Großbritannien 2025 Nachdem Vampire an die Öffentlichkeit getreten sind, hat die Regierung ihnen gegenüber strenge Sicherheitsbestimmungen erlassen. Die Untergrundorganisation Absecon setzt sich dagegen für ihre Rechte ein und hilft ihnen, unter dem Radar der staatlichen Kontrollsysteme zu bleiben. Madison Turner führt ein Doppelleben: Tagsüber arbeitet sie als Radiostimme Londons, nachts schmuggelt sie für Absecon Vampire aufs Festland. Bei ihrem ersten Solo-Einsatz gerät Madison in Schwierigkeiten. Ihr Klient Nicolae Cole und sie werden von Vampiren angegriffen und müssen fliehen. Ihre Verfolger sind hartnäckig, und bald stellt sich heraus, dass sich auch Menschen unter ihnen befinden. Madison vertraut dem attraktiven Nicolae nicht, aber sie muss an seiner Seite bleiben, um zu überleben. Obwohl sie nichts für ihn empfinden will, kann sie sich gegen ihre Gefühle nicht wehren. Doch wie soll sie jemanden lieben, der sie von Anfang an belogen hat?

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ISBN: 978-9963-52-355-9

Seiten: 393

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Stephanie Linnhe

Stephanie Linnhe
Stephanie Linnhe wuchs im nördlichen Ruhrgebiet auf. Nach einer Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin studierte sie Publizistik, Skandinavistik und Sozialanthropologie in Bochum und Kopenhagen. Im Anschluss ging sie für ein Jahr nach Australien und arbeitete als Story Writer für Sensory Image Pty Ltd sowie als Tourguide mit Schwerpunkt in Sydney. Zurück in Europa, führten mehrere Projekte sie in die Schweiz und nach England, bis sie schließlich 2008 in die Welt der Computerspiele eintauchte. Seitdem kümmert sie sich um die Texte eines Karlsruher Onlinespiel-Anbieters und schreibt nebenher für Zeitungen und Zeitschriften.

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Leseprobe

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Kapitel 1
2025 n. Chr.
In der Nähe von Browndown, Südengland

Obwohl der Mond in dieser Nacht nur schwach schien, fuhren wir selbstverständlich ohne Licht.
   Es wurde noch dunkler, als wir die von Laternen gesäumte Straße verließen. Das Geräusch der Reifen auf dem Untergrund änderte sich, als der Asphalt in einen von Schlaglöchern gespickten Weg überging. Der Wagen ruckte, klapperte und vertrieb so jeden Anflug von Müdigkeit.
   Ich reckte mich, so gut es ging, und sah nach links. Lucas war zu einem Schemen am Steuer geworden, die Hände fest am Lenkrad, das sonst so markante Profil mit dem viel zu kurzen Haar schwebte irgendwo darüber.
   »Wieder wach, Madison?« Die Stimme war wie stets zu zahm für sein Äußeres. Es lag kein Vorwurf darin.
   Ich unterdrückte den Impuls, die Augen zu reiben. In der vergangenen Stunde hatten meine Lider sich stetig aufeinander zu bewegt, wie zwei Magnete, die sich gegenseitig anzogen. »Wie weit sind wir?« Ein Blick aus dem Fenster brachte mir keine Antwort. Ich rieb über den Stoff meiner Jeans. Meine Glieder fühlten sich nicht mehr schwer an wie zuvor, mein Durchhaltevermögen hatte lediglich eine kurze Pause gebraucht. Als ich die Fingerspitzen auf das vertraute Metall der Norica legte, strömte neue Energie durch meinen Körper. Die Waffe schenkte mir ein größeres Sicherheitsgefühl als die ausgeleierten Sitze in Lucas’ Wagen. Sie war in unserer Zentrale auf meinen Fingerabdruck geeicht worden. Ich wusste nicht, wie die Kollegen an das nötige Equipment gekommen waren, aber ich hatte nicht gefragt und mir damit komplizierte Erklärungen erspart. Mir war nicht wichtig, wie es funktionierte, sondern, dass es das tat.
   Lucas schaltete einen Gang herab. Ich kannte niemanden außer ihm, der sich freiwillig in etwas setzte, das kein Automatikgetriebe besaß.
   »Beinahe in Sichtweite, keine zwanzig Minuten mehr. Mach dich bereit.«
   »Geht klar.« Ich verstaute die Waffe in der Halterung an meiner Hüfte.
   Lucas’ Blick streifte mich, ich konnte die Bewegung seines Kopfes aus den Augenwinkeln wahrnehmen. Er nickte mir zu, vielleicht wurde er auch nur von einem weiteren Schlagloch durchgeschüttelt. Ich lächelte und sah nach vorn, versuchte, etwas im Nichts zu erkennen. Ein aussichtsloses Unterfangen. Der Mond beleuchtete die Strecke wenig, die entfernten Lichter der Stadt überhaupt nicht, und ich war heilfroh darüber, dass wir sie bereits am Tag abgefahren waren.
   Ich durchdachte unsere nächsten Schritte, während das Aroma der nahen See durch die Lüftungsschlitze an meine Nase drang. Zum Glück wurde ich erst nervös, wenn ich handeln musste, wenn es zu spät war, um von Angst gelähmt zu werden oder es sich anders zu überlegen. Auf viele wirkte ich kalt und abgebrüht, weil ich die Ruhe selbst war, während ihnen die Hände zitterten. Hätten sie einen Blick in mein Inneres werfen können, würden sie ihre Meinung ändern.
   Zudem war Lucas bei mir. Er hatte Aktionen wie diese bereits durchgezogen, als ich mich zum ersten Mal auf die Suche nach Antworten begeben hatte. Damals war meine Welt eine andere gewesen.
   Das Dröhnen des Motors drückte auf meine Ohren. Es verschluckte Lucas’ gelegentliches Brummen, wenn die Stoßdämpfer uns erneut im Stich ließen.
   Die Gestalt auf dem Rücksitz schwieg sowieso. Sie atmete nicht einmal.
   Ein Lichtkegel schreckte mich mehr auf, als es jedes Geräusch hätte tun können. Er kam aus der Schwärze vor uns, zu weit entfernt, um uns zu erfassen.
   Ich beugte mich nach vorn und versuchte, mehr zu erkennen. Irgendwo in der Wildnis zwischen uns und dem Wasser waren Menschen.
   Sie warteten auf uns.
   Ich blickte über die Schulter und berührte die glatte Fläche in der Mitte des Fahrzeugdaches. Jetzt, wo unsere Kontakte in der Nähe waren, mussten wir nicht mehr ganz so vorsichtig sein.
   Das Deckenlicht tauchte das Wageninnere in Unwirklichkeit. Ich betrachtete das schmale Gesicht der Frau auf der Rückbank. Die Augen waren geschlossen, ihr Kopf rollte bei jeder Unebenheit des Bodens von einer Seite auf die andere. Die Lippen waren einen Spalt geöffnet, dazwischen schimmerte es. Strähniges Blondhaar bedeckte die linke Wange und hatte sich an der Brust zu kleinen Kreisen geringelt.
   Sie wirkte, als ob sie schlief. Ein junges Mädchen, das aussah, als hätte es die Volljährigkeit noch nicht erreicht.
   Ein Zweig peitschte gegen das Beifahrerfenster. Mein Knie schlug schmerzhaft gegen die Tür, als wir durch ein tiefes Loch holperten. In diese Gegend verirrte sich selten jemand, geschweige denn ein Fahrzeug. Die Natur hatte bereits angefangen, ihr Territorium zurückzuerobern. Ich hielt mich fest, während der Weg schmaler wurde und Seegras gegen die Scheiben drückte.
   Lucas knurrte leise und umklammerte das Steuerrad fester. Im trüben Licht zeichneten sich seine Fingerknöchel unter der Haut ab, als würde es sich um totes Fleisch handeln. Seine Lippen bewegten sich, doch kein Fluch war zu hören. Manchmal war er wirklich ein Gentleman.
   Obwohl ich darauf gefasst war, zuckte ich zusammen, als sich eine Gestalt aus den Schatten schälte. Sie war dick vermummt und hatte ihren Schal beinahe bis zur Nasenspitze gezogen, sodass ich ihr Gesicht kaum erkennen konnte. Gleiches galt für die Figur, die von mehreren Lagen Kleidung bedeckt war. Die spezifischen Reflektoren an Jacke und Hose verrieten Isodub-Produkte. Dieser Winter war der dritte in Folge mit starken Minustemperaturen, selbst hier an der Südküste. Wer sich länger draußen aufhielt, verzichtete selten auf Kleidung, die nach den neuesten Erkenntnissen der Nanotechnologie hergestellt worden war.
   Die Person hob einen Arm und schwenkte ihn kurz hin und her. Mit einem Mal war ich froh, dass ich im Auto saß und nicht zu denjenigen gehörte, die an dieser Bucht irgendwo zwischen Southampton und Portsmouth auf uns warteten.
   Die Bewegungen vor uns bekamen etwas Drängendes. Abwehrendes.
   »Etwas stimmt nicht.« Lucas presste den Daumen auf das Zündfeld neben dem Lenkrad.
   Der Motor verstummte.
   Die Stille rauschte in meinen Ohren und drängte mich, etwas dagegen zu tun. »Ich gehe.« Ich öffnete die Wagentür. Der Wind wirbelte durch mein Haar, und ich strich die hellen Strähnen hastig zurück. Als ich ausstieg, streifte mein Blick die Rückbank.
   Die Augen der Frau waren geöffnet. Stumm starrten mich zwei dunkle Seen an. Ein Schauder lief mein Rückgrat hinab und ich wandte mich nach vorn, schlug die Tür zu und lief der Gestalt in der Dunkelheit entgegen. Augenblicklich biss die Kälte in jedes Fleckchen nackter Haut, das sie finden konnte. Ich zog die Schultern hoch und steckte die Hände tief in die Taschen meiner Trainingsjacke. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, den Iso-Anorak von der Rückbank zu nehmen, da ich hoffte, dass wir sofort nach dem Händeschütteln unsere Fracht übergeben würden. Zudem fror ich seit meiner Operation nicht mehr so schnell wie zuvor. Hades schob es auf die Medikamente. Bisher hatte ich keinen Grund gehabt, daran zu zweifeln.
   Das Gesicht, das vor mir auftauchte, war weiblich.
   »Die Grenze ist dicht«, sagte die Frau. Beim Klang ihrer Stimme bemerkte ich, dass sie sicher über fünfzig war.
   Ich schnaubte. »Küstenwacht?«
   Knappes Nicken. »Sie kreisen seit einer halben Stunde mit mehreren Booten. Erst dachten wir, sie verschwinden wieder, aber es sieht nach einer größeren Aktion aus.«
   Stumm verfluchte ich die Paranoia der englischen Sicherheitsbehörden. »Was ist mit den Übergängen in der Nähe?«
   Die Frau runzelte die Stirn. Sie hatte ein faltiges Gesicht, das sich trotz der Kälte kaum rötete. Vermutlich rauchte sie – bestimmt noch Nikotinzigaretten, keine E-Verdampfer. »Cornwall ist ebenfalls dicht. Bisher noch keine Nachricht aus Hythe.«
   Das konnte alles und nichts bedeuten. Ich warf einen nachdenklichen Blick in die Dunkelheit, so als würde jeden Moment jemand mit der gewünschten Botschaft auftauchen. Wir achteten besonders in der Nähe der Grenze darauf, die Technik bei der Kommunikation außer Acht zu lassen. Das Risiko, abgehört zu werden, war zu groß, und obwohl wir autonome P2P-Verbindungen nutzten, mussten wir permanent damit rechnen, dass die Government Communications Headquarters auf uns aufmerksam wurden. Die Küste war ein besonders heißes Eisen im Feuer der Regierung. Das Risiko, zu lange zu zögern und die gesamte Aktion zu gefährden, war allerdings auch nicht klein. »Alles klar, wir fahren weiter«, entschied ich daher. »Danke.« Ich hob eine Hand, ging zum Wagen und schlüpfte so schnell wie möglich auf den Beifahrersitz.
   Lucas warf den Motor an und wendete. »Welche Richtung?«
   Ich schielte in die Dunkelheit, konnte jedoch weder die Frau noch Lichter sehen. Es war, als hätte unser Treffen niemals stattgefunden. »Wir haben keine freie Passage im Westen und noch nichts aus Hythe.«
   »Dann versuchen wir es dort.« Er zog sein Minipad aus der Tasche und warf es mir zu.
   Ich gab den Code für die verschlüsselte Seite im Shadenet ein und informierte unsere Leute. Dann kuschelte ich mich in den Sitz und warf einen Blick auf die Uhr.
   Die Zeit wurde knapp.
   Ein geschlossener Übergang war mir bisher nicht untergekommen und ich befürchtete, dass wir unseren Passagier erneut mit nach London nehmen mussten. Aber was dann?
   Ich schielte nach hinten. Sie saß regungslos dort, ihre großen Augen flackerten mich an. Natürlich war sie noch da. Wo sollte sie auch hin?
   Ich drängte meine Sorgen zurück und beschloss, Lucas’ Zuversicht zu teilen. Ich vertraute ihm blind. Und so berührte ich nur zufällig die Waffe an meiner Hüfte, während wir weiterfuhren.

Jetzt waren wir normale Menschen, die lediglich eine ungewöhnliche Zeit für ihre Reise gewählt hatten. Lucas hatte die Scheinwerfer eingeschaltet, nachdem wir uns den bewohnten Gegenden genähert hatten.
   Ich gähnte mehrere Male ungeniert und war verwirrt über mich. Hätte ich nicht aufgeregt und hellwach sein müssen? Ein in der Nacht bewachter Küstenstreifen war neu für mich und trat ausgerechnet jetzt auf, wo ich mich fast an den Ablauf gewöhnt hatte. Doch statt vor Sorge verrückt zu werden, dachte ich an die Tafel Vollmilchschokolade in meinem Kühlschrank. Und an mein Bett.
   Lucas schien zu ahnen, wie ich mich fühlte. »Kommt vor, dass sich eine Patrouille nachts an einem Abschnitt festbeißt, wenn auch selten«, sagte er. »Ist aber unwahrscheinlich, dass drei, die nebeneinanderliegen, dicht sind. Ist mir zumindest nie passiert.«
   Ich nickte. »Und wenn, fahren wir so lange, bis wir einen finden, den wir nutzen können.«
   »Vorbildliche Schülerin.«
   »Ich hatte einen gerissenen Mentor.« Ich zupfte an einem Faden der Jeans. »Wurde schon versucht, eine Aktion trotz aktiver Patrouille durchzuziehen? Einfach, weil es keine andere Möglichkeit mehr gab?«
   Lucas gab ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen Zustimmung und Missbilligung lag. »Bempton. Ist lange her und ging schief. Danach haben die Uniformierten sich dort festgebissen und wir haben es von unserer Liste gestrichen. War eh zu weit vom Festland weg. Seit Jahren ist da Ruhe.«
   Wir überließen dem Schweigen die Oberhand und bogen auf den ruhigen Motorway. Schnüre roter und weißer Lichter zogen vorbei, gekrönt von blinkenden Sternen über Anzeigetafeln. Sie begleiteten uns in das Landesinnere, ließen Fareham, Petersfield und Guildford hinter uns. Wir umrundeten London im Süden und lasen wenig später Hythe auf den Schildern.
   Die Zeit dehnte sich zunächst unerträglich aus und schrumpfte zusammen, als ich mir vorstellte, was am nächsten Übergang auf uns warten könnte.
   Als wir, erneut ohne Beleuchtung, in einen Strandweg einbogen, schlug mein Herz kaum merklich schneller und die Augen brannten, als ich in die Dunkelheit starrte. Mir durfte nichts entgehen.
   Dieses Mal wartete niemand auf uns. Ich ließ das Fenster herab und lauschte dem Toben des Meeres. Der Geruch von Salz und Tang brauste zusammen mit dem Wind heran und drang in meine Nase. Dahinter, schwach, das Geschrei der Möwen.
   Sonst nichts. Anders als Lucas war ich zum ersten Mal an der Hythe-Passage, doch es konnte dem Geräuschpegel nach nicht mehr weit bis zur Küste sein.
   Lucas nahm den Fuß vom Gassensor, stellte den Motor ab und ließ den Wagen ausrollen. »Es sieht gut aus.«
   Ich war nicht überzeugt. »Ich kann niemanden von unseren Leuten entdecken.«
   Lucas griff in seinen Stiefel, förderte den XTrans zutage und presste den Daumen in die Mitte des flachen schwarzen Vierecks.
   Ich zählte im Stillen die Sekunden. Als ich bei fünfzehn war, strahlten in der Ferne Lichtsäulen in den Himmel – Rot, Weiß, zweimal Rot – und erstarben, als hätte ich sie mir eingebildet. Das Boot hatte es rechtzeitig geschafft.
   Lucas wirkte zufrieden. »Sie sind da. Wenn auf dem Wasser weiterhin alles ruhig bleibt wie hier, sind wir bald auf dem Heimweg.«
   Ich verzog den Mund. »Ich bete, dass du recht hast.«
   Lucas schnaubte, dann ein zweites Mal, als wäre seine Missbilligung zu groß, um sie mit nur einem Laut auszudrücken. »Selbst der Überwachungsstaat muss mal ruhen«, sagte er durch zusammengebissene Zähne und trat die Tür auf. »Also los.«
   Ich nickte, griff hinter mich und angelte nach der Jacke. Dann stieg ich aus, ließ die Tür zufallen, zog den dicken Stoff über und stopfte die Haare in den Kragen. Der Wind nahm mir für einen Moment den Atem, und ich schüttelte wütend den Kopf. Es war mein Job, den Weg zum Wasser auszukundschaften – Lucas war nicht nur der Ältere, sondern hatte auch das Sagen. Solange ich also quasi sein Zögling war, durfte ich mir die Füße wund laufen.
   Es dauerte eine knappe Viertelstunde, bis ich die Küstenlinie vor mir sah, trüb beleuchtet durch zwei orangefarbene Bojen mitten im Nirgendwo. Ich lief parallel zum Wasser und lauschte, während ich die Gegend genau musterte. Nichts. Hier war niemand außer uns, den Möwen und Seeschwalben und, irgendwo dort draußen, den Mittelsmännern unserer Organisation. Dennoch blieb ich wachsam. Wir konnten noch entdeckt werden.
   Auf dem Weg zurück zum Wagen tastete ich nach dem beruhigenden Gewicht der Nori und spielte mit der Lasche der Halterung. Die Finger waren von Wind und Kälte leicht taub geworden, sodass ich zwar das Metall spürte, nicht aber, wie kühl es geworden war. Ich trommelte ein unregelmäßiges Muster auf den Griff. Noch waren meine Hände beweglich genug, um die Waffe ziehen zu können, falls nötig. Anfangs hatte sie sich seltsam an meinem Körper angefühlt, nun vermisste ich sie beinahe, wenn ich sie ablegte.
   Als ich zurückkehrte, stand Lucas neben der geöffneten Fahrertür. Er wirkte wie ein Leibwächter, der darauf wartete, dass sein Boss aus dem Auto stieg.
   »Alles ruhig.« Der Wind sang in meinen Ohren.
   »Gut. Das Boot wartet in der Bucht.«
   Ich nickte. Obwohl es selten vorkam, dass ein Küstenweg geblockt wurde, waren in einer Nacht, in der wir jemanden außer Landes schaffen wollten, alle Kontaktstellen besetzt.
   Lucas hämmerte gegen die Rückscheibe des Wagens. »Es ist soweit.« Er klang fast unfreundlich. Dann öffnete er die Hintertür.
   Eine blasse Hand mit kindlichen Fingern schob sich in mein Sichtfeld. Ich starrte darauf und versuchte, mich zu erinnern, wie alt die Frau war, während der Hand Arm und Schulter folgten. Schließlich stand sie vor uns, klein und zerbrechlich. Der Wind ließ nach, als wollte er die Dramatik des Augenblicks verstärken.
   Die langen Haarsträhnen der Frau ließen ihr Gesicht so schmal wirken, dass es mich traurig machte, es zu betrachten. Bekleidet war sie mit Jeans und einer kurzen Jacke über einem Shirt, doch sie beachtete die Kälte überhaupt nicht. Stattdessen tanzte ihr Blick von mir zu Lucas und wieder zurück. Ich hielt den ungewöhnlichen Pupillen stand, ohne dass es mir etwas ausmachte. Lucas vermied es dagegen, die Frau anzusehen.
   Beinahe musste ich schmunzeln. Dieser Querkopf war selbst schuld, dass er auf seine Schuhspitzen starren musste.
   »Die Grenze ist nicht weit von hier. Wir werden das letzte Stück laufen müssen.« Lucas bedeutete der Frau, vorzugehen.
   Bei aller Verantwortung, die wir auf uns nahmen, achteten wir stets auf unsere Sicherheit. Eine von Lucas’ Regeln besagte, sich stets den Rücken freizuhalten.
   Sie nickte und huschte in die Schatten. Ihre Bewegungen waren die einer Katze, obwohl sie stundenlang im Wagen gehockt hatte, ohne sich zu bewegen oder einen Muskel zu lockern. Ihr Haar flatterte wie eine ausgefranste Fahne hinter ihr her.
   Niemand sagte etwas, auch nicht, als wir die Klippen erreichten. Ich schürfte mir beim Abstieg die Knöchel auf, da der Untergrund schlüpfriger war, als ich erwartet hatte. Dennoch spürte ich in diesem Moment Erleichterung. Die Nacht war lang gewesen, doch nun hatten wir es fast geschafft. Die Frau würde in das Boot steigen, während Lucas und ich unsere müden Körper mit Traffein versorgten, um morgen ausgeschlafen und somit unauffällig in unsere normalen Jobs zurückzukehren. So, als wäre nichts geschehen. Was war da schon ein Kratzer?
   Etwas blitzte vor uns über dem Wasser auf: das Boot mit unseren Kontaktleuten, die ihren Passagier nach Frankreich übersetzen würden.
   Es war beinahe vorbei.
   Die Frau wandte sich um und musterte erst Lucas, dann mich, wobei sie darauf achtete, ihm nicht in die Augen zu sehen. Sie wusste, welche Wirkung ihr Blick bei einem Menschen erzielen konnte.
   Dann schimmerte der Ring ihrer Iris in meine Richtung. Als ich keine Anstalten machte, mich abzuwenden, flammte Neugier in dem Mädchengesicht auf. Doch jetzt war nicht die Zeit für Fragen, das wussten wir beide.
   »Ich danke euch.«
   Ihre Stimme war leise und passte nicht zu ihrem Äußeren. Weich war sie, samtig und angenehm. Worte einer kleinen Schwester, die einen liebte und bewunderte.
   Lucas schüttelte den Kopf. Das war keine falsche Bescheidenheit, sondern eine Aufforderung, keine weitere Zeit zu vertrödeln. Sie schien zu verstehen und wandte sich ohne ein weiteres Wort um. Kurz darauf vernahm ich das viel zu leise Schmatzen ihrer Füße auf dem feuchten Untergrund. Sie war schnell. Ich sah ihre Gestalt ein letztes Mal aufleuchten, als sie in das gelbe Licht eintauchte.
   Sie blickte nicht zurück.
   Für den Moment zwischen zwei Lidschlägen wurde ihre Silhouette zu der meiner Mutter, die ihre schlanke weiße Hand nach mir ausstreckte.
   So hell.
   Meine Augen brannten, als ich versuchte, das Bild festzuhalten. Vielleicht, wenn ich lang genug dabeiblieb, würde ich sie eines Tages wiedersehen.
   Eine sanfte Berührung am Handgelenk ließ mich zusammenzucken. Ich blinzelte, die Vision verschwand.
   »Madison.« Es lag keine Frage in Lucas’ Stimme.
   Er ahnte sicher, woran ich soeben gedacht hatte. Ich hatte ihm alles erzählt. Wem auch sonst? Es war mir erstaunlich leichtgefallen, ihm bereits wenige Wochen nach unserem ersten Treffen zu vertrauen.
   Ich wusste, was er sagen wollte, und er hatte wie immer recht. In der Gegend herumstarren und träumen konnte ich zu Hause.
   Wir machten uns auf den Rückweg, ehe der Bootsmotor ansprang. Das letzte Stück rannten wir. Boote in Bewegung flogen leichter auf als jene, die ankerten, und sobald die Behörden eine ungenehmigte Nachtfahrt auf ihren Gewässern entdeckten, würden sie das umliegende Terrain schneller mit müden und daher schlecht gelaunten Grenzbeamten fluten, als uns lieb war. Kaum hatten wir uns in die Autositze fallen lassen, schossen wir den Weg mit einer hohen Geschwindigkeit zurück, die ich im Bauch spürte.
   Bevor wir die asphaltierte Straße erreichten, zerriss das Kreischen einer Sirene die Ruhe.
   Lucas beschleunigte.
   Ich verrenkte mir fast den Hals, konnte jedoch keine Lichter auf dem Wasser erkennen. »Es muss eine Landpatrouille sein.«
   »Sie kommen zu spät. Wie immer.« Lucas schnitt die Kurve.
   Ich teilte seine Meinung nicht, doch zumindest dieses Mal war das Glück auf unserer Seite. Adrenalin fraß sich durch meinen Körper und ich grinste. »Das Mädchen bekommen sie jedenfalls nicht.«
   Lucas sah mich an und hob eine Augenbraue. »Abwarten. Ist nur ein Vampir, dem wir das untote Leben verlängert haben. Das Ende der Schlange ist nicht in Sicht.«
   Ich hatte nicht vor, mir meine gute Laune verderben zu lassen. »Komm, sei nicht so. Und setz demnächst gefälligst deine Kontaktlinsen ein. So oft, wie du zu Boden gestarrt hast, hätte man denken können, sie wäre dein Date.«
   Lucas schüttelte lediglich den Kopf. Eine Antwort war nicht nötig. Wir beide wussten, dass er die Dinger hasste und vergaß, wann immer es möglich war, obwohl sie für alle Einsätze von Absecon Pflicht waren. Für jedes Mitglied.
   Bis auf mich.
   Aus Gründen, die niemand genau erklären konnte, war ich gegen den Blick der Vampire immun. Ich kannte weder die Übelkeit, die ein zu langes Starren in die Silberpupillen verursachte, noch die Gleichgewichtsstörungen, das Pfeifen in den Ohren oder den Wunsch, sich die Haut vom Körper zu reißen, weil sie plötzlich in Flammen zu stehen schien. All dies waren belegte Auswirkungen, an deren Erklärungen die Forscher arbeiteten. Es geisterten weitere durch die Medien, von denen mindestens die Hälfte den romantischen Träumen von Teenagermädchen oder einsamen Frauen entsprang.
   Die Kollegen bei Absecon hatten Kontaktlinsen entwickelt, die sie vor den Wirkungen des Vampirblicks schützten. Angeblich waren sie unangenehm zu tragen und ließen die Augen tränen, weshalb die meisten sie nur einsetzten, wenn es wirklich nötig war.
   Ich atmete tief ein und dachte an Lucas’ Worte.
   Ja, es war nur ein Vampir gewesen, dem wir heute Nacht geholfen hatten. Ich verschränkte die Arme und starrte nach vorn. Die Bilder in meinem Kopf schoben das Sirenengeräusch in den Hintergrund.

Kapitel 2
London

»Ich führ eine Bar, keine Bahnhofsmission! Sollen diese Missgeburten Grabsteine mit ihren Hinterteilen polieren, aber nicht meine Hocker.«
   Schwerer Liverpooler Akzent quäkte in meine Ohren und verursachte mir Kopfschmerzen. Die im Schlepptau geführten Vorurteile machten es nicht besser. »Kam es schon einmal zu Zwischenfällen?« Ich sprach ruhig und deutlich, ohne eine Spur von Urteil. Das war mein Job, und in meiner Zeit beim Sender hatte ich gelernt, jederzeit die interessierte Moderatorin zu geben. Neutral zu bleiben, zumindest äußerlich.
   Das Schnauben am anderen Ende der Leitung klang ekelhaft feucht. »Natürlich nicht. Weil ich ja vorbeug, deshalb. Wenn ich welche in den Laden hol, die nur rumsitzen und kein Geld lassen, könnte ich ja gleich dichtmachen.«
   »Und angenommen, ein Gewandelter würde anstandshalber etwas bestellen?« Ich benutzte die behördliche Bezeichnung der Vampire.
   Holly außerhalb der Kabine hob einen Daumen in meine Richtung.
   Kurze Stille. »Ich will keine Blutsauger im Seven Arms.«
   Die erste Frau Londons, die an ihrer Tür ein Hausverbotsschild für Vampire angebracht hatte, war am Ende ihrer Argumentation.
   Ich schaltete einen Jingle hinzu und schob die Anruferin aus der Leitung, während eine schneidige Männerstimme im Hintergrund für die Independent Safeguarding Authority warb. Jene Behörde befasste sich mittlerweile nicht mehr ausschließlich mit potenziellen Kinderschändern, sondern kümmerte sich ebenfalls um die Sicherheit aller Bürger gegenüber Gefahren von außen. Beispielsweise durch Vampire. Auf diese Weise machte unser Sender der Regierung Zugeständnisse und durfte sich im Gegenzug mit der brisanten Thematik befassen. Sämtliche Aufzeichnungen wurden im Anschluss an die Show dem Inlandsnachrichtendienst zugestellt. Was der damit anstellte, wusste angeblich nicht einmal unser Sendeleiter.
   »Amy, vielen Dank. Das war der Talk zum Mittag bei Radio Voice Up London, der Stimme aus Soho. Jetzt geht’s weiter mit unserer Reise durch die Jahrzehnte der britischen Musikszene.« Ein weiterer Knopfdruck und ein Song von Amplifier löste mich am Äther ab.
   Ich zog das Mikrotransplant aus der Ohrmuschel und legte es zurück in seine Vorrichtung. Meine Muskeln protestierten, als ich mich streckte, im Nacken knackte es. Nach zwei Stunden Schlaf war ich fit, da das Traffein durch meinen Körper toste, allerdings nahm ich alles ein wenig zu deutlich wahr. Die Stimmen der Talkgäste hatten schrille Untertöne, die trockene Luft im Studio brannte in der Nase. Die Haare, die ich zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, da sie so fein waren, dass sie bei jedem Luftzug aufflogen, kitzelten im Nacken. Sonst störte mich das nicht.
   Zudem machte das Zeug mich zahm – zur Erleichterung von Bob Jenner, meinem Chef. Seit das Vampirthema auf dem Plan meiner Show gestanden hatte, lag dieser gehetzte Ausdruck auf seinem Gesicht. In den vergangenen Minuten hatten seine Adleraugen mich permanent fixiert. Erst, als die Leitung frei wurde, hörte er auf, seine Hände zu kneten.
   Ich bereute es beinahe, auf den Gang zu treten. Hier lauerten Kommunikation, Fragen und überflüssige Gespräche auf mich. Darauf konnte ich gut verzichten. Die Show war vorbei und ich wieder von der Sendebühne gehuscht. Vorübergehend im Mittelpunkt zu stehen war kein Problem, aber nach einer Weile brauchte ich meine Ruhe.
   Kaum hatte ich Bob freundlich zugewinkt, hüpfte Holly auf mich zu und zerrte mich zur Seite. »Miss Turner, wo blieb die Zurechtweisung dieser Frau, hm?« Ihre Locken wippten.
   Ich zog an einer. »Ich möchte meinen Job noch eine Weile behalten«, sagte ich lauter als nötig.
   Bobs Blick flackerte zu mir herüber, dann verzog sich mein Chef in sein Büro.
   Wir hatten die Vampire nicht länger aus unserem Programm bannen dürfen, um weiterhin so nah wie möglich am aktuellen Zeitgeschehen zu bleiben. Zu unserem Glück hatte sich London in den letzten Monaten als echte Fundgrube an Neuigkeiten präsentiert. Im Greenwich Park bereitete man sich auf das erste schwebende Festival vier Yards über dem Boden vor, die Überprüfung der Schäden am London Eye hatten ergeben, dass es nicht mehr sicher war und abgebaut werden musste und zwei aus dem Tower verschwundene Raben lösten wahre Pilgersuchen aus. Menschen zogen auf eigene Faust los und wanderten bis nach Schottland, wo sie meist aufgehalten und zurückgeschickt wurden, da sie ihre Einreisegenehmigung zwei Wochen vorher hätten anfordern müssen. Doch Angst, Ablehnung und Neugierde gegenüber den Vampiren versteckten sich noch immer hinter vielen Schlagzeilen. Leute diskutierten auf der Straße, äußerten Befürchtungen, verlangten Änderungen. Das Gerede war nicht verstummt, seitdem die Gewandelten ihre Existenz vor drei Jahren endgültig offiziell gemacht hatten. Im Gegenteil: Der Beschluss der Regierung im vergangenen Jahr, diesem neuen Teil der Bevölkerung eine Gesetzeserweiterung zukommen zu lassen, hatte ganz England in Aufruhr versetzt.
   Und mein Leben komplett verändert.
   Ich stand den neuen Paragrafen, die Vampire letzten Endes in Notwehrsituationen zum Abschuss freigaben, äußerst skeptisch gegenüber. Sie waren nichts weiter als ein Freifahrtschein für all jene, die ihre Angst in Aggressionen verstecken wollten. Vorsicht war eine Sache, Ausreden waren eine andere. Ich hatte niemals Leute gemocht, die zunächst handelten, um es anschließend halbherzig zu begründen.
   Das Kabinett von 2019 hatte nach unzähligen Debatten beschlossen, dass die Untoten trotz allem eine Gefahr darstellen konnten. Die Abgeordneten wagten allerdings nicht, sich vollkommen gegen die Grundsätze der Ethikkommission zu stellen. Die strittigen Gesetzeserweiterungen wurden daher vage formuliert und luden alle Menschen ein, munter draufloszuballern, wenn sie einen angreifenden Blutsauger vor die Mündung bekamen. Wer konnte hinterher sagen, ob es sich nicht doch um Notwehr gehandelt hatte? Zwar waren gängige Patronen an sich für einen Gewandelten nicht lebensgefährlich, aber wenn man oft genug traf oder ein entsprechendes Kaliber nutzte, das den Hals oder Kopf zerstörte, musste die Unsterblichkeit klein beigeben. Interessant war, dass diese V-Paragrafen, wie man sie nannte, die Waffengesetze überschrieben. Der private Besitz von Schusswaffen ohne Genehmigung war verboten, doch wenn man damit einem Gewandelten das letzte Lebenslicht auspustete, kniff das Gesetz beide Augen so fest zu wie nur möglich.
   Gutes altes, von Logik getriebenes England.
   Die Vampire hielten sich zurück und ihre Stimmen gedämpft. Sie wussten, dass sie sich in der Minderzahl befanden und sogar dem Misstrauen ihrer Befürworter stellen mussten.
   Befürworter wie mich.
   Ich war kein Vampirgroupie mit romantischen Träumen, und Gewandelte ließen mein Herz keine Sekunde lang höherschlagen. Im Gegenteil. Neuen Bekanntschaften vertraute ich generell nicht, bis sie mich vom Gegenteil überzeugten, und bei Vampiren war ich besonders vorsichtig. Aber ich wollte Antworten von ihnen und würde nicht lockerlassen, bis ich sie bekam.
   In der breiten Masse der Gesellschaft lief es wie immer, denn verstärkte Regeln schufen alles andere als Frieden. Die Leute wurden entweder neugierig oder noch ängstlicher, als sie es ohnehin waren. Ob das Image des gefährlichen Gewandelten vom Parlament so beabsichtigt war, konnte ich nicht sagen. Nur anzweifeln. Und nach Wahrheiten suchen.
   Auf diese Weise hatte ich Bekanntschaft mit Lucas und der Organisation gemacht. Sie nannte sich Absecon – nach einem US-Küstenwachschiff und dem ersten Hafenkontrollsystem mit gesteigerter Reichweite, das drei Monate nach seiner Installation schlappgemacht hatte. Humor hatten sie, diese gesellschaftskritischen Idealisten, und sie überzeugten mich mit ihren Absichten und ihrem Einsatz. Für sie war ein Vampir ebenso viel wert wie ein Mensch, solange er sich nichts zuschulden kommen ließ. Diesen Vampiren halfen sie, der Maschinerie namens England zu entkommen. Vor einem halben Jahr waren sie auf mich aufmerksam geworden. Weil ich anders war.
   Vielleicht hatte Hades tatsächlich recht und meine Medis waren schuld daran. Im Grunde war es mir egal. Tatsache war, dass ich keine Vorsichtmaßnahmen treffen musste, wenn ich einem Vampir gegenüberstand. Ein gutes Gefühl, das den Teil Respekt auslöschte, der mit Angst verknüpft war. Diese kleine Besonderheit überzeugte mich letztlich davon, dass Absecon genau der passende Ort für mich war.

»Hältst du es für möglich, heute Abend etwas gesprächiger zu sein?« Holly hibbelte herum.
   Ich rieb mir die Augen und versuchte, ihre Worte in einen Zusammenhang zu bringen. Stand etwas auf dem Plan? »Warum?«
   »Was bitte hast du in der vergangenen Nacht getrieben?« Sie lächelte breit.
   Es dauerte, bis ich verstand. »Deine Fantasien sind sehr schmeichelhaft, aber ich habe einfach wenig geschlafen.« Ich hatte die falsche Erklärung gewählt, denn Holly riss voller Erwartung die Augen auf. »Und ich war vollkommen allein in meinem Bett«, sagte ich rasch und wischte so die Anzüglichkeit aus den Mundwinkeln meiner besten Freundin.
   Enttäuschung eroberte ihr Gesicht. Ihre Haselnussaugen nahmen wieder normale Größe an.
   Ich schüttelte den Kopf und sehnte das Ende des Arbeitstages herbei. Immerzu huschten meine Gedanken zu vergangener Nacht.
   Absecon trat generell unter der Woche in Aktion. Die Patrouillen vor der Küste waren an den Wochenenden verdoppelt worden, nachdem Vampire versucht hatten, die Insel heimlich zu verlassen. Sie hatten nach Frankreich übersetzen wollen, wo ihnen mehr Rechte zugestanden wurden als hier.
   Trotzdem nutzten wir das Nadelöhr der Seepassage, da sowohl der Flughafen als auch der Kanaltunnel im vorigen Jahr zur größten Hochsicherheitszone in der Geschichte Englands mutiert war. Genscans deckten innerhalb weniger Sekunden alles auf, und sobald ihnen ein nicht genehmigter Reisender ins Netz ging, plärrten die Systeme los und sandten Informationen an alle Kontrollstellen in der Umgebung.
   »Maddie? Du wirst doch nicht krank?« Holly wirkte mit einem Mal besorgt.
   Ich hätte sie küssen können, als sie mir diese perfekte Ausrede lieferte. Es war nicht so, dass ich ungern ausging, nur hatte ich momentan wichtigere Dinge im Kopf und wollte meine Zeit nicht mit Small Talks in irgendwelchen Bars verschwenden. Ich versuchte, nicht theatralisch zu erscheinen, als ich meine linke Schläfe berührte und Holly leidend ansah. »Ich bin nicht gerade in Topform.«
   »Das kannst du mir nicht antun!« Sorge hin, Mitgefühl her – Holly stemmte die Hände in die Hüften. »Wir gehen heute Abend mit meinem Bruder und Alex aus, und du wirst keinen Rückzieher machen.«
   Selbst bei vollkommener Geistesgegenwart hätte ich gegen ihre Entschlossenheit keine Chance gehabt. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, dass ich ihren neuen Freund Alex kennenlernte, der derzeit ihr Hauptthema war. »Ich bin heute keine gute Gesellschaft.«
   Holly klopfte mir auf die Schulter, ließ mich stehen und verschwand in der kleinen Küche unseres Senders. Kurz darauf drückte sie mir ein Glas in die Hand, in dem Blasen an die Oberfläche perlten.
   Ich roch das Aroma von Schmerztabletten und verzog das Gesicht. »Hast du eine Ahnung, wie alt die Dinger sind?«
   Als sich auf Hollys Gesicht ein Grinsen ausbreitete, dämmerte mir langsam, dass ich aus der Sache nicht mehr herauskam. Ich würde heute Abend um zwei oder drei Drinks nicht herumkommen, bis ich mich in meine vier Wände zurückziehen konnte.

Obwohl ich die Prozedur ausreichend kannte, zuckte ich zusammen, als Hades das Sensorpad aktivierte und sich das Hosporga in meinen Blutkreislauf brannte. »Au.« Ich schlug mit den Fersen gegen das Gestell der Liege, auf der ich saß.
   Er hob lediglich eine Augenbraue, während er einen Tupfer auf die Stelle drückte. »Hast du deine Tage?« Er erkundigte sich so beiläufig, dass es keine Neckerei sein konnte.
   Ich blinzelte. »Nein. Wie kommst du darauf?«
   Er platzierte den Medikolben in der Sterilisationskammer. Dabei sah er mich an, als wollte er mich fragen, ob ich allen Ernstes versuchte, etwas vor ihm zu verbergen. »Du bist empfindlicher als sonst.« Er hielt inne und wandte sich langsam zu mir um. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Oder hast du was eingeworfen? Madison, du weißt, dass du dir in die Birne knallen kannst, was du willst, aber du musst es mir sagen, damit ich die Dosis anpassen kann!«
   Ich dachte an das Traffein und schüttelte den Kopf. »Nein, nichts.«
   Nur weil Hades regelmäßig meine Herzklappe mit HP stärkte, was nicht legal war, würde ich ihm nichts erzählen. Zwar konnte ich mich auf ihn verlassen, aber wer wusste schon, auf welchem Weg Informationen an die falschen Ohren gelangen konnten. Der kleinste Hinweis auf Absecon konnte uns beide in Gefahr bringen. Ich würde meinen Draht zu den Gewandelten verlieren und meine Chancen. Die Suche nach meiner Mutter wäre dann geradezu aussichtslos. Falls sie noch lebte, durfte ich nicht so dumm sein und meine Quellen durch mangelnde Vorsicht zum Versiegen bringen.
   Ich schluckte und zwängte den Geschmack nach Asche und alter Erde hinab, der sich einstellte, wenn das HP zu zirkulieren begann. Gleichzeitig horchte ich auf meinen Körper. Wurde mir übel, schwindlig? Würde mein persönlicher Cocktail mich letztlich ins Grab bringen?
   Mit zwei illegalen Medikamenten im Blut sprang ich von der Krankenliege zu Boden und zog den Ärmel des Pullis herab. Hades starrte mich an. Er mochte plump wirken, weil er dick war und ständig schwitzte, jedoch war er alles andere als dumm und besaß ein gehöriges Maß an Empathie. Es grenzte stets an Schwerstarbeit, meine nächtlichen Einsätze vor ihm geheim zu halten.
   »Scheint dann einfach nicht dein Tag zu sein«, sagte er und begann, meine Daten in sein Tablet einzugeben. »Bleib noch sitzen.«
   Ich ignorierte den Ratschlag und trat an das niedrige Fenster, durch das ich die Füße vorbeieilender Passanten sehen konnte. Hades’ Reich befand sich im Parterre. Ich hatte keine Ahnung, ob er noch andere mit HP versorgte, oder ob ich seine einzige Patientin war. Im Laufe der Jahre hatten wir die stillschweigende Übereinkunft getroffen, nichts zu hinterfragen. Ich wusste, dass er mit richtigem Namen Marc Shriver hieß und eine Zulassung als Arzt besaß, doch er praktizierte nicht öffentlich. Stattdessen arbeitete er in einem Chemielabor und hatte sich nebenher dieses hübsche kleine Zimmer eingerichtet. Es war mit neuester Technik vollgestopft und mit einem Sicherheitssystem versehen, bei dem so mancher Firmenmogul vor Neid erblasst wäre.
   Hades hatte mir niemals verraten, warum er unter dem Radar flog, und ich hatte niemals gefragt. Zum einen, weil ich den Hauch von Abenteuer mochte, zum anderen, weil ich davon überzeugt war, dass er mir bei jeder Sitzung ein Stück meines Lebens rettete. Im vergangenen Jahr hatte ich ihm aus Scherz gesagt, er hielte mein Herz in den Händen.
   Beides stimmte. Irgendwie.
   Mit dreiundzwanzig Jahren erkrankte ich an bakterieller Endokarditis – Herzklappenentzündung –, bekam Antibiotika und verbrachte mehr Zeit beim Arzt als mit meinen Freunden. Doch die Medikamente hatten nicht angeschlagen. Ich war monatelang kraftlos, müde und litt zunehmend unter Atemnot. Nach einem besonders schweren Anfall rasten meine Eltern mit mir in das St. Charles Hospital. Die Diagnose: Mein Herz machte schlapp, die Klappe zwischen linkem Vorhof und Herzkammer schloss nicht richtig. Es folgte eine Zeit voller Diskussionen, Untersuchungen und Informationen über Dinge, die ich am liebsten sofort wieder vergessen hätte. Es war die Rede von Lungenhochdruck und Sauerstoffmangel, schließlich von einer Klappenoperation.
   Wenn ich heute daran dachte, sah ich alle Szenen seltsamerweise in Schwarz-Weiß vor mir. Alle bis zu dem Moment, als meine Mutter bei der Nachricht zusammenbrach, dass das St. Charles mich auf die Liste für eine Spenderklappe setzen wollte. An diesem Abend verschwand sie, wie so oft zuvor, ohne ein Wort, blass unter dem Make-up. Ich wartete vor dem Haus meiner Eltern auf sie, paradoxerweise mit einem schlechten Gewissen. Als sie nach Mitternacht aus einem Taxi stieg, wirkte sie gelöst und beinahe heiter. Als wäre sie heimlich ins Hospital zurückgefahren, um sich eine Beruhigungsspritze verpassen zu lassen. Sie machte mir einen Tee, so wie früher, und schickte mich zum Schlafen in mein altes Zimmer, in dem inzwischen ein Gästebett stand.
   Trotz allem schlief ich in jener Nacht gut. Am nächsten Morgen klingelte das Telefon, und kurz darauf saßen meine Eltern und ich im Auto, auf dem Weg zu einer Privatpraxis in Mayfair. Der Arzt, ein Doktor Alford, stellte sich als alter Bekannter meiner Mutter vor. Ich hatte seinen Namen noch niemals zuvor gehört, doch das störte mich wenig. Immerhin hatte Doc Alford nicht nur eine Spenderklappe für mich aufgetrieben, sondern übernahm ebenfalls die Operation. Sie verlief gut. Im Nachhinein wunderte ich mich über viele Dinge wie über meine rasche Genesung und die Tatsache, dass ich mich fühlte, als hätte der Doc mir nicht nur eine Herzklappe, sondern auch mehr Kondition eingepflanzt. Meine Herzprobleme schien es niemals gegeben zu haben.
   Er stellte mir Hades vor, der mich nach dem Eingriff betreute – mit einem Präparat, das offiziell nicht vertrieben wurde. Als ich das herausfand, schnappte ich mir Hades und tobte eine Weile vor ihm herum in der festen Überzeugung, einem illegalen Testprogramm zum Opfer gefallen zu sein. Er hörte sich meinen Ausbruch in Ruhe an, zuckte mit den Schultern und bemerkte, dass es mir scheinbar sehr gut ginge.
   Dagegen hatte ich nichts sagen können. Seitdem besuchte ich ihn alle zwei Wochen in seinem Labor, um mir meine Dosis Hosporga verpassen zu lassen. Bisher waren keine Nebenwirkungen aufgetreten, noch immer fühlte ich mich kräftiger als jemals zuvor und schien weniger anfällig für Kälte oder Schmerz zu sein.
   Wenn ich meine Mutter später fragte, wie sie Alford ausfindig gemacht hatte, war sie stets ausgewichen. Er hätte ihr einen Gefallen geschuldet, war die einzige Antwort, die ich bekam. Ich kannte ihren Gesichtsausdruck mit den zusammengepressten Lippen und wusste, dass ich nicht mehr erfahren würde.
   Doc Alford hatte ich niemals wiedergesehen.

Der Abend belebte meine Stimmung mehr, als ich vermutet hatte. In den Straßen Sohos und im Bluestin kochte die Stimmung hoch. Flackerndes Blaulicht ließ die Körper der Gäste zucken, während die Andeutungen von Parfüm und Schweiß in meine Nase krochen.
   Am Rand meines Glases sickerten die Wasserperlen herab, während der Alkohol meinen Kreislauf anregte. Rum kitzelte Mundhöhle und Zunge, Zucker trieb ihn ins Blut. Ich ignorierte die Blicke eines Mannes am Nebentisch und beobachtete Holly und ihre neue Errungenschaft.
   Je nach Lichteinfall wirkte Alexander Marks entweder besonders attraktiv oder besonders brutal. Die Art, wie er Holly umarmte, wenn sie sich an ihn kuschelte, gefiel mir – die Momente, wenn seine stechenden Augen über die Menge schweiften und nicht die geringste Kleinigkeit ausließen, dagegen weniger.
   »Wenn ich jemals einen Kontrollfreak getroffen habe, dann dich, mein Freund«, murmelte ich in meinen Strohhalm.
   »Entschuldige, ich hab dich nicht verstanden.« Josh beugte sich herüber und lächelte mir eine Entschuldigung zu.
   Hollys älterer Bruder war nicht nur eine Ausgeburt an Höflichkeit, sondern auch einer der loyalsten Menschen, denen ich jemals begegnet war. Passend zu seinem Beruf, denn Josh war Polizist, ebenso wie Alex Marks.
   Ich schenkte ihm einen verschwörerischen Blick und deutete auf die beiden Turteltauben neben uns.
   Josh nickte. »Das sieht ernst aus.«
   Ich hob meine Augenbrauen. »Es erinnert an ein Vorspiel.«
   Am anderen Ende des Tisches griff Alex in Hollys Mähne und zog seine Beute unerbittlich zu sich heran.
   Angesichts der Locken, die über Hollys Schultern wogten, kam ich mir mit meinen aalglatten Haaren fast zierlich vor. An manchen Tagen wirkten sie voll und bewegten sich seidig über den Rücken, zu anderen Zeiten verknotete sie der geringste Windhauch. Immerhin, so sagte ich mir, waren sie lang und glänzend.
   Ich riss mich vom Anblick der beiden Verliebten los und sah Josh an. »Was macht die Arbeit?«
   »Alles beim Alten.« Er hob sein Glas an die Lippen und trank.
   Ein wenig abrupt, als hätte ich ein unangenehmes Thema gewählt. Vielleicht hatte er auch ganz einfach einen schlechten Tag hinter sich. Also nickte ich lediglich. »Genau wie bei mir.«
   Er lächelte. »Keine brisanten Meldungen bei Londons Stimme Nummer eins?«
   Ich schüttelte den Kopf. Komplimente zogen bei mir nicht. »Willst du mir etwa erzählen, dass ganz London plötzlich friedlich zusammenlebt, Officer Stern? Menschen und Gewandelte?« Ich redete lieber über andere als über mich.
   Eine winzige Falte entstand zwischen seinen Augenbrauen, war aber augenblicklich wieder verschwunden. »Es ist immer irgendwas. Das ist doch der Grund, weshalb ich den Job wollte. Nichts ist schlimmer, als hinter dem Schreibtisch zu vergammeln, bis sich der Bauch langsam darauf gemütlich macht.«
   Alex hatte von Hollys Ohr abgelassen und schenkte uns seine Aufmerksamkeit. »Probleme mit der V-Statistik?«, fragte er mit dem Blick eines Kenners nach. Das einfallslose ‚V’ stand für Vampir.
   Josh brummte. »Wann ist die Statistik kein Problem? Sie ist generell zu hoch.«
   »Wie bei den Menschen auch.« Ich sog am Strohhalm.
   Alex sah mich an. »Interessante Einstellung, Madison.«
   Ich hob die Augenbrauen, schwieg allerdings. Es brauchte mehr als das, um mich herauszufordern.
   Er lachte. Es klang sympathisch, zumindest im ersten Moment. Dann glaubte ich, eine leichte Überheblichkeit herauszuhören.
   Da ich keine Anstalten machte, auf seine Worte zu reagieren, wandte er sich an Josh. »Du siehst das alles zu schwarz, Mann.«
   »Nein, das tue ich nicht. Dieses ganze Gerede von friedlicher Koexistenz ist absoluter Unsinn.«
   Unsere Gläser hüpften in die Höhe, als Alex’ Faust auf den Tisch krachte. »Dann wohnst du im richtigen Land, Kumpel. Man sollte niemanden am Leben lassen, der einen als Nahrung betrachten könnte.«
   Er spielte auf die Erweiterung der Gesetze an, die einen Hauch Amerika in das gesittete England getragen hatte. Laut einer Umfrage der ETOOB, der ethischen Organisation für Menschen und Vampire in Britannien, würden rund dreißig Prozent der Befragten eine Strafe wegen illegalen Waffenbesitzes in Kauf nehmen, wenn sie dafür einen Gewandelten zur Strecke bringen konnten. In einigen Jahren würden sich diese Leute Sporen an die Füße schnallen und mit einem Lasso auf Jagd gehen.
   Holly kicherte. »Josh würde sogar auswandern, wenn das Töten von Vampiren in Notwehr hier verboten und woanders erlaubt wäre.« Sie grinste mich über ihr Glas hinweg an.
   »Du bist nicht unserer Meinung, Madison.« Alex verengte leicht die Augen.
   Alles an ihm war schmal, angefangen von der Nase, den Lippen und dem Gesicht bis hin zu den Streifen auf seinem Hemd. Ich merkte, dass ich vorsichtig sein musste. Das Glitzern in seinen Augen verriet nicht nur Aufmerksamkeit, sondern warnte mich, keine andere Meinung zu haben. Doch mich schüchterte er nicht ein. »Ich ziehe es vor, mir Angriffe generell vom Hals zu halten.« Den süffisanten Unterton konnte ich mir nicht verkneifen.
   Ich musste an das Mädchen von letzter Nacht denken. An ihre Ruhe, ihre Zurückhaltung. Den geflüsterten Dank. Jeder Vampir hatte auch als Mensch gelebt. Es gab keine Rasse, die durchweg nur gut oder böse war.
   Ein Vibrieren an meiner Hüfte erregte meine Aufmerksamkeit. Verdutzt blickte ich an mir hinab, ehe ich verstand. »Entschuldigt mich kurz.« Ich klopfte auf die Handtasche und machte mich auf den Weg zur Damentoilette.
   Auf der Oberfläche meines Pads schimmerten Spektralfarben, als ich es im Schutz einer der Kabinen hervorzog. Ich aktivierte das Display und wurde augenblicklich auf den verschlüsselten Kanal umgeleitet, den Absecon nutzte. Die Nachricht war nur wenige Sätze lang.
   Ein weiterer Gewandelter hatte uns ausfindig gemacht und unsere Hilfe erbeten, um Großbritannien zu verlassen.
   Er sollte der erste Fall sein, den ich allein betreute. Als ob sie meine Neugier schüren wollten, hatten die Jungs von Absecon mir zudem eine Bilddatei übermittelt. Mehr nicht. Ich fluchte lautlos, obwohl mich die Tatsache, so auf die Folter gespannt zu werden, amüsierte und ich zudem wusste, dass zunächst alle Angaben mehrfach geprüft wurden. Ich öffnete den Anhang und betrachtete das Foto. Das war er also, mein Auftrag.
   Entgegen dem einstigen Aberglauben können Vampire durch eine Kamera abgebildet werden, ebenso besitzen sie ein Spiegelbild. Diese Erkenntnis hatte viele Menschen verschreckt, als die Wahrheit über unsere neuen Mitbewohner im wahrsten Sinne des Wortes an das Tageslicht gezerrt worden war. Es war eben einfacher, wenn man den Feind auf den ersten Blick erkennen konnte. Der Fehler in dieser Denkweise war, dass nicht jeder Vampir zu den Feinden der Menschen zählte. Das bedeutete nicht, dass sie alle zahme Lämmchen waren, aber die meisten waren weit entfernt von den blutsaugenden Ungeheuern der Literatur und Hollywoods.
   Wie der Mann, den ich soeben betrachtete. Wäre er ein Normalsterblicher, hätten lediglich ein paar Jahre – zehn allerhöchstens – zwischen uns gelegen. Auf den ersten Blick ging er als Mensch durch. Sein Shirt ließ einen Großteil der hellen Arme frei, die verrieten, dass er körperliche Anstrengung nicht scheute. Das kantige Gesicht sah aufmerksam in die Kamera, geziert von geraden Augenbrauen, die ihn entschlossen und besorgt zugleich wirken ließen, und dunklem Haar, das sich in der Stirn kringelte. Schatten umflossen Lippen, Kinn und Hals. Der Nasenrücken besaß einen kaum merklichen Schwung nach rechts. Doch es waren seine Augen, die meine Aufmerksamkeit fesselten. Sie waren von erstaunlichem Grün und mit Ernst und Ruhe gefüllt. Die Iris schien von innen her zu glühen – ein untrügliches Zeichen dafür, dass es sich um einen Gewandelten handelte. Man sah es, wenn man wusste, worauf man zu achten hatte, während dem flüchtigen Blick eines unwissenden Menschen dieser Effekt nicht auffiel. Auf dem Pad wirkte er harmlos, dennoch nicht minder faszinierend.
   Stimmen wurden laut. Die Haupttür öffnete sich und spülte Musik, Gelächter und zwei kichernde Frauen in den Raum. Ich drückte mich enger an die Wand und wollte die Datei wieder schließen, doch die Augen des Gewandelten, die Weise, wie er in die Kamera blickte, hielten mich davon ab. Er sprach etwas in mir an, das ich nicht verstand. Wurde ich etwa nervös, ehe die Aktion überhaupt angelaufen war? Ich schnaubte. Als Antwort darauf verstummten die Stimmen auf der anderen Seite der Tür kurz, um dann umso schriller wieder einzusetzen.
   Ich hatte lange genug an Lucas’ Seite gearbeitet und wusste, worauf es ankam. Die nächtlichen Fahrten waren für mich Routine geworden, ebenso die Gegenwart der Gewandelten. Ich schuldete es nicht nur meinen Kollegen von Absecon, sondern vor allem mir selbst, dass ich mich nicht von einem Mann einschüchtern lassen würde, der aussah, als wüsste er genau, was er wollte.
   Denn das tat ich auch.
   Ich ließ die Fingerspitzen über dem Pad schweben, senkte sie dann herab und berührte die Oberfläche so flüchtig, dass ich die Kälte darauf nicht spürte. Hatte ich gehofft, dass mit dem Bild meine Verwirrung verschwand, täuschte ich mich. Ich atmete tief. Es brauchte mehr als einen Gewandelten, um meine Entschlossenheit ins Wanken zu bringen.
   Die Frauen im Vorraum kicherten noch immer, also betätigte ich die Spülung, sperrte das Minipad, verstaute es wieder in meiner Tasche, stieß die Tür auf und ging zum Waschbecken. Ich betrachtete mich im Spiegel, während ich meine Hände in den Trockensog hielt. Vor das Braun meiner Augen schob sich ein zweites Paar in durchdringendem Grün.
   Ein Kribbeln bildete sich auf meinem Rücken und zog den Verlauf der Wirbelsäule nach. Meine Probezeit war vorbei.

Kapitel 3
London

Die alte Ratsstadt.
   Mit erhobenem Kinn stand Sergius auf dem Gehweg, den Rücken an die Mauer eines Hauses gelehnt, beide Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Über seinem Kopf flackerte eine Werbung für Jane Eyre, an deren Kabeln der zwischen den Gebäuden kraftlos schleichende Wind zupfte.
   Sergius dagegen bewegte sich nicht, obwohl die Wege der Passanten oft zu dicht an ihm vorbeiführten. Er blickte in hektische Gesichter und sog die Eindrücke in sich auf wie das Bouquet eines guten Weins. Dies war der Ort, an dem der nächste, große Schritt auf ihn wartete. Dies war das schlagende Herz des Landes, auch für diejenigen, die ihr erstes Leben bereits beerdigt hatten.
   London. Die alterslose Stadt, deren Puls dennoch heiß und treibend war.
   Zwischen den viktorianischen Bauten hasteten Fußgänger und hupten Taxis. In ihren Frontscheiben zog die Welt spiegelverkehrt vorbei. Am Ende der Straße stach die Turmspitze des Big Ben in den Wolkenhimmel. Papierreste trieben über den Asphalt und führten den Geruch nach Bratenfett und Industrie mit sich.
   »Sergius Bonnier, hast du nicht vor, anzuklopfen und deine Ankunft kundzutun?«
   Die Stimme ertönte hinter ihm, warm und leise. Er drehte sich um.
   Elizabeth lächelte ihn an, den Kopf leicht geneigt, sodass ihr braunes Haar ins Gesicht fiel. Obwohl die Freude über seine Anwesenheit in ihren Augen funkelte, hatte der Ausdruck etwas Melancholisches. Sie wirkte zerbrechlich in Elfenbein und Apricot, und die Farben waren ebenso zart wie der Stoff, der sich um ihren Körper bauschte.
   Mit einer angedeuteten Verbeugung griff er nach ihrer Hand und führte sie zu den Lippen. Sofort bemerkte er die hellen Flecken auf dem Handrücken, Schatten gleich. Elizabeth war bereits eine reife Frau gewesen, als sie gewandelt worden war. Dennoch zeugte ihre Erscheinung von einer Würde, die ein kurzes Menschenleben ihr niemals hätte verleihen können. »Diese Stadt hat mich zu sehr fasziniert.« Sein Tonfall milderte das Raubvogelhafte seines Blicks.
   Sie betrachtete den Straßenzug, als sähe sie ihn zum ersten Mal. »Wunderschön, nicht wahr?« Als wären sie völlig abgeschnitten von der Welt, legte sie den Kopf auf Sergius’ Schulter. Neben ihnen hupte ein Auto, und sie lachte wie ein junges Mädchen und umarmte ihn. »Lieber Freund, ich heiße dich willkommen!« Ihre Lippen streiften seine. Sie schob die Hände unter sein Hemd, suchte die Haut dort. Die Melancholie war verschwunden.
   Sergius schloss Elizabeth für die Erinnerung eines Herzschlages in die Arme, trat einen Schritt zurück und ließ die Finger zu ihren Handgelenken gleiten. »Ich danke dir, meine Schöne. Für das Privileg deiner Freundschaft und für diese Einladung. Und nun gestatte mir, dich aus der Sonne zu führen, ehe sie uns vollkommen erschöpft.«
   Sie blickte in den Himmel, glitt mit der schlanken Hand unter seinen Arm und schmiegte sich an seine Seite.
   In der Anonymität der Großstadt mit ihren unzähligen Facetten wurden sie zu einem namenlosen Paar, das flüsternd seiner Wege schritt.

*

Scotts Blick folgte den beiden Silhouetten. Er musste seinen Kopf nicht wenden, um zu wissen, dass Jun neben ihm sie ebenfalls nicht aus den Augen ließ. Impulsiv fuhr er sich durch das Haar. Die Strähnen sprangen ihm augenblicklich wieder in die Stirn. »Elizabeth weiß wirklich nicht, was sie tut.« Er presste die Lippen aufeinander, um seinen Zorn im Zaum zu halten.
   »Sich mit einem jüngeren Mann vergnügen, das tut sie.« Jun zuckte die Schultern. In all den Jahren, die er in London lebte, hatte er seinen japanischen Akzent nicht abgelegt. Seine Art zu reden erinnerte Scott an einen Mann, der soeben einen langen Dauerlauf hinter sich hatte, dennoch schwang eine fremdartige Melodie mit. »Noch besteht kein Anlass zur Sorge.« Mit dem maßgeschneiderten Anzug wirkte er wie ein typischer Geschäftsmann. Anders als Scott, der sich in Jeans und T-Shirt weit wohler fühlte.
   Regen setzte ein. Sie beachteten ihn nicht.
   Jun hob eine Hand und winkte eines der Taxis heran, die sich durch den zähen Verkehr fädelten.
   Scott beobachtete den Wagen mit eisiger Miene. »Wir wissen beide, dass sie nicht auf eine harmlose Affäre aus ist.«
   Die Hintertür des Wagens glitt zur Seite und lud ein, Platz zu nehmen.
   »Und genau das bereitet mir Kopfzerbrechen.« Ein letzter Blick schweifte in die Ferne, wo das umschlungene Paar längst verschwunden war. »Ich mag diesen Amerikaner nicht, und ich kann seine Absichten fast wittern. Lorcan wird alles andere als erfreut sein.«
   Jun nickte. »Es wird sich zeigen. Wir sehen uns im Rat.«
   »Bis später.«
   Das Taxi fuhr an, kaum dass Jun Platz genommen hatte. Scott blickte ihm nach, ehe er sich an die Stirn fasste. Die Stadt präsentierte ihr bekanntes Gesicht mit Kälte und Regen, und doch schmerzte ihn die Sonne hinter den grauen Wolkenmassen, da er in den vergangenen Tagen permanent unterwegs gewesen war. Eilig machte er sich auf den Weg und tauchte in die angenehme Dunkelheit der Gebäude ein.

*

Mein nächster Arbeitstag entpuppte sich als wahre Tortur, da meine Gedanken ständig abglitten und sich mit Vorbereitungen für den Einsatz beschäftigen wollten. Zumindest redete ich mir das ein. In Wahrheit huschten sie stets zu dem Bild des Gewandelten mit dem unergründlichen Ausdruck in den Augen. Ich brauchte einen halben Tag, um zu verstehen, dass er menschlich war, dieser Blick. Entweder schauspielerte mein zukünftiger Klient die Emotionen aus seiner Zeit als Lebender perfekt – womöglich, weil er sich noch daran erinnern konnte – oder er hatte sie sich bewahrt. Nicht viele Gewandelte taten das, da es eine Gratwanderung zwischen zwei Existenzen bedeutete, und weil sich jedes Lebewesen letztlich für eine Seite entscheiden musste, um nicht zugrunde zu gehen.
   Was also war sein Motiv? War es pure Berechnung, oder kannte er noch jene Verletzlichkeit, die sein Dasein als Mensch begleitet hatte? Was hatte er empfunden, als dieses Bild entstanden war, was gedacht? Hatte er damals bereits gewusst, dass er Absecon um Hilfe bitten würde?
   Ich wurde unruhig, da ich keine Antworten auf meine Fragen erhielt. Die Gedanken drohten, sich zu verselbstständigen, kleine Geschichten zu spinnen und sich darin zu verrennen. Womöglich war der Kerl ein perfekter Schauspieler und wollte unser Vertrauen gewinnen, indem er sich menschlicher gab, als er war.
   Unsinn! Ich blinzelte. Die Überprüfungen durch die Kollegen bei Absecon waren lückenlos und umfassend. Mister Unbekannt hatte seine Vergangenheit detailliert offenlegen müssen, sodass ihm wahrscheinlich schlecht dabei geworden war. So sahen die Regeln aus. Wir halfen und im Gegenzug verlangten wir einen Seelenstriptease.
   Es war also alles so wie immer und ich hatte keinen Grund, mich ablenken zu lassen. Ich konzentrierte mich auf meinen Brotjob bei Voice Up und mogelte mich mit eingeübten Floskeln durch die Sendungen, ohne wirklich mitdenken zu müssen. Als ich mir einen Kaffee holen wollte und Bob in der Küche begegnete, gab ich die Reumütige und blickte zerknirscht.
   »Jeder hat mal einen schlechten Tag«, sagte mein Chef, während er in den Zähnen stocherte.
   Ich nickte und war kurz darauf allein im Raum, da ich mich nicht sehr gesprächig gab. In meinem Inneren tobte ein Sturm aus Fragen und Erwartungen, ausgelöst durch eine verdammte Bilddatei. Bald würde ich diesem Gewandelten gegenüberstehen und herausfinden, ob er so war, wie ich ihn mir vorstellte. Ob er tat, was ich von ihm verlangte. Ob seine Stimme so dunkel und voll klang, wie sie es einfach tun musste.
   Ein Soloeinsatz für Absecon. Ich hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, und trotzdem erwischte er mich unvorbereitet.
   »Du brauchst mich nicht länger an deiner Seite.« Wie oft hatte ich diese Worte in den vergangenen Wochen von Lucas gehört – und stets darüber den Kopf geschüttelt. Er hatte mich bei jedem meiner Schritte begleitet, die ich hinter dem Rücken der Regierung für Absecon getan hatte. Er war an meiner Seite gewesen, sobald die Idee eines Einsatzes überhaupt in der Luft lag. Eigentlich hatte er auf mich achtgegeben, seitdem ich vor Monaten vollkommen blauäugig in den fast schon legendären Islingtoner Mob geraten war: das Ergebnis einer Polizeirazzia in dem damals einzigen Klub für Vampire.
   An jenem Abend hatte ich sicher kein Abenteuer gesucht. Zwar war ich Redakteurin, aber niemand, der in der Freizeit regelmäßige Adrenalinkicks brauchte. Trotzdem war ich mittendrin gewesen, als Menschen und Gewandelte wie Tiere aus dem Brittons Club getrieben worden waren. In der allgemeinen Hektik hatte mich ein Vampir gepackt und mir tief in die Augen geschaut. Vielleicht wollte er mich als Geisel nehmen, um sich seinen Weg nach draußen notfalls zu erzwingen. Als ich jedoch versucht hatte, mich zu befreien, und keinerlei Reaktion auf seinen Blick zeigte, war die Härte darin purem Erstaunen gewichen. Er hatte mich von sich gestoßen und war verschwunden. In diesem Moment hatte ich zum ersten Mal begriffen, welchen Vorteil meine Immunität gegen die Macht der Gewandelten mir brachte.
   Lucas hatte mich beobachtet. Er war oft in den Untergrundklubs unterwegs, um Informationen zu sammeln. Plötzlich war er an meiner Seite, dieser hagere, durchtrainierte Mensch, und zerrte mich durch einen Seiteneingang in Sicherheit, ehe die Polizei mich in die Finger bekommen konnte.
   Als ich an jenem Abend losgezogen war, hätte ich nicht gedacht, dass ich einen Verbündeten finden würde. Jemanden, der mir eine Tür in die Welt öffnete, die ich verbissen versuchte, auszukundschaften. Die Tatsache, dass er mich ohne Umschweife mit Dingen konfrontierte, die man besser nicht in geselliger Runde besprach, führte dazu, dass ich ihm nach und nach vertraute. Ein seltsames Gefühl, aber es gefiel mir. Schon bald hatte ich ihm erzählt, warum ich wirklich im Brittons gewesen war, dass ich jemanden verloren hatte und seitdem suchte.
   Lucas war kein Mann für tröstende Rührseligkeiten und lenkte mich ab, indem er mich möglichst schnell in die Abläufe von Absecon integrierte.
   Anfangs durchleuchteten sie mich dort gründlich und testeten mich, indem sie mich in ein Gespräch mit einem Gewandelten schickten. Ich bestand all ihre kleinen Prüfungen, und ich verstand durchaus, warum sie vorsichtig waren. Sie waren eher Revolutionäre statt Ritter, aber das war mir recht. Romantik half nicht weiter, wenn man Dinge ändern wollte.
   Bis heute bereute ich nicht, dazuzugehören. Die offiziellen Gesetze waren zu sehr verschärft worden, als dass man alles beachten konnte, was den Politikern in den Sinn kam.

Nach der Arbeit fuhr ich in den Club Fit, um den Kopf freizubekommen, ehe ich noch durchdrehte. Mein Körper schrie danach, sich bis an seine Grenzen zu verausgaben. Vor meiner Operation war ich laufen gegangen, doch seit der neuen Herzklappe war ich beinahe süchtig danach, meine Muskeln zu beanspruchen. Wahrscheinlich berauschte mich das Gefühl, mehr Ausdauer zu besitzen als zuvor. Ich blieb zweieinhalb Stunden, ehe ich mich vollkommen ausgepowert unter die Dusche stellte, anschließend zum Wagen schleppte und vom Parkplatz rollte. Dabei versuchte ich, nicht an die Nachricht zu denken, die ich auf meinem Pad entdeckt hatte, nachdem ich aus der Umkleide getreten war.
   Glückwunsch zur Beförderung.
   Mehr hatte Lucas nicht geschrieben, aber es genügte, um mein Herz schneller schlagen zu lassen. Ich wusste, was er mir damit sagen wollte: Die Informationen für meinen Einsatz waren eingetroffen. Endlich.
   Das Geräusch des Schotters unter den Reifen vermittelte mir das Gefühl, auf Reisen zu sein. Es erinnerte mich an früher, wenn meine Eltern mit mir Wochenendausflüge zu einem der Vergnügungszentren in der Umgebung gemacht hatten. Ich hatte niemals lange still sitzen können – eine piepsige Quasselstrippe auf der Rückbank unseres Autos.
   Ich runzelte die Stirn und schob diese Gedanken beiseite. Das Letzte, was ich brauchte, waren sentimentale Bilder in meinem Kopf. Normalerweise sparte ich sie mir für zu Hause auf und ließ sie in kleinen Stücken heraus, wenn ich abends in meiner Wohnung die Augen schloss. Wenn niemand mitbekam, wie klein ich mich machte, wenn ich mich mit einem Kissen auf dem Sofa zusammenrollte. Selbst dann konnte ich die Gefühle von früher nicht vollständig zurückholen.
   In Hammersmith suchte ich mir eine Parklücke und prüfte den Sitz des Messers an der Hüfte. In den vergangenen Jahren war ich nie ohne Waffe unterwegs. Mit der Nori durfte ich mich nicht erwischen lassen, ein Messer jedoch konnte man glaubhaft mit Selbstschutz begründen, erst recht, wenn man eine Frau war. Die alten Stereotypen waren eben fest in das Urteilsvermögen der Menschen eingebrannt. Ich war zwar durchschnittlich groß und sportlich gebaut, aber wenn ich die Schultern hängen ließ und den Kopf einzog, verwechselten viele Schlankheit mit Zierlichkeit.
   Ich stieg aus, verriegelte die Türen, sah mich um und machte mich auf den Weg zu meiner Wohnung. Der Regen war stärker geworden und durchnässte mich unerbittlich. Ich lief geduckt und zog die Jacke vor der Brust zusammen. Kurz darauf presste ich einen Finger auf das Feld an der Tür und löste den Schließmechanismus. Die Fachleute von Absecon hatten die Schlösser meiner Wohnung und meines Autos auf meine Fingerabdrücke geeicht. Das hätte ich mir normalerweise nicht geleistet, aber zu solch einem Geschenk sagte ich nicht Nein.
   Ich hastete ins Wohnzimmer, ließ Jacke und Schuhe auf den Boden fallen und warf mich in den alten Sessel in der Ecke, ehe ich das Minipad aus der Tasche zog und den Code für den Absecon-Kanal eingab. Ich ärgerte mich, dass die Finger dabei zitterten. Andererseits durfte ich dieses Mal ein wenig nervös sein. Immerhin stand ich kurz davor, ohne Sicherheitsnetz auf das Seil zu treten, das sich über die Welt und die unterschiedlichen Rassen darin spannte. Zum ersten Mal lag eine Aktion und somit die Existenz eines Vampirs einzig und allein in meinen Händen. Und damit auch irgendwie meins in seinen.
   Mein Herz schlug schneller, als ich die Dateien sah, und trotzdem öffnete ich zuerst das Bild, das ich bereits so gut kannte. Nun würde ich mehr über diesen Mann erfahren und Antworten auf manche Fragen bekommen, während andere unbeantwortet bleiben würden. Natürlich. Es war unwichtig für uns, was unsere Klienten dachten, solange sie sich nichts zuschulden kommen ließen. Trotzdem ging mir die Frage nicht aus dem Kopf, warum er aussah, als wüsste er genau, wie ich mich auf meiner Suche fühlte, und als ob er seine Gedanken am liebsten irgendwem anvertraut hätte. Gab es jemanden, dem er vertraute?
   Ich fuhr mit der Zunge über die Lippen und zerrte das Kissen in meinem Rücken zurecht. Wahrscheinlich interpretierte ich eine Menge in diesen Mann hinein. »Also gut. Wie heißt du.« Ich atmete aus, rief die nächste Datei auf und fand die Antwort. Nicolae Cole. Ich formte die Silben stumm. Erst dann las ich weiter, gierig auf jede Information, mit der ich mein Puzzle erweitern konnte.
   Er lebte in Chislehurst, war mit fünfunddreißig Jahren gewandelt worden – das war siebenundzwanzig Jahre her. Er arbeitete als freiberuflicher Grafiker. Es folgte eine Liste von Daten, Namen und Aufträgen, die bewiesen, dass er sich in den Jahren seiner neuen Existenz nicht aus der Welt der Menschen zurückgezogen hatte. Darunter blinkte eine Kontaktnummer.
   Viele Gewandelte waren selbstständig tätig. Auf diese Weise konnten sie ihre Arbeitszeiten einteilen und hochkonzentriertes Sonnenlicht meiden. Zwar zerfielen sie nicht zu Staub, wenn sie der Helligkeit ausgesetzt waren – ein weiteres Vorurteil, das die Menschheit schnell begraben musste – aber über eine längere Zeit hinweg waren die Strahlen für sie unangenehm und konnten Schwindel, Übelkeit sowie Schwächeanfälle verursachen. Hielt sich ein Vampir lange im direkten Sonnenlicht auf, zog er sich zudem Verbrennungen zu, an denen er im Extremfall sterben konnte. Angeblich sollte es Vampire geben, die im Laufe ihrer langen Existenz fast resistent gegen Sonnenlicht geworden waren. Ich war ihnen noch nie begegnet und war froh darüber.
   Nicolae Cole jedenfalls zählte nicht zu ihnen. Ihm fehlte diese Unnahbarkeit, die verriet, dass er sich nur noch eine Stadt mit uns Menschen teilte.
   »Was ist geschehen, dass du dich mit Absecon in Verbindung gesetzt hast?« Ich berührte das Pad mit den Fingerspitzen. »Oder hast du schon lange geplant, dich von unserer schönen Insel zu verabschieden?« Ich horchte meinen Worten nach und schüttelte den Kopf. Hier saß ich und versuchte, einem Gewandelten menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Ich verhielt mich wie eine Anfängerin. Was war mit mir los? Wütend sprang ich auf. Meine Kollegen hatten ihre Arbeit erledigt. Alles Weitere lag bei mir, und ich würde niemanden enttäuschen. Am allerwenigsten mich.

*

Das Pad bewegte sich auf ihn zu, als der Vibrationsalarm es über die glatte Oberfläche des Schreibtisches trieb. Nicolae beobachtete es zunächst reglos, obwohl er innerlich so unruhig war wie schon lange nicht mehr. Er hatte diese Nummer nur einmal herausgegeben, und er würde das Pad wie besprochen vernichten, sobald er diesen Anruf hinter sich gebracht hatte. Nun war es so weit. Er wusste genau, worauf er sich eingelassen hatte. Und selbst wenn er Zweifel gehegt hätte, so gab es keine andere Möglichkeit. Er musste es tun.
   Seine Finger zitterten nicht, als er den Anruf annahm. »Cole.« Er lehnte sich im Sessel zurück, schloss die Augen und fuhr mit der Hand darüber. Zunächst glaubte er, dass sich niemand am anderen Ende befand, doch dann räusperte sich jemand.
   »Mister Cole. Ich arbeite für Absecon und werde Ihre Betreuerin sein, bis wir die Küste erreicht haben.«
   Nicolae riss die Augen auf. Eine Frau. Sie klang jung, damit hatte er nicht gerechnet. Und doch lag eine Härte in ihrer Stimme, die nicht ganz echt wirkte, sondern eher, als wäre sie antrainiert. Im Gegensatz dazu schien die Energie hinter den Worten absolut authentisch. Er blinzelte und setzte sich aufrecht hin.
   Die Pause im Gespräch war deutlich spürbar, und fast erwartete er, dass sie nachfragte, ob er noch da sei. Doch sie schwieg.
   »Ich hatte zuvor mit zwei … Kollegen von Ihnen gesprochen«, sagte er schließlich und hoffte, sie würde verstehen. Zwischen den Zeilen lesen, so wie Frauen es häufig taten, und ihm ersparen, auszusprechen, was er wirklich dachte. Besitzen Sie die nötige Erfahrung, um zu tun, was mir versprochen wurde? Er wollte – nein, er durfte – es sich mit der Organisation nicht verscherzen.
   Die Frau holte Luft. Ganz leicht, nicht tief genug, um genervt zu wirken. »Korrekt.«
   Entweder las sie nicht oder sie forderte ihn heraus. Zumindest dachte sie nicht im Geringsten daran, ihm weiterzuhelfen. Nicolaes Gedanken überschlugen sich, während er alle Fakten blitzschnell gegeneinander abwog. Die Organisation war seine einzige Chance, und anscheinend hatte man beschlossen, ihm diese Frau zur Seite zu stellen. »Ich hatte geglaubt, auf jemanden zu treffen, mit dem ich bereits geredet habe.«
   Dieses Mal reagierte sie sofort. »Wir entscheiden, wie wir uns aufstellen, Mister Cole. Möchten Sie nun einen Treffpunkt ausmachen oder lieber auf einen anderen Anruf warten?«
   Der nicht kommen wird. Zumindest er hörte auch das, was sie nicht aussprach. Nicolae griff nach einem Stift und zerbrach ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Immerhin hatte sie sich gut im Griff. Vielleicht ein wenig zu gut. Er fragte sich, was sie zu Absecon verschlagen hatte. Sollte sie nicht vielmehr auf Partys feiern und mit ihren Freunden – oder ihrem Freund – das Nachtleben Londons unsicher machen? War sie eine überzeugte Idealistin oder steckten persönliche Gründe dahinter? Er zwang sich zu einem Lächeln, als er auf ihre Frage einging. »Welche Art Treffpunkt schwebt Ihnen denn vor?«

*

Es war nicht die imposante Größe des Gebäudes, die ihn nervös machte, sondern das Gefühl, von tausend Augen gleichzeitig angestarrt zu werden. Die Männer hatten ihn allein gelassen, nachdem sie ihn in diesen Raum geführt hatten, aber er konnte ihre Blicke noch immer im Rücken spüren. Das abscheuliche Glühen untoter Pupillen.
   Huntford räusperte sich und widerstand dem Drang, auf den Boden zu spucken. Ein Blick aus dem Fenster steigerte seine Ungeduld. Er wollte nicht länger hierbleiben, als es nötig war. »Wie lange willst du mich noch warten lassen?« Er schluckte die restlichen Worte hinunter und drehte sich zur Tür. Seine Schritte klangen dumpf, als er mit gerunzelter Stirn die Einrichtung begutachtete. Steinerne Fresken gierten auf ihn herab, Schnäbel und Klauen, die leeren Pupillen mehrere Köpfe über dem seinen. Sie erzeugten ein bedrückendes Gefühl trotz der hohen Decke, als würden sie tief in seine Seele sehen und jedes winzig kleine Geheimnis hervorzerren. Es machte ihn nervös, obwohl er diese Taktik genau durchschaute. Dreckige Blutsauger.
   Ohne Vorwarnung schwang die bogenförmige Tür vor ihm auf. Huntford verschränkte die kalten Finger hinter dem Rücken und versuchte, dem Mann möglichst beiläufig zuzunicken, der direkt auf ihn zuhielt.
   Lorcan Murrays dunkler Anzug über dem weißen Hemd verbreitete einen Hauch von Luxus. Das schwarze Haar war nach hinten gekämmt und glänzte feucht, die dichten Augenbrauen schienen starr. Er überragte Huntford, der kein kleiner Mann war, um gut einen halben Kopf, und seine zusammengepressten Lippen vertieften die schmalen Linien, die sich von den Nasenflügeln bis zu den Mundwinkeln zogen. Ein schwerer Siegelring blitzte an seiner Rechten auf, als er die Hand mit einer herrischen Geste durch die Luft schwenkte. »Wir haben ein Problem.«
   Der Vampirälteste Londons war niemand, der sich mit langen Reden aufhielt. Er trat näher und blickte Huntford an, der sich bemühte, einen Fleck auf Lorcans Wange zu fixieren. »Und damit haben Sie ebenfalls eines.«
   Das unangenehme Gefühl, das Huntford kurz zuvor beim Anblick der grotesken Fabelwesen befallen hatte, war nichts im Vergleich zu dem Wunsch zu fliehen, als Lorcans Augen sich in seine bohrten. Einen Augenblick hielt er dem Blick trotzig stand, dann senkte er den Kopf auf die glänzenden Schuhe und den Stoff seiner Uniformhose. Noch immer hatte er sich nicht daran gewöhnt. Es machte ihn wütend. Den Kopf vor diesen Wesen neigen zu müssen, drückte genau das Gegenteil dessen aus, was er wirklich empfand. Allerdings besaß Lorcan die Macht, viele Dinge in der Stadt zu bewirken – sowohl aufseiten der Vampire als auch der Menschen. Also spielte Huntford mit. Die geschäftlichen Beziehungen mit den Vampiren würden nicht ewig dauern, ihm dafür aber den Weg zum Superintendenten ebnen. »Worum geht es?« Ob der verdammte Vampir seine Angst wittern konnte, wusste er nicht, und er wollte es nicht wissen.
   Lorcan setzte sich in Bewegung und umrundete ihn.
   Jede Sekunde sickerte wie Säure durch Huntfords Adern. Er wollte Lorcan anbrüllen, diese verdammten Spielchen zu lassen, aber er schwieg. Man biss niemals die Hand, die einen fütterte.
   »Bei der letzten Besprechung zwischen meinen und Ihren Leuten gab es eine ungewollte Zeugin«, sagte Lorcan. »Eine Kellnerin eines Bistros an der Browning Street.«
   Huntford verlagerte sein Gewicht auf den linken Fuß, dann auf den rechten. »Ich …«
   »Die beseitigt werden sollte.«
   Huntford nickte. Langsam kehrte der sichere Boden unter seinen Füßen zurück. Diesen Auftrag hatten offenbar nicht seine Männer versaut, sondern die Vampire. »Ja«, antwortete er dennoch, um das Gespräch voranzutreiben.
   Lorcan blieb vor ihm stehen. »Leider hat sich jemand eingemischt, ehe meine Leute die Frau verschwinden lassen konnten. Ein Vampir.«
   Eine glühende Nadel stach in Huntfords Eingeweide. Zwischen die Fronten einer Fehde unter den Blutsaugern zu geraten war nichts, was er sich ansatzweise wünschte. Und es war niemals Teil der Abmachung gewesen. Er wusste über die Vampire Englands, was er wissen musste. Sie unterstanden einem Rat in London, und Lorcan Murray war der Kopf des Ganzen. Er verhandelte für seine Leute mit den Obrigkeiten der Menschen, und diese Abmachungen schützten wiederum die Bürger. Quid pro quo. Lorcan hielt seine Vampire von den Menschen fern und garantierte für die Sicherheit und die Geldbörsen seiner Kontaktleute, dafür sorgten Beamte der London Police für die Immunität der entsprechenden Vampire. Wenn das nun aus dem Ruder lief, musste neu verhandelt werden. Gott, er musste mit dem Chief sprechen. Fieberhaft überlegte er, wie er seinen Protest in Worte fassen sollte, und versuchte gleichzeitig, seinen Ärger über die Situation herunterzuschlucken. Hier stand er und nahm Befehle von einer Kreatur entgegen, die er zutiefst verachtete. »Ein Vampir. Sollten dann nicht …«
   Lorcan ging zum Fenster hinüber, das von schweren Vorhängen bedeckt war. »Sie sind Polizist. Ich will, dass Sie herausfinden, wer der Mann ist.«
   »Das wissen Sie nicht?«
   Lorcan schlenderte mit gedankenverlorenem Gesichtsausdruck zu ihm zurück. Lediglich die Falten um seine Augen verrieten seine Konzentration. »Nein. Er arbeitet nicht für den Rat.«
   »Wie soll ich ihn dann finden? Nur anhand einer Beschreibung …«
   »Sie finden ihn, weil ich Ihnen Helfer zur Seite stelle.« Lorcan blickte zur Tür, die augenblicklich aufschwang. Zwei männliche Vampire traten ein, beide von gleicher, beeindruckender Statur. Während der eine sein blondes Haar kurz geschoren hatte, waren die rötlichen Strähnen des anderen zu einem Zopf gebunden. Sie trugen Cargohosen, Turnschuhe und trotz der Witterung T-Shirts, und wirkten wie zwei Anwärter auf ein Boot-Camp, die darauf warteten, ihre Muskeln einsetzen zu dürfen.
   Lorcan blickte sie nicht an. »Dies sind die Blutsucher, die Ihre Nachforschungen begleiten werden.«
   Nicht zum ersten Mal fragte Huntford sich, über welche Fähigkeiten die ältesten Vampire verfügten. Lorcan Murray war ein einflussreicher Mann in der Stadt, auch im öffentlichen Geschäftsleben. Ein mächtiger, gefährlicher Protegé. Dem er in diesem Moment nicht folgen konnte. »Und wie können mir Ihre Blutsucher …«, er spuckte das Wort aus, als hätte er etwas Neues probiert, das ihm nicht schmeckte, »behilflich sein?«
   Lorcan lächelte. »Diese Männer waren angewiesen, die Kellnerin zu töten. Sie sind mit der Frau verbunden, seitdem sie ihr Blut gekostet haben.«
   »Heißt das, sie können die Frau wittern?«
   »Sie können sie hören. Hier.«
   Kalte Finger berührten Huntfords linke Schläfe. Er erschauderte. »Warum brauchen Sie dann mich?«
   Lorcans Lippen verzogen sich zu einem Strich. »Die Verbindung wird mit der Zeit schwächer. Außerdem kann sie große Entfernungen nicht überbrücken. Daher setze ich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. Und auf Ihre Erfahrung.«
   Huntford riss sich zusammen. »Ich soll also Ihren Leuten Informationen liefern?« Er vermied es, die beiden Schergen anzusehen, deren durchdringende Blicke auf ihm ruhten. Wachsam, interessiert, bereit.
   Lorcan zog sein Jackett aus, ließ es auf den Boden gleiten und krempelte einen Ärmel in die Höhe. »Liefern Sie mir den Namen des Vampirs. Den Rest werden meine Männer übernehmen.«
   Huntford wollte protestieren, doch er schwieg.
   Lorcan hob einen Arm und umschloss sein Handgelenk mit den Lippen. Ein kurzes, knirschendes Geräusch, dann tropfte Blut in schmalen Rinnsalen gen Boden. Mit einer gebieterischen Geste hielt er dem Rothaarigen den Arm entgegen. Der Mann verbeugte sich leicht und trat auf seinen Obersten zu. Kurz darauf rann die dunkle Flüssigkeit in seinen Mund.
   Huntford blickte zu Boden und atmete flach.
   Nachdem der zweite Blutsucher die Lippen gegen die Wunde gepresst und sich zurückgezogen hatte, ließ Lorcan den Arm sinken. Wenige dunkle Tropfen fielen zu Boden. »Normalerweise ist die Verbindung zwischen Jäger und Opfer schwach. Ein letzter Gruß, eine Würdigung an den Saft des Lebens, der für einen anderen geopfert wurde, sagen die romantischen Gemüter.« Lorcan strich über das Handgelenk, betrachtete die dunkle Flüssigkeit auf der Haut und zerrieb sie zwischen den Fingern. »Durch das Blut eines Älteren wird sie verstärkt.«
   Huntford wagte einen raschen Blick. »Und was sagen alle anderen? Über die Verbindung zwischen dem Jäger und seinem Opfer?«
   Lorcan wölbte eine Augenbraue »Dass eine Flucht nie sehr lange dauert. Falls sie dem Opfer überhaupt gelingt.« Für ihn schien damit alles gesagt. »Machen Sie sich auf die Suche. Und melden Sie, wenn erste Ergebnisse vorliegen.« Er öffnete die Tür, trat hindurch und ließ Huntford hinter sich zurück.

*

Jun erwartete mit Scott den Ratsoberen im Besprechungszimmer, wo ein antiker Holztisch beinahe den gesamten Raum ausfüllte. Als die Tür aufflog und gegen die Wand krachte, erschien Lorcan ohne einen Begleiter. Der Lärm stand in starkem Gegensatz zu der Ruhe in seinem Gesicht.
   Scott warf ihm einen schrägen Blick zu, dann ließen sie sich auf ihren Plätzen nieder und warteten.
   Lorcan ging zum Fenster und starrte auf das Treiben auf den Straßen weit unter ihm. Als er sich umwandte, grub sich das Graulicht des Regentages in die Narben auf seinen Wangen und vertiefte sie zu Rissen. Lorcan hatte sein sterbliches Dasein als gestandener Mann beendet. Zu jenen Zeiten kämpfte die Bevölkerung Londons mit Schwindsucht, Hexenprozessen, der Pest oder dem großen Brand. Er hatte die Stadt wachsen sehen und sich im Laufe der Jahrhunderte einen Namen geschaffen, den er stets an sich weitergegeben hatte. Manche nannten ihn fair, andere skrupellos, doch sie alle stimmten darin überein, dass man nicht versuchen sollte, Lorcan Murray zu hintergehen. Ihn interessierten genau zwei Dinge: Macht und Geschäfte. Und wenn eines davon nicht seinen Plänen entsprach, bekam er jenen Blick, den er ihnen nun zuwarf.
   Jun seufzte. »Nun sag schon, was los ist.« Er kannte Lorcan seit dem Tag, als der Daily Courant, die erste Tageszeitung Englands, erschienen war, und somit länger als irgendein anderer.
   Lorcan trat vor und stützte beide Hände auf den Tisch. »Es gab einen nicht genehmigten Handel zwischen Vampiren und Beamten der Polizei. Mehr noch, es gab eine Zeugin.«
   Scott lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wie konnte das passieren?«
   Die Adern an Lorcans Hals traten hervor. »Das versuche ich gerade herauszufinden. Es waren junge Vampire, keine von unseren Männern. Und dazu dumm genug, sich von einer Zivilistin erwischen zu lassen, die noch am Leben ist. Ich habe Huntford darauf angesetzt und es so hingestellt, als hätte ich von der Transaktion gewusst. Die Differenzen in unseren Reihen gehen die Menschen nichts an.«
   »Hängt es mit den Frauen zusammen, die in letzter Zeit getötet wurden? Du kannst mir erzählen, was du willst, Lorcan, aber das geht auf das Konto von jung Verwandelten.«
   »Amateure.« Jun lächelte. »Lass die Frau beseitigen und die Jungs ausbluten, die meinen, bei den Erwachsenen mitspielen zu dürfen. Das dürfte keine große Sache sein. Wofür brauchst du da Menschen?«
   Lorcan richtete sich auf. »Weil die Sache schnell gehen muss. Jemand hat sich eingemischt, ein Vampir, den ich noch nicht kenne. Er und die Zeugin sind verschwunden.«
   Jun pfiff durch die Zähne. »Das ändert einiges. Dann wird dich nicht aufheitern, was wir dir zu sagen haben.« Er warf Scott einen Blick zu. Als er nickte, erzählte er Lorcan von Sergius Bonniers Ankunft in der Stadt.
   Das genügte, um die Ruhe des Ratsobersten endgültig in lodernde Wut zu verwandeln. »Elizabeth Randall! Verdammt soll sie sein!« Lorcans Finger schlossen sich um die Sessellehne. »Wie kann sie es wagen?« Holz knarrte leise.
   Jun zeigte sich unbeeindruckt und beugte sich vor. Beschwörend. »Noch hat sie ihn lediglich zu sich eingeladen.«
   »Wir wissen genau, was Sergius Bonnier vorhat«, sagte Scott. »Warum sonst sollte er zur selben Zeit auftauchen, in der Elizabeth davon redet, sich für immer zurückziehen zu wollen?«
   Das Grau in Lorcans Augen loderte auf, als er nickte. »Er will ihren Platz im Rat.«
   »Nie.« Juns Stimme blieb ruhig. »Elizabeth würde keinen Amerikaner zu ihrem Nachfolger bestimmen.«
   Lorcan antwortete nicht.
   Scott musterte ihn eingehend. »Was denkst du?«
   »Dass es kein Zufall sein kann, dass der ungenehmigte Handel an der Browning genau zu der Zeit stattfindet, in der Bonnier in London auftaucht.«
   »Und was schlägst du vor?«
   Das Schweigen hielt an, bis die Schläge des Big Ben über die Dächer hallten. Schließlich hob Lorcan den Kopf. »Eine außerplanmäßige Sitzung des Rats. Jetzt. Ich lasse Beverly benachrichtigen.«
   »Und Elizabeth?«
   Dieses Mal antwortete Lorcan nicht.

Kapitel 4
Chislehurst, Outer London

Der Vorort unterschied sich kaum von den übrigen, die sich Schutz suchend um das Londoner Areal drängten. Der Wind wirbelte vereinzelte Papiere und Blätter umher. Ich sah die Reklameflächen von Geschäftsketten, die ihre Ableger auch hier gepflanzt hatten – vereinzelte Tupfer Vertrautheit in einer Umarmung aus Beton. Inmitten dieser Anonymität fühlte ich mich seltsam fremd, jetzt, wo ich mich mit Nicolae Cole treffen würde. Ich hasste diese Unsicherheit – ich arbeitete schon zu lange zu hart daran, sie nicht zu spüren, als dass ich sie nur eine Sekunde hätte akzeptieren können.
   Die Vorgehensweise unserer Organisation war genau festgelegt und folgte stets demselben Raster: Nachdem ein Vampir mit uns Kontakt aufgenommen hatte, um das Land zu verlassen, wurde er zunächst von erfahrenen Leuten überprüft und eingeschätzt. Nur, wer sich der Gesellschaft angepasst hatte, wurde überhaupt in Betracht gezogen. Wir lehnten es ab, frisch Gewandelte zu schmuggeln. Sie waren nicht an ihr neues Dasein gewohnt und konnten tickende Zeitbomben sein. Ein Teil der jungen Vampire verschwand kurz nach der Verwandlung. Manche fanden sich in dunklen Gassen, inmitten von Müll, Dreck und Ratten wieder, andere blieben meiner Welt zeitlebens fern, so wie das Sonnenlicht der ihren.
   Nachdem von meinen Kollegen grünes Licht gegeben worden war, würde ich Cole nun persönlich überprüfen. Irren war menschlich, und wir legten Wert auf ein möglichst reißfestes Sicherheitsnetz. Wenn ich ein unangenehmes Gefühl bei ihm hatte, würden wir seinen Fall erneut diskutieren.
   Momentan war ich vor allem unruhig, und das gefiel mir ganz und gar nicht. Es gab keinen Grund dafür, und verdammt, ich war nun schon lange genug dabei.
   »Alles reine Routine.« Ich grinste meinem Abbild im Spiegel spöttisch zu. Das Braun meiner Augen sah in diesem Licht nahezu schwarz aus und wirkte im Kontrast zu der hellen Haut recht eindringlich. Die Haare hatte ich streng zusammengebunden, sodass ich älter als sechsundzwanzig wirkte. Ein paar Strähnen waren dem Knoten entwischt, und ich strich sie ungehalten zurück.
   Ich bog in die High Street ein. Bei unserem Gespräch hatte ich einen neutralen Treffpunkt gefordert. Cole hatte die Firma vorgeschlagen, für die er momentan an einem Projekt arbeitete. Ich überlegte, wie er sich in der Nähe seiner Kollegen geben würde. Noch war er als Gewandelter jung genug, um wie ein Mensch zu reagieren, wenngleich er ebenfalls die Ruhe eines Vampirs besitzen musste. Das durfte ich niemals vergessen. Egal, was er tat oder sagte, er betrachtete die Welt aus einer anderen Perspektive als ich und besaß somit andere Wünsche, Pläne und Ziele.
   Ich war mittlerweile genügend Vampiren begegnet, um zu wissen, dass sie nicht gefühlskalt waren. Es war eine Frage des Alters, natürlich. Je älter der Gewandelte, desto mehr Erfahrungen hatte er zusammengetragen. Mit der Zeit kam die Abgeklärtheit oder die Bereitschaft, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie waren.
   Im vergangenen Jahr hatte ein Sozialanthropologe diese These weitergeführt und mit der Behauptung auf die Spitze getrieben, dass sich wahre Weisheit erst in der Wesenheit der Gewandelten finden ließe. Die Presse hatte sich auf den Mann gestürzt wie Motten auf das Licht. Teilaussagen waren falsch zitiert und Umfragen auf Straßen durchgeführt worden. Die öffentliche Meinung hatte stark zwischen den beiden Extremen geschwankt, der Anthropologe sei selbst ein Vampir oder er wurde von ihnen für seinen Artikel bezahlt. Verrat an der Menschheit, so titelten die einschlägigen Magazine. Am Ende hatten andere die These widerlegt und der Akademiker seinen Lehrstuhl verloren. So viel zu der Gleichberechtigung der Völker, die manche Politiker sich im Wahlkampf auf ihre Flaggen schrieben.
   Ein sanfter Summton riss mich aus den Gedanken, und das Navifeld neben mir leuchtete auf. Ich hatte mein Ziel erreicht und ging vom Gas. Zu meiner Rechten reihten sich die Gebäude Schulter an Schulter, während ich auf der anderen Seite zwischen einzelnen Lagerhäusern freien Blick auf die dahinter liegenden Felder hatte. Ich parkte, stieg aus und verriegelte den Wagen. Augenblicklich kroch der Wind in meine Ärmel und unter den Rock. Um die Täuschung eines Geschäftsbesuchs aufrecht zu halten, hatte ich auf meine Bewegungsfreiheit in Jeans und Turnschuhen verzichtet und mich in ein schwarzes Kostüm gezwängt. Es war ein paar Jahre alt, passte jedoch noch. Seit Langem hatte ich keinen Anlass mehr gefunden, um mich formell zu verkleiden.
   Das Haus, in dem die Firma saß, entpuppte sich als dunkelgrau verklinkerte Langeweile mit schmalen Fenstern. Ich atmete zweimal tief durch und presste die Hand auf den Sensor an der Tür. Während der Gong durch das Innere des Gebäudes dröhnte, tastete ich nach dem Säurespray in der Tasche. Ich war zwar für Gerechtigkeit, aber nicht leichtsinnig. Auch wenn sich viele Fachleute ihre schlauen Köpfe über Abwehrmethoden bei Gewandelten zerbrochen hatten, so waren die einfachsten Dinge die effektivsten. Vampire waren nicht immun gegen alles, was den Menschen zusetzte. Sie hatten kaum mit ansteckenden Krankheiten zu kämpfen, auch wenn sie diese abgeschwächt über fremdes Blut aufnehmen konnten, aber sie reagierten ebenso auf äußerliche Einflüsse wie wir. Wenn auch nur kurzzeitig.
   Ich spannte den Arm an, als die Tür aufschwang und ein zierlicher blonder Mann erschien. Trübes Blau musterte mich aufmerksam. Kein Gewandelter. Ich atmete wieder aus.
   »Ja bitte?«
   »Guten Tag. Ich bin mit Nicolae Cole verabredet.« Ich nannte ihm meinen Namen nicht, doch entweder fiel es ihm nicht auf oder er ignorierte es schlichtweg.
   »Kommen Sie bitte herein, wir sind jeden Moment fertig mit der Besprechung. Nic steht Ihnen sofort zur Verfügung.« Er bedeutete mir, ihm zu folgen.
   Nic. Ich formte die Silbe probeweise. Es sah danach aus, als gehörte Cole nicht zu den unnahbaren Exemplaren seiner Art.
   Im Inneren des Gebäudes roch es nach Büro. Bilder von Dekopflanzen und Einheitskaffee brannten sich in meinen Kopf. Ich folgte dem Blonden durch Flure voller Betriebsamkeit und versuchte, auf alles zu achten. Ein knappes Dutzend Menschen hatte sich an einem Besprechungstisch zusammengefunden, Stimmengewirr lag in der Luft. An den steinernen Wänden prangten gerahmte Plakate in Übergröße oder Sensortafeln mit Skizzen, die mir nichts sagten.
   Mein Begleiter führte mich zu einem Raum mit Glasfront, der zum größten Teil von einem Tisch samt Stühlen ausgefüllt wurde. »Nehmen Sie Platz, es dauert nicht lang.«
   Ich ignorierte die Stühle und blieb neben der Fensterfront stehen. »Danke«, sagte ich in einem Tonfall, der ihn darüber informieren sollte, dass ich über die Verzögerung nicht erfreut war.
   Durch das Glas beobachtete ich das Treiben auf den Gängen. In keinem Augenpaar konnte ich das besondere Glitzern ausmachen, in keiner Bewegung die Eleganz jahrzehntelanger Übung. Ich war von Menschen umgeben. Ich ließ das Säurespray los, seufzte und fragte mich, was Cole aufhielt. Er strapazierte seine Chance, wenn er mich zu lange warten ließ. Ich nahm mir vor, ihm höchstens zehn Minuten zu geben, vor allem, als ich merkte, dass ich unruhig hin und her lief. Mit einem genervten Zischen bohrte ich die Absätze in den Boden und ärgerte mich darüber, dass ich die Fäden der Kontrolle für einen Moment locker gelassen hatte. Wenn mir das in Coles Gegenwart geschah, konnte ich ihm gleich beichten, dass ich noch nie zuvor einen Einsatz geleitet hatte, und ihn darum bitten, Händchen zu halten.
   In diesem Moment öffnete sich die Tür und der Mann trat ein, den ich von der Bilddatei kannte. Seine Gesichtszüge wirkten so vertraut, dass mir bewusst wurde, wie oft ich sein Foto studiert haben musste.
   Das Warten war endlich vorbei. Von einer Sekunde auf die andere fiel die Nervosität von mir ab und verwandelte sich in … ja was? Es fühlte sich an, als würde ich einem Raubtier gegenüberstehen und gleichzeitig diejenige sein, die man beobachtete und studierte. Aber das musste egal sein. Das einzig Wichtige war, dass ich den Sprung in das kalte Wasser hinter mir hatte. Nun musste ich nur noch schwimmen.
   Nicolae Cole kam auf mich zu, ohne ansatzweise zu zögern oder sich die Zeit zu nehmen, mich zu mustern – immerhin hatte er mich nie zuvor gesehen. Ich dagegen starrte ihn an und fand, dass ich mit meinem Raubtiergedanken gar nicht so falsch gelegen hatte. Auch wenn ich stets abstritt, dass es sich bei Gewandelten um Jäger handelte, konnte ich nicht ignorieren, dass Cole sich wie einer bewegte: Sprungbereit, als hätte er jeden Muskel seines Körpers angespannt. Gleichzeitig wirkte er locker und gelöst. Das Ergebnis war eine unbestreitbare Eleganz, um die ich ihn fast beneidete. Nicht mal der langweilige Anzug, den er trug und der sich farblich perfekt an die Hausfassade anpasste, konnte diesen Effekt schmälern. Cole war sicher niemand, der schnell aufgab. Die Entschlossenheit, die ich bereits von seinem Bild her kannte, war nicht zu übersehen. Von der unterschwelligen Sorge in seinem Blick fehlte allerdings jede Spur. Womöglich hatte ich sie fälschlicherweise hineininterpretiert und ihn durch das Prisma eines Menschen statt dem eines Gewandelten betrachtet. Ich würde sehr aufmerksam sein müssen und möglichst sachlich, sodass er nicht auf die Idee kam, ein leichtes Spiel mit mir zu haben und mich täuschen zu können. Wenn er etwas verbarg, so musste ich es herausfinden.
   »Entschuldigen Sie die Wartezeit«, sagte er so ruhig, als würden wir wirklich über seinen nächsten Auftrag verhandeln. Seine Stimme war tief genug, dass man sie bei einem bestimmten Lärmpegel selbst dann hören würde, wenn er sie nicht erhob. Der Akzent darin war britisch, besaß aber einen amerikanischen Einschlag. Vielleicht hatte Cole einige Zeit drüben gelebt.
   Ich ergriff die ausgestreckte Hand und schüttelte sie, wobei ich jede seiner Bewegungen genau beobachtete und nur am Rand registrierte, wie kühl seine Finger waren. Er überragte mich um mehr als einen Kopf, sah freundlicher und weniger nachdenklich aus als auf dem Bild. Seine Lippen waren beinahe ebenso hell wie die übrige Haut und er schien die Angewohnheit zu besitzen, sie nicht ganz zu schließen. Die Bartstoppeln waren verschwunden und hatten ein Grübchen in seinem Kinn freigelegt.
   Er sah … Ich knirschte leise mit den Zähnen, aber ich konnte es nicht leugnen: Ja, er sah verdammt gut aus. Doch nicht nur das. Er hatte etwas an sich, das mich mehrmals hinsehen ließ, um herauszufinden, was es war. Ich biss mir auf die Zunge und war froh, dass der Schmerz diese Gedanken augenblicklich abschaltete. Ich zog meine Hand zurück und nickte Cole zu. Ich fühlte mich wie in einem Theaterstück.
   Das hintergründige Leuchten in seinen Augen vermittelte mir das Gefühl, als könnte er mehr sehen, als mir lieb war. Vampiren war es oft ein Leichtes, ihre Identität zu verbergen, indem sie längere Blicke in die Augen der Menschen vermieden. In meiner Gegenwart sah Cole keine Notwendigkeit, sich zu verstellen. Ich tat ihm nicht den Gefallen, wegzusehen, und war froh, dass ich es als Herausforderung tarnen konnte. Wenn ich ehrlich war, fiel es mir schwer, mich auf etwas anderes als ihn zu konzentrieren. Vielleicht würde irgendwann der Tag kommen, an dem die Vampire, deren Sprungbrett ins Ausland ich war, mir nur ein müdes Blinzeln entlockten. Noch war es nicht so weit.
   Dass ich seinem Blick so lange standhielt, ohne irgendwelche Anzeichen von Unwohlsein zu zeigen, irritierte ihn. Er blinzelte und deutete auf einen der Stühle. Zumindest ein kleiner Sieg für mich.
   Es ging los.
   Er neigte seinen Kopf um eine Winzigkeit. »Und Sie sind …?«
   »… Ihre Ansprechpartnerin in dieser Angelegenheit.« Ich blieb stehen und ließ keinen Zweifel daran, dass ich keine weiteren Nachfragen wünschte. Er benötigte weder meinen Namen noch andere Details außer der Tatsache, dass ich zu Absecon gehörte. Ich griff in die Tasche, zog den I-Scanner hervor und war froh, dass meine Hände nicht zitterten. Ein verhaltenes Summen war zu hören, als die Oberfläche sich erhellte. »Ihren linken Zeigefinger.« Ich hielt Cole das Gerät entgegen. »Wir müssen sichergehen, dass Sie wirklich der sind, für den Sie sich ausgeben, und nicht jemand, der eine Passage womöglich nicht verdient hat«, fügte ich hinzu, als er die Stirn runzelte.
   Seine Augenbrauen berührten einander, als er den Finger auf den Scanner presste. Ein Summton bestätigte den Abdruck, und Cole reichte mir das Gerät zurück. Ich nickte ihm zu und übertrug das Bild an die Zentrale.
   Er beobachtete mich aufmerksam. »Ich habe meinen Kollegen gesagt, dass Sie eine potenzielle Kundin sind.«
   »Ihre Kollegen wissen, dass Sie ein Gewandelter sind?«
   »Ja. Sie haben kein Problem damit.«
   »Wie wollen Sie ihnen erklären, dass aus dem möglichen Auftrag nichts wird?«
   »Ich werde lügen und sagen, dass unsere Angebote Ihren Vorstellungen nicht entgegenkamen.«
   Er sprach in jenem dunklen Tonfall, der den Anschein erweckte, als hielte er einen Großteil seiner Kraft zurück. Unwillkürlich sah ich auf seinen Hals. Dort, wo es bei einem Menschen unaufhörlich pochte, lag die Haut still. Das Schweigen zwischen uns dehnte sich aus, doch es wirkte vollkommen natürlich, als hätten wir ein Einverständnis getroffen, von dem keiner von uns wirklich wusste.
   Hölle noch mal, Maddie, du solltest dich auf den vorgegebenen Ablauf konzentrieren. »Mister Cole, ich werde Ihnen einige Fragen stellen. Sie werden das eine oder andere bereits erklärt haben, aber erzählen Sie es mir trotzdem noch mal.«
   Er nickte langsam. Offenbar gefiel es ihm nicht, alles über sich offenlegen zu müssen, andererseits wusste er ebenso gut wie ich, dass es der Preis war, den er zu zahlen hatte. »Gut.«
   »Warum möchten Sie das Land verlassen?« Ich behielt ihn genau im Blick, alle Reaktionen konnten wichtig sein.
   Jeder handhabte seine Eröffnung im Gespräch mit den Gewandelten anders. Es war wie ein Schachspiel, nur konnten dabei echte Leben vom Feld geworfen werden, wenn man verlor. Falls ich es mit einem Heuchler zu tun hatte, brachte ich womöglich nicht nur mich, sondern auch andere in Gefahr. Ich starrte in das grüne Schimmern unter seinen dunklen Wimpern. Versuchte er, mich zu täuschen?
   Coles Augen blitzten. »Es haben sich Zustände ergeben, die mein Leben in London nicht sehr angenehm machen.« Ein leises Schnauben folgte. »Sie können sich denken, dass ich von den neuen Gesetzen rede. Ich halte es daher für angebracht, das Land zu verlassen.«
   Die Standardantwort. Damit hatte ich gerechnet – ich hatte lediglich wissen wollen, was genau er sagen würde. Wie er sich dabei bewegte. Was seine Finger machten, wie seine Körperhaltung war. Er blieb in allen Belangen ruhig, also versuchte ich, ob er sich ein wenig provozieren ließ.
   »Es geht Ihnen also darum, Ärger zu vermeiden. Gibt es da einen aktuellen Anlass?« Mein Tonfall forderte ihn heraus.
   Er sprang nicht darauf an, sondern starrte ins Leere, auf einen Punkt, der irgendwo hinter mir lag und womöglich gar nicht existierte. Langsam umrundete er den Tisch und brachte ihn so zwischen uns. Wollte er etwas verbergen oder mir das Gefühl geben, ihn nicht fürchten zu müssen?
   »Ich möchte generell Ärger vermeiden, sowohl jetzt als auch in Zukunft.« Seine Stimme blieb ruhig, er hatte auch diesen Test bestanden.
   Nun zog ich einen Stuhl zurück, machte es mir bequem, so gut es mit dem engen Rock möglich war, und ging über zur nächsten Frage.
   In der kommenden Stunde erfuhr ich alles, was ich über sein Leben vor und seit der Verwandlung wissen wollte. Ursprünglich aus Portsmouth, arbeitete er zunächst als Maler und Gestalter. Keine Frau, keine Kinder. Sollte er bedauern, niemals eine Familie gegründet zu haben, ließ er sich nichts anmerken. Obwohl er bereits angegeben hatte, dass er in den vergangenen Jahren keine engeren Verbindungen zu Menschen oder Gewandelten geführt hatte, fragte ich in diesem Punkt nochmals explizit nach. Nichts. Nicolae Cole beschrieb das Leben eines Eigenbrötlers, und es fiel mir schwer, mir vorzustellen, wie er Abend für Abend allein in seine Wohnung zurückkehrte.
   Seltsamerweise fühlte ich mich in diesem Punkt mit ihm verbunden. Meine Familie lag in Trümmern. Sie hatte sich in zwei Lager gespalten, die von einer zu großen Kluft getrennt waren, um jemals wieder zueinanderzufinden. Menschen und Gewandelte. Ich hätte mich nicht gescheut, einen Balanceakt zu versuchen – welches Kind würde das nicht tun, wenn es darum ging, beide Elternteile zu behalten? – doch dieser Gedanke war nichts weiter als ein Traum. Ich hatte Ersatz gefunden, Menschen, denen ich vertraute, dennoch war ich allein, wenn ich abends nach Hause kam. Doch ich hatte nicht vor, das zu ändern. Beinahe hätte ich Cole gefragt, ob es ihn störte, dass die Einsamkeit der Preis seiner Wandlung zu sein schien, aber ich hielt mich rechtzeitig zurück. Es hätte zu viel über mich selbst verraten.
   Nach seiner Wandlung verschlug es ihn in den späten neunziger Jahren nach New York – ich hatte also recht gehabt, was seinen Akzent betraf. Ein solcher Schritt war nicht ungewöhnlich. Abgebrochene Brücken waren ein taktischer Vorteil. Viele Vampire schlossen sich in jenen Zeiten der größeren Gemeinschaft der amerikanischen Vampire an, lernten, bauten sich ein neues Leben auf. Cole gehörte zu den Wenigen, die zurückkamen. Jetzt jedoch, wo England ein unsichtbares Band um die Hälse der Gewandelten legte, siegte der letzte Freiheitsdrang über die Liebe zur Heimat.
   Mittlerweile hatte Cole Platz genommen. Seine Hände lagen locker im Schoß, und er hatte die langen Beine von sich gestreckt. Vom Flur aus betrachtet musste es den Anschein haben, als hätte sich die geschäftliche Besprechung in eine kollegiale Plauderei verwandelt.
   »Wann haben Sie offiziell zugegeben, ein Vampir zu sein?«
   »Vor drei Jahren. Als unsere Existenz amtlich wurde.«
   Er war also einer von denen, die an ein friedliches Miteinander geglaubt hatten? Zu jenem Zeitpunkt war die Gesetzeseingliederung der Vampire eine äußerst instabile Angelegenheit gewesen. Niemand konnte damals wissen, zu welcher Einigung die Regierung letztlich gelangen würde.
   Ich bemerkte, wie vertraulich die Atmosphäre geworden war, und hob das Kinn. Zeit für eine weitere Provokation. »Sind Sie seitdem in Vorfälle verwickelt gewesen, die mit Auseinandersetzungen zwischen Menschen und Vampiren zu tun haben?«
   Er wirkte mit einem Male verärgert. Ungehalten. Da hatte ich wohl einen wunden Punkt gefunden.
   Plötzlich schien das Büro und alles, was dazugehörte, Staffage zu sein. Der graue Anzug passte ebenso wenig zu Cole wie mein Haarknoten zu mir.
   »Nein. Aber ich weiß nicht, ob das so bleiben wird, wenn sich die Gesetze weiterhin so radikal verändern.« Sein Blick kreuzte den meinen. Zuversicht war darin zu lesen, aber auch Abgeklärtheit.
   Eine durchaus legitime Aussage für einen Gewandelten. Ich ließ ihn zappeln und ein wenig Zeit verstreichen. Wir hatten es fast geschafft. In Gedanken lächelte ich. »Besitzen Sie Verwandte oder Freunde aus Ihrer Zeit als Mensch?«
   Die Furchen auf seiner Stirn verschwanden. »Nein.«
   Jemand klopfte an die Tür. Cole bat mich mit einer knappen Geste um Entschuldigung. »Ja bitte.«
   Die Tür ging auf und ein junger Mann mit Brille und nervösem Lächeln trat ein. Ich benötigte keinen weiteren Blick, um zu wissen, dass ich einen Menschen vor mir hatte. Manche Vampire trugen Brillen, um nicht aufzufallen, aber sie wirkten niemals derart unsicher.
   »Ich … oh. Guten Tag.« Er stotterte bei meinem Anblick.
   Ich verdrehte die Augen und schwieg.
   Er wandte sich an Cole. »Nic, ich weiß, wir waren so weit durch, aber …« Sein Kopf ruckte zwischen Cole und mir hin und her.
   »Wir sind gleich fertig«, sagte ich in einem Tonfall, der ihm deutlich machte, wie sehr er störte.
   Er errötete. »Entschuldigen Sie.« Er trat zurück und schloss die Tür so leise, als wäre sie aus Glas.
   Entweder ich täuschte mich oder ein Schmunzeln schlich über Coles Gesicht. »Sie mögen keine Unterbrechungen, nicht wahr?«
   Ich hob die Augenbrauen. »Nicht, wenn es um wichtige Dinge geht. Sie etwa?«
   Er überlegte. »Manchmal ist die Unterbrechung der wichtigste Teil einer Handlung.«
   Später im Auto fiel mir auf, dass bei diesen Worten die Kälte in seine Stimme zurückgekehrt war.

Auf dem Weg nach Hause kam ich mir vor wie ein Roboter. Körper und Geist funktionierten getrennt voneinander. Während ich den Wagen durch die Straßen lenkte und auf Schilder und Ampeln reagierte, waren meine Gedanken bei dem Treffen mit Nicolae Cole, analysierten, rieten und zogen Schlussfolgerungen. Ich erinnerte mich daran, wie sehr es ihm anzusehen war, wenn ihm eine Frage nicht gefiel, und dass er dennoch stets ruhig geblieben war. Ob dies ein genereller Wesenszug war, oder hatte er sich sehr zusammenreißen müssen?
   »Das sollte dir vollkommen egal sein«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Das war es auch. Oder? Endlich begriff ich, welcher Fehler mir unterlaufen war. Ich hatte mich zu sehr auf die Bilddatei konzentriert und geglaubt, ich könnte die Routinebefragung ebenso steril hinter mich bringen. Ich hatte erwartet, nicht auf die Eindrücke zu reagieren, die Cole mir lieferte. Aber das tat ich, indem ich grübelte. Ich fragte mich, ob es ihm schwerfiel, Großbritannien zu verlassen, oder ob er einfach nur froh war über die Freiheit, die auf dem Festland auf ihn wartete. Und was er von mir hielt.
   Ja, ganz besonders das. Ich hatte bei unserem ersten Gespräch am Pad genau gemerkt, wie wenig es ihm passte, dass er mir zugeteilt worden war. Hatte er diese Meinung revidiert, oder hielt er mich noch immer nicht für fähig? Wenn ja, warum? Weil ich jünger war als er – oder eine Frau? Nein, so altmodisch schien er mir nicht zu sein.
   Das Gefühl, mich und meine Fähigkeiten irgendwem gegenüber, ob Gewandelter oder Mensch, rechtfertigen oder beweisen zu müssen, ärgerte mich. Wenn Cole nicht zufrieden war mit meiner Hilfe, sollte er doch vor den Augen der Regierung draufgehen.
   Ich ballte eine Faust und schlug gegen die Verkleidung an der Tür. So weit hatte dieser Vampir mich gebracht.
   »Lass dich niemals voll und ganz in die Sache hineinziehen. Was du für Absecon tust, sind Aufträge, und die Gewandelten werden immer Klienten bleiben. Ihre Schicksale müssen dir egal sein, du darfst sie nicht an dich herankommen lassen. Sonst drehst du irgendwann durch.« Schon damals hatte Lucas gewusst, wo meine Schwachstelle lag – oder es zumindest geahnt. Wäre er jetzt hier und könnte in meinen Kopf sehen, würde er nicht zögern und mir einen Kübel Eiswasser darüber kippen.
   Glücklicherweise zwang mich der Verkehr, meine Grübeleien zu unterbrechen. Auf der Gegenfahrbahn versuchten Fahrer erfolglos, sich ihren Weg aus dem Gedränge frei zu hupen. Hektik und zeitweilige Staus erweckten den Eindruck, als flüchteten die Bewohner Londons aus der Stadt.
   Ich musste mich mit Lucas treffen. Meine Entscheidung bezüglich Cole hatte ich gefällt, noch ehe ich das Gebäude verlassen hatte. In meinen Augen sprach nichts dagegen, dass er der nächste Kandidat für eine nächtliche Tour zum Festland war. Er mochte es eindeutig nicht, lange über sich zu reden, aber er hatte mir deutlich gemacht, dass seine Prioritäten darin lagen, zu überleben und dabei einen Rest Stolz zu bewahren. Ich konnte ihn vollkommen verstehen.
   In vampirischen Belangen griff die Regierung ohne mit der Wimper zu zucken auf antiquierte Methoden zurück. Die Behörden hatten jedem registrierten Vampir eine Nummer verpasst, die in einer speziellen Form der Identifikationskarte geprägt war. Wurde ein Gewandelter ohne dieses Dokument angetroffen, wartete ein Verhör auf ihn. In Kleinstädten, wo die Hierarchieketten sehr kurz waren, hauchte während dieser Vernehmungen mancher Vampir sein Leben aus.
   Musste ein Gewandelter terminlich das Land verlassen, traten nahtlose Überwachungsmethoden in Form eines Peilsenders in Kraft, der in einer schmalen Kette am Handgelenk angebracht wurde, gut sichtbar für alle und jeden. Er gab ein Signal ab und schlug Alarm, sollte auch nur ein Glied der Silberkette aufgebogen werden. Entweder der Vampir spielte das Spiel mit oder er machte sich strafbar.
   Genährt wurde der behördliche Kontrolleifer von der Angst vor der Dunkelziffer. Gerade ältere Vampire besaßen Möglichkeiten, um ihre wahre Natur zu verbergen. Sicherlich verfügten sie ebenfalls über genügend Mittel und Kontakte, um sich frei zu bewegen, sei es im In- oder Ausland.
   Doch wollten die Vampire wirklich unter uns leben? Wie viele scheuten aus Desinteresse den Kontakt zu den Menschen, die sie aus einem früheren Leben kannten? Zum ersten Mal dachte ich dabei nicht nur an meine Mutter, sondern auch an Cole. Meine Gedanken wurden zu Krallen, die ein kaltes Muster in meinen Nacken ritzten. Um mich abzulenken, rief ich Radio Voice Up auf und hörte meinem Kollegen Gerry zu. Es waren keine guten Nachrichten, mit denen er uns versorgte. Erneut war eine junge Frau tot an einem Straßenrand in den Außenbezirken aufgefunden worden, weggeworfen wie eine leere Hülle und mit herausgerissener Kehle. Die dritte in den vergangenen Wochen. Ob Vampire dahintersteckten, die so ihre Spuren zu verwischen versuchten, wurde von den Stadtbeauftragten intensiv diskutiert.
   Ich glaubte nicht, dass sie etwas damit zu tun hatten. Es sah ihnen nicht ähnlich, dass sie Menschen abschlachteten und unübersehbar am Straßenrand platzierten. Ihre Lage war brenzlig genug. Nein, ich vermutete, dass Menschen dahintersteckten und den Verdacht auf die Gewandelten lenken wollten. Es würde mich nicht wundern, wenn es eine von höchster Stelle initiierte Kampagne war, um endlich einen Grund zu haben, Entscheidungen rückgängig zu machen, die nur im Angesicht der Angst vor Rassismusvorwürfen getätigt worden waren. Niemand lud gern einen Gast nach Hause ein, den er sich nicht aus den Augen zu lassen traute.
   Ich wählte die nächste Abzweigung und gab Gas. Mir war nach Geschwindigkeit.

»Willst du reinkommen oder draußen Wurzeln schlagen?« Lucas machte keine große Sache daraus, dass ich soeben einen Klienten getroffen hatte, und schlurfte zurück in seine Wohnung. Er trug ein ärmelloses Shirt und eine schwarze Sporthose – mit dem Training nahm er es noch ernster als ich.
   Ich folgte ihm in die Küche, die nur deshalb aufgeräumt und sauber war, weil er sie kaum nutzte. »Cole geht klar.« Ich horchte auf meine eigenen Worte und war froh, wie fest sie von meinen Lippen kamen. Lucas würde niemals erfahren, dass ich sie geübt hatte, ehe ich aus dem Wagen gestiegen war.
   Er nahm einen Pulli von einem der Stühle und zog ihn über. »Gratuliere. Dann macht ihr zwei also bald einen Ausflug ans Meer.« Er legte eine Hand auf meine Schulter und drückte kurz zu. Es war das einzige Lob, das ich von ihm bekommen würde und für mich vollkommen in Ordnung. So kam ich nicht in Verlegenheit, mich bedanken zu müssen und dabei unbeholfen zu fühlen. Schwach zog der für ihn typische Duft von Duschgel und Tabak in meine Nase.
   Lucas ließ mich los, holte zwei Flaschen Bier aus dem Kühler, der mindestens ebenso alt war wie sein Auto, öffnete sie und drückte mir eine in die Hand. »Wie ist er so?« Er lehnte sich an den Türrahmen. Seine Bewegungen waren geschmeidig, doch an Coles katzenhafte Anmut reichten sie nicht heran.
   Augenblicklich hatte ich Coles Gesicht vor Augen, sein Erstaunen, als er bemerkt hatte, dass der Vampirblick mir nicht schadete. Zumindest in jenem Moment war er neugierig gewesen.
   Ich zuckte betont gelassen mit den Schultern und nahm einen tiefen Schluck. Das Bier gurgelte im Hals der Flasche. »Er scheint es ernst zu meinen, auch wenn ich nicht behaupten kann, einen Vampir vollkommen zu durchschauen.« Ich kreiste mit einem Finger den Flaschenrand entlang.
   Lucas seufzte. »Madison.«
   »Hm?«
   »Du trägst die Verantwortung nicht allein. Niemand tut das, es ist zu viel für eine Person. Wir entscheiden hier nicht nur über sein Leben. Wenn er es schafft, uns alle zu täuschen, ist die Organisation für die Morde verantwortlich, die er begeht.«
   Natürlich hatte er recht, und ich wusste es. Manchmal pflanzte die Realität einem trotz ausreichender Vorbereitungen genau die Dinge in den Kopf, die man zu vermeiden suchte. Und manchmal brauchte man nur jemanden an seiner Seite, dem man vertraute, um endlich wieder in die gewohnten Bahnen zurückzufinden.
   Ich stellte das Bier fest ab, sodass es knallte. »Er schließt seinen aktuellen Auftrag morgen ab und hat keine weiteren angenommen.«
   »Sonst alles glatt? Keine offenen Rechnungen, keine Meldepflichten?«
   »Nichts. Er hat mindestens ebenso viel im Voraus geplant wie wir.« Ich holte zwei weitere Getränke aus dem Kühler und berichtete Lucas von jeder Einzelheit des Treffens. Es tat gut, das Wissen mit jemandem zu teilen, der sich länger auf diesem Eis bewegte.
   Als ich meine zweite Flasche leerte, hatten wir den weiteren Ablauf in all seinen Einzelheiten besprochen und meine Laune wieder auf einen gängigen Pegel hochgezogen.
   Später brachte Lucas mich zum Wagen. Er vermittelte mir niemals das Gefühl, nicht weit genug zu sein, um meine Aufgaben erfüllen zu können. Im Gegenteil, er forderte mich und ja, er brachte mich dazu, meine Grenzen regelmäßig zu überschreiten, bis sie sich allmählich erweiterten.
   Als ich den Motor startete, klopfte es an das Fenster der Fahrertür. Ich öffnete es und starrte fragend auf das kleine Bündel, das vor meiner Nase auftauchte.
   »Das brauchst du übermorgen.«
   »Okay.« Ich stopfte das Päckchen in die Handtasche und vergaß es augenblicklich wieder, so nervös war ich bei dem Gedanken an die Fahrt zur Küste.
   »Und nun verschwinde endlich.« Lucas schlug gegen die Tür, wandte sich um und ging, eine hagere Gestalt in einem Kapuzenpulli, der so alt sein musste wie ich. Ich sah zu, wie er im Haus verschwand, dann fuhr ich los.

Zu Hause angekommen warf ich Schuhe, Jacke und Tasche in eine Ecke, wobei ich aus Versehen eines der gerahmten Bilder aus dem Supermarkt traf und von der Wand riss. Ich ließ es auf dem Boden liegen und ging ins Schlafzimmer.
   Das Bett und eine Kleiderkommode nahmen wenig Platz ein, den Rest beanspruchten die Schlagwand und meine Trainingsecke. Ich hatte lediglich zwei Bier intus, also konnte ich noch ein wenig aus meinem Körper herausholen. Jeder einzelne Schlag tat gut. Indem ich mich auf meine Muskeln konzentrierte, konnte ich den Tag mit all seinen Ergebnissen und Zweifeln nochmals durchdenken, ohne davon mitgerissen zu werden. Ich trat gegen die Wand und schlug zu, stets im Wechsel. Während ich die Anstrengung in den Armen und den Schweiß auf der Haut spürte, ließ ich die Bilder zu, die in meinem Kopf darauf warteten, loszupeitschen. Zunächst war es Nicolae Cole, ernst und vorsichtig, dann mit gerunzelter Stirn. Zum Abschied hatte er meine Hand fest und entschlossen geschüttelt, und ich erinnerte mich daran, wie kühl seine Haut gewesen war.
   Die aufflackernden Erinnerungen wurden von anderen verdrängt, und ehe ich es verhindern konnte, steckte ich mitten im geisterhaften Theater meiner Gedanken. Es rief das Bild meiner Mutter hervor, dieser kühlen Schönheit mit zarten Zügen.

Nachdem ich in meine erste eigene Wohnung gezogen war, wurde der Kontakt zwischen uns seltener, riss jedoch niemals ganz ab. Kurz nach meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag verschwand sie. Als mein Vater von einem mehrtägigen Lehrgang heimkehrte, empfing ihn nichts als Stille. Er hatte gewartet, telefoniert, nachgefragt. Ohne Erfolg. In den Folgewochen wurde die Hoffnung nach und nach begraben. Zunächst von den Behörden, dann von Nachbarn und Freunden. Schließlich von meinem Vater. Ich dagegen hatte gewartet und gewartet, bis Mum wirklich in unserer Tür stand, eine seltsame Kälte auf den Lippen und das charakteristische Glitzern in den Augen, das ich ungläubig erwiderte. Dad dagegen starrte seine Frau kurz an und stand dann auf, um seine Waffe zu holen.

Ich schloss die Augen und schlug so fest zu, dass ein Reißen durch den Arm bis in die Schulter tobte. Die Haare klebten mir im Nacken und am Hals, das Shirt schmiegte sich unangenehm an die Haut. Ich seufzte, entschied, dass es für heute reichte, und schleppte mich unter die Dusche. Das Wasser temperierte ich so hoch, dass meine Haut krebsrot war, als ich aus der Kabine stieg.
   Ich schlüpfte in Slip und Top und machte mich auf den Weg ins Wohnzimmer. Dort stolperte ich über ein viereckiges Päckchen, das aus meiner Tasche gefallen war, als ich sie auf den Boden geworfen hatte. »Verdammt!«
   Ich bückte mich, um es aufzuheben. Daneben lag ein schmales Metallstück. Eine Patrone. Sie glänzte silbrig im Licht der Deckenlampe und sah unschuldig aus. Ihr Kopf war dunkler gefärbt, beinahe schwarz. Ich wusste, warum. Beim Aufprall zerplatzte diese Schutzkappe und entließ die für Vampire gefährliche Mischung in den Blutkreislauf.
   Lucas hatte mich mit Natriumchloridpatronen ausgestattet.

Kapitel 5
London

In den vergangenen zwei Tagen hatte Nicolae seine Wohnung nur zögernd verlassen, doch jetzt, wo er im dunklen Flur stand, wäre er am liebsten sofort wieder gegangen. Zurück in die Stadt, die mit ihrer Geschwindigkeit, ihren Gerüchen und Reizfluten trotz allem Sinnbild der Normalität war. Selbst für ihn.
   Er lehnte den Kopf gegen die Wand und schloss die Augen. Früher, in seinem alten Leben, hätte er nun hören können, wie sein Herzschlag raste und sich nur langsam normalisierte. Jetzt hörte er mehr als damals. Stimmen, Motoren und das Schlagen eines Astes gegen ein Fenster im oberen Stockwerk, nur sich hörte er nicht. Dafür roch er das Blut, und es machte ihn vor allem eines: wütend.
   Er musste sich beruhigen. Nicht mehr lange, und dies alles würde vorbei sein. Es war das Richtige gewesen, Absecon zu kontaktieren. Die Organisation hielt sich sehr bedeckt, sodass sie selbst unter den Seinen teilweise als Mythos galt. Sie gehörte zum Untergrund, so wie viele Gewandelte, und wer wirklich den Kontakt suchte, wurde früher oder später für seine Mühen belohnt. Die Menschen von Absecon würden ihm helfen, England den Rücken zu kehren, und dafür Risiken in Kauf nahmen, die er sich nicht erklären konnte. Zum ersten Mal, seitdem er Kontakt mit ihnen aufgenommen hatte, fragte er sich, was sie antrieb. Wie die Frau, die ihn heute aufgesucht hatte, um irgendetwas zu finden, das ihr nahelegte, seine Bitte um Hilfe abzulehnen. Sie hatte keinen Erfolg gehabt. Obwohl er dies wusste, nagte die Unsicherheit an ihm. Womöglich war es auch Verwirrung.
   Er sah sie wieder vor sich, mit ihrem Business-Kostüm, das nicht so recht zu ihr hatte passen wollen. Ihr fehlten die nötigen Rundungen, um den Rock und die Bluse auszufüllen, die sie hatten älter wirken lassen, als sie war. Zudem hatten ihre Bewegungen sie verraten: knapp und zielgerichtet und niemals so ausschweifend, dass sie Energie verschenkten. Nicolae hätte darauf wetten können, dass der durchtrainierte, schlanke Körper normalerweise in Jeans und Turnschuhen steckte.
   Sie hatte nicht nur ihre Kleidung wie ein Kostüm getragen. Nicolae war sicher, dass sie zu jenen Menschen gehörte, die auf den ersten Blick über ihr wahres Wesen hinwegtäuschten. Wer nur ein Bild von ihr sah, hielt sie womöglich für schwach und zierlich mit ihrer hellen Haut, den klaren Gesichtszügen und dem blonden Haar, das zu glatt und fein war, um sich hochstecken zu lassen. Erst, wenn sie redete oder sich bewegte, merkte man, dass etwas sie antrieb, und dass man sie falsch eingeschätzt hatte. Es hatte ihn fasziniert, aber auch nachdenklich gemacht. Ob diese Energie ausreichte? Nicolae war nicht sicher, ob die Frau das tun konnte, was ihre Organisation versprach. Und doch glaubte er gleichzeitig, dass sie das Zeug dazu hatte. Diese Zerrissenheit spielte mit seinen Nerven und gab ihm das Gefühl, sich ein Stück weit fremd geworden zu sein.
   Er hatte lange Zeit nur auf sich aufpassen müssen und er hatte keine Hilfe gebraucht, so wie jetzt. Nicolae ballte seine Hände zu Fäusten. Es geschahen so viele Dinge, mit denen er niemals gerechnet hätte.
   Erneut wanderten seine Gedanken zu der blonden Frau, die während des gesamten Gesprächs niemals gelächelt und ihn dazu gebracht hatte, sich auszumalen, was ein Lächeln mit ihrem Gesicht anstellen würde. Dafür hatte sie ihn mit ihren großen, braunen Augen angesehen und war nicht zurückgeschreckt. Sie hatte nichts gespürt. Das, was der Blick eines Vampirs in Menschen auslöste, funktionierte bei ihr nicht. Es war erstaunlich. Der Rat unter Lorcan Murray würde sich ebenso für dieses kleine Phänomen interessieren wie die Forscher der Menschen, das war sicher. Es war jedoch nicht Nicolaes Aufgabe, irgendjemanden darauf aufmerksam zu machen. Im Gegenteil, er sollte sich während seiner letzten Tage auf der Insel so fern vom Rat halten wie nur möglich.
   Er seufzte. Es war Zeit, in das Obergeschoss zu gehen und letzte Vorbereitungen zu treffen. Wenn er beschäftigt war, würden hoffentlich die Zweifel verschwinden. Zumindest würde er sich nicht andauernd fragen, ob diese besondere Immunität und Entschlossenheit ausreichte, um ihm wirklich zu helfen. Er musste dieser Frau vertrauen, er wollte es. Allerdings war er sich nicht sicher, ob er es konnte.

*

»Geh zurück zum Brückenpfeiler.«
   Ben grinste breit und weidete sich für wenige Sekunden an den Vorsichtsmaßnahmen der Menschen. Sie verrieten Angst und Unsicherheit – oder Respekt. Allein das war es wert, und so glitt er einige Schritte nach hinten, als er genug gesehen hatte. Kurz darauf schmiegte sich der raue Beton der Brücke in seinen Rücken. Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete, während er den Fahrzeugen lauschte, die weit über ihm hinwegdonnerten.
   Ein Bündel landete im Staub vor seinen Füßen. Er fixierte den Mann, der es geworfen hatte. Das fahle Leuchten seiner Augen bewirkte, dass der Polizist den Kopf zur Seite drehte.
   Genauso wollte er es haben. »Vielen Dank.« Seine Stimme war sanft, doch hinter den Worten lag ein dunkles Versprechen, das sich niemand zu hören wünschte. Sein Gegenüber zuckte zusammen.
   Kies knirschte, als sich weitere Menschen näherten. Er hob den Kopf, als ein Scheinwerfer aufflammte und ihn in einen Kreis aus künstlichem Licht hüllte. Er zog die Lippen in einer wahnsinnigen Parodie eines Lächelns auseinander. Spitze Eckzähne reflektierten die Helligkeit.
   Natürlich hatte er gewusst, dass sich andere Männer im Hintergrund hielten. Sie kamen niemals allein. Niemals unbewaffnet. Auch jetzt war mehr als eine Mündung auf ihn gerichtet, und er vermutete, dass die Projektile Natriumchlorid beinhalteten.
   Die Menschen hatten im vergangenen Jahr dazugelernt. Gängige Patronen konnten ihm Schmerzen bereiten und seine Reaktionen für einen Moment verlangsamen, aber das war alles. Natriumchloridpatronen waren speziell für den Einsatz gegen Vampire entwickelt worden. Man hatte in langen Experimenten Wirkstoffe unterschiedlicher Zusammensetzungen miteinander kombiniert. Wie grausam die Ergebnisse auf ihre Wirksamkeit getestet worden waren, hatte niemals seinen Weg an die Öffentlichkeit gefunden, dennoch wusste jeder Vampir darüber Bescheid. Er wusste Bescheid. Und wie viele andere würde er es niemals vergessen.
   Die Wirkung trat augenblicklich ein, sobald das Projektil sich in den Körper eines Vampirs gebohrt hatte. Das Blut verdünnte sich rapide und so extrem, dass es jeden stärkenden und stabilisierenden Effekt verlor. Das Resultat war Schwäche, gefolgt von kurzen Qualen und schließlich dem endgültigen Tod. Der Vampir vertrocknete sozusagen innerlich, da die Nahrung, die ihn am Leben gehalten hatte, nicht mehr verwertet werden konnte.
   Seine Nasenflügel blähten sich. Die Angst der Menschen waberte zu ihm herüber, kaum wahrnehmbar hinter dem Geruch der Abgase.
   Er deutete eine spöttische Verbeugung an. »Immer wieder eine Freude, mit euch Geschäfte zu machen.«
   Der Polizist atmete tief ein und wieder aus. »Eher eine Notwendigkeit.« Er bewegte sich rückwärts, ohne seine Waffe sinken zu lassen.
   Er beobachtete mit wachem Interesse, wie er zu seinen Polizeikollegen stieß. Er wäre ein Leichtes für ihn, die Menschen einzuholen, sie womöglich sogar zu überwältigen, ehe die Kugeln ihn trafen. Doch selbst wenn er es überlebte, würde ihn eine solche Aktion den Kopf kosten.
   Sergius Bonniers Anweisungen waren eindeutig. Die Kontaktleute der Polizei mussten verschont bleiben. Dafür nannten sie ihnen die Namen potenzieller Opfer. Ein sehr interessanter Deal. Er erinnerte sich an die Frau in der vergangenen Nacht: ihre weiche Haut, die wie eine reife Frucht aufgeplatzt war, das Reißen des Fleisches und das feuchte Gurgeln in der Kehle, als sie versucht hatte, Luft zu holen, ehe ihr eigenes Blut sie erstickte. Menschenblut war heutzutage selten. Vampire mussten sich von Nutz- und Wildtieren ernähren, um nicht gelyncht zu werden – nicht nur von den Menschen, sondern auch von ihren eigenen Leuten. Der Londoner Rat unter Lorcan Murray war in seinen antiquierten Vorstellungen gefangen. Auf die Wandlung eines Menschen hatte er ebenso die Todesstrafe ausgesetzt wie darauf, von ihnen zu trinken.
   Er verstand derartige Entscheidungen nicht. Diese Art der Abstinenz konnte ihrer Rasse gefährlich werden – etwas, von dem die Ratsmitglieder nichts hören wollten.
   Anders Sergius. Der Vampir aus New York verstand, was in England vor sich ging, und er war entschlossen, die Zustände zu ändern. Bereits vor seiner Ankunft hatte er Vampire um sich geschart, die seine Ansichten teilten und sich nicht länger von den Menschen unterdrücken lassen wollten. Sie folgten ihm, weil er Kontakte besaß sowie den eisernen Willen, aufzusteigen.
   Erste Veränderungen hatten sich durch seine Geschäfte mit Angehörigen der Londoner Polizei ergeben. Sergius’ Männer erledigten Drecksarbeit für die Menschen, beseitigten ungeliebte Individuen – Dealer, Nutten, Kleinkriminelle – und behielten das Blut, das dabei im Spiel war, für sich. Die Polizisten schwiegen hinter Bündeln aus Geld und der Tatsache, dass ihre Stadt sauberer wurde – etwas, das sie sich auf die eigenen Fahnen schrieben.
   Er lächelte. Handel zwischen Menschen und Vampiren hatte es schon immer gegeben, selbst der Rat tauschte Stillschweigen gegen Pfundnoten mit den hohen Tieren der Stadt. Sergius dagegen setzte bei jenen Beamten an, die darauf hofften, ihre Erfolgsleiter aufzusteigen. Er sorgte vor, und irgendwann würde er ernten, was er so sorgfältig säte. Irgendwann würden die jüngeren Vampire sich gegen die Fesseln des Rates auflehnen. Irgendwann würde London ihm gehören.
   In der Dunkelheit schlugen Türen zu, dann sprang ein Motor an. Das Bündel lag noch immer auf dem Boden. Altmodische Fotos, die leicht zu verbrennen waren und keine Datenspuren hinterließen. Er hob sie auf. Sie zeigten eine Straße, eine Bar, einen Mann.
   Das nächste Opfer.

*

Die Atmosphäre im Inneren des Wagens war drückend. Es war paradox, doch insgeheim beruhigte Alex dieses Gefühl, das ihn plagte, wenn sie Geschäfte mit den Vampiren gemacht hatten – ihren Feinden. Er betrachtete es als sein Gewissen, das einzige im Umkreis von mehreren Yards, das noch regulär funktionierte.
   Alex sah sich um. Die anderen starrten stumm nach vorn, wirkten weitgehend unbekümmert. Niemand schien sich daran zu stören, soeben mit einem Vampir verhandelt zu haben. Niemand außer ihm. Es tat verdammt gut, ein solches Gewissen zu besitzen.
   Dass es verschwunden war, ehe sie auf eine reguläre Straße einbogen, verdrängte er großzügig. Solange diese Blutsauger kontrolliert töteten, konnte er damit leben. Immerhin halfen sie dabei, Londons Straßen von dem Abschaum zu reinigen, der hinter dem Rücken der Polizei aus seinen Löchern kroch. Die Erfolgsgeschichten schrieben er und seine Kollegen sich auf die Brust. Wenn das so weiter ging, war bald eine Beförderung drin.
   Alex hoffte, dass er es bis dahin schaffte, sich zurückzuhalten und seinen Kontaktleuten nicht das überhebliche Grinsen aus den Totengesichtern zu blasen.
   Sein Ansehen im Revier war in den vergangenen Monaten bereits gewachsen. London war ein Moloch, den man niemals aus den Augen lassen durfte, und für den Chief zählten lediglich Ergebnisse, nicht der Weg dorthin. Niemand verschwendete einen näheren Gedanken an die kleineren Fische, die aus der Stadt verschwanden, solange die größeren nicht im Netz zappelten. Sank die Statistik, waren die Behörden zufrieden.
   Alex streckte seine Beine aus. Ihre speziellen Komplizen konnten sie beseitigen, wenn die Zeit gekommen war. Das vergaß er niemals.

Trotz der späten Stunde war auf dem Revier noch so viel los wie am Tag. Kaum hatte Alex den Raum betreten, schon befand er sich auf Greg Daniels Radar.
   »Marks!« Der Senior winkte ihm zu, in der anderen Hand hielt er einen Becher Kaffee.
   Alex nickte. »Ich bin gleich bei dir.«
   Die Art, wie Daniels den Bauch im Sitzen nach vorn schob, wirkte nahezu stolz. Er machte sich keine Sorgen um Kurzatmigkeit oder den hohen Blutdruck. Ihm bereitete kaum etwas Kopfzerbrechen, nicht einmal die Verhandlungen mit diesem Vampir namens Sergius Bonnier, die er ins Leben gerufen hatte.
   Mit einem Kaffee in der Hand trat Alex kurz darauf an Daniels’ Screen. Er zeigte 3D-Abildungen einer jungen Frau, Ganzkörperansichten sowie das Gesicht im Großformat. Man hätte sie als hübsch bezeichnen können, würde nicht ein großer Teil des Halses fehlen und die Haut um Augen und Lippen violett verfärbt sein. Sie lag am Rande einer Straße, hingeworfen wie ein Stück Müll.
   Daniels verzog bedauernd die Lippen, als Alex sich auf die Schreibtischkante hockte. »Linda Petersen, zweiundzwanzig Jahre alt. Ging anschaffen, seitdem sie vor drei Jahren in die Gegend gezogen ist. Sie wurde heute Abend gefunden.«
   Alex vergewisserte sich, dass niemand sie hören konnte. »Diese Tiere haben ihr gleich die gesamte Kehle herausgerissen?«
   Das Fett an Daniels Wangen wackelte, als er nickte. »So gibt es immerhin keine Bissspuren.«
   Alex schwieg und betrachtete das Bild und die Rinnsäle auf der Haut der Nutte. Die Untoten waren intelligent genug, um genug Blut in ihren Opfern zurückzulassen. Strichmädchen waren zwar harmlos, aber ein großer Dorn im Auge des Gesetzes und gleichzeitig Laufburschen ihrer Arbeitgeber. In den vergangenen Jahren hatte eine groß angelegte Aktion der Londoner Polizei in Zusammenarbeit mit den Constables der Sondereinheiten die meisten Mädchen aus der Stadt getrieben. Sie warteten seitdem überwiegend an den Motorways auf ihre Kundschaft. Sobald eine von ihnen sich in London blicken ließ, war sie als Kurier unterwegs.
   Linda Petersen würde ihre Botschaft nicht übermitteln können, dafür hatten Sergius Bonniers Leute gesorgt.
   Alex starrte auf die ausgefransten Ränder unter dem Kinn. Die Blutsauger hatten das Mädchen regelrecht abgeschlachtet. Ein bitterer Geschmack spülte durch seine Mundhöhle. »Sieht fast aus, als hätten sie Spaß gehabt.«
   Daniels lehnte sich zurück und schielte in den Raum. »Möglich. Es gibt genug kranke Hirne auf dieser Welt. Wie war das Treffen?«
   »Keine Probleme.«
   »Gut so.« Er schlug Alex auf die Schulter. »Ich bin froh, dass du dabei bist. So gut ist es schon lange nicht mehr für uns gelaufen, was?«
   Alex schwieg.
   Greg brachte die Lippen nah an Alex’ Ohr. »Und noch etwas. Hast du über Bonniers Sonderauftrag nachgedacht?«
   »Ich weiß nicht, ob ich der Richtige dafür bin, Mann.« Alex stand auf. Es war eine Sache, wegzusehen, wenn die Vampire töteten, aber eine ganz andere, selbst für denjenigen zu arbeiten, der die Blutsauger befehligte.
   »Überleg es dir«, sagte Daniels und wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu. »Denk daran, die Zögerlichen gehen als Erste unter.«

Das Revier lag reglos da, als Alex zum Wagen ging und den Regen verfluchte, der erbarmungslos auf ihn einprasselte. Doch selbst die Kälte konnte das Bild der Toten nicht aus seinen Gedanken vertreiben. Er atmete tief durch. Das Gefühl, sich mitten in einem Umbruch zu befinden, von dem er nicht wusste, wohin er letztlich führte, gefiel ihm nicht. Die ganze Vampirgeschichte gefiel ihm nicht. Er hatte geglaubt, sich mit allem arrangieren zu können, doch dass sie nun die Handlanger für den Blutsauger aus New York spielen sollten, bereitete ihm Übelkeit. Wohin sollte das alles führen?
   Ein sanftes Summen ertönte und wurde lauter. Alex griff in die Innentasche der Jacke und zog das Pad hervor. Der Name seines Vaters brüllte ihm entgegen und versetzte ihm einen Stich. Brutal drückte er auf die Oberfläche. »Marks!«
   »Kannst du reden, oder steckst du gerade mitten in einer wichtigen Verhaftung?« Frank Marks klang wie immer so monoton, dass die Ironie kaum zu hören war.
   Alex richtete sich unwillkürlich auf. »Was gibt es?«
   »Dein Bruder steigt in der Kanzlei auf und wird übernächstes Wochenende groß feiern. Können wir mit dir rechnen oder nicht?«
   Alex spürte jede einzelne Rille seiner Lippen, als er mit der Zunge darüber fuhr. Sein Bruder hatte es nicht für nötig gehalten, ihn selbst anzurufen. »Wie kommt es plötzlich dazu?«
   Ein leises Klirren ertönte am anderen Ende. Offenbar feierte sein Vater bereits für sich allein. »Er schlägt eben nach deinem Großvater und mir. Er hat Talent und Durchhaltevermögen. Selbstdisziplin.« Endlich schlich sich eine emotionale Färbung in die Stimme. Ein Vorwurf zwischen den Zeilen.
   Alex beschleunigte seine Schritte und riss im Vorübergehen an einem Ast von einem der Büsche. Der Schwung ließ das Holz zurückschnellen und gegen seine Wange prallen. Er merkte keinen Schmerz. »Der Chief hat mir eine Gehaltserhöhung zugesichert und angedeutet, dass möglicherweise …«
   Dieses Mal klirrte es laut. »Mach dir nichts vor, Alexander!« Frank Marks schnaubte. »Dein Bruder wird Teilhaber in einer der renommiertesten Kanzleien Londons und du redest von einer Gehaltserhöhung als Straßenpolizist?«
   Die Wunde begann nun doch zu brennen. »Ich rede von einer Beförderung. Unser Bezirk ist sauberer geworden in den letzten Monaten, und das ist mit mein Verdienst.« Der Unterkiefer schmerzte.
   Sein Vater lachte kurz auf. »Du sprichst es an. Sauberkeit. Du wühlst im Dreck und versuchst, ihn ordentlich zu verpacken. Einer der unzähligen, unterbezahlten Polizisten in England.« Die Wut brach durch. »Du hattest einen Platz an einer der besten Universitäten des Landes. Aber du brichst dein Jurastudium ab, um Straßenschläger zu werden.« Er spie die letzten Worte hervor.
   Alex war am Wagen angekommen und schlug so fest gegen das Scanschloss, dass die Finger schmerzten. »Du weißt genau, warum ich mich anders entschieden habe.«
   Schweres Atmen antwortete. »Wir sehen uns auf der Feier deines Bruders.« Damit legte er auf.
   Alex’ Faust traf auf das Autodach, einmal, zweimal. Eine endlos lange Zeit stand er still und starrte ins Nichts, dann rief er mit zitternden Fingern Daniels Nummer auf.
   Sein Kollege meldete sich mit einem verschlafenen Grunzen. »Ja?«
   »Greg, ich bin es, Alex.« Er atmete tief durch. »Wegen der Sache mit Bonnier … ich bin dabei.«

*

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Sergius das Gefühl, sehen zu können, wie die Dinge ins Rollen gerieten. In New York hatten sich die Tage zuletzt nur endlos wiederholt. Es hatte ihn gelangweilt, besonders, seitdem er allein jagte. Hier in Europa war alles anders, und wenn er es richtig anstellte, konnte der Rat ihn nicht mehr lange ignorieren. Seine Vorbereitungen trugen endlich Früchte. Immer mehr junge Vampire, die sich gegen das System auflehnen wollten, das sie zu tollwütigen Hunden degradierte, schlossen sich ihm an. Die Verhandlungen mit der Polizei waren wasserdicht. Nicht einmal der große Lorcan Murray hatte davon Wind bekommen. Alles lief nach Plan.
   Bis auf die Kleinigkeit mit der Kellnerin. Das Mädchen hatte nicht nur einen der letzten Deals zwischen seinen Leuten und den Menschen belauscht, sondern war ihnen auch entkommen. Ein Vampir hatte sie in Sicherheit gebracht, dessen Beschreibung alte Erinnerungen in Sergius geweckt hatte. Er hoffte, dass sich entweder seine Männer irrten oder er. Dass es nicht Nicolae Cole gewesen war, der gegen ihn spielte.
   Nic.
   Wenn es sich bei dem Unbekannten wirklich um seinen ehemaligen Freund handelte, musste er doppelt vorsichtig sein. Es wäre ein zu großer Zufall, um ihm keine Probleme zu bereiten. Umso wichtiger war es, dass er bald seine nächste Karte ausspielte und den Einfluss sowie die Möglichkeiten des Rates nutzte. Er wusste genau, wie er das anstellen würde.
   Als er die Tür zum Schlafzimmer aufstieß, bildete Elizabeths schlanke, in Weiß gehüllte Gestalt eine zerbrechliche Silhouette vor dem Fenster. Regen schlug gegen die Scheibe und zog graue Schlieren.
   »Es verändert sich nicht«, flüsterte Elizabeth.
   Sergius trat zu ihr und legte die Hände federleicht auf ihre Schultern. Vor ihnen breitete sich eine Landschaft aus Dächern und Turmspitzen aus. Die grüne Fläche der Kensington Gardens unterbrach das Grau. Dahinter verschmolzen Straßen, Autos und Menschen zu einem zweidimensionalen Etwas. Ein anonymer Ameisenhaufen als Teil ihrer Welt.
   Elizabeth lehnte sich zurück und schmiegte sich an Sergius, obwohl sie weder Wärme noch Zärtlichkeiten fand. »Seit Jahren sieht die Stadt von hier oben gleich aus.« Sie seufzte und presste eine Hand auf das Glas. »Dort unten entstehen neue Häuser, verschwinden Bäume, wechseln Läden ihre Besitzer. Der Wandel ist für die Menschen gedacht, jedoch nicht für uns.« Langsam wandte sie sich um und blickte Sergius an.
   Er strich sanft über ihr Haar. Trotz ihrer gläsernen Melancholie war Elizabeth Randall nicht nur eine attraktive, sondern auch eine mächtige Frau. Sie würde sich seine Meinung oder die anderer anhören, ihre Entscheidung aber letztlich allein treffen. »Meine Schöne, es steht dir vollkommen frei, zu tun, was immer du möchtest.« Er neigte den Kopf. »Und die Welt so zu gestalten, wie du sie brauchst. Wenn du die Stadt verlassen willst, kann dich niemand aufhalten. Wenn dich dieses Dasein ermüdet, steht dir vollkommen frei, es zu beenden.«
   Eine Hand flatterte sanft wie ein Schmetterling auf seine Wange. »Und meine Verpflichtungen, mein Freund?«
   »Der Rat kann dich zu nichts zwingen.«
   »Der Rat muss stark bleiben. Schon immer wurde dort zu fünft entschieden. Es würde viel zusammenbrechen, sollte sich daran etwas ändern. Unruhen würden entstehen. Kämpfe.«
   »Es wurde stets zu fünft entschieden, das ist richtig. Doch muss es diese Konstellation sein?« Er begann ihren Nacken zu liebkosen.
   Ihr Lachen war tief. »Ich verstehe. Und ich danke dir für deine Unterstützung, mein lieber Freund.« Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. »Doch trotz aller Zeit, die mir vergönnt war, benötige ich ein wenig mehr davon, um sicherzugehen, was ich wirklich will. Bis dahin habe ich eine Bitte an dich.«
   »Jede, solange ich sie erfüllen kann.«
   Sie schmunzelte. »Du ahnst nicht, wie oft ich diese Worte gehört habe.«
   Sergius erwiderte ihr Lachen. Seine Hand nahm ihre rastlose Wanderung wieder auf, dieses Mal an Elizabeths Wirbelsäule entlang. »Wenn die englischen Gentlemen ihre Versprechen nicht halten können, so lass dir von einem Amerikaner beweisen, was wahre Loyalität bedeutet.«
   Zunächst rührte sie sich nicht. Dann hob sie den Kopf und forschte auf seinen Zügen nach derselben Stärke, die sie in seinen Worten gefunden hatte. »Bleib ein wenig länger, Sergius. Ich möchte dich den Mitgliedern des Rats vorstellen und dich mit unseren Abläufen vertraut machen. Vor allem jedoch möchte ich die Gespräche hier mit dir fortführen. Sie helfen mir, nachzudenken.«
   »Die Mitglieder des Rats werden über meine Anwesenheit nicht erfreut sein.« Er verbarg seinen Triumph gut.
   »Darauf«, entgegnete Elizabeth, »dürfen wir keine Rücksicht nehmen.«

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