Als sich Lucija in den geheimnisvollen Sander verliebt, weiht er sie in ein Geheimnis ein: Sie ist eine Mondtochter. In wenigen Tagen wird sie in der Nacht der Elemente zu einer Arantai werden, einem Geschöpf der Nacht. Sander will Lucija bei der Verwandlung begleiten, doch seine Vergangenheit holt sie beide ein. Plötzlich taucht die Schwester seiner ehemaligen Geliebten auf. Umbra will Rache für den Tod ihrer Schwester nehmen. Noch bevor sich Lucija verwandeln kann, gerät sie in die rachsüchtigen Fänge ihrer Widersacherin. Umbra versucht, Lucija heimtückisch auf ihre Seite zu ziehen, um Sanders Herz zu brechen, wie einst ihres zerbrach.

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ISBN: 978-9963-52-609-3

Seiten: 243

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Lia Haycraft

Lia Haycraft
Lia Haycraft wurde 1980 in Norddeutschland geboren, wuchs jedoch in Portugal, England und schließlich Nordrhein-Westfalen auf. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie mitten im Bergischen Land. Gern gelesen hat sie schon immer, die Leidenschaft, selbst zu schreiben, packte sie gnadenlos vor einigen Jahren. Aus „Mondtochter“ ist eine vierteilige Reihe geworden: „Die Nacht der Elemente“. Veröffentlicht sind außerdem unter dem Pseudonym Eileen Raven Scott ihre Novelle „Feuerküsse“ und der Roman „Flammenseele“ im Machandel Verlag. Die meisten Geschichten spielen in England oder Köln. Weitere Werke sind natürlich in Arbeit.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Wind

Dicke Wolken hingen am Himmel. Die Grabsteine waren nur als vage Umrisse zu erkennen. In diesem Moment riss die Wolkendecke auf und die Blätter der Ahornbäume malten im Mondlicht tanzende Muster auf den Weg. Lucija blieb stehen, holte tief Luft und schloss die Augen. In der Nacht roch alles anders, sanfter irgendwie. Im Gebüsch raschelte es. Eine Maus rannte auf die Wiese und verschwand zwischen den Wurzeln eines Ahornbaums. Plötzlich hörte Lucija Flügel schlagen. Sie drehte sich um und entdeckte eine Krähe, die in einem weiten Bogen auf sie zuflog. Ihre Flügel hoben sich kaum vom dunkelblauen Himmel ab.
   Sobald Kapua auf ihrer Schulter gelandet war, setzte Lucija ihren Weg fort. Sie schlängelte sich durch die schulterhohen, verwitterten Backsteinmauern im hinteren Teil des Friedhofs. Auf dem hügligen, grasbewachsenen Boden standen einige der ältesten Grabkreuze. Der Weg war Lucija beinahe so vertraut wie der Pfad hinunter zum Koiteich im Garten ihrer Eltern. Als sie vor knapp einem Jahr beschlossen hatte, nach Nottingham zu ziehen, hatte sofort festgestanden, dass ihre Wohnung hier in der Nähe liegen musste.
   Damals hatte der Friedhof sie sofort in seinen Bann gezogen. So einen wie diesen hatte Lucija noch nie gesehen. Es gab sehr viele Engelsstatuen. Das Gelände fiel zur einen Seite allmählich ab und endete in einem Tal kurz vor dem Nottingham Forest. Das Beste aber war, dass der Friedhof auf einer Art Höhlensystem angelegt worden war, an den Seiten führten Höhlen in den Sandstein. Leider waren die meisten mittlerweile von der Stadt mit Gittern abgesichert worden. Trotzdem liebte Lucija diesen Ort und es war fast, als würde er sie rufen. Am liebsten ging sie zu dem Grab mit der knienden Statue. Der Engel hatte eine Katze auf dem Arm. Vor ihm saß ein steinerner Hund und hinter dem Engel stand ein lebensgroßes Pferd. Es gehörte zu Lucijas Abendritual, dass sie dem Pferd liebevoll über die steinernen Nüstern fuhr und sich kurz mit dem Engel und seinen Tieren unterhielt. Sie hatte sich hoffnungslos in diesen Ort verliebt.
   »Was ist eigentlich …?«
   Kapua verschluckte den Rest ihrer Frage, trotzdem hatte sie Lucija damit zurück ins Hier und Jetzt gerissen. Als Lucija stehen blieb, krallte sich Kapua in ihre Schulter. Bevor Kapua erneut zu ihrer Frage ansetzen konnte, legte Lucija einen Finger auf ihre Lippen. »Da vorn ist jemand«, flüsterte sie und deutete in die angesprochene Richtung.
   Ein paar Meter vor ihnen kniete ein Mann in den Schatten. Seine schulterlangen Haare verbargen sein Gesicht. Mit den Fingern berührte er bedächtig die Schrift auf einem schmucklosen Grabstein, dabei murmelte er etwas, was Lucija nicht verstehen konnte. Trauer und Liebe lagen in seiner Stimme. Offenbar hatte er jemanden verloren, der ihm viel bedeutet hatte. Er hob die Hand zum Mund, küsste seine Fingerspitzen und drückte sie lange auf den Stein. Seine Einsamkeit waberte wie Nebel um ihn herum. Ob er so einsam war wie sie manchmal? In den Momenten, in denen weder ihre Freunde noch ihre Eltern oder Kapua erreichbar schienen. Denn in diesen Momenten gab es niemanden, der sie richtig verstand. Während sie ihren Gedanken nachhing, stand der Mann auf. Lucija zuckte zusammen. Tief in Gedanken versunken hatte sie ihn beinahe vergessen.
   Langsam streckte er sich, klopfte etwas Erde von seiner Hose und sah hinauf in den Himmel. Das Mondlicht fiel auf sein Gesicht. Er sah nicht viel älter aus als Lucija, vielleicht Mitte zwanzig? Höchstens Ende zwanzig. Wow, in diesem Moment sah er beinahe so aus wie der Highlander, aus dem Lieblingsfilm ihrer Mutter, fehlte nur noch der Kilt. Er schien lautlos zu seufzen, steckte die Hände in die Hosentaschen und schüttelte leicht den Kopf. Lucija ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Irgendetwas an ihm kam ihr bekannt vor, faszinierte sie auf eine unheimliche Art.
   Plötzlich hielt er in der Bewegung inne. Hatte er sie bemerkt? Lucija ging schnell ihre Möglichkeiten durch. Weglaufen ergab wenig Sinn. Stehen bleiben würde gehen, aber dabei fühlte sie sich hilflos, also straffte sie die Schultern und ging weiter den Weg entlang.
   Der Mann räusperte sich und kam ihr entgegen. Jetzt hatte er sie sicher entdeckt, sie spürte seinen Blick auf ihrer Haut. Lucijas Herz klopfte viel zu laut. Sie begann leise zu summen, um sich die Angst zu nehmen, aber auf einmal tauchten lauter verstörende Bilder in ihrem Kopf auf. Was einsamen, jungen Frauen nachts auf Friedhöfen alles passieren konnte. Sie sah sich schon auf dem Boden liegen, hinter einem Grabstein, in einer dunklen Blutpfütze. Lucija schüttelte den Kopf. Er war einfach jemand in Trauer. Solche Gefühle konnte man nicht vorspielen. Und wenn der oder die Tote eins seiner Opfer war und er es bereute? Ach was, sie sah eindeutig zu viele Gruselfilme. Sicher war er nicht gefährlicher als sie.
   Sie ging langsam, aber bestimmt weiter, versuchte, einen unnahbaren Eindruck zu machen und wappnete sich, für was auch immer da kommen mochte. Wenigstens saß Kapua auf ihrer Schulter und würde ihr sicher helfen, obwohl auch sie angespannt wirkte und sich in Lucijas Strickjacke krallte.
   Als der Fremde auf ihrer Höhe ankam, nickte er ihr zu. »Guten Abend.« Seine Stimme war tief und samtig. Anstatt weiterzugehen, blieb er stehen.
   Aus der Nähe erinnerte er Lucija fast an einen Rockstar mit seinen schulterlangen Haaren und der Lederjacke. Er sah nicht mal schlecht aus, trotzdem bekam sie eine Gänsehaut. Sie murmelte eine Antwort. Wollte er sich etwa unterhalten? Wie unheimlich. Lucija wusste nicht recht, was sie tun sollte. Sie standen da und sahen sich gegenseitig an. In der Nähe rief eine Eule. Der Typ blickte kurz in die Richtung, sah wieder zu Lucija und ließ seinen Blick in einer einzigen Sekunde von ihrem Haar bis zu den Schuhspitzen wandern. Es sollte sicher unauffällig sein, aber ihr entging es nicht. Ihre Knie fühlten sich auf einmal sehr schwach an. Verdammt, wie unheimlich. Geh weiter. Der Mann sah ihr in die Augen. Erstaunen lag in seinem Blick.
   »Komm gut nach Hause«, sagte er mit einer überraschend warmen Stimme und lächelte etwas schief.
   »Danke. Gute Nacht«, murmelte Lucija und sah ihm hinterher. Er ging ohne einen weiteren Blick an ihr vorbei und setzte seinen Weg fort. Hinter einem dicken mit Efeu überwucherten Baumstamm verschwand seine Silhouette in der Dunkelheit. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag, aber Lucija wagte es nicht, ihm den Rücken zuzudrehen.
   Es begann, leicht zu regnen. Lucija kämpfte gegen den Drang an, beglückt die Augen zu schließen, als die weichen Tropfen ihre Haut berührten. Sie durfte nicht unaufmerksam werden. Fast automatisch öffnete sie ihre Hände und fing ein paar mehr Tropfen auf, dabei starrte sie in die Richtung, in die der Mann verschwunden war.
   Lucija wusste, dass er in der Nähe war, aber seine Schritte waren verklungen. Kein Knirschen auf dem Weg, nur das sanfte Geräusch der Regentropfen auf den Blättern der Bäume. Wo war er hingegangen? Bestimmt befand er sich längst auf dem Nachhauseweg und zu weit weg, als dass Lucija ihn noch hätte hören können. Oder er stand hinter irgendeinem Baum und wartete auf sie. Lucija schluckte. Wind kam auf. Kapua legte ihren Kopf schief und sah ebenfalls in die Richtung, in die der Mann verschwunden war.

*

Sander stand regungslos hinter dem dicken Stamm eines Ahornbaums. Mit den Fingern berührte er die spröde Rinde und starrte vor sich hin. Nach der Begegnung von eben konnte er nicht weitergehen. Eigentlich hätte er nichts lieber getan, als zurückzugehen und mit ihr zu sprechen, doch er hatte ihre Reserviertheit gespürt. Vermutlich hätte er sie damit verjagt oder zumindest verängstigt. Kein guter erster Eindruck. Er sah erneut zum Mond. Nur eine Hälfte von ihm leuchtete auf Sander herunter.
   Dies war die erste Nacht, in der er seine Suche begann. Es blieben knapp zwei Wochen, sie zu finden. Unverhofft war er dieser jungen Frau begegnet. Nach neunzehn Jahren war er offenbar etwas aus der Übung, und obwohl es erst seine zweite Suche war, hätte er sie spüren müssen. Diese Frau mit einer Krähe auf der Schulter und sanft schimmernden Augen. Obwohl es für Mai eine sehr milde Nacht war, überzog eine Gänsehaut seine Arme.
   Etwas in seinem Inneren begann, sich zu regen. Trotzdem würde er abwarten. Die nächsten zwei Wochen würde er beobachten, abwägen, den richtigen Zeitpunkt abpassen und sich dann offenbaren. Er lächelte und ging weiter den Weg entlang. Regentropfen benetzten seine Haut. Der Duft von feuchtem Sand und Stein stieg ihm in die Nase. An der schweren Eichentür der Kirche beugte er sich zum Schlüsselloch hinunter und pustete hinein. Die Tür schwang auf. Er trat in das verlassene Gebäude. Kühle Luft, die nach Kerzenwachs und poliertem Holz roch, empfing ihn. Das Mondlicht sickerte durch die bunten Glasfenster. Es reichte nicht aus, um den Weg zwischen den Holzbänken zu beleuchten, aber Sander brauchte das Licht sowieso nicht.
   Wieso hatte er diese Frau nicht gespürt, bevor er sie gesehen hatte? Bestimmt war es einfach zu früh, in ein paar Tagen hätte er sie vermutlich mühelos aufspüren können. Mehr noch, wenn sie sein Element haben würde. Vielleicht würde sie auch ein anderes bekommen. Egal, sie gehörte auf jeden Fall zu den neuen vier, das war nicht zu leugnen.
   Er nahm kaum die Stufen der Wendeltreppe unter seinen Stiefelsohlen wahr, schon erreichte er das Dach und drückte die schwere Luke nach oben. Ein letztes Mal warf er einen Blick durch ein schmales Fenster. Die Frau war nicht mehr zu sehen.
   Sander zog sich aus und versteckte seine Kleidung und Schuhe unter einem losen Brett im Boden. Noch einmal holte er tief Luft. Seine Gestalt löste sich Zentimeter für Zentimeter im fahlen Mondlicht auf und er rauschte durch das schmale Fenster in die Nacht.

Kapitel 2
Eis

Eine seltsame Geruchsmischung aus Silberpolitur und frischem Kaffee schlug Lucija entgegen, als sie den kleinen Juwelierladen betrat. Die ersten Sonnenstrahlen teilten die kleinen, wirbelnden Staubkörnchen in zwei Hälften und brachten die Schmuckstücke in den Vitrinen zum Glitzern. Lucija strich mit einem Finger am Glas entlang, trat durch den schweren Samtvorhang nach hinten in die kleine Werkstatt und ließ ihre Tasche auf den Drehstuhl fallen. Sie sah zur Wanduhr, gerade noch rechtzeitig.
   Zum Glück, schließlich sollte Simon nicht denken, er hätte einen Fehler gemacht, sie zu übernehmen. Während ihrer Lehrzeit war sie hin und wieder ein wenig zu spät gekommen, aber er trug es ihr nicht nach. »Guten Morgen, Simon«, rief sie in Richtung Küche und zog ihre Kopfhörer aus den Ohren.
   Er lugte um die Ecke. »Ah, Lucija. Wie schön. Ich habe fabelhafte Uhren von der Antique Fair mitgebracht und ein paar hübsche Teile für deine Schmuckkreationen. Warte, ich zeige sie dir.«
   Lucija ging zu Simon, um ihm die Tasse abzunehmen, die er ihr hinhielt. Sie schnupperte daran, stellte sie auf die Lederunterlage ihrer Werkbank und folgte Simon zu den Regalen. Er öffnete einen Karton, holte nacheinander einige Armbanduhren, Taschenuhren, Ketten aus Gold und Silber, ein haselnussgroßes, verziertes Medaillon und ein paar Plastiktütchen und Schachteln mit glitzernden Steinen hervor und legte sie nacheinander in ihre Hände. Tigeraugen, Zitrine, Türkise, Malachite und sogar Rubine, Opale und Mondsteine. Lucija kam kaum nach, die Schmuckstücke abzulegen, bevor das nächste auf ihrer Handfläche landete.
   »Und? Was gab es im Geschäft?«, fragte Simon und sah Lucija aufmerksam über den Rand seiner Brillengläser an, während sie ihm berichtete.
   Sie lief zurück zu ihrem Arbeitstisch und zeigte ihm die Skizze von einer Halskette, die eine Kundin in Auftrag gegeben hatte.
   Simon nickte anerkennend und tätschelte väterlich Lucijas Arm. »Sehr hübsch.«
   »Ansonsten waren es nur ein paar Reparaturen und neue Batterien für Armbanduhren.«
   »Schön. Soll ich uns einen Tee kochen?«, fragte Simon fröhlich.
   Lucija zeigte auf ihre dampfende Kaffeetasse. »Danke, ich habe noch Kaffee.«
   »Oh.« Seine Wangen röteten sich und er sah auf seine Armbanduhr. »Muss ich vergessen haben. Ah, da fällt mir ein, ich wollte ja noch etwas nachsehen.« Schnell ging er nach vorn in den Verkaufsraum.
   Lucija schüttelte den Kopf und setzte sich lächelnd an ihren Platz. Über seine Errungenschaften vom Antikmarkt vergaß er sogar seine Kaffeetasse. Lucija griff nach ihrer Tasse und nahm einen kleinen Schluck. Sie zuckte zusammen, als sie sich die Zunge daran verbrannte. Also stellte sie die Tasse wieder zur Seite und sah zu ihrer Handtasche. Ob sie kurz ein paar Seiten lesen konnte? Nein, die Arbeit wartete. Sie ließ ihre Fingerknöchel knacken und begann, die Uhren zu polieren, die Simon gekauft hatte, dabei summte sie eine Melodie und ging nach einer Weile in einen murmelnden Gesang über.
   Oh, das war gut. Sie legte den Lappen auf die Unterlage, kramte in ihrer Handtasche nach dem Notizbuch und schrieb ein paar Sätze und Noten auf. Zufrieden steckte sie das Büchlein wieder weg.
   Die Türglocke läutete. Simon sprach mit einer Kundin. Die Stimme der Frau klang unfreundlich und jagte Lucija einen Schauder über den Rücken. Um den Monitor der Überwachungsanlage sehen zu können, rollte sie mit dem Stuhl über den Teppich und beugte sich über die Werkbank. Im gleichen Moment blickte die Frau in die Kamera. Lucija schluckte. Dieser Blick könnte Metall schneiden. Die Augenfarbe wirkte hell, vielleicht blau? In dem Gesicht der Frau zeigte sich keine Regung. Sie sah seltsam alterslos aus. Die Härchen in Lucijas Nacken stellten sich auf.
   Die Frau konnte sie nicht sehen, aber sie schien zu wissen, dass Lucija da war. Etwas in Lucija wollte, dass sie sofort wegsah, aber sie schaffte es nicht, den Blick abzuwenden. Die Frau trug eine elegante helle Jacke, ihre Haare waren hochgesteckt. Auf dem Schwarz-Weiß-Bild der Kamera sah die Frisur beinahe aus wie eine Eisskulptur.
   Im nächsten Moment rief Simon nach ihr. Mit kalten Fingern stieß Lucija sich von der Tischplatte ab und stand auf. Sie strich sich die Haare hinter die Ohren, straffte ihre Schultern und trat durch den Vorhang.
   »Lucija, Liebes, diese Dame sucht nach einem bestimmten Paar Ohrringe. Wir haben keine in der Art. Bestimmt kannst du welche für sie entwerfen.« Er wandte sich zu der Kundin und lächelte freundlich. »Lucija ist meine kreative Hälfte sozusagen. Vielleicht erklären Sie am besten, was Sie sich vorstellen?«
   Sein Lächeln erstarb, als er dem Blick der Kundin begegnete. Er wich zurück und ließ Lucija vorbei. Sofort griff er nach Putzlappen und Glaspolitur, die sich unter dem Tresen befanden, und begann, die Vitrine neben dem Verkaufstresen zu polieren, obwohl eigentlich Lucija dafür zuständig war.
   »Ich brauche silbernen Ohrschmuck.« Die Stimme der Kundin klang hart und passte nicht zu ihrer zierlichen Statur.
   Mit dieser Stimme konnte sie sicher Regen in Hagel verwandeln. Lucija verkniff sich ein Grinsen. Die Kundin musterte Lucija unverhohlen. Ein entrüstet klingendes Geräusch entfuhr ihr und sie starrte in Lucijas Augen, ohne zu blinzeln. Lucija fröstelte. »An was hatten Sie gedacht, Madam? Stecker oder Hänger?«
   »Das würde ich Ihnen überlassen.«
   Obwohl ihr Ton nicht mehr so unfreundlich war, wurde Lucija das Gefühl nicht los, die Frau hätte etwas gegen sie. Sie schüttelte das Gefühl ab. Simon hörte auf, zu wischen und sah auf. »Möchten Sie einen Stein eingefasst haben oder reines Silber?«
   Die Frau kniff die Augen zusammen und musterte Lucijas Haar. »Mondsteine«, antwortete sie knapp und deutete auf Lucijas Ohrringe. Sie trug heute ihre Lieblingsohrringe, lange, verschlungene Hänger mit je drei runden Mondsteinen eingefasst. »Bitte.« Sie lächelte, wobei ihre Augen starr blieben. »Und ich hätte gern eine Gravur.«
   »Selbstverständlich.« Lucija schlug eine neue Seite des Auftragsblocks auf. »Was darf ich gravieren?«
   »Celandrine«, sagte die Kundin und buchstabierte den Namen. Immer noch sprach die Frau lächelnd, aber mit einer unterschwelligen Schärfe.
   Lucija notierte den Namen. »Welche Schriftart möchten Sie?« Sie griff nach der Mustermappe und hielt sie der Frau hin. Nach einem kurzen Blick auf die Seite deutete die Frau mit dem Finger auf eine der schnörkligeren Schrifttypen und starrte wieder in Lucijas Augen. »Soll ich Ihnen einen Entwurf machen? Sie könnten sich ihn heute Nachmittag oder morgen Vormittag ansehen.«
   »Gut.« Die Kundin wandte sich kurz an Simon. »Ich brauche noch einen passenden Brieföffner. Den können Sie mir gleich mit anfertigen, oder?«
   Simon nickte langsam. Lucija zückte den Stift, um die Bestellung zu notieren.
   »Er muss aus neunhundertfünfundzwanziger Silber sein, fünf Mondsteine am Griff und die gleiche Gravur wie die Ohrringe haben. Ach, und die Klinge bitte schön scharf. Ich bekomme viele Briefe.«
   Eine Gänsehaut kroch über Lucijas Arme. Sie schüttelte sich leicht, als die unangenehme Kundin sie bei der Bestellung nicht aus den Augen ließ. Lucija bekam den Eindruck, dass diese Kundin ihr absichtlich Angst machen, sie irgendwie herausfordern wollte.
   Die Kundin lächelte kühl. »Ich komme morgen wieder.«
   Damit drehte sie Lucija und Simon den Rücken zu und ging zur Tür. »Moment, ich brauche noch Ihren Namen für den Auftrag!«
   »Umbra Jones.« Ihr Lächeln erstarb. Ohne ein weiteres Wort rauschte sie aus dem Geschäft. Die Türglocke verfiel in ein durchdringendes Läuten und ein eisiger Luftzug bauschte den Samtvorhang hinter Lucija auf.
   »Briefe, dass ich nicht lache«, sagte Simon. »Bestimmt will sie damit eine Opfergabe an den Teufel bringen.«
   Lucija lachte. »Ach, Simon. So schlimm ist es sicher nicht. Trotzdem beeile ich mich lieber mit ihren Ohrringen.«
   »Ich habe seit Ewigkeiten nichts geschmiedet, und dann auch noch einen Brieföffner. Dafür brauche ich möglicherweise Hilfe«, murmelte Simon ärgerlich.
   Lucija kribbelte es in der Nase, dann musste sie niesen.
   Simon reichte ihr ein Taschentuch und rieb seine Hände. »Unglaublich. Mir ist kalt wie im Dezember. Dabei scheint draußen die Sonne.« Er lehnte sich schwer an die Vitrine.
    »Ihre Stimme war richtig kalt. So etwas habe ich noch nie gehört.« Sie schüttelte sich.
   »Nicht nur ihre Stimme. Als sie hereinkam, verschwand sogar die Sonne für einige Zeit hinter der einzigen Wolke am Himmel. Ein filmreifer Auftritt.« Ein lautes Quietschen von Reifen ertönte. Simon sah sofort aus dem Fenster. »Was ist denn da los?«
   Lucija trat neben ihn. »Sieht aus, als hätte sie das Auto angehalten, so, wie sie davorsteht. O Gott, liegt da etwas auf dem Boden? Das ist … eine kleine Katze.«
   Simon und Lucija beobachteten das Treiben auf der Straße. Endlich stieß Lucija einen Seufzer aus. »Sie lebt. Sieh doch, sie bewegt sich. Mensch, ich hätte der nicht zugetraut, dass sie sich so herzlich um ein Tier kümmert. Ob es ihre Katze ist?« Der Wagen fuhr weiter und Umbra Jones stöckelte mit der verschreckten Katze auf dem Arm um die nächste Hausecke. So eine niedliche, kleine Katze. Grau getigert genau wie in der Katzenfutterwerbung. »Tja. Ich mache mich mal an die Skizzen. Je eher die Bestellung fertig wird, desto schneller sind wir diese Frau wieder los.« Lucija seufzte und verschwand in der Werkstatt.

*

Umbra drückte die kleine Katze an sich. Grübelnd lief sie den Gehweg entlang und überquerte vor einem hupenden Auto die Straße. Die Sonne trieb unbarmherzig kalten Schweiß auf ihre Stirn. »Lucija«, sagte sie in das Fell der Katze. Umbra konnte Menschen nicht viel abgewinnen, aber diese Lucija war schließlich kein normaler Mensch, sondern eine Mondtochter. Damit würde sie in nächster Zeit die Aufmerksamkeit von Sander und seinen Leuten erregen.
   Jedes Mal, wenn Umbra Sanders Namen dachte, sah sie unweigerlich Celandrines Gesicht vor sich. Umbra grub ihre Finger in das weiche Katzenfell. Sie ließ sofort locker, als sie ein klägliches Miauen vernahm. Celandrine. Nur wegen Sander war sie für immer verloren.
   Dafür würde er sterben. Bald würde sie die Waffe haben, die sie brauchte. Sie musste nur noch vierzehn Mondaufgänge warten. Das war eine Winzigkeit im Vergleich zu den Jahren davor.
   Allerdings wäre es viel zu einfach, Sander zu töten. Was, wenn sie ihm etwas oder jemanden nehmen würde, der ihm viel bedeutete? Freunde wären gut. Am passendsten wäre natürlich, wenn sie ihm seine große Liebe wegnehmen könnte. Umbra überlegte. Da könnte doch diese Mondtochter ins Spiel kommen. Bald würde er sie finden, wenn er nicht allzu dämlich war. Wenn sie ihre Karten richtig spielte, würden Lucija und er viel Zeit miteinander verbringen. Sander musste derjenige sein, der sie fand. Er würde sich für seinen Schützling verantwortlich fühlen. Damit war das Glück auf ihrer Seite. Umbra würde die beiden zusammenbringen, um sie für immer zu trennen.
   Zuhause rieb sie das wunde Bein der Katze mit einer rötlichen Salbe ein und wickelte einen dünnen Verband darum. Auf den Küchenboden stellte sie ein Schälchen mit Leitungswasser. »Ich habe leider keine Milch im Haus«, sagte sie und setzte sich auf das Sofa. »Aber komm zu mir. Wir werden uns gut verstehen.«
   Die Katze pirschte sich vorsichtig an und sprang neben Umbras Beine. Sie sah sie mit ihren großen goldenen Augen an und maunzte. Umbra streichelte ihr Fell, bis die Katze erschöpft einschlief. »Bestimmt möchtest du mir mal einen Gefallen tun, ich habe auch schon eine Idee.« Sie lächelte die Katze an. Eine kleine, unschuldige Freundin konnte sie gut gebrauchen. Sehr gut sogar.

Kapitel 3
Mitternachtspicknick

Lucija zuckte zusammen, als sie den Schrei einer Eule aus der Dunkelheit hinter der Mauer vernahm. Sie sah sich um. Es war niemand zu sehen. Mit einem Satz schwang sie sich über die Sandsteinmauer und landete auf der anderen Seite.
   »Pst. Hier bin ich!« Elin winkte sie zu sich.
   »Dass die von der Uni immer das Tor abschließen müssen.«
   »So kommst du wenigstens zu ein bisschen Sport«, sagte Elin mit einem frechen Grinsen.
   Bis auf das gelegentliche Rascheln der kleinen Tiere zwischen den Büschen war es still im Park. Die Eule rief erneut. Lucija folgte Elin hinter einen großen Rhododendron, wo die schief gewachsene Weide stand. Sie setzten sich auf den niedrigsten Ast. Zwei Rehe grasten einige Meter entfernt. Sie hatten Lucija und Elin noch nicht bemerkt.
   »Wie hier Rehe auf das Gelände kommen, ist mir echt schleierhaft.« Elin zog eine Sektflasche aus ihrer Umhängetasche. Sie schwenkte die Flasche vor Lucijas Nase.
   »Was feiern wir denn?«
   »Na, dass Simon dich übernommen hat! Außerdem gibt es immer etwas zu feiern.« Elin öffnete den Verschluss der Sektflasche.
   Der Korken flog mit einem lauten Knall in den Nachthimmel. Erschrocken flüchteten sich die beiden Rehe in den Schutz der Bäume. »Die armen Dinger. Also wirklich, Elin!« Lucija schüttelte den Kopf, bevor auch sie lachen musste. »Außerdem, was ist, wenn uns jemand hört?« Sie lauschten, aber da war nichts.
   Elin winkte ab. »Ist doch nicht ungewöhnlich, wenn abends irgendwo die Sektkorken knallen. Außerdem sind wir erwachsen, wer soll uns das verbieten?« Sie hielt Lucija die Flasche hin.
   »Na, die von der Uni. Alkohol auf dem Gelände und so was.« Lucija nahm den ersten Schluck und gab Elin die Flasche zurück, die ebenfalls trank und sie neben sich ins Gras stellte.
   Elin grinste breit. »Ich muss dir was erzählen.«
   »Ach. Dein Grinsen verrät eigentlich schon alles. Ein Typ!«
   »Erraten.«
   »Ja, und? Erzähl schon.« Lucija drehte sich zu Elin, lehnte sich an den Stamm der Weide und schloss kurz die Augen. Seit sie Elin kannte, war diese entweder verliebt oder hatte Liebeskummer. Lucija müsste daran gewöhnt sein. Trotzdem gab es ihr jedes Mal einen kleinen Stich, wenn Elin von einem neuen Schwarm erzählte, zum Glück war Lucija ein Meister im Verdrängen dieser Tatsache.
   »Also, gestern war ich ein paar Stunden im Rock-Lovers-Forum, und da war er wieder online.«
   Lucija verdrehte die Augen, aber Elin ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen.
   »Hoodie, der Typ aus Australien, hat mich wieder im Chat angeschrieben und nach meiner Nummer gefragt. Er sehnt sich wohl danach, meine Stimme zu hören.«
   »Und? Hast du ihm deine Nummer gegeben?« Nur eine Internetbekanntschaft, absolut kein Grund, eifersüchtig zu sein. Lucija würde es nicht mit ansehen müssen, wie Elin mit ihrem Neuen Hand in Hand auf ihrem Sofa schmuste, während sie peinlich berührt ihre Finger anstarrte.
   »Nein, so läuft das nicht. Nachher warte ich ewig, und er ruft nicht an.« Elin machte ein geheimnisvolles Gesicht.
   »Und jetzt?« Sie zog ein Bein an und schlang die Arme um ihr Knie.
   »Er hat mir seine gegeben und endlich sein Foto geschickt. Mann, der sieht echt gut aus. So ein Surfertyp mit blonden Strähnen im Haar, natürlich mit Surfboard unter dem Arm. Im Hintergrund das Meer und der endlose Himmel.«
   »Klingt ziemlich perfekt und damit absolut verdächtig. Surfer also. Was macht er sonst so?«
   »Er studiert Jura.«
   Lucija wiederholte lautlos Jura und verzog den Mund. »Auf so einen Langweiler stehst du?«
   »Da spricht der pure Neid. Wenn du das Foto gesehen hättest, wäre Langweiler das letzte Wort, das dir einfallen würde.« Sie lächelte in die Nacht hinein.
   »Wer weiß, ob das wirklich sein Foto ist.« Lucija seufzte. »Wie heißt er wirklich?«
   »Rob. Bestimmt Robert oder Robin. Ob er noch einen zweiten Vornamen hat?«
   »Ich tippe einfach mal auf Robin, wegen seines Nicknames Hoodie, vielleicht kommt das von Robin Hood, frag ihn doch mal. Angehender Anwalt also, hm. Im realen Leben Pullunder und Cordhose? Braune Augen, blonde Haare?« Lucija grinste.
   »Bingo! Natürlich nur auf die Augen- und Haarfarbe bezogen. Auf dem Foto trägt er eine sehr coole, karierte Shorts.« Elin gab Lucija einen Knuff.
   »Na dann, auf euch! Die Rockerbraut und der Surfer. Das hübscheste virtuelle Paar der Welt.« Sie schwenkte die Sektflasche in Richtung Elin und nahm einen großen Schluck. Die kühle Flüssigkeit perlte ihre Kehle hinunter.
   »Nicht mehr lange.«
   »Wieso?«
   »Er kommt nach England.«
   »Ach? Wann denn?« Lucija ließ die Flasche sinken. Der Sekt schmeckte plötzlich schal. Der virtuelle Rob würde nicht virtuell bleiben. Hoffentlich musste sie Elin nicht wieder für Wochen abschreiben.
   »Schon morgen! Er legt ein Auslandssemester in Edinburgh ein und will mich vorher besuchen kommen.«
   »Wow«, flüsterte Lucija. Ihr Lächeln fühlte sich auf einmal an wie aufgeklebt. Natürlich gönnte sie Elin diesen Rob, wenn er denn wirklich nett war. Etwas ganz anderes machte ihr zu schaffen. Warum traf Elin am laufenden Band Typen, die ihr gefielen, und nur Lucija nie einen gut aussehenden, ehrlichen Mann? Die Male, die sie verknallt gewesen war, konnte sie an einer Hand abzählen. Von Kapua durfte sie den Männern nie erzählen. Welcher Mann würde nicht die Herren in den weißen Kitteln rufen, wenn sie erzählte, dass ihr diese Krähe im Alter von zwei Jahren die Krähensprache beigebracht hatte?
   Wenigstens hatte sie seit vier Jahren Elin als Freundin, die schien sich über ihre Andersartigkeit zu freuen. Außerdem kannte Lucija niemanden, der Tiere so sehr mochte wie Elin. Trotzdem kam sie sich oft vor wie eine Kuriosität, die in einem Museum stehen könnte oder in einem Lexikon über Fabelwesen, dabei besaß sie bis auf diese tierische Fremdsprache keine weiteren ungewöhnlichen Talente.
   Ein Rascheln gefolgt von einem Krächzen dicht hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken. Sie wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab und reichte Elin die Flasche. »Kapua, hier sind wir.« Ein kleiner, gefiederter Schatten hüpfte auf den Rhododendron zu, unter dem Lucija und Elin saßen.
   »Ist was passiert?« Kapua musterte sie streng. »Du guckst so komisch.«
   Lucija zuckte mit den Schultern. »Was soll sein?«
   Kapua blickte zu Elin, die ihr grüßend zunickte und grinste. »Lästert ihr über mich?«
   »Nein.« Lucijas Wangen wurden warm. Erneut raschelte es irgendwo in den Büschen hinter dem Weg. Kapua hüpfte an Lucija vorbei. Unbeweglich starrte sie in die Schatten der Kirschbäume, welche die Allee zum Studentenwohnheim säumten. Lucija und Elin folgten ihrem Blick.
   »Achtung«, krächzte Kapua unvermittelt und hüpfte hinter einen Rosenstrauch.
   Plötzlich kam ein starker Wind auf und rauschte durch die Blätter. Lucijas Haare wirbelten ihr ins Gesicht und ein warmer Luftzug glitt über ihre Haut. Der Wind endete abrupt, als wäre er nur auf der Durchreise. Lucija rieb sich über die Gänsehaut auf den Armen und sah sich nach Kapua um. Warum hatte sie sie vor einem Windstoß gewarnt? Irgendetwas Seltsames ging vor sich. Kapuas Krächzen klang besorgt. Lucija beschloss, sich dumm zu stellen. Vielleicht würde Kapua ihr verraten, was sie wusste. »Was ist los? Du hast doch keine Angst vor ein bisschen Wind?«, fragte Lucija mit einem Lächeln.
   Kapua beäugte sie prüfend. »Das war kein gewöhnlicher Wind. Es gibt etwas, das ich dir erzählen sollte. Es ist bald an der Zeit.«
   Lucija musterte Kapua. »Was denn?« Doch irgendetwas hielt Kapua davon ab, ihr zu erklären, was eben passiert war. Hatte sie etwa Angst? Lucija beobachtete, wie Kapua in der staubigen Erde scharrte. »Kein gewöhnlicher Wind. Was also soll es gewesen sein?«
   Elin lachte. »Du hast recht, dieser Wind hatte es eindeutig auf dich abgesehen. Vielleicht ein Vampir? Sie werden nicht zu Nebel, sondern nehmen stattdessen die Form des Windes an?«
   Lucija tippte sich lachend mit dem Zeigefinger an die Schläfe. »Du und deine Vampire. Ich warte immer noch darauf, dass du endlich mal einen kennenlernst.« Sie wandte sich wieder an Kapua. »Kapua? Was meintest du damit?«
   »Könnt ihr mal aufhören, euch dauernd zu unterhalten und mir nicht zu übersetzen? Das ist echt unhöflich«, sagte Elin und verschränkte die Arme. »Rob wird mir bestimmt mehr Aufmerksamkeit schenken.«
   »Tut mir leid. Ich muss sowieso los.« Sie machte Anstalten, vom Baum zu springen.
   Elin schnaubte. »Was ist denn jetzt schon wieder?«
   Lucija wandte den Blick ab. Es hatte keinen Sinn, Elin etwas vorzuspielen. Je eher sie ihre Gedanken aussprach, desto besser. »Nichts. Es ist nur … Ach, verdammt. Ich möchte auch mal einen Typen kennenlernen. Einen, der mich nicht für verrückt hält, nur weil ich mit Krähen sprechen kann.« Kurz kam ihr das Gesicht des Mannes ins Gedächtnis, den sie am Vortag auf dem Friedhof gesehen hatte. Seltsam. Sie wischte den Gedanken weg. Elin sah sie mitfühlend an. Das auch noch. Mitleid mochte sie nicht. Nicht mal von Elin. Kapua krächzte und stieß Lucija am Oberschenkel an.
   »Du weißt, wie ich das meine. Ich freue mich über Kapua«, sagte Lucija mit einem Blick zu Kapua. »Es ist nur … Ich weiß auch nicht.« Sie ließ die Schultern hängen. Ihr wurde klar, wie das klingen musste. »Wegen Rob freu ich mich für dich, ehrlich.«
   »Prost«, sagte Elin nur.
   In diesem Augenblick nahm Lucija sich vor, dass sie endlich andere finden würde. Andere, die ebenfalls mit Tieren sprechen konnten. Selbst Elin würde nie verstehen, was Lucija mit Kapua verband. Sie sah hinauf zum Mond, der zwischen den Blättern hindurchfunkelte. Irgendwo da draußen musste es doch jemanden geben, der war wie sie.

*

Zwischen einer Mauer und dem dichten Geäst einer riesigen Azalee nahm Sander seine körperliche Gestalt an. Die kühle Abendluft strich über seine Haut. Wieso hatte er sie berührt? Da war auf einmal dieser Wunsch gewesen, ihre Haut zu spüren. Als Beweis? Nein, es war offensichtlich, dass sie eine Mondtochter war. Dieses Kribbeln war fast wie ein Stromschlag gewesen. Ein paar Momente atmete er tief ein und aus. Er versuchte, etwas durch die Zweige zu erkennen, was nahezu unmöglich war. Um ihn herum waren nur Blätter und abermals Blätter, dazwischen die geschlossenen Blüten der Azalee. Wenigstens konnte er sie hören. Ihre Worte, aber auch die Weise, wie sie sie sagte, machten ihn schwermütig. War sie etwa auch einsam? Sie war doch so hübsch, auf eine wirklich anziehende Art.
   Sander hatte sie so eingeschätzt, dass sie lieber allein blieb und es nicht für nötig befand, einen Freund zu haben, aber sie sehnte sich nach jemandem, der sie verstand. Wegen ihrer Freundschaft zu einer Krähe würde man sie immer schräg ansehen, ihr diese Eigenschaft neiden oder ihr einfach nicht glauben. Bald würde sie nicht mehr allein damit sein. Hoffentlich würde Lucija sein Geheimnis gut aufnehmen. Ihr gemeinsames Geheimnis.
   Die Krähe hüpfte unruhig hin und her, sie musste seine Präsenz spüren. Sander verwandelte sich wieder in den Wind und wehte jenseits der Mauer die Straße entlang.

Das Haus lag still und dunkel vor ihm, als Sander auf der Wiese landete. Die anderen waren noch nicht zurück. Sander seufzte. Er hätte gern mit jemandem gesprochen. Das feuchte Gras klebte an seinen Fußsohlen, als er über den Rasen ging. Die Steintreppe war kalt, aber Sander fror nicht. Er nahm es wahr, mehr nicht. Die Tür schwang auf, sobald sein Atem das Schloss berührte. Für einen Augenblick blieb er in der Eingangshalle stehen und ließ seinen Blick über die Wände streifen. Dies war schon so lange sein Zuhause, er erinnerte sich kaum an andere Häuser. In Menschenhäusern war er seit Jahrhunderten nicht gewesen.
   Wie Lucija wohl wohnte? Er würde ihr einen Besuch abstatten. Ihm fiel ein, dass diese Aufgabe nicht ihm zufiel. Derjenige, mit ihrem Element, würde sie einweihen. Er würde melden, dass er sie gefunden hatte. Damit erinnerte er sich daran, dass er das Mondkind mit seinem Element noch finden musste. Er hatte noch zwei Wochen Zeit, kein Grund zur Eile, aber anfangen sollte er. Wenn seine Gedanken nicht ständig zu Lucija wandern würden …
   Sander ging die Treppe hinauf und bog in den linken Gang ein. Viele der Zimmer hinter den verschlossenen Türen standen wieder leer. In neunzehn Jahren konnte viel passieren. Viele der früheren Schützlinge hatten sich mittlerweile ein Leben aufgebaut. Manche blieben auf der Insel, andere wohnten längst in allen Winkeln der Welt. Einige hatten die Seite gewechselt. Dieses Mal durfte das nicht passieren. Die Chancen standen gut. Zum ersten Mal machten sie sich auf die Suche nach den Neuen vor deren Verwandlung und waren damit hoffentlich die Ersten, die suchten. Ob Lucija bleiben würde? Sander schüttelte den Kopf. Er war ja beinahe besessen von ihr. Was war das nur? Immer wieder spürte er ihre Magie. Er rieb sich über die Arme.
   Die Tür am Ende des Ganges führte in sein Zimmer. Er schloss sie leise hinter sich, obwohl er niemanden im Haus stören konnte. Es war schließlich niemand da. Er holte sich frische Unterwäsche aus der Kommode und seufzte, die Stapel in der Schublade waren recht überschaubar. Derzeit hatte er zu viele Kleiderdepots außerhalb des Hauses, er sollte besser planen. Ach, es würde genügen und so hatte er für unvorhergesehene Situationen oft etwas in der Nähe. Das Versteck in der Kirche kannte er schon lange, und es hatte sich schon oft bewährt. Im Kleiderschrank hingen einige Hosen und Hemden, er griff sich je ein Kleidungsstück heraus. Während er sich anzog, pfiff er eine leise Melodie. Wo hatte er die aufgeschnappt? Sie klang hübsch. Wehmütig, aber zugleich fröhlich, ungewöhnlich.
   Ein Geräusch, zu leise für einen Menschen, ließ ihn lächeln. Sander zog ein Paar schwarze Stiefel an und ging nach unten, um nachzusehen, wer gekommen war.

Kapitel 4
Geheimnisse

Auf dem Nachhauseweg bummelte Lucija eine Nebenstraße mit kleinen Geschäften entlang. Ihr Ausbruch gegenüber Elin tat ihr leid. Was musste sie von ihr denken? Hoffentlich würde Elin es verstehen.
   Kapua war nicht mehr zu sehen, sie war vorausgeflogen. Hoffentlich würde sie zu Hause auf sie warten. Lucija würde noch mal versuchen, dieses Geheimnis aus ihr herauszubekommen. Für einen Augenblick vertiefte sich Lucija in die Schaufensterauslagen eines Antiquitätengeschäfts und überlegte, ob sie Mum einen der hübschen Kerzenleuchter zum Geburtstag kaufen sollte. Plötzlich zuckte sie zusammen. Jemand stand neben ihr, dabei hatte sie nicht gehört oder gesehen, dass jemand näher gekommen war. Lucija spürte deutlich die Blicke auf ihrer Haut. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, dass es eine kleine Person war. Lucija ging einen Schritt zur Seite und linste zu ihr hinüber. Die Frau drehte sich augenblicklich um und verschwand in die entgegengesetzte Richtung. Lucija glaubte, sie erkannt zu haben. War das nicht diese unangenehme Kundin? Jones? Umbra Jones, genau. Ihre Augen hatten so seltsam geleuchtet. Lucija wischte das unheimliche Gefühl weg. Sicher war das alles nur Einbildung, das Auftauchen der Kundin an ihrer Seite einfach Zufall. Vielleicht war Frau Jones ja eine Nachteule wie sie. Trotzdem wollte Lucija jetzt nach Hause, ihre Schritte wurden schneller und bald erreichte sie ihr Wohnhaus. Nur ein Fenster leuchtete noch in der nachtgrauen Hausfront.
   Vor der Haustür suchte Lucija nach ihrem Schlüssel. Bevor sie ihn fand, riss jemand die Tür von innen auf und rannte sie um ein Haar um. Das Gesicht tief unter einer Kapuze verborgen, vergrub der Junge seine Hände in den Taschen und schlenderte die Straße entlang. Lucija stoppte die Haustür mit ihrem Stiefel, ehe sie zufiel, und sah ihm kopfschüttelnd nach, dann ging sie nach oben. Vor der Wohnungstür fand sie endlich den Schlüssel. Schade, dass Elin nicht bei ihr wohnte, wie sie sich das in ihrem letzten Schuljahr immer ausgemalt hatten. Leider war alles anders gekommen, Elin studierte nun und wohnte im Studentenwohnheim. Wenn auch Lucija studieren würde, hätten sie gemeinsam zurückgehen und über alles reden können. Vermutlich würden sie sich dann aber überhaupt nicht nachts im Park treffen, was Lucija vermissen würde. Wenn sie länger darüber nachdachte, wohnte sie eigentlich gern allein.
   Die Tür ging in dem Moment auf, als sie den Schlüssel ins Schloss steckte. Lucija stutzte. Sie hatte den Schlüssel nicht umgedreht. Ihr Herz schlug schneller. Das war genau wie in dem Horrorfilm letztens. Sie schluckte. »Hallo?«, fragte sie in den schmalen Flur hinein. Ihre Stimme quietschte leicht. Sie unterdrückte den Drang, sich zu räuspern. War Mum unangemeldet vorbeigekommen? Waren sie verabredet gewesen? Quatsch, wieso sollte sie im Dunkeln sitzen? Vielleicht wollte ihr jemand einen Streich spielen. Elin. Sie war sicher sauer wegen Lucijas mangelnder Unterstützung in Sachen Rob und hatte als Einzige außer Mum einen Schlüssel. Lucija lächelte. Sie würde mitspielen.
   In der Wohnung war es still. Die Schatten schienen sich zu bewegen, aber Lucija hatte keine Mühe, alles zu erkennen. Auf den ersten Blick bemerkte sie nichts Ungewöhnliches. Lucija betrat ihre Wohnung und ließ ihre Tasche auf den Boden sinken. Sie drückte sich gegen die Wand. Wie sollte Elin so schnell hergekommen sein? Was, wenn doch jemand Fremdes …? Sie sah zurück zur Tür. Ob sie wieder rausgehen und die Polizei rufen sollte? Es konnte natürlich genauso gut sein, dass sie am Morgen einfach nicht richtig abgeschlossen hatte. Trotzdem musste sie vorsichtig sein. Zur Not könnte sie immer noch rausrennen und bei Jennifer gegenüber klingeln.
   Eine Waffe wäre sicher nicht verkehrt. Sie tastete auf dem Telefontisch umher, ohne den Blick zu senken. Die Specksteinskulptur wog schwer in ihrer Hand. Das würde gehen. Sie kämpfte gegen die aufkeimende Angst an und ging weiter. Eine Bodendiele knarrte. Lucija blieb stehen. Verdammt. Wo knarrten die Dielen noch mal? Sie musste näher an die Wand. Genau wie in dem Film.
   Sie schob sich zur Wohnzimmertür und wappnete sich für ein Chaos. Aufgeschlitzte Kissen, aus den Regalen geworfene DVDs und dergleichen, sie malte es sich genau aus. Stattdessen war auf den ersten Blick alles ordentlich. Das Wasserglas stand noch auf dem Couchtisch, daneben das aufgeschlagene Buch, das sie morgens dort hingelegt hatte. Die Gardinen waren zugezogen. Staub tanzte in einem schmalen Streifen Laternenlichts, das sich einen Weg durch eine Lücke zwischen den Vorhängen bahnte. Lucija ging weiter in den Raum hinein. Etwas knirschte unter ihrem Stiefel. Sie hob den Fuß an. Auf dem Fußboden lag ein Bilderrahmen. Das Glas war zerbrochen. Von dem Foto lächelte sie sich entgegen, an ihrem letzten Schultag hatte Elin sie fotografiert.
   Lucija ließ das Bild liegen und ging weiter. Hinter dem Couchtisch lagen zwei weitere Fotorahmen auf dem Boden. Lucija umfasste die Statue fester, als sie ihr fast aus den klammen Fingern rutschte. Sie bewegte sich durch die anderen Räume. Die Küche war so, wie sie sie am Morgen verlassen hatte. Das Badezimmer ebenfalls. Blieb ihr Schlafzimmer. Auf Zehenspitzen schlich sie weiter. Die Tür war angelehnt. Drinnen war es dunkel. Hatte sie die Gardinen heute Morgen nirgends aufgezogen? Wie in Zeitlupe drückte sie die Tür weiter auf, bevor sie sich mit einem Kampfschrei dagegenwarf und über etwas stolperte.
   Lucija stieß sich ihr Knie am Bett, taumelte zurück und tastete nach dem Lichtschalter. Sie blinzelte, als die Deckenlampe anging. Hier war es, das Chaos. Sie stand mitten in einem Stapel von Klamotten und Büchern. Auf dem Boden lag alles, was sie sonst in den Regalen und Schränken aufbewahrte.
   Lucija presste eine Hand auf den Mund und starrte auf die zerstreuten Gegenstände. Darunter waren Sachen, die sie ewig gesucht oder längst vergessen hatte. »Verdammter Mist.« Definitiv nicht Elin. Ihr Herz schlug mittlerweile so laut, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.
   Zuerst sah sie unter das Bett und hinter die Gardinen. Es war niemand da. Ihr Herz wollte sich noch immer nicht beruhigen. Eine Weile starrte Lucija wieder auf den Fußboden, die Vampirstatue in der Hand. Sie schlich noch einmal durch jedes einzelne Zimmer, sah hinter jede Tür, in jeden Schrank, in jede Ecke. Fehlanzeige. Die Person, die ihre Wohnung betreten hatte, war längst wieder gegangen.
   Lucija schloss die Wohnungstür und drehte den Schlüssel im Schloss. Sie kehrte ins Schlafzimmer zurück und stellte die Statue auf den Nachttisch. Mechanisch begann sie, die Bücher zurück in das Regal einzusortieren. Hatte jemand etwas gesucht und nicht gefunden? Geld? Warum nur im Schlafzimmer? Vermutlich sollte sie die Polizei rufen, aber sie wusste nicht, ob etwas fehlte. Vielleicht war es wirklich nur ein dummer Scherz? So ganz wollte sie daran allerdings nicht glauben.
   Erst, als alle Bücher wieder ordentlich aufgereiht waren, merkte sie, dass eins fehlte. Das Tagebuch vom Vorjahr war nicht da. Ein Geschenk von Elin. Eins der schönsten Tagebücher ihrer Sammlung. Lucija schluckte. Ihr Magen fühlte sich auf einmal leer an. Der Einbrecher schien genau gewusst zu haben, wonach er suchte. Nur wieso ausgerechnet ein Tagebuch? Was könnte da drin stehen, was einen Einbrecher interessierte? Daten? Namen? Lucija erinnerte sich beim besten Willen nicht daran, irgendetwas beobachtet zu haben wie einen Bankraub oder so etwas. Anscheinend wollte der Dieb persönliche Informationen über sie bekommen.
   Lucija schob den Gedanken beiseite. Warum hatte er zusätzlich dieses riesige Chaos angerichtet? Um den Diebstahl zu vertuschen? Damit sie nicht sofort merkte, was fehlte? Andererseits, was kümmerte das den Einbrecher? Viel wahrscheinlicher war, dass er ihr Angst machen wollte, denn da waren ja noch die Fotos. Lucija wurde abwechselnd heiß und kalt.
   Das Buch war vom letzten Jahr und vollgeschrieben, deswegen stand es immer an seinem Platz im Regal. Sie hatte es mit Sicherheit nicht herausgenommen. Wozu auch?
   Ihre Glieder fühlten sich merkwürdig steif an, als sie zum Telefon ging. Mit zitternden Fingern wählte sie Elins Nummer. Sie presste den Hörer ans Ohr. Besetzt. Sie legte auf und sah zur Haustür. Verschlossen. Was, wenn der Einbrecher noch in der Wohnung war? Ein zweites Mal ging sie durch jedes Zimmer. Sie sah erneut in alle möglichen Verstecke. Nichts. Sie stolperte zurück zum Telefon und drückte auf Wahlwiederholung.
   »Dies ist die Mailbox von Elin Brown …«
   Lucija legte auf. Sie wartete einen Moment und wählte erneut. Elin schlief bestimmt noch nicht, oder? War sie noch einmal weggegangen? Nach dem dritten Versuch gab sie auf und legte den Hörer zurück auf die Gabel. Lucija starrte eine Weile auf das antike Telefon, bis die eingravierten Muster leicht vor ihren Augen verschwammen. Sie kehrte in ihr Schlafzimmer zurück, sah sich ihr Bücherregal noch mal an und begann, nach dem Buch zu suchen. Vielleicht war es bei dem Einbruch einfach unters Bett gerutscht.
   Das Telefon klingelte. Lucija schreckte auf und rannte zurück ins Wohnzimmer. Im Vorbeilaufen warf sie einen Blick auf die Uhr. Drei Uhr, sie war schon zwei Stunden zu Hause? »Hallo?«
   »Du hast versucht, mich zu erreichen?« Elin gähnte. »Was ist denn?«
   »Hier ist jemand eingebrochen.« Lucijas Stimme klang sogar in ihren Ohren fremd.
   »Was? Geht’s dir gut?«
   Elin klang ähnlich erschrocken, wie sich Lucija fühlte. »Als ich nach Hause kam, war die Haustür einen Spalt offen und mein Schlafzimmer ein einziges Trümmerfeld.«
   »Dein Schlafzimmer? Wurde etwas gestohlen?«, fragte Elin besorgt.
   Sie nickte, bis ihr einfiel, dass Elin das nicht sehen konnte. »Ein Tagebuch fehlt. Ich habe überall gesucht.«
   »Ein Tagebuch? Das ist … Obwohl, verdammt. Das ist ziemlich unheimlich. Sorry. Vielleicht hast du’s verlegt?«
   »Nein. Meine Tagebücher stehen immer auf dem Regal im Fach unter den Romanen. Das vom letzten Jahr ist weg. Ich habe das ganze Zimmer abgesucht.« Sie ließ sich auf den Sessel sinken. Ihr Blick fiel auf ein Foto an der Wand. Auf dem Foto prosteten sich Lucija und Elin mit Sektgläsern zu. Ein langer Riss durchzog die Glasscheibe und trennte Lucijas und Elins Gesichter voneinander. »Die Fotos.«
   »Was hast du gesagt?«
   Elin hörte sich auf einmal sehr weit weg an. »Ach, nichts.« Wenn es dem Dieb heruntergefallen war, wieso hatte er es zurückgehängt? Es sah eher danach aus, als hätte jemand dagegengeschlagen oder etwas danach geworfen. Wie auch bei den anderen Fotos. Auf allen war sie zu sehen oder ihre Freunde. Immer mehr glaubte sie daran, dass der Dieb es persönlich auf sie abgesehen hatte, nicht auf ihre bescheidenen Reichtümer. Lucija krallte sich mit beiden Händen am Hörer fest. Auf einmal fühlte er sich dreimal so schwer an wie vorher und schlug leicht zitternd an ihr Ohr.
   »Wer bricht denn bitte ein, um ein Tagebuch zu klauen? Ein heimlicher Verehrer?«, fragte Elin.
   Anscheinend versuchte sie, Lucija aufzumuntern. Leider ohne Erfolg. »Was will jemand aus einem Tagebuch erfahren?«
   »Was ist denn, wenn es irgendeine Art von Jäger für Mädchen ist, die mit Krähen sprechen können? Vielleicht hat er dich beobachtet.«
   Lucija fühlte förmlich, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich. »Sei nicht albern, Elin. Das ist sicher nur Zufall.« Sie versuchte, zu schlucken, aber ihr Hals war so rau wie Sandpapier.
   »Was steht denn drin? Namen vielleicht? Oder, warte! Möglicherweise ist der Dieb ein Zauberer, der eine neue Krähe als Haustier braucht, aber nicht mit ihnen sprechen kann, und nun deine Geheimnisse erfahren will?«
   »Ha, ha.« Ihr war überhaupt nicht nach Lachen zumute.
   »Tut mir leid, Lucy, das war wirklich blöd von mir. Soll ich vorbeikommen? Ich kann ein frühes Frühstück mitbringen.« Elin klang zerknirscht. Einen Moment war es still.
   Lucija ignorierte Elins Vorschlag. »Was, wenn du recht hast? Wenn irgendeinem Irren aufgefallen ist, wie ich mit Kapua geredet habe, und der mir einen Strick daraus drehen will?«
   »Mach dir keine Sorgen, bestimmt ist es einfach ein harmloser Dieb gewesen, der Geld gesucht und dein Tagebuch auf die Schnelle eingesteckt hat, weil er vermutete, dass da dein Geldversteck drin ist.«
   Lucija fuhr mit den Händen über ihr Gesicht.
   »Hast du schon die Polizei angerufen? Was sagen die?«, fragte Elin.
   »Erstens ist es mitten in der Nacht. Zweitens wurde nur ein Tagebuch gestohlen. Die lachen mich doch aus. Ich kann jetzt wirklich keine Leute gebrauchen, die Spuren sichern oder so und hinter meinem Rücken über mich lachen. Nein, danke.«
   »Und wenn der Dieb wiederkommt oder sonst was von dir will? Du musst mir versprechen, dass du zur Polizei gehst, wenn irgendwas ist, ja?«
   Auf dem Boden lagen Glassplitter. Sie würde staubsaugen müssen.
   »Lucy?« Elin klang streng.
   Schweigen war sinnlos. Sie würde nicht aufhören, bevor Lucija es sagte. »Versprochen.«

Kapitel 5
Gesucht

»Habt ihr schon eine Spur eurer Schützlinge?«, fragte Sander, als er in den blauen Salon trat und Hilal und Noelani erblickte, die an-
   scheinend gerade erst reingekommen waren.
   Hilal stand auf und begrüßte Sander mit einer kurzen Umarmung und einem Klopfen auf den Rücken. »Was ist das denn für eine Begrüßung? Fängt er direkt von der Arbeit an.« Er lachte und zwinkerte Noelani zu, die sich auf die Couch fallen ließ. Hilal setzte sich neben sie.
   »Verzeiht. Mir lässt die Suche keine Ruhe. Besonders dieses Jahr.« Sander blieb stehen.
   »Ah. Da kommen wir der Sache ja schon näher. Du hast schon eine Spur. Habe ich recht?«
   Sander schüttelte den Kopf. »Nicht so richtig. Zumindest nicht von meinem Schützling, dazu war die Verbindung zu schwach. Vielleicht eher Feuer oder Wasser.«
   »Sehr interessant.« Hilal grinste. »Ich hatte bisher nämlich noch kein Glück, aber ich habe erst die Südküste abgesucht. Am Ende hätte ich nicht so weit laufen brauchen.«
   Noelani räusperte sich. »Ich habe etwas gespürt, kurz vor Sonnenaufgang. Es ist weit weg, ich werde die Suche morgen fortsetzen.« Sie gähnte herzhaft hinter vorgehaltener Hand. »Sicherlich handelt es sich bei meiner Spur nicht um diejenige, die du gefunden hast.«
   »Diejenige trifft es sehr gut, Noelani. Es muss sich bei Sanders Fund um eine Frau handeln. Diesen Blick habe ich länger nicht bei ihm gesehen.«
   »Ihr braucht nicht so zu tun, als wäre ich nicht da. Aber ja, es ist eine Frau.« Sander verschränkte die Arme.
   »Wenn sie mein Schützling ist, schulde ich dir was«, sagte Hilal. »Ich kann dir ja bei deiner Suche helfen. Es wäre bedeutend einfacher, wenn mir nicht ständig diese andere Kraft in den Weg kommen würde. Irgendeine fremde Arantai ist zurzeit in der Stadt. Hoffentlich ist es keine Machthungrige. Am besten begleite ich dich beim nächsten Beobachtungsbesuch.«
   Er lachte. Vielleicht wäre das nicht schlecht. Wenn Lucija das Element Wasser bekommen würde, könnte sich Hilal um sie kümmern, denn Sander musste ja noch sein Mondkind finden. Nur war er sich nicht sicher, ob er wollte, dass jemand anders Lucija einweihte.

*

Umbra setzte sich auf das Sofa und nahm das Buch aus ihrer Tasche. Angewidert hielt sie es vor sich. Es war mit dunkelblauem Samt bezogen und mit ausgestanzten kleinen Sternchen verziert, durch die der goldene Hintergrund schimmerte. »Was für ein Kitsch.« Natürlich wollte sie es nicht für sich. Es diente lediglich dem Zweck, Lucija in die Rolle der Jungfrau in Not zu pressen. Denn dass Umbra es gestohlen hatte, würde seine Wirkung nicht verfehlen. Lucija machte sich vermutlich gerade vor Angst in ihr Höschen. Ihre Angst würde wiederum Sander auf den Plan rufen. Umbra warf einen Blick auf das Buch. Wo sie es schon in Händen hielt, konnte sie auch nachsehen, ob es interessante Details enthielt. Ein paar mehr Informationen über das Leben des Mädchens zu kennen, wäre sicher nicht verkehrt.
   Sie schlug die erste Seite auf. »Ihr Tagebuch also. Lucija.« Sie knurrte, als sie den Namen las, den sie von ihrem Besuch im Laden kannte. »Lucija, du weißt nicht, worauf du dich einlässt … einlassen wirst.« Umbra überflog ein paar Seiten, las ab und an etwas genauer. »Sieh einer an. Eine Krähensprecherin. Kapua.« Sie blätterte weiter, überflog den Eintrag für den sechsten Juni des vergangenen Jahres. »Ihr achtzehnter Geburtstag, natürlich. Mal sehen, ob du deinen neunzehnten noch erleben darfst.« Sie kraulte Penny, die neben ihr lag und schnurrte. Schon beim Juwelier hatte sie eine leichte Verbundenheit zu dieser Lucija gespürt. Am Ende würde sie vermutlich das gleiche Element erhalten, welches auch Umbra hatte. Damit wäre sie zwar nicht Sanders Schützling, aber sie würde dafür sorgen, dass er sich um sie kümmerte.
   Umbra schlug das Buch zu und warf es auf den Teppich. Sie schloss die Augen. Es war lange her, trotzdem sah sie sofort wieder die Nacht vor sich, in der sie es erfahren hatte. Der Spiegelsee hatte aufgeleuchtet. Für eine Sekunde waren Celandrines schmerzerfüllte Augen erschienen. Sein Name war ihr letztes Wort gewesen. Sander. In dem einen Wort lag die ganze Geschichte. Er hatte sie im Stich gelassen und am Ende getötet. Mit dem schwindenden Licht in Celandrines Augen war auch das Licht im See erloschen.
   Nie hatte Umbra jemandem davon erzählt. Alle dachten, dass Celandrine noch immer auf der Erde lebte. Niemand wusste, dass sie tot war. Niemand außer ihr und Celandrines Mörder. Nach jahrelangem Warten hatte sie die erste Möglichkeit genutzt und war hergekommen, sobald das Tor den Weg frei gemacht hatte. Endlich war sie nah an ihrem Ziel. Das Tor würde lange genug geöffnet bleiben, dass sie nach Hause zurückkehren konnte, nachdem alles erledigt war. Sie würde ihre Stelle im Rat wieder einnehmen und hätte ihre Ruhe. Jahrelang hatte sie ihn durch den See beobachtet, immer wieder sein Bild gesehen. Damit wäre Schluss.
   Es war verboten, jemanden im See zu verfolgen. Zum Glück hatte es niemand bemerkt. Umbra hatte es nicht lassen können, Sander immer wieder zu beobachten.

*

»Meinst du wirklich, Kapua hat etwas gesehen?«, fragte Elin leise und sah zu Lucija herüber. Sie legte ihr Messer auf den Teller und lehnte sich zurück.
   Lucija zuckte mit den Schultern. Das wollte sie herausfinden. Kapua schlief oft in der Nähe ihrer Wohnung. Seit dem Treffen im Park hatte sie sie nicht mehr gesehen. Hoffentlich war ihr nichts passiert. Aber sie waren schließlich nicht verabredet gewesen und zum Zeitpunkt des Einbruchs hatte sich Kapua vermutlich bei ihr im Park befunden. Fragen konnte sie natürlich trotzdem.
   Elin packte die Sachen, die sie zum Übernachten mitgebracht hatte, in ihre Tasche. »Ich bin so weit. Du musst sagen, wenn ich doch über Nacht hierbleiben soll. Das ist echt kein Problem.«
   Lucija winkte ab. »Es geht schon, danke.«
   Sie verließen die Wohnung und gingen über die schwach beleuchteten Straßen bis zum Marktplatz. Hier und da erkannte Lucija das blaue Licht flackernder Fernseher und schemenhafte Umrisse von Menschen auf ihren Sofas. Die Geschäfte hatten längst geschlossen, nur ein paar Gruppen von Jugendlichen waren noch auf den Straßen unterwegs. Höchst konzentriert schlichen sie an den Schaufenstern vorbei und folgten der Straße hinunter in Richtung Kirche. Die schwachen Lichtkreise um die Laternen am Straßenrand erhellten nur wenige Meter des Friedhofs. Dahinter ertrank alles in Schwärze.
   »Wer könnte denn eingebrochen haben? Hast du mittlerweile eine Idee? Hast du dir Feinde gemacht? Liebhaber nicht erhört?«
   »Nein. Weder noch«, antwortete Lucija. »Meinst du, der Einbrecher wird mir irgendwo auflauern?« Allmählich färbte sich der Himmel dunkelblau, Lucija kniff die Augen zusammen und starrte in eine dunkle Ecke. Niemand.
   »Sicher kannst du dir nicht sein. Weder heute noch morgen. Ich würde an deiner Stelle zur Polizei gehen.«
   Sie winkte ab. »Ich muss mit Kapua sprechen, nicht mit der Polizei. Wenn uns jemand angreift, kannst du ihn doch sicher k. o. schlagen, oder? Zu irgendwas müssen deine Karatekurse ja gut sein.«
   Elin seufzte und nickte. »Du meinst, außer, dass ich dann allen zeigen kann, wie schnell meine blauen Flecke immer verschwinden? Um abzuhauen, wird es reichen.«
   Die Blätter der alten Eichenbäume rauschten im leichten Wind, als sie das schwere Nordtor des Friedhofs erreichten.

*

Sander stand auf dem Dachfirst der Kirche und versuchte, das Band zu lokalisieren, das er zart spürte. Sein Mondkind schien viele Kilometer entfernt zu sein, die Richtung ließ sich nicht eindeutig herausfinden, denn da war noch etwas anderes. Einige Hundert Meter entfernt stand eine Frau neben einem pompösen Grab. Reglos starrte sie den Weg entlang. Einmal war es Sander, als würde ihn die Frau mustern, aber sie konnte ihn unmöglich von dort aus sehen. Es sei denn … es sei denn, sie war diejenige, die er spürte. Die fremde Macht.
   Gerade als er überlegte, sich die Frau aus der Nähe anzusehen, spürte er etwas anderes. Er sah sich um, jemand kletterte über das Tor. Zwei junge Frauen, eine rothaarige und … das war doch Lucija. Was wollte sie hier um diese Zeit? War dies vielleicht der Ort, an dem sie sich immer mit ihrer Krähe traf? Die beiden liefen zielstrebig den Weg entlang, während sich Lucija zu allen Seiten umsah. Ah, da kam die Krähe. Sie landete unweit vor Lucija auf einem Kreuz.
   Eine Bewegung am anderen Ende des Friedhofs lenkte ihn ab. Die Frau, die dort gewartet hatte, rannte los. Was um alles in der Welt? Lucija!
   Die Frau rannte auf Lucija zu. Eine Welle aus Wut schwappte ihr voraus. Es bestand kein Zweifel. Diese Frau war eine Arantai. Sie war es also tatsächlich, die er eben gespürt hatte. Es war niemand, den er kannte. Sander zögerte keinen Augenblick und sprang. Erst in der Luft verwandelte er sich.
   Zuerst schaffte Sander es nicht, die fremde Arantai in seiner Elementargestalt zu lokalisieren, bis ihn ihre Kraft erfasste. Er flog an ihr vorbei und nahm nur wenige Zentimeter vor ihr seine körperliche Gestalt an. Ohne nachzudenken, ergriff er ihre Arme und starrte in ihr Gesicht. Sie erschrak und blieb sofort stehen. Celandrine. Sie konnte es nicht sein. Celandrine war tot, aber diese Frau, diese Arantai, sah ihr zum Verwechseln ähnlich. Sander schluckte. »Wer bist du?«, knurrte er, als seine Stimme es zuließ. »Was willst du von den beiden Mädchen?«
   Die fremde Arantai sog scharf die Luft ein und verengte ihre Augen zu kleinen Schlitzen. »Du!« Langsam musterte sie ihn von Kopf bis Fuß.
   Ihr kalter, abschätziger Blick fühlte sich an wie das Kratzen von Nägeln auf der Haut. Er hielt ihrem Blick stand. Um ihn einzuschüchtern, brauchte es schon etwas mehr. Eisige Kälte kroch durch seine Finger und raste durch seine Blutbahn. Erschrocken lockerte er seinen Griff. Sie war eine Arantai mit dem Element Wasser. In diesem Augenblick dachte er allerdings, ihr Element wäre Eis. Konnte das sein?
   Sie starrte ihn hasserfüllt an. »Wir sehen uns noch, Sander. Verkühl dich nicht.«
   Bevor er reagieren konnte, entwand sie sich seinen Händen und rannte an ihm vorbei, hinter Lucija her. Mit einem Satz sprang sie über das Friedhofstor und verschwand hinter der Mauer. Sander rannte ihr nach. Er bog um eine Hausecke. Lucija und ihre Freundin verschwanden gerade in einem Gebäudeeingang. Eine Gruppe von Jugendlichen drängte sich an ihnen vorbei auf die Straße. Sander blieb stehen und versteckte sich in den Schatten. Ein Auto fuhr vorbei. Zu viele Zeugen. Die fremde Arantai schien es einzusehen. Sie fluchte und verschwand in einem anderen Haus.
   Zum Glück hatte Lucija die Gefahr rechtzeitig erkannt und war geflohen. Was wollte diese Frau nur von ihr? Wer war sie? Ihre Augen waren viel heller als die von Celandrine. Er kannte sie nicht, aber sie schien ihn zu kennen, sie hatte seinen Namen genannt. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er angenommen, dass diese Frau Celandrines Schwester war, doch das war nicht möglich. Mondkinder und somit auch Arantai hatten niemals Geschwister, und wenn doch, waren diese auf keinen Fall ebenfalls Mondkinder. Das gab es doch nicht, oder?
   Vielleicht wusste Lucija ja, wer sie war. Immerhin war sie vor der Frau geflohen. Sander verwandelte sich in den Wind und flog zu ihrem Fenster empor. Durch eine Ritze unter einem der Fenster gelangte er in ihre Küche. Leise glitt er durch die dunkle Wohnung. Lucija war in der Nähe. Da war noch jemand, vermutlich ihre Freundin. Er konnte sie lokalisieren, aber er konnte sie nicht sehen und nicht hören, was sie sagte. Nur ein Wispern drang in sein Bewusstsein. Das wortlose Wispern ihrer Stimme. Es war, als wäre sie in einer anderen Sphäre. Weit entfernt, unerreichbar und doch so nah.
   Er musste seine menschliche Gestalt annehmen. Im Flur war niemand. Am dem Punkt der Wohnung, der am weitesten entfernt von Lucija lag, verwandelte er sich wieder in ein Wesen aus Fleisch und Blut. Und Atem. Er holte leise Luft und horchte.
    »Ich habe niemanden gesehen, Lucija. Bist du dir sicher, dass du es dir nicht eingebildet hast? Vielleicht war es ein Lichtreflex von der Laterne, ein Schatten oder …«
   »Nein«, sagte Lucija mit fester Stimme. »Ich bin mir ganz sicher. Da war jemand. Ein Mann ist vom Dach gesprungen und hat sich einfach in Luft aufgelöst.«
   Sie waren vor ihm geflohen. Wie in aller Welt hatte sie ihn gesehen? Natürlich. Sie war eine Mondtochter. Wie konnte er das vergessen? Für sie galten schließlich andere Gesetze als für normale Menschen. Sander drückte sich näher an die Wand. Er musste sie vor dieser Frau warnen, und das so schnell wie möglich. Sonst konnte er sie nicht richtig schützen. Es würde ohnehin bald so weit sein. Ob er derjenige sein würde, der sie einweihte, oder derjenige ihres Elements, war in diesem Fall sicher egal.
   Sander verwandelte sich zurück in den Wind und verließ Lucijas Wohnung.

*

Lucija grübelte laut vor sich hin. »Es sah nicht aus, als ob er zu uns wollte. Ich hab’s, er wollte zu der anderen Frau!«
   »Was für eine Frau? Langsam habe ich den Eindruck, ich war überhaupt nicht dabei.« Elin lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter ihrem Nacken.
   »Bei den Bäumen, da, wo er hingeflogen ist, war jemand. Jemand, der sehr schnell rannte. Auf uns zu.« Sie dachte noch einmal genau nach. Die Bäume hatten sich schwarz gegen das hellere Licht der Laternen auf der Straße abgehoben. Die Person hatte sich bewegt wie eine Frau und beinahe weiß geleuchtet.
   »Geflogen auch noch, ja? Konntest du ihn genauer erkennen?« Elin sah sie ernst an.
   »Groß, dunkle Haare, vielleicht schulterlang. Sein Gesicht habe ich leider nicht deutlich gesehen. Er ist gesprungen, dann geflogen irgendwie. Urplötzlich war er einfach weg. Ich glaube, seine Kleider sind heruntergefallen.«
   »Ein Flitzer?« Elin kicherte.
   Lucija sah zum Fenster. Es war dunkel, die Wolken verdeckten den Mond und die Sterne. Sie drehte sich zu Elin um. »Ich kenne ihn!«
   »Was? Woher denn?«
   »Da war neulich nachts ein Typ auf dem Friedhof. Das war er. Ganz sicher.« Sie sprang auf.
   »Der verfolgt dich. Ein Stalker?«
   Lucija schüttelte den Kopf. »Ich hatte eher den Eindruck, dass er …«
   »Dass er was?«
   »Ach, nichts.« Lucija ging zum Regal mit ihren DVDs, nahm eine der ersten Dracula-Verfilmungen aus der Reihe der abgegriffenen Hüllen und hielt sie Elin vor die Nase. Sie wusste genau, dass Elin diesem Film nie widerstehen konnte, und Lucija würde Zeit zum Nachdenken haben.
   »Na gut.« Elin lächelte und machte es sich bequem.
   »Ich gehe mir eben etwas Gemütlicheres anziehen.« Sie warf Elin den Film zu. In ihrem Zimmer ging Lucija zuerst zum Fenster. Kapua war nirgends zu sehen. Sie starrte hinaus auf den Marktplatz. Es ließ ihr keine Ruhe. Was war das für ein Mann? Wieso konnte er fliegen und aus ihrem Blickfeld verschwinden? Und vor allem: War es Zufall, dass er wieder in ihrer Nähe aufgetaucht war?

*

Sander lief über den Friedhof. An einem Grabstein hing sein Hemd und seine Hose lag neben einem seiner Schuhe. Die Socken fand er wenige Schritte weiter zwischen frisch gepflanzten Rosen. Dort war auch der zweite Schuh. Er zog sich an und sah sich um. Einen Versuch war es wert. Er hielt die Hände wie ein Trichter vor den Mund und stieß einen Krähenruf aus. Tatsächlich kamen drei Krähen angeflogen und setzten sich auf den Grabstein ihm gegenüber.
   »Kennt eine von euch eine Lucija?« Zwei Krähen sahen ihn verwirrt an und antworteten nicht. Die mittlere zuckte leicht zusammen. Er wandte sich an sie. »Du bist ihre Freundin, oder?«
   »Wer will das wissen?« Die Krähe musterte ihn ausgiebig. »Was willst du, Arantai?«
   Sander verbeugte sich. »Mein Name ist Sander Weston. Deine Freundin Lucija ist in Gefahr. Du weißt, was sie ist?«
   Die Krähe nickte. »Was willst du von ihr?«, fragte sie.
   »Meine Freunde und ich suchen nach Mondkindern, um sie in ihr neues Leben einzuführen. Nach der Verwandlung ist die Einsamkeit am schlimmsten.« Die Krähe ließ ihn nicht aus den Augen. Ihr Blick bohrte sich bis in seine Seele. Er steckte die Hände in die Taschen, nahm sie wieder heraus und strich sein Hemd glatt. Hoffentlich würde die Krähe bald antworten.
   »Also gut. Ich kenne Lucija«, sagte sie schließlich.
   »Du musst sie warnen. Ich werde morgen Nacht Kontakt aufnehmen, aber auch am Tag lauern Gefahren. Eine Frau ist hinter ihr her.«
   »Das habe ich bemerkt. Wer ist sie und was will sie?« Die Krähe sah ihn weiter misstrauisch an.
   »Ich weiß nicht, wer sie ist, aber ich habe kein gutes Gefühl. Lucija muss sehr vorsichtig sein. Am Tag wird die Frau nicht wagen, ihr etwas zu tun. Sicher bin ich mir allerdings nicht.« Er senkte den Kopf. »Ich kann leider nicht immer über Lucija wachen, das Tageslicht …«
   »Was soll ich deiner Meinung nach tun?«
   »Warne Lucija für mich und habe ein Auge auf sie.«
   »Ich passe immer auf Lucija auf.« Die Krähe klang verärgert.
   »Natürlich.« Er hob beschwichtigend die Hände. »Wirst du die Nachricht weitergeben?«
   »Warum weihst du sie noch nicht ein?«
   Sander schwieg eine Weile. »Morgen Nacht. Ich danke dir. Verrätst du mir deinen Namen?« Er verbeugte sich erneut und wartete.
   »Kapua.« Die Krähe bedachte ihn mit einem letzten Blick und flog weg.
   Hoffentlich zu Lucija. Er schüttelte sich leicht. Die Krähe hatte ihn so durchdringend angeblickt. Bei Krähen war er sich nie sicher, wie viel sie sahen. Es hieß nicht umsonst, dass sie die intelligentesten Vögel waren. Und die Krähe von Lucija war recht alt. Sie musste sie schon lange kennen. Sander dachte wieder an Lucija. Er hatte vermeiden wollen, Lucija unvorbereitet einzuweihen. Stück für Stück hatte er es ihr sagen wollen, aber die Zeit lief ihnen davon. Die fremde Arantai konnte ihm sonst einen Strich durch die Rechnung machen. Blieb zu hoffen, dass Lucija nicht schreiend weglaufen würde. Als sie vor wenigen Minuten vor der Fremden und ihm weggerannt war, hatte sie sich umgedreht. Ihr Blick spukte noch immer durch sein Blut. Sander seufzte. Er wollte lieber in ihrer Nähe bleiben. Sicher würde er einen sonnengeschützten Platz zum Schlafen finden.
   Nach einer Stunde wählte er eins der verlassenen Gebäude in ihrer direkten Nachbarschaft. Grandma’s Kitchen stand über dem staubigen Schaufenster. Es sah nicht aus, als müsste hier am nächsten Tag jemand hineingehen. Nach kurzer Suche fand er den Zugang zum Keller. Er ließ sich in einem Raum ohne Fenster nieder und streckte sich auf dem harten Boden aus.

Kapitel 6
Augenlicht

Die Türglocke läutete, als Lucija gerade die Mondsteine in die filigranen Ohrhänger einsetzte. Die unangenehme Kundin konnte es zum Glück dieses Mal nicht sein. Sie war wie versprochen am Morgen in den Laden geschneit und hatte missgelaunt eine von Lucijas Skizzen ausgewählt.
   Simon sprach freundlich mit neuen Kunden. Das Stimmengewirr drang bis zu Lucija in die Werkstatt, und sie erkannte die Stimmen sofort. Sie legte die Ohrringe beiseite und eilte nach vorn. Dabei rannte sie Simon fast um, der gerade durch den Samtvorhang in die Werkstatt trat. Lucija lachte kurz. Simon ließ ihr den Vortritt in den Verkaufsraum und kam hinterher. »Was macht ihr denn hier?«, rief Lucija, als sie Elin, Amber und Lisette nacheinander umarmte.
   Amber lächelte nur. »Hast du heute Abend schon was vor? Ein Date mit einem geheimnisvollen dunklen Mann?«
   Offenbar wusste sie Bescheid. »Wieso fragst du?« Lucija ging nicht näher auf die Andeutung ein.
   »Wir wollten heute eine Probe einschieben.« Amber lehnte sich über den Tresen und musterte ihr Spiegelbild darin.
   »Klasse! Um sieben wie immer?«, fragte Lucija.
   »Gut, dann treffen wir uns in vier Stunden. Schönen Tag noch, Mister Morris.«
   Die drei verließen den Laden. Lisette verdrehte auf Höhe des Schaufensters theatralisch die Augen und grinste Lucija an. Bestimmt erzählte Elin die ganze Zeit von ihrem Surfer. Lucija musste lächeln. Wenn Elin verknallt war, lenkte sie penetrant jedes Gespräch auf ihren Lover.
   Lucija pfiff während der Arbeit ein paar ihrer Lieblingsstücke vor sich hin. Um Viertel vor sieben war sie fertig. Stolz zeigte sie Simon die silbernen Ohrringe. Sie waren wirklich hübsch geworden. Die Kundin hatte sich für Hänger entschieden. Verschlungen wie keltische Knoten mit drei runden Mondsteinen, die im Licht der Arbeitslampe blau und weiß funkelten. Winterlich. Sie würden zu der unangenehmen Kundin passen. Lucija strich über die zierliche Gravur auf den dickeren Strängen der Knoten. Celandrine war ein hübscher Name. Wer das wohl war? Der Name der Kundin jedenfalls nicht.

Ein lauer Frühsommerwind wehte, als Lucija auf die Straße trat. Sie schloss die Augen gegen die grellen Sonnenstrahlen, zog ihre Kopfhörer aus dem Kragen und steckte sie in die Ohren. Zu lauter Musik lief sie die Straße zum Park hinunter, überquerte eine Wiese und ging bei dem alten Pub über die Straße. Sie probten immer im Keller des Pubs.
   Mit ihr waren die Moonjunkies vollständig. Amber, Lisette und Elin hatten die Instrumente bereits gestimmt. Lucija warf ihre Tasche auf das geblümte Plüschsofa in der Ecke und ging zum Mikro. Elin begann, auf dem Schlagzeug einen dunklen Rhythmus zu spielen. Amber begleitete sie auf ihrer Bassgitarre und schon spielte Lisette die ersten Akkorde auf ihrer Gitarre. Nach dem Intro sang Lucija die ersten Worte. Es war ihr Lieblingslied: Little black cloud.
   Trotz der vielen Tage, die seit der letzten Probe vergangen waren, klangen sie gut zusammen und spielten das Stück nahezu perfekt. Schon bald verlor sich Lucija völlig in der Musik und dachte an nichts anderes mehr. Der Rhythmus und die Melodie summten in ihren Adern. Sie sang sich all ihre Sorgen von der Seele. Am Ende des Stücks fühlte sie sich wieder stark und unverwundbar. Sie öffnete die Augen und lächelte die anderen an. Wie sah Lisette sie denn an? Ihr Lächeln erstarb. »Ist was?« Lucija sah an sich hinunter. Ihr fiel nichts Ungewöhnliches auf. Lisette kam langsam auf sie zu. »Mann, was ist denn? Du machst mir ja fast Angst.« Sie lachte.
   »Deine Augen.« Lisette starrte sie an.
   »Was ist damit?«
   »Sie sind viel blauer als sonst. Das ist mir eben überhaupt nicht aufgefallen. Kontaktlinsen?« Lisette stand so nah, dass ihre Nasenspitze beinahe die von Lucija berührte.
   »Ich trage keine Kontaktlinsen.« Sie trat einen Schritt zurück.
   »Guter Scherz. Puh, Lucija, die sind irre! Wo hast du die her? Die leuchten sogar. Stört das nicht?« Lisette war völlig aus dem Häuschen.
   Was faselte sie da? Lucija trug nie Kontaktlinsen, sie brauchte keine, und schon gar nicht mit einer anderen Farbe. Ihre Augen leuchteten nicht. Wie sollte das gehen? Sie sah sich um. Auch Elin und Amber waren begeistert von ihren angeblichen Kontaktlinsen. Lucija ging zum Sofa und fischte ihren kleinen, flachen Spiegel aus der Tasche. Sie sog die Luft ein. Es war unglaublich. Die anderen hatten recht. Ihre Iriden leuchteten in einem unwirklichen Blau und strahlten so stark, als gäben sie tatsächlich ihr eigenes Licht ab. Wie konnte das sein? Eine Lichtspiegelung? Unwahrscheinlich. Sie schluckte. Irgendetwas brachte sie dazu, den anderen nicht zu sagen, dass sie nicht wusste, warum ihre Augen plötzlich leuchteten. Sicher hätten sie es nicht geglaubt. Lucija wollte erst selbst herausfinden, was los war. Sie sah auf. »Okay, es sind Linsen. Cool, oder?«
   »Sagen wir doch«, riefen Elin und Amber.
   »Du musst mir unbedingt verraten, wo du die bekommen hast. Aber erst, wenn wir allein sind.« Elin zwinkerte ihr zu.
   Amber knuffte sie in die Schulter. »Ich brauche so was nicht«, meinte sie mit einem schiefen Grinsen.
   »Was ist jetzt? Spielen wir weiter? Könnt ihr euch von meinem Anblick losreißen?« Lucija versuchte witzig zu sein, aber es half nicht, ihre Nerven zu beruhigen.
   Sie spielten weiter. Jeder suchte drei Songs aus und nach einer Stunde lehnte sich Elin gegen die Wand und wischte mit dem Ärmel über ihre Stirn. »Ich bin durch, Leute. Gehen wir wie immer noch ein Pint oben trinken?«
   Lucija nickte. Sie war froh, dass ihre Augen nicht mehr das Thema des Tages waren. Ein Stimmengewirr wie in einem Bienenstock umfing sie, als sie den Proberaum abgeschlossen hatten und die Steintreppe hinaufgingen. »Kommt ihr danach noch mit zu mir?«, fragte Lucija.
   »Klar. Der Abend fängt ja gerade erst an«, sagte Lisette. »Cool, unser Ecktisch wird gerade frei.«
   Amber ging an die Theke und bestellte, während sie den Tisch sicherten. Hier konnte man am besten die anderen Gäste beobachten, was besonders Lisette gern tat.
   Janet kam kurz nach Amber an ihren Tisch und brachte vier, mit dunkel glänzendem Bier gefüllte Gläser. »Na, wie war die Probe?«
   »Hat Spaß gemacht. Hoffentlich schaffen wir es nächste Woche wieder.« Elin stieß mit den anderen auf ihr Wohl an.
   An der Bar war jeder samtbezogene Hocker besetzt. Auch um die meisten Tische saßen laut scherzende Menschen. Im hinteren Teil des Pubs saßen einige Paare beim Abendessen. Hin und wieder drangen einzelne Wörter und Sätze aus dem Stimmengewirr zu Lucija. Sie schloss kurz ihre Augen. Der Raum war so schummrig, aber niemand sah zu ihr. Ihre Augen schienen wieder normal zu sein. Ihr Blick fiel auf den Kamin. Wäre es draußen kälter, würde in dem alten Kamin sicherlich ein Feuer brennen. Die Unterhaltung von Amber, Lisette und Elin hüllte Lucija ein, trotzdem fand sie es schwierig, ihr zu folgen. Sie dachte an ihre Augen und sah in ihr Glas. Kein Licht spiegelte sich in der dunklen Flüssigkeit, hoffentlich würden ihre Iriden nicht wieder leuchten. Die anderen hatten ihre coolen Kontaktlinsen zum Glück vergessen und redeten über andere Dinge. Elin sprach über ihren Surfer, Amber und Lisette über irgendeine neue Fernsehserie, die Lucija nicht kannte.
   Bald hatten sie ausgetrunken und bezahlt. Sie schlängelten sich durch das voll besetzte Lokal und traten in die ruhige Abenddämmerung hinaus. Es wirkte unnatürlich ruhig. In Lucijas Ohren piepste es leise. Am liebsten hätte sie ihre Kopfhörer genommen und die Musik hochgedreht. Leider war das zu unhöflich. Um zu ihrer Wohnung zu gelangen, bogen sie neben der Kirche in den kleinen Fußweg ein, der über den Friedhof führte. An der Kirche sah Lucija unwillkürlich nach oben, aber natürlich stand dieses Mal kein Mann auf dem Dach.
   Als sie in Lucijas Straße einbogen, entdeckte sie eine Frau an der Bushaltestelle gegenüber. Die Frau tat, als wäre sie völlig in den Fahrplan vertieft, aber ihre Körperhaltung verriet sie. Sie wusste genau, was um sie herum passierte. Und Lucija wusste, wer sie war. Es bestand kein Zweifel. Die Frau war Umbra Jones. An eine zufällige Begegnung glaubte Lucija nicht im Geringsten. Sie trug ein helles Kostüm. Für einen Moment hatte Lucija ein Déjà-vu. Vielleicht war Umbra Jones diejenige, die sie auf dem Friedhof gesehen hatte? Aber was sollte sie von ihr wollen? Wenn es da etwas gab, würde sie das jetzt herausfinden. »Ich gehe mal eben zu der Frau da drüben, sie ist eine Kundin. Dann muss ich sie Montag nicht anrufen. Hier, geht schon mal vor.« Lucija warf Elin ihren Haustürschlüssel zu, doch als sie sich umdrehte, war die Bushaltestelle verlassen. Auf der ganzen Straße war niemand zu sehen. Als hätte sich diese Umbra in einen eisigen Lufthauch aufgelöst. Hatte Lucija sich Umbra Jones nur eingebildet?
   »Wo ist die denn so schnell hin?«, fragte Lisette plötzlich. »Zu schnell für meine Augen. Die sollte sich für Olympia anmelden. Wahnsinn.«

*

Sander hielt die Arme der Frau fest umklammert, konzentrierte sich und in Sekundenschnelle waren die Frau und er für Menschenaugen unsichtbar. Lucija spiegelte sich in der Plastikwand des Bushäuschens. Sie hielt inne und sah verwundert zu ihm, ohne ihn sehen zu können. Auch die anderen hatten die Frau anscheinend gesehen. Nun sahen sie weder sie noch ihn. Er biss die Zähne zusammen, als ihn eisige Kälte durchfuhr. Gerade, als die vier Frauen im Treppenhaus verschwunden waren, verließ ihn seine Kraft. Seine Hände schmerzten und die Finger waren blau angelaufen. Er ließ die Frau los.
   »Wie kannst du es wagen?«, fauchte sie ihn an.
   »Ich frage dich noch mal. Wer bist du? Du bist nicht Celandrine.« Er sah sie sich genauer an. Ihre Augen waren dunkler, die Statur zierlicher, trotzdem glich sie Celandrine in vielen Dingen. Die Erinnerungen prasselten auf ihn ein, er schluckte und trat einen Schritt zurück. Die Frau lachte. Es klang wie der Winterwind, der die Eiszapfen an den Tannen zum Klingen brachte. Sander unterdrückte ein Zittern. Sie hörte auf zu lachen.
   »Was macht dich so sicher?«, fragte sie durch zusammengepresste Zähne, während sie ihn hasserfüllt ansah.
   Sanders Blick verschwamm leicht. »Sie ist tot.«
   »Mein Name ist Umbra«, sagte sie unvermittelt. »Wenn du willst, kannst du mich Celandrine nennen, wir waren uns schon immer sehr ähnlich. Und unzertrennlich, bis du kamst. Dem Rat habe ich unsere Trennung verziehen, aber dir …«
   Sie spuckte neben seine Füße. Ein glänzender Eiskristall formte sich an der Stelle und schmolz langsam auf dem warmen Boden. Sander starrte Umbras Rücken an, als diese sich umdrehte und im nächsten Augenblick in einem der Häuser verschwand. Er zog sein Hemd enger um sich. Celandrine tauchte in seinen Gedanken auf, mit dem Messer in der Hand. Warum nur war alles so gekommen? Sie hätten glücklich sein können.
   Sander schüttelte den Kopf und sah zu Lucijas Fenster hoch. Diese Frau, Umbra, wollte etwas von ihr. Nur was und warum nach all den Jahren? Es musste etwas mit der Nacht der Elemente zu tun haben. Jedenfalls war Lucija in Gefahr. Wie konnte er sie beschützen? Was zum Teufel hatte Umbra mit Celandrine zu tun? Unzertrennlich. Eine Freundin? Eine Verwandte? Umbra. Der Name sagte ihm nichts. Wer zum Teufel war sie? Er ballte die Fäuste.
   Lange Zeit, darüber nachzudenken, blieb ihm ohnehin nicht. Auf einmal flirrte neben ihm die Luft. Sander folgte dem unhörbaren Ruf und ging ein Stück die Straße entlang. Links entdeckte er ein breites schmiedeeisernes Tor. Dahinter lag ein Hof mit geparkten Lkws. Das Haus darüber war menschenleer. Ein guter Ort. Sander sah sich um. Niemand beobachtete ihn. Er ging ein paar Schritte näher an das Tor heran und schloss die Augen. Zuerst zog ein leichter Wind an seinem Hemd, dann verlagerten sich seine Sinne. Die Luft nahm ihn auf, er schob sich durch die Gitterstäbe des Tores. Auf der anderen Seite wehte Sander in eine Ecke nah an der Mauer. Im nächsten Moment umfing die kühle Nachtluft seine Haut. Das Flirren in der Luft kam näher, bis Hilal neben ihm stand. Groß wie ein Turm und schwarz wie die Nacht. Ebenfalls nackt.
   Wow, ist das kühl geworden, sagte Hilal in Sanders Gedanken.
   Es war still, doch Hilal lachte mit einem Mal. Sein Lachen hallte dröhnend zwischen den Wänden des kleinen Hinterhofs hin und her. »Mein Freund. Was gibt es Eiliges, dass du persönlich kommst?«
   »Die Machthungrigen«, knurrte er. »In der Nähe der schottischen Küste, Rosyth. Dieses Mal sind es Eisberge. Sie liegen zu Hunderten auf der Route der Fährschiffe. Wieder so ein dämliches Ablenkungsmanöver, oder was versprechen sie sich wohl davon?«
   »Mist. Denen ist wohl langweilig.« Sander stöhnte. »Ausgerechnet jetzt. Warte, Rosyth sagst du? In Schottland sind doch Brooke und Benoît. Sie können uns sicher helfen.« Sander trat aus den Schatten und suchte den Himmel nach dem Mond ab. Ein fahler Strahl fiel auf ihn herab. Sander streckte die Hände in den Himmel, bis es aussah, als würde er den Mond festhalten, und schloss die Augen. Er dachte an Brooke.
   Sander?, meldete sich Brookes glockenhelle Stimme einen Moment später in seinen Gedanken. Wie schön, von dir zu hören. Was macht die Suche? Bei uns ist alles ruhig. Hier oben im Norden ist niemand mit dem Element Erde oder Wasser unterwegs.
   Leider habe ich schlechte Nachrichten. Draußen vor Rosyth treiben Machthungrige ihr Unwesen. Sie versperren die Fährrouten mit Eisbergen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine der Fähren auffährt und es ein Seeunglück gibt. Braucht ihr Hilfe?
   Hören sie denn nie auf? Benoît und ich werden uns der Sache annehmen. Bis bald!
   Die Verbindung brach ab. Sander ließ die Hände fallen.
   »Na? Wettflug nach Hause?«, fragte Hilal.
   »Nein, ich kann nicht zurück. Ich muss noch einmal nach ihr sehen.«
   Hilal nickte. »Soll ich mitkommen? Ich muss mir die Kleine doch mal ansehen.«
   »Nächstes Mal? Ich muss erst etwas herausfinden.«
   Hilal sah Sander einen Augenblick lang an, bevor sich seine Konturen auflösten und er in einem Wirbel winziger Wassertröpfchen verschwand.
   Sander schlich zurück zu der Stelle am Tor, wo er sich zuvor verwandelt hatte. Sein Hemd und seine Hose lagen in einem unordentlichen Haufen am Boden. Darunter standen seine Schuhe. So nah bei Lucija wollte er nicht riskieren, nackt auf der Straße gesehen zu werden. Sie würde wer-weiß-was von ihm denken. Er griff durch das Gitter und zog seine Sachen zu sich herüber. Als er angezogen war, sah er sich nach einem alternativen Weg um. Einer der Lkws parkte recht dicht an der Außenmauer des Hofes. Er kletterte hinauf. Von der Mauer sprang er in ein Blumenbeet. Seine Schuhe sanken leicht in die weiche Erde.

*

Lisette und Amber ließen sich auf das Sofa plumpsen.
   »Die Königin der Verdammten?«, fragte Elin.
   Sie nickten. Lucija kannte den Film längst auswendig und liebte jede Szene. Die Kombination von Musik und Vampiren war wie für sie gemacht. Für Elin natürlich auch, die Vampire noch mehr mochte als Lucija. In diesem Moment dachte sie allerdings nur an die unangenehme Kundin. Ganz sicher war sie das da draußen an der Bushaltestelle gewesen und genau wie der mysteriöse Mann auf dem Friedhof war sie plötzlich verschwunden. Lucija setzte sich, stand wieder auf und blieb einen Moment unschlüssig neben dem Sofa stehen. Sie flüsterte Lisette zu, dass sie gleich wiederkäme, und ging in ihr Schlafzimmer. Dort spähte sie aus dem Fenster, um nachzusehen, ob Umbra Jones wieder dort war. Es war kein Mensch zu sehen, stattdessen saß Kapua in der großen Kastanie vor dem Haus.
   Lucija öffnete das Fenster und flüsterte ein »Willkommen«. Kapua machte die Augen auf, flog zu ihr und hüpfte unruhig auf dem Fensterbrett hin und her. »Was ist mit dir, Kapua?«
   »Eine Frau ist hinter dir her.«
   »Meinst du die Blonde, die vorhin an der Bushaltestelle war? Hast du sie gesehen? Ich kenne sie, sie war auch im Geschäft. War es die Gleiche wie letztens auf dem Friedhof, vor der du uns gewarnt hast?« Lucija setzte sich auf die Bettkante und beobachtete Kapuas Reaktion.
   »Bestimmt ist es die Gleiche. Jemand hat mich gebeten, dich vor ihr zu warnen. Sie ist vermutlich gefährlich und hat es auf dich abgesehen. Sie könnte dir auflauern.«
   »Die Frau war schon bei ihrer Bestellung komisch. Was sollte sie von mir wollen? Einen Rabatt? Jedenfalls wollte sie einen Brieföffner.« Lucija kicherte leise, obwohl ihr nicht danach zumute war.
   »Brieföffner? Aus Silber?« Kapua hüpfte etwas näher.
   »Ja, wieso?«
   »Das ist nicht gut, Lucija. Du musst mir glauben, lass diese Frau nicht in deine Nähe. So lautet meine Nachricht.« Kapua sprach nicht weiter.
   »Was genau hat dieser Jemand gesagt? Was hat er damit zu tun?« Sie kniff die Augen zusammen und wartete. »Komm schon, ein bisschen mehr musst du mir schon verraten.«
   Kapua hüpfte noch einige Male hin und her und schüttelte ihren Kopf. »Ich weiß es nicht, aber er scheint die Frau zu kennen. Du musst auf der Hut sein. Geh nicht allein aus dem Haus, hörst du?«
   Lucija dachte an den Mann vom Friedhof. War er derjenige, der sie jetzt warnte? »Wie sah er denn aus?«
   »Du weißt doch, dass alle Männer für mich gleich aussehen. Ich glaube, seine Haare waren amselweibchenbraun.« Kapua hüpfte noch immer hin und her. »Sieh dich vor. Vielleicht bist du in der Wohnung sicher.«
   »Und wenn sie bei mir einbricht? Sehr einbruchsicher ist meine Wohnung ja offensichtlich nicht. Vielleicht ist sie diejenige, die mein Tagebuch hat.« Kälte breitete sich in ihrem Magen aus.
   Kapua sah gequält aus. »Wir hoffen einfach, dass sie das nicht tut. Am sichersten bist du unter Menschen. Vielen Menschen. Am Tag. Vielleicht könntest du heute bei Elin übernachten oder auf eine Party gehen?«
   »Weglaufen ist nicht mein Ding und ich will Elin da nicht mit reinziehen. Könntest du bitte etwas deutlicher werden?« Lucija schüttelte den Kopf und verschränkte ihre Arme vor der Brust.
   »Ich kann dir nicht mehr sagen. Versprich mir, dass du besonders nachts nicht allein aus dem Haus gehst und auf dich aufpasst, ja? Bis ich mehr weiß.« Kapua blieb sitzen und sah sie unverwandt an.
   »Du weißt noch mehr, oder? Los, rück raus damit. Du wolltest mir letztens was sagen. Darauf warte ich immer noch.«
   Lisette rief etwas vom Wohnzimmer aus und stand auf einmal im Schlafzimmer. »Wo bleibst du denn? Huch«, sagte sie kurz und starrte entgeistert auf Kapua, die mittlerweile auf Lucijas Unterarm saß. »Wie kommt denn der Vogel hier rein?« Sie sah zum Fenster.
   Kapua krächzte. »Lucija, bitte. Bald. Jetzt versprich mir endlich, dass du auf dich aufpasst.«
   »Ist das dein Haustier? Eine Krähe?« fragte Lisette schließlich. Sie stand noch eine Weile da.
   »Ja, irgendwie schon. Eine längere Geschichte. Möchtest du sie hören?«, fragte Lucija.
   »Vielleicht später. Ich … äh … will euch nicht stören.« Lisette drehte sich um und machte die Tür leise hinter sich zu. Es sah fast aus, als hätte sie Angst vor Kapua gehabt. Lucija schüttelte leicht den Kopf.
   Eine kühle Brise ließ Lucija aufblicken. Das Fenster war nicht mehr offen. Kapua sah ebenfalls in die Richtung, sagte jedoch nichts dazu. »Eins noch. Gibt es viele, die mit Tieren sprechen können? Oder nur mich und diesen Jemand?«, fragte Lucija. Kapua schenkte ihr einen tadelnden Blick und antwortete nicht. »Was ist nun? Gibt es andere?«
   »Ja«, krächzte Kapua.
   Lucija öffnete das Fenster. Augenblicklich drehte sich Kapua um und flog hinaus in die Nacht. Mit einem Seufzer ließ sich Lucija auf ihr Bett sinken. »Na toll, jetzt weiß ich ja richtig Bescheid.« In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Ihr wurde schwindlig davon. Was wollte diese Frau von ihr? Wer war der Mann? Er beherrschte Kapuas Sprache. Allein deswegen wollte sie mit ihm sprechen. Wie viele gab es wohl, die das konnten? In der ersten Klasse hatte sie das letzte Mal anderen davon erzählt. Einige Kinder spielten mit, andere lachten sie aus. Als sie darauf beharrte, dass es die Wahrheit war, begannen sie, sie zu meiden. Erst da wurde ihr klar, dass nicht jeder Mensch mit Tieren sprechen konnte. Sie verstand auch nur Krähen, keine Hunde, Katzen oder Tiere im Zoo. Ihre Eltern taten es als Phase ab, das bekam sie mehr als einmal mit. Als Kind hatte sie einmal zu Kapua gesagt, dass sie eine besondere Krähe sein musste, weil sie mit Lucija sprechen konnte. Kapua erwiderte lediglich, dass Lucija etwas Besonderes wäre. Damals hatte sie sich nichts dabei gedacht.
   Als sie an diesen Tag dachte, musste sie lächeln. Kapua war voller Rätsel, und Lucija liebte Rätsel. Nur wurde sie das Gefühl nicht los, dass dieses Geheimnis, das Kapua ihr erst später verraten wollte, ein sehr wichtiges war. Mit einem tiefen Seufzer stand sie auf und ging zu den anderen zurück ins Wohnzimmer. Was sollte sie Lisette sagen? Bisher wusste sie nichts von Kapua.
   Elin drückte auf die Pause-Taste. »Wo warst du so lange?«
   Lucija zuckte mit den Schultern und musste gähnen.
   »Na, wenn das kein Rauswurf ist.« Amber lachte und gähnte ebenfalls. »Tja, ich fürchte, wir werden alle nicht jünger. Ich muss ins Bett. Den Film kennen wir ja ohnehin alle auswendig.«
   »Schon?« Elin sah zu Amber.
   »Guck mal auf die Uhr. Wir müssen bald wieder an der Uni sein, denn wer weiß, Mrs White wäre es zuzutrauen, dass sie einen Generalschlüssel hat und unsere Betten kontrolliert«, sagte Lisette.
   »Ach, ich vergaß, dass du nicht so gern verbotene Dinge tust.«
   Lisette kniff die Augen zusammen. Es war gespielt, aber Lucija war sich nicht sicher, ob es Lisette nicht doch verletzte.
   »Ihr habt ja auch recht«, sagte Amber schnell. »Morgen früh sollten wir ausgeschlafen sein. Wenn Mrs White Aufsicht hat, werden wir sonst noch für irgendeinen der nervigen Dienste als Strafe eingeteilt. Ich hasse Fensterputzen, das hat sie doch neulich Rachel aufgebrummt. Nee, danke. Lass uns los.«
   »Du hast recht. Was freue ich mich drauf, in der Zukunft wieder ein freier Mensch zu sein.« Elin grinste. »So wie Lucija hier, sie war die einzige Vernünftige von uns, die nicht studieren wollte.«
   »Du wirst nach Feierabend immer müde sein.« Lucija brachte Amber, Lisette und Elin zur Tür. »Kommt gut nach Hause und geht nicht durch dunkle Gassen.« Sie lächelte, aber ein ungutes Gefühl schlich sich in ihre Gedanken. Sobald sie hörte, dass die Haustür zugeklappt war, schloss Lucija sorgfältig ab und ging ans Fenster. Sie wartete, bis Elin, Amber und Lisette um die Hausecke verschwunden waren. Kapua saß auf einem Ast gegenüber und schien zu schlafen. Es hatte ohnehin keinen Sinn, sie noch einmal zu stören, sie würde ihr heute nichts mehr verraten.
   Lucija zog die Gardine zu und stockte. Es war auf einmal kalt im Zimmer. Kalt wie Schnee.

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