Als sich die junge Aiyana in New York zum ersten Mal als Solotänzerin präsentiert, erleidet sie einen mysteriösen Unfall. Wer ist ihr geheimnisvoller Retter Leonardo? Und was will Helena, die Lichtgestalt aus dem Zwischenreich, von ihm? Ihre Freundin Moira warnt Aiyana davor, ihrem Herzen zu folgen, doch die Leidenschaft lässt sich nicht aufhalten, selbst dann nicht, als sie erfährt, dass Leonardo einer uralten Vampirfamilie angehört. Aiyana bereut ihre Entscheidung, als sich das indianische Symbol auf ihrem Rücken golden verfärbt und sich die Erfüllung einer schicksalhaften Bestimmung abzeichnet, die Aiyana nicht wahrhaben will. Ihre Verwirrung steigt, weil sie spürt, dass Leonardo etwas Entscheidendes vor ihr verbirgt. Plötzlich ist nichts mehr, wie es einmal war und mysteriöse Anschläge auf ihr Leben häufen sich …

E-Book: 0,99 €

ePub: 978-9963-722-03-7
Kindle: 978-9963-722-04-4
pdf: 978-9963-722-02-0

Zeichen: 555.624

Printausgabe: 14,99 €

ISBN: 978-9963-722-00-6

Seiten: 342

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Karin Kolb

Karin Kolb
Karin Kolb wurde in Basel geboren. Bereits während der Schulzeit wollte sie Schriftstellerin werden. Nach einer Ausbildung als Balletttänzerin arbeitete sie zunächst einige Jahre an verschiedenen Theaterhäusern in Europa. Parallel belegte sie ein Fernstudium als Journalistin und schrieb Gedichte. 1998 kam die erste ihrer zwei Töchter zur Welt. Eine Ausbildung als Schauspielerin und Engagements in kleinen Theatern folgten. Nebenbei erfüllte sie sich ihren großen Traum und schrieb einen ersten Roman. Die Ideen sprudelten und andere folgten. Karin Kolb lebt mit ihren zwei Töchtern in Basel. Am Nachmittag unterrichtet sie Ballett und Akrobatik.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Flucht

Majestät lässt bitten!
   Ich eile, ich eile, dachte Leonardo und ging vor dem viktorianischen Wandspiegel neben der Tür zur Bibliothek leicht in die Knie. Die Höhe war auf die Größe seines Vaters zugeschnitten wie beinahe jedes Einrichtungsstück in der Residenz. Er verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln, das sein Konterfei eher als grimmige Fratze zurückwarf.
   Wenn Vater ihn in die Bibliothek bestellte, sollte er sich besser an die Etikette halten und untadelig erscheinen. Leonardo zupfte sich die Haare zurecht. Einmal mehr war er froh, die braunen weichen Haare seiner Mutter geerbt zu haben, und nicht die ungebändigten Locken seines Vaters. Leo hasste es, Zeit für Nebensächlichkeiten zu vergeuden, dennoch war es besser, sich Vaters Eigenarten zu beugen.
   Er holte tief Luft und wandte sich der Tür zu. Entschlossen drückte er die goldene Klinke und betrat die Bibliothek. Der Geruch von jahrhundertealtem Leder, Papier und Staub legte sich wie eine Membran um seinen Körper, sodass er sich gefangen und gegängelt fühlte, noch ehe er Zakhar überhaupt gegenüberstand. Sogar in dem diffusen Licht erfasste er die gedrungene Gestalt sofort, die aus einem der wuchtigen Sessel aufsprang und ihm entgegeneilte.
   Zakhar war trotz unscheinbarer Größe und schmaler Schultern einer der mächtigsten Vampire, denen Leonardo je begegnet war. Seine Familie entstammte den italienischen Visconti und das schien Zakhar niemals zu vergessen, auch wenn er in Manhattan geboren war.
   »Hallo Vater.« Mit durchgedrücktem Kreuz ließ sich Leonardo von Zakhars für seine Statur ungewöhnlich großen Händen an die Brust ziehen.
   Er seufzte innerlich. Für heute hatte er andere Pläne gehabt, als den Tag mit Arbeit auszufüllen. Endlich ließ der Druck um seinen Brustkorb nach und Zakhar trat einen Schritt zurück. Die Entschlossenheit in seinem Gesicht verhieß nichts Gutes. Auch das leichte Lächeln in den Mundwinkeln verriet, dass Vater erwartete, siegessicher aus dieser Unterredung hervorzugehen.
   Leonardo erschauderte. So lief es immer. Zakhar forderte, der brave Sohn folgte. Wie sehr er sich dafür hasste, dass er es nicht schaffte, sich gegen das Patriarchat aufzulehnen.
   Durch das offene Fenster drang kühle Herbstluft, zeigte den nahenden Zerfall der Natur wie ein Spiegelbild seiner Selbstständigkeit. Anstatt auf eigenen Beinen zu stehen, ließ er sich noch immer wie ein Kind behandeln.
   »Whiskey?« Zakhar trat an die Bar und schenkte elegant einen Tumbler ein.
   Impulsiv wollte Leonardo den Kopf schütteln, hielt sich aber in letzter Sekunde zurück. »Nein danke, Vater.« Verflucht! Um ein Haar hätte er sich die erste Rüge eingefangen, er spürte bereits den bitterbösen Blick auf der Haut brennen. Zakhar maß ihn von oben bis unten. Leonardo wand sich innerlich. Schweißtröpfchen bildeten einen Film auf seiner Stirn, eine Vorahnung machte sich breit. Wie oft hatte er in Gedanken dieses Szenario durchgespielt und wie wenig war er jetzt darauf vorbereitet.
   »Deine Großmutter Neele ist neunundneunzig Jahre alt. Sie wird bald sterben.«
   Der letzte Funke Hoffnung erlosch. Starr erwiderte Leonardo den Blick seines Vaters.
   »Wir müssen deine Hochzeit vorbereiten. Helena wird Neeles Platz einnehmen.«
   Leonardo taumelte. Der als Wunsch getarnte ­Befehl ­bohrte sich wie glühende Nadelspitzen in seine Seele. Natürlich, er kannte seine Verpflichtung, doch er hatte gehofft, diesen Tag noch viele Jahre hinauszögern zu können. Er war doch erst zweiundzwanzig. Auf keinen Fall wollte er, dass das Leben der Familie Visconti in seinen Händen lag. Doch genau das würde mit Großmutters Tod eintreten.
   Die weiße Stuckdecke mit den italienischen Ornamenten schien sich vor ihm zurückzuziehen, in nebligen Dunst aufzulösen.
   »Wir werden nicht warten, bis Neele … na, du weißt schon …«
   Vaters Worte hallten in seinen Ohren, während sein Gehirn panisch versuchte, einen Ausweg zu finden. Wieso glaubte er, dass ihm das in letzter Sekunde gelang, während ihm in all den Jahren, die er darauf vorbereitet wurde, keine Lösung eingefallen war?
   Sie waren reine Vampire und konnten ihre Überlegenheit nur behalten, wenn sie mithilfe einer Lix in das Zwischenreich gelangten, um sich dort mit ihren verlorenen Seelen zu vereinen. Die Lix Neele hatte seinen Großvater geheiratet und den Visconti bis jetzt den Zugang gewährt, den sie brauchten. Aber bald würde sie sterben. Als einziger Sohn Zakhars lag es nun an ihm, ebenfalls eine Lix zu heiraten. Helena würde die Macht der Familie in der Zukunft sichern. Eine Woge Hass wallte auf, weil Zakhar nicht bereits die Verpflichtung übernommen und eine Lix geheiratet hatte. Nein, er hatte sich das Recht herausgenommen, sein Herz entscheiden zu lassen. Warum stand ihm nicht die gleiche Entscheidungsfreiheit zu? Hatte Vater vielleicht mal daran gedacht, welche Bürde er seinem Sohn auferlegte? Seine Finger versteiften sich wie von allein und ballten sich einen Atemzug darauf zu Fäusten. »Ich kann Helena nicht heiraten!« Leonardo schleuderte Zakhar die Worte ins Gesicht. Noch nie war ihm eine Aussage schwerer über die Lippen gekommen. Er liebte Vater und er achtete ihn auch. Nicht erst, seit Zakhar ihn als kleinen Jungen an die Hand genommen und in das Leben eines Vampirs eingeführt hatte, bewunderte er ihn. Leonardos Gewissen leckte wie Feuerzungen über sein Innerstes. Schon der Gedanke, Vater seine Schuld zu gestehen, überschwemmte ihn mit Selbsthass.
   »Es gibt, soviel ich weiß, keinen plausiblen Grund, diese Heirat nicht einzugehen.« Zakhars Stimme zitterte, weil er die Worte zornig hervorstieß.
   Leonardo presste die Kiefer zusammen. Er durfte den Grund seiner Verweigerung nicht nennen. Noch nicht! Nicht, bevor er jede kleinste Möglichkeit ausgeschöpft hatte, sein Schicksal zu ändern. Sein Blick fiel auf den Lichtschein, der Zakhar umgab. Nicht zum ersten Mal verfluchte Leonardo seine seltene Begabung, Seelen zu sehen. Die farbigen Muster, die den gebräunten Körper umspielten, waren grau und flackrig geworden. Ein Zeichen, dass Vater mehr litt, als er zugeben wollte. Leonardos Herz zog sich mit einem stechenden Schmerz zusammen.
   Er hatte keine Wahl.
   Der Fluch, der auf ihm lag, ließ sich durch nichts aufheben und doch … Es musste einen Ausweg geben.
   Seine Muskeln spannten sich an, das uralte Erbe der Visconti schoss durch sein Blut. Der Kampfgeist seiner Ahnen lebte auf. Er streckte sich und schüttelte langsam den Kopf.
   Vater sah ihn entsetzt an. »Du weißt, dass deine Weigerung der Familie alle Kraft entziehen wird.«
   Leonardo entfuhr ein tiefer, grollender Urlaut. Alles in ihm wehrte sich gegen die grausame Wahrheit. Er musste hier raus. Einen Weg finden, um das Ganze ungeschehen zu machen.
   Wie ein gefangenes Tier fixierte er die Ausgangstür, aber Zakhar reagierte blitzschnell und verstellte ihm den Weg.
   Schon viele Vampire und andere Gestalten hatten die leidvolle Erfahrung gemacht, dass Vater trotz seiner mangelnden Größe beinahe unschlagbar war. So sehr Leonardo seine Gabe verfluchte, barg sie den Vorteil, dass er am Zustand der Seele erkannte, wann sich Zakhars Wachsamkeit verminderte.
   Bedächtig wich Leonardo einen Schritt zurück. Er verhielt sich ruhig. Er wusste durch jahrelange Übung, dass sich seine Anspannung in keinster Weise in seinem Ausdruck oder seiner Körperhaltung widerspiegelte. Äußerlich gelassen beobachtete er die farbigen Lichtspiele, die Zakhar wie feine Spinnweben umtänzelten.
   »Du wirst nicht einfach davonlaufen, sondern dich deiner Pflicht stellen.« Zakhars Stimme sank zu einem tiefen Knurren herab. Ein menschliches Ohr hätte daraus keinen Satz mehr verstehen können.
   »Nein. Dieses Mal nicht, Vater. Ich werde einen anderen Weg gehen.«
   Ein Flackern. Beim ersten Schwinden der energetischen Muster stürzte Leonardo an Zakhar vorbei und war aus der Tür hinaus, ehe das wütende Schnauben an seine Ohren drang. Das resignierte Gesicht seines Vaters begleitete ihn in Gedanken.
   »Ich werde eine Lösung finden, das schwöre ich.« Vater würde die Aussage noch hören, obwohl sich Leonardo mittlerweile meterweit von der Bibliothek entfernt hatte. Wenn ihm doch nur so zuversichtlich zumute wäre, wie er die Worte ausgestoßen hatte.
   Leonardo hastete drei Häuserzeilen stadteinwärts. Eilig stieg er die Steintreppen hoch und betrat die hohe Halle der St. Patricks Kathedrale, die er seit seiner Kindheit jeden Sonntag besucht hatte.
   Er liebte das halb dunkle Licht, das durch die farbigen Fenster in einem sanften Gelbton leuchtete, ihn beruhigend umhüllte.
   Leise Stimmen murmelten einen rhythmischen Singsang. Hier würde ihn Vater, auch wenn er ihm folgte, in Ruhe lassen. Für die Familie Visconti war die Kirche der Ort, um ihre Seele mit Gott zu vereinen. Dieses Bedürfnis würde Zakhar ohne Kommentar respektieren.
   Der vertraute Duft von Weihrauch empfing Leonardo sonst wie eine Liebkosung, heute erschien er ihm wie blanker Hohn.
   Seine Schuld konnte kein Gebet lindern!
   Seit über fünfhundert Jahren waren die Visconti unschlagbar. Die letzten zweihundert Jahre hatten sie in Amerika den Kunsthandel dominiert und geprägt. Es gab kein Museum, das sie nicht beliefert hatten. Jeder erfolgreiche Künstler bettelte darum, in ihren Galerien auszustellen. Leonardo war immer stolz darauf gewesen, ein Teil dieser alten Familie zu sein.
   Die neugotischen Mauerbögen starrten auf ihn herab, als wollten sie ihn mitsamt seiner Verfehlung zermalmen. Er hatte weit mehr als nur gesündigt. Für ihn gab es keine Buße, die das Unheil je ausgleichen könnte. Er war der erste Verräter in der langen Blutlinie.
   Leonardo bog in einen Seitenflügel. Raues Holz drückte sich gegen seine Knochen, als er auf einem Gebetsbalken auf die Knie fiel.
   Maria schwebte über seinem Kopf auf einem Steinsockel. Ihre schwarzen Augen starrten ihn an, durch ihn hindurch. Ihr Blick ließ Leonardo erbeben.
   Verzweifelt sah er zu Maria auf. Es musste einen Weg geben, den Fluch aufzulösen.
   Iwan, sein Freund, war der Einzige, der das Geheimnis kannte. Er hatte ihm schon damals gesagt, es gäbe eine Lösung.
   Leonardos Erregung nahm zu. Er musste sofort mit Iwan sprechen. Plötzlich gab ihm die Kirche keine Sicherheit mehr, sondern umschloss ihn wie ein Gefängnis. Sein Körper wehrte sich. Mit unerwarteter Wucht explodierten seine Reflexe und die antrainierte Beherrschung fiel von ihm ab wie ein welkes Blatt.
   Leonardo schoss durch den aus glattem Marmor erbauten Innenraum der Kathedrale. Durch eine schmale Holztür stürzte er hinaus auf die Straßen von Manhattan. Er rannte, bog mit einem scharfen Schlenker nach rechts ab und stürmte mit übernatürlicher Geschwindigkeit und unsichtbar für jeden Menschen durch die Nachmittagssonne. Sein reines Blut schützte ihn vor den Strahlen. Die Anspannung seines Körpers trieb ihn immer weiter. Leonardo konzentrierte sich auf seinen Slalom durch die verstopften Straßen. Der Lärm stachelte ihn an.
   Voller Zuversicht überließ er sich dem hoffnungsvollen Gefühl, das seine Ängste zu vertreiben suchte.
   Beißende Abgase hingen wie eine Wolke über der Avenue. Leonardos Lungen füllten sich mit diesem von Menschen produzierten Gift, und so, wie sein Körper gegen den Gestank rebellierte, versuchte Panik, alle Hoffnung zu ersticken.
   Er folgte dem Verkehr, der sich wie Prozessionsraupen durch die Stadt fraß. Am Central Park bog er ab und rannte durch die grüne Lunge von Manhattan, bis er vor sich das zwölfstöckige Gebäude mit den verspiegelten Fenstern sah.

Der edle Eingang des Zehnzimmerpenthouses umrahmte Iwans hohe Gestalt wie ein Bilderrahmen. Das flämisch anmutende Gesicht überzog sich mit einem schiefen Grinsen, als er Leonardo sah. Theatralisch hob er seine schlanken Hände. Sie schwebten für Sekunden in der Luft, sanken hinunter, und gespielte Enttäuschung zeichnete sich in seinen Zügen ab.
   »Ich hatte gehofft, du wärst weiblich, einsfünfundsechzig groß, mit blonden Haaren und genau der Art von Kurven, die ich liebe.«
   Leonardo wich den wippenden Locken seines Freundes aus, schlang zur Begrüßung die Arme um dessen Hals und zog ihn an die Brust. Die Beherrschung, die er auf dem Weg hierher mühsam aufgebaut hatte, brach bei der intimen Berührung zusammen. Seine Hände verkrallten sich in den breiten Schultern.
   »Mein Vater verlangt, dass ich Helena sofort heirate«, stieß er gepresst hervor.
   Iwans Lächeln erlosch. »Du musst ihm endlich die Wahrheit sagen.«
   »Ausgeschlossen!« Seine Stimme klang viel zu hoch. Verbissen versuchte er, mit einem Räuspern die Stimme in ihre tiefe Lage zurückzubringen. »Ich darf nicht aufgeben.«
   Leonardo öffnete die Balkontür. Er konnte kaum atmen. Tief inhalierte er die Abendluft, die dank des nahen Central Parks nach Eichen duftete.
   »Ja, verdammt! Du hast recht.« Iwan wich zwei Schritte zurück und ließ sich auf einen Stuhl fallen, der unter der heftigen Bewegung ächzte.
   Leonardo warf ihm einen dankbaren Blick zu. Wieder einmal verstanden sie sich ohne viele Worte. Er konnte sich glücklich schätzen. Wie der wetterfeste Knoten eines Schiffstaus hatte sich ihre Freundschaft über Jahre hinweg ineinander verflochten. Er richtete sich auf und pumpte Luft in seine Lungen. »Daphnes Tod hat den Fluch ausgelöst, darum kann ich keine Lix mehr heiraten. Nur mit ihrer Hilfe haben wir Zugang zum Zwischenbereich und können uns mit unseren Seelen verbinden.« Er schluckte und sah seine Familie vor sich. »Die Viscontis werden ihre Kraft verlieren und als gefallene Kreaturen in der Kanalisation dahinvegetieren.« Erschöpft ließ er sich neben Iwan auf einen zierlichen Louis XV. Stuhl fallen und starrte die kristallene Wasserkaraffe an, die auf einem antiken Tisch stand. Er unterdrückte seinen Durst und stellte die Frage, die ihm brennend auf der Zunge lag. »Als ich dir damals erzählte, was vorgefallen war, hast du gesagt, es gäbe einen Ausweg. Welchen?«
   Iwans Züge blieben verschlossen, als er aufsprang und ziellos durch den Raum ging. Er glich einem aztekischen Gott, als er vor Leonardo stoppte. Wie ein Orakel durchschnitt seine Stimme die Stille. »Schwarze Magie. Onkel Alabert benutzt sie, um Flüche abzuwehren.«
   »Schwarze Magie?« Die Worte gruben sich wie Messerstiche in Leonardos Magen. »Ist das meine letzte Hoffnung?«
   Iwan nickte mit wässrigen Augen.
   »Es ist eine Sünde, seine Seele an die Schwarze Magie zu verkaufen«, flüsterte er mit einem Kratzen im Hals.
   Iwan schlug mit den Fingern ein Kreuz in die Luft und sah Leonardo mutlos an. »Die Schwarze Magie würde unsere Freundschaft für immer zerstören. Du kennst die strengen Gesetze. Jeglicher Kontakt mit gläubigen Vampiren wäre dir untersagt.«
   Leonardo erhob sich mit einer heftigen Bewegung. »Aber ich könnte meine Familie retten und …«
   Der grelle Klingelton verschluckte den Rest seiner Worte.
   Iwan hechtete am Tisch vorbei zur Tür. Leonardo starrte seinem Freund nach. So hatte er ihn noch nie gesehen. Er zitterte vor Aufregung und seine Seele glühte in einem Farbenspiel, das Leonardo so noch nie erlebt hatte. Er wusste instinktiv, dass dieses intensive Phänomen nur bei einer Erleuchtung oder bei einer einzigartigen Liebe vorkam.
   Leonardo witterte es durch die Tür. Ein Mensch. Er verschwand auf dem Balkon, bevor die Frau den Raum betrat, zu aufgewühlt, um einer von Iwans vielen Bekanntschaften zu begegnen. Hibiskus und Rotahorn, die den Dachgarten dominierten, schimmerten rötlich in der untergehenden Sonne. Der Kies unter seinen Fersen knirschte mit dem fernen Brausen der Autos um die Wette. Leonardo ließ sich auf einen Holzstuhl fallen, wehrte sich gegen den betörenden Geruch von Zitronenmelisse. Der Duft kroch in seine Glieder, machte sie schwer und willenlos. Er durfte sich nicht entspannen.
   Iwans Vorschlag hing wie eine dunkle Verführung über ihm. Seine Gedanken drehten sich im Kreis und ganz langsam ließ seine Abwehr nach. Unaufhaltsam erlag er der Versuchung, die Schwarze Magie als rettenden Engel anzusehen. Iwans Worte hallten in seinen Ohren und lullten ihn ein.
   Die Schwarze Magie kann Flüche abwehren.
   Ein heller Strahl stach ihm in die Augen. Er blinzelte erschrocken. Die Sonne versank wie ein Feuerball hinter den Wolkenkratzern von New York. Leonardo sprang auf. Was war nur mit ihm los? Niemals würde er sich an die Schwarze Magie verkaufen. Er musste mit Neele sprechen. Sie war der Schlüssel, warum hatte er nicht früher daran gedacht? Die Lix hatten Verbindungen zur Weißen Magie.
   Mit einem Satz sprang er auf die Brüstung und schnellte sofort zurück. Es war Abend, er konnte nicht hinunterspringen, ohne die Menschen in Panik zu versetzen. Er stürmte durch die Balkontür hinein und erstarrte.
   Iwan saß auf dem grauen Sofa und seine Arme hielten wie Tentakel eine blonde Frau umschlungen. Sie lächelte selig und drückte ihren Hals an Iwans Mund.
   »Stopp sofort diesen Unsinn«, fauchte Leonardo.
   Iwan sah erschrocken auf. »Ich kann ihrem Blut nicht widerstehen.«
   Leonardo stürzte sich auf Iwan. Die Frau sprang mit einer für Menschen blitzschnellen Bewegung auf. Erstaunt sah Leonardo sie an, dann packte er Iwan. Er musste die grausame Wahrheit notfalls in ihn hineinprügeln, damit sie in seinem imposanten Kopf endlich verankert blieb. Er sprach so leise, dass die Frau es nicht hören konnte.
   »Wenn sie herausfindet, was du bist, musst du sie in einen normalen Vampir verwandeln lassen. Du weißt genau, dass es für uns Königsvampire nichts Abstoßenderes gibt als diese grässlichen Kreaturen, die sich ausschließlich von Menschenblut ernähren.« Iwan ließ sich wortlos schütteln. Er sah Leonardo voller Verzweiflung an.
   »Ich habe noch nie derart heftig für eine Frau empfunden«, wisperte er. »Ihr Duft lässt mich alles vergessen. Sie löst einen Durst aus, den ich nicht kontrollieren kann. Bitte hilf mir, damit ich sie treffen kann, ohne ihr etwas anzutun.«
   »Ich gehe mal lieber, ich habe noch eine Vorstellung.« Die junge Frau stand eingeschüchtert neben ihnen und hielt ihre große Tasche wie einen Schild vor ihren Bauch. »Kommst du zuschauen?«, fragte sie leise.
   Ihrem Blick sah Leonardo an, dass sie sich trotz der Furcht, die sein ungestümes Verhalten ihr einjagen musste, nicht vom Fleck lösen konnte. Offensichtlich hegte sie tief gehende Gefühle für seinen Freund.
   Iwan wand sich aus Leonardos Armen und nickte. Sanft legte er einen Arm um die Frau und führte sie zur Tür.
   »Wir kommen beide zu Ihrer Aufführung«, rief Leonardo ihnen schnell hinterher. Die Frau drehte sich zu ihm und nickte. Kaum hörte er die Tür ins Schloss fallen, stürmte Iwan zurück und stürzte sich auf Leonardo.
   »Du willst sie betören, du hast es auf sie abgesehen!« Er drückte ihm die Gurgel zusammen.
   »Spinnst du? Ich will dir nur helfen. Ich weiß, dass du das nicht allein schaffst«, presste Leonardo hervor.
   Iwan starrte entsetzt auf seine Hände, die Leonardos Hals zusammendrückten. Er zuckte zurück. »Entschuldigung, ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Seit ich Angelina kenne, bin ich nicht mehr ich selbst.« Er ging zur Bar und goss sich einen Whiskey ein. »Jede Faser meines Daseins sehnt sich nach dieser Menschenfrau. Unsere Blutvereinigung ist so intensiv, dass es für mich unmöglich ist, nicht von ihr zu trinken.« Wie zur Bestätigung seines Durstes kippte er das halb volle Glas in einem Zug hinunter. Er schüttelte sich und wischte mit dem Handrücken über seine Lippen. »Sie liebt es, wenn ich von ihr trinke, findet das echt abgefahren.« Iwan erhob seine Arme gegen die Decke. »Angelina.« Er rief ekstatisch ihren Namen und drehte sich im Kreis. Dann stoppte er vor Leonardo. »Wir müssen los, ich werde unruhig, wenn ich nicht in ihrer Nähe bin.« Er boxte ihn gegen die Schulter und marschierte Richtung Tür.
   »Zum Glück sind diese Schwärmereien meistens nur sehr kurzfristig.« Sekundenschnell entschied Leonardo sich, seinem Freund zu helfen und ihn gleichzeitig zu bewachen. Der Ausflug ins Theater zögerte den Besuch bei Neele hinaus und verschaffte ihm eine Galgenfrist. Er folgte Iwan zum Ausgang.
   Sie überquerten die Straße. Der Verkehr rauschte wie jeden Abend um sieben als unaufhaltsamer Fluss durch die Avenue. Sie schlüpften zwischen den Blechkästen hindurch und bogen in den Central Park. Die Dämmerung legte sich mit einem silbernen Hauch über die grünen Blätter. Leonardo prägte sich die Farbe ein. Oft schon hatte er versucht, dieses unfassbare, magische Licht auf die Leinwand zu bringen. Aber kein Versuch hatte ihn bis jetzt zufriedengestellt. Iwan stürmte voraus, ohne das Naturspiel eines Blickes zu würdigen. Er musste ihn zurückhalten und warnen, bevor er sich vollkommen verlor. »Iwan.« Er rief in einer Tonlage, die nur sein Freund hörte. »Du bist besessen von dieser Frau. Sie ist nur ein Mensch und sie will dich, weil du ein berühmter Opernsänger bist.«
   »Das stimmt nicht.« Iwan war stehen geblieben und maß ihn empört. »Sie liebt mich. Sie ist vom Glanz der Theaterwelt unbeeindruckt. Sie arbeitet selbst dort, schon vergessen?«
   Leonardo wollte antworten, entschied sich aber dagegen. Verärgert drehte er Iwan den Rücken zu. Da sah er sie. Ein Blitzschlag jagte durch ihn hindurch, setzte seinen Körper in Flammen. Die junge Frau war auf das Gras ausgewichen, um an ihm vorbeizulaufen. Eine Erscheinung aus gleißendem Licht. Das Muster ihrer Seele flimmerte in einem wechselnden Farbenspiel. Wie eine zauberhafte Melodie drehten sich die Auren um ihren grazilen Körper. Die braunen halblangen Haare wehten luftig in der Abendbrise.
   Für einen Moment lag der Blick ihrer turmalinschwarzen Augen auf ihm. Er taumelte und versuchte, den Kontakt hinauszuzögern. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen, süße Schauder jagten durch seinen Körper. Er hielt den Atem an. Wünschte sich, Teil ihrer Seele zu sein, um unendlich um sie herum zu kreisen. Ein zersplitternder Schmerz überkam ihn, als sie weiterhastete.
   Er folgte ihr, ohne nachzudenken. Sie ging mit großen, kraftvollen Schritten. Er musste herausfinden, wo sie so schnell hineilte. Ein Auto überholte ihn hupend. Leonardo fluchte. Warum mussten Menschen ihre Gegenwart immer durch Lärm bemerkbar machen? Der Wagen stoppte neben der jungen Frau, die Tür wurde aufgerissen.
   »Danke, dass du mich mitnimmst, ich bin spät dran.« Ihre Stimme klang dunkel, ein melodischer, singender Tonfall. Ihr Timbre lockte wie eine verheißungsvolle Einladung. Er näherte sich dem Wagen. Wie konnte er sie zurückhalten, ohne sie zu erschrecken?
   Sie lachte und küsste den Mann vertraut auf die Wange, als sie einstieg. Der Wagen dröhnte hochtourig und schoss davon.
   »Leonardo!« Iwan kam angeschossen. »Habe ich was verpasst?«
   Leonardo starrte hinter dem Auto her. Er schüttelte den Kopf. »Nein. Lass uns ins Theater gehen.«

Falko betrat sein Penthouse und augenblicklich fiel die Anspannung von ihm ab. Der hohe Eingang mit den Büsten und Skulpturen spiegelte die Eleganz wider, die er liebte und in der er sich am besten von seiner Arbeit entspannen konnte.
   Alexa kam aus der Küche. »Du bist sicher durstig?«
   Er roch das Blut der Eingeweihten und konnte sich nicht beherrschen. »Komm her, mein Durst kennt keine Grenzen.«
   Alexa lächelte. »Ich helfe dir gern, das weißt du.«
   Er knurrte, seine Fangzähne verlängerten sich, bis sie über seine Lippen hinausragten.
   Die Dhampyrin trat auf ihn zu. Die Hitze, die sie ausstrahlte, verstärkte seinen Durst, den er seit zwei Tagen vernachlässigt hatte. Sobald sie vor ihm stand, bog sie ihren Kopf nach hinten. Er legte seine Arme um sie und zog sie an sich. Mit seinen Lippen glitt er über ihren Hals. Ein zartes Vibrieren zeigte, wo das Blut durch die Ader floss. Seine Gier, die ihn den ganzen Tag begleitet hatte, ließ sich nicht zurückhalten. Wie ein Skalpell stachen seine Fangzähne in ihre Haut. Sofort strömte das warme Blut in seinen Mund. Falko liebte den Rausch, den die dunkle Flüssigkeit auslöste, wenn sie den Rachen hinunterfloss und seinen Körper erwärmte. Er trank, ohne anzuhalten. Überließ sich Alexas Blut, das nach wilden Kirschen roch, und ihn an das einzige Vergnügen seiner Kindheit erinnerte. Alexa taumelte leicht in seinen Armen. Er wusste, dass er zu hastig und zu viel von der Dhampyrin trank, aber er konnte nicht aufhören. Seine Gier trieb ihn unaufhaltsam weiter, bis er spürte, dass ihre Beine einsackten. Er stützte sie. Behutsam zog er seine Zähne zurück und versiegelte mit seinem Speichel die Bisswunde. »Danke Alexa.« Er leckte sich über seine Lippen. »Ich habe zu lange nicht getrunken.«
   Alexa schwankte wie eine Betrunkene und stützte sich an der Wand ab. »Du warst seit zwei Tagen nicht mehr da.«
   »Ich konnte nicht anders. Wir hatten einen Patienten mit einem gerissenen Magenaneurysma.«
   »Du kämpfst um jedes Menschenleben«, sagte Alexa und richtete sich auf. Sie ließ die Wand los und und warf ihm einen bewundernden Blick zu.
   »Ihr Leben ist so zerbrechlich, ich habe den Kampf heute Nacht verloren.« Falko sah sich hasserfüllt in dem großen Spiegel an, der die Eingangshalle seiner Residenz schmückte. Die blonden Haare umrahmten sein breites, makelloses Gesicht, das keine Ermüdungserscheinung zeigte. Die grünen Augen starrten ihn feindselig an. Er hatte versagt. Die Patientin hatte das Aneurysma nicht überlebt. Er hatte gekämpft und bis zuletzt gehofft, dass er ein Wunder bewirken könnte.
   »Ich erwarte von mir selbst, dass ich unfehlbar bin.« Falko blieb neben einer Büste der Göttin Athena stehen. »Wie schön wäre es, göttliche Kraft zu besitzen.« Er strich der Büste über den Kopf.
   »Das darfst du dir nicht wünschen.« Alexa flüsterte.
   Falko drehte sich zu ihr. »Du hast recht. Trotzdem wünschte ich mir, über den Kreislauf des Lebens bestimmen zu können.« Er betrat das Wohnzimmer und setzte sich in den ledernen Sessel vor dem Plasmafernseher. »Ich fühle mich leer, ich werde mich jetzt berieseln und den Stress hinter mir lassen.«
   Alexa grinste. »Ich weiß, dass du dich nach kurzer Zeit mit deinen Büchern zurückziehen wirst. Das Fernsehen hat dich noch nie lange fesseln können.«
   »Wir werden sehen.« Falko spürte die Sättigung, die das Blut in seinem Körper hervorrief. Er überlegte, sich einen Whiskey zu holen, entschied sich aber dagegen. Der Geschmack des Blutes lag verführerisch auf seiner Zunge.
   Alexa ging in die Küche. Falko sah ihr nach. Vor drei Jahren hatte er ihr Herz operiert und erfahren, dass sie eine Stelle bei einem Vampir suchte. Er hatte sich spontan entschieden und sie hatte ihn nicht enttäuscht. Sie spürte, wenn er sich durstig fühlte, ansonsten hielt sie sich im Hintergrund. Er schaltete den Fernseher an. Eine blonde Moderatorin, die in einem Studio saß, lächelte vom Bildschirm. Er wollte schon weiterzappen, als eine Frau durch die Studiotür erschien. Sie begrüßte die Moderatorin und setzte sich mit grazilen Bewegungen auf den leeren Platz. Falkos Blick folgte ihr gebannt. Die Moderatorin stellte Fragen und die Frau antwortete lächelnd. Mit ihren dunklen Augen sah sie direkt in die Kamera. Falko erzitterte. Er musste ihren Namen herausfinden, aber offensichtlich hatte die Moderatorin ihn erwähnt, bevor er zugeschaltet hatte. Er starrte auf den Bildschirm. Er hatte das Gefühl, der Blick der jungen Frau galt nur ihm allein. Sie sah ihn direkt an, suchte ihn, obwohl sie nicht wissen konnte, wer er war. Er sprang auf und trat vor den Bildschirm. Er wollte sie berühren, das Verlangen wiederfinden, auf das er so lange verzichtet hatte und das ihm niemand anderes geben konnte. Falko verschlang sie mit seinem Blick. Die Frau beantwortete Fragen über ihr Berufsleben. Ihre Hände unterstrichen ihre Worte. Falko horchte atemlos zu. Sie sprach nur zu ihm, damit er alles über sie erfahren konnte. Die Moderatorin stellte eine Frage, die sie nur zögerlich beantwortete. Falko trat einen Schritt zurück. Seine Hände schlossen sich zu Fäusten. Sie musste weitersprechen, durfte ihm nichts aus ihrem Leben verheimlichen. Er hasste die Moderatorin, denn sie hatte das große Glück, ihr nahe zu sein, ihren Körper neben sich zu fühlen und mit ihr zu sprechen. Falko atmete tief ein. Er konnte nach der langen Zeit nicht glauben, dass sein Flehen erhört wurde und er sie endlich wiedergefunden hatte. Die Frau verabschiedete sich von der Moderatorin und verschwand vom Bildschirm. Falko nahm die Fernbedienung, stellte den Fernseher ab und ging durch den hohen Raum. Neben dem Sofa, das vor dem Kamin stand, stoppte er. Er hatte die Macht der Verbindung unterschätzt. Er stöhnte auf vor Begierde und stützte sich an den hervorstehenden Ziegelsteinen ab. Sein bezwungen geglaubtes Verlangen loderte auf. Er hob seinen Kopf zur Decke. »Satan, erbarme dich mein in meiner tiefen Not. Du, der auch die Todesnacht zur Liebsten und zur Herrin wählst. Mit ihr die Hoffnung zeugst, die wunderschöne Närrin.« Mit immer höherer Intensität wiederholte er die Worte. Schweißperlen tropften ihm von der Stirn. Völlig durchnässt und zitternd beendete er seine Beschwörung mit dem Satansgruß. Er ließ sich schwerfällig auf das Sofa fallen, riss sich zusammen und drückte sein Kreuz durch. Sein unkontrollierbares Begehren durfte ihn nicht von seinem Plan abbringen.

Kapitel 2
Gefahr

»Toi, toi, toi für deinen großen Abend.« Johannes, der junge Pförtner, steckte den hellblonden Kopf durch das Fenster seiner Überwachungskabine und lächelte vielsagend.
   Aiyana durchfuhr ein kalter Schauder. Heute Abend tanzte sie das erste Mal als Solistin. Ihre Füße verwandelten sich vor Aufregung in Betonklötze, ihre olivgrüne Tweedjacke fühlte sich schwer an, als wollte sie sie zu Boden zerren. Sie erwiderte das Lächeln des Pförtners, doch ihre Gesichtsmuskeln fühlten sich an wie zähes Kaugummi.
   Mit schweren Schritten kämpfte sich Aiyana zum Lift des Theaters. Der mächtige Bau wirkte von außen wie ein Triumphbogen aus Glas und Stein. Das American Ballett Theater war hier zu Hause und jeder junge Tänzer von Amerika träumte davon, ein Mitglied dieser Truppe zu sein. Ihr Traum hatte sich vor einem Jahr erfüllt, und noch immer konnte sie ihr Glück kaum fassen. Mit klopfendem Herzen betrat sie den Aufzug. Heute Abend würde sie als Giselle auf der Bühne stehen, vor Tausenden von Augenpaaren.
   Im fünften Stock riss Conchitta die Glastür auf. Mit spanischem Temperament zog die Garderobiere Aiyana aus der Aufzugskabine. »Du bist spät! Gott, steh uns bei. Zum Glück habe ich deine Kostüme schon vorbereitet.«
   Aiyana schüttelte nur den Kopf. Sie war mehr als zeitig da. Als wenn sie bei ihrem ersten Soloeinsatz zu spät kommen würde …
   Sie folgte Conchitta in die Garderobe. Ein großer Strauß roter Rosen stand neben dem Spiegel, der beinahe die ganze Wand ausfüllte. Neugierig öffnete Aiyana die Karte.
   Ein großes Toi, toi, toi für die schönste Giselle, die ich je gesehen habe, wünscht dir Viorel.
   Die Worte verschwammen vor ihren Augen. Die Prophezeiung ihrer geliebten Ballettlehrerin zu Hause in North Carolina hatte sich erfüllt. Sie war erste Solistin, obwohl ihre Mitschülerinnen sie oft, wenn Mrs. Miller es nicht sah, als unbegabte, schmutzige Indianerin beschimpft hatten.
   »Wow!« Conchitta kam näher und betrachtete ehrfürchtig die roten Rosen. Über ihr hellbraunes Gesicht, das fast den gleichen Farbton hatte wie Aiyanas, glitt ein wissendes Lächeln. »Sind die von Viorel?« Sie beugte sich über den Strauß und sog den Duft ein. »Du bist seine heimliche Liebe.« Verschwörerisch hob sie eine Hand in die Luft. »Von mir erfährt niemand was, versprochen.«
   Sie strich mit ihren Fingern über das weiße Kostüm aus dem zweiten Akt, bevor sie es vom Hänger nahm. »Die Schneiderei hat den Reißverschluss erneuert, der gestern gerissen ist. Wir müssen sehen, ob es dir passt«
   Aiyana stieg behutsam in den Traum aus weißem Tüll.
   »Entschuldigung, aber ich bin überwältigt.« Conchitta bewunderte sie mit feuchten Augen. Sie wischte energisch die Tränen weg und stellte sich hinter Aiyana. Mit geübtem Griff prüfte sie den Verschluss. »Das sind die magischen Momente im Theater, wenn die Darstellerin perfekt in ihre Rolle passt.« Sie nahm Aiyana das Kleid ab und hängte es an seinen Platz. »Darum arbeite ich so gern hier. Aber ich lasse dich jetzt lieber allein, damit du dich konzentrieren kannst.« Sie spuckte Aiyana ihr »toi, toi, toi« über die Schulter, schob ihren rundlichen Körper Richtung Ausgang und verließ den Raum.
   Aiyana betrachtete die geschlossene Tür. Conchitta hatte ihr Mut gemacht. Voller Elan nahm sie die Karte, die neben den Rosen lag, und küsste sie dreimal. Aberglaube war etwas für Angsthasen, aber heute Abend brauchte sie jede Hilfe, die sie bekommen konnte. Sie berührte die Blumen und dachte an Viorel. Die Proben hatten sie zusammengeschweißt. Er hatte sich wie eine Raupe von einem verschlossenen Mitarbeiter in einen liebevollen Kollegen verwandelt.
   Sie lächelte, sie gönnte ihm sein Glück. Eines Abends saßen sie vor dem Theater unter dem Sternenhimmel, als es plötzlich aus Viorel herausbrach. Er hatte die Nacht davor mit Olli seine Homosexualität entdeckt. Das hatte sein Leben umgekrempelt und seine Gefühle wie einen gestauten Bach aus seinem Korsett befreit.
   Wenn Viorel von der Liebe sprach, klang es ehrfurchtsvoll, als hätte er ein Wunder erlebt.
   Aiyana betrachtete trotzig ihr Spiegelbild. Ihre große Liebe war der Tanz. Sie vermisste nichts. Der linke Mundwinkel zitterte leicht, ein Zeichen, dass sie log. Sie schnitt eine Grimasse. »Fast nichts.« Eine Durchsage aus dem Lautsprecher riss sie aus ihren Gedanken. »Eine Stunde bis Vorstellungsbeginn.«
   Sie setzte sich auf den Stuhl, nahm energisch den Schwamm und verteilte die dicke Camouflage auf ihrem Gesicht, als die Tür krachend aufflog. Ella betrat die Garderobe und sah sich um. »Eines Tages das mir gehören.« Sie stieß die Wörter im Staccato hervor. Ihre Stimme klang eine Oktave zu tief. Die kalten blauen Augen fixierten Aiyana wie ein Tsunami, der unbarmherzig auf sein Opfer zurollt.
   Die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Ella war unberechenbar. In ihrer mexikanischen Seele hatte sich der Hass seit Jahren gegen jeden verfestigt, der bessere Rollen tanzte als sie. Aiyana versuchte, den eisigen Augen auszuweichen. Sie tanzte heute Abend Solo, nicht Ella, obwohl diese seit fünf Jahren hier arbeitete und Aiyana erst seit einem. In Ellas Augen eine Ungerechtigkeit, die keine Entschuldigung mildern konnte.
   Ella starrte das weiße Kostüm des zweiten Akts an, stürzte sich darauf und zerrte es grob von der Stange. »Das sein für mich eigentlich. Ich sein perfekte Giselle.« Sie drückte das Kleid an ihren Körper und blickte Aiyana auffordernd an.
   Die Taille des weißen Tülls war viel zu schmal für Ellas kräftigen Körper. Aiyana schnellte empor, riss ihr das Kleid aus der Hand und stieß sie Richtung Tür. »Raus!«
   Ella wich erschrocken zurück. »Du wirst bereuen das.« Sie zog die Tür krachend hinter sich zu.
   Aiyana hängte das Kleid zurück und nagte an ihrer Lippe. Die Drohung schwebte in der Luft, kroch eisig über ihren Rücken. War sie zu grob gewesen? Im Grunde tat Ella ihr leid, doch sie konnte nicht zulassen, dass sie in ihrer Eifersucht das Kostüm ruinierte. Ella kämpfte wie ein Gladiator für ihre Rollen, sie würde auch vor Intrigen nicht zurückschrecken. Aiyana setzte sich wieder und bürstete energisch ihr halblanges Haar. Juri hatte sie als Solistin ausgewählt, er würde über sie wachen. Im American Ballett Theater herrschte der russische Choreograf als unbesiegbarer Monarch. Es gab niemanden, der sich seinen Befehlen widersetzte. Juri wurde von der Ballettwelt vergöttert und es kam einem Ritterschlag gleich, in seinen Olymp aufgenommen zu werden.
   Aiyana steckte ihre Haare hoch und zog das blau-weiße Kleid für den ersten Akt an. Der Stoff fühlte sich weich und glatt an und schwebte bei jeder Bewegung anmutig um sie herum. Sie drehte sich und blickte in den Spiegel. Giselle, das Bauernmädchen, lächelte ihr entgegen.
   Die Nervosität kroch unaufhaltsam durch ihren Körper. Mit zittrigen Fingern befestigte sie die Bänder ihrer Spitzenschuhe. Sie atmete tief ein und dachte an Juris’ Worte.
   Ich habe dich gnadenlos gedrillt und dich auf diesen Moment vorbereitet, du schaffst das.
   »Solisten zur Bühne!«, klang es durch den Lautsprecher.
   Sie zuckte zusammen. Wie oft hatte sie diese Worte in der gemeinsamen Garderobe mit den anderen Mädchen gehört und sich vorgestellt, wie es sich anfühlen musste, so aufgerufen zu werden. Heute galt es ihr. Vorfreude durchfuhr sie wie ein Feuerwerk, als sie die Garderobentür öffnete und auf den Korridor stürzte.
   Viorel sprang zur Seite und sah sie bewundernd an. »Unsere wunderschöne Giselle sorgt schon hinter der Bühne für Überraschungen.« Er hastete den Korridor entlang. Mit zitternden Beinen folgte sie ihm.
   Das Halbdunkel hinter der Bühne beruhigte sie. Das murmelnde Stimmengewirr der Zuschauer wurde immer leiser und mit dem ersten Ton der Ouvertüre verstummte es.
   Aiyanas Körper verwandelte sich in ein Instrument, das nur darauf wartete, gespielt zu werden. Ihr Atem verband sich mit dem Rhythmus der Klänge, als sie in das gleißende Licht trat.
   Giselle, das Bauernmädchen, übernahm die Führung ihres Körpers. Die bedingungslose Liebe zum Prinzen ließ sie vor Leidenschaft vibrieren, mühelos bewältigte sie die schwierigen Sprünge. Wie ein Meteorit drohte ihr Körper zu verglühen, als Viorels Hände sie emporhoben. Sanft stellte er sie auf ihre Spitzenschuhe zurück. Seine Muskeln strafften sich kraftvoll, als er die Bühne mit großen Sprüngen überquerte.
   Das Orchester wechselte zu einer sanften Melodie. Aiyana spannte sich wie ein Pfeilbogen und hob ihr Bein senkrecht in die Luft. Ohne nachzudenken, atmete sie kurz ein und bereitete ihren Körper für die Rotation nach hinten vor. Sie konzentrierte sich auf ihren Fuß, sah aus den Augenwinkeln einen dunklen Schatten. Ein harter Schlag traf ihren Rücken. Ihr Schrei hallte in ihren Ohren, während sie zu Boden stürzte.

Leonardo knurrte, als er neben Iwan aus dem sanften Dämmerlicht in die helle Eingangshalle des David Koch Theaters trat. Ein Smoking wäre das passende Kleidungsstück für diesen Anlass gewesen. Zum Glück hatte er heute Morgen seinen schwarzen Armani-Anzug ausgesucht, ein halbwegs passabler Ersatz.
   Tausend Halogen-Spots bestrahlten die High Society von Manhattan, die mit Champagner auf das Ballettereignis der Herbstsaison anstieß. Die edlen Roben bestanden zum Teil nur aus schmalen Stofffetzen. Auf der großzügig zur Schau gestellten nackten Haut glänzten beinahe monströse Diamanten und funkelten mit Rubinen um die Wette.
   Leonardo versuchte, das Stimmengewirr auszuschalten. Seine Gedanken kreisten um die Frau mit der filigranen Seele. Warum hatte er das Auto nicht angehalten, bevor es weiterfuhr? Er hatte keine Anhaltspunkte, wie sie hieß und wo er sie finden konnte. Er wollte die Frau kennenlernen. Wie musste es sich anfühlen, von diesen Lippen geküsst zu werden? Er zeichnete in Gedanken den sanften Halbbogen nach und spürte, wie Schauder seinen Körper durchströmten. Er überließ sich dem Gefühl, obwohl er sich seit dem Tod von Daphne geschworen hatte, den Frauen fernzubleiben.
   Iwan stürmte voraus in den Theatersaal. Leonardo folgte ihm wie eine Marionette. Der Prunk des hohen Raumes hatte ihm während der häufigen Besuche mit seiner Mutter immer gefallen. Heute widmete er der weinroten Tapete und den von Lichtern gesäumten Balustraden keinen Blick und plumpste in der vordersten Reihe auf seinen Stuhl. Iwan hopste wie ein Teenager neben ihm auf und ab. »Angelina hat einen Soloauftritt im zweiten Akt.« Seine Augen klebten auf dem glänzenden Programm, das er mit spitzen Fingern wie ein kostbares Edelmagazin festhielt.
   »Diesmal hat deine Flamme sogar einen Namen?« Leonardo schüttelte den Kopf. »Du bist mein bester Freund und ich schätze dich sehr, aber im Moment benimmst du dich wie ein liebeskranker Trottel.« Er beugte sich nach vorn über die Brüstung, um Iwans Nervosität zu entkommen und betrachtete die Musiker.
   Die Dissonanzen beim Stimmen der Instrumente tönten vertraut. Er spielte selbst Geige, hatte sich aber dagegen entschieden, sein Leben in einem Orchestergraben zu verbringen.
   »Ich habe sie noch nie tanzen sehen.« Iwans Stimme klang rau vor Aufregung.
   Leonardo gab keine Antwort. Seine Gedanken kreisten ununterbrochen um die Frau mit der schönen Seele. »Ich muss sie wiederfinden«, flüsterte er, als das Licht ausging und die Ouvertüre erklang.
   Der Vorhang ging auf und ein Bauernbursche sprang über die Bühne, gefolgt von einem Schwarm junger Frauen mit kunstvoll hochgesteckten Haaren.
   »Da ist sie.« Iwan sprach viel zu laut, was ihm von seinem Nachbarn sofort eine ärgerliche Rüge einbrachte. Die Bauernmädchen überquerten auf ihren Spitzenschuhen mühelos die Bühne.
   »Angelina ist die Beste.« Iwan flüsterte und seine Stimme klang, als ob er eine seltene Erscheinung miterlebte.
   Die Musik wechselte und die Tänzerinnen verteilten sich nach hinten, als die Solistin herauskam.
   Leonardo erstarrte. Die Frau aus dem Park tanzte als Bauernmädchen ein paar Meter vor ihm über die Bühne. Ihre Seele formte einen Reigen, der sich perfekt der Musik anpasste. Wie feinste Laserstrahlen umspielte der Lichthauch die grazile Gestalt.
   »Das ist sie.« Leonardo sprang auf. Sie zog ihn magisch an.
   Iwan knurrte grollend und packte Leonardos Arm wie einen Schraubstock. »Angelina gehört mir.«
   Leonardo spürte dankbar den Schmerz in seinem Arm und setzte sich. Er träumte nicht. Blitzschnell riss er Iwan das Programm aus der Hand. Er musste ihren Namen erfahren. »Aiyana«, murmelte er. Er spürte den fremdartigen Klang, der sich über seinen Körper verteilte, und verfolgte jede ihrer Bewegungen.
   »Angelina! Sie heißt Angelina, und sie liebt mich.« Iwan beugte sich zu Leonardo und seine Worte fegten wie ein Gewitter über Leonardo hinweg.
   »Ich spreche von Aiyana. Sie ist die Frau vom Park.«
   Iwan sah die Solistin an und zuckte mit den Schultern. »Könntest du bitte aufhören, in Rätseln zu sprechen?«
   »Ich erkläre es dir später.« Leonardo starrte bewegungslos auf die Bühne.
   Die Musik wechselte. Aiyana hob ein Bein senkrecht in die Luft und blieb wie eine Statue sekundenlang stehen. Ein Gegenstand schoss in Aiyanas Richtung. Leonardo schnellte hoch. Sein Sprung über den Orchestergraben verwandelte ihn für das Publikum in einen unsichtbaren Schatten. Seine Hand umschloss das Metallgewicht, das Aiyanas Rücken streifte, bevor Leonardo es wegreißen konnte. Sie sackte mit einem Schrei in seinen Armen zusammen. Er drückte sie beschützend an sich.
   Ihr Duft nach Akazienhonig traf ihn mit solcher Heftigkeit, dass er taumelte. Sie berührte seinen Bauch, Flammen der Begierde durchschossen ihn. Seine Fangzähne schoben sich hervor. Eine Hand drückte auf seine Schulter. »Beherrsche dich!« Iwans Stimme zischte wie eine Schlange. »Du hast uns genug Schlamassel eingebrockt. Kein Mensch kann ein Metallgewicht auffangen.«
   Der weinrote Vorhang schloss sich, wie von Geisterhand geführt und dämpfte den Lärm des Publikums, das aufgestanden war und wild durcheinander schrie.
   »Wie willst du deine Heldentat erklären? Weißt du eigentlich, was du angerichtet hast?«
   Ein kräftiger Mann mit einem Telefon in der Hand kam über die Bühne auf sie zu. »Es könnte eine Rückenverletzung sein, sie darf nicht abgelegt werden.«
   Leonardo nickte und drückte Aiyana an sich.
   »Der Theaterarzt ist krank, aber der Notarzt ist auf dem Weg.« Der kräftige Mann, der neben sie getreten war, drehte sich zu den Tänzern, die verloren dastanden und Aiyana entsetzt ansahen. Einige schluchzten unbeherrscht. »Macht Platz, die Ambulanz wird gleich kommen.«
   Leonardo bebte vor unterdrückter Anspannung. Er wusste, dass sich die Rettungswagen der Menschen mit der Geschwindigkeit einer Schnecke durch die Straßen von Manhattan bewegten. Er beobachtete Aiyana. Sie war immer noch ohnmächtig und ihre Seele flackerte. Er fühlte sich hilflos. Folgte jedem Atemzug. Sie erschien ihm verletzlich wie eine Kerzenflamme, die mit dem feinsten Luftzug erlöschen würde. Unterdrücktes Grollen entrang sich seiner Brust. Er würde nicht zulassen, dass sie starb. Er flüsterte ununterbrochen ihren Namen. Ihre Seele reagierte mit einem zarten Aufflammen. Er klammerte sich an diesen Hoffnungsschimmer und wiederholte ihren Namen wie ein Mantra.
   Ein Mann und zwei Frauen kamen mit einer gelbschwarzen Trage auf die Bühne. Der weiß gekleidete Mann stoppte vor Leonardo. »Bleiben Sie so!« Sein Befehlston vermittelte Überlegenheit. Er befühlte Aiyanas Rücken, bewegte ihn sanft in verschiedene Richtungen, blickte kurz auf. »Stabile Seitenlage, die Ohnmacht scheint anzuhalten«.
   Die zwei Helferinnen schoben die Trage unter Aiyana. Der Notarzt legte Aiyana darauf.
   Mit leeren Armen stand Leonardo da, fühlte sich, als hätte der Mann einen Teil von ihm abgetrennt. Er hasste ihn dafür, gleichzeitig dankte er ihm stumm, dass er sich um Aiyana kümmerte.
   »Wir müssen sie ins Krankenhaus bringen, um sie genauer zu untersuchen«, sagte der Notarzt und sah den kräftigen Mann an.
   »Ein gebrochener Rückenwirbel ist der Tod für eine Tänzerin. Transportieren Sie Aiyana mit der allergrößten Sorgfalt.« Die Stimme des kräftigen Mannes klang rau.
   Der Notarzt nickte und fühlte Aiyanas Puls. »Hat jemand den Unfall beobachtet?«
   Die Tänzer begannen alle auf einmal zu reden.
   Aiyanas Partner erhob seine Hand. Alle verstummten. »Sie tanzte ihr Solo, dann ist etwas von der Oberbühne heruntergefallen.« Er sah suchend auf den Boden. Als er seinen Kopf hob, blickte er unsicher in die Runde und zeigte auf Leonardo. »Dieser Mann stand plötzlich da und hat den fallenden Gegenstand aufgefangen. Er hat Aiyana trotzdem getroffen.« Er schüttelte ungläubig den Kopf und sah den kräftigen Mann mutlos an, der sich Leonardo zuwandte.
   »Ich bin Ihnen für die Rettung sehr dankbar, trotzdem werden Sie uns erklären müssen, was Sie auf der Bühne machten.«
   Leonardo nickte und setzte zu einer Antwort an.
   »Er ist ein Freund von mir«, sagte Iwan schnell.
   »Guten Abend, Herr Tarasso. Ist er mit Ihnen ins Theater gekommen?«
   Iwan nickte und wich dem Notarzt aus, der sich kurz über Aiyana beugte, bevor er Leonardo ansah. »Wir müssen Sie auch mitnehmen und untersuchen. Der Aufprall könnte nicht sichtbare Schäden hinterlassen haben, mit schlimmen Folgen«, sagte er knapp, dann wandte er sich an den kräftigen Mann. »Und Sie folgen uns bitte mit einem Taxi. Wir haben nicht genug Platz im Wagen.«
   Der Mann nickte bejahend.
   Die zwei Sanitäterinnen schoben die Trage eilig in Richtung Bühnenausgang.
   Leonardo folgte, ohne zu zögern. Ein Oberton traf ihn. Er drehte sich um.
   Iwans Blick durchbohrte ihn. »Ich habe dir gesagt, dass du das niemals wirst erklären können.« Lautlos übermittelte Iwan seine Worte.
   »Lass mich. Ich finde einen Ausweg, vertrau mir.« Leonardo sah, wie Iwan nickte und seine Finger zu einem Victoryzeichen spreizte.
   »Viel Glück. Ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst.« Iwans Stimme klang sarkastisch. Er stand neben Angelina und hatte seinen Arm tröstend um die schluchzende Tänzerin gelegt.
   Leonardo ahnte, dass er in der Falle saß. Er durfte sich auf keinen Fall von einem Arzt untersuchen lassen. Warum ging er überhaupt mit? Er kannte die Antwort. Weil er die Ungewissheit, ob Aiyana wieder erwachen würde, keine Sekunde länger ertragen konnte.
   Leonardo folgte der Trage in den Wagen der Ambulanz. Er fühlte sich hilflos. Die Kräfte eines Vampirs waren nutzlos, wenn es darum ging, ein Menschenleben zu retten. Warum hatte er nicht besser aufgepasst?
   Das Geschoss war mit einer Präzision und Geschwindigkeit heruntergefallen, die nicht von einem Menschen stammen konnte. Er schüttelte den Kopf. Gab es eine eifersüchtige Vampirin in der Balletttruppe, die Aiyana umbringen wollte?
   »Gehen Sie bitte nach vorn auf Ihren Sitz. Ich muss mich um die Patientin kümmern.«
   Leonardo setzte sich. Der Notarzt hatte recht. Der schmale Innenraum erlaubte nur einer Person neben der Trage zu stehen, und Aiyana brauchte dringend medizinische Hilfe. Er beobachtete ihren bewegungslosen Körper. Ein grauer Nebel legte sich über die flimmernden Farbenspiele der zarten Seele. Er schnellte hoch, mit einem Satz stand er am Kopf der Trage. »Ich muss ihre Hand halten.«
   Der Notarzt starrte ihn erschrocken an. Seine Hände zitterten leicht, als er Aiyana den Kühlbeutel gegen den Rücken drückte.
   Wie die meisten Menschen schien der Mann die Gefahr, die von einem Vampir ausging, zu spüren. Er würde es nicht wagen, ihn wieder nach vorn zu schicken. Leonardo murmelte Aiyanas Namen. Erleichtert beobachtete er, dass ihre Seele auf seine Stimme reagierte. Die drehenden Muster füllten sich mit Farbe. Verzweifelt umklammerte er ihre zarte Hand, bis der Wagen stoppte und die Sirenen mit einem letzten Aufheulen verstummten.
   Leonardo folgte der Trage in die Aufnahmehalle des Lenox Hill Hospitals. Erleichtert sah er, wie ein Arzt ihnen entgegeneilte und die Trage mit Aiyana übernahm. Er wusste, dass keine Ausrede ihm ermöglichen würde, ihnen zu folgen. Eine Ärztin kam mit einem Formular in der Hand auf ihn zu. Doktor White stand auf ihrem Kittel und Leonardo starrte irritiert auf das Namensschild.
   »Kommen Sie bitte, damit ich Sie untersuchen kann.«
   »Es tut mir leid, aber es verstößt gegen meine Überzeugungen, mich untersuchen zu lassen.« Er wusste, dass niemand ihn dazu zwingen durfte.
   »Das benötigen wir schriftlich. Folgen Sie mir bitte.« Neugierig musterte sie ihn von Kopf bis Fuß.
   »Ist Aiyana schon beim Arzt?« Der kräftige Mann aus dem Theater unterbrach sie atemlos. Er schwitzte stark, als ob er gerannt wäre, um Aiyanas Ankunft zu überwachen.
   »Sie wird gerade geröntgt. Sind Sie Herr Juri Petrov, der Choreograf? Man hat mich informiert, dass Sie nachkommen werden.« Die Ärztin wirkte erleichtert.
   »Kommen Sie bitte mit, wir müssen die Unfallursache abklären.« Ihr weißer Kittel bauschte sich, als sie sich zu Leonardo umdrehte. »Und von Ihnen brauchen wir eine Unterschrift.« Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie in eine Kabine hinter der Rezeption.
   Leonardo folgte dem Choreografen. Er hasste diese absurden menschlichen Formalitäten, aber er würde hier ausharren, bis er erfuhr, wie es Aiyana ging.
   In der Kabine war es still, obwohl es keine Tür gab, die sie vor der lauten Halle abschirmte.
   »Wie hat sich der Unfall genau zugetragen?«, fragte die Ärztin den Choreografen.
   »Der junge Mann hat den Unfall miterlebt, ich war hinter der Bühne. Ich denke, es ist besser, Sie fragen ihn.«
   »Wie heißen Sie?« Die Ärztin sah zu Leonardo.
   »Leonardo Visconti.«
   »Was, Visconti?« Der Choreograf richtete sich in seinem Stuhl auf. »Kennen Sie Zakhar Visconti?«
   »Er ist mein Vater.«
   »Ich verehre Ihren Vater sehr. Er hat mir Sergej, einen wunderbaren Kulissenmaler vermittelt.«
   »Was hat die Tänzerin getroffen?« Die Stimme von Doktor White klang ärgerlich.
   »Ein Metallgewicht ist von der Oberbühne heruntergefallen.« Die Ärztin notierte Leonardos Worte.
   »Der junge Mann hat das Gewicht aufgefangen und Aiyana das Leben gerettet.«
   Doktor White sah Juri ungläubig an, dann wanderte ihr Blick zu Leonardos Händen. »In dem Fall müssen Sie sich unbedingt untersuchen lassen.« Ihr Handy piepste. Sie drückte es hastig ans Ohr, während sie aufsprang.
   »Entschuldigen Sie mich, ein Notfall. Ich werde Ihre Informationen weiterleiten. Warten Sie hier. Ein Arzt wird sich um Sie kümmern und Sie über den Zustand von Aiyana informieren.« Sie verließ die Kabine und hastete den langen Gang entlang.
   Juri nagte an der Lippe.
   Leonardo betete stumm. Gott, lass Aiyana nur an einem Schock leiden. Er zuckte zusammen, als Juri aufsprang und hin und her zu gehen begann.
   »Hat der Metallblock Aiyana stark verletzt?« Er blieb vor Leonardo stehen, wie bei einem ausgetrockneten Acker durchzogen tiefe Furchen sein Gesicht.
   »Ich glaube, ich habe den schlimmsten Aufprall abgefangen.«
   Der Choreograf beugte sich zu ihm herunter und umschlang seine Hände. »Was für ein Glück. Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Ich möchte mich bei Ihnen für Ihren Mut bedanken.« Er ließ Leonardos Hände los und ging wieder hin und her.
   »Wieso befanden Sie sich während der Vorstellung auf der Bühne?«
   Leonardo hasste es, zu lügen, aber Juri würde niemals verstehen, wie er vom Zuschauerraum aus so schnell auf die Bühne kam. »Iwan Tarassow hat mich hinter die Bühne mitgenommen. Wir haben uns zusammen das Stück von der Seite aus angesehen. Die ausverkaufte Vorstellung zwang uns zu dieser Notlösung.«
   »Das erklärt alles.« Der Choreograf ließ sich auf seinen Stuhl fallen. »Wenn wir nur endlich wüssten, was mit Aiyana los ist.«

Kühle Hände umfassten ihren Körper, hoben sie hoch, für Sekunden schwebte sie in der Luft, bevor sie sanft auf eine harte Liege platziert wurde.
   »Danke, ihr könnt gehen.«
   Mühsam hob Aiyana die schweren Lieder. Wer sollte wohin gehen?
   Ein Arzt in einem weißen Kittel beugte sich über sie.
   »Guten Abend, ich bin Doktor Weser. Haben Sie keine Angst. Wir kümmern uns um Sie. Wir werden einen Ultraschall machen und Ihren Rücken röntgen, um zu sehen, ob nichts angebrochen ist.«
   Mit einem Schlag erinnerte sich Aiyana. Sie tanzte ihr Solo und ein Gegenstand traf sie.
   »Die Schwestern werden Sie für das Röntgenbild und den Ultraschall ausziehen. Sagen Sie es mir, wenn Sie dabei Schmerzen empfinden.«
   Aiyana nickte und versuchte, sich zu entspannen. Zwei Frauen kamen und schälten sie vorsichtig aus dem weißblauen Kostüm. Aiyana stöhnte auf, als sie die Stelle berührten, die getroffen wurde. Die Schwestern drehten sie sanft auf ihren Bauch und legten sie auf die Liege.
   »Ich werde zuerst einen Ultraschall machen.« Der Arzt zog das Gerät neben die Liege und verteilte ein Gel auf ihrem Rücken. Seine Hände berührten ihre Haut und hinterließen eine glühende Spur, die sich auf ihren ganzen Körper ausdehnte. Aiyanas Herz raste. Seine Berührung entfachte in ihr ein Begehren, das sich immer mehr steigerte. Sie wünschte sich, er würde weitermachen und nie mehr aufhören, sie zu streicheln.
   »Ihr Tattoo ist sehr ungewöhnlich.«
   »Es ist ein indianisches Tattoo.« Aiyana hatte diesen Satz so oft wiederholt, dass sie ihn beinahe selbst glaubte. Ihre Adoptiveltern hatten diese Lüge erfunden, weil sie sich für das ungewöhnliche dunkelgraue Zeichen schämten, und verboten Aiyana, darüber zu sprechen.
   »Ich habe das Tattoo mit sechzehn im Reservat machen lassen.« Sie presste ihr Gesicht in die Liege. Würde sie ihr Leben lang lügen müssen?
   Doktor Weser fuhr mit der Sonde über ihren Rücken. Aiyana unterdrückte ein Stöhnen, wusste, dass es nicht von ihren Schmerzen kam.
   »Es sieht gut aus.«
   Seine Stimme jagte heiße Schauder durch ihren Körper. Aiyana spürte seinen Blick auf ihrem Rücken, wünschte sich, er würde sie berühren, sie umdrehen und ihre nackten Brüste streicheln. Sie schloss die Augen und versuchte, ihren Körper zu beruhigen. Krankenhäuser verwirrten sie.
   »Wir werden jetzt das Röntgenbild machen, ich muss Ihnen den Strahlenschutz umlegen.« Er hob sie sanft hoch.
   Aiyana schnappte nach Luft, sein Geruch nach Sandelholz betörte sie. Er legte die Bleischürze um ihre Hüften und zog die Röntgenröhre über ihren Rücken.
   »Atmen Sie tief durch, nachdem ich den Raum verlassen habe.« Die beiden Frauen, die zugeschaut hatten, folgten Doktor Weser.
   Nach der Aufnahme kamen sie zurück.
   »Die Schwestern helfen Ihnen wieder in Ihr Kleid, während ich auf den Bericht des Radiologen warte.«
   »Soll ich Ihnen eine Decke bringen?« Die blondhaarige Schwester lächelte sie an. Aiyana schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht schlafen, sie wollte von hier verschwinden und ihr erschreckendes Begehren vergessen.
   Doktor Weser stand in einer Ecke vor dem Bildschirm. »Gute Nachrichten. Sie haben nur eine Prellung, keinen Bruch und Ihr Ultraschall zeigt, dass keine Punktion nötig ist. Ich kann Sie mit gutem Gewissen nach Hause schicken.«
   Aiyana setzte sich auf und zuckte zusammen. Der Schmerz lähmte sie für einen kurzen Augenblick. Sie ließ sich nichts anmerken und erhob sich mit eisernem Willen.
   Doktor Weser führte sie aus dem Raum und brachte sie in die überfüllte Wartezone.
   »Endlich. Geht es dir gut?« Juri stotterte leicht vor Aufregung und drückte ihr vorsichtig die Hand. »Bist du sicher, dass du nach Hause willst?«
   Aiyana nickte und streckte ihren Rücken, um zu beweisen, wie gut es ihr ging.
   »Sie muss mit einem Taxi oder Auto nach Hause gebracht werden, um sich zu schonen.« Doktor Weser schüttelte Juri die Hand.
   »Selbstverständlich bringe ich sie nach Hause.«
   »Sind Sie Herr Petrov?« Ein Mann mit einem Stapel Formulare unter dem Arm stellte sich vor Juri hin.
   »Sie müssen für die Versicherung noch ein Unfallprotokoll ausfüllen. Wollen Sie das gleich tun, oder morgen früh nochmals vorbeikommen?«
   Juri sah Aiyana an. »Ich werde zuerst unsere Patientin nach Hause bringen. Sie braucht dringend ihren Schlaf.«
   »Soll ich Aiyana mit dem Taxi nach Hause begleiten, Herr Petrov?«
   »Das würde mir sehr helfen.« Juri lächelte dem jungen Mann zu, der sich von einem Sitz erhoben hatte und zu ihnen getreten war.
   Juri drehte sich zu Aiyana. »Das ist Leonardo Visconti, er fing das Metallgewicht auf, das auf dich fiel. Ihm ist es zu verdanken, dass du so schnell wieder nach Hause kannst.«
   Aiyana wollte etwas sagen, aber sie brachte keinen Ton über ihre Lippen. Die Definition von Schönheit hatte auf einmal einen Namen. Leonardo Visconti hatte nussbraune Haare und Augen, die wie dunkler Bernstein schimmerten, während er sie musterte. Sein Blick lullte sie ein und weckte ein fremdes, unbeschreibliches Gefühl in ihr. Sie wünschte sich, dass die Zeit stehen blieb. Sie atmete tief ein, um sich zu beruhigen. »Ich weiß nicht, wie ich mich bei Ihnen dafür bedanken kann, dass Sie das Risiko auf sich genommen haben.«
   »Ich werde mir etwas einfallen lassen.« Leonardo lächelte. »Fürs Erste muss ich mich entschuldigen. Ich habe Sie nicht gefragt, ob ich Sie begleiten darf?«
   »Sehr gern, natürlich habe ich nichts dagegen.« Aiyana senkte den Blick und konzentrierte sich auf ihr Gleichgewicht. Der leichte Schwindel kam diesmal nicht vom Unfall.
   »Vielen Dank für Ihr Angebot, Leonardo. Tatsächlich muss ich morgen früh ins Theater für die Umbesetzung der Rollen, darum bin ich sehr froh, wenn ich den Papierkram heute Nacht erledigen kann«, sagte Juri und drehte sich zu Aiyana.
   »Mach dir keine Sorgen. Du wirst bald wieder tanzen. Jetzt ruh dich gut aus und vor allem kein Training zu Hause.«
   Aiyana nickte traurig. Ein Unfall hatte ihren ersten großen Auftritt zerstört. Das war das Schlimmste, das einer Tänzerin passieren konnte.
   »Ich glaube, ihr geht besser. Du siehst müde aus, Aiyana. Um diese Zeit solltet ihr ohne Probleme ein Taxi anhalten können. Ruf mich an, wenn du heute Nacht Probleme hast.«
   Aiyana nickte.
   »Soll ich Sie stützen?« Leonardo war neben sie getreten. Aiyana schüttelte den Kopf. Ihr Körper spielte schon verrückt, wenn sie nur neben Leonardo stand. Was würde erst passieren, wenn er sie berührte? Der Gedanke verdrängte ihre Traurigkeit und verwirrte sie.

Falko drehte sich um, als sich die Tür öffnete.
   »Schön, dass ich dich treffe. Ich habe dich den ganzen Nachmittag gesucht.« Eikshe sah ihn tadelnd an, als sie das Büro betrat. Sie trug ihre weiße Uniform, die sich eng an ihren Körper schmiegte und ihre Brüste betonte. Die schwarzen Haare schimmerten bläulich. Eikshe war eine auffällige Schönheit und jeder seiner Kollegen war verrückt nach ihr – auch die Verheirateten. Eikshe wusste das auszunutzen.
   »Komm her.« Falko umarmte sie.
   »An diese Art von Begrüßung könnte ich mich gewöhnen.« Eikshe küsste ihn.
   »Ich mag dich.« Falko presste ihre Hüften an seine Lenden und stöhnte. Ihr Körper fühlte sich schlank und fest an.
   Eikshe hielt seine Hand zurück, die unter ihren Ärztekittel schlüpfen wollte. »Ich habe dich heute Abend überall gesucht. Wo warst du?«
   »Ich hatte mich abgemeldet.«
   »Gab es dafür einen speziellen Grund?«, fragte Eikshe.
   Falko wusste, dass sie es nicht ertragen konnte, wenn er Geheimnisse vor ihr hatte. »Ich habe mir einen Abend ohne Arbeit erlaubt«, antwortete er ausweichend.
   »Was hast du unternommen?«
   Er wusste, dass sie mit ihrer Fragerei nicht aufhören würde, und entschied sich für die Wahrheit. »Ich bin ins Theater gegangen.«
   Eikshes grüne Augen funkelten. »Allein?«
   Falko nickte, froh, dass er nicht lügen musste.
   »Was hast du gesehen?« Eikshe sah ihn lauernd an.
   »Das Ballett Giselle.«
   »Ich wusste nicht, dass du gern ins Ballett gehst.« Eikshe sah in neugierig an. »Du überraschst mich immer wieder. Ich habe gehört, dass eine Tänzerin ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Hast du das mitbekommen?«
   Falko nickte und versuchte seine Erregung zu verstecken. »Ich habe sie untersucht. Ein Metallgewicht ist vom Schnürboden auf sie heruntergefallen. Aber sie hat nur eine Prellung. Ein Mann hat das Metallgewicht aufgefangen.«
   »Ein Mann?«
   »Es muss ein Vampir gewesen sein. Kein Mensch würde das schaffen.« Seine Stimme klang grimmig, aber Eikshe schien seine Wut nicht zu bemerken.
   Sie sah ihn kopfschüttelnd an. »Du musst vom Theater hierher geeilt sein, um sie zu untersuchen.«
   »Ja, ich wollte ihr helfen. Ich habe den Unfall gesehen und wusste am besten Bescheid.«
   Eikshe legte ihre Arme um ihn. »Du solltest dir mehr Ruhe gönnen. Ich könnte dir dabei helfen.« Sie schmiegte sich an ihn. »Wir sollten uns öfter sehen. Ich hasse es, dir nur im Operationssaal zu begegnen, wenn du nichts außer deinen Patienten siehst und mich behandelst, als wäre ich Luft.«
   »Das Leben meiner Patienten steht an oberster Stelle«, sagte Falko.
   Eikshe zog ihn zu sich heran. »Dafür liebe ich dich und möchte dir helfen, göttliche Kraft und Macht zu gewinnen.« Falko knurrte. Sie konnte ihm nicht helfen, nur die Schwarze Magie konnte ihm seinen Traum erfüllen. Er zog sie an sich. »Du kennst meine Sehnsucht. Sie wird immer den ersten Platz in meinem Leben einnehmen. Wir können uns öfter sehen, wenn du mit dem zweiten Platz einverstanden bist.«
   »Ich werde für den ersten Platz kämpfen.« Eikshe nahm einen Schlüssel aus der Tasche des Ärztekittels. »Hier, damit du mich jederzeit besuchen kannst.«
   Falko erschrak. Sein Leben erschien ihm kompliziert genug. Er sah Eikshe an. Sie würde ihn von seiner Gefährtin ablenken und ihn durch ihre Schönheit auf andere Gedanken bringen. Er nahm den Schlüssel und küsste sie. »Danke für dein Vertrauen.«
   »Du kannst mich jederzeit besuchen. Ich bin immer bereit für dich.« Ihre Stimme klang rau. Sie presste sich an ihn.
   Er legte seine Arme um sie. Warum sollte er auf Eikshe verzichten? Er mochte die Gesellschaft der schönen Vampirin.

Aiyana spürte das kalte Leder des Taxisitzes an ihren nackten Beinen. Sie trug ihr Kostüm und viel zu große Schuhe, die sie im Krankenhaus bekommen hatte.
   »Geht es Ihnen gut, Mrs. Dealtry?«
   »Ich heiße Aiyana. Unter Künstlern sagen wir immer den Vornamen.« Sie betrachtete ihre Spitzenschuhe und schob sie von einer Hand in die andere.
   »Ich heiße Leonardo.« Er sprach seinen Namen mit italienischer Betonung aus. Aiyana lächelte ihm zu. Seine dunkle Stimme mit dem heiseren Timbre verwirrte sie.
   »Ich hatte viel Glück. Du hast mich gerettet und ich habe mich noch nicht einmal richtig bedankt.« Sie streckte ihm die Hand entgegen.
   Er ergriff sie.
   Die Berührung erfüllte sie mit einer Erregung, die sie erbeben ließ. Nie hatte sie etwas Schöneres erlebt. Sie zog ihre Hand zurück. Was war mit ihr los? Warum hatte sie bei Doktor Weser gleichermaßen empfunden? Hatte der Unfall ihr doch mehr zugesetzt, als sie dachte? Sie durfte ihren Gefühlen nicht trauen.
   »Es ist erstaunlich, dass du nicht verletzt bist«, sagte sie, um sich abzulenken.
   »Ich hatte Glück.« Er wirkte entspannt und nicht wie jemand, der eine gefährliche Rettungsaktion hinter sich hatte.
   »Arbeitest du am Theater?«
   »Nein, aber ich habe zusammen mit Iwan Tarasoff die Vorstellung von der Seitenbühne verfolgt.«
   Sie erinnerte sich nicht daran, Iwan dort gesehen zu haben, aber in ihrer Nervosität hatte sie die beiden wahrscheinlich übersehen.
   »Bist du auch Sänger?«
   »Nein, leider nicht, sonst wären wir uns vielleicht schon früher begegnet.«
   Seine Augen schimmerten goldbraun, wie das Meer kurz nach Sonnenuntergang. Er lächelte. »Ich liebe das Theater sehr. Es ist eine eigene Welt.«
   Aiyana nickte. »So kommt es mir auch oft vor.«
   Sie lehnte sich zurück und atmete tief durch. Jede Faser ihres Körpers reagierte auf seine Nähe.
   »Die Vorstellung hat mir sehr gefallen, ich bedaure sehr, dass ich das Ende nicht sehen konnte. Ich schätze den zweiten Akt sehr.«
   »Ich auch.« Aiyana sah ihn an und ihre Blicke verschmolzen. »Ich hätte sehr gern das Ende getanzt«, sagte Aiyana und zuckte mit ihren Schultern. »Wahrscheinlich sollte ich froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist.«
   »Ich werde mir die Vorstellung nochmals ansehen, wenn du wieder tanzen kannst.«
   Aiyana lächelte. »Du bist nach deiner spektakulären Rettungsaktion zu nichts verpflichtet.«
   »Vielleicht komme ich nur, weil ich es mir sehr gern anschauen möchte.« Leonardo sah sie spöttisch an. »Oder ist das zu abwegig?«
   Sie grinste. »Nach heute Abend schon, aber im Normalfall beenden wir unsere Vorstellungen ohne Zwischenfälle.«
   »Ich werde mich gern überraschen lassen«, sagte Leonardo und blickte aus dem Fenster.
   Aiyana errötete und umklammerte ihre Spitzenschuhe. Sie wollte ihn wiedersehen, wollte nicht daran denken, dass er wieder aus ihrem Leben verschwinden könnte. Die Straßenlampen erhellten sein Gesicht, das im Halbdunkel etwas Wildes, Ungebändigtes ausstrahlte. Sie wünschte sich, sie könnte ihn berühren, spüren, wie er sich anfühlte.
   Das Taxi stoppte vor dem roten Gebäude in der 55. Central Park West.
   Leonardo bezahlte die Fahrt und sprang aus dem Wagen. »Warte auf mich.« Seine Stimme klang wie ein Befehl.
   Aiyana nickte. Er erschien wie aus dem Nichts auf ihrer Seite und öffnete die Tür. Seine Arme legten sich um sie.
   »Lass nur, ich kann allein aussteigen.« Sie setzte ihre Füße auf den Boden und stand auf. Schwindel ergriff sie und Leonardo hob sie sofort in seine Arme. Sie fühlte sich bei ihm geborgen und hätte am liebsten ihre Arme fest um ihn geschlungen.
   Mühelos trug er sie zum Eingang. »Welches Stockwerk?« Seine Stimme jagte feurige Impulse durch ihren Körper.
   »Ich fühle mich schon viel besser und kann wirklich allein gehen.« Wer weiß, wie sie reagierte, wenn sie länger in seinen Armen blieb.
   Er stellte sie auf die Beine. »Darf ich dich nach oben begleiten?« Aiyana nickte. Sie nahmen den Aufzug. Im vierten Stock holte sie den Ersatzschlüssel aus dem Blumentopf. Ihre Handtasche befand sich noch in der Garderobe im Theater. Sie schloss auf und sah ihn an. »Jetzt habe ich deinen Abend ruiniert und dann musstest du mich noch nach Hause bringen.«
   »Das habe ich gern getan. Nach deiner wunderschönen Vorstellung hätte ich mir niemals den zweiten Akt mit einer Stellvertreterin ansehen können.«
   »Danke.« Aiyana räusperte sich. »Willst du hereinkommen und etwas trinken?«
   »Gern, wenn du nicht zu müde bist.«
   Aiyana schüttelte den Kopf. Leonardo folgte ihr ins Wohnzimmer.
   »Setz dich. Was willst du trinken?
   »Am liebsten ein Glas Wasser.« Der tiefe Klang seiner Stimme begleitete sie in die offene Küche. Sie schenkte zwei Gläser Wasser ein.
   Leonardo ging umher und stoppte vor dem Wandgemälde.
   »Gefällt es dir?«
   »Ja, sehr.« Er betrachtete es von Nahem. »Wer immer es gemalt hat, scheint großes Talent zu haben.«
   »Interessierst du dich für die Malerei?« Aiyana balancierte die beiden Gläser in ihrer Hand.
   »Ja.« Leonardo lächelte. »Du dich anscheinend auch.«
   »Leider verpasse ich die meisten Ausstellungen, weil Juri uns zu wenig Freizeit gibt.«
   »Er hat sich Sorgen um dich gemacht.«
   »Er ist ein großartiger Mensch, aber er verlangt sehr viel von uns.«
   Aiyanas Rückenschmerzen kehrten wie ein Bumerang zurück. Sie setzte sich und verbiss sich ein Aufstöhnen.
   Leonardo ließ sich ihr gegenüber nieder und sah lächelnd ihren Teddybär an, der immer noch auf dem Sofa lag. Er hatte ihr am Nachmittag geholfen, sich auf den großen Augenblick vorzubereiten.
   Aiyana folgte seinem Blick. »Das ist mein Glücksbringer, seit ich zu tanzen angefangen habe.«
   »Süß.« Er lächelte ihr zu.
   Aiyana sog die Luft ein. Ihr Herz klopfte und sie blickte ihn wie hypnotisiert an. »Ich bin eigentlich nicht abergläubisch, aber heute war ein spezieller Abend für mich.«
   Leonardo nickte. »Ja, ich habe es gelesen. Es war deine Premiere als Solistin im Ballett Giselle. Du hast sehr überzeugend getanzt und hätte ich es nicht gelesen, würde ich es nicht glauben.«
   »Danke.« Aiyana schloss für einen Moment die Augen. Der Schmerz hämmerte in ihrem Rücken. Als sie ihre Augen wieder öffnete, trafen sich ihre Blicke. Leonardo erhob sich und sah sie streng an. »Du scheinst eine sehr tapfere Patientin zu sein, aber jetzt solltest du dich hinlegen und deinen Rücken entspannen. Du hast Schmerzen. Kann ich noch etwas für dich tun?«
   »Ich sollte schlafen gehen.« Aiyana verfluchte ihren Rücken. Leonardo würde gleich gehen.
   »Geht es dir gut genug, um allein zurechtzukommen?«
   Sie nickte.
   »Darf ich morgen vorbeikommen, um mich zu vergewissern, dass es dir gut geht?«
   Für einen Moment stand ihr Herz still und die Welt hörte auf, sich zu drehen. Es würde nur eine Nacht dauern, bis sie ihn wieder traf.
   »Gern.« Sie lächelte, wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen.
   »Bis morgen. Ruh dich gut aus.« Er verharrte für einen Moment, ging dann mit langsamen Schritten zur Tür. Bevor er hinausging, drehte er sich noch einmal um, sah sie kurz an und verschwand. Sie starrte ihm hinterher. Ihr Puls raste, was nicht von den Schmerzen kam. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Noch nie hatte sie solche Empfindungen gehabt. Er erregte sie, ohne dass er sie berührte und als er ihr gegenübergesessen hatte, hätte sie ihm am liebsten ununterbrochen in seine bernsteinfarbenen Augen gestarrt. Sie nahm ihren Teddy und drückte ihn an sich. Mit klopfendem Herzen stellte sie sich vor, wie es sein würde, Leonardo zu umarmen. Sie fühlte sich nicht müde, konnte sich nicht vorstellen, jetzt schlafen zu gehen. Sie sah Leonardos schönes Gesicht vor sich. Bis morgen dauerte es nicht mehr lange.

Kapitel 3
Ausweglos

Leonardo blickte aus dem Fenster seines Zimmers. Die Fifth Avenue, fünfzig Stockwerke unter ihm, wirkte wie ein überfüllter Ameisenhaufen. Die St. Thomas Church an der 53. Straße, leuchtete weiß. Er sah auf die Uhr, es war acht. Er atmete erleichtert auf. Er hatte die ganze Nacht darauf gewartet, Neele endlich sehen zu können. Seine Großmutter bevorzugte es, wenn er sie nach dem Frühstück besuchte. Er folgte dem eleganten Flur bis zu ihrem Reich.
   Seit ihr Mann Juliano vor zwanzig Jahren von einem Vampir getötet wurde, lebte sie in einer abgetrennten Wohnung in der Residenz der Visconti, die den fünfzigsten Stock im Trump Tower ausfüllte. Die weiße Eingangstür öffnete sich, bevor Leonardo klopfen konnte.
   »Ich habe deine Schritte gehört.«
   Leonardo erschrak. Neele sah müde aus. Ihre Haut erschien ihm noch durchsichtiger als sonst und erinnerte ihn an weißes Porzellan. Die glitzernden Strahlen ihrer Seele wurden durch dunkle Schatten getrübt.
   »Wir müssen uns unterhalten.« Sie zog ihn ins Wohnzimmer zum Sofa. Der Raum war in Weiß gehalten. »Ich werde Helena kommen lassen. Meine Kraft verlässt mich, wir dürfen nicht mehr länger warten.«
   Ihre Worte erschienen Leonardo unwirklich, wenn er ihr ebenmäßiges glattes Gesicht ansah.
   »Ich dachte, ich hätte noch mehr Zeit zur Verfügung, aber ich habe mich getäuscht.« Sie strich eine Locke ihrer blonden Haare nach hinten. »Eure Hochzeit muss so schnell wie möglich stattfinden.«
   Leonardo hörte wie aus weiter Ferne seine Worte. »Ich kann Helena wegen Daphne nicht heiraten.«
   »Du denkst immer noch an Daphne?«
   Leonardo nickte. Eine kalte Hand drückte sein Herz zusammen. Er brachte es nicht über sich, Neele die Wahrheit zu gestehen. Ihre Gesundheit erschien ihm im Moment zu zerbrechlich.
   »Komm, ich werde dich anleiten, wie du deine Heilkräfte mobilisieren kannst, um Daphne zu vergessen.«
   Neele stand auf, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in das nächste Zimmer. An der Wand stand ein Abstelltisch aus Perlmutt. Darauf lagen ein silberner Kelch und ein Gefäß, aus dem feine Rauchschwaden quollen. Es roch nach Weihrauch. »Setz dich.« Neele zeigte auf ein Kissen an der Wand.
   »Ich werde die Wassergöttin Erzulie anrufen.« Sie durchschritt den Raum und hieß nacheinander die Engel Michael, Raphael, Uriel und Gabriel im magischen Kreis willkommen.
   In ihrer Hand blitzte es auf und die Luft füllte sich mit Energie. Neele stellte sich in die Mitte des Kreises und wiegte ihren Körper. Sie begann zu tanzen, und drehte sich immer schneller, während ihre Hände Muster in die Luft zeichneten. Daphne erschien. Er erinnerte sich an ihren verführerischen Körper, als Neele innehielt und auf den Boden sank. Leonardo stürzte zu ihr, beugte sich über sie. »Neele hörst du mich?« Er sprach leise, um sie nicht zu erschrecken.
   Neele öffnete ihre Augen. »Was ist passiert?«
   »Du bist ohnmächtig geworden. Geht es dir gut?«
   Mit einem Seufzer sah sie ihn an. »Es tut mir leid, ich kann dich nicht anleiten. Ich habe keine Kraft mehr.«
   »Neele, warum hast du mir nicht gesagt, wie schwach du bist? Ich hätte niemals zugelassen, dass du das Ritual abhältst.«
   »Eben darum.« Neele sah ihn lächelnd an. »Aber lass mich zuerst die Engel wieder verabschieden.«
   Energie umgab Neele und ihn.
   »Ihr Engel, ich danke euch.« Neeles Stimme klang brüchig. Im Flüsterton verabschiedete sie jeden mit seinem Namen.
   Leonardo beugte sich zu ihr herunter. »Neele, du musst dich jetzt ausruhen.« Er hob sie hoch und trug sie in ihr Schlafzimmer. Vorsichtig legte er sie auf ihr Bett und deckte sie zu.
   »Leonardo, du musst zu Kaliope gehen, niemand beherrscht die Weiße Magie besser als sie. Versprich es mir.«
   »Ich verspreche es dir.« Leonardo ergriff ihre zarte Hand und führte sie an seine Lippen. Mit einem Kuss besiegelte er seine Worte.
   Neele schloss beruhigt ihre Augen und der Schatten eines Lächelns huschte über ihr Gesicht.
   »Ich weiß, dass du mich nicht enttäuschen wirst.« Die Worte trafen ihn wie Faustschläge. Neele vertraute ihm. Sie schlief ein, ohne zu ahnen, welch grausames Schicksal er über die Viscontis gebracht hatte, über ihren Sohn Zakhar, den sie abgöttisch liebte und verwöhnt hatte, sodass sie ihm seine Bitte, eine Vampirin anstelle einer Lix heiraten zu dürfen, nicht hatte abschlagen können. Sie hatte ihm ihren Segen gegeben, obwohl es ein Risiko darstellte, die Lix-Verbindung in einer Generation zu überspringen. Wenn Zakhar nur Töchter bekommen hätte? Leonardo verließ den Raum. Er durfte auf keinen Fall seinem Vater begegnen, aber er konnte das Haus nicht verlassen, ohne etwas zu trinken. Zu lange hatte er seinen Durst verdrängt, jetzt meldete er sich quälend. Leonardo durchquerte das Wohnzimmer. Wahrscheinlich befanden sich Joanne und Greg, die beiden Eingeweihten, um diese Zeit in der Küche. Die Dhampyre, die sich vorwiegend von Fleisch ernährten, arbeiteten seit vielen Jahren bei den Viscontis.
   Die Bibliothek, der Lieblingsort seines Vaters, lag vor ihm.
   »Guten Morgen, Leonardo.« Joanne kam den Gang entlang und lächelte ihn an. »Du hast mich vernachlässigt. Bist du mir untreu geworden?«
   Leonardo schüttelte den Kopf.
   Joanne sah ihn entsetzt an. »Hast du die ganze Zeit nichts getrunken? Das ist gefährlich, du könntest in die Versuchung kommen, dich von Menschen zu nähren.«
   »Ich hatte keine Zeit, aber du hast recht, es war unvorsichtig von mir.« Leonardo leckte sich über seine Lippen. Er roch ihr Blut und Verlangen ergriff ihn, zog ihn in einen Strudel aus Begierde und Lust, nach dem aromatischen Blut, das durch die Venen der Eingeweihten floss.
   Er näherte sich ihr langsam wie ein hungriger Löwe, legte seine Hände auf ihren Hals und bog ihn nach hinten. Ihre Vene schimmerte bläulich unter der weißen Haut.
   Leonardo keuchte. Die Erregung, die ihn beim Anblick des pulsierenden Halbbogens ergriff, ließ sich mit nichts vergleichen. Er leckte über ihren weichen Hals und zögerte seine Gier bis ins Unerträgliche hinaus. Knurrend schlug er mit einer heftigen Bewegung seine Zähne in die Vene und fing mit großen Zügen die Fontäne auf, die ihm entgegenschoss.
   Er bevorzugte Joanne, um sich zu nähren. Ihr Brombeerduft stach ihm schwer und süß in die Nase, wenn er von ihr trank. Sie stöhnte leise. Dhampyre genossen es, wenn Vampire sich von ihnen nährten.
   »Trink so viel, wie du willst.« Joanne besaß eine kräftige Statur und Leonardo hatte noch nie erlebt, dass der Blutverlust sie geschwächt hätte. Die warme Flüssigkeit verteilte sich in seinem Kreislauf und belebte jede Faser seines Körpers. Er trank, bis seine Kraft zurückkehrte, und versiegelte dann ihre Wunde.
   »Danke Joanne.«
   Sie stützte ihre Arme in ihre Seiten. »Ich möchte dich nicht erst in drei Tagen wiedersehen.«
   Leonardo grinste. »Versprochen.« Er warf ihr eine Kusshand zu und ging zurück ins Wohnzimmer. Die Sonne malte Muster auf das Parkett und Leonardo blieb stehen. Aiyanas Seele glich diesen Lichtspielen. Er musste sie sehen, bevor er zu Kaliope ging. Lautlos durchquerte er den Raum. Hoffentlich hatte Aiyana die Nacht gut überstanden. Er hätte sie nicht allein lassen dürfen, doch er wollte sie gestern Abend nicht mit dem Angebot, bei ihr zu bleiben, erschrecken. Eilig stürzte er in sein Zimmer, schlüpfte in seine Lieblingsjeans, stülpte den dunkelblauen Pullover über sein weißes T-Shirt und verließ die Residenz. Die Morgensonne beleuchtete den stahlblauen Himmel, der nur im Herbst diese ungewöhnliche Farbe zeigte. Hatte Aiyana über ihn nachgedacht? Er hatte ihren fragenden Seitenblick bemerkt, als Juri ihr von dem Unfall erzählte. Sie durfte sich nicht vor ihm fürchten, denn er wollte sie wiedersehen.

Aiyana stieg aus ihrem Bett und ging gebeugt ins Badezimmer. Der Schmerz in ihrem Rücken pochte. Im Traum hatte Doktor Weser ihr erklärt, sie sei gelähmt. Sie setzte sich vorsichtig auf den runden Hocker und atmete erleichtert aus. Ohne Leonardo wären die Unfallfolgen schrecklich gewesen. Sie legte die Arme um ihren Körper und ignorierte den Schmerz in ihrem Rücken. Dankbar betrachtete sie ihre Füße, die sich streckten, als warteten sie nur darauf, in Spitzenschuhe gesteckt zu werden. Sie musste sich heute bei Leonardo erneut bedanken. Sie sah an sich hinunter. Im Pyjama konnte sie ihn nicht begrüßen. Hastig erhob sie sich und zuckte mit einem unterdrückten Laut zusammen. Langsam kämpfte sie sich zum Spiegel vor, putzte ihre Zähne und band ihre Haare zu einem Pferdeschwanz, den sie sofort wieder öffnete. Sie sah ihr Spiegelbild an. Ihr Magen zog sich zu einem Knäuel zusammen und ihr Körper vibrierte vor Nervosität. Wie Leonardo sie angesehen hatte, bevor er sie verließ. Für einen Moment hatte sie gedacht, er würde umkehren. In seinem Blick lag eine ungezähmte Leidenschaft, die auch in ihr schlummerte, und die sie tief in ihrer Seele verborgen hielt. Ihr Rücken schmerzte, als sie sich in die Jeans zwängte und vorsichtig einen Pullover über den Kopf zog.
   Es klingelte.
   Sie ging zur Tür, ihr Herz klopfte, und die Erregung ließ ihr das Blut in die Wangen schießen. Leonardo hielt sein Versprechen und kam. Sie öffnete die Tür und sah ihn an. Seine Schönheit war atemberaubend. Die Augen wirkten dunkler als gestern, und schienen zu glühen.
   Er lächelte und sein Gesicht veränderte sich, wirkte weniger unnahbar und ein warmer, einladender Ausdruck legte sich über seine Züge. Aiyana starrte auf seine Lippen. Wie musste es sich anfühlen, von diesem Mund geküsst zu werden? Der Gedanke verwirrte sie. Leicht taumelnd klammerte sie sich am Türrahmen fest.
   »Geht es dir gut?«, fragte Leonardo besorgt.
   Sie nickte. »Ja danke. Komm nur herein.«
   Er folgte ihr. Seine Gegenwart verwandelte sie in ein nervöses Bündel. »Setz dich. Möchtest du etwas trinken?«
   »Danke, ich nehme gern ein Glas Mineralwasser.«
   Sie zuckte leicht zusammen, als sie sich umdrehte und in die Küche ging. Mit zwei gefüllten Gläsern kam sie zurück.
   Leonardo beobachtete sie.»Hast du noch Schmerzen?«
   Er musste gesehen haben, wie sie zusammengezuckt war. »Es ist erträglich. Der Arzt hat mir ein gutes Medikament gegeben.« Sie stellte sein Glas vor ihn hin und setzte sich ihm gegenüber. »Ich möchte mich nochmals bedanken. Du hast dich in große Gefahr gebracht.« Sie meinte, ein Aufblitzen in seinen Augen zu sehen.
   »Ich habe lange Zeit Karate trainiert und bin ganz gut im Umgang mit ungewöhnlichen Objekten.«
   Aiyana nickte. Sie hatte seine trainierten Muskeln gespürt, als er sie trug. »Trotzdem, du konntest nicht wissen, wie schwer das Gewicht sein würde.«
   »Ich wollte nicht, dass es dich trifft.« Seine Stimme klang leise und rau.
   »Oh.« Aiyana errötete.
   Er sah sie an und ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund. »Dein Tanz hat mich so gefesselt, ich habe ohne nachzudenken reagiert.«
   Aiyana verbarg ihre Erregung und versank in seinen bernsteinfarbenen Augen. »Ich versuche, in meinem Tanz echte Gefühle zu zeigen, um damit die Menschen zu berühren.«
   Leonardo nickte. »Du hast mich berührt und ich hätte alles getan, um dich zu schützen.« Sein Blick durchdrang sie. Wie ein heißer Zephir erfüllte ein prickelndes Glücksgefühl jede Faser ihres Körpers.
   Leonardo nahm einen Schluck Wasser. »Ich habe über den Unfall nachgedacht. Du bist außergewöhnlich und hast bestimmt auch Feinde in der Balletttruppe. Ist es möglich, dass jemand die Oberbühne manipuliert hat?«
   Aiyana schüttelte den Kopf. »Wir haben keinen Zutritt zum Schnürboden. Die Techniker überwachen ihn ununterbrochen.
   Eifersucht ist ein normaler Bestandteil unseres Lebens.« Mit zittrigen Händen nahm sie einen Schluck Wasser. Der Unfall lief wie ein Film durch ihre Gedanken. Es konnte nur ein Zufall gewesen sein. Sie weigerte sich zu glauben, dass jemand sie mutwillig in Gefahr gebracht hatte. Obwohl Ella ihr vor der Vorstellung gedroht hatte.
   Das Klingeln der Tür unterbrach ihre Gedanken.
   Aiyana wollte aufstehen. Ihr Rücken zog sich schmerzhaft zusammen, sie stöhnte auf.
   »Soll ich für dich öffnen?« Leonardo stand auf.
   »Gern.« Ihre Augen folgten seinem Gang zur Tür, wie ein Panther glitt er über das Parkett. In den Jeans und dem blauen Pullover wirkte er jünger als gestern in dem schwarzen Anzug. Sie wollte ihn berühren und sich an ihn schmiegen.
   Ihre beste Freundin Moira betrat den Raum, füllte ihn mit ihrer Energie und stürzte ungestüm auf Aiyana zu. »Ich habe von dem Unfall im Studio gehört. Alice, Jamies Sekretärin, sah die Vorstellung. Sie hat mir heute Morgen gesagt, dass die Vorstellung gestern nach einer längeren Unterbrechung von der Tänzerin Ella Gonzales beendet wurde, und dass sich die Solistin in ärztlicher Behandlung befand.« Sie beugte sich zu Aiyana und umarmte sie, bis sie vor Schmerz aufstöhnte. »Entschuldige, du bist verletzt. Was ist geschehen?«
   »Ich möchte dir Leonardo vorstellen. Dank ihm ist mir nichts passiert.«
   Moira wischte sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und sah Leonardo an. »Sie sind also der Mann, der Aiyana gerettet hat. Alice hat die ganze Nacht darüber gerätselt, wie Sie es geschafft haben, Aiyana so schnell wegzuziehen.«
   »Er ist Karatemeister und hat das von der Oberbühne heruntergefallene Metallgewicht aufgefangen.«
   Moira sah Aiyana fragend an, setzte sich neben sie auf das Sofa und hörte sich schweigend Aiyanas Schilderung an.
   Noch bevor sie geendet hatte, sprang sie auf ihre Füße, rannte um die Sitzgruppe und stoppte vor Leonardo.
   »Ich muss diesen Unsinn heute Abend in den Nachrichten erzählen, aber ich glaube nicht, dass Sie einen herunterfallenden Brocken auffangen konnten. Ich denke, dass Sie es vorher wussten. Kein Mensch reagiert so schnell.« Sie fixierte ihn, als wollte sie ihm an die Gurgel springen. Dann sah sie Aiyana an. »Ich möchte mich gern mit dir allein unterhalten. Unter vier Augen.« Sie ging in die Küche, kam mit einem Glas Wasser zurück und setzte sich neben Aiyana. Sie wirkte wie ein Boxkämpfer, der seinem Gegner die Seitenflanke zuwandte, als sie Leonardo ansah.
   »Würden Sie uns bitte allein lassen? Ich muss heute Abend in meiner Sendung über den Unfall sprechen und möchte herausfinden, was passiert ist. Ich bin während meiner Arbeitszeit hier und muss wieder ins Studio zurück.«
   Leonardo stand auf. »Sie irren sich, und sobald Sie mit der Polizei gesprochen haben, werden Sie sehen, dass ich die Wahrheit sage.« Er wandte sich Aiyana zu und sekundenlang verschmolzen ihre Blicke. »Bis bald, Aiyana.« Er eilte hinaus.
   Moira saß kerzengerade auf ihrem Platz und sah ihm schnaubend hinterher. »Er lügt.« Sie drehte sich zu Aiyana. »Seine Schönheit ist kein Grund, ihm blindlings zu vertrauen.«
   Aiyana streckte sich, die Schmerzen in ihrem Rücken stachelten sie an. »Wie kannst du es wagen, Leonardo so zu behandeln?«
   Moira schüttelte den Kopf. »Du bist diesem Verbrecher bereits verfallen. Wach auf, bevor ein Unglück geschieht.«
   Aiyana schnappte nach Luft. »Wenn du das von Leonardo denkst, ist es besser, du verlässt auf der Stelle meine Wohnung.«
   Moira sah Aiyana wie versteinert an. »Wie kannst du einem hergelaufenen Typen mehr vertrauen als mir?« Ruckartig stand sie auf. »Ich habe mich anscheinend in unserer Freundschaft getäuscht.« Mit eiligen Schritten verließ sie den Raum. Die Tür schlug krachend hinter ihr zu.
   Aiyana sank auf ihrem Sofa zusammen. Ihre Tränen kamen nicht von ihren starken Rückenschmerzen. Sie kannte Moira zwar erst seit einem Jahr, aber sie hatte nie eine bessere Freundin gehabt. Moira arbeitete als Moderatorin für die NYC-Studios und hatte sie das erste Mal an einem heißen Augusttag interviewt. Sie hatten schnell angefangen, sich auch außerhalb ihrer Arbeitszeit zu treffen. Sie hatte nie eine so enge Freundschaft gehabt. Sie vertraute Moira und konnte ihr alles erzählen. Hatte Moira recht, wenn sie in Leonardo nur einen Verbrecher sah?

Leonardo landete im Theodore Francis Flughafen in Providence. Er besaß kein Gepäck, ging sofort nach der Passkontrolle zum Ausgang und beschloss, nach Woods Hole zu rennen. Nach einer halben Stunde tauchten die grünen Landzungen auf, die sich wie die Arme eines Tintenfisches im Meer ausbreiteten. Das helle Mittagslicht verlieh den Konturen harte Schatten. Schnell fand er die Aloha Road. Sie lag am Rande des Pazifiks und wer keine Angst vor drohenden Überflutungen hatte, fand hier Ruhe und Einsamkeit. Zwischen den weit auseinander stehenden Residenzen kämpften verwachsene Bäume um ihr Überleben. Er erkannte das Haus, das er sich auf Google Earth angesehen hatte. Zögernd und angespannt näherte er sich dem roten Gebäude. Er hatte es nicht gewagt, Neele auszufragen. Kaliope besaß ungeheure Kräfte. Wenn ihr Urteil über sein Vergehen zu seinen Gunsten ausfiel, konnte sie die weiße Magie nutzen, um den Fluch rückgängig zu machen. Sobald er vor dem Haus stand, öffnete sich die Tür.
   »Komm herein, Leonardo. Ich spüre seit einer Weile, dass du kommst.«
   Kaliope glich auf den ersten Blick Neele. Erst beim genauen Hinschauen bemerkte Leonardo die kantigen Züge, die ihr eine eigene Schönheit schenkten. Das tief geschnittene graue Kleid betonte ihre weiße Haut, die daran erinnerte, dass sie eine Lix war.
   Er räusperte sich. »Wir haben telefoniert, ich wollte Sie nicht unangemeldet überfallen.«
   Kaliope schüttelte seine Hand. »Du hast mir am Telefon gesagt, dass Neele im Moment leider zu schwach ist, um ein Ritual durchzuführen. Das tut mir leid für sie.«
   Leonardo nickte. »Ja. Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass sie ein Ritual abhält.«
   »Du musst dir keine Vorwürfe machen. Ich kenne Neele. Sie ist eine ausgezeichnete Schauspielerin und immer bereit, sich für andere aufzuopfern. Sie hat bestimmt nichts von ihrer Schwäche erwähnt, darum konntest du nicht ahnen, wie schlecht es ihr ging.«
   »Ja, leider. Ich musste ihr versprechen, mich bei Ihnen zu melden und bin sehr froh, dass Sie sich so schnell um mein Problem kümmern können.«
   Kaliope schüttelte ihren Kopf. »Leider habe ich nur wenig Zeit zur Verfügung, da ich nachher nach Miami fliegen muss. Aber ich wollte dich noch treffen, bevor ich gehe. Du hast verzweifelt geklungen. Komm herein, damit wir sofort beginnen können.«
   Er folgte ihr in das Haus, das von außen klein wirkte. Doch der Eindruck täuschte. Sie durchschritten eine Eingangshalle, die sehr hoch wirkte.
   Kaliope öffnete eine Tür und sie betraten einen sonnendurchfluteten Raum, der mit hellem Holz verkleidet war. Die Mitte hatte Kaliope leer gelassen. An der Wand stand ein schmaler Tisch aus weißem Marmor. Kelche, Dolche, Steine und Federn lagen unordentlich auf der schimmernden Oberfläche verteilt. Leonardo beobachtete Kaliope, die wie ein Kristall den Raum mit ihrer schimmernden Präsenz ausfüllte. Hoffnung keimte in ihm auf. Als er den Frevel beging, der den Fluch auslöste, tat er dies mit einem reinen Herzen. Kaliope würde hoffentlich diesen Umstand berücksichtigen, wenn sie ein Urteil fällte. Er wusste, dass ein Fluch unter der Anleitung einer Lix aufgelöst werden konnte. Kaliope legte zwei Kissen auf den hellen Parkettboden.
   »Komm, ich möchte dir gern helfen, damit du die Kraft findest, dein Hindernis selbst zu überwinden. Setz dich.
   »Ich befinde mich in einer furchtbaren Lage«, sagte Leonardo heiser.
   »Wir werden sehen, was wir tun können.«
   Leonardo setzte sich langsam auf das Kissen.
   »Schildere mir bitte in kurzen Worten dein Anliegen, damit ich weiß, welches Ritual ich wählen muss.« Kaliope setzte sich ihm gegenüber.
   Leonardos Zunge klebte am Gaumen. Er brachte die Worte, die das Ende der Familie Visconti bedeuteten, nicht über die Lippen.
   Kaliope stand auf und holte einen Dolch. »Ich werde deine Seele befreien und deine Angst durchtrennen.« Sie kniete sich neben ihn. »Du must deinen Pullover ausziehen.« Mit der scharfen Klinge ritzte sie ein Kreuz in sein Sternum. Wie bei allen Vampiren floss kein Blut. Ein warmer Strom durchdrang ihn und löste seine Zunge.
   »Ich habe die Lix Daphne, meine zukünftige Frau, vor der rituellen Heirat verführt.«
   Kaliope entwich ein klagender Laut. Sie sprang von ihrem Kissen hoch. »Wie konntest du das tun? Das hat den Fluch über dich gelegt.«
   Leonardo stand ebenfalls auf und ergriff Kaliopes Hand. »Können Sie wenigstens meiner Familie helfen?«
   Kaliope wich einen Schritt zurück. »Niemand besitzt die Kraft, diesen Fluch rückgängig zu machen. Es ist sinnlos, dich anzuleiten, du würdest nichts ausrichten können.«
   Leonardo sah Kaliope wütend an. Er wollte die Wahrheit nicht akzeptieren. Es gab immer einen Ausweg. Kaliope täuschte sich, jeder Fluch konnte verändert werden.
   Gebeugt stand sie ihm gegenüber. »Du musst es deiner Familie sagen. Sie haben das Recht, zu erfahren, dass ihr Untergang nur eine Frage der Zeit ist.« Sie sah ihn voller Abscheu an. »Es ist ein furchtbares Vergehen und ich verstehe nicht, warum du dich hast hinreißen lassen.«
   Leonardo schüttelte seinen Kopf. »Ich kann mich nicht erinnern. Ich verstehe nicht, wie es passieren konnte.«
   Kaliopes Ausdruck wechselte. »Du warst jung und ungeduldig. Wenn ich in Miami bin, werde ich die Göttin anflehen, Neeles Leben zu verlängern. Für dieses Ritual brauche ich eine Nacht, diese Zeit habe ich jetzt nicht. Ich gebe nicht gern auf, aber ich denke nicht, dass du dir Hoffnungen machen darfst. Es wäre besser, du gehst jetzt nach Hause und sprichst mit deinen Eltern. Du darfst nicht noch mehr Zeit verstreichen lassen.«
   »Danke Kaliope. Neele hatte mir gesagt, dass Sie die Einzige wären, die mich dazu anleiten könnte, den Fluch zu überwinden.«
   »In deinem Fall kann ich nichts machen. Es tut mir leid.« Sie sah ihn mitfühlend an und ging zur Haustür.
   Leonardo folgte Kaliope. Als er das Haus verließ, traf ihn die Wahrheit wie ein herunterfallender Meteorit. Ein grauer Nebel legte sich über sein Bewusstsein und umhüllte ihn mit seiner zerstörenden Kraft. Seine Gedanken drehten sich ununterbrochen um den Fluch und ein dunkler Strudel riss ihn mit.

Wie war er nach Manhattan gekommen? Was hatte er während der letzten Tage getan? Er stand im Central Park und hatte Durst. Bald musste er trinken. Er roch einen Duft, der seine Blutlust verstärkte. Diesen Geruch kannte Leonardo. Er folgte der Witterung bis zu dem Körper, der am Boden lag. Ihr unvergleichlicher Akazienduft durchbrach den Strudel, der ihn gefangen gehalten hatte, seit er von Kaliope wegging. »Aiyana.«
   Sie hob ihren Kopf vom Boden. Ihr Lächeln erstarb. Sie starrte ihn entsetzt an. »Was ist mit dir passiert?«
   »Ich weiß es nicht.« Er sagte die Wahrheit. »Komm, ich helfe dir auf.«
   Sie zögerte. »Du bist verletzt.«
   Er folgte ihrem Blick. Der Ärmel seines Pullovers war zerfetzt und er hatte eine tiefe Kratzspur auf seinem Arm. Er erinnerte sich an keinen Kampf, aber die Verletzung konnte nur von einem Vampir stammen. »Ich kämpfe nur im Notfall, und nur, um Leben zu retten.«
   »Du solltest dich untersuchen lassen.« Sie erhob sich schwankend.
   Seine Hand schoss nach vorn und stützte sie.
   »Danke.« Sie blickte auf seinen Arm. »Deine Wunde sieht merkwürdig aus, sie blutet nicht.«
   Er nickte. »Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Um dich mache ich mir mehr Sorgen.«
   »Ich bin ohnmächtig geworden. Seit dem Unfall passiert mir das dauernd. Hat dich ein Tier angefallen?«
   Leonardo zog den Pulloverfetzen über seinen Arm. »Es muss ein Mensch gewesen sein, wilde Tiere laufen nicht frei herum.«
   Aiyana sah ihn misstrauisch an. »Ja, wahrscheinlich.«
   Sie blinzelte und schien sich schwindelig zu fühlen.
   »Du musst dich ausruhen. Soll ich dich in deine Wohnung begleiten?«
   »Das werde ich übernehmen.« Moira baute sich neben Leonardo auf. »Sind Sie wieder für eine Rettung hier?« Sie musterte ihn abfällig. »Haben Sie heute schon in den Spiegel gesehen oder besitzen Sie keinen?«
   Leonardo sah an sich hinunter. Seine Jeans hing zerfetzt an seinen Beinen.
   »Es ist besser, Sie überlassen mir Aiyanas Pflege.« Sie drehte ihm entschlossen den Rücken zu und ergriff Aiyanas Hand. »Wollen wir nach oben gehen, um uns auszusprechen? Lass bitte nicht zu, dass Leonardo unsere Freundschaft zerstört.«
   Aiyana zögerte, sah entsetzt auf seinem Arm. »Du musst dich untersuchen lassen.«
   »Das werde ich tun.«
   »Versprochen?« Sie stand abwartend vor ihm.
   »Versprochen.« Das erleichterte Lächeln in ihrem schönen Gesicht jagte ihm einen Schauder über den Rücken. Sie machte sich Sorgen um ihn.
   »Kommst du?« Moira sah Aiyana fragend an.
   Aiyana nickte. Sie blickte erneut auf seinen Arm und folgte Moira in das Gebäude. Was musste Aiyana über sein zerfetztes Äußeres denken und wie konnte er ihr den Filmriss erklären, denn er erlitten hatte, nachdem er Kaliope verlassen hatte?

Moira beobachtete, wie Aiyana mit zittrigen Händen die Wohnungstür schloss. Sie atmete in kurzen, heftigen Stößen. »Ich bin verunsichert. Hast du gesehen, was mit Leonardo passiert ist?«
   »Er hat ausgesehen, als ob er eine Schlägerei hinter sich hätte.«
   Aiyana schüttelte den Kopf. »Ich meine seine Verletzung.«
   Moira lehnte sich ans Sofa. »Mein Mitleid mit Leonardo hält sich in Grenzen. Wer sich auf eine Schlägerei einlässt, muss mit Verlusten rechnen.« Moira schnaubte verächtlich. Aiyana ging mit unsicheren Schritten ums Sofa und setzte sich. »Es hat nicht geblutet.«
   »Tut mir leid, ich habe ihn nicht so genau betrachtet. Er sah nicht gerade einladend aus.«
   Aiyana umklammerte ein Kissen, als wollte sie sich festhalten. »Er hat mir versprochen, zum Arzt zu gehen.«
   »Ich denke, eine Dusche würde mehr für ihn tun.«
   »Würde bestimmt nicht schaden«, sagte Aiyana.
   Moira grinste. Aiyana hatte ihren Sarkasmus wiedergefunden, vielleicht überwand sie auch ihre Schwärmerei für Leonardo. Sie kletterte über die Lehne des Sofas und ließ sich neben Aiyana fallen. Es fühlte sich an wie immer. Ihre dumme Streiterei lag hinter ihnen.
   Aiyana ließ das Kissen los. »Da wir vom Duschen sprechen … Könntest du hierbleiben, während ich unter der Brause bin, falls ich wieder einen Ohnmachtsanfall habe?«
   Moira nickte. »Ich seife dir auch gern den Rücken ein.«
   »Danke, aber im Moment sind Rückenmassagen nicht so mein Ding.« Aiyana verschwand im Badezimmer.
   Moira holte sich ein Glas Wasser aus dem Kühlschrank. Aiyanas Stimme übertönte das Rauschen des Wassers. Sie lauschte dem Gesang ihrer Freundin. Der kräftige Klang passte nicht zu Aiyanas filigranem Körper. Sie sang in einer Sprache, die sie noch nie gehört hatte. Es musste ein Kinderlied in Navaho sein. Das Telefon klingelte. Sie blickte auf die geschlossene Badezimmertür, hastete zum Klubtisch und drückte auf den grünen Knopf.
   »Ich möchte mit meiner Tochter sprechen.« Aiyanas Mutter sprach mit einer näselnden Stimme. Es klang mehr nach einem Befehl als nach einem Wunsch. Moira fluchte und beschloss, Aiyana die Entscheidung zu überlassen, ob sie das Gespräch annehmen wollte. Im Badezimmer rief sie vergeblich Aiyanas Namen. Vorsichtig schob sie die gläserne Schiebetür zur Seite. Aiyana stand mit dem Rücken zu ihr, sang versunken ihr Lied und bemerkte Moira nicht. Ihre Freundin besaß ein goldenes Tattoo und sie wusste nichts davon? Sie ließ das Telefon fallen, das mit einem lauten Krachen zu Boden fiel.
   Aiyana drehte sich erschrocken um und sah die verteilten Kunststoffteile.
   »Es war deine Mutter.«
   Aiyana zuckte mit den Schultern. »Lass es liegen, ich setze es heute Abend zusammen.«
   Moira schluckte. »Du hast ein goldenes Tattoo und ich weiß nichts davon?«
   Aiyana stellte das Wasser ab. »Ich habe kein goldenes Tattoo, ich habe ein graues Symbol.«
   Was meinte Aiyana? Das Symbol leuchtete gut sichtbar in einem satten Gold. Moira starrte ihre Freundin an, nahm das Badetuch und überreichte es Aiyana, die sich im Zeitlupentempo abrubbelte.
   »Es ist golden und ich will alles darüber erfahren.« Moira verließ das Badezimmer und platzte fast vor Neugier. Sie holte ein Wasserglas für Aiyana und setzte sich wieder auf das Sofa.
   Aiyana kam lachend auf sie zu. »Du siehst wie eine Musterschülerin aus, die auf einen Vortrag wartet.«
   Sie trug einen weißen Bademantel, den sie sich im Gehen zuschnürte, und setzte sich neben ihre Freundin. Ein verträumter Ausdruck legte sich über ihre Augen und sie schien in eine unbekannte Welt hinüberzugleiten. Moira überließ sich Aiyanas dunkler Stimme.
   »Ich weiß nicht, ob ich wirklich an diese Indianerlegende glauben soll. Das Symbol zeigt, dass ich eine Auserwählte bin, die eine Seelenverbindung eingehen kann, die über viele Generationen fortdauert. Das Symbol verfärbt sich golden, sobald ich meinen ewigen Gefährten in diesem Erdenleben wiedertreffe.«
   Moira fühlte sich in eine frühere Welt zurückversetzt. Sie sah Aiyana ungläubig an.
   »Jetzt kennst du mein Geheimnis.« Aiyana lächelte verzagt.
   Moira sprang auf. »Das ist unglaublich. Dein Symbol ist golden, glaub es mir.«
   Aiyana erhob sich ebenfalls und eilte ins Schlafzimmer. Sie drehte sich so, dass sie sich von hinten sah. Vor dem Spiegel kreuzten sich ihre Blicke schweigend. Aiyanas Gesicht verlor seinen Braunton.
   »Das ist nicht möglich. Es kann nicht wahr sein.« Ihre Stimme zitterte und brach am Ende weg.
   »Seit wann ist es golden?«
   Aiyana zuckte mit den Schultern. »Ich habe nicht darauf geachtet. Aber vor zwei Tagen im Krankenhaus war es grau. Doktor Weser hatte mich auf den merkwürdigen Farbton angesprochen.«
   Moira pfiff durch ihre Zähne. »Hast du in den letzten zwei Tagen einen Mann getroffen, der den Farbwechsel hätte auslösen können?«
   Aiyana zuckte sichtbar zusammen. »Leonardo.« Sie hauchte den Namen und setzte sich auf ihr Bett. »Ich habe nie an diese Legende meiner Großmutter geglaubt.«
   Moira schüttelte den Kopf und legte ihren Arm um Aiyana. »Mach dich nicht verrückt. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass diese Symbolgeschichte wahr ist.«
   Aiyana richtete sich auf. Der Bademantel rutschte herunter. Moira starrte das Symbol an. »Darf ich es anfassen?«
   Aiyana nickte.
   Moira strich vorsichtig über das Symbol. »Vielleicht gibt es einen anderen Grund für die Farbveränderung. Hast du es ärztlich untersuchen lassen?«
   »Nein, meine Adoptiveltern erzählten den Ärzten immer, es sei ein indianisches Tattoo. Ich weiß nicht, was das bedeuten soll. Ich glaube, meine Großmutter ist die Einzige, die mir helfen kann.«
   Moira erhob sich. Die ganze Geschichte erschien ihr wie ein Traum. Solche Sachen passierten nur in Filmen.
   Aiyana zog ihren Bademantel an und verschnürte ihn hektisch. »Du darfst niemandem etwas erzählen.«
   »Ich bin keine Plaudertasche, du kennst mich.«
   Aiyana nickte zustimmend und beugte sich nach vorn, als ob das Zeichen eine Last bedeutete. »Normalerweise überdecke ich das Symbol mit einer speziellen Paste, die mir meine Großmutter gegeben hat.«
   Moiras Hals fühlte sich ausgetrocknet an. »Ich muss etwas trinken.«
   Sie musste ins Studio, um einen Schauspieler zu interviewen. Sie stürzte ihr Glas Wasser in einem Zug hinunter, stellte es auf den Tisch zurück und drehte sich zu Aiyana, die ihr ins Wohnzimmer gefolgt war, um. »Bist du deshalb so in Leonardo vernarrt, weil du denkst, er sei deine ewige Liebe?«
   »Nein, das ist es nicht.« Aiyana hielt sich am Sofa fest. »Er weckt in mir Gefühle, die ich noch nie empfunden habe. Ich wünschte, du könntest fühlen, was ich erlebe, wenn ich ihn ansehe. Du würdest mich verstehen.«
   Moira wusste, wovon Aiyana sprach, aber sie kannte auch die Enttäuschung, die daraus entstehen konnte. »Bitte tu mir einen Gefallen. Überstürze nichts.« Sie küsste Aiyana und ging mit einem merkwürdigen Gefühl zur Tür. Sie hasste es, ihre Freundin allein zu lassen. Das Symbol erschien ihr unwirklich. Am liebsten hätte sie darüber gelacht, aber sie hatte das Zeichen gesehen. Welche Erklärung gab es dafür? »Schließ hinter mir ab.«
   Aiyana grinste. »Glaubst du Leonardo kommt, um die ewige Liebe einzufordern?«
   Moira nickte nur. Als sie sich umsah, stand Aiyana neben der Tür. Die Nachmittagssonne schien auf sie und sie sah aus wie eine normale, achtzehnjährige junge Frau.

Großmutters Silhouette war schon von Weitem zu sehen. Tsula trug ihren roten Lieblingsmantel, an ihren kraftvollen Schultern hing eine beigefarbene Tasche. Vor dem Eingang des Green Wood Friedhofes in Brooklyn wirkte ihre indianische Kleidung ungewöhnlich. Aiyanas Herz klopfte, Tsula und sie verband ein tiefes Gefühl der Vertrautheit. Großmutter hatte darauf bestanden, sie an diesem ungewöhnlichen Ort zu treffen, und sie hatte zugestimmt. Sie hoffte, den wahren Grund ihrer Ohnmachtsanfälle herauszufinden.
   Tsula umarmte sie, der Duft von Patschuli hüllte sie ein und ihre Anspannung löste sich.
   »Zum Glück konnte ich dich am Telefon umstimmen und dich hierher lotsen. Deine Ohnmachtsanfälle könnten mit der Farbveränderung deines Symbols zusammenhängen.« Tsula strich ihr über den Rücken. »Ich weiß, dass du eine moderne Frau bist und nicht wirklich an diese alten Legenden glaubst.«
   Aiyana beschloss ertappt, die Wahrheit zu sagen. »Ich glaube nicht wirklich daran, aber ich möchte meine Schwächeanfälle loswerden und du bist die Einzige, die mir helfen kann.«
   Tsula sah sie lächelnd an und nickte. Sie nahm ihre Hand und führte sie unter den beiden Türmen durch, die gebieterisch über den Eingang des Friedhofes wachten.
   Aiyana liebte Tsula für diese Geste, die ihr half, die letzten Vorbehalte zu überwinden.
   »Ich habe im Feuerritual erfahren, welchen Namen du in deinem letzten Leben trugst und wo du begraben wurdest. Ich hoffe, den Grund deiner häufigen Ohnmachtsanfälle in deiner Vergangenheit zu finden.«
   Sie gingen nebeneinander über den Friedhof. Monumentale Formationen erhoben sich einsam aus dem grünen Rasen. Große Bäume reckten ihre knorrigen Äste, die im Gegenlicht wie leblose Knochen aussahen, zum Himmel. Eine gespenstische Ruhe lag über den steinernen Gräbern. Die Sonne tauchte die Szenerie in einen hellen Schein, der die düstere Atmosphäre vertrieb.
   Tsula führte Aiyana zu einem Steinengel, der abgeschieden unter einem Baum stand. Aiyana starrte die Inschrift an. Hier ruht Leotie. Sie stand vor ihrem eigenen Grab. Warum wurde die Frau in New York begraben und nicht im Reservat? Dem Namen nach war sie Indianerin.
   Großmutter trat neben sie. »Es steht nur ihr Vorname da. Das zeigt, dass sie mit einem Wesen liiert war, der sie in jeder Inkarnation hier begräbt und jedes Mal nur den Vornamen ändert.«
   Aiyana wich einen Schritt zurück. »Du glaubst wirklich, dass es andere Wesen gibt?«
   Tsula flüsterte. »Dein Symbol hat sich verfärbt, das heißt, du hast deine ewige Liebe gefunden. Du bist erwachsen geworden und wirst die Präsenz der anderen Geschöpfe, die zwischen uns leben, spüren. Nur wir Schamanen wissen von ihrer Existenz und hüten dieses Geheimnis seit Tausenden von Jahren, um das Gleichgewicht des friedlichen Zusammenlebens nicht zu stören. Wir können ihre Gefühle empfangen. Sie fühlen sich durchsichtig wie vibrierender Nebel an. Wenn es unser Schicksal will, verbindet sich unser Lebensweg mit einem solchen Wesen.«
   »Was weißt du über sie?«
   »Leider nicht viel, ich bin nie einem begegnet.«
   Tsula holte eine dünne Decke mit indianischen Mustern aus ihrer Tasche, legte sie neben dem Grab auf den Boden und setzte sich darauf. »Komm zu mir.« Sie reichte ihr die Hand.
   Mit zittrigen Beinen ging Aiyana in die Hocke. Sie konnte nicht glauben, was sie gehört hatte. Es gab eine unsichtbare Welt, die sie umgab und von der sie bis jetzt nichts gewusst hatte?
   »Setz dich hin. Wir wollen uns um deine Ohnmacht kümmern. Du wirst meine Kraft spüren, sobald ich mich versenke.« Tsula schloss die Augen und begann in unglaublichem Tempo Silben in Navaho zu flüstern.
   Aiyana wurde vom Klang ihrer Stimme mitgerissen. Ihr Symbol wurde heiß und pulsierte pochend. Erstaunt berührte sie das Zeichen. Mit einem Schmerzenslaut zog sie ihre Hand zurück und starrte auf die verbrannten Finger.
   Tsulas Worte wurden langsamer, sie öffnete die Augen. Blankes Entsetzten lag in ihrem Blick, als sie die Verletzung sah. »Du darfst deiner Seelenverwandtschaft nicht mehr vertrauen. Schau dir deine Hand an.« Sie untersuchte die Wunde. »Dein Symbol warnt dich vor einer Gefahr. Deine Ohnmachtsanfälle sind nur die ersten Vorboten.«
   Aiyana schüttelte ungläubig den Kopf. Das Symbol hatte sich verfärbt, nachdem sie Leonardo traf. Es konnte nicht sein. Sie fühlte die Seelenverbindung zwischen ihnen. Jede freie Minute hatte sie an ihn gedacht. »Du musst dich täuschen. Die Ohnmachtsanfälle kommen von etwas anderem.«
   Tsula schüttelte den Kopf.
   Aiyana starrte ihre Hand an, die schmerzhaft pochte. »Wie kann das Symbol eine solche Hitze erzeugen?«
   »Es besitzt große Macht.«
   Die Angst vor der unbekannten Gefahr lähmte Aiyana.
   Tsula legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ich habe deine Vergangenheit geprüft, sie ist unbescholten. Dein Schicksal in diesem Leben kann ich nicht beeinflussen.« Sie zog Aiyana sanft von dem steinernen Engel weg. Ihre dunklen Augen sahen sie an. »Folge deiner inneren Stimme und du wirst das Richtige tun.«
   Aiyana nickte unsicher. Ihre innere Stimme wisperte nur Leonardo, seit sie ihn getroffen hatte. Obwohl ihr Gewissen ihr immer wieder zuraunte, dass die Mafia Manhattan beherrschte, und Leonardo möglicherweise ein Mitglied war. Das würde die Kampfspuren bei ihrem letzten Zusammentreffen erklären. Leben retten konnte unterschiedlich ausgelegt werden. Vielleicht hatte er für seinen Clan gekämpft.
   Großmutter nahm ihre Hand, als sie zum Eingang zurückgingen.
   Tsulas ledrige Haut beruhigte Aiyana. Die Dämmerung legte sich über die Gräber und sie glaubte, die Präsenz der Seelen zu spüren. Die meisten Besucher hatten den Friedhof bereits verlassen.
   »Du musst Arnika auf deine Hand tun.« Tsula prüfte vorsichtig ihre Wunde. »Es tut mir leid, ich musste die bösen Kräfte hervorlocken. Ich hätte dir diese Verletzung gern erspart.«
   Aiyana legte ihre Arme um Tsula. »Du must dich bestimmt nicht bei mir entschuldigen.« Sie küsste die wettergegerbte Wange, die nach Harz duftete. »Danke, dass du gekommen bist, obwohl deine Freundin Utina krank ist und auf deine Pflege wartet.«
   Tsula wiegte ihren Kopf hin und her. »Utina befahl mir, zu gehen. Sie meinte, sie wüsste, wann die Zeit für ihre Reise ins Jenseits gekommen sei.« Tsula lächelte. »Utina hatte in ihrem Leben immer recht, warum sollte es diesmal anders sein?« Schweigend verließen sie den Friedhof und gingen die Straße entlang, bis der Eingang der Untergrundbahn vor ihnen lag.
   Sie stiegen die vielen Treppen hinunter.
   »Um zum Flughafen zu gelangen, musst du hier links abbiegen. Soll ich dich begleiten?«
   Tsula schüttelte den Kopf. »Ich habe auch allein vom Flughafen hierher gefunden. Geh nach Hause und ruh dich aus.«
   Aiyana sah Tsula an. »Ich liebe dich. Ich komme dich bald in New Mexiko besuchen.« Sie umarmte Tsula.
   »Dein Zimmer in Ziah ist immer für dich bereit.« Tsula küsste sie auf die Stirn und murmelte dabei etwas. »Du wirst das Richtige tun, das spüre ich genau. Vertrau dir.« Tsula lächelte sie nochmals liebevoll an, bevor sie sich in den Strom der Menschen einreihte.
   Aiyana sah ihr hinterher, bis ihr roter Mantel zwischen den vielen grauen und schwarzen Tönen verschwand.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.