Zwei verlorene Seelen begegnen sich … Ben, Killer einer geheimen Gemeinschaft, die Menschen mit abnormen Fähigkeiten jagt, bekommt den Auftrag, die junge, zurückhaltende Sarah zu beobachten und zu töten, sollte sie sich als schuldig erweisen. Seine Beobachtungen führen allerdings dazu, dass er sich in sein vermeintlich unschuldiges Opfer verliebt. Als Sarah, die junge Buchverkäuferin, seine Gefühle zu erwidern beginnt, beschließen Bens Auftraggeber Sarahs Beseitigung. Ben rettet Sarah und wird dadurch zum Gejagten. Doch auch Sarah hat ihre Geheimnisse … Romantisch und spannend mit einem Hauch Mystery.

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ISBN: 978-9963-727-03-2

Seiten: 381

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Ruth Adelmann

Ruth Adelmann
Ruth Adelmann wurde 1983 in Österreich geboren. Nach ihrem Studium der Publizistik in Wien war sie eine Zeit lang als freie Redakteurin eines Bezirksblattes tätig. Derzeitig arbeitet sie als Marketing-Mitarbeiterin in Wien und pendelt zwischen Stadt und Land hin und her. Als leidenschaftliche Leserin war es ihr irgendwann nicht mehr genug, tolle Bücher nur zu lesen und sie erinnerte sich an ihren Jugendtraum, „Schriftstellerin zu werden“, den sie sich 2010/2011 mit der Veröffentlichung ihrer Romantic Fantasy Romane „Wolfsfieber 1 & 2“ erfüllen konnte. Ruth Adelmann schreibt vor allem an fantasievollen Romanen. Die Mischung aus Romantik und Spannung ist ihr dabei eine Herzensangelegenheit. Für die Zukunft wünscht sie sich, noch mehr Bücher zu schreiben und erfolgreich zu veröffentlichen.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Er umklammerte das Messer mit aller Kraft. Adrenalin jagte durch seine Adern. Er hatte nur noch nicht zugeschlagen, weil sich die taube Leere, auf die er sich bisher immer hatte verlassen können, noch nicht eingestellt hatte.
   Sein Opfer zog sich den Kragen über den Kopf und rannte von Hausmauer zu Hausmauer, um sich vor dem Platzregen zu schützen. Die kleine Seitengasse war menschenleer, kaum ausgeleuchtet, wie für einen Jäger wie ihn gemacht.
   Er rannte hinterher. Es war stockdunkel und der Schauer erschwerte die Sicht zunehmend. Der Mann im Trenchcoat hatte keine Ahnung, dass er verfolgt wurde. Nur noch wenige Meter trennten den älteren Kerl von seinem Wagen, der an der gegenüberliegenden Straßenseite parkte. Er zitterte merklich vor Nässe und Kälte, bemerkte ihn nicht, schließlich gehörte es auch zu seiner Pflicht als Assassin, nicht gesehen zu werden. Und er hörte ihn auch nicht, obwohl sein Herz so laut schlug, dass es ihm in den Ohren dröhnte. Der Mann im Mantel fühlte sich sicher, doch er war es nicht.
   Seine Atemzüge waren bereits gezählt.
   Der Jäger in ihm wartete darauf, endlich nichts mehr zu fühlen. Doch es änderte sich nichts. Er fühlte immer noch wie ein richtiger Mensch, war nicht innerlich tot wie ein skrupelloser Killer, der er eigentlich sein sollte. Noch nie war ihm das passiert. Niemals hatte er töten müssen, wenn er ganz bewusst bei sich war. Wenn er fühlte.
   Alles in ihm schrie, wollte ihn dazu bringen, wegzulaufen, aber es gab kein Entkommen. Nicht für ihn, den Mörder, und auch nicht für diesen Mann, der keine Ahnung hatte, was um ihn herum geschah. Sein Tod war längst beschlossen worden. Wenn er es nicht tat, käme ein anderer, mit dem Auftrag, sie beide zu töten.
   Der Mann rannte nun auf seinen Wagen zu. Ihm blieben nur noch wenige Sekunden, um zu handeln. Doch auch er zitterte. Er hatte noch nie gezittert. Ja, er war ein Mörder, aber er wollte das hier nicht, hatte es nie gewollt. Und doch würde es geschehen. Er hatte keine Wahl. Verweigerung bedeutete Verrat. Verrat bedeutete Tod. Die Worte, die er so oft gehört hatte, dröhnten zusammen mit dem Pochen seines Herzschlags in seinem Schädel. Es war, als würde er sich dabei zusehen, wie er dem Kerl hinterherschlich. Das Regenwasser spritzte dabei um seine Füße, die Sohlen seines festen Schuhwerks erzeugten ein dumpfes Echo auf dem Asphalt, von dem er fürchtete, sein Opfer könnte es hören. Doch das schien nicht der Fall zu sein.
   Nun stand er direkt hinter dem Mann im Mantel, noch immer unbemerkt. Er hatte instinktiv aufgehört, zu atmen, damit keine weißen Atemwolken ihn jetzt noch verrieten. Der ältere Kerl befand sich in Griffweite und kramte nach seinem Autoschlüssel. So dicht hinter dem Fremden konnte er sogar dessen starkes Aftershave riechen und die leicht ergrauten Haare in seinem Nacken sehen.
   Innerlich war er immer noch nicht erkaltet und abgestumpft, und er verfluchte sich dafür.
   Als der Mann den Schlüssel ins Schloss steckte, erstarrte er plötzlich und erblickte neben seinem Schatten im Wagenfenster eine größere Silhouette. Mit einem Schlag wurde er sich der Gefahr bewusst. Vielleicht dachte er jetzt an seine Familie.
   Der Zeitpunkt war gekommen. Er packte sein Opfer an der Schulter und drückte ihm die Klinge fest an den Hals.
   »Wieso?«, brachte der Fremde gebrochen hervor.
   Er antwortete ihm nicht.
   »Wieso ich?«, wiederholte der Mann panisch.
   »Ich weiß es nicht«, keuchte er und zog ihm die Klinge von einem Ohr zum anderen, noch bevor der Ältere eine Chance bekam, sich zu wehren.
   Mit einem grauenhaften Gurgeln sackte er zusammen. Seine Augen waren weit aufgerissen, eine stumme Anklage lag darin.
   Er stand über ihm, blickte sich kurz um, ob irgendwer ihn beobachtet hatte, doch die verlassene Straße und das schlechte Wetter hatten die Menschen ferngehalten. Nach außen hin teilnahmslos sah er zu, wie der Mann starb.
   Das Messer in seiner Hand zitterte stärker und er atmete flach ein und aus, um seine rasenden Gefühle in den Griff zu bekommen. Ihm war, als würde ein weiterer Teil in ihm absterben und sich gegen ihn wenden. Wie jedes Mal, wenn er tötete.
   Einen Moment lang betrachtete er das Messer, das zitternd in seiner Hand lag. In stiller Selbstverachtung starrte er auf das viele Blut, das in einem Schwall auf den Wagen gespritzt war, und nun auf den Gehsteig tropfte. Noch nie hatte er sich so müde gefühlt, sich seiner so überdrüssig. Seine jungen Jahre kamen ihm jetzt wie ein grausamer Witz vor und sein Gesicht, das er in der Seitenscheibe des Wagens sah, wie eine falsche Maske, die nichts von dem Mörder dahinter zu erkennen gab. Er fühlte sich seelenlos und leer. Doch es war nicht diese Leere, nach der er sich gesehnt hatte. Er wollte den Schmerz des Tötens nicht fühlen, vielmehr wollte er sich selbst nicht länger fühlen müssen.
   Es gab hier nichts mehr für ihn zu tun. Er hatte erledigt, was man ihm aufgetragen hatte. Sein grausamer Blutzoll für diese Nacht war erfüllt. Vorsichtig trat er von der Leiche zurück und wischte über den Türgriff, den er glaubte, kurz angefasst zu haben. Normalerweise wusste er solche Dinge mit absoluter Sicherheit. Aber nicht heute Nacht. Irgendetwas war anders, auch wenn er nicht genau sagen konnte, was. Es lag an ihm. Er fühlte anders. Fühlte mehr. Seine Menschlichkeit, von seinen Auftraggebern sorgsam unterdrückt, kam immer mehr zurück, wurde immer stärker.
   Sein Blick fiel in das Wageninnere, in dem er einen gelben Stoffaffen entdeckte, etwas, das nur für ein kleines Kind gedacht sein konnte. Der Mann, den er getötet hatte, war Vater. Die Erkenntnis grub sich wie eine eiserne Faust in seinen Magen. Wann war er zu diesem Monster geworden? Mit zitternder Hand fuhr er sich durch das Haar und fluchte lautlos. Er war doch niemals etwas anderes gewesen.
   Er wollte nur noch fort von hier, von allem, auch wenn es für ihn kein Entkommen gab. Unvermittelt starrte er in sein Spiegelbild, das ihm voller Verachtung und Ekel aus der Wagenscheibe entgegensah. Sein braunes Haar war vom Regen durchnässt, klebte auf seinem Kopf wie seine Kleidung auf seinem schlanken, durchtrainierten Körper. Seine Augen waren dunkler als gewöhnlich. Er hatte zu viel gesehen mit seinen jungen Jahren, zu viel erlebt.
   Er hasste dieses Gesicht, sein jungenhaftes Aussehen, hinter dem sich ein Monster verbarg. Doch nur er kannte die Wahrheit. Wusste, dass es weder Hoffnung noch Erlösung gab.
   Zorn und Hass wüteten so übermächtig, dass es ihn zu zerreißen drohte. Mit einem lauten, dumpfen Knall schlug er mit der Faust auf das Fenster ein, um sein Spiegelbild zu zerschmettern, das er nicht länger ertragen konnte.
   Mitten in dem spinnennetzförmigen Scherbenkreis ließ er seine geballte Faust ruhen, den Schmerz, der ihn durchströmte, ignorierend. Als er seine blutende Hand zurückzog, glaubte er, in der zerstörten Scheibe die Fratze eines Teufels zu sehen, die ihn anfunkelte. Die Einbildung erschreckte ihn dermaßen, dass er floh, auch wenn er längst begriffen hatte – vor sich selbst zu fliehen, war unmöglich.
   So schnell er konnte, rannte er in die verregnete dunkle Nacht. Niemand sah seine blutbefleckte Kleidung. Niemand hörte seinen keuchenden Atem. Niemand war da, außer ihm.
   Er lief, bis ihn das eiserne Hindernis eines Brückengitters stoppte. Er beugte sich über das Geländer und erbrach sich in den dunklen Fluss des Kanals, erbrach alles, was er so lange schon zurückhalten musste. Dennoch fühlte er sich weder erleichtert noch befreit. Er sank auf den feuchten Boden, rollte sich zusammen und schloss die Augen, die Arme um den Kopf geschlungen, um seine Tränen vor der Welt, die ihm all diesen Wahnsinn aufbürdete, zu verbergen.
   Nur das Rauschen des Kanalwassers drang zu ihm durch. Gedanken, die zu seinen Gedanken wurden, schrien ihn förmlich an.
   Spring!
   Bring es zu Ende!
   Tu es, dann hört alles auf …
   Und du musst nie wieder töten.
   Er war sich sicher, es würde nie aufhören und er würde nie davonkommen. Also musste er nicht länger nachdenken. In einer einzigen Bewegung beförderte er seinen Körper über die Brüstung in die dunkle Flut und wartete darauf, dass alles Denken und Fühlen endlich aufhörte.
   Das Letzte, woran er sich erinnerte, war der Geruch von nasser Erde und das Gefühl von nassem Stoff auf seinem Körper.

Kapitel 1
Beobachtet

Jeder Nerv in Ben war angespannt, während er die junge Frau mit den kupferroten Haaren von seinem Versteck aus durch das Fernglas beobachtete. Sie stand vor dem Spiegel im Flur ihrer Wohnung und zwirbelte ihr Haar im Nacken zusammen. Mit schnellen geübten Bewegungen formte sie einen lockeren Knoten, den sie mit ein paar Haarklammern feststeckte. Der Moment war intim und besaß dennoch etwas völlig Normales. Eine hübsche junge Frau, die sich für den Tag zurechtmachte, sich unbeobachtet und sicher fühlte in ihren eigenen vier Wänden. Sie wirkte so unschuldig. Aber Schönheit und Unschuld waren nicht gerade Tugenden, mit denen man in den Fokus seiner Auftraggeber geriet.
   Ben hockte auf dem Stuhl in einem kargen kleinen Apartment gegenüber dem Altbaukomplex und verfolgte gebannt jeden Schritt und jede ihrer Bewegungen. Die Frau war das Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Nichts entging ihm. Nicht die kleinste Bewegung, nicht die kleinste Regung in ihrem Gesicht.
   Das flüchtige Beinahelächeln, das sie sich im Spiegel zuwarf, dessen Grund er nicht kannte, zauberte unwillkürlich auch ihm ein Lächeln ins Gesicht.
   Als sie im Bad, und somit aus seinem Sichtfeld verschwand, nutzte er die Gelegenheit und griff nochmals nach der Akte, die man ihm übergeben hatte. Darin befanden sich die spärlichen Informationen über sein Zielobjekt.
   Der Name der Frau, die Ben eigentlich noch wie ein Mädchen vorkam, war Sarah Charlotte Winter. Sie war zwanzig Jahre alt – ihr einundzwanzigster Geburtstag war nicht allzu fern – und lebte erst seit ein paar Jahren in Wien. Für eine Frau war sie recht groß mit einem Meter dreiundsiebzig. Mit ihrem Vater, Friedrich Winter, hatte sie kaum Kontakt, ihre Mutter verließ Vater und Kind, als Sarah noch ein kleines Mädchen war. Auch ihren Namen enthielt das Dossier: Liselotte Isabel Winter. Derzeit arbeitete Sarah in einer Buchhandlung, unweit ihrer Wohngegend. Außerdem erfuhr Ben, dass sie ledig war und seine Auftraggeber keine Informationen über frühere Beziehungen in Erfahrung bringen konnten. Sarah musste sehr intelligent sein, worauf ihr guter Schulabschluss und die ausgezeichnete Lehrabschlussprüfung in einer Großbuchhandlung hinwiesen.
   Der vorletzte Vermerk in der Akte bereitete Ben allerdings kein gutes Gefühl: Zielobjekt ist zu verdächtigen. Obwohl bisher keine eindeutigen Indizien für eine Entartung vorliegen, ist eine weitere Beobachtung nötig. Daher ist S. C. Winter zur weiteren intensiven Beobachtung vorgesehen. Ein Assassin – damit war Ben gemeint – für Beobachtung und Beweiserbringung wurde abkommandiert. Vorerst keine Kontaktaufnahme. Assassin ist berechtigt, dies zu ändern, wenn er es für nötig erachtet, und soll in laufenden Statusberichten Auskunft über seine Fortschritte geben. Gerade dies war Ben zuwider.
   Vor allem aber der letzte Teil fiel Ben ins Auge. Vorerst ist keine Entfernung von S. C. Winter vorgemerkt.
   Eine Entfernung würde stattfinden, wenn ein Beweis für die Schuld der Zielperson gefunden wurde. Über dem kurzen Deckblatt befand sich ein Foto von Sarah. Nur ein Passbild. Trotz ihres jugendlichen Aussehens wirkte sie darauf streng und verschlossen, was auch daran liegen konnte, dass sie nicht lächelte. Ben betrachtete das Foto immer wieder, seit man ihm die Akte übergeben hatte. Noch bevor er Sarah mit eigenen Augen gesehen hatte, hatte etwas in ihrem Gesicht ihn angesprochen. Er konnte nicht sagen, was es war. Jedem Mann, der nicht blind war, würde sofort auffallen, dass es sich bei Sarah um eine unglaublich hübsche Frau handelte. Ihre Haut war hell wie Alabaster. Ihr ovales Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den sinnlich vollen Lippen besaß etwas Verletzliches, Mädchenhaftes, das einen Mann dazu verleiten konnte, sie beschützen zu wollen.
   Die beinahe tulpenförmige Nase gefiel ihm ebenso gut wie ihr kupferrotes Haar, das ihr bis zu den zierlichen Schultern reichte, wie er auf dem Foto erkennen konnte. Seit er angefangen hatte, sie zu beobachten, trug sie es allerdings bisher immer zusammengebunden oder hochgesteckt.
   Doch es war nicht nur ihre weibliche Schönheit, die Ben immer wieder das Foto ansehen ließ. In diesen dunkelbraunen Augen und dem zu ernsten Gesicht erkannte er eine tief verborgene Traurigkeit, die etwas in ihm berührte, etwas, das er nicht benennen konnte.
   Aus den Augenwinkeln erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Ben schloss die Akte und warf sie neben sich auf den Boden. Sarah kehrte zurück in den Flur. Sie schnappte sich ihre Tasche und verließ die Wohnung.
   Den Weg durch das Treppenhaus hasste er, denn so lange Sarah sich darin befand, konnte er sie nicht sehen. Er musste warten, bis sie unten angekommen war und auf die Straße trat. Er biss sich erneut auf die Lippen. Die Erleichterung, die er empfand, sie einfach nur wieder im Blickfeld zu haben, war ihm unangenehm. Ben hatte nicht mehr als ein oder zwei Minuten, ehe sie um die nächste Hausecke verschwand, also musste er sich beeilen.
   Er nahm seine Unterlagen an sich sowie seinen Schlüssel und das Handy, bevor er schnellen Schrittes die Treppen hinunterlief. Bevor er den Hauseingang verließ, sah er sich kurz um, sich vergewissernd, dass niemand ihn bemerkte.
   Sarah hatte bereits die Straße mit den kleinen Geschäften erreicht, die zwischen ihrem Wohnhaus und dem Buchladen lag, in dem sie arbeitete.
   Möglichst unauffällig folgte er ihr und war erleichtert, als er sie an der nächsten Ecke wieder entdeckte. Der Weg zu Sarahs Arbeitsstelle war kurz, und sie schien, aus einem ihm unbekannten Grund, so gut wie alle Strecken zu Fuß zurückzulegen. Sie benutzte nur selten ein öffentliches Verkehrsmittel, auch für ihre wesentlich längeren Besorgungswege. Am Ende der lang gezogenen Straße befand sich der Buchladen.
   Zum ersten Mal, seit er sie beschattete, würde er sie nicht aus der Ferne durch ein Fernglas bei der Arbeit beobachten. In der vergangenen Woche hatte Ben sich damit begnügt, ihre Tagesabläufe kennenzulernen, ihre Gewohnheiten zu studieren, ohne in Erscheinung zu treten. Dabei waren allerdings nicht viele Informationen für ihn rausgesprungen. Er war in einer Zwickmühle. Einerseits sollte er sie bloß beobachten und noch keinen direkten Kontakt zu ihr aufnehmen, aber andererseits drängten seine Auftraggeber ihn, er sollte feststellen, ob Sarah ungewöhnliche Verhaltensweisen an den Tag legte, die für sie von Interesse waren.
   Also beschloss er, gegenüber dem Buchladen Stellung zu beziehen und sich als Promoter auszugeben, der selbst erstellte Flyer austeilte. Dadurch konnte er den gesamten Tag auf der Straße stehen und Sarah in aller Ruhe beobachten, ohne Misstrauen zu erwecken. Zettelverteiler waren ein bekanntes Phänomen in der Nähe der Universität, die sich nicht weit von hier befand. Die Leute auf der Straße mieden die aufdringlichen Verteiler nur zu gern und sahen ihnen daher oft nicht einmal ins Gesicht. Diese Tatsache kam Ben entgegen und er nutzte sie für sich.
   Würde er auf diese Weise nicht an die benötigten Informationen gelangen, müsste er früher oder später eine Wanze in ihrer Wohnung und im Buchladen anbringen. Noch war die Maßnahme nicht nötig.
   Sarah war gerade dabei, den Laden aufzuschließen, eine Aufgabe, die sie jeden Tag übernahm. Ihre Arbeitskollegin, eine meist wild gestikulierende, schlanke Wasserstoffblondine, kam nie vor neun Uhr. Ben sah, was er an jedem Morgen der vergangenen Tage schon gesehen hatte. Sarah hing das Geöffnet-Schild an die Tür, machte alle Lichter an und fuhr den Computer hoch. Sie machte sich eine Tasse Kaffee, um ihn mit geschlossenen Augen zu genießen, ehe sie sich an die eigentliche Arbeit begab. Diesen Anblick mochte er besonders, auch wenn er es nicht sollte.
   Ben musste unwillkürlich lächeln. Bereits nach fünf Arbeitstagen war ihm dieses Morgenritual lieb geworden. Sarah wirkte entspannt, wie er bereits wusste, zum ersten und letzten Mal an jedem Tag. Sobald ihre Kollegin eintraf und damit auch die Kunden, war Sarah nicht mehr dieselbe. Sie wirkte angespannt, auch wenn sie die Anspannung gegenüber der Kundschaft immer mit einem umwerfend freundlichen Lächeln zu verbergen versuchte. Ben hatte dafür keine Erklärung. Er hatte diese Entdeckung auch nicht in seine Notizen aufgenommen, weil er befürchtete, seine Beobachtungen könnten missverstanden werden. Dabei schien es keinen Sinn zu ergeben, vor allem, weil Sarah die Arbeit mit den Büchern zu lieben schien. Immer wieder beobachtete er, wie sie zärtlich über den Rücken oder Deckel eines Buches strich, die Augen geschlossen, als würde sie sich an etwas Schönes oder Interessantes erinnern. Selbst die Aufmachung des Ladens war ihr immens wichtig. Allzu oft drapierte sie die Tischarrangements um, entfernte Bilder, um sie gegen neue zu ersetzen, die sie mehrmals betrachtete, bevor sie diese tatsächlich hängen ließ. Das war der Grund, weshalb der Laden wie ein ganz besonderer Ort wirkte, der sich von den vielen Ladenketten und unpersönlich eingerichteten Geschäften der Gegend abhob. Schon der Name war eigentümlich: »Lies mich!«
   Wieso wirkte sie stets angestrengt, obwohl sie ihren Job so sehr liebte? Ben fand keine Erklärung und das nagte an ihm. Schon deshalb, weil Sarah anfing, immer größere Bereiche seiner Gedanken einzunehmen, auch wenn das ganz und gar nicht gut war. Schlimmer noch. Immer öfter stellte er fest, dass er Dinge über Sarah nicht für sie wissen wollte, sondern nur für sich.
   Am liebsten würde er verschwinden, doch diese Möglichkeit gab es nicht. Er war gezwungen, in Sarahs Nähe zu sein und je mehr er das wollte, desto unruhiger wurde er. Ben verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Sie beschäftigte ihn viel zu sehr. Außerdem war das Verteilen von Flyern in der Kälte eine langweilige Angelegenheit, die Ben viel zu viel Zeit zum Grübeln verschaffte. Vermutlich schweiften seine Gedanken nur deshalb dorthin ab, wo er sie nicht haben wollte.
   Er musste wieder an den ersten Tag in dieser Stadt denken. Man hatte ihm bereits eine Wohnung zugewiesen – das verwaiste Loch –, in der er gegenüber von Sarah hauste. Ben war auf dem Weg dorthin gewesen, um sein Basis- und Beobachtungslager aufzuschlagen, als ihn jemand anrempelte. Er wollte sich gerade umdrehen, um zu sehen, wer beinahe mit ihm zusammengestoßen war, als es ihn wie ein Blitz traf. Ben starrte direkt in die dunklen Augen von Sarah, seinem neuen Zielobjekt, deren Foto er verinnerlicht hatte wie die Linien und Narben seiner eigenen Hand. Sie lächelte entschuldigend und schien ein wenig überrascht.
   »Verzeihung. Ich habe nicht aufgepasst.«
   Ben konnte nicht sprechen. Sein Mund war staubtrocken, und sein Kopf plötzlich wie leer gefegt. Seine Schultern und sein Oberarm, die sie flüchtig berührt hatte, prickelten unnatürlich warm. Er nickte. Starrte sie nur fassungslos an. So etwas war ihm noch nie passiert. Weder gelang es ihm, seine Fassade aufrechtzuerhalten noch konnte er dieses Gefühl unterdrücken, als würde er in einen Abgrund stürzen.
   Doch schon war sie weg. So schnell und unvermittelt, wie sie aufgetaucht war. Ben ertappte sich dabei, wie er seinen Oberarm anfasste, dort, wo sie ihn kurz gestreift hatte. Er wusste nicht, was das alles sollte. Aber nach dem Zusammenstoß gelang es ihm nicht mehr, diese wunderschönen dunklen Augen, die fast schon schwarz waren, aus dem Kopf zu bekommen. Dieses Erstaunen, mit dem sie ihn angesehen hatte, machte es auch nicht besser. Er hasste es, so überrumpelt worden zu sein, dass er sich nicht mal darauf hatte konzentrieren können, wie ihre Stimme klang. Er hatte versucht, alles mit einem Kopfschütteln abzutun, aber das Gefühl bei ihrem Anblick und der Gedanke an Sarah begannen Ben von da an zu verfolgen. Fast wie eine lästige Fliege, die man nicht abschütteln konnte.
   Der Tag war fast um, und die Kunden waren so gut wie ausgeblieben. Ein Mann war darunter gewesen, der Sarah etwas zu nahe gekommen war. Und wie üblich, ging Sarah auf Abstand und ihr Lächeln gefror zu einer Maske der Höflichkeit, während ihre Augen zu sagen schienen: »Lass mich bloß in Ruhe!«
   Die Blonde, deren Namen Ben nicht kannte, schien zu sehr in ihren Redeschwall vertieft, als dass sie hätte bemerken können, dass Sarah sich nicht wohlfühlte. Für Ben hatte es so ausgesehen, als hörte sie nur mit halbem Ohr zu.
   Auf dem Nachhauseweg ließ Ben Sarah kurz unbeaufsichtigt, um sich Vorräte zu besorgen. Wieder stellte sich diese nervöse Unruhe ein, die sich erst legte, sobald er in seine spärlich eingerichtete Unterkunft zurückkehrte und durch das große Fenster erkannte, dass es Sarah gut ging.
   Sie war dabei, zu Abend zu essen. Anders als er hatte sie sich ein herrliches Essen gezaubert und begnügte sich nicht mit dem Fertigfraß, der für ihn bereits zum Alltag gehörte. Es war ihm durchaus bewusst, dass zwei Betonwände und eine Straße sie trennten, und dennoch hatte er das merkwürdige Gefühl, mit Sarah zusammen zu essen. Ben schmunzelte und lachte über sich. Manchmal synchronisierte er sogar aus Spaß ihre Bewegungen. Aß, wenn sie aß. Trank, wenn sie ihr Glas hob. Dabei behielt er sie immer fest im Blick. Ihre Wohnung war nah genug, dass er sie auch ohne den Feldstecher sehen konnte.
   Er wartete, bis sie im Nachtgewand aus dem Bad kam und das Licht ausmachte, bevor auch er sich schlafen legte. Doch an Schlaf war nicht zu denken. Seit seiner Kindheit, an die er nur ungern zurückdachte, schlief er nie länger als vier bis fünf Stunden an einem Stück. Es hatte sich festgesetzt. Doch heute wollte sich nicht mal ein leichter Schlaf einstellen, also begnügte er sich damit, auf der Matratze am Boden zu liegen und die Schatten an der Decke anzustarren, die die Lichter der Großstadt und der vorbeifahrenden Autos reflektierte.
   Gegen drei Uhr morgens schlief er endlich ein. Er träumte nicht. Wenn doch, erinnerte er sich nicht daran. Er konnte nicht behaupten, es würde ihn besonders stören. Im Grunde war es gut so, dass seine Dämonen ihn nicht auch noch bis in seine Träume verfolgten. Ihnen gehörte schon der Großteil seiner wachen Zeit. Bei dem Gedanken kam eine Welle der Kälte und Übelkeit hoch, die ihn aufjagte. Erst, als er mit dem Nachtsichtgerät sah, dass Sarah friedlich schlief, beruhigte ihn das genug, um selbst ein paar Stunden abzuschalten.

Als er an diesem Morgen seine Unterkunft verließ, kroch eine Eiseskälte bis unter seine Kleidung. In dieser Stadt wurde es einfach nie richtig warm. Als hätte der Winter zusammen mit dem Herbst seine Klauen so tief in diese Gegend geschlagen, dass Frühling und Sommer ständig auf verlorenem Posten kämpften. Zumindest hatte es nicht geschneit, tröstete sich Ben. Es war Samstag, und Sarah hatte ihren freien Tag. Sie war jemand, der an seinen Gewohnheiten festhielt, was Ben schriftlich dokumentieren musste. Montag bis Freitag arbeitete sie im Buchladen. Abends las sie oder sah fern. Sie hatte sich bisher weder mit Freunden noch mit einem Mann getroffen. Während der gesamten Arbeitswoche hatte sie nur viermal telefoniert. Mit wem wusste er nicht. Am vergangenen Samstag hatte sie sich einen Film im Kino angesehen. Danach besuchte sie ein öffentliches Kunstmuseum. Die vier Kilometer bis dahin war sie zu Fuß gegangen. Sonntags hatte sie lange geschlafen. Nach dem Frühstück besuchte sie das alte und meist fast leere Schwimmbad am Rand ihres Bezirks. Mit der U-Bahn hätte sie nicht mehr als fünf Minuten zum Hallenbad gebraucht. Ben vermutete, dass sie Angst vor allzu großen Menschenmassen hatte. Als er sie im Schwimmbad beobachtete, war ihm zum ersten Mal aufgefallen, wie zierlich und fragil ihr Körper gebaut war. Sie war recht groß, doch aufgrund ihres schlanken Körperbaus und der blassen Haut wirkte sie klein und verletzlich.
   Sie war an diesem Tag nicht ins Schwimmbad gegangen, um sich im Sportbecken zu verausgaben. Sarah war in das kleinere Becken eingetaucht, um sich auf dem Rücken liegend treiben zu lassen. Ben kam sich etwas schäbig vor, ihr in diesem intimen Moment zuzusehen. Offenbar wollte sie allein sein. Es kam ihm ohnehin so vor, als würde sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um für sich zu bleiben. Diese Frau schien keinen einzigen Freund auf der Welt zu haben, was er nicht verstehen konnte. Na gut, Ben hatte auch keine Freunde, aber bei ihm gab es gute Gründe dafür. Es war ihm nicht möglich, so etwas wie Freundschaften zu haben. Wieso Sarah es vorzog, völlig isoliert zu bleiben, konnte er sich nicht erklären. Auf ihn, und er war sehr gut darin, abweichende Verhaltensweisen zu beurteilen, wirkte Sarah wie eine normale, junge Frau, die keinen offensichtlichen Grund hatte, sich derart vor der Welt zu verstecken.
   Wenn man sie ansah, war man überzeugt, dass sie sich vor Verehrern kaum retten konnte und sie so gut wie jeden Mann haben könnte, den sie wollte. Soweit er imstande war, das zu beurteilen, war sie auch freundlich und intelligent und wäre auch für jeden anderen jemand, den man gern zum Freund haben mochte. Doch etwas brachte sie dazu, sich vor allem zurückzuziehen. Doch er machte sich etwas vor, weil es um sie ging. Jeder Mensch, der derart zurückgezogen seine Tage verbrachte, hatte seine Gründe dafür.
   War sie vielleicht doch nicht so unschuldig, wie sie auf den ersten Blick wirkte? Immerhin hatte man ihn geschickt, um sie auszuspionieren. Aber Ben hatte es schon erlebt, dass seine Zielobjekte völlig grundlos ins Fadenkreuz seiner Auftraggeber geraten waren. Er musste sehr umsichtig vorgehen und wollte sie nicht verdächtigen, bevor sie tatsächlich überführt war. Momentan quälte ihn aber noch ein weiterer Gedanke. Er fragte sich, ob sie ihn genauso abweisen würde, wie sie es bei jedem anderen tat. Immer wieder ermahnte er sich, wie lächerlich dieser Gedanke doch war.
   Wie in der vergangenen Woche besuchte Sarah auch heute das Museum. Als hätte sie es besonders eilig, flitzte sie die Marmortreppe nach oben, die zum Eingang führte. Der Wachmann winkte sie vorbei, ohne sie zu kontrollieren. Und schon war Sarah aus Bens Blickfeld verschwunden.
   »Verzeihung. Könnte es sein, dass ich diese junge Dame letzte Woche hier gesehen habe?«, fragte er den Wachmann, der ihn verblüfft ansah und die Stirn runzelte.
   »Sie meinen die Rothaarige? Kann schon sein.« Er sah Ben misstrauisch an. »Warum wollen Sie das wissen?«
   »Ich war neulich mit einem Bekannten hier und glaube, eine Dame gesehen zu haben, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht. Sie hat etwas verloren, das ich ihr gern zurückgeben möchte.« Das war doch üblich, oder? Ben konnte dem Wachmann nicht sagen, was er ihr wiedergeben wollte, denn er hatte nichts Passendes dabei. Mist! Sonst log er eigentlich viel besser.
   »Geben Sie es mir. Sie kommt öfter, dann gebe ich es an sie weiter.«
   Sein Angebot wurde von einem süffisanten Lächeln begleitet, als würde er Bens Lüge durchschauen. Verdammt. »Ehrlich gesagt würde ich es ihr lieber persönlich zurückgeben.« Ben deutete ein zweideutiges Grinsen an.
   »Verstehe«, sagte der Sicherheitsmann und zwinkerte. »Das Mädchen ist ziemlich hübsch, was?« Der Sicherheitsmann kratzte sich am Kinn, ehe er sich näher an Ben heranwagte. »Ich durchschaue dich, mein Junge. Aber die Taktik ist gut. Du bist ja richtig ausgefuchst, was?« Selbstzufrieden grinste er Ben an.
   Hat der mich gerade tatsächlich mein Junge genannt? Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten und achtete darauf, es den Wachmann nicht sehen zu lassen. Ben konnte den Jäger in sich nicht abstellen, besonders, wenn ihn jemand provozierte, ihn »mein Junge« nannte. Aber er wusste, wie er den Wachmann reinlegen konnte. Schließlich hatte man ihn auch deswegen zu dem gemacht, was er war, weil er auf den ersten Blick wie ein sympathischer junger Mann aussah und nicht wie der effiziente Killer, zu dem man ihn geformt hatte. »Sagen wir einfach, ich kann einer so umwerfenden Rothaarigen nicht widerstehen.« Und das war ja nicht mal gelogen.
   »Sie kommt etwa zweimal die Woche her. Ich glaube, sie gehört zu den Kunststudentinnen. Die hängen hier ständig rum. Machen Skizzen und solche Sachen.«
   Sie war keine Studentin. »Vermutlich«, erwiderte Ben.
   »Also los, was stehen Sie hier noch rum? Die besten Chancen haben Sie bei den Skulpturen oder den Renaissance-Sachen.«
   »Danke«, murmelte Ben, bevor er das Gebäude betrat. Seine Schritte hallten auf dem marmornen Boden wider, während er durch die Gänge wanderte, auf der Suche nach ihr. Er brauchte nicht lange, um Sarah zu finden. Ihre roten Haare und die anmutige Gestalt machten es leicht, sie unter den spärlichen Besuchern zu erkennen. Noch immer verstand er nicht, weshalb sie ihre Freizeit in einem Museum verbrachte. Junge Frauen, die dazu noch so hübsch waren wie Sarah, feierten Partys. Sie trafen sich mit Freunden oder verabredeten sich zu Dates. Sarah tat nichts dergleichen.
   Den Wachmann hatte Ben glauben lassen, er wäre hier, um Sarah näher kennenzulernen. Doch in Wahrheit war er hier, um jeden ihrer Schritte zu überwachen, wie ein verdammter Stalker.
   Sollte sich herausstellen, dass Sarah kein normaler Mensch war, musste er sie an die Familie ausliefern, jene geheime Organisation, die für Ben entschied, wer leben und wer sterben musste. Er musste sie verraten, auch wenn bereits der Gedanke an diesen Verrat schmerzte. Es gab keine andere Option. Er musste es tun, egal, wie Ben sich dabei fühlte oder was er wollte. Ben war nur ihr Werkzeug. Ein Gedanke, der ihn immer mehr störte.
   Kurz schloss er die Augen und ballte die Fäuste. Er wünschte, dass es anders wäre. Dass er hier wäre, um Sarah verliebt in sich zu machen. Ben wollte die Vermutung des Wachmannes bestätigen. Doch seine Wünsche zählten nicht. Hatten nie gezählt und würden nie zählen.
   Finde dich damit ab, verflucht noch mal!
   Über sich den Kopf schüttelnd, trat er hinter einen der Mauervorsprünge. Seine düsteren, sinnlosen Gedanken hatten ihn zu sehr abgelenkt. Auf keinen Fall durfte er riskieren, Sarah auf sich aufmerksam zu machen. Noch nicht. Während er um eine der hohen Säulen herumschlich, beobachtete er gebannt, wie Sarah ihren Rundgang machte. Konzentriert studierte sie jede der Skulpturen, bis sie vor einer römischen Göttin innehielt. Zu Bens Erstaunen holte sie einen Skizzenblock aus ihrer Umhängetasche hervor, um die Statue mit einem Kohlestift auf Papier zu bannen. Sie arbeitete mit langsamen, aber keineswegs zögerlichen Strichen. Sie wusste, was sie tat. Er erkannte es daran, wie sie das Spiel von Licht und Schatten aus den verschiedenen Winkeln betrachtete, um dann festere Striche auszuführen.
   Sarah ging völlig in ihrem Tun auf, schien für Ben fast schon der Welt entrückt zu sein. Nahm nichts und niemanden mehr um sich wahr. Weder fielen ihr die anderen Besucher auf, die sie neugierig musterten, noch registrierte sie, dass eine genervte Mutter ihr störrisches Kind maßregelte.
   Sarahs Anblick faszinierte ihn. Der verträumte Ausdruck in ihren Augen, der konzentrierte Zug um ihre sinnlichen Lippen …
   Sie war hundertmal schöner als die perfekten weiblichen Linien der Aphroditestatue. Die kleine rosa Zunge, die beim konzentrierten Malen ihre Unterlippe entlangfuhr, ließ ihn alles andere als kalt.
   Sarah war eine Künstlerin, stellte Ben fest. Er konnte sich nicht erklären, wieso er plötzlich einen Anflug von Stolz verspürte, doch so war es.
   Ben war erstaunt über diese neue Entdeckung, wirklich überrascht war er allerdings nicht. Es passte zu dieser außergewöhnlich schönen Frau, deren stille Anmut ihn von der ersten Sekunde an gefesselt hatte. Er schimpfte sich einen Idioten, versuchte, sich zusammenzureißen. Aber es war sinnlos. Seine Gedanken und Gefühle für Sarah machten alles nur unnötig kompliziert. Wie wollte er sie ausliefern, wenn er alles, was Sarah betraf, an sich heranließ? Selbst wenn es nicht zum Äußersten kam und sie tatsächlich beschließen sollten, dass sie unschuldig war, selbst dann konnte er nicht in ihrer Nähe bleiben, sie kennenlernen. Nicht, wenn er verhindern wollte, dass sie ihnen jemals in die Hände fiel.
   Hör endlich auf, sie anzuschmachten! Es war einfach nur erbärmlich. Und es musste aufhören. Sofort.
   Kurze Zeit später hielt Sarah inne und ließ mutlos ihr Malzeug sinken. Der verlorene traurige Ausdruck trat wieder in ihr Gesicht. Es versetzte ihm einen Stich, sie so zu sehen.
   Wütend stopfte Sarah ihre Blätter in ihre Tasche und hetzte so hastig zum Ausgang, dass er Mühe hatte, ihr unauffällig auf den Fersen zu bleiben. Sie ignorierte den Sicherheitsmann, der sie eingehend musterte, ehe sie die Stufen hinunterlief und abrupt am Treppenabsatz stoppte.
   Ben traute seinen Augen kaum, als Sarah ihren Zeichenblock in die Mülltonne warf. Als wäre ihr plötzlich kalt, rieb sie sich über die Arme, senkte den Blick und eilte zur großen Promenade, die über einen langen Spazierweg zu einer Straßenbahnstation führte.
   Nachdem Ben sich vergewissert hatte, dass niemand ihn beobachtete, fischte er die Zeichnungen aus dem Abfalleimer und ließ sie in seiner Manteltasche verschwinden.
   Erst als er kurze Zeit später hinter Sarah in der kaum gefüllten Straßenbahn Platz genommen hatte, was ihn überraschte, da es das erste Verkehrsmittel war, das sie bisher benutzte, betrachtete er ihre Zeichnungen, und ihm stockte der Atem.
   Sarah war begabt, vielleicht ein wenig ungeübt, aber begabt. Jeder Strich saß und strotzte vor Leidenschaft. Für ihn waren die Zeichnungen außergewöhnlich. Er musste nicht viel von Kunst verstehen, um zu erkennen, dass ihre Bilder förmlich lebten. Er blickte schwarz-weißen Schönheiten aus Kohle geschaffen entgegen, die aussahen, als könnte man sie berühren. Er strich über die Linien des skizzierten Frauenkörpers und faltete das Blatt behutsam zusammen. Fast zu spät bemerkte er, dass Sarah dabei war, auszusteigen. Er musste sich beeilen, sie noch einzuholen. Nun, wo er ihre Zeichnungen kannte, musste er es wissen. Er musste wissen, wieso sie immer so traurig war.

Mit jedem Tag wurde es schwieriger für Ben, Distanz zu halten. Er hatte Sarahs Zeichnungen an die Wand neben seinem Bett geheftet. Daneben befanden sich sämtliche Überwachungsbilder, die er mit der Handykamera seines Smartphones aufgenommen hatte. Wenn er sich die Wand ansah, dachte er nur eins: Er war ein Stalker! Ein Stalker, der Sarah hinterherschnüffelte wie ein Besessener, der sich nicht mehr unter Kontrolle hatte.
   Es stimmte. Ben hatte den Auftrag, Überwachungsfotos zu machen und sie zu übermitteln. Allerdings hatte er nicht den Befehl erhalten, die Bilder auszudrucken, um sie ansehen zu können, was er häufig tat, wenn er wie so oft nicht einschlafen konnte.
   Man sollte meinen, dass er es satthaben sollte, sie anzusehen, nachdem er den ganzen Tag nichts anderes tat. Aber nein. Das reichte ihm noch nicht. Er berauschte sich auch noch die halbe Nacht an ihrem Anblick. Als wäre sie seine Droge. Nicht mal nach den verdammten Zigaretten war er einst so verrückt, die er sich mühsam hatte abgewöhnen müssen.
   Mist! Jetzt hatte er es gedacht. Er war verrückt nach ihr. Nach der Vorstellung, Sarah für sich zu beanspruchen. Zwecklos, es noch länger zu leugnen. Schon wieder wanderte sein Blick von Bild zu Bild. Jedes von ihnen zeigte einen kleinen Ausschnitt aus Sarahs Leben. Und je länger er sie ansah, desto mehr Details fielen ihm auf. Das Foto ganz links war das erste, das er von ihr gemacht hatte. Es war an dem Tag entstanden, als sie ihn angerempelt hatte. Später hatte er sie fotografiert, als sie ihre Wohnung betrat. Sie hatte erledigt und erschöpft ausgesehen. Ihre zierliche Gestalt verschwand förmlich zwischen den Stoffschichten ihres Mantels. So stand sie im Flur. Das Bild war nicht sonderlich gut gelungen.
   Auf einem anderen Bild trug sie ihr Haar offen, wie immer, wenn sie zu Hause war. Sie saß auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer und las Moby Dick. Ein angestrengter Ausdruck überschattete ihr Gesicht.
   Sein Lieblingsbild hatte er in die Mitte gesetzt. Eine Nahaufnahme. An diesem Abend war Sarah unruhig gewesen. Zuerst wollte sie lesen, konnte sich aber scheinbar nicht konzentrieren. Dann wechselte sie ständig die Fernsehkanäle, bevor sie es aufgab, nach einem passenden Film zu suchen. Am Ende ließ sie sich mit einer Tasse auf der Fensterbank im Wohnzimmer nieder und sah auf die Straße hinunter. Genau in dieser Sekunde hatte er abgedrückt. Das Foto hatte nichts mit seinem Auftrag zu tun. Er hatte es nur für sich gemacht. Sie war in diesem Moment das Schönste und Traurigste, was er je zu Gesicht bekommen hatte.
   Sarahs Kopf war zur Fensterscheibe geneigt, ihre sinnlichen Lippen leicht geöffnet, als wollte sie jemandem etwas zuflüstern. Der traurige Ausdruck in ihren dunklen Augen, die endlos ins Leere zu blicken schienen, traf ihn jedes Mal. Ihr rotes Haar, das selbst auf diesem billigen Fotopapier weich und seidig aussah, wollte er anfassen.
   Er nahm das Bild von der Wand, um es weiter zu betrachten, und plötzlich war ihm, als stünde er wieder auf dieser Brücke über dem Kanal und hatte den Drang, sich hinunterzustürzen.
   Wieso war er noch am Leben?
   Wenn er damals ertrunken wäre, wie es sein Wunsch gewesen war, hätte er nicht diesen Auftrag erhalten und wäre jetzt nicht hier mit Sarahs Bild in der Hand, dem einzig Guten, das er in seinem Leben besaß, vielleicht je besessen hatte.
   Plötzlich brodelte Wut in ihm hoch. Er hasste dieses Bild und was es mit ihm machte. Ben wollte das nicht.
   Einem Impuls folgend, sah er nach Sarah, die friedlich in ihrem Bett schlief. Sie hatte ja keine Ahnung. Keine Ahnung, wer sich in ihrer Nähe befand. Im besten Fall ein beauftragter Stalker. Im schlimmsten Fall ihr zukünftiger Mörder.
   Verdammt, wieso war er nicht einfach ertrunken?

Kapitel 2
Der Auftrag

Schon seit Tagen hatte Sarah das Gefühl, beobachtet zu werden. Aber dieser merkwürdige Gedanke schien ihr dermaßen absurd, dass sie sich zwang, ihn zu ignorieren. Dennoch musste Sarah sich immer wieder ermahnen, nicht über die Schulter zu sehen.
   Was ihr nur mäßig gelang, denn gerade bei der Arbeit war das Gefühl am stärksten. Selbst die Gespräche mit den Kunden konnten sie nicht ablenken. Anna Maria dagegen war ein anderes Kaliber. Ihre Kollegin konnte ohne Punkt und Komma plappern, sodass selbst der lauteste Gedanke in Sarahs Kopf in den Hintergrund gedrängt wurde.
   »Sarah! Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte Anna Maria mit schriller Stimme, die an den Nerven zerrte. Doch Sarah konnte nicht anders, als Anna Maria auszublenden, wenn sie wie auch dieses Mal über ihre Männergeschichten schwafelte.
   »Natürlich höre ich dir zu. Der Typ war ein, äh, Rohrkrepierer«, wiederholte sie Anna Marias Worte, wobei sie es strikt vermied, allzu detailliert darüber nachzudenken, was genau zu der Rohrkrepierer-Bemerkung geführt hatte.
   Anna Maria, zu laut und zu sehr nach Aufmerksamkeit verlangend, lebte in einer Welt, die Sarah völlig fremd war. Daher konnte sie auch nichts mit diesen Erzählungen anfangen und hörte nicht zu. Jedes Wochenende ein anderer Kerl? Das kam für Sarah nicht infrage, und dafür gab es vielerlei Gründe. Gründe, die Anna Marie niemals verstehen könnte und Sarah gerade ihr niemals anvertrauen würde.
   Anna Maria verdrehte die Augen. »Sag doch einfach, dass es dich nicht die Bohne interessiert, ob meine Verabredung gut gelaufen ist.«
   Dieses Gespräch würde sie jeglichen Rest ihrer Nerven kosten, würde sie an dieser Stelle nicht einlenken. Um des Friedens willen. »Tut mir leid, Anna Maria. Natürlich interessiert es mich. Also, wie war’s nun?«
   »Verscheißerst du mich? Das hab ich doch gerade alles erzählt«, zischte Anna Maria, bevor sie sich von der Ladentheke abstieß und kopfschüttelnd ins Lager verschwand, vermutlich, um zu rauchen und sich vor der Arbeit zu drücken.
   Sarah entfuhr ein langer Seufzer. Endlich Ruhe. Wie herrlich!
   Dank Anna Marias kaum vorhandener Arbeitsmoral würde Sarah die nächste Stunde damit zubringen, die Aufgaben ihrer Kollegin zu übernehmen. Es war bereits unheimlich schwierig, jeglichen Körperkontakt zu anderen Personen zu vermeiden, damit sich Sarahs merkwürdige Fähigkeiten nicht zeigten, sie nicht permanent davon gequält wurde. In Anna Marias Nähe war es noch viel schwieriger, nicht den Verstand zu verlieren. Tag für Tag diese Wasserstoffblondine ertragen zu müssen, war schwer genug, ohne auch noch in ihr Innerstes blicken zu müssen. Doch manchmal ließ es sich nicht vermeiden.
   Anna Marias Leben schien nur aus drei Dingen zu bestehen: Partys, Männer und dem Versuch, beides unter einen Hut zu bekommen. Sarah hingegen besaß gar kein richtiges Leben. Sie lebte von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, die sie sich bitter hatte erkämpfen müssen. Stunden, in denen sie keine Schmerzen hatte oder verzerrte, seltsame Bilder sehen musste, die sie nicht sehen wollte und auch nicht sehen sollte, und die sie permanent quälten.
   Eine Berührung. Etwas völlig Banales, das unzählige Male am Tag geschah – willentlich oder ohne jede Absicht. Niemand verschwendete auch nur einen Gedanken an etwas derart Alltägliches. Sarah musste es tun. Es bestimmte ihr ganzes Leben. Obwohl – konnte man das überhaupt Leben nennen? Nein, ganz bestimmt nicht.
   Partys?
   Ein derartiger Menschenauflauf, ein solches Gerangel und Gedränge wäre für Sarah vergleichbar damit, einen Hasen in einen Fuchsstall einzusperren.
   Männer?
   Seufzend ließ Sarah ihren Kopf sinken. Daran war nicht mal zu denken. Obwohl sie sich nach Nähe sehnte, nach einer einfachen Berührung, wie jede junge Frau es tat, war genau das für sie ein Ding der Unmöglichkeit.
   Eine Zeit lang konnte sie sich einreden, sich damit abgefunden zu haben. Aber in letzter Zeit, besonders in den vergangenen Tagen, fühlte sie wieder dieses Bedauern, eine altbekannte Traurigkeit, die sie schon als Teenager hatte spüren können, und die nun erneut ausbrach, und sie fest umklammerte. Vielleicht ertrug Sarah deshalb Anna Marias Oberflächlichkeit kaum noch, obwohl sie sicher gewesen war, sich mittlerweile daran gewöhnt zu haben. Anna Maria wusste nicht zu schätzen, wie kostbar das Leben war. Für Sarah fühlte sich jede Berührung von fremden Menschen, die sie beobachtete, wie ein Stich in ihrem Inneren an, der sie immer daran erinnerte, was ihr verwehrt war und Anna Marias Gleichgültigkeit ließ Sarah dieses Bedauern noch stärker spüren.

Es war kurz vor Ladenschluss. Sarah tippte die letzten Bestellungen in den Computer, dabei blickte sie immer wieder zum Eingang des Ladens. Heute war nicht viel los gewesen. Das schlechte Wetter hatte nur wenige Menschen auf die Straße getrieben. Selbst die Studenten der nahe liegenden Uni, die sich hier sehr oft die Zeit zwischen den Seminaren vertrieben, waren ausgeblieben.
   Auf der gegenüberliegenden Seite, in der Nähe eines kleinen Kiosks, entdeckte sie wieder diesen Kerl, der Flyer verteilte. Sie hatte ihn schon in den vergangenen Tagen immer wieder bemerkt. Ein gut aussehender Mann mit braunen Haaren und eindringlichen grauen Augen. Sarah schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Wie gestern trug er auch heute Jeans und eine abgetragene Allwetterjacke, die eng an seinem schlanken, aber kräftigen Oberkörper anlag. Sein Aussehen und sein Alter ließen sie vermuten, dass er zu den Studenten zählte.
   Auch für ihn hatte es heute wenig zu tun gegeben, auf der Straße herrschte Ebbe. Vermutlich sah er deshalb ständig in ihre Richtung. Als sich nun ihre Blicke trafen, spürte Sarah eine seltsame Hitze, die ihr in die Wangen stieg und sie musste wieder an den Moment denken, als sie ihn zum allerersten Mal zu Gesicht bekommen hatte. Sie war in ihn hineingelaufen und hatte dabei ein ganz merkwürdiges Gefühl bekommen, ganz anders als ihre sonstigen Eingebungen. Ohne es sich erklären zu können, war ihr ein Kribbeln in den Magen gefahren, dabei hatte sie ihn kaum gestreift. Und es hatte nur Sekunden gedauert.
   Der Kerl sah verdammt gut aus. Diese Tatsache zu verdrängen, war zwecklos, wie sie bereits hatte feststellen müssen, als sie ihn vor wenigen Tagen angerempelt hatte.
   Nicht nur sein überaus männlich geschnittenes Gesicht mit der geraden Nase und dem markanten Kinn hatten sofort ihre Aufmerksamkeit erregt. Es war der ungewöhnliche Blick aus seinen grauen Augen gewesen, als könnte der Fremde in ihr etwas sehen, das sie selbst noch nicht begriffen hatte.
   Beschämt darüber, dass sie ihn so sehnsüchtig anstarrte, wie er die Kälte bekämpfend von einem Fuß auf den anderen trat, senkte sie den Blick und zuckte zusammen, als Anna Maria unvermittelt hinter sie trat.
   »Was starrst du an? Oder sollte ich lieber fragen, wen?« Anna Marias hinterhältiges Grinsen wurde immer breiter, während sie versuchte, an Sarah vorbei aus dem Schaufenster zu sehen.
   Auch das noch. Anna Maria hatte sie ertappt.
   »Ah, Mister Studentenknackarsch mit seiner Zettelwirt-schaft.« Anna Maria presste selbstzufrieden die bonbonfarbenen Lippen aufeinander. »Alles klar. Bist also doch nicht so rein wie frisch gefallener Schnee, hm?«
   Ohne es verhindern zu können, schoss Sarah die Röte ins Gesicht, und sie blickte betreten zu Boden. Anna Maria hatte die Angewohnheit, genau auf den wundesten Punkt abzuzielen. Was ihr allerdings am meisten zu schaffen machte, war die Vorstellung, Anna Maria könnte denken, der junge Mann da draußen würde sie irgendwie interessieren oder ihr gar gefallen.
   »So ein Quatsch«, log Sarah. »Ich habe ihn nicht angestarrt, ich habe überhaupt niemanden angestarrt.« Wie könnte sie. Das würde bedeuten, sich Hoffnungen zu machen. Falsche Hoffnungen, wie es in Sarahs Fall die Regel war.
   »Aha«, murmelte Anna Maria, und Sarah konnte ihr ansehen, dass sie ihr kein Wort glaubte. Auf eine Debatte über ihr nicht vorhandenes Liebesleben hatte sie überhaupt keine Lust. Vor allem nicht mit ihr.
   »Hab’s fast vergessen. Wir sind uns ja zu gut, um menschliche Regungen zu zeigen. Schließlich hat Miss Anständig ja keinen Platz für Männer in ihrem schneeweißen Leben«, nuschelte sie und widmete sich ausführlich ihren manikürten Nägeln.
   Seit einigen Wochen schon konnte sie sich solche Sprüche anhören. Seit der Ladenbesitzer Sarah, die viel jünger als Anna Maria war, zur Managerin befördert hatte, konnte ihre Kollegin kaum noch ihre giftigen Kommentare zügeln. So gut es ging, ließ Sarah die Seitenhiebe an sich abprallen. Sie hatte sich diese Position hart erarbeitet, auch wenn Anna Maria vielleicht anderer Meinung war. Sarah liebte diesen Laden. Sie liebte es, mit den Kunden über die aktuellsten Neuerscheinungen zu plaudern und Buchtipps zu geben. Selbst Überstunden machten ihr kaum etwas aus. Sie mühte sich ab, um den kleinen Buchladen zu etwas ganz Besonderem zu machen, das ihn von allen anderen Läden unterschied. Die Dekoration war von ihr komplett erneuert, die Büchertische umgestaltet, eine Kaffee-Ecke eingerichtet worden. Aber für ihre Kollegin zählte nur, dass Sarah kaum zwanzig war und keine bessere Ausbildung als sie hatte, und sich ihrer Meinung nach gab, als wäre sie unantastbar. Für Sarah war der Buchladen ihr rettender Anker, eine sichere Zuflucht. Sogar dieses kleine Reich mit einer Giftspritze wie Anna Maria zu teilen, ging für Sarah in Ordnung, solange sie hier einen Ort hatte, der so etwas wie Normalität in ihr Leben brachte. Schon früh, zu früh, hatte Sarah gelernt, Gemeinheiten anderer zu ignorieren und an sich abprallen zu lassen. Nur so hatte sie ihre Kindheit und Teenagerzeit überstehen können. Auch wenn sie noch immer einen dumpfen Schmerz verspürte, sobald sich jemand über ihre Schüchternheit und Einsamkeit lustig machte, gab sie ihr Bestes, es sich nicht anmerken zu lassen.
   Die Klingel über der Tür schrillte los und riss Sarah aus ihren Gedanken. Sie wollte schon zu einer Begrüßung ansetzen, als sie bemerkte, dass kein unbekanntes Gesicht den Laden betrat. Den jungen Mann, der gerade auf sie zukam, erkannte sie sofort. Es war der von der Straße gegenüber, den sie die ganze Zeit angestarrt hatte. Ihr Herz schlug plötzlich heftiger, und ihr Mund schien staubtrocken. Eine irreale Angst, etwas Dummes zu sagen, kroch in ihr hoch, doch Sarah versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Um sich in den Griff zu kriegen, strich sie ihre Kleidung glatt. Als ihr dabei der Gedanke kam, dass sie dadurch ihre Figur betonen könnte, hörte sie sofort damit auf. Er war schließlich nur ein Kunde, der vielleicht ein Buch kaufen wollte. Das war ihr Job. Das würde sie hinkriegen. Ganz bestimmt. Auch wenn es sich dabei um diesen Kerl mit den sturmgrauen Augen handelte, dessen Anblick ihr weiche Knie bescherte und sie verdammt nervös machte.
   Sarah räusperte sich. »Kann ich etwas für dich tun?«
   Der Mann lächelte, was die Aufmerksamkeit auf sein ausdrucksstarkes Gesicht legte. Sarahs Nervosität wurde dabei auf eine harte Probe gestellt. Der Kerl war einfach nur umwerfend. Der Typ Mann, an dem eine Frau sich zu leicht die Finger verbrannte.
   Da Berührungen für Sarah unmöglich waren, befand sie sich diesbezüglich auf der sicheren Seite. Dennoch, der Gedanke ernüchterte sie.
   Er schob die Hände in die Taschen seiner Jeans, als wollte er dadurch signalisieren, dass er ungefährlich war. Doch sie ließ sich von solchen Dingen nicht täuschen. Sie besaß eine mehr als gesunde Portion Misstrauen, egal, wie heiß dieser junge Kerl auch war.
   »Wenn ich ehrlich sein soll …«, begann er. »Die Kälte da draußen setzt mir ziemlich zu, da wäre eine heiße Tasse Kaffee genau das Richtige. Ich habe gehört, hier soll es den besten geben.« Er lächelte sie an und zuckte lässig mit den Schultern.
   Seine lockere Art und die Tatsache, dass er sich immer mehr über den Tresen zu ihr lehnte, brachten sie doch tatsächlich dazu, ihn anzulächeln. Innerlich schimpfte sie sich für ihre Reaktion. »Dann sagt man etwas Wahres. Dort drüben ist die Kaffeemaschine«, entgegnete sie und deutete auf die Theke, die sich hinter ihm befand.
   »Siehst du, schon hast du was für mich getan.« Er zwinkerte sie süffisant an, drehte sich um und ging auf die Theke zu. Ehe die Situation in eine verfängliche Richtung gehen konnte, lenkte Sarah ein und versuchte, zu ihrer Professionalität als Verkäuferin zurückzukehren. »Gern darfst du dich selbst bedienen. Die Kapseln findest du gleich links von der Maschine.«
   »Danke, hast was gut bei mir«, meinte der Fremde und grinste sie über die Schulter hinweg an.
   Sarah konnte seinen Tonfall nicht einordnen. War er frech, anzüglich, amüsiert, gut gelaunt oder einfach nur dankbar? Dieser Kerl war schwer einzuschätzen. Vermutlich, weil sein Aussehen eine verdammt große Ablenkung darstellte. Das war etwas, was Sarah nicht oft passierte. Durch den vielen Umgang mit Kunden konnte sie Menschen relativ leicht einschätzen, auch ohne sie zu berühren, um auf diese Weise herauszufinden, wie ihr Gegenüber tickte. Bei diesem attraktiven Mann musste sie passen. Ihn zu berühren, stand außer Frage. Unmöglich. Auch wenn allein die Vorstellung mehr als verlockend war … Stopp! Er wollte sicher nichts weiter als eine Tasse Kaffee, oder er war ein Büchernarr oder jemand, der hier nur vor der Kälte Zuflucht suchte, wie er angedeutet hatte. Er war sicher nicht hier, um mit ihr zu flirten. Oder doch? Nein. Er würde einfach seinen Kaffee austrinken und dann verschwinden.
   Dennoch neugierig sah sie dabei zu, wie er Kaffee machte. Als sie die leichte Anspannung in seinem Rücken bemerkte, stutzte sie. Das schien im krassen Gegensatz zu seinem bisherigen Auftreten zu stehen. Doch ehe sie dazu kam, sich darüber zu wundern, drehte er sich zu ihr herum.
   »Ich heiße übrigens Ben«, murmelte er. »Ich denke, das solltest du wissen, denn ich würde mir gern öfter einen Kaffee bei euch holen. Vor allem, wenn das Wetter weiterhin so mies bleibt. Das wäre meine Lebensrettung. Bei dem Sauwetter friert mir sonst noch der Hintern weg.«
   Sarah starrte ihn sprachlos an. Er wollte wiederkommen? Noch dazu öfter? Hierher? Zu ihr? Bei dem Gedanken bekam sie Panik.
   »Ihr habt ja nicht nur guten Kaffee, sondern auch eine richtig gute Heizung. Ein weiterer Grund wiederzukommen. Und natürlich gibt es da noch die hübschen Verkäuferinnen, deren Namen ich noch herausfinden muss.« Abwartend starrte er ihr in die Augen. Sarah wurde die Brust enger, ihre Panik schlimmer.
   Sie schüttelte die Benommenheit ab. »Du bist natürlich jederzeit im Lies mich! willkommen, Ben.« Seinen Namen zu benutzen, fühlte sich merkwürdig gut an. Zu gut.
   »Sicher?«
   Nein. »Ganz sicher.«
   »Deinen Namen weiß ich aber noch immer nicht«, neckte er sie, was ihr zu gefallen begann.
   »Ich bin Sarah. Freut mich.« Trotz ihrer zurückhaltenden Freundlichkeit konnte sie nicht verhindern, ein wenig zu erröten, wofür sie sich schämte.
   Ben schenkte ihr ein weiteres Lächeln, umwerfende Männlichkeit inklusive. »Du arbeitest schon länger hier?«, wollte er wissen.
   »Seit fast zwei Jahren.« Er lächelte so, als hätte sie ihm wesentlich mehr gegeben als nur ihren Namen und eine spärliche persönliche Information. Um die Dinge wieder zu entschärfen, sagte sie liebenswürdig, aber in ihrer üblichen abweisenden Art gegenüber Männern: »Der Kaffee macht übrigens eins fünfzig.«
   Bens anziehendes Lächeln bröckelte. Er kramte in seiner Allwetterjacke und ließ die Münzen auf den Tresen fallen. »Keine Sorge. Ich muss vielleicht Flyer austeilen, um mir das Studium zu finanzieren, aber meinen Kaffee kann ich schon noch bezahlen.« Er zwinkerte ihr erneut zu, auch wenn es diesmal reichlich gezwungen wirkte. Für Sarah schien es gar, als wollte er ihre subtile Zurückweisung absichtlich ignorieren.
   Sie hatte ihn, ohne es eigentlich zu wollen, beleidigt, und fühlte sich deshalb mies, wusste aber nicht, wie sie es wieder gutmachen konnte, ohne zu freundlich zu ihm zu sein. Sich mit Ben anzufreunden, musste sie schon im Keim ersticken. So viel war ihr instinktiv klar. Unbedingt. »Entschuldige.«
   »Schon okay, Sarah. Die meisten halten nicht viel von uns Studenten.« Ben lächelte ironisch.
   »Ich schon.«
   »Dann gehörst du aber zu einer Minderheit, besonders als Nicht-Studentin.«
   »Wieso glaubst du, dass ich nicht studiere?«, fragte Sarah und verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Na ja, mir ist aufgefallen, dass du viel arbeitest. Da geht kein Studium nebenher.« Ben lehnte sich wieder näher zu ihr über den Tresen.
   Sie wich kaum merklich zurück, zog die Arme fester um ihren Oberkörper. Sie war ihm aufgefallen? Woher wusste er, wie viele Stunden sie arbeitete und wieso?
   »Nur damit du’s weißt, ich würde sehr gern studieren, wenn ich könnte.« Sofort bereute sie ihr Geständnis. Normalerweise gab sie diesen Wunsch niemandem gegenüber zu.
   »Und wieso tust du’s nicht, wenn ich fragen darf?«
   Ben war einfach zu attraktiv. Auf eine unfaire Weise gut aussehend, die selbst sie nicht kalt ließ. Alles an seinem Aussehen schien einem das Gefühl zu geben, man sollte ihm vertrauen und man müsste sich von ihm angezogen fühlen. Das schöne gleichmäßige Lächeln, das dazu geschaffen war, Frauenherzen zu brechen, oder auch das leicht zerwühlte braune Haar, das zu sagen schien: Ich kümmere mich nicht besonders um mein Aussehen. Ich sehe einfach so aus. Sarah versuchte, all diese Dinge zu ignorieren. »Es ist kompliziert. Und ich möchte lieber nicht darüber sprechen«, antwortete sie ausweichend. Ben zog nur die Stirn kraus. »Es ist einfach nicht möglich. Nicht für mich«, murmelte sie und es gelang ihr nicht, die Traurigkeit darüber vor ihm zu verstecken.
   »Und wie heißt die andere, die mit den unglaubwürdigen Haaren?« Er feixte offensichtlich rum.
   Sarah verbarg ihr Grinsen hinter ihrer Hand. »Das ist Anna Maria. Vorsicht, sobald sie dich sieht, wirst du sie nie wieder los. Das ist bei ihr immer so.« Sarah war über sich so erstaunt, dass ihr ganzer Körper kribbelte.
   Nicht nur, dass sie gerade so etwas wie einen Scherz gemacht hatte, sie hatte sich erlaubt, etwas Schlechtes über einen anderen zu sagen.
   »Danke für die Warnung. Sie ist nun wirklich nicht mein Fall.«
   Erleichtert lächelte Sarah zurück. Erleichtert, stellte sie erschrocken fest. Wieso sollte sie erleichtert darüber sein, dass er nicht hinter Anna Maria her war und wieso zog sich ihr Magen so merkwürdig zusammen, als er so komisch betonte, dass sie nicht sein Fall wäre?
   Mit einem Schlag war Sarah furchtbar nervös, dabei hatte sie sich gerade erst wieder einigermaßen gefangen, und wollte nur noch, dass Ben endlich seinen Kaffee austrank und verschwand.
   Dennoch konnte sie weder damit aufhören, rot zu werden noch damit, Ben anzulächeln.
   »Ich hab noch nie gesehen, dass eine Frau so oft rot wird wie du«, flüsterte Ben in seinen Kaffee pustend, ohne hochzusehen. Sarah sah das verschmitzte, schiefe Grinsen dennoch. »Aber bei hübschen rothaarigen Frauen wie dir fällt das einfach besonders ins Auge, zumindest einem guten Beobachter wie mir.«
   »Ich hoffe, diesen Spruch bringst du nicht bei jeder Rothaarigen.«
   Wo war denn diese Erwiderung hergekommen? In seiner Nähe wurde Sarah zu einer ihr völlig unbekannten Version von sich selbst, einer mit Biss.

*

Ben starrte sie erstaunt an. Er konnte sich einfach nicht bremsen. Das war ihm noch nie passiert. Er hatte sich, seine Gefühle, seine Worte und Tarnungen normalerweise völlig unter Kontrolle und jetzt gelang es ihm nicht, die Klappe zu halten und aufzuhören, mit ihr zu flirten, obwohl er merkte, dass es ihr unangenehm war. Zudem hatte er auch noch versagt. Schließlich hatte sie ihm einen verletzlichen, wunden Punkt offenbart, als sie ihm gestand, dass ein Studium für sie unmöglich wäre. Es wäre sein Job gewesen, genau dort anzusetzen, zu bohren, sie darüber auszufragen. Aber er konnte es nicht. Nicht, nachdem er ihren traurigen, beinahe gekränkten Blick gesehen hatte.
   Ihre dunklen Augen funkelten ihn herausfordernd an. Er hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie war in diesem Moment so unwiderstehlich schön und hatte davon keine Ahnung. »Ich fürchte, ich muss wieder raus, an die Arbeit. Obwohl ich mich gern noch mit dir unterhalten hätte …« Er schenkte ihr ein Lächeln zum Abschied.
   Toll! Er hatte es also getan. Kontakt mit der Zielperson aufgenommen. Unerlaubten Kontakt. Und als wäre das nicht genug, hatte er auch noch mit ihr geflirtet. Damit war er übers Ziel hinausgeschossen. Noch sollte er nichts weiter tun, als zu beobachten. Aber er hatte einfach nicht anders gekonnt. Er hatte Sarahs Stimme hören wollen, einmal nur mit ihr reden. Sehen, ob die Illusion der Wirklichkeit standhielt. Ob sein Verlangen, ihr nahe zu sein, verschwinden würde, wenn er ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Tja, zumindest diese Antwort hatte er bekommen. Das Verlangen war noch da. Mehr noch. Es nahm mit jedem Moment zu.

Am nächsten Tag schlug er gleich alle guten Vorsätze, die er sich in den schlaflosen Nachtstunden gemacht hatte, in den Wind und betrat wieder den Buchladen.
   Sarah war auf der oberen kleinen Galerie und sortierte Bücher um. Die Klingel über der Tür ließ ihren Blick nach unten schweifen. Sie sah ihm in die Augen. Er stand einen Moment lang da, blickte sie eindringlich an, bevor er sich wieder vollkommen locker gab und frech lächelte. »Koffein macht süchtig, solltest du doch wissen, schließlich dealst du damit.«
   »Selbstbedienung heißt, dass du selbst schuld bist, wenn du dir deinen Kaffeestoff besorgst. Schieb mir bloß nicht die Schuld zu, wenn du weder dem heißen Kaffee noch der guten Heizung hier widerstehen kannst«, gab sie viel selbstsicherer als am Tag zuvor zurück.
   Ben hätte am liebsten lauthals losgelacht. Stattdessen ging er kopfschüttelnd zur Theke und ließ die Maschine ihre Arbeit machen. Obwohl Sarah offenkundig noch nicht mit ihrer Sortierung fertig war, kam sie die Treppe hinab und begab sich hinter die Verkaufstheke. Als würde eine fremde Macht ihn in ihre Richtung ziehen, folgte Ben ihr. Mit seinem heißen Kaffee in der Hand stand er nun erneut vor Sarah über den Tresen gelehnt. Sie hatte ebenfalls ihren Platz eingenommen, als wäre es noch gestern.
   »Ups, Déjà-vu«, verkündete er mit einem feinen Zwinkern.
   »Wegen gestern?«
   »Ja, aber du gewöhnst dich schnell daran. An mich, meine ich …«, murmelte er grinsend, sah sie dabei aber nicht an. Ben wollte heute einen besseren Auftritt hinlegen als gestern. Also ging er es langsamer an. Subtiler.

*

Sarah schoss sofort wieder die Röte in die Wangen. Sie fühlte sich unwohl, allein bei der Vorstellung, was er damit alles andeuten wollte. Nicht, dass der Gedanke nicht verführerisch wäre, wenn er damit andeuten wollte, er hätte Interesse an ihr. Doch sie könnte sich doch niemals auf ihn einlassen.
   Wie denn, wenn sie ihn nie berühren durfte?
   »Ähm, hör mal, Ben. Ich weiß nicht genau, wie du das meinst, aber ich bin bestimmt keine von den Studentinnen, die dir in die Arme fallen, wenn du solche Sachen sagst …«, begann sie aufgebracht zu stammeln. Ihr fiel ein, dass er sich vielleicht nichts weiter dabei gedacht und sie zu viel in seine Worte hineingedeutet hatte. Plötzlich kam Sarah sich dumm vor, anzunehmen, er hätte sie angemacht. »Also, ich meine, nicht, dass … äh, dass du mich …du weißt schon, angemacht hast. Ich bin nur nicht …«, stammelte sie weiter, ohne aufhören zu können. Sie merkte selbst, dass es keinerlei Sinn machte, was sie von sich gab. Erleichtert atmete sie aus, als Ben sie mit erhobenen Händen zum Schweigen brachte. Gott verdammt, er hatte schöne Finger. Irgendwie entglitten ihr ihre Gedanken heute ständig. Sie befürchtete, inzwischen stünden ihre Wangen regelrecht in Flammen. Die spürbare Hitze in ihrem Gesicht sprach eindeutig dafür.
   »Mal langsam, Sarah. Kein Grund zur Panik. Nicht, dass ich dich nicht wunderschön finden würde, aber für mich ist das momentan kein Thema. Jedenfalls nicht wirklich.« Ben sah ihr nicht länger in die Augen.
   Er findet mich wunderschön, jubelte sie innerlich. Sarah konnte nicht anders.
   Ben stieß einen frustrierten Seufzer aus. »Du bist nicht besonders locker, oder?«, fügte er leise hinzu.
   Etwas an dieser so harmlos klingenden Formulierung ließ sie hochkochen. Immer ging es in ihrem Leben darum, wie andere sie haben wollten. Darum, wie sie nicht sein konnte. Bei Anna Maria, schon damals in der Schule, als man sie schikanierte und ihr deutlich zeigte, dass sie nicht dazugehörte, und jetzt auch noch bei Ben, diesem attraktiven Kerl, der ihr den Kopf verdrehte.
   »Oh, Verzeihung.« Sarah lehnte sich von Ben weg. »Tut mir ja leid, dass ich nicht deiner Vorstellung von einem lockeren Mädchen entspreche, das sich mit jedem gleich auf einen Flirt einlässt oder wer weiß was anstellt.« Sie hasste sich, wenn sie derart überreagierte. Aber wenn jemand sie angriff, machte sie dicht, egal, wie ungewollt der Angriff auch sein mochte. Ben hatte sie gekränkt, was sie schlimmer traf, als sie zugeben wollte, weil sie sich trotz aller Widrigkeiten Hoffnungen gemacht hatte. Eigentlich war sie wütend auf sich, aber sie ließ es an Ben aus.
   Sarah verschränkte die Arme und warf ihm einen eiskalten Blick zu. »Vielleicht solltest du deinen Kaffee ein paar Minuten später am Tag holen, denn um diese Zeit kommt Anna Maria von ihrer Mittagspause zurück. Ich denke, sie und ihre lockere Art sind eher nach deinem Geschmack, also verschwende dein Pulver von nun an bei ihr.«

*

Der verletzte Tonfall und die Endgültigkeit, die er in ihren Augen ablas, ließen Ben innerlich zusammenzucken. So schnell war er noch nie in die Nesseln gefallen. Normalerweise gelang es ihm, in seinem Gegenüber wie in einem Buch zu lesen und ihm genau die Dinge auf genau die Weise zu sagen, wie er es gern von ihm hören wollte. Derlei Techniken gehörten zu seinen Aufgaben. Aber bei Sarah hatte er gerade eine absolute Bruchlandung hingelegt. Schlimmer noch, offensichtlich musste er ihr das Gefühl gegeben haben, sie wäre nur ein billiger Aufriss für ihn, wenn sie ihn gleich an die reichlich zugänglich wirkende Anna Maria verwies. Nicht nur, dass er seine gerade erst begonnene Verbindung zum Zielobjekt torpediert hatte, er musste Sarah verletzt und offenkundig beleidigt haben, so wie sie jetzt weit von ihm weggelehnt dastand. Am liebsten hätte er sich dafür die Zunge abgebissen, denn genau so, wie sie ihn ansah, wollte er nicht mehr angesehen werden, vor allem nicht von ihr. Mit dieser Mischung aus Distanz und Verachtung. Wie er schon von den Erziehern im Kinderheim und von den Ausbildern seiner Auftraggeber angesehen worden war.
   Ja, wenn sie die Wahrheit über ihn wüsste, würde er diesen Blick mehr als verdienen, aber aus ihren Augen war er unerträglich. »Es tut mir leid, wenn irgendetwas, das ich gesagt habe, dich verletzt hat. Bitte, verzeih mir. Das lag wirklich nicht in meiner Absicht, Sarah.« Ben ließ seine Augen dabei immer trauriger aussehen – etwas, das er sehr gut zu beherrschen und einzusetzen wusste, besonders bei Frauen. Meistens wurden sie weich und gaben nach. So auch bei Sarah, die ihm lange in die Augen sah und unwillkürlich begann, ihn aufmunternd anzulächeln. Manchmal hasste Ben es, dass er Menschen derart gut manipulieren konnte. Auch wenn es seinen Zweck erfüllte.
   »Schon gut. Vielleicht habe ich etwas überreagiert.«
   »Dann bin ich weiter hier willkommen, auf einen Kaffee und auch auf ein Gespräch?« Sarah nickte, doch Ben konnte den Eindruck nicht abschütteln, dass es wider besseres Wissen geschah.
   Es lief doch von Anfang an schief. Mittlerweile gestand Ben es sich endlich offen ein. Er musste es einsehen. Er hatte ständig mit ihr geflirtet. Konnte nicht damit aufhören, obwohl sie nicht wirklich Interesse daran gezeigt hatte. Hatte sie auf eine plumpe Art ausgefragt, für die ihn die Familie vierteilen würde und das Allerschlimmste: Er hatte ihr seinen echten Namen genannt. Und das, nachdem er sich bereits eine perfekte Tarnidentität inklusive falschem Namen zurechtgelegt hatte.
   Aber er hätte es nicht ausgehalten, von ihr mit einem anderen Namen angesprochen zu werden. In seiner Vorstellung sagte sie schließlich schon seit Tagen seinen Namen, und als sie ihn tatsächlich zum ersten Mal laut ausgesprochen hatte, wollte er sämtliche Vorschriften und Anweisungen zum Teufel jagen und nur immer wieder hören, wie sie ihn aussprach und mit ihm redete. Jetzt hatte er sich sogar dieses kleine bisschen Freude in seinem beschissenen Leben kaputt gemacht, weil er sie angraben musste wie ein kleiner dummer Junge. Keine Spur mehr von dem eiskalten, beherrschten Killer, zu dem er einst auf Gedeih und Verderb gemacht worden war.
   Das Schweigen zwischen ihnen war mittlerweile greifbar. Ben wiederholte seine Entschuldigung nochmals. Sarah nickte etwas versöhnlicher, als er erwartet hatte, aber dennoch hatte er das Gefühl, seine Chancen bei ihr komplett vermasselt zu haben.
   Innerlich lachte er sich lauthals aus. Welche Chancen? Er war geschickt worden, um sie auszuspionieren und wenn nötig zu beseitigen, da gab es keine Chancen, auf nichts und wieder nichts.
   Aber er wollte an die Illusion einer Chance glauben, also redete sich Ben weiterhin ein, dass es nur darum ging, weiter in ihrer Nähe zu sein und Informationen über sie zu sammeln. »Ich muss jetzt wieder«, sagte er, steckte die Hände in die Taschen und nickte zum Abschied.

*

Sarah hasste diese Seite an sich. Aber schon die Andeutung, dass etwas mit ihr nicht stimmte, auch wenn es sich dabei nur um einen halb ernsten Kommentar über ihre Lockerheit handelte, brachte sie jedes Mal zum Ausrasten. Denn es traf ins Schwarze. Mit ihr stimmte etwas nicht, und sie konnte nichts daran ändern. Wie offensichtlich musste es für jedermann sein, wenn dieser Ben schon nach ein paar kurzen Unterhaltungen solche Vermutungen anstellte? Genau in solchen Situationen bekam sie ihre altbekannte Panik. Jene Panik, die sie schon als Mädchen dazu gebracht hatte, ins Mädchenklo der Schule zu flüchten, um sich vor den anderen zu verstecken. Dort hatte sie auf dem kalten Toilettendeckel mit geschlossenen Augen gesessen und versucht, nicht zu heulen. Sie hatte es so sehr versucht, dass ihre Lippen vom Daraufherumkauen taub geworden waren und sie ihre Atemzüge zählen musste, um wieder ins Klassenzimmer gehen zu können, in dem ein Haufen dreizehnjähriger Jungen und Mädchen nur darauf wartete, dass das merkwürdige Mädchen endlich vor allen zu heulen anfing. Aber, so schwer es auch war, Sarah hatte durchgehalten. Die Tränen sparte sie sich für zu Hause auf, wenn sie allein und ihr Vater noch bei der Arbeit war.
   Was sie jedoch an dieser Situation mit Ben noch mehr erschreckte, war, dass sie nicht wirklich sagen konnte, wovor sie mehr Angst hatte. Davor, dass Ben wiederkommen würde oder davor, dass er es nicht mehr tat.

*

Ben knallte die Tür seiner Wohnung hinter sich zu. Er hatte es vermasselt. Was für ein Mist. Der Tag war so gut wie im Arsch.
   Er wollte gerade zum löchrigen Sofa gehen und sich eine Runde aufs Ohr hauen, als sich sämtliche Muskeln in seinem Körper anspannten. Er war nicht allein. Scheiße.
   Er versuchte nicht, sich dieses Wissen nicht anmerken zu lassen. Schließlich war er von dem Moment an, als er die Anwesenheit eines anderen gespürt hatte, bereit, jeden, der ihn angreifen würde, auszuschalten. Außerdem, wer auch immer hier war, nach der Misere mit Sarah verspürte er gute Lust, seinen Frust an jemandem auszulassen.
   »Wie üblich meldest du dich nicht halb so oft wie du solltest«, sprach eine gelangweilte Stimme, die Ben nicht kannte. »Aber das ist ja nichts Neues.«
   Auf Bens zerschlissenem Sofa saß ein blasser älterer Mann in einem teuer aussehenden Anzug. Er erweckte einen reichlich genervten Eindruck. Mitten in seinem chaotischen Versteck wirkte der Fremde völlig deplatziert. Mit ungerührtem Blick aus wasserblauen Augen sah er Ben an.
   Ben lehnte sich in sicherer Entfernung scheinbar entspannt gegen die unverputzte Mauer. Den Fremden ließ er keine Sekunde aus den Augen. Er brauchte keine Waffe, um mit dem Kerl fertig zu werden, er war jünger, schneller und wusste sich zu verteidigen. Jedoch sah der Mann nicht so aus, als wäre er hier, um sich die Hände schmutzig zu machen. Ben vermutete, dass er ein Mittelsmann seiner Auftraggeber war, aber schließlich musste er auf Nummer sicher gehen. »Wer bist du? Was willst du? Und wie lange muss ich deine Visage noch ertragen?« Er scherte sich nicht die Bohne um Höflichkeiten. Der Eindringling sollte sich bedroht fühlen und genau sehen, wen er vor sich hatte.
   »Wer ich bin? Das tut nichts zu Sache. Was ich will? Spielt keine Rolle. Ich bin hier, um dir eine Botschaft zu überbringen«, sagte der Fremde gelassen, ehe er eine Reihe weißer Zähne aufblitzen ließ. »Und du wirst dir anhören, was ich zu sagen habe, egal, wie lange es dauert. Vor allem aber solltest du mir gegenüber einen respektvolleren Ton anschlagen. Wir verstehen uns doch?«
   Na toll. Nun hatte er die Familie am Hals. Er ließ seinen ungebetenen Besucher keine Sekunde aus den Augen, als er langsam auf ihn zuging. Er war nicht so dumm, zu glauben, es trotz der hageren Gestalt mit einem völlig ungefährlichen Mann zu tun zu haben. Aber Ben hatte, neben seiner Killerausbildung, einen weiteren entscheidenden Vorteil. Jemanden, der des Lebens überdrüssig geworden war, sollte man nicht unterschätzen. Schließlich hatte er nichts zu verlieren, abgesehen von seinem nackten Leben. Der fremde Mann beging einen entscheidenden Fehler. Er vertraute darauf, dass Ben genauso am Leben hing wie die anderen Killer im Dienste der Familie. Wenn es sein musste, würde er es darauf ankommen lassen. Nun ja, vielleicht ging es ja auch ohne Mord und Totschlag. Um ihn erst einmal loszuwerden, würde er diesen Mistkerl auch gern siezen. »Eine Botschaft«, wiederholte Ben gedehnt. »Die Familie schickt sie. Natürlich. Also schön. Dann lassen Sie mal hören. Ich bin ganz Ohr.«
   Kurz flammte etwas in den Augen des Fremden auf. Etwas, das Erstaunen gleichkam. Sonst war er es sicher gewohnt, vor Angst schlotternde Killer bei seinen Besuchen vorzufinden. Pech gehabt. Ben würde den Teufel tun, und ihm die Genugtuung gönnen. Diesen Gefallen würde er niemandem tun, auch wenn schon der Gedanke an die Familie seinen Blutdruck deutlich in die Höhe schnellen ließ.
   »Du sollst deine Telefonrapporte ernst nehmen und dich an die vorgegebenen Zeiten halten, sonst wird man dafür sorgen, dass du diesen Auftrag schnell wieder los bist und wir eine schmutzigere kleine Aufgabe für dich finden, die dir ganz und gar nicht gefallen wird.« Der Fremde lächelte selbstzufrieden, als würde er lediglich über das Wetter reden. Doch so einfach war die Sache nicht. Der Fremde wusste es. Ben wusste es. Meldete er sich nicht zu den vereinbarten Zeiten mit den geforderten Informationen, würde es ihm bald sehr leidtun. Danach würde man ihn so lange foltern, bis er sicher nie mehr etwas vergaß. Sofern er die Lektion überlebte.
   Auch wenn er sich kaum beherrschen konnte und nichts lieber tun würde, als diesen blasierten Kerl grün und blau zu schlagen, gab es eine Kleinigkeit, die Ben im Zaum hielt. Es kam ihm ganz plötzlich in den Sinn. Am Ende hatte er vielleicht doch etwas zu verlieren. Denn der Auftrag war ihm wichtig. Sarah war ihm wichtig. Wenn er abgezogen wurde, würde die Familie einen anderen schicken. Einen anderen, der sich nichts aus Sarah machte, den es gar nicht interessierte, ob sie schuldig oder unschuldig war.
   Ein anderer Assassin in Sarahs Nähe, das durfte nicht geschehen. Sie wäre so gut wie tot. »Geht klar«, sagte er, abermals sehr zur Überraschung seines Gegenübers.
   Der Kerl zuckte mit den Schultern. »Gut. Dann ist mein Auftrag erledigt.« Mit einer Leichtigkeit, die sein fragiles Aussehen nicht hätte vermuten lassen, erhob er sich, wischte sich die Finger ab, die Bens schmutzige Couch kaum berührt hatten, und schritt an Ben vorbei auf den Ausgang zu. Bevor er die Wohnung verließ, drehte er sich noch einmal zu Ben um. »Man sagte mir schon, dass du zu denen gehörst, die sich ständig nah am Abgrund bewegen. Sie wissen viel mehr über dich, als du glaubst. Mehr als dir lieb sein kann. Tu einfach, was man dir sagt. Oder freunde dich mit dem Gedanken an, für immer von der Bildfläche zu verschwinden, wie schon so viele vor dir. Du weißt doch, Ben, Versagen bedeutet Verrat. Verrat bedeutet Tod.«
   Als die Tür ins Schloss fiel, stieß Ben den angehaltenen Atem aus. Ahnten sie etwas? Hatte dieser Kerl die verdächtigen Fotos von Sarah gesehen? Wussten sie gar von seinen Gefühlen für sie? Wäre das möglich?
   Was für ein verdammter Mist.

Kapitel 3
Kontakt

Ben kam nicht. Sie hatte zwei Tage lang darauf gewartet, gehofft, er würde sich seinen Kaffee holen, doch von dem Kerl war weit und breit nichts zu sehen. Zu ihrem Erstaunen machte es ihr mehr aus, als sie erwartet hatte. Sie hatte gehofft, Ben sehr bald wiederzusehen.
   Nachdem sie den Buchladen eine halbe Stunde früher als üblich geschlossen hatte, machte sie sich auf den Weg zum Supermarkt, um ein paar Lebensmittel einzukaufen. In ihrem Kühlschrank war kaum noch Essbares zu finden, sie konnte es nicht länger aufschieben, und betrat den brechend vollen Laden, der zwischen dem Buchladen und ihrem Wohnhaus lag. Um möglichst schnell nach Hause zu kommen, suchte sie rasch alles Nötige fürs Abendessen zusammen. Sarah wollte gerade zur Kasse hetzen, weil die Schlange immer länger wurde, als ein Wagen mit ihrem zusammenkrachte.
   Bens Einkaufswagen.
   »Hi«, sagte er mit der Andeutung eines Lächelns. Als sie ihm in die grauen Augen sah, spürte sie ein warmes Prickeln im Magen. »Sorry, ich habe dir die Vorfahrt genommen, aber du siehst ja, was an der Kasse los ist.«
   »Das sehe ich«, antwortete sie, verwundert, ihm gerade hier zu begegnen, und zugleich erfreut, dass es so war. War das wirklich ein Zufall? Sie deutete in seinen Einkaufswagen, in dem eine Packung Kaffee lag. »Du warst gestern nicht da.« Das hatte sie eigentlich nicht laut sagen wollen. »Also besorgst du dir den Stoff ab jetzt selbst?«
   Nun lächelte er ganz offen. »Sozusagen. Ich hatte heute an der Uni zu tun und habe es nicht geschafft, auf eine Tasse bei dir vorbeizusehen. Vielleicht versuche ich auch, den Kaffeekonsum und vor allem das Belästigen von hübschen Damen einzuschränken«, erklärte er und blickte Sarah dabei an, was sie noch mehr aufwühlte als seine sanfte Stimme.
   »Das hältst du nicht durch«, ging sie auf sein Necken ein und hielt seinem Blick tatsächlich stand.
   Ben lachte. »Vielen Dank auch. Oder ist das ein Versuch, mich in den Laden zu locken?«
   »Flirtest du etwa mit mir?«
   »Vielleicht ein bisschen?«, kam prompt die Antwort.
   Himmel, warum hatte sie ihn das gefragt? Das führte doch zu nichts. Nur zu einer Enttäuschung. Gerade sie sollte es besser wissen.
   »Okay, Ben, ich sollte ehrlich zu dir sein. Eigentlich sollte ich nicht … wir sollten nicht …« Sie atmete hörbar ein, um sich zu sortieren. »Ich kann das nicht. Ein Flirt ist für mich nicht drin. Ich gehe auch nicht aus. Ganz grundsätzlich. Es tut mir leid. Das hat nichts mit dir zu tun.«
   »Fällt mir ziemlich schwer, zu glauben, dass eine junge hübsche Frau nicht ab und zu mit einem Mann flirten oder mit ihm ausgehen möchte, wenn es nichts mit dem Kerl zu tun hat«, erwiderte Ben trocken. Mit einem harten Zug um den Mund wandte er sich von ihr ab.
   Na toll, nun hatte sie ihn beleidigt. »Es geht einfach nicht. Nicht jetzt und auch in Zukunft nicht.«
   Inzwischen bereute Sarah, überhaupt etwas zu diesem Thema preisgegeben zu haben. In Bens Gegenwart tat und sagte sie ständig Dinge, die sie normalerweise nie tun würde oder für sich behielt. Doch jetzt war es zu spät. Die Sache war raus und konnte nicht mehr zurückgenommen werden.
   »Und was ist mit Freundschaft?«, fragte Ben. »Würdest du einem Mann als Freund eine Chance geben?« Abwartend blickte er sie an.
   Fast hätte sie instinktiv die Wahrheit gesagt. Sie besaß keine Freunde. Sie wusste nicht mal, was Freundschaft wirklich bedeutete. Doch sie riss sich gerade noch rechtzeitig zusammen. »Ich weiß es nicht. Ich habe nie versucht, mit einem Mann befreundet zu sein.« Konnte sie es wagen? Einfach ja sagen und es versuchen? Es darauf ankommen lassen? Einmal mutig sein und sich nicht um die Konsequenzen scheren?
   Plötzlich kam ihr ein verwegener Gedanke. Sie könnte es herausfinden. Wenn sie es wollte, könnte sie herausfinden, wer dieser Ben wirklich war und was er für Absichten hegte. Eine einzige Berührung würde genügen. Aber es könnte sie auch viel kosten. Das Geräusch des Scanners, der unaufhörlich piepte, schien sie anzufeuern: Tue es, tue es!
   Ben hatte Sarah gerade etwas gefragt, aber sie war zu abgelenkt von dem Gedanken, der sie nicht losließ. Sie nahm es als Chance, schluckte schwer, bevor sie die Hand auf seinen Unterarm legte. »Entschuldige, was hast du gerade gesagt?«, fragte sie mit ausdruckslos gespannter Stimme.
   Ihre Hand berührte sein bloßes Handgelenk. Seine Haut war warm und die Erinnerung ihrer letzten bewussten Berührung so schwach, dass ihr der Vergleich fehlte. Er starrte sie mit in Falten gelegter Stirn an, schien sie zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Aber sie war viel zu geschockt, um sofort darauf zu reagieren. Da war nichts! Sie konnte nicht sagen, wer dieser Ben war, was er wollte, was er dachte, noch nicht einmal im Ansatz, was er fühlte. Da waren nur das Gefühl seiner warmen Männerhaut unter ihren Fingern und sein leicht besorgtes Gesicht.
   Sarah begann unwillkürlich zu lächeln. »Ich hab’s wieder nicht verstanden. Was hast du gerade gesagt?« Sie wollte ihn nicht loslassen. Es war die erste bewusste Berührung seit einer Ewigkeit und diese richtete sie nicht seelisch zugrunde. Diese hier fühlte sich einfach nur herrlich an. Sie hätte platzen können vor Freude.
   Er starrte sie noch immer verwundert an. »Ich sagte, wir können zumindest versuchen, Freunde zu sein. Ist wirklich alles in Ordnung mit dir? Gerade hast du noch so ausgesehen, als müsstest du dich übergeben und jetzt strahlst du, als hättest du im Lotto gewonnen.«
   »Ich …«, setzte sie an und schüttelte zugleich den Kopf. »Keine Ahnung. Oder eigentlich … vielleicht sollten wir versuchen, Freunde zu sein. Ich werd’s versuchen, aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Ich werde ganz bestimmt keine gute Freundin abgeben.« Sarah hätte vor Glück platzen können, während sie ihre Einkäufe auf das Förderband der Kasse legte. Sie konnte Ben berühren und nichts geschah. Nichts Schlimmes jedenfalls. Ben war der erste Mensch seit ihrer frühen Kindheit, den sie berühren konnte. Wenn es auf dieser Welt für sie einen Menschen gab, mit dem Freundschaft möglich war, dann mit Ben.
   In ihrer Euphorie hätte Sarah Ben am liebsten gleich noch einmal berührt. Doch wenn sie ehrlich war, gab es auch einen anderen, tief verborgenen Teil in ihr, der Ben aus völlig anderen Gründen anfassen wollte. Um ihn kennenzulernen, musste sie Zeit mit ihm verbringen, wie jede normale Frau. Sarah hätte kaum glücklicher sein können.
   »Ich weiß ja nicht, wieso du plötzlich so gute Laune hast, aber es gefällt mir«, sagte Ben. »Vielleicht hast du Lust, demnächst mal mit mir ins Museum zu gehen. Ich bekomme über meinen Studentenausweis günstige Tickets, und wenn ich mir den Buchladen so ansehe, scheinst du etwas für Kunst übrig zu haben.«
   Sarah lächelte. »Ich würde sehr gern mit dir ins Museum. Aber du musst kein Ticket für mich besorgen. Ich habe eine Jahreskarte. Am Wochenende könnten wir hin, wenn dir das passt.« Sie war verblüfft über sich, ihren Mumm, aber es war ihr ernst. Außerdem gefiel es ihr, dass Ben bemerkt hatte, dass sie an Kunst interessiert war. Er schien sich wirklich für sie zu interessieren.
   »Na, dann ist es abgemacht«, meinte er verschmitzt und verstaute seinen Einkauf in der Papiertüte, bevor sie zusammen den Supermarkt verließen.

*

Im Grunde sollte Ben sich schuldig fühlen. Er hatte Sarah eigentlich reingelegt, indem er sie in das Museum lockte und ihren Hang zur Kunst benutzte. Manipulation gehörte zu den Werkzeugen eines Assassin, die er nie ganz abstellen konnte, schließlich war er den Großteil seines Lebens nichts anderes als ein Lügner und Killer. Aber wenn er ehrlich zu sich war, konnte er nicht wirklich behaupten, es zu bereuen. Wenn dieser Schritt nötig war, um hinter ihr Geheimnis zu kommen, und dabei Zeit mit ihr zu verbringen, würde er ihn eben tun. Bei seinem nächsten Rapport würde er es so darstellen, als wäre jedes Treffen und der Kontakt mit Sarah arrangiert gewesen. Ben begab sich auf einen gefährlichen Weg, er tanzte auf des Messers Schneide. Einerseits musste er den Kontakt nutzen, um sie für die Familie auszuhorchen, herauszufinden, ob sie zu den Menschen gehörte, die abnormale Fähigkeiten besaßen, was zugleich bedeutete, ihr Vertrauen zu missbrauchen. War sie schuldig, war etwas an ihr abnormal, würde die Familie von ihm verlangen, sie zu beseitigen. Darüber machte er sich keine Illusion. Andererseits versuchte er, in ihrer Nähe zu bleiben, um sie verliebt in sich zu machen. Kindisch. Falsch. Und trotzdem machte Ben weiter. Er konnte sich nicht entscheiden, was davon falscher war. Sie auszuspionieren, ihr eine Zielscheibe zu verpassen oder sie verführen zu wollen. Da man ihm nie beigebracht hatte, was richtig oder falsch war, konnte er sich nur auf sein Gefühl verlassen. Und das sagte ihm: Bleib in Sarahs Nähe!

»Das ist alles, was Sie zu berichten haben, Assassin?«, dröhnte eine fremde Stimme aus dem Telefon. Wieder ein Unbekannter. Wieder jemand, der mehr wusste als er. Einer der gesichtslosen Handlanger der Familie.
   »Ja. Alles, was relevant ist«, bestätigte Ben.
   »Nichts Verdächtiges?«, bohrte der Fremde weiter.
   Sofort schoss Ben der Gedanke an den Moment an der Supermarktkasse durch den Kopf. Sarahs Verhalten war eindeutig verdächtig. Irgendetwas hatte er beobachtet. Er konnte sich nur noch nicht zusammenreimen, ob er einfach nur eine merkwürdige Verhaltensweise wahrgenommen hatte oder einen Menschen, der sich nicht normal verhielt. Dennoch log er wie aus der Pistole geschossen, ohne mit der Wimper zu zucken. »Nein, bisher nicht.«
   »Das muss nichts heißen«, retournierte der Anrufer. »Wie oft hatten wir schon unauffällige Zielpersonen, die am Ende eine Bedrohung für den Assassin und damit auch für die Familie waren. Daran sollten Sie immer denken. Behalten Sie Ihr Ziel im Auge.«
   Sie wollten in ihrem Fall auf Nummer sicher gehen. Oft schon hatte Ben erlebt, dass er geholt worden war, um jemanden schon nach ein paar verdächtigen Anzeichen zu beseitigen. Bei Sarah mussten sie sich nicht sicher sein. Vielleicht hatte sie Glück und gehörte zu jenen, die nach einer ergebnislosen Beobachtung von der Liste gestrichen wurden. Ben hoffte es, aber bei der Familie musste man mit allem rechnen.
   »Wird gemacht«, sagte Ben, um einen ruhigen Ton bemüht, bevor er den Anruf beendete. Er hatte sie noch nie leiden können, diese Verbindungsmänner, die nur Befehle weitergaben und nie selbst ins Fadenkreuz gerieten, aber mit den Assassinen und allen, die die Drecksarbeit erledigen mussten, sprachen, als wären sie unantastbar. Sie waren nicht mehr als namenlose Stimmen am Ende einer Telefonleitung. Gesichtslose Internetverbindungen. Er hasste sie auch deshalb, weil er damals, als ihm in jungen Jahren klar geworden war, worum es sich bei der Familie in Wirklichkeit handelte, darum gebeten hatte, sich zu einem von ihnen ausbilden zu lassen. Es war ihm verwehrt worden.
   »Pure Verschwendung«, hatte sein Hauptausbilder den Leiter seiner angeblichen Schule wissen lassen.
   »Der Junge hat andere Talente, das wissen wir«, bestätigte der Schulleiter und warf immer wieder Blicke in eine Akte, die Ben den Magen umdrehte, weil er nicht wusste, was alles darin über ihn stand. »Er wird bleiben, wo er ist und werden, wozu er bestimmt ist«, war alles, was der Schulleiter, ein großer Mann Mitte vierzig mit breiten Schultern und hoher Stirn, noch zu sagen hatte, ehe ihn sein Ausbilder mit dem verhärteten Gesicht aus dem riesigen Büro zerrte, in dem er sich klein und unbedeutend vorgekommen war. Bald darauf fand Ben sich auf der Laufbahn hinter dem abgeschotteten Ausbildungsgebäude wieder, wo ihn der Ausbilder Vierzehn, dessen Namen er niemals erfahren hatte, bis zum Erbrechen hetzte.
   »Man bittet nicht darum, weniger sein zu dürfen, als man ist«, brüllte der Ausbilder, während Ben mit brennenden Muskeln an ihm vorbeilief. Er hatte längst aufgehört, die Bahnrunden mitzuzählen.
   »Man fügt sich!«, war die Brüllparole der nächsten Runde. »Du kennst die Regeln«, schrie ihm der kleine, stämmige Mann nach. »Und bilde dir ja nicht ein, diese Entscheidung je infrage zu stellen oder gar dagegen anzugehen. Du bist, was du bist. Was wir aus dir machen. Wir kennen dich besser als du dich selbst, du weißt es nicht. Doch im Inneren bist du bereits ein Mörder, auch wenn du noch nicht getötet hast.« Provokativ nahm er einen kräftigen Schluck aus seiner Wasserflasche. Ben hatte seit dem Frühstück nichts zu trinken bekommen. Beim Anblick zog sich sein Magen würgend zusammen. Die Knie gaben nach. Er lief bereits humpelnd. Das alles konnte er noch wegstecken, wenn der blöde Kerl nur endlich mit seinen Brüllparolen aufhören würde. Doch natürlich ging es weiter und weiter.
   »Und wir machen den besten Mörder aus dir, der du sein kannst!«
   Ben versuchte, die Worte aus seinem Kopf zu bekommen, sie nicht an sich heranzulassen, und sich stattdessen auf die Schmerzen beim Laufen zu konzentrieren. Aber sein außerordentlich gutes Gedächtnis ließ nicht zu, dass er etwas davon vergessen konnte. Dass er es immer mit sich herumschleppen würde. Immer mehr konzentrierte er sich auf den Schmerz. Er lenkte ihn seltsamerweise ab.
   »Lauf«, brüllte sein Ausbilder, inzwischen heiser geworden. Aber Ben konnte nicht mehr. Dennoch lief er weiter. Was blieb ihm auch anderes übrig?
   »Du kennst es, also sag es«, befahl der schreiende Ausbilder Vierzehn. Ben wusste sofort, was er von ihm hören wollte, konnte es aber nicht sagen. Wollte es nicht sagen müssen. Er hatte kaum noch Atem übrig und hasste diese Worte aus tiefstem Herzen, auch wenn er mittlerweile dazu nicht mehr fähig sein sollte, wenn es nach dem Willen der Familie ging. Und nach dem ging es immer. Doch er wollte sie weiterhin in dem Glauben lassen, er würde an die Worte glauben, die sie ihm in den Mund legten, damit sie nicht die Reste, die noch von ihm übrig und unangetastet, unverdorben waren, auch noch in die Finger bekamen. Also schrie er, so laut er konnte. »Verweigerung bedeutet Verrat. Verrat bedeutet Tod!« Seine Worte hallten von den hohen Mauern, die alles umgaben und die Außenwelt aussperrten, wider.
   »Wiederhole es«, forderte der wütende Mann lautstark.
   Ben tat es, mechanisch, ohne etwas dabei zu empfinden. Er versuchte, es ebenso auszublenden, wie er den grellen Schmerz seines Körpers mittlerweile mit aller Macht ignorierte, um weitermachen zu können. Um nicht zu versagen. »Verweigerung bedeutet Verrat, Versagen bedeutet Verrat. Verrat bedeutet Tod!«
   »Und jetzt sag mir, wozu du hier bist!« Selbstzufrieden schweifte der Blick seines Ausbilders über seinen geschundenen Körper.
   »Geboren, um zu töten«, hechelte er, brach zusammen und übergab sich auf die Laufbahn. Fühlte es sich so an, gebrochen zu werden?
   Ben seufzte. Immer wenn er an diesen Moment zurückdachte, als er mit vierzehn Jahren fast zu Tode gehetzt worden war, weil die Familie der Meinung war, ihn zusätzlich brechen zu müssen, da er noch immer nicht aufgehört hatte, Wünsche zu äußern, schauderte Ben. Es war der letzte Moment seines Lebens gewesen, in dem er der Familie getrotzt hatte – bis auf eine Ausnahme in seiner jüngsten Vergangenheit, die seine verschüttete Menschlichkeit wieder entfacht und alles, was jetzt in ihm vorging, ins Rollen gebracht hatte.
   Es war Bens letzter Auftrag, der ihn zu einer Kanalbrücke geführt hatte, über die er ins Flusswasser gesprungen war. Aber er war nicht gestorben. Hatte überlebt. Und jetzt war er hier. Wenn dieser Auftrag nicht gewesen wäre, könnte er vielleicht weiterhin so tun, als ob er im Inneren kalt und leer wäre. Aber so war es nicht. Nicht mehr. Dieser scheinbar einfache Mordauftrag hatte alles verändert, er hatte ihn verändert, sodass er sein Opfer nicht ohne Reue hatte töten können und nicht mehr die Gefühle in sich abzustellen vermochte. Seine Menschlichkeit hatte in einer Art Winterschlaf gelegen und war nun erwacht. Es war völlig absurd, aber Sarah war ebenfalls dabei, ihn zu verändern, und er wusste, dass auch diese Veränderung von Dauer war. Dieser Auftrag könnte ihn das Leben kosten oder ihn endgültig zu einem seelenlosen Assassin machen.
   Ben stand vor einer Entscheidung. Seinen letzten Atemzug für einen anderen zu opfern, sollte sie schuldig sein, oder sie zu töten und endgültig seine Seele zu verlieren. Aber dieses Mal war es nicht Mitleid, das in ihm erwacht war, wie beim letzten Mal. Dieses Mal trieb ihn etwas Unbekanntes an, das Sarah auslöste und er gleichermaßen ergründen und von sich stoßen wollte. So viel war sicher. Es würde in einer Katastrophe enden. Nur wie schlimm es werden würde und wer dabei draufging, war noch unklar.
   Ben klatschte sich einen Schwall kalten Wassers ins Gesicht und starrte in den zersprungenen Badspiegel. Er wünschte, er könnte seine Vergangenheit und seine ungewisse Zukunft abwaschen. Nur noch in der Gegenwart leben, die für ihn einer verführerischen Illusion glich, in der er als Student lebte und hinter einer hübschen Rothaarigen her war, die sich unbedingt in ihn verlieben musste.
   Aber das hier war keine Liebesgeschichte. Grimmig verzog er das Gesicht und strafte sein frisch rasiertes Spiegelbild mit einem vernichtenden Blick. »Liebe«, stieß er bitter hervor. Für sie beide würde es kein Happy End geben. Im besten Fall konnte er sich ein paar glückliche Momente mit ihr stehlen, ehe er verschwinden musste, sollte er in der Lage sein, die Familie von ihrer Unschuld zu überzeugen. Und im schlimmsten Fall würden sie ihm befehlen, Sarah zu töten oder, sollte er sich weigern, jemanden schicken, der sie beide zur Strecke brachte. Wie er die Familie kannte, müsste er vermutlich zusehen, wie man sie noch quälte, bevor sie starb, um dann für seinen Frevel gefoltert und getötet zu werden. Es wäre nicht das erste Mal.
   Wenn eines sicher war, dann, dass es keinen Ausweg gab. Also warum nicht das einzige Glück stehlen, das es jemals für ihn geben würde?
   Sarah erobern und vielleicht ein paar Mal in ihren Armen vergessen können. War er dazu fähig? War er dazu in der Lage, sie verliebt in sich zu machen, für eine kurze Zeit seinen Gefühlen nachzugeben und dann zu gehen?
   Er wusste es nicht. Dennoch redete er sich ein, dass er es könnte. Etwas flüsterte ihm zu, dass er Sarah auf jeden Fall nicht davonkommen lassen durfte, ohne ihr wenigstens einmal richtig nahe gekommen zu sein.
   Damit war es beschlossen. Ben würde sie verführen.
   Nicht für die Familie, nicht um sie auszuhorchen, sondern für sich und vielleicht sogar um ihretwillen, schließlich hatte er die feurigen Blicke bemerkt, die sie ihm zugeworfen hatte, egal, wie unschuldig sie auch sein mochte. Ben versprach sich selbst etwas. Sarah war, da war er sich ziemlich sicher, mit Männern sehr unerfahren. Also würde er der erste Mann sein, der sie zum ersten Mal wirklich berühren würde, der einzige, in den sie sich je wirklich verlieben würde.
   Freundschaft war sein Zugang zu ihr und ihrem Herzen. Ein Teil von ihm kam sich auf eine völlig neue Art sehr schäbig vor, aber Ben war fest entschlossen. Er würde alles dafür tun. Auch wenn er sich eigentlich keine Gefühle leisten dürfte. Schon gar nicht solche intensiven Gefühle.

Ben stand vor den Eingangstüren des Museums in der Kälte und blickte Sarah entgegen, die mit vorsichtigen Schritten die verschneiten Treppen hochkam. »Du bist pünktlich, dabei hab ich gedacht, du würdest dich drücken«, begrüßte Ben eine schüchtern dreinblickende Sarah, die sich fest in den Stoff ihres grauen Wintermantels schmiegte. Ganz deutlich spürte er die Wärme ihres Körpers, als sie mit ihm zusammen durch die Tür trat.
   »Natürlich bin ich gekommen, ich hab doch zugesagt.« Sie lächelte etwas zurückhaltend. Aber es genügte, um Bens Kreislauf auf Touren zu bringen.
   »Wie findest du es, wenn wir bei der Renaissance anfangen und nicht die übliche Reihenfolge befolgen?«, fragte Ben, wohl wissend, dass Sarah für den manipulativen Vorschlag empfänglich war.
   »Ist ja merkwürdig. Das ist meine absolute Lieblings-abteilung.« Sarah strahlte. »Also bin ich sehr dafür.«
   Mit einer lächelnden Sarah an seiner Seite betrat Ben den rechten Flügel des Museums. Er konnte es kaum mit Worten beschreiben. Es war unglaublich. Ausgerechnet er und Sarah schienen eine seltene Gemeinsamkeit zu haben.
   Wenn sie ihn schüchtern anlächelte, fühlte er, wie er mit jedem kleinen Blick und jedem erkämpften Lächeln mehr und mehr zum Mann wurde, mehr zu dem Ben, den es nicht gab, der er aber gern für Sarah sein wollte.

*

Als sie beim letzten Saal angekommen waren, dem blauen Saal, in dem nur ein einziges Bild hing, das den Raum mit seiner Größe dominierte, fand Sarah nicht länger den Mut, Ben zu berühren. Die Aktdarstellung einer nackten, schlafenden Venus aus Florenz machte sie befangen und auch die Art, wie Ben sie von der Seite beobachtete. Die Temperatur im Raum stieg für sie merklich an, aber noch etwas anderes bereitete ihr Unbehagen. Sarah hatte begriffen, dass es ihr nicht mehr nur darum ging, sich etwas zu beweisen. Es war viel simpler. Es ging einfach um Ben, darum, Ben zu berühren, diesen Mann, der ständig überall zu sein schien und der in Sarah Gefühle weckte, die so neu und unerforscht waren, dass eine unbekannte Angst sie lähmte und ihr den Mut nahm. Nur ihre Angst, zurückgewiesen zu werden oder noch schlimmer, ihr Geheimnis preisgeben zu müssen, war schlimmer.
   Immer wieder verkrampfte sie, obwohl sie es nicht wollte. Und die Nervosität, die dieser attraktive Mann bei ihr auslöste, steigerte ihre Befürchtungen zusätzlich. Musste er denn auch so gut aussehen?
   »Wollen wir noch einen Kaffee beim Markt gegenüber holen?«, schlug er vor, als sie den blauen Saal verließen. »Hier im Museum ist alles zu teuer für mich.«
   Sarah wollte natürlich nicht, dass Ben sein sicher knappes Studentenbudget für den überteuerten Kaffee hier rausschmiss. »Ja, gern«, nahm sie seinen Vorschlag an, zog sich den Mantel über und verließ mit Ben das Museum. Sie streifte sich die Handschuhe über, um ihre Hände vor der Kälte zu schützen, und konnte nicht verhindern, erneut zu verkrampfen. »Das war wirklich schön«, sagte sie. »Auch wenn du nicht viel geredet hast.«
   »Na ja, du warst eine hervorragende Museumsführerin, da hab ich lieber brav zugehört, wie sich das für einen Besucher gehört.« Er zog sie wieder auf. Sarah war es nur recht. »Außerdem hast du eine schöne Stimme. Ich hör dir gern zu.«
   Da war er wieder, dieser besondere Klang in seiner Stimme, den Sarah als Bens aufrichtigen Tonfall bezeichnen würde. Sie errötete etwas, was Ben sehr zu gefallen schien. Immerhin erwiderte er ihr Lächeln eindeutig.

Ben sah die Röte auf ihren Wangen und fragte sich, ob auch ihr Dekolleté von einer leichten Röte überzogen sein würde, wenn sie je zuließe, von ihm richtig berührt zu werden. Leicht erregt wandte er sich von ihr ab, weil er nicht wusste, ob sie ihm seine Gedanken von den Augen ablesen konnte. Würden seine Gedanken jemanden, der so verschlossen wirkte, erschrecken? Oder hatte sie ähnliche Gedanken über ihn?
   »Was ist?«, fragte sie.
   »Du wirst wieder leicht rot. Ich hab mich nur gefragt, was ich anstellen müsste, dass du es noch ein bisschen mehr wirst«, neckte er sie flüsternd. Sarah wirkte etwas gehemmt. Ben wusste, sie war jung, aber er konnte nicht verstehen, was ihr Problem war. Sie fühlte sich offensichtlich zu ihm hingezogen. Vorhin im Museum hatte sie ihn oft berührt und jetzt zog sie sich erneut vor ihm zurück, auch wenn sie weiterhin versuchte, mit ihm zu flirten.
   »Ich muss dir was gestehen, Ben. Ich hab keinerlei Flirterfahrungen, also ist es bestimmt leicht hinzubekommen, dass ich ständig erröte«, gab sie zu.
   »Gut, das zu wissen.« Damit war Ben zufrieden und zog Sarah zu den Marktständen, die in einem Halbkreis vor dem Museum aufgestellt waren. Hatte er das schon einmal gemacht? Eine Frau bei der Hand über einen Markt geführt? Nein, er hatte ohnehin nie etwas Normales getan, und wenn, war es eine Tarnung oder nur vorgespielt gewesen. Umso mehr gefiel es ihm jetzt, so zu tun, als wäre er ein ganz normaler Kerl und hätte Sarah als sein Mädchen bei sich. »Sieh mal. Das sind mit Schokolade überzogene Kaffeebohnen. Hast du die schon mal probiert?« Sie schüttelte den Kopf. »Und du nennst dich kaffeesüchtig? Amateurin.« Er lachte kopfschüttelnd.
   Ben stutzte und lachte weiter. Er lachte und es war echt! Dieses Mädchen war gefährlich für ihn, ermahnte ihn der Assassin in sich.
   Sie probierten beide die Nascherei. Sarah war sie etwas zu schwer zu beißen, wie sie ihm hinter vorgehaltener Hand mitteilte. Sie schmeckte ihr aber dennoch. Ben erwarb noch ein paar andere Schokoladenproben und ließ sie so lange vor ihrem Mund zappeln, bis sie ihn öffnete und die Süßigkeit aß. Dabei berührten seine Finger kurz ihre Lippen und es war ihnen beiden bewusst, als es passierte, denn genau in dieser Sekunde kreuzten sich ihre Blicke.

Sarahs Herz schlug wild. Ben machte ebenso einen äußerst konzentrierten Eindruck. Wie er ihre Lippen anstarrte und dabei auf seinen kaute …
   Sie hatte sogar vergessen, darüber nachzudenken, dass es einen weiteren Hautkontakt gegeben hatte, der ohne Folgen für ihren Seelenzustand geblieben war. Doch für ihr Herz war er fatal gewesen. Es war anschließend völlig aus dem Takt geraten, und das nur, weil Ben sie mit seinen Fingerspitzen gestreift hatte. So hatte sie sich noch nie gefühlt. Sie wollte ihn. Er war ein Fremder, ein attraktiver Student und absolut nichts für sie, unschuldig und unerfahren, wie sie nun einmal war. Aber die Frau in ihr wollte ihn mit jeder Faser ihres Körpers, und wenn sie sich nicht sehr irrte, fühlte auch er sich stark zu ihr hingezogen. Sie hatte es in seinem Blick erkannt, er empfand auch etwas für sie. Sie konnte es aber nicht richtig einordnen, denn sie versuchte immer sofort, die Verbindung zu unterbrechen, um sich zu schützen. »Ben, es war ein wirklich schöner Tag, auch ohne den Kaffee. Aber ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt nach Hause gehe.«
   Er schien genau zu wissen, dass es sich dabei nur um eine lahme Ausrede handelte. Eigentlich war es genau das Gegenteil von dem, was sie wirklich wollte, was ihr Körper wollte. Sie sagte es dennoch, weil sie Angst bekam, vor dem, was immer sie gerade für ihn empfand. Sarah wollte weglaufen. Ihr Instinkt meldete sich. Aber irgendwie ahnte sie, dass es vor den Gefühlen für Ben kein Entkommen gab. Es ging nicht um ihn. Das Problem war, dass sie bis vor ein paar Tagen noch felsenfest überzeugt gewesen war, dass sie niemals mit einem Mann zusammen sein könnte. Niemals. Und jetzt gab es Ben, den sie nun schon mehrmals berührt hatte, ohne dass es in einer Katastrophe endete.
   »Ja, es war wirklich schön. Ich freue mich schon auf das nächste Mal. Oder wir sehen uns, wenn ich bei euch im Laden vorbeikomme. Du darfst es aber nicht bereuen, dass wir jetzt Freunde sind.« Streng blickte Ben ihr ins Gesicht.
   »Sind wir denn jetzt Freunde?«, fragte sie. War es wirklich das, was sie waren?
   »Ich weiß nicht, ob wir nur Freunde sind, Sarah, aber ab heute sind wir definitiv etwas. Außerdem solltest du über mich wissen, dass ich nicht so schnell aufgebe, wenn ich etwas gefunden habe, das ich mir wünsche.« Merkwürdig ernst betrachtete er sie.
   »Und was wünschst du dir?«, fragte Sarah, während sie sich auf den Gehsteig stellte, um ihm direkt in die Augen blicken zu können.
   »Ich glaube, dich. Aber ich wünsche mir dich erst dann, wenn du denselben Wunsch hast.«
   So hatte noch nie jemand mit ihr gesprochen, etwas derart Intimes über sich preisgegeben, das sie betraf. Sarah dachte lange nach und bemühte sich, den heißkalten Schauder, den Bens Worte bei ihr auslösten, unter Kontrolle zu halten. »Ich weiß nicht mehr, wer es geschrieben hat, aber jemand sagte mal: Wünsche sind frei! Also dürfen wir uns beide wünschen, was immer wir wollen.« Ihr Gesicht musste sie doch verraten. Sah er nicht, was sie empfand?
   »Ich werde es mir merken, Sarah. Bestimmt sogar!« Er hielt ihrem Blick stand und klang sicher.

*

Ihre Augen waren dunkel und tief, gaben aber nichts von den wahren Gedanken dahinter preis. Ben hoffte, dass dies Sarahs Art war, ihm zu sagen, dass es nicht hoffnungslos war, was er sich von ihr wünschte. Für den Moment genügte das. Vorhin hatte er genau gespürt, dass sie gelogen hatte. Schließlich wusste er, als der Mann, der jeden ihrer Schritte beobachtete, genau, dass sie keinen Verpflichtungen nachging oder sich noch mit jemandem treffen würde. Um ganz sicher zu gehen, folgte er ihr, nachdem er Sarah einen kleinen Vorsprung gelassen hatte. Er konnte sie ja verstehen. Auch er hatte Angst. Was da zwischen ihnen geschah, war beängstigender, als ihr bewusst war. Immerhin war er hier, um jeden ihrer Schritte zu überwachen. Sarah war niemals wirklich allein. Ben war zu ihrem Schatten geworden, ohne dass sie es wusste.