Die 18-jährige Lena geht zielstrebig ihren Weg, um endlich ihrem verhassten Heimatdorf und dem ständigen Streit mit ihrer Mutter zu entkommen. Ein Stipendium für Chemie muss her, koste es, was es wolle. Dass sie sich verliebt, ist nicht geplant. Schon gar nicht in den 25-jährigen Cay, der einen Kurs für die Bewerber um das Stipendium leitet. Er teilt ihre Liebe für Chemie und kann anscheinend sogar Kupfer in Gold verwandeln. Cay fasziniert sie, doch Lena darf ihren Gefühlen niemals nachgeben. Eine Beziehung würde all ihre Chancen auf das Stipendium zerstören, und damit jede Hoffnung, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Verzweifelt wehrt sich Lena gegen ihre Gefühle, doch Cay lässt keine Gelegenheit aus, ihr seine Zuneigung zu zeigen. Lena ahnt nicht, warum er so hartnäckig um sie kämpft, und dass ihre Liebe zu ihm sie so viel mehr kosten könnte als das Stipendium. Denn Cay ist kein einfacher Student, und ihre Begegnung war kein Zufall.

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ISBN: 978-9963-52-379-5

Seiten: 459

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Alana Falk

Alana Falk
Alana Falk lebt mit ihrem Mann in München und arbeitet als Übersetzerin. Liebesgeschichten in allen Formen, mit oder ohne Fantasy, faszinieren die Autorin besonders. Schon als Teenager dachte sie sich eine Herzschmerzgeschichte nach der anderen aus, schrieb sie jedoch nie auf. Erst mit 28 begann sie ernsthaft mit dem Schreiben. Außer Paranormal Romance schreibt sie erotische Liebesromane unter ihrem Pseudonym Emilia Lucas. Zu ihrer Seelenmagie-Trilogie inspirierte sie unter anderem ein verlassenes, schmiedeeisernes Tor mitten in der Wildnis.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Die Toten hatten die beste Aussicht von allen. Natürlich konnten sie den wunderbaren Blick ins Tal nicht mehr genießen. Dafür waren die Besucherzahlen des Friedhofes rekordverdächtig.
   Kein Wunder. Oben in Hohengreifenstein verstellten einem alte Bäume oder windschiefe Fachwerkhäuser die Sicht. Der Friedhof jedoch krallte sich unterhalb der Stadt terrassenförmig an den steilen Berghang und von seinen schmalen Wegen aus konnte man das grandiose Panorama ungehindert betrachten.
   Lena drehte den Wasserhahn zu, packte die volle Gießkanne mit beiden Händen und schlängelte sich mühsam zwischen den Wanderern hindurch, die jetzt im September die Umgebung bevölkerten. »Aussichtsschmarotzer«, grummelte sie. Gut für den Tourismus, aber schlecht für ihre Stimmung. Genauso wie die Hitzewelle, die unangemeldet über die kleine Stadt hergefallen war und dafür sorgte, dass Lenas Jeans unangenehm an ihrer Haut klebte.
   Beim Grab angekommen wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und begann vorsichtig mit dem Gießen.
   »Unkraut, von wegen. Rausreißen. Könnte ihr so passen«, schimpfte sie vor sich hin. Zwar musste sie ihrer Mutter recht geben, dass das Grab etwas merkwürdig aussah, seit sie den pelzigen Andorn, der oft mit einer Brennnessel verwechselt wurde, und das langstielige Salomonssiegel mit den vertrockneten schwarzen Beeren zwischen Stiefmütterchen und Buchsbaum gesetzt hatte. Aber es waren nützliche Heilpflanzen, die das Grab nach altem Hexenglauben vor Unheil schützen sollten. Lena glaubte nicht an so etwas, aber sie war sicher, dass es ihrer Großmutter gefallen hätte.
   Zum Glück verstand sie sich gut mit dem Grabpfleger. Sie trafen sich oft, wenn sie Gromis Grab besuchte, und es war leicht gewesen, ihn zu überreden, die Pflanzen stehen zu lassen. Vor allem, weil ihre Mutter ohnehin nie herkam. Sie würde nicht merken, dass ihre Anweisungen ignoriert worden waren.
   Lena stellte die leere Gießkanne ab und kniete sich vor das Grab. Vorsichtig fuhr sie mit den Fingerspitzen die versilberten Worte auf dem Grabstein nach, als könnte sie durch die Berührung endlich die Bedeutung der Inschrift erfassen.
   Verloren im Licht, geborgen in der Dunkelheit.
   Sie schnaubte, als sie daran dachte, wie ihre Mutter die Worte interpretierte. Frieden im Tod, Trost für die Trauernden. Das übliche Blabla. Lena glaubte nicht, dass das alles war. Worte und die darin versteckte Bedeutung waren neben den Heilpflanzen die große Leidenschaft ihrer Großmutter gewesen. Leider waren all ihre Versuche, Lena für den tieferen Sinn zwischen den Zeilen zu begeistern, kläglich gescheitert. Ihr Gehirn war für subtile Andeutungen und versteckte Rätsel einfach nicht gemacht.
   Sie griff in ihren Rucksack und holte ein in dunkelbraunes Leder gebundenes Büchlein heraus. Es war etwas größer als ihre Hand und wurde von einer Schleife aus rosa Spitze zusammengehalten, die sie jetzt löste, um ein wenig in dem Büchlein herumzublättern.
   Aus den gelblichen Seiten stieg noch immer der vertraute Geruch nach Salbei und Lavendel auf und sie sah ihre Gromi wieder vor sich, wie sie mit dem Buch in der Hand vor einer Pflanze stand. »Hübsch, aber unbrauchbar«, hätte sie vielleicht gesagt. Oder »Hässlich, aber nützlich.«
   Lenas Mund verzog sich zu einem Lächeln und sie berührte den rosa Schal, den sie anstelle eines Haarbands trug. Ihre Gromi auf einer Lichtung im Wald, die kleine silberne Schere in den erdverkrusteten Händen und den rosa Schal um den Hals, das war ihre früheste Kindheitserinnerung.
   Sie hielt das Buch vor den Grabstein, als wäre er das faltige Gesicht ihrer Großmutter. »Du machst es mir ganz schön schwer. Ich glaube langsam, manche dieser Pflanzen existieren gar nicht.«
   Manchmal befürchtete sie, dass das Büchlein der letzte Versuch ihrer Großmutter war, ihr doch noch beizubringen, wie man Texte enträtselte. Das wäre tragisch, denn dann würde sie die restlichen Pflanzen nie finden.
   »Aber ich gebe nicht auf. Du kennst mich. Ich suche weiter, so wie du es wolltest.«
   Schon wieder Tränen. Sie atmete tief durch und wischte sie weg. Das Gesicht ihrer Mutter mit dem üblichen genervten Zug um den Mund erschien vor ihrem inneren Auge. Ein halbes Jahr ist es her und du weinst immer noch. Du musst endlich loslassen. Das ist nicht gesund. Die übliche Ansprache eben.
   Sogar Mike, ihr bester Freund, runzelte nur noch sorgenvoll die Stirn, wenn sie davon anfing. Warum gab es keinen Knopf, den man drücken konnte, um die Gefühle einfach auszuschalten? Oder wenigstens die verständnislosen Kommentare der anderen?
   Sie seufzte und legte das Buch zurück in ihren Rucksack. Er enthielt die Utensilien zum Pflanzensammeln, die sie immer mit sich herumschleppte. Eine winzige silberne Schere, besonders scharf geschliffen, und einen kleinen Beutel. Nur für den Fall, dass sie ein interessantes Kraut fand. Natürlich waren auch noch ihre Schulsachen darin, allen voran das dicke Chemiebuch, das sie gebraucht im Internet erstanden hatte. Mikes entsetztes Gesicht, als er das Buch zum ersten Mal gesehen hatte, brachte sie jetzt noch zum Lachen. Seitdem zog er sie immer damit auf, dass das normale Schulbuch ihr zu dünn war.
   Die Glocken des Kirchturms schlugen vier Mal und rissen sie aus ihren Gedanken. »Mist, ich komme zu spät.« Sie stand auf und klopfte sich die Jeans ab, dann wandte sie sich noch einmal zum Grab. »Bis bald, Gromi.« Sie warf sich ihren Rucksack auf den Rücken und machte sich an den steilen Aufstieg zum Ausgang des Friedhofs. Immer im Slalom um die Wanderer herum bis zu der schmiedeeisernen Pforte, die auf die Hauptstraße unterhalb von Hohengreifenstein führte. Hier draußen war es erstaunlich leer in Anbetracht dessen, dass der Friedhof wirkte, als hätte gerade ein Reiseunternehmen zehn Busse mit Touristen angekarrt. Lena betrat die Straße. Die Allgemeinheit war stolz auf den weltkulturerbeverdächtigen Zustand des Kopfsteinpflasters, vor allem der Bürgermeister, der sich für alles begeistern konnte, was alt, schief und nahezu unbenutzbar war. Die riesigen Spalten zwischen den glatt geschliffenen Steinen waren für Radfahrer allerdings eine Todesfalle, weswegen Lena für gewöhnlich ihr Fahrrad hier unten stehen ließ. Sie warf einen Blick auf die andere Straßenseite, wo es an einem Baum lehnte und ihr fiel auf, dass sie vergessen hatte, es abzuschließen. Wieder einmal. Sie ging hinüber und griff nach dem Schloss, das im Fahrradkorb lag, um das Versäumnis nachzuholen.
   Mitten in der Bewegung hielt sie inne. Ihr Nacken kribbelte und auf ihren Unterarmen bildete sich eine Gänsehaut. Es fühlte sich an, als würde sie beobachtet. Sie sah sich um. Stand da jemand zwischen den Birken? Mit zusammengekniffenen Augen suchte sie die Umgebung ab. Nichts. Vielleicht nur ein Windhauch.
   Trotzdem warf sie auf dem Weg ins Zentrum der kleinen Stadt immer wieder einen Blick über die Schulter. Erst, als sie beinahe mit jemandem zusammenstieß, sah sie nach vorn.
   »Na, Kräuterhexe, hast du wieder am Grab deiner Großmutter rumgeheult?« Eine Stimme, die sie leider nur zu gut kannte, zerschnitt die schwüle Luft. Luise.
   Obwohl es Lena egal sein sollte, was Luise dachte, versetzten ihr die Worte einen Stich. Sie atmete einmal tief durch. Sie wollte sich nicht provozieren lassen und außerdem war sie spät dran. »Lass gut sein«, murmelte sie und wollte sich an Luise vorbeischieben.
   Doch diese machte sich extra breit und setzte ihr arrogantestes Gesicht auf. »Ich hab gehört, du willst auch das Chemiestipendium für die Uni in München haben. Schlag dir das aus dem Kopf. Das hole ich mir.«
   Einen Moment war sie sprachlos. Warum wollte Luise das Stipendium? Ihr Vater hatte Geld wie Heu, sie hatte das gar nicht nötig.
   »Du hast dich auch beworben?«, fragte sie gepresst.
   »Natürlich. Muss man doch nutzen, wenn der Professor extra an unsere Schule kommt, um einen Intensivkurs für die Bewerber abzuhalten. Außerdem wäre so ein kleines Taschengeld schon nett, und dann gibt es ja noch die Sonderbehandlung für die Stipendiaten, zusätzliche Seminare, Kontakte zu wichtigen Leuten und so weiter.«
   Ein kleines Taschengeld? Lena wäre am liebsten vor Zorn explodiert. Für sie war das kleine Taschengeld lebenswichtig, um das Studium und die teure Lebenshaltung in München überhaupt finanzieren zu können. Einen Nebenjob würde sie wahrscheinlich trotzdem noch brauchen.
   Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, denn Luise wollte nichts anderes, als sie zur Weißglut zu treiben, und diese Genugtuung wollte sie ihr nicht gönnen.
   »Das werden wir ja dann sehen«, sagte sie kühl. »Gehst du jetzt aus dem Weg oder zwingst du mich, die Straßenseite zu wechseln?«
   Luise schnaubte. »Na gut, ich will ja nicht allzu lange mit dir gesehen werden. So wie du rumläufst.« Sie sah abschätzig von Lenas abgewetzten Turnschuhen über ihre alte Jeans auf das schlichte T-Shirt und blieb dann mit dem Blick an Lenas Frisur hängen. Luise kicherte. »Das ist echt schick. Die Haare zu einem Krähennest zusammengerafft, und damit die Fransen nicht in die Augen hängen, hast du dir ein altes Band um den Kopf gebunden. Ich hab schon Wetten angenommen, wie lange es noch dauert, bis das abfault.«
   Lena seufzte innerlich. Jedes Mal das Gleiche. Sie war eben eher der pragmatische Typ, sie fühlte sich in Jeans und T-Shirt einfach am wohlsten.
   Gerade wollte sie erwidern, dass Luise auch nicht unbedingt eine Stilikone sei mit ihrem Businessoutfit, das sie fünfzehn Jahre älter wirken ließ, als im Hintergrund die Kirchturmuhr einmal schlug. Lena fluchte leise. Schon Viertel nach vier. »So wertvoll deine Modetipps auch sind, ich muss leider los.« Sie ging an Luise vorbei und rannte los. Mike war einiges von ihr gewohnt, aber irgendwann hatte selbst er das Warten satt.
   Zum Glück war es nicht weit. Sie lief ein paar Schritte die Straße hinauf, durch das alte Stadttor und hinein in die Fußgängerzone, wo sie mit Mike verabredet war. Schon von Weitem sah sie ihm an, dass er ziemlich genervt war. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, was ihm allerdings auch nicht zu einer breiteren Statur verhalf, und sein rechter Fuß, der in einem seiner ausgeflippten Chucks steckte, wippte auf und ab.
   »Entschuldige!« Außer Atem umarmte sie ihn.
   »Schon gut«, brummte er. »Das bin ich ja schon gewohnt.«
   Sie verzog das Gesicht. »Diesmal kann ich wirklich nichts dafür. Nicht so viel wie sonst jedenfalls.«
   Mike seufzte und verdrehte die Augen. »Also erzähl mir schon deine Ausrede.«
   »Hey.« Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Das ist keine Ausrede. Es war ein hinterhältiger Angriff.«
   »Ein Angriff? Entführung von Außerirdischen oder was?« Er musterte sie mit gerunzelter Stirn, als könnte er ihr ansehen, ob sie endgültig durchgedreht war.
   »Das wäre bestimmt angenehmer gewesen.« Sie lachte. »Nein. Luise hat mich abgefangen und mich ihren typischen Charme spüren lassen.«
   »Das klingt nicht gut. Dann doch lieber die Außerirdischen.«
   »Ja. Normalerweise bin ich inzwischen abgehärtet, wenn es um Luise geht, aber diesmal …«
   »Was war denn?«
   Lena spürte den Ärger wieder in sich aufsteigen. »Sie hat sich für das Stipendium beworben.«
   »Was will die denn mit dem Stipendium?«
   »Es gibt wohl eine besondere Betreuung für die Stipendiaten, man kann Kontakte knüpfen, wird vielleicht zu interessanten Veranstaltungen eingeladen und so. Das will sie sich natürlich nicht entgehen lassen.«
   »Kann sie das Stipendium denn überhaupt bekommen? Wo ihre Familie doch im Geld schwimmt?«
   Sie zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Aber ich habe nicht vor, es darauf ankommen zu lassen.«
   Mike grinste und klopfte ihr auf die Schulter. »Siehst du, das ist die richtige Einstellung. Du lässt sie in diesem Kurs ordentlich Staub schlucken …«
   »O nein!« Sie stöhnte auf. »Der Kurs. Da ist sie ja dann auch dabei, daran hab ich noch gar nicht gedacht. Und darauf hatte ich mich so gefreut.«
   Er legte ihr einen Arm um die Schultern. »Ach komm, das wird bestimmt trotzdem … äh …« Er suchte nach Worten.
   »Spannend, aufregend, interessant?«
   »Wenn du meinst. Alles nichts, was ich mit Chemie verbinden würde, aber gut. Jeder, wie er mag.«
   »Eben. Ich mag dich ja auch, obwohl ich weiß, dass du mit Chemie nichts anfangen kannst.« Sie spürte, wie ihre Mundwinkel zuckten und die schlechte Laune langsam verflog.
   »Zu gütig.« Mike verzog das Gesicht.
   Grinsend hakte sie sich bei ihm unter und sie schlenderten die Fußgängerzone entlang. Schiefe, in Pastellfarben gestrichene Fachwerkhäuser reihten sich aneinander. In den Erdgeschossen hatten sich Geschäfte angesiedelt. Ein Supermarkt, in dem man für Milch, Nudeln und Salat drei verschiedene Stockwerke aufsuchen musste, eine Drogerie, die sich über die Erdgeschosse von zwei Häusern erstreckte und trotzdem so winzig war, dass man durch manche Gänge nur seitwärts hindurchpasste. Abgesehen davon gab es vor allem kleine, verwinkelte Läden, in denen man herrlich stöbern konnte. Sie sah zum »Drudenfuß« hinüber, ihrem Lieblingsladen, der allerlei Zubehör für die ambitionierte Hexe von heute führte. Sie zeigte darauf.
   »Ich will kurz reingehen, kommst du mit?«
   Mike verdrehte die Augen, nickte aber. »Für dich tue ich fast alles.«
   »Es wird wohlwollend vermerkt.«
   Ein Windspiel klingelte, als Lena die Ladentür öffnete. Sofort umhüllte sie der typische Duft nach Kräutern und Räucherkerzen, den sie so gern mochte.
   Mike zog die Nase kraus. »Ich kann mich einfach nicht an diesen Geruch gewöhnen«, flüsterte er.
   »Ich liebe ihn. So verheißungsvoll.« Im Halbdunkel des winzigen Ladens glitzerten ihr unzählige Dinge entgegen; verschwommene Punkte, bis ihre Augen sich an das merkwürdige Zwielicht gewöhnt hatten. Goldene Ohrringe in Schlangenform, Ketten mit Anhängern, die angeblich vor Flüchen schützten. Amulette mit geheimnisvollen Runen und gefährlich aussehende Dolche für das effektvolle Ritual bei Mondenschein. Natürlich war das alles Krimskrams, den eigentlich niemand brauchte, und der ganz sicher keine magischen Kräfte hatte. Trotzdem liebte sie es, darin herumzustöbern.
   Sie strich vorsichtig über einen chinesischen Drachen, der in die Klinge eines Dolches eingeätzt worden war.
   »Uh, den brauchen wir dringend für morgen Abend.« Mike war hinter sie getreten. »Ist der auch richtig scharf? Ich mache Sushi.«
   Lena kicherte. »Lass das nicht Constanza hören. Ihr Prachtstück, entweiht durch einen profanen Fisch.« Sie legte die Stirn in Falten. »Du wirst den Drachen erzürnen, der der Klinge innewohnt!«
   Mike zuckte die Achseln. »Solange er nicht mein Sushi frisst, kann ich damit leben.«
   Lena legte den Dolch wieder an seinen Platz und ging dann zum Kräuterregal. Es war das Herzstück des Ladens und der Grund, warum sie so gern hierherkam. Sie nahm das eine oder andere Tütchen aus dem Fach und schnupperte daran. Es war wirklich ein Jammer, dass sie die Kräuter nicht verwenden konnte, zumindest nicht für etwas anderes als Tee. Ihre Großmutter hatte ihr eingeschärft, wie unglaublich wichtig es war, dass sie die Pflanzen aus dem Büchlein selbst sammelte. Genau zum richtigen Zeitpunkt, mit genau dem richtigen Werkzeug.
   Bedauernd legte sie die Päckchen ins Regal zurück und sah sich nach Mike um. Er wusste hier wohl nicht viel mit sich anzufangen, denn er stand vor einem Spiegel mit verschnörkeltem Goldrahmen und zupfte lustlos an seinen Haaren herum. Eigentlich waren sie hellblond, aber seit er sie immer mit Gel in Form brachte, sahen sie viel dunkler aus. Sie trat hinter ihn und riskierte ebenfalls einen Blick. »So schlimm, wie Luise behauptet, ist es doch gar nicht, oder?«
   Er ließ seine Frisur links liegen und drehte sich zu ihr um. »Lass dich doch von dieser dummen Kuh nicht so verunsichern. Du bist blond und blauäugig, was willst du denn noch?«
   »Straßenköterblond, und das blau ist mehr grau. Aber danke für den Versuch.«
   »Bitte, immer gern. Können wir dann gehen?«
   »Gleich. Ich will noch was nachschauen.«
   Lena ging zu dem kleinen Tresen, auf dem eine vorsintflutliche Registrierkasse stand, ließ sich auf die Knie nieder und stöberte in dem kleinen Bücherregal, das in den Sockel eingelassen war. Ein paar der Bücher zog sie heraus, aber leider gab es nichts Neues. Nicht, dass sie wirklich erwartet hätte, hier ein Buch zu finden, das ihr mit den seltsamen Pflanzen ihrer Großmutter helfen konnte.
   Das Klingeln von unzähligen Glöckchen und das Rascheln von Stoff zogen Lenas Aufmerksamkeit auf sich. Sie erhob sich und sah Constanza die Treppe herunterkommen  – fast schien sie zu schweben. Sehr wirkungsvoll, wie der Rest ihrer Erscheinung. Lena lächelte.
   Constanza war eine sehr anziehende Frau mittleren Alters, mit blonden Locken und leuchtenden grünen Augen. Überall an ihr hingen Kettchen und Amulette, sodass sie aussah wie ein lebender Schmuckständer. Sie trug ein mittelalterlich anmutendes Miederkleid, das ihre eigentlich füllige Taille so sehr einschnürte, dass Lena schon vom bloßen Anblick Atemnot bekam.
   »Lena, wie nett, das ’d auch mal wieder reinschaust!«
   Lena lächelte. Es war schön, sich hier immer willkommen zu fühlen, obwohl sie selten etwas kaufte.
   »Hast schon was gefunden?«
   Lena schüttelte den Kopf. »Leider nicht.«
   »Suchst denn was Bestimmtes?«
   Lena nickte. »Ich brauche dringend ein Buch über magische Kräuter.«
   »Ich hab schon was über Hexenkräuter, hast da unten g’schaut?«
   »Ja, da war nichts dabei.«
   Constanza schüttelte bedauernd den Kopf. »Sonst hab ich leider nix. Vielleicht nächstes Mal.«
   »Ja, bestimmt«, sagte Lena. Sie sah sich noch ein wenig um, dann ging sie zur Tür. »Bis bald, Constanza.« Mike seufzte erleichtert und folgte ihr.
   Constanza winkte ihr zum Abschied.
   Sie streiften noch eine Weile in der Stadt herum und sahen sich in ein paar Läden um. Als sie den Elektroladen verließen, in dem Mike ein neues Gaming-Headset erstanden hatte, schlug der Kirchturm gerade sechs Uhr.
   Lena blieb vor der Tür stehen und wandte sich zu Mike um. »Wenn du nicht noch was Bestimmtes vorhast, dann verabschiede ich mich wieder.« Sie deutete auf ihren Rucksack.
   »Jetzt schon? Kannst du nicht mal einen Tag ohne deine Bücher auskommen?« Mike verzog enttäuscht das Gesicht. »Ich dachte, du kommst heute mal mit ins Gipfelstürmer.«
   Lena schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber ich muss dringend nach Hause. Außerdem kann ich diese vollgestopften Bars nicht leiden. Triff du dich mal mit deinen Kumpels und halte Ausschau nach netten Mädels. Wir sehen uns dann morgen, okay?«
   Mike seufzte. »Klar, was bleibt mir schon anderes übrig. Ich fänd’s halt nett, wenn du mal mitkommen würdest.«
   »Ich weiß, aber du hast bestimmt auch ohne mich deinen Spaß.« Sie umarmte ihn und stellte verwundert fest, dass sie sich dazu ein wenig auf die Zehenspitzen stellen musste. Wann war er ihr über den Kopf gewachsen?
   »Bis morgen dann«, sagte Mike und ging in Richtung der Bar davon.
   Lena sah ihm mit einem flauen Gefühl in der Magengegend nach. Es war ein ständiger Streitpunkt zwischen ihnen, dass sie so selten Zeit für Mike hatte. Schließlich war er ihr bester Freund, aber die Schule war ihr einfach wichtig und dann gab es da ja auch noch das Stipendium und die Pflanzensammlung ihrer Großmutter, die sie unbedingt fertigstellen musste. Da blieb nicht mehr viel Zeit für Mike und schon gar nicht für irgendwelche Bars.
   Die Sonne stand schon etwas tiefer, aber es war immer noch sehr warm. Die Fußgängerzone war voller Menschen, die in Straßencafés saßen oder vor dem Feierabend noch schnell ein paar Einkäufe erledigten.
   Lena packte ihren Rucksack und machte sich auf den Rückweg zu ihrem Fahrrad. Plötzlich blieb sie stehen. Da war es wieder, dieses Kribbeln im Nacken, als würde sie beobachtet. Sicher nur Einbildung. Trotzdem warf sie kurz einen Blick über die Schulter. Sie erstarrte. Langsam drehte sie sich um.
   Einige Meter entfernt stand ein junger Mann, vielleicht Mitte zwanzig, und sah Lena unverwandt an. Er war nicht im eigentlichen Sinne gut aussehend, dafür war sein Gesicht zu markant und die Nase ein wenig zu groß. Trotzdem wirkte er sehr anziehend mit den schwarzen Haaren, die ihm in die Stirn fielen, und ebenso schwarzen Augenbrauen, zwischen denen eine grüblerische Falte stand. Aber es waren seine dunklen Augen, die sie faszinierten. Sie glitzerten wie die Oberfläche eines zugefrorenen Sees, bereit, jeden in die Tiefe zu reißen, der es wagte, das Eis zu betreten.
   Lena wusste nicht, wie lange sie so dastand und ihn ansah. Um sie herum drehte sich die Welt in rasendem Tempo weiter, aber hier, im Auge der Zeit, wo alles still stand, gab es nur sie und ihn.
   Dann lächelte er. Eigentlich war es nicht mehr, als ein leichtes Hochziehen der Mundwinkel, aber es ließ Lenas Herz schneller schlagen. Unwillkürlich machte sie ein paar Schritte in seine Richtung. Was sie tun wollte, wenn sie vor ihm stand, wusste sie nicht. Sicher würde sie kein Wort herausbringen.
   Als er bemerkte, dass sie näher kam, hob er spöttisch eine Augenbraue. Ebenso gut hätte er sie mit kaltem Wasser überschütten können. Lena fiel aus ihrer Zeitblase und landete hart in der dahinrasenden Wirklichkeit. Machte er sich etwa lustig über sie?
   Sie warf ihm ihren eisigsten Blick zu, drehte sich um und stolzierte davon. Er konnte ihr gestohlen bleiben. Trotzdem spürte sie seinen Blick noch immer auf sich, als sie bei ihrem Fahrrad angekommen war.

Kapitel 2

Einige Minuten später spukte der Blick des Fremden immer noch in Lenas Kopf herum wie ein Geist aus einem schlechten Film. Warum, wusste sie nicht so genau. Eigentlich spielte es auch keine Rolle, denn sie würde ihn wahrscheinlich sowieso nicht wiedersehen und das konnte ihr nur recht sein.
   Das Fahrrad ratterte, als sie in den Feldweg einbog, um eine Abkürzung zu nehmen. Sie wollte so schnell wie möglich nach Hause. Wenn sie das Stipendium gewinnen wollte, wartete eine Menge Arbeit auf sie.
   Ihr wurde heiß und die schwüle Luft drückte auf ihre Lungen, aber sie trat noch fester in die Pedale. Ihre Arme zitterten von der Anstrengung, das Rad auf dem steinigen Weg in der Spur zu halten. Sie kniff die Augen zusammen und fixierte den Weg, als plötzlich etwas Kleines, leuchtend Gelbes vor ihren Augen vorbeizischte. Überrascht schrie sie auf und trat in die Rücktrittbremse. Die Reifen blockierten, Steine flogen durch die Luft. Das Fahrrad schlitterte ein paar Meter, bevor es quietschend zum Stehen kam.
   »Was war das denn?«, keuchte sie und blickte sich nach allen Seiten um. Nichts. Sie atmete tief durch und setzte den Fuß aufs Pedal, um weiterzufahren, als am nahen Waldrand etwas Gelbes aufblitzte. Sie fuhr sich über die Augen und starrte angestrengt auf die Stelle. Da war es wieder. Sie stellte das Fahrrad ab und ging langsam über die schmale Wiese auf die Bäume zu.
   Da, es blitzte. Jetzt war sie ganz nah dran. Zwischen den vorderen Bäumen schwebte eine kleine Kugel aus Licht unruhig auf und ab. Lena blieb stehen und starrte das Ding an.
   »Was bist du?«, flüsterte sie mehr zu sich. Ein leichter Sommerwind ließ die Zweige rascheln und trug ein zartes Klingeln wie von winzigen Glöckchen mit sich. War das etwa ein Lachen? Sie blickte nach rechts und links, aber da war niemand. Wieder das Klingeln. Diesmal war es deutlich.
   Es kam von der Lichtkugel.
   »Das kann doch nicht sein.« Sie kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen, und ging auf das Licht zu. Gerade konnte sie noch ein winziges Gesicht erkennen, bevor die Kugel plötzlich davon flitzte und sie sie aus den Augen verlor. Sie wartete eine Weile, aber das Ding tauchte nicht wieder auf.
   »Jetzt bilde ich mir schon Irrlichter ein.« Sie schüttelte den Kopf und wollte sich gerade umdrehen, um zum Fahrrad zurückzugehen, als plötzlich an ihrem linken Ohr erneut das Glöckchenklingeln erklang. Unwillkürlich hob sie die Hand und schlug danach, aber das Wesen war schon wieder ein Stück vor ihr in den Wald geflogen.
   Lachte es sie etwa aus? Bist du bescheuert? Es gibt keine Irrlichter. Das ist sicher irgendwas anderes. Etwas, für das es eine logische Erklärung gibt. Wieder das schadenfrohe Klingeln. Etwas, das dich wirklich und wahrhaftig auslacht. Oder jemand. Ja, vielleicht spielte ihr jemand einen Streich. Lena ballte die Fäuste.
   »Na warte, dich krieg ich.« Sie rannte der Lichtkugel hinterher, zwischen dichter werdenden Büschen und hohen Bäumen hindurch, weitab vom Weg.
   Jedes Mal, wenn sie die Lichtkugel fast erreicht hatte, und meinte, das kleine, spöttische Gesicht erkennen zu können, fegte sie wie der Blitz davon, immer tiefer in den Wald hinein.
   »Ich will dich doch nur mal kurz ansehen«, rief sie dem Wesen hinterher. Wieder das Glockenklingeln. Wütend ballte sie die Fäuste. Sie wusste, dass sie umkehren sollte, aber ihre Neugier ließ es nicht zu. Sie musste einfach wissen, was es war, und dass es eine logische Erklärung dafür gab.
   Sie legte einen Zahn zu. Es ging jetzt durch dichtes Unterholz. Ohne Rücksicht auf Verluste brach sie durch harte Äste und widerspenstige Büsche. Sie schrie auf, als ein stechender Schmerz durch ihren linken Arm schoss. Schwer atmend blieb sie stehen und betrachtete ihren Arm. Inzwischen war es dunkel und sie konnte nur mit Mühe den langen, tiefen Kratzer erkennen, der sich von ihrem Handgelenk bis fast zum Ellenbogen zog.
   »Mist.« Der Kratzer brannte höllisch und natürlich hatte sie nichts dabei, um ihn auszuwaschen.
   Das erneute Klingeln des Irrlichts schien Lena zu verhöhnen. Sie zitterte vor Wut.
   »Du Miststück. Na warte.«
   Das Irrlicht schwebte nur wenige Meter vor ihr auf Augenhöhe. Diesmal würde sie es erwischen. Sie schlich ein paar Schritte auf das Ding zu und stand dann ganz still. Sie spannte die Muskeln an und wartete, bis das Licht ganz still in der Luft schwebte. Dann schnellte sie nach vorn, riss den Arm hoch und schloss die Finger  – um nichts. Ihre Füße hatten keinen Halt mehr, sie stolperte über eine Wurzel und schlug mit voller Wucht auf den Boden. Der Aufprall presste ihr die Luft aus den Lungen und ließ rote Punkte vor ihren Augen tanzen.
   Mühsam atmete sie ein und wartete, bis sich nicht mehr alles um sie drehte. Sie kam auf alle viere und bemerkte, dass sie gar nicht auf dem nadligen Waldboden gelandet war, sondern in kniehohem Gras. Sie rappelte sich auf, klopfte sich den Dreck von den Kleidern und sah sich um.
   Vor ihr lag im silbrigen Mondschein eine kleine Lichtung. Mondschein? Wie lange war sie diesem verdammten Irrlicht nachgelaufen?
   Eigentlich war an der überschaubaren Wiese nichts Besonderes, aber irgendetwas zog sie magisch an. Magie. Sie verzog den Mund. So was gab es doch gar nicht. Sie ging ein paar Schritte auf die Wiese, den Blick immer nach vorn gerichtet, auf der Suche nach etwas, von dem sie nicht genau wusste, was es war.
   Bis sie es vor sich sah.
   Im Zentrum der Lichtung, zwischen all dem Gras kaum zu sehen, wuchs eine wunderschöne, kleine Pflanze.
   Lena ging darauf zu, um sie sich anzusehen.
   Zarte Blätter rankten sich wie silbrige Haarsträhnen um einen langen geraden Stängel. Sie sahen wunderbar weich aus und unwiderstehlich zerbrechlich. Normalerweise berührte sie keine Pflanzen, die sie nicht kannte, doch diese sah so unschuldig aus. Sie wollte die zarten Blätter unbedingt zwischen ihren Fingern spüren. Sicher konnte es nicht schaden. Als sie den Arm hob, bemerkte sie, dass der Kratzer leicht blutete, aber das war nicht wichtig. Das Einzige, was sie daran störte, war, dass ein paar Blutstropfen die hübsche Pflanze verunzieren könnten. Langsam bewegte sie ihre Hand auf die silbrigen Blätter zu. Ihre Fingerkuppen kribbelten in freudiger Erwartung. Reckten sich die glitzernden Strähnen ihr entgegen?
   »Das würde ich lieber nicht tun.«
   Lena sprang auf und stolperte ein Stück zurück. Mit rasendem Herzen drehte sie sich zu der Stimme um. Eine dunkle Stimme, wie rauer Samt. Am Waldrand, nicht weit von ihr, stand ein Mann. Seine Silhouette enthüllte lange Beine und breite Schultern.
   »Meine Güte, haben Sie mich erschreckt.« Und gestört. Sie wandte ihm demonstrativ den Rücken zu und hoffte, dass er verschwinden würde. Sie wollte in Ruhe die Pflanze betrachten.
   Sein leises Lachen ließ es nicht zu. Es klang angenehm und brachte etwas in ihr zum Klingen. »Das tut mir leid.«
   Sie wandte sich halb zu ihm um und sah, dass er aus dem Schatten der Bäume getreten war. Während er auf sie zukam, fiel ihr auf, dass er die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt hatte und die obersten Knöpfe offen standen. Wahrscheinlich war ihm auch zu heiß, genau wie ihr. Kein Wunder, in der langen dunklen Jeans.
   Sie blieb stehen und fragte sich, ob sie damit etwas sehr Dummes tat. Schließlich konnte sie nicht wissen, wer er war und was er vorhatte. Aber sie spürte einfach, dass von ihm keine Gefahr ausging. Da war etwas in seiner Stimme. Etwas, das ihr das Gefühl gab, dass sie in Sicherheit war.
   Schließlich stand er vor ihr. Sie sah zu ihm auf und ihr Herz machte einen Satz. »Du.«
   Er zog spöttisch eine Augenbraue hoch. Diesmal wirkte es nicht wie ein kalter Guss. »Ja, ich.«
   »Na, das ist ein Zufall.« Ein nervöses Lachen stieg in ihr auf.
   Der Fremde sah sie unbewegt an, kein Zeichen des Erkennens. Sie seufzte. Natürlich nicht.
   »Vorhin in der Stadt, wir haben …«, sagte sie. Ja, was eigentlich? Einen Blick getauscht, der jetzt noch auf meiner Seele brennt? Lächerlich.
   »Ich erinnere mich. Sehr gut sogar.« Seine Augen glitzerten wie Eis und blockierten jeden Versuch, seine Gefühle darin zu lesen. Es hätte abweisend wirken sollen. Stattdessen wirkte es auf sie so anziehend wie eine verbotene Tür, die man nicht öffnen durfte.
   »Du bist verletzt.« Er griff nach ihrer Hand und hob den Arm ans Licht, um die Wunde zu begutachten. Schließlich strich er vorsichtig darüber, vom Handgelenk bis zur Ellenbeuge. Es war eine federleichte, zärtliche Berührung. So unschuldig und doch so intim, dass Lena vergaß zu atmen. Seine Finger weckten ein sanftes Kribbeln in ihrer Haut, das sich bis in ihren Bauch fortsetzte und sie dazu brachte, sich nach mehr zu sehnen. Sie starrte ihn an, unfähig, sich zu bewegen.
   Was war nur mit ihr los? Warum reagierte sie so stark auf ihn? Schon vorhin in der Stadt und jetzt noch mehr. Was hatte er an sich, das sie so faszinierte? Es war nicht ihre Art, sich so schnell in irgendetwas hineinzusteigern. Sie sah nicht verträumt irgendeinem Kerl nach, der sowieso nichts von ihr wollte. Schon gar nicht, wenn sie ihm gerade erst begegnet war.
   Schnell entzog sie ihm ihre Hand und versteckte sie hinter ihrem Rücken. Das leise Bedauern, das sich in ihr breitmachte, ignorierte sie. Das hier musste ein Ende haben.
   »Ach, das ist nichts. Nur ein Kratzer von einem Ast.«
   »Wirklich? Ich könnte …«
   »Nein, schon gut.« Sie biss sich auf die Lippen. »Entschuldigung. Ich wollte nicht unhöflich sein. Es ist wirklich nur ein Kratzer und ich muss unbedingt nach Hause.« Und zwar, bevor du mich noch mehr verwirren kannst.
   Sie drehte sich schon halb zum Gehen um, aber dann fiel ihr noch etwas ein. »Was passiert, wenn man die Pflanze anfasst?«, fragte sie, ohne ihn anzusehen.
   »Man bekommt … Rauschzustände, schon von einer Berührung«, antwortete er.
   »Dann habe ich wohl Glück gehabt.«
   Sie drehte sich wieder zu ihm und lächelte ihn dankbar an. Es war ein Reflex und ein großer Fehler. Sie war ihm jetzt so nah, dass sie sogar im blassen Mondlicht die Farbe seiner Augen erkennen konnte. Dunkelgrün.
   Sie vergaß beinahe, zu atmen. Nur ein klein wenig näher noch, dann könnte sie seinen Atem auf ihrer Haut spüren. Auf ihren Lippen.
   Sie fluchte innerlich. Woher kamen bloß solche Gedanken? Sie kannte ihn doch überhaupt nicht. Schnell senkte sie den Kopf und steckte verlegen eine Hand in die Hosentasche. Etwas Kaltes berührte ihre Finger  – ihr Handy. Erleichtert schloss sie die Finger darum, holte es heraus und ging zu der Pflanze hinüber, um ein Foto zu machen. Wahrscheinlich würde man darauf kaum etwas erkennen können, aber es war einen Versuch wert. Die Blätter waren zu schön. Ob sie sich so weich anfühlten, wie sie aussahen? Nur einmal anfassen, ganz kurz. Was sollte schon passieren? Sie hielt den Atem an und streckte die Hand aus. Schon glaubte sie, die weichen Strähnen zu spüren, als plötzlich ein Schatten auf die Pflanze fiel.
   Der Fremde packte sie am Arm und zog sie von der Pflanze weg. Seine Hand brannte wie Feuer auf ihrem Unterarm.
   Erst, als sie ein ganzes Stück von der Pflanze entfernt waren, lockerte er seinen Griff. Ungläubig starrte sie die Pflanze an, die immer noch eine merkwürdige Anziehung auf sie ausübte.
   »Sie hat mich angelockt«, flüsterte sie. »Das Irrlicht hat mich hergeführt und dann hat sie mich angelockt.«
   Ja, so war es gewesen, sie war sich ganz sicher. Aber das konnte doch nicht sein.
   Die Stimme des Fremden ließ sie aus den Gedanken hochfahren. »Wie bitte? Ein Irrlicht?«
   Sie zuckte die Achseln. Er würde sie für verrückt halten, aber was machte das schon? »Ich glaube eigentlich auch nicht an so was, aber da war ein Irrlicht, ich bin mir ganz sicher.« Sollte er sie doch auslachen.
   Er lachte nicht, er lächelte nicht einmal. »Ein Irrlicht?« Er schüttelte langsam den Kopf. »Das war sicher nur ein Glühwürmchen, davon gibt es hier einige.«
   »Ein Glühwürmchen, das kichert?« Sie schnaubte.
   Eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn. Wahrscheinlich glaubte er ihr kein Wort.
   »Es ist da vorn lang.« Sie zeigte auf die Stelle zwischen den Bäumen, wo die Lichtkugel verschwunden war.
   Der Fremde warf einen Blick in die Richtung, in die sie zeigte. Er war plötzlich merkwürdig unruhig, so als müsste er unbedingt weg. Trotzdem blieb er bei ihr stehen. »Soll ich dich ein Stück begleiten?«
   Damit zu dem Blick und der Berührung auch noch Worte dazukamen, die sie nicht so schnell würde vergessen können? »Bloß nicht!«
   Er zog die Augenbrauen zusammen. Sofort tat es ihr leid. Er musste ja denken, dass sie ihn zum Davonlaufen fand. Dabei war das Gegenteil der Fall, das war ja das Problem.
   »Ähm … ich meine … nicht nötig. Ich hab mein Handy, das lotst mich zurück.«
   »Wirklich? Ich habe nämlich noch etwas zu erledigen.« Er blickte unschlüssig auf den Waldrand, dann wieder zu ihr. »Aber vielleicht sollte ich dich doch besser zurückbringen.«
   Sie schüttelte vehement den Kopf. Länger in seiner Gesellschaft zu bleiben, würde nur zu noch mehr unsinnigen Gedanken führen. Gedanken, die sie von dem ablenken würden, was wirklich wichtig war. »Nein, schon gut, ich finde den Weg.«
   Er sah sie prüfend an, als würde er überlegen, ob er sie gefahrlos durch den Wald laufen lassen konnte. Schließlich nickte er. »Lass dich nicht wieder ablenken, das ist gefährlich«, sagte er sanft. Er ließ sie stehen und verschmolz kurz darauf auf der anderen Seite der Lichtung mit den Schatten der Bäume.
   Mit einem dumpfen Gefühl in der Brust sah sie ihm nach. Da, es ging schon los. Sie bedauerte, ihn weggeschickt zu haben. Einen Moment lang überlegte sie sogar, ihn zurückzurufen. Sie schüttelte den Kopf und presste die Lippen aufeinander, damit ihr ja kein Ton entwischte. Es war besser so.
   Sie atmete tief ein und tippte auf ihrem Handy herum. Es war ziemlich alt, von einem Touchscreen konnte sie nur träumen. Immerhin hatte es schon ein paar nützliche Funktionen. Erst speicherte sie die GPS-Koordinaten der Lichtung. Sie musste dringend noch mal herkommen und diese merkwürdige Pflanze bei Tageslicht begutachten. Vielleicht gab es hier auch noch andere interessante Kräuter.
   Dann öffnete sie die Umgebungskarte und steuerte mit den Tasten das Kreuz an die Stelle, an der sie das Fahrrad vermutete. Nach einer Weile erschien auf dem Display ein Pfeil, der sie zurückführen würde.
   »Tja, du hinterhältige Glühbirne«, murmelte sie. »Du hast wohl gedacht, du kannst mich in die Irre führen. Aber die moderne Technik … gut, die bereits etwas veraltete Technik, macht dir einen Strich durch die Rechnung.«
   Natürlich bekam sie keine Antwort.

Kapitel 3

Leise schloss Lena die Eingangstür des kleinen Reihenhauses hinter sich. Darauf bedacht, ja keinen Laut zu machen, um ihre Mutter nicht zu wecken, streifte sie im Flur die Schuhe ab und schlich zur Treppe. Es nutzte nichts.
   »Lena.« Die glockenreine Stimme ihrer Mutter hallte durch den Flur. Hatte sie etwa auf sie gewartet? »Du bist spät dran. Ist alles in Ordnung?«
   Langsam drehte sie sich um. Ihre Mutter stand in der Tür des Arbeitszimmers, die langen, flammend roten Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten und um ihre Schultern hing das obligatorische Maßband. Sie war Schneiderin. Dass ihre Mutter als Einzige in der Familie rote Haare hatte, war immer ein großes Rätsel gewesen. Es gab vor allem blonde, aber auch braunhaarige Vorfahren, deswegen hatte ihre Mutter als Kind fest geglaubt, adoptiert worden zu sein.
   »Ja, alles bestens. Ich hätte Bescheid sagen sollen, dass ich später komme, tut mir leid.«
   Ihre Mutter nickte. »Warst du etwa noch mit den anderen weg?« In der Stimme ihrer Mutter lag ein Hauch von Überraschung. Fast etwas wie Freude.
   Lena seufzte. »Nein.«
   »Wo warst du dann? Etwa beim Grab?« Die Freude war wie weggewischt und um den Mund ihrer Mutter lag jetzt ein harter Zug.
   »Ja.« Innerlich wappnete sie sich für die übliche Diskussion.
   Ihre Mutter presste die Lippen zusammen. »Aha.« Ein Wort nur, aber darin lag mehr Missbilligung als in einem ganzen Satz. »Ich weiß, dass ich dir keine Vorschriften mehr machen kann, aber den ganzen Abend am Grab sitzen, das ist doch …«
   »Nicht den ganzen Abend«, unterbrach Lena sie in der Hoffnung, dem üblichen Vortrag noch entgehen zu können. Vielleicht auch dem Streit, der immer darauf folgte. »Ich hab im Wald die Zeit vergessen. Ich hab eine neue Pflanze entdeckt, die ich noch nicht kannte, und …«
   Ihre Mutter verdrehte die Augen. »Hätte ich mir denken können. Immer diese verdammten Pflanzen. Hast du denn nichts anderes im Kopf?«
   Lena atmete tief durch. Ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu geben, wurde immer schwerer. »Ich will eben Großmutters Sammlung fertig machen. Ihr liegt so viel daran.«
   »Lag. Sie ist tot«, sagte ihre Mutter kalt.
   Wut machte sich in Lena breit. Musste sie so grausam sein? Plötzlich wollte sie sich unbedingt mit ihrer Mutter streiten. So war es immer, wenn das Gespräch auf ihre Großmutter kam. »Sie war deine Mutter, wie kannst du sie so schnell vergessen? Als ob es dir egal wäre, dass sie nicht mehr da ist.«
   »Nein. Es ist mir nicht egal und ich habe sie ganz sicher nicht vergessen. Ich will nur nicht, dass du deine Zeit mit etwas Sinnlosem verschwendest. Das mit den Pflanzen machst du doch nur ihr zuliebe und nicht, weil es dich wirklich interessiert.«
   Der Zorn trieb Lena Tränen in die Augen. »Nur, weil du nie hören wolltest, was sie zu sagen hat, heißt das nicht, dass ich es auch langweilig finde.« Ihr Magen krampfte sich zusammen. Es war alles so falsch. Warum konnte ihre Mutter sie nicht in den Arm nehmen? Warum artete es immer in Streit aus? Vielleicht sollte sie es einfach selbst tun. Aufhören und ihre Mutter in den Arm nehmen, aber ihre Arme hingen wie Sandsäcke an ihren Seiten und ließen sich nicht bewegen. Es war so schwer, den Anfang zu machen. »Sind wir fertig? Ich muss noch lernen.«
   »Lernen, ja richtig. Da gab es ja doch noch etwas anderes in deinem Leben außer den Pflanzen. Die Schule.« Ihre Mutter verzog abfällig den Mund.
   »Sei doch froh. Oder soll ich lieber den ganzen Tag irgendwo rumhängen und die Schule schwänzen?«
   »Sei nicht theatralisch. Natürlich nicht. Ich meine nur, dass es dir auch ganz guttäte, ein paar Freunde zu haben, ein Leben außerhalb der Schule, ein bisschen Normalität.«
   Lena schüttelte den Kopf. Normalität? Sie wollte keine Normalität. Das bedeutet vergessen und das kann ich einfach nicht. So etwas sagte sie natürlich nicht laut. Schon lange nicht mehr. »Ich kann eben nicht weitermachen, als wäre nichts passiert, so wie du.«
   Ihre Mutter funkelte sie an. Dann atmete sie tief durch und fuhr sich erschöpft über die Augen. »Das bringt doch nichts. Versuch, nächstes Mal anzurufen, dass du später kommst. Du weißt, ich mache mir sonst Sorgen«, sagte sie schroff.
   Lena verbiss sich die Antwort, die ihr auf der Zunge lag. Was bringt das? Wenn ich anrufe, bist du ja meistens nicht da und dein Handy ist immer aus.
   Sie schwieg, weil die Worte ihrer Mutter ein Friedensangebot waren. Ich mache mir Sorgen war die Art ihrer Mutter, Ich hab dich lieb zu sagen. Jedenfalls vermutete Lena das. In ihrer Familie war niemand gut darin, über Gefühle zu sprechen. Sogar ihre liebevolle, fürsorgliche Großmutter hatte ihre Zuneigung nie mit Worten ausgedrückt. Stattdessen hatte sie Lena viel Zeit gewidmet, beim Kräutersammeln, Geschichtenerzählen und Zuhören. Ihre Kehle wurde eng. Das war jetzt vorbei und das Dreimäderl-Haus, wie Gromi es immer genannt hatte, gab es nicht mehr. Sie musste sich endlich damit abfinden. Wenn da nur nicht diese Angst gewesen wäre. Die Angst, eines Tages aufzuwachen und nicht mehr zu wissen, wie ihre Großmutter ausgesehen oder wie ihre Stimme geklungen hatte.
   Ihre Finger wanderten wie von selbst zu dem Tuch in ihren Haaren und strichen sanft darüber. Ihre Mutter bemerkte die Geste und verdrehte die Augen, aber ausnahmsweise sagte sie nichts. Auch das wertete Lena als Friedensangebot. Sie zwang ihre Lippen zu einem Lächeln und ihre Stimme zu einem freundlichen Ton. »Gute Nacht.«
   »Gute Nacht«, antwortete ihre Mutter. Es klang ebenso niedergeschlagen, wie Lena sich fühlte.
   Müde schleppte sie sich die enge Treppe in den ersten Stock hinauf. Oben angekommen fiel ihr Blick auf die Tür zum Zimmer ihrer Großmutter. Ihre Brust schmerzte vor Sehnsucht. Wie gern wäre sie hineingegangen, aber es war abgeschlossen, seit ihre Großmutter gestorben war.
   In ihrem Zimmer stellte Lena den Rucksack neben den alten, abgenutzten Schreibtisch und sank auf den Stuhl. Eine Weile saß sie einfach nur da und überließ sich dem dumpfen Schmerz in der Magengegend, den sie nach einem Streit immer mit sich herumtrug. Ihre Gedanken kreisten um die immer gleichen Worte. Streit, Trauer, Schule, Freunde, Leben, Tod, Normalität. Sie konnte einfach keinen roten Faden finden.
   Ziellos schweifte ihr Blick durch das kleine Zimmer, vollgestopft mit Regalen voller Bücher, und blieb schließlich an einem Schränkchen zwischen den beiden Fenstern hängen. Mechanisch stand sie auf, ging hinüber und öffnete die beiden Türen. Gläser, Tütchen und Phiolen lagen darin, sorgsam etikettiert und geordnet. Sie betrachtete ihre umfangreiche Sammlung an Kräutern und Pflanzen und spürte, wie Betäubung und Zweifel langsam von ihr wichen. Das hier war ihr roter Faden. Der Wunsch ihrer Großmutter. Es war richtig, ihn zu erfüllen, da war sie sich sicher.
   »Ich habe Gromi mein Versprechen gegeben. Außerdem bin ich schon so weit gekommen.« Nein. Aufgeben kam nicht infrage.
   Entschlossen ging sie zu ihrem Schreibtisch zurück und holte das Büchlein aus ihrem Rucksack. Das weiche Leder fühlte sich tröstlich an. Sie löste die Schleife und schlug willkürlich eine Seite auf. Darauf war das Bild einer Pflanze zu sehen, umgeben von Notizen in Gromis altertümlicher Handschrift. Diese Pflanze hatte sie bereits gefunden und auch alle anderen, die mit einem Bild und Notizen versehen waren. Sie öffnete das Buch an einer anderen Stelle. Diesmal war es kein Eintrag über Pflanzen.
   Die drei Magier stand da in verschnörkelten Buchstaben. Dieses Märchen hatte Gromi ihr immer wieder erzählt, seit sie denken konnte. Sie wischte sich über die Augen, die schon wieder feucht wurden. Sie konnte fast Gromis Stimme hören, sah sich als kleines Mädchen auf ihrem Schoß sitzen.
   »Sie waren abgrundtief böse und furchtbar mächtig. Wohin sie auch kamen, verbreiteten sie Angst und Schrecken. Niemand hatte ihnen etwas entgegenzusetzen.«
   »Doch, Gromi, der Kreis der Acht.«
   »Natürlich, Lena, du hast recht. Acht Magier, gute Magier. Nur waren sie zu schwach, um die bösen Magier zu vernichten.«
   »Ja, aber sie haben sie davongejagt.«
   »Genau. Bis heute sorgen sie dafür, dass den Menschen nichts passiert.«
   »Glaubst du das echt?«
   »O ja. Ganz bestimmt.«
   So ähnlich war es immer gewesen. Ein Lächeln schlich sich auf Lenas Gesicht. Gromi hatte bis zum Schluss versucht, ihr weiszumachen, dass sie wirklich an all das glaubte.
   Sie blätterte weiter und seufzte. Nach dem Märchen kamen nur noch leere Seiten. Fast leere. Eine Überschrift stand auf jeder Seite. Zwei Worte, das war alles. Kein Bild, keine Beschreibung, keine Notizen. Lena vermutete, dass es sich um Namen von Pflanzen handelte, die sie nicht kannte. Bisher hatte sie noch nicht einmal davon gehört und niemand konnte ihr etwas dazu sagen. Wo sie danach suchen sollte, wusste sie auch nicht. Ganz am Ende des Buches hatte sie die Namen alle untereinander aufgelistet, aber das hatte sie ihrem Ziel auch nicht näher gebracht. Im Internet brachten sie keine sinnvollen Suchergebnisse und alle Bücher, die sie zurate zog, enthielten nur die üblichen Hexenkräuter.
   Der Fremde von der Lichtung fiel ihr ein. Vielleicht hätte er ja etwas darüber gewusst? Zumindest mit der seltsamen Pflanze auf der Lichtung hatte er sich ziemlich gut ausgekannt.
   Ihr Nacken kribbelte bei der Erinnerung an den Blick aus seinen grünen Augen. Das Gefühl war so real, dass sie unwillkürlich den Atem anhielt und sich umsah. Natürlich entdeckte sie nichts. Nicht hier in ihrem Zimmer. Sie stand auf, um aus dem Fenster zu sehen.
   Nur wenige Laternen erleuchteten die kleine Straße vor dem Haus. Die meisten Lampen waren schon ausgebrannt, seit Lena sich erinnern konnte.
   Trotzdem sah sie die Bewegung.
   Ein Schatten, der mit der Dunkelheit verschmolz. Ihr Mund wurde trocken. Wurde sie doch beobachtet? Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, etwas zu erkennen. Nichts rührte sich. Sie atmete tief durch. Keine Panik. Du hast es dir nur eingebildet. Deine Nerven spielen dir einen Streich, weil du so müde bist, dass du kaum noch aufrecht stehen kannst.
   Mit einem letzten misstrauischen Blick aus dem Fenster wandte sie sich ab und löste das Tuch aus ihren Haaren. Sie ging zu ihrem Nachttisch, wo ein Kästchen von der Größe eines Lexikons stand, und legte ihren Finger auf das kleine, runde Schloss, das in das dunkle Holz eingelassen war. Ein Klicken war zu hören, der Deckel sprang ein paar Millimeter auf. Sie hatte es längst aufgegeben, sich zu fragen, wie der Mechanismus funktionierte. Wahrscheinlich war es die Körperwärme, die das Schloss aufspringen ließ. Ziemlich sinnlos, dann überhaupt ein Schloss anzubringen, denn so konnte es ja jeder öffnen, der nicht gerade ohne Handschuhe bei minus fünfzehn Grad draußen herumgelaufen war.
   Sie hob den Deckel an, faltete das Tuch und legte es sorgsam hinein. Das Kästchen war ein Geschenk von Gromi gewesen und hatte damals die silberne Schere zum Kräuterschneiden, den kleinen Samtbeutel für die abgeschnittenen Pflanzen und Gromis Büchlein enthalten. Inzwischen trug sie die Sachen immer bei sich, daher blieb das Kästchen meist leer.
   Sie zog ihre Kleider aus und warf sie in den Wäschekorb. Luises Bemerkungen fielen ihr wieder ein. Die Jeans sah wirklich ganz schön abgenutzt aus. Normalerweise war sie nicht der Typ, der sich um so etwas scherte, aber ein kleiner verräterischer Teil in ihr fragte sich, wie sie wohl auf den Fremden gewirkt hatte und ob er sich für sie interessierte. Seine Berührung war so vertraulich gewesen, dass sie es fast glauben konnte.
   Sie verzog das Gesicht. »Na prima, es geht schon los. Ich stehe hier rum und mache mir völlig unnötige Gedanken wegen irgendeines Kerls, den ich nicht mal kenne.« Selbst wenn er sich für sie interessierte, für so etwas war einfach kein Platz in ihrem Leben.
   Entschlossen schob sie alle Gedanken an ihn fort. Sie hatte noch zu tun. Morgen ging der Intensivkurs für Chemie los und sie wollte vorbereitet sein. Also setzte sie sich über ihre Bücher, obwohl ihr fast die Augen zufielen, und versuchte zu lernen. Aber nur allzu bald wanderten ihre Gedanken zu grünen Augen, schwarzen Haaren und einer spöttisch hochgezogenen Augenbraue.

Kapitel 4

»Hey, Lena!« Mike stand auf der breiten Steintreppe, die zum Portal des alten Schulgebäudes hinaufführte.
   Wie konnte er morgens nur so ekelhaft fröhlich sein?
   »Morgen«, nuschelte Lena, während sie sich die Stufen hinaufquälte.
   »Wow, da spricht die pure Lebensfreude!« Mike grinste.
   »Ach, geh doch weg«, erwiderte sie, aber ihre Mundwinkel zuckten. Es war wirklich schwer, sich Mikes guter Laune zu entziehen.
   »Mal wieder Morgenmuffeltag, was?«
   Aus dem Zucken ihrer Mundwinkel wurde ein schwaches Lächeln. »Hab wieder zu lange über den Büchern gehockt.«
   »Und? Hast du endlich das ganze Chemiebuch auswendig gelernt?«
   Lena stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. »Nein, daran arbeite ich noch. Aber dafür hab ich was zu erzählen.«
   »Ach?«
   »O ja.« Sie machte ein todernstes Gesicht. »Ich habe eine neue Stelle zum Pflanzensammeln entdeckt.«
   Mikes Lächeln verblasste. »So, eine neue Pflanzenstelle. Ja, das ist natürlich …« Er verstummte, auf der Suche nach passenden Worten.
   Lena kicherte. »… noch lange nicht alles. Es kommt noch besser.«
   »Kann ich kaum glauben«, murmelte er.
   Noch einmal knuffte sie ihn. »Mach nur weiter so, dann hast du bald einen großen blauen Fleck.«
   Während sie langsam den langen Gang zur großen Treppe entlanggingen, erzählte sie Mike, was am Abend zuvor passiert war. Dabei gab sie sich Mühe, so beiläufig wie möglich über den Fremden zu reden. Ihre alberne Schwärmerei wollte sie nicht preisgeben, nicht einmal vor Mike. Als sie bei der Stelle mit dem Irrlicht angekommen war, stockte sie kurz. Sollte sie das wirklich erzählen? Aber dann rief sie sich zur Ordnung. Mike war ihr bester Freund, sie konnte ihm alles anvertrauen.
   Auf dem ersten Treppenabsatz blieb sie stehen. Andere Schüler schimpften ungehalten und drängten sich an ihnen vorbei in den ersten Stock. Lena zog Mike aus dem Strom in eine Ecke.
   »Halt mich jetzt nicht für verrückt, okay? Ich bin durch den Wald gefahren und plötzlich war da ein Irrlicht. Es hat mich zu einer Pflanze geführt, die wollte, dass ich sie anfasse, damit sie mich vergiften kann.« Lena krampfte die Hände in den Träger ihres Rucksacks. Ob er ihr glauben würde?
   Mike erwiderte nichts, er runzelte nur die Stirn.
   Sie sah ihm in die Augen, als könnte er darin sehen, was sie erlebt hatte. »Ich schwör’s dir, Mike. Auf das Periodensystem.«
   »Ach komm, das hast du doch geträumt«, sagte er schließlich.
   »Nein, wirklich nicht.«
   Sein Lachen klang unsicher. »Lena, du bist meine beste Freundin, aber alles nehme ich dir trotzdem nicht ab.«
   »Ich weiß selbst, wie bescheuert das klingt. Trotzdem war es so.«
   Mike schnaubte. »Und dann kam ein Ritter in schimmernder Rüstung und hat der schrecklichen Pflanze mit seinem Schwert den Garaus gemacht.«
   Lena hob drohend den Ellenbogen. »Denk an den blauen Fleck.«
   Mike grinste und wich ein Stück zurück. »Also kein Ritter?«
   Ein Bild sprang ungebeten in Lenas Kopf. Der Fremde in Ritterrüstung auf einem schwarzen Pferd. Gar nicht schlecht, die Vorstellung. Irgendwie … sexy. Lena verdrehte die Augen. Ging das schon wieder los? »Nicht wirklich, nein. Es war der Mann aus der Stadt. Er ist einfach aufgetaucht und er hatte eine Jeans an, keine Rüstung.«
   Mike riss die Augen auf. »Ich fass es nicht. Meinst du, er hat dich verfolgt, oder so was?«
   Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, vielleicht. Auf jeden Fall hat er verhindert, dass ich diese seltsame Pflanze anfasse. Er wusste, dass sie giftig ist.« Sie verstummte und grübelte, ob sie nicht doch versuchen sollte, ihn aufzuspüren. Dann könnte sie ihn fragen, woher er so viel über eine Pflanze wusste, die sie noch nie in irgendeinem Buch gesehen hatte.
   »Lena?«
   Mikes Stimme drängte sich zwischen ihre Gedanken. »Wie bitte? Hast du mich was gefragt?«
   Er verdrehte die Augen. »Ich würde gern noch das Ende erfahren. Hat der Typ dich hinter einen Busch geschleift oder was ist passiert?«
   Sie hob abwehrend die Hände. »Quatsch, so war das nicht. Er hat meine Verletzung angeschaut und …«
   »Was? Du bist verletzt? Das sagst du erst jetzt?«
   »Nicht schlimm, ich spüre es kaum noch.«
   »Zeig mal.«
   Sie sah Mike an, während sie den Ärmel zurückzog. »Hier, sieht fies aus, ist aber nicht so schlimm.«
   »Das ist der falsche Arm«, sagte Mike trocken.
   »Was? Nein, ganz sicher nicht!« Lena verzog empört das Gesicht. »Ich werde doch wissen …« Sie stockte, als ihr Blick auf ihren Arm fiel. Der Kratzer war noch zu sehen, aber nur gerade so, als dunkle Linie auf ihrer Haut.
   Mike schüttelte den Kopf. »Das ist bestimmt nicht von gestern.«
   »Aber … doch, das muss es sein, vorher hatte ich da nichts.«
   Sie konnte sich einfach keinen Reim darauf machen. Aber dann kam ihr etwas in den Sinn. Seine Fingerspitzen auf ihrer Haut, wie sie ganz sanft über ihren Arm strichen. Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, läutete die Glocke zum Unterricht. »Mist, keine Zeit mehr«, murmelte sie.
   »Lena, langsam mach ich mir echt Sorgen um deinen Geisteszustand.« Auf Mikes Gesicht lag derselbe Ausdruck, den er aufsetzte, wenn sie von ihrer Großmutter redete.
   »Also glaubst du mir nicht?« Sie sah ihn herausfordernd an.
   Mike zuckte die Achseln. »Sorry, aber das ist einfach zu verrückt.«
   »Ich weiß. Aber es war so. Das Irrlicht war da und auch der Fremde mit seinen interessanten Augen …« Sie biss sich auf die Lippe.
   Langsam breitete sich ein Grinsen auf Mikes Gesicht aus. »Aha, jetzt ist alles klar. Hättest du das nicht gleich sagen können? Dann ist ja alles gut.«
   »Wie meinst du das denn jetzt?«
   »Verliebte haben eben Halluzinationen und reden wirres Zeug, dafür muss man sich nicht schämen.« Dann drehte er sich um und rannte die restlichen Stufen hoch, bevor sie etwas erwidern konnte.
   »Nur, weil mir seine Augen gefallen, bin ich doch nicht verliebt«, rief sie ihm nach.
   Mike grinste nur noch breiter. »Wir reden in der Mittagspause, dann will ich alles wissen.« Weg war er.
   Wütend starrte Lena ihm hinterher. »Der spinnt doch«, murmelte sie und machte sich an den Aufstieg in den zweiten Stock. Hier gab es keine Klassenzimmer, sondern nur Lager und einige Räume für die praktische Arbeit, unter anderem der Chemiesaal, den sie jetzt ansteuerte.
   Der alte Dielenboden knarzte, als sie den Gang entlang lief, der heute gar kein Ende nehmen wollte. Die Morgensonne fiel warm durch die riesigen Fenster auf Lenas nackte Unterarme und ließ erahnen, dass die Hitzewelle noch eine Weile anhalten würde. Als die Schulglocke ein zweites Mal klingelte, zuckte sie zusammen. Erschrocken rannte sie die letzten Meter zur Tür des Chemiesaals und riss sie auf.
   Bankreihen, die angeordnet waren wie eine überdimensionale Treppe, beherrschten den Raum. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass die anderen acht Kursteilnehmer es sich schon in den unteren beiden Reihen bequem gemacht hatten. Natürlich, sie war mal wieder die Letzte.
   »Wie schön, dass Sie es einrichten konnten«, sagte eine tiefe Stimme. Ein paar ihrer Mitschüler kicherten.
   Das Blut stieg ihr ins Gesicht. »Entschuldigung.«
   Sie wandte sich dem Sprecher zu. Es war ein älterer Mann mit graublonden Haaren. Er war drahtig und etwas größer als sie. Sein Outfit aus schwarzer Hose und blauem Hemd mit grauer Krawatte erstaunte sie. Irgendwie hatte sie sich den Chemieprofessor als exzentrischen Cordjackenträger mit gepunkteter Fliege vorgestellt.
   »Soll ich Sie zu Ihrem Platz führen oder schaffen Sie das allein?«, fragte er ungeduldig und warf ihr einen verärgerten Blick zu. Na großartig, da hatte sie sich ja gleich gut eingeführt. Ohne darauf zu achten, wer dort saß, stürzte sie zu einem der Plätze in der zweiten Reihe und setzte sich hin. Ein großer Fehler, wie sich herausstellte, als sie den Blick hob und in Luises hämisch grinsendes Gesicht blickte. Lena stöhnte innerlich.
   »Nett von dir, dass du dich gleich von Anfang an unbeliebt machst«, flüsterte Luise. »Das macht’s mir leichter.«
   Verärgert verzog Lena das Gesicht, verkniff sich aber eine Erwiderung, um nicht schon wieder aufzufallen. Sie richtete den Blick starr nach vorn. Heute würde sie sich keinen Schnitzer mehr erlauben.
   »Nun denn.« Der Professor sah kurz auf sein Klemmbrett. »Leonora Weber.«
   Lena zuckte zusammen. Sie war es nicht gewohnt, ihren ganzen Namen zu hören. Niemand benutzte ihn, und wenn, dann nicht für lange. Bis zu ihrem ersten Schultag hatte sie gar nicht gewusst, dass sie eigentlich Leonora hieß.
   »Sicher ist es Ihnen lieber, wenn ich das abkürze? Wie nennt man Sie? Leo? Lena? Nora?«
   Sie seufzte und nickte ergeben. »Lena.« Warum glaubten eigentlich alle, dass sie ihren Namen nicht mochte? Es hätte ihr gefallen, so angesprochen zu werden. Die anderen Mädchen hatten früher immer davon geträumt, dass ein Prinz kam und sie mit auf sein Schloss nahm. Nachdem Lena erfahren hatte, wie ihr ganzer Name lautete, hatte sie eine Weile lang immer nur davon geträumt, dass ihr Prinz sie Leonora nannte.
   Mike hatte das ziemlich lustig gefunden und sich dann die Erlaubnis geholt, sie weiter Lena zu nennen. Um Missverständnissen vorzubeugen, wie er sagte. Ein winziges Lächeln schlich sich auf ihre Lippen.
   »Der Intensivkurs für das Stipendium wird vier Wochen dauern«, riss die Stimme des Professors sie aus ihren Gedanken. »Ich werde jede Woche zwei Seminare im Rahmen der Chemiestunden abhalten, über die am Ende ein Test geschrieben wird. Dazu kommen die praktischen Übungen am Nachmittag.« Er ließ seinen Blick über die zwei Sitzreihen mit Schülern schweifen. »Am Ende entscheiden aber nicht nur die Prüfungsergebnisse. Ein guter Wissenschaftler zeichnet sich auch durch andere Dinge aus. Disziplin, Motivation, Interesse und sorgsames Arbeitsverhalten. Auch Kreativität spielt eine große Rolle.«
   Lena sog alles in sich auf. Der Professor war so ganz anders als ihre Lehrer. Man merkte ihm die Leidenschaft für sein Fachgebiet tatsächlich an. Sie konnte ihn sich gut in einem weißen Kittel vorstellen, wie er an einem Versuch arbeitete. Es war sicher faszinierend, ihm dabei über die Schulter zu sehen. Aber da war noch mehr. Er hatte eine Art zu reden, die ihr das Gefühl gab, dass er sie nicht für uninteressierte Schüler hielt, sondern für zukünftige Kollegen. Lena konnte es kaum erwarten, von ihm zu lernen und ihm all die Fragen zu stellen, für die ihr Chemielehrer entweder keine Zeit oder nicht das nötige Fachwissen hatte.
   »Aus Zeitgründen werde ich nur die theoretischen Seminare abhalten. Die praktischen Übungen werden Sie unter der Leitung eines meiner besten Studenten absolvieren.«
   Lena musste ein enttäuschtes Stöhnen unterdrücken. Auch Luise verzog das Gesicht. Sie hatte wohl ebenfalls erwartet, dass der Professor den Kurs persönlich leiten würde.
   Der Professor lächelte. »Ich versichere Ihnen, dass er äußerst fachkundig und versiert ist, und sicher mehr Geduld mit Ihnen hat als ich. Was aber nicht bedeutet, dass Sie schludern dürfen. Denken Sie an die Abschlussbeurteilung.« Er warf einen mahnenden Blick in die Runde. »Bevor wir mit dem ersten Seminar beginnen, möchte ich Ihnen meinen jungen Kollegen vorstellen.« Er sah nach oben zur letzten Reihe und hob auffordernd die Hand. »Bitte, Herr Magnus.«
   Was denn, da oben saß noch jemand? Darauf hatte sie vorhin in der Eile gar nicht geachtet. Neugierig drehte sie sich um und riss erstaunt die Augen auf.
   Ein junger Mann in einer dunkelblauen Jeans und einem langärmligen schwarzen Hemd schritt die Treppe zwischen den Bankreihen herunter. Er hatte schwarze Haare und grüne Augen.
   Augen, die sie überall wiedererkannt hätte.
   Als ihr bewusst wurde, dass sie ihn anstarrte, drehte sie hastig den Kopf zurück zur Tafel. Sie konnte vor Aufregung kaum atmen. Ausgerechnet er war der Student, der die Versuche leiten würde?
   Er ging an ihr vorbei, ohne sie anzusehen, und drehte sich erst um, als er vor dem Lehrerpult angekommen war. Sein Blick wanderte über die erwartungsvollen Gesichter der Schüler, blieb aber nicht an Lena hängen. Nichts deutete darauf hin, dass er sie wiedererkannt hatte.
   »Mein Name ist Cay.« Er sprach es aus wie den zweiten Teil von Okay. »Ich finde, wir sollten uns duzen. Immerhin bin ich kein Lehrer und außerdem kaum älter als ihr.«
   Während die Klasse zustimmend murmelte, ließ Lena sich den Namen auf der Zunge zergehen. Cay. Ein merkwürdiger Name. Sie bemerkte, dass ein paar der anderen Mädchen ihn ganz unverhohlen musterten. Sogar Luise starrte ihn an. Er schien es gar nicht zu bemerken. Während er erklärte, wie der praktische Teil des Kurses ablaufen würde, riskierte auch Lena einen Blick.
   Er war durchschnittlich groß, hatte breite Schultern, sah aber auch nicht aus, als würde er ständig im Fitnessstudio trainieren. Die schwarzen Haare fielen ihm locker in die Stirn, im Nacken waren sie kurz. Ihr Blick blieb kurz an seinen langen Beinen hängen und wanderte dann zurück zu seinem Gesicht und zu seinen Augen, die amüsiert glitzerten. Sie sank etwas tiefer in ihren Stuhl. Er hatte ihren Blick bemerkt. Wie unfassbar peinlich. Jetzt sprach er sie auch noch an.
   »Leonora, richtig?«
   Sie nickte.
   »Wäre es dir recht, das zu übernehmen?«
   Obwohl sie keine Ahnung hatte, worum es ging, nickte sie hastig. Alles. Hauptsache, er erwähnte ihren Blick nicht vor den anderen.
   Seine Mundwinkel zuckten. Er hatte bemerkt, dass sie nicht zugehört hatte und ihre Lage schamlos ausgenutzt. »Gut. Wir besprechen das nach dem Seminar.«
   Sie nickte ergeben. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Luise verärgert den Mund verzog. Offensichtlich hätte sie die Aufgabe gern selbst übernommen, was auch immer es war.
   Als Cay geendet hatte, ging er wieder an ihr vorbei zu seinem Platz und der Professor begann mit dem Seminar. Normalerweise hätten seine Ausführungen Lena völlig gefesselt. Jetzt fragte sie sich ständig, wie es sein konnte, dass dieser Cay ausgerechnet hier war und ob er sich tatsächlich nicht an sie erinnerte. Immer wieder verlor sie den Faden, und als das Seminar zu Ende war, betrachtete sie seufzend ihre lückenhaften Aufzeichnungen. Warum ließ sie zu, dass er sie so ablenkte? Wütend, vor allem auf sich, stand sie auf und wollte den Saal verlassen.
   »Warte.«
   Sie schloss die Augen, atmete tief durch und blieb stehen. Dann drehte sie sich langsam um. Richtig, sie hatte ja zugestimmt, ihm bei irgendwas zu helfen. Er stand vor ihr, fast so nah wie auf der Lichtung.
   »Leonora.« Seine dunkle Stimme liebkoste jeden Buchstaben ihres Namens und jagte ihr einen Schauder über den Rücken.
   Reiß dich zusammen, verdammt.
   »Ja?« Es klang ziemlich schnippisch.
   Da war sie wieder, die hochgezogene Augenbraue. »Ist alles in Ordnung?«
   Nein, nichts war in Ordnung. Sollte er doch woanders die Kurse halten und dort die Mädchen ablenken. Nicht hier, nicht sie. »Ja, alles bestens.«
   Er sah sie zweifelnd an, fragte aber nicht weiter. »Ich möchte dich bitten, morgen etwas früher zu kommen und mir mit dem Versuchsaufbau zu helfen.«
   Erleichtert atmete sie auf. Das war alles? Sie nickte knapp und wandte sich zur Tür. Erst, als sie auf den Flur trat, wurde ihr klar, was das bedeutete.
   Sie würde mit Cay allein sein.

Kapitel 5

Hitze schlug Lena entgegen, als sie den Glaskasten betrat, wie die Schüler den Speisesaal nannten. Kein Wunder, denn alle Wände und das Dach des nachträglich an das Schulgebäude angebauten Speisesaals bestanden aus Glas. Sie enthüllten ein beeindruckendes Panorama aus hohen Bergen und einem weiten Tal, an dem Lenas Blick auch jetzt kurz hängen blieb. Das entschädigte fast dafür, dass man sich im Sommer wie ein Schnitzel in der Pfanne fühlte und im Winter mit Schal und Mütze essen musste. Lena reckte den Hals. Auf den ersten Blick konnte sie Mike zwischen den ganzen anderen Schülern nicht entdecken. Sie ging zur Essensausgabe, wo die Köchin ihr etwas Undefinierbares auf den Teller klatschte. Der Speiseplan nannte es Käsespätzle, aber der behauptete viel, wenn der Tag lang war. Langsam ging sie mit dem Tablett zwischen den langen Tischreihen hindurch. Wo steckte Mike nur? Hatte sie ihn vorhin doch übersehen?
   »Na, wie war es?«
   Sie zuckte zusammen. Fast wäre ihr das Tablett entglitten. Wütend drehte sie sich um. »Spinnst du, mich so zu erschrecken?«, fauchte sie Mike an, der ebenfalls mit einem Tablett hinter ihr stand und frech grinste.
   »Ich schaff es noch, dass du das mal fallen lässt.« Immer noch breit grinsend ging er zu einem freien Tisch.
   »Nur, weil es hier immer so laut ist, dass ich dich nicht kommen höre.« Während sie Mike folgte, sah sie auf ihren Teller und verzog angewidert das Gesicht.
   »Das trifft wohl nicht deinen Geschmack, Leonora?« Sie hörte eine dunkle Stimme vor sich.
   Lena machte einen erschrockenen Satz. Diesmal gab es keine Rettung für das Tablett. Es rutschte ihr aus den Händen und schlug mit einem lauten Knall auf den Boden. Etwas splitterte, ein paar Schüler, die in der Nähe saßen, klatschten.
   Lena stöhnte innerlich. Dann sah sie von der Bescherung auf. Vor ihr stand Cay und blickte interessiert auf die Scherben, zwischen denen die sogenannten Käsespätzle klebten.
   »Ist vielleicht besser so«, sagte er trocken. Dann sah er sie an. »Tut mir leid, ich wollte dich nicht um dein … Mittagessen bringen.«
   Lena erwachte aus ihrer Schockstarre. »Ach, das macht nichts, ich hatte sowieso keinen Appetit.«
   »Das wundert mich nicht.« In seinen Augen blitzte der Schalk.
   Das Essen ist ausnahmsweise nicht schuld daran, sondern du, dachte Lena. Der Ärger über seine Anwesenheit im Kurs und ihre lächerliche Reaktion darauf waren ihr auf den Magen geschlagen. »Äh, ja, die Küche ist nicht gerade sterneverdächtig«, sagte sie schwach.
   »Das sehe ich. Ich frage mich, ob ich der Direktorin zweifelhafte Absichten unterstellen soll, weil sie den Professor und mich gebeten hat, zum Essen zu bleiben.«
   Lena unterdrückt ein Lächeln. »Ach, darum bist du noch hier.«
   »Hast du etwas dagegen einzuwenden?« Er zwinkerte fröhlich.
   Ja!, hätte sie am liebsten laut gesagt. Reicht es denn nicht, dass du mir den Kurs verdorben hast? Musst du mir jetzt auch noch das Essen verderben? Gut, das war vielleicht etwas ungerecht. Das Essen hatte ganz allein die Köchin verdorben.
   »Das ist ein freies Land, ich kann wohl kaum etwas daran ändern«, sagte sie. Erschrocken sah sie auf. So abweisend hatte es nicht klingen sollen. Hoffentlich nahm er es ihr nicht übel. Tatsächlich lachte er nicht mehr, aber er wirkte auch nicht verärgert. Es sah eher … besorgt aus. Merkwürdig. »Entschuldigung, so hab ich das nicht gemeint.« Nicht ganz so jedenfalls.
   Er deutete ein Nicken an. »Schon gut, mach dir keine Gedanken.«
   Sie schenkte ihm ein erleichtertes Lächeln, das er nicht erwiderte. Eine unangenehme Stille breitete sich zwischen ihnen aus.
   Lena räusperte sich. »Ich gehe jetzt besser, mein Freund wartet.«
   Er zog die Augenbrauen zusammen. War er etwa doch verärgert?
   »Ähm, ja gut, also dann bis morgen.« Völlig verwirrt drehte Lena sich um und ging zu dem Tisch, an dem Mike sich niedergelassen hatte. Als sie sich hinsetzte, sah sie, dass Cay immer noch da stand und ihr hinterherstarrte.
   Demonstrativ drehte sie ihm den Rücken zu.
   »Man könnte glauben, der will dich umbringen. Die anderen gucken alle schon.« Mike runzelte die Stirn. »Was war denn das?«
   »Das war ich, die sich gerade das Stipendium versaut hat«, stöhnte Lena und vergrub ihr Gesicht in den Handflächen.
   »Was hat der denn mit dem Stipendium zu tun?« Mike klang jetzt so verwirrt, wie sie sich fühlte.
   »Er leitet den Kurs.«
   »Was? Das ist der Professor? Na, da werden sie aber demnächst einen ganz schönen Zulauf an weiblichen Chemie-Studenten haben. Schlau eingefädelt.«
   Lena schnaubte. »Blödsinn, das ist doch nicht der Professor. Das ist einer seiner Studenten und er leitet hier an der Schule die praktischen Versuche.«
   »Ach so. Und wie hast du es geschafft, dass er dir solche mörderischen Blicke zuwirft?«
   »Immer noch?« Sie drehte sich vorsichtig um. Er war nicht mehr da. Sie ließ den Blick durch den Saal schweifen und entdeckte ihn am Lehrertisch neben dem Professor, der sich angeregt mit der Direktorin unterhielt. Cay saß daneben, nach hinten gelehnt. Es sah nicht aus, als würde ihn die Unterhaltung sehr interessieren. Essen hatte er sich auch nicht geholt.
   Sie drehte sich wieder zu Mike um und zuckte hilflos die Achseln. »Ich weiß es nicht. Ich werde einfach nicht schlau aus ihm. Erst würdigt er mich keines Blickes. Erkannt hat er mich wahrscheinlich auch nicht. Dann will er plötzlich mit mir reden und dann schaut er mich an, als wollte er mich umbringen.« Sie verzog verzweifelt das Gesicht. »Und der soll mich am Ende beurteilen? Da kann ich das Stipendium gleich vergessen.«
   Mike ließ das Besteck sinken. »Sorry, aber da komme ich jetzt wirklich nicht mehr mit. Kanntest du ihn schon vorher oder wie?«
   Lena nahm das Gesicht aus den Händen und schaute ihn an. Er wusste es ja noch gar nicht. »Mike.« Sie beugte sich zu ihm. »Er war das gestern, auf der Lichtung im Wald, und er war es auch, der mich gestern in Hohengreifenstein so angesehen hat.«
   Mike verschluckte sich an seinem Saft. Er musste so heftig husten, dass sein Gesicht rot anlief, was ihm einige belustigte Blicke der Mitschüler einbrachte. »Wie bitte?«
   Lena nickte. »Was für ein unglaublicher Zufall, oder?«
   Mike verengte die Augen. »Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht hat er dich ja doch verfolgt. Vielleicht wollte er schon mal gucken, was du so machst und ob du genug lernst. Ein Streber-Stalker«, sagte Mike mit tiefer Gruselstimme.
   Lena überlief es kalt. »Hör auf, darüber kann ich jetzt echt nicht lachen.« Vor allem, wenn sie daran dachte, dass sie sich wirklich beobachtet gefühlt hatte.
   »Also, ich rekapituliere. Er ist der Mann von der Lichtung, in den du dich sofort unsterblich verliebt hast. Er leitet die Kurse. Er soll dich bewerten. Lena, jetzt hast du echt ein Problem.«
   Ihre Wangen wurden heiß. »Blödsinn. Der ist uralt und außerdem leitet er den Kurs, von dem will ich doch nichts«, sagte Lena etwas zu vehement.
   »Wieso alt? Der ist doch höchstens fünfundzwanzig oder so.« Er warf einen Kontrollblick in Richtung Lehrertisch.
   »Fünfundzwanzig ist alt, wenn man selbst gerade mal achtzehn ist, oder nicht?«, fauchte sie.
   Mike hob beschwichtigend die Hände. »Ruhig Blut. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.«
   Sofort tat es ihr leid. Mike konnte ja nicht wissen, wie nahe er der Wahrheit kam. Dennoch, von Verliebtheit konnte natürlich keine Rede sein und unsterblich schon gar nicht. Nicht, wenn sie es verhindern konnte.
   Mike stocherte in seinem Essen. »Hab ich das richtig gehört, dass er dich Leonora nennt?«, fragte er beiläufig.
   Sie erstarrte. Natürlich, es stimmte. Cay hatte nicht die Abkürzung benutzt, sondern ihren richtigen Namen. Mehrmals. Leonora. Sie erschauderte. Niemand hatte je zuvor ihren Namen so gesagt. So als würde ihm jeder Buchstabe etwas bedeuten. So, als würde sie ihm … nein. Solche Gedanken waren absolut lächerlich und kontraproduktiv. Sie atmete tief durch. »Das hat nichts zu bedeuten.«
   »Oh, aber es könnte doch ein Zeichen sein.« Mike verfiel in seine beste Wahrsagerstimme.
   »Nein, ist es nicht. Nur ein blöder Zufall. Außerdem bin ich bei ihm sowieso schon unten durch.«
   »So schnell?«
   »Na ja …« Sie druckste ein wenig herum. »Ich hab ihn mir während des Seminars genau angesehen, ich hatte ja bisher keine richtige Gelegenheit, mit Licht und so.« Ihre Wangen wurden heiß. »Und er hat es gemerkt. Du glaubst nicht, wie peinlich das war. Jetzt hält er mich bestimmt für eine dumme Gans, die ihm nachstellt.«
   Mike grinste. »Vielleicht stimmt das ja auch, wenn du ihn schon abcheckst.«
   »Hey!« Lena warf Mike den bösesten Blick zu, den sie auf Lager hatte. »Ich habe ihn sicher nicht ‚abgecheckt‘. Ich habe ihn mir nur angeschaut. Ist das verboten?«
   »Nein, aber du wirst hart daran arbeiten müssen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Falls du das überhaupt willst.« Er machte ein unschuldiges Gesicht.
   »Natürlich will ich das. Dieser Kurs ist alles, wofür ich in letzter Zeit gearbeitet habe und ich will nicht, dass irgendwas dazwischen kommt. Selbst wenn er nicht der Kursleiter wäre, hätte ich gar keine Zeit für so was. Außerdem … denk doch mal nur, da würde was laufen und das käme hinterher heraus. Die würden mir das Stipendium doch sofort wieder wegnehmen.« Sie atmete tief durch. »Falls ich es überhaupt bekomme.«
   Mike kratzte mit der Gabel im Teller herum, was die sogenannten Käsespätzle nicht gerade appetitlicher machte. »Wieso solltest du es denn nicht bekommen? Wenn es jemand verdient, dann du.«
   Einen Moment war sie gerührt von seiner Loyalität. Nur konnte er das leider gar nicht beurteilen. Er wusste ja nicht, wie gut die anderen waren. Außerdem gab es da jetzt ja noch diese andere Kleinigkeit. »Weil er mich ablenkt. Meine Notizen von heute sind total unvollständig und daran ist nur er schuld. Dann hat er mich auch noch dazu verdonnert, mit ihm die Versuche aufzubauen. Allein. Nur er und ich«, sagte sie verzweifelt.
   Mike schob den Teller von sich und grinste Lena an. »Na also, ich glaube, der will auch was von dir.«
   »Hörst du mir eigentlich überhaupt zu?« Sie trommelte mit einer Hand auf den Tisch. »Ich will nichts von ihm.«
   »Ach, und warum lenkt er dich dann so ab?«
   »Das ist rein körperlich, ich meine, schau ihn dir doch an.« Sie deutete zum Lehrertisch.
   Mike drehte sich kurz um, als ob er Cay tatsächlich mustern würde. »Na ja, nicht so mein Fall.« Ein Lachen schwang in seiner Stimme mit. »Ich mag es etwas … weiblicher.«
   Lena stupste ihn mit dem Fuß am Schienbein. »Was mache ich jetzt?«
   »Vielleicht noch deine Sauerei wegputzen?« Mike warf einen vielsagenden Blick auf die Überreste von Lenas Essen, die immer noch auf dem Boden lagen. »Die Köchin schaut schon ganz böse. Komm, ich helfe dir. Ich bin eh fertig.«
   Gemeinsam gingen sie zur Küche. Grummelnd reichte die Köchin ihnen einen Eimer und einen Lappen. »Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr«, sagte sie. Lena ignorierte den Tadel und griff nach den Sachen.
   »Wenn du wirklich nicht mit ihm allein sein willst, dann könntest du einfach zu spät kommen, oder gar nicht hingehen«, sagte Mike, während sie die Scherben in den Eimer räumten.
   »Ich weiß nicht. Am Ende ist er dann sauer, das kann ich mir wirklich nicht leisten.« Ihr Magen krampfte sich zusammen. »Nein, ich fürchte, da muss ich durch.« Vielleicht gewöhne ich mich ja an seine Gegenwart. Vielleicht lässt seine Anziehung auf mich bald nach. Vielleicht … stürzt der Mond auf die Erde.
   Stumm beseitigten sie die Essensreste und wischten mit dem Lappen die letzten Spuren vom Boden.
   »Kommst du nachher noch mit zu mir?«, fragte Mike, während sie den Eimer zur Küche zurückbrachten.
   Lena schüttelte bedauernd den Kopf. »Tut mir leid, aber …«
   Er unterbrach sie. »Du musst lernen. Ich weiß schon.« Er seufzte theatralisch. »Warum musste ich mir gerade so eine Streberin als Freundin aussuchen?«
   »Hey!«
   »Wenn’s doch stimmt. Du hast viel zu wenig Zeit. Du bist eine Streberin.«
   Sie seufzte. »Ja, ich fürchte, du hast recht. Aber diesmal wollte ich gar nicht sagen, dass ich lernen muss. Ich will heute Nachmittag unbedingt noch mal zu der Lichtung von gestern Nacht, um mir diese Pflanze genauer anzusehen.« Sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf, als ob sie eine schöne Überraschung für ihn parat hätte. »Du darfst mitkommen.«
   Mike stöhnte. »O nein, muss ich?«
   »Du musst nicht, du willst.« Sie knuffte ihn in die Seite.
   Er hob ergeben die Hände. »Ja, schon gut, ich will ja, wenn es denn sein muss.«
   »Dafür helfe ich dir auch bei Chemie, in Ordnung?«
   Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Du bist die Beste.«
   »Tja, es kann eben auch seinen Nutzen haben, mit einer Streberin befreundet zu sein.«

Kapitel 6

»Wir sind da.« Lena zeigte auf die kleine Lichtung. »Sieht bei Sonnenschein ganz anders aus. Ich glaube, ohne GPS hätte
   ich nicht wieder hergefunden.« Vor allem, weil das Irrlicht sie wirklich kreuz und quer im Wald herumgeführt hatte. Der Weg, den das Handy ihr gewiesen hatte, war relativ kurz gewesen.
   »Oh, man spürt doch aber sofort, dass die Magie hier überall ist«, sagte Mike spöttisch.
   Sie verdrehte die Augen. »Ich weiß, dass du mir nicht glaubst, du musst es mir nicht dauernd unter die Nase reiben.«
   »Sorry, aber das ist einfach zu abgedreht.«
   Seufzend schüttelte Lena den Kopf und ging ein paar Schritte in die Lichtung hinein. Dann drehte sie sich zu Mike um. »Am besten bleibst du ein paar Meter hinter mir. Falls die Pflanze mich wieder in ihren Bann zieht, musst du mich wegholen.«
   Mike hob zweifelnd die Augenbrauen.
   »Komm schon. Sag einfach ja und pass auf mich auf, okay? Tu einfach so, als wäre es real.«
   Er hob die Schultern. »Warum nicht. Wahnsinnigen soll man immer recht geben«, murmelte er.
   »Das hab ich gehört.«
   Langsam ging Lena über die Lichtung und suchte den Boden nach Spuren der Pflanze ab. Ihr Handy zeigte das Foto an, das sie gemacht hatte, damit sie im Zweifelsfall einen Vergleich hatte. Nur hatte sie nichts zum Vergleichen. Es gab absolut nichts, was den zarten silbernen Blättern auch nur ähnelte. Die genaue Stelle, wo die Pflanze gestanden hatte, konnte sie auch nur ungefähr eingrenzen, denn das GPS-Signal wich wie immer um ein paar Meter ab, und in ihrem alten Handy war sowieso kein besonders guter Empfänger eingebaut.
   »Ich sag doch, hier ist nichts!« Mike stand plötzlich neben ihr.
   Lena ließ die Schultern hängen. »Ja, ich fürchte, du hast recht.«
   »Du hast es dir eben doch nur eingebildet.«
   »Blödsinn. Ich weiß genau, was ich gesehen habe.« Sie runzelte die Stirn. »Aber vielleicht kommt die Pflanze nur nachts raus oder vielleicht sogar nur in bestimmten Mondphasen?«
   »Also bitte, wie soll das denn gehen? So schnell kann eine Pflanze doch niemals wachsen.«
   Sie zuckte die Achseln. »Es gibt schon welche, die das können. Hopfen zum Beispiel oder Bambus. Aber es ist unwahrscheinlich, das stimmt.«
   »Ich glaube eher, dass ein Tier die Pflanze gefressen oder dass jemand sie mitgenommen hat.«
   Lena fasste sich an die Stirn. »Na klar, daran hab ich gar nicht gedacht. Aber dann gibt es vielleicht noch irgendwo ein weiteres Exemplar. Lass uns mal da drüben suchen.«
   Eine Weile liefen sie kreuz und quer über die Lichtung und suchten. Immer nur ein paar Schritte voneinander entfernt, damit einer den anderen zur Not vor der Sogwirkung der Pflanze schützen konnte.
   Irgendwann blieb Mike stehen. »Lena, sieh es ein, hier finden wir nichts.«
   Resigniert löste sie ihren Blick vom Boden. »Ja, es sieht so aus. Mist.«
   Sie rief sich das Bild der Lichtung wieder ins Gedächtnis, wie es im Mondschein ausgesehen hatte. Die Pflanze hatte ziemlich genau im Zentrum gestanden. Vielleicht wuchs sie immer nur genau in der Mitte?
   »Das Einzige, was mir noch einfällt, ist, nach einer anderen Lichtung zu suchen.« Lena zeigte auf den nahen Waldrand. »Komm, versuchen wir es mal in diese Richtung.«
   Mike verzog das Gesicht, folgte ihr aber, ohne zu murren.
   Die Bäume standen hier nicht ganz so dicht, sodass das Sonnenlicht in breiten Strahlen durch die bunt gefärbten Kronen fiel und goldene Sprenkel auf das Moos warf.
   »Ich ärgere mich unglaublich, dass ich die Pflanze nicht gleich mitgenommen habe«, sagte Lena und schob ein paar Äste beiseite.
   Mike nickte. »Darüber hab ich mich auch schon gewundert. Du lässt doch sonst kein Grünzeug entkommen.«
   »Ich war eben abgelenkt.«
   »Aha.« Mike grinste.
   Lenas Wangen wurden heiß. »Da gibt es nichts zu grinsen«, fauchte sie.
   »Ach Lena, nimm das doch nicht so ernst. Du schwärmst eben für ihn, ist denn das so schlimm? Vielleicht tut dir das ganz gut, nach allem, was …«
   Lena blieb stehen und warf Mike einen finsteren Blick zu. »Nein. Es fängt immer ganz harmlos an, und bevor man es sich versieht, verliert man völlig die Kontrolle. So weit lasse ich es nicht noch einmal kommen.«
   Mike runzelte die Stirn. »Ich frage mich nur, ob es richtig ist, nichts mehr an sich heranzulassen, nur weil man seine Ziele nicht gefährden will.«
   »Natürlich ist das richtig. Dass du das nicht verstehst, ist mir schon klar. Du lässt dich einfach treiben und tust gar nichts.« Sie riss die Augen auf und hielt sich die Hand vor den Mund. »Entschuldige, das hätte ich nicht sagen sollen.«
   Mike zuckte nur mit den Schultern. »Warum? Es stimmt doch. Mir macht das nichts aus. Irgendwann merke ich schon noch, was ich machen will.«
   »Hast du denn immer noch keine Idee?«
   Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ich weiß nur, dass ich nicht in Anzug und Krawatte im Büro hocken will.«
   »Nein, das würde auch gar nicht zu dir passen. Was ist mit der Bar? Das macht dir doch Spaß, oder?«
   Mike hob die Schultern. »Immer nur hinter der Bar stehen? Ich weiß nicht. Ich meine, ich mag es, immer neue Leute kennenzulernen oder mit den Stammkunden zu quatschen. Aber …« Er verstummte. »Es macht nicht wirklich viel her, wenn man sagt, man ist Barkeeper.«
   Lena runzelte die Stirn. »Seit wann interessiert dich das?«
   Er schob die Hände in die Hosentaschen und starrte ins Gras, als könnte er dort die Antwort finden. »Es gibt … Leute, die das interessiert.«
   »Leute? Was für …« Lena brach ab, als sie endlich verstand, was er meinte. »Du könntest uns wirklich ein bisschen mehr zutrauen.«
   Mike hob den Kopf. »Uns?«
   »Ja. Uns Frauen. Ich würde mir meinen Partner jedenfalls nicht nach seinem Job aussuchen. Andere Sachen sind doch viel wichtiger.«
   »Ach, und was wäre das so für dich?«
   »Ich weiß nicht. Das Übliche, schätze ich. Mir wäre zum Beispiel wichtig, dass er Humor hat, intelligent ist und dass ich mit ihm über alles reden kann.«
   Noch während sie es sagte, breitete sich ein zögerliches Lächeln auf Mikes Gesicht aus. »Warte. Humor, intelligent, über alles reden. Das trifft doch alles auf mich zu.« Er grinste jetzt. »Zwei Fliegen mit einer Klappe. Freund und Ehemann in einem.«
   Sie lachte. »Ja, stimmt. Und man könnte sich diese aufwendige Sucherei sparen.« Sie musterte ihn von oben bis unten. »Allerdings müsstest du dann dein Leben lang mit mir Pflanzen sammeln gehen und mir bei meinen Chemieversuchen helfen.«
   Mike stöhnte übertrieben. »Ich wusste, es gibt einen Haken. Aber gut, wenn’s unbedingt sein müsste, könnte ich mich damit schon arrangieren.«
   »Danke, das ist wirklich sehr großzügig«, sagte sie lachend. »Aber ich hätte schon lieber einen Mann, der mich nicht nur so in Kauf nimmt.«
   »Oh.« Er runzelte die Stirn. »Ich fürchte, dann kommen wir wohl doch nicht ins Geschäft.«
   »Na warte!«
   Er lachte auf, drehte sich um und rannte davon. Lena stürzte hinter ihm her. Aber bereits nach wenigen Metern blieb er wie angewurzelt stehen.
   »Was ist?« Sie trat neben ihn und folgte seinem Blick.
   Vor ihnen stand ein schmiedeeisernes Tor, das nur mühsam der dichten Hecke standhielt, die es überwuchern wollte.
   »Sieht ziemlich alt aus.« Mike rüttelte an den spitz zulaufenden Stäben. Das Tor wackelte, schwang aber nicht auf. »Wie auf einer Burg.«
   »Schon komisch, dass das hier so herumsteht, oder? Da ist gar kein Weg.« Lena kaute auf ihrer Unterlippe.
   »Sicher führt das Tor zu einem Geisterschloss. Morgen taucht der Weg auf und übermorgen das Schloss«, sagte Mike mit Grabesstimme.
   Sie gab ihm einen Klaps auf die Brust. »Hör auf, ich krieg eine Gänsehaut.«
   Lachend hob er die Hände. »Ach was, das steht hier einfach nur schon lange. Eisen bleibt, Stein geht kaputt und dann ist eben die Hecke gewachsen. Haus und Weg sind wahrscheinlich schon längst verschwunden.«
   »Ja, kann sein. Aber würdest du nicht gern mal nachsehen? Vielleicht finden wir eine Ruine.« Lena spähte zwischen den Stäben hindurch, aber auf der anderen Seite war nichts als lichter Wald und hohes Gras.
   Mike stöhnte. »O nein, Lena, nicht das Forschergesicht. Hör sofort auf.«
   »Komm schon, lass uns nachsehen. Wir gehen nur ein paar Meter. Was soll schon passieren?«
   Er verdrehte die Augen. »Na ja, ich denke da so an alte Keller und gebrochene Beine.«
   Ihre Mundwinkel zuckten. »Wir passen eben auf.« Sie fasste nach der Klinke und rüttelte daran. Nichts tat sich. »Mist, abgeschlossen. Wir müssen wohl außen rum.«
   Lena ging am Tor vorbei und suchte nach einer Lücke im Unterholz. Die Äste und Zweige der Hecke waren zu einer Mauer verwachsen, die so dicht war, dass man nicht einmal hindurchsehen konnte. Sie lief daran entlang, suchte nach einer dünneren Stelle oder einer Lücke im Dickicht. Vergeblich. Irgendwann gab sie auf und ging zum Tor zurück. Mike kam ihr aus der anderen Richtung entgegen.
   »Also hier geht’s nicht durch, die Hecke ist ewig lang«, rief sie ihm zu.
   Er nickte. »Hier auch.«
   Nachdenklich betrachtete Lena das Tor. Es überragte sie um etwa einen Meter. Das müsste zu schaffen sein. Mit beiden Händen packte sie das Gitter.
   »Komm Mike, hilf mir mal.« Sie streckte ihm ein Bein hin.
   Er zögerte.
   »Komm schon, Räuberleiter, bitte.«
   »Und wie komme ich rüber?«, fragte er.
   Sie zuckte die Achseln. »Wenn ich drüben bin, finden wir bestimmt eine Möglichkeit.«
   »Das klingt ja sehr durchdacht«, murmelte er, hielt ihr aber trotzdem seine verschränkten Hände hin.
   Lena setzte einen Fuß hinein, ließ sich von ihm einen Schubs nach oben geben und schwang das eine Bein über das Tor.
   »Pass auf, tu dir nicht weh«, sagte Mike, als sie umständlich über die spitzen Enden der Stäbe kletterte.
   Sie ließ sich an den Armen so weit runter, wie es ging, erspähte einen geeigneten Landeplatz und sprang.
   Jetzt packte Mike das Tor und versuchte, sich hochzuziehen und gleichzeitig mit den Füßen abzustoßen. Er rutschte immer wieder ab.
   »Warte.«
   Lena schob ihre Hände durch die eng beieinander stehenden Stäbe und formte eine Räuberleiter. Es war ein wenig wacklig, weil sie ihre Hände ungünstig anwinkeln musste. »Das geht aber nur kurz, und richtig anschubsen kann ich dich so auch nicht!«
   »Macht nichts, das reicht mir.« Mike hob sein linkes Bein und stemmte es gegen die Stäbe. Dann holte er Schwung, zog sich an den Armen hoch und trat mit dem rechten Bein in Lenas verschränkte Hände. Mike erreichte mit seinen Händen das obere Ende des Tors und hielt sich fest. Wieder rutschte er ab.
   »Hey!« Mike starrte das Tor an, als hätte es ihn persönlich angegriffen. »Ich war doch schon oben.«
   Lena verkniff sich ein Lächeln. »Probier es einfach noch mal.«
   Noch einmal zog Mike sich hoch, stieß sich an Lenas Hand ab und bekam das obere Ende des Tors zu fassen. Aber als er sich hochziehen wollte, entglitt ihm das Eisen und er fiel zurück auf den Waldboden.
   »Verdammt, das gibt’s doch nicht.«
   Er stand wieder auf und sie versuchten es noch einmal. Und noch einmal.
   Schließlich blieb Mike unten stehen und rüttelte frustriert an den Stäben. »Lena hast du doch auch rüber gelassen, warum mich nicht?«
   Lena lachte. »Vielleicht mag es nur Frauen.«
   »Kommt mir fast so vor«, grummelte Mike.
   »Willst du es noch mal versuchen?« Lena betrachtete verstohlen ihre dreckigen, geröteten Handflächen.
   »Nein, schon gut. Ich hoffe nur, wir kriegen dich wieder zurück.«
   »Ach, das klappt schon. Jetzt gehe ich erst mal gucken, was es hier so gibt«, sagte Lena unbekümmert.
   »Was? Allein? Bist du verrückt?«
   »Nein, nur unheimlich neugierig. Hinter so einem fast unüberwindlichen Tor muss es einfach etwas Tolles zu sehen geben. Ich bleibe nicht lange.«
   Mike nickte ergeben. »Na gut, ich kann dich ja doch nicht davon abbringen.«
   Lena drehte sich um und schob sich durch das hüfthohe Gras.
   »Pass auf alte Keller auf«, rief Mike ihr nach.
   »Ja, ist gut!«
   Während sie sich immer weiter vom Tor entfernte, horchte sie in den Wald hinein. Unzählige Vogelstimmen ertönten von überallher und die Blätter rauschten. Die Bäume türmten sich riesenhaft über ihr auf. Manche waren so dick, dass es mehrere Männer gebraucht hätte, um den Stamm zu umfassen. Sie mussten unheimlich alt sein.
   Entsprechend dicht war auch das Blätterdach, sodass es hier unten ziemlich dunkel war. Nur auf eine Schneise von ein bis zwei Metern Breite fiel ein wenig Sonnenlicht und dort hielt sich auch das Gras. War das ein alter Weg? Sie folgte der Spur aus langen, hellbraunen Halmen, dabei setzte sie ihre Schritte sehr vorsichtig, für den Fall, dass der Boden plötzlich wegbrach. Sie hatte wirklich keine Lust, in ein altes Gewölbe zu stürzen.
   Nach einer Weile blieb sie enttäuscht stehen. Hier gab es absolut nichts Interessantes zu sehen. Am Ende des überwucherten Pfades vielleicht? Aber der konnte kilometerweit so durch den Wald führen und sie ließ Mike schon viel zu lange warten.
   »Nur noch um die Biegung da vorn, dann gehe ich zurück«, murmelte sie.
   Es war nicht weit, aber das Gras war hier von Gestrüpp durchsetzt und sie heftete den Blick auf den Boden, um nicht zu stolpern. Je näher sie ihrem Ziel kam, desto weniger Gras gab es und umso mehr kahles Geäst. Als sie sich schließlich umsah, lag der Knick, an dem sie hatte umkehren wollen, bereits ein ganzes Stück hinter ihr. Sie blieb stehen. Ein merkwürdiges, graues Zwielicht umfing sie. Stille. Keine rauschenden Blätter über ihr, keine fröhlichen Vogelstimmen, kein knisterndes Laub. Nichts. Nur trockene, staubige Erde, so tot, dass sie eher wie schwarzer Sand aussah. Nichts wuchs darin, nicht einmal Moos, und kein einziges Insekt ließ sich blicken. Eine Gänsehaut kroch Lenas nackte Arme hinauf bis in ihren Nacken. Sie hob den Kopf. Schwarz und riesenhaft türmten sich die Bäume über ihr auf, die kahlen Äste wie in einer Hilfe suchenden Geste in den Himmel gestreckt.
   Vielleicht die Überreste eines frischen Waldbrandes? Aber es roch nicht danach, es roch eigentlich nach gar nichts. Außerdem waren die Bäume nicht verkohlt, sie wirkten eher … ausgesaugt. Ihre Kopfhaut kribbelte.
   »Du!« Ein heiserer, gekrächzter Schrei hallte zwischen den Bäumen wider.
   Lenas Herz blieb stehen. Beinahe jedenfalls. Hastig drehte sie sich herum und sah in einigen Metern Entfernung eine Gestalt. Schwarze Augen glitzerten zornig unter buschigen Augenbrauen hervor. Ein Körper in einem altertümlichen Kittel krümmte sich unwillig und humpelte mit schnellen Schritten auf sie zu.
   Eiseskälte krallte sich in ihre Eingeweide. Sie hob beschwichtigend die Hände und wich zurück.
   »Entschuldigung, ich …«
   »Verschwinde!«, keifte der Bucklige. Spucke flog aus seinem verzerrten Mund. »Wird’s bald!« Er hob eine knotige Hand, die einen Bund voller riesiger, alter Schlüssel wie eine Waffe schwang.
   Lena riss die Augen auf. Ein Bild zuckte durch ihren Kopf. Aufgeplatzte Kopfhaut und blutverklebte Haare. Hastig drehte sie sich um und floh durch die toten Bäume. Sie hörte das Klappern der Schlüssel hinter sich. Mein Gott, der Alte verfolgte sie! Er kam näher! Wie konnte er sie trotz des Humpelns einholen? Sie legte einen Zahn zu und erreichte den hochbewachsenen Pfad. Wie wild hieb sie um sich, zerteilte das Gras. Schneller, das musste schneller gehen. Sie warf einen Blick über die Schulter.
   Der Kerl war ihr dicht auf den Fersen, aber der Abstand verringerte sich immerhin nicht mehr. Ein zufriedenes Grinsen verzog sein Gesicht zu einer scheußlichen Fratze. Was hatte er vor?
   Und dann begriff sie. Das Tor! Er treibt mich dorthin. Aber … es ist zu, ich komme nicht hinaus!
   Viel schneller, als sie gedacht hatte, erschien das Tor in ihrem Blickfeld. Erleichterung durchströmte sie, als sie Mike sah. Er lehnte mit dem Rücken an den Eisenstäben. Bestimmt würde dieser Gnom ihr nichts antun, wenn es Zeugen gab.
   Oder?
   »Mike«, brüllte sie aus vollem Hals.
   Mike sprang auf und drehte sich um. Als er Lena sah, riss er die Augen auf und rüttelte am Tor. »Lena! Was ist los?«
   »Mike, ich muss rüber, schnell!«
   Etwas hilflos formte Mike eine Räuberleiter durch die Gitterstäbe. Lena zog sich am Tor hoch, setzte den Fuß in Mikes Hand und schob sich nach oben. Sie rutschte ab.
   »Mist!«
   Das Klappern der Schlüssel war jetzt kurz hinter ihr. Noch ein Versuch. Wieder rutschte sie ab. Knotige Finger packten sie in einem eisernen Griff und rissen sie so grob zurück, dass sie stolperte und hinfiel.
   »Lass sie in Ruhe, du verdammter Mistkerl«, brüllte Mike. Wie ein wild gewordener Tiger sprang er gegen die Eisenstäbe, die ihn von Lena trennten.
   Lena duckte sich und hob schützend die Hände über ihren Kopf, aber der erwartete Schlag blieb aus. Stattdessen ertönten ein Klicken und ein lautes Quietschen. Vorsichtig sah Lena auf. Das Tor stand einen Spalt offen.
   Als sie sich nicht rührte, packte der Alte sie am Oberarm und stieß sie durch das Tor. Dann knallte er es zu und schloss ab.
   »Wenn ich dich noch mal hier in der Nähe erwische …«, krächzte er. Die eiskalte Drohung in seiner Stimme ließ Lenas Atem stocken. Dann drehte er sich um und humpelte schwerfällig davon.
   Schockiert sah Lena ihm hinterher.
   »Mann, ich dachte, der zieht dir eins mit seinem Schlüsselbund über!« Mike atmete heftig aus.
   »Ich auch.« Die Anspannung legte sich nur sehr langsam.
   »Ich glaube, der wollte dich so erschrecken, dass du auf keinen Fall wiederkommst.«
   »Weißt du was? Das hat er sogar geschafft!«
   »Gott sei Dank!«
   Sie schnaubte. »Ich bin vielleicht manchmal stur, aber lebensmüde bin ich noch nicht. Komm, weg hier.« Sie zog Mike am Arm mit sich.
   Ihr Nacken kribbelte wieder, als würde jemand sie beobachten. Immer wieder sah sie sich um, aber niemand folgte ihnen. Vielleicht war es dieser … Quasimodo, der sichergehen wollte, dass sie wirklich verschwanden. Das Kribbeln ließ langsam nach, je mehr sie sich von der Lichtung entfernten. Während sie zu den Fahrrädern gingen, erzählte Lena Mike, was sie entdeckt hatte. »Ich frage mich, warum dieser Ort so tot aussieht. Hast du von so was schon mal gehört?«
   Mike schüttelte den Kopf. »Wie groß war die Stelle denn?«
   »Ich hatte ja nicht viel Zeit, bevor Quasimodo gekommen ist.« Sie schüttelte sich. »Aber vielleicht so groß wie eine Turnhalle?«
   »Wow. Echt merkwürdig.«
   Sie nickte. »Ich würde es gern noch mal in Ruhe sehen. Auch wenn es irgendwie … beklemmend war.«
   Mike blieb so plötzlich stehen, dass sie fast gegen ihn gerannt wäre.
   »Lena! Das ist doch nicht dein Ernst!«
   Sie grinste schief. »Machst du Witze? Ich glaube, ich traue mich nicht mal mehr auf die Lichtung, wo wir angefangen haben. Zu nah dran. Wer weiß, wie groß das Revier von Quasimodo ist.« Sie ließ den Kopf hängen. »Nur schade wegen der Pflanze. Ich hätte sie mir so gern noch mal in echt angesehen. Aber immerhin habe ich ein Bild, auch wenn es im Dunkeln nicht so besonders gut geworden ist. Vielleicht kann ich ja damit etwas herausfinden.«
   Sie stiegen auf die Fahrräder.
   »Ich hätte ja schon eine Idee, wen du fragen könntest«, sagte Mike mit einem vorsichtigen Seitenblick.
   Lena seufzte. »Ich weiß, ich hab auch schon an ihn gedacht. Aber ich war vorhin so unhöflich zu ihm …«
   Mike zuckte mit den Schultern. »Dann kannst du nur hoffen, dass er nicht nachtragend ist.«
   Sie lächelte gequält. »Ich schätze, mir bleibt nichts anderes übrig.«

Kapitel 7

Am nächsten Nachmittag stand Lena einige Minuten vor Beginn des Kurses unschlüssig vor der Tür des Chemiesaales. Sie machte sich immer noch Gedanken wegen ihres unhöflichen Verhaltens gegenüber Cay und hoffte, dass sie es sich nicht schon mit ihm verdorben hatte.
   Sie atmete tief ein und drückte die Klinke hinunter. Cay war schon da. Er stellte gerade ein paar Reagenzgläser in eine Halterung auf dem Tisch.
   »Hallo«, sagte sie zaghaft.
   Er sah auf und lächelte. Ihr verräterisches Herz machte einen Satz.
   »Leonora. Schön, dass du da bist.«
   Erleichtert erwiderte sie sein Lächeln. Er war eindeutig nicht verärgert wegen gestern.
   Sie ging zu den Sitzreihen hinüber und ließ ihren Rucksack auf den Tisch fallen. Dann ging sie zu Cay und betrachtete den Versuchsaufbau.
   »Viel gibt es noch nicht zu sehen, ich habe gerade erst angefangen«, sagte er.
   »Was kann ich tun?«
   »Komm mit, du kannst mir tragen helfen.«
   Sie folgte ihm durch eine Tür in ein kleines Nebenzimmer. Es war ziemlich dunkel und bis unter die Decke vollgestellt mit Regalen. Darin stapelten sich neben Büchern auch Zutaten für chemische Experimente. Reagenzgläser, Bunsenbrenner und Dosen, die irgendwelche Pulver enthielten.
   In einem Schrank, der normalerweise abgeschlossen war, entdeckte Lena Behälter mit Pulvern und dunkelbraune Fläschchen für Flüssigkeiten, von denen ihr orangefarbene Gefahrstoffaufkleber entgegenleuchteten. Auf manchen prangte ein Totenschädel.
   Cay zeigte auf den Schrank. »Wir brauchen Schwefelsäure, Brennspiritus und Kaliumpermanganat.«
   Während Lena nach den richtigen Chemikalien suchte, wühlte er in den anderen Regalen und zog Schutzhandschuhe und Schutzbrillen heraus.
   »Das scheint ja was Explosives zu werden heute«, sagte sie.
   Er lachte. »Ich hoffe nicht.«
   Mit zwei Fläschchen und einer Plastikdose in den Händen ging Lena zurück in den Saal.
   Cay folgte ihr und legte seine Ausbeute auf den Labortisch. »Jetzt müssen wir fünf Stationen aufbauen. Jeweils für zwei Leute.«
   Sie stellten zuerst die Halterungen mit den Reagenzgläsern auf. Dann legten sie neben jede Halterung zwei Pipetten für die Flüssigkeiten und einen Spatel für die Kaliumpermanganat-Kristalle, außerdem Handschuhe und Schutzbrillen.
   »Gibst du mir mal die Flaschen, bitte?«, sagte Cay.
   Sie nahm die beiden Fläschchen, ging damit zu ihm hinüber und hielt sie ihm hin. Als er sie entgegennehmen wollte, berührten seine Finger ihre Hand und brachten ihre Haut zum Kribbeln.
   Sie sah erschrocken auf und das Fläschchen mit der Schwefelsäure rutschte ihr fast aus der Hand. Gerade noch rechtzeitig schloss sie die Finger. »Verdammt!« Mit zusammengepressten Lippen stellte sie die Chemikalien vor ihm auf den Tisch.
   Cay warf ihr einen amüsierten Blick zu, sagte aber nichts.
   So viel zum Thema sorgsames Arbeiten. Das ging ja schon gut los.
   »Noch etwas?«
   »Ich schreibe noch die Formeln an die Tafel. Du kannst mir diktieren.« Er reichte ihr das Buch mit seinen Notizen, in dem die chemischen Formeln für den Versuch standen.
   Am Anfang diktierte sie ihm, aber sie merkte schnell, dass er das gar nicht brauchte. Er hatte die Formeln schon beendet, bevor sie alles vorgelesen hatte. Er stellte sich hinter sie, um einen Blick in das Notizbuch zu werfen. Sie erschauderte, als sein Atem sie im Nacken kitzelte.
   »Stimmt alles«, sagte sie atemlos.
   Er nickte zufrieden. »Es ist immer besser, sicherzugehen.« Dann streckte er die Hand nach dem Buch aus und sie gab es ihm, diesmal ohne Berührung. Als sie etwas wie Enttäuschung verspürte, sah sie auf. Seine Mundwinkel zuckten. Verdammt, war sie wirklich so leicht zu durchschauen?
   »Das war es. Vielen Dank, dass du mir geholfen hast.« Er legte ihr kameradschaftlich eine Hand auf die Schulter. Die Wärme seiner Finger drang in ihren Körper und breitete sich wie eine sanfte Welle darin aus. Ihr stockte der Atem und plötzlich war sie unfähig etwas zu sagen. Stattdessen zwang sie sich zu einem zittrigen Lächeln. »Gern geschehen.«
   Ein lauter Knall ließ Lena zusammenfahren. Die Tür des Saales war ins Schloss gefallen. Davor stand Luise und warf ihr einen giftigen Blick zu.
   Sofort machte Lena einen Schritt von Cay weg, sodass seine Hand von ihrer Schulter fiel.
   »Hallo, Cay«, sagte Luise mit einem klebrigen Lächeln im Gesicht.
   Lena spürte einen Stich in der Magengrube.
   Cay sah Luise nachdenklich an, dann schüttelte er den Kopf. »Entschuldige, ich konnte mir nicht so schnell alle Namen merken. Wie heißt du?«
   Luise wurde blass und ihre Augen blitzten. »Luise Bachmann.«
   Lena musste ein Grinsen unterdrücken.
   Cay nickte knapp. »Ich muss noch etwas holen«, sagte er und ging in den Lagerraum.
   Sofort stürzte sich Luise auf Lena. »Es wird dir nichts bringen, dich an ihn ranzumachen«, zischte sie.
   »Spinnst du? Ich mache mich doch nicht an ihn ran!«
   »Ach, ja? Ich hab genau gesehen, wie du ihn mit Kuhaugen angestarrt hast. Pass bloß auf. Wenn ich merke, dass er dich bevorzugt, informiere ich die Jury und dann kannst du das Stipendium vergessen.« Sie drehte sich um und ging hocherhobenen Hauptes zu ihrem Platz. Sprachlos vor Wut starrte Lena ihr hinterher.
   Während nach und nach die anderen Kursteilnehmer hereinkamen, versuchte Lena, Luises Drohung zu verdrängen und sich auf den Kurs zu konzentrieren. Auch ihre Mitschüler betrachteten interessiert die Fläschchen und stellten Mutmaßungen über den Versuch an.
   Lena mochte diese Atmosphäre. Keine gelangweilten Gesichter, niemand, der die Augen verdrehte, wenn sie nachfragte, weil sie etwas genauer wissen wollte. Alle waren freiwillig hier und selbst an den Antworten auf Lenas viele Fragen interessiert.
   Cay war inzwischen aus dem Lagerraum zurück. Er warf einen Blick in die Runde und begrüßte die Teilnehmer. »Ich habe heute etwas ausgesucht, das hoffentlich ein wenig Spaß macht. Es ist allerdings auch ein Versuch, bei dem ihr sehr sorgfältig und vorsichtig arbeiten müsst. Die Schutzbrillen setzt ihr am besten gleich auf und nehmt sie nicht wieder ab, bis ich es euch sage.«
   Lena zog eine Grimasse, während sie sich eine Schutzbrille überzog. Wie sorgfältig und vorsichtig sie war, hatte sie ja heute schon gezeigt.
   »Wir arbeiten immer zu zweit, da ihr neun seid, muss einer von euch mit mir arbeiten.« Er warf einen Blick in die Runde und machte schließlich bei Luise halt. Er nickte ihr zu. »Du kannst heute mit mir zusammen den Versuch machen.«
   Eigentlich war Lena erleichtert, dass die Wahl nicht auf sie gefallen war. Bestimmt konnte sie sich viel besser konzentrieren, wenn er nicht neben ihr stand. Aber hatte er gerade Luise aussuchen müssen?
   Luise grinste Lena triumphierend an, als sie sich neben Cay stellte.
   »Wie wär’s mit uns beiden?«, fragte Alessandro, ein schlaksiger, braunhaariger Junge mit John-Lennon-Brille.
   »Klar, warum nicht?«
   Alessandro zwinkerte ihr zu. »Wenn ich gewusst hätte, dass das so einfach geht, hätte ich schon viel früher gefragt.«
   Das brachte Lena zum Lachen und ihre Anspannung löste sich ein wenig.
   »Ihr seht vor euch drei Fläschchen. Vielleicht kennt ja jemand von euch den Versuch schon und kann mir sagen, worum es geht?«, fragte Cay.
   Lena schüttelte stumm den Kopf. Sie sah, dass auch die anderen ratlose Gesichter machten. Sogar Luise.
   Cay nickte. »Gut, dann ist der Effekt umso besser.« Er hielt das erste Fläschchen hoch. »Zuerst gebt ihr die Schwefelsäure in das Reagenzglas. Luise, du kannst anfangen. Ich helfe dir, falls es Probleme geben sollte.«
   Die Schüler zogen sich die Handschuhe an. Lena wich ein Stück zurück. Alessandro saugte mit der Pipette die Säure auf und füllte sie in das Reagenzglas.
   »Jetzt kommt der schwierige Teil. Der Brennspiritus muss auf der Schwefelsäure schwimmen, er darf sich nicht mit der Säure vermischen. Das erfordert Fingerspitzengefühl.«
   Lena trat an den Tisch heran, befüllte eine Pipette mit Brennspiritus und ließ ihn dann behutsam in das Reagenzglas laufen. Zufrieden betrachtete sie die perfekte Linie, die sich zwischen den Flüssigkeiten gebildet hatte.
   »Gut. Jetzt kommt der eigentliche Effekt.« Cay ging zum Lichtschalter und legte die Hand darauf. Dann nickte er Emre, einer der Kursteilnehmerinnen, zu. »Du gibst jetzt das Kaliumpermanganat dazu. Schnell, aber vorsichtig, und trittst sofort vom Tisch zurück, wenn du fertig bist.«
   Emre nickte nervös und befolgte Cays Anweisungen. Als sie fertig war, betrachtete Lena das Reagenzglas. Braune Schlieren bildeten sich darin. Sollte das etwa alles gewesen sein? Ein wenig enttäuscht sah sie das Glas an. Aber dann schaltete Cay das Licht aus und Lena riss überrascht die Augen auf. Auch die anderen starrten jetzt wie gebannt auf das Reagenzglas. Winzige Blitze zuckten hell auf. Überall, inmitten der Flüssigkeiten.
   »Gewitter unter Wasser, so wird dieser Versuch auch genannt, obwohl es natürlich kein Wasser ist«, sagte Cay und schaltete das Licht wieder ein.
   »Sehr gut gemacht, Emre, danke.« Er lächelte das Mädchen freundlich an, bevor er sich an die anderen wandte. »Jetzt könnt ihr den Versuch an euren Plätzen durchführen.«
   Alessandro ließ Lena den Vortritt und sie griff nach dem Spatel, um die lila Kaliumpermanganatkristalle aus der weißen Plastikdose zu holen. Cay beobachtete mit Argusaugen, wie sie den Spatel über das Reagenzglas mit den Flüssigkeiten hielt. Warum gerade sie? Musste das sein? Ihre Hand zitterte schon vor Nervosität. Sie warf Cay einen giftigen Blick zu. Geh und mach jemand anderen nervös! Mit Schwung kippte sie die Kristalle in die Flüssigkeit.
   »Leonora, nein!«
   Etwas traf sie hart an der Brust und schleuderte sie vom Tisch weg. Sie stolperte rückwärts und wäre hingefallen, wenn Alessandro sie nicht in letzter Sekunde am Arm gepackt und festgehalten hätte.
   Sie fand nur langsam ihr Gleichgewicht wieder. Stimmen redeten durcheinander und einige ihrer Mitschüler scharten sich um sie. Sie warf Cay, der sie besorgt ansah, einen fragenden Blick zu.
   »Nichts passiert, alles in Ordnung«, sagte sie zittrig und löste ihren Arm aus Alessandros Griff.
   »Was war das denn?«, fragte Alessandro.
   Lena schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Es hat sich angefühlt, als hätte mich jemand weggestoßen.« Nur wer? Alessandro hatte sie aufgefangen, er konnte es nicht gewesen sein und die anderen hatten zu weit weggestanden. Von einer Explosion hatte sie auch nichts mitbekommen und die hätte auch ganz schön heftig sein müssen, um sie derart von den Füßen zu reißen.
   »Ist doch klar, erst wirft sie viel zu viele Kristalle auf einmal in das Glas und dann behauptet sie, dass jemand sie gestoßen hat, um davon abzulenken«, raunte Luise so laut, dass es alle hörten. Jemand kicherte, aber Lena nahm es kaum wahr.
   Mit weichen Knien betrachtete sie die Überreste des Versuchs. Es war nichts kaputt. Nur die Flüssigkeit war aus dem Reagenzglas herausgespritzt, hatte sich in weitem Umkreis verteilt und fraß sich gerade zischend durch ihre Notizen.
   Alessandro riss die Augen auf. »Da hast du echt Glück gehabt, stell dir mal vor, das hätte dich im Gesicht getroffen.«
   Lenas Mund wurde trocken. Das war wirklich knapp gewesen.
   »Ich bin wohl vor Schreck gestolpert«, murmelte sie. Anders konnte sie es sich nicht erklären. Den Stoß auf die Brust musste sie sich eingebildet haben.

*

»Dann hat Cay auch noch Luise gebeten, das nächste Mal früher zu kommen, um mit ihm den Versuch aufzubauen«, beendete Lena ihren Bericht. Sie rührte so heftig in ihrem Tee, dass ein großer Schwall über den Rand schwappte und auf dem Küchentisch landete. Seufzend holte sie einen Lappen und wischte langsam über die Tischplatte.
   »Stört dich das etwa?«, fragte Mike mit einem anzüglichen Grinsen.
   »Natürlich stört mich das.«
   »Schau an, gibst du endlich zu, dass du in ihn verliebt bist?«
   Lena schrubbte den alten Holztisch jetzt so heftig, dass er wackelte und Mikes Kakao in der Tasse schwappte.
   »Deswegen doch nicht. Wegen des Stipendiums«, sagte sie mit mehr Überzeugung, als sie fühlte. »Luise versucht schon die ganze Zeit, mich schlechtzumachen. Wer weiß, was sie ihm erzählt, wenn sie mit ihm allein ist. Aber wenn sie glaubt, dass sie mich einschüchtern kann, hat sie sich geschnitten. Diese ganzen Gemeinheiten und Sticheleien spornen mich nur noch mehr an, es ihr zu zeigen.« Sie ging zur Spüle und wrang den Lappen so heftig aus, dass er riss. Sie schnaubte und pfefferte ihn in den Mülleimer.
   Mike schüttelte ungläubig den Kopf. »Mannomann. Ich wusste ja, dass ihr euch nicht leiden könnt, aber in letzter Zeit ist Luise ein richtiges Biest geworden.«
   Lena nickte, während sie sich wieder auf ihren Stuhl fallen ließ. Sie waren schon als Kinder nicht gut miteinander ausgekommen, aber es war nie eine richtige Feindschaft gewesen, sondern eher eine Rivalität um die beste Note oder den Sieg in einem Wettbewerb. Es hatte sie beide noch mehr angespornt.
   »Ich bin es ja gewohnt, dass sie über mich lästert, aber dass sie mich so angreift und über mich herzieht, das war früher nicht so. Heute hat sie mir sogar gedroht, der Jury zu erzählen, dass ich mich an Cay ranmache.« Lena ballte die Fäuste.
   »Vielleicht wird sie langsam irre. Für die zählen nur Erfolg und Ergebnisse. Wundert mich aber ehrlich gesagt nicht, schau dir nur ihre Familie an, die sind alle so.«
   Zuerst wollte Lena nicken. Dann fiel ihr ein, dass es nicht stimmte. Ihre Wut verrauchte, als wäre sie nie da gewesen und machte einem Ziehen in ihrer Brust Platz. »Adrian war nicht so«, flüsterte sie.
   Mikes Augen weiteten sich. »Ich Idiot, entschuldige. Ich wollte nicht …«
   Lena schüttelte den Kopf. »Schon gut.« Mike konnte schließlich nichts dafür, dass es ihr immer noch schwerfiel, über Adrian zu reden. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen stürmten auf sie ein. Sie sah ihn vor sich, wie er sie anlächelte, mit seinen grauen Augen, die genauso aussahen wie Luises und doch ganz anders. Voller Wärme und Lebensfreude. Er hatte auch dieselben dunkelbraunen Haare wie seine Schwester. Damals hatte er sie immer modisch ungekämmt getragen.
   »Wo er jetzt wohl ist?« Ihr Blick war auf Mike gerichtet, aber sie nahm ihn nicht wahr.
   »Bestimmt in einem Zelt irgendwo in Brasilien.« Mike lachte. »Der ist auch irre, aber auf eine positive Art. Kaum zu fassen, dass er und Luise die gleichen Gene haben.«
   Lena lächelte. »Ja, das kann man wirklich kaum glauben.«
   »Vermisst du ihn noch?« Die Frage kam behutsam, als hätte er Angst, in ihr etwas aufzuwühlen, was sie mühsam begraben hatte. Lena verscheuchte den Gedanken an einen ungewaschenen Adrian mit Dreadlocks. Sie horchte in sich hinein und erspürte die Stelle ihres Herzens, um die sie die letzten zwei Jahre einen großen Bogen gemacht hatte.
   »Ich … nein, ich glaube nicht.« Aber es tut trotzdem noch weh.
   Mike sah sie prüfend an und öffnete den Mund. Genau in diesem Moment platzte Lenas Mutter in die Wohnküche. »Oh, hallo Mike!«
   »Hallo, Greta!«, sagte Mike grinsend.
   »Schön, dich zu sehen. Du warst ja ewig nicht mehr hier.« Sie warf Lena einen erfreuten Blick zu.
   Lena verdrehte die Augen. »Er ist nur hier, um Chemie zu lernen.«
   »Ja sicher.« Ihre Mutter lächelte wissend.
   Lena seufzte und schüttelte den Kopf. Mikes Grinsen wurde breiter. Ihre Mutter hoffte immer noch, dass Mike und sie eines Tages ein Paar werden würden. Egal, wie oft Lena ihr sagte, dass das absolut unmöglich war. Denn so sehr sie Mike auch mochte, es kribbelte einfach nicht zwischen ihnen.
   »Wie läuft es mit dem Stipendium?«, fragte ihre Mutter.
   Lena schnaubte. »Ach, ich weiß nicht. Ich glaube, nicht so gut.«
   »Na ja, wenn es nicht klappt, ist das auch kein Weltuntergang.«
   Ohne Vorwarnung kochte Wut in ihr hoch. Warum musste sie das so abtun? Verstand ihre Mutter denn nicht, wie wichtig das für sie war? Ohne Stipendium konnte sie wahrscheinlich gar nicht studieren. »Für dich nicht, das ist mir schon klar«, fauchte sie. »Was es für mich bedeutet, interessiert dich gar nicht.«
   »Ich finde nur nicht gut, dass du dich immer so in deinen Büchern vergräbst! Ohne das Stipendium …«
   Lena unterbrach sie. »Ich glaube, wir gehen besser nach oben.« Sie stand auf und sah Mike auffordernd an. Der hob die Hände, lächelte Lenas Mutter entschuldigend zu und folgte Lena aus der Küche.
   »Meinst du nicht, dass du etwas unfair bist?«, fragte er leise.
   Lena stampfte die Stufen der uralten Holztreppe nach oben. »Ja, vielleicht«, grummelte sie. »Aber sie versucht nicht mal, mich zu verstehen, das macht mich so wütend.«
   »Vielleicht will sie dich nur nicht unter Druck setzen.« Mike folgte Lena in ihr Zimmer.
   Lena schnaubte und ließ sich aufs Bett fallen. Eine Weile sagte sie nichts, sondern überließ sich ihren Grübeleien. Schließlich setzte sie sich auf und zupfte an ihrer Bettdecke herum. »Sie kann nur nicht nachvollziehen, dass jemand ein Ziel hat, das er unbedingt erreichen will. Ohne das Stipendium komme ich hier nie weg. Und sie? Sie sitzt hier und näht ihre Sachen und das reicht ihr. Ich versteh das einfach nicht. Ich könnte so nicht leben und ich will es auch nicht!«
   »Ist dir schon mal der Gedanke gekommen, dass ich mir das nicht ausgesucht habe?«
   Lena fuhr herum. Ihre Mutter stand in der Tür, einen Teller mit Schokokeksen in der Hand. Ihr Gesicht war kalkweiß.
   »Mama …« Sie verstummte, suchte nach Worten, die das verräterische Schimmern wieder aus den Augen ihrer Mutter vertreiben würden.
   »Lass gut sein«, sagte ihre Mutter tonlos, stellte den Teller auf das Regal neben der Tür und ging hinaus.
   Beschämt und niedergeschlagen starrte Lena die Kekse an.
   »Mann, was ist denn bei euch los? Geht das schon lange so?«, fragte Mike.
   Lena nickte. »Seit Gromi gestorben ist.«
   »Ich dachte immer, so was schweißt Familien zusammen?«
   »Nicht, wenn einer traurig ist und der andere das nicht verstehen kann«, flüsterte sie.
   »Das glaube ich nicht. Hast du schon mal mit ihr darüber geredet?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Das führt doch zu nichts außer Streit.«
   Mike verdrehte die Augen. »Das versteh’, wer will. Du quatschst den lieben langen Tag, aber wenn es mal wichtig wäre, den Mund aufzumachen, bist du stumm wie ein Fisch.«
   Wütend griff Lena nach ihrem Kopfkissen und schleuderte es auf Mike.
   »Du verstehst das einfach nicht, also halt die Klappe.«
   Mike pflückte sich das Kissen aus dem Gesicht. »Na warte, du weißt, was auf Kissenwerfen steht.« Er stand auf und kam langsam mit drohend erhobenen Händen auf Lena zu.
   »Nein, nicht. Lass das«, sagte Lena streng. »Wir sind doch keine Kinder mehr.«
   »Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du unser fragiles Kissenschlachtfriedensabkommen gebrochen hast.« Er versuchte sich an einem teuflischen Grinsen.
   Lena kicherte. »Mike, das kannst du einfach nicht. Ich glaube, dafür bist du zu nett.«
   »Ich werde dir schon zeigen, dass ich auch anders kann.« Er stürzte sich auf sie und kitzelte sie, bis sie vor Lachen kaum noch Luft bekam.
   »Aufhören, ist ja schon gut, ich ergebe mich!«
   Sofort ließ Mike von ihr ab. »Mann, das haben wir schon ewig nicht mehr gemacht«, sagte er.
   »Ja, der Frieden hat ziemlich lange gehalten.« Lena umarmte ihn und legte ihren Kopf auf seine Schulter.
   »Danke«, flüsterte sie.
   Er klopfte ihr auf den Rücken. »Das ist neu. Früher hast du mich immer dafür beschimpft.«
   Lena knuffte ihn. »Du weißt genau, was ich meine. Du heiterst mich immer wieder auf. Solange ich dich habe, kann mir Luise nichts anhaben.«
   Er legte ihr den Arm um die Schultern. »Vielleicht solltest du mit Luise einfach mal reden.«
   »Mike«, sagte Lena warnend.
   »Schon gut, ich dachte ja nur. Damit du herausfindest, warum sie sich so aufführt.«
   »Ach was, ich glaube nicht, dass da wirklich etwas dahintersteckt. Sie hasst mich eben.«
   Mike runzelte nachdenklich die Stirn. »Vielleicht. Aber auch dafür haben Menschen normalerweise ihre Gründe. Sogar solche wie Luise.«

Kapitel 8

»Cay, kannst du bitte mal kontrollieren, ob ich das richtig gemacht habe?« Luise zeigte auf ihr Reagenzglas, in dem die Flüssigkeit ein
   perfektes Lila angenommen hatte, genau so, wie es im Arbeitsheft stand.
   Lena verdrehte die Augen. Sie fragte sich, ob Cay auch bemerkte, wie plump Luise versuchte, ihn auf sich aufmerksam zu machen.
   »Absolut perfekt, Luise. Gut gemacht. Stimmt die Rechnung auch?«
   Luise grinste wie ein Honigkuchenpferd. Ein Honigkuchenpferd, dem Lena nur zu gern den Kopf abgebissen hätte.
   Cay nahm Luises Notizbuch und las die Rechnung der Titrierübung durch. Er nickte. »Stimmt alles. Sehr gut.«
   Luise klimperte ihn freudestrahlend an. Er warf ihr einen irritierten Blick zu. Lena verkniff sich ein Lachen. Luises Flirtversuche schienen ihr Ziel zu verfehlen. Trotzdem machte es Lena wahnsinnig, dass sie es überhaupt versuchte.
   »Das verdanke ich nur dir, Cay, weil du alles so gut erklärst«, säuselte Luise jetzt.
   Lena starrte sie mit offenem Mund an. »Ich glaube, mir wird schlecht«, murmelte sie.
   Emre, die neben ihr stand, kicherte.
   »Ist noch jemand bereits fertig?«, fragte Cay, der sich offensichtlich dazu entschlossen hatte, Luises Bemerkung unkommentiert zu lassen.
   Als sich niemand meldete, machte er eine Runde und steuerte Lenas Arbeitsplatz an. Sie stöhnte innerlich. Sie hasste Titrieren. Zumindest mit der vorsintflutlichen Methode, die sie in der Schule benutzten. Aus einer langen Glasröhre mit Zweiwegehahn ließ man eine Flüssigkeit von oben in ein Glas tropfen, bis die untere Flüssigkeit sich verfärbte. Anhand der verbrauchten Flüssigkeit konnte man dann die Menge eines darin gelösten chemischen Stoffes berechnen.
   Als Lena den Zweiwegehahn öffnete, trat Cay gerade neben sie. Er sah zu, wie sie vorsichtig einen Tropfen in den Glaskolben fallen ließ und den Hahn sofort wieder zudrehte. Sanft schüttelte sie das Glas, aber die Flüssigkeit war immer noch grün. Seufzend öffnete sie den Hahn wieder, um einen weiteren Tropfen in das Glas fallen zu lassen.
   »Geduld, Leonora.« Seine dunkle Stimme umwob ihren Namen mit einer Verheißung, die nichts mit Chemie zu tun hatte. Absolut gar nichts. Eher damit, dass sie sich wünschte, er würde noch einmal die Hand auf ihre Schulter legen. Noch einmal ihren Arm streicheln so wie im Wald. Oder ihr so nahe kommen, dass sie seinen Atem warm auf ihrer Haut spürte. In ihrem Bauch regte sich ein sanftes Kribbeln, das sich bis zwischen ihre Beine fortsetzte. Verdammt. Die ganze Zeit versuchte sie, sich einzureden, dass sie nichts von ihm wollte, aber ihr Körper betrog sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
   »Ich glaube, das reicht«, sagte Cay.
   Erschrocken stellte Lena fest, dass sie den Umschlagpunkt verträumt hatte. Die Maßlösung tropfte immer noch fröhlich in das Glas. Schnell drehte sie den Hahn zu und starrte verärgert auf die dunkellila Flüssigkeit.
   »Jetzt kann ich noch mal von vorn anfangen«, sagte sie wütend.
   »Dafür haben wir keine Zeit. Nimm für die Rechnung Luises Werte. Nach der Stunde bleibst du da und wir gehen es noch mal durch.«
   Alles, nur das nicht. Noch mehr Zeit mit ihm allein war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Außerdem warf Luise ihr gerade einen äußerst wachsamen Blick zu.
   »Nein, vielen Dank. Ich kann titrieren. Wir haben das schon oft genug gemacht.« Sie hoffte, dass er nicht darauf bestehen würde.
   »Bist du sicher? Das sah gerade nicht so aus.« Er warf einen vielsagenden Blick auf die lila Flüssigkeit.
   Luise grinste boshaft. Lena grub ihre Fingernägel so fest in den Handrücken, dass es wehtat. Ruhig bleiben. Sie atmete tief durch.
   »Ja.« Sie hielt seinem Blick stand, während sie ihren Kopf verzweifelt nach einer Ausrede durchforstete. »Außerdem habe ich schon einen Termin.« Falls man das Lernen mit Mike so nennen konnte.
   »Einen Termin, der wichtiger ist als das Stipendium?« Luise schüttelte missbilligend den Kopf. Ein Grinsen zuckte um ihre Mundwinkel.
   Lena warf ihr einen giftigen Blick zu. Dann sah sie verunsichert zu Cay. Würde er ihr das als mangelnden Einsatz für das Stipendium auslegen? Cay starrte sie durchdringend an, doch schließlich ging er ohne ein weiteres Wort zur Tafel und schrieb die chemische Formel der Titration an.
   In der Zwischenzeit musste Lena in den sauren Apfel beißen und Luise um die Messwerte bitten. »Ich brauche bitte dein Notizbuch«, murmelte sie.
   Luise nahm es und hielt es Lena hin, zog es aber weg, als Lena danach greifen wollte.
   »Mach nur weiter so, dann hab ich das Stipendium sicher«, flüsterte sie mit einem boshaften Grinsen, das Lena ihr am liebsten aus dem Gesicht gekratzt hätte.
   Wütend packte Lena das Notizbuch und riss es Luise so heftig aus der Hand, dass ihr Arm zurückschnellte. Sie musste Luises Arbeitsgeräte hinter sich berührt haben, denn sie wackelten wie der Zeiger eines Geigerzählers und kippten vom Tisch. Luise schrie auf. Lena sprang ein Stück zurück und hielt sich die Hände vors Gesicht. Jeden Moment würde das Glas auf den Kacheln in tausend Stücke zerbersten. Und genau das tat es auch. Es klirrte laut. Flüssigkeit durchsetzt von kleinen Scherben spritzte durch die Gegend. Dann war es still.
   Wie angewurzelt stand Lena da und betrachtete, was sie angerichtet hatte. Schon wieder. Einfach unglaublich. Vielleicht sollte sie gleich freiwillig aus dem Kurs aussteigen, bevor sie noch jemanden verletzte.
   »Alles in Ordnung?« Cay stand plötzlich neben ihr.
   »Ja, bei mir schon«, sagte Lena immer noch geschockt.
   Er sah fragend in die Runde. »Ist jemand verletzt?«
   Verneinendes Gemurmel hob an.
   »Es tut mir leid, das war ein Unfall.« Lena starrte auf ihre Fußspitzen, damit die anderen ihr Gesicht nicht sahen. Es war zum Heulen, warum passierte ihr gerade jetzt ständig so etwas? Eigentlich war sie doch gar nicht so ungeschickt.
   Luise grinste schadenfroh. »Tja, da wird wohl nichts aus deinem Termin. Stattdessen kannst du schon mal für später üben und das Labor putzen.«
   Cay verengte die Augen. Es sah aus, als müsste er sich ziemlich zurückhalten, Luise nicht anzufahren. »Für heute ist der Kurs ohnehin beendet«, sagte er stattdessen.
   Während die anderen langsam den Saal verließen, machte sich Lena an die Arbeit. Sie holte Schaufel und Besen und ging neben den Scherben in die Hocke, um sie aufzukehren.
   Als sie hörte, wie Cay näher kam, fixierte sie angestrengt den Boden. »Tut mir leid, ich bin normalerweise nicht so tollpatschig«, murmelte sie.
   »Das passiert eben.«
   Sein verständnisvoller Tonfall ließ sie den Kopf heben.
   »Wahrscheinlich mache ich dich nervös.«
   Das Kehrblech fiel Lena mit lautem Klappern aus der Hand und alle Scherben landeten wieder auf dem Boden. Sie starrte ihn entgeistert an. Wie konnte er das wissen? War es wirklich so offensichtlich? Konnten die anderen es auch so deutlich sehen?
   »Nein«, sagte sie viel zu spät und viel zu heftig. Gleichzeitig wurde sie so rot, dass es einem Geständnis gleichkam.
   Er zog seine verdammte Augenbraue hoch. »Ich dachte nur, weil ich dich doch für das Stipendium bewerten soll.«
   Sie schloss die Augen. Wie peinlich. Natürlich meinte er nur das Stipendium.
   »Ach so. Ja, das macht mich wirklich sehr nervös«, sagte sie schnell. Warum sollte sie eine gute Ausrede nicht nutzen, wenn sie ihr angeboten wurde? »Dabei habe ich wahrscheinlich sowieso keine Chance mehr.«
   Er schüttelte knapp den Kopf. »Wieso glaubst du das?«
   »Ich habe mich ziemlich dumm angestellt, das ist sonst gar nicht meine Art …« Sie stockte. Ob er es glauben würde, wenn sie es oft genug sagte?
   »Du bist eben aufgeregt, das kann sich alles noch ändern. Ich halte dich trotzdem für eine der aussichtsreichsten Kandidatinnen, wenn ich den Rest deiner Arbeit betrachte.«
   »Wirklich? Ich hatte den Eindruck, du hältst Luise für besser.«
   »Warum das?« Er wirkte ehrlich überrascht.
   Sie sah verlegen auf die Scherben, die immer noch auf dem Boden lagen. »Weil du wolltest, dass sie dir beim Aufbauen der Versuche hilft.«
   Seine grünen Augen fixierten sie. Verrieten sie überhaupt jemals etwas über seine Gefühle? »Ich versuche nur, alle gleich zu behandeln und persönliche Sympathien außer Acht zu lassen, damit es keine Probleme gibt.« Er verzog das Gesicht. »Auch, wenn es mir am meisten wehtut.«
   Das Blut rauschte in ihren Ohren. Bedeutete das etwa, dass er sie mochte? »Wie meinst du das?«
   »Weil ich jetzt ständig Luise um mich haben muss und das ist wirklich hart.« Er grinste schief.
   »Oh.« Sie konnte nicht verhindern, dass ein wenig Enttäuschung in ihrer Stimme mitklang. Natürlich war sie erleichtert, dass sie immer noch Chancen auf das Stipendium hatte, aber dass er nichts weiter für sie empfand, versetzte ihr dennoch einen Stich. Eigentlich sollte sie froh darüber sein. Vielleicht konnte sie sich dann endlich etwas entspannen.
   Als es laut an der Tür klopfte, hob Lena den Kopf. »Mist, das ist bestimmt Mike. Den hab ich ganz vergessen.«
   »Dein Termin?« Der spöttische Tonfall in seiner Stimme war nicht zu überhören.
   Sie räusperte sich. »Ich helfe ihm beim Lernen.«
   Die Tür öffnete sich und tatsächlich steckte Mike den Kopf herein. »Hey, Lena, da bist du ja.«
   »Mike, was machst du denn hier?« Lena stand auf, klopfte sich die Hände ab und ging zur Tür.
   »Ich hab die anderen runterkommen sehen, nur du warst nicht dabei. Dabei waren wir doch verabredet. Oder hast du das vergessen?«
   »Nein, hab ich nicht. Ich …« Sie warf Cay einen vorsichtigen Blick zu. »Ich muss hier noch etwas nacharbeiten, tut mir leid.«
   »Oh. So schlimm?« Mike reckte sich, um über Lenas Schulter hinweg einen Blick in den Saal zu werfen. »Ist alles in Ordnung?«
   »Ja, bestens. Ich erzähle dir alles morgen, okay?« Sie konnte schlecht alles vor Mike ausbreiten, solange Cay hinter ihr stand und jedes Wort mit anhörte.
   »Aber dann kommst du zu mir. Ich brauche wirklich dringend deine Hilfe. Und kein Kräutersammeln morgen.«
   »Ja, gut. Versprochen.« Sie konnte Cays bohrenden Blick förmlich spüren. »Ich muss jetzt weitermachen, wir telefonieren nachher, ja?«
   Mike nickte und wollte sich schon umdrehen, aber dann überlegte er es sich anders. Er ging auf Lena zu und umarmte sie. »Ist wirklich alles in Ordnung? Der Typ hat wieder diesen mörderischen Blick im Gesicht. Vielleicht sollte ich lieber dableiben?«, flüsterte er ihr dabei ins Ohr.
   Lena grinste. »Heroisch von dir, aber das braucht es nicht. Wirklich. Er schaut nur so mörderisch, weil du mich davon abhältst, endlich meine Sauerei wegzumachen.« Sie schob ihn energisch von sich und klopfte ihm auf die Schulter. »Bis später.«
   Sie schloss die Tür und sah Cay ins Gesicht, während sie zurück zu ihrem Scherbenhaufen ging. Eine unmutige Falte hatte sich zwischen seine schwarzen Augenbrauen gegraben.
   Lena rollte mit den Augen. »Ich räume ja schon auf«, murmelte sie. »Kein Grund sich so aufzuregen.«
   Sie nahm Schaufel und Besen wieder auf, ging in die Hocke und kehrte die Scherben ein zweites Mal auf. Cay brachte ihr einen Eimer und einen feuchten Lappen und sammelte vorsichtig ein paar Scherben ein.
   »Was war das mit dem Kräutersammeln?«, fragte er unvermittelt.
   Sie sah auf. »Wie bitte?«
   »Dein … Freund sagte etwas von Kräutersammeln.«
   »Oh, das. Ich sammle Pflanzen. Ist ein Hobby von mir.«
   »Warst du deswegen damals auf der Lichtung?«
   Nein, war ich nicht. Ich bin dem Irrlicht gefolgt, weißt du nicht mehr? Aber das hatte er ihr damals schon nicht geglaubt, also nickte sie nur.
   »Diese Pflanze, vor der du mich gewarnt hast, von der habe ich noch nie etwas gehört. Ich bin noch mal hingegangen, um sie mir anzusehen, aber es war keine Spur mehr davon zu finden.«
   Er hielt mitten in der Bewegung inne, eine Scherbe noch in der Hand, und sah sie an. »Tatsächlich? Sonderbar.«
   »Ja, komisch, oder?« Ohne den Blick von Cay abzuwenden, kippte sie den Inhalt der Schaufel in den Eimer. Als die Hälfte daneben fiel, grinste er und sie beeilte sich, alles noch mal aufzukehren und wegzuwerfen, diesmal mit Blick auf den Eimer.
   »Wofür brauchst du die Pflanzen?« Er schmunzelte immer noch.
   »Ich habe keinen blassen Schimmer«, antwortete sie wahrheitsgemäß.
   »Wie bitte? Warum sammelst du sie dann?«
   »Weil es meiner Großmutter wichtig war. Als sie gestorben ist, hat sie mir ihr Notizbuch hinterlassen, mit dem ausdrücklichen Wunsch, dass ich alle Pflanzen finde, die darin stehen.«
   Sie erwartete, dass er das lächerlich finden würde, so wie ihre Mutter und viele andere Leute in ihrer Umgebung, aber das Lachen war aus seinem Gesicht verschwunden.
   »Das klingt, als ob du sie sehr vermisst«, sagte er leise.
   Zuerst wollte sie nur eine wegwerfende Geste machen, nicht schon wieder jemandem mit ihrer Trauer auf den Geist gehen, aber da war etwas in seinem Gesicht, das wie echtes Interesse wirkte. Sie atmete tief durch.
   »Ja, wahnsinnig. Sie hat mich zusammen mit meiner Mutter aufgezogen. Sie war immer für mich da.« Sie schluckte schwer und fuhr mit einer Hand über das Tuch in ihren Haaren. »Es ist so unfassbar, dass sie weg ist. Dass sie nicht mehr antwortet, wenn ich an ihre Zimmertür klopfe.« Sie stockte. »Ich kann einfach nicht darüber hinwegkommen, dabei ist es so lange her, ein halbes Jahr schon.«
   Cay schnaubte. »Das nennst du lange? Es ist völlig normal, dass du in der kurzen Zeit noch nicht alles verarbeitet hast.«
   Dankbarkeit löste den Knoten in ihrer Kehle auf. Es war schön, jemanden zu haben, der ihr zuhörte und sie ernst nahm. »Wirklich? Ich höre immer nur von allen Seiten, dass ich mich endlich zusammenreißen soll.«
   Ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen. »Ja, es fällt den Menschen schwer, damit umzugehen, dass man nicht schnell wieder zu seinem gewohnten, fröhlichen Selbst zurückfindet.«
   Erstaunlich, dass er so gut in Worte fasste, was sie fühlte, so als wüsste er genau, wovon er sprach. Sie hätte ihn gern danach gefragt, aber ein abweisender Ausdruck hatte sich in seine Miene geschlichen und hinderte sie daran.
   »Du hast keine Ahnung, was sie damit bezweckt, dass du diese ganzen Pflanzen finden sollst?«, fragte er.
   Lena schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin immer davon ausgegangen, dass sie einfach möchte, dass ihr Werk vollendet wird. Ich glaube nicht, dass es einen größeren Sinn dahinter gibt.«
   »Darf ich das Buch mal sehen?«
   »Na klar, warum nicht.« Sie ging zu ihrem Rucksack und wühlte darin herum. Schließlich fand sie das kleine Büchlein und zog es heraus. »Hier.« Sie hielt es ihm hin.
   Er nahm es, fuhr behutsam über den Einband und betrachtete es von allen Seiten.
   »Keine Angst, es beißt nicht, du kannst das Band ruhig lösen und es öffnen.«
   Mit Wohlwollen beobachtete sie, dass er äußerst behutsam mit dem Buch umging. Er zog die Schleife auf und öffnete den Deckel. Dann blätterte er ein wenig herum und las hier und da ein paar Zeilen, bis er auf einer Seite innehielt.
   »Sind das die Pflanzen, die dir noch fehlen?«
   Er deutete auf die Liste mit den acht Namen ganz am Ende des Buches.
   Sie nickte. »Ich kann nirgendwo etwas darüber finden. Ich dachte, dass die Pflanze von der Lichtung vielleicht eine davon ist.«
   Nachdenklich betrachtete er die Liste. »Das ist Latein. Hast du schon mal versucht, die Namen einfach zu übersetzen?«
   Sie starrte ihn an. Natürlich. Warum war sie da nicht selbst drauf gekommen? Wahrscheinlich war sie zu fixiert darauf gewesen, die Pflanzennamen im Internet oder in einem Buch zu finden, um über so etwas Naheliegendes nachzudenken.
   »Ich … nein. Das mache ich. Danke.«
   Er nickte nur, während er eine Seite zurückblätterte. Plötzlich erstarrte er. Das Blut wich aus seinem Gesicht und er umfasste den ledernen Einband so fest, dass Lena Angst hatte, er würde das Buch zerreißen.
   »Was ist los?«, fragte sie. »Stimmt etwas nicht?«
   Er antwortete nicht.
   Sie neigte sich zu ihm, um einen Blick auf die Seite zu werfen, die ihn so verstörte. Er wollte das Buch zuschlagen, aber sie hatte schon gesehen, dass es die Seite mit der Legende von den drei Magiern war.
   »Das ist nur ein altes Märchen, das Gromi mir immer erzählt hat.«
   »Woher hatte sie das?«, fragte er tonlos.
   »Keine Ahnung. Ich habe diese Geschichten auch nie von jemand anderem gehört, immer nur von ihr.«
   Cay hielt das Buch immer noch so fest in seinen Händen, dass seine Knöchel vor Anspannung weiß waren.
   »Ich habe immer gedacht, dass sie sich die Geschichte für mich ausgedacht hat, weil ich sie ständig damit genervt habe, dass sie mir Märchen erzählen soll. Aber offensichtlich kennst du sie auch, also kann das nicht sein. Weißt du, ob es aus einer Märchensammlung stammt?«
   Mühsam löste er seinen Blick von dem Buch und sah sie an. »Nein. Das ist nur eine uralte Schauergeschichte, wie man sie früher den Kindern erzählt hat. Offensichtlich nicht spannend genug für die Gebrüder Grimm und auch für niemanden sonst«, sagte er schroff und reichte ihr das Buch. Verwirrt nahm sie es und packte es in ihren Rucksack.
   »Zeigst du mir noch deine Rechnung vom Versuch?« Seine Stimme klang gepresst und sein schwaches Lächeln wirkte bemüht.
   »Ich bin nicht mehr dazugekommen, mir Luises Messwerte abzuschreiben.«
   »Dann mach den Versuch noch mal. Es ist ja noch alles aufgebaut. Ich habe sowieso noch hier zu tun.«
   Was blieb ihr schon anderes übrig? Immerhin konnte sie ihm so beweisen, dass das Titrieren für sie kein Problem darstellte, und wenn er beschäftigt war, konnte er auch nicht hinter ihr stehen und sie nervös machen.
   Schnell beseitigte sie die letzten Reste ihres Unfalls und machte sich dann an die Titration. Sie konzentrierte sich auf ihre Arbeit und versuchte, ihn nicht zu beachten. Er ließ sie in Ruhe und so brachte sie den Versuch und die Rechnung schnell und sicher hinter sich.
   Sie ging zu ihm, um ihm die Werte zu zeigen, und merkte erst jetzt, dass er in der Zwischenzeit nicht nur aufgeräumt, sondern auch einen neuen Versuch aufgebaut hatte.
   Während er ihre Notizen kontrollierte, betrachtete sie neugierig die Gerätschaften und Materialien.
   »Was ist das für eine Flüssigkeit in dem Glas?«, fragte sie.
   Er legte ihr Heft beiseite und sah auf. »Das ist Zinkchloridlösung.«
   Sie biss sich auf die Lippen. Zu gern hätte sie bei dem Versuch zugesehen, dabei schrie alles in ihr, dass sie lieber gehen sollte. Verdammte Neugier. Während sie noch mit sich rang, entzündete Cay die Flamme auf dem Bunsenbrenner und schob ihn unter das Glas.
   »Ist das Kupfer?« Sie zeigte auf einen kleinen, bräunlichen Klumpen von der Größe einer Johannisbeere.
   Er nickte. »Wenn die Lösung kocht, kommt das Kupfer hinein. Hier, mach du es.« Er reichte ihr eine lange Pinzette und die Schutzbrille. Dann trat er ein Stück vom Tisch weg. Kurze Zeit später gab er ihr ein Zeichen und sie ließ den kleinen Brocken in das Glas fallen. Es sprudelte und dampfte.
   »Das reicht. Jetzt kannst du es wieder herausholen.«
   Sie nahm die Pinzette und nahm damit den Klumpen wieder aus dem Glas. Als sie sah, was es war, hätte sie es vor Überraschung fast fallen lassen. Schnell legte sie es in eine kleine Schale auf dem Tisch. Der bräunliche Klumpen war nicht mehr bräunlich und auch kein Klumpen. Stattdessen lag ein golden schimmerndes Gebilde vor ihr. Es hatte die grobe Form einer Acht und sah ein wenig so aus, als wäre es durch Bleigießen entstanden.
   »Na, was denkst du?«
   »Es ist wirklich schön. Aber wie ist das möglich?«
   Cay lächelte. »Alter Versuch, neues Ergebnis.«
   Lena verengte die Augen und musterte die winzige Acht ganz genau. »Das sieht so echt aus. Aber es ist unmöglich, Gold herzustellen.«
   »Nichts ist unmöglich. Es erscheint nur so, bis man einen Weg findet, es doch zu tun.«
   »Willst du damit sagen, dass das echtes Gold ist? Dass du gerade echtes Gold hergestellt hast?«
   »Würdest du mir das glauben?«
   Der Blick seiner grünen Augen gab ihr das Gefühl, dass er sie dazu bringen konnte, ihm alles zu glauben. Aber anscheinend wollte er das gerade gar nicht, denn sie war in der Lage, den Kopf zu schütteln. »Nein. Man kann Gold nicht erschaffen. Schon gar nicht aus Kupfer und Zink.«
   »Wenn das stimmt, dann kann es unmöglich echt sein, oder?« Er zwinkerte ihr zu.
   »Schade.« Aufmerksam untersuchte sie die kleine, goldene Acht von allen Seiten. Sie würde sich sehr gut an einer Kette machen. Ein Lachen stieg in ihr auf. Natürlich, wie hatte sie nur so gutgläubig sein können. »Du hast mich reingelegt.«
   »Was meinst du damit?« Er runzelte die Stirn.
   »Du hast das Ding hier einfach in die Flüssigkeit geworfen, als ich nicht hingeschaut habe!« So musste es einfach gewesen sein. Eine andere Erklärung gab es nicht.
   Sein Blick durchbohrte sie förmlich. »Wie soll das möglich sein? Ich war nicht in der Nähe. Du hast den Versuch allein durchgeführt.«
   Sie musste ihm recht geben. Er hatte das Experiment nicht berührt.
   Cay griff in die Schale und nahm die kleine Acht heraus. Er betrachtete sie kurz und sah dabei so zufrieden aus wie eine Elster mit einer neuen Spiegelscherbe.
   »Du hast den Versuch gemacht, also steht es dir zu.«
   Er nahm Lenas Hand und ließ die kleine goldene Acht hineinfallen. Seine unerwartete Berührung ließ ihren Atem stocken. Mühsam verdrängte sie das wunderbare Gefühl, das seine Finger auf ihrer Haut auslösten, und betrachtete das Gold. Es fühlte sich angenehm an. Richtig. So als wäre es für sie bestimmt. Nur zu gern wollte sie es behalten. Natürlich war das unmöglich.
   »Ich glaube, es ist keine gute Idee, dass du mir etwas schenkst«, sagte sie leise und streckte ihm die flache Hand hin.
   Er sah sie eindringlich an, dann nahm er ihre Finger und schloss sie. Kurz ließ er seine Hand auf ihrer ruhen. Seine Wärme drang in ihre Haut und gab ihr ein Gefühl der Vertrautheit, das sie vergessen ließ, dass sie sich gerade erst kennengelernt hatten. Sie sehnte sich danach, zu wissen, ob er auch etwas fühlte, aber seine Augen warfen ihren Blick zurück, wie die spiegelnde Oberfläche eines Sees und gaben nichts von dem preis, was in ihrer dunklen Tiefe verborgen lag.
   »Das ist doch nur das Produkt eines Versuchs, den du durchgeführt hast. Wer sollte etwas dagegen haben können, dass du es behältst?«
   Sie biss sich auf die Lippe. Hatte er recht? Der Gedanke, es mitzunehmen, war zu verlockend. Weil er es ihr gegeben hatte und weil sie seine Berührung immer noch spürte, obwohl er ihre Hand längst losgelassen hatte.
   Als Cay sie fragend ansah, zuckte sie mit den Schultern. Wenn sie es schon nahm, war es wahrscheinlich besser, wenn er nicht merkte, wie viel es ihr bedeutete. »Na gut, wenn du meinst. Dann behalte ich es eben.«
   Sie stopfte das kleine Schmuckstück scheinbar achtlos in ihren Rucksack, achtete aber ganz genau darauf, dass es in die eingenähte Handytasche fiel, wo es nicht verloren gehen konnte.
   »Danke, dass du mir das gezeigt hast. Das war sehr interessant. Aber jetzt muss ich nach Hause und anfangen, mich auf den Test vorzubereiten.«
   »Wenn du möchtest, könnte ich dir dabei helfen.« Er warf ihr das Angebot hinterher, als wäre es ein Köder an einer Angel.
   Sie sah ihn mit verengten Augen an. Erst das Schmuckstück und jetzt das? Hatte Mike recht gehabt? Wollte er vielleicht tatsächlich etwas von ihr? Sie schüttelte genervt den Kopf. Hierzubleiben und ihn so nah an sich heranzulassen, war ein Fehler gewesen. Er hatte sie sogar dazu gebracht, ihm ihr Herz auszuschütten, und es hatte sich so gut angefühlt. Viel zu gut. Gefährlich. Sie beschloss, ihn in Zukunft wieder mehr auf Abstand zu halten.
   Sie warf ihm den kühlsten Blick zu, den sie beherrschte, während sie sich ihren Rucksack über die Schulter warf. »Nein, vielen Dank. Ich schaffe das allein. Ich hab es bisher immer allein geschafft. Außerdem könnte das für die anderen wie Bevorzugung aussehen. Oder hast du deine Hilfe auch einem von ihnen angeboten?«
   An seinem Gesichtsausdruck erkannte sie, dass es nicht so war.
   »Dachte ich mir schon. Wenn du beschließt, der ganzen Gruppe zu helfen, dann bin ich natürlich dabei. Bis dahin lerne ich lieber allein.«

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