Was, wenn alles, an das du bisher geglaubt hast, eine einzige Lüge ist? Das Leben, das du geführt hast, nichts weiter war als ein inszeniertes Possenspiel, in dem du unfreiwillig die traurige Hauptrolle gemimt hast? Immer dichter zieht sich das Netz ihrer Verfolger um Sora und ihre Freunde zu. Auf der Flucht vor Rafaels Brüdern und verraten von himmlischen Mächten, gibt es für den Wächter des Lichts nur noch zwei Dinge, die zählen: der Schutz der Heilsbringerin und Sora, der Frau, die er mehr als alles auf der Welt liebt.

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ISBN: 978-9963-52-531-7

Seiten: 269

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Ylvi Walker

Ylvi Walker wurde in den späten Siebzigern in Deutschland geboren. Sie wuchs mit allerlei Getier in einem idyllischen Dörfchen auf. Ihr Berufswunsch stand schon relativ früh fest und sie ist konsequent dabei geblieben. Entgegen ihrer persönlichen Vorliebe für die Farbe schwarz, trägt sie beruflich weiß. Das Schreiben entdeckte sie bereits in jungen Jahren für sich. Ihre Kurzgeschichten füllen etliche Notizbücher, doch nur wenige eignen sich für die Publikation. Erst in der Elternzeit mit ihrer Tochter widmete sie sich ihrem ersten großen Schreibprojekt: einem Vampirroman, den sie bis heute keinem Verlag vorgestellt hat.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Das Blut in seinem Mund scherte Rafael nicht. Nach dem Angriff des Servants auf Sora brach Rafael ihm umgehend das Genick. Mitleid war fehl am Platz. Der Punk, der gewiss nicht zu Samis Saufkumpeln gehört hatte, war ein Geistsklave.
   Kaum, dass auch die fleischliche Hülle des Mannes tot war, warf sich Rafael über Sora und schirmte sie mit seinem Körper vor den Tritten der Angreifer ab. Im Einstecken war er gut. Außer Blutergüssen und Prellungen konnten sie ihm keine ernsthaften Verletzungen zufügen. Sie ließen schnell von ihnen ab. Einen Geistsklaven zu lenken, war anstrengend; sechs, ein Kraftakt sondergleichen, der dem Puppenspieler ein besonders hohes Maß an Disziplin abverlangte. Die lebenden Toten gingen nach wenigen Minuten ihrer Wege, wohl in der Annahme, dass Sora so schwer verletzt war, dass es keine Rettung mehr für sie gab. Ihr Herz schlug, das spürte er, doch sie war verwundet und brauchte dringend Hilfe. Der Geistsklave hatte ihr das Messer mit äußerster Gewalt in den Bauch gerammt.
   Rafael verging vor Angst um Sora und sein ungeborenes Kind. Adrenalin schoss durch seine Venen und verlieh ihm die Stärke, aufzustehen. Rafael nahm Sora auf seine Arme und rannte so schnell er konnte von diesem unsäglichen Friedhof. Er schrie. Im Tumult hatte er sein Handy verloren. Erst, als er inmitten einer Menschenmenge war, blieb er stehen. Er brüllte immer weiter um Hilfe und hoffte, dass sein Flehen erhört wurde.

Kapitel 1

Seine erste Handlung nach dem Erwachen bestand darin, meinen Bauch zu berühren. Ein Fehler, wie sich herausstellte, denn es tat höllisch weh. Mein Bauchbewohner war noch bei mir, wie der Tritt gegen die schmerzende Bauchdecke bewies. Meine Maus fühlte sich im Moment gleichermaßen unwohl wie ich, dessen ungeachtet fiel mir vor Erleichterung ein Stein vom Herzen.
   »Ihr geht es gut. Auch wenn es sich alles andere als charmant anhört, der Chefarzt meinte, dass dein Bauchspeck ihr das Leben gerettet hat.«
   Warme Finger strichen über meine Stirn. Es waren nicht die von Rafael, den ich im Moment an meiner Seite wissen wollte.
   »Es tut mir leid. Ich habe euch in diese Situation gebracht. Hätte ich mehr Mumm gehabt, wäre es nie dazu gekommen.« Sur seufzte und nahm meine Hand.
   »Dein kleiner Fan meint, das sei Schwachsinn«, sagte ich. »Wo ist Rafael?«
   »Dem geht es gut. Er war nur fix und alle, wollte dennoch unbedingt bei dir bleiben.« Sur zeigte auf einen Sessel in der Ecke. »Niamh hat ihm ein leichtes Beruhigungsmittel untergejubelt. Er musste sich ausruhen, ist jedoch rumgewuselt wie ein tasmanischer Teufel. Sei ihr bitte nicht böse. Er hat es wirklich gebraucht, um runterzukommen.« Sur streichelte meine Hand. »Er hat mich total zusammengestaucht. Das habe ich auch verdient.« Er stieß einen langen Seufzer aus. »Ich habe die Männer aufgespürt und getötet. Es waren Geistsklaven, auch Servante genannt. Sie sind hirntot, sobald der Puppenspieler in ihren Geist eindringt und sie lenkt. Das ist kein angenehmer Tod. Gott sei Dank können Engel das nicht bei uns oder gar Schattenwandlern tun. Einer davon war der Exmann meiner Mutter. Meiner Mutter. Ich bin echt sauer. Wenn ich gewusst hätte, dass sie bis vor drei Jahren am Leben war, hätte ich nach ihr gesucht. Ich hätte die Möglichkeit gehabt, sie kennenzulernen.« Das Timbre seiner Stimme klang, als wäre er den Tränen nahe.
   »Hat Rafael dir das gesagt?« Meine Sicht wurde klarer. Vor allem dank der Brille, die mir Sur vorsichtig auf die Nase gesetzt hatte.
   »Nein, er hat mich nur angeschrien. Ich war auf dem Friedhof, ich musste ja nach den Typen suchen. So hab ich es auf die harte Tour erfahren.«
   Sur wirkte verloren wie ein kleines Kind, das ich am liebsten in die Arme geschlossen hätte.
   Er senkte den Kopf und wischte über seine Nase. »Ich war in der Wohnung dieses Sami. Dort gab es Bilder von meiner Mutter. Selbst wenn es schäbig ist, hab ich sie mitgenommen und den auch.« Er zeigte mir einen Ring. »Besser, als dass irgendwelche Geier darüber herfallen und ihn für Stoff verhökern. Das muss ihrer gewesen sein. Es steht Samis Name drin.« Es war ein niedlicher Goldring, filigran gearbeitet mit einem winzigen Diamanten, ganz klar für eine Frauenhand bestimmt. »Es sollte wohl nicht sein. Sie hat ein weiteres Mal geheiratet, aber wen, das weiß ich leider nicht.« Sur zog die breiten Schultern hoch. »Es soll wohl nicht sein.«
   »Kylmänen, Nähe Kitee. Einen Halbbruder und eine Halbschwester. Wäre doch gelacht, wenn wir die nicht finden können.« Ich versuchte, ihn aufzumuntern. Es war fies, dass Rafael ihn derart auflaufen ließ. Ein Strahlen erhellte sein vormals betrübtes Gesicht.
   »Du bist klasse.« Er küsste mich überschwänglich auf die Wange. »Ruh dich aus, Kugelfischchen, damit ihr zwei bald wieder fit seid.«
   »Du hättest nicht mitgehen und im Auto warten sollen«, sagte Rafael unfreundlich. »Es ist Heiligabend, wir sollten in einer lauschigen Hütte sitzen …«
   »Vor dem knisternden Kamin und einen Eierpunsch trinken. Letzteres scheidet im Moment aus. Oder kann man das Zeug auch ohne Alkohol kaufen? Gut, anstelle von Eierpunsch eben einen Tee und Plätzchen, warme Kuscheldecke, nur wir.« Ich grinste und zeigte auf Sur, der soeben über seine Füße stolperte. Niamh konnte ihn gerade noch am Arm festhalten, sonst wäre er mit der Nase voran in den Schnee geplumpst. »Es ist witzig. Das musst du zugeben.«
   Ein Lächeln voll Genugtuung lag auf Rafaels Gesicht.
   »Siehste. Ich wette mit dir, dass er kein Wort rauskriegt, und Niamhs vorlaute Klappe ist kontraproduktiv. Die Tür ist schneller wieder zu, als du Amen sagen kannst. Obendrein möchte ich es mir nicht entgehen lassen, Surs Verwandtschaft kennenzulernen, wenn seine Halbgeschwister nur halb so nett sind wie er.« Ich klopfte Rafael auf den Oberarm. »Du warst die letzten Tage so gemein zu ihm. Hör auf damit. Das ist ein Befehl.«
   »Es ist nur …« Er legte seine Hand auf meinen Bauch. »Vor nicht einmal zehn Tagen hatte ich Angst, dich zu verlieren. Ich möchte dich schützen.«
   »Das verstehe ich, doch ich kann mich nicht verstecken und ich will bei Sur sein in diesem Augenblick. Er ist nervös und braucht seine Freunde. Vor allem braucht er seinen besten Freund, dich.« Ich drehte mich einmal um meine Achse, atmete tief die frische und kühle Luft ein. »Dieser Ort ist wunderschön. Ein kleines Häuschen inmitten der Natur. Ein See vor der Haustür, Bäume, eine Sauna. Ich denke, hier wohnen keine psychopathischen Killer, und so viele Haken, wie wir geschlagen haben, da dürfte es schon mit dem Teufel zugehen, falls sie uns ausfindig machen.« Ich zog ihn hinter mir her in Richtung Haus. »Dieses Sprichwort sollten wir umdichten. Den Höllenfürsten habe ich in all der Zeit nie gesehen, dafür etliche, ziemlich fiese Engel.«
   »Dem gefallenen Morgenstern möchtest du sicher nicht begegnen«, murmelte Sur geistesabwesend. »Hab ich zumindest gehört.«
   Wir hatten die Tür des Farmhauses erreicht, doch Sur stand nur da und starrte wie paralysiert auf den Klingelknopf.
   »Lass mich reden«, sagte Niamh sanft und nahm ihm die Aufgabe ab.
   »Es wäre besser, wenn ich spreche, Sur. Ich bin ein wenig diplomatischer und feinfühliger als deine heißblütige Irin.«
   Es waren die ersten Worte, die Rafael mit Sur am heutigen Tag wechselte, dabei hatte Sur mich so süß geweckt. Vor meinem Zimmer hatte ein Tablett mit duftendem, frisch gebrühtem Kaffee gestanden. Dazu einige Scheiben selbst gebackenes Brot, mein Lieblingskäse, zwei Eier – Sur hatte sogar an meinen sturen Halbengel gedacht – knackiges Obst und Gemüse. Ein Glas Multivitaminsaft, das ich seit meiner Schwangerschaft jeden Morgen trank, und einen Muffin, auf dem mit bunter Zuckerschrift Happy Birthday geschrieben stand, nebst einer kleinen kunterbunten Kerze. Es war schlichtweg reizend gewesen. Es machte jedoch Rafaels Idee zunichte, mich zum Frühstück auszuführen. Er war ein wenig verstimmt, hatte sich dennoch dazu herabgelassen, mit mir zu frühstücken.
   »Ich sollte das tun.« Niamhs Blick traf den von Rafael.
   »Lass ihn, Baby.« Sur zog sie an sich. »Er kann das in der Tat besser als wir. Rafael ist der Quatschkopf von uns.«
   Während sie sich lebhaft unterhielten, hörte man Schritte im Haus. Die Haustür wurde unmittelbar von einem jungen Mann geöffnet. Die familiäre Ähnlichkeit zu Sur war frappierend. Kurze hellblonde Locken, Mitte zwanzig, blaue Augen, hochgewachsen und muskulös.
   »Hallo«, sagte er zurückhaltend, als niemand von uns einen Ton von sich gab. Ein weiteres zaghaftes Hallo folgte, das von einem skeptischen Gesichtsausdruck begleitet wurde. »Wenn ihr eine Spende wollt: Wir haben längst gespendet. Zudem ist es äußerst ineffektiv, zu schweigen, sofern man etwas haben möchte.«
   Er sprach Englisch. Anscheinend sahen wir nicht wie die typischen Finnen aus. »Obwohl die werdende Mama und der Fußlahme auf den Krücken Potenzial haben. Die beiden anderen zerstören den Charme aber ruckzuck. Bodybuilder und arrogante Schnöselzicke.« Der Mann zog die Augenbrauen hoch. »Ist das ein verkapptes Josef-und-Maria-Ding?«
   Er zeigte, mit einem Schelm im Blick, den ich zuvor bereits oft bei Sur gesehen und lieben gelernt hatte, auf meinen Schwangerschaftsbauch. Lachend strich ich über meine Kugel. »Nein, die Kleine soll weitere acht Wochen drinbleiben. Na ja, nicht mehr ganz, aber einen guten Monat wollte ich ihr noch Unterschlupf gewähren.« Ich reichte dem Mann meine Hand, die er ohne zu zögern nahm.
   »Juha, ich bin der Sohn des Hauses, so sagt man doch.«
   Er lachte einnehmend und zerschlug damit die letzten Zweifel über das Verwandtschaftsverhältnis. »Ich bin Sora. Das ist Rafael, mein Mann.« Ich stellte ihn meist als meinen Ehemann vor. Das vereinfachte die Sache ungemein. Juha reichte ihm die Hand.
   »Wie meine bezaubernde Frau mich bereits vorstellte: Ich bin Rafael. Die beiden Schweigsamen sind Suriel und seine Freundin Niamh, die für gewöhnlich nicht so zugeknöpft sind, und nein, wir wollen keine milde Gabe. Wir würden Ihnen gern ein paar Fragen stellen. Wenn möglich, auch Ihrer Schwester.« Rafael überlegte kurz. »Henni, so ist ihr Name, oder? Ich habe leider ein desaströses Namensgedächtnis.«
   »Was für Fragen wären das?« Juha lehnte sich abwartend mit verschränkten Armen an den Türrahmen.
   »Es geht um Ihre Mutter.« Rafael hob beschwichtigend die Hand. »Ich verstehe, falls Sie das misstrauisch macht. Ich würde nicht anders reagieren. Wir könnten uns auch an einem neutralen Ort treffen. Jeden x-beliebigen Fremden würde ich gleichfalls nicht in mein Haus bitten.«
   »Ich weiß nicht.« Juha verzog den Mund zu einem Schmollmund.
   Noch etwas, das typisch für Sur war.
   »Wer ist an der Tür, Juha?«
   Eine rothaarige Frau, etwa im Alter des Mannes, drängte sich an ihm vorbei. Sie trug eine Küchenschürze und brachte den Geruch nach Backschinken und Pfefferkuchen mit sich, der mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
   »Oh, suchen Sie eine Herberge?« Die Frau schob sich die Haare hinter die Ohren und lächelte kokett.
   »Das hatten wir schon, Henni. Es ist nicht das Maria-und-Josef-Ding. Sie wollen mit uns über Mama sprechen.« Juhas Ton war ernst, jede Freundlichkeit gewichen.
   Während all dem schwieg Sur noch immer beharrlich. Er gab nicht einen Ton von sich und zeigte nicht eine Gemütsbewegung.
   »Über Mama. Gabriel sagte, dass du irgendwann kommen würdest, um Fragen über Mutter zu stellen, Suriel.« Sie stieß einen Ton der Freude aus.
   »Du meinst, er ist«, Juha straffte sich, lehnte nicht mehr im Türrahmen, »der Suriel?«
   Henni verdrehte theatralisch die Augen. »Himmel, er hat die gleiche Fresse wie du. Er sieht dir verteufelt ähnlich, und wenn ich mir seine Mimik im Moment ansehe, weiß ich, was als Nächstes passiert. Also bitte ich euch herein, damit Suriel nicht mit dem Gesicht nach vorn auf den Holzdielen der Veranda landet.«
   Henni verfrachtete uns in ihr riesiges Wohnzimmer mit der angrenzenden Küche, aus der verführerischer Essensgeruch strömte. Das Haus war heimelig eingerichtet und entsprechend der Festtage weihnachtlich dekoriert.
   »Mein Vater ist mit meinen Kindern in der Stadt. Sie müssten bald heimkommen. Er hat mal wieder vergessen, Geschenke zu kaufen. Weihnachten kommt immer so unerwartet«, rief Henni freudig erregt aus der Küche. »Was zum Trinken? Keinen Alkohol, ich weiß, nicht nur wegen der schwangeren Frau.« Sie kam mit einem Tablett zurück. »Eine alkoholfreie Variante des typisch finnischen Glöggis, an und für sich für Kinder. Keine Sorge, wir haben genug für alle da.« Sie nahm gegenüber von mir und neben ihrem schweigsamen Bruder Platz. »Ich hab mir dich ein bisschen anders vorgestellt. Du bist ja», sie plusterte sich und hob die Arme zu einer skurrilen Geste, »breit.«
   »Er war noch breiter.« Ich kicherte. »Wohingegen er mir so bedeutend besser gefällt, als in diesem Schwarzeneggerstyle.«
   »Er hat Mamas Nase geerbt wie Juha.« Henni fasste ihr langes rotes Haar im Nacken zusammen. »Wer ist der Rest von euch? Gabriel meinte ja, dass Sur kommen würde. Dass er einen Tross von Leuten mitbringt, darüber hat er kein Sterbenswörtchen verloren.«
   »Gabriel?«
   Sur war völlig neben der Spur, davon zeugte das erste Wort, das er von sich gab. Weder Rafael noch ich hatten ihm von den Indizien erzählt, die für oder gegen Gabriel sprachen. Rafael, weil er bis gerade eben tödlich beleidigt war. Ich hatte geschwiegen, weil ich keinerlei falsche Hoffnungen in Sur wecken wollte.
   »Du bist kein Mann großer Worte, wie mir scheint. Ja, Gabriel war hier. Er kam einmal im Jahr und war ein langjähriger Freund unserer Mutter. Als sie vor fünf Jahren an Krebs erkrankte, kam er weitaus öfter. Im Grunde genommen hatte er gehofft, dass sie noch leben würde, wenn du irgendwann nach deinen Wurzeln suchen würdest. Das lag leider nicht mehr in ihren Möglichkeiten. Gabriel war ein guter Freund und eine echte Stütze, als Mama so schwer erkrankte. Für sie, aber auch für uns.« Henni lächelte Sur mild an. Sie griff über den Tisch hinweg nach seiner Hand. »Als Kind habe ich nie verstanden, warum ich einen Bruder habe, der nicht bei uns sein durfte. Als wir älter wurden, taten sich uns natürlich Fragen auf.« Sie machte eine Kopfbewegung zu ihrem Bruder.
   »Gabriel veränderte sich überhaupt nicht.« Juha wandte sich uns zu. »Er alterte nicht. Als Kindern konnte man uns das noch verkaufen, aber mit dem Alter drängten wir auf Antworten.« Juha grinste. »Er ist ein Engel. Einer der Engel. Wir mussten ihm versprechen, dass wir es niemandem außer dir gegenüber erwähnen.« Er riss die Augen auf. »Wir haben uns verquatscht, Henni. Droht uns jetzt der Engelszorn? Wir wissen überhaupt nicht, wer die anderen sind.«
   »Wir sind die Guten«, sagte ich.
   »Das soll ich dir einfach so glauben? Ich meine, was weiß ich von euch? Nichts.« Juha sah mich scharf an.
   »Mein Name ist Sora Sonata Krieger. Ich bin die Tochter eines Menschen und eines Inkubus.«
   Er zuckte vor mir zurück. »Du bist ein Schattenwandler. Und der Rest?«
   »Ich bin Rafael Vigil und wie Suriel ein Halbengel, ein Wächter.« Rafael schlang den Arm um mich.
   »Ihr seid ein Paar? Ein Schattenwandler und ein Wächter? Interessant.« Henni legte den Kopf schief. »Das Baby ist von ihm?«, fragte sie an mich gewandt.
   »Ja, das ist sie«, erwiderte ich.
   »Ein Mädchen? Ich habe einen Jungen, Mikki, fünf Jahre alt. Meine Tochter Jemina ist drei. Unsere Mutter hat ihre Geburt noch miterlebt.« Henni seufzte gedämpft. »Wer ist die Dame an deiner Seite, Suriel?«
   Sie stellte die Frage wohl bewusst an ihn, um ihn aus der Reserve zu locken.
   »Das ist Niamh O’Reilly, meine Freundin«, sagte er sehr leise.
   »Ein Mensch?«
   »Ein Vampir«, antwortete Sur und räusperte sich.
   »Bis vor Kurzem war ich ein Mensch.« Niamh stöhnte.
   »Ein Vampir, wow!« Juha musterte sie. »Du gehst bei Sonnenlicht nicht in Flammen auf?«
   »Genauso wenig wie du«, sagte Niamh in ihrer uns vertrauten, liebenswürdigen Weise. »Bevor eine weitere dumme Frage kommt: Ich liebe Knoblauch.« Sie zog das kleine goldene Kreuz unter ihrem Pullover hervor. »Und Weihwasser tangiert mich gleichermaßen nicht.«
   »Frau mit Biss, in vielerlei Hinsicht. Unsere Mutter hatte ebenfalls eine ausgeprägte Persönlichkeit und mir sagt man dies desgleichen nach.« Henni nickte temperamentvoll.
   »Ja, Niamh kann ein Schatz sein.« Rafael sah gleich wieder versöhnlich zu Niamh. »Aber sie ist eine äußerst gute Ärztin und hat ein integres, vollkommen loyales Wesen. Auch wenn sie oft Gift und Galle spuckt, würde ich ihr mein Leben anvertrauen.«
   Niamh war für einen winzigen Moment sprachlos. »Du schmierst mir Honig um den Mund, alter Schmeichler. Ich ahne, was du damit bezweckst, doch meine Entscheidung steht. Es sind nur noch sieben Tage, die kriegst du auch mit den Krücken rum. Im neuen Jahr legen wir los. Du solltest nicht zu übermütig werden. Mit der Aktion auf dem Friedhof hätte alles nichtig sein können, dann wären wir wieder an dem Punkt, an dem wir begonnen haben.«
   »Das hab ich nicht nur aus diesem Grund gesagt.«
   »Nicht nur, siehste?« Niamh kicherte.
   »Sind die immer so witzig?«, fragte Henni verschwörerisch an mich gewandt.
   »Ununterbrochen. Es kann gelegentlich jedoch nerven.« Ich gab einen dramatischen Seufzer von mir, der mir Rafaels volle Aufmerksamkeit bescherte. »Wir sind wegen Sur hier. Er hat viele Fragen, auch wenn er im Moment so schweigsam ist. Eigentlich ist er eine immer gut gelaunte Quasselstrippe.«
   »Juha, würdest du bitte das Kästchen aus Mutters Zimmer holen?«, fragte Henni. »Ihr bleibt zum Essen. Keine Widerrede. Von dem Schinken wird eine ganze Meute satt und unser Papa wird Suriel kennenlernen wollen.«

Die Begrüßung von Hendrik, Hennis und Juhas Vater, war reserviert, jedoch nicht übel gesinnt. Er war ein eigenbrötlerischer Mann, der seine Kinder und vor allem seine Enkel vergötterte. Neuerungen gegenüber schien er skeptisch. Nach dem üppigen Essen – Henni hatte beschlossen, dass wir uns erst stärken mussten, bevor sie mit Sur über ihre Mutter sprachen – öffneten die Kinder ihre Geschenke. Es herrschte Leben und eine ausgelassene Stimmung erfüllte das Haus.
   Hendrik gähnte herzhaft. »Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Kinder schlafen gehen. Zweifellos möchten sie mit ihrem Vater telefonieren, der heute leider nicht hier sein kann. Er hat seinen Flug verpasst. Ich gehe mit ihnen nach oben und bringe sie danach ins Bett.«
   »Danke, Papa.« Henni nickte dankbar und nahm einen Schluck von ihrem Punsch.
   Hendrik hatte die Hälfte der Treppe bereits hinter sich, da drehte er sich zu uns um. »Sora, du bist bestimmt müde und möchtest dich ein wenig ausruhen. Im Dachgeschoss ist ein kleines Apartment, das Juha eine Zeit lang bewohnt hat. Wenn ihr mich begleiten möchtet?«
   Rafael machte keine Anstalten, Hendriks Angebot anzunehmen.
   Ich konnte seine Sorge um Sur verstehen. Er wollte seinem Freund beistehen, doch der hatte Niamh an seiner Seite und würde uns spätestens morgen früh von allem berichten. Eher noch heute Abend, wie ich ihn kannte. »Ich bin tatsächlich müde. Können wir nach oben gehen?« Mein Ellbogen landete in Rafaels Rippen. Subtilität war kein Männerding. Nicht einmal, wenn die Subtilität selbst von einem Mann kam.
   »Ich möchte nicht, dass …«
   Er kam nicht mehr dazu, mir weiter zu widersprechen. Mein Ellbogen traf ihn erneut in die Rippen, was ihn dieses Mal sogar ein »Au« raunen ließ.
   »Dein Knochen ist verflucht spitz. Du bist also der Meinung, dass wir Sur allein lassen sollen in der Situation? Mir ist nicht wohl dabei«, wisperte er mir ins Ohr. »Er ist bereits total überfordert mit dem Kram.«
   »Er ist nicht allein.« Ich machte eine Kopfbewegung zu Niamh, die Surs Hand mit ihren fest umklammert hielt. Sie unterhielt sich mit Henni. Die Frauen verstanden sich ausgezeichnet. Sur beobachtete das Ganze still, wirkte dabei aber nicht mehr so verloren wie vor wenigen Stunden. »Er packt das.« Ich küsste Rafael auf die Schläfe.
   »Das ist mir angenehmer als dein Ellbogen in den Rippen«, flüsterte er, bevor er mir einen Kuss auf die Lippen hauchte. »Sora hat recht. Es ist an der Zeit, dass wir uns verabschieden, und wenn Hendrik uns so nett einlädt, nehmen wir sein Angebot mit Freude an.«
   »Aber natürlich. Ihr seid zu Weihnachten unsere Gäste. Meine Evi hatte immer gern Leben in der Bude. Das wäre nach ihrem Geschmack gewesen. Ich zeige euch das Apartment.«
   »Sur.« Rafael nickte ihm zu. »Wenn etwas ist …«
   »Schrei ich.« Sur lächelte zufrieden. »Feiert noch schön. Nicht, kleines Christkind?« Er zog mich zu sich hinunter. »Du machst mir das wunderbarste Weihnachtsgeschenk meines Lebens. Danke«, sagte er fast tonlos in mein Ohr.
   »Gern geschehen.« Überschwänglich küsste ich ihn auf die Wange. »Wenn du etwas brauchst, zögere nicht zu fragen. Wir sind oben.«
   »Danke, Kugelfischchen. Und jetzt ab, sonst bekommst du dein Weihnachts- und Geburtstagsgeschenk nicht.« Sur zwinkerte mir zu.
   Er wusste augenscheinlich wieder mehr als ich.
   Ich war in die bequemeren Klamotten geschlüpft, die Juha wenige Minuten später gebracht hatte. Umstandsklamotten von Henni. Dem kleinen Apartment merkte man rundherum den Charme eines Jungenzimmers an, mit den blauen Vorhängen und den Fußballpostern. Das schmale Bett war jedoch frisch bezogen mit Blumenbettwäsche.
   »Denkst du, wir passen da zu zweit rein?« Rafael küsste von hinten meinen Nacken und legte die Hände auf meinen Bauch.
   »Wird eng. Schon im nicht schwangeren Zustand wäre es problematisch.«
   »Dann schlaf ich auf der Couch. Das ist kein Problem. Selbst in legerer Kleidung siehst du atemberaubend schön aus.«
   »Sofern man auf Wale steht.« Ich zuckte mit den Schultern und schälte mich aus seiner Umarmung. »Und wenn wir bei Walen sind: Unser Kind schreit bereits erneut nach Nährstoffen. Ich werde nach dieser Schwangerschaft aussehen wie eine Seekuh.«
   »Nein, wirst du nicht, und falls doch, dann wie eine äußerst bezaubernde Seekuh.«
   »Charmant, Halbengel.«
   »Fast genauso charmant wie du, mein kleiner Halbdämon«, säuselte er in mein Ohr. »Ich hatte den heutigen Tag völlig anders geplant.«
   »Ich hatte überhaupt nichts vor. Ich bin kein Partymensch. Es mag sein, dass sich alles ein wenig anders entwickelt hat, als von dir ausgeheckt, doch durchaus in eine positive Richtung. Mir gefällt es.« Ich lächelte ihn an, völlig mit mir im Einklang. Sur zufrieden zu sehen, war ein wundervolles Geschenk und wärmte mir das Herz. Diesen Tag so zu begehen, war die angemessene Entscheidung gewesen, und ich bereute keine einzige Minute. »Sur ist glücklich, auch wenn er ein kleines bisschen wortkarg scheint. Er ist überwältigt von all dem.«
   »Ja, das ist wunderbar.« Rafael küsste meine Stirn.
   Sein betörend männlicher Geruch stieg mir in die Nase und weckte die Sehnsucht nach weitaus mehr, als ihn nur zu küssen.
   »Soll ich dich ins Bett bringen?«, fragte er anzüglich.
   »Würde ich dir nicht empfehlen. Ich habe zwei gesunde Beine. Ich kann allein dort hingehen.«
   »Du meinst, aufgrund der wenigen Kilos, die du zugenommen hast? Wie viel hast du an Gewicht zugelegt? Fünf oder sechs Kilo? Sora, du bist schwanger, da nimmt man ein paar Kilos zu. Lass den Schwachsinn von wegen, du bist zu füllig. Du bist weiblich, hast Kurven und dein angeblicher Bauchspeck, den ich bisher vergebens gesucht habe, hat unserem Kind das Leben gerettet.« Er zog mich fester an sich und küsste mich auf die Stirn.
   Ich schwelgte in seiner süßen Nähe, genoss jede seiner zärtlichen Berührungen. Ein wohliger Schauder lief über meinen Rücken. »Ich meinte damit eher die Tatsache, dass du mein Gewicht, egal, ob schwanger oder nicht schwanger, im Moment nicht mit dir rumhieven solltest.« Ich wollte seinen männlichen Stolz nicht kränken. »Noch brauchst du die Gehhilfen.« Ich nickte zu den Krücken, die achtlos auf dem Boden neben ihm lagen. »Du solltest nichts riskieren. Dein Gewicht dürfte für den Anfang ausreichend sein.«
   »Danke für die Erinnerung.«
   Er klang pikiert. Ihm missfiel wohl der Gedanke an diese Schwäche.
   »Deine Sorge um mich rührt mein Herz, doch es ist nicht vonnöten, mich daran zu erinnern.«
   Mit einem kecken Lächeln auf den Lippen strich er mir durch das Haar. Seine Hand glitt sanft hindurch, meinen Rücken hinab zu meinem Po. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Allein seine simplen Liebkosungen brachten mein Blut in Wallung.
   »Ich hatte einen Tisch in einem Restaurant reserviert. Ein vorzügliches Restaurant. Keine gehobene Klasse, jedoch außerordentlich gutes Essen in einem ansprechenden Ambiente.«
   »Schade. Aber das hier ist doch auch angenehm. Das Essen war gut und die Gesellschaft nett. Das war das erste Mal, dass ich das Weihnachtsfest in einer Familie gefeiert habe. Selbst mit Tobi hatte ich das nie. Er war mit seinen Eltern verkracht.«
   »Unsere Art Weihnachten zu zelebrieren bestand darin, zu singen, und zwar den lieben langen Tag. Ich habe es gehasst und war meist befreit. Meine Stimme muss schrecklich gewesen sein. Mir kam es gerade recht.« Rafael grinste vorwitzig. »Heute gibt es gleich zwei Dinge zu feiern: deinen Geburtstag und Weihnachten.« Er zog mich die drei Schritte zum Bett hinter sich her. »Der Restaurantbesuch sollte mein Geburtstagsgeschenk für dich sein, aber mein Weihnachtsgeschenk …« Er griff in seine Hosentasche, zog etwas heraus und fiel vor mir auf die Knie. »Ich«, er wischte sich über die Stirn, das kleine Kästchen fest in der anderen Hand, »benehme mich wie ein Idiot. Das ist nicht gerade klassisch. Es ist eine beispiellose Peinlichkeit.«
   »Nein, das ist es nicht.« Mein Herz holperte vor Aufregung, unterdessen hielt ich den Atem an. Ich nahm seinen Kopf zwischen meine Hände und hob ihn an, ehe ich wieder wagte, Luft zu schöpfen. »Du musst nichts sagen. Ich verstehe es auch so.« Meine Worte kamen aus tiefster Seele. In meinem gesamten Leben war ich mir keiner Sache derart sicher gewesen wie der Zuneigung zu ihm. »Ich liebe dich, Rafael.«
   »Ich wollte dir etwas schenken und jetzt das.« Er schlug sich mit der Handfläche vor die Stirn.
   »Fang doch mit dem Inhalt des Kästchens an. Oder ist das nur zur Verzierung?« Ich zeigte auf das Samtetui in seiner rechten Hand.
   »O ja, natürlich.« Er öffnete es mit zitternden Fingern, holte einen Ring heraus und nahm meine Hand. »Ich sollte vermutlich irgendetwas Romantisches sagen, aber mein Kopf ist wie leer gefegt.«
   »Hoffen wir mal, dass du das bei unserer Hochzeit besser hinbekommst.«
   »Machst du mir einen Antrag?«
   Ich vernahm Entrüstung in seiner Stimme.
   Was solche Dinge anging, war Rafael altmodisch. Es oblag ihm, dies zu tun, und es war exakt das, was ich mir wünschte. »Du hast den Ring.« Ich erinnerte ihn an seine maßgebliche Rolle bei diesem Antrag und zeigte auf das Schmuckstück, das er noch immer in den Händen hielt. So gern hätte ich einen Blick darauf geworfen, doch er behielt ihn fest in seiner Faust. Das Warten zerrte an meinem Nervenkostüm.
   Rafael lachte mitreißend. »Das stimmt. Okay, ich probiere es noch einmal. Erwarte keine brillanten Worte von mir. Ich wäre in diesem Augenblick froh, meinen Namen richtig schreiben zu können. Es fällt mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.«
   »Schon gut«, sagte ich, obwohl ich vor Anspannung verging.
   »Sora Sonata Krieger.« Er räusperte sich laut. »Ich möchte, dass du meine Frau wirst.«
   »Das ist keine Frage, sondern eine Feststellung.« Ich kicherte, nahm meinen Worten jedoch gleich wieder die Luft aus den Segeln. »Es ist auch mein Wunsch, dass du mein Mann wirst, Rafael«, antwortete ich.
   Mit zitternden Händen, aber einem glückseligen Lächeln auf den Lippen, schob er den breiten Weißgoldring auf meinen rechten Ringfinger.
   »Mo anam cara, meine verwandte Seele.« Er stand auf und deutete auf die Außengravur in einer altertümlichen Schrift.
   Der Ring war von einer schlichten Schönheit, ohne viel Glamour, gleichwohl mit einer tiefen Bedeutung. Er war exakt so, wie ich mir meinen Verlobungsring vorstellte.
   »Jetzt sind wir verlobt.« Er küsste mich auf den Mund und streichelte über den Ring an meiner Hand. »Du entscheidest, wann und wo. Von mir aus sofort. Je früher, desto besser.«
   Ich zog ihn zu mir auf das Bett. Es war lange her, seit wir miteinander geschlafen hatten. All der Stress, obendrein die Sache mit der Messerverletzung. Rafael behandelte mich wie eine Prinzessin, verhätschelte und verwöhnte mich. Vielleicht eine Kleinigkeit zu sehr. Ich sehnte mich nach ihm, nach dem ganzen Mann. Nicht, dass es mir an Zuneigung mangelte. An zärtlichen Berührungen, Liebkosungen und Küssen kam ich nicht zu kurz. Die erotische Komponente war jedoch vollständig eingeschlafen. »Ich will mit dir schlafen und damit meine ich nicht, dass wir nebeneinander die Nacht verbringen. Ich will Sex.« Ohne weibliche Subtilität hatte ich es auf den Punkt gebracht.
   »Ich mache dir einen Heiratsantrag, und du willst mich vernaschen.« Belustigung spiegelte sich auf seinen attraktiven Zügen wider. »Was sagt deine Mitbewohnerin dazu?«
   »Ist eingeschlafen. Sie mag zwar recht aufgeweckt sein für ein ungeborenes Kind, aber davon kriegt sie, auch dank meines Bauchspecks, nicht allzu viel mit. Ich möchte keine wilde Hau-drauf-Nummer.« Ich ließ meine Finger spielerisch über die Knopfleiste seines Hemdes wandern und zog es aus dem Bund seiner Jeans.
   Rafael drückte mich auf das weiche Bett, legte sich neben mich und öffnete den Reißverschluss meiner Jacke. »Dann hättest du dich nicht anziehen müssen.«
   »Hättest du es besser hingekriegt, mir einen Antrag zu machen, wenn ich nackt gewesen wäre?«, fragte ich ihn und grinste.
   »Zweifellos nicht. Vermutlich hätte ich keinen zusammenhängenden Satz mehr zustande bekommen.«
   Ich küsste die Spitze seiner Nase. »Danke für das grandiose Weihnachtsgeschenk.«
   »Ich schulde dir noch das Geschenk zum Jahrestag deiner Geburt.«
   Er küsste die Seite meines Halses, übersäte die Haut mit Küssen, zart wie die Berührung eines Schmetterlingsflügels. Ein sinnliches Kribbeln überzog meinen Körper. »Sex als Geburtstagsgeschenk? Das hatte ich noch nicht, doch ich bin allzeit offen für Neues.«
   Rafael streichelte über meinen Bauch, streifte die Jacke von meinen Schultern und warf sie auf den Boden. »Ich habe nie verstanden, was Männer an einer schwangeren Frau finden. Hübsch, niedlich, sicher, aber reizvoll? Bei dir revidiere ich meine Meinung. Du bist höllisch sexy, selbst jetzt.«
   Er schob seine Hand unter mein Shirt. Die Berührung hinterließ ein Prickeln auf meiner hoch empfindsamen Haut und ließ die Lust punktgenau in meiner Mitte aufflammen. Ich sehnte mich in höchstem Maße nach diesem Aspekt unserer Beziehung.
   »Da ist im Grunde genommen noch etwas, das ich mit dir besprechen müsste.« Rafael stieß einen dunklen Seufzer aus.
   »Das hört sich mitnichten nett an.«
   »Es ist nicht schlimm. Du hast es sicherlich schon gemerkt.« Er streichelte über die Narbe eine gute Handbreit oberhalb meines Bauchnabels. »Es ist sehr zügig verheilt. Zu schnell für einen Menschen, wenn ich bedenke, wie lange die Schnitte an deiner Hand gebraucht haben, um vollständig zu heilen.« Rafael zog meine Handfläche an seine Lippen und hauchte Küsse darauf. »Es scheint, als hätte irgendetwas deine Schattenwandlergene aktiviert. Ich gehe davon aus, dass es mit der Tatsache zusammenhängt, dass du Leben in dir trägst.«
   »Gott hilf! Du meinst, ich werde zu einem Sukkubus?« Ich entzog ihm die Hand.
   »Nein, nicht wirklich. Du bist und bleibst ein Mischling.« Er grinste verschmitzt. »Wenn du ein Sukkubus wärst, könntest du den Namen des Allmächtigen nur unter Qualen in den Mund nehmen.«
   »Du meinst …? Gottverdammt!« Es war ein Fluch zur Probe. Die Worte kamen leicht und ohne Mühsal über meine Lippen. Der Ring aus Weißgold an meinem Finger brannte sich nicht in meine Haut. Weihwasser hatte ich momentan keines zur Hand und ein Kreuz … Ich griff nach dem keltischen Knotenkreuz in Rafaels Nacken, welches ebenso effektiv war wie ein materielles Kreuz aus Metall oder Holz. Nichts geschah, außer einem Kribbeln an meinen Fingerspitzen, das gewiss nicht dem Kruzifix geschuldet war, sondern Rafaels weicher Haut, die mich zum Streicheln einlud.
   »Ich habe kein Weihwasser dabei. Falls du möchtest, kann ich dich segnen, damit du mir glaubst, dass du kein Sukkubus bist. Und selbst wenn, du weißt, dass deine Tante kein Monster ist und dein Vater keines war. Das hängt alles mit diesem Fluch zusammen, mit dem die Kirche einige Schattenwandler belegt hat. Du trägst die Gene von Mensch und Schattenwesen in dir, jedoch in einem ausgewogenen Verhältnis. Ich denke nicht, dass du anfängst, dich an der Lebensenergie von Menschen zu bedienen, doch du wirst manch positive Aspekte dazugewinnen. Du heilst effizienter. Möglicherweise werden einige körperliche Defizite verschwinden. Deine Sehstärke könnte sich verbessern.« Er nahm mir die Brille ab und legte sie beiseite. »Vor allem aber eines … Es ist mir im Krankenhaus zum ersten Mal aufgefallen. Und nicht nur mir. Sur hat es ebenfalls bemerkt.«
   Er druckste herum, was eine unangenehme Anspannung bei mir aufkommen ließ. Mein Puls schnellte nach oben. »Nun sag es schon.«
   »Kalendarisch gesehen bist du heute dreiunddreißig Jahre alt geworden. Deine biologische Uhr ist bereits davor stehen geblieben. Der Tag im Krankenhaus. Du hattest viel Blut verloren. Zu viel. Ein normaler Mensch hätte diese Verletzungen womöglich nicht überlebt. Es war nicht nur Glück, dass du es geschafft hast. Als du über den Berg warst, habe ich es bemerkt. Deine biologische Uhr steht felsenfest und bewegt sich seither kein Stück weiter.«
   »Du meinst, dass …« Ich schluckte und klammerte mich an seinen Arm.
   »Du alterst nicht mehr und dir steht eine unbegrenzte Lebensspanne zur Verfügung. So wie bei mir oder Delilah.«
   »Wow, das nenne ich mal ein Geburtstagsgeschenk für die Ewigkeit.« Ich schmiegte mich fester an ihn. »Also bin ich jetzt langlebig.« Es war unrealistisch und irgendwie ängstigte es mich bis tief ins Mark. Ich schluckte gegen den eisernen Kloß in meinem Hals an. »Das ist verwirrend. Ein Heiratsantrag und nun das. Wenn ich nicht bereits liegen würde, würde es mich umhauen.« Mir wurde rundum flau.
   »Ich wollte dich nicht schockieren, doch es war unumgänglich, dir das zu sagen. Ich habe es die ganze Zeit vor mir hergeschoben, aber es gibt wohl kein langsames Antasten an diese Tatsache.« Rafael streichelte meine Schläfe. »Indirekt bin ich daran schuld. Hätte ich dich nicht damals mit einem Sukkubus verwechselt, dann …«
   »Dann wäre einiges anders gelaufen. Es war übel in den vergangenen Wochen, aber es gab auch positive Momente, und die möchte ich nicht missen. Vor allem hättest du mich nicht geschwängert. Meine Familienplanung war abgeschlossen. Ich wollte keine Kinder.« Ich boxte ihm spielerisch in den Bauch.
   »So? Wolltest du nicht?« Er zwinkerte mir frivol zu.
   »Ja, aber dann ist so ein Typ gekommen und hat behauptet, er sei zeugungsunfähig, und ich Kuh falle darauf rein. Ein klassisches Eigentor.«
   »Ich hab dich nicht belogen.« Rafael hob seine Hände sich ergebend in die Höhe. »Ich sagte zu dir, ich sei unfruchtbar, und davon war ich fest überzeugt. Wenn bis dato nie ein Wächter ein Kind mit einer Wächterin oder einem Menschen gezeugt hat, sollte man annehmen, dass es nicht funktioniert.«
   »Ich bin kein Mensch.«
   »Du bist zur Hälfte Mensch und menschlicher als die meisten reinblütigen Erdbewohner. Du bist wundervoll, egal, ob Mensch, Sukkubus, Halbdämon oder was auch immer. Du bist Sora, die Frau, die ich liebe.«
   »Du versuchst, mich um den Finger zu wickeln.« Ich seufzte. »Was soll ich sagen? Es klappt. Moment.« Ich wich vor ihm zurück. »Für den Fall, dass ich dich heirate, ist es für eine ausgesprochen lange Zeit.«
   »Und das ändert etwas?« Er wirkte verstimmt. »Vierzig oder fünfzig Jahre könntest du mich ertragen, aber nicht länger? In vierzig Jahren kannst du dich zweifellos Expressscheiden lassen, nur keine Sorge.«
   »Ich will mich überhaupt nicht Expressscheiden lassen, du halsstarriger Engel!« So ein … Ich schnaubte. »Es ist nur sehr lang, wirklich. Ich muss mich derzeitig mit der Tatsache abfinden, dass ich ein ganzes Stück älter werde als der Rest der Menschheit.«
   »Hätte ich es dir vor dem Antrag sagen sollen? Es war fies. Du hast recht. Du solltest dir ernsthaft überlegen, ob du meine Frau werden willst.« Zutiefst gekränkt stand er vom Bett auf. »Wenn du nicht so wärst wie ich, hätte ich dich vierzig oder fünfzig Jahre an meiner Seite gehabt. Eventuell weniger oder mehr, aber es wäre anders gewesen. Du wärst gealtert, ich wäre jung geblieben. Hättest du damit umgehen können? Ich sehe doch, wie massiv es David belastet. Er wird älter, während Hilli nicht altert. David wird sterben, nicht heute oder morgen, doch er hat vielleicht noch zwanzig oder dreißig Jahre und dann wird er Brynhildr für immer verlassen. David wird sie allein zurücklassen in ihrer Trauer, die dank ihres langen Lebens immerfort ihr Begleiter sein wird. Hast du einmal daran gedacht?« Er beschattete seine Augen mit der Hand und stöhnte leise. »Ich werde nicht das Mindeste bedauern und begrüße, was mit dir geschehen ist.«
   Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht, als ich zugestimmt hatte, seine Ehefrau zu werden. Als Mensch wäre ich gealtert. In spätestens fünfzehn, vielleicht auch zwanzig Jahren, hätte es eigentümlich angemutet. Die ältere Frau in der Midlife-Crisis mit ihrem blutjungen Liebhaber, einem Toy Boy. Ich hätte mich dabei nicht wohlgefühlt und wäre in dreißig oder vierzig Jahren alt und gebrechlich, doch Rafael noch immer jung. Hätte er mich dann noch geliebt?
   »Ohne Zweifel hätte ich dich auch als Mensch gefragt, ob du meine Frau werden willst, denn ich liebe dich. Es hätte mir jedoch das Herz zerrissen, dich nach kurzer Zeit wieder hergeben zu müssen. Die Schönheit vergeht, doch nicht nur die. Es hätte mich umgebracht, zuzusehen, wie du wie eine von Hillis anmutigen Rosen dahinwelkst. Zu sehen, wie du mich mit jedem Jahr mehr verlässt und ich dich nicht halten kann. Nenn mich egoistisch, aber ich bereue es nicht.«
   Ich hatte es nur von meiner Seite aus betrachtet. An Rafael hatte ich, ichbezogen, wie ich war, keinen Gedanken verschwendet. Ich war immer nur vom Schlimmsten ausgegangen, doch im Augenblick wirkte er schrecklich verloren, so sehr, dass ich ihn am liebsten in den Arm nehmen wollte und diesem Drang nachkam. »Nein, ich bereue es nicht. Ich muss mich erst daran gewöhnen.« Ich zog ihn zu mir auf das Bett. »Für immer dreiunddreißig. Hätte das nicht passieren können, bevor ich dreißig geworden bin?«
   »Du spinnst, mein Schatz. Aber sogar das liebe ich an dir.« Er küsste mich und ließ seine Hand über meinen Bauch gleiten.
   »Machen wir weiter, wo wir angefangen haben, oder bekomme ich mein Geschenk erst, sowie der Zwerg auf der Welt ist? Das wäre unschön, denn«, ich kicherte, »ich sehne mich nach dir.« Ein Tritt in meinem Bauch ließ mich zusammenfahren. Er war zu heftig für meinen kleinen Bauchbewohner. Ihm folgte ein weiterer Fußtritt, der von einem reißenden Schmerz begleitet wurde. Ich zog die Beine an, was Rafael alarmiert auffahren ließ.
   »Was ist?«, fragte er beunruhigt. »Was ist los, Sora?«
   Ich wollte zu einer Antwort ansetzen, doch der Schmerz kam wieder und nahm sogar an Intensität zu. Das waren Wehen, ganz sicher, aber sie waren viel zu früh. »Das Baby.« Ich keuchte. Der Schmerz zerriss mich fast. Die Kleine drückte massiv gegen meinen Beckenboden, als wollte sie sich eigenständig herausarbeiten. »Es kommt.«
   »Was? So früh?«, stammelte Rafael. »Was soll ich tun?« Er sprang auf und riss die Tür auf. »Niamh«, rief er panisch. »Niamh!«
   Ein entnervtes »Was?« drang an meine Ohren.
   »Das Baby! Etwas stimmt nicht.«
   Er beschloss wohl, dass es besser wäre, Niamh entgegenzugehen, schnappte mich und trug mich auf seinen Armen flink die Treppe hinunter. Hektisch platzierte er mich auf der Couch.
   »Tu etwas!«
   »Ich bin Internistin. Ich habe es gerade so hinbekommen, die Schwangerschaft zu überwachen, doch ich habe nie gesagt, dass ich die Geburt begleiten kann.«
   Niamh reckte die Hände in die Luft und wich einige Schritte zurück. Quäli machte munter weiter. Es ging alles viel zu rasch. Ich bemerkte, wie es feucht zwischen meinen Beinen wurde. Die Fruchtblase war geplatzt.
   »O nein.« Niamh zeigte auf mich. »Blasensprung. Sie muss in ein Krankenhaus«, sagte sie überreizt und quietschte.
   Äußerst vertrauenerweckend, wenn die einzige Ärztin angesichts der Geburt einen hysterischen Anfall bekam. Es war Henni, die ihre Hand auf meinen Bauch legte. »Das Baby liegt bereits tief im Becken. Die Kontraktionen kommen in einem sehr kurzen Abstand. Sagtest du nicht, dass du noch einen guten Monat hättest? Mit dem Krankenhaus wird das nichts mehr. Darf ich dich untersuchen? Ich bin Hebamme.« Sie drückte geschäftig auf meinen Bauch. »Es liegt richtig herum. Juha, hol bitte Handtücher und Decken. Mein Koffer ist im Auto, bring uns den ebenfalls. Sur, Niamh …« Sie winkte ab. »Steht einfach nicht im Weg rum. Gegebenenfalls brauche ich dich noch für irgendwas. Internisten können sicherlich nähen. Nur für den Fall des Falles. Vielleicht sollten wir zusätzlich einen Notarzt rufen, wenn das Baby zu früh ist.«
   »Nein! Mit ihr ist alles in Ordnung.« Es war nur ein Gefühl, doch ich wusste, dass mein Kind wohlauf war.
   »Aber es ist zu früh.« Rafael raufte sich in Panik die Haare nach hinten.
   »Setz dich hin«, sagte Niamh. »Hock dich neben sie und halt ihr Händchen.«
   »Die Couch ist ungeeignet. Entweder legen wir sie auf den Boden oder …« Sie sah zum Esstisch. »Abräumen, schnell.«
   Das ließ sich Sur nicht zweimal sagen. Er packte die Tischdecke an allen vier Ecken, hob sie samt Geschirr an und verfrachtete sie in die Küche.
   »Juha, die Bettdecken auf den Küchentisch«, befahl Henni.
   Nach den Decken landete ich auf dem Tisch. »Muttermund ist bei neun Zentimetern. Himmel, wenn ich nicht wüsste, dass du vor einer Stunde gemütlich mit uns gegessen hast … Die Kleine hat es wahrhaftig eilig, aber ich habe auch keine Ahnung, wie das bei Schattenwandlern im Normalfall abläuft.« Sie sah zu Niamh, die zur Antwort nur mit den Schultern zuckte. »So viel weißt du also.« Henni seufzte enttäuscht.
   »Es ist nicht viel anders als bei Menschen«, sagte Sur. »Aber wenn die Schwangerschaft rascher verläuft, könnte es vermutlich auch sein, dass die Geburt schneller vonstattengeht.«
   Ihr Geschwafel strapazierte meine Geduld. Die Kleine wollte raus, das war sicher. Sie wollte nicht länger warten. Der Druck war zwischenzeitlich annähernd unerträglich.
   »Okay. Dann mal zu. Bei dem Tempo wird es sogar noch heute was und wir bekommen ein Christkind.« Henni betastete abermals meinen Bauch. »Wenn die Geburten immer so hurtig voranschreiten würden. Du bist in der Austreibungsphase und hast bereits Presswehen.«
   Ich hätte darauf verzichten können, im Zeitraffer zu entbinden. Nicht nur ich. Rafael hielt völlig abwesend meine Hand, bis mit einem Mal der immense Druck und der Drang zu pressen, verschwanden. Der Schrei eines Babys. Der erlösende Laut durchbrach die Stille.
   »Ein Mädchen. Auf den ersten Blick ein gesund wirkendes, voll ausgetragenes Baby.« Henni lachte euphorisch. »Willst du?«
   Sie reckte Rafael die Schere entgegen, der sie mit zitternden Händen nahm und sich damit außerhalb meines Sichtbereichs zu schaffen machte. Im Anschluss legte sie mir das in ein Handtuch geschlagene Kind auf die Brust. Schwarzer Flaum auf dem zarten Köpfchen. Blaue Knopfaugen sahen mich wissend an. Das war nicht der Blick eines Säuglings. In ihren Augen lagen Intelligenz und geballtes Wissen, doch auch eine tiefe Zuneigung und Geborgenheit. Dieses Kind war zufrieden und rundum glücklich, hier zu sein und in meinen Armen zu liegen. Rafaels Blick ruhte auf dem kleinen Schatz auf meiner Brust. Er ließ ihn nicht mehr aus den Augen und wirkte nicht weniger zufrieden. Ein beseeltes Lächeln lag auf seinen Lippen.
   »Das wollte ich dir eigentlich nicht zum Geburtstag schenken.«
   »In Zukunft musst du an diesem Tag zwei Damen beschenken.« Ich zog seine Stirn an meine, worauf er die Au-genlider schloss.
   »Mit Vergnügen.« Er unterstrich die Worte mit einem gefühlvollen Kuss. »Dabei wollte ich dich noch ehelichen, bevor sie auf die Welt kommt.«
   »Sie hat es falsch verstanden«, sagte Sur und räusperte sich. »Ich … ich …«
   »Was meinst du damit, Sur?«, fragte Rafael irritiert.
   »Du erinnerst dich daran, dass ich recht sensibel bin für Telepathie? Entweder unterhält sich euer Zwerg mit mir oder ich bin durchgeknallt.« Er schwankte.
   »Nicht verrückt.« Niamh zog die Nase kraus. »Ich kann sie lesen. Es ist nicht wie bei Rafael oder dir. Sie kommuniziert, aber sie kann mich auch außen vorhalten, falls sie es möchte wie Levin und Julian. Die kleine Maus dachte, dass mit der Tatsache, dass du ihr den Ring angesteckt hast, ihr verheiratet seid. Sie kennt sich mit den Gepflogenheiten nicht aus.«

»Eine Geburt auf Mamas heiß geliebtem Esstisch, das wäre nach ihrem Geschmack gewesen.« Juha lehnte sich lässig gegen die Wand, sah seiner Schwester und Niamh beim Aufräumen zu.
   »Hilf mal lieber, du fauler Tropf.« Es war nicht wirklich ernst gemeint, denn Henni lachte einnehmend. »Die erste Geburt in unserem Haus. Wunderschön.«
   Mit Erstaunen bemerkte ich, wie gut Sur mit Kindern umgehen konnte. Völlig routiniert legte er Mariam eine Windel an, die jedoch viel zu groß war. Sie stammte von Hennis kleiner Tochter Jemina. Er war erfinderisch und brachte sie mit zwei Klebestreifen auf Figur. Behutsam, jedoch äußerst geschickt, zog er ihr ein weißes Hemdchen und einen roten Nickistrampler an. Sur hob sie gekonnt hoch, wie man es bei einer Kinderkrankenschwester erwartet hätte, aber nicht bei diesem Bild von Mann.
   »Sur war in unserem Hort ein Educator, ein Erzieher. Die Kinder haben ihn geliebt. Er konnte wundervoll mit ihnen umgehen. Ihm war es nicht erlaubt, Assensor zu werden, also war er die Nanny.« Rafael ließ Sur und unsere Tochter dabei jedoch nicht eine Sekunde aus den Augen.
   »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.« Sur zwinkerte mir zu und legte Mariam in Rafaels Arme. »Gott sei Dank kommt sie nach dir, Kugelfi… O Mann, ich muss mir einen anderen Spitznamen für dich überlegen. Dein Bäuchlein ist schon wieder so straff, dass man denken könnte, du wärst nie gesegneten Leibes gewesen.«
   Er hatte recht, mein Bauch war flach, und ich fühlte mich nicht, als hätte ich vor einer Stunde ein Kind bekommen. Mir ging es richtig gut, deswegen stand ich auf, gegen den Protest von Henni und Niamh, und sah mir das kleine Wesen in Rafaels Armen an. »Mariam Harmony«, säuselte ich und küsste ihr winziges Fäustchen, das Rafaels Finger fest umschloss.
   »Sie hat seine Augen und deine Haare.« Sur kam richtiggehend ins Schwärmen. »Süße schwarze Löckchen.« Er streichelte über ihren Kopf. »Ich besorg euch morgen alles, was ihr braucht, in der Stadt. Windeln, Fläschchen, Lätzchen.«
   »Das musst du nicht.«
   »Quatsch. Ich mach das gern. Ihr drei geht nach oben und ruht euch aus. Bis morgen.« Sur ließ mir keinerlei Zeit zu protestieren und hob mich sanft auf seine Arme. »Niamh, trägst du Mariam bitte die Treppe hoch?«
   Rafael zog die Kleine beschützend an sich. »Ich brauche keine Hilfe. Ich kann das allein.«
   »Deine Achillessehnen«, sagte Niamh scharf. »Was, wenn du mit dem Kind auf dem Arm hinfällst? Du solltest anfangs ohne Baby laufen üben, und das auch erst im neuen Jahr. Ich sehe dir nach, dass du Sora vorhin die Treppe hinuntergetragen hast. Es war eine Ausnahmesituation. Doch ich verspreche dir, dass du es bereits morgen früh bereuen wirst.«
   Sie nahm die Kleine, sah sie sich noch einmal genau an. »Kerngesund und normgerecht entwickelt. 2950 Gramm, fünfzig Zentimeter, ein Standardbaby von den Maßen, aber alles andere als Standard bei den übrigen Dingen.« Niamh lächelte entzückt. »Sie ist wundervoll.«

Kapitel 2

Mariam war ein Engel. Sie hatte die Nacht durchgeschlafen und sich, selbst als sie wach war, nur zaghaft gemeldet. Durch ein zögerliches Glucksen hatte sie auf sich aufmerksam gemacht. Hendrik hatte uns freundlicherweise das Elternschlafzimmer mit dem Doppelbett überlassen. Ebenso schnell, wie sich mein Bauch zurückgebildet hatte, war die Milch in meinen Brüsten versiegt. Wie gut, dass es Säuglingsnahrung in Hülle und Fülle zu kaufen gab. Madame schien sie zu schmecken. Sie lag in Rafaels Armen und verdrückte ihr zweites Fläschchen.
   »Das schmeckt dir, mein Engel.« Er fuhr mit seinem Daumen über ihre Stirn und sah sie verliebt an. »Ich dachte, dass ich nur eine Frau in meinem Leben lieben könnte, dass meine Liebe zu dir gewaltig wäre und kein Limit kennen würde. Sora«, er sah mich glückselig an, »ich liebe tatsächlich zwei Frauen.«
   »Spinner!« Ich tat seine Worte lachend mit einer wegwerfenden Handbewegung ab und kämmte mir mein frisch gewaschenes Haar. Diese neu gewonnene Schnellheilung war faszinierend. Mein Bauch war vollends auf Normalformat geschrumpft und ich verspürte kaum Nachwirkungen der Schwangerschaft aufgrund der Hormonumstellung. Was konnte sich Frau mehr wünschen? Allenfalls noch ein genügsames Kind, das mich aus blauen Augen beobachtete, während es in den Armen Rafaels sein Fläschchen trank. Das Glücksgefühl überwältigte mich schlicht. Im Rand der nostalgischen weißen Spiegelkommode, vor der ich Platz genommen hatte, steckte ein Foto. Eine Frau in den Fünfzigern mit vielen Lachfältchen und einem entwaffnenden, offenen Lächeln, das sie unübersehbar an ihre Kinder vererbt hatte. Rotblonde kurze Haare mit silbernen Strähnen und helle ausgesprochen lebendig wirkende grüne Augen. Eviilina lag eine Ausstrahlung inne, bei der ich es keinem Mann verübeln konnte, dass er sie attraktiv fand. »Surs Mutter ist so hübsch gewesen.« Ich seufzte. »Schade, dass er sie nicht kennenlernen durfte. Ich hätte sie auch gern gekannt.« Viel lieber als Rafaels Mutter Loreena, bei der wir uns inzwischen alle nicht mehr sicher waren, wie wir mit ihr umzugehen hatten. Sie war eine kranke Frau. Ihr Geist war zerstört durch die Liebschaft zu einem Engel. Mir erschien es für beide Seiten besser, dass wir den Kontakt zu Loreena mieden.
   »Dafür hat er jetzt eine Familie. Er hat Halbgeschwister. Einen Neffen und eine Nichte. Hendrik mag Sur, auch wenn er sich so mürrisch gibt. Er ist ein netter, alter Bär.« Rafael stellte die leere Flasche beiseite, legte Mariam an seine Brust und massierte ihr sanft den Rücken. Inzwischen mit der gleichen Routine und Ruhe wie Sur zuvor. »Magdalena hat gespuckt nach dem Fläschchen.«
   Er klang entsetzlich niedergeschlagen. Liebevoll tätschelte er Mariams Rücken. Es fühlte sich unwirklich an, dieses winzige Wesen in seinen Armen zu sehen. »War Magdalena so klein, als du ihr Assensor wurdest?« Wir hatten in den vergangenen Wochen kaum über seinen Schützling gesprochen, doch ich bemerkte, wie sehr ihn der Verlust belastete.
   »Sie war vier Wochen alt. Ruth hat mir in der ersten Zeit geholfen, aber ich habe es erstaunlich schnell hinbekommen, mich allein um sie zu kümmern. Sie war auch unkompliziert, bis auf das Spucken.« Rafael wog Mariam in seinen Armen, küsste ihr Näschen.
   »So klein und winzig. Sind Halbengel wie Menschen in ihrer Entwicklung?«
   »Ähnlich.« Rafael legte Mariam auf das Bett, von wo aus sie sich zufrieden umblickte und die Umgebung mit allen Sinnen aufnahm. »Körperlich entwickeln sie sich vergleichbar wie Menschen, aber geistig um einiges rascher. Ich sehe Parallelen bei Mariam. Magda war ebenso pfiffig in dem Alter. Als ich sie mit vier Wochen bekam, hielt sie ihre Milchflasche längst mit eigenen Händen. Sie nahm ihre Umgebung voll wahr. Mit drei Monaten forderte sie bereits andere Dinge als ihr Fläschchen. Es war schwer, denn ihre körperliche Entwicklung zog nicht mit. Ohne Zähne konnte sie schlecht Sachen kauen, aber gegen einen Brei hatte sie nichts einzuwenden. Zwiebackbrei oder Grießbrei mit Apfelmus und einer Prise Zimt. Sie war in dem Alter bereits ein kleiner Feinschmecker. Mit fünf Monaten saß sie, mit sieben bekam sie ihren ersten Zahn. Da war sie ein wenig pflegeintensiver, das muss ich zugeben. Auch das haben wir hinbekommen.«
   Seine Ausführungen klangen voll Zuneigung für Magdalena. Die Worte eines stolzen Vaters.
   »Mit acht Monaten krabbelte sie, mit zehn Monaten ging sie ihre ersten Schritte ohne Hilfe. Das erste Wort sprach sie exakt einen Monat nach ihrem ersten Geburtstag.«
   »Was war es?«
   Rafael legte die Hand vor seine Augen und rang schwer mit seiner Fassung. »Ich verstehe nicht, wie es zwischen ihr und mir so weit kommen konnte.« Er schüttelte den Kopf und sah zu Mariam. »Mit drei Jahren musste ich sie an den Hort übergeben. Das ist Pflicht, da in diesem Alter die Ausbildung zum Wächter beginnt. Sie fühlte sich von mir abgeschoben. Ich durfte sie nicht mehr sehen, außer zu den Übungsstunden. Ihre Erziehung wurde an die Educatoren im Hort übertragen. Das tat man, damit wir uns nicht zu sehr an die Kinder banden und umgekehrt. Hätte ich sie die ganze Zeit bei mir gehabt, wäre es nicht zu der falschen Liebelei gekommen.« Er stieß einen lauten Seufzer aus, wischte sich verstohlen die Tränen aus den Augen. »Ihr erstes Wort war Tata, was in unserer Sprache Papa bedeutet, ihr Zweites Sur. Sie hat ihn sehr gemocht. Ein Pluspunkt, dass er Educator war. So konnte er unser Mädchen immer im Auge behalten.« Entschlossen sah er zu Mariam. »Dieses Kind wird mir niemand wegnehmen.«
   »Das wird niemand wagen. Wir werden sie gemeinsam erziehen als Vater und Mutter, als Paar.«
   »Wie starb Magda?«
   Ich hatte diese Frage früher erwartet, aber er hatte bisher nicht ein Sterbenswörtchen über seinen Schützling verloren. Es schien, als versuchte er, ihren Tod zu verdrängen. »Sie hat sich in die Schussbahn eines vergifteten Bolzens geworfen, der mich hätte treffen sollen. Sie hat Mariam und mich mit ihrem Leben beschützt.« Ich kam mir schrecklich vor bei diesen Worten. Meine Stimme brach. Das Engegefühl in meiner Brust war unerträglich. Nichts konnte ihren Tod wiedergutmachen. »Sie half uns, euch zu befreien, und war bereit, den Wächtern im Anschluss den Rücken zu kehren.«
   »Mein tapferes Mädchen.« Rafael nickte sichtlich mitgenommen. »Sie hatte immer mehr Herz als Verstand, was nicht heißen soll, dass sie dumm war. Magda war äußerst intelligent, doch auch ungemein emotional, und handelte aus dem Bauch heraus. Sie hat sich damit oft Ärger eingehandelt, weshalb man mich als ihren Mentor infrage stellte. Ich wollte sie nicht darin aufhalten, sich normal, ihrem Charakter entsprechend, zu entwickeln. Magdalena war ein wundervolles Mädchen. Sie tat für die, die sie liebte, alles und gab sogar ihr Leben. Magda wäre eine hervorragende Excubitrix geworden, nein, sie wäre ihrem Schützling eine liebevolle Mutter gewesen.«
   »Und du warst nicht weniger gut«, sagte ich und versuchte, ihn aufzubauen.
   »Ich war beschissen. Das kannst du nicht schönreden.« Rafael schnaufte ablehnend. »Ein guter Assensor hätte es nicht zugelassen, dass sich sein Schützling in ihn verguckt. Ich hätte ihr gegenüber mehr Disziplin an den Tag legen müssen, doch ich war zu lax und habe sie verhätschelt. Die anderen meinten, dass dies der Grund sei, weshalb es passiert ist, passieren musste.« Er griff sich an den Hals. »Ich hätte sie nicht so verwöhnen dürfen und nicht so viele Gefühle in ihre Erziehung legen dürfen, die sie falsch deutete. Sie war ein verwirrtes, junges Ding.«
   »Das dich gebraucht hätte, jedoch wegen irgendwelcher unsinnigen Regeln von dir entfremdet wurde. Als Magda die Gelegenheit dazu sah, holte sie sich, was sie für richtig hielt, auch wenn es gewiss die falsche Art und Weise war. Woher hätte sie wissen sollen, dass körperliche Liebe und die Liebe auf Gefühlsebene nicht das Gleiche sind? Das war doch ihr Problem, nicht? Sie wollte Zuneigung und dachte, dass dies dazugehörte.«
   »Du hast recht. Das wird bei unserer Tochter niemals der Fall sein. Sie wird zu keiner Zeit allein sein«, wisperte Rafael voll Selbstaufgabe. »Sie hat immer Familie und Freunde hinter sich. Mariam hat Sur und seine Familie längst um den Finger gewickelt, ebenso die sture Niamh, was an sich schon eine Kunst ist.« Er lachte leise.
   Mariam war in diesem Moment eingeschlummert. »Sie ist einfach wunderbar.« Ich beobachtete meinen winzigen Engel, wie sich ihre Brust leicht hob und senkte. Ihr Daumen landete in ihrem Mund und sie nuckelte daran. »Doch sagt das nicht jede Mutter von ihrem Kind?« Ich setzte mich neben Rafael auf das Bett. »Wir brauchen Schnuller für unseren kleinen Daumenlutscher. Die hat Sur vergessen, wenn er auch sonst an alles gedacht hat«, sagte ich und hauchte Rafael einen Kuss auf die Wange.

Kapitel 3

Ich versuchte, das Beste aus meiner wilden Lockenmähne zu machen. Gerade heute hatten sie beschlossen, weder lockig noch wirklich glatt zu sein und in alle Richtungen abzustehen.
   »Mensch, Sora«, sagte Niamh mit vollem Mund.
   Die Tatsache, dass sie als Vampir nicht zu essen brauchte, hielt sie nicht davon ab, es zu tun. Im Gegenteil, sie stopfte sich voll mit Süßigkeiten, Kuchen und Torten, da sie nicht mehr zunehmen konnte. Ihr Konsum war beinah krankhaft. Sie legte das Hefeteilchen mit Puderzucker beiseite und klopfte sich den klebrigen weißen Staub von den Händen. Niamh griff nach dem Schächtelchen mit den Haarnadeln, zwirbelte hier ein bisschen, da ein wenig und steckte einige der Nadeln mit roten Satinröschen in mein Haar.
   Sie ging einen Schritt zurück, beobachtete ihr Werk skeptisch. »Die cremefarbenen Perlchen, nur drei oder vier, würden sehr gut dazu passen. Ich weiß, du wolltest es nicht zu üppig.«
   »Mach du nur. Rausmachen kann man sie immer noch.« Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und begann, die Nadeln hineinzustecken.
   »Du siehst aus wie eine Elfe à la Tolkien. Fehlen nur die spitzen Ohren.« Sie kicherte.
   »Lass das Levin nicht hören, der wäre stinksauer.« Ich ließ mich von ihrem Lachen anstecken. Niamh war mir zwischenzeitlich lieb und teuer geworden. Es war in der Tat, wie Doc Sophia es gesagt hatte. Niamh besaß einen rauen Charakter, war jedoch stets gutmütig. Nicht hinterlistig und immer geradeheraus. Und sie liebte Sur. Ihr langes, glattes Haar trug sie offen und nicht zum Zopf, den sie sonst aus Bequemlichkeit trug. Die wunderschönen aquamarinblauen Augen hatte sie dezent in Braun- und Bronzetönen betont, damit sie hinter der schlichten Brille voll zur Geltung kamen. Ihre Sommersprossen hatte sie versucht abzudecken, aber diese scherten sich nicht um die Versuche, sie zu verstecken. Sie waren dezent unter dem Make-up zu erkennen. Ich fand sie niedlich. Niamh sah atemberaubend hübsch aus in dem pflaumenfarbenen Kostüm, vermutlich sogar besser als meine Wenigkeit.
   »Das Kleid.« Sie rieb sich voll Vorfreude die Hände und hüpfte pfeifend zum Schrank, wo es noch in seiner Plastikhülle hing. »Es ist so weit. Rein in das Kleid.« Vorsichtig öffnete sie den Reißverschluss. »Wow, ich bin baff. Das Teil ist ein Traum. Kaum zu glauben, dass du es so preisgünstig bekommen hast.«
   Ich war ebenfalls von meinem Glücksgriff überrascht. Den Traum von Hochzeitskleid hatte ich in einem Secondhandladen bei unserem Trip nach Oulu entdeckt, wo sich die Männer mit allem Nötigen eindeckten und weitere Informationen einholen wollten. Das Kleid war schneeweiß und bodenlang aus weich fallenden Lagen Chiffon mit einer leichten A-Linie und einer Minischleppe. Es besaß ein Oberteil in Form einer gerafften, schulterfreien Korsage. Schnörkellos, bis auf die gerüschten Blüten, die asymmetrisch von der Taille nach unten rund um das Kleid verliefen wie eine kleine Schärpe. Einige der Blütenblätter fielen wie zufällig über den Rock. Dazu hatte ich den ausgezeichnet passenden Brokatmantel mit falschem Pelzbesatz erstanden. Dieses Traumteil schien prädestiniert für eine Hochzeit im Winter: Kuschlig warm und dick gefüttert. Und doch war das Kleidungsstück märchenhaft elegant.
   »Du bist ein Glückspilz.« Niamh konnte es immer noch nicht fassen. »Das Kleid hat neu bestimmt mehrere Tausend gekostet, ohne den Mantel. Wie hast du es nur hinbekommen, dass sie es dir für hundert Euro abtritt?«
   Sukkubuscharme.
   Ich sollte mich schäbig fühlen, aber das Teil hatte mich so angelacht und die Besitzerin das Geld nicht nötig. Obendrein hatte ich sie nicht willentlich beeinflusst. Meine Pferdchen waren mit mir durchgegangen, ohne mein Zutun.
   Die Reaktion meines Körpers konnte ich vor Niamh nicht verheimlichen. Meine Wangen wurden heiß.
   »Du hast deinen Sukkubuscharme gewirkt. Hast du gut vor mir verborgen. Aber hey, für das Kleid hätte ich gemordet.« Sie zwinkerte mir zu. »Du hast es ihr ja nicht gestohlen. Hundert Euro hat die Beste dafür bekommen.«
   Ich fing den Unterrock auf, den Niamh mir mit einem Lachen zuwarf.
   »Rein mit dir. Dein Engel ist bereits völlig neben der Spur. Wir sind zwar noch gut in der Zeit, doch lieber zu früh fertig, als sich abzuhetzen. Ich bin mal gespannt, ob Sur es fertiggebracht hat, Mariam anzuziehen. Der war heute Morgen um vier Uhr, ich wiederhole, um vier Uhr, wach. Er hat trainiert.« Sie verdrehte genervt die Augen. »Das tut er immer, wenn er nervös ist.«
   »Und das magst du nicht?«
   »Auf keinen Fall sollte er mehr Muckis haben. Das ist unkuschlig. So wie er ist, ist er perfekt. Stark, aber nicht übertrieben muskulös, und er hat ein kleines Bäuchlein mit einem Ansatz zum Sixpack. Gerade noch so, dass man sich rankuscheln mag. Ich will keinen stahlharten Waschbrettbauch.« Niamh zog einen Schmollmund und reichte mir das geöffnete Kleid.
   »Dann sag es ihm. Genau das, was du mir eben gesagt hast.«
   »Hab ich. Sur meint, um den Level zu halten, müsse er ein wenig trainieren. Ich bin mir nicht sicher, ob er es nicht doch übertreibt.« Sie kaute auf ihrer Unterlippe. »Scheint fast eine Art Sucht zu sein, wie bei mir die Schokolade und die Pralinen. Nur, dass mich das nicht mehr tangiert, körperlich zumindest.«
   »Suriel versucht, sich damit abzugrenzen. Anders zu sein als der Rest der Meute.« Ich schlüpfte in das Kleid. Niamh schloss den Reißverschluss im Rücken und schloss die kleinen Knöpfe.
   »Er hat mich gestern gefragt.« Sie holte zitternd Luft und senkte den Blick. »Ich wusste nicht, was ich antworten soll. Es geht mir alles ein wenig zu schnell. Ich denke, er ist beleidigt, auch wenn er es abgestritten hat.«
   »Deswegen hat er trainiert, nicht weil er nervös ist. Das war Frust. Du futterst Pralinen, Sur trainiert. Was spricht dagegen, ihn zu heiraten?«
   »Wir kennen uns kaum. Zudem ist er ein Wächter, ein Halbengel.« Sie knabberte nervös an ihren Nägeln.
   »Na und? Mein Mann ist ebenfalls von der Truppe. Du bist ein Vampir und liest Gedanken. Wenn das nicht mal außergewöhnlich, geradezu freakig ist.«
   »Ich bin ein Vamp, weil ich meinen Hintern seinetwegen in diesen verflixten Wächterhort geschleppt habe«, sagte sie zickig. »Ich wäre dort beinahe abgenibbelt, wenn ich dich erinnern darf.«
   »Brauchst du nicht. Ich erinnere mich gut daran. Es sagt mir, dass du entweder lebensmüde oder total verschossen in den Jungen bist.« Ich protestierte kurz, als sie ihre krallenartigen Nägel über meine Haut zog. »Ich möchte keine Striemen auf meinem Rücken haben. Nicht von dir, du giftiges Weibsstück.«
   »Sensibel?« Niamh kicherte verschlagen und schob sich eine weitere Praline in den Mund.
   »Fragt sich bloß, wer von uns das Sensibelchen ist. Was ist so schlimm daran, Nägel mit Köpfen zu machen? Ich bin mit Rafael seit sechs Monaten zusammen und wir haben ein vier Wochen altes Kind. Trotzdem habe ich keine Angst, dass ich einen Fehler mache, sobald ich heute Ja sage. Falls du denkst, dass es nicht der angemessene Zeitpunkt oder Sur nicht der Richtige für dich ist, solltest du …«
   »Er ist der Richtige, daran zweifle ich nicht. Niemals.«
   »Was hält dich dann davon ab, zuzustimmen? Ihr müsst ja nicht gleich heute heiraten.«
   »Du hast recht.« Niamh rannte zur Tür. »Bin in fünf Minuten zurück. Mach du nur ohne mich weiter.«
   »Danke für deine Erlaubnis«, brüllte ich ihr hinterher. »Du bist vollkommen durchgeknallt!« Das war so typisch Niamh. Erst zierte sie sich, um dann Nägel mit Köpfen zu machen.

»Nein, kein Kugelfisch mehr. Mädchen, du musst essen«, sagte Sur.
   »Das ist ein Korsett. Ich bin eingezurrt wie ein Päckchen. So kann ich nicht mal etwas futtern. Keine Chance.«
   »Warum tut ihr Frauen euch das an?« Er rollte mit den Augen. »Es sieht ja nett aus und betont deine Kurven ungemein, doch die Quälerei muss nicht sein. Du hättest auch ohne irgendwelche Hilfsmittel gut ausgesehen.«
   »Du siehst ebenfalls besser aus, als bei unserem ersten Treffen, richtig nobel.« Ich dachte mit Grausen an das bauchfreie Gym-Shirt, das er seitdem Gott sei Dank nie wieder getragen hatte.
   »Für das Teil wäre es zu kalt und obendrein war es ein wenig stillos. Du weißt ja, Hello Kitty.« Sur grinste mich frech an. »Nein, Betty Boop, ich vergaß. Ferner sieht mein Rücken inzwischen aus wie die Eislaufbahn vor dem Rockefeller Center.«
   »Halb so schlimm. Ich habe es gesehen, schon vergessen? Ich war deine Krankenschwester. Wer dich liebt, wird dich so nehmen. Und Niamh liebt dich.« Sur wiegte Mariam, die außerordentlich wintertauglich eingepackt war, in seinen Armen. »Woher bekommt man einen strahlend weißen Schneeanzug mit Spitzen und einen Schnuller in der gleichen Aufmachung?«
   »Für meinen Schützling nur das Beste. Maßgefertigt, keine Stangenware«, antwortete er und grinste. »Sie sollte es kuschlig haben, jedoch das süßeste Baby weit und breit sein. Ihr gefällt es, doch sie hätte mit jedem Schnuller vorliebgenommen. Hauptsache sie hat was im Mund. Euer Kind hat eine orale Fixierung, wie mir scheint.«
   »Benutze keine Fremdwörter, mit denen du eh nichts anfangen kannst, mein Großer. Sie ist ein Baby, die lieben es, zu saugen und zu nuckeln.«
   »Anderes Thema. Du hast mit Niamh gesprochen.« Er grinste.
   »Hab ich das?«
   »Entweder das oder sie ist in höchstem Maße launenhaft.«
   »Sie ist sehr kapriziös. Wieso fragst du?« Ich musste schmunzeln.
   »Sie kam zu mir gerannt und schrie: Ja, ja und noch mal gottverdammt ja! Ich wusste erst nicht, was sie von mir wollte, bis sie sagte: Deine Frage von gestern Abend. Her mit dem Klunker. Du hast doch einen Ring, oder etwa nicht?«
   »Hattest du einen?« Ich lächelte ihn an.
   »Wo denkst du hin? Natürlich«, rief er. »Henni hat mir einen Ring aus der Schmuckschatulle unserer Mutter gegeben. Ich habe ihn in Oulu überarbeiten lassen. Du hast mit ihrem Sinneswandel zu tun. Was hast du getan?«
   »Wir haben uns unterhalten. Ich habe dich in höchsten Tönen gelobt und noch einiges mehr.«
   »Einiges mehr?« Sur maß mich skeptisch.
   »Ich habe ihr gesagt, dass du der Richtige für sie bist. Das, was im Grunde genommen jeder sieht, der zwei gesunde Augen hat.«
   »Danke.« Sur drehte eine meiner Strähnen in seinen Fingern. »Du siehst traumhaft aus. Wunderhübsch. Das findet deine kleine Schnecke auch. Sie ist aufgeregt und freut sich, dass ich ihr Pate werde und Mama und Papa heute heiraten.« Ganz Gentleman half Sur mir in den Mantel. »Weniger angenehm fand Mariam allerdings, dass ihr Vater geflucht hat wie ein Derwisch.«
   »Hat er das? Vor der Kleinen?« Ich zog die Augenbrauen hoch.
   »Sie hat bereits mehr mitbekommen an Schimpfwörtern, als gut für sie ist. Schon vor ihrer Geburt. Das Kind ist sprichwörtlich in den Brunnen gefallen. Daran kannst du nichts ändern.«
   Ich sah zu Sur auf, der heute andersartig aussah. Er trug eine dunkle Anzughose mit Bundfalte und ein paar schwarze Slipper. Keine Turnschuhe. Mein Blick wechselte zwischen den Schuhen und seinem Gesicht, immer wieder, so enorm irritierte mich sein Schuhwerk.
   »Die Dinger sind grausam. Ich mag sie nicht, aber für mein Ex-Kugelfischchen und meinen besten Freund werfe ich mich gern in Schale.« Er stieß einen leisen Seufzer aus. »Und natürlich für meinen kleinen Schützling.«
   Sur sah umwerfend aus in dem dunkelroten Hemd samt schwarzer Krawatte unter gleichfarbigem Sakko. »Warum hat mein Zukünftiger geflucht?«
   Sur stoppte vor der letzten Tür, die uns nach draußen führen würde. »Weil Niamh ihm verboten hat, sein gewohntes Schuhwerk anzuziehen. Ich habe ihm extra schlichte dunkle Sneakers besorgt, die sogar ein bisschen elegant aussehen. Man sieht erst auf den zweiten Blick, dass es Turnschuhe sind. Dazu kommt nicht zuletzt die Tatsache, dass ihn seine Verlobte aufs Eis schickt.« Sur zwinkerte mir zu. »Schätzchen, er ist froh, dass er recht passabel auf normalem Untergrund laufen kann, aber auf dem Eis ist es eine Qual für ihn.«
   »Daran hatte ich nicht gedacht.« Ich bekam ein schlechtes Gewissen. »Wir können die Zeremonie auch im Haus feiern.«
   Er lachte. »Zu spät. Rafael und der Geistliche warten draußen. Fünfzehn Minuten, dann darfst du ihn vom Eis führen. Er kriegt das hin. Mit dir sowieso.« Sur öffnete galant die Tür, an der die glücklich strahlende Niamh wartete.
   »Ich darf Mariam tragen, oder?«
   So zufrieden hatte ich sie bislang nie gesehen. Nach meinem zustimmenden Nicken nahm sie Mariam in ihre Arme. Freudestrahlend zeigte sie mir ihren Ring und zwinkerte mir zu. Ein hübsches Teil. Gelb- und Rotgold, wie ich auf die Schnelle erkennen konnte, schnörklig, mit Blümchen und Blättern. Irgendetwas blitzte rötlich auf, wohl ein Edelstein. Ich formte ein tonloses Super, als sie an meine linke Seite trat.
   »Himmel, Mädchen, ihm werden die Augen ausfallen. Darauf kannst du deinen süßen Hintern verwetten.« Vorsichtig lupfte sie die weite Kapuze des Mantels über meinen Kopf. »Wenn du schon keinen Schleier trägst. Das ist nicht weniger effektiv. Du siehst perfekt aus, und so hat er einen Grund mehr zum Staunen, sobald er dich auspackt.«

*

Rafael stand einige Meter von der Tür entfernt. Er war höllisch nervös, bereits den gesamten Morgen. Auf einem zugefrorenen See, mitten im Winter in der finnischen Pampa. Warum hatte er sich dazu überreden lassen? Er schaffte es kaum, auf ebenem Boden zu laufen, aber auf Eis war es eine Qual. Was tat er nicht alles für seine Traumfrau, die in diesem Augenblick durch die Tür trat. Sie sah aus wie eine Eiskönigin in dem langen weißen Mantel mit den Fellbesätzen und bewegte sich graziös auf ihn zu. Auch wenn sie die Kapuze tief in das Gesicht gezogen hatte, wusste er, dass sich darunter seine hübsche Frau verbarg. Anmutig, stark und wunderschön, auch wenn sie Letzteres immer vehement abstritt. Sie blieb vor ihm stehen, ihren Arm bei Sur eingehakt.
   »Können wir?«, fragte sie zurückhaltend.
   »Jederzeit, sofern du bereit bist.« Er legte beide Hände an ihre Wangen, schob die Kapuze des Mantels zurück und entblößte ihr Gesicht und ihre traumhaft schönen Haare. Wie ein Engel sah sie aus. Keines dieser Porzellanwesen, sondern ein wahr gewordener Traum. Sie trug kaum Make-up. Es war ungewohnt. Sora hatte sonst den Hang zur Dramatik mit allerlei schwarz um ihre grünen Augen. Gelegentlich einen Tick zu viel, seiner Meinung nach. Es tat ihrer Ausstrahlung dennoch keinen Abbruch. »Oh.« Er war hin und weg von ihrer Erscheinung.
   »Oh?« Skeptisch zog sie eine Augenbraue hoch.
   »Du bist ein Engel.«

*

»Ich bin ein Halbdämon. Du bist der Halbengel und Himmel, heute siehst du auch aus wie einer.« Ich hakte mich bei ihm unter. Meins. Alles meins, hätte ich am liebsten gejubelt. Rafael sah zum Anbeißen aus in dem tiefseeblauen Anzug mit dem dezenten Streifenmuster, dem weißen Hemd und dem Schlips in dem gleichen Blau. Seine royalblauen Augen strahlten mich an. Wie ich diese Augen liebte. »Kein Entkommen mehr«, flüsterte ich in sein Ohr.
   »Als ob ich das wollte«, erwiderte er und küsste mich unschuldig auf die Lippen.
   »Heiraten, jetzt.« Sur räusperte sich laut, um unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. »Danach könnt ihr euch küssen wie verrückt. Euer Kleines will endlich einen Namen haben, offiziell. Das Kind ist seit vier Wochen namenlos.«

*

»Behüte mich wie einen Augapfel im Auge, beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel. Psalm 17, Vers 8. Ausgezeichnet gewählt, Sur.« Rafael klopfte ihm auf die Schulter. »Schatten deiner Flügel. Mehr als ein Schatten sind sie ja nicht.«
   »Melancholisch? Du solltest happy sein. Du hast eine der schönsten Frauen abbekommen. Die Schönste habe ich natürlich.« Sur sah zu Niamh, die mit Henni und Sora lachte, sich angeregt unterhielt.
   Sora wiegte die kleine Mariam auf ihren Armen, die aufgekratzt war und mit ihrem süßen Babylachen in das fröhliche Gelage einstimmte.
   »Wir müssen weg. So leid es mir tut, aber ich möchte meine Familie nicht länger in Gefahr bringen«, sagte Sur schwermütig.
   »Du hast recht.« Rafael legte den Arm um Surs breite Schultern und zog ihn an sich. »Lass uns noch diesen Abend. Morgen spreche ich mit Sora darüber.«
   Sur lächelte betroffen. »Ich will dir deine Hochzeitsnacht nicht verderben. Mariam schläft heute Nacht bei uns?«
   »Würdest du das tun? Wäre Niamh damit einverstanden?«
   Sur kicherte leise. »Du brauchst ein Brecheisen, um eure zuckersüße Tochter aus den Armen meiner Zukünftigen zu befreien. Mariam hat das Herz meiner Irin im Sturm erobert. Sie tut es gern, keine Frage. Mein Patenkind ist ein genügsames, kleines Wesen, das kaum Umstände macht.«
   »Danke.« Rafael drückte ihn an seine Brust. »Was würde ich ohne dich machen?«
   »Das frage ich mich auch gelegentlich.« Sur lachte ausgelassen. »Aber ich kann es nur zurückgeben. Es tut gut, einen Freund wie dich zu haben. Ich würde dir mein Leben anvertrauen.«
   »Und ich würde es mit meinem beschützen.«
   »Hast du was getrunken?« Sur kicherte, roch an dem angeblich alkoholfreien Punsch. »Wir sind so schrecklich gefühlsduslig. Meine Holde versucht, mich ab und an betrunken zu machen, und sie hat mir den Glöggi gebracht.«
   »Meiner ist clean. Sora würde sich hüten.« Er zwinkerte Sur zu und roch an dessen Getränk. »Jepp, der ist mit Schuss, wenn auch nur minimal. Ich denke, sie versucht, dich abzuhärten.«
   »So ein Biest.« Sur stellte den Becher auf den Tisch neben sich. »Sie will mich betrunken machen.«
   »Nein, das will sie nicht. Das bisschen Alkohol reicht nicht mal, um ein Kleinkind beschwipst zu machen. Sie wollte dich ein klein wenig aufheitern, mehr nicht.« Er kicherte. »Aber du hast recht, sie ist ein Biest.«
   »Hey, red nicht so über meine Verlobte.« Sur lachte. »Sie ist mein Biest. Ich verbiete mir, dass du derart schlecht über sie sprichst.«
   »Schon gut.« Rafael klopfte ihm auf den Rücken. »Ich packe mir jetzt die schönste Frau. Bevor ein dummer Spruch kommt, meine Sora ist die schönste. Sie trägt das weiße Kleid, dass ich ihr am liebsten vom Körper reißen würde. Sie ist die Braut. Lange Rede, kurzer Sinn. Ich schnappe mir sie und trag sie über die Schwelle. Das muss sein. Was dann ansteht …« Er grinste. Allein beim Gedanken an sie und das, was folgen würde, lief ihm das Wasser im Mund zusammen und sein Blut verwandelte sich in Magma.
   »Verhüten nicht vergessen.« Sur schüttelte belustigt den Kopf. »Es sei denn, ihr wollt euren eigenen Hort gründen. Bei dem Tempo, das ihr vorlegt, hättet ihr in nicht einmal hundert Jahren einen richtig schönen Hort.«
   »Spinner!« Er schnaubte. »Sie verhütet. Niamh meinte, es sollte mit Hormonen funktionieren.«
   »Na dann: Viel Spaß, Tiger.« Sur lachte und wandte sich seinem Punsch zu.

*

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken.
   Hoheslied 8, 6-7a – Trauspruch von Sora Sonata Krieger & Rafael Vigil

Ich verging vor Aufregung, als Rafael mich mit verbundenen Augen zu unserem Zimmer führte. Für die heutige, besondere Nacht hatte er ein Appartement in einem Hotel angemietet. Es wäre merkwürdig gewesen, dieses äußerst intime Ereignis im Schlafzimmer von Surs Eltern zu zelebrieren. Ich hörte das Piepen des elektronischen Türschlosses und wie die Tür aufklackte. Die Unwissenheit machte mich kribblig.
   »Du kannst die Augenbinde abnehmen, wenn du möchtest.« Mit den Worten hob er mich auf seine Arme, als wöge ich nichts.
   Ich zog den dünnen Seidenschal, mit dem er mir die Augen verbunden hatte, von meinem Gesicht und fand mich in einem traumhaft romantisch geschmückten Zimmer wieder. Teelichter säumten unseren Weg. Blutrote und weiße Rosen und Rosenblätter, so weit das Auge reichte. Der Blick aus dem Panoramafenster ging auf die zahlreichen Seen, die in der Dunkelheit gleichermaßen mysteriös wie schön wirkten. Rafael hatte wahrlich keine Kosten gescheut, was das Zimmer anging. Er stellte mich behutsam direkt neben dem Kingsize-Bett auf meine Füße und küsste meinen Nacken. Wohlige Schauder ergriffen meinen Körper.
   »Rosen auf dem Bett. Wie außerordentlich unpraktisch«, brummte er an meiner empfindlichen Haut.
   Das volle Timbre ging mir durch Mark und Bein. Seine Worte bestätigten meine Vermutung, dass er nicht selbst Hand angelegt hatte bei der Dekoration des Raumes. Er hatte am heutigen Tag genug um die Ohren gehabt, um sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern. »Solange sie ohne Dornen sind.«
   Rafael nahm die Überdecke, hob sie samt Rosenblättern von der Nachtstätte, knüllte sie zusammen und warf sie auf den Boden. »Ich muss einen Moment ins Bad.« Er zwinkerte mir zu, ehe er auf der Stelle kehrtmachte und nach nebenan ging.
   Während ich auf seine Rückkehr wartete, zog ich meine Schuhe aus und nahm auf dem Bett Platz. Zu meiner Linken stand ein Tablett auf dem Nachttisch. Champagner, Häppchen und Pralinen. Nach Essen stand mir in diesem Augenblick gewiss nicht der Sinn. Ich überlegte, ob ich ein bisschen Vorarbeit leisten sollte, damit Rafael nicht zu viel auszupacken hatte, und verwarf den Gedanken. Rafael durfte sein Geschenk enthüllen. Meine Anspannung wuchs. Ich warf einen Blick über meine Schulter hinweg auf den gegenüberliegenden Nachttisch. Weitere kleine Gimmicks, die uns die bevorstehende Hochzeitsnacht versüßen sollten. Kondome, Plüschhandschellen … Ich wollte nicht wissen, was sich der Hotelmitarbeiter bei Letzterem gedacht hatte.
   »Suriel.«
   Rafaels Stimme zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Er war das Jackett losgeworden, ebenso den Schlips, Strümpfe und Schuhe. Sein Hemd stand einige Knöpfe offen und zeigte den verführerischen Ansatz seiner muskulösen Brust.
   »Es soll vermutlich witzig sein, doch von Handschellen und Folterinstrumenten habe ich die Nase gestrichen voll.« Er nahm das Tablett und brachte es außer Sichtweite. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht kam er zurück. »Für seine Hochzeit müssen wir uns etwas besonders Fieses einfallen lassen. Bist du mit von der Partie?«
   Ich nickte und klopfte auf die Matratze neben mich. Mein Herz schlug schneller, als er vor mich trat und mir seine Hände entgegenstreckte. Ich nahm sie und ließ mich von ihm auf die Füße ziehen. Er legte seine Handflächen auf meine nackten Schultern und ließ sie über meinen Rücken bis zum oberen Rand der Korsage hinabgleiten.
   »Knifflig«, raunte er. »Aber nicht unmöglich.«
   Geschickt brachte er mich dazu, ihm meine Rückseite zuzuwenden. Seine Hände machten sich sogleich an den Knebelknöpfen zu schaffen. Knopf für Knopf öffnete er diese in einer Langsamkeit, die sinnlich war, jedoch meine Geduld auf eine harte Probe stellte. Mein Körper prickelte wohlig vor Erregung. Am liebsten hätte ich mir das Kleid vom Leib gerissen. Rafaels Mund legte sich auf meine Schulter, während er mit den Knöpfchen fortfuhr. Ich verfluchte jeden einzelnen Knopf, bis er spielerisch in meine Haut biss und mit einem lauten Ratschen den darunterliegenden Reißverschluss nach unten zog. Der weiche Stoff des Kleides fiel zu Boden.
   »Verdammt! Das ist ein Scherz, oder?« Ein Hauch Verzweiflung schwang in seinen Worten mit.
   Ich drehte mich zu ihm um und zeigte auf die Häkchenleiste an der Vorderseite der elfenbeinfarbenen Korsage.
   »Gott sei Dank. Ich dachte, ich müsste dich aus der Schnürung befreien, und war kurz davor, eine Schere zu holen oder meinen Dolch. Es sieht hübsch aus, aber es ist unpraktisch.« Er biss die Zähne zusammen und legte die Hände auf den Satin des Schnürmieders.
   Mit den Häkchen war er wesentlich hektischer als zuvor mit den Knöpfen. Unterdessen öffnete ich sein Hemd und schob es von seinen Schultern. Der Knopf und Reißverschluss der Hose folgten. Zugegeben, er war leichter zu entkleiden, aber das machte es nicht weniger reizvoll. Meine Hände glitten von seinem Nacken über die Muskeln seiner Oberarme. Die Korsage fiel wie das Kleid zu Boden. Bis auf den Slip, die halterlosen Strümpfe und das Strumpfband war ich nackt.
   »Bei allem, was mir heilig ist, du bist schön.« Seine Stimme war rau, sein Atem streifte prickelnd und heiß über meine Haut.
   Rafael schlüpfte aus seiner Anzugshose, deren Stoff sich um seine Füße gebauscht hatte, und zog mich auf die Matratze. Ich fiel auf ihn. Binnen eines Wimpernschlags lag ich auf dem Rücken und er über mir. Seine Hand griff nach oben. Die Fingerspitzen glitten an der Seite meines Halses bis zu meinen Brüsten. Ich verging vor Verlangen danach, dass er meine Brustwarzen berührte, danach, dass er sie in seinen Mund nahm und fest und unnachgiebig an ihnen saugte. Er kam meinem Sehnen nach, fuhr mit der Zunge über meine harte Knospe und zog sie in seine Mundhöhle. Mit sanften Bissen traktierte er sie, bis ich wohlig aufstöhnte. Immerfort saugte er gnadenlos an meiner Brustwarze, bis er sich von mir löste, sich erhob und mich betrachtete. Ich wusste seinen Blick nicht zu deuten und fühlte mich ein wenig unbehaglich.
   »Nein, ich bin mir vollkommen sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben.« Amüsement schwang in seiner Stimme mit.
   Er legte sich neben mich. Seine Handfläche wanderte über meinen Bauch, bis hin zu meiner Mitte und kam auf dem Spitzenstoff meines Höschens zum Liegen. Ich schloss die Augen und begehrte darauf, dass er fortfuhr. Meine Nervenenden entflammten lichterloh, als er seine Lippen auf den oberen Spitzenrand des Slips legte und ihn mit seinen Zähnen, unter ein bisschen Zuhilfenahme seiner Hände, genüsslich langsam von meinen Hüften zog.
   »Das wollte ich schon immer tun«, raunte er an meinen Lippen, als er damit fertig war, und bedeckte sie mit einem Kuss.
   Rafael küsste mich, bis mir schwindlig wurde und der Atem wegblieb. Mir fielen ganz andere Dinge ein, die ich gern mit ihm getan hätte, weshalb ich beschloss, das Ruder an mich zu reißen. Er war überrascht, als ich mich mit gespreizten Schenkeln auf ihm positionierte. Das Zeichen seiner Begierde schmiegte sich durch den Stoff seines Slips hart und drängend an meine hocherregte Haut. Seine Verwunderung verflog rasch und er stöhnte unter meinen Berührungen auf. Ich ließ mein Becken über seine Mitte kreisen.
   »Verdammt!« Rafael keuchte.
   Er hielt meine Hüften fest, wohl unentschlossen, ob er mich animieren sollte, fortzufahren, oder mich von sich zu heben, damit er sich von dem hinderlichen Stoff entledigen konnte. Er entschied sich für Variante Nummer Drei, die mich zum Kichern brachte. Mit einem Griff in den Bund des Slips, dem ein lautes Ratschen folgte, riss er das Kleidungsstück entzwei. Effektiv, wenngleich auf Dauer sehr kostspielig. Ich kam nicht dazu, einen weiteren Gedanken zu fassen, denn ich spürte die Spitze seines Glieds an der Eintrittspforte zu meiner Mitte. Seine erigierte Härte glitt wie von selbst in mich und erfüllte mich zur Gänze. Ich sah ihn unter schweren, nur halb geöffneten Lidern an. Das Spiel seiner Muskeln im flackernden Kerzenschein war mehr als einen Blick wert. Ich konnte mich an seinem Körper nicht sattsehen. Rafael bog mir seine Hüften entgegen, da ich völlig regungslos auf ihm saß.
   »Ineffektiv.« Erneut nutzte er die Gelegenheit, den Spieß umzudrehen.
   Es war eine Art Machtspiel zwischen ihm und mir. Er genoss es, die Zügel an sich zu reißen, und ebenso sehr, dass ich sie mir mit sanfter Gewalt zurückeroberte. Für den Moment überließ ich ihm die Oberhand. Ich schloss die Augen und sog jede Nuance in mich auf, als er mit sachten Bewegungen unser Liebesspiel fortsetzte. Die Lust ballte sich bereits nach kurzer Zeit in meiner Mitte. Mein Höhepunkt zog unaufhaltsam auf und wenige Augenblicke später stieß er mich über die Klippe meiner Leidenschaft. Ich versank im Strudel der Begierde und ließ mich vollends in diesen Moment fallen. Vor Lust schrie ich seinen Namen. Als ich die Augen aufschlug, erkannte ich den männlichen Stolz in seinem Blick. Seine Hände glitten meine Seiten entlang, unterdessen er mich mit einer Sanftheit weiterliebte, die mich vor Glück fast zerspringen ließ. Ich hätte stundenlang so weitermachen können. Das Heraufziehen seines Höhepunkts, der sich mit einem Vibrieren und seinem Aufseufzen ankündete, brachte mich erneut an die Schwelle. Ich legte meine Hand an seine Wange, weil ich ihm in die Augen blicken wollte, sobald er kam, ihn in diesem Moment sehen wollte, in dem alle Reserviertheit von ihm abfiel. Sein Orgasmus baute sich rasch auf. Ich konnte spüren, wie er sich verkrampfte. Er würde nicht mehr allzu lang an sich halten können. In fiebriger Leidenschaft stieß er immer wieder zu. Sein Tempo war angewachsen, sein Liebesspiel schon längst nicht mehr sanft. Er zitterte, als er sich mit einem Brüllen in meiner Mitte ergoss. Dieser Moment bescherte mir einen Höhepunkt, der mir beinahe die Lichter ausschoss. Mir wurde schwindlig und schwarz vor Augen. Als ich schwer atmend zurückkehrte, tanzten bunte Lichtpunkte vor meinen Augen. Rafaels Atem ging keuchend wie eine alte Dampflok. Trotz alledem lag auf seinem Gesicht ein breites, äußerst zufriedenes Lächeln. Seine Haut glänzte vor Schweiß, dazu die Leidenschaft in seinem Blick. Ich bekam einfach nie genug von ihm und diesem hocherotischen Anblick. Er senkte den Kopf und küsste mich ungezügelt.

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