Als Amanda Moore ein New Yorker Polizeirevier betritt, um den letzten Wunsch ihrer kürzlich verstorbenen Mutter zu erfüllen, trifft sie auf einen attraktiven Fremden. Raven übt eine magische Anziehungskraft auf sie aus, doch je näher sie ihm kommt, desto mehr gerät ihre Welt aus den Fugen. Dämonen verfolgen sie, die Kreaturen der Hölle trachten nach ihrem Leben, Raven entpuppt sich als Dämonenjäger und Amanda erfährt Hintergründe über ihre Existenz, die ihr lieber verborgen geblieben wären. Ist Raven tatsächlich der Einzige, der sie beschützen kann? Welches dunkle Geheimnis verbirgt er vor ihr? Kann er verhindern, dass sich eine grausige Prophezeiung erfüllt und nicht nur Amanda, sondern die ganze Welt Opfer des Bösen wird?

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ISBN: 978-9963-52-627-7

Seiten: 322

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Sara Hill

Sara Hill
Sara Hill wurde am 05.02.1971 geboren und lebt mit ihrem Mann, zwei Söhnen und einer Vielzahl von Haustieren in einer kleinen beschaulichen Ortschaft in der Nähe von Nürnberg.

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Leseprobe

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Kapitel 1

Beschissener hätte der Tag für Raven nicht beginnen können. Bereits seit einer gefühlten Ewigkeit befand er sich in einem New Yorker Apartmentkomplex auf der Suche nach dieser verdammten Wohnung, obwohl er weder die Zeit noch die Geduld für so etwas besaß. Von seinem Ledermantel perlte Regenwasser und tropfte auf den Steinboden des verlassenen Hausflurs. Debbie sollte sich warm anziehen, wenn er sie in die Finger bekam, immerhin war sie schuld an dem ganzen Mist. Hätte sie ihm gleich die richtige Adresse gegeben, würde er jetzt schon mit seiner gestrigen Eroberung ein nettes Nümmerchen schieben. Die Kleine war ein richtiger Volltreffer. Raven konnte sich bei dem Gedanken ein Grinsen nicht verkneifen. Die hatte es drauf und ihr Arsch …
   Abrupt blieb er stehen, denn ein stechender Kupfergeruch ließ seine Alarmglocken schrillen. Er fuhr herum und sah in die Richtung, aus der der Gestank kam. Eine leise Ahnung stieg in ihm auf. Da miefte etwas gewaltig und damit meinte er nicht nur das Offensichtliche, sondern etwas bedeutend Unangenehmeres. Das sagte ihm seine jahrelange Erfahrung in diesem undankbaren Job. Er zog seine 9 mm, gefüllt mit Weihwasser behandelter Spezialmunition, unter dem Mantel hervor und konzentrierte sich auf seine Sinne. Wie ein Spürhund folgte er dem Geruch.
   Mit einem angespannten Kribbeln in seiner Magengegend erreichte er schließlich eine Wohnung am Ende des Flurs. Der Geruch von frischem Blut schlug ihm entgegen. Ja, hier war er richtig.
   Die Tür war angelehnt. Er sog mit einem leisen Zischen Luft ein. Kein New Yorker würde seine Tür offen lassen. Eigentlich sollte er hier nur einen potenziellen Kunden treffen, von mehr war nicht die Rede gewesen. »Ganz harmlos«, hatte Debbie gesagt. Raven schnaubte. Sein Gespür konnte keinen Dämon fühlen. Was um diese Zeit nicht verwunderlich war, denn normalerweise scheuten die Kreaturen der Nacht das Tageslicht. Ausnahmen bestätigen aber jede Regel. Angespannt entsicherte er seine Waffe, deren polierter Lauf im Licht der Flurbeleuchtung aufblitzte. Er lauschte, doch er vernahm weder das Schlagen eines menschlichen Herzens noch sonst irgendein Geräusch, das auf dämonische Aktivitäten hindeutete. Es war überhaupt kein verdammter Laut zu hören und der Geruch von Blut überdeckte jeden anderen. Er zögerte. Konnte er doch seinen Hintern drauf verwetten, dass er geradewegs in eine verfluchte Falle lief.
   »Verdammt«, zischte er und tippte gegen die Tür, die sich langsam öffnete. Wachsam betrat er die Wohnung. Unzählige Kerzenflammen tanzten im Luftzug, der mit ihm in das Zimmer drang, und warfen bizarre Schatten an die Wände, die über und über von blutroten Zeichen bedeckt waren. Raven ahnte, dass der Urheber dieses grauenvollen Kunstwerks keine rote Farbe benutzt hatte. Sein Blick fiel auf die geschwärzten Scheiben der Fenster, durch die nicht der kleinste Lichtstrahl schien. Die besten Voraussetzungen für Dämonen. Sachte schloss er die Tür und bewegte sich vorsichtig durch den Raum, den eine große Couch dominierte. Hinter dem Sofa fand er den Grund für den penetranten Blutgestank. Dort lagen eine Frau und ein Mann asiatischer Herkunft in einer Blutlache. Behutsam trat Raven näher, um die Leichen zu begutachten, die aussahen, als hätten scharfe Klauen ihre Brustkörbe aufgerissen. Er ging in die Hocke und berührte den Arm der Frau, deren Haut sich noch warm anfühlte. Als er seinen Kopf hob, entdeckte er durch eine offene Tür die Leichen zweier Kinder im Nebenraum. Jemand musste die beiden mit einem Schwert oder einer ähnlichen Waffe getötet haben. Der kleinere Junge konnte nicht älter als fünf gewesen sein, der größere vielleicht acht. Um die Knaben hatte sich der helle Teppich dunkelrot gefärbt. Die dicken Fasern sogen das Blut auf, wie Löschpapier Tinte.
   Ravens dämonische Hälfte erwachte. Der Geruch des Blutes wirkte nicht mehr abstoßend, sondern im Gegenteil, er betörte ihn wie der sinnliche Duft einer schönen Frau. Langsam bröckelte seine Selbstbeherrschung und die Kreatur in ihm versuchte, die Kontrolle zu erlangen. Sie hätte zu gern ihre Hände in die aufgerissenen Leiber gesteckt und mit den noch warmen Gedärmen gespielt. Vielleicht konnte er die Panik fühlen, die diese armseligen Menschen zum Zeitpunkt ihres Todes empfunden haben mussten. Dieser Gedanke amüsierte den Dämon. Die Angst der Menschen war eine unermessliche Quelle der Kraft für die Kreaturen der Finsternis. Sie rochen so gut, wenn das Adrenalin durch ihre Adern schoss, und schmeckten ebenso vorzüglich. Eine ungezähmte Wut flammte auf, seine menschliche Hälfte ließ es nie zu, von ihrem Fleisch zu kosten. Ravens Sicht wurde schärfer. Er wusste, dass seine Augen eine schwarze Farbe annahmen. Der einzige erkennbare Beweis seines dämonischen Erbes, denn ansonsten sah er wie ein normaler Mensch aus. Er ballte die Fäuste. Seine Muskeln spannten sich unter seiner Haut, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Was zum Teufel war los mit ihm? Hatte er doch schon öfter Menschen in ihrem Blut liegend vorgefunden, aber dabei noch nie so heftig reagiert. Er musste sich in den Griff bekommen. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Nur mühevoll gelang es ihm, sich auf seine menschliche Hälfte zu konzentrieren. Er stand auf, atmete ein paar Mal tief durch und inspizierte den Tatort. Immer wieder schossen die Gedanken seiner dämonischen Hälfte durch seinen Kopf, die ihn dazu bringen wollte, weiter die Leichen zu betrachten, um sich an dem Anblick zu ergötzen. Raven gab diesem Impuls nicht nach, stattdessen betrachtete er die Schmierereien an den Wänden. Er zitterte wie ein Junkie, der nach dem nächsten Schuss lechzte. Sekundenlang sah er die Zeichen an, ohne sie wahrzunehmen.
   »Reiß dich zusammen, Junge!« Mit beiden Händen suchte er auf dem Sideboard, das vor ihm stand, Halt.
   Er roch das Blut der Knaben, mit dem man die Zeichen gemalt hatte. Sein Verstand arbeitete und die menschliche Hälfte erlangte endlich Oberhand. Raven richtete sich auf, um die grausigen Wandbilder genauer zu betrachten. Der rote Lebenssaft von Kindern entwickelte bei Ritualen eine enorm verstärkende Wirkung. Ein Ritual! Welcher Dämon war gerufen worden? Raven kannte die Zeichen nicht und es gab keinen Hinweis darauf, wer es durchgeführt hatte. Waren diese beiden Erwachsenen dafür verantwortlich?
   War die Beschwörung außer Kontrolle geraten und hatte der gerufene Dämon seine Beschwörer getötet? Viel zu oft unterschätzten diese selbst ernannten Priester die Kreaturen der Hölle.
   Keiner wusste das besser als er. Er nahm ein Bild von der Kommode, auf dem das Paar mit den Jungen zu sehen war. Der Arm des Mannes war liebevoll um die Frau gelegt. Diese blickte die beiden Knaben zärtlich an. Die Menschen auf dem Foto machten nicht den Eindruck, als wären sie mit dem Bösen im Bunde. Eine glückliche Familie, wie es schien, die jemand in ihrem Zuhause kaltblütig niedergemetzelt hatte. Im Laufe seines Lebens war ihm schon viel Unglaubliches untergekommen. Er stellte das Bild wieder an seinen Platz.
   Er brauchte Debbie, sie würde herausfinden können, um welche Zeichen es sich hier handelte. Er zog das Handy aus der Manteltasche, doch das Display blieb schwarz, als er die Kamera aktivierte. Scheiße noch mal, der Akku war leer. Vor seinem inneren Auge sah er Debbies hämisches Grinsen. »Na, hat der große Jäger wieder vergessen, sein Handy aufzuladen?« Er schob das verdammte Ding in die Tasche zurück.
   Schritte näherten sich auf dem Gang. Er hoffte, die fremde Person würde vorher in einer der anderen Wohnungen verschwinden. Sie hielt vor der Wohnungstür und klopfte. Eine männliche Stimme rief etwas, aber Raven verstand die Sprache nicht. Wieder pochte es an der Tür.
   Da draußen war ein Mensch, er konnte ihn riechen. Ein klirrendes Geräusch ertönte, als würde der Unbekannte Schlüssel aus einer Tasche ziehen. Raven verschwand in die Küche, die an den Raum grenzte. Es war besser, nicht zu warten, bis dieser jemand hereinkam und ihn mit einer Waffe in der Hand zwischen den Leichen stehend antraf. Er zog es vor, unauffällig über die Feuerleiter zu verschwinden. Als er die Plattform der Feuerleiter erreichte, ertönten Schreie des Entsetzens aus der Wohnung. Raven stieg schleunigst nach oben, um über die Dächer zu fliehen. Er griff nach dem Geländer und fasste in eine klebrige Substanz.
   »Verdammt noch mal, Dämonenscheiße!« Raven wischte die Finger angewidert an der Hauswand ab. Er verzog die Nase, das Zeug stank fürchterlich nach faulen Eiern und brannte auf der Haut. Er besah den grünen Schleim, der sich langsam durch das Metall fraß. Raven hatte nicht die leiseste Ahnung, von welchem Dämon er stammen könnte.
   Ohne jede Vorwarnung attackierte ihn etwas und schleuderte ihn die Feuertreppe hinunter. Er fiel fast fünf Meter in die Tiefe, dort schlug er hart auf dem Asphalt auf. Schnell kam Raven wieder auf die Beine.
   Was hatte ihn da attackiert? Kein Dämon, er konnte es nicht spüren. Sein Blick suchte nach seiner Waffe, die ihm bei dem Sturz aus der Hand geglitten war. Er entdeckte sie neben den Mülltonnen, doch seine 9 mm zu holen, gelang ihm auch nicht mehr. Der Angreifer sprang auf seinen Rücken und schlug mit scharfen Krallen durch den Mantel in sein Fleisch. Raven biss die Zähne zusammen, um nicht laut aufzuschreien. Was er als Letztes brauchen konnte, waren die neugierigen Blicke der Anwohner. Sein Rücken brannte wie Feuer.
   Raven nahm seine ganze Kraft zusammen, drückte sich vom Boden ab und machte einen gewaltigen Satz nach hinten. Damit rammte er seinen Feind gegen eine Hauswand. Putz bröckelte herab. Ein schrilles Kreischen erklang, das normale Menschen jedoch nicht hören konnten. An den Fenstern, die wie leere Augen in die enge Sackgasse starrten, blieb es ruhig. Der Dämon ließ nicht los. Warum zum Teufel schlich diese Kreatur am helllichten Tage um die Häuser?
   Die Krallen seines Gegners gruben sich tiefer in sein Fleisch. Für einen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen. Er musste Herr seiner Sinne bleiben, sonst tranchierte ihn das Vieh bei lebendigem Leibe. Er warf sein ganzes Gewicht gegen einen der großen Müllcontainer. Das Biest lockerte den Griff. Raven erreichte seine Waffe, hielt sie an seine eigene Schulter und drückte ab. Der Schmerz ging ihm durch Mark und Bein, als sich die Kugel durch sein Fleisch bohrte. Sie trat auf der anderen Seite aus. Der Dämon schrie.
   Das Geschoss hatte sein Ziel nicht verfehlt. Endlich zog das Ding auf seinem Rücken die Krallen zurück. Er bekam dessen schuppigen Arm zu fassen und schleuderte es gegen die Hauswand. Das Vieh stand benommen auf, schlich aber gleich wieder lauernd in seine Richtung.
   Raven betrachtete seinen Gegner. So einen Dämon hatte er noch nie gesehen. Er ähnelte einem Raubsaurier, der sich auf zwei Beinen bewegte. Seine Hinterläufe endeten in scharfen Krallen, aber die an seinen vorderen Gliedmaßen waren wesentlich gefährlicher. Aus dem Maul, zwischen seinen mächtigen Reißzähnen hindurch, quoll eine schleimige Substanz, die zischend auf den Boden tropfte. Ravens Blick suchte das Monstrum nach Zeichen ab, zu welchem höheren Dämon es gehören könnte, denn es schien sich nur um einen Diener zu handeln.
   Während er versuchte, die Herkunft der Kreatur zu entschlüsseln, durchzuckte seine Finger ein beißender Schmerz. Der Dämon hatte den Augenblick der Ablenkung genutzt und ihm mit seinem peitschenartigen Schwanz die 9 mm aus der Hand geschlagen. Die Waffe schlitterte Richtung Hauswand. Raven hechtete hinterher, doch die Kreatur erwischte sein Bein, trieb ihre Klauen durch seine Wade und nagelte ihn förmlich auf der Straße fest.
   Raven presste seine Zähne fest aufeinander, trotzdem entfuhr ihm ein erstickter Schrei. Wie eine Henkersschlinge legte das Höllenvieh ihm den Schwanz um den Hals und schnürte ihm langsam die Luft ab. Die Kreatur zog ihre Krallen aus seinem Bein. Noch bevor er reagieren konnte, rammte sie ihre messerscharfen Klauen in seinen Rücken. Raven wollte aufschreien, aber die Luft blieb ihm weg. Er musste seine Waffe erreichen. Sein Verstand arbeitete fieberhaft, während sich der Schwanz des Monsters fester um seine Kehle wand.
   Keuchend rang er nach Atem, seine Lungen schmerzten. Er versuchte, mit einer Hand die Fessel um seinen Hals zu lösen. Mit der anderen gelang es ihm, das Gitter eines Kellerfensters zu erreichen. Durch pure Kraft versuchte er, eine Stange zu lösen.
   Sein Kehlkopf wurde langsam eingedrückt und er schnappte nach Luft. Das verdammte Gitter gab nicht nach. Er zog fester, das Metall stöhnte laut. Die Klauen seines Angreifers drangen tiefer ein. Wenn sie Ravens Herz durchbohrten, konnte das sein Ende bedeuten. Seine Selbstheilungskräfte würden dann auch nichts mehr nützen. Adrenalin schoss durch seinen Körper. Mit einem kräftigen Ruck gelang es ihm, die Stange abzureißen, die er in den Leib des Dämons rammte. Das Vieh gab ein markerschütterndes Kreischen von sich und ließ locker. Raven warf das Vieh mit seiner ganzen Kraft gegen die Mauer des gegenüberliegenden Hauses. Ziegelbrocken flogen in alle Richtungen. Knochen knackten.
   Er schnappte seine Waffe, sprang auf die Beine und zielte auf den Dämon, aber der war fort. Er blickte sich um, doch die Kreatur blieb verschwunden. Die Klauen des Untiers hatten auf seinem Rücken tiefe Wunden hinterlassen, Blut durchtränkte sein T-Shirt.
   Nur langsam heilten die Verletzungen. Sein Rücken brannte und die Schulter tat höllisch weh. Vor seinen Augen verschwamm alles, als hätte er ein Betäubungsmittel in seinem Körper. Er schüttelte benommen den Kopf. Verflucht, was war das? Drogen hatten keine Wirkung auf ihn. Polizeisirenen ertönten. Raven rechnete mit einem erneuten Angriff, doch der Dämon schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Er taumelte einige Schritte nach vorn und sank keuchend auf die Knie. Uniformierte strömten in die kleine Gasse und umstellten ihn. Raven war schwach, nur mit Mühe blieb er bei Bewusstsein. Wahrscheinlich waren das die Auswirkungen dieses Dämonenschleims. Er hatte keine andere Wahl, ließ seine Waffe fallen und verschränkte, wie befohlen, seine Arme hinter dem Kopf. Die Strahlen der Sonne durchbrachen die Wolkendecke und erhellten die kleine Gasse. Handschellen klickten, jemand rief, dass er ein Schwert im Müll gefunden hatte.
   »Da klebt Blut dran. Was wollen wir wetten, dass es von den Kindern ist?«, sagte einer der Beamten.
   Verdammt!
   Es war tatsächlich eine verfluchte Falle. Raven schloss die Augen und leistete keinen Widerstand.

*

Mit hämmerndem Herzen stieg Amanda die Steinstufen hoch, atmete tief durch und berührte den Griff der schweren Eingangstür, als diese aufschwang. Nur ein schneller Schritt zur Seite verhinderte einen Zusammenstoß mit einem der Türflügel. Um ein Haar wäre sie rückwärts die Treppe hinuntergestürzt, wenn sie sich nicht am Geländer festgehalten hätte.
   »Oh, es tut mir so leid. Alles in Ordnung, Miss?« Ein Beamter umfasste ihren Arm.
   »Mir ist nichts passiert.« Amanda versuchte zu lächeln, was ihr offenbar kläglich misslang, denn der Polizist blickte skeptisch, ließ sie aber los.
   »Nein, wirklich, mir geht es gut. Danke.« Mit diesen Worten schlüpfte sie in das Gebäude. Drinnen spähte sie durch die tellergroße Glasscheibe, die in die Tür eingelassen war, nach draußen. Sie erblickte den Uniformierten, der ihr hinterher sah und einen kurzen Augenblick zögerte. Zu ihrer Erleichterung setzte der Mann seinen Weg fort.
   Nun war sie in der Höhle des Löwen. Wie lange hatte sie ihren Vater nicht gesehen? Bei dem Gedanken an ihn spürte sie einen schmerzhaften Druck in der Magengegend. Fünf Jahre. Damals hatte der Mistkerl sie und ihre Mutter verlassen. Amanda ballte die Fäuste. Wenn sie es ihrer sterbenden Mutter nicht versprochen hätte, wäre sie gar nicht hier.
   Sie betrachtete den Empfang der Polizeistation. Alles kam ihr so verdammt vertraut vor. Als junges Mädchen hatte sie ihren Dad ab und zu in seinem früheren Revier besucht. Damals, als alles noch in Ordnung war, lange bevor ihre heile Welt zerbrach. Nervös spielte sie mit einem Zipfel ihrer Jacke. Es war zwar eine andere Polizeistation, aber im Grunde genommen ähnelten sich alle in gewisser Weise, der Geruch, das Publikum und natürlich stand auch hier ein Beamter am Empfang. Ihr Blick fiel auf den Officer, der hinter dem Tresen stand.
   Amanda kam es vor, als hätten ihre Beine an Ort und Stelle Wurzeln geschlagen. Es gab tausend Orte, an denen sie sich in dieser Sekunde lieber aufhalten würde.
   Wie lange willst du noch hier dumm rumstehen und gaffen? Bald machst du dich verdächtig. Geh einfach los, einen Fuß vor den anderen. Zögerlich setzte sie sich in Bewegung, dachte darüber nach, wo sie jetzt lieber wäre. Ihr Zahnarzt mit seinen kalten Händen kam ihr in den Sinn oder das eklige, spinnenverseuchte Zeltlager, in dem sie mit zwölf war. Es schüttelte sie. All dies würde sie einer Begegnung mit ihrem Vater vorziehen.
   Schrille Stimmen lenkten Amanda von ihren Gedanken ab.
   Grell geschminkte Frauen in hautenger, knapper Kleidung keiften einen uniformierten Beamten an, der überfordert war und sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn tupfte. Auf der danebenstehenden Bank hatte eine ältere grauhaarige Frau Platz genommen. Sie wirkte neben der Gruppe von Prostituierten deplatziert. Der kleine Terrier auf dem Schoß der betagten Dame stimmte lautstark in das Gezeter der käuflichen Damen ein.
   Als Amanda den Tresen erreichte, blickte der Officer auf, ein untersetzter Mann mit schütterem Haar. Er blickte sie mit grauen Augen über den oberen Rand der Brille hinweg an.
   »Entschuldigen Sie, mein Name ist Amanda …«
   Das Telefon des Beamten klingelte. Mit einer gemurmelten Entschuldigung hob er den Hörer ab und sah weg.
   Unsicher strich Amanda eine Haarsträhne hinter das Ohr. Ihre Entschlossenheit geriet ins Wanken, vielleicht sollte sie ihren Vater doch nicht treffen. Sie biss sich auf die Unterlippe. Was wollte sie eigentlich hier? Wahrscheinlich brachte eine Begegnung mit ihm sowieso nichts. Alles war vergessen und sie fiel ihrem Dad in die Arme? So etwas passierte nur im Märchen, dort lebte man lange und glücklich. Wieder spürte sie den Druck in ihrer Magengegend und schüttelte langsam ihren Kopf. Sie würden sich wie zwei Fremde gegenüberstehen. Sie ballte die Hände zu Fäusten.
   Nein! Sie wollte diesem Mann, der sie und ihre Mutter allein gelassen hatte, nicht die Hand reichen. In ihren Augen spürte sie Tränen, die sie gerade noch zurückhalten konnte.
   »Mom, diesen letzten Wunsch kann ich dir nicht erfüllen.« Hastig drehte sich Amanda zur Tür, die in diesem Moment geöffnet wurde.
   Vier Uniformierte und zwei Polizisten in Zivil führten einen Mann in Handschellen herein. Amanda hielt inne. Seine Erscheinung faszinierte sie so sehr, dass sie den Drang zu flüchten völlig vergaß. Sie betrachtete den Mann von oben bis unten. Er war wahrscheinlich Mitte zwanzig.
   Die Farbe seines schulterlangen Haares erinnerte sie an das glänzende Gefieder eines Raben. Die klobigen Stiefel knirschten bei jedem Schritt, als er sich ihr lässig näherte. Sein langer dunkler Ledermantel war offen und gab den Blick auf eine schwarze Lederhose sowie ein eng anliegendes T-Shirt frei. Seine Bauchmuskeln, die sich darunter abzeichneten, waren nicht zu verachten.
   Amanda errötete, denn der Typ grinste sie süffisant an, als hätte er ihre Gedanken erraten. Er wirkte selbstsicher. Nein, arrogant war passender. Ein Kerl, der wusste, dass er attraktiv war, und an jedem Finger bestimmt zehn Frauen hatte.
   Der Mann betrachtete sie wie ein Raubtier seine potenzielle Beute. Amandas Körper durchströmte ein Kribbeln und ihr Herz klopfte. Er zeigte Interesse an ihr. Es war ungewöhnlich, dass ein solcher Typ Mann ihr Beachtung schenkte. Standen Kerle dieser Gattung eher auf Barbiepüppchen und nicht auf schüchterne, graue Mäuschen. Doch er sah sie nicht mitleidig oder arrogant an, wie solche Männer es für gewöhnlich taten, sondern eindeutig interessiert, fast schon anzüglich. Verlegen wich sie seinem Blick aus. Sie unterdrückte gerade noch ein geschmeicheltes Kichern.
   In diesem Moment hätte sie sich ohrfeigen können. Was war mit ihr los? Eigentlich machte sie um solche bescheuerten Typen einen großen Bogen! Sie mochte anständige, treue Männer und nicht solche Mistkerle, wie auch ihr Vater einer war. Sie versuchte, ihre Gedanken auf etwas anderes zu lenken.
   Warum war sie hier?
   Der Mann blieb nah neben ihr stehen. Amanda nahm seinen würzigen Geruch wahr, der ihr gänzlich die Sinne vernebelte. Würde man sie jetzt nach ihrem Namen fragen, sie wüsste ihn nicht.
   Tief in ihrem Inneren machte sich ein unbehagliches Gefühl breit. Eine Stimme flüsterte, dass dieser Mann böse sei und sie das Weite suchen sollte. Sie gab dieser Stimme nicht nach. Stattdessen betrachtete sie neugierig, zu ihrer eigenen Verwunderung fast schon forsch, sein ebenmäßiges Gesicht, das einen knabenhaften Charme ausstrahlte.
   Er seinerseits begutachtete sie mit einem prüfenden Blick von oben bis unten und sein Grinsen wurde noch breiter. Saphirblaue Augen sahen sie dabei verschmitzt an.
   »Was hat ein hübsches Mädchen wie du wohl ausgefressen?« Amandas Herz machte einen Sprung. Er fand sie tatsächlich hübsch. Wieso sollte sie wohl etwas angestellt haben?
   Schlagartig wurde ihr bewusst, wo sie sich befand. Auf einem Polizeirevier, nicht in einer Bar, um Männer aufzureißen, und dieses Exemplar vor ihr schien auch noch ein Schwerkrimineller zu sein. Es war ausgesprochen peinlich, dass ihr Körper so reagierte, als wäre sie ein Teenager, der auf sein Idol trifft. Sie trat ein Stück zurück. Wahrscheinlich hatte ihr Gesicht bereits die Farbe einer Tomate angenommen, es fühlte sich zumindest so an. Sie hasste es, dass sie so schnell rot anlief.
   »Halt’s Maul!«, raunzte ein junger Polizist in Zivil den Gefangenen an und zog ihn weg, bevor sie eine passende Antwort geben konnte.
   Das war vielleicht besser so, denn in solchen Momenten hatte sie sowieso nie schlagfertige Worte parat.
   Der Kollege des unfreundlichen Beamten, ein dunkelhäutiger Mann Mitte fünfzig, sprach mit dem Officer am Empfang. Dieser schrieb etwas in ein Buch und öffnete dann auf der linken Seite des Tresens eine niedrige Tür, durch die die Polizisten ihren Gefangenen schoben und die dahinterliegende Treppe hinaufstiegen. Verwirrt blickte Amanda den Männern nach. Der Mantel des Verdächtigen war auf der Rückseite zerfetzt. Was konnte er wohl verbrochen haben?
   »Miss? Miss!«
   Der Officer am Empfang sah sie aufmerksam an. Verdammt, warum war sie hier? Bestimmt blickte sie in diesem Moment wie ein Mondkalb. Ihr Gesicht brannte. Wenigstens fiel ihr wieder der Grund dafür ein, warum sie sich auf einem Polizeirevier aufhielt. Sie wollte zu ihrem Vater.
   »Mein Name ist Amanda Moore, ich möchte zu Captain James Moore.«
   »Oh, sie sind Captain Moores Tochter, nicht wahr?« Ohne die Antwort abzuwarten, nahm er den Hörer und telefonierte kurz. Amanda versteifte sich. Captain Moores Tochter, so hatte sie lange keiner mehr genannt. Der Druck in der Magengegend meldete sich wieder. Eine Polizistin in Uniform kam die Treppe hinunter.
   »Maggie, bring bitte Miss Moore zu ihrem Vater«, sagte der Officer.
   »Kommen Sie mit mir.«
   Amanda stieg hinter der Polizistin die Treppe nach oben, die in einem Großraumbüro endete. Maggie führte sie an den Schreibtischen vorbei in den hinteren Bereich. Dort gab es durch Glaswände abgetrennte Büroräume. Die Kollegen warfen der hübschen Beamtin neckische Bemerkungen zu und flirteten mit ihr. Amanda dagegen wurde nur mit neugierigen Blicken bedacht. Sie spürte förmlich, wie ihr die Blicke der Anwesenden folgten. Sie hasste es, im Mittelpunkt zu stehen, aber noch dunkelroter konnte sie nicht werden. Um sich abzulenken, musterte sie ihre Begleitung. Maggies Haut besaß einen kaffeebraunen Ton.
   Amanda war eher ein heller Typ, um nicht zu sagen blass, daher reichten wenige Minuten in der Sonne aus, dass ihre Haut einen krebsroten Ton annahm. Dieses Problem hatte Maggie mit Sicherheit nicht.
   Die beiden erreichten eine gläserne Tür, auf der »Captain Moore« stand. Die Beamtin öffnete sie und ließ Amanda den Vortritt. Es war niemand im Büro. Sie ging zu einem wuchtigen Mahagonischreibtisch, der schräg vor einer Bücherwand stand. Das Möbelstück hatte schon bessere Tage gesehen. Sanft strich Amanda über die zerkratzte Oberfläche. Sie bemerkte, dass sich keine Bilder und nichts Persönliches darauf befanden. Im ehemaligen Revier ihres Vaters zierten Fotografien seiner Familie sowie Kleinigkeiten, die sie als Kind für ihn gebastelt hatte, seinen Schreibtisch. Diese zeigte er jedem voller Stolz. Was ihr als Teenager peinlich war. Nun saß er wohl jeden Tag hier, an einem leeren und unpersönlichen Arbeitsplatz.
   »Sie können gern Platz nehmen.« Maggie deutete auf ein kleines Ledersofa, das der Tür gegenüber vor der Fensterfront stand.
   »Nein, ich stehe lieber.«
   »Captain Moore wird gleich hier sein.«
   Amanda zog ihre Jacke aus und hängte sie über einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch.
   »Dann geh ich mal wieder an die Arbeit.« Die Polizistin wandte sich zur Tür. Amanda wurde in diesem Augenblick bewusst, dass sie hier allein auf ihren Vater warten sollte. Ihr Herz raste. Sie wischte die schweißnassen Hände an ihrer Jeans ab.
   »Maggie!« Die Angesprochene hielt inne, blickte Amanda freundlich an. Am liebsten hätte sie die Polizisten gebeten zu bleiben. »Könnten Sie mir sagen, wo es zur Toilette geht?«, fragte sie stattdessen.
   «Natürlich, Sie gehen durch diese Tür, geradeaus den Gang entlang, die dritte Tür links ist dann die Damentoilette.«
   »Vielen Dank.«
   Maggie nickte und verließ den Raum. Amanda blieb zurück. Die Geräuschkulisse des Großraumbüros war gedämpft durch die geschlossene Tür zu hören. Ein Klumpen rollte in ihrem Magen hin und her. Irgendwie wirkte der Raum auf einmal so klein. Es schien fast, als bewegten sich die Wände auf sie zu. Sie schluckte, das Atmen fiel ihr schwer. Sie musste hier raus!

Kapitel 2

Raven wartete in einem fensterlosen Zimmer auf sein Verhör. Kaltes Neonlicht sorgte für eine mehr als ausreichende Helligkeit. Seine beiden Arme waren mittels Handschellen an die metallenen Armlehnen gefesselt. Entspannt lehnte er sich zurück, streckte die Füße unter einem Metalltisch aus und grinste amüsiert in den großen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand.
   Er wusste, dass man ihn von der anderen Seite aus beobachtete. Trotz der verspiegelten Oberfläche konnte er die zwei Personen, die dahinter standen, deutlich sehen. Er machte sich einen Spaß daraus, den jüngeren der beiden, ein nervös wirkendes Milchgesicht im Anzug, in die Augen zu schauen. Der Knabe konnte seinem Blick kaum standhalten. Dessen Kollege, ein glatzköpfiger Afroamerikaner um die Vierzig, beäugte Raven unbeeindruckt mit routinierter Gelassenheit. Verächtlich verzog Raven den Mund, wahrscheinlich Staatsanwälte.
   »Er sieht uns nicht, oder?« Raven konnte genau verstehen, was der Jüngere seinem Partner zuflüsterte.
   »Nein, das ist ein venezianischer Spiegel, nur auf unserer Seite kann man hindurchschauen.«
   Raven schmunzelte. Das würde noch lustig werden. Er vernahm Schritte und die einzige Tür, die in den Verhörraum führte, öffnete sich. Die zwei Zivilpolizisten, die ihn verhaftet hatten, traten ein. Der eine, ein Schwarzer mittleren Alters, knöpfte die graue Anzugjacke auf, strich seine blaue Krawatte glatt und setzte sich auf einen der beiden freien Stühle, die Raven gegenüberstanden. Er schien noch einer dieser altmodischen Gesetzeshüter zu sein, für die ein ordentliches Äußeres zum Berufsbild eines Detectives gehörte.
   Die braunen, klugen Augen des Polizisten blickten aufmerksam. Erst bei genauem Hinsehen erkannte Raven kleine Vernarbungen auf dessen Wange.
   Der deutlich jüngere Kollege blieb in der Ecke stehen. Im Gegensatz zu seinem Partner schien der in seiner Kleidung zu schlafen. Sein Hemd war unordentlich in den Bund der Jeans gestopft, als hätte er es beim Anziehen eilig gehabt. Ein heller Kaffeefleck, der bei dem erfolglosen Versuch, ihn zu beseitigen, wahrscheinlich noch an Größe gewonnen hatte, zierte das weiße Hemd.
   Der junge Polizeibeamte funkelte Raven mit seinen dunklen Augen an, die ihm mit unverhohlener Abscheu begegneten. Der Tod dieser Familie schien dem Bullen nahe zu gehen. Selbst wenn Raven nicht dessen Herz vernommen hätte, das mit doppelter Geschwindigkeit das Blut durch die Adern pumpte, wüsste er, was in dem Kerl vorging. Denn der Geruch seiner immensen Wut strömte aus jeder Pore.
   Menschen! Sie ließen sich zu sehr von ihren Gefühlen leiten. Wenn sie Tote sahen, schaltete ihr Verstand ab. Der Ältere legte eine Akte akkurat auf den Tisch. Raven wandte seinen Blick von dessen Partner ab und schenkte dem Beamten seine ganze Aufmerksamkeit.
   »Mein Name ist Detective Russell Harper und dies ist mein Kollege Detective Jason Masterson. Nun zu Ihnen. Wie ist Ihr Name?«, fragte er höflich. Er war also der gute Bulle. Raven blieb gelassen. Der Gedanke, wie frustrierend die Abnahme der Fingerabdrücke für die Polizisten gewesen sein musste, amüsierte ihn, denn er hatte keine.
   »Raven.«
   »Raven, und wie weiter?«, entfuhr es dem Jüngeren, der sich energisch von der Wand abdrückte und in wenigen Schritten neben dem Metalltisch stand. Die Ader an seiner rechten Schläfe pochte auffällig in seinem dunkelroten Gesicht. Dieser Kerl schien wie ein wandelndes Pulverfass zu sein. Ein kleiner Funke genügte, um es zu zünden. Raven spielte außerordentlich gern mit gefährlichen Sachen.
   »Nur Raven.« Er zeigte dem Mann sein liebenswürdigstes Lächeln. Der Kerl ballte die Fäuste so stark, dass die Knöchel weiß hervortraten, offenbar konnte er sich kaum in Zaum halten.
   »Lass mich weitermachen, Jason!«
   Masterson starrte seinen Kollegen an, öffnete den Mund und schien widersprechen zu wollen. Der Ältere schüttelte kaum merklich den Kopf. Sichtlich gekränkt stapfte der Cop wieder in seine Ecke zurück.
   »Ja, kleines Hündchen, ab ins Körbchen«, kommentierte Raven und sah dem Heißsporn mit einem kalten Lächeln in die Augen.
   »Übrigens danke für mein neues Shirt. Meinen Sie, die Blutflecke, gehen aus meinem Alten wieder raus?« Raven wandte sich an Harper, der seine Worte aber ignorierte.
   »Nun, Raven, wissen Sie, warum Sie hier sind?«
   Raven zuckte mit den Schultern und schwieg. Harper öffnete umständlich die Akte. Zum Vorschein kamen Fotos in DIN A4, die er auf den Tisch legte. Auf allen waren ähnliche grauenvolle Bilder zu sehen. Niedergemetzelte Menschen, die in ihrem Blut lagen.
   »Sind Sie dafür verantwortlich?«
   »Nein.«
   »Sie hatten eine Schusswaffe dabei, als sie verhaftet wurden!« Wiederum legte er ein Foto auf den Tisch. Dieses zeigte seine Halbautomatik.
   Raven legte den Kopf schief, ballte die Fäuste. Das hier alles nervte ihn. Am liebsten hätte er die beiden Bullen ausgeknockt, um dann diesen verfluchten Dämon, der die Menschen auf dem Gewissen hatte, zu verfolgen. Doch die Männer gehörten zu den Guten, genau wie er.
   »Warum? Wurde jemand erschossen?«, fragte Raven, während er seine Finger entspannte.
   »Sie wissen ganz genau, dass diese Menschen nicht erschossen wurden.« Der Polizist schob Raven eine weitere Aufnahme zu.
   »Ist das Ihr Schwert? Wir haben es in einer der Mülltonnen gefunden, die in der Gasse standen, in der man Sie verhaftet hat. Darauf fand man das Blut der Kinder.«
   »Waren da meine Fingerabdrücke drauf?«
   »Nein, aber ich werde trotzdem beweisen, dass Sie damit diese Familie töteten.«
   Dabei deutete er auf ein Foto. Dort lagen vier Menschen asiatischer Herkunft, bestialisch abgeschlachtet in ihrem Blut. Raven brauchte das Bild nicht zu betrachten, er war ja in den Tatort gestolpert und hatte die Toten gefunden. Die Erkenntnis, dass es sich um eine Falle gehandelt hatte, half ihm jetzt auch nichts mehr. Er seufzte innerlich. Hätte er nur auf sein Gefühl gehört und den Auftrag nicht angenommen.
   »Wissen Sie, was ich glaube?« Harper klopfte energisch auf das Bild. Das Gesicht des scheinbar so geduldigen Mannes wurde dunkler und Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Seine Stimme schwoll an.
   »Nein, aber ich kann Sie nicht daran hindern, es mir zu sagen.« Raven hob seinen Blick zur Decke, die er eingehend betrachtete.
   »Sie sind ein Serienmörder! Wie die Wongs hier haben Sie Familien in Boston, Chicago, Seattle und Detroit umgebracht und ich werde Sie überführen.«
   »Wer wird sich denn so aufregen, Detective, dass Sie meinetwegen einen Herzanfall bekommen? Das würde mich sehr treffen.« Mit diesen Worten sah Raven dem Polizisten, dessen Gesicht noch dunkler wurde, in die Augen.
   »Ihnen werden die blöden Sprüche noch vergehen. Jeder Serientäter macht einmal einen Fehler und Ihrer war es, in meiner Stadt zu morden«, rief Harper. Dabei sprang er so heftig auf, dass sein Stuhl mit lautem Poltern umfiel.
   »Was haben die Zeichen an den Wänden zu bedeuten?« Der Polizist tippte mit dem Zeigefinger auf die Fotos. Nach einigen Sekunden hielt er inne und tupfte mit einem Taschentuch, das er aus seiner Jacketttasche zog, über die Stirn. Nachdem er seine Fassung wiedererlangt hatte, hob der Beamte den Stuhl auf und nahm Platz.
   Raven konnte hinter ihm eine nebelhafte dunkle Gestalt stehen sehen, deren Umrisse menschliche Züge hatten, aber dennoch nicht genau erkennen ließen, um wen oder was es sich handelte. An der Stelle, an der normalerweise Augen sein sollten, glühten zwei rote Punkte. Die Kreatur schwebte vor dem Spiegel, doch es gab kein Spiegelbild.
   Dass die Männer im Raum und auch die hinter dem Spiegel nicht reagierten, war nicht verwunderlich, denn es gab nur wenige Menschen, die die Geschöpfe der Finsternis wahrnehmen konnten.
   »Warum sitzt du noch da? Du bist diesen Menschen überlegen«, sagte die geisterhafte Erscheinung zu ihm mit tiefer, grollender Stimme. »Du könntest sie einfach töten.«
   »Dir habe ich also das alles hier zu verdanken«, sagte Raven.
   »Natürlich, wir haben sie am Tatort gefasst.« Raven vernahm die verwirrte Stimme des Polizisten.
   Er beachtete ihn nicht, sondern sah zu der Kreatur, was für die Beamten aussehen musste, als starre er auf eine leere Stelle.
   »Mein Junge, du bist etwas Besonderes. Warum gibst du dich mit diesem niederen Getier ab? In dir fließt das Blut eines großen Dämons.« Die Gestalt verschwand.
   »Zeig dich, du verdammte Kreatur!«
   Sein Gegenüber blickte verwirrt zu seinem Partner.
   Der stand unvermittelt neben Raven und packte ihn am Kragen. »Willst uns jetzt den Bekloppten vorspielen? Die Masche zieht bei mir nicht!«
   Raven starrte auf die Stelle, an der die Gestalt noch vor wenigen Augenblicken stand, den wütenden Polizisten ignorierte er. Noch bevor Harper ihn aufhalten konnte, schlug sein Partner Raven ins Gesicht. Etwas Warmes quoll aus Ravens Unterlippe und er nahm den unverkennbar kupfernen Geschmack wahr. Vorsichtig tastete er mit seiner Zunge die Wunde ab, sie schien nicht stark zu bluten.
   »Wirklich gut gemacht, Cowboy«, rief er dem Heißsporn hinterher, den der ältere Detective aus dem Raum schob.

*

Amanda stützte sich mit beiden Händen auf das Becken und blickte schluchzend dem im Abfluss verschwindenden Wasser nach. Sie wusste nicht, wie lange sie schon in der Damentoilette war. Tränen liefen über ihre Wangen und tropften in das Metallbecken. Sie sah in den Spiegel, ihre Augen waren ganz verquollen. So verheult konnte sie ihrem Vater nicht gegenübertreten. Amanda nahm ein Kleenex und versuchte vom Kajal zu retten, was zu retten war. Nachdenklich betrachtete sie ihr Spiegelbild. Sie sah fürchterlich aus, die Schminke um ihre Augen war verlaufen und die Nase leuchtete so rot wie die eines Clowns. Der schwarzhaarige Typ würde sie jetzt wohl nicht mehr hübsch nennen. Sie riss ein weiteres Stück Papier von der Rolle, um sich zu schnäuzen.
   Draußen im Gang hörte sie Schritte und aufgeregte Stimmen. Es traf Amanda wie ein Blitz, als sie die ihres Vaters vernahm. Sie warf das Papierbündel in den Mülleimer und öffnete die Tür einen Spalt. Mit pochendem Herzen spähte sie auf den Flur, dort sah sie ihren Vater schräg gegenüber hinter einer Tür verschwinden. Schnell verließ sie die Damentoilette.
   Als sie die Tür erreichte, wurde diese geöffnet und ein junger Mann im Anzug verließ den Raum. Er rannte sie fast über den Haufen, entschuldigte sich nicht, sondern eilte wortlos davon. Amanda schüttelte den Kopf über so viel Unhöflichkeit. Sie fing die Tür auf und schlüpfe so leise wie möglich in das dunkle Zimmer. Vor einer großen Glasscheibe, durch die man den grell beleuchteten Nebenraum beobachten konnte, standen ihr Vater und drei Männer. Diese diskutieren hitzig, sodass sie ihr Hereinkommen nicht bemerkten. Amanda zitterte. Es war eisigkalt, als hätte jemand die Klimaanlage voll aufgedreht. Sie umschlang ihren Körper mit den Armen. Da die anderen Anwesenden die Kälte nicht zu spüren schienen, schrieb Amanda es ihrer Aufregung zu. Sie blieb in einer Ecke stehen, die das Licht nicht erreichte. Amanda wollte den richtigen Zeitpunkt abwarten, um ihren Vater anzusprechen. Wahrscheinlich würde er bald von allein auf sie aufmerksam werden.
   Durch das Fenster erblickte sie den dunkelhaarigen Mann, dem sie am Empfang des Polizeireviers begegnet war. Er saß allein und mit Handschellen an einen Stuhl gefesselt im Verhörraum. Seinen Mantel trug er nicht mehr, sondern ein weißes T-Shirt, das erahnen ließ, wie gut durchtrainiert sein Oberkörper war.
   Er schien nicht ganz bei Sinnen zu sein, denn er sprach mit jemandem. Da sonst niemand Weiteres im Raum war, stellte sich die Frage, mit wem.
   »Captain Moore, er spielt uns nur etwas vor«, sagte ein junger Mann wild gestikulierend. »Er hat siebzehn Menschen auf dem Gewissen. Sieben davon waren noch Kinder. Er schlachtete sie bestialisch ab.«
   Amanda blickte den Verdächtigen mit großen Augen an und einige Sekunden lang schien er ihren Blick zu erwidern.
   »Trotzdem dürfen sie ihn nicht prügeln, Masterson!« Ein kahlköpfiger Farbiger im Anzug deutete ungeduldig auf den jungen Polizisten. »Wir konnten ihm die Morde nicht beweisen, das Blut auf seiner Kleidung stammt nicht von den Opfern und am Tatort fanden wir keinerlei fremde DNA. Wir haben nur etwas wegen illegalen Waffenbesitzes gegen ihn in der Hand. Das heißt, wenn die Waffe nicht auf ihn zugelassen ist, was wir nicht feststellen können, denn es gelang ja niemandem, ihm verwertbare Fingerabdrücke abzunehmen.«
   »Agenten des FBI werden bald eintreffen und den Fall übernehmen.« Amandas Vater klopfte Masterson beschwichtigend auf den Rücken.
   »Nein, Captain! Ich lasse mir den Fall nicht wegnehmen. Jetzt, wo wir eine heiße Spur haben.«
   Amanda bemerkte, dass das Gesicht ihres Vaters dunkelrot anlief, dies war ein sicheres Zeichen, dass er kurz davorstand zu explodieren.
   »Masterson, Sie sind noch nicht lange hier, daher habe ich das nicht gehört. Sie werden das FBI bei all seinen Bemühungen tatkräftig unterstützen.« Die Stimme ihres Vaters erhob sich und Amanda trat einen Schritt zurück. Ein Schwarzer mit grau meliertem Kraushaar legte seine Hand auf die Schulter ihres Dads.
   »Jim, komm runter. Ich sorge dafür, dass Masterson kooperiert.«
   »Okay, Russell, ich verlasse mich auf dich.« Ihr Vater wurde ruhiger.
   Masterson wollte aufbrausen, doch der ältere Farbige schüttelte den Kopf. Der kahlköpfige Typ im Anzug redete auf Masterson ein.
   Amanda hörte nicht mehr zu. Ihr Herz pochte beim Anblick ihres Vaters bis zum Hals. Da stand er, nur wenige Schritte von ihr entfernt. Er hatte sich fast nicht verändert. Die angegrauten, blonden Haare trug er immer noch kurz und über der Oberlippe einen Schnauzbart. Sein Bauch war etwas runder geworden. Dennoch sah er trotz seiner fünfzig Jahre noch gut aus. Ihr Vater hörte auf zu diskutieren, trat an die Scheibe und sah in den Verhörraum. Amandas Blick ging in die Richtung, in die er sah, dann bemerkte sie, was die Aufmerksamkeit ihres Dads auf sich zog.
   Der Gefangene rüttelte an seinen Handschellen, als versuchte er, sich zu befreien. Bis vor wenigen Sekunden war er die Ruhe selbst gewesen, jetzt deutete der Mann in ihre Richtung und schrie. Augenblicke später spürte sie etwas Knochiges um ihren Hals, das ohne Vorwarnung zupackte und ihr die Luft abdrückte. Sie wollte schreien, doch es kamen nur erstickte Laute aus ihrem Mund. Weder ihr Vater noch seine Kollegen schienen etwas von dem Drama, das sich hinter ihnen abspielte zu bemerken. Masterson sah zu ihrem Dad, offensichtlich sagte er etwas, doch sie vernahm seine Stimme nicht. Kein Laut drang zu ihr, als ob sie sich in einer schalldichten Blase befand. Amanda packte die fremden Hände, die ihren Hals fest umschlossen, aber rutschte ab. Die Finger ihres Angreifers fühlten sich kalt und glitschig an wie die Haut eines Fisches. Schmerzhaft gruben sie sich in das weiche Fleisch ihrer Kehle. Wie ein Schraubstock, der immer enger gezogen wurde. Panik erfasste sie. Warum bekam keiner mit, dass sie gerade jemand würgte? Die Männer standen nur wenige Meter vor ihr. Amanda streckte verzweifelt ihre Hand nach ihrem Vater aus. Tränen quollen aus ihren Augen. Wenn sie jetzt niemand bemerkte, würde sie sterben. Sie versuchte, an die Wand zu schlagen, doch ihr wurde schwarz vor Augen. Ihre Kräfte verließen sie und jeden Moment würde sie das Bewusstsein verlieren.

*

Raven wartete im Verhörraum darauf, dass der Cowboy und sein Partner zurückkehrten, beobachtete die Männer, wie sie hinter dem Spiegel diskutierten.
   »Schließe dich mir an. Du wirst es nicht bereuen. Wir zertreten dieses Gewürm.« Bei diesen Worten erschien die Gestalt wieder und zeigte auf die Anwesenden hinter dem Spiegel.
   »Kein Interesse, ich bin ein Einzelkämpfer. Ich steh nicht so auf Gruppendynamik.« Raven zuckte mit den Schultern.
   »Schließe dich mir an«, sagte die geisterhafte Erscheinung erneut. »Was willst du mit diesem Ungeziefer? Sie leben nur, um Dämonen zu nähren, und sind deines Schutzes nicht würdig. Haben sie dich als Kind nicht wegen deiner Herkunft gehasst? Du schuldest ihnen nichts. Im Gegenteil, du wolltest ihnen helfen und was ist der Dank dafür? Du sitzt hier.«
   Seine dämonische Hälfte erwachte. Die Kreatur hatte recht. Es lohnte die Mühe nicht, diese dummen Sterblichen zu beschützen. Er war ein Dämon und jetzt war der Zeitpunkt gekommen, um diesem Abschaum zu zeigen, mit wem sie es zu tun hatten. Raven stellte sich die überraschten Gesichter der Typen im Nebenraum vor, wenn er seine Fesseln sprengte, mit einem Satz durch die Scheibe sprang und noch bevor sie um Hilfe rufen konnten, ihnen die Kehlen aufriss. Bei der Vorstellung begann sein Herz, Adrenalin durch seinen Körper zu pumpen. Sein Atem beschleunigte sich. Er roch die potenzielle Beute schon. Alles würde so schnell gehen, dass sie erst bemerkten, was passiert war, wenn sie sich an ihre Hälse fassten und der rote Lebenssaft zwischen ihren Fingern hervorquoll. Die dämonische Hälfte triumphierte. Sein Blut pulsierte in freudiger Erregung durch die Adern.
   Raven schüttelte den Kopf, um sich von diesen Gedanken zu befreien und runterzukommen. Er konnte gerade noch verhindern, dass er seine Fäuste ballte. In der Hoffnung, die Erscheinung würde von seinem inneren Kampf nichts mitkriegen, atmete er tief durch, versuchte, zu entspannen. Seine Augen standen kurz davor, sich schwarz zu färben.
   Einst gab es eine Zeit, in der er seiner dämonischen Hälfte freie Hand gelassen hatte. Der Tod seines besten Freundes war der Preis, den er dafür hatte bezahlen müssen. Raven schluckte hart. Dies brachte ihn damals von dem Weg ab, der direkt in die Hölle führte. Die Stimme der Kreatur riss ihn aus seinen Gedanken.
   »Bald wird diese Welt mir gehören, wie vor langer Zeit, bevor der letzte große Dämon vom Angesicht der Erde verbannt wurde. Diese dummen Menschen vergaßen, dass Kreaturen der Hölle Jahrtausende lang unter ihnen gelebt haben. Für sie wurden die Geschichten, die sich um das Reich des Bösen rankten, zu Märchen und Mythen, die sie ihren Kindern erzählen. Es gibt unter den Menschen nicht mehr viele Wissende. Sie haben den Glauben verloren, deshalb bleiben die Wesen der Finsternis für die meisten unsichtbar. Dies, mein Junge, wird der Untergang der Menschheit sein.«
   »Bist du mit deinem Geschichtsunterricht am Ende?«, fragte Raven mit betont gleichgültiger Stimme, doch er horchte auf, denn diese Kreatur bestätigte einen Verdacht, den er schon lange hegte. Gegenwärtig brodelte es im Reich der Dämonen. Die geopferten Familien waren nur der Anfang. Die Menschen vermochten diese Zeichen nicht zu deuten. Sie standen einer Bedrohung gegenüber, der sie nicht gewachsen waren. Die Gestalt unterdessen beachtete ihn nicht und fuhr unbeirrt fort.
   »Deine Fähigkeiten sind jetzt unermesslich, da du erwachsen bist, und du verschwendest sie, um dich als Dämonenjäger zu verdingen, der ein paar Handlanger der Alten vernichtet. Wo du so viel mehr sein könntest. Du könntest diese Welt beherrschen.«
   »Will ein Dämon dir an den Kragen, musst du Raven fragen«, sagte Raven belustigt. Wieder meldete sich sein innerer Dämon, doch dieses Mal konnte er ihn zum Schweigen bringen.
   »Bedeuten dir diese Menschen so viel, dass du deine Bestimmung dafür aufgibst und dich mir nicht anschließt?«
   »Nun ja, einige von ihnen sind attraktiver als du.« Dabei fiel Ravens Blick auf das Mädchen, das hinter den Männern in den Raum nebenan getreten war.
   Es war die Kleine vom Empfang. Sie musste geweint haben, denn ihre grünbraunen Augen, die ihn entsetzt anstarrten, sahen verquollen aus und die Schminke war verlaufen. Trotzdem gab es etwas an ihr, dem er sich nicht entziehen konnte. Das zierliche Mädchen mit den traurigen Augen wirkte verlassen. Er wollte sie am liebsten in seine Arme nehmen und vor allen Widrigkeiten der Welt beschützen. Raven verstand sich selbst nicht mehr, warum war er plötzlich so gefühlsduselig?
   In seinem Leben gab es nur eine weibliche Person, der er irgendein Gefühl entgegenbrachte, und zwar Debbie, seine Partnerin, die er als eine Art kleine Schwester betrachtete. Die verdammte Liebe hatte in seiner Welt aus Gewalt und Kampf keinen Platz.
   Er lächelte, denn was seine anderen Bedürfnisse betraf: Es gab so viele Bräute, die einem Onenightstand nicht abgeneigt waren.
   Er musterte die Kleine. Auch ihre körperlichen Attribute sprachen ihn an. Die Vorstellung, wie sich ihre vollen und sinnlichen Lippen auf seiner Haut anfühlten, gefiel ihm.
   »Wirklich, wesentlich attraktiver«, murmelte Raven.
   »So so, ein schönes Weib. Das war schon immer eine Schwachstelle von euch Dämonen. Dies ist einer der Gründe, warum die Menschen deinesgleichen vom Angesicht der Erde verbannen konnten. Ah, da ist er!« Bei diesen Worten erschien ein Dämon im Raum nebenan und blieb hinter dem Mädchen stehen. Unter der blassen Haut zeichnete sich jeder Knochen ab. An der Stelle, an der seine Augen sein sollten, waren nur große schwarze Löcher. Er legte seine bleichen krallenartigen Finger um den Hals des Mädchens und drückte zu. Auch diese Kreatur der Finsternis schien niemand außer Raven zu bemerken.
   Raven zerrte an seinen Fesseln. Zum Glück kehrten langsam seine Kräfte zurück. Verflucht! Der Dämon hielt das Mädchen fest im Würgegriff. Bald würde er sein Werk vollendet haben. Die Kleine drohte zu ersticken. Sie griff nach den knochigen Fingern, glitt aber ab. Verzweifelt streckte sie ihre Hände aus. Ihre großen Augen schienen ihn um Hilfe anzuflehen. Die Männer vor ihr bemerkten nichts, da dieses verfluchte Höllenvieh dafür sorgte.
   »Keiner von diesen ungläubigen Schwachköpfen wird den Dämon daran hindern sie zu töten«, sagte die Gestalt.
   Raven schrie verzweifelt, aber die Anwesenden konzentrierten sich nur auf ihn. Keiner machte Anstalten nach hinten zu sehen. Raven stieß den Tisch um. Er riss an den Handschellen, die Kettenglieder gaben nach, sodass ein Teil seiner Fesseln an der Stuhllehne hängen blieb und der andere mit einem Stück Kette, wie ein Armreif an seinen Handgelenken baumelte.
   Er machte einen Satz auf die Scheibe zu und sprang hindurch. Das Glas zerbarst in kleine Splitter, die durch den Raum flogen. Die Männer dahinter gingen in Deckung. Raven war im nächsten Augenblick bei dem Mädchen, das krampfhaft nach Luft rang. Panik lag in ihren Augen. Erst jetzt wurde sie von den anwesenden Männern bemerkt.
   »Amanda«, rief ein blonder großer Mann mit Schnauzbart. Die Kreatur ließ von ihr ab und verschwand. Die junge Frau hielt sich den Hals. Keuchend atmete sie durch. Die umstehenden Beamten zogen ihre Waffen. Die Kleine war außer Gefahr, nun konnte sich Raven um seine eigene Haut kümmern. Die Polizisten würden das Mädchen bestimmt nicht gefährden und es war nicht mal mehr ein Meter bis zur Tür.
   »Lassen Sie das Mädchen los«, rief Harper, seinen Revolver im Anschlag. Raven wollte ihm den Gefallen tun, da vernahm er einen Schuss. Die Kugel flog auf die junge Frau zu, die bleich neben ihm stand und immer noch schwer nach Atmen rang. Er packte sie an den Schultern, warf sich mit dem Rücken voran gegen die Tür, die krachend aus den Angeln gehoben wurde. Die Patrone schlug an der Stelle in der Wand ein, an der das Mädchen eben noch gestanden hatte.
   Menschen auf dem Gang erschraken und sprangen zur Seite. Raven ließ seine vermeintliche Geisel los. Eigentlich wollte er allein fliehen, als die nebelhafte Gestalt wieder auftauchte und bedrohlich auf die verängstigte Frau zuschwebte, überlegte er es sich anders.
   Die Kleine brauchte seine Hilfe dringender, als sie ahnte. Er griff ihre Hand und zog sie hinter sich her. Sie leistete gehörigen Widerstand, doch er ließ ihr keine andere Wahl und zerrte sie zum Fenster.

*

Polizisten folgten Amanda und dem Fremden. Sie trat nach dem Mann, versuchte, dem Irren zu entkommen, aber sie hatte keine Chance. Wo wollte der Kerl hin? Hier ging es nur zum Fenster. Der Mann blieb davor stehen. Die Beamten stoppten in einiger Entfernung ebenfalls.
   »Geben Sie auf, Mann, lassen Sie das Mädchen gehen, Sie kommen nicht weiter!« Der farbige Polizist sowie die anderen Beamten richteten ihre Waffen auf Amanda und ihren Entführer. Er machte jedoch keine Anstalten, sie gehen zu lassen.
   »Wir werden ja sehen, ob mir nicht noch etwas einfällt.« Amanda hörte seine Stimme hinter sich. »Keine Angst, Süße, ich weiß, was ich tue. Halt die Hände vors Gesicht, damit Splitter es nicht verletzen, wär schade drum«, flüsterte er in ihr Ohr.
   Ihr lief ein kalter Schauder die Wirbelsäule hinunter. Ihr Entführer umfasste ihre Hüften mit beiden Armen und presste seine Brust an ihren Rücken. Er würde sich mit ihr aus dem Fenster stürzen. Sie zerrte an seinen Armen. Heiße Tränen rollten über ihre Wangen.
   »Bitte, bitte, es gibt immer einen Ausweg. Mein Dad …« Ihre Stimme überschlug sich und sie blickte verzweifelt in das Gesicht ihres Vaters, der einen seiner Kollegen zur Seite schob, um seine Tochter besser sehen zu können. Als ihr Blick den seinen traf, erkannte sie, wie wichtig sie ihrem Dad noch immer war und dass er in diesem Moment alles gäbe, um ihr zu helfen.
   »Mein Dad wird Ihnen …« Noch, bevor sie ihren Satz beenden konnte, ließ sich ihr Geiselnehmer nach hinten fallen und riss sie mit sich. Holz- und Glassplitter flogen umher. Amanda hörte einen Schrei und realisierte, dass es ihre eigene Stimme war. Ungebremst stürzte sie mit ihrem Entführer in die Tiefe. Sie schloss die Augen und wartete auf den Schmerz, aber wie durch ein Wunder wurde sie nicht verletzt. Er landete vier Meter tiefer, geschmeidig wie eine Katze, auf seinen Beinen und hielt sie immer noch fest in seinen Armen.

*

Raven sah die Gestalt zwischen den Polizisten, die am Fenster standen. Die geisterhafte Erscheinung blickte ihm hinterher, um Sekunden später zu verschwinden. Er wollte nicht warten, bis sie auf der Straße wieder auftauchte. Der Beamte, der augenscheinlich der Vater seiner Geisel war, schob energisch die Kollegen zur Seite. Immer wieder rief der Mann den Namen des Mädchens. Raven stellte sie auf den Boden und zerrte sie hinter sich her. Er überlegte fieberhaft seine nächsten Schritte. Wie würde er mit der Kleinen im Schlepptau fliehen können? Über die Dächer? Er blickte an dem sechsstöckigen Gebäude gegenüber dem Revier hoch. Die Feuerleiter konnte er leicht erreichen. Mit festem Griff zog er das zappelnde Mädchen mit. Das laute Grollen eines Motorrads erregte seine Aufmerksamkeit. Ein Mann stand in der kleinen Gasse hinter der Polizeistation neben seiner gestarteten Maschine, er trug bereits seinen Helm und streifte Lederhandschuhe über. Er schien von der ganzen Aufregung nichts mitbekommen zu haben. Zielstrebig steuerte Raven auf den Kerl zu. Die Kleine stemmte sich mit aller Macht dagegen. Eins musste er ihr lassen: Das zierliche Ding machte es ihm nicht einfach. Ein Schmerz durchzuckte ihn. Wütend schaute er zu ihr. Hatte sie ihn gerade gebissen? Trotzdem ließ er sie nicht los. Mit dem Mädchen im Schlepptau erreichte er den Besitzer des Motorrads. Ohne Vorwarnung packte er ihn und warf den Mann gegen eine Wand. Benommen sank dieser zu Boden und blieb liegen.

*

Der skrupellose Kerl hatte diesen armen Menschen ohne mit der Wimper zu zucken gegen die Hausmauer geschleudert und nun riss er sich dessen Maschine unter den Nagel! Amanda versuchte verzweifelt, zu fliehen, auf so ein Ding brachten sie keine zehn Pferde. Obwohl sie kratzte und gegen seine Beine trat, lockerte ihr Entführer seinen Griff nicht. Er zwang sie dazu, hinter ihm Platz zu nehmen, dann fuhr er mit quietschenden Reifen los.
   Gezwungenermaßen klammerte sie sich mit aller Kraft an den Mann, der mit hoher Geschwindigkeit auf die Hauptstraße bog. Hinter ihr heulten die Sirenen von Polizeiwagen auf.
   Sie rasten durch die Häuserschluchten und überholten im Zickzack-Kurs ein Auto nach dem anderen. Dabei lag die Maschine teilweise so schräg, dass Amandas Knie fast den Boden berührten. Panisch krallte sie sich an ihren Entführer. Unter dem dünnen Stoff des Shirts spürte sie harte Bauchmuskeln. Ihre Nägel grub sie tiefer hinein. Hoffentlich tat es dem verfluchten Kerl auch richtig weh. Fieberhaft überlegte sie, wie sie ihm entkommen könnte. Solange sie fuhren, war eine Flucht unmöglich. Die Häuser flogen nur so an ihr vorbei.
   Bei jedem der riskanten Überholmanöver kniff sie ihre Augen zusammen. Aus einem Bus vor ihnen stiegen Fahrgäste. Amanda blieb fast das Herz stehen. Der Wahnsinnige machte keine Anstalten, die Maschine zu stoppen, im Gegenteil, er beschleunigte, wechselte auf die Gegenfahrbahn und raste zwischen den entgegenkommenden Fahrzeugen hindurch.
   Auf einer Kreuzung entgingen sie um Haaresbreite einem Unfall. Sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde ihr gleich aus der Brust springen. Mit Erleichterung sah sie, dass ihnen Polizeiautos entgegenkamen und den Fluchtweg versperrten. Amanda blickte zurück, auch hinter ihnen brachten sich Wagen in Stellung. Jetzt schien diese wilde Jagd ein Ende zu haben. Sie hatte die Rechnung ohne ihren Entführer gemacht. Er wendete das Motorrad auf dem Hinterreifen, sodass dieser qualmte. Beißender Geruch von verbranntem Gummi drang in ihre Nase. Der Mann hielt auf eine enge Seitengasse zu und bretterte diese entlang, bis ihn entgegenkommende Polizeifahrzeuge zu einem abrupten Stopp zwangen. Einige Polizeiwagen blockierten den Rückweg. Immer mehr bogen von allen Seiten in die Gasse. Beamte sprangen heraus und umstellten sie. Der Mann befahl Amanda, abzusteigen. Sie zuckte zusammen, als das Motorrad mit einem Scheppern zu Boden fiel. Verdammt noch mal! Warum gab der Typ nicht auf? Er musste sehen, dass die Sache aussichtslos war. Der Kerl schien nicht in Erwägung zu ziehen, sich zu stellen. Im Gegenteil, zu ihrer Überraschung hob er sie hoch, machte einen großen Satz auf ein schmales, zweistöckiges Gebäude hinter ihnen, das links und rechts von höheren Häusern eingerahmt wurde. Amanda glaubte fast, zu träumen. Sie sah noch, dass die Polizisten ihnen ungläubig hinterher starrten. Der aus dem Verhörraum schlug mit der Faust auf die Motorhaube und sein Kollege griff zum Funkgerät, um die Zentrale zu verständigen. Ihr Vater stieg aus einem Wagen, der eben angekommen war. Er rief ihren Namen. Ihr Entführer ließ sich davon nicht beirren, sondern sprintete über das flache Dach. Als er am anderen Ende ankam, sprang er in die Tiefe. Dort landeten sie in einem Hinterhof.
   Er setzte sie ab.
   »Du heißt Amanda, ich bin Raven, schön, dich kennenzulernen.« Der Mann wartete keine Antwort ab, sondern packte sie am Handgelenk und zog sie mit festem Griff hinter sich her. Er steuerte an Mülltonnen vorbei auf eine Ausfahrt zu, die aus dem Hof führte. Amanda versuchte, sich ihm zu entwinden. Sie stellte schnell fest, dass es ihr nicht gelingen würde. Er ließ nicht locker, zerrte sie immer weiter, durch Pfützen und Unrat. So ergab sie sich ihrem Schicksal und stolperte weiter hinter ihm her.
   Amanda zitterte am ganzen Leib, sie war erschöpft. Ihr Hals tat weh, außerdem schmerzte ihr Handgelenk. Fragen gingen ihr durch den Kopf. Wer wollte sie im Revier umbringen? Warum hatten ihr Vater und seine Kollegen den Kerl nicht bemerkt? Sie achtete nicht auf ihren Weg, blieb an etwas hängen und verlor das Gleichgewicht. Sie sah sich schon mit aufgeschlagenen Knien, doch bevor diese den Boden erreichten, fing ihr Entführer sie auf. Wütend griff er nach ihrem Arm. Amanda wich zurück. Doch er packte sie.
   »Mach es mir nicht so schwer!« Der Mann hastete weiter, sodass Amanda Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten. Was wollte der Kerl von ihr? Warum schleppte er sie mit? Es war offensichtlich, dass sie ihn nur behinderte. Ohne sie wäre er viel schneller. Ihr kam in den Sinn, was dieser Masterson gesagt hatte. Dass der Typ mehrere Menschen bestialisch abgeschlachtet haben soll. Sie schluckte. Wenn das stimmte, konnte es sehr gefährlich werden, ihn zu reizen. Darum musste sie mit Bedacht vorgehen und den richtigen Zeitpunkt abwarten.
   Hinter der Ausfahrt erkannte sie eine größere Straße. Sirenen jaulten in ihrer unmittelbaren Nähe. Grob schubste der Mann Amanda zurück. Er drückte sie gegen eine Hauswand und schien zu überlegen, was er als Nächstes tun sollte. Ihr Entführer hob den Kopf.
   »Verdammte Scheiße, sie kommen«, flüsterte er nervös. Amandas Herz pochte bis zum Hals. Sie wagte nicht, sich zu bewegen. Nur ihre Augen suchten fieberhaft die Umgebung nach Hilfe ab. Sie erblickte Menschen, die die Hauptstraße entlang eilten, sie waren nur noch wenige Schritte entfernt. Amanda überlegte, ob sie schreien sollte. Noch bevor sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, hob der Mann sie wieder hoch. Sie schrie erschrocken auf.
   »Es ist besser, du machst niemanden auf uns aufmerksam.« Bei diesen Worten stand er schon auf der Feuerleiter in Höhe des zweiten Stocks eines Wohngebäudes. Wie hatte er das schon wieder geschafft? Ihr Herz trommelte gegen die Rippen. Was würde es noch mitmachen, bevor es aufgab und gar nicht mehr schlug? Ihr Entführer fasste nach, die Handschellen an seinen Gelenken drückten sie unangenehm. Er benötige nur noch wenige Sätze, bis er das Dach des Hauses erreichte. Ihr Gewicht schien ihn dabei nicht zu stören. Amanda war fassungslos. Wie zum Teufel machte er das nur? Er ließ sie nicht runter und nahm ihr so jede Chance zur Flucht. In der Ferne hörte sie Polizeisirenen. Amanda seufzte leise, die Cops würden sie wohl kaum hier oben suchen. In katzenhafter Geschmeidigkeit rannte dieser Kerl mit ihr über die flachen Dächer, wobei er die Gassen zwischen den Häusern einfach so übersprang und auf dem nächsten Dach landete. Amanda konnte gar nicht hinschauen. Dieser Mann war einfach unglaublich. Sie spürte, wie seine Muskeln arbeiteten. Als sie eine Stelle erreichten, an der eine breitere Straße das Haus, auf dem sie sich befanden, vom Nachbargebäude trennte, blieb er am Rand des Daches stehen. Der Kerl war nach dem Spurt kein bisschen außer Atem, seine Brust bewegte sich ruhig auf und ab. Ohne Vorwarnung machte er einen Schritt nach vorn und sprang in die Tiefe.
   Amanda kniff die Augen zusammen, schlang die Arme um seinen Hals wie eine Boa die Beute. Adrenalin schoss durch ihren Körper und ihr Herz setzte für einen winzigen Moment aus. Sie hasste ja schon Achterbahnfahren, aber das hier war erheblich schlimmer. Der Inhalt ihres Magens bewegte sich im Gegensatz zu ihrem Körper nach oben. Sie hatte den Geschmack schon auf der Zunge. Das würde nicht gut gehen. Verzweifelt schickte sie ein Stoßgebet zum Himmel. Wenn sie das hier überlebte, fuhr sie in jeder Achterbahn des Landes. Panisch vergrub sie ihren Kopf an der Brust ihres Entführers. Der Aufprall würde wahrscheinlich schmerzhaft werden. Wider Erwarten landete der Mann lautlos und ohne jegliche Verletzung auf dem Asphalt.
   Er ließ Amanda herunter und nahm ihre Hand. Ihre Beine schienen aus Pudding zu sein. Beinahe hätten sie nachgegeben. Der Kerl nahm keine Rücksicht, unbarmherzig zog er sie mit. Sie musste mit ihm gehen, ob sie wollte oder nicht. Amanda drehte sich um, betrachtete ungläubig das Gebäude, von dem sie heruntergesprungen waren. Obwohl sie es selbst miterlebt hatte, konnte sie es nicht glauben. Das waren gut und gern zehn Meter, wenn nicht noch mehr.

*

Sie erreichten eine Kirche. Ein Baugerüst umgab das düstere, neogotische Gebäude, das teilweise Plastikplanen verhüllten. Raven drückte gegen das massive Portal. Es war verschlossen.
   »Ich dachte, das Haus Gottes sollte immer geöffnet sein.« Bei diesen Worten drückte er kräftiger und mit einem Krachen gab die Tür nach. Er schubste Amanda hinein, vergewisserte sich, dass sie unbeobachtet waren, und folgte ihr. Sachte zog er die Tür zu. Staubpartikel schwebten in den letzten Sonnenstrahlen, die in unterschiedlichen Farben durch die Ritzen der Bretter schienen, mit welchen die großen Buntglasfenster vernagelt waren.
   An den Innenwänden befanden sich Gerüste, wie an der Außenfassade. Zudem lagen überall Zementsäcke herum. Vor dem Altar standen noch zwei Bankreihen, die restlichen waren aus der Kirche geschafft worden. Raven steuert mit seiner Geisel darauf zu. Baustaub wirbelte auf, als sie das Kirchenschiff durchquerten.
   »Setz dich!«
   Amanda gehorchte wortlos und nahm Platz. Sie zitterte am ganzen Leib. Mit großer Sicherheit hatte sie fürchterliche Angst vor ihm. Was sollte er jetzt verdammt noch mal mit ihr tun? Raven ging auf und ab, dabei bog er die Handschellen auf und feuerte sie in eine Ecke. Bis zum Sonnenuntergang dauerte es nicht mehr lange. Mit der Dunkelheit krochen auch die Kreaturen der Nacht aus ihren Löchern, die dann da draußen die Kleine erwarteten. Scheiße, sollte er ihr das sagen? Sie würde ihn für komplett verrückt halten, wenn sie das nicht sowieso schon tat. Wie konnte er sie schützen? Mit Kerzen nach den beschissenen Dingern werfen?

*

»Verdammt, die Bullen haben noch meine Waffe«, sagte ihr Entführer. Hoffnung keimte in Amanda auf. Vor der Kirche hörte sie Sirenen, die jedoch nach einiger Zeit wieder verstummten. Sie sank in sich zusammen und seufzte. Es schien, als wäre die ganze Polizei von New York auf der Straße, um nach ihr zu suchen, aber niemand kam auf die Idee, hier in der Kirche nachzusehen. Warum auch? Verängstigt beobachtete sie Raven und spielte nervös mit ihren Fingern. Wägte ab, ob sie ihn ansprechen sollte. Eigentlich redete sie mit Fremden schon in normalen Situationen nicht gern, weil sie Angst hatte, etwas Dummes zu sagen. Andererseits wusste sie von ihrem Vater, dass es bei Geiselnahmen eine übliche Vorgehensweise war, den Täter in ein Gespräch zu verwickeln, um so mehr über sein Motiv und seine Pläne zu erfahren. Was konnte sie schon verlieren? Ihr Leben!
   Trotz der Vorstellung, dass dies vielleicht das Letzte sein könnte, was sie von sich gab, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen. Sie schluckte mehrmals, was sie schmerzhaft an ihren geschundenen Hals erinnerte. Ihr Mund war ausgedörrt. Mit der Zunge fuhr sie über ihre trockenen Lippen.
   »Lassen Sie mich gehen, ich werde Sie auch nicht verraten.« Sie hatte Mühe, ihre Stimme einigermaßen normal klingen zu lassen. Der Mann blieb stehen und funkelte sie an.
   »Du kannst gehen, wenn du willst. Geh zu deinem Daddy.« Dabei zeigte er energisch zur Tür. Amanda erhob sich mit mulmigem Gefühl vorsichtig von ihrem Platz. Vielleicht machte sie jetzt alles nur schlimmer, aber sie wollte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Ihr Puls raste, als sie die Bankreihe verließ und in Richtung Ausgang schritt, sie durfte jetzt keinen Fehler machen. Die Freiheit war schon zum Greifen nahe.
   »Wenn du jetzt die Kirche verlässt, wirst du wahrscheinlich nicht mehr lange genug leben, um deinen Vater wiederzusehen.«
   Amanda zuckte zusammen, ihr Blick glitt sehnsüchtig zum Portal, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie ballte die Fäuste. Nein, sie würde jetzt nicht heulen! Dieser Kerl sollte sie nicht weinen sehen. Nachdem ihr Vater sie verlassen hatte, schwor sie, dass sie nie wieder wegen eines Mannes weinen würde. Mit ihrem Arm wischte sie sich über die Augen und drehte sich langsam um. Sie blieb wie angewurzelt stehen, wagte nicht zu atmen. Der Mann starrte sie nachdenklich an. Mit klopfendem Herzen wartete sie auf die Folgen ihres unbedachten Handelns. Es war klar, dass er sie nicht so einfach gehen lassen würde. Am liebsten hätte sie ihn angeschrien, er solle ihr endlich eine kleben, denn nur so dazustehen und nicht zu wissen, was er vorhatte, nagte an ihren Nerven. Er kam nicht näher, sondern deutete auf ihren Hals.
   »Tut er immer noch weh?«
   Amanda fuhr über ihre schmerzende Kehle. Es war verrückt, auf dem Polizeirevier hatte sie das Gefühl gehabt, jemand würde sie würgen. Sie erinnerte sich an die kalten, widerlichen Finger, die ihren Hals umfassten, sie nicht losließen. An das Gefühl, verzweifelt nach Atem zu ringen und dass keiner der Polizisten im Raum, nicht mal ihr Vater, ihren Todeskampf bemerkte. Nur dem beherzten Eingreifen des Mannes verdankte sie es, dass dieser Jemand aufhörte, sie zu würgen, und sie noch am Leben war. Ihr Entführer – oder Beschützer – drehte sich von ihr weg, legte beide Hände auf die Rückenlehne der gegenüberliegenden Bank und senkte seinen Kopf. Schwarze Haarsträhnen verdeckten teilweise sein Gesicht. Er schien besorgt zu sein, wirkte so gar nicht wie ein irrer Serienkiller.
   »Ich dachte, der Dämon hätte es auf mich abgesehen, aber er scheint hinter dir her gewesen zu sein.«
   Amanda verstand beim besten Willen nicht, was er damit meinte.

Kapitel 3

Sie schluckte, ihr Hals kratze fürchterlich. Vielleicht war dieser Typ ja irre? Amanda ging zur Bank zurück, dabei versuchte sie möglichst kein Geräusch zu verursachen, um seine Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken. Als sie saß, beobachtete sie stumm, wie er erneut auf und ab lief. Er war sichtlich angespannt, schien selbst nicht weiterzuwissen. Da es mittlerweile in der Kirche dunkel geworden war, zündete er mit einem Feuerzeug einige Altarkerzen an. Amanda spielte mit einem Zipfel ihres Shirts. Eine dumme Angewohnheit, wenn sie nervös war, brauchten ihre Finger immer eine Beschäftigung.
   »Hast du ein Handy? Mir hat man alles abgenommen.« Die Stimme des Kidnappers schreckte sie auf und sie glättete den zerknitterten Stoff. Ihr Handy hatte sie ganz vergessen. Meistens trug sie es in den Taschen ihrer Hosen herum. Noch eine blöde Angewohnheit, die dafür sorgte, dass sie öfter ein neues Mobiltelefon kaufen durfte, weil sie die kleinen Dinger meist in den Taschen vergaß und versehentlich mitwusch.
   Amanda schüttelte schnell den Kopf, denn solange sie das Handy bei sich trug, hatte sie auch die Möglichkeit, in einem unbeobachteten Augenblick um Hilfe zu rufen. Es ertönte ihr Klingelton. Sie erstarrte vor Schreck und ihr Herz blieb fast stehen. Warum ausgerechnet jetzt? Das konnte nur ein schlechter Horrorstreifen sein, in dem das Telefon in dem Moment klingelte, wenn sich das Opfer gerade vor seinem Peiniger im Schrank versteckte. Amanda versteifte sich. Der Mann sah sie mit eisigem Blick an. Sie zuckte zusammen, als er ihr seine offene Hand hinhielt. Hastig tastete Amanda ihre Hosentaschen ab, fand ihr Handy in der Gesäßtasche, zog es heraus und reichte es ihm. Er klappte es auf, drückte den Anrufer weg und wählte eine Nummer.
   »Hi, ich bin in der …« Er sah sich suchend um, da fiel sein Blick auf eine Bibel, die auf dem Boden lag. Er schlug diese auf und las den Adressstempel vor, der auf der Innenseite des Buchdeckels aufgedruckt war.
   »Mein Wagen steht … wieso weißt du, wo … du hast was eingebaut … ich lass meinen Wagen nicht dauernd in der Gegend rumstehen. Okay, ja, komm so schnell wie möglich. Die Bullen sind hinter mir her und ich habe ein Mädchen bei mir. Erklär ich dir später. Bring Waffen und einen Mantel mit. Du bist was nicht? … Nein bist du nicht, aber bring trotzdem einen Mantel mit, meiner ist bei den Bullen als Beweisstück … die Kurzschwerter … ja, die, danke.«
   Amanda spielte wieder mit ihrem Shirt und hielt inne. Warum sollte sie noch überraschen, dass er nach Schwertern verlangte? Sie schien tatsächlich in einen schlechten Film geraten zu sein. Fast wäre ihr etwas Sarkastisches herausgerutscht, sie zog es aber vor, zu schweigen.
   »Weiber!« Der Typ verdrehte die Augen, klappte das Telefon zu und reichte es Amanda, die es verwundert entgegennahm. Sie wusste nicht, was sie denken sollte. Der Geisel ein Handy zu überlassen zeugte nicht von großer Cleverness. Wollte sich dieser Typ über sie lustig machen? Wut stieg in ihr hoch. Nur weil er sie töten könnte und das wahrscheinlich auch tat, brauchte er sie nicht noch zu verarschen. Es war ein Fehler ihr das Handy zurückzugeben, das würde dieser Kerl bald herausfinden.

*

Raven nahm neben Amanda Platz. Müde senkte er seinen Kopf. Der Kampf mit dem Dämon und die Flucht aus dem Polizeirevier steckten ihm mächtig in den Knochen.
   Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie der Blick seiner Begleitung auf die große Jesusfigur am Kreuz fiel, die einige Meter über dem alten geschnitzten Altar hing.
   »Der hat’s sich leicht gemacht. Hat sich ans Kreuz nageln lassen und dachte, dadurch würde alles gut werden.«
   Amanda sah ihn verwundert an.
   »Ist es das nicht?«
   Er lachte bitter.
   »Ganz und gar nicht! Die Menschen werden nicht nur durch ihre eigenen Sünden bedroht. Die wahre Bedrohung ist älter als die Menschheit selbst und sie lauert im Verborgenen auf ihre Chance.«
   Die Frau starrte ihn mit großen Augen an, als hielte sie ihn für einen irren, paranoiden Verschwörungstheoretiker.
   »Natürlich ist es für sie einfacher, in einer Welt voller Sünden und Abgründe ihr Ziel zu erreichen«, fuhr er fort, sollte sie glauben, was sie wollte.
   »Sie sind also ausgezogen, um dieses Übel, das die Welt bedroht, zu bekämpfen.« Amanda zuckte zusammen, als erschrak sie über ihre eigenen Worte.
   Raven sah sie an. Über so viel Forschheit musste er grinsen, das hätte er der Kleinen nicht zugetraut.
   »Ja, wenn der Preis stimmt«, brummte er, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Jetzt konnte er nur noch warten, außerdem würde etwas Ruhe ihm guttun. Denn eines war sicher. Die Nacht hatte erst angefangen und Dämonen ließen sich nicht so leicht abschütteln. Es dürfte mit Sicherheit noch ungemütlich werden. Auf seine geschärften Sinne konnte er sich verlassen, wenn die Kleine auch nur falsch mit der Wimper zuckte, spürte er es.

*

Der Typ beachtete sie nicht. Das war die Chance. Amanda betrachtete ihn aus den Augenwinkeln. Sie versuchte mit zittrigen Fingern, die Nummer des letzten Anrufers zu wählen, damit wer auch immer sie angerufen hatte ihre Situation bemerkte und Hilfe holte.
   »Wenn du jemanden anrufen willst, tu dir keinen Zwang an.«
   Amanda ließ das Handy zu Boden fallen. Sie blieb starr sitzen, wischte ihre schwitzigen Hände an der Jeans ab und wartete auf die Konsequenzen ihres Handelns, doch wieder tat der Mann ihr nichts. Er hob lediglich das Telefon auf und reichte es ihr. Sie verstaute es in ihrer Hosentasche.
   »Was wollen Sie eigentlich von mir?«
   Er sah sie ernst an. »Ich will gar nichts von dir, aber das Ding, das dich gewürgt hat, wollte dich töten. Diese Biester sind augenscheinlich hinter dir her. Ich würde dich gern zu deinem Daddy bringen, aber ich fürchte, er kann dich davor nicht beschützen.«
   Amanda betrachtete aufmerksam sein Gesicht. Raven. Ihr fiel sein Name wieder ein. Anscheinend meinte Raven es ernst und er beschützte sie vor etwas. Aus einem unerfindlichen Grund wollte sie ihm glauben. Sie klammerte sich an diese völlig absurde Erklärung. Denn alles andere hätte bedeutet, dass er ein irrer Serienmörder und sie sein nächstes Opfer war.
   Nach allem, was sie mit ihm erlebt hatte, stand fest, dass er definitiv kein normaler Mensch sein konnte. Seit ihrer irren Flucht war ihre Welt ordentlich ins Wanken geraten. Eigentlich stand sie mit beiden Beinen fest auf dem Boden, glaubte bisher nur an Dinge, die sie mit eigenen Augen sah. Raven saß hier neben ihr. Sie hatte selbst diese unglaublichen Sachen miterlebt, die er tun konnte. In ihr keimte der Verdacht, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gab, als die Schulweisheit lehrte. Leise räusperte sie sich.
   »Wenn ich von diesen Geschöpfen verfolgt werde, warum sind sie dann hier noch nicht aufgetaucht?«
   »Dies ist geweihter Boden, sie können ihn nicht betreten.«
   Er lächelte sie verschmitzt an. Amandas Herz schlug schneller, da war es wieder dieses Grinsen, das ihr so gefiel. In diesem Moment vergaß sie zum ersten Mal seit Stunden ihre Angst. Irgendwie wollte sie ihm vertrauen.
   Energisch verbot sie sich diese Gefühle, denn langsam schien sie ihren Verstand zu verlieren. Er hatte sie entführt! Litt sie am Stockholm-Syndrom?
   »Jetzt ist es dunkel, da kriechen sie aus ihren Löchern. Ich hoffe, Debbie kommt bald.« Seine Stimme holte sie in die Wirklichkeit zurück.
   Die Tür ging auf.
   »Wenn man vom Teufel spricht. Es wird ja auch langsam Zeit«, sagte Raven und lachte, ohne nach dem ungekannten Ankömmling zu sehen.
   »Ich musste diese Kirche erst einmal finden, großer Jäger«, entgegnete eine Frauenstimme schnippisch.
   »Na, na, Süße. Warum so mies gelaunt?« Raven erhob sich geschmeidig und ging seiner Was-sie-auch-immer-war entgegen. Die Stimme klang jung. Höchst wahrscheinlich handelte es sich um seine super sexy Freundin. Da war ein kleiner Anfall von Eifersucht. Das durfte wirklich nicht wahr sein, sie wurde auch noch eifersüchtig. Eines stand fest, sie brauchte dringend eine Therapie. Vielleicht ließ Raven sie einen Psychiater anrufen, dann könnten sie ja eine Paartherapie machen. Ihr Gesicht wurde heiß, was bedeutete, dass es wieder die Farbe eines bekannten roten Gemüses annahm.
   Sie stand ebenfalls auf, stolperte und wäre beinahe hinter Raven aus der Bank geflogen. Kurz bevor sie bäuchlings auf dem Kirchenboden landete, erreichte ihre Hand die Sitzfläche. Sie war wirklich so grazil, wie ein Pelikan am Boden. Als sie sich wieder aufrichtet, vergaß sie die Hitze, die in ihre Wangen stieg. Sie bestaunte Ravens Freundin von oben bis unten.
   Das Mädel passte exakt in das Klischee von jemandem, dem man unterstellen könnte, etwas mit Dämonen und schwarzen Messen zu tun zu haben. Auf ihrem T-Shirt prangte ein weißer Totenkopf. Zusammen mit dem dunklen Minifaltenrock und den blickdichten Strümpfen bis zum Oberschenkel erweckte sie den Eindruck einer Satanistin, die jeden Abend vor dem Zubettgehen ein Huhn opferte. Die kniehohen Schnürstiefel unterstrichen das Bild. Die kurzen, dunklen Haare standen in alle Richtungen vom Kopf ab. Schwarz schien die absolute Lieblingsfarbe der jungen Frau zu sein, denn sie trug als Krönung dieses Arrangements schwarzen Lippenstift und um die Augen war sie ebenfalls sehr düster geschminkt. Eine Gothic wie aus einem Katalog für Gruftis. Als das Mädchen nur noch wenige Schritte entfernt war, erkannte Amanda, dass es kein langarmiges Shirt trug, sondern dass Tattoos die Arme bedeckten. Da hatte sie wohl wirklich ihr Hobby zum Beruf gemacht.
   Die junge Frau brachte einen ledernen Mantel und zwei Schwerter mit. Die Sachen reichte sie Raven, der sich mit einem Grinsen bedankte.
   Tatsächlich Schwerter! Amanda bedachte die selbst für eine Stadt wie New York abgefahrenen Waffen mit einem Kopfschütteln. Man konnte nicht viel davon erkennen, da sie in zwei metallenen Scheiden steckten, nur dass sie wie Säbel gebogen und ungefähr so lang wie ihr Arm waren.
   »Ich bin nicht deine Zofe, Raven!« Bei diesen Worten sah die junge Frau neugierig zu Amanda, deren Blick auf einen silbernen Totenschädel fiel, der an einem Lederhalsband baumelte.
   »Das ist Amanda und diese nette junge Dame hier in dem sonnigen Outfit ist Debbie, meine rechte Hand und technische Beraterin.«
   Ravens Partnerin streckte ihm ihre gepiercte Zunge heraus. »Hi, schön dich kennenzulernen.«
   »Danke.« Amanda war geplättet. Debbie bedachte sie mit einem liebenswürdigen Lächeln und streckte ihr die Hand entgegen, als würden sie sich gerade auf einer Party begegnen.
   »Heute das erste Mal mit diesen Biestern zu tun? Oh, meine Güte, was haben dir die Dinger angetan?« Debbie fuhr über Amandas Hals. »Dein Hals ist ja ganz blau. Was sitzt du hier mit ihr rum, Raven? Bring sie in ein Krankenhaus.« Ravens Partnerin funkelte ihn an.
   »Am besten male ich ihr gleich eine Zielscheibe auf den Rücken. Krankenhäuser sind kein geweihter Boden.« Raven zog den Mantel an.
   Debbie wandte sich wieder an Amanda. »Er hat recht, besser, du kommst mit uns, da bist du sicher vor diesen Höllenkreaturen. Wird’s gehen? Hast du noch starke Schmerzen?« Ihre Besorgnis schien aufrichtig.
   »Es geht schon wieder.« Amanda bekam ein mulmiges Gefühl, auch Debbie glaubte also ebenfalls an dieses Dämonenzeug. Entweder waren die beiden Mitglieder einer Teufelssekte und suchten nach dem nächsten Menschenopfer oder, auch wenn das völlig absurd klang, die ganze Dämonensache stimmte. Wohin sollte sie in diesem Fall fliehen? Sie kannte sich mit solchen Dingen nicht aus. Bisher hatte sie ja nicht mal daran geglaubt. Nirgends würde sie sicher sein. Vielleicht sollte sie mit den beiden gehen, denn niemand außer Raven würde sie schützen können.
   Dass da etwas dran war, bewies ihr schmerzender Hals. Außerdem hätte Raven mit ihr schon längst alles in der menschenleeren Kirche tun können, was er wollte, wenn das seine Absicht gewesen wäre. Sie kniff sich. Wie naiv war sie? Nein! Solche Sachen gab es nicht. Die beiden waren komplett verrückt und wer weiß, was sie vorhatten. Sie würde erst einmal mitspielen, um das Weite zu suchen, sobald sie die Chance bekam. Sie straffte sich. Das war ein Plan.
   »Na, dann lasst uns von hier verschwinden.« Raven hatte die Halterung der Schwerter über dem Mantel auf seinen Rücken geschnallt. Er ging voran und öffnete mit einer Hand vorsichtig die Tür. Mit der anderen hielt er eine der säbelartigen Waffen. Er gab ihnen mit dem Kopf ein Zeichen.
   Debbie nahm Amandas Hand und eilte mit ihr zur Tür.
   »Fahr so schnell du kannst, halte auf keinen Fall an. Wir treffen uns bei mir.« Debbie nickte und zog Amanda aus der Kirche. Draußen rannte sie zu einem alten schwarzen Chevy.
   »Steig ein!«
   Amanda sah sich um. Jetzt war die Gelegenheit zu fliehen. Debbie war auf der Fahrerseite, klemmte sich hinter das Steuer.
   »Auf was wartest du? Steig ein!«
   Mit klopfenden Herzen stand Amanda auf dem Gehsteig und blickte die junge Frau im Wagen an. Sie zitterte. Erstaunt bemerkte sie, dass ihr Atmen kondensierte. Eine für die Jahreszeit ungewöhnliche Kälte zog auf, als würde man ein Kühlhaus betreten, und es wurde still. Um genau zu sein: totenstill. Kein Verkehrslärm. Keine Insekten. Nichts. Wie in einer schalldichten Kabine. Die Kälte kroch wie eine eisige Schlange an Amandas Körper hoch, und sie schauderte. Was war hier los? Sie konnte nicht lange darüber nachdenken, denn was sie nur Sekunden später erblickte, verschlug ihr die Sprache und ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Aus den Schatten auf der Straße wuchsen schwarze Gestalten. Die bedrohlich auf sie zu steuerten. Sie sahen wie Skelette aus, die nur eine pergamentartige Haut überzog. Amanda blickte fassungslos in tiefschwarze Augenhöhlen. Sie bekam Gänsehaut von dem gurgelnden Geräusch, die die Kreaturen von sich gaben.
   »Amanda! Ins Auto sofort«, kreischte Debbie.
   Das ließ sie sich nicht ein zweites Mal sagen und sprang auf den Beifahrersitz. Der Wagen fuhr mit quietschenden Reifen los.
   »Was ist mit Raven? Kommt er nicht mit?«
   »Der gibt uns Rückendeckung.« Amanda blickte nach hinten. Mit pochendem Herzen erblickte sie Raven. Er stand auf der Straße, umzingelt von den bleichen knochigen Gestalten, die sich lauernd in seine Richtung bewegten. Er zog sein zweites Schwert, das im Lichtschein der Straßenlaternen funkelte. Debbie trat fester aufs Gas. Das Auto röhrte. Es schoss über die Straße. Als der Wagen um eine Ecke bog, quietschten die Reifen und von Raven war nichts mehr zu sehen. Amanda drehte sich nach vorn und starrte zur Frontscheibe hinaus, ohne irgendeines der vorbeirasenden Gebäude wahrzunehmen.
   »Mein Gott, das ist alles wahr.«

*

Raven holte aus. Er durchtrennte den Hals des Dämons wie ein warmes Messer die Butter. Es fühlte sich so gut an. Die Kreatur starrte ihn an, ihr Kopf klappte nach hinten und rollte über den Asphalt. Kopf und Rumpf zerflossen zu einer teerigen Masse, die langsam im Boden versickerte. Scheinbar aufgerüttelt durch das Ableben ihres Genossen wurden die Kollegen des Getöteten jetzt verdammt schnell.
   Fauchend sprang eine der Kreaturen auf Raven zu. Er drückte sich vom Boden ab und landete mit einem Salto hinter ihr. Sein Gegner drehte sich ruckartig um. In diesem Moment glitt Ravens Waffe durch dessen Körper. Bevor die Beine des Dämons zusammensackten, rutschte der Rumpf langsam von seiner Hüfte und klatschte auf den Boden. Mit einem kräftigen Schlag enthauptete Raven das Vieh. Funken sprühten, als die Klinge seines Schwertes auf den Asphalt prallte. Das Zittern seiner Waffe erschütterte Ravens Körper.
   Er richtete er sich auf und ließ seine Schwerter kreisen.
   »Mit einem schönen Gruß von mir an deinen Höllenherren. Wer auch immer das ist, er sollte seinen Arsch hier oben lieber nicht blicken lassen.« Zähe Flüssigkeit sickerte unter seinen Füssen in den Untergrund.
   Jede Menge Adrenalin schoss Raven durch die Adern. Langsam drehte er sich im Kreis. Aus den Augenwinkeln sah er eine Klaue in seine Richtung schlagen. Raven beugte sich zurück, sodass der Angreifer ihn um Haaresbreite verfehlte. Er holte aus, trennte der Kreatur den Arm ab. Das Höllenvieh heulte auf. Schwarze teerartige Flüssigkeit tropfte aus dem Stumpf, während es mit der verbliebenen Klaue nach Raven schlug und sein Shirt aufschlitzte. Schmerz durchzuckte Raven. Blut färbte das weiße Shirt. Er achtete nicht darauf, es war nur eine oberflächliche Verletzung, die bald wieder verheilen würde. Mit seiner guten Laune war es vorbei. Er ließ den Atem mit einem lauten Zischen entweichen. Von dem Ding würde bald nur noch eine stinkende Pfütze übrig bleiben.
   Ein zweiter Dämon stürzte sich von hinten auf Raven. Er hatte Mühe, ihn abzuschütteln. Das Vieh umklammerte seinen Hals, dabei grub das Biest die knochigen Finger schmerzhaft in sein Fleisch. Raven stöhnte auf, er bekam nur noch wenig Luft. Ihm wurde schwarz vor Augen, die Kreatur auf seinem Rücken ließ nicht locker. Er wollte aufschreien, als ihn die Krallen seines Gegenübers trafen und den Brustkorb aufschlitzen, doch aus seiner Kehle kam nur ein erstickter Laut. Keuchend sank er in die Knie. Es war das verfluchte Mistvieh, dessen Arm er abgetrennt hatte, das jetzt mit sichtlicher Genugtuung die Krallen seines verbliebenen Armes in Ravens Brustkorb bohrte. Nur mit Mühe blieb er bei Bewusstsein. Er biss die Zähne zusammen, versuchte aufzustehen, doch die Klauen des Dämons drangen tiefer ein, sodass er vor Schmerzen kaum klar denken konnte. Raven kauerte auf dem Boden, seine Waffen umklammernd. Er musste diese verfluchten Viecher abschütteln, kostete es, was es wollte. Die restlichen Angreifer sahen ihre Chance gekommen, denn sie zogen ihren Kreis enger. Von allen Seiten wurde er attackiert, messerscharfe Klauen rissen das Leder seines Mantels auf. Nur eines der Biester löste sich von der Gruppe und kletterte eine Hauswand hoch.
   Es folgte den Frauen! Ravens Schläfen pulsierten, ein Feuer kämpfte sich aus der Tiefe seines Inneren an die Oberfläche. Er schloss die Augen.
   »Lass mich frei. Lass mich frei!« Eine Stimme hämmerte in seinem Kopf. Dieses Mal gab er ihr zu gern nach. Er hob die Lider und sah in ein, soweit er das beurteilen konnte, erstaunt dreinblickendes Dämonengesicht. Raven wusste warum. Seine Augen hatten sich schwarz gefärbt, denn seine Sicht schärfte sich. Außerdem empfand er den Gestank, den die Dinger ausströmten, jetzt als unerträglich. Zu seiner eignen Verwunderung kam ihm der Geruch irgendwie vertraut vor, nur konnte er ihn nicht zuordnen. Knurrend festigte er den Griff um das Schwert in seiner rechten Hand, schwang es nach hinten über seinen Kopf, sodass die Klinge den Schädel des Angreifers durchbohrte. Das zweite Schwert rammte er in dessen Seite. Der Dämon ließ Ravens Kehle los. Er pumpte mit tiefen Zügen Luft in seine Lungen. Den Aufgespießten schleuderte er auf die Kreatur, deren Klauen in seiner Brust steckten, wodurch diese zu Boden gerissen wurde.
   Während sie stürzte, schlug Raven ihren zweiten Arm ab, zog die Krallen aus der Brust und warf sie zu Boden. Bevor die beiden Bestien auf die Beine kamen, sprang Raven auf und schlug ihre Köpfe ab. Den anderen Dämonen gelang es nicht, sich rechtzeitig außer Reichweite der Schwerter zu bringen. Abgetrennte Körperteile landeten auf dem Asphalt. Ravens Blut schoss heiß durch seine Adern. Es kochte regelrecht. Er wollte nur noch töten und ihm war egal, was oder wen.
   Seine dämonische Hälfte lief zur Bestform auf. Ein Schädel nach dem anderen rollte über die Straße. Nachdem alle Kreaturen erledigt waren, stand Raven zufrieden in der stinkenden Brühe aus Dämonenüberresten, die im Boden versickerte. Die teerartige Masse tropfte von den Klingen seiner Schwerter. Als Ravens menschliche Hälfte die Kontrolle übernehmen wollte, sträubte sich die dämonische. Sie wollte die Kontrolle nicht abgeben, denn der Kampf hatte ihr zu viel Spaß gemacht. Am liebsten wäre sie losgestürmt und hätte noch mehr Gegner gesucht, doch Raven ließ sie nicht gewähren.
   Er schloss die Augen, atmete tief durch und konzentrierte sich auf seine menschliche Seite. Langsam übernahm sie die Kontrolle. Seine Augen nahmen ihre blaue Farbe an. Raven brauchte Zeit, bis er sich fasste. Es wurde für seine menschliche Hälfte von Mal zu Mal schwieriger, die Oberhand zu gewinnen. Er musste verdammt aufpassen, denn er stand sehr nah am Abgrund zur Hölle. Jedes Mal, wenn der Dämon in ihm die Kontrolle erlangte, starb ein winziges Stück seiner menschlichen Seite.
   Amanda! Verdammte Scheiße, er musste das Ding, das entkommen war, aufhalten! Schnell steckte er die Schwerter weg und nahm die Verfolgung auf.

*

Amanda wusste nicht, wie viele Meilen sie sich bereits von der Kirche entfernt hatten. Sie starrte auf die Straße. Ihr Kopf drohte fast zu platzen. Mit den Fingerspitzen massierte sie ihre Schläfen. Was um Himmels willen war hier los? Sie hatte gerade Dämonen gesehen. Ein Krachen schreckte sie aus ihren Gedanken. Das Grauen hatte kein Ende. Etwas war auf dem Dach. Amanda sah zu Debbie, die jedoch keine Miene verzog. Sie beugte sich zu ihr rüber und öffnete das Handschuhfach. Mit einer Hand hielt sie das Lenkrad fest, während sie mit der anderen eine Waffe aus dem Fach nahm. Amanda klappte es schnell wieder zu. Debbie richtete die Pistole auf das Dach des Autos und drückte ab. Der ohrenbetäubende Knall hallte in Amandas Ohren wider.
   »Hast du das Ding erwischt?«
   »Ich weiß nicht.« Debbie sah skeptisch nach oben. Über ihnen herrschte Stille. Amanda entfuhr ein Schrei, als sie den Dämon plötzlich auf der Motorhaube erblickte. Es war eine der grauenhaften Kreaturen, die auch Raven angegriffen hatten. Leere schwarze Augenhöhlen starrten ihr entgegen, jagten ihr eiskalte Schauder über den Rücken. Das Biest grub seine Krallen in das Blech, als wäre es Alufolie. Was könnte es wohl mit menschlicher Haut anstellen?
   »Schütz dein Gesicht!« Debbie zielte.
   Schnell hielt Amanda ihren Arm hoch, als Debbie durch die Scheibe auf die Kreatur schoss. Splitter flogen umher. Von dem faustgroßen Loch in der Mitte der Frontscheibe breiteten sich kleine Risse spinnennetzartig aus. Im gleichen Moment landete noch etwas mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Dach. Amanda hob automatisch den Kopf. Hatten sie überhaupt noch eine Chance? Aus den Augenwinkeln sah sie etwas Dunkles an die Scheibe spritzen, die bedrohlich knackte. Die Scheibenwischer arbeiteten sich mühevoll durch die schwarze Masse. Amanda bewunderte Debbie, die einen kühlen Kopf behielt und mit unveränderter Geschwindigkeit weiterfuhr.
   Als Amanda wieder einigermaßen die Straße erkennen konnte, stellte sie erleichtert fest, dass die Kreatur von der Motorhaube verschwunden war. Über sich vernahm Amanda ein Poltern. Ihr schlug das Herz bis zum Hals, das zweite Wesen war immer noch dort oben. Debbie beschleunigte. Sie zielte in Richtung des Daches und schoss. Durch die Frontscheibe schnellte ein Arm. Splitter flogen durch das Auto. O Gott! Das verdammte Ding schnappte nach der Waffe.
   Erschrocken biss Amanda auf ihre Unterlippe, schmeckte Blut. Mit dem Handrücken wischte sie es weg. Nur langsam registrierte ihr Verstand, dass der Arm nicht zu einer der Kreaturen gehörte, sondern zu Raven. Erleichtert atmete Amanda auf.
   Der Wagen geriet ins Schlingern, sodass sie hin und her geschüttelt wurde. Krampfhaft hielt sie sich am Armaturenbrett fest. Sie blickte zu Debbie, die sich ans Lenkrad klammerte und damit abmühte, nicht gänzlich die Kontrolle über das Fahrzeug zu verlieren. Eine Hauswand kam bedrohlich näher. Als Debbie mit quietschenden Bremsen anhielt, wurde Raven nach vorn geschleudert. Mit einem Salto landete er vor dem Auto. Amanda konnte es nicht fassen. Der Kerl war wie eine Katze auf seinen Beinen gelandet. Eilig ging er zum Fahrzeug und riss die Tür auf, während Debbie auf den Rücksitz kletterte. Raven stieg ein, trat aufs Gas und ließ die Reifen quietschen, sodass Amanda in den Sitz gedrückt wurde. Der Fahrtwind blies ihr eisig ins Gesicht und riss an ihren Haaren.
   Raven schien das nicht zu stören, denn er beschleunigte. Mit hoher Geschwindigkeit setzte er die Fahrt fort.
   »Verdammt, Debbie, was hast du nur mit meinem Auto gemacht? Die Scheibe war neu.«
   »Sehr witzig. Ich hab unser Leben gerettet.«
   Amanda drehte sich zu Debbie. Dabei versuchte sie, ihr Haar irgendwie aus dem Gesicht zu bekommen. Verflucht! Sie bräuchte fünf Hände, um das Gestrüpp in Zaum zu halten. Mit verschränkten Armen sah Debbie aus dem Fenster und schien zu schmollen.
   »Sie war wirklich super«, sagte Amanda an Raven gewandt. Der grinste. »Soso! Ihr kennt euch keine halbe Stunde und seid schon beste Freundinnen?«
   »Sie weiß meine Hilfe wenigstens zu schätzen, großer Jäger. Ihr Leben rette ich jederzeit wieder, deines mal sehen«, erklang Debbies Stimme von hinten.

Nach einer halben Stunde Fahrt, die in ein Industriegebiet führte, erblickte Amanda ein zweistöckiges Steingebäude. Raven hielt darauf zu. Ein elektrisches Tor schwang auf und sie fuhren in eine große Halle. Außer Motorrädern konnte Amanda in der Halle nichts entdecken. Hinter ihnen schloss sich das Tor wieder. Raven und Debbie stiegen aus dem Wagen. Amanda folgte ihnen zu einem Aufzug. Raven schloss hinter ihr das Rollgitter.
   »Verzeihung, hinter dir ist der Knopf, ich müsste da mal hin«, sagte er. Amanda machte einen Schritt nach vorn, um ihn an die Schalttafel zu lassen, doch im gleichen Moment beugte er sich in ihre Richtung, sodass sie gegen seine harte Brust prallte. Um den Zusammenstoß abzufedern, nahm sie die Hände hoch, die jetzt auf seinem Bauch lagen. Unter ihren Fingern spürte sie sein Sixpack. Ravens männlich herber Duft umgab sie, vernebelte ihr die Sinne. Debbies Räuspern holte sie in die Gegenwart zurück.
   »Entschuldigung.« Amanda brachte so viel Abstand, wie es in dem beengten Raum möglich war, zwischen sich und dem traumhaften Männerkörper. War es hier heiß, oder schwitzte nur sie so?
   »Nichts passiert. Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite.« Ein dämonisches Grinsen umspielte Ravens Lippen und Amanda hatte das Gefühl, sie stünde mit Schneeanzug in einer Sauna. Endlich kam das erlösende Klingeln, das ankündigte, dass der Fahrstuhl im ersten Stock angelangt war.
   Kaum hatte Debbie das Gitter aufgeschoben, flüchtete Amanda aus dem Aufzug. Sie vermied es, Raven anzusehen, der neben sie getreten war, stattdessen blickte sie sich in der ausgedienten Fabrikhalle um. Da der Raum nur durch rechteckige, in regelmäßigen Abständen eingebaute Stützsäulen geteilt wurde, konnte sie bis zum anderen Ende schauen. Sofort fielen ihr die zwei unterschiedlichen Sofas zu ihrer Linken ins Auge, die aussahen, als kämen sie vom Flohmarkt. Ihre zwei Retter waren wirklich sehr zweckmäßig eingerichtet.
   Auf Gemütlichkeit und Ordnung schienen die beiden nicht viel Wert zu legen. Amandas Blick schweifte zu einem riesigen Schreibtisch hinter den Sofas. Darauf standen zwei Computer sowie verschiedene elektronische Geräte in einem riesigen Durcheinander aus Kabeln.
   »Nun, das ist mein Reich. Hier ist die Relaxzone …«, Raven zeigte auf die alten Sofas, »… dahinter liegt das Büro und dort mein, na ja, Schlafzimmer.« Dabei deutete er zu einigen Stoffbahnen, die am Ende der Halle eine Ecke abtrennten.
   »Schlafzimmer. Ich würde eher sagen, Highway, bei dem regen Verkehr, der da herrscht.« Debbie kicherte. Ihr Partner bedachte sie mit einem finsteren Blick.
   »Sie übertreibt.« Raven grinste schief. »Gegenüber«, er zeigte auf die andere Seite, »meine Küche.«
   Küche war übertrieben, es handelte sich um eine kleine Kochnische mit alten Unterschränken, einer Mikrowelle und einem Gaskocher. Auf der Arbeitsfläche standen offene Büchsen neben altem Geschirr herum. Amanda trat ein Stück in den Raum.
   »Dann geh ich mal«, sagte Debbie.
   Ruckartig drehte sich Amanda um. Ihr wurde es heiß und kalt zugleich. Sie sollte mit Raven allein bleiben! Sie starrte Debbie an. Die junge Frau lachte.
   »Du glaubst doch wohl nicht, ich wohne in so einer verdreckten Bude?«
   Raven begleitete seine Partnerin zum Aufzug.
   »Wir reden morgen. Pass auf dich auf!«
   »Warum? Die sind ja nicht hinter mir her.«
   »Dann gute Nacht«, sagte sie zu den beiden, bevor sie im Aufzug verschwand. Kurze Zeit später konnte Amanda ein Motorrad wegfahren hören. Sie schluckte. Nun war sie mit Raven also allein. Nervös wischte sie ihre verschwitzten Hände an der Jeans ab. Unschlüssig blieb sie stehen, während sie Raven dabei beobachtete, wie er seine Schwerter abnahm, diese auf den Couchtisch legte und seinen zerfetzten Mantel auszog. Achtlos warf er das ramponierte Kleidungsstück aufs Sofa.
   »Hast du dich verletzt?« Amanda machte einen Schritt in seine Richtung und deutete auf das blutverschmierte T-Shirt. Es sah wirklich besorgniserregend aus.
   »Halb so schlimm.« Er entledigte sich des kaputten Shirts. Amanda musterte seinen durchtrainierten Körper, konnte aber zu ihrer Erleichterung keine Verwundung entdecken. Peinlich berührt bemerkte sie, dass sie ihn anstarrte.
   »Deine Lippe. Warte.« Raven ging in Richtung Schlafnische. Amanda fuhr über ihren Mund und etwas Blut blieb an ihren Fingern kleben.
   Raven kam mit einem Verbandkasten zurück. Diesen stellte er auf den Couchtisch und holte ein Wundreinigungstuch heraus.
   Damit trat er zu Amanda, deren Puls sich rasant beschleunigte. Sie hielt den Atem an.
   »Das könnte vielleicht etwas brennen.« Damit fuhr er ihr sanft über die Lippe. Das angekündigte Brennen spürte Amanda nicht, denn die Berührung des Mannes elektrisierte sie. Sie schluckte, brauchte sie doch nur ihre Hand zu heben und ihre Finger würden über seine Bauchdecke streichen, unter der sich jeder Muskel abzeichnete. Ravens Körper strahlte eine enorme Hitze ab. In ihrem Inneren wuchs der Wunsch, er würde sie in die Arme nehmen und sie mit seiner Wärme einhüllen, denn sie fror fürchterlich. Offensichtlich saß der Schock über das Erlebte noch tief. Obwohl ihr Verstand versuchte, alles einfach auszuradieren, ließ sich ihr Körper nicht täuschen.
   Ihre zitternden Hände, die sich nach der Hitze und der Nähe des Mannes sehnten, waren der Beweis. Manches konnte sie eben nicht so ausblenden, wie den frühen Tod ihrer Mutter. Nachdem sie wochenlang zu keiner Handlung fähig war, verdrängte sie jeglichen Gedanken daran, um nicht weiter wie ein Häufchen Elend in der Ecke zu kauern. Jede noch so kleine Erinnerung an das Sterben ihrer Mum verdrängte sie. Redete sich sogar manchmal ein, dass sie nur auf einer langen Reise sei. Amanda schloss die Augen. Sie war wahrhaft eine Meisterin der Verdrängung. Zu gern würde sie ihren Kopf auf Ravens Brust legen, um in seinen starken Armen Schutz und Trost zu finden.
   Musik ertönte aus ihrer Hosentasche.
   »Mein Handy.« Sie zog es aus der Tasche und war über die Ablenkung froh. Als sie jedoch auf das Display sah, stutze sie. Raven ging zum Tisch und brachte den Verbandkasten wieder in Ordnung.
   »Die Nummer kenne ich nicht.«
   »Bestimmt dein Vater. Geh ran.«
   Amanda nahm das Gespräch an.
   »Hallo, Kind. Kannst du reden?«, hörte sie die besorgte Stimme ihres Vaters.
   »Ja, Dad.« Nicht zu fassen. Sie nannte diesen Mann tatsächlich Dad.
   »Wo bist du? Ist der Typ noch bei dir? Hat er dir etwas getan?«
   »Mir geht es gut, du musst dir keine Sorgen machen.« Amanda verdrehte die Augen.
   »Wir versuchen, dein Handy zu orten. Kannst du mir etwas über deinen Entführer sagen oder wo du bist?«
   »Ich wurde nicht entführt!«
   »Kind, bedroht er dich? Hat er dir etwas angetan?«
   Panik lag in der Stimme ihres Vaters. Er schien sich wirklich Sorgen um sie zu machen. Der Gedanke, dass sich ihr Vater so um sie ängstigte, bereitete ihr ein schlechtes Gewissen.
   »Mir ist nichts passiert, ich bin freiwillig hier.«
   »Verdammt, Kind, wenn du fliehen kannst, lauf weg! Ich hole dich. Sag mir, wo du bist. Du kannst nicht bei diesem Typ bleiben, er ist ein eiskalter Mörder.«
   Zorn stieg in Amanda hoch. Warum interessierte sie es überhaupt, dass sich ihr Vater um sie sorgte? Es war ihm die vergangenen Jahre auch egal gewesen, was sie so trieb. Er hatte nicht das Recht ihr zu sagen, was sie tun sollte.
   »Da kommst du einige Jahre zu spät, denn ich bin inzwischen zweiundzwanzig und kann machen, was ich will. Ich sehe hier weit und breit keinen Mörder.« Bei diesen Worten hob Amanda ihren Kopf und sah zu Raven, der ihren Blick mit einem charmanten Grinsen erwiderte. Ihr Puls rannte los.
   »Ich lege jetzt auf, bye.«
   »Nicht, Amanda! Wir konnten dich noch nicht orten …«
   Ohne ein weiteres Wort klappte sie ihr Handy zu. Als es nur Sekunden später wieder klingelte, schaltete sie es ab. Sie sah ihren Gastgeber an.
   »Sie haben versucht, mein Telefon zu orten, aber es scheint ihnen nicht gelungen zu sein.« Amanda spielte nervös mit ihrem Handy, sie wusste nicht, wie sie das, was ihr durch den Kopf ging, in Worte fassen sollte, und platzte einfach damit heraus. »Sie halten dich für einen durchgeknallten Serienkiller. Hast du wirklich diese vielen Menschen getötet?«
   Raven ließ sich seufzend auf eines der beiden Sofas fallen. Amanda nahm so weit entfernt von ihm wie möglich auf der anderen Couch Platz. Der Mann schüttelte den Kopf.
   »Nein! Sie wurden wahrscheinlich einem Dämon geopfert. Bei der letzten Familie bin ich mir allerdings nicht sicher. Ich glaube, es war eine Falle. Ich sollte wohl verhaftet werden und dich finden. Warum, weiß ich noch nicht.«
   »Warum greifen sie uns hier nicht an, dies ist doch keine Kirche, oder?«
   »Es gibt verschiedene geweihte Orte. Dieses Gebäude steht auf einer heiligen Kultstätte der Indianer, die hier vor vielen Hundert Jahren lebten.«
   »Ich habe noch eine letzte Frage.«
   Raven sah sie erwartungsvoll an.
   »Was bist du?«
   Ihr Gegenüber grinste wieder.
   Amandas Herz machte einen, Sprung sie mochte dieses Grinsen.
   »Sagen wir mal, ein Halbblut. Eine meiner weiblichen Vorfahren empfing von einem Dämon ein Kind. Er merkte wohl, dass das Ende seiner Macht auf Erden gekommen war, und wollte so sichern, dass ein Teil von ihm hier blieb. Nun ist es so mit dämonischen Kräften, dass diese von Generation zu Generation stärker werden. Bei dem Kind, das meine Urahnin empfangen hatte, merkte man noch nichts und auch Generationen danach hatten meine Vorfahren keine besonderen Begabungen. Erst seit relativ kurzer Zeit traten im Stammbaum unserer Familie männliche Nachkommen auf, die außergewöhnliche Fähigkeiten hatten. Ich bin sozusagen die Krönung. Einen solchen wie mich gab es nie zuvor.« Raven lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
   »Kannst du dir vorstellen, warum eure Kräfte gerade in den vergangenen Generationen erwacht sind?«
   Amandas Gastgeber lächelte.
   »Ich dachte, das wäre deine letzte Frage gewesen?«
   Sie errötete und senkte ihren Blick. »Tut mir leid.«
   »Ganz ehrlich, ich weiß es nicht«, sagte Raven nachdenklich.
   »Darf ich noch etwas fragen?«
   Er nickte.
   »Warum kannst du dich an einem geweihten Ort aufhalten, wenn du so was wie ein Halbdämon bist?«
   »Na ja, ich bin ja eben nur zum Teil Dämon und außerdem reagieren die Schutzgeister solcher Orte auf die Aura des Bösen.«
   »Diese bleichen Wesen, gegen die du vor der Kirche gekämpft hast, waren das Dämonen?«
   Raven sah Amanda einige Sekunden lang erstaunt an. »Du konntest sie sehen?«
   »Ja, es waren widerliche Kreaturen.« Sie schloss die Augen und schüttelte sich. »Ich wünschte, ich hätte so etwas nie gesehen.«
   »Ich auch«, murmelte Raven.
   Amanda betrachtete ihn nachdenklich und kaute auf ihrer Unterlippe herum.
   »Nun, raus mit der Sprache, was willst du noch wissen?«
   »Na ja, wie alt bist du? Schon mehrere Hundert Jahre oder so?«
   Ihr Gastgeber lachte. »Achtundzwanzig und kein Jahr älter. Ich bin kein verdammter Vampir.«
   »Gibt es die auch?!«
   »Möglich, ich bin noch keinem begegnet, aber wenn, muss der sich warm anziehen, Schätzchen.«
   Amanda musterte Ravens Gesicht. »Wieso tust du das?«
   Er hob die Brauen. »Was?«
   »Du jagst Dämonen, obwohl du ein halber bist.«
   Raven atmete tief ein, bevor er sprach. »Angeblich ist es meine Bestimmung, aber ich halte nicht viel davon, ich tue es, weil es das Einzige ist, was ich gelernt hab.«
   Eine Frage brannte Amanda noch auf der Seele. Sie sah Raven in die Augen. »Wenn ich mich richtig erinnere, sind Dämonen Kreaturen der Hölle und die Verkörperung des Bösen.« Sie schluckte. »Muss ich vor dir Angst haben?«, flüsterte sie.
   »Es ist nicht immer einfach, das Böse unter Kontrolle zu halten.« Sein Ausdruck wurde düster, eine Spur von Traurigkeit hatte sich in seine Stimme gemischt. Amanda zuckte zurück, als er aufstand.
   »Keine Angst, ich mutiere jetzt nicht zu einem schuppigen Monster, das dich zerfleischt.« Beschwichtigend hob er die Hände. »Ich habe die Sache im Griff.« Er schluckte, dann erschien dieses sexy Lächeln auf seinen Lippen. »Du siehst ziemlich müde aus.« Er wechselte das Thema. Offensichtlich war es ihm unangenehm und dafür musste es einen Grund geben. In Amandas Magen drückte ein dicker Klumpen gegen die Wände. Konnte sie ihm wirklich vertrauen?
   Er hatte recht, sie war müde. Nur mit Mühe gelang es ihr, ein Gähnen zu unterdrücken.
   »Ich werde auf dem Sofa schlafen.« Sie zog ihre Schuhe aus und kuschelte sich auf die Couch. Raven stand auf, ging zu ihr und hob Amanda hoch, als hätte sie kein Gewicht, und trug sie zu der abgetrennten Nische. Sie leistete keinen Widerstand. Denn einerseits war sie dazu viel zu erschöpft und andererseits genoss sie es, von ihm getragen zu werden. Sie legte den Kopf auf seine Schulter. Ihre Wange berührte Ravens nackte Haut. Seine Wärme gab ihr ein Gefühl der Geborgenheit. Tief sog sie seinen würzigen Duft ein.
   Hinter den Stoffwänden stand ein Futonbett. Raven legte Amanda darauf und deckte sie zu.
   »Ich schlafe auf dem Sofa. Du wirst mir dankbar sein.«
   »Nein«, sagte Amanda hastig. Der Gedanke, dass der Mann so weit weg wäre, wenn diese Kreaturen vielleicht wiederkamen, ließ Panik in ihr hochsteigen. Zwar gab es dafür keinen rationalen Grund, denn diese Wesen konnten ja angeblich geweihten Boden nicht betreten, aber bis vor Kurzem war sie der festen Überzeugung gewesen, dass Dämonen nicht existierten. Jeden, der das Gegenteil behauptete, hätte sie als verrückt abgestempelt. Was wusste sie schon über diese Biester? Sicher war sicher. Sie wollte Raven in ihrer Nähe wissen. Zaghaft hielt sie seine Hand fest.
   »Dann leg dich zu mir. Das ist schließlich dein Bett und es ist groß genug für uns beide.«
   »Wenn du meinst.« Er zog seine Stiefel aus und legte sich auf die Decke. Amanda hätte am liebsten ihre Finger über seinen nackten Oberkörper gleiten lassen. Stattdessen zog sie die Decke bis zum Kinn.
   »Willst du nicht unter die Decke kommen, es ist kühl hier?«
   »So, wie es ist, ist es gut, ich friere nicht so schnell«, sagte er rau.
   Amanda jubelte innerlich, denn die Nähe zu ihr ließ ihn bei Weitem nicht so kalt, wie er nach außen wirkte. Mit dem Gedanken kuschelte sie sich ins Bett, sie wollte nicht diskutieren, dazu war sie zu müde.
   Normalerweise gab sie einem Mann nach dem ersten Date nicht mal einen Kuss, geschweige denn, mit ihm im Bett zu landen. Zudem kannte sie Raven erst wenige Stunden, aber nach all dem, was sie heute erlebt hatte, fühlte sie sich in seiner Nähe am sichersten. Das ging bestimmt in Ordnung. Durch halb geöffnete Augen betrachtete sie seine Hände, die auf seiner Brust ruhten. Wie es sich wohl anfühlte, wenn sie über ihren Körper strichen? Ihr wurde heiß, fast hätte sie die Decke zurückgeschlagen. Ihre Wangen glühten wie Kohlestückchen im Ofen. Hastig drehte sie sich von ihm weg und kam zu dem Schluss, dass es sehr vernünftig von ihm gewesen war, oberhalb der Decke zu bleiben. Sie sah ihn jetzt zwar nicht mehr, hörte aber wie er gleichmäßig ein- und ausatmete. Ihn so nah zu wissen, jagte ihr wohlige Schauder über den Rücken. Wenn er seinen Arm etwas ausstreckte, würde er ihre Hüfte berühren. Amanda betrachtete die weißen Stoffbahnen, die als Abtrennung dienten. Sie zählte sie wieder und wieder, bis ihr die Augen zufielen und sie einschlief.

*

Raven lag wach neben Amanda. Ihr weiches Haar kitzelte ihn. Er strich es weg und sie drehte sich im Schlaf zu ihm. Verwirrt betrachtete er ihr Gesicht. Diese Frau zog ihn an, wie das Licht die Motten. Zur Hölle! Er schien sich zu verlieben. Seine Wangenmuskeln zuckten. Verdammt noch mal! Jede Menge Frauen waren ihm in seinem Leben über den Weg gelaufen, aber so etwas hatte er nie zuvor gefühlt. Er betrachtete Amandas Gesichtszüge. Was machte sie so besonders? Sie war hübsch, ohne Frage. Sie wirkte wie die Unschuld vom Lande, war so gar nicht sein Typ. Er stand auf Rasseweiber, die wussten, was sie wollten und nach einem Onenightstand die Tür hinter sich schlossen. Keine Gefühle, keine Verpflichtungen, so einfach lief das bisher. Nun diese verfluchten Gefühle, die würden alles nur verkomplizieren. Er schnaubte laut.
   Im Schlaf schmiegte sich Amanda an ihn. Ihr warmer Atem streifte seinen Hals. Sein Körper reagierte und in seiner Hose wurde es eng.
   Bewegungslos starrte er zur Decke. Amandas Atem ging gleichmäßig. Sie schlief tief und fest, vertraute ihm. Das sollte sie nicht. Raven schloss seufzend die Augen. Sie wusste nicht, wie viel Mühe es ihn kostete, die Finger von ihr zu lassen. Seine dämonische Hälfte war erregt bis zum Zerplatzen.
   »Komm schon! Nimm dir die Kleine! Sie will es auch. Sie wollte, dass du hier neben ihr schläfst. Mmh, ihre weiche Haut, die kleinen, festen Brüste, alles könnte dir gehören«, flüsterte eine allzu bekannte Stimme in seinem Kopf. »Jetzt sei kein Spielverderber. Sieh dir diese vollen Lippen an, stell dir vor, wo sie dich überall berühren könnten.«
   Raven schluckte hart.
   »Nein, Schluss jetzt«, knurrte er heißer.
   Um sich abzulenken, dachte er über die vergangenen Ereignisse nach.
   Was wollten diese Dämonen von ihr? Was war diese nebelhafte Gestalt? Ihr schien es wichtig, dass er Amanda rettete.
   Sie zuckte leicht zusammen, schlief jedoch weiter. Ihre Hand krallte sich an der Decke fest und ihr Atem ging schneller. Sie hatte wohl einen Albtraum. Kein Wunder, nach dem, was sie heute mitgemacht hatte. Sanft streichelte er ihr Gesicht, sodass sie ruhiger wurde. Am liebsten hätte er sie überall berührt, sie geküsst. Ein leises Lachen in seinem Kopf holte ihn in die Realität zurück und sorgte dafür, dass er sein Verlangen im Zaum hielt, aber jede Bewegung ihres weichen Körpers fühlte sich wie ein Stromschlag an. Wieder streifte ihr Atem seine nackte Haut. Ihre samtigen Lippen trennten nur noch wenige Zentimeter von seiner Brust.
   Er musste weg hier! Das Sofa war nicht bequem, aber weit genug entfernt, um sich wieder in den Griff zu bekommen. Raven rutschte, so vorsichtig er konnte, zum Bettrand und stand auf. Er beobachtete Amanda noch eine Weile. Vorn in der Halle brannte noch das Licht. Raven machte es aus, versuchte dann, auf dem Sofa eine möglichst bequeme Schlafposition zu finden.

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