Nach der Ermordung ihrer Tante erwachen in der 17-jährigen Anna mediale Fähigkeiten, die sie zunächst an ihrem Verstand zweifeln lassen. Wer kann schon mit Toten kommunizieren, und ist es nicht das Symptom einer ernsthaften Krankheit, wenn man glaubt, von Geistern heimgesucht zu werden? Fragen, die ihr der geheimnisvolle Sebastian beantworten könnte, dessen mysteriöser Einladung sie folgt. Doch leider hat seine Nähe einen äußert unerwünschten Effekt: Er lässt jeden Gedanken in ihrem Kopf in hundert Splitter zerspringen und ihr verrücktes Herz kribbelnd pochen. Anna weiß, dass es der schlechteste aller Zeitpunkte ist, sich zu verlieben. Zumal Sebastian etwas verbergen muss, das im Zusammenhang mit dem Mord an ihrer Tante steht ...

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ISBN: 978-9963-53-672-6

Seiten: 384

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Simone Olmesdahl

Simone Olmesdahl
Wassermännern sagt man nach, sie würden ein großes Maß an Kreativität besitzen. Die im Januar 1985 in Solingen geborene Simone Olmesdahl versuchte viele Jahre, den Kern ihrer Kreativität zu finden. Nachdem sie sich weder „Mal“- noch „Basteltalent“ auf die Brust schreiben konnte, fand sie ihre Leidenschaft im Verfassen von Geschichten. Simone liebt romantische Geschichten, ist Mitglied der DeLiA (Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren), und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht ein paar Sätze zu Papier bringt.

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Leseprobe

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1. Kapitel
Ein schweres Erbe

Unfähig, sich zu bewegen, starrte Sebastian auf all das Blut und versuchte krampfhaft, nicht die Beherrschung zu verlieren. Er schaffte es nicht, den Blick abzuwenden.
   Franks Augen sahen ihn weiterhin vorwurfsvoll an. Mühsam schluckte er die aufkeimende Übelkeit hinunter, aber der Kloß in seinem Hals schnürte ihm die Kehle zu. Die Fassungslosigkeit im Gesicht des Toten jagte ihm einen Schauder über den Rücken.
   »Was ist? Bist du sauer, weil ich es getan habe? Ich weiß, das war eigentlich deine Show.« Lieblos griff sich Kira Franks linke Hand. »Kannst du mir mal die Zange geben? Ich habe sie dort hinten im Rucksack.«
   Die Kraft des neuen Talents floss durch seinen Körper, Sebastian erschrak vor Kiras Gefühlen. Unbekannte Empfindungen strömten auf ihn ein. Seltsam und zugleich berauschend. Er hatte sich nicht ansatzweise vorstellen können, was diese Gabe für Auswirkungen mit sich brachte. Vielleicht hätte er sie sonst nicht von Frank gestohlen, auf eine Art und Weise, wie es die Familie Fingerless seit Jahrhunderten tat.
   Kira verspürte Freude und Erregung. Eigentlich sollte Sebastian das Gleiche fühlen, aber diesmal war es anders. Er schloss die Augen und versuchte, ihre Emotionen abzublocken und sie aus seinem Körper zu verbannen. Er ertrug ihre Lust nicht.
   »Sebastian?« Kiras Geduld ließ wie gewöhnlich zu wünschen übrig. Sie legte Franks Arm beiseite und ging, um das Werkzeug zu holen.
   Endlich gelang es ihm, sich von dem entsetzlichen Anblick loszureißen. Er wandte sich ab. Mit weichen Knien bewegte er sich vorsichtig zum nächsten Baum und lehnte sich an. Eine Träne verlor sich aus seinem Augenwinkel, während er am starken Stamm der alten Eiche hinunterglitt. Das Geräusch, das verriet, dass Kira dem Leichnam den Finger abtrennte, ließ ihn würgen.
   »Ich hab alles. Was machen wir mit ihm?«
   Auch ohne sie anzusehen, wusste Sebastian, dass sie von Bob sprach. Bewusstlos lag Franks bester Freund vor dem Felsvorsprung, er hatte sich den Kopf hart am Stein aufgeschlagen. Auch Bob musste sterben, sie nannten das einen Kollateralschaden. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Sebastian bedauerte es nicht. Warum auch? Er kannte ihn kaum.
   Kira trat auf ihn zu und hockte sich vor ihn. Ihre kalten Finger umfassten sein Gesicht und drehten seinen Kopf in ihre Richtung. »Was ist denn los mit dir?«
   Er sah in ihre wunderschönen, dunklen Augen.
   »Alles in Ordnung?«
   Ihre Emotionen sprangen auf ihn über und nahmen ihn gänzlich ein. Er beherrschte das neue Talent noch nicht und hatte es nicht einmal ansatzweise verstanden. Aber wie sollte ein Magier auch eine Empathengabe verstehen, wenn er nicht in der Lage war, menschlich zu empfinden? Mitleid und Schmerz mischten sich zu den altbekannten Mordgelüsten. Franks Talent kontrollierte ihn und Kiras freudige Erregung strömte nun auch noch durch seine Venen, verdrängte die Gefühle, die er bei Frank aufgeschnappt hatte. Er konnte nicht länger zurückhalten, was ihn als Magier ausmachte.
   Die vertraute Empfindung breitete sich aus und er atmete tief durch. Der Drang, zu töten, ließ sein Herz schneller schlagen und der Knoten in seiner Brust löste sich. Sein Naturell siegte über die neue Gabe.
   »Ich kümmere mich um ihn.« Sebastian rappelte sich auf und bewegte sich raschen Schrittes auf Bob zu. Es war eine Schande, dass er bewusstlos dalag. Es gab schließlich nichts Besseres, als wenn sie um Gnade winselten, bevor er ihnen die Kehle durchschnitt.
   »Ich geh schon mal zum Wagen. Schaffst du das allein?«
   »Ja. Ja, geh schon.« Die Kraft in seiner Stimme war zurückgekehrt. Wie hatte er derart schwächeln können? Magier verspürten in der Regel keine menschlichen Emotionen, sie empfanden keine Schuld. Gier und das Verlangen, zu töten, gehörten hingegen zu seinen Grundessenzen.
   Sebastian rüttelte an Bobs Seite. »Hey, wach auf!« Aber Bob tat ihm den Gefallen nicht. Er zuckte die Schultern. Gut … würde es diesmal eben nur halb so spaßig werden.
   Er umfasste den schmiedeeisernen Griff des Messers und warf Bob einhändig auf den Rücken. Der erneute Aufprall auf dem spitzen Felsen ließ dem schweren Mann die Wirbelsäule brechen, das Knacken ging durch bis ins Mark und erheiterte Sebastian ein wenig. Schnell und routiniert zog er das Messer über die Halsschlagader.
   Bobs Herz schlug sehr langsam und schwach, das Blut sudelte nur stoßweise aus der Wunde. Sebastian machte sich nicht die Mühe, die Zange zu suchen, sondern schnitt dem sterbenden Mann den Ringfinger mit dem Messer ab. Als männlichem Magier fiel es ihm nicht schwer, die Kraft hierfür aufzubringen, lediglich die Klinge drohte, an dem harten Knochen zu scheitern.
   Sebastian sammelte die Sachen zusammen und wollte Kira zum Auto folgen. Aber Franks Anblick versetzte ihm erneut einen Stich ins Herz. Verdammt! Was war nur los mit ihm?
   Die vergangenen Monate, die er mit Frank und Marla verbracht hatte, schienen ihm nicht gutgetan zu haben. Wenn sich ein Magier zu oft mit Menschen einließ, neigte er vermutlich dazu, gewisse Züge anzunehmen. Aber es war nicht einfach gewesen, ihr Vertrauen zu erlangen, um sich als Erben für das Talent einsetzen zu lassen. Obwohl sie ihn behandelt hatten wie einen Sohn, war ein gewisses Misstrauen geblieben. Die Hexe hatte bis heute kein magisches Testament geschrieben.
   Sebastian atmete tief durch und kniete sich vor Franks leblosen Körper. Er wollte nicht, dass dieser Tod seine Handschrift trug.
   Den Zeitpunkt, dem Toten die Augen zu schließen, hatte er verpasst. Aber was hätte er Kira auch antworten sollen? Dass er Leid verspürte? Sie hätte ihn ausgelacht.
   »Vergib mir.« Sanft legte Sebastian die Hand auf Franks Brustkorb und sein Körper ging in Flammen auf. Die lilafarbenen Feuerwellen ummantelten die blutdurchtränkte Kleidung und im ersten Moment brachten sie die Farbe auf Franks Gesicht zurück. Sebastian wandte sich ab und eilte in großen Schritten seiner Freundin zum Wagen hinterher. Er wollte das nicht länger mit ansehen. Außerdem hätte Kira Verdacht geschöpft, wenn sie die Rauchschwaden gesehen hätte. Sie bestand darauf, dass Franks Tod das Markenzeichen der Fingerless trug. Ein abgetrennter Finger, zum Beweis ihrer Macht.
   Die schwarzhaarige Magierin stand vor dem silbernen Audi und wechselte ihre Bluse. Das blutverschmierte Oberteil lag bereits auf dem Boden. Sebastian drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Der Anblick ihres makellosen Oberkörpers ließ ihn die Trauer und das schlechte Gewissen sofort vergessen.
   Sie schlang die Arme um seinen Nacken und erwiderte den Kuss. »Lass uns verschwinden.«
   Er wusch das Blut unter dem Wasserstrahl einer Plastikflasche von den Händen und stieg in den Wagen. Die schwarzen Sitzpolster glühten von der Mittagssonne, die Luft stand stickig und schal im Wageninneren. Sebastian schaltete die Klimaanlage auf die höchste Stufe und öffnete einen Knopf seines Polohemdes.
   Kira lehnte den Kopf zurück in die Polster und zog sich die Sonnenbrille vor die Augen. In ihrer Gegenwart fiel es Sebastian wieder leicht, er selbst zu sein, keine unbekannten Emotionen zu verspüren. Sie lebten schon lange als Paar, taten es schon, bevor das Rechtssystem seine Familie jahrzehntelang wegsperrte. Er hatte sie gern, oder zumindest kam es dem Gefühl recht nahe, wie er vermutete.
   Sebastian trat das Gaspedal durch und ließ den Sportwagen über den brennenden Asphalt der Weinstraße rasen.

2. Kapitel
Legenden am Feuer

Anna pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Mensch, war das heiß. Die Augustsonne knallte vom Himmel und trotz der Meeresluft, die vom nahe liegenden Wasser herüberwehte, fühlte sie sich nahe am Ersticken. Sie saß mit ihrer Tante Eva auf der blau gestrichenen Veranda und konnte sich nur schwer konzentrieren.
   »Anna? Ich versuche, dir etwas beizubringen, hörst du mir überhaupt zu?«
   Tatsächlich war sie schon wieder abgelenkt gewesen, denn nicht nur die Temperaturen ließen sie dahinschmelzen. Der Nachbarsgärtner schnitt mit freiem Oberkörper die Hecke der alten Frau und Annas Hormone tanzten Samba.
   »Eines Tages wirst du damit fertig werden müssen und dann bin ich nicht mehr da, um dir etwas zu erklären.«
   Anna atmete tief durch und sah Eva in die Augen. Sie hoffte, dass dieser Tag noch in weiter Ferne liegen würde.
   Eva war ein Medium.
   Sie gehörte zu den etwa 60.000 begabten Menschen auf der Welt, die mit einem magischen Talent ausgestattet waren. Eva hatte sie in ihrem Testament als Erbin bedacht und Anna hatte es mit ihrem Blut unterschrieben. Eines Tages also würde die besondere Gabe der Geisterbeschwörung ihr gehören.
   »Es ist unerträglich heiß. Können wir für heute nicht Schluss machen? Mein Kopf raucht schon. Ich hab bestimmt einen Sonnenstich.« Sie stöhnte und sah Eva aus großen Augen an. Normalerweise schlug Eva ihr nichts ab, wenn sie so blickte.
   »Okay. Schluss für heute.« Eva prüfte den Sitz ihres Zopfes, bevor sie die Notizen zusammenklappte. Lediglich ein paar graue Strähnen verrieten, dass sie seit Langem nicht mehr in die Zwanziger gehörte. »Gehst du später zum Lagerfeuer?«
   Das Lagerfeuer hatte mittlerweile Tradition. Jedes Jahr besuchte Anna ihre Tante an der Nordsee. Als sie noch klein war, gaben ihre Eltern sie immer zu ihr, um ein paar kinderlose Wochen verbringen zu können. Obwohl Anna längst kein Kind mehr war, kam sie immer noch sehr gern hierher. Seit sich ihre Eltern vor einigen Jahren hatten scheiden lassen, lebte sie bei ihrem Vater in Köln. Ihre Mutter war wegen eines neuen Jobs in die Schweiz gezogen und sie sahen sich nur noch an den Weihnachtstagen.
   Anna reckte das Gesicht der Sonne entgegen. Sie genoss die Ruhe und die Idylle des harmonisch angelegten Gartens. Das Zusammenleben mit der neuen Freundin ihres Vaters entsprach nicht gerade einem Zuckerschlecken. Sally war nur ein paar Jahre älter als sie und Anna würde Ende des Jahres ihren achtzehnten Geburtstag feiern. Trotzdem versuchte Sally, ihr ständig Vorschriften zu machen, und führte sich dabei dreimal schlimmer auf als ihre richtige Mutter. Zudem war Sally eingebildet, oberflächlich und geldgeil. Welche Frau stand schon ernsthaft auf einen zwanzig Jahre älteren Mann? Der Sommer bei Eva bedeutete also immer die reinste Erholung.
   »Ja, hatte ich vor. Oder hast du etwas anderes geplant?«
   »Nein, ich habe noch einen Auftrag zu erledigen. Geh du nur.«
   Mit einem Auftrag meinte Eva eine Kontaktaufnahme ins Jenseits. Die meisten normalen Menschen wussten nichts von den besonderen Talenten, die Existenz der Begabungen galt als geheim. Das änderte aber nichts daran, dass Eva haufenweise Anfragen für Totenbeschwörungen bekam, meistens von Gleichgesinnten mit anderen Fähigkeiten.
   »Was ist es diesmal? Wieder ein verzweifelter Ehemann, der nicht weiß, wo seine verstorbene Frau seine Lieblingskrawatte versteckt hat?« Anna grinste. So manch eine Bitte hörte sich ganz schön absurd an und sie betete in drei Teufels Namen, dass sie nicht mit derartigem Schwachsinn genervt werden würde, wenn sie mal nicht mehr lebte.
   Eva legte die Stirn in Falten und kniff die Augenbrauen zusammen. Der Gesichtsausdruck verhieß meist nichts Gutes. »Nein, diesmal ist es etwas wirklich Trauriges. Eine Hexe bat mich darum, ihren Mann aufzuspüren. Er war ein Empath und zum Wandern in die Berge aufgebrochen, um sich von den Gefühlen der Menschen zu erholen. Nach ein paar Tagen verspürte sein Ziehsohn plötzlich sein Talent. Frank, so hieß der Mann, hatte ihn als Erben eingesetzt. Natürlich muss etwas Schlimmes passiert sein, aber niemand weiß was. Weder Frank noch sein Freund Bob wurden bisher gefunden und bei der Polizei gelten sie natürlich offiziell nur als vermisst.«
   »Das klingt wirklich übel. Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Glück.« Anna glaubte, dass sie eines Tages kein gutes Medium abgeben würde, denn schon jetzt hemmte sie manchmal ihr Mitgefühl.
   »Es ist der vierte Begabte, der diesen Monat einfach so verschwindet.« Eva rieb sich mit der Hand die Stirn, wie immer, wenn etwas sie nervös machte.
   Anna wandte sich ab, um unter die Dusche zu springen. Wenn es um die Angelegenheiten der magischen Welt ging, hielt sie sich lieber raus. Sie hatte gerade erst mit dem Studium begonnen und Eva war ein wirklich guter Mentor. Aber sie hatte noch ewig Zeit, diese komplizierten Dinge zu lernen.
   Sie stellte sich unter die kalt eingestellte Brause. Ihr erhitzter Körper überzog sich mit einer Gänsehaut, aber es tat gut. Mehrfach wusch sie sich mit ihrem Lieblingsshampoo die Haare, bis jede Pore ihres Körpers nach Erdbeeren duftete. Ihr wollte nicht einfallen, wann es das letzte Mal so heiß gewesen war. Die Erinnerungen an ihren einzigen Auslandsurlaub verblassten unter der Hitzewelle des Jahrhundertsommers.
   Zehn Minuten später betrat Anna das Wohnzimmer. Sie rubbelte sich im Laufen die Haare trocken, auf einen Föhn konnte sie bei dem Wetter gut und gern verzichten. Eva baute einen Beschwörungskreis auf und blickte kurz zu ihr. Wozu das Kräuterzeugs und die Kerzen gut sein sollten, wusste sie noch nicht, aber vermutlich würde Eva sie noch früh genug mit diesem Wissen beglücken.
   Ein Türklopfen riss sie aus den Gedanken.
   »Gehst du bitte?«
   Sie nickte Eva zu. »Das ist bestimmt Kevin, er wollte mich abholen. Also bis später.«
   »Ja, bis später.«
   Kevin wohnte in der Nachbarschaft. Na ja, in Wahrheit durfte man wohl alle 300 Einwohner des Nordseedörfchens als Nachbarn bezeichnen. Er und Anna waren Freunde, seit sie denken konnte und sie freute sich jedes Jahr, ihn zu treffen. Es gab nichts Romantisches an ihrer Freundschaft, dazu kannten sie sich schon viel zu lange und bisher war Anna sowieso noch nie ernsthaft verliebt gewesen. In wen auch? Aber sie musste gestehen, Kevin sah gut aus. Er wuchs zu einem jungen Mann heran und die hart trainierte Muskulatur stand ihm gut.
   »Hey.« Seine rehbraunen Augen blickten wie immer ein bisschen verträumt durch die Gegend und seine Haare schienen keine Bürste zu kennen. Die Mädels aus dem Dorf standen mit großer Wahrscheinlichkeit Schlange bei ihm.
   »Hi.« Anna lächelte und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
   »Bereit für ein Gruselfeuer?«
   Sie nickte.
   Die sommerlichen Lagerfeuer hatten sie zu ihren privaten Gruselstunden auserkoren. Seit sie Kinder waren, erzählten sie sich im Flammenschein die abenteuerlichsten Geschichten, um sich Angst einzujagen. Als sie klein waren, hatte das super funktioniert, und auch jetzt noch besaß es einen gewissen Charme.
   Weil sich an der Feuerstelle aber am Wochenende immer das halbe Dorf versammelte, wuchsen ihre Gruselstunden schnell zur Gemeinschaftsrunde an.
   Nun erzählten sogar die älteren Semester ein paar mystische Legenden am Feuer.
   »Und, wie war dein Jahr?« Die übliche Kevinfrage nach einem Jahr der Abwesenheit.
   »Nicht besonders außergewöhnlich. Ich könnte durchaus eine Spur mehr Action in meinem Leben vertragen. Die 12. Klasse hatte es echt in sich und die meiste Zeit saß ich Zuhause und habe gelernt. Und bei dir?«
   »Ich habe einen Ausbildungsplatz gefunden, nur ein paar Kilometer entfernt. Nächsten Monat geht’s los.«
   »Super!« Anna lächelte. Es war schwer, in der Gegend Arbeit zu finden, wenn er nicht gerade auf einem Fischkutter anheuern oder in die Gastronomie einsteigen wollte. »Als Mechatroniker?«
   Kevin hegte eine Leidenschaft für Autos. Leider besaßen die wenigsten Dorfbewohner eins, sodass es sich kaum rentiert hätte, in der Nähe eine Werkstatt aufzumachen.
   »Ja, ich kann’s selbst noch nicht glauben. Ich sah mich auch schon am Hafen.«
   Schweigend liefen sie eine Weile nebeneinander her. Der Norden zeigte sich um diese Jahreszeit von seiner schönsten Seite, die Landschaft bestach mit satten Farben. Gelbe Felder gingen in knallgrüne Wiesen über und Anna roch bereits das Meer. Sie atmete tief ein und fühlte sich unbeschreiblich frei. Zu Hause in Köln, wo Haus an Haus stand und alles bebaut war, die Hektik einem die Luft zum Atmen nahm, und die Menschen auf der Flucht vor sich selbst zu sein schienen, vermisste sie dieses Gefühl oft.
   »Deine neue Frisur gefällt mir übrigens.« Kevin starrte sie an.
   Ein unbehagliches Gefühl, das sich nicht näher beschreiben ließ, befiel sie. Wieso tat er das? Sie hatte sich die taillenlangen, blonden Haare bis zum Kinn abschneiden lassen, hauptsächlich, um sich von Paps‘ Freundin zu distanzieren. Dieselbe Frisur zu haben wäre schließlich einem Freundschaftsbekenntnis gleichgekommen. Trotzdem irritierte sie Kevins Aussage, normalerweise machten sie einander keine Komplimente. Kevins Gesicht errötete und er wandte schnell den Blick ab.
   Anna versuchte, die unangenehme Situation zu umgehen und die Stimmung wieder aufzulockern. Sie setzte ein Lächeln auf. »Wie geht es deiner Familie?«
   »Wirst du gleich sehen, sie sind schon alle da und zünden das Feuer an.«
   Tatsächlich hatte sich bereits der Großteil des Dorfes am Deich versammelt. Das Meer rauschte und glänzte in einem strahlenden Blau. Normalerweise besaß die See einen Grünstich und verschmolz nicht mit dem Horizont. Heute aber schimmerte sie atemberaubend schön, die leichten Wellen tanzten förmlich.
   Annas Härchen an den Armen richteten sich auf, als sie plötzlich große Lust überkam, eine Runde mit den Fischen zu schwimmen.
   Die Dorfbewohner bauten fleißig Stühle und Tische auf, das Knistern des Feuers vermischte sich mit heiterem Gelächter und erfüllte die Abendluft.
   Als Kevins Mutter Anna entdeckte, kam sie lächelnd auf sie zu. »Anna, lass dich anschauen!« Sie zog sie herzlich in die Arme. »Dünn bist du geworden.«
   Eigentlich hatte Anna im vergangenen Jahr ein paar Pfund zugenommen, aber sie verkniff sich die Antwort. In ihren Augen litt Anna schon immer an Magersucht wie alle Großstadtmädchen.
   »Nehmt euch was zu trinken.« Eine Nachbarin deutete auf den Campingtisch, er stand voll mit Bier und Wein. »Ihr gehört doch jetzt schon zu den Großen«, fügte die füllige Dame mit einem Zwinkern in den Augen hinzu.
   Kevin griff nach einem Bier und hielt Anna die geöffnete Flasche hin.
   Sie trank für gewöhnlich keinen Alkohol und bitteres Bier mochte sie nicht. Aber hier an der See lebte es sich eben anders. Sie nahm ihm die Flasche ab und trank einen großen Schluck, allerdings nicht, ohne sich innerlich zu schütteln.
   Die Hitze ließ sich so nah am Wasser schon besser ertragen. Außerdem ging die Sonne langsam unter. Der orangefarbene Ball küsste die Wasseroberfläche und eine frischere Brise wehte ihnen um die Nase. Der Geruch von Salzwasser erfüllte sie, ummantelte Kleidung und Sinne.
   »Hi Kevin.« Ein rothaariges Mädchen gesellte sich zu ihnen, sie war etwa im gleichen Alter. Anna hatte sie schon öfter gesehen, erinnerte sich aber nicht an ihren Namen. Ihre großen, grünen Augen blitzten aufgeregt in Kevins Richtung.
   »Hi«, antwortete er knapp, griff unerwartet Annas Hand und zog sie eilig auf die andere Seite der Feuerstelle. Seine verschwitzte Hand in ihrer fühlte sich seltsam an. Was war das bloß? Vorsichtig löste sie sich von ihm.
   »Sorry, aber du musstest mich retten. Tina ist so unglaublich nervig und spielt schon seit Wochen mein Anhängsel.«
   Anna lachte auf, daher wehte also der Wind. Lag sie also gar nicht so verkehrt mit der Annahme, die Mädels hier hätten ein Auge auf ihn geworfen.
   Willy trat auf sie zu und begrüßte sie mit Handschlag. »Ihr könnt euch setzen und eine Wurst nehmen.«
   Der alte Mann hatte sich mal wieder zum Wurstchef ernannt, er glaubte, ihm gebührte der Posten wegen seines Namens. Er tat das jedes Jahr und inzwischen störte es niemanden mehr. In den vergangenen Jahren hatte es deswegen ab und zu Streit gegeben, weil er nicht immer fair verteilte. Die typischen Probleme einer kleinen Dorfgemeinde.
   Knapp hundert Leute hatten sich inzwischen am Deich versammelt, Jung bis Alt unterhielt sich amüsiert.
   »Wo ist Eva?«
   »Sie hat zu tun«, antwortete Anna in die Runde, ohne zu wissen, wer die Frage gestellt hatte.
   Die Würstchen in die Flammen haltend, und mit einem Bier ausgestattet, saßen und standen sie am Feuer. Einige hatten sich am Wasser niedergelassen. Die Atmosphäre war entspannt, in jeder Ecke wurde gewitzelt und gequatscht. Kevin berichtete ausführlich von der Taufe seiner kleinen Schwester, als Anna bemerkte, dass es bereits dunkelte. Im Norden schienen sich die Uhren schneller zu drehen, es kam ihr vor, als wären die Tage viel kürzer. Vielleicht lebte man aber auch einfach nur intensiver, Anna wusste es nicht.
   Sie ließ den Blick in die Runde schweifen. Viele Gesichter wirkten im Schein der Flammen erhitzt, glühten rotbäckig vom Alkohol und der Wärme des Feuers. Die kleine Feo war sogar eingeschlafen, Kevins Vater hielt sie fest im Arm.
   »Es ist Zeit für eine Legende.«
   Anna erkannte den älteren Mann, der sich aufgerichtet hatte. Als Kinder hatten Kevin und sie ihm oft die Erdbeeren aus dem Garten geklaut. Er schimpfte immer wie ein Rohrspatz. Der Alte setzte sich ein Stück näher ans Feuer und räusperte sich. Das Gemurmel erstarb. Die, die nicht zuhören wollten, verabschiedeten sich und schlenderten ans Wasser. Als er weitersprach, klang seine Stimme noch kehliger, als sie es ohnehin schon tat.
   »Vor vielen Jahren hat sich in unserem Dorf eine Geschichte zugetragen, an deren Wahrheitsgehalt wir heute noch manchmal erinnert werden.
   Er lebte nicht weit von der Kirche entfernt, der Landvermesser mit seiner Familie. Einen kräftigen Jungen hatte er herangezogen, mit starken Armen und einem intelligenten Kopf. Er sollte eines Tages in die Fußstapfen des Vaters treten. Doch Ansel, so hieß der Knabe, hatte bei Weitem andere Vorlieben. Er interessierte sich nicht für die Landvermesserei und war mehr dem Wasser oder auch den Tieren zugetan. Und somit wurde er als junger Mann zum Knecht vom Deichbauer ernannt. Er sollte sich auf dessen Hof um das liebe Vieh kümmern. Aber Ansel verbrachte den Tag lieber am Meer, folgte den Gezeiten, anstatt im Stall nach dem Rechten zu sehen. Er beobachtete des Deichbauers Handwerk und hatte ein paar Ideen, die er ihm abends im Stall zuteilwerden ließ. Tief in ihm erwachte der Wunsch, einen Deich zu bauen. Und so kam es, wie es eines Tages kommen musste. Die Stelle des Deichbauers wurde neu vergeben. Ansel scheute keine Mühe, um das Dorf von seinem Können zu überzeugen. Die Söhne des alten Deichbauers spuckten Gift und Galle, so erbost waren sie, wollten sie doch diese Arbeit verrichten. Ansel siegte und bekam den Job. Die Brüder wanderten daraufhin wütend zur Dorfhexe. Die Hexe sprach gekonnt einen Fluch und wurde reichlich von den Brüdern dafür entlohnt. Von nun an sollte Ansel kein Glück mehr widerfahren und seine kommenden Jahre durch Unheil verübelt sein. Die Monate vergingen, ohne dass etwas passierte. Ansel baute einen stabilen Deich, der hielt. Doch der Fluch wirkte dennoch und bescherte ihm ein geistig behindertes Kind. Die Bewohner unseres Dorfes fürchteten sich vor dem kleinen Mädchen, die Mutter versteckte sie deshalb oft im Haus. Ansel aber ließ sich nicht beirren und ging fleißig seiner Arbeit nach. All seine Liebe steckte er in den neuen Deich, der alte war so gut wie vergessen. So kam es auch diesmal, wie es kommen musste. Der vernachlässigte, alte Deich brach bei einer großen Sturmflut. Die Wassermassen strömten ins Dorf und nur mit Mühe konnten die Männer die meisten Bewohner retten. Ansels Gemahlin litt schreckliche Furcht, wohl wissend, dass ihr Mann gerade in den Fluten kämpfte. Also packte sie das kleine Mädchen und ging los, um nach dem Rechten zu sehen. Die Flutwellen erfassten die Frau und sie und das Kind wurden weit in die See getrieben. Niemand eilte ihnen zu Hilfe, und als Ansel seine Familie ertrinken sah, trieb er seinen Schimmel hinterher ins Meer. Das Pferd sträubte sich keine Minute und galoppierte mutig in die aufschäumenden Wellen. Die ganze Familie ertrank in der Flut und auch der tapfere Gaul überlebte nicht.
   Der älteste Sohn trat nun verspätet sein Erbe an. Er bekam die Stelle als Deichbauer und verrichtete seine Arbeit, aber sein Gewissen plagte ihn. War der Fluch schuld an der Tragödie?
   Schon bald gingen in der Dorfschenke die Gerüchte umher, man habe Ansel am Wasser gesehen. Er reite mit seinem Schimmel die Deiche ab und das gespenstische Hufgetrappel sei bis zur Kirche zu hören. Der neue Deichbauer wollte das natürlich nicht wahrhaben und bestellte eines Abends die Dörfler zum Meer, um zu beweisen, dass es den Geist nicht gab und er der einzige Deichwächter wäre. Doch nur Minuten vergingen, bis der Erste das unheimliche Hufgetrappel hörte. Die Menschen liefen in Panik davon. Der neue Deichbauer aber blieb, er traute seinen Ohren nicht. Aus dem Nichts erschien Ansel in Form eines Geistes und sein edler Schimmel trat fest zu. Der Huftritt schleuderte den Deichbauer ins weite Meer und ihm wurde Ansels Schicksal zuteil. Er ertrank in dem wütenden Gewässer.
   Diese Geschichte nennen wir die Rache des Schimmelreiters und seither hören wir auch jetzt noch manchmal das Hufgetrappel des mutigen Pferdes. Manche sehen sogar den Geist von Ansel die Deiche abreiten.«
   Es war mucksmäuschenstill.
   Alle blickten nachdenklich in die Flammen. Die Worte des alten Mannes klangen nach, und obwohl sich Anna inzwischen etwas schläfrig fühlte, hatte ihr die Geschichte eine Gänsehaut auf die Arme gezaubert. Das war das Schönste an diesen Abenden. Wie unglaubwürdig die Legenden auch sein mochten, das Feuer, die Dunkelheit und das Rauschen des Meeres ließen sie dennoch schaurig erscheinen. Es waren die Momente, in denen sich Anna kaum zu atmen traute, aus Angst, sie könnte die Stimmung verderben.
   Kevin fing ihren Blick auf und lächelte. Als der Erste aufstand, um etwas zu trinken zu holen, brach der Zauber. Jeder begann zu diskutieren, um seine Meinung über den Wahrheitsgehalt der nördlichen Mär lautstark kundzutun.
   »Das ist das Beste am Sommer, oder?«, fragte Kevin.
   Anna nickte. »Auf jeden Fall.« Lustig, dass sie fast dasselbe gedacht hatte. Das geschah oft und war wohl ein Grund dafür, weshalb sie sich angefreundet hatten.
   Vom Alkohol leicht angeheitert, begann Kevin über die Geschichte zu rätseln und sie stimmte locker ein. Erst als Kevin aufstand, um sich ein Bier zu holen, bemerkte sie, wie weit der Uhrzeiger schon zur Mitternacht vorgerückt war.

3. Kapitel
Tödliches Wissen

Eva versuchte, sich zu konzentrieren. In der Regel hatte sie keine Probleme, in die Welt des Jenseits zu tauchen. Sie beherrschte ihre Gabe perfekt, sie war ein starkes Medium. Allerdings schaffte sie es diesmal nicht, die innere Unruhe zu unterdrücken. Der vierte Begabte, der diesen Monat einfach so verschwand … Ihr Bauchgefühl sagte, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, und auf ihr Bauchgefühl konnte sie sich bisher immer verlassen. Sie schloss die Augen, das Flackern der Kerzen nahm sie nur am Rande wahr. Die Stimme ihrer Gabe sang normalerweise laut und deutlich, es fiel ihr nicht schwer, ihr zu folgen. Heute musste sie tiefer in sich gehen, um die Melodie zu hören. »Frank, bist du hier? Ich muss mit dir sprechen.« Ihr geistiges Auge betrat mit den ersten Worten die Schattenwelt.
   In dem wohlig warmen Dunkel erkannte sie nur die nahe Umgebung, bevor sich die Ewigkeit in der Schwärze verlor. Trotzdem kam Eva gern hierher, die Schatten hatten etwas Beruhigendes an sich. Sie flüchtete aus der Welt. Einige Seelen durchquerten ihr Blickfeld, es handelte sich um die Schatten derer, die sich noch im Übergang befanden.
   »Frank? Bitte komm zu mir, folge dem Licht!«
   Eva traf die Toten immer in der Schattenzone. Einen Geist in ihre Welt zu rufen, konnte mitunter böse enden, denn so manche Seele versuchte, Besitz von einem Medium zu ergreifen. Auf der Seite des Jenseits wiederum konnte Eva verloren gehen.
   »Frank, bitte komm her. Du brauchst dich nicht zu fürchten!«
   Ein kleines Licht erschien in der Ferne – eine Seele. Bei neunundneunzig von einhundert Versuchen erreichte Eva den richtigen Geist. Noch konnte sie dem Licht keine Gestalt zuschreiben, sie stand zu weit entfernt.
   »Du bist auf dem richtigen Weg, Frank. Folge meiner Stimme und dem Gesang meines Herzens.«
   Das Licht näherte sich und Eva erkannte menschliche Umrisse. »Frank, folge dem Kerzenschein. Du siehst ihn schon, ich erleuchte dir den Weg zu mir.«
   Schattenwesen durchquerten erneut ihr Blickfeld und Eva verlor die Lichtgestalt aus den Augen. Allerdings kühlte die Umgebung deutlich ab, wie immer, wenn eine verstorbene Seele die Grenze überschritten hatte. »Du hast es fast geschafft. Tritt näher, damit ich dich sehen kann.«
   Der Mann erschien aus dem Nichts und Eva erschrak im ersten Moment. So nah hatte sie ihn noch nicht vermutet. Aber sie erkannte das Gesicht des Geistes. Es gehörte dem Mann vom Foto, das ihr die Hexe gegeben hatte. In seinem Blick las sie Angst und Verwirrung. Er schien nicht zu wissen, was vor sich ging, vielleicht ahnte er noch nicht einmal, dass er tot war.
   »Bist du Frank Cole?« Den Namen des Verstorbenen zu nennen half dem Geist, sich zu orientieren.
   Frank nickte und wirkte unsicher. Fragend blickte er sie an.
   »Mein Name ist Eva und deine Frau Marla schickt mich zu dir. Hab keine Angst.«
   Bei der Erwähnung seiner Frau veränderte sich der Blick des Toten.
   »Marla?« Seine Stimme klang warmherzig, aber sein Gesicht wirkte unsagbar traurig.
   »Ja, Marla. Sie macht sich große Sorgen. Niemand weiß, was passiert ist.«
   Einen Moment schien der Geist um Fassung zu ringen, Tränen schlichen sich in seine Augen. Er erinnerte sich, aber der Rückblick schmerzte.
   Eva beobachtete das oft, niemand dachte gern an seinen Tod zurück.
   »Geht es Marla gut?«
   »Ja, aber sie findet keine Ruhe. Sie will wissen, was geschehen ist? Bisher hat niemand deinen Körper gefunden und bei der Polizei giltst du lediglich als vermisst. Dein Ziehsohn verspürte deine Gabe und …«
   Zornig erhob Frank seine Stimme. »Sebastian ist ein Erbschleicher!« Wut umspielte seine Gesichtszüge.
   Eva zuckte zusammen. Lange Zeit hatte sie den Ausdruck nicht mehr gehört. »Ein Erbschleicher? Bist du dir sicher?« Sie legte Ruhe in ihre Frage, obwohl sie lieber geschrien hätte. Aber ein aufgebrachter Geist war nicht nur nutzlos, sondern auch gefährlich.
   »Sicherer kann man nicht sein. Sebastian ist ein Magier und er hat sich mein Vertrauen erschlichen. Er hat mich getötet!« Franks Stimme bebte, aber er versuchte, sich zurückzuhalten. Er war vertraut mit der magischen Welt und kannte die Grundsätze der Kontaktaufnahme.
   »Glaubst du, dieser Sebastian ist ein Trittbrettfahrer?«
   Der Verstorbene schüttelte fassungslos den Kopf. Es fiel ihm schwer, die Kontrolle zu bewahren. Die Enttäuschung sah sie ihm ebenso an wie seine Angst. »Er wird auch Marla töten. Es sind die Fingerless, sie sind zurück.«
   Evas Herz begann zu rasen. Das Blut schlug heiß-kalte Wellen durch ihren Körper. Die Fingerless sollten zurückgekehrt sein? Die mächtige Magierfamilie wurde vor Jahren vom Rechtssystem weggesperrt, weil sie einen Haufen Morde begangen hatten und skrupellos nach Talenten jagten.
   »Wenn es die Fingerless sind, muss ich es dem Beirat berichten.«
   »Er wird Marla töten.« Frank schluchzte, er konnte sich nicht mehr lange kontrollieren.
   »Ich werde tun, was ich kann, um deine Frau zu beschützen.« Sie griff nach der Hand des Geistes und versuchte, ihn zu beruhigen. Traurig sah sie ihn an, es gab nichts, was sie für ihn tun konnte. »Geh zurück, Frank. Finde deinen Frieden. Marla wird nicht wollen, dass du zu einem Rachegeist wirst. Du musst zurückgehen.«
   Unschlüssig blickte der Verstorbene sie an, aber ihre Worte trugen Früchte. Frank gab ihre Hand frei und widerstand der Versuchung, Besitz von ihr zu ergreifen. In den Schatten besaß er ohnehin keine Macht, also nickte er ihr zu. »Ich wünsche dir Glück, Eva. Du wirst es gebrauchen können, wenn du dich mit den Fingerless anlegst.« Von der einen auf die andere Sekunde verblasste das Licht um Franks Gestalt und der Geist verschwand rasend schnell in Richtung der Ewigkeit.
   Eva atmete tief durch. Sie musste sich einen Moment sammeln und ihre Gedanken ordnen.
   Mühsam öffnete sie die Augen, um aus der Geisterwelt aufzutauchen. Ihre Lider wogen einen Zentner. Ihr ungutes Bauchgefühl hatte sich also bestätigt, etwas Schlimmes bahnte sich an.
   Eva musste den Beirat informieren. Sofort. Der RFBM war der Rechtsbeirat für besondere Menschen und für die Einhaltung der Gesetze der magischen Welt zuständig. Schon einmal hatten sie sich den Erbschleichern gestellt und die Familie Fingerless dingfest gemacht. Wie konnten sie nach all den Jahren entkommen?
   Eva griff zum Telefon und wählte mit zittrigen Fingern eine Londoner Nummer. Robert, der Vorsitzende des Beirats, war seit langer Zeit ein guter Freund. Leider neigte er zum Bagatellisieren und nahm nichts ernst, was er nicht mit eigenen Augen gesehen hatte.
   »Ja?«
   »Robert? Hier ist Eva.« Ihre Stimme klang brüchig. Schweiß-perlen bildeten sich auf ihrer Stirn.
   »Eva Ringer. Wie schön, mal wieder von dir zu hören. Wie geht es dir?« Der englische Akzent des Mannes trat deutlich hervor.
   »Um ehrlich zu sein, nicht so gut. Ich glaube, wir haben ein Problem.«
   »Was bedrückt dein Herz?«
   »Die Fingerless sind zurückgekehrt.« Einen Augenblick glaubte Eva, keine Antwort zu erhalten, denn am anderen Ende der Leitung blieb es stumm. »Robert?«
   Nichts. Robert antwortete nicht, oder vielleicht doch, aber die Leitung war plötzlich tot.
   Eva seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass die Leitung mitten im Telefongespräch den Geist aufgab. So langsam, meinte sie, könnten sich die Telefongesellschaften etwas für derartige Probleme einfallen lassen. Aber warum musste sie auch in dieses Kaff ziehen? Eva beugte sich unter den Schreibtisch und überprüfte die Telefonsteckdose. Als sie sich wieder aufrichtete, gefror ihr das Blut in den Adern. Sie stand mit dem Rücken zur Tür, aber sie sah den länglichen Schatten, den die Gestalt von dort aus an die Wand warf.
   »Guten Abend, Eva Ringer.«
   Ein Schauder durchlief Evas Körper und sie hielt kurz die Luft an. Sie ahnte, wem die Stimme gehörte.
   »Du darfst dich herumdrehen, wenn ich mit dir spreche.«
   Evas Knie waren weich und drohten, nachzugeben, die Angst schnürte ihr die Kehle zu.
   »Bitte, sieh mich an.« Die Worte klangen wie ein Befehl.
   Panik vernebelte Evas Sinne und sie konnte sich nicht dazu durchringen, sich umzudrehen. In hockender Position suchte sie den Schutz des Schreibtisches. Gott sei Dank war Anna nicht da.
   »Sieh mich an«, donnerte der Magier. Enorme Kräfte rissen ihr die Beine weg. Eva knallte auf die Knie und in der nächsten Sekunde schlitterte sie über den Boden rasant auf den Mann zu. Seine bloße Willenskraft reichte aus, um ihren Körper gefügig zu machen. Die Haut an Knien und Händen brannte wie Feuer. Hart krachte Eva mit der Flanke gegen den Türrahmen, der Schmerz ging durch bis ins Mark. Ihr Kopf schwirrte und ihr Herz schlug, als wollte es ihr aus der Brust springen.
   »Steh auf«, knurrte der Magier.
   Diesmal ließ sich Eva nicht zweimal bitten. Sie stützte sich an der Wand ab und versuchte, die Beine durchzudrücken. Ein qualvoller Stich durchfuhr ihre rechte Seite, bestimmt hatte sie sich ein paar Rippen gebrochen. Mit geschlossenen Augen drehte sie sich um. Sie wollte ihn nicht ansehen, auch wenn sie sich nicht davor drücken konnte.
   »Weißt du, wen du vor dir hast?«
   Vorsichtig hob Eva die Lider und blickte dem Magier ins Gesicht. Sie kannte es, hatte es als Kind in zigfachen Zeitungsartikeln gesehen. Es mutete unnatürlich schön an. Trotz all der Jahre hatte es sich nicht verändert, der Magier war kein bisschen gealtert. Die Augen des Mannes bereiteten noch heute vielen Begabten große Furcht. Es waren die Augen aus den Albträumen, die Augen, die niemand von ihnen jemals vergessen hatte. Jonathan Fingerless, ein Mörder. Seine Familie hatte über tausend Talente gestohlen und genauso viele Menschen getötet, wenn nicht mehr.
   Eva fasste sich ein Herz.
   Sie wusste, was geschehen würde. Er würde auch sie umbringen. Aber sie würde nicht als wehrloses, wimmerndes Opfer sterben. Die Genugtuung wollte sie ihm nicht geben, auch wenn sie keine Chance hatte, mit dem Leben davonzukommen. »Ich habe Abschaum vor mir.« Eva hielt dem Blick des Magiers stand.
   Jonathan Fingerless lachte auf. »Abschaum? Ich muss gestehen, man hat mich schon schlimmer genannt.«
   »Sie werden euch kriegen, Jonathan. Dich und deine Sippschaft. Sie werden euch jagen und dahin zurückverbannen, wo ihr hingehört.«
   »Ihr Menschen seid Narren, Eva. Ihr glaubt, ihr könnt euch mit uns messen? Das ist absolut lächerlich.«
   »Wir haben euch schon einmal besiegt. Der Beirat wird nicht tatenlos zusehen, wie ihr unsereins abschlachtet.«
   »Euer Beirat ist ein Witz! Sie schicken euch in den Kampf und haben selbst keinen Mumm in den Knochen. Wir halten uns nicht an eure Gesetze. Und wenn ihr uns schon einmal besiegt hättet, dann sag mir, teure Eva, wie kann es sein, dass ich hier vor dir stehe?«
   Wut stieg in Eva auf, verwandelte Angst in Zorn. »Wenn ihr so stark seid, wozu braucht ihr dann unsere Gaben? Ihr fürchtet euch doch vor uns!«
   Der Magier zog eine Augenbraue hoch. »Vielleicht könntet ihr uns gefährlich werden. Aber solange ihr euch an die Gesetze haltet, habt ihr nicht den Hauch einer Chance. Du bist dumm, Eva, und zugleich mutig. Ich werde es deshalb schnell tun, denn ich habe eine Leidenschaft für Mut. Du weißt, dein Wissen ist tödlich, ich kann dich nicht verschonen.«
   Eva fürchtete sich nicht vor dem Tod. Er war Bestandteil ihres Lebens, Schatten und Jenseits ein Teil von ihr. Das Sterben allerdings konnte grausam werden. Sorge und Traurigkeit fraßen sich in ihr Herz. Was sollte aus Anna werden? Sie war noch nicht so weit.
   »Schließ die Augen, es wird nicht wehtun.«
   Eva gehorchte dem Magier. Was brachte es, sich zu wehren? Sie hatte die Chance, ohne Schmerzen zu sterben, und sie musste sie ergreifen.
   Jonathan Fingerless machte so ein Angebot bestimmt nicht oft. Falls er Wort hielt.
   Der Fluch traf sie überraschend schnell und der Lähmungszauber breitete sich aus. Unfähig, sich zu bewegen, stand sie starr vor Jonathan. Sie schickte in Gedanken ein kurzes Gebet in den Himmel, dass er Anna verschonen würde, und spürte noch, wie der Magier eine kalte Klinge über ihre Halsschlagader zog.

4. Kapitel
Blutiges Erbe

Annas Blase drückte. Wie auf schwebenden Füßen lief sie durch das hohe Gras und öffnete schon einen Hosenknopf. Ein leichtes Schwindelgefühl, vermutlich durch den Alkohol ausgelöst, schaukelte durch ihren Kopf, wand sich durch den Magen. Sie vertrug kein Bier. Wieso hatte sie sich dazu verleiten lassen?
   Eine Windböe streifte sie, ließ sie erschaudern und blies ihr schneidend ins Gesicht. Buchstäblich trieb es ihr die Tränen in die Augen. Warum fröstelte sie plötzlich? Woher kam die Kälte? Eben noch hätte sie sich am liebsten aus den Klamotten geschält. Sie schüttelte sich und versuchte, das eisige Gefühl loszuwerden. Verrückt.
   Das Geplapper am Lagerfeuer schallte bis hierher, aber sie glaubte, sich weit genug entfernt zu haben, um nicht gesehen zu werden. Sie hockte sich ins Gras. Nur mühsam hielt sie sich auf den wackligen Beinen. Was ein einziges Bier doch für Auswirkungen hatte … Ihr Gleichgewichtssinn hatte sich förmlich in Luft aufgelöst, schon seltsam.
   Die Gänsehaut auf ihrem Körper kroch den Nacken hinauf. Anna konzentrierte sich auf die Geräusche am Feuer und versuchte, sich abzulenken. Das Froschkonzert aus den hohen Gräsern übertönte die schrille Lache einer Frau.
   Zwischen die vielen Stimmen schlich sich ein leises Hufgetrappel. Ein Hufgetrappel? Sie musste eindeutig betrunken sein. Schnell stellte sie sich aufrecht hin und knöpfte die Hose zu.
   Plötzlich fühlte sie sich beobachtet. Sie starrte über die Wiese zu den Feldern. Etwas starrte zurück. Die Gänsehaut fraß sich in ihre Eingeweide, zog sie zusammen. Anna lachte auf und schüttelte den Kopf. Beinahe wäre sie auf die Hirngespinste hereingefallen. Sie sollte wirklich keinen Alkohol trinken. Tief atmete sie durch. Die Atemwolke vor ihrem Gesicht verflog in der Dunkelheit. Himmel, so kalt konnte es doch gar nicht sein.
   Die Geräusche kamen näher und kristallisierten sich zwischen den anderen heraus.
   Annas Herz begann zu rasen. Die Legende vom Schimmelreiter schien ihr mehr Angst eingejagt zu haben, als sie gedacht hatte. Bescheuerte Mär. Mit schnellen Schritten versuchte sie, zu den anderen zurückzueilen, aber sie stolperte über den unebenen Rasen und landete auf allen vieren. Angst betäubte sie augenblicklich. Jemand oder etwas stand hinter ihr. Der Angreifer aus dem Feld? Ein Geräusch, das wie ein rasselndes Atmen klang, lähmte ihren Verstand. Wie ein kleines Kind, das glaubt, wenn es selbst nichts sieht, wird es auch nicht gesehen, kniff sie die Augen zusammen.
   Wenigstens war das Hufgetrappel verklungen. In Gedanken zählte sie bis zehn, fest entschlossen, wieder aufzustehen, die Halluzinationen zu ignorieren, und zum Feuer zurückzugehen. Kurz bevor sie allerdings bei zehn angelangt war, gefror ihr Blut in den Adern zu Eis. Ein Pferd schnaubte hinter ihr.
   Mit einem Satz sprang Anna auf die Füße und spurtete über die Wiese, aber das Pferd folgte ihr. Ihre Angst verwandelte sich in Panik. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, fing sie lauthals an zu schreien.
   »Kevin? Kevin, hilf mir!« Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und weil der unnatürliche Frost ihre klammen Glieder immer noch lähmte, kam sie nur schwer vom Fleck.
   »Anna?« Kevin lief ihr entgegen. »Hey, was ist denn los?«
   Er bremste sie ab und sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter, sicher, dass jetzt irgendetwas Schreckliches folgen würde.
   Aber es geschah nichts. Sie krallte sich fest in sein T-Shirt und atmete konzentriert ein und aus. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie Angst hatte, sich eine Rippe zu brechen.
   »Beruhige dich! Was ist passiert?«
   Vorsichtig blickte Anna auf. »Da hinten war was, ein Pferd hat mich verfolgt.« Beim Aussprechen der Worte hörte sie, wie lächerlich sie klangen.
   »Da ist nichts, sieh selbst.« Kevin ließ den Blick über die Felder schweifen.
   Anna drehte sich langsam um und musste feststellen, dass er recht hatte. Kein Pferd, kein Reiter, nichts …
   »Aber es war da, ich hab es doch deutlich gehört.«
   »Die Geschichte ist dir zu Kopf gestiegen, alles ist gut. Komm, ich bring dich nach Hause, es ist ohnehin schon spät.« Kevin legte einen Arm um sie. »Wieso bist du so furchtbar kalt?«
   Anna sagte nichts, sie hatte keine Antwort darauf. Die scheußliche Kälte verschwand genauso schnell, wie sie aufgetaucht war. Die Sommernacht umhüllte sie wieder mit angenehmen fünfundzwanzig Grad. Eine logische Erklärung konnte es also gar nicht geben. Trotzdem verebbte die Panik allmählich.
   Anna lief schweigend neben Kevin her. Mit der Geschichte würde er sie aufziehen, bis sie als Greise im Schaukelstuhl endeten.
   Der Fußmarsch tat gut und der Alkohol gab ihre Sinne frei. Ihre Gedanken nahmen wieder klare Strukturen an. Sie schüttelte den Kopf über sich. Dass eine Geschichte sie so ins Bockshorn jagen konnte. Peinlich!
   Keine fünfzehn Minuten später standen sie vor dem Haus ihrer Tante.
   »Ich fand es sehr schön heute.« Kevin lächelte sie an.
   Anna erinnerte sich sofort an den Hinweg, an Kevins seltsames Kompliment. Wieder begleitete sie der unschöne Gedanke, dass sich ihr Verhältnis geändert hatte. Es war besser, sie löste die Situation so schnell wie möglich auf.
   »Gute Nacht«, sagte sie deshalb viel zu eilig.
   »Gute Nacht.«
   Kevin wandte sich ab. Anna meinte, eine Spur Enttäuschung in seinem Gesicht zu lesen.
   Mist! Sie hatte nie gewollt, dass solche Gefühle bei ihm aufkamen. Sie waren Freunde.
   Sie beschloss, sich morgen weitere Gedanken zu dem Thema zu machen, und zog den Schlüsselbund aus der Hosentasche. Noch bevor sie die Tür aufschloss, wusste sie, dass etwas nicht stimmte. Angst entsprach einem Urinstinkt der Menschen, sie sicherte das Überleben. Im Haus brannte kein Licht. Für gewöhnlich wartete Eva mit dem Zubettgehen, bis Anna nach Hause kam.
   Das beklommene Gefühl von eben schlich sich zurück in ihre Glieder, sie musste sich zusammenreißen, um den Schlüssel umzudrehen.
   »Eva?« Annas Stimme hallte in dem weitläufigen Flur, sie klang seltsam piepsig. »Ich bin wieder da!«
   Keine Antwort.
   Sie schloss die Haustür hinter sich und tastete nach dem Lichtschalter. Sie fand ihn nicht auf Anhieb.
   Den Blick auf das Wohnzimmer gerichtet sah sie rot.
   Rote Farbe, wohin das Auge reichte. Es war Blut, das wusste sie sofort. Der Türrahmen und die Wand hatten ein paar Sprenkel abbekommen und der Wohnzimmerteppich glich einem Schlachthausboden. Übelkeit keimte auf und die bittere Flüssigkeit sammelte sich in Annas Mund.
   Das Bedürfnis, davonzurennen, siegte beinahe über ihren gesunden Menschenverstand.
   Sie dachte an Eva. Mit Sicherheit brauchte sie Hilfe.
   Anna riss sich aus ihrer Starre, rannte über den Flur ins Wohnzimmer. Scharf bremste sie ab, als sie Evas leblosen Körper auf dem Boden liegen sah. Alles in ihr sträubte sich zu glauben, was so offensichtlich war. Der Anblick ließ sie verzweifeln, aber sie zwang sich, Evas Puls zu fühlen. Fast wurde ihr schwarz vor Augen, als sich ihr schrecklicher Verdacht bestätigte. Anna zog die zitternden Finger fort.
   Jegliche Hilfe kam zu spät, einen solchen Blutverlust überlebte niemand. Der sonst helle Teppich war vollends rot verfärbt und sogar die weiße Ledercouch übersäten hässliche Blutspritzer. Die Fensterrahmen und die Wand trugen Flecke, Evas Haut hingegen wirkte weißer als die Tapete. Die Augen hatte sie geschlossen, was sie, wenn das Blut nicht wäre, fast aussehen ließ, als würde sie friedlich schlafen. Aber sie würde die Lider nie wieder öffnen, nie wieder würde Anna in ihre grünen Augen blicken. Eva war tot. Jemand hatte ihr brutal die Halsschlagader durchtrennt – und ein Finger fehlte an ihrer linken Hand.
   Tränen verschleierten ihren Blick.
   Man hörte doch immer, dass einem in den Sekunden vor dem Tod das ganze Leben vor dem geistigen Auge abgespielt werden würde.
   Wie ein Film, längst gedreht und fast vergessen, doch noch einmal herausgeholt, um ein letztes Mal angesehen zu werden. Obwohl nicht Anna gestorben war, traf es bei ihr in diesem Moment zu.
   Sie sah Evas Leben vorüberziehen.
   Eva, wie sie lachte, wie sie im Meer schwamm und wie sie ihrer Mutter sagte, dass sie in den Norden ziehe. Da war Anna vielleicht zwei Jahre alt gewesen, die blasse Erinnerung hatte sie beinahe vergessen.
   Ihre Eingeweide zogen sich schmerzlich zusammen und eine tiefe Traurigkeit verdrängte die Angst, der Mörder könnte vielleicht noch im Haus sein. Der Verlust wurde ihr plötzlich und auf abscheuliche Art und Weise bewusst. Eva war mehr Familie für sie gewesen, als es jemand anders je sein würde.
   Ihr Herz blutete.
   Sie versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren, und die Tränen zu unterdrücken, erfolglos. Das Wasser schoss ihr in die Augen und ein Stein, so groß wie die Welt, legte sich schwer auf ihre Brust. Sie konnte nicht atmen. Das Gefühl, vor Trauer ersticken zu müssen, ließ sie schluchzend neben dem Leichnam zusammenbrechen.
   Behutsam legte sie den Kopf auf Evas Körper. Ihr Gesicht und ihre Haare tauchten in die Blutlache, aber sie hatte keine Kraft, aufzustehen, weinte und weinte eine gefühlte Ewigkeit in das T-Shirt der Toten.

Wie viel Zeit vergangen war, wusste sie nicht.
   Irgendwann schaffte Anna es, ihre Gedanken zu sortieren. Mit einer Klarheit, die sie Sekunden zuvor noch für unmöglich gehalten hatte, richtete sie sich auf. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, sah, dass sie Evas Blut auf dem Boden verteilte. Sie verbot sich, weiter zu fühlen.
   Auf wackligen Beinen lief sie zum Schreibtisch und wählte die 110. Eine Frauenstimme meldete sich und Anna hätte nicht erstaunter sein können, wie nüchtern ihre Antwort ausfiel.
   »Mein Name ist Anna Graf. Ich habe gerade meine Tante gefunden. Sie ist tot und hier ist alles voller Blut. Können Sie herkommen?«
   Hier auf dem Land dauerte es wegen der Entfernung etwas länger, bis ein Krankenwagen und die Polizei eintrafen. Die endlosen zwanzig Minuten verbrachte Anna damit, sich ausgiebig zu duschen. Sie trug fünfmal Shampoo auf und seifte sich gründlich ein. Die blutverschmierte Kleidung entsorgte sie im Mülleimer, sie wollte die Sachen nie wieder tragen. Das alles tat sie automatisch und wie in Zeitlupe, sie fühlte sich wie ferngesteuert. Dann öffnete sie die Haustür und setzte sich wie betäubt auf die Eingangsstufen.
   Als kleines Mädchen hatte sie die dumme Angewohnheit gehabt, auf ihren Haaren zu kauen, und auch jetzt nahm sie eine Strähne in den Mund. Vielleicht versuchte ihr Unterbewusstsein, sie in eine Zeit zurückzuversetzen, in der alles in Ordnung gewesen war.
   In der Ferne ertönte ein Martinshorn. Und mit einem Mal begriff Anna: die Kälte, das Schwindelgefühl, der Reiter … Evas Talent! Es floss jetzt durch ihre Adern. Der Geist des Schimmelreiters war ihr erschienen, denn sie gehörte jetzt zu den Begabten.
   Der Schock vertiefte sich, drang in jede Pore ihres Körpers. Sie nahm nur am Rande wahr, dass ein Rettungswagen und zwei Polizeiautos vorfuhren. Das Blaulicht schien ihr ins Gesicht und blendete sie, als versuchte es, sie zurück in die Wirklichkeit zu reißen, aber Anna klammerte sich an die Erinnerungen, in denen Eva lebte und glücklich war.
   Jemand leuchtete ihr mit einer Taschenlampe in die Augen und sagte irgendetwas, doch sie verstand es nicht. Die Blutdruckmanschette an ihrem Arm spürte sie kaum. Sie wollte nicht ins Jetzt zurückkehren, denn was sie dort erwartete, konnte sie nicht verkraften. Eine lebende Eva dominierte all ihre Gedanken.
   »Anna!« Kevins Stimme riss sie in die harte Realität. Schnell schloss sie die Augen und versuchte, die Menschen um sich herum auszublenden.
   »Kennen Sie das Mädchen? Es steht unter Schock, drinnen liegt eine ermordete Frau.« Die Stimme klang weiblich und vertrauensvoll. Es hatte keinen Sinn, sich länger in der Vergangenheit zu verstecken.
   »Ja, ich kenne sie. Das ist Anna, ich habe sie eben erst nach Hause gebracht. Wir waren am Lagerfeuer. Was ist passiert? Anna?« Kevin rüttelte sanft ihre Schulter.
   Anna öffnete die Augen. »Sie ist tot.« Mehr brachte sie nicht über die Lippen.
   »Wir werden Sie mit ins Krankenhaus nehmen.« Die Ärztin verschwand, um mit einem Polizisten zu diskutieren. Der zivil gekleidete Mann trug trotz der sommerlichen Temperaturen einen Trenchcoat. Er trat auf Anna zu.
   »Frau Graf? Das sind Sie doch, oder? Sie haben uns verständigt?«
   Anna versuchte zu antworten, brachte aber kein Wort heraus.
   »Ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen, fühlen Sie sich dazu in der Lage?«
   »Ja«, piepste sie tonlos. Es klang erbärmlich und wenig überzeugend.
   »Folgen Sie mir bitte zum Wagen, hier werden jetzt eine Menge Leute durchmüssen.«
   »Wenn ich was tun kann …?« Kevin versuchte, ihren Blick aufzufangen, aber der Kommissar bedeutete ihm, zu einem Kollegen zu gehen.
   Mit weichen Knien stand Anna auf und folgte dem Mann über die Straße. Mittlerweile ging es zu wie im Taubenschlag. Mindestens fünfzehn Autos hatten sich um das Haus versammelt und überall wimmelte es von Polizei und Einsatzkräften. Viele Dorfbewohner waren aus den Häusern gestürmt und fragten aufgebracht, ob sie helfen könnten.
   In diesem Moment hasste Anna den Ort und diese Mentalität. Das Letzte, was sie verkraften konnte, war Mitleid. Wo waren alle gewesen, als irgendwer Eva das angetan hatte? Wieso hatte niemand eingegriffen? Wütend wandte sie den Blick ab und kam neben dem Kommissar zum Stehen.
   »Setzen Sie sich.« Er hielt ihr die Tür des Polizeiwagens auf.
   Sie stieg unsicher ein.
   »Mein Name ist Strong und ich bin heute Nacht der leitende Kommissar. Was ist passiert?«
   Anna entging nicht, dass er ein Tonband einschaltete, aber vermutlich hatte das seine Richtigkeit.
   »Ich war mit einem Freund beim Dorffeuer, unten am Deich. Als ich wiederkam, lag sie so da.«
   »Sie sind die Nichte, wie aus dem Anruf bei der Wache hervorgeht?«
   »Ja, ich besuche Eva immer während der Ferien.« Der Knoten in ihrer Brust wollte sich nicht lösen, es kostete sie unsägliche Mühe, zu antworten. Immerhin bewahrte sie die Fassung und nur vereinzelt liefen ihr noch ein paar Tränen über das Gesicht.
   »Ich nehme an, die anderen Dorfbewohner können bezeugen, dass Sie am Feuer waren?«
   Sie starrte ihn an. Hielt er sie für eine Mörderin? »Natürlich.«
   »Ich muss das fragen, Frau Graf. Reine Routine. Wann haben Sie Ihre Tante gefunden?«
   »Das muss so gegen eins gewesen sein. Kevin hat mich nach Hause gebracht.«
   »Und Kevin ist …?«
   »Ein Freund und Nachbar. Er spricht gerade mit Ihrem Kollegen.«
   »Ist Ihnen etwas aufgefallen? Irgendetwas? Fehlt etwas im Haus, ist ein Fenster zerbrochen?«
   Ratlos schüttelte Anna den Kopf. »Keine Ahnung.«
   »Ich werde jetzt noch Ihre Personalien aufnehmen. Gibt es jemanden den wir benachrichtigen müssen? Sie sollten sicherheitshalber mit ins Krankenhaus fahren und sich etwas zur Beruhigung geben lassen.«
   »Mein Vater ist im Urlaub, ich weiß nicht, wo ich die Nummer habe. Aber meine Mutter … Sie lebt in der Schweiz, aber sie wird herkommen. Eva war ihre Schwester.« Anna drohte schon wieder in Tränen auszubrechen.
   Der Beamte nickte. »Okay, kommen Sie. Wir werden uns um den Rest kümmern. Wenn Sie entlassen werden, möchte ich ausgiebig mit Ihnen sprechen.«
   Mit kraftlosen Beinen kletterte Anna aus dem Fahrzeug. Kevin kam ihr entgegen und begleitete sie zum Krankenwagen.
   »Es tut mir entsetzlich leid.« Er sah geschockt aus. Als er sie sanft in seine Arme ziehen wollte, wehrte Anna ihn ab.
   »Ich kann das jetzt nicht, ich breche sonst zusammen.« Schnell betrat sie den Rettungswagen und wartete wie betäubt auf die junge Ärztin. Atmete sie noch, schlug ihr Herz noch? So sehr sie sich auch bemühte, sie spürte das Leben nicht mehr.

5. Kapitel
Besuch der Hexe
2 Wochen später

Die Sonne schien auf eine grausame Art und Weise auf den Friedhof und ihre verräterischen Strahlen tanzten über die Gräber. Sie erreichten Annas Herz nicht. In ihr schlummerte die Dunkelheit, sie fühlte sich leer und ausgebrannt. Sie hatte schon viele Menschen verloren, hatte jeden Großelternteil sterben sehen. Diesmal gab es nichts, was sie aufheitern konnte. Jeder Seelentrost verlief sich in unendlicher Traurigkeit.
   Evas Tod hatte sie so hart getroffen, dass Anna nicht glaubte, jemals wieder glücklich zu sein.
   Sie hatte gedacht, dass ihre Tante noch unsagbar viel Zeit hätte. Ein einziger Tag, manchmal eine einzige Sekunde, war ihr unendlich lang erschienen. Durch Evas Tod erkannte sie, dass das Leben kurz war und jeder Moment unbeschreiblich wichtig. Denn ihre Tante war jung gestorben. Was bedeuteten schon vierzig Jahre im Vergleich zu dem, was noch hätte folgen können? Ihre Zukunft war erloschen, ohne Rücksicht auf Zeit.
   Die Trauergemeinde bewegte sich langsam von der Kapelle zwischen den Gräbern auf das offene Grab zu. Viele schlossen sich an. Die Dorfbewohner hatten Eva in ihr Herz geschlossen, jeder trauerte um sie. Mit ihrer warmherzigen und hilfsbereiten Art hatte sie etwas geschafft, was wohl sonst kein Hinzugezogener geschafft hätte: Sie wurde akzeptiert.
   Auch von außerhalb schienen einige Leute angereist zu sein, bestimmt ein paar Begabte. Anna verschwendete keinen Gedanken an sie und versuchte, die magische Welt so weit wie möglich von sich fernzuhalten. Bisher hatte sie es erfolgreich zuwege gebracht, das neue Talent zu unterdrücken. Sie wollte es nicht, jetzt nicht mehr.
   Ihre Tante hatte sich immer ein Begräbnis gewünscht, auf dem die Menschen in Weiß erschienen. Augenscheinlich hielt sich jeder daran – jeder, außer Anna. Das schwarze Baumwollkleid klebte an ihrem Körper, aber es bewies, dass sie noch da war. Sie schwitzte und litt, also existierte sie auch.
   Die Rede der jungen Pfarrerin klang andersartig, sie erinnerte an Eva.
   Die vergangenen Tage hatte sie bei Annas Mutter in der Schweiz verbracht. Sie hatten die Rede miteinander abgestimmt.
   Wahrscheinlich deshalb.
   Ihre Familie stand in vorderster Reihe am Grab und auch hier sprach die Geistliche noch ein paar Worte. Anna hörte nicht zu und verkroch sich tief in ihr Schneckenhaus. Ihre Mutter drückte ihre Hand, sie weinte.
   Gemeinsam traten sie an das Loch. Es wirkte düster und Anna wusste, Eva sah nicht zu. Wo auch immer sie sein mochte, hier konnte sie nicht sein. Ihre Seele war ins Jenseits gereist, frei von Sorgen und Ängsten. Aus ihren Erzählungen wusste sie, dass es dort sehr schön sein musste.
   Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel, als sie die Blume auf den hölzernen Sarg warf und augenblicklich streifte sie eine sanfte Brise. Ein leichter Schauder lief ihr den Rücken hinunter, denn eigentlich war der Tag bisher außergewöhnlich windstill. Ob sie doch zusah? Anna stellte sich vor, wie Eva auf einer Wolke saß und ihr einen gehauchten Kuss zugeworfen hatte. Sie klammerte sich an die Vorstellung, sie brachte ein wenig Hoffnung und Trost mit sich.
   Sie traten zur Seite und Anna schüttelte den Gedanken ab. Der schlimmste Teil würde nun folgen. Die Menschen würden ihnen ihr Beileid aussprechen.
   Hinter ihnen gingen ihr Vater und Sally zum Grab. Vorgestern waren sie erst aus dem Urlaub zurückgekommen. Paps wirkte geknickt, aber Sally trottete einfach neben ihm her. Sie hatte kein Recht, hier zu sein, sie kannte Eva nicht einmal wirklich.
   Ihr Vater zog Anna in die Arme und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Auch ihre Mutter hielt er kurz fest. Die Geste zeigte, wie erschüttert er sein musste. Normalerweise konnten sie nicht einmal mehr am selben Tisch sitzen, ohne zu streiten.
   Sally streckte ihre manikürte Hand aus, um ihr durchs Gesicht zu streichen. »Anna, es tut mir so leid.«
   Anna trat rasch einen Schritt zurück und Sally griff ins Leere. Schnell schüttelte Sally ihrer Mutter die Hand. Sie schüttelten noch viele Hände und hörten aufmunternde Worte. Anna bekam kaum etwas davon mit.
   »Hey.«
   Sie blickte auf und sah in Kevins Gesicht. »Hey.« Der Versuch, ein Lächeln aufzusetzen, missglückte.
   Kevin gehörte zu den Menschen, die sie jetzt gern in den Arm genommen hätte. Er kannte Eva und er mochte sie. Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, zog er sie an sich heran. Es tat gut, das Gesicht an seine starke Schulter zu lehnen.
   »Es tut mir so leid, Anna. Ich wünschte, ich könnte etwas tun«, flüsterte er in ihr Ohr.
   »Ich will hier weg.« Sie löste sich aus seiner Umarmung.
   Ihre Mutter nickte ihr zu, als sie ihren Blick auffing. »Geh nur, ich werde mit dem Rest allein fertig.«
   Schweigsam lief Anna neben Kevin her Richtung Friedhofsausgang. Der Duft vieler Blumen und Pflanzen erfüllte die Luft. Die Gräber entlang des Weges verwandelten den trostlosen Ort in ein buntes Farbenmeer.
   Eine Frau stach ihr ins Auge, sie trug ebenfalls schwarz und hatte einen Schleier tief ins Gesicht gezogen. Sie stand abseits, Anna kannte sie nicht.
   Neugierig fixierte sie die Gestalt, aber die Frau verharrte still auf ihrem Platz.
   »Wie geht es dir?«
   Anna wandte den Blick ab. »Es ist schrecklich. Ich fühle mich, als wäre ein Teil von mir gestorben.«
   »Möchtest du darüber reden?«
   Anna schüttelte den Kopf. »Aber ich will zum Meer.«
   Sie überquerten den Parkplatz und gingen auf ihren Vater und Sally zu, die bereits am Auto standen.
   »Paps?«
   Er drehte sich um und sah sie an. Es wirkte, als sei ihr Vater über Nacht gealtert, neben Sally sah er aus wie ein alter Mann. Das graue, eingefallene Gesicht und die herunterhängenden Schultern zeigten, wie schlecht es ihm ging. Nach der Trennung von ihrer Mutter hatte er die Freundschaft zu Eva nicht aufgegeben. Ihn schmerzte ihr Tod ebenfalls.
   »Kannst du auf Mama warten und sie in das Lokal fahren? Ich halte das nicht aus.«
   Er nickte. »Natürlich, wir warten auf sie.«
   Sallys Blick veränderte sich feindselig, aber Eifersucht war fehl am Platz. Bevor Anna noch etwas Dummes sagte, bedeutete sie Kevin, schnell weiterzugehen.
   Den Weg bis zum Wasser sprachen sie nicht, doch es tat gut, Kevin bei sich zu haben. Anna verband ihn mit ihrer Tante, er gehörte in die nordische Welt. Sie ließen sich einige Meter von der See entfernt im Gras nieder und Anna setzte sich im Schneidersitz hin. Die frische Seeluft kühlte ihr Gesicht. Der Knoten in ihrer Brust löste sich zum ersten Mal seit Evas Tod.
   »Die Polizei tappt im Dunkeln.«
   Natürlich tappte die Polizei im Dunkeln, denn wenn Anna mit ihrer Vermutung richtig lag, hatte ein Geist Eva getötet. Sie wusste zu wenig von diesen Dingen und wollte nicht beschwören, dass das überhaupt möglich war. Aber es gab keine Einbruchspuren und nichts war gestohlen worden. Zudem zierte ein Beschwörungskreis den Tatort. Zum Glück verdächtigte die Polizei sie nicht mehr.
   »Der Mörder ist bereits tot«, antwortete Anna leise. Sie wusste nicht, ob Kevin sich für dieses Gespräch eignete, aber sie hatte das Bedürfnis, sich jemandem anzuvertrauen. Sie hoffte, er würde ihr glauben.
   »Die Polizei kennt den Täter?«
   Anna schüttelte heftig den Kopf. »Nein und sie können ihn auch nicht kennen. Kann ich dir was erzählen?«
   »Natürlich, alles.«
   »Meine Tante war ein Medium.«
   »Du meinst, sie konnte mit Toten sprechen?«
   Der Unterton in seiner Stimme entging ihr nicht, trotzdem fasste sie sich ein Herz. »Ja, und ich habe ihre Gabe geerbt.«
   Kevins Gesichtsausdruck veränderte sich von skeptisch zu traurig, er zog wohl die falschen Schlüsse. »Anna, ich weiß, der Gedanke hilft dir bestimmt. Aber du musst akzeptieren, dass Eva tot ist. Du kannst nicht wieder mit ihr sprechen.«
   »Das will ich auch nicht! Ich will ihr Gesicht nie wieder sehen müssen, aber ich kann dieses Talent nicht kontrollieren. Dauernd wird mir kalt und eine seltsame Melodie schwirrt mir im Kopf herum. Ich will das nicht!« Verzweiflung übermannte sie und die Gefühle spiegelten sich in ihrer Tonlage wider.
   Kevin sah aus, als wüsste er nicht, wie er reagieren sollte. Besorgt und verständnislos zugleich blickte er sie an. Er wirkte überfordert. Aber wie sollte er das auch verstehen können? Anna hörte auch, wie unglaubwürdig das alles klang.
   »Anna Graf?«
   Die Frauenstimme ließ sie zusammenfahren. Sie blickte über die Schulter. Die schwarz gekleidete Frau vom Friedhof stand hinter ihr und nahm den Schleier ab.
   Weil Anna gegen die Sonne blinzeln musste, sah sie kaum etwas. Die Frau kam um sie herum und kniete sich hin. Anna empfand das Gesicht als auffallend schön. Dunkelbraune Locken fielen der Frau weit über die Schulter, und obwohl sie mit Sicherheit die vierzig schon überschritten hatte, blickten ihre großen Augen kindlich und neugierig. Das Bild rundete eine Tätowierung ab, ein Stern prangte auf ihrer Stirn. Sie wirkte mystisch und mütterlich zugleich.
   Es handelte sich um eine Talentierte. Anna erkannte und spürte es sofort, obwohl sie außer Eva niemanden mit einer Gabe kennengelernt hatte.
   Lächelnd hielt ihr die Frau eine Lavendelblüte hin. »Mein Name ist Marla und es tut mir unsagbar leid.«
   Anna nahm die Blume entgegen. Ihr Mitgefühl klang ehrlich. »Danke.«
   Marla setzte sich neben sie und richtete den Blick auf das Meer. »Kommst du zurecht?«
   »Ob ich zurechtkomme?«
   »Mit Evas Gabe. Du bist ihre Erbin, oder?«
   Kevin riss erschrocken die Augen auf, Anna sah es in den Augenwinkeln. Er dachte mit Sicherheit, er hätte sich verhört.
   »Nein«, antwortete Anna wahrheitsgemäß. »Ich komme nicht zurecht, ich will es auch nicht. Ich will dieses Talent nicht mehr haben.«
   »Es ist schwer, das glaube ich dir. Aber deine Trauer wird vergehen und es gibt einen Grund, weshalb Eva dich als Erben gewählt hat. Sie hat dir vertraut«, sprach Marla mit ruhiger, ernster Stimme.
   »Aber die Gabe ist schuld daran, dass sie tot ist. Hätte sie den Geist nicht beschworen …«, platzte es aus ihr hinaus. Sie konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, denn es tat zu weh.
   »Es ist während einer Séance passiert?«
   Anna nickte. »Ja, aber weshalb erzähle ich Ihnen das überhaupt? Wer sind Sie?«
   »Mein Name ist Marla Cole. Du brauchst mich nicht zu siezen.«
   »Sind Sie eine Freundin von Eva?« Anna sträubte sich, sie beim Vornamen zu nennen.
   »Nein, wir kannten uns nur flüchtig. Ich bin eine Hexe und am Tag ihres Todes kam ich mit einem Anliegen zu ihr.«
   »Sie sind die Frau des Empathen!« Anna ließ den Mund offen, um noch etwas hinzuzufügen, doch es verschlug ihr die Sprache. Wie konnte Marla es wagen, hier aufzutauchen?
   »Du weißt also, worum es ging?«
   Kevin richtete sich auf. »Was wollen Sie von Anna?« Ihm musste aufgefallen sein, dass sie nervös wurde. Schützend stellte er sich vor sie.
   »Vielleicht können wir allein weitersprechen?«, fragte Marla.
   »Kevin, bitte lass uns allein.«
   »Aber …?«
   »Bitte. Geh ins Restaurant zu meiner Mutter und sieh nach, wie es ihr geht. Sag, ich will kurz allein sein.«
   Ohne ein weiteres Wort, aber mit besorgter Miene, verschwand Kevin über die Wiese in Richtung des Dorfes.
   Anna stand auf. »Gehen wir ein Stück?«
   Marla lächelte und folgte ihr zum Wasser.
   »Ihr Mann hat meine Tante getötet.« Es klang nicht so hart, wie sie beabsichtigt hatte, denn ihre Stimme versagte bei den Worten. Ihr kam der Gedanke, dass sie vielleicht Angst haben sollte. Vielleicht war die Hexe gefährlich?
   Allerdings strahlte die zierliche Person so viel Wärme aus, dass sie es sich nur schwer vorstellen konnte.
   Irritiert von ihren gemischten Gefühlen blieb sie stehen und blickte der Frau ins Gesicht. Eine Träne verlor sich aus dem Augenwinkel der Hexe. »Du glaubst, Frank hätte das getan?«
   »Wer sonst? Meine Tante hatte keine Feinde.«
   »Mein Mann auch nicht«, antwortete Marla mit trauriger Stimme.
   Anna errötete und biss sich auf die Unterlippe. Sie benahm sich ungerecht. Auch die Hexe hatte einen geliebten Menschen verloren, vielleicht saßen sie im selben Boot.
   »Tut mir leid, aber es spricht so viel dafür«, erwiderte sie leise.
   Marla schüttelte zaghaft den Kopf. »Nein, es spricht nichts dafür. Der Rechtsbeirat suchte mich auf, nachdem sie die Telefonliste überprüft hatten.«
   »Der Rechtsbeirat?« Anna kam der Name bekannt vor. Sie glaubte, sich zu erinnern, dass Eva gesagt hatte, er trete für die Rechte und Gesetze der Begabten ein.
   »Natürlich. Sie haben sich der Sache ebenfalls angenommen. Genau wie du sind sie im ersten Moment von einem Rachegeist ausgegangen.«
   »Ein Rachegeist? Was soll das sein?«
   Sanft griff die Fremde nach ihrer Hand, ihre Augen blickten besorgt. »Siehst du. Das ist der Grund, warum ich hier bin. Der Rechtsbeirat kam zu mir und erzählte von dem Mord. Sie waren sicher, dass Eva nicht durch einen Geist gestorben ist. Und dann erwähnten sie dich, die Erbin. Du weißt kaum etwas von dieser Welt und dir fehlt ein Mentor.«
   »Und deshalb tauchen Sie so mir nichts, dir nichts auf und bieten sich an?« Das kam ihr spanisch vor. Niemand handelte derart uneigennützig.
   »Anna, ich glaube, dass womöglich ein Zusammenhang besteht. Der Tod meines Mannes und die Ermordung deiner Tante, das sind keine Zufälle. Am Telefon sagte Eva zu mir, Frank sei der vierte Begabte, der einfach verschwunden ist und sein Talent weitergereicht hat. Irgendetwas geht hier vor und womöglich hat deine Tante herausgefunden, was.«
   »Und was soll ich jetzt tun? Wollen Sie, dass ich Ihnen helfe? Ich will mit diesen Dingen nichts zu tun haben, ich will das bescheuerte Talent nicht!« Ihre Stimme überschlug sich. Es wühlte sie auf, es auch nur in Erwägung zu ziehen. Alles, wonach sie sich sehnte, war, zu vergessen.
   »Du kannst nicht davonlaufen, du hast den Letzten Willen mit deinem Blut unterschrieben.« Die Hexe klang plötzlich scharf, als duldete sie keinen Widerspruch.
   Unweigerlich erinnerte sich Anna an den Tag, an dem ihre Tante ihr das Testament unter die Nase gehalten hatte. Zwei blutige Fingerabdrücke, von jedem von ihnen … sie besiegelten Evas Vertrauen. »Ich verstehe nichts von diesen Sachen, ich wäre keine große Hilfe. Ich kann mein Talent nicht steuern. Ich schaffe es kaum, es zu unterdrücken.« In ihr stiegen Tränen auf, die Last wog auch so schwer genug.
   »Und deshalb bin ich hier und biete dir meine Hilfe an. Du schaffst das nicht allein, Anna. Magie kann gefährlich sein.«
   »Ich reise heute ab, zurück zu meinem Vater. Selbst wenn ich wollte, mir fehlt die Zeit, um Sie anzuhören.«
   »Ich wohne nicht weit von Köln entfernt. Hier.« Sie hielt ihr einen Zettel entgegen und Anna faltete ihn auseinander. Er enthielt eine Telefonnummer. »Ruf mich an, wenn du Hilfe benötigst, jederzeit. Unsereins ist füreinander da und ich habe das Gefühl, dass die kommenden Zeiten gefährlich für uns werden.«
   Anna überlegte einen Moment, steckte das Papier aber ein.
   Marla nickte ihr zu. »Machs gut, Anna. Und pass auf dich auf.«
   »Machs gut«, antwortete sie zögerlich, und als sie bemerkte, dass sie das Sie vergessen hatte, war es bereits zu spät. Die Hexe marschierte mit großen Schritten über die Wiese, die deutlich aussagten, dass sie überzeugt war, Anna wiederzusehen.
   In was war sie da bloß hineingestolpert? Magie konnte gefährlich sein? Auch wenn sie keine Ahnung hatte, was Marla damit meinte, glaubte sie ihr die Aussage aufs Wort. Bei Eva hatte alles immer so leicht gewirkt, fast wie ein Spiel. Aber jemand hatte sie getötet. Vielleicht sollte Anna also auf das Angebot der Hexe eingehen? Wenn Eva doch nur bei ihr wäre … auf ihr Urteil hatte sie sich stets verlassen können.

6. Kapitel
Rachegeister

Ihre Mutter parkte den Wagen vor dem Einfamilienhaus, in dem Paps mit Sally wohnte. Sie hatten die lange Autofahrt nach Hause hauptsächlich schweigend hinter sich gebracht.
   Anna blieb sitzen. Sie zerbrach sich den Kopf über den Abschied. Wie sollte sie es angehen lassen? Seit ihre Mutter in der Schweiz lebte, hatten sie sich voneinander entfernt. Auch in den vergangenen Tagen hatten sie nicht wieder zueinandergefunden, obwohl Anna immer gedacht hatte, dass solch ein Erlebnis verbinden würde.
   »Du hast das Haus deiner Tante geerbt, es …«, unterbrach ihre Mutter die Stille.
   Scharf schnitt sie ihr das Wort ab. »Ich will es nicht, verschenk es an einen Dorfbewohner.« Das Verhalten war typisch für ihre Mutter. Sie betrachtete alles ganz nüchtern, obwohl Anna wusste, wie es in Wirklichkeit in ihr aussah.
   »Anna, auch wenn es jetzt zu früh ist, darüber nachzudenken. In der heutigen Zeit ist es unglaublich wertvoll, eine Immobilie zu besitzen. Wir lassen es erst mal leer stehen. Wenn du Ende dieses Jahres volljährig wirst, kannst du entscheiden, was du damit anfangen willst.«
   Da sich Anna unmöglich mit noch einem Testament auseinandersetzen wollte, wechselte sie das Thema. »Kommst du noch mit rein?«
   Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Lieber nicht, oder schaffst du es nicht allein?«
   »Doch, klar.«
   Die Wahrheit aber hieß, sie schaffte es nicht. Sie schaffte es kaum, zu überleben. Aber sie musste da wohl durch, so schwer das Atmen auch fiel. Schmerz gehörte zum Leben, oder?
   Ihre Mutter zog sie in die Arme und drückte sie. »Pass auf dich auf, Anna. Wäre schön, dich an Weihnachten wiederzusehen.«
   »Ich denk drüber nach.« Sanft löste sie sich aus der Umarmung und stieg aus dem Auto. Mit schwerem Herzen trug sie ihre Reisetasche zur Haustür. Die Ferien hielten noch eine Woche an und normalerweise verbrachte sie diese bis zum letzten Tag im Norden. Die nächsten Tage würden mit Sicherheit die Hölle werden. Auf die eine oder andere Weise.
   In Gedanken versunken schloss sie die Tür auf. Ihr Vater kam ihr bereits entgegen und schob sich an ihr vorbei. Er hob grüßend die Hand aus dem Eingang und Anna hörte, wie ihre Mutter den Wagen startete.
   Paps wandte sich ihr zu und nahm ihr die Tasche ab. »Wie war die Fahrt?«
   Anna zuckte die Schultern. Was sollte sie darauf antworten? Die Stunden im Auto hatten ihr zu viel Zeit zum Nachdenken beschert.
   »Sally hat einen Auflauf gemacht, wenn du Hunger hast …?«
   Sie lehnte dankend ab. Der Leichenschmaus lag ihr noch schwer im Magen, außerdem kannte sie Sallys Kochkünste. Mit bleischweren Füßen stieg sie die Treppe hoch in ihr Zimmer und warf sich aufs Bett. Es tat gut, die Glieder auszustrecken.
   Ihre Gedanken kreisten um Kevin. Sie hatte sich nicht von ihm verabschiedet. Was er wohl denken mochte? Seine neugierigen Fragen hätte sie größtenteils sowieso nicht beantworten können. Vielleicht hielt er sie auch für verrückt, aber sich darüber länger den Kopf zu zerbrechen, kam ihr sinnlos vor. Sie würden ja doch keinen Sommer mehr zusammen verbringen.
   Anna schloss die Augen. Der anstrengende Tag steckte ihr in den Knochen. Sie rollte sich zusammen und schlief dennoch nicht ein. Obwohl sie total groggy war, lag sie noch lange Zeit wach und wälzte sich hin und her. Auf Knopfdruck konnte sie schlecht abschalten.
   Draußen überzog Dunkelheit bereits das Firmament. Der Mond schien milchig durchs Fenster auf die weiße Zimmereinrichtung und spiegelte sich im Schrank wider. Erst sehr spät glitt Anna in einen traumlosen, aber unruhigen Schlaf.

Verwirrt wachte Anna auf, sie fröstelte. Die Temperatur im Zimmer schien deutlich gesunken zu sein. Oder hatte sich ihre Bettdecke verabschiedet? Sie richtete sich auf. Um diese Jahreszeit hätte sie auch ohne Decke nicht so heftig frieren dürfen.
   Das Oberbett lag noch auf ihren Beinen, somit wusste sie sofort, was vor sich ging. Die eisige Kälte beschlich sie vertraut, fraß sich durch die Kleidung in den Körper. Bisher hatte sie das sich anbahnende Unheil erfolgreich unterdrücken können. Seit dem Schimmelreiter war ihr kein Geist erschienen. Einige Seelen versuchten immer wieder, sie heimzusuchen, aber ihr Dickkopf setzte sich letztendlich durch.
   Der leise Gesang ihrer Begabung verstummte, sobald sie krampfhaft an etwas anderes dachte. Es kostete eine immense Kraft und sie war sich nicht sicher, ob sie nicht eines Tages doch schwach werden würde.
   Mit hart klopfendem Herzen und kalten Fingern schaltete Anna das Nachttischlämpchen ein. Das Licht blendete sie im ersten Moment und sie kniff die Augen zusammen. Ein verschwommener Blick auf den Wecker verriet, dass die Zeiger gerade mal drei Uhr anzeigten, mitten in der Nacht. Mühsam blinzelnd zog sie die Decke über ihre Schultern und sah sich im Zimmer um.
   »Da ist nichts«, versuchte sie, sich einzureden. Sie erkannte die Atemwolke vor ihrem Gesicht. Das verhieß gewiss nichts Gutes.
   Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, hörte sie die leise Melodie erklingen. Wie auch in den vergangenen Tagen versuchte Anna, die Situation mit Ignoranz aufzulösen.
   Sie legte sich zurück in die Kissen, schloss die Augen und ließ den Tag Revue passieren, doch ihr Herzschlag lenkte sie immer wieder ab. Sie begann, laut vor sich hinzuzählen, diese Methode musste klappen.
   »Anna?«
   Sie zuckte zusammen. Eva, sie erkannte sie sofort. Unter Tausenden hätte Anna sie herausgehört. Es brach ihr augenblicklich das Herz. Sie hatte befürchtet, dass der Tag kommen würde.
   Ob sie einen Blick riskieren sollte? Ihre bisherigen Prinzipien über Bord werfen? Immerhin gehörte die Stimme Eva, ob Geist oder nicht. Unschlüssig grub sie das Gesicht noch tiefer in die Kissen.
   »Anna, bitte sieh mich an.«
   Sie hatte noch nie mit einem Toten gesprochen und sie war auch nicht sonderlich scharf darauf. Aber wie konnte sie Eva etwas abschlagen? Zu Lebzeiten hatte Eva ihr jeden Wunsch erfüllt. Obwohl sie sicher wusste, dass sie genau das nicht erleben wollte, berührte sie Evas Anwesenheit tief in der Seele.
   Sie doch noch einmal sehen zu dürfen, vielleicht konnte ihr das helfen?
   Mit rasendem Herzen und einem Kloß im Hals, der sie hörbar schwerer atmen ließ, schlug sie die Decke zur Seite und richtete sich auf.
   Eva hatte es sich auf ihrem Sessel bequem gemacht. Sie sah aus wie das blühende Leben. Wie konnte jemand, der tot war, derartig lebendig wirken? Annas Trauer vermischte sich mit Angst. Sie beging einen Fehler und bereute, Eva nicht ignoriert zu haben.
   »Es ist schön, dich zu sehen.« Eva lächelte.
   Anna schluckte. Sie bestätigte die Aussage nicht, stattdessen schlich sich eine Träne in ihren Augenwinkel. »Bitte geh weg, ich kann das nicht.«
   »Anna, es ist wichtig, dass du mich anhörst.« Evas Stimme klang verzerrt. Es schien sie anzustrengen, zu sprechen.
   »Ich will das nicht hören. Du bist tot!«
   Evas Stimme zitterte. »Du bist in Gefahr. Vertraust du mir?« Ihre Tante sah sie eindringlich an.
   Natürlich vertraute sie ihr. Sie vertraute Eva wie sonst niemandem auf der Welt. Eigentlich wollte Anna nicht wissen, was sie zu sagen hatte. Unweigerlich nickte sie trotzdem, es geschah einfach.
   »Du musst etwas für mich tun, Anna.«
   »Ich kann nichts mehr für dich tun, es ist zu spät.« Die Endgültigkeit dessen ließ sie aufschluchzen.
   Der Gesichtsausdruck des Geistes veränderte sich, Eva wirkte plötzlich traurig. »Es tut mir leid. Ich wollte dich mit alldem nicht alleinlassen. Aber du musst mir jetzt zuhören, sonst werden noch viele Menschen sterben.«
   »Ich will nicht.« Sie klang weinerlich und trotzig, spielte mit dem Gedanken, sich einfach die Ohren zuzuhalten. Natürlich eine lächerliche Idee. Außerdem wollte sie nicht, dass noch irgendwer starb.
   Evas Blick nagelte sie fest. »Du musst mir deinen Körper leihen, Anna.«
   Ihr Herz zog sich eisig zusammen, Angst brannte sich in den Verstand. Die Gefahr, die den Satz unterschwellig begleitete, hörte sie heraus und hoffte, falsch verstanden zu haben.
   »Dir meinen Körper leihen?« Anna umklammerte die Bettdecke, dass die Fingerknöchel weiß hervorstachen. Sie glaubte nicht, dass Eva so etwas zu Lebzeiten von ihr verlangt hätte. Was war in sie gefahren?
   »Ich brauche eine Hülle. Etwas Schreckliches bahnt sich an und du besitzt nicht die Kraft, etwas dagegen zu unternehmen. Es muss sein.«
   Marlas Worte hallten in ihrem Gedächtnis nach.
   Magie kann gefährlich sein. Das musste die Hexe gemeint haben. Eva verhielt sich nicht wie Eva und Annas Instinkt sagte ihr, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.
   »Ich leihe dir meinen Körper nicht. Verschwinde!« Es fiel ihr schwer, das auszusprechen, aber ihre Stimme klang fester als erwartet. Überzeugt davon, richtig zu handeln, schüttelte sie demonstrativ den Kopf.
   Plötzlich blickte Eva sie feindselig an. Es war ein fremder Ausdruck, Anna kannte ihre Tante nur warmherzig und gutmütig. Die Gesichtszüge jagten ihr eine Gänsehaut über den Körper und ihr Herz schaffte es, den eben erst erlangten Rekord erneut zu brechen. Es trommelte noch eine Spur schneller.
   Wie eine Katze, die ihre Beute belauerte, hielt Eva den Blick auf sie gerichtet. Sie beugte sich in eine angriffsbereite Position.
   Anna überkam der Impuls, wegzulaufen, sie traute sich aber nicht, einen Blick zur Tür zu riskieren. Drei Meter. Wie schnell flog ein Geist? Flogen Geister überhaupt? Sie verwarf die Idee, denn Angst lähmte ihre Glieder.
   Der Winkel, in dem Evas Beine jetzt vom Körper abstanden, wirkte unnatürlich und falsch.
   »Du wirst mich euch helfen lassen. Ich brauche deine Zustimmung nicht.« Eva bleckte die Zähne. Obwohl sie die Worte nur gezischt hatte, klang es, als hätte sie sie geschrien.
   Bevor Eva zum Sprung ansetzen konnte, handelte Anna intuitiv.
   Sie schaltete den Verstand aus, griff mit ihren inzwischen schon halb gefrorenen Fingern nach dem Wecker und schleuderte ihn Eva entgegen. Natürlich verfehlte sie das Gespenst, die Uhr zerschellte an der Wand. Aber Eva zögerte und Anna gewann wertvolle Sekunden.
   »Hau ab«, rief sie.
   Die Geistergestalt flackerte kurz auf.
   »Verschwinde, du bekommst meinen Körper nicht!« Anna versuchte, die Tränen wegzublinzeln und schüttelte den Kopf. Die Erscheinung verblasste ein wenig.
   »Anna?« Ihr Vater kam die Treppe heraufgepoltert, das Geschrei hatte ihn geweckt.
   In dem Moment, als er die Tür öffnete, verschwand Eva mit einem letzten Aufflimmern. Keine Spur blieb von ihr zurück. Anna starrte ins Leere und brach weinend auf ihrem Bett zusammen.
   »Was ist denn passiert?« Mit zwei Schritten stand Paps neben ihr und zog sie in seine Arme. Lange Zeit hatte er sich nicht wie ein Vater verhalten und sie dankte ihm im Stillen, dass er es jetzt tat.
   »Sie war hier.« Anna brachte kaum ein Wort über die Lippen, der Satz ging in Tränen unter.
   »Du hast geträumt, alles ist gut«, sagte ihr Vater leise und strich ihr liebevoll durchs Haar.
   »Was ist denn los?« Sally betrat das Schlafzimmer und zog fröstelnd ihren Bademantel enger. »Wieso ist es hier so kalt?«
   Anna blickte nicht auf, während Sally überprüfte, ob die Fenster geschlossen waren.
   »Geh schlafen. Anna hat bloß schlecht geträumt«, forderte Paps seine Freundin auf. Normalerweise schickte er Sally nicht fort, schon gar nicht, um Zeit mit Anna zu verbringen. Sallys Schritte waren schon wieder bei der Treppe angelangt, als sich Anna aus seinen Armen löste.
   »Wieder gut?«, fragte ihr Vater.
   Sie nickte und wischte sich die Tränen aus den Augen. Natürlich war nichts gut, aber was sollte sie ihm sagen? Wenn sie die Wahrheit ausplauderte, lief sie Gefahr, in einer Nervenklinik zu landen. Paps wusste doch nichts von Talenten und Geistern. Ein Gedanke kreuzte die Überlegungen. Um die, die sie liebte, beschützen zu können, musste sie die magische Welt von ihnen fernhalten. Sie war nicht zauberhaft, sie war abgrundtief böse.
   Entschlossen sah sie ihren Vater an. »Geh wieder ins Bett.«
   »Soll ich dir erst mal einen Tee kochen?«
   Heftig schüttelte sie den Kopf. »Ich will allein sein. Leg dich wieder hin.«
   »Bist du sicher?«
   Anna sah ihm an, dass er sie nur ungern allein ließ. »Ja, ganz sicher.«
   Es brach ihm wahrscheinlich das Herz, aber er konnte ohnehin nichts ausrichten. Kein Knopf dieser Welt konnte Trauer auf Kommando ausschalten. Um die Beherrschung zu wahren, schnäuzte sie laut in ein Papiertaschentuch.
   Ihr Vater erhob sich. »Wenn was ist, weck mich. Okay?«
   »Ja, okay.«
   Er sah unglücklich aus, doch er verließ ihr Zimmer. Annas Kopf schwirrte und sie atmete tief durch. Was gerade geschehen war, wollte sie nicht begreifen.
   Mit zittrigen Knien stand sie auf und ging in das kleine Badezimmer. Es gehörte ihr allein. Die schreckliche Kälte verzog sich allmählich, aber sie steckte noch tief in ihren Gliedern. Anna riss sich zusammen und schmiss die Dusche an. Vielleicht half das warme Wasser, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
   Das warme Wasser belebte sie tatsächlich und die gewünschte Wirkung trat ein. Langsam beruhigten sich Annas Nerven. Sie blieb zehn Minuten unter der Brause stehen, ohne sich auch nur einmal zu bewegen.
   In ein Handtuch gewickelt wischte sie den beschlagenen Spiegel sauber. So heiß duschte sie sonst nie, erst recht nicht im Sommer.
   Ihr Anblick erschreckte sie im ersten Moment. Sie sah schlimmer aus, als sie befürchtet hatte, doch nicht die krebsrote Haut ließ sie erschaudern. Ihre dunkelblauen Augen blickten wachsam und ängstlich, tiefe Schatten zeichneten sich dick unter ihnen ab. Ihre Wangen wirkten eingefallen und ihre sonst so vollen Lippen hatten sich selbstständig zu einem schmalen Strich verzogen. Sie sah älter aus, über Nacht schien sie um zehn Jahre gealtert. Ihre kindlichen Rundungen waren verschwunden, bestimmt hatte sie in den vergangenen Tagen ein paar Pfund abgenommen. Verstört wandte sie den Blick vom Spiegel ab und bürstete sich die Haare.
   Im Frotteemantel betrat sie das Schlafzimmer. Ihr Blick blieb an der Reisetasche hängen. Ihr Vater musste sie nach oben getragen haben, während sie schlief.
   Marlas Nummer hatte sie zusammengeknüllt in das Seitenfach gesteckt, eigentlich überzeugt davon, sie nicht zu gebrauchen. Ob sie die Frau um diese Zeit belästigen konnte? Sie hatte jederzeit gesagt und es war sonnenklar, dass Anna dringend ihre Hilfe benötigte.
   Sie sprach sich gut zu und fischte das kleine Stück Papier aus der Tasche. Mit nervösen Fingern gab sie die Zahlen in ihr Handy ein. Es klingelte eine Weile und sie spielte mit dem Gedanken, wieder aufzulegen. In letzter Sekunde meldete sich eine verschlafene Frauenstimme.
   »Hallo?«
   Anna gab sich einen Ruck und widerstand der Versuchung, das Handy fortzuschmeißen. »Marla? Hier ist Anna.«

7. Kapitel
Auf den ersten Blick

Es gab Situationen im Leben, da musste man über seinen Schatten springen. Die Überwindung, die es Anna kostete, sich auf den Weg zu machen, ließ sie eindeutig über den eines Elefanten hüpfen. Oder den einer Herde.
   Marla wohnte etwas außerhalb von Köln, aber nicht weit von Annas Zuhause entfernt. Die Fahrt mit der S-Bahn dauerte nur knapp zwanzig Minuten. Danach stieg Anna in ein Taxi, weil sich für das letzte Stück die Busverbindung als schwierig herausstellte.
   Die Hexe hatte sie um zehn Uhr zum Frühstück eingeladen, und ein Blick auf die Armbanduhr sagte Anna, dass sie einen Zug zu früh genommen hatte. Nach dem Erlebnis hatte sie kein Auge mehr zugetan, trotzdem fühlte sie sich hellwach. Ihre feuchten Hände verrieten ihre Gefühlslage und in ihrem Magen rumorte es heftig. Obwohl die Sonne in den Morgenstunden noch nicht vom Himmel knallte und Anna einen Sommerrock trug, glühte ihre Stirn. Dankbar, die schreckliche Kälte nicht spüren zu müssen, nahm sie die Tatsache widerstandslos hin.
   Das Taxi stoppte vor einem alten Resthof. Es gab kein weiteres Haus auf dem einsehbaren Stück der Landstraße. Die schwarz-weiße Front des imposanten Fachwerks stach sofort ins Auge.
   Blumenkästen zierten die Fensterbänke und eine schwarze Katze saß in der Sonne und putzte sich ausgiebig.
   Anna bezahlte den Fahrer mit einem Zwanziger und ließ ihn das Wechselgeld behalten. Eine großzügige Geste, wie sie daraufhin bemerkte. Mit weichen Knien betrat sie den Hof und steuerte auf die Haustür zu. Das Haus wirkte riesig und uralt. Anna hatte etwas anderes erwartet, schließlich besuchte sie eine Hexe. Aber Knusperhäuschen existierten wohl nur im Märchen. Es gab keine Klingel, sie suchte vergebens ein paar Sekunden danach, dafür aber einen Türklopfer aus Messing. Der große Hirschkopf starrte sie an.
   Sie fuhr sich durchs Haar und streifte es hinter die Ohren.
   Der Türklopfer wog schwer und ihre Befürchtung, man könnte ihn im Haus vielleicht nicht überall hören, löste sich in Luft auf, als das Geräusch drinnen dumpf nachhallte.
   Sie wollte versuchen, Marla neutral gegenüberzutreten, und sich erst einmal anhören, was sie zu sagen hatte. Sorgsam legte sie sich ihre Begrüßungsfloskel zurecht, während sich durch die geriffelte Glasscheibe eine Gestalt der Haustür näherte. Anna atmete tief durch und sah erwartungsvoll zu, wie sich die Tür langsam öffnete.
   Es traf sie wie ein Schlag. Anna hatte sich oft gefragt, was es hieß, sich auf den ersten Blick zu verlieben. Sie hatte sich vorgestellt, durch eine rosa Brille zu sehen und jeden auf der Welt umarmen zu wollen. In diesem Augenblick erhielt sie die Antwort auf die Frage, doch sie stimmte nicht im Entferntesten mit dem überein, was sie sich ausgemalt hatte. Amors Pfeil traf sie brutal ins Herz und durchbohrte zusätzlich ihre Lungen. Bei seinem Anblick vergaß sie zu atmen.
   Sie sah nicht rosa und verspürte erst recht kein Glück. Viel eher erstarrte sie zu Eis. Dennoch hob sich ihre Welt kurz aus den Angeln und ihr wuchsen Flügel. Die Zeit schien stehen zu bleiben und doch raste sie vorwärts. Die Umgebung verblasste, die hellblauen Augen des jungen Mannes fesselten ihren Verstand. Warum sie hier war, der Grund ihrer Sorgen, alles passé. Es war ein überwältigendes Zusammenspiel aller möglichen Komponenten. Bisher hatte sie nicht wirklich gewusst, was Schönheit bedeutete, und diese schien unvergänglich. Sie starrte in das vollkommenste Gesicht der Welt … Er sah aus wie ein Engel aus ihren schönsten Träumen.
   Seine Muskeln zeichneten sich unter dem eng anliegenden T-Shirt ab, aber das nahm sie nur am Rande wahr. Sein Gesicht hingegen hielt sie gefangen. Die pechschwarzen Haare umrandeten einen sonnengebräunten, makellosen Teint. Seine dunklen Wimpern und Augenbrauen ließen seine Augenfarbe noch schärfer herausstechen, als sie es ohnehin schon getan hätten. Sie funkelten eisblau. Anna konnte nicht einschätzen, ob sie freundlich blickten, denn etwas an ihnen jagte ihr einen Schauder über den Rücken. Er war gefährlich, seine Schönheit konnte sie nicht täuschen.
   Er räusperte sich und seine Mundwinkel zuckten. »Ja?«
   Seine Frage riss sie unsanft aus ihren Träumen. Mist, sie starrte ihn an! Anna errötete und wandte schnell den Blick ab. »Mein Name ist Anna Graf und ich bin mit Marla verabredet.« Es kostete sie Mühe, nicht etwas anderes zu sagen, und ihre Stimme bebte unter der Anstrengung. Hatte sie sich im Haus geirrt? Aber das konnte eigentlich nicht sein, es gab kein weiteres.
   »Ach, das Medium. Du bist früh dran, Marla ist ein paar Brötchen besorgen. Komm doch rein.« Einladend gab er die Tür frei und ihr Blick fiel in den hallenartigen Flur. Obwohl das Fachwerkhaus wie vermutet sehr alt zu sein schien, wirkte die Einrichtung teuer.
   Mit einem großen Schritt schob sich Anna in den Korridor, ihr Arm streifte den jungen Mann versehentlich im Vorbeigehen. Sofort breitete sich eine Gänsehaut von der Stelle an über ihren Körper aus. Das Blut schoss ihr noch mehr in den Kopf und ein Schwindelgefühl befiel sie. Sie musste kurz stehen bleiben, um einen Ausfallschritt zu unterbinden. Sie hätte keinen schlechteren Zeitpunkt in ihrem Leben finden können, um sich zu verlieben. Aber so etwas geschah sicherlich immer dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte oder erwartete.
   Der Typ überholte sie. Er grinste und fixierte sie neugierig.
   »Geradeaus ist die Küche.«
   Anna folgte ihm, noch immer benommen. Die Küche sah antik aus. Der Gastgeber, wer er auch sein mochte, zog einen dunklen Holzstuhl zur Seite.
   »Setz dich, möchtest du einen Kaffee?«
   Anna rang sich zu einem Nicken durch, er hatte ihr doch tatsächlich die Sprache verschlagen. Himmel, was war nur los mit ihr? Normalerweise bezeichnete sie sich nicht als schüchtern. Aber seine Ausstrahlung wirkte so überlegen, dass sie sich absolut unwichtig vorkam.
   »Ich bin Sebastian, ein Freund der Familie.« Er schob eine Tasse über den Tisch und setzte sich an die andere Tischseite.
   »Anna«, antwortete sie. Wenn sie weiter geschwiegen hätte, wäre das dämlich gewesen.
   »Das sagtest du bereits.« Weiterhin ruhte sein Blick auf ihr.
   Obwohl sie angestrengt die Tischmaserung musterte, bemerkte sie es. Das sinnlose und starre Rumsitzen ließ die Sekunden wie Minuten vergehen. Anna griff nach der Milchtüte auf dem Tisch. Eine Tasse Kaffee zu halten, würde zumindest ihre Hände eine Weile beschäftigen. Dummerweise fasste Sebastian zur gleichen Zeit danach. Ihre Finger berührten sich. Hastig zog sie die Hand zurück. Ihre Fingerspitzen kribbelten, als hätte sie in ein Ameisennest gegriffen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass er mehr schlecht als recht ein selbstgefälliges Lachen unterdrückte. Unhöflicherweise vergaß der Gastgeber, ihr Milch einzuschenken, und Anna wagte es nicht erneut, ihre Hand auszustrecken. Noch immer klopfte ihr Herz wie wild und wollte einfach nicht zur Ruhe kommen.
   »Wir haben etwas gemeinsam«, unterbrach Sebastian das peinliche Schweigen.
   Anna blickte auf und sah ihn fragend an. Was konnte sie schon mit dieser gottgleichen Person gemeinsam haben?
   »Ich bin auch ein Neuling. Seit dem Tod von Marlas Mann bin ich ein Empath«, erklärte er.
   Es dauerte nur einen Atemzug, bis sie begriff, was seine Worte bedeuteten. Sie wünschte, sich in Luft aufzulösen.
   Offensichtlich spürte er diese Gefühlsregung auch, denn er verzog das Gesicht zu einem Grinsen.
   Er hielt seine Nase über die Tasse, um einen Schluck zu trinken. »Und im Übrigen kann ich spüren, was du fühlst.«
   Ihr erhitztes Gesicht flammte auf, bestimmt sah sie aus wie eine reife Tomate. Sie widerstand dem Impuls, ihm die Kaffeetasse um die zu Ohren hauen. Peinlich berührt wandte sie den Blick ab. Sie appellierte an ihr Gehirn, die Ruhe zu bewahren, und tat, als hätte sie den letzten Satz nicht gehört.
   Schnell griff sie nach ihrer Tasse, um mit einem großen Schluck Kaffee die Blamage hinunterzuspülen. Doch der Kaffee glühte noch und strömte bitter in ihren Mund. Sie verbrannte sich die Zunge und hustete die Hälfte des Getränks unkontrolliert über den Tisch. Ihr schossen Tränen in die Augen. Verlegen schlug sie die Hände vors Gesicht. Sie sah noch, wie Sebastians Schultern vor Lachen bebten und überlegte verzweifelt, wie sie sich aus der Lage befreien konnte. Weil ihr nichts Besseres einfiel und sie zudem ihr Verhalten wirklich zum Schießen fand, atmete sie tief durch und lachte mit.
   Anna hatte die vergangenen Wochen ihre Gesichtsmuskulatur nicht auf die Weise in Anspruch genommen, schon nach wenigen Sekunden schmerzte der Lachanfall. Aber sie konnte nicht aufhören.
   Sebastians Augen füllten sich bereits mit Lachtränen. Rasch stand er auf und holte einen Lappen.
   »Tut mir leid«, brachte sie keuchend hervor. »Normalerweise bin ich nicht so eine Idiotin.«
   Während er über den Tisch wischte, beruhigte sich der sonderbare Empath wieder. Plötzlich verriet seine Miene mit keinem Zug mehr, dass er sich gerade noch köstlich amüsiert hatte. Anna fing seinen nachdenklichen Blick auf und seine eisblauen Augen gingen ihr erneut unter die Haut. Ihr verging das Lachen sofort.
   »Ich mache dich nervös.« Interessiert studierte er ihr Gesicht.
   Sie wusste nicht, wo sie hinsehen sollte, seinem Blick hielt sie nicht länger stand. Gott sei Dank vernahm sie eine Stimme aus dem Flur.
   »Was gibt’s denn hier zu lachen?« Marla erschien im Türrahmen, Anna hatte sie nicht vorfahren hören.
   »Nichts«, antwortete Sebastian knapp und zwinkerte Anna zu.
   »Hi«, begrüßte Anna die Hexe. Ihr fiel ein Stein vom Herzen, dass sie nicht länger mit Sebastian allein sein musste.
   »Schön, dich zu sehen, Anna.«
   Marla legte die Brötchentüte auf den Tisch und schloss sie kurz in die Arme. In dieser Geste lag so viel Wärme, wie Anna es nicht für möglich gehalten hatte. Wieso kam ihr die Fremde so seltsam vertraut vor?
   »Deckst du den Tisch?«, fragte die zierliche Frau in Sebastians Richtung, der ihr bereits eine Kaffeetasse zuschob. Marla setzte sich auf einen Stuhl. »Was ist passiert?«
   Anna wollte gerade mit den Geschehnissen der vergangenen Nacht beginnen, als ein Mädchen im Schlafanzug die Küche betrat. Sie war ein paar Jahre jünger als Anna, und obwohl sie rotes Haar hatte, ähnelte sie Marla verblüffend.
   »Morgen«, nuschelte sie gähnend und streckte sich.
   »Anna, das ist meine Tochter Jenny.«
   »Guten Morgen«, sagte Anna.
   »Du bist das Medium?«, fragte Jenny. Jeder in diesem Haus wusste das offensichtlich, Marla musste sie groß angekündigt haben.
   »Ich schätze schon.«
   »Ich hab mir dich ganz anders vorgestellt, irgendwie düsterer. So als Totenbeschwörerin solltest du Angst einflößender sein. Aber du bist hübsch, sogar Sebastian starrt dich an.«
   Schnell wandte Anna den Blick ab. Die Worte ließen ihr Herz hüpfen.
   Jenny setzte sich an den Tisch und zuckte die Achseln. »Alles locker.« Sie grinste, als sie Annas Unbehagen bemerkte.
   Die Frühstücksgemeinde griff nach den Brötchen, nur Anna war der Appetit vergangen. Noch immer flatterten ungefähr hundert Schmetterlinge in ihrem Bauch herum und veranstalteten eine Party.
   »Erzähl mir, was geschehen ist«, bat Marla.
   Sie hatte schon wieder beinahe vergessen, was der Grund ihres Besuches war. »Meine Tante ist mir erschienen und sie war wütend. Sie hat mir richtig Angst gemacht, sie wollte meinen Körper.« Die Erinnerung an die vergangene Nacht ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
   »Ich dachte mir, dass etwas Ähnliches passiert.« Marla klang wenig überrascht.
   »Ja?« Anna zog eine Augenbraue hoch.
   »Mit Rachegeistern ist nicht zu spaßen. Eva war eine sehr starke Persönlichkeit, ihre Seele wird den Mord nicht auf sich sitzen lassen wollen.«
   »Was kann ich tun, damit das nicht noch mal passiert?« Über den Ausdruck Rachegeist versuchte sie, nicht nachzudenken, er klang gefährlich.
   »Salz«, fiel Sebastian ein.
   Fragend blickte sie ihn an. »Salz?« Woher wusste der Empath, wie man sich Geister vom Hals hielt?
   Er nickte. »Salz hält böse gesinnte Geister fern.«
   »Du solltest, solange du dein Talent nicht kontrollieren kannst, immer Salz bei dir tragen. Später benötigst du es nicht mehr«, erklärte Marla.
   »Heißt das, ich soll mir jetzt ein Päckchen Salz in die Tasche stecken?«
   Marla und Sebastian tauschten einen Blick. Der Empath knotete sich ein Lederband vom Hals, der Anhänger stellte ein kleines Kreuz dar.
   »Darf ich?«, fragte er. Er kam um den Tisch herum und stellte sich hinter sie.
   Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Körper aus und sein warmer Atem im Nacken bewirkte, dass sich ihre Kopfhaut zusammenzog. Sie schloss die Augen, als er das schwarze Band um ihren Hals legte. Ihr Herz klopfte arrhythmisch und setzte sogar ein paar Schläge aus.
   Seine kalten Finger am Hals jagten ihr einen Schauder über den Rücken. Sie seufzte leise auf, ohne es zu wollen. Als sie die Augen öffnete, saß Sebastian längst wieder am Tisch. Er vergrub das Grinsen in seiner Kaffeetasse.
   Anna riss sich zusammen und wandte sich Marla zu, aber auch die Hexe hatte ein unterdrücktes Lachen auf den Lippen.
   »O Mann, das ist ja gruselig. Ich revidiere meine Meinung, du bist Angst einflößend«, sagte Jenny am Ende des Tisches und blies die Wangen auf.
   Na, super, selbst dem Mädchen fiel auf, wie bescheuert sie sich benahm.
   »Das Kreuz ist aus Salzteig, nimm es nicht ab«, erklärte Marla und lächelte.
   »Gibt es eine Möglichkeit, dieses Talent wegzugeben?«, fragte Anna. Sie zerbrach sich schon die ganze Zeit den Kopf darüber.
   Marla schüttelte den Kopf, doch Sebastian antwortete an ihrer Stelle. »Klar, du könntest sterben.«
   Seine Stimme klang plötzlich kalt und sie erinnerte sich an den ersten Eindruck. Er konnte gefährlich sein, der letzte Zweifel verabschiedete sich.
   »Sebastian!«, empörte sich Marla. »Mach Anna doch nicht noch mehr Angst, sie ist doch ohnehin schon total überfordert!«
   »Nein, ist schon okay«, antwortete Anna fest. »Wenn das der einzige Weg ist, lehne ich dankend ab.«
   »Siehst du, sie versteht’s.« Sebastian zuckte die Schultern, aber seine Augen musterten sie, als wollte er sichergehen, dass seine Worte keinen Schaden angerichtet hatten.
   »Ich denke, du und Jenny geht besser ins Wohnzimmer weiterfrühstücken, ihr stört hier nur.«
   Das Grinsen zurück auf den Lippen erhob sich Sebastian bei Marlas Worten. »Bis später.«
   »Jenny?« Marla sprach ihre Tochter streng an.
   »Ich hab doch überhaupt nichts gemacht!« Trotzig richtete sich Jenny auf, sie wusste wohl, dass Marla keinen Widerspruch duldete.
   »So, schon besser.« Marla lächelte ihr zu und nickte. »Also, zu deiner Frage. Man kann ein Talent nicht weitergeben. Das ist erst nach dem Tod möglich. Der Beirat kann einem die Gabe entziehen, aber dies tut er nur, wenn das Gesetz grob verletzt wurde. Er wird dir deine Gabe nicht nehmen, selbst wenn du ihn bittest. Sie respektieren den Wunsch des Verstorbenen.«
   »Und wenn ich das Gesetz breche?« Beinah jeder Fehltritt wäre ihr recht, um diese entsetzliche Fähigkeit loszuwerden.
   »Glaub mir, das möchtest du nicht. Die einzigen Verstöße, bei denen sie dir dein Talent wegnehmen würden, wären ein Mord oder eine wirklich schwere Körperverletzung.«
   Anna schluckte. »O Gott …«
   Mehr als einmal hatte sie Sally in Gedanken bereits den Hals umdrehen wollen, aber natürlich meinte sie das nicht wörtlich. Anna tat keiner Fliege etwas zuleide und trug selbst die dicksten Spinnen in einem Glas nach draußen, wenn sie sich in ihr Zimmer verliefen.
   »Siehst du. Also wird dir keine Wahl bleiben. Du musst die Dinge lernen.«
   »Und du kannst mir dabei helfen?«
   »Ich bin zwar eine Hexe, aber ich weiß, wie ein Medium funktioniert. Also ja, ich schätze, ich kann dir helfen.«
   Mit einem Schlag erinnerte Marla sie an ihre Mutter. Ihr Gesicht verzog sich oft auf dieselbe Weise. Der Blick, der so viel hieß wie: Ich hab’s dir ja schon vorher gesagt und hier ist der Beweis.

8. Kapitel
Hexengeflüster

Marla verdonnerte Jenny und Sebastian zum Abwaschen. Anna folgte ihr nach draußen auf die Terrasse. Das Lächeln, das der Empath ihr beim Verlassen der Küche zugeworfen hatte, ließ sie jetzt noch kleine Herzchen sehen. Also doch rosa …
   Die Gartenveranda schien das Zentrum des alten Resthofs zu sein, jemand hatte sie liebevoll gestaltet. Vermutlich Marla, ihr Stil ließ sich bestimmt hier einordnen. Die rustikalen Rattansessel passten zum Flair des Hauses. Der Ausblick verlief sich in einer Unendlichkeit aus Feldern, die Sonne küsste die Wiesen mit ihren gelben Strahlen. Für einen Moment fühlte sich Anna wehmütig in den Norden versetzt und sie verliebte sich zum zweiten Mal an diesem Tag. Diesmal in Marlas Zuhause.
   »Also, was weißt du über die Talente?«, riss Marla sie aus ihren Gedanken.
   Anna zuckte die Achseln. »Nicht sehr viel. Ich weiß, dass es übernatürliche Begabungen gibt, die mittels eines Testaments nach dem Tod auf andere übertragen werden können. Irgendein Rechtsbeirat ist für die Gesetze der magischen Welt zuständig. Es gibt viele unterschiedliche Talente, aber ich bin sicher, ich kenne bloß einen Bruchteil.«
   »Das ist doch schon eine ganze Menge.« Marla schenkte ihr ein zuversichtliches Lächeln. »Kennst du die Geschichte, wo unsere Begabungen herstammen sollen?«
   Über den Ursprung der Talente hatte sich Anna noch keine Gedanken gemacht, jede Idee hätte ja doch wie ein Märchen geklungen. »Nein, ich kenne sie nicht.«
   »Möchtest du sie hören?«
   Sie nickte und einige Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht. »Sehr gern.«
   »Also …« Marla rutschte ein Stück näher an den Tisch heran. »Vor sehr langer Zeit schickte Gott einen Boten auf die Erde. Es waren schlimme Jahre und überall auf der Welt herrschten Hunger und Not. Diverse Seuchen durchquerten die Länder und sehr viele Menschen starben. Gottes Bote hatte den Auftrag, ein paar mutige und hilfsbereite Leute auszuerwählen. Es sollten Menschen sein, die mit reinem Herzen dazu bereit waren, selbstlos Hilfe zu leisten. Es dauerte ein paar Jahre, aber der Bote wurde fündig. Sieben Männer hatte er aufgespürt, die alles geben würden, um einen anderen zu retten. An diese sieben Männer verteilte der Bote jeweils ein mächtiges Talent. Dem Ersten überreichte er die Gabe des Heilens. Gegen viele Erkrankungen gab es damals noch kein Mittel und verschiedene Viren bedrohten das Überleben der menschlichen Rasse. Dem Zweiten schenkte der Bote die Fähigkeit des Fühlens. Er sollte sich in die Menschen hineinversetzen können und in der Lage sein, sie zu verstehen. Dem Dritten gab der Bote das Talent, in die Zukunft zu sehen, sodass er die Menschen warnen konnte, wenn wieder eine Katastrophe bevorstand. Die vierte Gabe, die der Bote verteilte, war die Besonderheit der Hexerei. Sie sollte dazu dienen, die Menschen zu beschützen. Die fünfte Gabe bestand aus der Kraft des Feuers. Der auserwählte Mann konnte durch bloße Willenskraft ein Feuer entzünden, denn Strom gab es damals noch nicht und im Winter erfroren viele Leute. Der sechste Mann erhielt die Fähigkeit, einen Geist zu beschwören. Durch das Wissen der Toten klärten sich viele Gräueltaten auf. Und das letzte Talent, das der Bote verteilte, war die Macht, die Gestalt zu wechseln. Wenn es darum ging, einen Menschen vor dem Ertrinken zu retten, so war es unglaublich nützlich, sich in einen Wal zu verwandeln, und wenn es darum ging, ein Rind zu erlegen, damit die Menschen etwas zu essen bekamen, so konnte der Gestaltwandler blitzschnell zu einem Löwen werden.«
   »Es gibt Gestaltwandler?« Anna fing Marlas Blick auf. Sie versuchte, sich bildlich vorzustellen, was die Hexe erzählte. Solche Geschichten eigneten sich hervorragend für ein Gruselfeuer. Nur dass es diesmal die Realität darstellte.
   »Ja, auch die gibt es«, antwortete Marla lächelnd.
   »Aber es waren nur sieben Männer, die der Bote in deiner Geschichte mit einem Talent ausstattete. Wie können wir dann so viele sein?« Anna erinnerte sich, dass Eva ihr erzählt hatte, es gäbe etwa 60.000 talentierte Menschen.
   »Das ist richtig. Die Geschichte ist ja auch noch nicht beendet. Diese sieben Männer, ausgestattet mit den unterschiedlichen Begabungen, gingen los, um die Menschheit zu retten und es glückte ihnen. Aber Gott hatte den Menschen zu sehr vertraut, denn er hatte eins nicht bedacht: Einen ehrenwerten und guten Vorfahren zu haben, machte nicht gleich alle Söhne und Töchter zu anständigen Personen. Die Talente aber wurden auf die Nächsten weitervererbt und genetisch weitergegeben. Jedes Kind, Enkelkind und so weiter erbte die besondere Begabung. Viele dieser Erben setzten ihre Macht falsch ein und sie wurden zur Bedrohung. Es dauerte Jahrzehnte, bis Gott dem Ganzen einen Riegel vorschob. Er sandte seinen Boten erneut auf die Erde, er sollte dort verweilen, um über die Begabungen zu wachen. Weil sich die Talentierten aber nicht von ihm ins Gewissen reden ließen und weiter ihre Macht demonstrierten, scheiterte der Bote an seinen Versuchen. Gott wurde sauer und nahm den Menschen die Möglichkeit, die Fähigkeiten auf dem genetischen Weg weiterzureichen. Seither können wir unsere Kräfte nur noch durch ein Testament vererben und Gott verlässt sich auf uns, dass wir mit Sorgfalt unsere Nachfahren wählen.«
   »Was ist aus dem Boten geworden?«, fragte Anna.
   »Er blieb noch eine Weile auf der Erde und passte weiterhin auf. Als alles wieder in geregelten Bahnen verlief, holte Gott seinen Engel zurück in den Himmel. Seine Nachkommen wachen noch heute über die Talente. Man sagt, sie sind unser Beirat.«
   »Wow, eine ziemlich interessante Geschichte.« Anna ließ das Erzählte auf sich wirken. Sie beobachtete ein Flugzeug am Himmel, das in Richtung Süden flog. Es hinterließ weiße Kringel, die sich zu den wenigen Wolken gesellten.
   »Ob es tatsächlich so war, weiß ich nicht. Es wird aber von allen Talentierten so weitergegeben.«
   Anna gehörte nicht zu den besonders gläubigen Menschen. Aber irgendwoher mussten die Fähigkeiten stammen und die Geschichte gefiel ihr.
   »Verstehst du jetzt, warum der Beirat dir dein Talent nicht nehmen wird? Eva hat dich auserwählt und beschlossen, dass du ein vertrauensseliger und guter Mensch bist. Du musst ihr Erbe fortführen und du musst achtsam damit umgehen. Es ist Gottes Wille.«
   Anna nickte, während sich eine Gänsehaut über ihre Arme zog. »Vermutlich hast du recht.« Die Vorstellung, dass Eva sie für gut hielt, bewirkte, dass sich eine wohlige Wärme in der Brust ausbreitete. Evas Vertrauen ließ ein paar Glückshormone durch ihren Körper tanzen.
   »Hast du irgendwelche Fragen?«
   »Ich kenne mehr als sieben Talente. Woher stammt der Rest?«
   »Als es noch möglich war, die Gaben genetisch weiterzugeben, kam es durchaus vor, dass sich unterschiedliche Talente miteinander verpaarten. So entstanden quasi Mischlinge, aber den Ursprung finden wir alle in den ersten sieben.«
   »Und der Beirat ist also unser Gesetz. Aber wie lautet es? Ich kenne keine einzige Regel.« Bei ihrem Glück hatte sie vermutlich unabsichtlich schon gegen ein paar Gesetze verstoßen, denn sie zog für gewöhnlich das Pech an wie der Nordpol die Kompassnadel.
   »Es gibt nicht viele Gesetze. Die erste Regel lautet, kein Mensch und kein Tier darf mutwillig durch ein Talent verletzt oder getötet werden. Außerdem ist es uns verboten, uns den normalen Menschen zu outen. Die Familie und auch enge Freunde sind von dieser Regel ausgenommen. Das letzte Gesetz besagt, dass man verpflichtet ist, einzugreifen, wenn man helfen kann, Leid abzuwenden.«
   »Na, die drei Sachen werde ich so gerade noch behalten können.« Sie seufzte. Gott sei Dank, sie hatte sich noch nichts zuschulden kommen lassen.
   Marla lachte auf. »Das solltest du schaffen.«
   »Wie beherrsche ich mein Talent?«
   »Es ist wie mit allen Dingen im Leben, eine reine Übungssache.«
   »Das heißt, ich werde es tun müssen?« Sie hatte gehofft, noch eine Schonzeit zu bekommen. An die letzte Begegnung mit Eva oder auch mit dem Schimmelreiter erinnerte sie sich ungern.
   »Wenn du nicht lernst, mit deinem Talent umzugehen, wird es dich eines Tages kontrollieren. Du musst es also versuchen und trainieren.« Marla blickte sie eindringlich an.
   »Ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll, bisher übermannt mich die Kraft einfach spontan.«
   »Ich werde dir helfen, wir werden es gemeinsam versuchen. Ich bin zwar nur eine Hexe und kann nicht viel ausrichten, aber ich kann dich zumindest anleiten.« Ihrem Nicken entnahm Anna Zuversicht.
   »Was heißt es überhaupt, eine Hexe zu sein? Kannst du Männer in Frösche verwandeln?«, fragte sie grinsend.
   »Nein, aber ich kann eine Kostprobe von dem geben, was ich so draufhabe. Soll ich?«
   »Auf jeden Fall!« Anna lächelte sie an. Wann hatte sie je eine Hexe zaubern sehen? Die Gelegenheit wollte sie unbedingt beim Schopf packen. Irgendetwas Gutes musste der Wahnsinn doch mit sich bringen.
   Marla warf ihre langen Locken über die Schulter. »Du wirst sehen, Anna. Ein Talent zu besitzen ist kein Fluch. Wenn man seine Gabe beherrscht, bereitet sie einem große Freude.«
   »Na, dann hoffe ich mal, dass du recht behältst. Sag mal, nennt man männliche Hexen eigentlich Magier?«
   Marlas Blick verdunkelte sich. »Nein. Männliche Hexen nennt man Hexenmeister und weibliche Magier heißen Magierinnen. Sie haben nichts miteinander gemeinsam.«
   »Wo liegt der Unterschied?« Anna hatte immer gedacht, beide Spezies würden zaubern. Marlas ablehnender Tonfall verwirrte sie.
   Sebastian betrat die Veranda. »Magier besitzen kein vererbtes Talent, ihre Macht fließt von Geburt an durch ihre Venen.«
   Er hatte sein T-Shirt ausgezogen. Seine vollkommene Schönheit stach Anna ins Auge, sodass sie sich auf die Lippe biss, um nicht aufzustöhnen. Er stellte eine Karaffe Eistee auf den Tisch und setzte sich zu ihnen auf die Terrasse.
   »So ein Angeber, oder?«, fragte Marla, lachte und deutete auf Sebastians durchtrainierten Oberkörper.
   Sebastian fuhr fort, ohne Marla einen Blick zu schenken. »Magier sind nicht menschlicher Natur und du solltest dich vor ihnen fürchten. Sie sind außerstande, menschliche Emotionen zu verspüren, und alles, was sie tun, machen sie nur aus einem Grund. Es bringt ihnen einen Vorteil oder zumindest eine Menge Spaß. Magier sind gefährlich, du wirst keinen unter ihnen finden, der es gut mit dir meint.«
   Anna versuchte, die Informationen abzuspeichern, aber das Gehörte löste sich unter seinem Anblick in Luft auf. Sicherheitshalber kontrollierte sie, ob ihr nicht schon Sabber aus den Mundwinkeln lief.
   »Anna?«
   Die Art und Weise, wie er ihren Namen aussprach, bereitete ihr eine Gänsehaut und ihr Puls beschleunigte sich mal wieder ums Doppelte. »Ich hab zugehört, Magier sind gefährlich«, antwortete sie zögerlich. Es klang mehr nach einer Frage, denn ihr Gehirn war kaum in der Lage, einen zusammenhängenden Satz aufzunehmen.
   »Bei Magiern handelt es sich immer um ganze Familien«, schaltete sich Marla ein. »Sebastian hat recht. Ihre Magie liegt in ihrem Wesen, sie besitzen keine weitergereichten Talente. Allerdings gibt es nur noch sehr wenige Magierfamilien und sie halten sich eher im Untergrund auf. Man sollte ihnen nicht zu nahe kommen.«
   Marla hatte ihr Interesse wieder und sie versuchte angestrengt, den Blick nicht erneut abschweifen zu lassen.
   »Wenn sie so gefährlich sind, wieso unternimmt der Beirat dann nichts gegen sie?«
   »Weil er nicht die Kraft hat. Magier sind stark und im direkten Kampf hätten wir keine Chance gegen sie. Außerdem gibt es kein Talent, das man ihnen entziehen könnte, und offiziell haben sie sich auch lange nichts zuschulden kommen lassen. Mehr oder weniger leben wir jetzt in Frieden miteinander.« Marla schenkte Eistee in die Gläser.
   »Ich hab gehört, du willst gleich eine Kostprobe deiner Hexenkünste geben?«, fragte Sebastian mit einem Zwinkern in den Augen.
   »Hast du uns belauscht?« Empört stemmte sie die Arme in die Hüften.
   Sebastian grinste frech. »Na, so etwas lass ich mir doch nicht entgehen.«
   »Na dann, ich bin gleich zurück.« Marla verschwand im Haus, Sebastian und Anna blieben allein zurück.
   »Wieso tust du das dauernd?«, fragte er neugierig.
   »Was denn?« Die Frage verwirrte sie und sie wagte einen Blick in sein Gesicht. Das eisige Blau brannte sich in ihren Verstand.
   »Jedes Mal, wenn du mich anschaust, beginnt dein Herz zu rasen und du vergisst zu atmen. Ich spüre deine Gefühle, aber ich verstehe sie nicht.«
   »Willst du mich verarschen? Die Blöße, dir das zu erklären, werde ich mir mit Sicherheit nicht geben.« Anna hörte ihr Blut in den Ohren rauschen und ihr Gesicht fing an zu brennen.
   »Du bist niedlich, wenn du so bist.«
   Ihr Herz machte einen Freudensprung, aber sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Natürlich sinnlos, der Typ war schließlich ein Empath. Die nächsten Minuten verbrachten sie mit Schweigen, aber sein Blick ruhte auf ihr. Ihr Körper bebte vor Anspannung.
   »Bereit für ein außergewöhnliches Erlebnis?« Endlich kam Marla zurück auf die Veranda. Sie trug einen dunkelblauen Umhang.
   »Das ist nicht dein Ernst«, sagte Sebastian in sarkastischem Tonfall und zog skeptisch eine Augenbraue hoch.
   Marla schüttelte sich vor Lachen. »Na, wenn ich schon mal eine Aufführung gebe, dann richtig und in passendem Outfit. Oder, Anna?« Sie drehte sich im Kreis, damit sie von allen Seiten bewundert werden konnte.
   »O nein, Mama ist schon wieder peinlich.« Jenny betrat die Terrasse und schüttelte den Kopf. »Du hast ´nen Knall.« Es schien nichts Neues für sie zu sein, ihre Mutter albern zu erleben.
   Marla zog drei Stühle vor und stellte sie in eine Reihe. »Ich werde es regnen lassen, setzt euch.«
   Anna schnappte sich den erstbesten Stuhl, Jenny ließ sich neben sie plumpsen. Gut, so musste sie wenigstens nicht neben dem halb nackten Sebastian sitzen. Die Notaufnahme im Krankenhaus hätte andernfalls sicher einen Herzinfarktpatienten auf dem Tisch liegen gehabt.
   Marla stellte sich mitten auf den Rasen. Sebastian eilte zu ihr und wandte sich dem Publikum zu. Die Hexe hob den Arm über ihren Kopf und der lange Umhang verdeckte ihr Gesicht. Anna gewann den Eindruck, dass sie das schon hundertmal so gemacht hatte.
   »Ladys, ich freue mich, Sie hier heute begrüßen zu dürfen.« Sebastian verstellte die Stimme, klang allerdings eher nach dem Nachrichtensprecher der Tagesschau als nach einem Showmaster. »Extra eingeflogen aus dem entferntesten Kaff Deutschlands, die unglaubliche Regentänzerin … Marla!« Ihren Namen zog er künstlich in die Länge.
   In Annas Ohren hörte es sich wie die schlechteste Michael-Buffer-Nachahmung aller Zeiten an. Nur schwer verkniff sie sich ein Lachen. Es passte überhaupt nicht zu ihm, sich für einen solch kindischen Witz zur Verfügung zu stellen, aber er hatte sichtlich Spaß. Seine Augen blitzten noch heller auf als gewöhnlich, als er Anna ein Lächeln schenkte. Dieser Auftritt machte ihn ein bisschen menschlicher, bisher kam ihr eher das Wort Halbgott in den Sinn, wenn sie ihn ansah.
   Sebastian richtete die Arme präsentierend auf Marla und spurtete zu seinem Stuhl. Marla entblößte ihr Gesicht und Anna applaudierte wie die anderen beiden. Sie lachten. Zum ersten Mal seit Evas Tod fühlte sie sich unbeschwert. Mit den Flügeln der Zeit flog die Traurigkeit davon und zusätzlich beförderten sie Anna auf Wolke Sieben.
   Marla schritt in seltsamen Bewegungen über den Rasen und glich einem Storch im Salat. Sie schwang ein Regenrohr in der Hand und rasselte damit im Takt. Sie murmelte etwas, aber Anna verstand nicht, was sie sagte. Gespannt beobachtete sie das Geschehen, ihr Anblick animierte allerdings zum Lachen. Sie fühlte sich unweigerlich an die alte Werbung mit den Äffchen erinnert, denn Marla sah aus, als hätte ihr jemand eine Duracell Batterie verpasst.
   »Sie könnte auch einfach die Formel aufsagen und ihre Kräuter vermischen«, flüsterte Jenny. »Aber sie hat es gern etwas extravagant.«
   Der Sommer nahm den Tag in Beschlag und es fiel schwer, sich vorzustellen, dass es gleich regnen sollte. Der Himmel erstrahlte in einem hellen Blau, sie sah kein Wölkchen am Firmament.
   »Seid ihr sicher, dass das funktioniert?«
   »Marla besitzt ein starkes Talent. Sie wird es schaffen«, antwortete Sebastian.
   Noch immer bewegte sie sich über den Rasen, allerdings sprach sie die Formel inzwischen laut. Ein Luftzug streifte Anna, Wind kam auf. Erstaunt richtete sie den Blick zum Himmel, die anderen taten es ihr gleich. Eine dunkle Wand raste wahnsinnig schnell auf sie zu. Lilafarbene und schwarze Wolken breiteten sich über dem Himmel aus und türmten sich zu gigantischen Luftschlössern auf. Der Wind kühlte spürbar ab, als hätte jemand die Klimaanlage eingeschaltet. Das Ereignis, das sich anbahnte, verwandelte den Himmel auf schaurig-schöne Weise in ein dunkles Farbenmeer.
   Marla schien ihrer Formel verfallen, Anna glaubte nicht, dass sie die anderen noch wahrnahm.
   Irgendwelche Kräuter warf sie hoch in die Luft und ihre Stimme besaß einen rauchigen Nachklang. Ein Blitz durchkreuzte das Himmelszelt und für eine Sekunde spiegelte sich das Licht in den Feldern wider. Anna zuckte zusammen, obwohl ihr Gewitter sonst keine Angst machten. Sie schaffte es nicht, den Blick abzuwenden. Mit einem Schlag begann es, in Strömen zu regnen. Jenny sprang auf und hüpfte auf die Wiese, lachend drehte sie sich im Kreis.
   »Kommt her! Es ist unbeschreiblich schön!«
   Der Regen fiel in dicken Tropfen, die aufgeheizten Terrassenfliesen begannen leicht zu dampfen. Marla hörte auf zu sprechen und blieb stehen. Sie reckte die Nase dem Himmel entgegen und ließ sich den Regenguss auf das erhitzte Gesicht prasseln.
   »Komm!« Sebastian schwang sich vom Stuhl und ergriff Annas Hand.
   Ihre Welt drehte sich augenblicklich und sie stolperte, während er sie eilig hinter sich herzog. Sie schaffte es nicht, sich zu fangen, und fiel zu Boden, ihr Knie schlug an den Fliesen auf. Blut tropfte auf die Terrasse. Sebastian blieb erschrocken stehen.
   »Alles okay?« Behutsam zog er sie auf die Füße.
   »Nichts passiert.«
   Die Welt drehte sich weiterhin und Sebastian gab ihre Hand frei, wohl wissend, dass er es ausgelöst hatte.
   »Das war zu viel für einen Tag.« Marla eilte zu ihnen und die Wolkenwand löste sich buchstäblich in Luft auf. »Lasst uns reingehen.«
   Sebastian bot ihr erneut die Hand an. »Brauchst du Hilfe?«
   Anna schüttelte den Kopf, aus Angst, bei seinem Tempo erneut zu stürzen. Die Tatsache, dass nicht nur seine Geschwindigkeit Schuld an dem Unfall trug, verdrängte sie schnell in den hinteren Teil ihres Kopfes. Mit humpelnden Schritten folgte sie den anderen ins Haus. Der kalte Stoff des Rockes klebte an ihren Beinen und das aufgeplatzte Knie verlor noch immer Blut, das ihr in die Schuhe lief.
   »Wir verarzten deine Wunde und ich gebe dir was Trockenes zum Anziehen.« Marla verschwand im Badezimmer und kam mit einem Erste-Hilfe-Set zurück.
   Sebastian nahm ihr das Pflasterband ab. »Ich mach das schon, war schließlich meine Schuld.«
   Anna setzte sich auf einen Küchenstuhl, Sebastian kniete sich vor sie. Vorsichtig tupfte er das Blut mit einem Tuch von ihrem Knie. Die Wunde sah nicht schlimm aus. Seine kalten Finger berührten ihre Haut. Anna kniff die Augen zusammen. Wieso fühlte sie sich in seiner Gegenwart so schwach und verletzlich? Sie fand keine Antwort auf die Frage. Sebastian betrachtete nachdenklich das rot verfärbte Tuch. Anna hob die Lider und wunderte sich über den Anblick, als er schnell ein Pflaster auf ihr Knie klebte.
   »Fertig«, sagte er und fing ihren Blick auf.
   Ihn aus nächster Nähe betrachten zu dürfen, machte ihn noch schöner. Er lächelte sie an und erhob sich.
   »Ich habe dir frische Kleidung ins Bad gelegt.« Marla deutete ihr mit einer Kopfbewegung den Weg.
   Keine zehn Minuten später betrat Anna in Marlas Dress das Wohnzimmer.
   »Sebastian fährt dich nach Hause«, sagte Marla.
   »Ich nehme die Bahn.« Die Antwort schoss aus ihr hinaus. Der Gedanke, allein neben ihm im Wagen zu sitzen, machte sie nervös.
   »Sei nicht albern.«
   Aber Anna zwang sich, standhaft zu bleiben. »Nein, wirklich. Ich muss den Tag erst mal verarbeiten.«
   »Kommst du morgen zum Üben?« Es klang nach einer Bitte, nicht wie eine Frage.
   Anna nickte. »Ja, wann soll ich da sein?«
   »Komm gegen Abend. Sebastian will mit Jenny ins Kino, das heißt, wir sind ungestört.«
   Anna umarmte Marla zum Abschied und hob grüßend die Hand in Richtung der beiden anderen.
   »Mach’s gut, Anna«. Wieder hörte es sich besonders an, wie Sebastian ihren Namen aussprach.
   Wenn dich jemand liebt, sagt er deinen Namen anders, erinnerte sich Anna an Evas Worte. Obwohl sie damals noch nicht mal das Schulalter erreicht hatte, erschien es ihr, als wäre es gestern gewesen. Sie beherrschte sich, nicht vor Freude in die Luft zu hüpfen, und verließ eilig das Haus. Was für ein Tag!

9. Kapitel
Schattenwelt

Als Anna aufwachte, stellte sie fest, dass sie die Nacht ohne Zwischenfälle hinter sich gebracht hatte. Zudem erinnerte sie sich nicht daran, geträumt zu haben. Das Salzkreuz an ihrem Hals zahlte sich aus. Dabei war ihr Weltbild böse ins Schwanken geraten. Grundsätze und Prinzipien verschoben sich und eine Realität, von der sie zwar wusste, aber sie nicht fühlte, stellte plötzlich ihr gesamtes Leben dar. Nach dem Besuch bei Marla hatte sie nicht geglaubt, überhaupt einschlafen zu können.
   Anna streckte die Glieder und stieg aus dem Bett. Sie musste den Wecker im Schlaf ausgestellt haben, denn die Sonne stand bereits im Süden. Ein Zeichen, dass es auf Mittag zuging. Ihr Körper sehnte sich nach einem Kaffee, deshalb lief sie gleich in die Küche.
   »Anna?« Sally bequemte sich aus dem Wohnzimmer und warf die blonden Locken über die Schulter. Sie hielt ein Buch in der Hand.
   Ein dumpfes Gefühl breitete sich in Anna aus und mühselig versuchte sie, den Ärger hinunterzuschlucken. Paps fuhr in der Regel sehr früh zur Arbeit und öffnete seine Arztpraxis vor vielen anderen Kollegen. Er gehörte zu den Fleißigen. Sally ging keiner Arbeit nach. Sie ließ sich gut und gern aushalten.
   »Was gibt´s?«
   »Ich möchte etwas mit dir besprechen, hast du mal fünf Minuten?«
   Auf Tage, die so schlecht begannen, verzichtete sie nur zu gern. Frauentratsch mit Sally … Der liebe Gott kannte kein Erbarmen. »Wenn es sein muss?«
   Sie schnappte sich eine Tasse und setzte sich an die Küchenbar. Sally kletterte auf den Hocker gegenüber. Sie spielte mit einer Haarsträhne und Denkfalten bildeten sich auf ihrer Stirn. Nachdenklich hob sie den Blick.
   Anna hoffte, es ging um den üblichen Versuch, ihre Freundschaft zu erwerben.
   »Anna, ich weiß, ich bin nicht gerade die Frau, die du dir an der Seite deines Vaters wünschst«, begann die blonde Zicke ungewohnt unsicher.
   »Schön, dass du das weißt.«
   »Aber es ist nun mal, wie es ist. Ralph und ich, wir lieben uns. Dein Vater hat mich gefragt, ob ich seine Frau werden möchte und ich habe Ja gesagt.«
   Anna verschluckte sich fies an ihrem Kaffee und hustete ihren Frust hinaus. »Das ist nicht dein Ernst?«
   Sally legte ihre linke Hand auf den Tisch. Ein protziger Ring, verziert mit einem unbekannten Edelstein, schmückte ihren Ringfinger.
   »Findest du das richtig?« Sie klang unfair.
   So direkt sagte sie Sally die Meinung sonst nicht ins Gesicht.
   Aber einmal musste es ausgesprochen werden. Sie wollte schließlich keine Schuld daran tragen, wenn ihr Vater in sein Verderben rannte.
   »Ob ich das richtig finde? Ich habe mich sehr gefreut, aber ich hatte auch Angst vor deiner Reaktion. Wie ich sehe, war sie berechtigt.« Sally blickte sie aus traurigen Kulleraugen an, aber Anna fiel nicht darauf rein.
   Schlimm genug, dass sich der Verstand aller Männer ausschaltete, sobald Barbie den Raum betrat. »Ich meine nicht den Antrag meines Vaters. Ich meine das alles hier. Du tauchst aus dem Nichts auf und zerstörst die Ehe meiner Eltern. Du setzt dich ins gemachte Nest und lässt dir von meinem Vater alles bezahlen. Angefangen von teuren Designerschuhen bis hin zum luxuriösen Fünfsterneurlaub! Findest du nicht, du hast ihn lange genug ausgebeutet?«
   Sally stiegen Tränen in die Augen. »Das ist sehr gemein, Anna. Ich habe deinen Vater nie um etwas gebeten. Im Gegenteil. Mir ist es immer unangenehm, wenn er mir Geschenke macht.«
   »Und wieso suchst du dir dann nicht einfach einen Job? Hast du Angst, dir könnte ein ach so perfekt manikürter Fingernagel abbrechen, wenn du zur Abwechslung mal einen Handschlag tust?«
   Sally schluchzte.
   Die Fassungslosigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie versuchte sichtlich, sich zu sammeln und erhob sich von ihrem Stuhl. »Ich wollte eigentlich noch etwas ganz anderes mit dir besprechen, aber es war wohl ein Fehler, nach Absolution zu suchen.« Mit dem Buch dackelte sie heulend zurück ins Wohnzimmer.
   Anna schüttelte den Kopf und sah ihr nach. Wenn Sally in einer Sache gut war, dann darin, eine Show abzuziehen. Das Donnerwetter, das sie später erwarten würde, malte sie sich schon aus. Aber ihr Vater war auch so ein Trottel! Wollte er tatsächlich dieses Püppchen heiraten? Himmel, jemand musste ihm auch noch das letzte bisschen Verstand geraubt haben. Gut, dass sie bald achtzehn wurde, dann brauchte sie sich das Dilemma zumindest nicht lange zu geben.

*

Sebastian lenkte den Sportwagen die gepflasterte Auffahrt hinauf. Der edle Winkelbungalow befand sich am Ende einer Privatstraße. Durch die bodentiefen Fenster konnte er ins Haus spähen, entdeckte aber niemanden. Bevor er die Wagentür schloss, erschien Kira im Eingang des Wohnhauses.
   »Da bist du ja endlich! Konntest du was erreichen?«
   Kira wischte sich eine schwarze Strähne aus dem Gesicht und sah ihn erwartungsvoll an.
   Sebastian drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die rot geschminkten Lippen. »Lass uns das drinnen besprechen.«
   »Der Rest sitzt im Garten. Dein Vater schlägt einen nach dem anderen im Schach.«
   Sebastian folgte ihr durch den Flur, den teure Ölgemälde schmückten. Eine dicke Staubschicht bedeckte sie. Niemand in diesem Haus hielt sich dafür verantwortlich, einer banalen Tätigkeit wie dem Putzen nachzukommen.
   »Welch seltener Gast«, witzelte sein Bruder Josh. Der Nachdruck der Aussage schmeckte fahl.
   Seit Franks Tod ließ er sich zu Hause kaum blicken. Marla brauchte ihn. Die Tatsache, dass er vielleicht nicht nur deshalb für sie da war, um ihr Misstrauen nicht zu wecken, ignorierte er bisher erfolgreich. Der Gedanke durchlief ihn nur kurz, dann verbarg er ihn erneut tief.
   »Hi.«
   Er küsste seiner Mutter auf die Wange und klopfte seinem Vater auf die Schulter. Jonathan Fingerless war in sein Schachspiel vertieft und reagierte nicht.
   »Schachmatt«, sagte er schließlich und setzte Joshs König matt. »Ein Moment der Unachtsamkeit reicht aus. Wie oft muss ich meine Söhne das noch lehren?«
   Sebastian setzte sich neben seine Mutter, Kira drängelte sich auf seinen Schoß.
   »Was gibt es zu berichten?« Das Familienoberhaupt sah ihn eindringlich an.
   »Nicht viel. Ich darf der Hexe gegenüber nicht aufdringlich werden, sie schöpft sonst Verdacht. Sie hat ohnehin schon das Gefühl, dass ihr Mann nicht einfach beim Klettern starb.«
   »Hm. Ist es ihr Talent überhaupt wert, zu warten?« Thea Fingerless verzog skeptisch das Gesicht. »Ich meine, was kann sie schon, was wir nicht können?«
   »Sie hat die Macht über die Elemente. Ich habe sie einen Regen beschwören sehen.«
   »Glaubst du denn, sie wird dich als Erben einsetzen? Sie hat doch eine Tochter.«
   »Sie wird Jenny ihr Talent nicht vermachen. Sie versucht, ihre Tochter um jeden Preis zu schützen, und vertritt die Ansicht ihres Mannes, dass Magie einem Menschen das normale Leben verdirbt.«
   »Wie lange wirst du schätzungsweise noch brauchen?« Jonathan steckte sich eine Zigarre zwischen die Lippen. Den menschlichen Lastern verfiel er öfter.
   »Zwei, vielleicht drei Wochen. Aber, was viel interessanter ist, das Medium ist aufgetaucht.«
   »Die Erbin dieser Eva?«
   »Ja und ich behaupte, sie hat mich gern. Meine Empathengabe ließ es mich deutlich spüren. Sehr verwirrend, solche Gefühle zu empfangen.« Wie er in ihrer Gegenwart empfand, ließ er besser aus. Er wusste ja nicht einmal sicher, ob es wirklich seine Gefühle waren, die zu ihm sprachen.
   »Ihre Tante hatte Schneid. Eine Schande, dass die wenigen Menschen, die ein Leben verdient haben, immer die sein müssen, die sich uns in die Quere stellen wollen«, sagte Jonathan und nahm einen tiefen Zug seiner Havanna.
   Kira lehnte die Wange an Sebastians Schulter und sah zu ihm auf. »Ich hab doch hoffentlich keinen Grund zur Eifersucht?«, hauchte sie ihm ins Ohr.
   Grinsend schüttelte Sebastian den Kopf, aber Josh hatte die leise Frage gehört.
   »Hast du, Kira. Ich lese es in seinen Gedanken.«
   »Du bist echt nervig, Josh. Seit du diesem Gedankenleser sein Talent abluchsen konntest, bist du so was von unerträglich. Nicht mal umgehen kannst du mit der Gabe. Pfusch dir doch erst mal selbst im Hirn rum«, giftete Kira.
   »Warten wir ein paar Tage ab und sehen, welches Talent sich Sebastian zu eigen machen kann. Geben wir ihm die Zeit, die er für nötig hält. Schließlich sind wir ja nicht auf der Flucht und haben keinen Grund zur Eile.« Jonathan beendete damit den aufkommenden Streit.
   Eine Familie sollte zusammenhalten, die Ansicht vertrat er schon sein Leben lang. Nur gemeinsam konnte man etwas erreichen.
   »Im Übrigen habe ich auch etwas zu erzählen.« Stolz grinste Kira in die Runde. »Ich habe die Feuerlegerin getötet.« Drei Opfer in einer Woche zu erlegen, gebührte in ihren Augen Respekt.
   »Du konntest sie dazu bringen, ihr Testament zu schreiben? Die Frau war das Misstrauen in Person!« Sebastian blickte ihr in die dunklen Augen und lächelte. Ihn verblüffte sie schon lange nicht mehr. Offensichtlich bekam Kira immer, was sie wollte.
   Kira schüttelte die schwarze Mähne. »Sie hat ihren Sohn als Erben eingetragen. Aber rate, bei wem ich mich morgen als Babysitter vorstelle?«
   »Du bist so was von link, hat dir das schon mal einer gesagt?« Kira küsste ihn auf die Nase. »Danke, Kompliment gern angenommen.«
   »Ich muss wieder los. Ich habe der Hexe versprochen, mit ihrer Tochter ins Kino zu gehen.«
    Josh stöhnte auf. »Du mutierst noch zu einem richtigen Weichei. Ich erkenne dich gar nicht wieder, Bruder. Was ist los? Ich dachte, es wäre mal wieder Zeit für einen Männerabend?«
   Sebastian zuckte die Schultern. »Muss die Empathengabe sein, oder die Lust auf ihr Talent.« Er schubste Kira von seinem Schoß und erhob sich.
   »Nächstes Mal haben wir aber ein bisschen Zeit für uns?« Kira verzog das Gesicht zu einem bittenden Ausdruck.
   Diese Miene stand ihr nicht gut.
   »Versprochen.«
   »Du solltest Kira in der Tat so langsam einen Antrag machen. Sie hat es sich verdient, den Namen Fingerless zu tragen.« Jonathan zwinkerte ihm zu.
   Sebastian verkniff sich eine Antwort, denn die, die ihm durch den Kopf schoss, erschrak ihn. Mit eiligen Schritten verschwand er im Haus, um so schnell es ging zurück zu Marla zu fahren.

*

Die Unruhe in ihrer Magengrube bereitete Anna fast Übelkeit. Das Gespräch mit Sally und die Tatsache, dass sie ihren Vater heiraten würde, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
   »Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?« Marla erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte.
   »Familienstreitigkeiten, nichts Wichtiges«, antwortete sie und legte ihre Tasche auf den Küchentisch.
   »Wenn du dein Talent benutzen möchtest, solltest du einen freien Kopf haben. Also spuck’s schon aus.«
   Energisch schüttelte sie den Kopf. »Ich will nicht darüber reden, es wird mich nicht behindern.«
   Mit skeptischem Blick deutete Marla auf das Wohnzimmer. »Dann lass es uns versuchen. Ich habe schon einiges vorbereitet.«
   Die heruntergezogenen Jalousien ließen kein Tageslicht ins Zimmer und einzig ein kleiner Kreis aus Kerzen erhellte den Raum. Zwischen den Teelichtern lagen Blüten, deren Art sie in dem Halbdunkel nicht erkennen konnte. Eine zarte, weiße Linie verband die Leuchten miteinander. In der Mitte des Kreises lagen zwei dicke Sitzpolster.
   »Wow, so hat es bei Eva auch immer ausgesehen.«
   »Siehst du, das alte Hexenweib ist ein Genie.« Marla grinste. »Setz dich.«
   Anna stieg über die brennenden Kerzen und ließ sich auf eines der Kissen fallen. Marla tat es ihr gleich.
   »Zuerst erkläre ich dir den Beschwörungskreis, du musst gut zuhören.«
   Anna nickte und eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Körper aus. Die Atmosphäre war unheimlich und ihre Gestalten warfen lange, dunkle Schatten an die weiße Wand.
   »Die Kerzen hier leuchten den Seelen den Weg zu uns. Auch deine Aura wird für sie strahlen, aber das zusätzliche Licht hilft den Geistern, sich zu orientieren. Der Lavendel …«, Marla deutete auf die Blüten, »… hat eine beruhigende Wirkung. Die Seelen sind aufgebracht, wenn man sie aus der Ewigkeit reißt, und auch dir hilft es, dich zu konzentrieren. Die dünne Linie ist nichts anderes als Salz. Du weißt ja bereits, dass es böse gesinnte Geister fernhält.«
   Das Salzkreuz um ihren Hals lag warm auf ihrer Haut. Die Erinnerung daran, wie Sebastian es ihr umgelegt hatte, ließ ihr Herz hüpfen.
   »Glaubst du, du kannst dir das merken?«
   »Ja, ich schätze schon. Wen werden wir herbeirufen?« Die Vorstellung, gleich mit jemandem zu sprechen, der nicht mehr lebte, bereitete keine besondere Freude.
   »Niemanden. Die erste Regel, die du dir hinter die Ohren schreiben solltest, besagt, dass wir den Geistern besser keinen Zutritt in unsere Welt verschaffen. Zwar hält das Salz die wirklichen Racheseelen fern, aber so manch freundlich gesinnter Mensch kommt auf dumme Gedanken, wenn er Heimweh verspürt.«
   »Du sprichst dauernd von Rachegeistern und Racheseelen. Auch Eva soll jetzt so ein Ding sein. Was bedeutet das?« Der Begriff bereitete ihr ein ungutes Gefühl im Magen.
   »Rachegeister finden keinen Frieden im Jenseits. Ihre Rachlust frisst sie auf. Sie können es nicht steuern und eigentlich sollten sie uns leidtun. Meist handelt es sich um Seelen, die in unserer Welt noch eine Rechnung zu begleichen haben. Sie versuchen, sich einen Weg hierher zu verschaffen.«
   Annas Herz zog sich zusammen. Eva fand keinen Frieden? Der Gedanke ließ sie erschaudern. »Ich muss meiner Tante helfen, wenn sie leidet.«
   Marla blickte sie traurig an. »Das werden wir, Anna. Aber noch bist du nicht bereit dazu.«
   »Was macht die Rachegeister gefährlich?«
   »Eine starke Persönlichkeit kann Besitz von einem Medium ergreifen und ist fast nicht mehr auszutreiben. In der Geschichte endete so etwas oft in einem Blutbad.«
   Anna schluckte schwer. Dass eine Begabung riskante Seiten aufwies, hatte sie bereits verstanden. Aber dass die Gefahren tödlich sein konnten … Sie schüttelte sich innerlich.
   »Wie nehme ich Kontakt auf? Muss ich ins Jenseits eindringen?« In eine Welt voller Tote hineinzuspazieren gehörte nicht zu den Dingen, die sie auf ihre To-do-Liste gesetzt hatte.
   »Nein, nur ein wirklich erfahrenes Medium sollte diesen Schritt wagen. Deine Seele könnte auf der anderen Seite verloren gehen. Du triffst die Geister in der Schattenwelt, denn sie ist neutraler Boden.«
   »Was muss ich tun?« Die Neugier kitzelte sie trotz der Warnungen, die Marla aussprach. Sie verspürte den starken Drang, es zu versuchen.
   »Bist du bereit? Wir werden heute keine Seele aus dem Jenseits rufen. Ich möchte, dass du erst Vertrauen in die Schatten bekommst und einen Eindruck gewinnst. Am Anfang kann es dort wirklich unheimlich sein.«
   »Ich soll nur reinmarschieren?«
   Marla nickte. »Für den Anfang genügt das.«
   »Okay, dann mal los.«
   »Du musst genau das tun, was ich dir sage. Du wirst mich die ganze Zeit hören können. Ich als Hexe kann lediglich deine Kräfte kanalisieren. Ich werde dich nicht begleiten.«
   Annas Herz klopfte in unnatürlichem Rhythmus, aber es brannte ihr unter den Nägeln, es auszuprobieren. Das Adrenalin verdrängte den Teil, der sich sträubte.
   »Schließ die Augen, Anna. Du musst dich frei von allen Dingen machen. Versuche, an nichts zu denken, und die Geräusche um dich herum auszublenden.«
   Sie befolgte Marlas Anweisungen und bemühte sich, ihren Kopf auszuschalten. Das Gelingen stellte sich als schwierig heraus. Die neuen Informationen wollten zunächst einmal verarbeitet werden. Sie konzentrierte sich stärker, aber die Gedanken kreisten unablässig um die Erwartungen dieses Erlebnisses.
   »Ich kann nicht an nichts denken.«
   »Dann stell dir einen kleinen Punkt vor, konzentriere dich auf ihn. Vielleicht ist das einfacher.«
   Anna atmete tief durch und rief sich einen kleinen Punkt vor ihr geistiges Auge. Zuerst kam sie sich albern vor, aber es funktionierte. Ihre Gedanken schweiften nicht mehr ab und sie fokussierte den runden Fleck. Er hing irgendwo im Nirgendwo und hatte Ähnlichkeit mit einem verlorenen Stern.
   »Super, Anna. Und jetzt geh in dich. Du musst die Stimme deiner Begabung finden.«
   Sie erinnerte sich an die leise Melodie, die sie manchmal hörte, ohne dass sie es darauf anlegte. Angestrengt lauschte sie in sich hinein. Ihr Herz schlug laut und kräftig, aber es hatte sich beruhigt. Das Blut rauschte durch ihren Körper, doch die Stimme ihrer Gabe blieb stumm. »Es funktioniert nicht, da kommt nichts.«
   »Hab Geduld, es braucht Zeit.«
   Marla klang meilenweit entfernt. Der winzige Stern begann sich zu bewegen. Er verschwand an den Rand ihres Blickfeldes, ohne dass sie versuchte, ihn in Gedanken fortzuschieben. Sie sog Luft zwischen den Zähnen ein. Ihre Umgebung hellte auf, Licht durchbrach die Dunkelheit.
   Obwohl sie die Augen nach wie vor geschlossen hielt, flackerte der Schein der Kerzen am Rande ihres Sichtfeldes. Eine wohlige Wärme ummantelte sie und in der Ferne ertönte eine leise Melodie. Diesmal erkannte Anna sie. Es war das Schlaflied, das ihre Mutter immer für sie gesungen hatte.
   Ein dunkler Schatten bewegte sich auf sie zu. Sofort raste ihr Herz wie wild.
   »Marla? Hier ist irgendwas.« Ihre Stimme bebte.
   »Anna …« Marla flüsterte ihren Namen.
   Anna riss panisch die Augen auf, um aus dem Schattenreich aufzutauchen. Marla saß noch vor ihr, sie lächelte.
   »Ich kann das nicht, da war irgendwas.«
   »Schau an die Wand«, antwortete Marla mit ruhiger Stimme und deutete mit einer Kopfbewegung an die Wohnzimmertapete.
   Sie keuchte auf. Einen Moment setzte ihr Herzschlag aus und genehmigte sich eine Pause von der anstrengenden Raserei. Das Blut wich ihr aus den Gliedern. Zu den Schatten hatten sich einige weitere gesellt. Zwischen den Kerzen hockten vier Gestalten, sie bewegten sich nicht.
   »Was ist das?« Sie suchte den Kreis ab, aber die Umrisse der Erscheinungen ließen sich nur in den Schatten erkennen.
   »Das sind Schattenwesen.«
   Der Ausdruck klang nicht gerade ungefährlich. »Was wollen sie?«
   »Sie wollen nichts, hab keine Angst. Diese Seelen befinden sich noch im Übergang. Sie schweben zwischen Leben und Tod.«
   »Können sie uns sehen?«
   Marla schüttelte sanft den Kopf. »Nein, aber vermutlich können sie dich spüren.«
   »Muss ich irgendwas tun?« Die Angst ebbte langsam ab, doch das unheimliche Gefühl beschlich sie weiterhin. Mit großen Augen sah sie die Wesen an und biss sich auf die Unterlippe.
   »Du kannst nichts tun. Sie müssen ihren Weg allein finden.«
   »Sie gehen in den Tod?« Der Gedanke, dass irgendwo auf der Welt genau diese Menschen starben, ließ Tränen in ihr aufsteigen. Sie liefen ihr die Wange hinunter und tropften ihr T-Shirt nass.
   »Die meisten schon, nehme ich an. Aber sie tun es von allein.«
   »Ganz schön gruselig. Wie werden wir sie wieder los?« Anna wollte nicht länger die sterbenden Seelen betrachten. Es kam ihr falsch vor.
   »Blas die Kerzen aus. Wenn die Magie des Kreises bricht, werden sie ihren Weg fortsetzen.«
   Langsam richtete sie sich auf und pustete nach und nach die Kerzen aus. Die Schattenwand ließ sie dabei nicht aus den Augen. Auch Marla saß nicht länger auf ihrem Platz, sondern bewegte sich durch das mittlerweile düstere Zimmer und knipste das Licht an.
   Der Spuk verrauchte. Ihre Gliedmaßen wogen schwer wie Blei. Ihr Kopf dröhnte und sie unterdrückte ein Gähnen.
   »Komm, wir gehen in die Küche und trinken einen Tee. Lassen wir den Kreis für das nächste Mal einfach aufgebaut.«
   Sie folgte Marla aus dem Wohnzimmer und wunderte sich, als ihr Blick auf die Küchenuhr fiel. Es war spät geworden, obwohl nach ihrem Empfinden nur ein paar Minuten vergangen waren.

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