als mir lieb gewesen wäre.«
   Fiona schob sich eine Strähne hinters Ohr. »Wie meinst du das?«
   »Die Wölfe«, flüsterte Nanna, ehe sie sich auf den Heimweg machte, um endlich in ihr warmes Bett zu fallen, »sie haben Menschen angefallen.«

Fiona verharrte regungslos an der Tür ins Freie, obwohl die alte Heilerin längst auf dem Weg nach Hause war.
   Sie hatten Menschen angefallen …
   Wieder und wieder hörte sie die Worte. Unwillkürlich jagte es ihr einen Schauder über den Rücken. Da vernahm sie, wie sich ächzend die Tür zum Keller auftat. Ihr Herz pochte, als sie sich zögernd umwandte.
   Doch dort im Türrahmen stand kein Wolf, kein Monster. Nur Serafin.
   »Danke, das hast du gut gemacht«, sagte er und seine schwarzen Augen suchten ihren Blick. »Lex geht es schlechter als er zugibt.«
   Sie nickte. Er sah sie an. Und sie fühlte sich ihm nah, obwohl er noch immer starr am anderen Ende des Flures verharrte.
   Er senkte seine Stimme. »Willst du ihm helfen?«
   Fiona brachte kein Wort heraus und blickte zu Boden.
   »Ist es wahr, dass ihr …«
   Sie erschrak. Jetzt stand er direkt vor ihr.
   Seine Stimme klang hart. »Die alte Frau hat recht, in allem, was sie sagt, Fiona. Wir sind nicht so wie du. Wir folgen dem Licht des Mondes, wir sind, was ihr Werwölfe nennt. Und ja …«, er zögerte nicht, es zu sagen, »… wir kamen in dein Dorf, um zu töten.«
   Sie wollte zurückweichen, doch etwas verbot ihr, sich zu rühren.
   Dann plötzlich war Serafins Stimme sanft wie zuvor. »Es steht dir frei, uns fortzuschicken. Ich kann verstehen, dass du dich fürchtest. Doch willst du, dass wir gehen, sag es jetzt.«
   Besorgt blickte er zurück zur Kellertür. »Wir haben keine Zeit mehr«, fügte er eindringlich hinzu.
   Fiona sah ihn an. Erkannte, dass er ihr Angst machte.
   Und dass sie ihn mochte. Ihn und die anderen.
   Trotzdem.
   Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und holte tief Luft. Endlich konnte sie wieder sprechen.
   »Doch! Ich will euch helfen!«

Kapitel 3
Vertrauen

Es ist heiß, so heiß hier oben. Kein Fenster spendet Luft oder Licht. Nur ein paar Sonnenstrahlen zwängen sich durch das alte Holzdach. Von unten ertönen Gesänge. Das bedeutet, er ist noch in Sicherheit. Der böse Mann kommt nie, wenn sie unten singen. Er soll dem Mann gehorchen, hat Papa gesagt. Er würde ihn wieder gesund machen, hat Mama gesagt. Er hat versucht zu gehorchen, aber er versteht nicht, was krank ist an ihm. Er versteht nicht, warum sie ihn hierher gebracht haben. Er will nicht hierbleiben. Er will heim zu Mama. Sie hat geweint beim Abschied. Er will sie trösten.
   Noch immer singen sie unten ihre tiefen, ernsten Chöre. Er überlegt. Bestimmt kommt der böse Mann jetzt nicht, weil er dort unten ist und singt. Der böse Mann hat ihm strengstens verboten, den Dachboden zu verlassen. Er hat ihm gehorcht, weil er Angst hat vor dem Mann. Hat hier gesessen und durch die Dachspalten zum Himmel geschaut. Hat gewartet, bis der böse Mann wiederkommt und brüllt und schreit und schimpft, dass ein Teufel in ihm sitzt. Das glaubt der böse Mann. Und Mama und Papa glauben es auch. Er aber, er glaubt dem bösen Mann kein Wort. Er glaubt vielmehr, dass der böse Mann der Teufel ist. Es ist so furchtbar heiß hier oben!
   Er will nicht mehr hier bleiben! Er will nicht mehr warten! Er steht auf, läuft zur Tür, muss sich recken, um die Klinke zu erreichen. Die Tür ist nicht verschlossen! Aber sie ist groß und schwer. Er drückt sich dagegen. Nur einen Spaltbreit kann er sie aufschieben.
   Nicht ein bisschen Licht scheint ihm aus der Öffnung entgegen. Egal! Er ist doch kein Feigling! Er ist ein großer Junge! Er wirft sich gegen die Tür. Einmal, zweimal, dann gibt sie nach. So überraschend, dass er durch den Türrahmen stolpert. Dann fällt er. Fällt tiefer, immer tiefer hinab ins Schwarze. Schlägt gegen die Kanten der Treppenstufen. Bis er hart auf Holzboden landet. Für einen Moment dreht sich alles. Dann spürt er die Schmerzen. Fasst an sein Knie. Spürt, dass es blutet. Hilfe suchend schaut er sich um. Doch alles um ihn ist dunkel. Viel dunkler als auf dem Dachboden.
   Er kann nichts sehen.
   Er ist allein.
   Es tut so weh.
   Er weint. Und er ruft nach Mama. Bis er hört, dass sich von unten Schritte nähern. Ach, er hofft so sehr, dass es Mama ist. Bis er begreift. Begreift, dass sie unten aufgehört haben zu singen. Begreift, dass die Schritte zu schwer sind für Mama.
   Er will sich an etwas festhalten, das ihn schützen kann. Streckt seine Hände aus ins Dunkle. Doch er fasst ins Leere. Schon öffnet sich vor ihm eine Tür. Grelles, buntes Licht blendet ihn. Er blinzelt. Schemenhaft sieht er ihn. Den bösen Mann. Der erst still steht, ihn anschaut. Der auf ihn zukommt. Der etwas in der Hand hält. Seine Peitsche!
   Panik erfüllt ihn. Er rutscht zurück auf seinen blutigen Knien. Er stammelt Ausreden. Bettelt um Verzeihung. Der böse Mann verzieht keine Miene, sagt, dass er ihm den Teufel schon austreiben werde. Jetzt steht der Mann über ihm, der sich verzweifelt auf den Boden presst. Der böse Mann holt aus. Er schreit.
   »Lex!«
   Jemand rüttelt an ihm. Der böse Mann und die düstere Kammer verschwimmen. Dann ist alles schwarz.

»Lex!«
   Lex riss die Augen auf. Der Mann war verschwunden. Stattdessen stand dort über ihn gebeugt ein blasses Mädchen. Hatte sie ihn aus der Kammer geholt? Hatte sie den bösen Mann vertrieben?
   Lex zog das Mädchen mit dem rechten Arm zu sich hinunter und drückte sie fest an sich. Allmählich spürte er, wie die Angst von ihm wich, sein Puls langsamer und sein Atem ruhiger wurden. Er fühlte sich wohl, bis er wieder klarer denken konnte und ihm mit einem Mal schwante, wo er war und wen er im Arm hielt.

Fiona, der allmählich die Luft zum Atmen fehlte, überlegte gerade, wie sie sich wohl am rücksichtsvollsten aus der unangenehm festen Umarmung lösen könnte, als Lex sie mit einem Ruck von sich stieß.
   Für einen Moment starrte er sie entgeistert an, als hätte sich eine düstere Vorahnung bewahrheitet, dann holte er tief Luft. »Glaub bloß nicht, dass du meinen Zustand ausnutzen kannst, du schamlose Zwergin!« Erneut rang er nach Luft. »Hände weg, sonst setzt es was!«
   Sie seufzte, nahm den Becher Wasser, den sie neben dem Bett bereitgestellt hatte, und hielt ihn Lex stumm entgegen.
   Der Wolfsmensch schimpfte nicht weiter. Mühsam gelang es ihm, sich aufzurichten, doch kaum hatte Fiona ihm den Becher gereicht, fiel ihm das Gefäß aus den zittrigen Händen. Gut die Hälfte des Wassers durchtränkte die raue Bettkolter, ehe Fiona den Becher aufheben konnte.
   Lex ließ den Kopf zurücksinken. »‘tschuldige«, flüsterte er kaum hörbar.
   Sie zuckte mit den Schultern, griff nach dem Stofftaschentuch, das sie stets bei sich trug, und drückte es fest auf die nasse Stelle. Dann nahm sie erneut den Wasserbecher, um ihn Lex an die Lippen zu führen.
   Abwehrend drehte er den Kopf beiseite.
   Fiona musste lächeln. Sie verstand, wie er sich fühlte. Zwar wusste sie nicht, woher seine Verletzung oder die langen, blassen Narben auf seinem Rücken kamen, aber sie war oft genug krank gewesen. Damals, nachdem ihr Vater verschwunden war … Immer wieder hatte Nanna sie füttern müssen. Obwohl sie der Heilerin vertraute wie keiner anderen, hatte sie es gehasst, so abhängig von ihr zu sein.
   Eben im Traum hatte Lex nach seiner Mutter gerufen. Hatte sie sich, wenn sie krank war, nicht auch nach der Stimme ihres Vaters gesehnt, der sie, obschon er selten warme Worte an sie gerichtet hatte, trösten konnte wie kein anderer?
   »Vor mir brauchst du dich nicht zu schämen«, sagte sie schließlich.»Ich habe schon oft so dagelegen«, ergänzte sie mit einiger Überwindung. »Da sah ich mindestens genauso albern aus wie du.«
   Er sah sie von der Seite an, dann drehte er ihr abrupt seinen Kopf zu und öffnete, beinahe herausfordernd, den Mund.
   Geduldig flößte ihm Fiona den halben Becher Wasser ein.
   Immer wieder musste sie das Gefäß absetzen, damit er schlucken konnte.
   Als der Becher leer war, ließ sich Lex erschöpft zurück ins Bett sinken und starrte zur Zimmerdecke.
   Sie stand auf, ging zu dem Schreibtisch am Fenster und stellte den Becher neben einem Wasserkrug ab. Ihr Blick fiel auf die Bücherwand. Gestern noch hatte sie hier mit Nanna gestanden, voller Begeisterung das Märchenbuch aus dem Regal gezogen. Und nun lag ausgerechnet in dem Zimmer, in dem sie nächtelang unter dem Schein einer Petroleumlampe alte Sagen und Märchen verschlungen hatte, ein waschechter Werwolf.
   Es gefiel ihr nicht, dass sie den Fremden ausgerechnet in Vaters Zimmer beherbergen musste. Doch was war ihr anderes übrig geblieben? Hätte sie ihn im Keller schlafen lassen sollen? Oder auf der harten Holzbank in der Küche? Nur was, wenn Vater ausgerechnet heute wiederkäme?
   Sei nicht dumm, er ist schon seit Jahren fort!
   »Das ist nicht dein Zimmer, oder?«
   Sie erschrak, als Lex’ Stimme ertönte. »Nein. Es ist das Zimmer meines Vaters«, antwortete sie zögernd.
   »Wo ist er?«
   Sie lächelte traurig.
   »Tja, das wüsste ich auch gern.«
   Eilig griff sie nach einem der Bücher und fixierte mit vorgetäuschter Konzentration die Buchstaben. Sie wollte nicht über ihren Vater sprechen.
   Für eine Weile herrschte Stille. Dann die nächste Frage.
   »Wozu bist du noch hier?«
   Sie las weiter.
   »Ich komm‘ schon klar«, fuhr er fort. »Du musst hier nicht sitzen.«
   »Zu gütig«, entgegnete sie, ohne aufzusehen. »Aber ich bin nicht aus Sorge um dich hier. Wie gesagt, das ist das Zimmer meines Vaters. Also werd‘ ich ein Auge darauf haben, dass hier alles seine Ordnung hat.«
   Er richtete sich ein Stück weit auf. »Hast wohl Angst, ich werde zum wilden Tier?«
   »Oh! Ich dachte an menschlichere Nöte.«
   Mit ihrem Stiefel tippte sie gegen eine blecherne Schüssel unterm Schreibtisch.
   Er ließ sich zurück ins Bett sinken, sie blieb in ihr Buch vertieft.
   »Was liest du da eigentlich?«
   Sie grinste herausfordernd. »Rotkäppchen und der böse Wolf.«
   Er lachte. Zum ersten Mal.
   Neugierig lugte sie hinter dem Buch hervor. Sein braunes Haar war zerzaust. Die haselnussfarbenen Augen, über denen kräftige Brauen standen, sahen müde aus. Schweiß stand auf dem kantigen, sonnengebräunten Gesicht. In seinem warmen Lachen klang mit, wer er wirklich war. Wer er sein konnte. Ein Kämpfer, ein Draufgänger. Im Bett zu liegen, das passte einfach nicht zu ihm.
    Erschöpft rang er nach Luft.
   Sie legte ihr Buch beiseite, nahm eines der Tücher vom Tisch und tauchte es ins kalte Wasser. Der Wolfsmann wandte seinen Blick nicht von ihr ab, als sie ihm an die Stirn fasste – doch, er hatte Fieber –, und dann behutsam das nasse Tuch darauf legte.
   Fionas Blick fiel auf seinen linken Arm, den sie mühevoll verbunden hatte. Sie fragte sich, ob sie alles richtig gemacht hatte bei dem Versuch, Nannas Vorbild zu folgen. War sie überhaupt in der Lage, Lex gesund zu pflegen? Was sollte sie tun, wenn sich die Wunde entzündete?
   Weil sie ihm gern helfen wollte, aber nicht wusste, was sie noch für ihn tun könnte, fiel ihr nur ein, ihm einen Rat zu geben, den sie so oft von Nanna gehört hatte.
   »Schlaf dich gesund.«
   Lex blickte zur Seite und seufzte. »Mir ist nicht so nach Schlafen.«
   Sie brauchte einen Moment, um zu verstehen, warum er mit einem Mal so besorgt klang.
   »Ich weck dich«, versprach sie entschlossen. »Wenn der Albtraum wieder kommt, dann weck ich dich. Versprochen!«
   Er lächelte spöttisch. Und doch fand sie, dass Lex erleichtert wirkte, als er schließlich die Augen schloss. Bald darauf war er eingeschlafen.

Verstohlen löste sich Carras von der angelehnten Zimmertür und schlich die Treppe hinunter. Er hatte nicht lauschen wollen, nur einmal nach dem Rechten sehen. Doch seine Sorgen hatten sich bestätigt. Der schlechte Zustand seines sonst so kraftstrotzenden Freundes verunsicherte ihn. Ausgerechnet Lex, schwach und blass in einem Bett? Das passte überhaupt nicht zusammen. Das fühlte sich falsch an. Und was noch schlimmer war: Es machte ihm Angst.
   Wenigstens schien sich Lex mittlerweile etwas besser mit dem Menschenmädchen zu verstehen.
   Carras seufzte leise. Wo war eigentlich Serafin? Er fühlte eine Hand auf seiner Schulter, warf sich herum in die Arme des großen, dunklen Mannes, der wie ein Vater für ihn war. Er spürte, wie ihm die warme, schwere Hand tröstend durchs Haar fuhr.
   »Alles wird gut. Bald geht es ihm besser.«
   Carras schmiegte sich noch enger an den Leitwolf und sog seinen vertrauten Duft ein.
   »Geh hinaus in den Wald«, fuhr der schwarze Wolfsmann beruhigend fort. »Glaub mir, der Wald hilft immer!«
   Aufmunternd drehte er ihn in Richtung Haustür.

Draußen empfing ihn ein Stoß Blätter, den der auffrischende Herbstwind übermütig aufgewirbelt hatte. Carras atmete tief ein. Er drehte sich in der goldenen Sonne mit dem tanzenden Laub im Kreis. Das hier war doch etwas anderes, als in dem düsteren Forsthaus zu sitzen, Serafin hatte recht gehabt. Wie immer!
   Carras Nase zuckte. Nein, jetzt nicht. Er pfiff vor sich hin und tat so, als hätte er das kleine Borstenvieh, dessen Ringelschwanz gerade hinter der Scheune verschwand, gar nicht bemerkt. Er hatte keine Lust, Verstecken zu spielen. Stattdessen beobachtete er die Flugkünste der Schwalben. Es war unglaublich, wie flink sie hin und her jagten und wie elegant sie ihre Kreise über seinem Kopf zogen.
   Mit einem Ruck riss er einen Arm hoch. Verdammt! Knapp daneben. Neulich, kurz bevor der Mond rund und schön am Himmel gestanden hatte, war es ihm doch so gut gelungen. Das musste doch auch jetzt klappen!
   Carras blieb still stehen. Aus den Augenwinkeln verfolgte er das geschäftige Treiben der Vögel. Eine der Schwalben kam ihm besonders hochnäsig vor. Gerade vollführte sie wieder ein zirkusreifes Wendemanöver über ihm, da sprang er mit einem Satz in die Höhe – schon hatte er das Tier gepackt und in seiner Hand eingeschlossen.
   Tja, Vögelchen, du hast dich wohl ein bisschen überschätzt, was?
   Carras betrachtete das zitternde Tierchen, fühlte dessen wild pochendes Herz, öffnete die Hand und entließ es wieder in die Freiheit. Zufrieden sah er den Vogel davonfliegen. Da vernahm er weit unten vom Abhang her ein Schnaufen.
   Ein Eindringling! Er musste Serafin warnen!
   Er hielt die Nase in die Luft und erkannte den Geruch einer Menschenfrau. Doch nicht nur das, es roch zudem nach Obst, frischgebackenem Brot und geräuchertem Schinken …
   Carras grinste. Vielleicht sollte er sich den Stand der Dinge zunächst allein ansehen. Vorsichtig lief er der Fremden entgegen, erkannte bald eine – nicht gerade furchterregende – Frau mittleren Alters, der das dünne blonde Haar, immer wieder ins Gesicht wehte, während sie sich auf einem wackligen Drahtesel den Hang hinaufkämpfte.
   Das Fahrrad – eines der seltsamsten Erfindungen des Menschen.
   Carras hatte es einmal ausprobiert. Drahtesel fielen ständig um! Doch noch mehr als die Frau und ihr Rad interessierte ihn der große, wohlriechende Korb, festgebunden am Gepäckträger. Jetzt hielt die Fremde keuchend an, stieg vom Rad und machte sich daran, den schweren Korb das letzte, besonders steile Stück des Hangs hinaufzutragen.
   Kurzerhand stellte sich Carras ihr entgegen. »Wer bist du, Fremde, und wo kommst du her?«
   Die Frau blickte offenbar verdutzt zu ihm auf. Vielleicht war sie mal schön gewesen. Jetzt sahen ihre Augen trüb und müde aus.
   »Rosa Zwieker«, entgegnete sie achselzuckend. »Vom Dorf natürlich.«
   An ihrem Hals baumelte eine goldene Kette. Rosa Zwieker glaubte also an etwas. Auf seinen weiten Reisen mit Serafin hatte er viele Menschen gesehen, die an alles Mögliche glaubten.
   Wölfe glaubten nur an den Mond.
   »Was hast du in deinem Korb? Willst du ein Picknick machen?« Menschen mit Körben wollten meistens ein Picknick machen.
   Rosa Zwieker schüttelte den Kopf. »Nein, nein, das ist für Fiona … Die Wochenration.
   »Für Fiona!« Carras entriss ihr begeistert den Korb. »Ja, prima! Die Speisekammer war schon leer.«
   Er biss sich auf die Lippen.
   Rosas Augen weiteten sich. »Du wohnst bei dem Mädchen?«
   »Ich … Nein … Also nur für heute …, bin schon auf dem Rückweg …«
   »Ach so.« Ihr Blick entspannte sich. »Du bist sicher ein Botenjunge von Isaak. Was ist mit ihm?«
   »Ja … also …, dem geht es gut. Danke der Nachfrage«, murmelte Carras unschlüssig.
   »Um ehrlich zu sein, meinte ich etwas anderes«, flüsterte die Frau und trat ein Stück auf ihn zu. »Sieben Jahre schon lebt seine Tochter allein im Forsthaus, sieben Jahre versorgt das Dorf sie mit den fürstlichsten Speisen …«
   Sie rückte noch näher heran. »Es gibt so manche, die das leid sind, Junge!«, zischte sie und starrte auf den Essenskorb.
   Carras legte den Kopf schief, hielt ihr dann den vollen Korb entgegen. »Du willst also etwas abhaben?«
   »Um Himmels willen!« Rosa tat einen Schritt zurück, bekreuzigte sich. »Ich bin ja keine Diebin! Es soll alles seine Ordnung haben! Was ich meine …«, wieder senkte sie ihre Stimme, »… ist bloß, dass es besser wäre, wenn der Kaufmann bald nach Hause käme. Besser auch für Fiona. Sag ihm das, Junge. Sag es ihm mit den besten Wünschen.«
   Sie lief den Hang hinunter, stieg eilig auf ihr Rad, und Carras sah ihr nach, als sie im scharfen Licht der Mittagssonne zurück in ihr Dorf fuhr.
   Er hatte Rosas Worte nicht richtig verstanden. Waren sie gut gemeint gewesen? Hatten sie unten im Dorf etwas gegen Fiona?
   Er zuckte mit den Achseln. Menschen waren wirklich komische Wesen.

Als Lex nach einer unruhigen Nacht langsam die Augen öffnete, entdeckte er zu seinem Erstaunen, dass er allein in der Kammer war. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass es für ihn in den letzten Tagen beinahe zur Gewohnheit geworden war, beim Erwachen die seltsame Kleine zu sehen.
   Für gewöhnlich saß sie dort am Schreibtisch, gedankenverloren ins Leere blickend oder in eines ihrer Bücher vergraben. Manchmal beäugte sie ihn auch mit unverhohlener Neugierde.
   Sie war schnell und geschickt, wenn sie ihm Essen und Trinken reichte oder den Arm, der noch immer teuflisch schmerzte, frisch verband. Ein Wunder, dass sie in diesen wuchtig weißen Rüschenkleidchen, die alles andere als praktisch und obendrein ziemlich komisch aussahen, überhaupt einen Fuß vor den anderen setzen konnte.
   So absonderlich die Kleine auch war, auf eines war Verlass: Fiona nahm ihr Versprechen ernst. Mehr als einmal hatte sie ihn aus einem der Angstträume wachrütteln müssen, die ihn an die gottverdammte Zeit erinnerten, von der er so lange geglaubt hatte, sie endlich vergessen zu haben. Doch nun, da seine Schmerzen ihn an dieses verfluchte Bett fesselten, hatten sie ihn eingeholt – die Bilder von dem verhassten Kuttenträger.
   Lex ballte die Fäuste. Damals, als er dem alten Mönch, der geglaubt hatte, dem kleinen Jungen das Wolfsblut mit der blanken Faust austreiben zu können, endlich entkommen war, hatte sich Lex geschworen, so stark zu werden, dass er allein in Freiheit leben konnte. Jetzt ließ er sich von einer mickrigen Stichwunde unterkriegen.
   Zum Verrücktwerden!
   Er zwang sich, aufzustehen, als jemand die Türklinke herunterdrückte und die Kammer betrat. Zu seiner Überraschung war es nicht das Mädchen. Die Morgensonne, die durchs Fenster schien, fiel auf das Gesicht des Anführers.
   Serafin.
   »Na, sieh mal an!«, feixte Lex. »Ich dachte, ihr wärt längst ohne mich davongezogen!«
   »So leicht wirst du uns nicht los, bedaure«, erwiderte der Schwarze gelassen. Serafin war bisher nicht zu ihm gekommen. Vermutlich, weil er wusste, dass Lex es nicht leiden konnte, sich schwach und krank zu zeigen. Für so etwas hatte er nun einmal ein Gespür. Warum also war er jetzt hier?
   Serafin blieb vor dem Bett stehen. Sachte strich er über den verwundeten Arm seines Freundes.
   Die schwache Berührung genügte, dass Lex zusammenzuckte.
   »Das Mädchen hat mich vorgeschickt. Ich soll dich überzeugen.«
   »Vorgeschickt hat sie dich? Sie scheint mir nicht gerade schüchtern zu sein, eher vorwitzig.«
   Serafin lächelte.
   »Das mag schon sein. Aber sie hat nun mal schnell bemerkt, dass du ein Sturkopf bist.«
   »Also, was gibt es?«
   Lex versuchte, sich aufzurichten. Es gelang ihm nicht. Verdammt noch mal, wie lange wollte sein Körper denn noch schlappmachen?
   Serafin setzte sich geschmeidig auf die Bettkante. »Um es kurz zu machen, die Kleine macht sich Sorgen. Die Wunde an deinem Arm hat sich wohl entzündet. Sie sagt, sie kennt eine Heilerin, der man vertrauen kann. Sie möchte ins Dorf gehen und sie zu uns bringen.«
   Im ersten Moment protestierte alles in Lex. Er sollte sich von einem zweiten Menschen abhängig machen? Dem Mädchen die Möglichkeit geben, ihn, Serafin und Carras ans Messer zu liefern? Andererseits, hatte Fiona nicht schon genug Möglichkeiten gehabt, ihm zu schaden?
   Serafin blickte ihn verwundert an. »Du ziehst es in Erwägung? Ich hatte mit lautstarkem Widerspruch gerechnet.«
   Lex schloss die Augen. Hatte er sich von den paar Tagen Pflege derart weichspülen lassen, dass er all seine Vorsicht über Bord warf? Warum nur war er sich so sicher, dass sie sich auf das Mädchen verlassen konnten?
   Er öffnete die Augen und blickte den Leitwolf an. »Was hältst du davon, Serafin?«
   Der Schwarze lächelte milde.
   »Ich glaube, dass dieses Mädchen uns, aus welchen Gründen auch immer, um jeden Preis hierbehalten möchte.«
   Lex lachte auf.
   »Ich habe sie erst gestern gefragt, was sie davon hat, uns Unterschlupf zu gewähren. Sie sei eben neugierig, hat sie gesagt. Sie würde nun mal Fabelwesen lieben. Ich sag’ dir, Bruder, die Kleine ist verrückt!«
   Serafin schmunzelte. »Trotzdem scheint ihr miteinander auszukommen.«
   »Für einen Menschen ist sie ganz erträglich«, gab Lex gönnerhaft zu. Mit einem Mal war er müde.
   Serafin erhob sich. »Dann sind wir beide einer Meinung. Ich lasse sie diese Heilerin holen. Geht etwas schief, greife ich ein.«
   »Als ob ich mit ein paar Menschlein nicht allein zurechtkäme«, murmelte Lex erschöpft.
   Im Gehen drehte Serafin sich noch einmal um. »Sobald es dir wieder besser geht, gehen wir zusammen jagen.«
   Lex lächelte kraftlos. Wie sehr er sich nach dem Duft des Waldes sehnte! Wenn Fiona das Vertrauen, das sie in sie setzten, bloß nicht enttäuschte. Selbst wenn Lex dem Mädchen glauben wollte, war und blieb sie doch ein stinkender Mensch.
   Und auf Menschen war wenig Verlass.

»Im Schein des Vollmondes schlich ich aus dem Haus. Das panische Quieken der Schweine hatte mich misstrauisch gemacht, also lief ich zum Gatter. Und da waren sie – zehn riesige Wölfe, schwarz wie die Nacht! Sie wollten sich auf mich stürzen, doch ich zückte mein Taschenmesser und hielt sie in Schach! Nur einer entging meiner Aufmerksamkeit, schlich sich feige von hinten an mich heran und – ha! – stürzte sich auf mich! Er warf mich zu Boden und biss mir in den Arm. Doch ich spürte keinen Schmerz und stieß ihm mit voller Wucht mein Messer in den Vorderlauf.«
   Demonstrativ hielt Emerald sein Taschenmesser in die Höhe.
   Nach fast einer Woche Bettruhe hatte er es nicht mehr ausgehalten. Zwar tat sein Arm immer noch höllisch weh und er musste einen Verband tragen, doch er biss die Zähne zusammen. Er konnte nicht länger in seinem Zimmer hocken, hatte er sich doch vorgenommen, mehr über die seltsamen Biester zu erfahren. Dazu brauchte er so viel Unterstützung, wie er kriegen konnte.
   Schon bald hatte sich die ganze Dorfjugend an ihrem Treffpunkt, dem großen Brunnen, versammelt – alle, außer Fiona, die natürlich niemand eingeladen hatte.
   »Das Tier fiepte und es war klar – ich bin der Stärkere. Jaulend zogen sich die Biester zurück. Doch zu spät, ich hatte sie genau gesehen! Die waren mindestens dreimal größer als normale Wölfe! Und erst ihre Augen, böse und berechnend! Also frage ich euch! Wer will mir helfen, mehr über diese abscheulichen Kreaturen herauszufinden?«
   Emerald hielt inne, wartete ungeduldig auf die Zustimmung seiner Freunde.
   Diese warfen sich verschwörerische Blicke zu und grinsten.
   »Hut ab«, meinte Thorsten schließlich, »du bist der Beste im Geschichtenerfinden.«
   »Find ich auch«, rief der dicke Tobi. »Gut gesprochen!«
   »Nein, nein! Ich hab mir das nicht ausgedacht!« Emerald schüttelte den Kopf. »Im Ernst, das waren keine normalen Tiere.«
   »Na, klar«, spöttelte Thorsten und sah Beifall heischend in die Runde. »Du gegen zehn Wölfe – du würdest ja nicht mal mit zehn Mäusen fertig!«
   Mit einem wütenden Knurren, dass selbst der schwarze Wolf in jener Nacht nicht besser hinbekommen hätte, drückte Emerald seinen Kameraden an den großen Felsen am Brunnenrand. Zwar war sein Arm noch immer nicht gebrauchsfähig, aber für Thorsten würde auch einer reichen.
   »Vergiss nicht, wen du vor dir hast«, brüllte er ihm ins Gesicht. »Verkauf mich nicht für blöd, verstanden?«
   Thorsten schluckte.
   »Lass ihn los, Emerald«, rief jetzt Sarah und umfasste seine Schulter. Ihr rotes Haar wippte aufgeregt im Wind. »Bitte!«
   Er sah sie zornig an. War selbst Sarah auf Thorstens Seite? Es gefiel ihm nicht, wie sich die Sache entwickelte. Vor einer Woche waren er und sie noch zusammen um den Brunnen getanzt. Und nun das.
   »Keine Angst«, stieß er hervor. »Für so einen bin ich mir eh zu schade!«
   Er ließ Thorsten los und wandte sich umso entschlossener an seine Freunde. »Es geht hier nicht darum, mit wie vielen Tieren ich es aufgenommen habe. Es geht darum, dass das keine normalen Wölfe waren. Ihr hättet die mal sehen sollen. Die waren … übernatürlich! Ich schwöre es bei meinem verletzten Arm. Ich hab mir das nicht ausgedacht. Na, kommt schon. Wer hilft mir?«
   Er wurde nicht gerade von Zustimmungsrufen überrollt. Tatsächlich war es still, so still, dass er sogar die federleichten Schritte der zierlichen Gestalt vernehmen konnte, die gerade den Platz passierte.
   Fiona.
   Es kam selten vor, dass sie ins Dorf herunterkam. Die meiste Zeit verbrachte sie allein in ihrem riesigen Forsthaus. Mit Lesen und anderem Unsinn, wie die Leute sagten.
   Emerald hätte ihr gern etwas zugerufen. Mit Fionawitzen machte man sich richtig beliebt im Dorf. Doch nicht jetzt. Jetzt war ihm nicht nach Faxen zumute.
   »Weißt du was?«, zischte Thorsten aus sicherer Entfernung. »Rede doch mit Fiona über deine Zauberwölfe. Sie wird dir sicher glauben!«
   Erneut prusteten alle los. Selbst Sarah kicherte hinter vorgehaltener Hand.
   »Jetzt reicht es«, brüllte Emerald, als sich ihm Gustav, der hochgewachsene Sohn des Tischlers, gegenüberstellte.
   »Thorsten hat recht, Emerald. Wir haben deine Geschichten immer gemocht. Aber nur, solange du zugegeben hast, dass es Geschichten waren. Du gehst zu weit. Jetzt ist es nicht mehr lustig.«
   Ringsum zustimmendes Nicken.
   »Ich kann also nicht mit euch rechnen?«
   Die Antwort erübrigte sich. Mit einem Satz sprang er auf den Brunnenrand. »Dann steh‘ ich hier also allein, verlassen von meinen ach so guten Freunden«, stellte er mit lauter Stimme fest. »Doch glaubt mir, ich, Emerald, werde es euch noch beweisen. Bei meiner Ehre! Das waren keine normalen Wölfe. Schon bald werdet ihr mich um Verzeihung bitten, weil ihr über mich gelacht habt.«
   Mit einem gewagten Sprung sprang er über die Köpfe seiner Freunde hinweg und schritt, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, von dannen.

Den Blick stur nach vorn gerichtet, marschierte Fiona zu Nannas Hütte. Noch immer hörte sie das hämische Gelächter der Dorfjugend, das sicher wieder ihr gegolten hatte. In ihrem Rücken spürte sie den finsteren Blick des Trunkenbolds, der dort vor dem Wirtshaus herumlungerte.
   Nein, hier war sie nicht willkommen. Das war ihr von Anfang an klar gewesen. Sie konnte sich nur zu gut daran erinnern, wie sie vor vielen Jahren als kleines Mädchen an der Hand ihres Vaters zum ersten Mal das Dorf betreten hatte. Angestarrt wie einen bunten Hund hatten die Dörfler ihren Vater und sie, die mit nichts als einem großen Karren voller fremdartigem Gepäck wie selbstverständlich in das abgelegene Dorf gekommen waren und unverblümt nach dem verlassenen Forsthaus und seinem Besitzer gefragt hatten. Wortkarg hatte man ihnen Auskunft gegeben – der alte Jäger sei schon lange tot, sie müssten sich an den Ortsvorsteher wenden – und mit dem Tuscheln und Tratschen nicht einmal abgewartet, bis sie außer Hörweite waren.
   Auch der Ortsvorsteher war den beiden Fremden zunächst mürrisch und misstrauisch gegenübergetreten, mit einem Mal aber sehr freundlich geworden, als der Vater erklärt hatte, für welche Summe er das verfallene Haus zu kaufen gedachte.
   Seitdem hatte Fionas Vater keinerlei Anstalten gemacht, sich mit den Leuten im Dorf gut zu stellen und jedes Angebot, ihm für eine kleine Entlohnung bei der Renovierung zur Hand zu gehen, in den Wind geschlagen. Nur mit Nanna, der alten Kräuterfrau, die auf ihrem Weg in den Wald oft am Forsthaus vorbei kam, hatte sich ihr eigenbrötlerischer Vater angefreundet. Stundenlang hatten die beiden zusammengesessen und über Dinge diskutiert, von denen Fiona damals wenig verstanden hatte. Und doch war es jedes Mal eine Freude gewesen, wenn die gute Alte vorbeikam, die so viele Geschichten von Waldgeistern und Zauberkräutern zu erzählen wusste und die sich schon bald angewöhnt hatte, sie Fräulein zu rufen.
   Fiona öffnete zögernd das Gartentor und ging an all den Kräuterbeeten vorbei zu Nannas Häuschen. Mit einem Mal hatte sie es nicht mehr eilig. Noch weniger als der Spießrutenlauf vorbei an den Dörflern, gefiel ihr der Gedanke, Nanna etwas vorzumachen. Sie hatte den Wolfsmenschen versprochen, niemandem ihr Geheimnis zu verraten. Aber wie sollte sie die Kräuterfrau dazu bewegen, nach Lex zu sehen, ohne ihr zu erklären, wer der Fremde war, der verletzt im Bett des Vaters lag?
   Sie klopftte leise an die Tür der Heilerin.

Emerald spürte, wie sie ihm nachstarrten, als er mit ausladenden Schritten die Hauptstraße hinunterging. Vor sich, an eine der Felsnasen nahe der Dorfschenke gelehnt, erblickte er Karl Zwieker, den alten Säufer, ebenfalls ein beliebtes Witzopfer seiner Freunde.
   Freunde? Von wegen!
   Doch sein Ziel war die Hütte von Witzopfer Nummer drei, Nanna. Sie wusste mehr, als sie zugeben wollte, das hatte Emerald sofort bemerkt. Er würde sie schon dazu bringen, ihm alles zu verraten.

»Herein«, ertönte von innen die Stimme der Heilerin.
   Fiona zögerte einen Moment, dann trat sie beherzt ein.
   Die Wärme des Kachelofens strömte ihr entgegen, kaum hatte sich die knarzende Tür aufgetan.
   Nanna stand in ihrer winzigen Kochecke und zerkleinerte ein braunes Pflänzchen im Mörser. Das Gesicht der Heilerin war umrahmt von Kamille, Salbei und Mistelzweigen – all den Heilkräutern, die die Alte, in Sträußen an der Decke aufgehängt, zum Trocknen in der Hütte aufbewahrte. Deren Duft war überwältigend.
   Lächelnd legte Nanna den Stößel beiseite. Ihr langes, weißes Haar hatte sie zu einem Zopf gebunden.
   »Schön, dass du hier bist, Fräulein. Ich arbeite gerade an einer neuen Teemischung für dich. Löwenzahnwurzeltee – was hältst du davon?«
   Schlagartig verdreifachte sich Fionas schlechtes Gewissen. Auf dem Weg zum Dorf hatte sie sich zahlreiche Erklärungen zurechtgelegt, die ihr jetzt völlig unglaubwürdig vorkamen.
   Weil die Kräuterfrau sie noch immer erwartungsvoll ansah, holte Fiona tief Luft. »Bitte komm mit mir zum Forsthaus, Nanna!«
   »Wo brennt es denn?«, entgegnete die alte Heilerin seltsam gelassen.
   »Ich … Ich …«, stammelte Fiona. »Ich habe einen Freund bei mir oben! Er ist verletzt und …«
   »Mach dir keine Sorgen, Fräulein«, sagte Nanna und erhob sich. »Ich habe bereits alles vorbereitet.«

So betrunken war Karl Zwieker dann doch nicht. Er hatte sehr wohl mitbekommen, dass dieses magere blasse Ding ihn keines Blickes gewürdigt hatte. Nanna, die so besserwisserisch war wie eh und je und ihm, sobald sie ihm begegnete, nichts als Vorwürfe machte, nannte das Gör Fräulein. Kein Wunder, dass sie sich nun für was Besseres hielt.
   Zwieker wischte sich fahrig eine Fliege von der Stirn. Es war verdammt warm für die späte Jahreszeit, zu warm für jemanden, der sehnsüchtig darauf wartete, dass die Kneipe endlich wieder aufmachte.
   Das war alles so ungerecht. Den einen gab‘s der Herr im Schlaf, die anderen triezte er. Und warum? Weil ihm alles total egal war. Was sonst? Und wenn den guten Mann da oben – Zwieker blinzelte in die Herbstsonne – sowieso nichts sonderlich interessierte, dann war es ihm auch schnuppe, ob jemand soff oder nicht.
   Zwieker grinste angewidert. Er musste an den jungen Pfaffen denken, der sich mit ihm eine ganze Weile so viel Mühe gegeben hatte. Keiner kann der Strafe Gottes entgehen, auch du nicht! Was in drei Teufels Namen wusste der schon? Wohnte in einem hübschen Pfarrhaus, hatte reichlich zu essen und zu trinken, und jeder hofierte ihn.
   Zwieker spuckte auf die staubige Straße. Besonders seine Angetraute. Er fragte sich, ob sie eigentlich noch etwas anderes als die Kirche im Kopf hatte. Kaum hatte sie die eigene Hausarbeit in dieser armseligen Bruchbude, die sie gemeinsam bewohnten, erledigt, war sie auch schon auf dem Weg nach Coms, um dort noch den Haushalt des Pfaffen zu schmeißen.
   Wir brauchen das Geld, Karl, hatte sie kurz angemerkt und ihn dabei vorwurfsvoll angesehen. Er hasste diesen abschätzigen Blick, denn er wusste, was sie damit eigentlich sagen wollte. Dass er eine Niete war, ein heruntergekommener Trunkenbold, den sie verachtete. Allem Anschein nach hatte sie vergessen, dass es einmal eine Zeit gegeben hat, in der sie noch etwas von ihm hielt. Als er noch fesch gewesen war und Verwalter bei einem der großen Bauern. Ja, da hatte sie sich gern mit ihm sehen lassen.
   Er wurde unruhig. Diese Gedanken gefielen ihm nicht. Was konnte er dazu, dass alles anders gekommen war, als sie es sich einmal erhofft hatten?
   Ein junger Bursche kam an ihm vorbei. Emerald hieß er, wenn er sich nicht irrte. Er und seine Freunde machten sich oft einen Spaß daraus, ihn zu verhöhnen. Wie oft schon war er ihnen nachgerannt. Doch immer wieder waren sie mit ihren jungen Beinen und den großen Klappen schneller gewesen als er. Wie gern hätte er ihnen ihre großen Mäuler einmal gestopft.
   Zwieker schüttelte den Kopf. Verdammt, wann machte diese blöde Kneipe endlich auf?
   Von der gegenüberliegenden Straßenseite glotzte ihn eine klapperdürre schwarze Katze an.
   »Hau ab, du Missgeburt!«, schimpfte er und bückte sich mühsam nach einem Stein, um ihn nach der Katze zu schleudern. Das Mistvieh trollte sich und Zwiekers Gedanken kreisten wieder um die blasse Göre. Reich war sie, das war ihr anzusehen, lebte im Forsthaus wie eine Königin. Oh! Er musste an die reich bestückten Körbe denken, die seine Frau Woche für Woche hoch ins Forsthaus schleppte. Viel zu viel für ein einzelnes Mädchen, während er und Rosa kaum über die Runden kamen. So ungerecht …
   Unwillkürlich folgte er dem Weg, den Fiona gegangen war …

Gerade noch rechtzeitig verbarg sich Emerald hinter einem breiten Felsen, als Fiona und Nanna das Haus verließen. Gespannt beobachtete er die beiden. Warum wirkte das Mädchen so aufgeregt? Kurz vorm Gartentor blieb die zu kurz geratene Bohnenstange stehen und griff nach der Hand der Heilerin. Sie sprach sehr leise, und doch konnte Emerald sie verstehen.
   »Nanna … Ich … Ich weiß nicht, wie viel du ahnst, aber ich möchte dich bitten, ihm keine Fragen zu stellen.«
   Die Alte nickte.
   »Mach dir keine Sorgen.«
   Ihm? Emerald spitzte die Ohren. Von wem war die Rede? Fiona lebte doch allein im Forsthaus. Er pirschte sich näher heran, atemlos, darauf bedacht, jedes weitere Wort zu verstehen.
   »He du Drecksbengel, was treibst du da?«
   Emerald fuhr herum. Karl Zwieker.
   Nanna und Fiona verließen den Garten.
   »Lass den Jungen zufrieden«, rief Nanna dem Trunkenbold zu. »Du siehst doch, dass er verletzt ist.«
   Emerald atmete auf. Offenbar hatten die beiden keinen Verdacht geschöpft.
   »Ich will nichts von dem Balg«, lallte Karl Zwieker. »Lasst mich doch alle zufrieden!«
   Nanna und Fiona gingen weiter.
   Emerald blickte den Trunkenbold ärgerlich an, doch dessen Blick galt nicht mehr ihm.
   Zwieker starrte dem Mädchen nach, so seltsam, so gierig, dass es Emerald kalt den Rücken hinunterlief. Auf einmal graute es ihm vor dem alten Säufer. Er verdrückte sich schleunigst in die nächste Gasse, bevor der Kerl sich wieder ihm zuwenden konnte.

Rosa Zwieker stieg vom Rad, kaum dass sie das Dorf erreicht hatte. Langsam schob sie es in den halb verwitterten Heuschober gleich hinter dem Ortsschild und lehnte es vorsichtig an einen Strohballen. Sie hatte weiß Gott wie lange darauf gespart. Nie fuhr sie bis zu ihrer armseligen Hütte am anderen Ende des Dorfes. Sie wollte nicht riskieren, dass ihr Ehemann das Rad benutzte, stürzte und es dabei ruinierte.
   Rosa bekreuzigte sich. So weit war es schon gekommen. Sie dachte zuerst an ihr Rad und dann erst an Karl.
   »Gott schütze ihn«, murmelte sie schuldbewusst. »Verzeih mir Herr, ich bin nur eine arme, unwürdige Sünderin.«
   Mit gesenktem Kopf ging sie weiter. Es war wie an jedem anderen Tag. Sie hatte bis zum Umfallen geschuftet, aber das war in Ordnung. Genauso wollte sie es. Einfach arbeiten und vergessen. Aber so wie auf jeden Sommer ein Herbst folgte – obwohl es noch warm war, fröstelte Rosa – ging auch die Sonne früher oder später wieder unter. Morgens ging es ihr nicht schnell genug, bis sie die gemeinsame Hütte verlassen konnte und endlich in Coms war. Am Abend trottete sie, nachdem sie ihr Rad in Sicherheit gebracht hatte, langsam und niedergeschlagen nach Hause zurück.
   Nach Hause? Sie lachte bitter auf. Ja, sie hatten mal ein Heim gehabt, aber das war lange her. Jetzt hausten sie in einer Bruchbude. Aber wenigstens hatten sie ein Dach über dem Kopf. Sie hielt die paar Quadratmeter sauber, so gut es ging. Doch seit Karl von diesem Dämonen besessen war – was anderes konnte der Alkohol sein als eine Ausgeburt der Hölle? – zog er auch sie mit in den Abgrund. Es war wie ein Strudel, der sie beide unweigerlich in die Tiefe riss.
    Selbst der Pfarrer hatte bei ihrem Mann nichts ausrichten können.
   Rosa seufzte schwer. Sie blickte auf ihre rissigen Hände, die von der großen Wäsche rot aufgequollen waren, und fuhr sich durch ihr von grauen Strähnen durchzogenes Haar.
   Das war eben ihr Schicksal, mit dem sie nicht hadern durfte. Das war, was Gott ihr zugedacht hatte, um sie zu prüfen. Und wenn sie nur stark genug war, würde sie für diese schwere Prüfung einmal fürstlich belohnt werden. Sie sollte aufhören, sich zu beklagen. Schließlich war es Glück im Unglück gewesen, als der Ortsvorsteher Jakob ihr Arbeit im Pfarrhaus beschafft hatte. Das würde sie ihm nie vergessen. Und trotzdem: Das Leben fühlte sich an wie unter einer Zentnerlast, die sie zu erdrücken drohte. Es wurde einfach nicht besser mit Karl.
   Aus den Augenwinkeln sah Rosa, dass schon ein paar Gestalten vor dem unscheinbaren Gasthof herumlungerten. Doch ihr Mann war nicht unter ihnen. Rosa stutzte.
   »Na, Rosa«, rief einer der Kerle zu ihr herüber, »hat Zwieker seinen Rausch immer noch nicht ausgeschlafen?«
   Allgemeines Gelächter.
   »Kommt langsam in die Jahre, dein Alter, was?«, meinte ein anderer.
   Rosa beschleunigte ihre Schritte. Als sie ihre Hütte erreicht hatte, sah sie weder auf durcheinandergeworfenen Krempel, noch empfing sie lautes Schnarchen. Nein, Karl begrüßte sie mit einem schiefen Lächeln.
   Sollte Gott, der Herr, ein Wunder gewirkt haben?
   Rosa griff sich ans Herz. Doch als sie in Karls Augen blickte, erschrak sie. Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte sie Furcht. Furcht vor ihrem eigenen Mann. Sie wusste nicht einmal, warum.

Nanna warf einen letzten Blick auf das alte Forsthaus, dann drehte sie sich seufzend um und machte sich auf den Nachhauseweg. Sie wusste, dass sie beobachtet wurde.
   Schon auf dem Weg hinauf zum Forsthaus, zu dem sie an diesem trüben, windstillen Abend an Fionas Seite aufgebrochen war, hatte sie das Gefühl gehabt, von drohenden, wachsamen Augen belauert zu werden. Ein Gefühl, das mit jedem Schritt stärker geworden war und keinen Moment nachgelassen hatte. Nicht, als sie den dunklen Flur des alten Forsthauses betrat. Nicht, als Fiona sie in die kleine Kammer ihres Vaters führte, in dem ein fremder junger Mann lag. Schnell hatte die Heilerin erkannt, dass der Verband zu fest um den verletzten Arm geschnürt war. Die entzündete Wunde benötigte dringend mehr Luft und eine beruhigende Salbe, die sie schon vor Tagen aus Gnadenwurz, Kamille und Ringelblumen vorbereitet hatte. Sie musste auch etwas gegen das Fieber tun.
   Der Junge mit dem zerzausten Haar hatte nicht einen Mucks von sich gegeben, während sie ihn untersuchte. Mit zusammengepressten Lippen hatte er sie wie eine Feindin angestarrt. Selbst als Nanna seinen verletzten Arm versehentlich so berührte, dass sich sein Gesicht vor Schmerz verzerrte, hatte er seinen Blick nicht von ihr abgewandt, sondern ihr angespannt, beinahe drohend, in die Augen geschaut.
   Auch das Fräulein, das fürchterlich nervös im Zimmer auf und ab gegangen war, wobei der Saum ihres viel zu großen Kleides über den Holzboden schleifte, hatte, seit sie zu Nannas Haus gekommen war, um sie um Hilfe zu bitten, kaum ein Wort an sie gerichtet.
   Und so hatte sich Nanna an das unausgesprochene Schweigegebot, das offenbar in dieser Kammer vorherrschte, gehalten, stumm – und von wer weiß wie vielen Augen beobachtet – ihre Arbeit verrichtet und keine der Fragen gestellt, die ihr auf der Seele brannten. Denn sie hatte sich entschieden, zu respektieren, dass Fiona ihr Geheimnis offenbar vorerst für sich behalten wollte. Dabei gab es vieles, das Nanna das Fräulein nur zu gern gefragt hätte.
   Fionas seltsames Verhalten, Emeralds Erzählung – und jetzt die verdächtige Stichwunde. All das konnte kein Zufall mehr sein. War der Mann, den das Fräulein beschützte, also tatsächlich ein Wolf?
   Freilich, man sah es ihm nicht an. Ja, er war gut gebaut für sein Alter und seine Vorsicht verriet, dass er schon weit mehr erlebt hatte als andere Jungen. Und doch – keine spitzen Zähne, kein auffälliger Haarwuchs oder ähnliche Anzeichen, die der Volksmund kannte, deuteten darauf hin, dass er mehr war als ein gewöhnlicher junger Mann. Höchstens seine Augen, sein wilder, forschender Blick, gaben ein wenig von dem preis, was sich vielleicht in ihm verbarg.
   Besorgt blickte Nanna in den graublauen Himmel, der sich über Liebstein erstreckte. In was war das Fräulein da nur hineingeraten?

Fast hatte Nanna ihre Hütte erreicht, als ein lautes Scheppern ertönte. Sie stockte. Kam das etwa aus ihrer Hütte? Vorsichtig schlich sie näher und legte ihr Ohr an die Haustür.
   »Mist!«, hörte sie eine Stimme aus dem Inneren fluchen. Sie riss mit einem Ruck die Tür auf – und blickte in das ertappte Gesicht eines jungen Burschen von vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahren. Es war Emerald, inmitten eines Durcheinanders aus Töpfen und Pfannen, die er wohl gerade umgeworfen hatte.
   »Oh … äh, Nanna!«, stammelte der Sohn des Schweinehirten und fuhr sich verlegen durch das kurze Haar. »Ich wollte mit dir reden!«
   »So, wolltest du das? Und da dachtest du dir, du wartest schon mal drinnen, während ich noch unterwegs bin?«
   Der Junge errötete.
   »Nun, ich … Unwichtig! Er baute sich vor ihr auf. «Ich weiß genau, dass du mehr weißt über diese Wölfe! Und ich gehe nicht eher weg, bis du mir die Wahrheit gesagt hast!«
   »Die Wahrheit ist, dass du dir das alles nur eingebildet hast. Und jetzt verschwinde! Sonst mach’ ich dir Beine! Du solltest lieber im Bett liegen und deinen Arm schonen, als eine alte Frau wie mich zu erschrecken.«
   Mit diesen Worten packte sie den protestierenden Jungen bei den Schultern und schob ihn vor die Tür.
   »He!«, rief Emerald empört und schlug von außen gegen das Holz. Doch Nanna hatte schon die Tür verriegelt.
   »Ich werde herausfinden, was es mit diesen … diesen Bestien auf sich hat. Verlass dich drauf!«
   Seufzend ließ sich die Alte auf den Stuhl neben ihrem Kachelofen sinken und wartete, bis das Klopfen verstummte und Emerald sich leise fluchend davonmachte. Sie legte den Kopf zurück und schloss für einen Moment die Augen. Als gäbe es nicht schon genug Dinge, die ihr Kopfzerbrechen bereiteten.
   Es konnte kein Zufall, musste ein Spiel der Schicksalsgeister sein, dass Fiona, ausgerechnet Isaaks Tochter, solchen Wesen Unterschlupf gewährte.
   O Isaak! Was würdest du tun?

Die Tage vergingen und mehr als einmal schlich Nanna hinauf zum Forsthaus. Mit ihren Gedanken war sie bei Fiona und dem Fremden und ahnte nicht, wer ihr hasserfüllt nachstarrte, wann immer sie das Dorf verließ.

Kapitel 4
Gier

Die Hände an die Scheiben des Fensters gepresst, stand Fiona in ihrem Schlafzimmer und sah zu, wie die Silhouetten dreier Gestalten im Schatten der Bäume des Johannesforstes verschwanden. Sie verspürte den Wunsch, Serafin, Lex und Carras nachzulaufen. Doch die drei Wolfsmenschen wollten unter sich sein, um Lex’ Genesung mit einer Pirsch durch den Wald zu feiern. Sie würden wiederkommen. Das hatten sie versprochen.
   Angespannt fuhr sich Fiona durch ihr langes Haar. Was war nur los mit ihr? Sie war es doch gewohnt, allein zu sein. Sie wusste, dass sie sich freuen sollte, dass es Nanna gelungen war, Lex’ Verletzung zu heilen. Sie war ja auch wirklich erleichtert darüber. Und doch war ihr mit jedem Tag, an dem er sich besser fühlte, die bittere Wahrheit klarer geworden. Sobald der Wolfsmann stark genug wäre, würden ihre drei geheimnisvollen Gäste wieder davonziehen. Auf Nimmerwiedersehen. Sie hatten keinen Grund, länger bei ihr zu bleiben.
   Was, wenn die Zeit schon jetzt gekommen war? Wenn die Jagd im Wald nur ein feiger Vorwand der Wölfe war, um ungehindert zu verschwinden? Dabei gab es noch so viel, das Fiona sie fragen wollte. Es gab noch so viel, was sie über sie lernen wollte.
   Feindselig spähte sie in den Wald, der die Wolfsmänner mit all ihren Geheimnissen heimtückisch vor ihr versteckte. Ob sie ihnen nicht doch lieber nachschleichen sollte …?
   Desirees schrilles Quieken riss Fiona aus ihren Gedanken. Das Schwein klang aufgeregter als sonst. Was hatte das zu bedeuten? Wenn Nanna zu Besuch kam, lärmte das Tier nicht halb so laut. Und Rosa hatte doch erst vor ein paar Tagen Lebensmittel vorbeigebracht.
   Ärgerlich marschierte Fiona aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Wer immer ihr dort unten auf die Nerven gehen wollte, dem würde sie was flüstern! Sie war alles andere als in der Stimmung für unerwünschten Besuch aus dem Dorf.
   Desirees aufgeregtes Quieken wurde immer lauter. Fiona riss die Haustür auf und blieb wie angewurzelt stehen.
   »Was willst du denn hier?«

Karl Zwieker hatte den ganzen Vormittag im Bett verbracht. Jetzt schmerzte sein Kopf und der Rücken tat ihm so höllisch weh, dass er beschloss, aufzustehen. Er wusste, dass dies eigentlich keine so gute Idee war. Denn kaum war er in die Küche gewankt, lenkte er seine Schritte zu der kleinen Kiste in der Ecke hinter dem zerschlissenen Sofa. Er bückte sich ächzend, zerrte den Deckel hoch und beförderte eine halb leere Flasche ans Tageslicht.
   Es ging einfach nicht anders. Sein Körper verlangte danach. Jetzt auf der Stelle. Nur einen winzigen Schluck. Damit dieses Zittern aufhörte. Und überhaupt, was war schon dabei? Er konnte weiß Gott mehr vertragen! Die paar Tropfen würden ihn nun wirklich nicht umbringen.
   Fast ehrfürchtig setzte er die Flasche an die Lippen und spürte, wie ihm die Flüssigkeit die Kehle hinunterrann. Er wischte sich mit dem Ärmel seines Hemdes über den Mund und seufzte erleichtert. Dann stöpselte er die Flasche zu und stellte sie neben den Tisch auf den offenbar frisch geschrubbten Bretterboden.
   Das musste man Rosa lassen. Sie achtete darauf, dass alles blitzsauber war. Ja, darauf legte sie weiß Gott mehr wert als auf ihn. Zwieker spuckte verächtlich mitten in den Raum. Er wusste, sie hasste die Kiste in der Ecke. Aber immerhin hatte sie damit aufgehört, ihm den Alkohol einfach wegzunehmen. Ja, das hatte sie zum Glück verstanden. Was sonst passierte, wollte sie bestimmt so schnell nicht wieder erleben. Er wusste selbst nicht, wieso, aber er sah dann rot. Er brauchte dieses Zeug einfach. Aber manchmal brauchte er auch einen klaren Kopf. Beides zusammen war schwierig. Aber heute musste es klappen.
   Zwieker riss seinen Blick von der Flasche, schlurfte zur Haustür, öffnete sie einen Spalt und lugte nach draußen. Nasskalter Wind kam ihm entgegen. Angewidert schlug er die Tür wieder zu. Dann zog er die Wolljacke vom Haken, schlüpfte in seine Holzschuhe und griff nach seinem alten, zerbeulten Filzhut. Noch einmal drehte er sich um, blickte auf die Flasche neben dem Tisch und zögerte nur kurz, packte sie und vergrub sie in seiner Jackentasche. Dann trat er ins Freie und ließ seinen Blick über den allmählich ansteigenden Hang bis hoch zum alten Forsthaus gleiten. Er setzte ein böses Lächeln auf.
   »Der werd’ ich’s zeigen«, murmelte er. »Heut werd’ ich’s der endlich mal zeigen.«

Zwieker wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht.
   Es nützte nicht viel. Er war einfach nichts mehr gewöhnt. Schon dieser kurze Anstieg war zu viel für ihn. Alle paar Meter blieb er stehen, bis sich sein keuchender Atem ein wenig beruhigt hatte. Blöd nur, dass er nicht den direkten Weg hatte nehmen können, sondern einen Umweg am Waldesrand entlang gehen musste. Schließlich hätte sich jeder im Dorf verwundert die Augen gerieben und noch mal genauer hingesehen, ob das wirklich Karl Zwieker war, der sich den Hang hinaufquälte. Und wieso tat er das wohl?
   Nein, an solchen Fragen war ihm wahrlich nicht gelegen. Das ging die da unten einen Dreck an, was er dort oben wollte.
   Schwer ließ er sich auf ein Mooskissen fallen. Er sollte sich dranhalten. Rosa war zwar wie immer beim Pfarrer in Coms, aber man konnte schließlich nie wissen. Manchmal kam sie früher zurück und darauf konnte er heute gut verzichten.
   Zwieker schnaubte. Abhängig von ihr war er geworden. Total untergebuttert. Und alles war natürlich seine Schuld. Damit war es ab jetzt vorbei. So alt war er nun auch wieder nicht, dass er ihr nicht mal wieder zeigen konnte, wo der Hammer hing. Wer der Herr im Haus war.
   Zwieker hustete. Missmutig hievte er sich hoch und stützte sich schwer auf die knorrige Astgabel, die er unterwegs aufgelesen hatte.
   Fast hatte er sein Ziel erreicht, als etwas Dunkles laut grunzend auf ihn zugestürmt kam und ihn um ein Haar umgerannt hätte.
   Erschrocken starrte er auf das Vieh.
   Ja, komm du nur noch mal her, dachte er und packte seinen Stock fester.
   Das aufgeregte Schwein nahm erneut Anlauf, doch da ertönten Schritte aus dem Haus, die Tür wurde aufgerissen und Fiona trat heraus.
   Als sie ihn erkannte, blieb sie wie angewurzelt stehen.
   »Was willst du denn hier?«
   »Ah, das Fräulein. Habe die Ehre!« Als er höhnisch seinen Hut ziehen wollte, geriet er ins Taumeln. »Das nenne ich mal … einen herzlichen Empfang.«
   »Ach, komm lass das, Zwieker. Also, was willst du?« »Ist was mit Rosa?« Ihre Stimme klang besorgt.
   Er lachte leise und bedrohlich.
   »Ja, ja, die Rosa. Warum fragst du zur Abwechslung nicht einfach mal, was mit mir ist, hä?«

Fiona erkannte, dass alles, was sie jetzt sagen würde, wahrscheinlich das Falsche wäre. Also machte sie auf dem Absatz kehrt. Sie hatte nicht einmal drei Schritte getan, da fühlte sie sich fest von hinten gepackt und unsanft zur Haustür gestoßen.
   »He, lass das! Was fällt dir ein?«, herrschte sie Zwieker wütend und erschrocken an.
   Sie spürte seinen üblen Atem ganz nah an ihrem Ohr.
   »Mir fällt noch eine Menge mehr ein, wenn du jetzt nicht sofort die Schnauze hältst und brav mit mir reingehst.«
   Er hielt sie wie in einem Schraubstock, trat die Tür hinter ihnen zu und schob sie wie eine Puppe durch die offen stehende Küchentür.
   »Setz dich«, befahl er. »Und hör mir gut zu. Ich sag das alles nur einmal!«
   Er ließ sich auf den Stuhl neben ihr fallen.
   Fiona warf einen blitzschnellen Blick zum Fenster. Nachdem sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatte, überlegte sie fieberhaft, wie sie diesem Kerl, der ganz offensichtlich nichts Gutes im Schilde führte, am schnellsten entkommen konnte. Aber er war lange nicht so betrunken, wie sie zunächst angenommen hatte.
   »Denk nicht dran!«, raunzte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Wenn du abhaust, schlag ich hier alles kurz und klein. Das kannst du mir glauben!«
   »Sie würden dich einsperren«, warf sie ihm an den Kopf.
   »Dazu wird es nicht kommen, du dummes, vorlautes Gör!«
   Er packte sie jetzt so fest am Arm, dass sie vor Schmerz aufschrie.
   »Schnauze!«, zischte Zwieker. Doch er lockerte seinen Griff ein wenig, wühlte mit der anderen Hand eine Flasche aus seiner Jackentasche, riss den Korken mit den Zähnen heraus und nahm einen kräftigen Schluck. Dann grinste er sie verschlagen an.
   »Willste auch mal?«
   Angewidert wandte Fiona den Kopf ab.
   Nachdem Zwieker den Schnaps wieder verstaut hatte, richtete er seinen überheblichen Blick auf sie.
   »Kommen wir zur Sache.«
   »Was willst du?«, flüsterte Fiona.
   Zwieker starrte sie eine Weile reglos an, dann reckte er das Kinn vor und spuckte die Worte förmlich aus. »Du lebst hier wie ’ne Made im Speck! Machst keinen Handstreich! Schaust auf unsereins runter, als ob du was Besseres wärst.«
   Er hatte seinen Kopf jetzt so weit nach vorn gestreckt, dass Fiona seinen feuchten Atem auf ihrem Gesicht spürte. Angeekelt drehte sie den Kopf zur Seite.
   Er packte sie grob am Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.
   »Jede Woche kommt Rosa hier rauf und bringt dir, was du brauchst. Und was kriegt sie dafür?«
   »Mein Vater hat dem Ortsvorsteher genug Geld dagelassen, um …«
   »Halt dein vorlautes Maul!«, fiel Zwieker ihr ins Wort. Dann griff er unvermittelt hinter sich und riss zornig eine der drei Schubladen aus dem Küchenschrank, dass sie scheppernd auf den Boden fiel und sich ihr Inhalt weit über den Boden verstreute.
   Fiona zuckte zusammen. Wieder blies er ihr seinen stinkenden Atem ins Gesicht. Schweißperlen standen auf seiner Stirn und ein verschlagenes Grienen verzog seinen Mund.
   »Na, wo ist denn das Silberbesteck?«
   Er packte sie an der Schulter und schüttelte sie.
   »Schmuck hast du sicher auch ‘ne Menge, was?«
   »Das geht dich gar nichts an! Und überhaupt, Rosa kriegt sehr wohl was dafür, dass sie zu mir rauf kommt. Das weißt du genau!«
   Fiona bebte vor Wut. Mit einem kräftigen Ruck schüttelte sie seinen Arm ab, bückte sich blitzschnell nach dem großen Fleischmesser, das mit all dem anderen Besteck auf den Boden gefallen war, und baute sich vor Zwieker auf.
   »Du verlässt jetzt sofort mein Haus! Sofort!«, stieß sie hervor.
   Zwieker wich zurück und riss die Hände hoch. »Schon gut. Ist ja gut, ich …«
   Er ließ den Kopf auf die Brust fallen und wandte sich langsam ab.
   Fiona atmete erleichtert auf.
   In diesem Moment fuhr der Mann brüllend herum und schlug ihr die Waffe aus der Hand. Zwieker bekam Fiona zu fassen und grub seine Fingernägel brutal in ihre Schulter.
   Sie taumelte nach hinten.
   Zwieker warf sich auf sie. »Du dreckiges … kleines … Miststück! Dir werd’ ich’s zeigen! Dir werd’ ich’s …!«
   Die Tür flog krachend auf, zwei Arme packten Zwieker und schleuderten ihn hinaus in den Flur.

Serafin beugte sich tief besorgt über Fiona und stelle erleichtert fest, dass sie keinen ernsthaften Schaden genommen hatte. Die plötzliche Gewissheit, dass sie in Gefahr schwebte, wich einer so großen Erleichterung, dass es ihn selbst erstaunte. Wie der Teufel war er zum Forsthaus zurückgejagt und sein rasender Puls hatte sich noch immer nicht beruhigt. Die grenzenlose Wut, die in ihm hochgekocht war, als er über dem Mädchen diesen Widerling entdeckte, erfasste ihn von Neuem.
   Er fuhr herum und sah, dass der Kerl gerade dabei war, sich hochzurappeln.
   Serafins Körper straffte sich, erzitterte und wandelte sich furchterregend. Mit einem grässlichen Knurren sprang er auf Zwieker und entblößte unter weit hochgezogenen Lefzen Reißzähne, die auch den mutigsten Keiler hätten Reißaus nehmen lassen. Schreckensstarr und vor Entsetzen unfähig zu schreien, starrte Zwieker in den aufgerissenen Rachen eines riesigen schwarzen Wolfes.
   »Nicht! Nein! Tu das nicht«, rief Fiona.

Zwieker schloss die Augen. Er konnte den Anblick der schaurigen Fratze über sich nicht mehr ertragen. Stocksteif blieb er liegen.
   Zähne gruben sich in sein Hemd und er wurde in hohem Bogen durch die offene Haustür ins Freie geschleudert. Er stieß einen Schrei aus, als er aufprallte und ein gutes Stück den Abhang hinunterkullerte, bis er schließlich zum Liegen kam.
   Die Sekunden verrannen. Oder waren es Stunden?
   Zwieker blinzelte, rieb sich die Augen, blinzelte wieder und hob langsam den Kopf. Wo war der Wolf? Vorsichtig sah er sich um. Die Bestie musste noch in der Nähe sein. Warum hatte er von ihm abgelassen? Was war passiert?
   Vorsichtig setzte er sich auf, tastete nach der Flasche, die halb aus seiner Jackentasche gerutscht und fast ausgelaufen war – und da kam ihm die Erleuchtung. Er stank. Er stank wie die Pest. Er stank nach Alkohol. Klar doch! Das war’s! Warum sollte der Wolf ihn fressen, wenn im Nebenzimmer ein junges Mädchen lag? Mit wirklich frischem Fleisch. Nicht so verseucht wie seines. Hatte der Wolf wohl gerade noch rechtzeitig gemerkt. Er sollte sich trotzdem schleunigst davonmachen.
   Zwieker wälzte sich auf die Seite und kam mühsam auf die Beine. Er sollte nach der Kleinen sehen. Zwieker wischte den Gedanken wie eine lästige Fliege beiseite. Nein, das war nicht sein Bier. Das ging ihn nichts an.
   Er presste die Hände auf beide Ohren. Nichts hören, nichts sehen. Ohne sich noch ein einziges Mal umzublicken, stolperte er mit schlotternden Knien den restlichen Hügel hinunter, hinab ins rettende Tal.

Fiona kauerte zitternd auf dem Boden. Obwohl der Trunkenbold vertrieben war, hörte ihr Herz nicht auf zu rasen. Sie starrte auf Serafin, der wieder vom Wolf zum Mann geworden war, und doch unmenschlich wirkte, als er dort an der Tür stand und mit kaltem Zorn dem Trunkenbold nachstarrte.
   Sie zuckte zusammen, als er sich zu ihr umdrehte, auf sie zuging – und ihr die Hand reichte. Fiona zögerte nur einen Moment, ehe sie danach griff, da beugte er sich schon zu ihr hinunter, umfasste ihre Taille und hob sie in die Luft. Er trug sie die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer und setzte sie behutsam auf ihrem Federbett ab.
   »Alles in Ordnung, Mädchen?«, fragte er sanft.
   Verdutzt starrte sie ihn an. Sie konnte Serafin unmöglich einschätzen. Eben noch war er hart und hasserfüllt gewesen, und nun …?
   Sie wusste, dass sie sich bedanken sollte, doch die Worte wollten ihr einfach nicht über die Lippen kommen.
   Sein Atem ging schnell.
   War er zurückgerannt, nur um ihr zu helfen?
   Sie blickte in seine dunklen, schönen Augen, die noch immer auf sie gerichtet waren. Nur um ihr zu helfen …? Schüchtern rückte sie näher an ihn heran.
   »Serafin, ich …«, sagte sie leise, als Lex, gefolgt von Carras, ins Schlafzimmer stürmte und erst kurz vor ihrem Bett zum Stehen kam. Abschätzend begutachtete er Fiona von oben bis unten.
   »Es ist noch alles dran«, urteilte er trocken. »Na prima.«
   »Dann können Serafin und ich dich wohl mal kurz mit Carras allein lassen«, fügte er rasch hinzu.
   Sprachlos sah Fiona zu, wie Lex nach Serafins Hand griff und schnurstracks mit ihrem Retter aus dem Raum marschierte.
   Auch Carras blickte seinen zwei Gefährten ein wenig beleidigt hinterher, zuckte aber schließlich mit den Schultern und warf sich kurzerhand neben Fiona auf das Federbett. Als er ihren aufgeschürften Ellbogen bemerkte, beugte er sich hinunter – und leckte wie ein Hund ihre Wunde.
   »Lass das! Das kitzelt«, protestierte sie.
   Als sie sich mit ausgestreckten Armen in ihre Kissen fallen ließ, spürte sie, wie all die Anspannung endlich von ihr abfiel. Sie war in Sicherheit.
   Grinsend beugte sich Carras über sie. Die hellen Locken umspielten sein Gesicht. »Serafin ist wohl gerade noch rechtzeitig gekommen, was?«
   »Hm, ja«, raunte Fiona. Sie wusste nicht, warum sie dabei rot wurde.
   Carras lachte ausgelassen.
   »Ach, das muss dir doch nicht peinlich sein. Glaub mir, Serafin erwartet weder Dankbarkeit noch Bewunderung. Er ist ein richtig feiner Kerl. Mir hat er auch schon mal das Leben gerettet.«
   Abrupt setzte sie sich auf. Mit einem Mal wollte Fiona viel mehr über den schwarzen Wolf erfahren. »Erzähl! Wann war das?«
   Carras zögerte.
   »Ach, komm schon«, bat Fiona.
   Ein Schatten huschte über das sonst so freundliche Gesicht des Wolfsjungen. »Bestimmt hast du schon einmal etwas von der Schwarzen Sichel gehört?«, fragte er leise, stockend.
   Fiona schüttelte den Kopf. »Nein, noch nie.«
   »Naja, du bist eben kein Wolfsmensch«, fuhr Carras bitter fort.
   Noch nie hatte sie ihn so ernst gesehen. »Nun sag doch, wer oder was ist die Schwarze Sichel?« Neugierig rückte Fiona noch näher heran.
   »Es gibt nicht einen Wolf, der sie nicht kennt«, raunte Carras, »denn sie ist das mächtigste Rudel dieser Gegend – und das gefährlichste. Die meisten Wölfe wollen einfach nur in Frieden, fernab von den Menschen leben, die uns ja doch nicht verstehen. Aber die Sichel ist anders. Sie hasst den Menschen, jeder ist für sie ein Feind. Denn die Krieger der Sichel sind die Herren des Waldes!«
   »Du kennst dich ja aus«, bemerkte Fiona anerkennend. Carras lächelte traurig.
   »Weil meine Eltern selbst zur Schwarzen Sichel gehörten. Und es war auch die Sichel, die die beiden getötet hat …«
   »Was?«
   Fiona empfand tiefes Mitleid.
   Carras wich ihrem Blick aus.
   »Ich habe nie verstanden, warum meine Eltern ihr Rudel verraten haben. Ich war noch klein, da sind sie mit mir vor ihnen geflohen, doch … die Sichel hat uns aufgespürt und …«
   Carras rang nach Luft.
   Fiona fühlte sich schrecklich, solche Erinnerungen geweckt zu haben. Schützend wollte sie den Jungen umarmen.
   »Nein, nein!«, protestierte dieser atemlos. »Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Weil Serafin gekommen ist! Ich will dir doch von Serafin erzählen.«
   Fiona nickte.
   »Serafin war ein Rudelloser. Einer, der allein im Wald lebt, und jedem Fremden aus dem Weg geht, obwohl wir Wölfe Rudeltiere sind. Einer, der sich aus den großen Stammeskämpfen heraushält, und deshalb von den Rudeln in Frieden gelassen wird. All das hat er für mich aufgegeben. Er hat gesehen, wie sie sich zu zehnt auf meine Eltern stürzten, hat gesehen, dass es Sichelwölfe waren. Und trotzdem ist er mir nachgelaufen, als ich ins Kornfeld rannte. Er hat den Wolf erschlagen, der mir auf den Fersen war. Seitdem sind wir beide Gejagte. Alles ist meine Schuld und … und …«
   Tränen standen in Carras’ Augen.
   Noch einmal drückte Fiona den Jungen an sich. Diesmal sträubte er sich nicht. Ungläubig strich sie ihm über den Lockenkopf. Wie kann er nur so unbeschwert sein, nach allem, was er durchgemacht hat?
   »Lass mich!« Verlegen machte er sich von ihr los und sah sie trotz der nassen Augen entschlossen an. »Am Anfang hatte ich Angst, dass mich das Rudel holen kommt. Aber Serafin war immer bei mir, um mich zu beschützen. Solange Serafin da ist, ist alles gut.«
   Fiona lächelte.
   Carras rieb sich die rote Nase. »Ja, ich habe keine Angst mehr«, rief er. »Kein bisschen. Wir gehören jetzt zusammen, ich und Serafin. Und Lex, hm … Ja, der gehört jetzt auch dazu! Obwohl er … ein Rüpel ist.«
   Sie lachten leise.
   Fiona reichte ihm ein Taschentuch, als ihr mit einem Mal etwas ganz anderes in den Sinn kam. »Der Rüpel, von dem du sprichst – was hat der wohl so dringend mit Serafin zu bereden?«
   Geräuschvoll putzte sich Carras die Nase.
    »Ach, wir hatten uns entschieden, heute Nacht noch fortzuziehen«, erklärte er dann lapidar. »Aber ich glaube, nachdem, was dir passiert ist, will Serafin bestimmt noch bleiben. Lex versucht wohl gerade, ihm das auszureden.«
   »Wie bitte?« Und diesen schnöden, undankbaren Kerl hatte sie mühevoll gepflegt! Mit einem Ruck sprang Fiona vom Bett, nahm Carras bei der Hand und stürmte aus dem Zimmer.

»Was soll das heißen, noch ein paar Tage?«, wollte Lex wissen. »Wir drei sind uns doch einig gewesen! Du kannst nicht einfach alles über unseren Kopf hinweg entscheiden!«
   Vorwurfsvoll blitzte er Serafin an, der auf der untersten Treppenstufe Platz genommen hatte.
   »Das Mädchen hat Angst. Es wäre falsch, gerade jetzt zu gehen«, erklärte ihr Anführer wie immer unerträglich gelassen.
   »Heute hat sie dies, morgen hat sie das. Sollen wir etwa für den Rest unseres Lebens hierbleiben und Leibgarde spielen?« Längst hatte er Serafin durchschaut. Zwar tat der Schwarze immer kalt und gleichmütig, aber tatsächlich hatte er ein viel zu weiches Herz. Zum Teufel, natürlich konnte Lex verstehen, dass sich der Leitwolf um die Kleine sorgte.
   Dass nicht er, sondern Serafin, es gewesen war, der bemerkt hatte, dass Fiona in Schwierigkeiten war, machte Lex fuchsteufelswild. Zu gern hätte er die Kleine vor diesem Saufbruder gerettet, um sich dafür zu revanchieren, dass sie in den letzten Tagen für ihn dagewesen war. Doch so dankbar er dem Mädchen war – die Zeit von hier fortzuziehen, war nun einmal gekommen.
   Lex hielt es einfach nicht mehr aus in dem engen Forsthaus mit den kahlen Wänden, wo ihm bei Tag die Decke auf den Kopf fiel, und wo ihn – schlimmer noch – bei Nacht der gnadenlose Mönch verfolgte. Er musste endlich wieder unter freiem Himmel schlafen. Einer, der Wolfsblut in sich trug, gehörte in kein Menschenhaus.
   »Serafin, du weißt genau, dass es für dich gefährlich ist, zu lang an einem Ort zu bleiben. Ich hab Carras und dich tagelang aufgehalten. Höchste Zeit weiterzuziehen! Was nützt es Fiona, den Abschied hinauszuzögern? Wir machen es ihr nur noch schwerer.«
   Serafin wollte ihm gerade antworten, als über ihnen eine wohlbekannte Stimme erklang.
   »Mir ist schon klar, dass ihr bald weiterziehen müsst.«
   Überrascht blickte Lex auf. Die Kleine stand mit Carras oben auf der Treppe. Ein wenig schuldbewusst fragte er sich, wie lange das Mädchen seinen Worten schon zugehört hatte.
   Na ja, war wohl besser so …
   Fiona schritt langsam die Stufen zu den beiden Wolfsmännern hinunter, wobei ihre kleinen, hellen Füße unter dem grün bestickten Saum ihres weißen Rocks hervorsahen. Lex fragte sich mal wieder, woher sie bloß all die komischen Fummel nahm, als er bemerkte, dass sie ihn keines Blickes würdigte. Ärger blitzte in ihm auf. Sie hatte bloß Augen für Serafin, der aufstand und sich ihr zuwandte.
   Sie blieb vor ihm stehen.
   »Hör zu, ich bin dir sehr dankbar für deine Hilfe. Und ich verstehe jetzt, dass ihr nicht ewig hierbleiben könnt. Ihr seid auf der Flucht. Ihr wollt in Freiheit leben.«
   Lex lauschte anerkennend. So viel Vernunft hätte er der Zwergin gar nicht zugetraut.
   »Aber«, fuhr Fiona fort, »ihr müsst mir einen Wunsch erfüllen, ehe ihr geht.«
   Sein Lächeln versteinerte.
   »Ich habe euch lange Schutz gewährt in meinem Haus. Einen Wunsch seid ihr mir schuldig.«
   Lex rümpfte die Nase. Ihr fordernder Ton gefiel ihm ganz und gar nicht. Aber seine Meinung scherte Fiona ja inzwischen wenig. Sie hatte nur Augen für Serafin.
   Der Leitwolf nickte dem Mädchen respektvoll zu, ehe er sich an seine Gefährten wandte.
   »Brüder, ich finde, dieser Vorschlag klingt gerecht.«
   »Genau!«, stimmte ihm Carras eifrig zu. »Fiona hat uns sehr geholfen.«
   »Nun gut«, lenkte Lex ein und suchte vergebens ihren Blick.
   Serafin reichte Fiona seine Hand. »Wir sind einverstanden, Fiona. Du hast recht, wir stehen tief in deiner Schuld. Sag nur frei heraus, was wir für dich tun sollen. Ich verspreche dir, wir gehen nicht, ehe dein Wunsch erfüllt ist.«
   »Abgemacht!«, erwiderte sie überaus zufrieden, lächelte und schüttelte schwungvoll Serarfins Hand.
   Lex traute seinen Ohren kaum, als Fiona, nachdem sie noch einmal tief Luft geholt hatte, feierlich sprach.
   »Mein Wunsch ist es, die nächste Vollmondnacht mit euch zu erleben.«