Annas große Liebe Sebastian riskiert sein Leben, denn er sagt seiner gefährlichen Magierfamilie im Alleingang den Kampf an. Anna versucht, ihn aufzuspüren, doch er scheint wie vom Erdboden verschluckt. Ihre einzige Chance: Sie muss ihre Gabe nutzen und den ursprünglichen Engel zum Leben erwecken. Dazu benötigt sie geheimnisvolle Pergamente, an die sie nicht herankommt. Um den Engel zu beschwören, setzt sie alles auf eine Karte und geht schließlich einen tödlichen Pakt ein …

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ISBN: 978-9963-52-042-8

Seiten: 318

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Simone Olmesdahl

Simone Olmesdahl
Wassermännern sagt man nach, sie würden ein großes Maß an Kreativität besitzen. Die im Januar 1985 in Solingen geborene Simone Olmesdahl versuchte viele Jahre, den Kern ihrer Kreativität zu finden. Nachdem sie sich weder „Mal“- noch „Basteltalent“ auf die Brust schreiben konnte, fand sie ihre Leidenschaft im Verfassen von Geschichten. Simone liebt romantische Geschichten, ist Mitglied der DeLiA (Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren), und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht ein paar Sätze zu Papier bringt.

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Leseprobe

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1. Kapitel
Brodelnde Felder

Antonio del Rossi schlenderte, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, die ärmliche Gasse entlang. Dunkle Wolken kleideten den Himmel. Sie verboten, dem trostlosen Anblick Wärme zu schenken und tristes Grau überzog die Straße, auf der sich Wäscheleinen von einem heruntergekommenen Haus zum nächsten spannten. Die meisten Häuser des Viertels benötigten dringend einen frischen Anstrich. Die blättrige Farbe schälte sich von den Fassaden und gab den Blick auf alten Putz frei. In manchen Reihen der vielen maroden Dächer fehlten hier und da ein paar Ziegel. Die Kleidung, die über den Wäscheleinen hing, spiegelte die Dürftigkeit der Anwohner wider. Immerhin verteilten die Blusen und Hosen, die im Wind flatterten, einen frischen Duft über die Straßen.
   Antonio atmete tief ein, füllte die Lungen mit dem Geruch, den er den Duft der Armut nannte. Das Salz des nahe liegenden Meeres legte sich auf seine Zunge. Ein Gefühl, das andere als Hochmut bezeichnet hätten, breitete sich aus und drang in jede Pore seiner Haut und in jede Zelle seines Verstandes. Er ergötzte sich an dem elenden Anblick.
   Seine Körpergröße war nicht nennenswert, eher klein für einen Mann. In diesem Viertel der Stadt fühlte er sich groß, überlegen und so, wie sich ein Magier fühlen sollte. Die Größe, die sich nicht in Zentimetern messen ließ, schienen die Menschen vergessen zu haben. Er hielt sich zurück, ihnen unter die Nase zu reiben, was er verkörperte. Seit fast einem Jahrhundert lebte er in Neapel, in einer Villa nahe am Meer. Er liebte die Stadt wie keine zweite. Er gehörte zu den wohlhabenden Bürgern von Neapel und trug den Reichtum auf starken, wenn auch kurzen Beinen. Obwohl er in Venedig geboren war, fühlte er sich dieser Stadt verbunden. Er war am Meer zu Hause. Seiner Frau zuliebe hatte es ihn und seine Familie tiefer in den Süden verschlagen. Gia war ein ausgesprochener Sommermensch und er teilte ihren Gräuel gegen Schnee und Eis.
   Obwohl es bereits auf Weihnachten zuging, maßen die Temperaturen angenehme sechzehn Grad. Ein weiterer Umstand, weshalb er das Fleckchen Erde gern als Heimat bezeichnete.
   Antonios Blick schweifte zu einer Horde verwahrloster Kinder. Sie spielten auf der engen Straße und beachteten ihn nicht weiter. Unweigerlich dachte er an seine Tochter. Er hatte Kira eine gefühlte Ewigkeit nicht gesehen. Auch wenn es einem Magier schwerfiel, sich das einzugestehen, musste er zugeben, dass er sie schmerzlich vermisste. Seit sie sich an die Seite der Fingerless geschlagen hatte, hörte er kaum noch von ihr. Obwohl es bereits zwei Jahre zurücklag, dass sie sich aus den Fängen des Rechtsbeirats für besondere Menschen freikämpfen konnte, hatte sie ihn seither nicht besucht. Insgeheim wartete er auf eine besondere Nachricht. Beim Gedanken daran, dass sie sich einen der stärksten Magier der Welt geangelt hatte, schwoll seine Brust. Kira hatte mit Bedacht gewählt. Sebastian war ein guter Junge und ein klasse Fang dazu. Eine Hochzeit würde Macht mit sich bringen, auf die er schon viel zu lange Zeit verzichtete.
   Eine wütend wirkende Frau stürmte vor ihm aus einem Hauseingang. Antonio zuckte zusammen, als sie ihn jäh aus seinen Gedanken riss und ihm den Weg versperrte. Sie schwang einen Teppichklopfer, als überlegte sie, ihn als Waffe zu gebrauchen. Entsetzt sprang er einen Schritt zurück.
   »Stronzo! Du widerwärtiger Armleuchter. Wie kannst du es wagen, dich hier blicken zu lassen?« Sie stierte ihn an, das dunkle Braun ihrer Augen funkelte wie ein Sonnenstein.
   Antonio hielt ihrem Blick stand. Dunkler Zorn entflammte sein Herz, züngelte seine Adern empor. Was bildete sich die Schnepfe ein, ihn auf offener Straße zu beschimpfen? Er schluckte schwer und versuchte, das auflodernde Feuer im Keim zu ersticken. Wenn die Magie ausbrach … Lange Zeit hatte er seine Selbstbeherrschung trainiert und diese Frau war es nicht wert, alles über Bord zu werfen. Er riss sich zusammen, lenkte seine Gedanken, bis die heiße Welle langsam abschwappte und die Blasen im Blut versiegten.
   »Hat es dir die Sprache verschlagen?«, spottete die Fremde.
   Antonio räusperte sich und befeuchtete die Lippen, bis er glaubte, seinen Tonfall unter Kontrolle zu haben. »Senora, kann ich Ihnen helfen?« Unterschwellig begleitete ein leises Beben seine Worte. Jede weitere Aufregung bedeutete das Aus. Törichtes Weib.
   »O ja, das kannst du. Sieh zu, dass dein verzogener Sohn die Finger von meinem Gianni lässt. Wenn er noch einmal mit blutiger Nase nach Hause kommt, werde ich meinen Mann schicken, um die Sache zu klären.« Ihre Stimme überschlug sich unter dem breiten Akzent.
   Ein dunkler Blitz zuckte durch seinen Körper, rot stoben die Funken auf. Er ballte die Hand zu einer Faust. Seine Fingerknöchel knackten. Er durfte nicht schwach werden. Kontrollverlust war das Letzte, was er gebrauchen konnte.
   »Ich verstehe nicht ganz?« Es kostete Mühe, die Worte hinauszupressen. Sein magisches Temperament zu zügeln, verlangte ihm seine ganze Kraft ab. Er blickte zum Teppichklopfer, konzentrierte sich auf seine Atmung und startete einen Versuch, die Führung zurückzuerlangen.
   Die Frau ließ den Teppichklopfer sinken und mit ihrer Bewegung erlosch die dunkle, gefährliche Hitze. »Mein Sohn traut sich kaum noch zur Schule. Luca terrorisiert ihn und schreckt nicht davor zurück, meinen Gianni zu schlagen. So geht das nicht weiter. Seine Noten leiden.«
   Wie typisch für Luca. Sein wahnwitziger Teenagerverstand brachte sie noch allesamt um Kopf und Kragen. Er ähnelte Kira in vielerlei Hinsicht. Seine Arroganz wuchs mit jedem Tag und er akzeptierte einfach nicht, dass sie für den Moment in Frieden mit den Menschen lebten. Was hatte er falsch gemacht? Woher hatten seine Kinder bloß ihr aufbrausendes Wesen?
   »Ich entschuldige mich für sein Verhalten. Aber Senora, er ist noch ein halbes Kind und Kinder streiten manchmal. Ich bin sicher, er hat es nicht so gemeint.«
   »Nicht so gemeint? Zwischen Streiten und Schlagen besteht ein gewaltiger Unterschied und er ist auch kein Kind mehr. Mit fünfzehn Jahren sollte er wissen, was Recht und was Unrecht ist.« Sie schüttelte verständnislos den Kopf und stemmte die Hände in die üppigen Hüften.
   Erstaunlicherweise ähnelten die Menschen den Magiern ungemein, wenn es um das Wohlbefinden ihrer Kinder ging. Zwar leiteten sie unterschiedliche Gefühle, dennoch sahen es beide Gattungen nicht gern, wenn es ihren Sprösslingen an den Kragen ging. Antonio verstand ihre Wut.
   »Ich werde mit Luca sprechen. Er wird sich entschuldigen müssen und Gianni in Zukunft in Ruhe lassen.«
   Das sah Luca wahrscheinlich anders. Er hielt sich nicht an Spielregeln und er würde hart durchgreifen müssen, um seinen impulsiven Sohn dazu zu bewegen, den Klassenkameraden in Ruhe zu lassen. Er maßregelte Luca nicht gern, aber bevor die Sache aus dem Ruder lief, musste er sich ein Herz nehmen.
   »Gut.« Die Frau nickte ihm zu und verschwand ohne Abschiedsgruß hinter einer maroden Haustür.
   Antonio atmete auf, wandte sich ab und ging weiter die Straße entlang. Sie lebten schon so lange friedlich mit den Menschen zusammen, dass ihn der Zorn der Frau erschütterte. Die Feindseligkeit der Leute war ihm inzwischen fremd geworden, denn seit der Rechtsbeirat die Fingerless geschnappt hatte, zügelte er sein magisches Temperament und verlangte, dass seine Familie dasselbe tat. Anders als die Fingerless hatte er den englischen Beirat nie unterschätzt. Die Mitglieder des Rechtsbeirats für besondere Menschen, oder kurz RFBM, stammten von derselben Spezies ab und er glaubte fest, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie volle Geschütze auffahren würden. Er verzichtete gern auf ihre Aufmerksamkeit. Kiras Gefangenschaft hatte damals einen großen Verlust dargestellt, die Familie geschwächt. Er hatte nach ihrer Festnahme vorgehabt, Gras über die Sache wachsen zu lassen und sich still zu verhalten, bis niemand mehr mit einem Angriff gerechnet hätte. Geduld ebnete Wege und der richtige Zeitpunkt bedeutete den halben Erfolg. Dann hätte er zurückgeschlagen, das blutige Handwerk der Fingerless fortgesetzt, und Vergeltung geübt. Doch da sie sich befreit hatten und es schien, als könnte Jonathan Fingerless nichts auf der Welt aufhalten, konnte er sich getrost zurücklehnen. Es war nicht nur viel bequemer, sich später ins gemachte Nest zu setzen, sondern auch bedeutend ungefährlicher. Kiras und Sebastians Hochzeit würde ihm und seiner Familie einen Platz an der Spitze der Weltherrschaft sichern, ohne dass er groß Zubrot leisten müsste. Bis es jedoch so weit war, dass Sebastians Vater Jonathan den Thron bestieg, musste er sich weiter in Geduld üben und, noch wichtiger, Luca dazu bewegen, die Dinge klarer zu sehen.
   Antonio bog um die Ecke und ließ das ärmliche Viertel hinter sich. Prachtvolle Einfamilienhäuser und Villen zierten die Straße, bevor sie nach der Hotelanlage am Strand endete. Zu seiner Linken türmten sich die Berge auf, die Phlegräischen Felder. Das Vulkangebiet erstreckte sich entlang der Küste. Es zog ihn an, viel mehr als das Wasser, denn es besaß eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm. Wenn man den Wissenschaftlern Glauben schenkte, verband eine riesige Magmablase den Westen der Felder mit dem Vesuv im Osten. Die Hitze köchelte heimlich vor sich hin, brodelte unter der Oberfläche, jederzeit zu einem Ausbruch bereit. Mit Magie verhielt es sich ähnlich. Sie schlummerte tief in seinem Kern, sprudelte durch seine Venen und wartete auf den perfekten Zeitpunkt, zu explodieren.
   Der Wind trug den verbrannten Geruch der Vulkane, den er nur wahrnahm, weil er über ein übernatürliches Riechvermögen verfügte, zu ihm herüber. Er ummantelte die Sinne, brannte auf der Zunge und breitete sich in seinem Innersten aus. Antonio lächelte und genoss das Gefühl.
   »Unsere Zeit wird kommen«, flüsterte er, den Blick auf die Felder gerichtet. »O ja, sehr bald.«

2. Kapitel
Vergeudete Tage

»Und nun zum Wetter …«
   Anna rollte sich auf die Seite und hob blinzelnd die Lider. Mist, sie war weggedöst und hatte die Nachrichten verschlafen. Sie tastete nach der Fernbedienung, schaltete den Fernseher aus und seufzte. Sie fühlte sich, als hätte sie ein Lastwagen überrollt. Langsam streckte sie die müden Glieder, richtete sich auf und strich eine Haarsträhne aus den Augen. Ihr verschwommener Blick glitt zum Fenster. Es dämmerte bereits, aber die Straßenlaterne reflektierte den Schnee und erhellte das Zimmer. Sie hatten einen weiteren sinnlosen Tag damit verbracht, nach Anhaltspunkten Ausschau zu halten. Wie lang sollte das noch so weitergehen?
   Anna sprang aus dem Bett und trat ans Fenster. Auf der Straße herrschte reges Treiben. In langen Wintermänteln und mit Mützen bekleidet jagten die Menschen durch die verschneite Stadt und erledigten die letzten Weihnachtseinkäufe. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel, tanzten durch die Luft, und setzten sich auf Sims und Asphalt. Doch unter der Last ihres Herzens konnte sie dem Anblick nichts Schönes abgewinnen, denn sie wog schwerer als der Mount Everest. Seit Wochen ließ sich der tonnenschwere Berg nicht von ihrer Brust schieben. Er schnürte ihr förmlich die Luft ab, und die Eiszeit hatte sich einen Weg in ihre Seele gebahnt. Über Panik war sie längst hinaus. Die Angst saß als ständiger Begleiter in der Magengegend, rumorte gelegentlich, und wuchs unter Anspannung und Unruhe. Aber sie war ein Gewohnheitstier und das Gefühl inzwischen so vertraut, dass sie es als Freund bezeichnete. Immerhin trieb die Furcht sie voran. Sie glaubte, dass sie ohne Angst überhaupt nicht mehr in der Lage wäre, sich auf den Beinen zu halten. Furcht war ein starker Gefährte, und sie konnte im Kampf gegen die Magier jeden Gefährten gebrauchen. Schon damals, als sie Sebastian vor Kira gerettet hatte …
   Sie verbot sich, die Gedanken weiter in Richtung ihres Halbgottes abschweifen zu lassen. Sie riskierte, in ein dunkles Loch zu stürzen. Seit knapp drei Monaten stemmte sie die Füße in den Boden, um nicht in den hässlichen Abgrund zu rutschen. Sie spürte seine Präsenz, kam ihm an manchen Tagen verdächtig nahe. Sie wusste, wenn sie einmal hineinglitte, besäße sie nicht die Kraft, wieder hinauszuklettern. Das schwarze Loch würde sie mit Haut und Haaren verschlingen. Jeder Gedanke an ihren dunklen Engel konnte den letzten Stoß bedeuten. Aber es war schwierig, nicht an ihn zu denken. Besonders, wenn sie allein war, zogen sie die Erinnerungen an wie ein gefährlicher Strudel.
   Wo blieb Marla so lange? Die Freundin war ihre einzige Ablenkung, auch wenn sie sich in letzter Zeit alles andere als grün waren. Als wäre der Gedanke ein Stichwort gewesen, hörte sie, wie der Schlüssel ins Schloss geschoben wurde. Annas Anspannung wuchs, ihr Magen verkrampfte sich. Irgendwann würde der Tag kommen, an dem der Feind das Zimmer betreten würde, obwohl Marla es mit allerhand Schutzzaubern versehen hatte.
   Eine rote Nase lugte ins Hotelzimmer und der Krampf löste sich. Ihre Fantasie ging mal wieder mit ihr durch.
   Marlas Wangen glühten, doch unter ihren Augen zeichneten sich tiefe Schatten ab. Sie trat ins Zimmer und schüttelte sich den Schnee aus den dunklen Locken. »Mensch, ist das kalt draußen.« Sie warf die Tageszeitung auf den kleinen Kieferntisch neben dem Fenster und stellte eine Tüte daneben, aus der es köstlich duftete. »Backfisch. Vom Weihnachtsmarkt.«
   Anna beobachtete, wie sich Marla aus der Jacke schälte, und vermied es, die Essenstüte anzusehen. Sie wollte nicht wahrhaben, dass in wenigen Tagen Weihnachten war und, noch schlimmer, ihr Geburtstag bevorstand. Wer sagte, dass Gott keinen Humor besaß? Seit Jahren sehnte sie den Tag herbei, an dem sie endlich achtzehn würde. Ihr Ticket in die Freiheit. Wie oft hatte sie sich über das Zusammenleben mit ihrer Stiefmutter Sally geärgert? Sie hatte sich geschworen, ihr und Paps auf die Minute genau den Rücken zu kehren. Doch nun hatte sich das Blatt gewendet. Die Dinge lagen anders und sie wünschte sich von Herzen, den Tag mit ihnen verbringen zu dürfen. Schließlich sollte man seinen Geburtstag im Kreis der Familie feiern, frei von Sorgen und Ängsten.
   Pustekuchen, das Kind war längst in den Brunnen gefallen und der Wunsch ein hoffnungsloses Bestreben. Irgendwelche hypergefährlichen Halbwesen trachteten nach ihrem Leben, ihre große Liebe spielte sonst wo allein den Helden und ihre Familie saß irgendwo im Nirgendwo und erinnerte sich nicht einmal daran, dass es sie überhaupt gab. Ihr lächerlicher Wunsch verblasste neben dem, zu überleben.
   »Happy Birthday, Anna«, murmelte sie vor sich hin, wenn auch zwei Tage zu früh.
   »Hast du was gesagt?«, fragte Marla.
   Der Abgrund klaffte auf, entwickelte enormen Sog. Anna stemmte die Beine in den Boden, atmete durch und deutete auf die Zeitung. »Hast du schon reingeschaut?«
   Marla schüttelte den Kopf, ihre feuchten Locken fielen über die Schulter.
   Seit Monaten reisten sie Hinweisen hinterher, die auf Sebastians Aufenthaltsort hindeuteten. Er hatte es offensichtlich erfolgreich geschafft, seine Familie aus Köln fortzulocken. Ein blutiger Pfad pflasterte den Weg der Fingerless, und einige Zeugen hatten an verschiedenen Tatorten einen jungen Mann mit pechschwarzen Haaren und eisblauen Augen gesehen. Die einzigen Indizien darauf, dass er noch lebte. Jedoch hatte sich die Spur im Süden des Landes verlaufen. Seit einigen Wochen suchten sie nach einem neuen Lebenszeichen oder wenigstens einem Mord, der die Handschrift der Fingerless trug. Ein sinnloses Verfahren, aber Marla hatte ihre Vorgehensweise in Eigenregie geändert.
   Ein bitterer Geschmack kroch ihre Kehle hinauf. Anna versuchte, zu schlucken, bevor er einen Kloß bilden konnte – zwecklos.
   Sie setzte sich an den Tisch und blätterte durch die Tageszeitung.
   Marla gesellte sich zu ihr, hantierte mit dem Fisch und überflog die Schlagzeilen über Kopf. »Hier. Das könnte was sein.« Sie tippte mit dem Finger auf einen Artikel und biss in ihr Brötchen.
   »Nein. Da geht es um einen Familienstreit«, erwiderte Anna. Genervt blies sie die Backen auf. Wann sah Marla endlich ein, dass ihre Idee schwachsinnig war, sie auf der Stelle traten und sie bereits genug Unheil angerichtet hatte, als sie Sebastian einfach ziehen ließ? Die wortlose Anschuldigung schloss ihre giftigen Tentakel um ihr Herz.
   Marlas Augen blitzten auf. Sie war klug und las zwischen den Zeilen. Die Atmosphäre knisterte, Luft verwandelte sich in dickes Glas und die unausgesprochenen Vorwürfe verpesteten das Zimmer.
   Anna wagte es nicht, das Thema laut anzuschneiden. Sie hatten die vergangenen Wochen zur Genüge gestritten, ohne dem wahren Grund der Spannungen nur ansatzweise nahezukommen. Sie schob ihr Fischbrötchen von sich. Die Übelkeit klang seit Tagen nicht ab und sie aß unregelmäßig.
   »Du musst etwas essen.« Marla wechselte geschickt das Thema. Mittlerweile entpuppte sie sich als eine wahre Meisterin der Ignoranz, obwohl tiefe Sorgenfalten ihr hübsches Gesicht überschatteten.
   »Ich habe keinen Hunger.«
   »Vielleicht sollten wir morgen abreisen.« Marla sah sie eindringlich an.
   »Und wohin?« Anna schüttelte den Kopf. Das war wohl die Millionendollarfrage, auf die sie keine Antwort wussten. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie sich längst die verschollenen Pergamente unter den Nagel gerissen. Sie brauchten die Handschriften, auch wenn Marla plötzlich engstirnig behauptete, dass es keinen Sinn machte, einem Mythos hinterherzujagen. Anna vertraute auf das Urteil von James Black, dem ehemaligen Jäger, den sie im Jenseits aufgespürt hatte. Er hatte ihr erzählt, dass in den Pergamenten stand, wie sie einen Toten auferstehen lassen konnte, und er vertrat die Meinung, dass sie den ursprünglichen Boten beschwören musste, um Magier und RFBM auszuschalten. Wer sonst hatte die Macht dazu, wenn nicht der Engel, der die ersten Talente verteilt hatte, und wohl auch der Vorfahre der kalten Halbwesen war?
   »Ich weiß nicht wohin. Vielleicht sollten wir erst zurück nach Köln fahren«, antwortete Marla nach einer Pause.
   »Marla …«, begann Anna zögerlich. Es brachte nichts, das Thema länger zu umgehen. »Ich finde, wir sollten nach London reisen. Es ist die einzige Chance, etwas gegen die Halbengel zu unternehmen. Sieh uns an. Wir sind allein nicht einmal imstande, Sebastian zu finden.«
   »Nein«, erwiderte Marla barsch. »Wir können nicht einfach in das Quartier des Rechtsbeirats marschieren. Wie stellst du dir das vor? Es macht keinen Sinn, ein Gerücht zu verfolgen. Willst du dein Leben für etwas riskieren, von dem wir nicht einmal sicher wissen, dass es existiert? Die verschollenen Pergamente sind Aberglaube. Es gibt keine Beweise, dass an dem Märchen etwas dran ist. Der RFBM wartet bloß darauf, dass wir einen Schritt nach London wagen.«
   Der RFBM hatte sich seit ihrer Flucht aus England nicht gerührt. Sebastian hatte zwar angenommen, dass sie zunächst ihre Wunden lecken würden, aber die Zeitspanne bereitete Anna inzwischen Magenschmerzen. Dass sie nichts von sich hören ließen, konnte nichts Gutes verheißen. Sie hatten genug Zeit gehabt, sich zu sammeln und Pläne zu schmieden, die niemand durchschaute. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Früher oder später würde etwas Schreckliches geschehen.
   »Aber es bringt auch nichts, durch Deutschland zu gurken und dein Erspartes in Hotels zu verpulvern. Wir haben ihre Spur verloren. Selbst wenn wir noch mal auf einen Hinweis stoßen sollten, sind sie über alle Berge, bis wir dort aufkreuzen.«
   »Irgendwann müssen sie sich zeigen. Wir haben das alles besprochen, Anna. Wir finden Sebastian, lassen uns von ihm Waffen mit Flüchen besprechen, und kämpfen an seiner Seite. Alles andere ist nicht nur sinnlos, sondern auch viel zu gefährlich.«
   Anna schnaubte. Klar, im direkten Kampf gegen die Fingerless anzutreten, mit Waffen, die sie nicht beherrschten, war vergleichsweise ein Kinderspiel. Wieso blieb Marla so stur? Warum hatte sie Sebastian gehen lassen, wenn sie lieber an seiner Seite kämpfte? Sie hatte das allein beschlossen, genau wie diese ergebnislose Sucherei.
   Übelkeit wand sich in ihrem Magen und die bittere Galle schlug Blasen auf der Zunge. Sie musste sich zusammenreißen, Marla nicht anzubrüllen. »Wir brauchen die Pergamente«, presste sie hervor. Bilder klopften gegen ihre Schläfe. Vorstellungen, wie sie Marla die Meinung geigte, und ihr klarmachte, was sie angerichtet hatte, als sie Sebastian grünes Licht zum Abgang gegeben hatte. Sie verscheuchte die Halluzination, bevor ihr Schädel platzte.
   »Nein, wir haben das hundertmal durchgekaut«, beharrte Marla auf ihrer Meinung. »Wir können ja noch mal einen Ortungszauber versuchen.«
   »Zum wievielten Mal?« Ihre Wut lechzte danach, sich Luft zu verschaffen.
   »Sei doch nicht so verdammt naiv«, zischte Marla. Ihre Augen funkelten.
   »Ich bin naiv? Das sagt die Richtige. Deine Idee ist für die Katz, gib es doch endlich zu.«
   Marla erhob sich, warf den Rest ihres Fischbrötchens in den Mülleimer und trat zum Schrank. Sie kramte eine Ewigkeit in einer Ablage, beförderte einige Hexenkräuter heraus und würdigte Anna keines Blickes. »Wir versuchen den Ortungszauber. So lange, bis wir ihn haben«, murmelte sie.
   »Er will nicht gefunden werden.« Marlas Hokuspokus änderte auch nichts daran.
   »Dann hat er die Hilfe einer Hexe, sonst müsste der Zauber Wirkung zeigen. Schutzzauber sind Hexenmagie. Vielleicht sollte ich mich lieber darauf konzentrieren, ihn oder sie auszupendeln.« Marla lud den Zauberkram auf dem Tisch ab.
   Anna schüttelte den Kopf. »Das ist doch genauso idiotisch. Die Strohhalme, an die du dich klammerst, führen zu nichts.«
   Marla hob den Blick. Sie sah aus, als stünde sie kurz davor, den Verstand zu verlieren. Wann hatte sie begonnen, verrückt zu werden?
   »Weißt du was? Du solltest es endlich sagen. Es ist ja nicht so, als ob ich nicht wüsste, was dir auf der Seele brennt. Sprich es endlich aus, bevor es uns das Leben kostet.«
   Eiszapfen stachen in Annas Herz, durchbohrten die Kammern. Sie wollte die quälenden Gedanken, die sie seit Wochen begleiteten, nicht aussprechen. Sie hatte Angst, dass sich der Riss ihrer Freundschaft danach nicht mehr kitten ließ.
   »Nun sag es schon«, forderte Marla.
   Anna schloss die Augen, Tränen stiegen auf. Es stimmte. Marla hätte ihn nie gehen lassen dürfen. Was hatte sie sich dabei gedacht? Und was dachte sie sich, plötzlich querzuschießen, Pergamente und Prophezeiung als völligen Quatsch abzutun? Wut flammte erneut auf, verbrannte den Verstand. Vielleicht brauchte Marla ein paar saftige Ohrfeigen? »Wie konntest du ihn gehen lassen?«, fragte sie leise, um nicht noch Öl ins Feuer zu gießen. Ihre Stimme bebte wie ein pulsierendes Atomkraftwerk. Sie grub die Fingernägel in die Knie, um ihren Zorn zu kontrollieren. Fest presste sie die Lider zusammen.
   »Glaubst du, ich mache mir keine Vorwürfe? Was denkst du, versuche ich mit unserer Suche? Meinen Fehler wieder geradezubiegen. Damals standen die Dinge anders. Wir wussten nicht, aus welcher Ecke wir Angriffe zu erwarten hatten. Ich hielt es für richtig, ihm wenigstens den Beirat vom Hals zu halten. Es war falsch, das weiß ich. Aber wie zum Teufel hätte ich einen Magier aufhalten sollen?«
   »Du hast ihn mit diesem Fehler vielleicht in den Tod geschickt.« Anna öffnete die Augen und schenkte ihr einen Blick, der ihr Gefühlsleben widerspiegelte. Wenn Sebastian etwas zustieß, trug Marla die Schuld daran. Sie würde ihr das niemals verzeihen und somit allein dastehen.
   Marla senkte den Kopf und begann, die Kräuter im Hotelaschenbecher zu mischen. Sie schob den Kiefer vor. Ihre Hände zitterten, während sie die Zutaten vermengte.
   Annas Herz raste. Aus diesem Grund hatte sie das Thema nicht anschneiden wollen. Sie schaffte es nicht, den Zorn zu kontrollieren. Heiß stieg er ihr die Kehle hoch und die Achterbahn ihrer Gefühle entgleiste. »Du hast ihn in den Tod geschickt und bist jetzt nicht mal bereit, die Sache wieder hinzubiegen«, sprudelte es aus ihr hinaus. Die Worte zerschnitten die Atmosphäre, die gläserne Luft schmolz.
   Marla biss sich auf die Unterlippe, hob die Schultern und stockte in der Bewegung. Sie ließ das Donnerwetter über sich ergehen. »Weiter.« Sie wirkte gebrochen. Ihre Anspannung löste sich auf und jeder Zug ihres lieblichen Gesichtes spiegelte Reue wider.
   Anna massierte sich die Stirn, atmete konzentriert und versuchte, die Wut zu verscheuchen. So kamen sie nicht weiter. Sie hatten schon genug Zeit vergeudet, um die letzten Körnchen der Sanduhr auch noch an Zickereien zu verschenken. »Nein. Nicht weiter. Hier und jetzt ist Schluss. Wir haben es lange genug auf deine Weise versucht, und es hat uns keinen Schritt weitergebracht. Wenn du dein Gewissen wirklich beruhigen willst, dann machen wir es von nun an, wie ich es sage. Wir schnappen uns diese Pergamente und legen den Halbwesen das Handwerk, bevor sie Sebastian auch nur ein Haar krümmen können.«
   Marla schob die Augenbrauen zusammen. Hinter ihrer Stirn schien es mächtig zu rattern. »Und wie in Dreiteufelsnamen willst du in das Quartier der Engländer gelangen, ohne dass sie uns binnen Sekunden den Kopf abreißen? Darauf hast du keine Antwort, was?«
   »Dann müssen wir Hilfe suchen. Vielleicht einen weiteren Talentierten, dem sie nicht gleich den Tod an den Hals wünschen, und der …«
   »Auf keinen Fall werden wir einen Unschuldigen mit hineinziehen. Hast du den Verstand verloren?«
   Der Rest des kalten Rauches, den die Wut hinterlassen hatte, versickerte in den Poren ihres Körpers. Marla hatte recht, was diesen Part der Idee betraf. Anna griff nach ihrer Hand. »Er wird sterben. Wir alle werden das, wenn wir nicht endlich etwas unternehmen. Wir dürfen nicht länger Zuschauer spielen.«
   Marla unterdrückte ein Schluchzen. Ein seltsamer Laut entfuhr ihrer Kehle.
   Die Härchen an Annas Armen richteten sich auf. Noch nie hatte Marla so verzweifelt gewirkt. Ein sehr schlechtes Zeichen. »Marla, bitte.«
   Marla sammelte sich. Ihre Miene nahm wieder die seit Wochen hart trainierte und gefestigte Fassade an. Sie strich sich eine Locke aus den feuchten Augen und räusperte sich.
   »Bist du bereit, alles zu geben?«, forschte Anna nach.
   Die Frage schien sie zu irritieren, aber sie nickte. »Natürlich.«
   Ein Teil des Ballasts fiel von Annas Herzen. Endlich lenkte Marla ein. Sie war bereit, wenn nötig, ihr Leben zu geben, wenn sie dadurch den Sieg gegen die Halbengel davontragen würden.
   »Dann pack deine Sachen. Wir brechen auf«, sagte Marla.
   »Nach London?« Nun überstürzte sie es. Sollten sie nicht erst überlegen, wie sie vorgehen wollten?
   »Nein.« Marla schüttete die wertvollen Kräuter in den Mülleimer und sammelte ihre Sachen zusammen.
   »Wohin dann?« Sie tat es schon wieder. Dauernd behandelte Marla sie, als wäre sie ein kleines Kind. Sie ließ sie im Ungewissen, redete die Dinge schön und sprach die wichtigen nicht aus.
   »Das erzähle ich dir während der Fahrt. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«
   Die Gefahr, die der Unterton mit sich brachte, streifte sie wie ein eiskalter Atemhauch. Was hatte sie vor? Sie fing Marlas Blick auf und ihr Herz setzte beinahe aus. In ihren Augen las sie das Ende. Die Hexe zog die Karte, die das Haus zum Einsturz brachte. Plötzlich wollte sie nicht mehr wirklich wissen, wohin Marla sie schleppte.

3. Kapitel
Die Hexe im Mondschein

Sebastian saß auf einem Felsen und blickte über das dunkle Gewässer. Das Mittelmeer rauschte und schlug wütende Wellen gegen die Klippen. Wie tief es wohl sein mochte? Es wirkte bedrohlich. Der ballonartige Mond schien zwischen den wenigen Wolken hindurch und warf ein geisterhaftes Licht über die Bucht. Sterne funkelten wie Glühwürmchen am Firmament. Obwohl es nicht kalt war, fröstelte er und zog den Kragen der Jacke höher. Die Kälte kam aus seinem Innersten. Er fühlte sich müde und sein Kreislauf sackte in den Keller. Wann hatte er zuletzt geschlafen? Ein stechender Schmerz zog sich über die rechte Schulter bis hin zum Rückgrat. Eine klaffende Fleischwunde trug die Schuld daran. Zumindest glaubte er das. Er war noch nicht dazu gekommen, die Verletzung anzusehen.
   Im letzten Kampf hatte er fast sein Leben gelassen. Ausgerechnet, als er dem Ziel so nahe kam. Er hatte es geschafft, seine Familie fortzulocken, damit Anna und Marla in Sicherheit waren. Zumindest, solange er noch lebte. Zuerst hatte er Vater sinnlos durch Deutschland geführt. Immer darauf bedacht, seinen Weg nicht zu kreuzen. Doch mit einem Schlag hatte sich ein Gedanke verfestigt. Vielleicht konnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wenn sein Schauspieltalent nicht in letzter Sekunde den Geist aufgab. Wenn er es schaffte, Antonio del Rossi auf seine Seite zu ziehen, besäße er eine mächtige Waffe. Offensichtlich ahnten die italienischen Magier noch nichts vom Tod ihrer Tochter Kira. Andernfalls hätten sie längst eine Attacke gestartet.
   Sebastian fragte sich immer öfter, ob das Geschwafel von Gefühllosigkeit nicht bloß ein Versuch der Magier war, sich zu schützen. Er war das lebende Beispiel, dass an der Überzeugung nichts dran sein konnte. Er hatte mehrfach versucht, sich an sein Empfinden zu erinnern, das ihm innewohnte, bevor er Frank das Empathentalent gestohlen hatte. Aber schon vor dem Diebstahl hatte er Zuneigung empfunden und das Bedürfnis, seine Familie zu beschützen. Gefühle verliehen Ereignissen Bedeutung. Ohne Emotionen wäre jeder Tag seines Lebens wertlos gewesen. Aber so war es eben nicht. Und allein aus diesem Grund glaubte er, dass Antonio den Tod seiner Tochter nicht auf sich sitzen lassen würde, wenn er davon erfuhr. Vermutlich würde er sich hinter Stolz, Ehre, Respekt und dem Wunsch nach Rache verstecken. In Wahrheit würde sein Herz entzweibrechen, wenn er hörte, dass Kira nicht mehr lebte. Es musste einfach so sein. Schließlich gab es noch andere Indizien dafür, dass Magier mehr fühlten, als sie zugaben. Sie waren imstande, einem Menschen binnen Sekunden das Leben zu nehmen. Talent hin oder her. Wieso hatte Vater ihn gelehrt, Freundschaft vorzugaukeln, bevor er tötete? Die einzige Antwort auf die Frage lautete, dass jeder Freundschaft brauchte, und sei sie bloß vorgespielt. Niemand war gern allein, auch Magier nicht.
   Sebastian streckte die schweren Glieder. Auf steinigen Umwegen hatte er seine Familie nach Italien geführt. Nun stand der zweite Part auf seinem Plan. Er musste Antonio in aller Früh aufsuchen, ihm von Kiras Ableben berichten und ihm die Lüge glaubhaft machen, dass sein Vater es getan hatte. Wenn seine Berechnung aufging, würde Antonios Verzweiflung in Zorn umschlagen, den er sodann auf Jonathan hageln ließ. Natürlich wies sein Vorhaben Lücken auf. Er baute allein auf die Tatsache, dass Magier mehr empfanden, als sie sich eingestanden, und er keine sonderbare Ausnahme darstellte. Er wollte kein Sonderling sein. Wenn er recht behielt, würden die beiden Magierfamilien aufeinander losgehen und, mit viel Glück, sich gegenseitig auslöschen. In jedem Fall würden sie einander schwächen. Allein hatte er keine Chance gegen sie. Das letzte Aufeinandertreffen hatte es mehr als bewiesen. Täglich wuchs die Macht seiner Familie. Sie krallten sich Talente wie andere Sonderangebote, und die Chance auf einen Sieg schrumpfte mit jedem Tag mehr.
   Sebastian seufzte, bückte sich und griff nach einem Stein. Der Schmerz in der Schulter strahlte bis in den Arm. Er stöhnte leise.
   Zweimal war er in eine Falle getappt und direkt auf Jonathan gestoßen. Er besaß genug Verstand, sofort die Flucht zu ergreifen und sich nicht mit Vater zu duellieren. Obwohl sie sich nicht einmal einen Atemzug lang gegenübergestanden hatten, hatte Jonathan es geschafft, ihn zu verwunden.
   Sebastian zwang sich umständlich aus der Jacke, zog sein T-Shirt aus und versuchte, einen Blick auf seine Schulter zu werfen. Er erhaschte einen Eindruck der Verletzung. Die Haut schälte sich vom Schulterblatt ab. Unter dem Gelenk schimmerte es dunkel. Doch um die Stelle besser betrachten zu können, brauchte er einen Spiegel. Immerhin schien es nicht so schlimm zu sein, wie befürchtet. Er schlüpfte zurück in die Kleidung und biss die Zähne zusammen, um in den Ärmel zu gleiten. Mit dem gesunden Arm schleuderte er den Stein ins Meer. Er hüpfte nicht, wie er es auf einer Seeoberfläche getan hätte, sondern ging sang- und klanglos unter. Wenn das mal kein schlechtes Omen war.
   Er musste sehr zeitig aufbrechen, bevor seine Familie von seinem Vorhaben Wind bekam. Vielleicht sollte er sich eine Unterkunft suchen und Kraft tanken, statt die Nacht am Wasser zu verbringen?
   »Sebastian!«
   Die Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er fuhr herum, sprang auf die Füße und spähte in die finstere Nacht. Er betete, dass ihm sein Verstand einen Streich spielte. Ein Hirngespinst, geboren aus Erschöpfung. Eine schemenhafte Gestalt näherte sich. Hoffentlich ordnete er wenigstens die Stimme falsch zu. Er spannte die Muskeln an, ignorierte die pochende Schulter und nahm eine Angriffshaltung ein.
   »Du bist ja schwerer aufzuspüren als eine Nadel im Heuhaufen«, rief sie ihm zu und beschleunigte ihre Schritte.
   Er entspannte sich, fuhr über die müden Augen. Das durfte doch nicht wahr sein. Was zur Hölle hatte Cynthia hier zu suchen? »Was willst du hier? Ich habe doch deutlich gemacht, dass ihr euch fernhalten sollt. Das ist kein Kinderspiel.«
   Die junge Hexe trat auf ihn zu und schenkte ihm ein herzerweichendes Lächeln. »Dummerchen. Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass wir auf dich und dein Weibergeschwätz hören?«
   Er hatte Cynthia und Patrick in München kennengelernt, als er die Hilfe von Hexen benötigte. Die beiden machten keinen Hehl aus ihrem Talent, schalteten sogar Zeitungsanzeigen und warben mit ihrer Hexenkunst. Was das Gesetz davon hielt, scherte sie nicht. Sie hielten nichts vom Beirat und schlugen sich mit ihrem Hokuspokus durchs Leben. Schlecht lebten sie davon wohl nicht. Sebastian hatte ihnen einen Teil der Geschichte anvertraut, aber tunlichst vermieden, seine Identität zu entblößen. Sie hatten ihn mit Schutzzaubern versehen und dafür gesorgt, dass Ortungszauber keine Wirkung hatten. Mit einer Ausnahme. Joshs gestohlenes Hexentalent konnte ihn aufspüren, wenn auch zeitversetzt. Somit blieb er ihnen immer einen Schritt voraus, und seine Familie folgte ihm in sicherem Abstand. Anna und Marla würden ihn auch nicht finden können und somit nicht in Gefahr geraten. Der Einfall stammte von Cynthia. Sie war klug und als Hexe sehr begabt. Trotzdem sollte sie nicht in Italien sein.
   »Ihr sollt verschwinden.« Sebastian sah sie auffordernd an. Er widerstand nur schwer dem Impuls, ihr einen Fluch auf den Hals zu hetzen. Er besaß weder die Kraft, ihren Babysitter zu spielen, noch hatte er Lust auf eine Diskussion. Was wollte sie von ihm?
   »Du solltest dich über Hilfe freuen«, konterte sie und schwang sich auf den Felsbrocken.
   »Wo ist Patrick?«
   »Er sucht in der Stadt.« Sie unterstrich die Worte mit einer Geste, die wohl deutlich machen sollte, dass sie ihren Freund für verrückt hielt.
   »Wie habt ihr mich gefunden?« Wenn sie es schafften, ihn ausfindig zu machen … Ihm rutschte das Herz in die Hose.
   »Na glaubst du, wir kennen die Lücken unseres eigenen Zaubers nicht? Wir haben sie extra für uns eingerichtet.« Ein selbstgefälliges Grinsen huschte über ihr Gesicht.
   Sebastian setzte sich neben sie und blickte zum Wasser. »Ihr wisst nicht, worauf ihr euch einlasst.«
   »Wissen wir. Vermutlich besser, als du glaubst.« Sie klopfte ihm auf die Schulter.
   Er sah sie an. Der zarte Wind spielte mit ihrem brünetten Haar und sorgte dafür, dass ihre dunkelblauen Kulleraugen glänzten. Cynthia war ein paar Jahre älter als Anna, aber im Mondschein wirkte sie kindlich. Er durfte sie keiner Gefahr aussetzen. »Cynthia«, begann er leise, »ihr müsst verschwinden.«
   »Auf keinen Fall. Ein Empath allein gegen Magier?« Sie hüstelte, als wollte sie ein Lachen unterdrücken.
   »So ist es nicht.«
   »Ich weiß«, sagte sie zerknirscht und zwinkerte ihm gleichzeitig zu.
   Er raufte sich die Haare, stieß einen Seufzer aus und schüttelte den Kopf. In welche Lage brachte er sie bloß? Vielleicht hätte er ein Hexentalent stehlen sollen, statt sie einzuweihen. Was wäre schon ein Toter gewesen, gegen das, was nun bevorstand? Er brachte nicht nur sie in Gefahr, sondern sie auch sein Vorhaben. Und das durfte unter keinen Umständen schieflaufen. Dunkelheit umkreiste sein Herz wie ein räudiger Geier und drohte, zuzuschlagen. »Nein. Du weißt gar nichts. Ihr werdet euch sofort auf den Nachhauseweg machen, andernfalls muss ich zu drastischen Mitteln greifen.« Er drohte ihr nicht gern, aber er musste sie sich irgendwie vom Hals schaffen.
   »Was willst du tun? Uns verfluchen?«
   Sebastian öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch es verschlug ihm die Sprache. Die bittere Wahrheit klopfte gegen seinen Verstand. Sie wusste es. Sie wusste, wer er war. Was hatte ihn verraten?
   »In dem Moment, als du deinen Fuß über unsere Schwelle gesetzt hast, wussten wir, wer du bist. Normalerweise suchen uns die Talentierten auf, damit wir sie vor dir beschützen. Es war interessant, …«, sie zog das Wort in die Länge und lächelte, »zu sehen, mit welchem Anliegen du uns aufgesucht hast. Es unterschied sich nicht sonderlich von dem der Menschen.«
   Es war interessant? Sie hätte sich vor Angst in die Hose machen sollen und sie fand es unterhaltsam? »Woher wusstet ihr …?«
   »Wer du bist?« Cynthia gluckste, sprang vom Felsen und warf den Kopf in den Nacken. Der Mond schien ihr ins Gesicht. Sie drehte sich im Kreis, kam zum Stehen und grinste ihn an. »Deine Augenfarbe hat dich verraten«, flüsterte sie geheimnisvoll und begann zu lachen.
   Wut flammte in Sebastians Magen auf. »Wenn ihr es wisst, solltet ihr euch erst recht fernhalten«, knurrte er. Er wollte ihr Angst einjagen. Sie war lebensmüde, wenn sie mitkommen wollte. Hatte sie den Verstand verloren? »Ihr habt mit dieser Sache nichts zu tun. Ich schaffe das allein und brauche euch nicht.«
   »Klar und ich flieg zum Mond.« Cynthia deutete zum Himmel.
   Ihre Leichtigkeit versetzte seinem Herzen einen Stich. Es schien ihm endlos lang her, dass er sorglos durchs Leben gegangen war. Er sehnte sich nach Unbeschwertheit. Trotzdem war sie unangebracht. Er trug bereits genug Schuld auf seiner Seele und jeder weitere Ballast würde sein Herz in Schutt und Asche legen. Ihr Leben konnte er sich nicht auch noch aufhalsen. »Ich will euch nicht dabeihaben«, zischte er und erhob sich. Er überragte sie um anderthalb Köpfe und bäumte sich weiter auf.
   »Wenn du jetzt noch die Nüstern aufblähst und mit dem Fuß aufstampfst, glaub ich dir sogar.« Sie kniff ihm in die Wange, wandte sich ab und lief am Ufer entlang.
   Wie konnte sie es wagen, einem wütenden Magier den Rücken zuzukehren? Unter normalen Umständen wäre das der reinste Selbstmord. Die Magie empörte sich grummelnd über seine Untätigkeit.
   »Komm. Oder willst du da Wurzeln schlagen? Patrick besorgt eine Unterkunft für heute Nacht«, rief sie über die Schulter hinweg. Ihre Silhouette verschmolz bereits mit der Dunkelheit.
   Sebastian atmete tief durch, versuchte, das brennende Verlangen, sie zu maßregeln, aus seinem Kopf zu fegen und blickte ihr nach. Cynthia gehörte nicht zu den Menschen, die sich einfach abspeisen ließen. Wenn sie ihm ausgerechnet morgen in die Quere kämen, würde sein Plan nach hinten losgehen. Er durfte sie nicht ziehen lassen. Er schnaubte und rieb sich die Schläfen. Was sollte er tun? Sie verfluchen? Sie töten?
   Die Erinnerung an Anna brach aus seinem Gedächtnis, ihr liebliches Gesicht. Was würde sie davon halten, wenn er Cynthias Leben nahm? Er schüttelte sich und verbannte die Idee aus seinem Kopf. Vielleicht ließ sich Patrick ins Gewissen reden. Aber die Hoffnung zerbarst, bevor sie wirklich Gestalt annahm. Der weiche Kerl stand mächtig unter Cynthias Pantoffel. Doch er musste sein Glück wenigstens versuchen, oder seine Drohung wahr machen und die beiden verfluchen. Töten kam nicht in die Tüte. »Cynthia«, rief er, lenkte Magie in seine Beine und rannte mit übermenschlicher Geschwindigkeit hinter ihr her. »Cynthia, warte!«

4. Kapitel
Vermenschlichte Magier

Jonathan Fingerless stand vor dem großen elektrischen Tor und spähte prüfend die Einfahrt hinauf. Das riesige Haus lag düster vor ihm. Zwei Eingangslaternen beleuchteten die Auffahrt, warfen ihr schwaches Licht auf das Villenanwesen. Zypressen, aneinandergereiht, als ständen sie Spalier, ragten den hellen Kiesweg entlang aus dem Boden. Lange Schatten tanzten auf der weiß verputzten Fassade. Die Äste bewegten sich im seichten Wind und erweckten den Eindruck, als ob das Gebäude lebte.
   Leben bedeutete ihm nichts. Er hatte unzählige Menschen getötet, Dämonen vernichtet und seinesgleichen enthauptet. Der Tod war ihm in Fleisch und Blut übergegangen, und jeder Mord langweilte ihn auf eine besonders träge Weise.
   Jonathan ließ die Fingerknöchel knacken. Kein Fünkchen Licht fiel aus den imposanten Sprossenfenstern der Villa. Er schob den Ärmel seines Mantels hoch und stellte fest, dass es mitten in der Nacht war. Die Fahrt hatte ewig gedauert und Antonio del Rossi schlief vermutlich fest. Ob er seinen Besuch auf den nächsten Tag verschieben sollte? Eigentlich duldete er keinen Aufschub.
   Sebastian hatte sie nach Neapel geführt. Der Grund blieb sein Geheimnis, allerdings konnte es nur etwas mit den del Rossis zu tun haben. Jonathan beschlich der schreckliche Verdacht, dass er etwas im Schilde führte. Sebastian war ein cleverer Bursche und hatte schließlich bei dem Besten gelernt. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, Antonio den Tod seiner Tochter so lang vorzuenthalten. Versuchte Sebastian, das Wissen für sich zu nutzen? Aber das ergab kaum einen Sinn, schließlich hatte er Kira getötet. Der Fluch trug eindeutig seine Handschrift. Es blieb ein Rätsel, aber um auf Nummer sicher zu gehen, musste er Antonio reinen Wein einschenken.
   »Ihr wartet draußen. Ich brauche euch in der Hinterhand, denn ich weiß nicht, was uns erwartet. Falls Sebastian bereits hier war, besteht die Möglichkeit, dass sie uns angreifen. Wenn alles in Ordnung ist, rufe ich euch.«
   Thea und Josh begleiteten ihn. Sie nahmen links und rechts ihre Positionen ein und verschwanden aus dem Blickfeld der Kamera, die neben dem Tor befestigt war. Jonathan konnte sich beim besten Willen nicht ausmalen, wozu Antonio dieses Spielzeug brauchte. Für einen Magier gab es bessere Mittel und Wege sich zu schützen. Er zweifelte keine Sekunde daran, dass Antonio davon ebenfalls Gebrauch machte. Er war ein weiser und starker Magier, auch wenn er sich die vergangenen Jahrzehnte zurückgezogen hatte. Vermutlich wollte er mit der Kamera den Anschein für die Menschen wahren, warum auch immer. Wen scherte es, was die Menschen dachten?
   »Wenn ihr in dreißig Minuten nichts von mir gehört habt, kommt ihr hinein. Versucht es unter diesen Umständen erst gar nicht in Freundschaft. Wenn wir nur wüssten, was Sebastian hier will.« Er raufte sich die Haare.
   Thea nickte, Josh starrte in die Dunkelheit. Seine Augen leuchteten wie die einer seltenen Katze.
   Jonathan räusperte sich, zupfte den Kragen zurecht und nahm eine anmutige Körperhaltung ein. Er war Antonio weit überlegen. Was auch immer ihn erwartete, er würde als Sieger hervorgehen. Trotzdem rumorte sein Magen, als er den silbernen Klingelknopf betätigte. Er kam in Freundschaft. Wozu es anders aussehen lassen, indem er sich ungefragt Zutritt verschaffte? Eine gefühlte Ewigkeit lang geschah nichts. Er beobachtete das Haus, wurde kribbelig und wartete, ob sich etwas regte.
   Jemand zog einen Vorhang zur Seite und blickte aus einem der oberen Fenster. Die undefinierbare Gestalt verschwand. Sekunden später surrte die Sprechanlage.
   »Hallo?«, krächzte eine verzerrte Stimme, die er nicht zuordnen konnte.
   »Ich wünsche, Antonio del Rossi zu sprechen«, erwiderte Jonathan fest.
   »Die Herrschaften schlafen schon, Signore.«
   Die elektrische Anlage vermittelte der Stimme ein Quaken, trotzdem meinte er, einen weiblichen Ton herauszuhören. Offenbar leistete sich Antonio ein Dienstmädchen. Der alte Casanova ließ es sich gut gehen.
   »Es ist dringend. Wecken Sie ihn und teilen Sie ihm mit, dass Jonathan Fingerless augenblicklich mit ihm sprechen muss. Er wird hören wollen, was ich zu sagen habe.«
   »Die Herrschaften haben den ausdrücklichen Wunsch geäußert …«
   »Jetzt bewegen Sie schon Ihren faulen Arsch. Herrgott noch mal. Klinge ich, als würde ich Sie ein zweites Mal bitten?«, bellte er. Wann kapierten die Menschen, dass sie ihm besser nicht widersprachen? Er verlangte absolute Unterwerfung und mittlerweile sollte sich das auf der ganzen Welt herumgesprochen haben. Es war doch ein offenes Geheimnis.
   Das Surren der Anlage verklang. Jonathan trat nervös von einem Fuß auf den anderen und spannte sich innerlich an. In den nahe liegenden Sträuchern zirpten Grillen. Das Geräusch machte ihn noch zappeliger. Er rieb sich die Schläfen und versuchte, den nervigen Klang zu ignorieren. Endlich glitt das Tor auf. Er atmete tief durch und lief die Auffahrt hinauf.
   Antonio öffnete die Tür. Er war seit seinem letzten Besuch gealtert. Kahle Stellen zierten das einst dichte, dunkle Haar und unter seinem Bademantel zeichnete sich deutlich sein Bauch ab. Müde blinzelte er ihm entgegen, doch seine Lippen umspielte ein Lächeln. »Jonathan, alter Freund. Was verschafft mir die Ehre zu solch später Stunde?« Er unterdrückte ein Gähnen, was den Satz in die Länge zog.
   »Wir müssen uns unterhalten, aber wir sollten es im Haus tun. Darf ich?« Jonathan deutete in den Hausflur.
   Das Lächeln auf Antonios Lippen erstarb. »Mi casa es su casa«, murmelte er und trat zur Seite.
   Jonathan schob sich an ihm vorbei. Er spürte Antonios Blick im Nacken und wirbelte herum, für den Fall, dass er einen Angriff wagen sollte.
   »Was ist passiert? Wenn du um diese Zeit hier hereinschneist, muss es einen triftigen Grund geben. Warum so nervös?«
   Jonathan fiel auf, wie klein der alte Freund war. Er hatte es nie so intensiv wahrgenommen, und der Schlafanzug, den er trug, untermalte es noch. Antonios Kinder mussten ihre Größe von Gia geerbt haben.
   »Antonio, Kira ist tot«, sagte er geradeaus. Wozu um den heißen Brei herumreden?
   Antonio erstarrte. Das sonnengebräunte Gesicht wurde grau. Er fiel in sich zusammen. »Kira ist tot?«, flüsterte er.
   Jonathan nickte. »Bitte lass uns im Salon weitersprechen.« Er versuchte, Antonios Reaktion einzuschätzen. Wusste er bereits von Kiras Tod? Es schien nicht so. Dieser erbärmliche Gesichtsausdruck wirkte ehrlich schockiert. »Thea und Josh warten draußen. Wir wollten euch nicht gleich überfallen.«
   Antonio wandte sich ab, ging zu der antiken Kommode und nahm den Hörer der Sprechanlage ab. »Kommt rein«, flüsterte er mit erstickter Stimme und drückte auf einen Knopf.
   Jonathan beobachtete ihn einen Atemzug lang und öffnete die Haustür. Er nickte, um Thea und Josh ein Zeichen zu geben, dass alles in Ordnung war. Sie tauschten einen Blick und rauschten anmutig in den Flur.
   »Antonio. Es tut mir so leid.« Thea schloss Antonio in die Arme, doch die Geste fiel steif aus. Heimlich schenkte sie Jonathan einen vielsagenden Blick.
   Antonio schüttelte sie ab. »Geht in die Bibliothek. Ich werde Gia und Luca wecken.«
   Jonathan kannte den Weg und ging voran, während Antonio die Treppe hinaufstieg. Es hatte sich nicht viel verändert in der alten Villa. Die breite Flügeltür führte in die Bibliothek, die Antonio als Salon nutzte. Thea und Josh folgten ihm über den langen Flur und nahmen auf dem dunkelbraunen Ledersofa Platz.
   »Wie hat er es aufgenommen?«, flüsterte Thea.
   »Wie ein elender Mensch«, antwortete Jonathan und trat an den Servierwagen, auf dem Getränke bereitstanden. Er füllte ein paar Gläser mit Whiskey.
   »Seine Gedanken waren sauber«, fiel Josh ein, dessen gestohlene Gabe ihm Einblicke in die Köpfe anderer erlaubte.
   Thea nickte erleichtert.
   Gia stürmte herein. Ihre Eleganz hatte sie im Bett vergessen. Sie trug einen grünen Hausanzug und das dunkle Haar stand zerzaust vom Kopf ab. Sie vergeudete keine Zeit mit Höflichkeiten. »Was ist geschehen?«, fragte sie aufgebracht. »Antonio sagte, es ginge um Kira.«
   Gia war schön. Schöner als seine Thea. Trotzdem empfand Jonathan sie augenblicklich als abgrundtief hässlich, denn Sorge, Angst und Schwäche standen einer Magierin nicht. »Setz dich erst mal«, sagte er und reichte ihr einen Whiskey.
   »Es geht um meine Tochter, Jonathan.« Widerwillig nahm sie das Glas und setzte sich auf die Armlehne des Sofas.
   Jonathan antwortete nicht, sondern blickte zur Tür, durch die Antonio seinen Sohn schob. Der Junge war groß geworden. »Guten Abend, Luca«, sagte er freundlich.
   Luca schnaubte und senkte den Kopf.
   Wo hatte er seinen Anstand gelassen? Hätten sich seine Söhne derart respektlos verhalten, er hätte sie schallend geohrfeigt. Antonio machte keine Anstalten, etwas zu sagen, und Jonathan schluckte die Wut hinunter. Dies war der falsche Zeitpunkt für Erziehungsmaßnahmen.
   Antonio zog Luca an den Tisch.
   »Jonathan?« Gias stechender Blick durchbohrte ihn. Sie waren also wirklich ahnungslos. Was zur Hölle wollte Sebastian dann in Neapel?
   »Kira ist tot«, sagte Thea.
   »Nein!« Gia schnappte nach Luft, sprang auf und ließ das Whiskeyglas fallen. Ihre Stimme zitterte.
   Antonio griff nach ihrer Hand, doch sie wehrte ihn ab. Tränen glitzerten in ihren Augen und sie schluchzte.
   Thea reagierte. In all den Jahren hatte sie am besten gelernt, wie man auf Gefühlsregungen einging. Sie stand auf und zog Gia kurzerhand in die Arme.
   »Lass mich los«, zischte Gia. Es wirkte, als hielte sie sich nur mühsam auf den Beinen.
   »Wie konnte das geschehen?«, fragte Antonio ruhig.
   Er schien sich bereits gefangen zu haben. Wahrscheinlich erinnerte er sich daran, wie sich ein Magier zu verhalten hatte.
   »Sie wurde ermordet«, fuhr Thea fort.
   Ihre Worte waren wie ein Kommando. Luca und Josh sprangen gleichzeitig auf. Gia schrak zusammen. Josh musste die Gedanken des Jungen gelesen haben, denn er packte ihn und umklammerte ihn fest. Hatte der kleine Luca etwa einen Fluch sprechen wollen?
   »Was habt ihr meiner Schwester angetan?«, brüllte er und versuchte, Josh abzuschütteln.
   »Luca«, herrschte Antonio ihn an.
   Luca ignorierte seinen Vater. Er wand sich unter Joshs stahlhartem Griff und stieß den Ellbogen in seine Flanke. Was Josh einmal festhielt, ließ er nicht los.
   »Was habt ihr getan?«, rief Luca erneut.
   Antonio blickte Hilfe suchend zu Jonathan. »Schaff ihn raus«, befahl dieser und deutete Josh, zu verschwinden. Herrgott, musste er alles selbst machen?
   Josh verzerrte das Gesicht, während er krampfhaft versuchte, Luca aus dem Zimmer zu schieben. Es dauerte nur einen Atemzug, bis Josh die Geduld verlor. Er packte Luca im Nacken, presste seine Arme auf den Rücken und schubste ihn mit Gewalt auf den Flur. »Geh.«
   Sein Sohn war ihm so ähnlich. Jonathan schmunzelte über die kleine Komödie, doch Antonio starrte mit weit aufgerissenen Augen hinter den beiden her. Die Haustür fiel krachend ins Schloss.
   »Es ist okay. Josh macht das schon«, sagte Jonathan und zeigte auf das Sofa.
   Antonio gehorchte und setzte sich. »Wer?«, fragte er.
   »Dieser schleimige Rechtsbeirat?« Auch Gia hatte den ersten Schock offensichtlich verdaut. Sie löste sich aus Theas Armen, blickte auf das zersprungene Glas auf dem Boden und funkelte ihn an. »Ich werde jeden Einzelnen von ihnen …«
   »Es war nicht der Rechtsbeirat, auch wenn er vermutlich eine entscheidende Rolle spielt«, erklärte Thea.
   »Sprich nicht in Rätseln, Thea. Wir haben ein Recht, zu erfahren, was geschehen ist. Erzähl, was passiert ist«, fauchte Gia.
   Antonio zog seine Frau zurück auf das Sofa. Diesmal ließ sie zu, dass er sie berührte.
   »Zunächst einmal möchten wir beteuern, dass wir in Freundschaft kommen und absolut auf eurer Seite stehen.« Jonathan öffnete den obersten Hemdknopf. Ihm kam die Luft im Salon plötzlich stickig vor.
   »Weshalb sollte ich anderes vermuten?« Antonio hob die Augenbrauen.
   Nun kam es darauf an. Konnten sie den del Rossis glaubhaft machen, dass sie sich ernsthaft gegen den eigenen Sohn stellen würden? Wie sollte ein gefühlsduseliger Haufen das verstehen?
   »Weil Sebastian Kira getötet hat.« Thea brachte es auf den Punkt.
   Die Worte hingen im Raum und die Temperatur sank um einige Grade. Jonathan hielt die Luft an.
   Gia stöhnte auf und blickte Thea fassungslos an. »Sebastian?«
   Thea nickte.
   Antonio erhob sich, streckte die Brust heraus und verengte die Augen zu Schlitzen. »Nenn mir einen guten Grund, wieso ich euch das nicht büßen lassen sollte?«, knurrte er.
   Die Stimmung kippte weiter. Jonathan presste die Kiefer zusammen. Thea stand auf und stellte sich schützend vor ihn. Sie kannte ihn gut, wusste, wie schnell sein Temperament durchging. Die feurige Magie brannte bereits heiß in seinen Adern. Nur schwer hielt er sich zurück, Antonio den Hals umzudrehen. Wie konnte er es wagen, ihn zu bedrohen?
   »Weil wir Freunde sind, Antonio. Was glaubst du, weshalb wir euch aufsuchen? Weil Sebastians Vergehen bestraft werden muss.«
   Thea blieb ruhig. Dafür schätzte er seine Frau. Sie war sein perfekter Gegenpol und griff jederzeit ein, wenn sein gefährliches Verlangen ihn dazu trieb, überstürzt anzugreifen.
   »Und das soll ich dir glauben? Sebastian gehört vernichtet, wie konnte er nur?« Antonios Stimme bebte.
   »Lass sie erklären«, fiel Gia ein. »Ich will wissen, wie es geschehen ist.«
   Antonio schenkte ihr keine Beachtung. Wie versteinert stand er vor ihnen und nagelte Jonathan mit vernichtendem Blick fest.
   Die Dunkelheit stand kurz davor, Jonathans Verstand außer Kraft zu setzen. Antonios Reaktion machte ihn rasend. Thea griff nach hinten, fand seine Hand und drückte sie kurz. Jonathan presste die Zunge gegen den Gaumen, damit kein Fluch seine Lippen verließe, und verschränkte die Arme vor der Brust. Er schluckte gegen das lechzende Verlangen an, seinem Trieb nachzugeben und wandte den Kopf ab. Krampfhaft konzentrierte er sich auf Theas Rücken.
   »Antonio«, flehte Gia.
   Immer waren es die Frauen, die einen kühlen Kopf bewahrten. Thea setzte sich zurück auf das Sofa und ihre sorglose Geste führte dazu, dass sich Antonios Gesichtszüge entspannten. Er sah seine Frau an, nickte zögerlich und nahm wieder Platz am Tisch.
   Jonathan atmete auf und die Magie nahm die schweren Ketten von seinem Herzen. Er durfte keinen Streit vom Zaun brechen. Die Freundschaft der del Rossis war wertvoll.
   Thea übernahm das Wort. »Sie haben sich duelliert. Kira ließ ihr Leben dabei. Wir werden das nicht auf uns sitzen lassen, Gia. Kira gehörte zu uns, wie sie zu euch gehörte. Sebastian hat ein Empathentalent gestohlen, empfindet plötzlich menschlich und hat sich gegen uns gerichtet. Er agiert mit den Menschen und dem Rechtsbeirat. Wir sind gekommen, um uns mit euch zu verbünden, damit Kiras Tod gerächt wird. Sebastian muss sterben.«
   Antonio prustete los. »Ihr wollt gegen euren Sohn vorgehen?«
   Warum glaubte er, dass es ihm etwas ausmachte, Sebastian zu bestrafen? Hatte er vergessen, wer und was sie waren? »Es spielt keine Rolle, ob er unser Sohn ist oder nicht. Magier lieben nicht, Blut hin oder her. Du müsstest es wissen. Schließlich gehörst du selbst dieser Spezies an«, entgegnete Jonathan bitter.
   Antonio zuckte zusammen.
   »Er hat Schande über uns gebracht und uns mit ihrem Tod geschwächt. Er hat euch geschwächt. Wir wissen, wie ihr euch fühlt. Kira war stark. Wir sollten uns zusammentun und ihn erledigen.«
   Thea nickte heftig und befeuchtete ihre Lippen.
   »Was habt ihr vor?« Gias Schultern bebten. Offensichtlich war ihr die Unterhaltung zu viel. Antonio legte den Arm um ihre Schulter und massierte sie.
   Verweichlichte Geschöpfe. Was für ein blamabler Auftritt. Wo hatten die del Rossis ihren Stolz und ihre Kraft gelassen? Jonathan räusperte sich und schluckte die Frage hinunter. »Wie ich bereits sagte, wir werden Sebastian töten. Wir vermuten, dass er hier auftauchen wird, denn seine Spur führt direkt nach Neapel.«
   »Das wagt er nicht«, flüsterte Antonio. Ein gewaltiger Sturm begleitete seine Worte.
   »Doch. Und wir haben einen Plan. Aber zunächst müssen wir wissen, ob wir auf euch zählen können.« Jonathan suchte seinen Blick. Es war an der Zeit, Farbe zu bekennen.
   »Könnt ihr, Jon. Es wird dafür bluten, keine Frage«, warf Gia ein und nahm ihrem Mann die Entscheidung ab. Sie richtete sich auf und sah wieder wie eine Magierin aus.
   Bingo. Treffer. Versenkt. Jonathan unterdrückte ein Grinsen. Im Grunde hatte er nie daran gezweifelt, dass er es schaffen würde, sie zu überzeugen. Ein Jonathan Fingerless schaffte alles.
   »Nun, wenn wir uns einig sind, dann hört mir gut zu.« Theas Augen leuchteten triumphierend.
   Ihr glorreiches Lächeln verschlug ihm erneut den Atem. Sie war einfach toll. Er wusste, warum er sich vor unfassbar vielen Jahren für sie entschieden hatte.

5. Kapitel
Marlas Geschichte
Marla zog den Leihwagen auf die A7 Richtung Kassel.
   Sie hatten sich vor Beginn ihrer ziellosen Reise vor knapp drei Monaten noch einmal in Marlas Haus getraut, um Kleidung, Kräuter und ein paar andere Dinge zusammenzusuchen. Erstaunlicherweise passte Anna perfekt in Jennys Klamotten. Ein sicheres Zeichen, dass sie etliche Kilos verloren haben musste, aber wen wunderte das? Marlas Wagen hatten sie vorsichtshalber in der Garage stehen lassen, für den Fall, dass der RFBM danach Ausschau hielt. Die Alternativen, die sich ihnen nun boten, von A nach B zu gelangen, gingen allmählich ins Geld. Auch ein Hexensparbuch war irgendwann erschöpft und der Betrag auf dem Konto schrumpfte täglich. Wenn sich der Kampf, sofern sich das Theater überhaupt so beschreiben ließ, noch lange fortzöge, landeten sie noch obdachlos unter einer Brücke.
   Seit über einer Stunde fuhren sie stillschweigend über die Autobahn. Bisher hatte Marla mit keiner Silbe verlauten lassen, wohin der Weg führte und Annas Versuche, das Thema aufzugreifen, waren im Sande verlaufen. Wenige Scheinwerfer durchbrachen die Nacht, kaum ein Wagen fuhr Richtung Norden.
   Anna schaute zum Fenster hinaus, doch Marla legte ein beachtliches Tempo an den Tag und der Seitenstreifen verschwamm in der Dunkelheit. Es schneite noch immer, aber die dicken, sanften Flocken verwandelten sich langsam in kleine Kristalle, die wie Insekten durch den Lichtkegel auf die Windschutzscheibe zurasten. Schnell wandte Anna den Blick ab. Die monotone Ansicht erschöpfte sie und bereitete ihr Kopfschmerzen. Sie streckte die tauben Glieder und kämpfte die Müdigkeit nieder, die mit jedem Kilometer die Lider weiter beschwerte. Sie erinnerte sich nicht, wann sie das letzte Mal durchgeschlafen hatte, ohne stündlich hochzuschrecken oder schweißgebadet und mit laut klopfendem Herzen zu erwachen. »Willst du mir nicht endlich verraten, wo wir hinfahren?«, fragte sie, als das Schweigen unerträglich wurde.
   Marlas Gesichtsausdruck verdunkelte sich. Sie biss auf die Unterlippe und sah konzentriert auf die Fahrbahn.
   »Erde an Marla, bitte kommen.«
   »Also schön. Wir fahren nach Hamburg.«
   Wow, eine präzise Aussage … »Geht’s noch undeutlicher? Was wollen wir da?«
   »Das ist eine lange Geschichte.«
   Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände. Anna glaubte, einen Anflug von Angst über ihre Züge huschen zu sehen. Sie kannte die Falten, die in bestimmten Momenten auf Marlas Stirn traten, inzwischen gut. Trotzdem gingen die vagen Anspielungen auf keine Kuhhaut. »Ich schätze, die Fahrt dauert auch noch eine Weile. Also haben wir Zeit.«
   Marla strich eine Locke aus der Stirn, ihre Hand zitterte. Die lange Geschichte streifte also die Kategorie Horror. Schön, was sollte es. Das tat schließlich das ganze Leben. »Jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen«, drängte sie. Anna hatte es satt, ihr wie ein Blindfisch zu folgen. Ihr Vertrauen war sichtlich geschrumpft. Sie forderte ein Informations- und Mitspracherecht.
   Marla seufzte. »Es ist viele Jahre her. Damals besuchte ich die Uni«, begann sie. Sie sprach leise, klang meilenweit entfernt und ihre Stimme hatte einen rauchigen Nachklang. »Ich war noch nicht lang eine Hexe, hatte das Talent frisch geerbt und befand mich in der Orientierungsphase. Natürlich hatte ich eine Menge Unsinn im Kopf.« Ein schüchternes Lächeln umspielte ihre Lippen, als versänke sie in der Erinnerung. »Durch Zufall lernte ich Heather kennen. Sie besaß ebenfalls ein Hexentalent, war aber schon viel erfahrener auf dem Gebiet.«
   Irgendetwas klingelte bei dem Namen. »Heather? Die Hexe, die unsere Familien fortgeschafft hat?«
   Marla nahm den Blick von der Fahrbahn und sah sie kurz an. Die Frage riss sie offensichtlich aus dem Konzept. Schließlich nickte sie. »Heather war mein großes Vorbild. Ich blickte ehrfürchtig zu ihr auf, denn sie verstand es, mit Kräutern umzugehen, kannte die geheimsten Zutaten und Wirkstoffe. Sie erklärte die Dinge besser, als meine Mentorin es getan hatte, lehrte mich viel und wusste auf alle Fragen eine Antwort. Wir saßen jeden Abend zusammen, testeten Formeln und zauberten, dass sich die Balken bogen. Unsere Kräfte wuchsen, wir erfanden neue Zaubersprüche und nach jedem Abend fühlte ich mich stärker. Uns gehörte der Campus, sie unterlagen uns alle.«
   »Wer unterlag euch?« Die Aussage besaß einen bitteren Beigeschmack.
   Marla zögerte, rang sich aber zu einer Antwort durch. »Die anderen Studenten.«
   Ein Schauder arbeitete sich Annas Rückgrat hinunter. »Ihr habt Menschen verhext?«
   »Ja, und ich muss gestehen, zu unseren Gunsten. Wir besprachen die Professoren mit Verwirrungszaubern, schrieben ab und sorgten mit Liebestränken dafür, dass uns die hübschesten Jungen begehrten, oder die einflussreichsten Leute um unsere Freundschaft warben. Niemand konnte uns das Wasser reichen und wir kannten kein Tabu.«
   Anna versuchte, sich die junge Marla vorzustellen. Arrogant, selbstsüchtig und von sich eingenommen. Aber die Vorstellung verschwamm. Sie war ein viel zu guter Mensch, so konnte sie einfach nicht gewesen sein.
   »Es kam die Zeit, da langweilte uns die Hexenkunst. Es schien, als hätten wir jedes Kraut im Lande probiert und jede Formel ausgetestet. Die Hexerei verlor ihren Reiz, war alltäglich geworden. Wir sehnten uns nach neuen Kräften, anderen Gaben und dem ganz großen Nervenkitzel. Aber wo sollten wir ein neues Talent hernehmen? Es gab niemanden, der uns eine weitere Gabe vererben konnte, also schien es ein unerfüllter Wunsch zu bleiben.«
   Anna ahnte, dass es kein unerfüllter Wunsch geblieben war.
   »Was ist passiert?«
   Marla verkrampfte, ihre Augen verloren den üblichen Glanz. Sie setzte mehrmals zu einer Antwort an. »Wir waren jung«, sagte sie entschuldigend, nach dem mehrfachen Versuch, einen Ton hinaus zu bekommen.
   Was konnte so schlimm sein, dass es ihr die Sprache verschlug? Eiskörner hagelten Annas Rücken hinab. »Erzähl es einfach. Ich verurteile dich nicht.« Sie hoffte zumindest, das Versprechen einhalten zu können.
   »Eines Abends«, fuhr Marla so leise fort, dass man es als Flüstern bezeichnen konnte, »schwebte Heather leichtfüßig in mein Zimmer des Studentenwohnheims. Sie hatte dieses Lächeln auf den Lippen, von dem ich heute weiß, dass es nichts Gutes bedeutet. Schon damals zauberte es mir eine Gänsehaut über den Körper. Doch die Neugier siegte über meinen Verstand. Ich ignorierte das falsche, unnatürliche Grinsen und fragte ihr stattdessen Löcher in den Bauch. Heather erzählte von unvorstellbarer Macht. Sie hatte einen Mann gefunden, der unsere kühnsten Träume wahr werden lassen konnte.«
   Die Atmosphäre im Wagen prickelte. Jedes Härchen an Annas Arm richtete sich auf. Besaß Marla ein weiteres Talent? Warum hatte sie es verschwiegen, und von wem hatte sie es erhalten?
   Marla befeuchtete die Lippen. »Der Drang, neue Kräfte zu besitzen, überspielte meine flatternden Nerven. So folgte ich meiner Freundin am nächsten Abend an einen Ort, welcher der Hölle verdächtig nahekam. Der Hinterhof war schmutzig, überhäuft von Unrat, und es lag ein ekelhafter Gestank in der Luft.« Sie schluckte, als stiege bei der Erinnerung Übelkeit die Kehle hinauf. »Die verblassten Namenschilder neben den Klingeln gaben nicht preis, wer in dem alten Gebäude lebte. Ein Name stach mir sofort ins Auge. Bis heute weiß ich nicht, ob es sich dabei um seinen Vor- oder Nachnamen handelt. Salim.« Sie hatte den Namen mit Abscheu ausgesprochen und verstummte jäh. Marlas Gesicht hatte jedwede Farbe verloren. Sie sah aus wie ein Gespenst.
   Anna gönnte ihr die Pause und ordnete ihre wilden Gedanken. Marla war also nicht immer die gutherzige, mütterliche Frau mit den sensiblen Sinnen gewesen. Hatte sie das erwartet? Sie hatte nie darüber nachgedacht. Ein leicht säuerlicher Geschmack breitete sich im Mund aus und ein leises Empfinden warf einen Schatten auf ihr Herz. Begann so für gewöhnlich die Zeit, nachdem man ein Talent vererbt bekam? Testeten die Neubegabten ihre Fähigkeiten spielerisch, gaben sich dem Spaß hin und erforschten ihr Können? Sie durfte sich den Luxus nicht erlauben. Ein unfaires Schicksal. Was wollte Marla mit ihrer Geschichte bezwecken? Sie wollte ihr bestimmt nicht vor die Nase halten, dass sie die berühmte A–Karte gezogen hatte. Gab es jemanden, der ihnen weitere Talente beschaffen konnte? Jemand, der ihnen half, in das Hauptquartier des Beirates einzudringen? Anna schüttelte den Kopf. Sie gab es auf, sich mit Spekulationen das Hirn zu zermalmen. Marla würde die Geschichte sicherlich noch beenden. Sie wandte sich ab und blickte erneut zum Fenster hinaus. Nur noch vereinzelt tanzten Schneeflocken vom Himmel, aber eine dicke Eisschicht überzog die Leitplanke. Der Schnee wirkte versteinert und funkelte, als wäre er mit Diamanten bespickt. Sie schielte zu Marla, die keine Anstalten machte, weiterzusprechen. »Wer war der Mann?«, fragte sie schließlich.
   »Salim war ein Voodoopriester.« Die Antwort schoss aus Marla heraus, als befürchtete sie, dass das Wort die Zunge vergiftete.
   Voodoo. Anna kannte das Wort aus unzähligen Filmen und verband es mit etwas Schlechtem. Sie witterte die Gefahr. »Was ist Voodoo?« Sie hatte es nie hinterfragt. Wozu auch? Normale Menschen setzten sich wohl kaum mit dem Thema auseinander.
   »Voodoo war eine Religion. Die Anhänger beteten zu verschiedenen Göttern und beschenkten sie mit Opfern. Die Loa, ein Geisterwesen, das zwischen den Dimensionen wandelt, überbrachte den Göttern die Gebete und Gaben, bescherte die Menschen dafür mit Gesundheit und Erfolg. Doch es kam der Tag, an dem sich das Blatt wendete.«
   »Was meinst du, mit wendete?«
   Marla fuhr sich an die Kehle und öffnete die Jacke. Ein leichter Schweißfilm überzog ihre Stirn. »Die Loa begann eigene Wege zu gehen. Seit geraumer Zeit hat sie den eigentlichen Göttern den Rücken gekehrt. Sie handelt mit schwarzer Magie, übergibt die Opfer an Dämonengötter und zapft ihnen im Gegenzug Kräfte ab. Sie dealt quasi mit Dämonenmächten.«
   Eine große Pranke griff nach Annas Herzen. Sie erinnerte sich gut an den Dämon, den sie versehentlich mit dem Ouija-Brett beschworen hatte. Übelkeit schwappte auf. Hatte Marla Magie von Dämonengöttern gekauft?
   »Die Götter entlohnen die Loa für ihre Dienste. Sie alle nähren sich gemeinsam an den Opfergaben und ihre Macht steigt dadurch ins Unermessliche. Das bisschen Kraft, das die Götter im Gegenzug an die Menschen abtreten, ist ein Witz gegen die, die sie bekommen.«
   »Also bescherte euch dieser Salim Magie von Dämonengöttern?« Annas Stimme klang kratzig. Wollte sie die Antwort wirklich hören?
   Marla nickte geistesabwesend. »Ja, dies tat er wohl. Zunächst war uns gar nicht klar, woher Salim die Kräfte nahm, die er uns gab. Ehrlich gesagt war es uns auch vollkommen egal. Wir gaben ihm Blut. Unser eigenes oder das von Tieren. Im Gegenzug erhielten wir Macht. Es war ein unbeschreibliches Gefühl und wir bekamen Kräfte, die sich ein normaler Mensch kaum vorstellen kann. In unseren höchsten Momenten waren wir imstande zu fliegen, den Himmel zu erklimmen und nach den Sternen zu greifen. Doch der Rausch hielt nie lang an. Zunächst vielleicht eine Woche, später war die Zeitspanne, bis wir Nachschub brauchten, kürzer. Du musst wissen, Dämonenmagie ist nicht für den menschlichen Körper bestimmt und verweilt nicht in uns. Unser Körper gewöhnt sich an die Zufuhr, und mit der Zeit braucht es mehr Magie, um das Level zu halten. Aber mehr Kräfte zu tanken, bedeutete, einen höheren Preis zu zahlen. Die Loa war nicht mehr zufrieden mit dem wenigen Blut, das wir ihr boten.« Marla schüttelte sich.
   Anna fröstelte. Marlas Tonfall missfiel ihr. »Es nahm kein gutes Ende, oder?« Eine dumme Frage. Wann hatte ein Höhenflug je ein gutes Ende genommen? Die Bücher waren voll von großen Stürzen und Katastrophen.
   »Nein«, sagte Marla und seufzte. Sie umklammerte das Lenkrad, als hielte sie sich daran fest. »Die Loa forderte höhere Opfer. Salim verlangte, dass wir einen Menschen opferten.«
   Die große Pranke schien dem Teufel persönlich zu gehören. Sie drückte ihr Herz zusammen. Anna schnappte nach Luft, versuchte, sich zur Ruhe zu rufen, aber es gelang nicht. Marla hatte einen Menschen getötet? War die vertraute Freundin eine Mörderin? »Marla, du hast doch nicht …?« Sie verbot sich, den Satz zu Ende zu sprechen und weigerte sich, zu glauben, dass die Hexe das wirklich getan hatte.
   »Nein, ich habe keinen Menschen ermordet.«
   Die Faust lockerte den eiskalten Griff. Für einen kurzen Moment hatte sie sich wirklich vor der Antwort gefürchtet.
   »Aber es öffnete mir endlich die Augen. Ich flehte Heather an, zu verschwinden und augenblicklich mit dem Wahnsinn aufzuhören. Zusammen verließen wir fluchtartig den Hinterhof, obwohl es mir vorkam, als ob sie mich nur widerwillig begleitete. Zu Hause schloss ich mich ein, schimpfte über meine Naivität und fragte mich, wie wir uns nur auf so etwas hatten einlassen können. Ich hasste mich dafür und ertrank in Schuldgefühlen. Allerdings erhielt ich auch meine gerechte Strafe.«
   Anna strich eine Haarsträhne hinters Ohr. Sie schien elektrisch geladen zu sein und ließ sich nur schwer bändigen. »Was für eine Strafe?« Aber wie auch immer sie dafür gebüßt hatte, es war wohlverdient.
   »Magie macht süchtig, Anna. Und das meine ich wörtlich. Ich war abhängig von Dämonenkräften. Mein Körper schmerzte, verlangte nach neuem Voodoozauber und ich schob einen schlimmeren Affen als manch Drogenabhängiger. An einigen Tagen wusste ich nicht, ob ich die Sache überlebe. Ich ging keinen Meter vor die Tür, lag nur im Bett und bemitleidete mich. Aber ich schaffte es, saß die Sache aus und betete, im Nachhinein nicht noch daran zu zerbrechen. Leider verschwendete ich keinen Gedanken an Heather, der es ähnlich gehen musste. Ich war zu sehr mit meiner Qual beschäftigt.« Der bittere Vorwurf, den sie sich machte, klang in ihrer Stimme nach. Sie unterdrückte ein Schluchzen.
   »Sie hat es nicht geschafft?«
   Marla schüttelte den Kopf. Eine Träne schlich sich in ihren Augenwinkel, doch sie fand keinen Weg hinaus, denn sie vermied es, zu blinzeln. »Nein. Nach etwa vier Wochen hatte ich den Entzug hinter mich gebracht und war so weit, dass ich mir wieder selbst über den Weg traute. Endlich befielen mich Sorgen um Heather. Ich ging los und meine Angst bestätigte sich. Heather war nicht auf ihrem Zimmer. Ich fand es unbewohnt vor.«
   Anna hielt den Atem an. War Heather die Mörderin? Unvorstellbar, dass jemand für ein kleines bisschen Spaß so weit gehen konnte.
   »Ich nahm all meinen Mut zusammen und lief zu Salim, denn ich wusste, dass ich sie dort finden würde. Doch auf das, was ich sah, war ich nicht vorbereitet.« Marla umklammerte das Lenkrad inzwischen so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervorstachen. Ihre Schultern bebten, aber sie unterdrückte den Weinkrampf und starrte konzentriert auf die Fahrbahn.
   Anna warf einen Blick auf den Tacho. Marla hatte an Tempo zugelegt. Adrenalin schoss in ihren Kopf, kitzelte schlafende Hunde wach. Die Erinnerung durchbrach den sorgsam errichteten Schutzwall. Sie war schon einmal auf der Autobahn verunglückt. Plötzlich saß sie wieder in dem Bus, in dem Kira versucht hatte, sie zu töten. Sie schaute hinaus, sah die Welt vorbeiziehen und ihr Herz sandte einen Notruf ab. Wenn sie ungebremst in die Leitplanke fuhren … »Marla, halt an!«
   Marla drückte das Bremspedal durch, blickte in den Rückspiegel und zog auf den Standstreifen. »Alles okay?«
   »So aufgewühlt kannst du nicht weiterfahren.« Ihr Herz probte einen Aufstand. Sie hatte einen irreparablen Seelenschaden davongetragen und nun entblößte er sein Gesicht. Anna atmete tief durch. Die Illusion zerbarst und die Panik zog ihre Soldaten ab.
   »Ich hatte die Kontrolle, alles in Ordnung.« Marla schüttelte den Kopf und streckte die Hand nach ihr aus. Sie sah so schockiert aus, wie Anna sich fühlte.
   »Was ist passiert?«, nahm Anna den Faden auf und ignorierte das nachklingende Kribbeln in ihren Gliedern. Lieber erzählte Marla das Ende der Geschichte, während sie standen.
   Marla ordnete ihre Locken und sammelte sich. »Ich platzte in eine Opfergabe. Heather war schwanger. Das hatte ich nicht gewusst. Sie opferte ihren ungeborenen Fötus.« Sie biss auf die bebende Unterlippe, legte ihren Kopf auf das Lenkrad und weinte los.
   O Gott. Anna stieß hart die Luft aus. Sie hatte ihr eigenes Kind umgebracht? Was war diese Heather für eine scheußliche Person? Sie strich über Marlas Rücken. Wie schrecklich musste das für sie gewesen sein, solch eine Widerlichkeit mit anzusehen? Das alles war zu hoch, um es zu begreifen. Sie schob die Gedanken von sich, schluckte die aufkeimende Übelkeit hinunter und wartete, dass Marla sich beruhigte. Still saßen sie im Wagen, bis Marla den Kopf hob und ihre Tränen trocknete.
   »Ich rannte, so schnell mich die Füße trugen. Abgekämpft und verheult erreichte ich den Campus und lief einem jungen Mann direkt in die Arme. Er konnte fühlen, was ich fühlte, und unter Tränen erzählte ich ihm die ganze Geschichte.«
   »Frank«, flüsterte Anna. So hatte Marla ihren Mann kennengelernt.
   »Er half mir.« Marla rang sich ein Lächeln ab, aber die Erinnerung an ihn vermochte den Schmerz in ihren Augen nicht zu stillen. »Er hat mir immer geholfen. Noch am gleichen Tag fing er Heather ab und schaffte es, mit seinem Empathentalent auf sie einzuwirken. Heather bekam die Kurve bloß, weil er ihre Emotionen spürte und ihr half, das Verlangen sofort im Keim zu ersticken, wenn es aufflammte. Danach rührte Heather keine Magie mehr an. Selbst der Hexenkunst schwor sie ab, aus Angst, einen Rückfall zu erleiden. Ein Stück ihrer Seele starb wohl, als ihr klar wurde, was sie getan hatte.«
   Die Erkenntnis schlug Anna mit einem Hammer ins Gesicht. Es lief ihr heiß und kalt den Rücken hinunter und sie verschaffte sich Luft, indem sie sich aus der Jacke schälte. Sie schnappte sich Marlas Hand und drückte sie fest, um nicht den Halt zu verlieren. »Du hast ihr unsere Familien anvertraut.« Eine Mörderin sollte auf ihre Liebsten achtgeben? Was hatte sich Marla nur dabei gedacht?
   »Ja, das habe ich. Heather ist stark. Wenn einer unsere Familien beschützen kann, dann sie. Es ist viele Jahre her. Mach dir keine Sorgen, sie hat ihre Krankheit besiegt.«
   Hoffentlich behielt Marla recht. Sich auch noch Sorgen um Paps, Mama und Sally machen zu müssen, würde das letzte bisschen Kraft kosten. Sie durfte nicht länger darüber nachdenken. Anna seufzte und bezwang das Flattern in ihrer Brust. Die Geschichte war schrecklich, aber sie verstand nicht, wie ihnen das weiterhelfen konnte. Sie mussten irgendwie an die Pergamente kommen. »Jetzt schimpf mich nicht blöde, aber weshalb hast du mir das erzählt? Wohin fahren wir?« Sie befürchtete, eine vage Vermutung zu haben, doch verbot dem Gedanken, Gestalt anzunehmen. Sie wollte doch nicht …
   Marla fuhr sich über die Augen und gewann mit der Bewegung schlagartig die Fassung zurück. »Wir fahren nach Hamburg zu Salim.«
   »Spinnst du?«, entfuhr es Anna.
   Böses ließ sich nur durch Gutes bekämpfen und nicht damit, dass man auf dasselbe Pferd aufsprang.
   »Nein. Es ist die beste Alternative, die wir haben. Denn eines habe ich dir noch nicht gesagt.« Sie sah auf.
   Die Atmosphäre im Wagen knisterte wie eine Hochspannungsleitung und der Himmel zog sich wütend zusammen.
   »Anna«, begann sie. »durch Dämonenmagie kannst du einen Toten wiedererwecken.«
   Anna tauchte ab in ein Eismeer. Sie ruderte, strampelte und beförderte sich hartnäckig zurück an die Oberfläche. Sie würde nicht in kalter Dunkelheit ertrinken, denn über Panik war sie längst hinaus.

6. Kapitel
Dunkle Instinkte

»Hast du dich beruhigt?«, fragte Josh. Die Frage war überflüssig, denn er las in Lucas Gedanken, dass die Wut allmählich verrauchte. Josh
   wusste, wo er den kläglichen Rest loswerden konnte.
   Luca zuckte die Schultern.
   Er hatte ihn zum Strand geschleppt, damit sich der Junge abreagieren konnte. Jetzt eilten sie zurück zur Straße, wobei Luca die entgegengesetzte Richtung vom Haus der del Rossis einschlug. Das Rauschen des Meeres entfernte sich.
   »Ich kann verstehen, dass du sauer bist. Wir sind auch wütend über das, was Sebastian getan hat.«
   »Sie war nicht deine Schwester«, erwiderte Luca trotzig.
   Joshs Herz zog sich zusammen. Manchmal war Blut nicht alles. Kiras Tod tat ihm ebenfalls weh und sein Bruder musste dafür bezahlen. Er dachte über seine Gefühle nach und versuchte, ihnen einen Namen zu geben. Jonathan hatte ihn gelehrt, dass Magier nicht menschlich empfanden und Liebe ein Schimpfwort, oder bestenfalls ein Fremdwort war. Vermutlich hatte er recht, aber auch verletzter Stolz und Wut raubten die Luft zum Atmen.
   »Nein, sie war nicht meine Schwester. Aber sie gehörte auch zu uns. Sebastian hat nicht nur euch geschwächt.«
   Luca blieb stehen. »Mehr zählt für euch nicht, oder? Ihr Tod ist für euch bloß ein Verlust, weil sie enorme Kräfte besaß.«
   Seine Gedanken überschlugen sich und Josh hatte Mühe, ihnen zu folgen. Weshalb machte ihn diese Aussage so wütend? »Möglicherweise. Aber das ändert nichts daran, dass Sebastian seine gerechte Strafe erhalten wird. Wir spielen im selben Team.«
   Luca schüttelte den Kopf. »Wohin gehen wir?«
   »Weißt du das nicht? Du hast den Weg eingeschlagen.«
   Der Junge hatte seit Minuten an nichts anderes gedacht. Glasklar zeichneten sich seine Vorstellungen von den übrigen Gedanken ab. Josh verstand das. Wut brauchte ein Ventil, und dass Antonio seinem Sohn abverlangte, alles in sich hineinzufressen und die Magie zu unterdrücken, half Luca sicherlich nicht weiter. Das bevorstehende Spektakel konnte nur amüsant werden.
   »Nein, ich weiß es wirklich nicht.«
   Josh sah sich um, mehrere Ideen fluteten seinen Verstand.
   »Dein Naturell lenkt dich. Ich glaube, wir sind auf dem Weg, eine Entschuldigung loszuwerden.« Er grinste. Ein schauriges Schauspiel stand bevor und bei solchen Ereignissen spielte er gern den Zuschauer.
   Lucas Augen leuchteten auf, als ihm bewusst wurde, welchen Weg die Magie in ihm einschlug. »Mein Vater wird wütend werden.«
   »Und mein Vater weiß, ihn zu zähmen.«
   Es gestaltete sich schwierig, Lucas abstrakte Gedanken zu sortieren. Ein Teil von Joshs Herzen tauchte in ein bittersüßes Tränenmeer. Bei Kira hatte er oft dieselben Probleme gehabt, wenn er sie lesen wollte. Warum wog diese Tatsache so schwer? Während sie weiter die Straße entlang schlenderten, musterte er ihn. Luca besaß eine ungeheure Ähnlichkeit mit seiner Schwester. Sie hatten die gleichen dunklen Augen, langen Wimpern und diese perfekte Nase. Die del Rossi Kinder waren wirklich gelungen. Wenn Luca nur halb so viel Kraft besaß wie seine Schwester, war er ein enorm mächtiger Magier. Allerdings würden seine Fähigkeiten verkümmern, wenn Antonio ihm weiterhin verbot, sie zu schulen. Gleich würden sie herausfinden, wie gut Luca sich auf dunklem Gebiet schlug. Es bot sich die exzellente Möglichkeit, zu testen, was er drauf hatte. Möglicherweise war Luca ein erträglicher Ersatz. Ein Magier mehr im Boot konnte auf keinen Fall schaden.
   Luca beschleunigte das Tempo. Vorfreude brannte in seinen Gedanken. Die Finsternis spann Fäden in seinem Gehirn und vernetzte Sinne, Bewegungen und Intuition. Josh liebte es, zu beobachten, wie das Naturell über Angst und Gewissen siegte. Genau das machte einen Magier aus.
   Sie bogen in das ärmliche Viertel der Stadt. In der Gegend gab es nicht einmal eine Straßenlaterne. Perfekt für ihr Vorhaben.
   »Hier wohnen sie«, sagte Luca, als sie an den schäbigen Hauseingang gelangten, den Josh bereits in seinen Gedanken gesehen hatte.
   »Dann viel Spaß. Ich halte mich zurück. Das ist dein Spiel, Cowboy.«
   Luca grinste animalisch. Sein Innerstes sendete elektrische Impulse aus. Er trat auf die Eingangsstufe, drückte gegen die Tür und sprach eine Formel. Geräuschlos glitt sie auf. Lucas Gedanken nahmen eine Form an. Wenn Magie das Kommando übernahm, war es einfach, sie zu verfolgen und ihnen einen Sinn zu verleihen. Fiktionen gingen in Instinkte über. Er betrat den Hausflur. Josh folgte leise. Die Wohnungstür war nur angelehnt. Vermutlich war sie kaputt, wie alles an dem heruntergekommenen Haus. Sie verzichteten darauf, das Licht anzuschalten. Luca steuerte zielsicher auf die Tür zu, hinter der sich, laut seiner Gedanken, Giannis Zimmer verbarg. Er trat sie auf.
   Gianni lag im Bett. Er fuhr benommen hoch, als Josh sich laut räusperte. Zur Hölle, wieso hatte ihn nicht schon der Krach der Tür geweckt? Die Menschen waren seltsam. Er blinzelte ihnen entgegen, aber sein erbärmlich menschliches Augenlicht schaffte es nicht, dem Bild einen Sinn zu verleihen. Josh gluckste über die stillen Versuche.
   »Mama?«, fragte er mit rauer Stimme.
   »Fast.« Luca kicherte.
   Gianni knipste die Nachttischlampe an und schrak zusammen. Bilder brachen aus den Tiefen seiner Gedanken, Angst überfiel ihn. Er öffnete den Mund, um nach seinen Eltern zu rufen, doch erstarrte in der Bewegung. Luca war schnell und sein Fluch traf ins Schwarze. Josh erkannte, dass er nicht zum ersten Mal tötete. Du gerissener, kleiner Schlingel.
   Luca trat auf Gianni zu, dessen Augen sich panisch weiteten, als wollte er sie aus dem Schädel pressen. Schwarze Magie brannte Löcher in Lucas Verstand, riss Blockaden nieder und setzte die Schwerkraft außer Kraft.
   Josh keuchte. Er liebte es, zu beobachten, wie die Dunkelheit jegliches Empfinden verschlang.
   »Mein Vater sagte, ich soll mich entschuldigen. Es tut mir leid.« Luca setzte ein honigsüßes Lächeln auf. »Es tut mir sogar wahnsinnig leid, dass ich das nicht schon viel früher getan habe.« Er nahm Giannis Kopf zwischen die Hände und sprach den Todesfluch. Es ging so schnell, dass der rote Nebel den Augen verborgen blieb. Gianni sackte leblos in die Kissen des hell bezogenen Bettes.
   Wie ein Blitz durchzuckte die Magie Lucas Geist. Er stöhnte, warf den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und ließ sich von der Dunkelheit treiben. Josh las die Befriedigung und er sah, dass die Dunkelheit kochte. Luca wollte mehr.
   »Das war harmlos«, sagte Josh. »Du kannst es besser. Erste Lektion, lass sie zappeln. Du darfst nicht bloß töten, wenn du die Chance hast, zu foltern.«
   Sein Vater hatte ihn dasselbe gelehrt und er dankte ihm von Herzen dafür. Der milde Genuss, den das magische Feuer durch den Körper spülte, wenn sich die Opfer vor Panik wanden, ging in Fleisch und Blut über.
   Luca hob die Lider. Seine dunklen Augen waren kohlrabenschwarz. Er nickte und rauschte leichtfüßig aus dem Zimmer. Josh sprang hinterher. Die Magie hielt restlos die Karten in der Hand und Lucas Gedanken beugten sich dem Naturell widerstandslos. Mit einer Handbewegung flogen die übrigen Türen der Wohnung auf. Ein Windstoß streifte sie. Luca spähte in das erste Zimmer und kehrte dem Korridor den Rücken zu, als ein Mann hinter ihm auf den Flur trat. Er war hochgewachsen, besaß ein breites Kreuz und muskulöse Arme.
   Josh beobachtete die Szene. Der Mann hatte ihn noch nicht bemerkt. »Luca«, zischte er. Seine Sinne verkümmerten wirklich. Normalerweise schrillten die Alarmglocken, wenn sich ein Mensch dem Magierausch näherte. Sensible Sensoren empfingen frühzeitig Schwingungen.
   Luca wirbelte herum.
   »Was tust du in meiner Wohnung?«, donnerte der Hüne, bei dem es sich um Giannis Vater handeln musste. Erkenntnis blitzte in seinem Gesicht auf. »Du wagst es, bei uns einzubrechen?« Er wollte auf Luca losgehen und spannte die Muskeln an.
   Doch Josh war schneller. Der Drang, zu töten ließ sein Herz schneller schlagen. Er wollte nicht länger Zuschauer spielen. Er feuerte einen Fluch los und traf den Mann an der Flanke. Die enorme Kraft schleuderte Giannis Vater gegen die Wand, als wäre er nicht schwerer als eine Feder. Der Lärm war ohrenbetäubend.
   »Rosario?« Eine kräftige Frau taumelte schlaftrunken aus dem Schlafzimmer. Sie rieb sich die Augen. Lucas Fluch riss sie von den Beinen, und sie flog neben ihrem Mann gegen die Wand. Gedanken wirbelten durch ihren Kopf, doch die Angst lähmte den Verstand.
   »Denk dran, Luca. Nicht töten, wenn du quälen kannst«, wiederholte Josh.
   Rosarios Pupillen weiteten sich. Unfähig, sich zu bewegen, drückte ihn Magie gegen die vergilbte Tapete. Ängstlich blickte er zu ihnen hinab.
   Luca nickte geistesabwesend. Die Dunkelheit benebelte seinen Verstand und trieb das Herz voran. Er war ihr Knecht, Diener und Handlanger. Es gab nichts, was er der Finsternis noch entgegensetzen konnte. Sie bootete ihn aus.
   Josh streckte sich. Es war ein Genuss, Luca zu trainieren. Es war fast so gut, wie das Gefühl, mit eigenen Händen zu töten. Die Haare auf seinem Arm stellten sich kerzengerade auf.
   Luca trat vor, grinste, wie nur ein Magier im letzten Zuge seines Kampfes grinste, und umfasste Rosarios Kinn. Mit einem Ruck drehte er dessen Kopf in Richtung seiner Frau. Rosario versuchte, gegen den Fluch anzukämpfen. Adern traten auf seiner Stirn hervor, doch Lucas Zauber war stark. Luca hob seine Hand, wie der Dirigent eines Orchesters, und ließ sie langsam sinken. Der Brustkorb der Frau platzte auf. Eine klaffende Wunde zog sich wie ein Reißverschluss über ihren Körper. Augenblicklich sank ihr Kopf auf die Brust. Blut spritzte.
   Rosario zuckte bei dem Versuch, sich zu befreien.
   »Hast du gesehen? Sie ist tot«, flüsterte Luca ihm zu. »Dein Sohn übrigens auch.«
   Josh lehnte sich gegen den Türrahmen. Die Angst im Kopf des Hünen schlug Wellen und gleichzeitig wallte ein Sturm in ihm auf. Josh liebte sein Talent. Zu sehen, was die Menschen in den Sekunden vor ihrem Ableben dachten, zauberte ihm jedes Mal eine Gänsehaut auf den Körper.
   Luca fasste an Rosarios Kehle und drückte zu. Der Mann schnappte nach Luft. Er war zäh. Die Zeiger der Uhr, die neben ihm an der Wand hing, verriet, dass er sich fast fünf Minuten gegen das Unvermeidliche sträubte. Endlich erlosch der letzte Gedanke. Rosario erstickte. Luca ließ augenblicklich von ihm ab. Er besaß ein wirklich gutes Timing. Mit einer lockeren Handbewegung fielen die Toten zu Boden und landeten krachend auf den blutbefleckten Holzdielen.
   Josh klatschte in die Hände. »Perfekt. Wie fühlst du dich?«
   Luca wandte sich wortlos ab und trat zur Haustür.
   »Luca!«
   Josh wusste, was los war. Wenn ein Magier erst so richtig in Fahrt kam, gestaltete es sich mitunter schwierig, ihn zu bremsen. Die Dunkelheit ließ nicht los, forderte zum Weiterspielen auf. Josh eilte hinter ihm her und berührte seine Schulter. »Luca.«
   Luca stoppte, drehte sich um und funkelte ihn an. Der schattige Glanz der Finsternis loderte in seiner Iris.
   »Es ist genug für heute. Komm runter.« Josh setzte ein Lächeln auf.
   Luca versuchte, ihn abzuwehren, doch Josh krallte sich in sein Fleisch. »Du musst es steuern. Bezwing den Drang. Du herrschst über die Magie, nicht sie über dich.« Eine geschlagene Minute sahen sie einander an. Josh zog in Betracht, dass er womöglich auf ihn losgehen würde, doch plötzlich kreuzte ein Gedanke Lucas Instinkte.
   »Gut so. Kontrollier dich.« Er atmete hörbar ein, und mit einem Schlag war der Spuk vorbei. Das dunkle Feuer erlosch, als hätten die Flammen nie existiert.
   »Es war …«, stammelte Luca. Er hatte seine Sprache noch nicht wiedergefunden, aber seine Gedanken fanden tausend Worte, das Gefühl zu beschreiben. Keiner von ihnen traf die Wirklichkeit. Es gab keinen Ausdruck für das, was schwarze Magie mit ihnen tat.
   »Genial?«, fragte Josh. Eine schale Bezeichnung für dieses Empfinden.
   Luca nickte.
   »Lass uns verschwinden, bevor sich der Rest noch Sorgen macht.« Josh klopfte ihm auf die Schulter.
   Luca prustete los, aber er folgte Josh, sprang die Treppe hinab und sog tief die erfrischende Luft ein.
   Vor vielen Jahren war es Josh ähnlich ergangen. Seichter Wind kühlte perfekt das erhitzte Gemüt.
   Wortlos liefen sie die ärmliche Gasse entlang. Josh warf dem Jungen heimliche Blicke zu. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Er wirkte erwachsener. Joshs Brust schwoll an. Er hatte dem Jungen gezeigt, wohin er im Leben gehörte, und er war sicher, dass er damit in Kiras Sinne gehandelt hatte. Selbst nach ihrem Tod wollte er doch nur das Eine – die schöne Magierin glücklich machen. Erschrocken zuckte er bei dem Gedanken zusammen. Mit jedem Tag ihrer Abwesenheit wurden diese seltsamen Geistesblitze schlimmer. Was war nur los mit ihm? Luca bot doch wirklich einen guten Ersatz …

7. Kapitel
Schwarz und Grün

»Beginnen wir von vorn und diesmal lässt du nichts aus.« Patrick zwinkerte ihm zu. Der hochgewachsene Kerl spähte über die Horn-
   brille hinweg, die ihm alles andere als gut stand.
   Sie saßen in einer Nachtbar. Das schlecht besuchte Lokal erinnerte an eine Bahnhofshalle. Sogar die große Standuhr sah aus, als hätte sie jemand vom Bahnsteig montiert. Unermüdlich schritten die Zeiger vorwärts.
   Sebastian behielt sie im Auge. »Ich werde euch nicht einweihen. Ihr habt mit dieser Sache nichts zu tun, wie oft noch?«, entgegnete er. Er fühlte sich müde, taub und kaum zu einem Widerwort fähig. Die vergangenen Wochen steckten ihm schwer in den Gliedern und er durfte seine Kraft nicht darauf verschwenden, mit größenwahnsinnigen Hexen zu diskutieren. Er brauchte seine Reserve für das Gespräch mit den del Rossis.
   »Dann erzählen wir dir einfach, was wir uns zusammengereimt haben.« Cynthia stellte drei Bierflaschen auf den Tisch und plumpste auf den freien Stuhl.
   Sie besaß das Temperament eines Nashorns und grinste wie ein Honigkuchenpferd – super Kombination. Hatte sie jemals schlechte Laune? Sebastian rollte innerlich die Augen. Ihre halb zusammengereimten Märchen wollte er gar nicht hören.
   »Der Jüngste der Fingerless, also du«, sie zog das Wort in die Länge und funkelte ihn an, »hat sich, aus welchen Gründen auch immer, den Zorn seiner Familie zugezogen. Unschön, muss ich sagen. Auf deren Abschussliste möchte ich nicht stehen.«
   Sebastian schnaubte und spülte den Frust mit einem großen Schluck Bier hinunter.
   »Auge um Auge, Zahn um Zahn. Einer von euch muss ins Gras beißen. Und weil wir dich irgendwie süß finden«, sie klimperte mit den Wimpern und wuschelte über seinen Schopf, »darfst du das auf keinen Fall sein. Also haben wir uns spontan entschlossen, dir zu helfen.«
   Patrick boxte ihm gegen die Schulter. Die freundschaftliche Geste ging bis ins Mark.
   Sebastian biss auf die Unterlippe, um nicht aufzustöhnen. Der Ochse hatte die verletzte Seite erwischt.
   Cynthia hob die Augenbrauen. »Was haste denn da?«
   »Finger weg«, keuchte er.
   »Sebastian.« Sie sah ihn eindringlich an, erhob sich und trat hinter ihn. Mit ihren filigranen Fingern zupfte sie an seinem T–Shirt.
   »Da ist nichts.«
   Sebastian schüttelte sie ab. Sein Fleisch heilte bereits, aber Fluchverletzungen zogen manchmal noch tagelangen Phantomschmerz hinter sich her.
   »Komm schon, harter Kerl. Lass mich mal gucken«, bat sie ungewöhnlich weich.
   Er gab sich geschlagen. Das Biest konnte so verdammt hartnäckig sein und irgendwie schaffte er es nicht, wütend auf sie zu werden. Es war ein Fehler gewesen, ihre Hilfe zu ersuchen, aber hinterher war man wohl immer schlauer.
   Cynthia zog seinen Kragen hinunter und tastete das Schulterblatt ab. Er zuckte zusammen, als sie besagte Stelle erreichte.
   »Biste ein Mann oder ’ne Mutti? Da ist nur ein Kratzer«, stellte sie fest, zog ihre Hand aus dem T-Shirt und setzte sich zurück an den Tisch.
   Patrick ließ ein Gurren hören.
   Die beiden nutzten jede Gelegenheit, um ihn aufzuziehen. Ob sie damit bloß ihre Angst überspielten oder tatsächlich so respektlos waren, vermochte er nicht zu sagen. Vielleicht erkannten sie den Ernst der Lage wirklich nicht. »Die Wunde heilt bereits, sie war schlimmer. Ich sagte doch, da ist nichts.« Er klang gereizt.
   »Also, wie lautet der Plan? Was tun wir in Bella Italia?«, fragte Cynthia. Sie ließ den Blick durchs Lokal schweifen und schüttelte den Kopf. »Bella haste überhört. Nicht, dass du glaubst, ich leide an Geschmacksverkalkung.«
   Ihre Geschmacksverkalkung war ihr kleinstes Problem.
   »Noch mal zum Mitschreiben, damit auch ihr Hirnis es in eure Schädel bekommt. Euer Weg endet hier. Ich will euch nicht dabei haben. Es ist zu gefährlich.«
   Cynthia pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn, spielte ein Gähnen vor und tauschte einen langen Blick mit Patrick. Offensichtlich hatten die zwei ihre starrsinnige Ausdauer zur Genüge geschult. Sie ließen sich einfach nicht abschütteln.
   Patrick beugte sich über den Tisch. »Falsche Antwort. Es gibt exakt zwei Möglichkeiten, wie die Sache verlaufen könnte, wenn wir dich das allein tun lassen. Und beide machen uns nicht besonders glücklich. Entweder, du bringst es nicht übers Herz, deiner Familie etwas anzutun und ich meine, hey, wer könnte dir das verübeln? Familie ist eben Familie.« Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »In diesem Fall stehen die Chancen fünfzig zu fünfzig, dass du entweder wieder zu ihnen überläufst oder draufgehst, weil sie bestimmt nicht zögern werden, dich zu töten. Oder du gibst deinem kalten Magierherz einen Ruck, forderst sie tatsächlich heraus und scheiterst kläglich, weil du es niemals mit allen gleichzeitig aufnehmen kannst. Das Ende vom Lied lautet, deine Familie gewinnt. So oder so. Es sei denn, du hast zwei talentierte Hexen und große Kämpfer in der Hinterhand.« Er deutete von Cynthia auf sich und wieder zurück.
   Sebastian riss der Geduldsfaden. Sie glaubten, dass er es womöglich nicht übers Herz brächte, seiner Familie die Stirn zu bieten? Sie kannten ihn nicht. Woher nahmen sie das Recht, sich ein Urteil zu bilden? Die Erinnerung an den Kampf gegen Josh klingelte in seinem Gedächtnis. Er zuckte zusammen. Damals hatte er gezögert. Nur kurz, aber er konnte es nicht leugnen. Geh uns aus dem Weg, Josh. Wieso hatte er nicht gleich angegriffen? Vielleicht hätte er seinem Bruder dann das Wasser gereicht. Patricks Befürchtung traf ins Schwarze. Was geschah, wenn er es nicht übers Herz brachte, ihnen etwas anzutun? Sein Magen krampfte sich zusammen. In Gedanken hatte er sie bereits hundertmal getötet. Aber Vorstellungen waren keine Taten. Er schüttelte die Erinnerung ab und sprang auf die Füße. Sein Stuhl kippte krachend zu Boden. Er legte eine gehörige Portion Wut in seinen Blick und fegte mit einer Handbewegung die Flaschen vom Tisch. Er zitterte.
   »Es reicht. Ich brauche weder zwei kleine Hexen, die mir sagen, dass ich draufgehe noch bin ich ein Idiot, der sich nicht einschätzen kann«, knurrte er. Ein Magierausch strömte in seinen Kopf, ließ in schwindeln. Heiß floss die Dunkelheit durch seine Venen. In letzter Sekunde erkannte er die Gefahr und legte seinem Naturell die Zügel um. Er wollte seine Wut nicht an Cynthia und Patrick auslassen, sondern ihnen Angst einjagen. Sie mussten sich fürchten. Aus den Augenwinkeln sah er, dass die Kellnerin ängstlich zu ihnen hinüberspähte. Unschlüssig stand sie hinter dem Tresen. Sebastian blickte zu Boden und betrachtete die Flaschenscherben. Hatte er zu dick aufgetragen?
   Patrick kam ihm zuvor und hob die Hand. »Scusi. Wir räumen gleich auf.«
   Es hatte also nicht gereicht. Patrick wirkte zumindest nicht sonderlich beeindruckt.
   »Wenn du dich beruhigt hast, können wir dir erzählen, wie wir dir helfen möchten«, sagte Cynthia. »Übrigens schade um das Bier.« Sie kicherte.
   Ihr belustigter Unterton kratzte erneut an seinem Nervenkostüm. Sie erkannte die Gefahr nicht einmal, wenn er sie ihr so deutlich vor Augen führte. Ihr Leichtsinn und ihre Respektlosigkeit würden sie im Kampf gegen seine Familie das Leben kosten. Er musste hier und jetzt ein Stoppschild setzen, das selbst den beiden Knalltüten ins Auge stach. Sebastian atmete tief durch und trat auf Cynthia zu. Er umfasste ihr Kinn.
   Cynthia versuchte, ihn abzuschütteln, drückte den Arm von sich, doch sie war seiner Kraft nicht gewachsen.
   Patrick schnellte hoch.
   »Vergiss es, Amigo«, bellte Sebastian und schleuderte ihn mit einer Armbewegung zurück auf den Stuhl.
   Die Kellnerin stieß einen leisen Schrei aus.
   Patrick keuchte und umklammerte den Tisch, um nicht nach hinten zu kippen. Sebastian lähmte ihn mit einem Fluch. Er sah Cynthia tief in die Augen. Sie versuchte krampfhaft, ihre Lider zu schließen, besaß aber nicht die Kraft, auch nur zu blinzeln. Sie war ihm ausgeliefert, ihr sturer Menschenwille beugte sich seiner Magie. Das Gefühl berauschte, verschlang sein Gewissen und die Dunkelheit stieß ihren spitzen Schnabel in sein Herz. Er besaß die Macht, ihr Leben zu nehmen und ihr Licht für immer auszulöschen. Was hielt ihn eigentlich davon ab, es in Betracht zu ziehen?
   »Dein Herz«, flüsterte eine Stimme, die er als seine erkannte. Sebastian schüttelte sich und konzentrierte sich auf seine Atmung. Cynthia hatte ihm einen großen Dienst erwiesen. Sie zu töten machte keinen Sinn. Er fokussierte den Gedanken, schickte eine Warnung in seine Glieder und suchte sich einen Weg in Cynthias Kopf. »Hör mir zu, Hexe«, flüsterte er. Er durfte die Stimme nicht heben, sonst bräche die Hürde und er verlöre womöglich die Beherrschung. »Du wirst vergessen, was du in Italien tust. Du fährst auf direktem Weg nach Hause und streichst meinen Namen für immer aus deinem Gedächtnis.«
   Ihr Puls beschleunigte, ihre Stirnader klopfte gegen seine Fingerspitzen. Er musterte sie abschätzend. Cynthia war stark, aber schließlich huschte ein dunkler Schatten durch ihre blaue Iris. Ihre Gesichtszüge entspannten und ihr Herzschlag beruhigte sich.
   Sebastian versuchte abzuschätzen, ob er das richtige Maß getroffen hatte. Bei seinem letzten Versuch, einem Menschen die Erinnerung zu nehmen, war das mächtig in die Hose gegangen. Marla, die es damals getroffen hatte, wusste nicht mal mehr, wie sie eine Gabel in der Hand zu halten hatte. Er fuhr prüfend in Cynthias Verstand und ließ zufrieden ihr Kinn los.
   Ein wahrer Kampf tobte durch sein Blut. Es tat so gut, die brennende Dunkelheit pulsierend in seinen Venen zu spüren. Mit jedem Herzschlag schrien die Poren seines Körpers danach, die Zügel aus der Hand zu geben und seine Seele sang ein Duett mit dem magischen Rausch. Er atmete flach und stoßweise. Warum sollte er dem Drang einen Riegel vorschieben? Die schwarze Magie gehörte zu ihm. Sebastian schloss die Augen. Er durfte es nicht zulassen, auch wenn es das Leben leichter machte. Lernen war wie Rudern gegen den Strom. Sobald man aufhörte, trieb man zurück. Er wollte nicht zurücktreiben. Seine Vergangenheit musste Vergangenheit bleiben, denn es brachte ihn nicht weiter, alte Gewohnheiten zu pflegen. Er spannte die Glieder an, ballte die Hand zu einer Faust und gebot dem rauschenden Strom Einhalt. Die Dunkelheit zog sich zischend zurück. Er hatte sich im Griff und war ein guter Schüler seiner selbst. Als ihm bewusst wurde, dass er die schwarzen Fäden so weit gelöst hatte, dass Patrick von seinem Fluch befreit wurde, war es zu spät. Er nahm eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahr, richtete sich auf, wirbelte herum und sah Patrick, der sich lautlos heranpirschte. Einen Menschen hätte er vielleicht überlistet, aber ganz sicher keinen Magier.
   Sebastian schnellte vor, um Patrick zu packen, aber er griff ins Leere. Blitzschnell sprang Patrick einen Schritt zurück, öffnete die Faust und pustete ihm grünen Staub entgegen. Das Pulver umwehte ihn, traf ins Auge und stieg in die Nase. Es blieb keine Zeit, die Luft anzuhalten, bevor seine Sinne taub wurden. Sebastian fuhr sich übers Gesicht, versuchte den Staub aus der Lunge zu husten, aber er schaffte es nicht. Ein grüner Schleier breitete sich aus. Er rief die Magie zurück und die Dunkelheit trat gegen den Nebel an. Die Farben vermischten sich, verbündeten sich und der Vorhang fiel.
   Der Schweinehund hat mich betäubt, war das Letzte, was er dachte. Das Grün verschlang ihn und mantelte ihn restlos ein, während die schwarze Magie still verrauchte.