Der Beginn einer Reise in die Vergangenheit Als auf der paradiesischen Isla del Coco nach einem Erdbeben ein jahrtausendealtes menschliches Fossil gefunden wird, reist die Anthropologin Kiera Andress voller Hoffnung auf die Insel. Das Skelett könnte sich als die Sensation entpuppen. Doch als Kiera auf der Insel ankommt, gerät ihre wissenschaftliche und private Welt aus den Fugen. Die Knochen bergen ein Rätsel, das niemals entschlüsselt werden sollte. Trotzdem geht Kiera bis an ihre Grenzen, um das Mysterium zu lüften. Dabei erhofft sie sich von dem ebenso attraktiven wie charismatischen Kunsthistoriker Colin Hilfe, der in ihr eine heiße, ungeahnte Leidenschaft weckt. Doch auch er hütet ein uraltes Geheimnis …

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ISBN: 978-9963-52-457-0

Seiten: 446

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Astrid Freese

Astrid Freese
Astrid Freese wurde 1969 in Sachsen geboren und trug, kaum dass sie ein paar Wörter lesen konnte, die ersten Bücher aus der Bibliothek nach Hause. 1982 folgten die ersten schriftstellerischen Versuche, die durch Lehre, Studium und die Geburt eines Kindes für einige Jahre ins Abseits gerieten, aber nie wirklich vergessen wurden. Mehrere Jahre arbeitete sie anschließend als Datenerfasserin und schrieb für ihre Tochter zahlreiche Kurzgeschichten zum Lesen üben. Heute arbeitet und lebt sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten und einer Hündin in einem kleinen, aber wunderschönen Ort in Sachsen-Anhalt.

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Leseprobe

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Prolog
Mittelamerika, 17.508 Jahre vor Heute

Keenan beobachtete die untergehende Sonne, die scheinbar die Spitze des Felsmassivs vor ihm berührte. Die Farbe ihrer Strahlen leuchtete fast so rot wie das Blut auf seiner Brust.
   Ein lautes Plätschern lenkte ihn von dem Sonnenuntergang ab. Keenan versuchte, den Kopf in die Richtung zu drehen, aus der das Geräusch kam, dabei stachen die scharfkantigen Steine unter ihm schmerzhaft in seinen geschundenen Rücken und die gefesselten Hände.
   Der stärker werdende Schmerz, der durch seinen Schädel tobte, zwang ihn, stillzuhalten und zu lauschen. In das vielstimmige Gezwitscher unzähliger Vögel mischte sich ein Knirschen.
   Ihm näherte sich eindeutig kein Raubtier auf samtweichen Pfoten, sondern etwas Schrecklicheres. Ein Monster auf zwei Beinen.
   Das Licht der Abendsonne verschwand abrupt aus seinem Blickfeld und eine riesige Gestalt baute sich vor ihm auf.
   »Bist du zurückgekommen, um mir beim Sterben zuzusehen?«, fragte Keenan. Er hustete und eine Kaskade roter Tropfen schoss aus seinem Mund. »Ich kann dich beruhigen. Es wird nicht mehr lange dauern.«
   Omiron beugte sich zu ihm herab.
   Keenan blinzelte und musterte die vertrauten Züge. Sie sahen ohne Zweifel wütend aus.
   »Ändere Ashaanas Code, und ich lasse dich weiterleben«, rief Omiron.
   Keenan lachte auf, wobei ein Schwall Blut zwischen seinen Lippen hinausquoll, am Kinn hinablief und auf den kahlen Felsen tropfte. »Ah, der Code. Deshalb bist du zurückgekommen.«
   »Ändere ihn!«
   Die gereizte Stimme prallte an den Felswänden ab und hallte zu Keenan zurück. Omiron beugte sich tiefer herab, und im nächsten Moment explodierte ein höllischer Schmerz in seiner Brust. Keenan schloss benommen die Augen. Als er die Lider öffnete, sah er vor sich das Zeremonienmesser, das bis eben in seinem Herz gesteckt hatte. Dunkelrotes warmes Blut tropfte von der Klinge auf sein Gesicht.
   »Nein? Wie du willst. Es ist deine Entscheidung, wie lange du leidest, bevor dich der Tod erlöst.« Omiron lachte zynisch auf. »Hoffst du auf meine Gnade, Bruder? Ich kann dir versichern, da irrst du. Dieser Wahnsinn wird heute beendet.«
   Keenan schluckte metallisch süß schmeckenden Speichel hinunter. »Wir können nach Hause. Nennst du das Wahnsinn?«
   »Du bist blind! Hier ist unsere Heimat, nicht in der Ferne. Siehst du es nicht? Diese Wesen sind wie Tiere. Wir sind Götter und sie unsere Sklaven.«
   Entsetzen klammerte sich in Keenans Nacken. Scharfe Krallen, die ihm eisige Kälte in den Leib schickten. Er war mit Blindheit geschlagen gewesen. Wie hatte er nur Omirons Einstellung übersehen können?
   »Sie sind jung, wie wir es vor Jahrtausenden waren. Wir haben nicht das Recht, über sie zu bestimmen.« Keenan sprach langsam und ließ sich nichts von seiner Fassungslosigkeit anmerken, auch wenn er das Verlangen verspürte, seinen Zwillingsbruder heftig zu schütteln. Allein die Fesseln verhinderten eine solche Handlung. Die Wunde in seinem Herz heilte bereits, sein Körper erholte sich. Vielleicht war noch nicht alles verloren. »Erinnere dich an unsere Geschichte«, sagte Keenan und blickte Omiron in die Augen, in denen kaltes Feuer zu brennen schien. »Wir waren einst wie sie. Wesen, die …«
   »O nein! Wir waren nie wie diese Tiere. Ihre Fähigkeiten reichen nicht einmal annähernd an die unseren heran.«
   Eiskalte Krallen schlangen sich um seinen Hals und raubten ihm den Atem. Wann hatte Omiron die Demut vor der Vielfältigkeit des Lebens verloren und seiner Arroganz gestattet, Intelligenz in eine Maßtabelle zu quetschen, deren Einteilung er bestimmte?
   Ihre Spezies war zu stolz auf die Gaben, die ihnen ihre Große Mutter schenkte. Vor Äonen hatten ihre Urahnen die Charakterschwäche als solche erkannt und mithilfe von strengen Gesetzen verhindert, dass sie sich vor lauter Überheblichkeit auslöschten.
   Nun stellte sich Omiron mit seinem Hochmut über eine Rasse, die in ihrem Entwicklungsstadium Babys glich, die jedoch keine straffe Hand benötigten, um erwachsen zu werden. Der Prozess mochte viele Jahrtausende andauern, aber die Zeit spielte in der Unendlichkeit eine untergeordnete Rolle. Wichtig allein war das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung.
   Omirons Verrat an ihrer Lebenseinstellung war für Keenan grausamer als sein bevorstehender Tod. Er schüttelte den Kopf, obwohl sich die scharfkantigen Steine dabei in seine Kopfhaut bohrten. Der Schmerz war lapidar verglichen mit der Seelenqual, die in seinem Inneren tobte.
   »Glaubst du ernsthaft, ich habe Skrupel, das Messer ein weiteres Mal in deine Brust zu stoßen? Es wird mir ein Vergnügen sein, zuzusehen, wie der Heilungsprozess das Metall in deinem Körper einschließt, um die Klinge in dem Augenblick herauszuziehen, wenn dein Herz zu schlagen aufhört. Du könntest dir den Todeskampf ersparen, indem du den Kristall auf meine Gehirnwellen einstellst. Verstehst du?«
   Keenan schaffte es, die Lippen zu einem schwachen Lächeln zu verziehen. Die Ankündigung von Schmerzen erschien ihm urplötzlich wie eine gerechte Strafe für seine Dummheit. Sein blindes Vertrauen führte ihn zu diesem Ende.
   Er schüttelte erneut den Kopf und hob den Blick. Die Strahlen der Abendsonne tauchten die Gestalt vor ihm in ein gespenstiges rotes Licht. Das Gesicht Omirons blieb dadurch im Halbschatten verborgen. Die Stimme seines Bruders klang jedoch messerscharf und beherrscht. Sie ließ keine Zweifel an seinen Worten aufkommen. Für Keenan änderte das nichts. Er hatte seine Wahl getroffen. Nicht heute, sondern vor langer Zeit. Er war der Wächter, dazu ausgebildet, das Portal zu beschützen, notfalls mit seinem Leben. »Ich kann nicht.«
   Vor seinen Augen blitzte Metall auf, als Omiron das Zeremonienmesser mit Gewalt in Keenans Herz rammte. Der folgende Schmerz raubte ihm fast die Besinnung. Diesmal hatte ihm sein Bruder das Messer bis zum Heft in den Brustkorb gejagt.
   »Du weißt, dass es unmöglich ist«, flüsterte Keenan, weil ihn das Blut im Mund zu ersticken drohte. »Ich habe den Code geändert. Der Kristall ist nicht mehr auf mich eingestellt …« Er brach ab und schluckte. Sein Magen rebellierte, als der metallisch süße Speichel dort ankam.
   »Du lügst!« Die Worte grollten am Felsen entlang und verscheuchten Dutzende Vögel, die rund um den kleinen See in den hohen Bäumen saßen.
   Keenan schüttelte den Kopf und spürte, wie sein Herz zu stolpern begann. Selbst für ihre Spezies endete ein Messer in der Brust tödlich, wenn es nicht schnell genug entfernt wurde. »Du weißt, dass ich nicht lüge«, sagte er mit letzter Kraft und bemerkte, wie das unregelmäßige Hämmern in seinem Brustkorb abbrach. Als ihn die Dunkelheit umfing, wehrte sich Keenan nicht. Das Einzige, das er bedauerte, war das Leid, das sein Tod unter den Nachfahren auslösen würde.

*

Während sich das Licht der Abendsonne in Keenans Augen brach, richtete sich Omiron auf. Er wandte sich ab, stapfte durch den schlammigen Teich und kletterte an der anderen Seite der Felsformation entlang nach oben. Er hatte noch eine Aufgabe zu erfüllen, bevor er zurück nach Omdar konnte. Omiron musterte die Lavaformationen um sich herum. An einer Stelle fand er das Gesuchte. Aus der Tasche seiner Tunika zog er einen kleinen metallischen Gegenstand heraus, schaltete ihn ein und warf ihn an eine überhängende Felswand. Ein leises Zischen ertönte und das Gerät saß fest.
   Omiron lief los und erreichte gerade den weichen Sandstrand, als er ein Beben unter den Füßen spürte und ein donnerndes Geräusch erklang. Er drehte den Kopf zurück und betrachtete die Wolke aus Dreck, Gestein und Staub, die über der Insel hing. Sein Werk war getan, doch es war wie eine Ironie des Schicksals, dass er zwar mit Ashaana heimkehrte, den Kristall aber nicht einsetzen konnte, um seine Aufgabe zu vollenden. Das musste ein anderer tun.

1. Kapitel
USA, Arlington County, Heute

Kiera klammerte sich am Türrahmen der Kabine fest. Ihre Hoffnung, der Wahnsinn würde damit aufhören, löste sich eine Sekunde später in Luft auf. Alles um sie herum bewegte sich auf und ab, als säße sie auf einer überdimensionalen Wippe. Die Wände, die Küchenschränke, selbst der Fußboden schwankten hoch und runter. Sie stöhnte auf und schloss die Augen. Schwindel erfasste sie und ein flaues Gefühl durchzog ihren Magen. Kiera würgte, presste eine Hand auf den Mund und sauste an Deck.
   Ein Blitz zuckte grell durch die Nacht. Für einen Sekundenbruchteil beleuchtete er ein bizarres Szenario, das Kiera bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Ein gewaltiges Unwetter tobte um sie herum. Der Sturm schob das Wasser zu meterhohen Wellen auf, Gischt spritzte Kiera ins Gesicht. Binnen weniger Sekunden war sie nass bis auf die Haut. Neben den Wassermassen, die über das Deck platschten, regnete es Bindfäden.
   Die nächste Woge hob die kleine Jacht hoch. Kiera verlor die Balance und stolperte, heftig mit den Armen rudernd, auf die Reling zu. Im gleichen Augenblick legten sich die Hände ihres Bruders um ihre Oberarme und bewahrten sie vor einem Sturz. Sie wurde herumgewirbelt und sah in blaue besorgt dreinblickende Augen.
   »Bleib unter Deck«, rief Peter. »Wir sind vom Kurs abgekommen. Ich weiß nicht, wie das passieren …«
   Mitten in seine Worte hinein grollte ein Donner über den Ozean. Das Dröhnen klang irgendwie unheimlich. Es verschluckte jedes Geräusch, selbst das Toben des Meeres. Im gleichen Moment erreichte die Jacht den Scheitelpunkt der Welle und kippte nach vorn. Der plötzliche Richtungswechsel wirbelte Kieras Mageninhalt erneut durcheinander. Dieser begann unvermittelt, die Speiseröhre entlang nach oben zu klettern. Sie würgte und presste die Lippen aufeinander, jedoch half das Würgen nicht. Ihr Magen wollte alles loswerden, jetzt. Ob das gerade der richtige Zeitpunkt war, oder ob sie das als ekelerregend empfand, interessierte ihn wenig.
   Kiera riss sich los, drehte sich um und eilte zur Reling. Kaum hatte sie sich an dieser festgeklammert, beförderte ihr Magen seinen Inhalt nach draußen. Es war so widerwärtig und demütigend. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie betete im Stillen, dass die Prozedur bald vorbei sein würde. Ein zweiter Schwall erreichte ihren Mund, danach ein dritter. In dem Augenblick, als die Jacht erneut angehoben wurde, traf sie etwas hart an der Schläfe. Ein höllischer Schmerz jagte durch ihren Kopf. Sie sah buchstäblich Sterne, oder verwechselte sie das grelle Leuchten mit einem Blitz, der …?

»Wir sind gleich am Ziel, Ma’am.«
   Die Stimme des Taxifahrers riss Kiera aus ihrem Tagtraum. Im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie sich befand. Zu realistisch war der Traum, wie jedes Mal, wenn sie diese Nacht noch einmal erlebte. Sie griff sich an die Stirn und strich mit dem Zeigefinger über unversehrte Haut. Keine Narbe erinnerte an den heftigen Schlag, der ihr die Besinnung geraubt hatte, und doch hätte dort ein Wundmal sein müssen.
   Als das Taxi vom Arlington Boulevard rechts abbog, blickte Kiera an der Kopfstütze des Beifahrersitzes vorbei aus der Frontscheibe. Vor ihr befand sich der Columbia Garden Friedhof. Sein hohes, schmiedeeisernes Tor stand weit offen. Der Wagen fuhr hindurch, die kleine Anhöhe hinauf und parkte links auf dem Parkplatz.
   »Bitte warten Sie auf mich«, sagte Kiera und griff nach den weißen Callas, die neben ihr lagen.
   Der Taxifahrer nickte bedächtig.
   Kiera stieg aus. Als sie die Tür zuschlug, öffnete der grauhaarige Fahrer seine Brotbüchse.
   Die ruhige und friedliche Stimmung hier stand meist im krassen Gegensatz zu dem, was sie fühlte, wenn sie den Friedhof betrat. Heute war das anders. Ein Sturm ließ bunte Blätter einen wilden Reigen tanzen, bevor das Laub hinabsank und auf dem Rasen liegen blieb. Der eisige Wind peitschte letzte Regentropfen in ihr Gesicht, die sich dort mit Tränen vermischten und diese fortspülten.
   Während sich Kiera einen Weg vorbei an den vielen Pfützen suchte, die auf dem Hauptweg standen, schlug sie den Mantelkragen hoch. Als sie mit ihrer kalten Hand den Nacken berührte, jagte ihr ein Schauder den Rücken hinab. Sie wickelte sich in den Mantel aus Lammnappa und eilte weiter. In den Morgenstunden lagen die Gräber einsam und still vor ihr.
   Seit Jahren kam sie jede Woche hierher, jedoch fand sie sich mit Peters Tod nicht ab. Die Last der Schuld wog noch genauso schwer auf ihren Schultern wie an dem Tag, als seine Leiche gefunden wurde. Die Frage, warum sie überlebte und er nicht, beantworteten ihr Psychologen mit Worten wie Schicksal oder Fügung. Wasser besitze eine elementare Kraft, und dieser höheren Gewalt könne der Mensch kaum etwas entgegensetzen. Kiera fand die Antworten lachhaft. Sie glaubte fest daran, dass Peter noch leben würde, wenn sie nicht seekrank geworden wäre.
   Als sie in eine Reihe einbog, knirschte der Kies unter ihren Füßen. Nach wenigen Metern blieb sie vor einem weißen Grabstein stehen. In ihrem Inneren tobte ein Orkan, während sie in die Hocke ging. Trauer, Angst und Zweifel vermischten sich mit dem winzigen Funken Hoffnung, der seit gestern in ihr keimte.
   »Peter, du fehlst mir schrecklich.« Schmerz und Verzweiflung schnürten ihr die Kehle zu. Obgleich es ihr kein Trost war, legte sie eine Hand auf den Stein aus weißem Carrara-Marmor. So hatte sie das Gefühl, Peter näher zu sein. »In der nächsten Zeit werde ich dich nicht besuchen können. Das Smithsonian schickt mich fort …« Mitten im Satz brach sie ab, nahm die verblühten Callas aus der Vase und stellte den neuen Strauß hinein. »Der Direktor hat mich gestern Abend zu sich rufen lassen«, sagte sie. Im Gegensatz zu Peter kam sie nicht gut mit Baxter aus. Er war ein cholerischer und exzentrischer Mann. Umso mehr wunderte es Kiera, dass er ihr die Gelegenheit bot, dieses spezielle Fossil zu bergen. Ihr Boss hätte die Aufgabe einem weit erfahreneren Anthropologen übertragen können, aber er bot ihr diese Chance. Nur warum?
   Peter und Baxter waren einmal Freunde gewesen, doch diese Freundschaft hatte Kiera nicht mit eingeschlossen. Obwohl sie den Direktor seit vielen Jahren kannte, behandelte er sie drakonischer als jeden anderen Angestellten des Smithsonian. Völlig undenkbar, dass er die Bergung der Knochen aufgrund seiner kameradschaftlichen Gefühle für Peter an sie vergab, vor allem, weil ihr Name, Andress, vor einiger Zeit für negative Schlagzeilen gesorgt hatte.
   Peter hatte vor seinem Tod die Theorie bekräftigt, dass Amerika wesentlich früher, als bisher angenommen, besiedelt wurde. Seine Behauptung löste heftige Kontroversen unter den Anthropologen aus, denn es galt als wissenschaftlich bewiesen, dass der Kontinent frühestens vor fünfzehntausend Jahren von den ersten Menschen betreten wurde. Peter publizierte seine Ansichten im Nature, und der Schaden war nach Erscheinen des Artikels angerichtet. Sein Ruf und der des Nationalmuseums für Naturgeschichte wurden nachhaltig beschädigt und bis heute mit Spott überhäuft.
   Eine widerspenstige Haarsträhne flog Kiera ins Gesicht. Sie schob diese hinters Ohr, hob den Blick und bemerkte zwei Friedhofsangestellte. Die Männer standen leise aufeinander einredend unter einer Amerikanischen Terpentin-Kiefer. In den Händen hielten beide Kaffeebecher, aus denen es dampfte.
   Kiera senkte den Kopf und sah hinab auf die Schrift. »Es ist die Chance, deine Theorie zu bestätigen.« Doch musste dies ausgerechnet auf der Isla del Coco sein? Ein weiterer Schauder rann ihr über den Rücken. Er stammte nicht vom kalten Wind. Drei Jahre war es her, dass Ranger sie nach dem schrecklichen Unwetter am Strand der Kokosinsel gefunden hatten. Erst zwei Tage später hatte die Küstenwache ihre gecharterte Motorjacht auf dem Pazifischen Ozean und darauf Peters Leiche gefunden.
   Kiera schloss die Augen und bemühte sich, ihre Angst und Verzweiflung in den Griff zu bekommen. Einzig die Hoffnung, Peters Theorie beweisen zu können, gab ihr Kraft und Mut.
   »Durch ein Erdbeben ist eine Höhle auf der Isla del Coco freigelegt worden«, sagte sie. »Ranger fanden in ihr ein Dinosaurierfossil. Um das Fossil aus dem Gestein zu präparieren, schickte die Regierung von Costa Rica fünf Wissenschaftler auf die Insel. Unter einem Geröllhaufen entdeckten sie einen weiteren Knochen. Der Anthropologe des Naturkundemuseums in San José identifizierte ihn als Zehenknochen eines Homo sapiens. Die Radiokarbonmessung ergab für ihn ein Alter von siebzehntausendfünfhundert Jahren«, flüsterte Kiera und sah in Gedanken, wie Peter vor Freude einen Luftsprung machte. All seine Träume wären in Erfüllung gegangen, wenn sich die vorläufigen Daten bestätigten. Das Skelett würde die beiden wissenschaftlich anerkannten Theorien über die Besiedlungsgeschichte Amerikas außer Kraft setzen und die in Stein gemeißelten fünfzehntausend Jahre vor Heute ausradieren.
   Bei diesem Fund musste Kiera noch präziser arbeiten als sonst. Sie konnte sich keinen Fehler leisten, auch nicht den kleinsten. Sollte sich das Fossil als der Sensationsfund entpuppen, würde jeder amerikanische Anthropologe ihre Untersuchungsergebnisse genauestens unter die Lupe nehmen.
   »Bisher bargen die Wissenschaftler nur einen Knochen des Homo sapiens.« Kiera verlagerte das Gewicht auf das linke Bein und blickte zur Terpentin-Kiefer. Die beiden Angestellten waren verschwunden. Sie sah sich nach ihnen um, bis sie die beiden entdeckte. Die Männer liefen mit Harken zum anderen Ende des Friedhofes. Der Wind war abgeflaut, hatte aber viel Laub hinterlassen. Roteichen säumten in ihrem kahlen Winterkleid den Hauptweg. Das triste Aussehen der Bäume kam ihr bekannt vor. Seit Peters Tod fühlte sie sich, wie die Laubbäume jetzt aussahen. In hilfloser Ohnmacht erstarrt, verbrachte sie ihre Zeit damit, herauszufinden, warum er sterben musste. Allerdings war sie bisher der Antwort keinen Schritt näher gekommen, obwohl sie glaubte, dass die Beantwortung der Frage in ihr lag.
   »Der Anthropologe hat mir Fotos von dem Knochen zugemailt. Es ist eindeutig der erste Phalanges distales.« Seit dem erstmaligen Betrachten der Bilder des Zehenknochens beschlich sie Unruhe. Ein Gefühl kroch ihr unter die Haut, wie der kalte, feuchte Nebel, der gestern Abend in den Straßen Washingtons aufgewallt war, als sie vom Smithsonian nach Hause gefahren war. In ihrem Apartment im lebhaften Stadtviertel Bethesda angekommen, hatte Kiera Kerzen angezündet und war in die flüssige Wärme ihrer gigantischen Badewanne gesunken. Aber weder dem heißen Wasser noch ihrem Lieblingswein war es gelungen, die Anspannung aus ihrem Körper zu vertreiben. Wenige Minuten später eilte sie mit den Fotos des Anthropologen durch ihre Wohnung, wie ein eingesperrtes Raubtier, das sich nach Freiheit sehnte. Erst, als auf der sechsspurigen Wisconsin Avenue vor ihrem Wohnhaus der morgendliche Berufsverkehr einsetzte, stutzte sie. Ein Kugelschreiber in der rechten, oberen Ecke auf einer der Aufnahmen erregte ihre Aufmerksamkeit. Das Modell sah aus wie ein handelsüblicher Stift. Im Verhältnis zu seiner Größe hatte der Zehenknochen exorbitant gewirkt, was bedeutete, dass der Phalanges distales viel zu groß war.
   Kieras Unruhe verdichtete sich zu einem Stechen in der Magengegend. Noch jetzt, an Peters Grab, grübelte sie, ob der Lichteinfall den Knochen imposanter erscheinen ließ, als er sein dürfte. Die Erklärung war zu gewöhnlich für ihren Geschmack. Außerdem beschlich sie das Gefühl, der Anthropologe in San José hätte den Stift nicht aus Versehen mit fotografiert. Der Kugelschreiber wirkte dort platziert, um den Größenunterschied zu demonstrieren, doch woher kam er?
   Kiera seufzte und schüttelte den Kopf. Sie wollte sich nicht zu Hypothesen verleiten lassen, aber die Frage ließ ihr keine Ruhe. Mit den Fingerspitzen strich sie über den Grabstein. Obgleich sie mit Peter viele Charaktereigenschaften und Vorlieben verbunden hatte, zählte Ungeduld nicht dazu. Jedoch teilten sie die Suche nach Antworten, deren Fehlen Kiera in diese angespannte Stimmung versetzte.
   »Leider befand sich keine verwertbare DNA mehr am Knochen, um durch die Sequenzierung der Mitochondrialen-DNA die Art exakt zu bestimmen.« Daher konnte im Vorfeld nicht geklärt werden, ob es sich bei dem Fossil um einen Homo sapiens handelte, aber was sollte es sonst sein? Keine andere Art der Gattung Homo, nur der Mensch, besiedelte Amerika.
   Kiera seufzte erneut. Sie musste die Knochen bergen und untersuchen, doch da lag das Problem. Schmerz presste ihr die Luft aus den Lungen, wenn sie an die Überfahrt zur Insel dachte. Jede Nacht durchlebte sie den Unfall aufs Neue, und am Tag fiel es ihr schwer, das Erlebte auszublenden. Situationen, die sie an das Unglück erinnern könnten, ging sie geflissentlich aus dem Weg. Seit Peters Tod war sie weder am Meer gewesen noch hatte sie sich ein Boot von Weitem angesehen, geschweige denn, eins betreten.
   Allerdings lag eine Reise vor ihr, die sie nie im Leben wiederholen wollte. Einzig ihr Wunsch, Peters Theorie zu bestätigen und seinen Ruf wiederherzustellen, gab ihr die notwendige Kraft, die Fahrt überhaupt anzutreten. Trotzdem konnte sie die Angst nicht abschütteln und ahnte, dass diese noch viel stärker nach ihr greifen würde, bevor sie einen Knochen in der Hand hielt.
   Als Kiera die Schrift auf dem Grabstein nachzeichnete, zitterten ihre Finger leicht. Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen, weil Tränen ihren Blick verschleierten, doch jeder Bogen, bis hin zur letzten Einzelheit, hatte sich tief in ihren Kopf eingebrannt. In goldenen ineinander verschlungenen Schriftzeichen stand dort: Peter Andress, 28.05.1973  – 08.11.2010. Heute vor drei Jahren war ihr Halbbruder gestorben. Er war nicht nur ihr Bruder, sondern auch ihr größtes Vorbild, Vertrauter, Lehrmeister und engster Freund gewesen. Sein Tod hinterließ in ihr eine Leere, die nichts füllen konnte. Nicht einmal die Arbeit. Einzig ihre Schuldgefühle durchzogen das Vakuum mit einer tiefen und kalten Dunkelheit, die Kiera an manchen Tagen an die Unendlichkeit und Eiseskälte des Weltalls erinnerte.
   »Ich komme wieder«, sagte sie und richtete sich auf. Sie warf einen letzten Blick auf das Grab und eilte zum Ausgang. Ihr Flug von Washington, D.C. nach Costa Rica ging am frühen Nachmittag. Auf dem Weg zum Taxi dachte sie an das Versprechen, das sie Peter an ihrem sechzehnten Geburtstag gegeben hatte. An jenem Tag hatte sie ihm offenbart, dass sie in seine Fußstapfen treten wollte. Die Ankündigung überraschte Peter nicht im Mindesten. Seine Begeisterung für die Anthropologie hatte schon Jahre zuvor auf Kiera abgefärbt. Es war die logische Wahl und eine Liebe mehr, die sie verband.
   »Folge immer deinem Herzen«, sagte er und nahm sie in die Arme. »Lass dir nichts von Schreibtischtätern aufzwingen, arbeite präzise und examiniere dein Ergebnis mehrmals. Erstelle eine lückenlose Dokumentation deiner Untersuchungen, ziehe auf keinen Fall leichtfertige Schlussfolgerungen und betrachte das Resultat von verschiedenen Seiten. Entscheide dich erst für die Publizierung, wenn du im Inneren nicht den geringsten Zweifel mehr spürst.«
   »Das werde ich.« Sie hatte es ihm versprochen und ihr Wort bis zum heutigen Tag nicht gebrochen. Nach Peters Tod hielt sie sich peinlich genau an das Versprechen. Sie wollte ihn nicht enttäuschen. Als Kiera vor einem halben Jahr im Smithsonian zu arbeiten begann, gab ihr ein Kollege den Spitznamen Doktor Kleingeist, und ihre Angst vor Fehlern wuchs zu einer Phobie an.

*

Im September 1636 gründeten in Cambridge, Massachusetts, britische Siedler das erste College der Vereinigten Staaten, welches einige Jahre später nach dem englischen Geistlichen John Harvard benannt wurde. Obwohl die altehrwürdigen, von Efeu überwucherten Universitätsgebäude nichts von ihrem Fortschritt im Inneren erkennen lassen, so befinden sich heute darin ultramoderne Forschungseinrichtungen, Vorlesungssäle, Büros und Schlafsäle, aber ebenso die größte Universitätsbibliothek der Welt. Der Campus bot neben gepflegten Parkanlagen mehrere unterschiedliche Museen. Zu ihren eindrucksvollen Sammlungen gehören Zeichnungen von Michelangelo, Albrecht Dürrer und Rembrandt.
   Nicht weit vom Universitätsgelände entfernt, befindet sich an der Massachusetts-Avenue das Hotel A Cambridge House Bed & Breakfast Inn. Die Gäste des Hauses können zwischen Unterkünften im viktorianischen und modernen Stil wählen.
   Colin hatte sich für ein zeitgenössisch eingerichtetes Zimmer entschieden. Er stand im Bad und musterte im Spiegel die rauchgraue Seidenkrawatte, die er auf sein blütenweißes Hemd gelegt hatte.
   Wiederholt fragte er sich, ob der Schlips angemessen oder zu viel war. Der schwarze Anzug wirkte seiner Meinung nach allein besser, aber seine Ansicht zählte nicht. Auch wenn er den Talar tragen würde, wollte er nicht in Jeans und T-Shirt zur Verleihung gehen. Ohne einen Entschluss gefasst zu haben, eilte er zum Bett, warf die Krawatte darauf und zuckte zusammen, als sein iPhone klingelte. »Nicht jetzt.« Trotzdem griff er in die Hosentasche und fischte das Handy hinaus. Er lächelte, als er sah, wer der Anrufer war, und stellte die Verbindung her. »Dad, Glückwünsche sind noch nicht angebracht. Die Feier beginnt erst in zwei Stunden.«
   Seine Gedanken wanderten zu dem Streit zurück, den seine Eltern wegen der Promotionsfeier gehabt hatten. Seine Mutter wollte dabei sein, wenn er den Doktortitel verliehen bekam. Ihr Wunsch endete in einer heftigen Diskussion zwischen ihr und seinem Vater, denn dieser nahm sich als Kardiologe schlichtweg das Recht heraus, seiner Gemahlin und Patientin die Reise zu verbieten. Daraufhin sprach sie kein Wort mehr mit ihm und schlief im Gästezimmer. Erst, als Colin versprach, die Zeremonie von einem Bekannten filmen zu lassen, beendete seine Mutter ihr Schmollen und zog unter dem Vorwand, dass die Fenster in dem Raum undicht seien, ins Schlafzimmer zurück.
   »Tut mir leid, deswegen rufe ich nicht an. Du musst nach Costa Rica fliegen. Sofort!«
   »Was?«, fragte Colin, obwohl er jedes Wort verstanden hatte.
   »Du musst nach Costa Rica fliegen«, sagte sein Vater mit sich überschlagender Stimme. »Jetzt.«
   »Für Scherze bin ich im Augenblick nicht zu haben«, entgegnete Colin und hielt das Thema damit für beendet. Während er zurück ins Bad lief, kreisten seine Gedanken erneut um die bevorstehende Promotionsfeier. Vor sieben Jahren hatte er das Doktoratsstudium an der Harvard Graduate School of Arts and Science begonnen. In der Zeit plagten ihn oft Selbstzweifel, den Anforderungen eines solch harten Studiums überhaupt gewachsen zu sein, doch trotz all seiner Bedenken hatte er es geschafft und stand nun wenige Augenblicke vor der Überreichung der Doktorurkunde. Das Ereignis war die Krönung eines langen, steinigen Weges. Die Ziellinie lag direkt vor ihm, war zum Greifen nahe. Nichts würde ihn davon abhalten, sie zu überqueren. »Was immer es ist, weshalb ich nach Costa Rica fliegen soll, es kann warten«, fügte Colin für den Fall an, dass sein Vater seine Ablehnung nicht akzeptieren wollte.
   »Nein, eben nicht. Die Zeit spielt eine wichtige Rolle. Es zählt jede Minute. Es tut mir unendlich leid, dass du nun bis nächstes Jahr auf deinen Titel warten musst, doch wir haben keinen anderen, den wir schicken können«, erwiderte sein Vater.
   Der hektische, beinahe panische Tonfall in dessen Stimme ließ Colin aufhorchen. »Bitte beruhige dich. Was ist passiert?«
   »Keenanistgefundenworden.«
   »Wie bitte?« Sein Vater hatte die Worte ohne Pause oder Artikulierung ausgesprochen, weshalb Colin nichts verstanden hatte.
   Aus dem Hörer drang ein lautes und tiefes Einatmen. Sein Vater schien um seine Fassung zu ringen. »Keenan ist gefunden worden.«
   Der Satz wirbelte durch Colins Kopf wie ein Sandsturm. Seine Gehirnzellen weigerten sich, die Aussage anzuerkennen. Es war fast so, als hätte ihm sein Vater unumwunden erklärt, der echte Weihnachtsmann stünde vor seiner Zimmertür und begehrte Einlass. Diese Option war ebenso absurd wie der Umstand, dass die Überreste des Wächters entdeckt worden waren, doch die Stimme seines Vaters klang nicht danach, als hätte er einen Witz auf Colins Kosten gemacht.
   »Was? Was sagst du da?« Colin musste sich einfach vergewissern, obgleich er die Äußerung seines Vaters bei der ersten Wiederholung verstanden hatte.
   »Ja … er … er ist es«, stammelte dieser. »Nach so langer Zeit.«
   Die Worte seines Vaters sickerten in Colins Hirn. Er krallte die freie Hand um den Türrahmen. Die Ankündigung riss ihm beinahe den Boden unter den Füßen weg. Wie fühlte man sich als Erwachsener, wenn man sich abrupt in einem Märchen, in einer Legende wiederfand? Er wusste es mit einem Schlag. Es war nicht das Traumwolkenland, in das man als Kind flüchtete, um dem furchtlosen Helden bei seinen Abenteuern beizustehen. O nein, überhaupt nicht. Der Realität haftete der bittere Beigeschmack einer psychiatrischen Anstalt an. Das kindliche Denken besaß in der Hinsicht einen klaren Vorteil gegenüber dem logischen, mit alltäglichen Problemen behafteten Gehirn eines Erwachsenen. Colin schluckte mühsam das überdrehte Kichern hinunter, das sich in seiner Kehle formte.
   Keenans fossile Überreste bedeuten nichts. Sie waren nur ein Teil der Medaille.
   Es ist eine Medaille. Der Hüter und der Wächter gehören zusammen. Wo ein Fragment ist, befindet sich das andere, widersprach eine gehässige Stimme in seinem Inneren.
   Colin schnaubte und verdrehte die Augen. Die Geschichte um Keenan war nichts weiter als eine Legende. Zugegebenermaßen existierte das Märchen seit Äonen, trotzdem begriff Colin nicht, weshalb viele Nachfahren daran glaubten. Vermutlich, weil die Hoffnung darin ihnen Kraft verlieh, ihr Leben zu akzeptieren, das eigentlich anders aussehen sollte. »Ich … kann es nicht glauben. Bist du dir sicher?«, hakte er nach.
   »Ja, es gibt keinen Zweifel. Er ist es, obwohl bisher nur ein Zehenknochen gefunden wurde. Ich habe gestern Baxter, den Direktor des Smithsonian Nationalmuseums, auf einer Vernissage getroffen. Er hat mir ein Foto des Knochens gezeigt. Baxter war wegen dessen Alter völlig außer sich und hat mir weiterhin erzählt, dass er eine Anthropologin auf die Insel schickt, die das Fossil bergen soll.«
   »Wenn das … das wahr ist, dann …«
   »Findet sie auch den Hüter«, sagte sein Vater.
   Colin stöhnte leise. Das hatte er nicht sagen wollen, aber er ließ die Feststellung seines Vaters unkommentiert. Zu oft hatten sie in der Vergangenheit über das Thema gestritten, und es lohnte nicht, die Diskussion zu erneuern. Ihre Meinungen hinsichtlich des Hüters gingen weit auseinander. Während sein Vater fest an die Legenden glaubte, die sich um den Hüter rankten, hielt Colin sie für reinste Spekulation. Weil er keine Lust auf eine Fortsetzung des Streits verspürte, entschied er sich für eine zweideutige Formulierung. »Seit 17.508 Jahren suchen die Nachfahren nach ihm. Sollte es wahr sein, dass er ausgerechnet jetzt gefunden wird?«
   »Noch ist er es nicht«, erwiderte sein Vater. »Was uns die Gelegenheit gibt, zu reagieren. Du musst den Hüter vor ihr finden.«
   Colin schnaubte, stieß sich vom Türrahmen ab und stapfte ins Zimmer. Schlimm genug, dass sein rational denkender Vater an ein Märchen glaubte, aber musste er deshalb seine Promotionsfeier verpassen? Nein, garantiert nicht. »Seit wann bedienen wir uns krimineller Machenschaften?«
   »Denkst du, mir gefällt der Gedanke? Leider haben wir keine andere Wahl. Was glaubst du, was passiert, wenn sie ihn vor dir findet?«
   »Sie kann nichts mit ihm anfangen«, entgegnete Colin und blieb vor dem Erker stehen. Die bordeauxfarbenen Gardinen vor den Fenstern wirkten auf ihn mit einem Schlag wie ein rotes Tuch. Sein Vater konnte unmöglich von ihm verlangen, dass er den Hüter stahl. Einen Gegenstand, an dessen Existenz er nicht glaubte, sein Vater jedoch schon. Das machte die Sachlage weitaus komplizierter. Sein Vater, der die Inkarnation des Gesetzes schlechthin war, war wohl in Bezug auf den Hüter bereit, seine innere Einstellung beiseitezuschieben wie eine zu warm gewordene Decke.
   »Das nicht, aber was ist mit dem Metall?«, fragte sein Vater und unterbrach damit Colins Gedankengänge. »Der Hüter besteht aus Sequis-Erz. Selbst wenn die Anthropologin keine Expertin auf dem Gebiet der Metallurgie ist, sollte ihr die türkisblaue Farbe auffallen. Außerdem hat ein derartiger Gegenstand bei einem über fünfzehntausend Jahre alten Fossil nichts zu suchen. Keenans Knochen reichen unter Umständen nicht aus, dass sie die korrekte Schlussfolgerung zieht, doch der Hüter führt sie geradewegs zur einzig logischen Erklärung.«
   Colin wirbelte herum. »Und wo liegt das Problem? Niemand kann uns mit dem Wächter in Verbindung bringen.« Ein Seufzen drang aus dem Hörer. Für ihn klang es, als hätte sich sein Vater auf die Diskussion vorbereitet, jedoch gehofft, sie würde ausbleiben.
   »Verstehst du nicht? Keenans Knochen könnte sie eventuell einer negativen Mutation zuschieben, nicht aber den Hüter. Als der Wächter starb, wurde weder Kupfer noch Gold oder Silber verarbeitet. Diese Entdeckung wird Baxter niemals verheimlichen können und wollen. Keenan und der Hüter würden zu den populärsten Ausstellungsstücken des Smithsonian werden. Ich kann nicht glauben, dass das in deinem Interesse ist.«
   Colin schwankte, lief zum Bett und sank auf die weinrote Tagesdecke. Die Vision von Keenans fossilen Überresten, die in einer Vitrine lagen, jagte ihm als Kunsthistoriker eine Gänsehaut über die Unterarme. Die Härchen auf seiner Haut stellten sich kerzengerade auf, als würden sie von einem Magneten angezogen werden.
   Er achtete und schätzte Museen, genau wie die in ihnen aufbewahrten wertvollen Objekte, von denen jedes seine eigene Geschichte besaß. Das war einer der Gründe, warum er sich entschieden hatte, sein Doktoratsstudium an der Harvarduniversität zu absolvieren. Die Museen und die Bestände der Universitätsbibliothek dieser Institution waren exklusiv. Aber Keenan gehörte nicht in einen mit einem Messingschild beschrifteten Schaukasten, an dem sich Tausende Besucher tagtäglich die Nase platt drückten. Übelkeit wälzte sich bei der Vorstellung durch Colins Magen. Die Museumsgäste würden den Wächter begaffen, als wäre er eine Kuriosität, ein Monstrum. Colin schmeckte beißende Gallensäure auf seiner Zunge. Er schluckte, doch der scheußliche Geschmack blieb haften. Obwohl es ihm schwerfiel, an die Legenden zu glauben, besaß die Logik seines Vaters keinen wunden Punkt. Keenans Überreste durften nicht als Abnormität in einer Vitrine enden. Wie er das verhindern sollte, war ihm nicht klar. Die Entscheidung konnte er nur vor Ort treffen. »Wann soll ich fliegen?«
   »Wenn du mit Packen fertig bist. Ich bin gleich bei dir«, antwortete sein Vater mit einer Stimme, der nur ein Hauch Überraschung anhaftete.
   »Was?«, fragte Colin. Sein Vater war in Cambridge? Wieso? »Dad, wo ist Mom?«
   »Zu Hause. Wo sollte sie sonst sein?«
   »Ich dachte …«
   »Dass sie mich überredet hat? Sie hat es versucht. O ja.« Sein Vater brach ab und stieß zischend die Luft aus. »Unzählige Male hat sie das Thema zur Sprache gebracht, und ich muss zugeben, dass sie mich beinahe weich gekocht hätte. Nun, du kennst deine Mom.«
   Er grinste. »Genau wie dich, und ich weiß, dass du ihr kaum etwas abschlagen kannst. Okay, ich brauche nicht lange zum Packen. Wieso bist du hier, wenn ihr nicht vorhattet, zu meiner Verleihung zu kommen?«
   »Weil du eine Sondergenehmigung benötigst, um die Insel zu betreten.«
   »Warum? Wo befindet sie sich?«, fragte er und lief zum Schrank.
   »Circa fünfhundert Kilometer vor der Küste von Costa Rica. Es gibt Regeln für die Insel, weil sie unter Naturschutz steht. Wer sie besuchen will, muss Eintritt bezahlen, oder er hat eine Sondergenehmigung. Schlafen dürfen auf ihr nur einige Biologen und die Parkranger.
   »Sagtest … sagtest du Ranger?« Colin sank gegen den Schrank. Das Wort rief in ihm Erinnerungen wach, an eine Nacht, die wie so viele andere an Bord der Jacht seiner Grandma begonnen hatte, doch nicht wie all die anderen verlaufen war. Wenn seine Grandma nicht törichterweise ihre Motorjacht so nah an das Unwetter gesteuert hätte, wäre die junge Frau ertrunken, die er aus den Fluten gerettet hatte.
   Colin seufzte und schloss die Augen. Ihr Haar war durch seine Finger geglitten wie flüssige nachtschwarze Seide, und ihr Duft berauschte noch immer seine Sinne, obgleich jener Moment drei Jahre her war. Als er in den Tiefen des Meeres nach ihr gegriffen hatte, erleuchtete ein strahlendes Licht die Dunkelheit in seinem Inneren. Ihre Seele ergänzte seine so perfekt, als wären sie als Einheit erschaffen worden. Die Erkenntnis, seine Seelenpartnerin gefunden zu haben, lähmte Colin für Sekunden. Während sie in die Finsternis des Ozeans hinabsanken, rauschten Euphorie und Entsetzen durch seine Adern. Obwohl die junge Frau ohnmächtig war, hatte sie unsichtbare Ketten um seinen Körper und seine Seele geschlungen, die kein Schloss und keine Brechstange jemals würde lösen können. Sie war für ihn bestimmt, diese eine Frau, die er niemals wiedersehen durfte, denn sie war ein Mensch.
   Nachdem er sich gefangen hatte, legte er seine Seelenpartnerin an den Strand einer nahe gelegenen Insel und heilte ihre Verletzung an der Stirn. Als sich Männer in Rangeruniformen näherten, zwang er sich, zur Jacht zurückzuschwimmen, obgleich jeder Meter unmenschliche Schmerzen in seinem Leib auslöste. Die Ketten, die genauso transparent wie Luft waren, hatten ihn mit Süße und Wehmut an die Frau gebunden, die seine Seele und sein Körper niemals vergessen würden.
   Colin schob die Erinnerungen zur Seite und öffnete die Augen. Eine weitere Schicht Eis legte sich um sein Herz, das dumpf in seinem klirrenden Gefängnis pochte. Quälende Sehnsucht bestimmte seitdem sein Leben, Tag und Nacht. Kein anderer roter Mund hatte seinen Hunger stillen können, mochte er auch die erotischsten Sünden versprechen.
   »Colin? … Colin, bist du noch da?«
   »Ja«, antwortete er und schüttelte mehrmals den Kopf. Das half nicht gegen sein Verlangen, das nach dieser Zeit nicht einmal Eiswasser abzukühlen vermochte, doch die Bewegung klärte seine Gedanken.
   »Hörst du mir zu?«, fragte sein Vater mit einer Stimme, in der deutlich Misstrauen mitschwang.
   »Du hast die Genehmigung?« Sein Vater besaß weitreichende Verbindungen überall auf der Welt. Er hatte vor zwanzig Jahren den weißen Kittel an den Nagel gehängt und die Leitung der weltweit agierenden Firma Earth 2100 übernommen, unter deren Deckmantel die Nachfahren Forschungen betrieben und Patente verkauften.
   »Klar.«
   Colin verdrehte die Augen und warf die ersten Sachen in seine Reisetasche. Dass die Verbindungen seines Vaters bis nach Costa Rica reichten, hatte er bisher nicht geahnt. »Unter welchem Vorwand willst du mich auf die Insel schicken? Ich kann schlecht als Tourist dort auftreten, oder?«, fragte er, schnappte sich einen Stapel Unterwäsche und verstaute ihn.
   »Nein, sicher nicht. Deshalb bist du der Einzige, dem wir die Aufgabe übertragen können. Ich habe einen Auftrag der vatikanischen Museen für dich.«
   Er horchte auf. »Vatikan? Wieso?«
   »Der Kirchenschatz von Lima sagt dir doch etwas, oder sollte ich mich irren?«
   »Lima? Kapitän Thompson soll den Schatz auf der Isla del Coco versteckt haben, laut Legende.« Er schwieg mehrere Sekunden. »Auf der Insel ist Keenan gefunden worden?«
   »Genau.«
   »Der Kirchenschatz auch?«, fragte Colin und warf in schneller Abfolge ein paar T-Shirts und Hemden in die Reisetasche.
   »Bisher nur vier Dublonen. Sie lagen in dem Geröll, welches Keenan bedeckt. Neben den Überresten des Wächters befindet sich das Fossil eines Sauropoden. Fünf Wissenschaftler sind vor Ort, um es aus dem Gestein zu bergen. Ich fürchte, einen von ihnen kennst du.«
   »O nein«, sagte Colin und richtete sich auf. »Du meinst doch nicht etwa Doktor Hernández?«
   »Er ist inzwischen Professor. Wirst du mit ihm klarkommen?«
   »Ich mit ihm? Sicher. Es ist nur die Frage, ob er mit mir. Als wir uns das letzte Mal sahen, machte er auf mich nicht den Eindruck, als könnte er mir meine Expertise je verzeihen. Spielt das eine Rolle?«
   »Hm? Ich weiß nicht. Er besitzt gute Beziehungen zur Regierung von Costa Rica und nutzt sie, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn er unzufrieden ist. Sei auf der Hut, er wird dich nicht aus den Augen lassen.«
   »Ich bin vorsichtig, versprochen. Ich habe seinen Charme nicht vergessen. Muss ich sonst noch etwas wissen?«
   »Keenan liegt in einer Höhle tief unter einem der Tunnel, die August Gissler gegraben hat. Du musst dich abseilen, um hinunterzukommen. Ich habe deine Kletterausrüstung und passende Kleidung eingepackt.«
   »Okay«, sagte Colin und eilte ins Bad.
   Ein paar Augenblicke später checkte er aus und bestieg den Mietwagen, mit dem sein Vater gekommen war. Auf der Fahrt zum Flughafen hing Colin seinen Gedanken nach, die sich zumeist um die verpasste Promotionsfeier drehten. Als er die Falcon 7X, ihren Privatjet, betrat, wäre er am liebsten umgedreht. In knapp fünfundvierzig Minuten hätte er die Doktorurkunde in den Händen gehalten, stattdessen musste er nun bis zur nächsten Feier im Frühling warten. 17.508 Jahre lang waren Keenans sterbliche Überreste verschwunden gewesen, und nun blieb ihm keine Zeit mehr, die Urkunde in Empfang zu nehmen.

2. Kapitel

Als erster Europäer landete Christoph Kolumbus im Jahr 1502 an der Atlantikküste Costa Ricas. Kolumbus nannte das Land Costa Rica y Castillo de Oro, was so viel bedeutet wie reiche Küste und goldene Burg. Erst nach der Eroberung erkannten die Spanier, dass Costa Rica nicht über die erhofften Edelmetalle verfügte. Trotzdem besaß es einen einzigartigen Schatz, nur wächst dieser auf der Oberfläche. Die artenreiche Flora und Fauna des Landes lockt auch heute noch zahlreiche Touristen an, die bewaffnet mit Kameras in den unzähligen Nationalparks nicht lange auf sehenswerte Motive warten müssen.
   In der Hochebene Valle Central liegt Costa Ricas Hauptstadt San José. Einige Kilometer weiter westlich von ihr befindet sich der Flughafen Juan Santamaria. Um ein Uhr morgens, drei Stunden später als geplant, verließ der Airbus der United Airlines seine Reiseflughöhe und begann mit dem Landeanflug. Kiera saß regungslos und kerzengerade auf ihrem Sitz. Sie starrte auf den Bildschirm vor sich, auf dem neben Flughöhe und Außentemperatur noch andere Daten angezeigt wurden, und nahm nur am Rande die aufgeregten Stimmen der Passagiere wahr. Während der langen Wartezeit auf dem Denver International Airport hatte sie die Courage verlassen, die sie aus dem Wunsch schöpfte, Peters Ruf wiederherzustellen. Sie bemühte sich, nicht an den Unfall zu denken. Stattdessen kramte sie in ihrem Kopf nach Erinnerungen von Peter, die aus glücklicheren Tagen stammten. Sie wollte nicht aus Feigheit umkehren. Peter war immer für sie da gewesen, und jetzt lag es an ihr, das Gleiche für ihn zu tun. Seit sie sich zurückerinnern konnte, war er ihre Bezugsperson. Ihre Mutter hatte sie nie kennengelernt, weil sie kurz nach Kieras Geburt starb. Ihren Vater hatte sie selten zu Gesicht bekommen, denn er weilte mehr in Langley als zu Hause. Daher hatte sich Peter um sie gekümmert, obgleich er knapp neun Jahre älter gewesen war. Auch die Sticheleien seiner Freunde, wegen des Quälgeistes, welchen er als Anhängsel mitbrachte, änderten daran nichts. Er nahm Kiera mit zum Baseball, ging mit ihr auf den Spielplatz, brachte ihr das Fahrradfahren bei und lehrte sie das Lesen und Schreiben. In all der Zeit dachte er selten an sich. Für Kiera war es normal, dass ihr Bruder Mom und oftmals Dad ersetzte. Erst später begriff sie, wie viel Last auf Peters Schultern gelegen und was er für sie aufgegeben hatte.
   Oft machte sie ihm das Leben zur Hölle. Mehr als einmal lief sie ihm im Einkaufszentrum weg, weil er ihr nicht das Eis oder die Süßigkeit kaufte, die sie haben wollte. Anschließend bummelte sie durch die Geschäfte und fand die Vorstellung lustig, dass Peter sie stundenlang suchen musste. Dass er zu Hause die Strafe für ihr Zuspätkommen abbekam, empfand sie als gerecht. Noch heute wunderte es Kiera, dass Peter daran nicht verzweifelt war. Er steckte geduldig die Bestrafung ein, die sie hätte für ihren Trotz bekommen müssen, und hielt auch die andere Wange hin, um sie zu beschützen. Erst mit zehn änderte sich Kiera schlagartig.
   Sie erinnerte sich genau an jenen Weihnachtstag vor einundzwanzig Jahren. Unter dem Tannenbaum stand ihr heiß ersehntes Mountainbike. Seine hellblaue Farbe glänzte warm im Schein der Weihnachtsbaumbeleuchtung. Kiera spürte bereits beim Betrachten des Rades den Wind in ihren Haaren und sah in Gedanken die Bäume in rasender Geschwindigkeit vorüberziehen. Vorfreude kribbelte durch ihren Körper. Sofort begann sie zu betteln, das Bike ausprobieren zu dürfen, doch Dad verbot es. In der Nacht zuvor hatte es geschneit, eine zentimeterdicke weiße Decke bedeckte den Boden. Dreißig Minuten quengelte sie, bis Dad der Geduldsfaden riss und er sie auf ihr Zimmer schickte. Dort warf sich Kiera aufs Bett und ließ ihre Wut an dem dämlichen rosafarbenen Kopfkissen aus. Wiederholt trommelte sie mit den Fäusten auf die Disney-Bettwäsche ein. Cinderella schien mehr und mehr an all dem Unrecht schuld zu sein, welches Kiera widerfahren war. Mitten in ihre Wutattacke hinein klingelte das Telefon. Sie hielt inne, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und schlüpfte vom Bett. Auf leisen Sohlen lief sie zur Tür und öffnete sie einen Spalt.
   »Es ist Weihnachten«, rief Dad mit kalter Stimme. »Meine Kinder brauchen mich. Wenigstens diesen Tag möchte ich mit ihnen verbringen.«
   Kiera rannte zur Treppe und eilte drei Stufen hinunter. Von dort aus spähte sie ins Wohnzimmer. Dad stampfte vom Terrassenfenster zum Kamin und zurück. So eng wie möglich drückte sie sich an das Holz, weil Dads Mimik nach einem Donnerwetter aussah. Wenn er sie jetzt entdecken würde, brummte er ihr Hausarrest für die nächsten Tage …
   »Warum rufst du nicht Andrew an? Er hat weder Frau noch Kinder«, rief er.
   Kiera seufzte. Onkel Andrew war Dads Arbeitskollege bei der CIA. Beide arbeiteten dort als Kryptographen.
   Im gleichen Augenblick stöhnte Dad laut auf. »Was hat er? Herrgott, wann kapiert er endlich, dass Snowboard fahren nichts für ihn ist? Wie geht es ihm?«
   Kiera schlüpfte eine weitere Stufe hinab, ohne den Blick von Dad abzuwenden. Vielleicht hatte er nach dem Telefongespräch seine Anordnung vergessen und sie durfte ins Wohnzimmer zurück? Dort konnte sie wenigstens das Bike anfassen und bestaunen.
   »Okay, ich komme. Ich kann nur hoffen, dass meine Kinder mir das irgendwann verzeihen.«
   Hinter Kiera erklang ein wütendes Schnauben. Sie wirbelte herum und unterdrückte gerade rechtzeitig einen Aufschrei.
   Peter stand auf der obersten Treppenstufe und sah zu ihr herab. »Nicht einmal an Weihnachten lassen sie ihn in Ruhe«, schimpfte er leise. Seine blauen Augen schimmerten verdächtig. Erst in dem Moment begriff sie.
   »Nein«, rief Kiera, sprang auf und sauste die Treppe hinab. Keine zwei Schritte später stoppten sie Dads Beine. »Bleib hier.« Sie umklammerte ihn fest, als könnte sie ihn auf die Weise aufhalten. »Bitte Dad, du darfst nicht gehen. Nicht heute, bitte!«
   Kiera spürte, dass Dad ihr mit seiner großen, starken Hand über den Kopf strich. Sanft und beschwichtigend. Die gleichmäßigen Bewegungen lösten einen weiteren Tränenstrom aus, der sich aus ihren Augen stürzte.
   »Es tut mir leid, ihr zwei, aber Onkel Andrew liegt im Krankenhaus. Er hat sich beide Beine und ein paar Rippen gebrochen. Sie brauchen mich in Langley. Ich hoffe, dass ich heute Abend zurück bin.«
   »Steht die Sicherheit der Nation auf dem Spiel?«, fragte Peter mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme, den Kiera von ihm kannte, wenn er sich mit seinen Freunden stritt.
   Sie drehte den Kopf und sah zu ihm hinauf. Er stand mit geballten Fäusten und durchgedrücktem Rücken nach wie vor auf der obersten Stufe.
   »So in etwa«, erwiderte Dad. »Das Essen steht im Kühlschrank. Vergesst bitte nicht, dass Tante Judith heute Abend kommt. Okay?«
   »Prima«, rief Peter, wandte sich um und lief steifbeinig den Flur entlang zu seinem Zimmer.
   Kiera blickte Peter nach, bis die Tür dröhnend ins Schloss fiel. Kurz darauf erklang in der Diele ein leises Seufzen. Sie drehte den Kopf zurück und sah zu Dad hoch. Den Ausdruck in seinen Augen kannte sie. Er erschien immer dann, wenn er Moms Bild betrachtete.
   »Nicht weinen, mein Liebling«, sagte er und ging in die Hocke. »Ich mache es wieder gut, versprochen.«
   »Wann? An meinem Geburtstag vor zwei Wochen warst du auch arbeiten.«
   »Ich weiß es nicht. Aber ich habe für nächstes Jahr etwas Wunderschönes geplant.«
   »Was?«, fragte Kiera.
   »Urlaub in Costa Rica. Herrliche Traumstrände und viele Tiere. Klingt das gut?«
   Sie nickte, aber nur, um Dad eine Freude zu machen. Die Sommerferien waren noch weit weg. Heute war Weihnachten und Dad musste fort, wieder einmal. Tränen kullerten unentwegt aus ihren Augen. Warum musste er immer arbeiten? Sie hasste das.
   Dad gab ihr einen Kuss auf die Stirn und richtete sich auf. »Sei brav und höre auf deinen Bruder, ja?«
   Kiera fiel es schwer, zu nicken. Sie hätte Dad alles versprochen, wenn er bleiben würde. Doch ob sie jetzt Ja oder Nein sagte, änderte nichts daran, dass sie Weihnachten ohne ihn verbringen mussten.
   »Gut«, murmelte er und drehte sich um. Von der Flurgarderobe schnappte er sich seinen Mantel und die Schlüssel und verließ mit dröhnenden Schritten das Haus.
   Als die Tür ins Schloss fiel, setzte sich Kiera auf die unterste Stufe, zog die Beine an und vergrub ihren Kopf in den Armen. Wie lange sie dort saß und weinte, wusste sie hinterher nicht mehr. Irgendwann zog Peter sie an sich und tröstete sie. Als er ihr nasses Gesicht mit einem Taschentuch trocknete, sah sie, dass er nicht geweint hatte.
   Er war wütend. »Komm, zieh dir dicke Sachen an.«
   »Wozu?«
   Peter grinste schief. »Du wolltest doch dein Mountainbike ausprobieren.«
   »Aber … aber Dad hat es verboten.«
   Im gleichen Moment wurde Peter ernst. Er sprang auf und rannte die Treppe hoch. »Er ist nicht hier, oder siehst du ihn irgendwo?«, rief er von der obersten Stufe herab. »Wenn du nicht willst, fahre ich eben allein.«
   Kieras Blick wanderte zu ihrem Bike. Ihr Traum in himmelblau glitzerte und strahlte hell und stand einsam unter dem Tannenbaum.
   Zehn Minuten später schloss sie die Haustür von außen. Ihr Gesicht glühte, als sie sich auf den Sattel setzte und Peter zum nahe gelegenen Park folgte. Nach den ersten Metern wusste sie, dass es nichts Schöneres auf der Welt gab als dieses Fahrrad. Die Räder drehten sich fast von selbst, der Fahrtwind strich zärtlich über ihre erhitzten Wangen und die schneebedeckten Backsteinhäuser flogen an ihr vorbei. Sie lachte, bewegte noch schneller ihre Beine und erreichte als Erste den Park. Nur wenige Leute waren zur Mittagszeit unterwegs. Kiera bemerkte ein junges Pärchen, das knutschend unter einer Rotbuche stand. Ein älteres Ehepaar, das schwer mit Geschenken beladen war, verließ in dem Augenblick den Park auf der anderen Seite. Rechts neben ihr bauten mehrere Kinder einen Schneemann. Kiera wollte sich gerade zu Peter umdrehen, als ein Schneeball knapp an ihrem Ohr vorbei pfiff. Sie drehte den Kopf in die Richtung, aus der er kam, und sah drei Freunde von Peter, die sie anscheinend als Zielscheibe auserkoren hatten.
   Sie zeigte ihnen eine lange Nase, stellte sich auf, trat kräftig in die Pedalen und beugte sich tief über den Lenker. Das Rad machte einen Satz nach vorn und schoss den Abhang hinab.
   »Kiera, nicht so schnell«, rief Peter. »Fahr langsamer, bitte!«
   Statt zu bremsen, holte sie alles aus ihren Beinen heraus, was ging. Die Geschwindigkeit war berauschend. Sie wollte noch mehr. Ihr Herz machte vor Aufregung einen Hüpfer und ihr Puls raste. Tante Judith pflegte stets zu sagen, Kiera hätte eher als Junge denn als Mädchen zur Welt kommen sollen. Sie riet Dad, Kiera nicht zum Ballettunterricht, sondern zum Baseball zu schicken sowie ihr Cowboys und Indianer zum Spielen zu geben. Zu Kieras Leidwesen hörte Dad nicht auf Tante Judith. Barbiepuppen, Märchenschlösser und Traumprinzen fand Kiera öde, obwohl ihr Zimmer damit bis unter die Decke ausgefüllt war. Peter gab ihr heimlich seine alten Autos und die Eisenbahn zum Spielen, doch dafür war sie inzwischen zu alt. Für das Mountainbike noch lange nicht. Endlich war sie genauso schnell wie Peter. Den Vorteil wollte sie auskosten, so lange es ging.
   Sie drehte den Kopf und hielt nach Peter Ausschau. Er lag weit zurück und würde sie so rasch nicht einholen. Mit einem Gefühl des Triumphs blickte sie nach vorn, da schoss ein cremefarbenes Fellbündel aus dem Gebüsch links vor ihr und lief geradewegs auf sie zu. Kiera erschrak und betätigte die Handbremse. Abrupt und ohne vorherige Warnung blockierte das Vorderrad. Sie flog über den Lenker, krachte eine geschätzte Sekunde später mit voller Wucht auf den Weg und begrub unter ihren Beinen ein Tier.
   »Kiera«, rief Peter hinter ihr.
   Sie richtete sich auf und stöhnte. Ihr wurde übel. Alles drehte sich. Von ihrer rechten Hand zog ein feuriger Schmerz bis herauf in die Schulter. Ihr Hinterteil tat weh, und mit Entsetzen bemerkte sie, dass ihre Lieblingsjeans ein langer Riss zierte. Als sie ein leises Winseln vernahm, schrumpfte der Schmerz zu einem erträglichen Pochen. Das Geräusch kam eindeutig von ihren Oberschenkeln.
   »Kiera, ist dir was passiert?« Peter keuchte und warf sein Rad in den Schnee.
   »Scht«, murmelte sie und öffnete die Beine. Darunter kam ein Labradorwelpe zum Vorschein. Sein Fell sah kuschlig weich aus, nur die Nase und die Augen hoben sich von dem Hellbraun ab. Kiera ließ ihren Blick von dem noch knautschig aussehenden Gesicht des Welpen über seinen Rücken zu seinen Pfoten gleiten.
   »Peter, schnell, hilf mir mal«, rief sie, als sie eine Wunde am Bein entdeckte. »Wir müssen ihn zu einem Arzt bringen.«
   »Da musst du erst einmal hin«, entgegnete er. »Du hast dir die Hand gebrochen.«
   Kiera schnaubte. »Quatsch. Da ist nichts.«
   »Ach. Und was ist das?«
   Als Peter sie am Handgelenk leicht berührte, jagte ein höllischer Schmerz ihren Arm herauf. Sie biss die Zähne fest aufeinander, dennoch konnte sie die Tränen nicht verhindern, die ihr aus den Augen schossen. »Er muss zuerst zum Arzt«, sagte sie und strich dem Kleinen beruhigend übers Fell. »Er blutet, ich nicht.«
   »Das ist eine Hündin, kein Rüde«, sagte Joshua. Er gehörte zu den Jungs, die einen Schneeball nach ihr geworfen hatten. Ebenso die beiden anderen, die sich links und rechts neben Peter stellten.
   »Trägt sie ein Halsband?«, fragte Dylan.
   Kiera tastete am Hals der Kleinen entlang. »Nein.«
   »Ich kann sie mit nach Hause nehmen«, sagte Benjamin. »Mein Onkel ist Tierarzt. Er ist bei uns zu Besuch und könnte sie sich ansehen.«
   Kiera blickte zu ihm hinauf. »Hast du mir nicht erzählt, er habe ein Tierheim?«
   »Tierpension.«
   »Dann kann sie gleich dort bleiben«, sagte Peter. »Dein Onkel findet bestimmt ein schönes Zuhause für die Kleine. Komm Kiera, ich muss dich zum Arzt bringen.«
   »O nein, ich gehe nirgendwohin. Erst versprichst du mir, dass ich Hailey behalten darf.«
   Peter kniete sich neben sie in den Schnee. »Hailey, soso. Süße, von mir aus gern, aber Dad wird mir den Kopf abreißen, wenn er erfährt, was ich getan habe. Statt auf dich aufzupassen, habe ich dich in Gefahr gebracht. Dass du jetzt Schmerzen hast, ist meine Schuld.«
   Kiera sah Peter an. Wieder einmal übernahm er die Verantwortung für ihr unvernünftiges Handeln. Wie oft hatte er sich vor sie gestellt, um sie zu beschützen? Kiera wusste es nicht mehr, sie wusste nur, dass es zu oft war. Sie wandte den Kopf ab und sah zu der Kleinen. Hailey lag ganz ruhig an Kieras Beine geschmiegt da und sah sie mit ihren samtig braunen Augen an. Die Hündin schien absolutes Vertrauen zu ihr zu haben, und sie schwor sich, ihre Familie und Hailey nie wieder zu enttäuschen. »Nein, es ist nicht deine Schuld, sondern meine. Ich habe nicht auf dich gehört. Das wird nicht noch einmal vorkommen, ich verspreche es. Benjamin, nimmst du Hailey mit? Dein Onkel soll sie gesund pflegen, wir holen sie bald ab.«
   Als das Donnerwetter zu Hause losbrach, zweifelte Kiera an ihrem letzten Satz. Diesmal ließ sie nicht zu, dass Peter den Kopf für sie hinhielt. Sie übernahm jegliche Verantwortung und ertrug den Hausarrest ohne Widerrede. Jeden Tag räumte sie ihr Zimmer auf, deckte den Abendbrottisch und half Peter bei allen anderen Arbeiten, soweit sie es mit einer gesunden Hand tun konnte. Während des mehrwöchigen Stubenarrestes fragte sie kein einziges Mal, ob sie hinausdurfte. Sie steckte ihre Nase in Schulbücher und besorgte sich aus der Bibliothek mehrere Bände über Hunde. Kiera stellte fest, dass ihr das Lernen Spaß machte, aber auch, dass es zu Hause plötzlich wesentlich friedlicher und familiärer zuging. Sie hatte begriffen, dass es nicht entscheidend war, wer seinen Willen durchsetzte, sondern dass es wichtiger war, gemeinsam an einem Strick zu ziehen.
   Als der Gips entfernt wurde, war es endlich so weit. Mit Dad und Peter holte sie Hailey von Benjamins Onkel ab. Bis zu ihrem Tod im hohen Alter war die Hündin nicht von Kieras Seite gewichen und hatte ihr dadurch viel Liebe und Weisheit vermittelt.
   Ein Ruck ging durch das Flugzeug, während es auf der Rollbahn aufsetzte. Kiera blinzelte mehrmals und blickte hinaus. Alles sah aus wie vor drei Jahren, als sie San José in Begleitung ihrer Anwältin verlassen hatte. Der Bordlautsprecher über ihrem Kopf knisterte.
   »Sehr geehrte Damen und Herren, bitte bleiben Sie sitzen, bis wir unsere Parkposition erreicht haben. Im Namen von Kapitän John Wingate und der gesamten Bordcrew möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie mit United Airlines geflogen sind. Wir hoffen, dass wir Sie bald wieder an Bord eines unserer Flugzeuge begrüßen können, und wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Costa Rica.«
   »Den wünsche ich mir auch«, murmelte Kiera. Sie bückte sich und zog ihren Rucksack unter dem Vordersitz hervor. Nachdem sie die Verschnürung gelöst hatte, kramte sie in ihm nach dem Pass, dabei streiften ihre Finger ein kleines Kästchen. Sie zog es heraus und betrachtete es wohl zum tausendsten Mal. Die Oberfläche bestand aus schwarzem Samt. An den Ecken befanden sich goldene Beschläge und an der Vorderseite ein winziges Schloss. Nach Peters Tod fand sie die Schatulle in seinem Bankschließfach, ebenso den passenden Schlüssel. Doch Kiera hatte ihn bis jetzt nicht benutzt, weil sie vermutete, dass das Kästchen Schmuck enthielt, welchen Peter seiner Verlobten schenken wollte. Aber Nora lehnte das Geschenk ab. Sie sagte, sie könne es unmöglich annehmen, denn das Schmuckstück würde sie zu sehr an ihren Verlust erinnern. Kiera verstand Noras Reaktion, allerdings brachte sie es bisher nicht übers Herz, die Kassette zu öffnen. Seit Peters Tod trug sie den Schlüssel an ihrer Halskette und verwahrte die Schatulle in der Hoffnung, sie eines Tages ihrer Nichte Laura geben zu können.
   »Ma’am, geht es Ihnen nicht gut?«
   Vor Schreck ließ Kiera das Kästchen fallen. Es landete glücklicherweise im Rucksack. Sie sah auf. Vor ihr stand eine brünette Stewardess und musterte sie mit besorgtem Gesichtsausdruck. »Warum?«, fragte sie und schüttelte den Kopf.
   »Fast alle Passagiere haben das Flugzeug verlassen.«
   »Oh, entschuldigen Sie«, rief Kiera und löste den Gurt. Sie verschnürte den Rucksack und sprang auf. Wie sie feststellte, saß tatsächlich niemand mehr auf den Sitzen. Nur noch einige der wenigen Fluggäste standen am Ausgang.
   »Kein Problem«, sagte die Stewardess und lächelte. Sie trat zur Seite und ließ Kiera vorbei. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub.«
   »Danke.« Kiera verließ mit ihrer smaragdgrünen Baumwolljacke über dem Arm das Flugzeug. Sie hoffte, dass der Fahrer des Naturkundemuseums auf sie gewartet hatte. Die technischen Probleme des Airbusses, wegen derer sie drei Stunden länger in Denver festsaß, brachten schließlich auch seine Pläne durcheinander.

*

Als sich das schmiedeeiserne Tor quietschend in Bewegung setzte, zeigte die Uhr weit nach Mitternacht an. Ricardo gähnte, legte den ersten Gang ein und wartete, dass der Flügel hinter der dichten Koniferenhecke verschwand. Viel lieber würde er jetzt im Bett liegen. Der lange Flug steckte ihm in den Knochen. Erst, als er in New York gelandet war, bemerkte Ricardo die Nachricht auf der Mailbox. Shanes Stimme klang aufgeregt, als wäre er ein Knabe von fünf Jahren, der die ersehnte Eisenbahn aus dem Geschenkpapier wickelte.
   Da sein alter Freund derart aufgebracht war, buchte Ricardo den nächsten Flug von New York nach Washington, D.C., obwohl er sich auf das gefreut hatte, was ihn in seinem Bett zu Hause erwartete.
   Als er Gas gab, durchschnitten die Scheinwerfer seines BMW die Nacht. Hinter dem Lichtkegel streckten leblose Gestalten lange, kahle Finger in die Dunkelheit. Wie zerfledderte Leichentücher hingen vereinzelte Fetzen an ihnen hinab. Eine heftige Böe zerrte an den knorrigen Erscheinungen. Die Leichenfinger bewegten sich knarrend dem Licht entgegen, als wollten sie nach ihm greifen. Einzelne Segmente flatterten empor, wirbelten durch die Luft und blieben auf dem Weg liegen. Im gelben Schein seines Wagens verloren sie ihre Farblosigkeit. Aus den zerrissenen Leichentüchern wurden braune Kastanienblätter, die hinter dem Auto auf die asphaltierte Auffahrt sanken.
   Ricardo gähnte erneut, parkte den BMW vor der Stadtvilla und stieg aus. Eine Gestalt stieß sich vom Türrahmen ab und kam ihm entgegen. Sie wirkte auf ihn wie ein kleines Kind, wären da nicht ihre kurzen silbergrauen Haare.
   »Du kommst spät«, sagte sie.
   Ihre Stimme hatte im Laufe der Jahre den kräftigen Klang nicht verloren und täuschte über ihr tatsächliches Alter hinweg. Ebenso der goldene Schein, der aus der Haustür fiel. Er umschmeichelte ihr Gesicht und zauberte glatt vierzig Lebensjahre weg. Allerdings wusste Ricardo, dass Jocelyn auch ohne aussah, als wäre sie in der Blüte ihres Lebens.
   »Mein Flug von London hatte zwei Stunden Verspätung. Es wird langsam lästig. Doch sag, wie geht es dir?« Die Frage wehrte sich in seinem Hals, bevor Ricardo sie aussprach. Altbekannte Wut brannte in ihm. Seit fünfunddreißig Jahren schwelte die Glut und fand in dem Zorn stets neue Nahrung. Er hatte seine Gefühle unter Kontrolle, weitestgehend.
   »Gut, aber komm erst einmal herein. Ich denke, die Nachricht solltest du dir besser im Sitzen anhören.«
   Jocelyn hakte sich bei ihm ein und zog ihn ins Haus. Die Stadtvilla von Shane und Jocelyn war für ihn eine vertraute Umgebung, fast eine zweite Heimat. Wenn er in Washington, D.C. weilte, zog er es vor, bei den Lamars zu übernachten. Er besaß zwar ein Anwesen in Arlington County, doch dort wohnten nur noch die Einsamkeit und das Vergessen.
   Er warf den Mantel auf den Garderobenhaken und folgte Jocelyn in die Bibliothek. Ein flackerndes Kaminfeuer erhellte den Raum. Tanzende rotgelbe Lichter glitten über die Bücherregale. In ihnen standen in Rindsleder gebundene Folianten aus dem siebzehnten Jahrhundert neben Codizes aus Papyrus und Pergament. Eine unfassbare Sammlung schlummerte hier, nach der jedes Museum der Welt die Finger ausstrecken würde, hätten die Direktoren davon die leiseste Ahnung.
   Ricardo ließ sich in den Ohrensessel vor dem Kamin fallen, seufzte und streckte die Beine aus. Das dunkelbraune Leder war warm und weich und fühlte sich himmlisch an. Müdigkeit kroch durch seinen Körper.
   »Bourbon?«, fragte Jocelyn. Ein gut gefülltes Whiskyglas tauchte in seinem Blickfeld auf.
   »Du kennst mich«, antwortete Ricardo. Er griff nach dem Kristallglas und schwenkte es. »Wo ist …?«
   »Entschuldige, alter Freund, ich bin erst zehn Minuten vor dir zu Hause angekommen«, rief Shane und betrat die Bibliothek.
   Als Shane auf ihn zueilte, sprang Ricardo auf. Shanes goldblondes Haar schien durch das Kaminfeuer in Flammen zu stehen. Obwohl sein Gesicht von Erschöpfung gezeichnet war, sprühte er förmlich vor Energie. Seine braunen Augen funkelten, während er Ricardo in eine Umarmung zog. Der Whisky im Glas schwappte nach oben und ein paar Tropfen des edlen Getränks landeten auf dem handgeknüpften türkischen Teppich.
   Ricardo unterdrückte ein Seufzen und setzte sich. Er zwang sich, Shane anzusehen, obwohl der Teppich in dem Augenblick die leckere honiggoldene Flüssigkeit aufsaugte. »Es ist nicht so, dass ich nicht noch länger auf dich gewartet hätte. Du weißt, ich genieße die Gastfreundschaft deiner Gattin.«
   Jocelyn lachte auf. »Wohl eher die des Bourbon.«
   »Sei nicht so streng mit mir, liebste Jocelyn. Meine alten Knochen sind bei diesem Sauwetter dankbar für jedes bisschen Wärme.«
   »Alt?«, fragte Shane mit einer Stimme, die zwischen Belustigung und Entsetzen schwankte. »Du bist zehn Jahre jünger als ich.«
   »Ein Wimpernschlag im Lauf der Ewigkeit, nicht wahr? Aber sag mir, alter Freund, warum hast du mich nach Washington gerufen? Meine Haushälterin hatte bereits die Bettpfannen unter die Decke geschoben.«
   Jocelyn, die gerade an ihrem Glas genippt hatte, verschluckte sich. Sie hustete und klopfte sich auf die Brust. »Haus … häl … terin?« Tränen rannen ihr über das Gesicht, als Shane ihr den Rücken tätschelte.
   »Wie man es nimmt«, antwortete Ricardo und nippte am Bourbon. Heute Nacht würde er auf die Wärme von Priscilla verzichten müssen, was nicht tragisch war. Es wurde Zeit für eine Veränderung.
   Jocelyn sank zitternd auf einen Sessel. Die Tränen hinterließen unter ihren Augen eine schwarze Spur. Shane reichte ihr ein Taschentuch und setzte sich mit besorgtem Gesichtsausdruck.
   Ja, hüte sie. Sehr bald wirst du den gleichen Schmerz fühlen wie ich. »Also, was hat deine geheimnisvolle Botschaft zu bedeuten?« Er schlug ein Bein über das andere, während sein Blick auf Shane ruhte. Verwunderung durchlief ihn, als Shane aufsprang, Jocelyns Sessel umrundete und sich vor den Kamin hockte. Dort warf er zwei Holzscheite in die Flammen.
   »Komm schon, wie lange willst du mich noch auf die Folter spannen?«
   Shane drehte den Kopf und sah zu Ricardo. Ein Glühen lag in den Augen seines Freundes, wie er es seit Jocelyns Einweihung nicht mehr bei Shane gesehen hatte.
   »Unsere Suche hat ein Ende. Keenans Überreste wurden gefunden.«
   Wie eine Bombe explodierte die Neuigkeit in Ricardos Hirn. Das Glas rutschte aus seiner Hand, fiel auf seine Hose, kullerte weiter und schlug einen Sekundenbruchteil später mit einem dumpfen Knall auf dem Teppich auf. Ricardos Jeans saugte den Bourbon bis auf den letzten Tropfen auf. Nein, auf keinen Fall! Das … das war nicht möglich. Wie konnte das passieren? Ausgerechnet jetzt. Er war doch nur vierzehn Tage in London gewesen.
   »Ricardo, hörst du?«, fragte Shane und rüttelte an seinen Oberarmen.
   »Ja.« Das Wort hallte in seinem Gehirn wider. Verflucht, was war ihm entgangen? »Wann?«
   »Vorige Woche. Gestern habe ich Colin nach Costa Rica geflogen und bin deshalb erst jetzt zu Hause angekommen. Er muss den Hüter bergen.«
   Den Hüter? Ricardo gelang es rechtzeitig, das Lachen zu verhindern, dass sich in seiner Kehle formte. Ging es Shane nur um den Hüter? Dann würde er eine unliebsame Überraschung erleben.
   »Aber was ist mit Keenans Knochen?« Die Worte stolperten praktisch aus seinem Mund, bevor er sie hinunterschlucken konnte.
   »Sie werden von einer Anthropologin des Smithsonian geborgen. Der Rat hat mir die Zustimmung erteilt, Verhandlungen mit dem Museum zu führen. Der Wächter darf nicht zu einem Ausstellungsstück werden. Wir möchten ihn auf unsere Art und Weise bestatten.«
   Ricardos Blut schien sich in pures Eis zu verwandeln. Arktische Kälte kroch in jeden Winkel seines Körpers. Er spürte zwar die Wärme des Feuers auf seiner Haut, doch sie drang nicht darunter. Keenans Knochen durften nicht geborgen werden. Noch war es nicht zu spät, aber Eile war geboten. »Das ist ein Freudenfest«, presste er zwischen den Zähnen hinaus und sprang auf. Seine Müdigkeit war mit einem Schlag verflogen. »Wow. Das … ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
   »Freust du dich nicht?« Shanes Stimme vibrierte vor unterdrückter Enttäuschung.
   Ricardo nickte. Er musste raus hier. Shane kannte ihn besser als jeder andere und spürte, dass Ricardo die Freude nicht teilte. Er sollte an etwas Schönes denken, doch seine Gedanken und Gefühle wollten sich nicht ablenken lassen. Sie kreisten unbarmherzig um Keenan und den unverhofften Fund seiner fossilen Überreste. Als er zur Garderobe lief, zwang sich Ricardo zu langsamen Schritten. Fast wäre er durch den Eingangsbereich gerannt. »Ich werde das Ereignis heute Nacht auf meine Weise gebührend feiern«, sagte er und verzog den Mund zu einem Lächeln. Er schnappte sich den Mantel vom Haken und warf einen Blick in den Spiegel. Es wunderte ihn, dass sein heuchlerisches Grinsen diesen nicht in tausend Scherben zerbrach.
   »Wo willst du hin? Dein Zimmer ist hergerichtet«, rief Jocelyn.
   »Danke für den Bourbon«, erwiderte er und sauste an Shane vorbei.
   »Ricardo, du wirst doch nicht jetzt in ein Bordell …«
   »Shane, alter Lehrer, darin haben wir uns stets unterschieden. Während du die Arme deiner Frau vorziehst, bin ich so wechselhaft in meinen Launen wie die Natur.« Aber erst, seitdem Stephanie unter dem Druck wahnsinnig wurde.
   »Ricardo! Bitte bleib.«
   Shanes Stimme war durchsetzt von Enttäuschung und maßloser Verwunderung, doch Ricardo konnte es sich nicht leisten, darauf einzugehen. Früher wäre er umgedreht. Die Zeit war jedoch endgültig vorbei. Ein Hauch Bedauern durchzog sein Inneres. Er kannte Shane, seitdem Ricardo in den Windeln steckte.
   Fünfundsechzig Jahre warf man nicht einfach auf einen Schrottberg. Allerdings gelang es besser, wenn fünfunddreißig davon mit Wut auf den anderen durchsetzt waren.
   »Lass ihn.«
   Der Wind trug Jocelyns Stimme zu Ricardo, während er zum Wagen ging. Das Knirschen des Kieses unter seinen Füßen klang nach ewigem Abschied, doch die Welt war vergänglich genau wie die Zeit. Tausende Jahre wurden verkürzt auf einen Wimpernschlag in der Chronik des Lebens. Das fahle Licht des Mondes schien Ricardo zu umarmen. Es hatte nicht vergessen, ebenso wie er.
   Ohne einen Blick zurück, fuhr er von der Auffahrt auf den Algonkian Parkway in Richtung Dulles Airport. Oft hatte er sich gefragt, ob er der Aufgabe gewachsen war. Nun kannte er die Antwort.
   Wie eine alte, von Motten zerfressene Decke warf er die unnütz gewordene Freundschaft über Bord. Aus der Glut in seinem Inneren wurde ein lichterloh brennendes Feuer, das sich durch seine Adern wälzte. Der Moment, auf den er gewartet hatte, war gekommen. Der Ruf aus der Vergangenheit hallte in Ricardos Geist wider und forderte die Erfüllung des Bluteides.

3. Kapitel

Die Stadt Puntarenas lag auf einer fünf Kilometer langen Insel, die durch eine schmale aufgeschüttete Landzunge mit dem Festland verbunden war. Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts besaß sie den größten und bedeutendsten Hafen Costa Ricas. Von hier aus wurde vor allem Kaffee nach Europa verschifft. Dieser Umstand vermehrte den Reichtum der Inselstadt. Mit dem Entstehen der neuen Hafenanlagen in Limón und Caldera verlor sie jedoch ihr Prestige.
   Kreuzfahrtschiffe legen zwar in Puntarenas an, allerdings veranstalten den imposantesten Trubel die unzähligen kleinen Fischerboote, deren Besitzer im Hafen ihre Fänge verkaufen.
   Eine unverkennbare Geruchsmischung bestehend aus Fisch, Salzwasser, Teer und Benzin stieg Kiera in die Nase, als der Fahrer den weißen Ford Transit abbremste. Er drehte schwungvoll den Schlüssel um. Der Motor blubberte noch einmal auf und erstarb gurgelnd. Die Stille wirkte auf Kiera beängstigend. Sie krallte die Fingernägel in das Hirschleder des Rucksacks und blickte zu ihrem Begleiter. Tiefe Fältchen bildeten sich neben seinen schwarzen Augen, während er ihr zulächelte. Kiera gab sich Mühe, das Lächeln zu erwidern, indes brachte sie nur ein kurzes Nicken zustande. Ihm schien es zu reichen. Er öffnete die Tür und sprang hinaus.
   Als die Tür mit Schwung im Schloss landete, zerriss ein lauter Knall die Stille im Wagen. Sogleich stellten sich in Kieras Nacken alle Härchen auf. Das Geräusch besaß für sie den Charakter einer Verurteilung. Sie musste sich ihrer Vergangenheit und ihrer Angst stellen. Jetzt. In dem Hafen hatte die Katastrophe ihren Anfang genommen. Kiera holte tief Luft, griff nach ihrem iPad und verpackte es in der Schutzhülle. Feuchte Spuren blieben auf der Plastikoberfläche zurück, während sie den Tablet-PC im Rucksack verstaute. Kiera bemerkte die Fingerabdrücke und verzog den Mund. »Ich bin ein verdammter Angsthase«, entfuhr es ihr. »Es ist Wasser. Nichts weiter. Nur einfaches Wasser.«
   Sie kratzte das bisschen Mut in ihrem Inneren zusammen und öffnete die Wagentür, die quietschend aufschwang. Das Geräusch verursachte Kiera eine Gänsehaut auf den Unterarmen. Der widerwärtige Gestank von totem Fisch traf sie mit voller Wucht. Sie würgte und verdrehte die Augen. Obwohl sie flach einatmete, durchzog ein flaues Gefühl ihren Magen. Sie hasste Fisch. Als Kind hatte sie verdorbenen Hering gegessen und stundenlang über der Toilette gehangen. Seit der Zeit bereitete ihr bereits der Anblick eines Fischrestaurants Übelkeit.
   Kiera versuchte, den Gestank zu ignorieren, sprang aus dem Wagen und schloss die Autotür. Feuchte Wärme legte sich auf ihre Haut, als hätte sie soeben eine Dampfsauna nach einem Aufguss betreten. Bevor sie den Rucksack aufsetzte, brach ihr der Schweiß aus allen Poren aus. Sie wischte die Hände an der Baumwollhose ab, während sie auf den Fahrer zuging. Er stand mit einem Tico, wie die Bewohner Costa Ricas genannt wurden, vor dem Ford Transit. Wie aus weiter Ferne drang das Lachen der beiden Männer an ihre Ohren. Als sich der Fremde zu ihr umdrehte, blieb Kiera abrupt stehen. »Professor Guardia?«
   Ein breites Lächeln grub sich in das wettergegerbte Gesicht ihres ehemaligen Mentors. Graue Strähnen durchzogen sein rabenschwarzes Haar. Die buschigen Augenbrauen, die schwarzen aufmerksamen Augen und die gekrümmte, lange Nase vertieften den Eindruck, einen Mann vor sich zu haben, der von seinem Charakter her einem Raubvogel ähnelte. Allerdings wusste sie, dass die Beschreibung nicht zu Professor Guardia passte.
   »Kiera, es ist schön, Sie wiederzusehen.« Die tiefe Stimme des Professors grollte über den menschenleeren Parkplatz. Er eilte auf sie zu, ergriff ihre Hand, die in seiner Rechten verschwand, und schüttelte sie mehrfach.
   »Ich freue mich auch«, erwiderte Kiera, nachdem sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte. »Ich glaubte, Sie unterrichten noch immer in Chicago.«
   Ein kurzer Schatten verschluckte das Lächeln des Professors, bevor es erneut auf seinem Gesicht erschien. »Nein, seit einem Jahr nicht mehr. Der Dekan und ich sind übereingekommen, dass es Zeit für einen jüngeren Nachfolger wurde. Deshalb hat es mich zurück in meine alte Heimat gezogen. Meine Frau fühlte sich ohnehin in Chicago nicht wirklich zu Hause.«
   Kiera nickte. Marie war ihr immer verloren vorgekommen. Die Metropole hatte die Meeresbiologin erdrückt, ihr die Luft zum Atmen geraubt. »Grüßen Sie Marie bitte von mir.« Sie unterdrückte den Anflug von schlechtem Gewissen, der über sie hereinbrach. Wenn sie sich öfters bei den Guardias gemeldet hätte, wüsste sie von ihrem Umzug. Marie kam für Kiera einer Mutter am nächsten. Sie war von ihr aufgenommen worden wie ein leibliches Kind. Obgleich sie erwachsen war, als der Professor ihr Mentor wurde, umsorgte Marie Kiera wie ein Kleinkind. Anfangs war ihr das lästig, doch später erfreute sie sich an Maries Fürsorge. Es gab Dinge in Kieras Leben, die sie nicht mit Peter oder Dad besprechen konnte. All das holte sie mit Marie beim Shoppen nach. Sie genoss es, mit ihr in einem Café einen Latte macchiato zu trinken und den Blick über den Michigansee schweifen zu lassen. Auch beim Friseur, während sie pinkfarbene Strähnen für den Discoabend färben ließen, schnatterten sie unaufhörlich. Marie war herrlich unkompliziert gewesen, ganz anders als Kiera.
   »Natürlich, gern. Sie wollte mitkommen, doch ihre Mutter ist schwer erkrankt«, erwiderte Professor Guardia und reichte Kiera seinen Arm. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Doriana. Unterdessen kann mein Sohn Ihr Gepäck verstauen.«
   »Das tut mir leid.« Kiera wollte nicht gefühllos erscheinen, allerdings setzte ihr Herz für einen kurzen Moment aus, als der Pazifische Ozean in ihr Blickfeld rückte.
   »Pura vida«, entgegnete Professor Guardia.
   Kiera zuckte bei der Redewendung zusammen. Die Floskel bedeutete eigentlich das reine Leben, doch sie war auch ein Gruß, der die optimistische und unkomplizierte Lebenseinstellung der Ticos ausdrückte.
   »So ist das Leben. Es hält stets für uns Überraschungen parat. Nur sind sie nicht immer positiv«, sagte Professor Guardia noch.
   Obwohl seine Worte locker klangen, bemerkte Kiera den Schmerz in seinen Augen. Sie nickte dem Fahrer des Museums kurz zu und folgte Professor Guardia. Mit jedem Schritt zog sich die Stahlklammer enger um ihren Brustkorb. Zentimeter für Zentimeter drückte ihr das unsichtbare Eisengeflecht die Luft aus den Lungen. Kiera stand eine sechsunddreißigstündige Überfahrt bevor. Der Gedanke daran ließ ihr Herz bis zur Kehle heraufpochen. Ein Schweißfilm sammelte sich in ihren Handinnenflächen. Als ihr der Professor die Hand reichte und sie auf die Doriana zog, kam sie nicht dazu, diesen abzuwischen. Die Jacht schaukelte sanft auf den Wellen, doch für Kiera war es, als würde sie die Unterwelt betreten. Ihre eigene persönliche Hölle, die nichts mit Feuer und Hitze gemein hatte.
   »Kiera, was haben Sie?«
   Seine Stimme sickerte in ihre Gedankengänge. »Nichts.«
   »Kiera, wir kennen uns schon so lange. Ich sehe es Ihrer Nasenspitze an, wenn mit Ihnen etwas nicht in Ordnung ist. Sie sind so blass wie eine Leiche und brechen mir gleich den Arm.«
   Glühende Hitze schoss in ihr Gesicht. Sie hatte ihre Fingernägel tief in die Hand des Professors gedrückt, ohne es bewusst wahrzunehmen. Sofort ließ sie ihn los, und ihr Gesicht wurde noch heißer. Die Abdrücke ihrer Nägel zeichneten sich deutlich auf seiner braunen Haut ab. »Verzeihen Sie«, sagte Kiera. »Das … das wollte ich nicht.«
   Mit zusammengekniffenen Augen sah Professor Guardia sie an. Kiera fühlte sich augenblicklich unbehaglich. Er schien tief in ihre Seele zu sehen.
   »Kommen Sie«, sagte er und ergriff ihren Arm. »Ich bereite uns einen Batido de banano en leche zu, und wir können uns unterhalten.«
   »Das geht doch nicht.« Kiera sah zum Pier. Der Wunsch, sofort die Jacht zu verlassen, wurde übermächtig. Keine Sekunde länger wollte sie hierbleiben. Kiera setzte zum Sprung an und wurde unerbittlich festgehalten. Als ihr bewusst wurde, wer sie festhielt, unterdrückte sie das Fauchen, das ihr in der Kehle kratzte. Angewidert von ihrer Schwäche, biss sie die Zähne aufeinander und drückte den Rücken gerade durch. »Sie müssen sicherlich die Jacht vorbereiten und …«, sagte sie in der Hoffnung, damit Professor Guardia von ihrem seltsamen Benehmen abzulenken.
   »Das erledigt mein Neffe«, erwiderte er resolut. »Die Doriana ist eh sein Boot. Ich bin nur hier, weil ich Sie gern wiedersehen wollte. Deshalb haben wir Zeit, uns zu unterhalten. Kommen Sie, Kiera, ich mache leckere Batidos. Da werden Sie hinterher keine anderen mehr trinken wollen.«
   Widerstandslos ließ sie sich in den Salon führen, dabei zermarterte sie sich das Hirn, wie sie, ohne den Professor zu beleidigen, so schnell wie möglich in ihre Kabine flüchten konnte. Aber welche Ausrede sollte sie gebrauchen? Ich muss auspacken, mir die Nase pudern oder den Lippenstift nachziehen? Kiera kicherte. Das war lächerlich. Sie ahnte, dass Professor Guardia diese Notlügen sofort durchschauen würde. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass derartige Äußerlichkeiten bei ihr einen geringen Stellenwert besaßen.
   Ein fragender Blick von Professor Guardia streifte sie, doch sie tat, als hätte sie ihn nicht bemerkt. Sanft, aber bestimmt, drückte er Kiera auf das cremefarbene Ledersofa, drehte sich um und ging zur Küchenzeile. Dort gab er Milch, Honig, Bananenstückchen, Eiswürfel und zwei Esslöffel Limonensaft in einen Mixer. Alle Zutaten mischte er, bis sich Schaum bildete. Den Bananenshake goss er in hohe Gläser und stellte diese auf ein Holztablett.
   Aus Erfahrung wusste Kiera, dass viele Ticos heute die Batidos aus Fruchtkonzentrat herstellten. Professor Guardia schien von diesem neumodischen Trend nichts zu halten.
   Er stellte ein Longdrinkglas vor ihr ab und zwängte sich ihr gegenüber auf das u-förmige Sofa. Sein Mund und die Kinnpartie verschwanden hinter dem Glas, während er trank. Als ein grinsender Milchbart auftauchte, gelang es ihr nicht, ein Schmunzeln zu unterdrücken.
   »Trinken Sie.« Er lächelte und wischte sich mit einem Papiertaschentuch sorgfältig über die Lippen. »Der Batido wird Ihnen guttun.«
   Sie zweifelte daran, dennoch trank sie einen Schluck. Zu ihrer Überraschung schmeckte der Bananenshake lecker und beruhigte ihren gereizten Magen.
   »Wie geht es Peter?«, fragte Professor Guardia.
   Das Glas rutschte Kiera aus den Fingern und landete mit einem lauten Knall auf dem Holztisch. Sie konnte verhindern, dass es umkippte, aber nicht die Tränen, die ihr in die Augen stiegen. Professor Guardias unschuldige Frage stürzte sie in einen finsteren Abgrund, aus dem keine Leiter nach oben führte. Sie senkte den Kopf und betrachtete die Tischoberfläche, doch kein Fleck, nicht einmal ein Krümel, lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. Der Tisch war blitzblank geschrubbt. Als das strahlende Weiß begann, ihr in den Augen zu brennen, spürte Kiera, dass Tränen ihre Wangen hinabliefen. »Peter ist tot.« Ihre Stimme klang dunkel vom Kummer. Trotz des Tränenschleiers bemerkte sie, dass dem Professor alle Farbe aus dem Gesicht wich. Schmerz legte sich wie ein dunkler Schatten über sein Antlitz. Mit einem Schlag wusste Kiera, warum sie sich seit drei Jahren nicht mehr bei den Guardias gemeldet hatte. Der Professor war sowohl Peters als auch ihr Mentor gewesen, und sie hatte es nicht fertiggebracht, ihm von dem Unfall zu erzählen.
   »Was ist passiert?«, fragte er. In seiner Stimme schwangen Schmerz und Trauer mit, gleichwohl er seine Emotionen zu verbergen suchte.
   Kiera holte tief Luft. Er hatte ein Recht, die Wahrheit zu erfahren. Eigentlich seit drei Jahren. Erst kamen die Worte stockend über ihre Lippen, später sprudelten sie wie ein Wasserfall aus ihrem Mund. Sie erzählte ihm fast alles, bis zu dem Augenblick, als sie am Strand der Isla del Coco erwachte und in die besorgt dreinblickenden Augen von Paolo Suárez Perea, dem Chefranger, blickte. Das Einzige, was Kiera ausließ, waren die merkwürdigen Erinnerungsfetzen, die jedes Mal verschwanden, wenn sie danach greifen wollte. Wie durch dichten Nebel hörte sie in ihnen die Stimme eines Mannes. Als Kiera den Rangern davon berichtet hatte, überzog manche Gesichter Mitleid und andere Entsetzen. Nur in einem Antlitz hatte sie nicht den Ausdruck entdeckt, welchen Menschen oftmals für Verrückte übrig hatten. Der Chef der Parkranger verbrachte viele Stunden an ihrer Seite und tröstete sie, soweit es ihm möglich war, doch auch er konnte ihr nicht helfen, den Nebel im Kopf zu lichten.
   Mit Nachdruck verscheuchte Kiera die Erinnerungen. Jetzt darüber nachzudenken, führte genauso wenig zu einem Ergebnis wie all die anderen Male zuvor.
   Den Blick starr auf die Tischplatte gerichtet, zupfte sich Professor Guardia am Ohrläppchen. »Ich erinnere mich an den Vorfall«, sagte er leise. »Meine Schwiegermutter hat mir davon erzählt. Der Unfall hat selbst im Nachhinein hohe Wellen geschlagen, weil keiner verstehen konnte, warum Sie in den Sturm gefahren sind.«
   Kiera schüttelte den Kopf. »Das ist ja das Merkwürdige. Peter wusste von dem Unwetter und welche Richtung es einschlagen sollte. Daraufhin hat er einen anderen Kurs genommen, als er ursprünglich geplant hatte. Ich habe nicht viel Ahnung vom Navigieren, doch ich weiß, dass Peter uns niemals absichtlich einer Gefahr ausgesetzt hätte.«
   »War der Bordcomputer defekt?«
   »Laut Aussage der Polizei waren alle Instrumente in Ordnung«, antwortete sie. »Nichts deutete auf einen Ausfall hin. Der Computerspeicher hat aufgezeichnet, dass mein Bruder um fünf Uhr am Abend den Kurs änderte. Eine Stunde später haben wir im Salon gegessen. Zu der Zeit erfolgte eine weitere Kursänderung.«
   Professor Guardia runzelte verwirrt die Stirn und griff nach dem Glas. »Waren Sie nicht allein auf der Jacht?«
   »Die Polizei entdeckte keine Spuren einer dritten Person«, sagte sie und schwieg ein paar Sekunden. Die Erinnerungen an die schrecklichen Verhöre drückten ihr unbarmherzig auf den Brustkorb. Es schien Kiera, als würde die Last ihr gleich die Rippen brechen. »Deshalb verdächtigten die Ermittler mich, Peter ermordet zu haben.«
   Das Glas rutschte Professor Guardia aus den Fingern und knallte auf den Tisch. »Was? Ermordet? Wie … Wieso? Ist die Polizei übergeschnappt? Wie kommt sie auf so etwas?«
   In ihrer Speiseröhre stieg Gallensaft hoch. Sie schluckte krampfhaft, doch der eklige Geschmack blieb. »Der Pathologe fand an Peters Händen Verletzungen, die darauf hindeuteten, dass er sich gegen einen Angreifer gewehrt hat. Es muss ein schrecklicher Kampf stattgefunden haben. Letztendlich konnte sich mein Bruder nicht mehr wehren. Er starb an einer offenen Impressionsfraktur an der Schläfe.«
   »Spitze Gewalteinwirkung?« In Professor Guardias Stimme schwang eiskalter Zorn mit, der Kiera Schauder den Rücken hoch- und hinunterjagte. »Es hat ihn jemand niedergeschlagen.«
   Ihr Nicken quittierte er mit einem lauten Schnauben.
   »Die Polizei kann nicht ernsthaft davon ausgegangen sein, dass Sie Ihren Bruder getötet haben. Sie sind doch über Bord gegangen, wobei Sie verletzt wurden. Aus welchem Grund haben die Ermittler Sie verdächtigt?«
   Mit zitternden Händen griff Kiera nach ihrem Glas und drehte es in den Fingern. Dass Professor Guardia sie als Tatverdächtige ausschloss, tat ihr auf eine Weise gut, die sie nicht für möglich gehalten hatte. Ihre Arbeitskollegen im Smithsonian gingen in der Hinsicht wesentlich rücksichtsloser vor. Nach wie vor schlossen einige unter ihnen Wetten ab, wann die Polizei auftauchen und sie festnehmen würde. »Was lag näher als die Vermutung? Nur Peter und ich waren auf der Jacht. Außerdem fanden mich die Ranger unverletzt am Strand der Isla del Coco. Das steigerte das Misstrauen der Ermittler. Ich hatte weder eine Wunde noch ein Hämatom am Kopf. Und es hat sie gewundert, dass ich mitten in der Nacht unbeschadet auf der Insel aufgetaucht bin.« Sie brach ab und zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, was sie damit meinten.«
   »Sie gehen nicht gern tauchen, oder?«, fragte Professor Guardia und setzte das Glas an die Lippen.
   »Nein, überhaupt nicht. Mich zieht es eher in die Berge.«
   »Aha, das erklärt eine Menge.« Er trank bedächtig einen Schluck. »Sehen Sie, der Pazifische Ozean rund um die Kokosinsel zählt zu den besten Tauchplätzen der Erde. Schwärme von Mantarochen, Barrakudas, Stachelmakrelen, Sardinen, aber auch Galapagoshaie, Silberspitzenhaie und Hammerhaie ziehen an den vorgelagerten Klippen vorbei. Die Haie sind tagsüber wenig aktiv. Sie fressen hauptsächlich in der Nacht, was den Tauchern die Gelegenheit gibt, sie am Tag zu beobachten, während sie sich von Putzergrundeln pflegen lassen.«
   »Ah, ich verstehe«, sagte Kiera und trank einen Schluck. Ihre Kehle war nach dem langen Erzählen trocken wie die Sahara. Mit einem Knall stellte sie das Glas auf den Holztisch. »Die Polizei hätte mich als Tatverdächtige ausgeschlossen, wenn ich angeknabbert oder tot am Strand aufgetaucht wäre?«
   Professor Guardia verdrehte die Augen, nickte aber. »Wahrscheinlich. Wie haben sich die Ermittler das Fehlen von Wunden erklärt?«
   Kiera lächelte. »Ganz einfach. Ich hatte einen Komplizen.«
   »Was?«
   »Mein Partner soll Peter ermordet und mich mit einem Boot zur Insel gefahren haben. So die Vermutung der Polizei, weil der Schlag, durch den mein Bruder starb, von einer Person ausgeführt wurde, die über zwei Meter groß ist.«
   Der Professor stieß einen leisen Pfiff aus. »Nicht gerade klein, denke ich. So jemand fällt auf, vor allem in Costa Rica.«
   »Davon gingen die Ermittler aus, nur gefunden haben sie keinen Mann mit dieser Körpergröße. Ebenso wenig konnten sie die Beweise für ihre Vermutung erhärten, dass ich mit einem Boot zur Isla del Coco gebracht wurde. Niemand von der Küstenwache oder von den Rangern bemerkte eine fremde Jacht, auch die Besatzungen der Tauchboote nicht. Viele von ihnen beobachteten aus sicherer Entfernung das Unwetter. Die unzähligen Blitze über dem Pazifik erhellten noch vor der Kokosinsel die Nacht. Daher blieb der Polizei nichts anderes übrig, als den Augenzeugen Glauben zu schenken.
   Professor Guardia griff heftig mit dem Kopf schüttelnd nach seinem Longdrinkglas, setzte es jedoch nicht an die Lippen. »Und mit welchen absonderlichen Vermutungen wartete die Kripo als Nächstes auf?«
   »Mit keinen«, antwortete Kiera. »Die Umstände, die zum Tod meines Bruders führten, sind nicht aufgeklärt worden.«
   Er ließ das Glas los, stand auf und ging zur Küche. Dort schnappte er sich den Mixbecher und kam zurück. »Hatte Peter Feinde?«, fragte er nachdenklich und goss ihr und sich ein.
   »Nein. Er war ausgeglichen, lebenslustig und nicht nachtragend. Seine Kollegen schätzten ihn.« Was auf sie nicht zutraf. Ihre akkurate Arbeitsweise nervte die meisten, weshalb sie ihr aus dem Weg gingen. Allerdings vermutete Kiera, dass die Ermordung von Peter der ausschlaggebende Grund für ihr Verhalten war. Ihre Arbeitskollegen waren einmal Peters gewesen und wussten, wie er gestorben war. Sie wussten zwar nicht jedes Detail, doch sie wussten, dass sie des Mordes an Peter verdächtigt wurde. Kiera schämte sich nicht, weil sie unter Tatverdacht gestanden hatte. Ihre Erinnerungen an die Nacht waren nebelhaft, weshalb sie sich nach einer Klärung der Tat sehnte. Aber sie schämte sich, weil sie lebte. Jeder Atemzug, den sie seit Peters Tod tat, kam ihr verlogen und falsch vor. Sie war so dumm gewesen, bei dem Sturm an Deck zu gehen, sich über die Reling zu lehnen und ins Wasser zu stürzen. Wenn das alles nicht passiert wäre, hätte sie Peter helfen können, und er wäre noch am Leben.
   Ein lauter Knall riss Kiera aus ihren Grübeleien. Sie blickte von dem hin und her kippelnden Mixbecher zu Professor Guardia. Er stand nach wie vor neben dem Sofa, nur dass er um die Nase blass aussah.
   »Und … und wenn der Anschlag Ihnen galt?«
   »Glauben Sie mir, der Gedanke ist mir gekommen«, sagte sie. Trotz ihrer Bemühung schwang ein Anflug von Bitterkeit in ihrer Stimme mit. »Ich habe mir das Hirn zermartert, wer mich derart hassen könnte, dass er mich tot sehen will, aber mir ist niemand eingefallen. Außerdem verstehe ich nicht, wieso ausgerechnet in Costa Rica. Warum nicht in Washington?«
   Professor Guardia runzelte die Stirn. Er hob die Hand und zupfte sich an seinem Ohrläppchen. Die Geste war ein Tick von ihm, wenn er nachdachte.
   »Mh? Das ist wirklich seltsam. Da haben Sie recht. Die Chance, Sie in Ihrer Heimatstadt zu erwischen, stand weitaus höher. Hat es noch mehr Anschläge auf Sie gegeben?«
   Kiera schüttelte den Kopf.
   »Eigenartig.« Auf seiner Stirn erschienen unzählige Fältchen, als er die Augenbrauen zusammenzog. »Das kann nur eins bedeuten«, sagte er bedächtig und sah Kiera an. »Der Übergriff hat nicht Ihnen gegolten, sondern Peter. Aber die Frage bleibt, warum ausgerechnet an diesem Ort. Kam er noch so oft zum Tauchen her wie in seiner Studienzeit?«
   Kiera nippte an ihrem Glas und nickte. Peter hatte Costa Rica geliebt, seit sie vor zwanzig Jahren auf der Nicoya-Halbinsel einen Urlaub mit Dad verbracht hatten. Peter lernte damals Tauchen und reiste danach regelmäßig hierher. Einige Male begleitete sie ihn, doch sie genoss während der Aufenthalte eher die Traumstrände und besichtigte die unzähligen Nationalparks des Landes. »Zwei- bis dreimal im Jahr bestimmt«, sagte sie.
   »Hat es denn in Washington Anschläge auf Peter gegeben?«
   »Nein«, antwortete sie, wobei ein mulmiges Gefühl durch ihren Magen wanderte.
   »Onkel, kommst du mal bitte?« Ein junger Mann erschien im Salon. Als er sie sah, blieb er abrupt stehen. »Oh, Verzeihung. Ich wollte nicht stören.« Er trat zu Kiera und reichte ihr die Hand. »Ich bin Mario Guardia. Ich hoffe, Sie fühlen sich an Bord wohl.«
   Erst jetzt wurde ihr bewusst, wo sie sich befand. Die Jacht schaukelte nicht mehr sanft auf den Wellen, stattdessen hüpfte sie wie ein Pingpongball auf und ab. Sie mussten bereits eine geraume Zeit unterwegs sein. Das unverhoffte Zusammentreffen mit Professor Guardia lenkte Kiera von ihrer Furcht ab, sodass sie ihre Manie vollkommen vergessen hatte. »Ja, danke.« Sie hatte zwar noch panische Angst vor dem Wasser da draußen, aber die Überfahrt erschien ihr nicht mehr so schrecklich.
   »Ich bin gleich wieder da«, sagte Professor Guardia und folgte seinem Neffen. Nach drei Schritten blieb er stehen und drehte sich zu ihr um. »Dann bereite ich uns ein Frühstück zu. Mögen Sie Gallo Pinto?«
   Kiera lächelte. Das traditionelle Frühstück in Costa Rica bestand aus Reis und gekochten roten Bohnen. Beides wurde in einer Pfanne angebraten und anschließend mit frischgebackenen Maistortillas, Spiegel- oder Rührei, Toast, gebratenem weißen Käse oder einem Rindersteak serviert. »Natürlich.«
   »Prima«, erwiderte Professor Guardia und verschwand schmunzelnd.
   Kaum hatte er den Salon verlassen, sprang Kiera auf und ging an der Küchenzeile vorbei zu den Kabinen. Zwei der drei Türen waren verschlossen. Aus dem letzten Raum strömte ihr der Geruch von Zitronenreiniger und frisch gewaschener Bettwäsche entgegen. Sie schlüpfte hinein und eilte in den Waschraum. Wie erwartet befanden sich darin keine persönlichen Gegenstände. Die cremefarbenen Fliesen zierte ein hellbraunes Muscheldekor. Handtücher und Badmöbel waren eine Nuance dunkler als die Umrandung der Muscheln. Kiera verschloss die Tür, lief zum Waschbecken und spritzte sich Wasser ins Gesicht und den Nacken. Sie sehnte sich nach einer erfrischenden Dusche, doch sie wollte damit bis nach dem Frühstück warten. Die kurze Abkühlung musste bis dahin reichen. Als sie in den Spiegel blickte, erschrak sie. Schatten umrahmten ihre Augen, um ihren Mund lag ein verbissener Zug. Haarsträhnen hatten sich aus dem Dutt gelöst und klebten ihr am Hals und an der Stirn. Mit fahrigen Fingern zupfte sie diese von der Haut, befestigte die Strähnen mit Haarnadeln am Hinterkopf und verließ die Kabine.
   Als sie sich auf das Sofa setzte, kehrte Professor Guardia zurück. Sie half ihm bei der Zubereitung des Frühstücks, doch erst beim Essen fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Auf sie gab es keine weiteren Anschläge, aber auf Peter. Oder sah sie urplötzlich Gespenster? Was war mit Peters Autounfall, Ende September vor drei Jahren? Auf dem Nachhauseweg krachte ihm ein dunkles Fahrzeug in die Fahrerseite. Der Führer des Pkw konnte nicht ermittelt werden. Zufall? Absicht?
   Kiera schlang das Gallo Pinto hinunter. Sie wollte ihren Verdacht überprüfen, bevor sie aus einem normalen Verkehrsunfall ein Tötungsdelikt machte. Sie schluckte und schob sich die nächste Gabel samt Inhalt in den Mund. Falls sich Professor Guardia über ihre Essmanieren wunderte, so ließ er sich nichts anmerken. Als er sie nach dem Frühstück zur Kabine begleitete, eilte Kiera ihm hinterher.
   »Ruhen Sie sich aus«, sagte er und lächelte. »Wenn Sie etwas benötigen, sagen Sie es uns.«
   »Das werde ich. Vielen Dank, Professor. Auch dafür, dass Sie mir zugehört haben, ohne mich …« Mitten im Satz brach sie ab und starrte auf die dunkle Maserung der Tür.
   »… des Mordes zu verdächtigen?«, fügte er mit leiser Stimme an. »Kiera, Sie waren für meine Frau und mich die Tochter, die wir nie hatten. Man kann oftmals nicht in fremde Familien hineinsehen, aber Sie … nein, ich denke, da ich nicht mehr dein Mentor bin, wird es Zeit, dass wir uns duzen …« Er brach ab, fasste sich ans Ohr und zupfte daran. »Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Peter und du. Geschwisterliebe ist oft von Streit und Zank geprägt, doch euch schweißte nicht nur Blut, sondern auch eine tiefe Freundschaft und Liebe zusammen. Nein, ein solcher Verdacht ist absurd.«
   Als er geendet hatte, drückte sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
   »Den habe ich nicht verdient«, murmelte Alberto, lächelte verlegen und errötete. »Ich hätte für dich da sein müssen, nach Peters Tod. Marie hat mich oft gebeten, deine Adresse herauszufinden, doch es waren immer lapidare Dinge, die mich davon abhielten.«
   Kiera schluckte ihre Gegenargumente hinunter. Alberto würde ihren Widerspruch nicht dulden. Gleichwohl gelang es ihr nicht, die aufwallenden Schuldgefühle zu verdrängen. Hinter ihrer Vergesslichkeit stand Absicht, die aus ihrem Bedürfnis entstanden war, die Guardias nicht mit Peters Tod zu belasten. Dass diese den Wunsch hegen würden, ihr beizustehen, war ihr nicht in den Sinn gekommen. Bevor sie in sentimentales Geplapper ausbrach, drückte Kiera die Klinke hinunter und betrat die Kabine. Sie kannte sich zu genau, um zu wissen, dass sie jetzt allein sein wollte.
   Alberto akzeptierte ihre Geste. Er nickte ihr mit einem kleinen Lächeln zu, drehte sich um und verschwand. Als seine schweren Schritte im Gang verhallten, schwor sie sich, von nun an den Kontakt zu den Guardias zu pflegen.
   Kiera wischte sich über die tränenfeuchten Wimpern, wandte sich um und ging zum Bett. Sie löste die Verschnürung des Rucksacks, holte das iPad heraus und befreite es aus der Schutzhülle. Während der PC hochfuhr, lief sie durch die Kabine. Die rauchgraue Bettumrandung, die ein filigranes Muster aus weißen Orchideenrispen zierte, dämpfte ihre Schritte.
   Als der Computer hochgefahren war, rief sie ihren Kalender auf und ging drei Jahre zurück. November ließ sie aus und las ihre Aufzeichnungen von Oktober. »Nein, da nicht«, murmelte sie und blätterte weiter. Dabei übersprang sie versehentlich den September und landete im August. Sie las sich durch ihre Notizen und stutzte mitten im Monat. Peter war bereits im Sommer in Costa Rica gewesen, zu einer Ausstellung im Naturkundemuseum in San José.
   Sie überflog die folgenden Eintragungen. Drei Tage später hatte Peter sie angerufen und ihr mitgeteilt, dass er noch eine Woche länger bleiben würde. Er hatte einen Tauchausflug zur Isla del Coco gebucht.
   Kiera spürte, wie ihr jegliche Farbe aus dem Gesicht wich. Eine Gänsehaut jagte ihr den Rücken hinab. »Ein Zufall?« Sie schloss die Augen, setzte sich auf die cremeweiße Tagesdecke und durchforstete ihre Erinnerungen. Die Luft hatte an jenem Tag über dem Parkplatz des Dulles Airports geflimmert, als sie ihren Bruder abgeholt hatte. Sie lauschte Peters begeisterten Ausführungen, die ihr in jeder Einzelheit seine Tauchgänge beschrieben. Für Kiera war das ein Buch mit sieben Siegeln. Sie verstand nicht, wieso Fische jemanden derart in Verzückung bringen konnten. Vor allem nicht, wenn es sich um Haie handelte. Auf der Fahrt durch Washington alberten sie herum und wie immer zog Peter sie mit ihrer Abneigung gegen Wassertiere im Allgemeinen und Fischgerichten im Besonderen auf. Kiera tat das unheimlich gut, denn es lenkte sie von dem Stress ihrer Doktorarbeit ab. So lange, bis Peter schlagartig ernst wurde.
   »Ich glaube, ich habe einen Beweis gefunden, dass Amerika bereits wesentlich früher besiedelt wurde«, sagte er unvermittelt.
   Die Ankündigung verschlug ihr die Sprache, und sie übersah beinahe eine rote Ampel. Mit quietschenden Reifen brachte sie den Ford Galaxy gerade rechtzeitig an der Haltelinie zum Stehen. »Was für einen Beweis?«
   »Das kann ich dir noch nicht sagen«, antwortete Peter ausweichend. »Ich bin per Zufall auf etwas gestoßen, was so unglaublich ist, dass ich es selbst nicht begreife. Doch eins weiß ich, die ersten Ergebnisse lassen eindeutig auf einen früheren Zeitpunkt schließen als die fünfzehntausend Jahre vor Heute.«
   Nach seinen Worten wühlte sich ein ätzendes Gefühl durch ihre Eingeweide. Eine solche Hypothese aufzustellen und sie zu vertreten, kam einer Hinrichtung gleich. »Peter, sei vorsichtig. Das Thema ist …« Ein lautes Hupen hinter ihnen unterbrach sie. Die Ampel leuchtete in einem satten Grün. Kiera drückte aufs Gaspedal und fuhr los.
   »Mach dir keine Sorgen, okay? Ich weiß, was ich tue.«
   Doch Peter schlug Kieras Warnung in den Wind. Von dem Moment an kannte er kein anderes Gesprächsthema. Leider hatte er niemals einen Beweis vorgelegt, der seine Aussage untermauert hätte.
   Kiera blinzelte und wischte sich die Tränen aus den Augen. Noch heute verstand sie nicht, warum Peter schlagartig ein Anhänger dieser Besiedlungstheorie geworden war. In seiner Dissertation hatte er Skelette der präkolumbischen Hohokam-Kultur untersucht, mit dem Schwerpunkt der Analyse von Bestattungsritualen in Verbindung zu ihrer Religion. Niemals zuvor sprach er von einer Besiedlung Amerikas vor dem wissenschaftlich anerkannten Zeitraum, da war sich Kiera sicher. Aber warum dann? Sie sah erneut auf das iPad. Bei der Ausstellung ging es um präkolumbische Kulturen Mittelamerikas und nicht darum, wann Amerika besiedelt wurde.
   »Mh?«, murmelte sie und blätterte weiter durch ihre Kalenderaufzeichnungen. Im September, eine Woche nachdem Peter aus Costa Rica zurückgekehrt war, hielt sie inne. Den Einbruch in sein Apartment schob sie auf normale Diebe, aber war es möglich, dass wesentlich mehr dahintersteckte? Es wurde nichts gestohlen, jedoch stellte der Eindringling Peters und Noras Wohnung auf den Kopf. Peter war fuchsteufelswild geworden. Nur der Umstand, dass Nora mit Laura bei ihren Eltern in Wisconsin weilte, beruhigte ihn, denn in der Wohnung sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Überall lagen Kleidungsstücke, Bücher, Zeitschriften und zerbrochenes Geschirr, selbst Mehl, Zucker und Cornflakes schüttete der Einbrecher auf den Boden. Was Peter am meisten erzürnte, war Lauras kaputtes Spielzeug. Kein einziges Plüschtier der Kleinen verschonte der Räuber. Alle zerfetzte er, nicht eins besaß mehr einen Kopf oder Beine.
   »Warum?« Die Frage stellte sich Kiera damals bereits. Der Eindringling rührte Peters teure Armbanduhren und Noras Schmuck nicht an, auch ihr Bargeld befand sich noch vollzählig in dem aufgebrochenen Wandsafe. Wozu war er eingebrochen?
   Die Antwort flutete jäh durch ihr Hirn. »Er hat etwas gesucht«, rief sie und sprang auf. »Etwas Bestimmtes.« Der dicke Teppich dämpfte ihre Schritte, während sie auf und ab lief. »Aber was? Wertgegenstände offensichtlich nicht, es sei denn …« Sie blieb stehen, wirbelte auf der Stelle herum und sah zum Rucksack. »Das, was er suchte, war nicht in Peters Wohnung.« Kiera legte das iPad auf den Überwurf, schnappte sich ihre Tasche und schüttelte den Inhalt aufs Bett. Eine Packung Taschentücher, ihre Geldbörse, ein Schlüsselbund, der Pass und das Kästchen purzelten hinaus. Sie griff in ihren Ausschnitt, holte die Kette hervor und streifte sie sich über den Kopf. An ihr befanden sich ein kleiner goldener Schlüssel und ein Medaillon. Als sie den Schlüssel in das Schloss der Schatulle geschoben hatte, stockte sie. Wie oft hatte sie das schon getan? Zehnmal? Nein, jede Woche mindestens einmal. Bisher hatte ihr Widerwille sie zurückgehalten, ihre Nase zu tief in Peters Angelegenheiten zu stecken, doch Nora schlug das Geschenk aus. Nur Kieras Abneigung stand im Weg.
   Tief amtete sie ein und drehte den Schlüssel herum. Kiera war sicher, was immer der Einbrecher gesucht hatte, lag darin. Welchen teuren Schmuck hatte Peter für Nora gekauft? Sein Wert musste alles andere, was sich in ihrer Wohnung befand, bei Weitem übersteigen. Als der Deckel des Kästchens aufsprang, rechnete Kiera beinahe mit dem Queen Consort’s Ring, dem Königinnenring, der im Jahr 1831 für die britische Königin Adelaide angefertigt wurde. Kiera verschluckte sich fast an ihrem eigenen Speichel, denn das, was sie erwartet hatte, lag nicht auf dem schwarzen Samt.

4. Kapitel

»Nein, ich sagte, den Flug nach Mailand können Sie stornieren«, rief Ricardo in das Telefon. »Hören Sie nicht zu?« Er schnappte nach dem
   Telefonbuch, das einsam und verlassen auf dem nussbaumfarbenen Sekretär lag. Mit Wucht warf er es an die gegenüberliegende Wand, drehte sich um und blickte aus dem Fenster.
   »Entschuldigen Sie, Sir. Das … das habe ich verwechselt. Einen kleinen Augenblick, bitte.«
   Die Frau am anderen Ende schien den Tränen nahe. Ricardo kümmerte das nicht. Wenn die dumme Pute ihr Gehirn in einen Safe sperrte, musste sie eben mit Konsequenzen rechnen. Sie konnte froh sein, dass er … Hinter ihm schepperte es. Er fuhr herum und fletschte die Zähne. Auf dem Dielenboden lag ein zerbrochener Bilderrahmen. Mit großen Schritten durchquerte er das Wohnzimmer und ging vor dem Rahmen in die Hocke. »Verdammtes Weibsbild.« Es war ihm egal, ob die Angestellte der United Airlines ihn hörte. Er griff nach dem Bild und hob es hoch. Die Glasscherben, die es bedeckten, fielen klirrend auf den Boden. Sie knirschten unter seinen Schuhen, als er aufstand und zum Sofa lief. Ricardo ließ sich auf den Überwurf fallen und strich über das Schwarz-Weiß-Foto von Stephanie. Seine Erinnerungen fügten die Farben hinzu, die der Aufnahme fehlten. Stephanies fein geschnittenes, ovales Gesicht wurde von einer Kaskade brauner Locken umrahmt, die an der rechten Seite eine cremeweiße Rosenrispe schmückte. Ihre kobaltblauen Augen lächelten strahlend und ihr voller roter Mund hauchte einen Kuss in die Kamera, der für ihn bestimmt gewesen war. Sie waren an jenem Tag so unbeschreiblich glücklich gewesen. Er wusste noch, wie ihr Hochzeitskleid ausgesehen hatte. Wie ein Engel war sie ihm vorgekommen, als sie in dem weißen bis zum Boden fallenden Kleid die Treppe herunterschritt. Selbst während sie sich das Jawort gaben, konnte er nicht begreifen, dass diese wunderschöne, kluge und sanftmütige Frau ihm gehören sollte. Ihr Glück schien vollkommen, bis Stephanie einige Jahre nach der Hochzeit mehr und mehr zur Flasche griff und ihre Depressionen im Alkohol ertränkte.
   »Hören Sie, Sir?«
   »Ja.« Ricardo zischte und ballte die Hand zur Faust.
   »Ich habe einen Flug für heute Nachmittag für Sie. Möchten Sie den nehmen?«
   »Wann?«, fragte Ricardo und hieb die Faust auf die Sofalehne. Das Holz brach knirschend auseinander. Aus seiner Kehle drang ein Knurren. Das war die fünfte Airline, mit der er sprach. Er hätte gleich bei einer Charterfluggesellschaft anrufen sollen, statt die wertvolle Zeit mit den überflüssigen Telefonaten zu vertrödeln. »Nein, danke!« Er legte auf, bevor er sich gänzlich vergaß. Kurz darauf wählte er die Nummer der Firma Fly&Day und buchte einen Flug, der noch am Vormittag ging.
   Mit dem Foto sprang er auf und sauste in die Bibliothek. Vor dem Kamin blieb er stehen und suchte an der rechten Wandlampe nach dem kleinen, verborgenen Schalter. Erst einmal hatte er ihn betätigt, an seinem achtzehnten Geburtstag. An jenem Tag hatte ihn sein Vater in das Familiengeheimnis eingeweiht. Dadurch änderte sich sein Leben schlagartig. Aus dem unbekümmerten und lebenslustigen jungen Mann wurde ein schweigsamer, in sich gekehrter Soldat. Er ging freiwillig zur Navy, um seiner verlogenen Familie aus dem Weg zu gehen. Viele Jahre verfluchte er seinen Vater und seine Vorväter dafür, dass sie ein solches Geheimnis hüteten. Die Last wurde von Generation zu Generation schwerer und machte sie alle zu Verrätern. Ricardo, bis dahin stolz der Sheffield-Gilde anzugehören, schämte sich für die Feigheit seiner Vorfahren. Keiner besaß den Mut, für seine Überzeugung einzutreten. Erst Jahre später hatte er begriffen, dass ihr Schweigen nichts mit Schwäche zu tun hatte.
   Ein leises Klicken erklang, und Ricardo ging hinüber zum Bücherregal. Schon damals hatte er es aberwitzig gefunden, dass die kleine Öffnung direkt hinter der Bibel versteckt war. Er zog sie aus dem Regal, warf das Buch auf den Boden und streifte sich den Siegelring vom Finger. Auf dem mit Gold eingefassten Lapislazuli schimmerte das Familienwappen der Sheffield-Gilde.
   Ricardo streckte den Arm aus und presste den Ring in die Öffnung. Er passte perfekt. Mehrere Grad drehte Ricardo ihn nach links und drückte. Ein leises Klicken ertönte und das Bücherregal schwang zur Seite. Abgestandene, modrige Luft schlug ihm entgegen. Er rümpfte die Nase, schob den Ring auf seinen Finger und betätigte den Lichtschalter. Trübes Licht flammte auf und erhellte einen schmalen Gang. Er war neunzig Zentimeter breit, dafür doppelt so hoch. Als er ihn betrat, musste sich Ricardo bücken, dabei stieß er mit den Schultern an die mittelalterlichen Fackelhalterungen, die sich an den grob behauenen Steinwänden befanden. Er fluchte und durchriss die Spinnweben, die von der Decke bis zum Boden hinabreichten. Das laute Klackern seiner Absätze auf dem Steinfußboden verfolgte Ricardo, während er den Gang entlangeilte. Nach einigen Metern endete dieser in einer viereckigen Kammer. Ölfackeln hingen in ihren eisernen Halterungen, doch in ihnen brannte seit Jahrzehnten kein Feuer mehr. In der Mitte des Raums stand ein alter aus Eichenholz gearbeiteter Tisch, darüber befand sich eine einzelne Glühbirne. Ihr schwaches Licht warf einen matten goldenen Schein auf das Holz und beleuchtete das, was auf der Oberfläche ruhte.
   Ricardo trat an den Eichentisch und senkte den Kopf. Auf der polierten Platte lag ein in Schweinsleder gebundener Foliant, auf dessen Deckel das uralte Familienwappen der Sheffield-Familie eingeprägt war. Er legte das Foto daneben, strich mit der Hand über den Buchdeckel und öffnete ihn. Das ehemals weiße Pergament war im Laufe der Zeit gelb geworden. Dennoch waren die Einträge deutlich lesbar. Ricardo verstand die Beweggründe seines Vorfahren Noal nicht, der die Familienchronik im vierzehnten Jahrhundert angelegt hatte. Nachdem Ricardo vor vielen Jahren die Notizen der ersten Besitzer gelesen hatte, verzichtete er auf die letzten. Jeder seiner Ahnen schrieb in dem Buch seine Gedanken und Gefühle nieder, die er nach der Offenbarung ihres Familiengeheimnisses hatte. Den meisten ging es am Anfang wie Ricardo. Bei manchen blieb die Scham bis zum Lebensende wie beispielsweise bei Noal. Ricardo blätterte einige Seiten weiter, bis er zur letzten gelangte, die Noal geschrieben hatte.
   »Heute, im Jahr 18.057 der neuen Zeitrechnung, habe ich meinen Sohn Doral in das Geheimnis unseres Urahns eingeweiht und ihn gebeten, aus meinem Gedächtnis Omirons Tat zu löschen. Seit mein Vater mich vor sechzig Jahren einweihte, habe ich das Familiengeheimnis bewahrt, obwohl es mir schwerfiel, in all der Zeit den Mund zu halten. Genau wie er strebte ich danach, die Tat, die so völlig wider unserer Natur war, ungeschehen zu machen. Gleichwohl weiß ich, dass es niemals gelingen wird. Sechs Jahrzehnte habe ich darum gekämpft, den Sitz im Hohen Rat wiederzuerlangen. Vor zehn Jahren ist es mir gelungen. Ich hoffe, damit den Grundstein für ein wiedererstarktes Ansehen der Familie vom roten See gelegt zu haben und gebe den Platz im Rat in die Hände meines Sohnes. Voller Stolz könnte ich auf mein Leben zurückblicken, doch ich tue es nicht. Zu groß ist meine Abscheu, dass einer von uns zu einer solchen Tat fähig war. Ich bin müde geworden und möchte meine letzten Tage ohne das Wissen um die schändliche Tat unseres Urahns verbringen …«
   »Schändlich?« Ricardo fauchte und schlug den Folianten zu. Staub wirbelte auf. Er fischte hustend ein Taschentuch aus der Hose, hielt es vor die Nase und schüttelte den Kopf. »Die Tat war nicht schändlich, sie war heldenhaft.« Als er das Buch zur Seite schob, kam darunter eine Vertiefung zum Vorschein. Im gleichen Augenblick blendete ihn ein silberhelles Licht. Ricardo stopfte das Papiertuch halbherzig in die Hosentasche zurück, griff in die Mulde und hob den glänzenden Stofffetzen heraus. Dieser fühlte sich glatt, weich und kühl an.
   Sein Vater hatte ihn gewarnt, niemals den Stoff zu entfernen, der die beiden Gegenstände in seinem Inneren bewahrte, denn es würde das Verderben ihrer Familie sein. Ricardo grinste. Was spielte das noch für eine Rolle?
   Er hob die linke Hand und ließ sie einige Zentimeter über dem Gewebe schweben. Seine Fingerspitzen kribbelten. Seit vielen Generationen hatte niemand mehr zu Gesicht bekommen, was der Stoff verbarg. Kurz entschlossen schnappte er mit Daumen und Zeigefinger nach einer Ecke des Stofffetzens. Die Seide war so hauchdünn und weich, dass sie beinahe seinen Fingern entglitt. Ricardo hielt die Luft an. Stück für Stück zog er ein Ende zur Seite, ließ es fallen und ergriff die zweite Stoffecke.
   Kaum hatte er sie berührt, ertönte ein lauter Glockenschlag. Einmal, zweimal … achtmal schlug die Uhr über dem Kamin. Ricardo zuckte zusammen, der Stoff rutschte aus seinen Fingerspitzen. »Mein Flug!« Er schnappte nach dem Foto, wirbelte auf der Stelle herum und sauste durch den Gang in die Bibliothek. Dort hielt er inne und verstaute den Stofffetzen samt Inhalt in der Jackentasche. Er lief zur Bibel und hob das Buch der Bücher auf, wobei ein weißes Knäuel aus seiner Hosentasche fiel und zu Boden segelte. Ricardo kümmerte sich nicht um das Taschentuch. Mit der Bibel ging er zum Bücherbord, stellte die Heilige Schrift ins Fach und warf mit Schwung das Regal an seinen ursprünglichen Platz zurück.
   Eine Sekunde später drehte er sich um und eilte aus der Bibliothek. In der Eingangshalle angekommen, verstaute er Stephanies Bild in seiner Reisetasche und trat hinaus in den sonnigen Morgen. Er atmete die klare, aber kühle Luft ein, schloss die Tür hinter sich und ging zum BMW.
   Als die Sensoren im Wageninneren den Autoschlüssel in seiner Hosentasche identifizierten, piepste das Auto leise und entriegelte die Türen. Ricardo öffnete die Fahrertür, warf die Tasche auf den Beifahrersitz und holte den Schlüssel aus seiner Jeans. Ein paar Minuten später fädelte er den mit allerlei Equipment voll beladenen Mietwagen in den Berufsverkehr ein.

*

Kiera traute ihren Augen kaum. Sie blinzelte und schloss die Lider. Als sie diese erneut öffnete, lag der Gegenstand wie vorher in dem Kästchen. Ihre Beine begannen zu zittern, und sie sank aufs Bett. In der Mitte der Öffnung ruhten weder Gold noch Juwelen. Inmitten von schwarzem Samt lag das Fragment eines Knochens. Sie griff in die Schatulle, nahm das Bruchstück heraus und legte die Schachtel auf die Tagesdecke. »Eine Rippe.« Kiera stand auf und ging zum Schreibtisch. Sie knipste die Lampe an und setzte sich auf den Stuhl. Unter dem Schein der Leuchte begutachtete sie den Fund. »Menschlich, aber …« Sie brach ab und verzog den Mund. Auf dem Fragment befanden sich neben einer vertikalen Rille kleinere Abschabungen. »Ratten.« Eine Gänsehaut richtete ihre Härchen auf den Unterarmen auf. Diese Biester waren der ultimative Feind jedes Anthropologen. Sie verschleppten alle Knochen, die sie fanden.
   Kiera biss sich auf die Unterlippe. War das Peters Beweis? Falls ja, warum hatte er ihn versteckt? Oder waren die Untersuchungsergebnisse, von denen Peter gesprochen hatte, nicht die, die er sich erhofft hatte? Wenn das zutraf, hätte Peter die Theorie einer früheren Besiedlung fallen gelassen, aber das hatte er nicht.
   Kiera gähnte und legte den Knochen auf den Tisch. Sie setzte den Ellenbogen daneben, stützte den Kopf in die geöffnete Hand und schloss die Augen. »Warum hast du nicht mit mir darüber gesprochen?«, fragte sie und seufzte. »Was soll ich jetzt mit der Rippe tun?« Es wäre ein Leichtes für sie, das Alter des Fragments im Smithsonian bestimmen zu lassen, aber was, wenn sich Peters Hoffnung bestätigte?
   Sie wusste nicht, wo er den Knochen gefunden hatte. Ihre Vermutungen würden nicht ausreichen, um die Authentizität der Rippe zu beweisen. Sie könnte aus Europa oder von sonst woher stammen. Auch verwertbare DNA-Spuren am Knochenfragment halfen nicht, um die Echtheit zu bestätigen. Die Beweislage war nicht eindeutig. Sie benötigte eine einwandfreie Dokumentation der Fundstelle, und die hatte sie nicht.
   Kiera öffnete die Augen, griff nach der Rippe und stand auf. Sie verpackte diese im Kästchen und warf sich aufs Bett. Während sie sich auf die Seite drehte, nahm sie sich fest vor, das Alter des Knochens bestimmen zu lassen. Auch wenn sie mit dem Ergebnis die Theorie einer früheren Besiedlung Amerikas nicht beweisen konnte, würde sie die Wahrheit kennen. Kiera kringelte sich zusammen und sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

5. Kapitel

Jocelyn musterte Shane über ihre Kaffeetasse hinweg. Er saß neben ihr am Frühstückstisch und las die Washington Post. Dieser Anblick war für sie nicht ungewöhnlich, bot er sich ihr jeden Morgen. Allerdings hielt Shane die Zeitung üblicherweise nicht verkehrt herum und starrte nicht geschlagene fünf Minuten auf ein und dieselbe Stelle. Jocelyn nippte am Kaffee und entschied, dass sie lange genug sein sonderbares Verhalten geduldet hatte. Seit mittlerweile zwei Nächten blieb das Bett neben ihr verwaist, und sie wollte auf keinen Fall die dritte in einem leeren, einsamen Schlafzimmer verbringen.
   Als sie die Tasse auf dem Unterteller absetzte, zerriss ein leises Klirren die Stille der Küche. Shane reagierte nicht. Sie seufzte, griff in den Brotkorb und nahm sich eine Scheibe Toast. »Ich habe in zwei Stunden einen Termin bei Caroline«, sagte sie so beiläufig wie möglich.
   »Aha«, grummelte Shane in seinen nicht vorhandenen Bart.
   »Ich möchte ein Schloss kaufen.« Jocelyn spürte, wie ihre Wangen bei der Lüge zu glühen begannen, allerdings blieb die Röte auf ihrem Gesicht von Shane unbemerkt. Er stierte weiterhin auf eine bestimmte Stelle, und sie fragte sich, warum sein starrer Blick noch kein Loch in die Tageszeitung gebrannt hatte.
   »Fein«, sagte er.
   Sie schüttelte den Kopf, schnappte sich das Messer und tauchte es in die Erdnussbutter. »Der Kaufpreis beträgt 18,5 Millionen Dollar.« Der immense Geldbetrag blieb ihr beinahe in der Kehle stecken, doch sie schaffte es, ihre Stimme gelassen klingen zu lassen. Ihre Hoffnung, der exorbitante Betrag rüttelte ihren Mann wach, erfüllte sich zu ihrem Leidwesen nicht.
   »Prima, nimm die Kreditkarte.«
   »Vielen Dank für deine Großzügigkeit, aber willst du nicht wissen, wo das Schloss ist?« Sie bestrich die Weißbrotscheibe mit Erdnussbutter, während sie Shane nicht aus den Augen ließ.
   »O sicher«, antwortete er ohne eine weitere Regung.
   »Auf dem Mond.« Jocelyn biss vom Toast ab, kaute dreimal, schluckte und sah zu Shane. Seine Mimik wirkte wie eingemeißelt.
   »Toll. Es hat bestimmt eine fantastische Aussicht.«
   Als Shane eine Seite umblätterte, hielt sie die Luft an. »Sie ist umwerfend«, sagte sie und stieß den angehaltenen Atem aus. »Allerdings benötigen wir ein geeignetes Transportmittel, um hinzukommen.«
   »Ach?«
   »Ja, ich habe da an ein Spaceshuttle gedacht. Jedoch ist mir die Einrichtung, ehrlich gesagt, zu spartanisch. Ich möchte auf keinen Fall auf Komfort verzichten, während wir zwischen Erde und Mond hin und her pendeln. Ein Innenarchitekt hat mir Pläne für den Umbau vorgelegt. Du wirst begeistert sein, wenn du sie siehst. Er zeigt mir nachher Muster für den Teppichboden und die Ledercouch. Mister Barkley sagt, die Umgestaltung kostet nur fünfzig Millionen Dollar.« Als Shane mehrmals blinzelte, atmete Jocelyn auf.
   »Was?« Seine Frage klang nach dem Zischeln einer Kobra.
   »Ich finde das preiswert, du nicht auch?« Sie setzte eine unschuldige Miene auf und blickte in Shanes samtbraune Augen.
   Er runzelte die Stirn und ließ die Zeitung sinken. »Wie bitte?«
   »Also Shane, hast du mir überhaupt zugehört?« Jocelyn zwang sich, ein gewisses Maß an Empörung in ihrer Stimme mitschwingen zu lassen, obgleich ein erleichtertes Lachen in ihrer Kehle kribbelte. »Wie kannst du nur? Ich rede mir den Mund fusslig, und du …«
   »O Liebling, bitte verzeih. Ich war in Gedanken.«
   »Soso, und in welchen?«
   Er schüttelte den Kopf und trank einen Schluck von dem kalt gewordenen Kaffee. »Es ist nichts weiter.«
   »Ach ja?«, fragte sie. Auf keinen Fall würde sie sich mit der lapidaren Ausrede abspeisen lassen. Sie wollte die Wahrheit wissen, auch wenn sie vor der Antwort schreckliche Angst hatte. »Und warum schlafe ich seit zwei Nächten allein in unserem kuscheligen Bett? Weshalb isst du nichts und gehst mir aus dem Weg? Was ist los? Sag es mir. Haben sich meine Blutwerte rapide verschlechtert? Muss ich operiert werden?«
   Shanes Unterkiefer fiel nach unten. »Nein, nein, deine Werte sind in Ordnung.«
   Jocelyn unterdrückte das Verlangen, vor Erleichterung durch die Küche zu hüpfen. Die Miene, die Shane aufgesetzt hatte, überzeugte sie kein bisschen von seiner achtsam zur Schau gestellten Gleichgültigkeit. »Was macht dir dann Sorgen?«
   »Irgendetwas stimmt mit Ricardo nicht«, antwortete er zögernd und legte die Zeitung auf den Tisch. »Er hat sich vorgestern merkwürdig verhalten.«
   »Unsinn. Du machst dir zu viele Gedanken. Er hat sich benommen wie immer. Es ist dir früher nur nie aufgefallen.«
   Shane schüttelte entschieden den Kopf. »Nein. Selbst für Ricardos Verhältnisse war sein Benehmen sonderbar.«
   Jocelyn biss in den Toast, kaute und dachte an Ricardo. Sie kannte ihn seit fünfzig Jahren. Er war Shanes bester Freund und hatte durch seine charmante Art schnell das Herz ihrer Freundin Stephanie gewonnen, aber ihr Tod hatte Ricardo verändert. Er ließ kaum noch jemanden an sich heran, auch nicht Shane, seinen alten Lehrer.
   Was Jocelyn nicht behagte, war der Lebenswandel Ricardos, den Shane zu ignorieren pflegte, doch ihr gelang es nicht, über die unzähligen Prostituierten hinwegzusehen, mit denen sich Ricardo vergnügte. Sicher, er war ungebunden und frei, allerdings beschmutzte er, nach ihrer Meinung, mit seinem frivolen Verhalten das Ansehen seiner verstorbenen Frau, was sie ihm nicht verzeihen konnte. Hinzu kam der viele Alkohol. Ricardo war selten nüchtern, wenn er nach Washington kam. Es wunderte sie, dass er seine Securityfirma noch nicht verloren hatte. Sie wusste, dass er auch während der Arbeit trank. Oft genug versuchte sie, ihm ins Gewissen zu reden, doch er blockte stets ab.
   Der Toast kratzte ihr im Hals, als sie schluckte. Selbst mit einem Schluck Kaffee gelang es ihr nicht, den faden Geschmack hinunterzuspülen, der urplötzlich auf ihrer Zunge lag. »Das war die Freude auf eine weitere Nutte.« Sie gab sich nicht die Mühe, den abfälligen und wütenden Ton zu verbergen, der ihre Worte begleitete.
   »Ich weiß, er ist kein Heiliger und dir behagt das nicht, aber ich glaube, es steht uns nicht zu, ihn zu verurteilen. Stephanies Tod hat ihn mehr getroffen, als dir bewusst ist. Er ist noch lange nicht über ihren Verlust hinweg.«
   Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch sah Jocelyn Shane an. Er wirkte beunruhigt, was ihr nicht gefiel. Obgleich sie seine Meinung nicht teilte, nickte sie. »Ruf ihn an und rede mit ihm«, sagte sie und sah auf die Uhr. Es war 7:30 Uhr. »Falls er nicht mehr zu Hause ist, erreichst du ihn bestimmt im Büro.«
   Shanes Lippen bildeten unvermittelt einen dünnen Strich. »Das habe ich gestern bereits. Ricardo ist nicht nach New York zurückgeflogen. Seine Sekretärin sagte mir, er habe überraschend Urlaub genommen.«
   Jocelyn, die nach ihrer Tasse greifen wollte, hielt mitten in der Bewegung inne. »Ricardo macht nie Urlaub. Hat er ihr gesagt, wohin er will?«
   »Nein.«
   »Merkwürdig.« Das mulmige Gefühl in ihrem Bauch verstärkte sich. Sie trank ihren Kaffee aus und goss sich neuen ein, doch die warme Flüssigkeit vertrieb nicht das eigenartige Grummeln in ihrem Magen. »Erreichst du ihn nicht auf dem Handy?«
   »Es ist ausgeschaltet«, antwortete Shane und sprang auf. »Seit gestern Morgen.«
   Jocelyn blickte ihm nach, während er zur Spüle lief. Diese Neuigkeit verschlug ihr für einen Augenblick die Sprache. Sie konnte zwar mit einem Smartphone umgehen, aber sie war nicht so versessen auf derartige technische Spielereien wie Ricardo. Er musste stets den neuesten Laptop, das neueste Auto oder das neueste Handy besitzen. Allein die Vorstellung, er könnte absichtlich das Telefon über eine längere Zeit ausgeschaltet lassen, war absurd. Langsam begriff sie die Sorgen, die sich Shane machte, denn es fiel ihr nur eine logische Erklärung für all das ein. Sie sprang auf und lief zu Shane. Er stand vor der Spüle und sah durch das Fenster hinaus in den Garten.
   »Es ist ihm nichts passiert. Nein, nicht Ricardo.« Ihre Stimme sollte beruhigend klingen, aber sie vernahm den besorgten Tonfall, der in ihr mitschwang. »Er feiert noch, bestimmt.« Den letzten Satz sprach Jocelyn widerwillig aus. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr bei der Mutmaßung, in welchem Etablissement Ricardo die vergangenen zwei Nächte verbracht hatte, ein Schauder den Rücken hinablief.
   »Nein, er ist in kein Bordell gefahren«, sagte Shane, ohne den Kopf zu wenden.
   »Woher weißt du das?«
   »Ich weiß es nicht. Es ist ein Gefühl, eine Intuition. Verstehst du?«
   Ihr wurde übel. Shane hatte noch nie das Wort Intuition benutzt, bei ihm gab es nur kristallklare Fakten. »Was ist los?«, fragte sie und lehnte sich an die Spüle. Ein paar Sekunden blieb es in der Küche still, wodurch das Ticken der Uhr deutlich zu hören war.
   »Als ich Ricardo an den Oberarmen geschüttelt habe, prasselten seine Emotionen auf mich ein«, antwortete er leise. »Ich denke, es war ihm in dem Moment nicht bewusst, dass sein mentaler Schild löchrig wurde und er seine Gefühle derart laut hinausschrie. Aber das ist es nicht, was mich wundert, sondern das, was er fühlte.«
   Jocelyn verschränkte die Arme vor der Brust und atmete tief ein. »Was hat er empfunden?«
   Shane drehte sich abrupt zu ihr und ergriff ihre Oberarme. »Er war schockiert, man könnte fast sagen, er war zu Tode erschrocken.«
   Sie öffnete den Mund und schloss ihn im nächsten Augenblick. Shane zu fragen, ob er sich irrte, wäre, als würde sie einem Sternekoch vorwerfen, er würde seine eigenen Rezepte nicht kennen.
   »Warum?«, fragte sie und spürte, dass ihr Puls in die Höhe schoss. Der Fund von Keenans fossilen Überresten war für alle Nachfahren ein Grund zum Feiern. Sie zweifelte zwar wie Colin an der Legende, doch wenn das Smithsonian dem Kauf der Knochen zustimmte, würde der verlorene Sohn endlich heimkehren.
   »Ich weiß es nicht, und das macht mich verrückt.« Shane ließ ihre Arme los und marschierte durch die Küche.
   Sein verzweifelter Gesichtsausdruck brannte sich in ihr Gedächtnis. Das Grummeln in ihrem Magen wurde lauter. Falls Shane recht hatte, und Jocelyn zweifelte keine Sekunde an seinen Worten, stimmte in der Tat mit Ricardo etwas nicht. Die Frage war, was. Leider konnte sie die, ohne nähere Angaben von Ricardo, nicht beantworten. Da seine Sekretärin nicht wusste, wohin er entschwunden war, blieben nur die beiden Flughäfen von Washington übrig, um ihn zu finden. »Arbeitet Amelia noch auf dem Dulles Airport?«, fragte Jocelyn und stieß sich von der Spüle ab. Sie ging bis in die Mitte der Küche und versperrte Shane den Weg.
   »Ja, wieso?«
   »Ruf sie an und frage nach, ob Ricardo einen Flug gebucht hat.«
   Shanes Augen wurden groß. »Daran hätte ich auch denken können. Warum ist mir das nicht eingefallen? Seit Tagen überlege ich, wie ich Ricardo finden kann.«
   Statt einer Antwort schlang Jocelyn die Arme um ihn und schmiegte den Kopf an seine Brust. Das Pochen seines Herzens drang laut an ihr Ohr.
   Seine muskulösen Hände strichen sanft über ihren Rücken. »Was würde ich nur ohne dich tun?«, flüsterte er.
   Jocelyn seufzte.
   Die Frage müsste eigentlich sie stellen. Sie löste sich aus seiner Umarmung und sah zu ihm hoch. In seinen samtbraunen Augen tanzten goldene Lichter, während er den Blick kurz auf ihrem Gesicht ruhen ließ und dann zur Küchenuhr blickte.
   »Ich muss los. Amelia rufe ich von meinem Büro aus an.«
   Als Jocelyn die Eingangstür öffnete, zerrte ein eisiger Wind an ihren Haaren. Shane drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, wandte sich ab und ging zum Auto.
   An den Türrahmen gelehnt sah sie dem Mercedes hinterher, bis er aus ihrem Blickfeld verschwand. Eine Gänsehaut auf ihren Unterarmen zwang sie, ins Haus zu gehen. Sie durchquerte den Eingangsbereich, blieb am anderen Ende stehen und klopfte an die Tür, die zu einer separaten Wohnung führte. »Alexander? Ich bin es, Jocelyn«, sagte sie und drückte die Klinke hinunter. »Ich weiß, es ist noch früh, aber kann ich kurz mit dir sprechen?«
   In der Wohnzimmertür erschien der grauhaarige Kopf ihres Schwiegervaters. »Natürlich. Komm herein. Möchtest du eine Tasse Tee mit mir trinken?«
   »Darjeeling nehme ich an?«
   »Du vermutest richtig«, antwortete Alexander und lächelte.
   »Gern.« Jocelyn folgte ihm in die Stube und setzte sich an einen kleinen runden Holztisch aus Nussbaum, der vor der Terrassentür stand.
   Sie ließ den Blick über den chinesischen Garten schweifen, während Alexander in der Küche verschwand. Rechts neben einem rotblättrigen Fächerahorn perlte aus einem Brunnen Wasser in einen Flusslauf, der sich entlang von Ziergräsern schlängelte, um schließlich in einem Teich zu enden. In dessen Zentrum hatte Shane vor Jahren eine kleine Insel angelegt und dort eine japanische Lärche gepflanzt. Der Bonsaibaum war Shanes ganzer Stolz. Er verdrahtete liebevoll die Äste, damit sie nach seiner Vorstellung wuchsen, oder knipste regelmäßig die jungen Triebe ab. Mittlerweile war der Baum über einen Meter hoch und wunderschön.
   Das Klappern von Geschirr ließ Jocelyn den Kopf wenden. Alexander stellte ein voll beladenes Holztablett auf dem Tisch ab, schenkte dampfenden Tee in ein Glas ein und reichte es ihr lächelnd. Sie dankte ihm und atmete das Aroma ein. Der feinblumige Nussgeschmack des Getränks regte ihre Sinne an, während sie am Glas nippte.
   »Was hast du auf dem Herzen?«
   Seine unverblümte Frage sollte sie nicht überraschen, dennoch fühlte sie sich ertappt. Weder Shane noch Alexander betrieben gern Small Talk. Sie kamen stets unumwunden zum Kern einer Sache, was Jocelyn immer Bewunderung abverlangte. Jetzt wäre es ihr jedoch lieber gewesen, sie hätte Zeit zum Plaudern gehabt, denn ihr Anliegen kam einem Frevel gleich. Nur den Mitgliedern des Ältestenrates war der uneingeschränkte Zugang zu den Archiven gestattet. Alle anderen mussten vorher den Rat um Erlaubnis bitten.
   Jocelyn nippte am Tee und suchte nach den passenden Worten. Alexander saß zwar nicht mehr im Senat der Nachfahren, aber als Wächter des Archivs besaß er das Recht, ihr die Tür zu öffnen, allerdings gab es dabei ein Problem. Mit Sicherheit würde er sich wundern, warum sie Shane nicht um die Zugangsgenehmigung bat. Shane war seit zwei Jahren Ratsvorsitzender, doch er kannte sie zu gut. Auch ohne ihre Gedanken zu lesen, würde er die Lüge erkennen, die sie gebrauchen musste, um zum Ziel zu gelangen. Jocelyn bereiteten im Vorfeld ihre nächsten Worte heftige Magenschmerzen, trotzdem blieb ihr keine andere Wahl. »Ich möchte die Beerdigungszeremonie für Keenan vorbereiten und wollte dich bitten, mir den Zugang zu den Archiven zu gestatten.«
   Alexanders graue buschige Augenbrauen flogen in die Höhe, wodurch sich auf seiner Stirn unzählige Fältchen bildeten.
   »Es soll eine Überraschung für Shane sein, weshalb ich zu dir gekommen bin«, sagte Jocelyn und stellte das Teeglas auf den Untersetzer. Ihre Hand zitterte heftig und sie betete im Stillen, dass Alexander es nicht bemerkte. Nach einem raschen Blick sah sie, dass ihre Sorge unbegründet war. Er blickte hinaus in den Garten und beobachtete fasziniert einige Kastanienblätter, die sanft zur Erde schaukelten.
   »Ist das nicht etwas voreilig?«, fragte er, ohne sie anzusehen. »Ich teile Shanes Optimismus hinsichtlich des Kaufes von Keenans Knochen nicht. Für das Museum ist der Fund ein unwiederbringlicher Zeitzeuge, der die Geschichte eines Kontinentes neu definieren kann. Die zwei unbekannten, aber vollständig erhaltenen Maya-Codices, die mein Sohn dem Smithsonian anbieten will, sind mit Sicherheit ebenso wertvoll. Dessen ungeachtet werden sie auf den Tausch nicht eingehen.«
   Jocelyn biss sich auf die Unterlippe. Auch sie hegte Zweifel an Shanes Vorhaben, indes durfte sie sich davon nichts anmerken lassen. »Möglich ist vieles, und ich möchte vorbereitet sein.« Die Worte klangen fade, selbst in ihren Ohren, doch sie wollte unter allen Umständen eine Diskussion mit Alexander vermeiden. Die Gefahr, sich in ihren Lügen zu verheddern, war ihr einfach zu groß. Alexander ähnelte in vielerlei Hinsicht Shane. Beide schlugen ihr selten einen Wunsch ab, außer es ging um ihre Gesundheit oder um Fragen, die die Angelegenheiten der Nachfahren betrafen. Da waren sie sturer als der sprichwörtliche Esel.
   »Was erhoffst du dir davon? Keenans Chronik ist zusammengestellt aus Legenden, uralten Liedern und Mythen«, sagte er und sah zum Tisch. Sein Blick wirkte abweisend und leer.
   »Mag sein, trotzdem beschreibt sie sein Leben.«
   Alexander verzog abfällig den Mund. »Meinst du? Keiner von uns kennt den tatsächlichen Wahrheitsgehalt von Levas Aufzeichnungen. Alle Informationen, die in ihrer Chronik enthalten sind, wurden von unseren Wissenschaftlern seit Jahrhunderten geprüft. Wieder und wieder. Das Einzige, das sie fanden, waren Zweifel. Zweifel darüber, ob Keenan und der Hüter je existierten.«
   Jocelyn strich sich eine Locke aus dem Gesicht und nickte. Colin gehörte zu den Nachfahren, die den Wächterkult infrage stellten. Die Skepsis der Jugend begann vor langer Zeit. Als Amerika durch die Europäer besiedelt wurde, engte sich nicht nur der Lebensraum der Indianer ein, sondern auch der der Nachfahren, die bis dahin verborgen in den dichten Wäldern des Kontinents gelebt hatten. Aus Angst, dass ihre Städte entdeckt wurden, zerstörten sie diese und gingen nach Washington.
   Heute lebten die Nachfahren unerkannt in den Metropolen der USA und hüteten ihre Geschichte. Doch das moderne Zeitalter führte in der jungen Generation zu einem Umdenken. Computer, Handys, MP3-Player und Flugzeuge verdrängten die alten Legenden aus ihren Köpfen und fütterten ihre Gehirne stattdessen mit Wikipediainformationen, den besten Onlineshops für Apps und den Namen der angesagtesten Bands. »Alle Unklarheiten werden beseitigt sein, wenn Keenans Überreste geborgen wurden und Colin den Hüter findet«, sagte sie.
   »Und wenn nicht?«
   »Dann ändert sich …« Mitten im Satz brach sie ab. Alexander musterte hingerissen die aus der Zeit ihrer Urgroßmutter stammende Zuckerdose und beachtete Jocelyn mit keinem Blick. Ohne Zweifel schien er sich zu langweilen. Unterhielten sie sich über Keenan oder über die neuesten Modetrends aus Mailand?
   Sein Desinteresse in Modedingen würde sie nicht überraschen, aber das Thema Keenan fand in den meisten Fällen bei den Nachfahren regen Zuspruch. Alexander benahm sich hingegen eigenartig, seitdem sie ihn um Erlaubnis gebeten hatte, das Archiv zu betreten. Warum? War sie zu weit gegangen mit ihrer Bitte? Vielleicht. Allerdings kannte sie ihn seit fünfzig Jahren. Er sagte stets das, was er dachte. Hatte sie ihn auf dem falschen Fuß erwischt? Nein, vor der Bitte war er umgänglich gewesen.
   Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum und ließ den Blick über Alexanders Gesicht gleiten. Er war dazu übergegangen, das Milchkännchen einer eingehenden Musterung zu unterziehen. Ein Gedanke schoss ihr so urplötzlich durch den Kopf, dass sie sich beinahe die Lippe aufbiss. Gütiger Himmel, das war ein Test. Er prüfte sie, ob sie würdig genug war, das Archiv zu betreten.
   Jocelyn atmete tief ein und legte ein Bein über das andere. »Ich bin keine Spezialistin, was fossile Überreste anbelangt. In der Hinsicht vertraue ich Baxters und Shanes Urteilsvermögen. Aber von wem, wenn nicht von Keenan, sollte der Knochen stammen? Der Größenunterschied ist nicht nur subtil, wie du weißt. Hinzu kommt, dass der Wächter der einzige Sohn Naneas ist, dessen Verbleib ein Rätsel ist.«
   »Mag sein«, erwiderte Alexander und sah sie an. »Was noch lange nicht heißt, dass die Legenden um ihn stimmen.«
   »Ist es der Mythos, der Keenans Wert ausmacht?«
   »Ah, da sind wir bei des Pudels Kern«, sagte Alexander spitz. »Die Legende vom Hüter ist untrennbar mit dem Wächter verbunden. Was ist, wenn er nicht gefunden wird, wenn er nie existierte? Damit würde der Traum unzähliger Nachfahren zerplatzen wie eine Seifenblase. Können wir das zulassen? Dürfen wir ihnen die Illusionen stehlen?«
   Jocelyns Nackenhärchen richteten sich auf. »Anders gefragt: Haben wir das Recht, ihnen die Wahrheit vorzuenthalten? Ich glaube, das ist schlimmer, als zerplatzten Wunschvorstellungen nachzutrauern. Außerdem machen wir uns hier Sorgen um etwas, das in der Zukunft liegt. Genauso gut könnte Colin den Hüter finden.«
   »Aber wenn …«
   Jocelyn winkte ab. Sie war das Spiel inzwischen leid. »In wenigen Tagen haben wir die Antworten, nach denen wir uns sehnen. Bis dahin kann der Rat klären, wie in dem einen oder anderen Fall zu entscheiden ist. Dies ist nicht unsere Aufgabe.«
   Ein hinreißendes Lächeln erschien so jäh auf Alexanders Gesicht, dass sich Jocelyn kurz geblendet fühlte.
   »Ich stimme dir zu. Gut, du hast mich überzeugt«, rief er, sprang auf und eilte mit großen Schritten zum Wohnzimmerschrank. Dort entnahm er einem unscheinbar aussehenden Holzkästchen eine Chipkarte. Mit ihr kam er zurück und reichte sie Jocelyn.
   Als sie die Karte entgegennahm, pochte ihr Herz in der Kehle.
   »Du hast meine Erlaubnis, aber sie gilt nur vierundzwanzig Stunden. Achte sorgfältig auf die Zeiten, wann du das Archiv betrittst und verlässt. Nach Ablauf der Frist erlischt deine Zugangsgenehmigung und du kannst die Türen nicht mehr öffnen.«
   »Ich danke dir.« Der Zeitraum, den ihr Alexander einräumte, war länger, als sie zu hoffen gewagt hatte. Sie sprang auf, schlang die Hände um seinen Nacken und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange.
   »Keine Ursache.«
   »Aber bitte, verrate Shane nichts«, flüsterte Jocelyn und kam sich wie eine Verräterin vor. Normalerweise hatte sie keinerlei Geheimnisse vor ihrem Mann.
   »Ich verspreche es«, erwiderte er.
   Beruhigt löste sie die Hände von Alexanders Nacken und setzte sich. Obwohl es sie ins Archiv zog, gebot es die Höflichkeit, dass sie ihren Tee noch austrank. »Wie geht es Selina?« Nach der Frage schnappte sie sich ihr Glas und trank mehrere Schlucke. Kurz überkam sie Bedauern, weil sie das edle Getränk achtlos hinunterstürzte, allerdings musste sie sich zwingen, nicht Hals über Kopf aus der Wohnung zu rennen. Die dunklen Schatten unter Shanes Augen und sein mühsamer Versuch, seine Sorgen mit einer Maske zu kaschieren, zerrten an ihrem Herz. Sie hoffte inständig, dass er Ricardo telefonisch erreichte, aber irgendetwas stimmte trotz allem nicht.
   »Ausgezeichnet. Wir haben gestern Abend miteinander gesprochen. Sie hat vor, die Jacht zu verkaufen und nach Hause zu kommen.«
   »Wie bitte?« Die Ankündigung verschlug Jocelyn beinahe die Sprache. Ihre Schwiegermutter verbrachte oft viele Monate am Stück auf dem Ozean. Die Nawoona II war ihr zweites Zuhause. »Will sie ein neues Boot kaufen?«
   »Nein, diesmal nicht. Sie gibt es nicht zu, aber ich denke, ihre Sehnsucht nach dem Meer ist nicht mehr so stark wie noch vor wenigen Jahren«, antwortete Alexander nachdenklich. »Unsere Ehe hat all die Zeit hervorragend funktioniert, weil wir dem anderen die Freiheit gelassen haben, seine Hobbys auszuleben. Selina zog es aufs Wasser und mich in die tropischen Regenwälder des Amazonasbeckens. Nun reift in uns der Wunsch heran, gemeinsam die Beine hochzulegen, ein gutes Buch zu lesen und am Abend, mit einem Glas Portwein, Don Giovanni zu lauschen.« Ein wehmütiges Lächeln schlich sich in Alexanders Gesicht. »Das Alter macht auch vor uns nicht Halt, wenn auch Jahrzehnte später als allgemein üblich.«
   Obwohl sich Jocelyn mittlerweile an die Vorstellung gewöhnt hatte, dass Alexander im Sommer seinen einhundertachtunddreißigsten Geburtstag gefeiert hatte, trieb ihr sein Lebensalter noch Schweißperlen auf die Stirn. Denn sie wusste, dass er längst nicht der älteste Nachfahre war.
   Sie hingegen hatte vor fünfzig Jahren mit ihrem Leben abgeschlossen. Mit zwanzig bekam sie Nacht für Nacht anfallartige Hustenattacken. Als sich Blut in den Auswurf mischte, brachte sie ihre Mutter in ein Krankenhaus. Doktor Lamar, ein junger Kardiologe, diagnostizierte bei ihr einen Herzklappenfehler, dessen Ursache ein rheumatisches Fieber nach einer Mandelentzündung im Kleinkindalter war. Penicillin hätte die Folgeerkrankung verhindert, doch zu der Zeit wurde es in Massen für die Armee produziert.
   Jocelyn seufzte. Damals hatte sie nicht verstanden, wie sehr ihr Leben an einem seidenen Faden gehangen hatte. Sie fuhr nicht aus Angst vor dem Tod Woche für Woche ins Krankenhaus, sondern weil sie den jungen, gut aussehenden Doktor wiedersehen wollte. Die goldenen Einsprengsel in seinen Augen strahlten wie Kerzenlicht in einem dunklen Raum, wenn sie sein Arztzimmer betrat. Und obwohl er sie bei den Untersuchungen berührte wie andere Ärzte auch, durchlief sie jedes Mal ein Zittern. Sein Blick hielt ihren auf eine Weise gefangen, die ihr Herz rasen ließ. Dementsprechend hoch war ihr Puls, was weder der Krankenschwester noch Doktor Lamar entging. Während ihres fünften Termins bei ihm musste die Sprechstundenhilfe kurz den Raum verlassen. Kaum hatte diese die Tür hinter sich geschlossen, fragte Shane Lamar Jocelyn, ob sie mit ihm ins Kino gehen würde. Ein Jahr später hatten sie geheiratet.
   Jocelyn unterdrückte ein Lächeln und schob die Erinnerungen aus ihrem Kopf. Sie verdankte Shane ihr Leben. Doch erst nach ihrer Einweihung begriff sie, dass nicht die moderne Medizin des Krankenhauses sie vor dem Tod bewahrt hatte.
   »Du bist so still. Habe ich etwas Falsches gesagt?«
   »O nein«, rief sie. »Entschuldige, ich war in Gedanken. Weißt du, ich denke, es ist nicht wichtig, ob das Alter den Wunsch in euch weckt, sondern die Tatsache, dass ihr beide ihn zur gleichen Zeit empfindet.«
   Alexander lächelte sie strahlend an und neigte leicht den Kopf. »Wie immer ziehst du die richtigen Schlussfolgerungen.«
   Manchmal wünschte sie sich das Gegenteil. Das Fazit, das sie nach dem Gespräch mit Shane gezogen hatte, hinterließ einen pelzig schmeckenden Film auf ihrer Zunge. Sie trank ihr Glas mit mehreren hastigen Schlucken leer, doch Alexanders vorzüglicher Tee spülte den widerlichen Geschmack nicht fort. »Wann wird Selina zu Hause sein?«, fragte sie und stellte das Teeglas zurück auf den Untersetzer.
   »Kann ich nicht sagen. Gestern Abend hat sie die Galapagosinseln hinter sich gelassen und steuert nun den Panamakanal an. Wenn ich sie richtig verstanden habe, wartet ein Käufer in Cancún auf sie.«
   »Es wird schön sein, euch beide öfters zu sehen«, sagte Jocelyn und stand auf. »Ich danke dir für den Tee.«
   »Und ich für deine Gesellschaft«, entgegnete Alexander und brachte sie zur Tür.
   Kaum hatte er diese geschlossen, sauste Jocelyn in der Eingangshalle zum lebensgroßen Gemälde der Madonna mit der Spindel, welches sich hinter einer Glasscheibe befand. Daneben war in der Wand ein Tastenfeld eingelassen. Sie gab fünf Zahlen ein, die einen kleinen Augenblick im Display grün aufleuchteten, bevor sie verblassten und das Bild nach rechts wegklappte.
   Mit laut klopfendem Herz schob sie die Chipkarte durch den Kartenleser. Ein leises Piepsen erklang. Die stahlgraue Tür eines Fahrstuhls glitt zischend zur Seite. Als sie den Lift betrat, vernebelte eine Duftkomposition aus Leder, herbem Aftershave und Hugo Boss Eau de Toilette kurzfristig ihre Sinne. In der Kabine befand sich nur ein Notfallknopf, der nach Betätigung Strom für den Aufzug vom Generator bezog, sowie ein Schalter für das Schließen der Tür.
   Jocelyn sah auf ihre Armbanduhr, während sie die Taste betätigte. Mit einem kleinen Ruck setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung. Etliche Meter tiefer bremste er seine Geschwindigkeit weich ab. Nicht zum ersten Mal betrat sie das Archiv, doch bisher geschah dies stets in Begleitung von Shane oder Alexander.
   Als die Fahrstuhltür zur Seite glitt, trat sie ohne Verzögerung aus der Kabine und stand ein paar Schritte später in einem unterirdischen Saal. Licht flammte auf und beleuchtete einen gigantischen gläsernen Komplex. Jedes Mal, wenn sie ihn betrachtete, raubte seine schiere Größe ihr den Atem. Die genaue Abmessung des Glasblocks kannte Jocelyn nicht, aber sie schätzte, dass ihre Stadtvilla locker zweimal darin Platz finden würde.
   Die transparente Konstruktion wurde durch einzelne Würfel untergliedert, deren Wände aus Panzerglas bestanden. Büchertresore, luftdicht abgeriegelte Räume, um die jahrtausendealten Schriften vor Feuchtigkeit und Wärme zu schützen.
   Jocelyn legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Der Glaskasten erinnerte sie an den Zauberwürfel, mit dem Colin als Kind gern gespielt hatte, doch der Komplex war in Höhe, Breite und Tiefe in fünf Ebenen unterteilt, der Originalzauberwürfel des Architekten Ernö Rubik in jeweils drei. Einhundertfünfundzwanzig separate Container, die Glasröhren und ein Förderband miteinander verbanden. Es gab von hier aus keine reguläre Möglichkeit, die Büchertresore zu betreten. Ein einzelner, nicht am Netz angeschlossener Computer steuerte die Sauerstoffzufuhr in den Tresoren. Nur Alexander besaß Zugriff auf den Rechner, der die Schleusentür öffnete, durch die er ins Innere der Container gelangte. Jedem anderen Besucher stand nur der Leseraum zur Verfügung.
   Sie trat vor den einzigen Glasraum, der nicht hermetisch abgeriegelt war. Das Archiv war besser geschützt als Fort Knox. Nicht weil in den Büchertresoren Goldbestände lagerten, sondern geheime Dokumente. Sie waren Zeitzeugen aus Jahrtausenden, die nicht in den üblichen Regalen aufbewahrt wurden. Die Pergamente, Schriftrollen und Folianten befanden sich in separaten Plastikkisten.
   Als Jocelyn die Chipkarte durch einen zweiten Kartenleser schob, leuchtete ein grünes Lämpchen auf. Fauchend glitt die Tür auf. Da ihre Zeit knapp bemessen war, betrat sie ohne Verzögerung den Würfel. Die Glastür schloss sich hinter ihr mit einem leisen Zischen. In der Mitte des Containers standen zwei Computerterminale, die von vier Lesetischen flankiert wurden.
   Als sie an ein Terminal trat, fuhr der Bildschirm hoch. Sie schob den Drehstuhl zur Seite und beugte sich über die Tastatur. Ihre Finger zitterten leicht, als sie den Suchbegriff Keenan eingab und ihn mit der Entertaste bestätigte. Sie klopfte mit dem rechten Fuß auf den Marmorboden, während sich das Förderband in Bewegung setzte. Einige Sekunden später öffnete sich ein Fach in der Wand und eine Transportkiste erschien im Ausgabefach. Jocelyn nahm den Deckel ab, legte ihn beiseite und hob den Folianten heraus. Mit ihm ging sie zu einem Lesepult, sank auf den Drehstuhl und streifte sich ein Paar Stoffhandschuhe über, die griffbereit in einer Schublade unter dem Tisch lagen.
   Mit dem Zeigefinger zeichnete sie die Blindprägung auf dem Kalbsleder des Buches nach. Diese zeigte einen silberblauen Ring, dessen Einfassung so filigran gearbeitet war, dass Jocelyn die feinen Äderchen der Laubblätter zählen konnte, die ihn zierten. Eine Weinranke umschloss einen blutroten Kristall, der fast lebendig erschien.

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