Annas Leben steht Kopf. Das wirklich Letzte, was sie gebrauchen kann, ist Kira. Die gefährliche Exfreundin ihrer großen Liebe Sebastian behauptet plötzlich, ihr seit ihrer Auferstehung untergeben zu sein. Ist Kiras Hörigkeit echt? Anna hat massive Vertrauensprobleme, schließlich hat die Magierin mehr Leute auf dem Gewissen, als der Rest der mächtigen Gegner zusammen. Trotzdem lässt sie sich von Sebastian breitschlagen, Kiras Zustand für sich auszunutzen, denn mit ihr im Team haben sie die besten Chancen, sich endlich die verschollenen Pergamente unter den Nagel zu reißen. Alles verläuft nach Plan, doch der ist für die Katz, als sich Josh von seiner bedrohlichsten und kältesten Seite zeigt …

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ISBN: 978-9963-52-427-3

Seiten: 362

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Simone Olmesdahl

Simone Olmesdahl
Wassermännern sagt man nach, sie würden ein großes Maß an Kreativität besitzen. Die im Januar 1985 in Solingen geborene Simone Olmesdahl versuchte viele Jahre, den Kern ihrer Kreativität zu finden. Nachdem sie sich weder „Mal“- noch „Basteltalent“ auf die Brust schreiben konnte, fand sie ihre Leidenschaft im Verfassen von Geschichten. Simone liebt romantische Geschichten, ist Mitglied der DeLiA (Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren), und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht ein paar Sätze zu Papier bringt.

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1. Kapitel
Blutige Erinnerung

Erinnerungen waren das Tor zu geliebten Menschen, die man verloren hatte. Hinter einigen Toren lebten jedoch ausschließlich blutige Bilder. Die Vergangenheit hing wie ein Schleier über dem Wohnzimmer, der jedwede Wahrnehmung verzerrte.
   Anna saß, die Beine eng an den Körper gezogen, auf einem Sessel, starrte Löcher in die Luft und verbot ihrer Fantasie mit ihr durchzugehen. In diesem Haus hatte alles begonnen.
   Es schien gestern gewesen zu sein, dass Eva ihr an dem großen Esstisch das magische Testament unter die Nase gehalten, und sie als Erbin für ihre mediale Gabe eingesetzt hatte. Anna hatte es mit ihrem blutigen Fingerabdruck besiegelt.
   Warum zur Hölle hatte sie zugestimmt? Weshalb hatte sie sich darauf eingelassen, diese verdammte Verantwortung zu tragen? Jedes Talent brachte Pflichten mit sich und ihr hätte klar sein müssen, dass eine Sache, die mit Blut anfing, höchstwahrscheinlich mit Blut enden würde. Aber das Ausmaß des Blutbads hatte niemand vorhersehen können.
   Sie hatte sich den Umständen entsprechend tapfer und gut geschlagen, hielt sich weiterhin wacker aufrecht, obwohl es an ein Wunder grenzte, dass sie noch lebte. Evas Zuhause führte ihr bewusst vor Augen, was sie verloren und wie sehr sich alles verändert hatte.
   »Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.« Sebastian trat, seine nassen schwarzen Haare mit einem Handtuch rubbelnd, ins Wohnzimmer.
   Anna tauchte aus ihren Gedanken auf und versuchte, ein Lächeln zustande zu bringen. »Na ja, als Medium sollte mich selbst das nicht erschrecken oder erschrocken aussehen lassen.« Wenn sie sich anmerken ließ, wie nahe es ihr ging, in diesem Haus zu wohnen, würde er höchstwahrscheinlich darauf bestehen, zu verschwinden. Nachdem es sie all ihre Überzeugungskraft gekostet hatte, nicht blind loszustürmen, um nach Jenny zu suchen, wartete Sebastian auf diese Gelegenheit.
   »Ist alles okay?« Er studierte ihr Gesicht. »Du siehst blass aus.«
   Der stechende Blick seiner eisblauen Augen sorgte dafür, dass ihr Herz für einen Moment aus dem Takt geriet. Während ihrer Kennenlernphase hatte sie ihm nicht standhalten können. Inzwischen hatte sie sich an die seltene Farbe gewöhnt. Gewöhnlich verbanden Menschen mit Blau eine Menge positive Dinge. Der Himmel war blau, weshalb es die göttliche Farbe genannt wurde, blaues Wasser hatte eine beruhigende Wirkung. Blau erinnerte an Tiefe, Freiheit und Endlosigkeit. An Sebastian war nichts gewöhnlich. Seine Augen weckten Unsicherheiten und das Gefühl, vollkommen bedeutungslos zu sein. Er hingegen bedeutete ihr alles.
   Er furchte die Stirn.
   Anna verscheuchte den Tagtraum von Himmel und Wasser mit einem Kopfschütteln. »Ich habe darüber nachgedacht, was wir tun sollen. Vielleicht werde ich krank. Mein Hals kratzt.« Bestätigend rieb sie sich die Kehle.
   Er trat an die Sitzecke heran und ließ sich auf die weiße Couch fallen. Im ersten Moment erwartete Anna, dass er losfluchen würde, weil sie in ihren Erinnerungen mit Evas Blut bespritzt war, aber die Gegenwart holte sie rechtzeitig ein. Sie blinzelte mehrmals und rieb sich die Stelle zwischen den Augen.
   »Du bist ein schlechter Schauspieler«, bemerkte er.
   »Hm?«
   »Ich bin nicht blind und an Verstand habe ich ebenfalls nicht eingebüßt. Es ist schlimm für dich, hier zu sein.«
   »Toll finde ich es sicher nicht. Alles erinnert an Eva und an das, was dein Vater ihr angetan hat.«
   Sebastian zuckte zusammen.
   An gewisse Themen tastete sie sich sonst mit Samthandschuhen heran. Jonathan Fingerless war ein Begriff, den sie lieber vermied, doch er war ihr über die Lippen gerutscht. »Es spielt keine Rolle, ob ich gern hier bin, denn wir wissen nicht, wo wir sonst hin sollen. Richtig überlegt, was wir als Nächstes tun, haben wir auch noch nicht.«
   »Wir müssen Jenny finden.«
   Anna nahm die Beine vom Sessel und stand auf, um sich neben ihm auf die Couch zu setzen. »Ich weiß, dass du das möchtest. Aber ohne, dass dieses Gespräch erneut in Streit ausartet, finde ich, dass es keine gute Idee ist.«
   »Ich muss den Fluch, den ich ihr und allen anderen auf den Hals gehetzt habe, brechen. Sie hat Marlas Hexengabe geerbt, aber ich habe derart stark in ihrem Kopf gewütet, dass sie eventuell nicht mal weiß, wie das Wort Hexe geschrieben wird. Es kann sonst etwas passieren.«
   »Du hast nicht umsonst ihre Erinnerungen ausgelöscht. Wir waren uns damals einig, dass wir sie so in Sicherheit wiegen können. Es war deine Idee und seither hat sich nichts geändert, außer, dass deine Familie noch stärker und der Rechtsbeirat für besondere Menschen noch grausamer geworden ist. Sie ist bei Heather. Marla hielt ihre Freundin für stark genug, Jenny und die anderen zu beschützen. Bei einer anderen Hexe ist sie wahrscheinlich besser aufgehoben als bei uns.«
   »Ich fühle mich für sie verantwortlich, seit Marla …« Er brachte den Satz nicht über die Lippen.
   »Seit Marla vom RFBM umgebracht worden ist. Du musst es aussprechen, denn es ist leider bittere Realität.«
   Er nickte fast zeitlupenmäßig.
   Anna seufzte. War sie kaltherzig? Die Frage wühlte sich seit Tagen durch ihren Kopf. Ihr hatte Marlas Tod auch den Boden unter den Füßen weggerissen, allerdings auf andere Weise. Sebastian hatte er das Herz gebrochen, ihrem allenfalls einen Riss verpasst. Vielleicht bestand das Innenleben ihrer linken Brust bloß noch aus Milliarden kleinster Teilchen, die unmöglich weiter zerstört werden konnten. Was hingegen wirklich an ihren Nerven kratzte, war der Gedanke, wie sie ohne die Hexe einen Kampf überstehen sollten, der schon mit ihr nicht zu gewinnen war? Eva, Marla, Kevin. Ihre Mitstreiter starben wie Eintagsfliegen und es blieb eine Frage der Zeit, bis sie an der Reihe waren, ihnen in den Tod zu folgen. »Ich bin nach wie vor dafür, dass wir uns die verschollenen Pergamente aneignen. Wenn wir sie finden, können wir mein Talent stärken, und nochmals versuchen, den Engel auferstehen zu lassen. Ich befürchte weiterhin, dass wir deiner Familie und den anderen sadistischen Engländern allein nicht gewachsen sind.«
   »Dein erster Versuch ist gescheitert«, erinnerte er sie.
   Über diesen Versuch wollte sie nicht mal ansatzweise grübeln. Was hatte sie geritten, ernsthaft zu versuchen, Kira del Rossi aus dem Tod zu befreien? Klar, Josh hatte ihr keine Wahl gelassen, aber hätte er bemerkt, wenn sie sich weniger angestrengt hätte? Wie auch immer, es hatte glücklicherweise nicht funktioniert. »Mit der Pistole auf der Brust war das alles andere als einfach. Die zwei Magierfamilien, die mir zugesehen haben, machten es nicht gerade leicht. Außerdem hatte ich es mit Voodoo probiert. Ich glaube nicht, dass dieser Hokuspokus mit den Kräften aus den Pergamenten zu vergleichen ist.« Zumindest hoffte sie es inständig.
   Sebastian nahm ihre Hand und begann, an ihren Fingern zu spielen. Er schloss sie zu einer Faust, öffnete sie und fuhr über das Nagelbett des Daumens. »Ich schulde Marla, auf ihre Tochter aufzupassen. Ich habe zugelassen, dass Kira ihren Mann tötet. Ich habe die Chance, Frank zu verschonen, verstreichen lassen. Wenn Jenny etwas zustößt …«
   »Du schuldest ihr nichts. Du musst aufhören, dich dauernd so zu fühlen. Marla hatte dich gern, weil du ein anständiger Kerl bist, der versucht, das Richtige zu tun. Wir alle haben eine Seite in uns, auf die wir nicht stolz sein sollten, und haben in der Vergangenheit Fehler gemacht. Du hast es selbst ausgesprochen. Kira hat Frank getötet. Jenny ist bei Heather vorerst in Sicherheit. Wenn wir Marla irgendetwas schulden, dann den Versuch, ihrem Tod einen Sinn zu geben.«
   »Angenommen ich teile deine Meinung. Wie willst du an diese Pergamente kommen? Der Rechtsbeirat hat sie. Er wird sie uns sicher nicht freiwillig in die Hände drücken. Sie werden uns just in dem Moment, in dem wir einen Fuß nach London setzen, in Stücke reißen.«
   »Ich weiß. Wir sollten deshalb jemand anderen nach London schicken.«
   Sebastian sah auf. »Wen?«
   »Ich weiß nicht, aber ich denke bereits eine Weile darüber nach. Es war Marla, die mich ständig gebremst hat, in diese Richtung zu denken. Aber eigentlich ist der Gedanke die ganze Zeit da. Wir sollten zusehen, dass wir Hilfe bekommen. Warum machen wir ein Geheimnis daraus, dass deine Familie erneut Jagd auf die Talentierten macht? Weshalb halten wir damit hinterm Berg, dass der Rechtsbeirat für besondere Menschen gefährlich und skrupellos ist? Es ist nicht nur unser Kampf.«
   »Um keine Unschuldigen auf eine Abschussliste zu setzen, von der wir uns nicht einmal selbst streichen können?« Sebastian zog die Augenbrauen hoch.
   »Guck nicht so ungläubig. Die Begabten stehen längst auf sämtlichen Abschusslisten. Alle Menschen, mit und ohne besondere Fähigkeiten, sind in Gefahr. Allerdings wissen sie es im Moment nicht. Es wäre nur fair, ihnen wenigstens die Chance zu geben, sich zu verteidigen.«
   »So wie Patrick und Cynthia?« Der bittere Nachklang in seiner Stimme verpestete die Luft.
   »Zieh dir den Schuh auch noch an.« Wie hätte er das Hexenduo retten sollen? Es war schrecklich, dass er sich jedes einzelne Todesschicksal auf die Brust schrieb. »Hast du eine bessere Idee?«
   »Nein. Aber deine ist trotzdem daneben.«
   »Ich habe nicht vor, jemanden zu zwingen. Dafür ist der RFBM zuständig. Ich möchte den Leuten sagen, was vor sich geht. Sie können selbst entscheiden, was sie tun.« Es konnte nur gerecht sein, die Welt aufzuklären. Diese Geheimniskrämerei musste ein Ende haben, denn sie spielten den Gegnern damit den Ball zu.
   »Nein. Das Wissen um die Rückkehr meiner Familie ist gefährlich. Denk an Eva. Sie ist nicht gestorben, weil mein Vater ihre Gabe stehlen wollte, sondern weil sie Bescheid wusste. Er wird zu verhindern wissen, dass die Geschichten die Runde machen. Und wenn er dafür hundert Leute abschlachten muss, kauft er wahrscheinlich eine Fleischerei. Ich werde nicht zulassen, dass am Ende noch mehr unschuldiges Blut vergossen wird.«
   »Sagt der Typ, der in der Vergangenheit genau dafür gelebt hat. Ironie.« Sie bereute die Worte sofort.
   Sebastians Gesicht verlor an Farbe und entblößte einen Hauch Fassungslosigkeit. »Wow.« Er ließ ihre Hand los und rutschte ein Stück weg.
   »So meinte ich das nicht.« Herrgott, was hatte sie da gesagt?
   »Wie meintest du es nicht, Anna? Es hörte sich nämlich an, als ob du mir meine Vergangenheit genauso nachträgst, wie ich mir selbst.«
   Der vorherige Streit lag noch wie ein Stein in ihrem Magen. Seit er aus der Haut gefahren war, weil sie ihm Marlas Tod eine Weile vorenthalten hatte, war sie vorsichtig geworden und hatte sich jedes Wort dreimal überlegt. »Ich wollte damit sagen, dass es eine Grauzone gibt. Du riskierst dein Leben und bietest deiner Familie die Stirn. Du hast dich entschieden, für das Gute zu kämpfen. Aber das heißt noch lange nicht, dass du dir das Schicksal der ganzen Welt aufbürden musst. Einen kleinen Teil vom alten Sebastian könnten wir in unserer Lage gut gebrauchen.«
   Er knirschte mit den Zähnen. »Du hast nicht den leisesten Schimmer, wie es ist, jede Sekunde gegen eine dunkle Prägung antreten zu müssen. Du weißt nicht, wie es sich anfühlt, wenn mit jedem Atemzug schwarze Magie durch deinen Körper schwappt und du aufpassen musst, dass die nächste Welle nicht deinen Verstand vergiftet oder deine Moral zu Boden reißt. Es ist ein kleiner Schritt von, das Leben anderer in ihrer eigenen Verantwortung zu lassen, zu, es ist egal, wer dabei drauf geht. Von diesem Punkt wiederum reicht eine kleine Bewegung, um an der Stelle anzukommen, an dem ich möglicherweise zu unseren Gunsten eigenhändig ein unschuldiges Leben nehme. Von da aus kann ich bereits meine Familie sehen, die sich die Hände reibt, weil ich mich auf direktem Weg in ihre Arme begebe. Dir ist nicht klar, was es bedeutet, ich zu sein, also maß dir nicht an, über mich zu urteilen oder mein Verhalten zu interpretieren. Meine alte Einstellung ist ständig präsent, und wenn ich zugebe, dass mir die Welt egal ist, wird es brandgefährlich.«
   Die Temperatur im Raum sank um einige Grade. Sebastians Körperhaltung sprach Bände. Steif erhob er sich. Seine Miene ließ keinen Raum für Interpretationen.
   »Du bist verdammt selbstgerecht. Es ist ja so schwer, Sebastian Fingerless zu sein, aber Anna Graf zu heißen, ist vermutlich kinderleicht. Du weißt auch nicht, wie es sich anfühlt, eine Gabe zu erben, die du nicht beherrschst, in eine Welt geworfen zu werden, auf die du nicht vorbereitet bist, dich in einen Kerl zu verlieben, für den dir jeder die Pest an den Hals wünscht, und nebenbei noch fast alle zu verlieren, die dir wichtig sind. Als ob das alles nicht genug wäre, lastet eine beschissene Prophezeiung auf dir, die aussagt, dass du dazu auserkoren bist, die Welt zu retten. Ich tausche gern mit dir, denn du hast dich immerhin frei dazu entschieden, jetzt mit mir in diesem Haus zu sitzen.«
   Jeder Muskel in seinem Gesicht spannte an. Es war unglaublich, wie schnell das Sensibelchen an Härte gewann, wenn man den richtigen Punkt traf. »Du gibst also zu, dass es schwer ist, eine Gabe zu erben, die man nicht beherrscht?«, nagelte er sie fest.
   »Das habe ich nie abgestritten.«
   »Dann weißt du, wie Jenny sich wahrscheinlich fühlt. Nur kann sie sich nicht daran erinnern, woher diese Fähigkeit kommt, oder was sie damit anfangen soll.«
   Er legte sich ihre Worte zurecht, wie es ihm gerade in den Sinn kam. Anna wurde wütend.
   »Sie hat mit Heather eine Mentorin an ihrer Seite.«
   »Sie hat das Recht zu erfahren, dass ihre Mutter tot ist. Außerdem ist deine Prophezeiung auch ihre.«
   »Und? Ich scheiße auf diese bescheuerte Prophezeiung. Falls du dich daran erinnerst, sagt sie ebenfalls aus, dass ich dich und den Rest aller jungen Magier bekehren anstatt auslöschen soll. Glaubst du, ich habe vor, mich daran zu halten? Sollte sich mir jemals die Gelegenheit bieten, Josh oder diesen Luca in die ewigen Jagdgründe zu schicken, werde ich nicht mit der Wimper zucken, bevor ich die Chance ergreife.«
   »Klasse, wie schnell du deine Meinung änderst. Hast du Josh nicht vor ein paar Tagen fast als Freund betitelt?«
   »Ja, aber du hast mir die Augen geöffnet.« Warum musste sie sich ständig verteidigen? Sebastian war deutlich gewesen, als er gesagt hatte, dass sie Josh nicht von zwölf bis Mittag trauen dürfe. Sebastian hingegen vertraute sie blind, deshalb hatte sie ihre Meinung geändert. Nun legte er ihr dieses Vertrauen als Sprunghaftigkeit aus? »Selbstgerechter Idiot.«
   Sebastian wandte sich ab. »Werde dir erst mal klar, was du willst. Offenbar ändert sich das stündlich.«
   »Wohin gehst du?« Sie konnte es nicht ausstehen, wenn ihr jemand während einer Diskussion den Rücken zukehrte. Hasste es, im Streit mit ihm auseinanderzugehen.
   »Ich bewege meinen selbstgerechten Arsch nach oben und überlege mir, wie ich Heather, Jenny und die anderen finden kann. Du willst dir Verstärkung suchen, aber die Leute, die ohnehin längst auf dem Spielfeld stehen, lässt du außen vor. Das ist mir zu blöd.«
   Anna kniff die Lippen zusammen, um nicht noch etwas zu sagen, was ihr später leidtun würde. Sie wollte nicht streiten, aber er hatte eine Steilvorlage gelegt. Was stimmte nicht mit ihnen? Ihre Beziehung hatte sich verändert. Ob er ihr den letzten Fehler nachtrug?
   Die Splitter ihres Herzens bewiesen, dass sie zu Gefühlsregungen fähig waren. Ihre Brust tat schlagartig weh. Jeder Mensch auf dieser Welt traf irgendwann im Leben eine Person, für die es sich lohnte, weiterzumachen. Erhobenen Hauptes den Weg zu gehen, der ihm vorherbestimmt war, selbst wenn der Rest der Welt in Schutt und Asche lag. Sie hegte keinen Zweifel, dass sie mit Sebastian diese eine Person gefunden hatte. Aber was geschah, wenn sie nicht sein Motiv zum Durchhalten war? Wenn er sie nicht als den einen Menschen betrachtete, neben dem jeder Schmerz verblasste? Lohnte es sich dann überhaupt, in einen weiteren Kampf zu ziehen?
   Seit ihrer ersten Begegnung war ihr klar gewesen, dass sie weit unterhalb seiner Würde lag. Selbst als sie ihn für einen Menschen mit Empathengabe gehalten hatte, spielte er außerhalb ihrer Liga. Sah er das inzwischen ähnlich? Irgendwann musste dieser Traum ja wie eine Seifenblase zerplatzen. Halbgötter, zu denen sie ihn heimlich zählte, ließen sich eben nicht mit gewöhnlichen Mädchen ein. Klar, er war ein selbstgerechter Idiot, kaputt und zerrissen, aber wenn sie ehrlich mit sich war, stand sie genau darauf. Er war perfekt mit all seinen Fehlern. Es war dumm, ihn in Streitgespräche zu verwickeln. Sie sollte ihm eher die Füße küssen.
   Anna atmete tief durch. Ein winziger Teil von ihr wusste, dass er mit seiner Ansicht eventuell recht hatte. Die Prophezeiung betraf ebenso Jenny. Es war nicht so, dass ihr Marlas Tochter egal war. Sie sehnte sich ebenfalls danach, nachzusehen, ob es ihr gut ging. Andererseits hing ein Rattenschwanz am Suchen und Finden von Jenny. Diese Heather passte schließlich nicht auf sie allein auf. Ihre Mutter, Paps, Sally und deren verrückte Mom, ihre Schulfreundin Vanessa und deren kleine Schwester. Marlas Schwiegereltern.
   Alles in ihr zog sich zusammen, als sie sich bildhaft vorstellte, wie Jonathan Fingerless jedem Einzelnen von ihnen die Kehle durchschnitt. Erinnerungen durchbrachen die sorgsam errichtete Barriere. Evas blutüberströmter Körper lag plötzlich wieder auf dem Teppich, die Blutsprenkel auf der Wand nahmen Gestalt an, in der Wunde ihres abgetrennten Fingers kräuselten sich die Gefäße. Übelkeit stieg auf und sie schluckte krampfhaft dagegen an. Sie sprang auf die Füße und entfernte sich mit geschlossenen Augen von der Couchecke.
   Es war furchtbar, nicht zu wissen, was sie tun sollten. Den Rest aufspüren, die Pergamente suchen, andere einweihen oder es bleiben lassen. Es gab viele Möglichkeiten und jede mutete gefährlich an. Leider gab es niemanden, den die um Rat fragen konnte. Sie war in den vergangenen Tagen ein paar Mal ins Jenseits getaucht, hatte versucht, mit einigen Geistern Kontakt aufzunehmen. Aber weder Eva noch Marla und nicht mal der ehemalige Jäger James Black, der ihr den Tipp mit der Engelsbeschwörung gegeben hatte, waren offensichtlich gewillt, mit ihr zu sprechen. Wozu war diese bescheuerte Fähigkeit gut, wenn sich die Gegenseite querstellte?
   Tränen stiegen auf, aber sie blinzelte sie eisern fort. Sie würde allein zurechtkommen. Es war ihre Prophezeiung und ihr Schicksal, das kein anderer tragen konnte. Sie hatte sich längst dagegen entschieden, jedes Wort der gesprochenen Zeilen für bare Münze zu nehmen.
   Mit einem flauen Gefühl im Magen verließ sie das Wohnzimmer und zog im Flur den Mantel von der Garderobe. Frische Luft hatte noch niemandem geschadet. Möglicherweise konnte sie einen klaren Gedanken fassen, wenn sie das Haus verließ, das mit jedem Herzschlag an den Beginn des Horrortheaters erinnerte. Sie schlüpfte in die Ärmel, drückte die Klinke hinunter und öffnete die Haustür.
   Kevins Mutter zuckte zusammen. Anna taumelte einen Schritt zurück und blinzelte, um dem sich darbietenden Bild einen Sinn zu verleihen. Doch sie erkannte lediglich eine Sache: Eine Flucht aus dem Haus änderte nichts an ihrer Situation. Denn es war nicht das Haus, was an Schmerz und Tod erinnerte, sondern ihr beschissenes Leben. Es war egal, wo sie hingehen, was sie als Nächstes tun würde. Das vergossene Blut war überall.
   »Hallo Anna.«
   Der Gesichtsausdruck von Babette erinnerte an Kevins Miene, die er aufgelegt hatte, wenn er traurig gewesen war. Anna schluchzte haltlos auf und ihre traumatisierte Seele stieß einen verzweifelten Laut aus. Etwas löste sich in ihr und sie wusste, dass sie nicht imstande war, der Lawine etwas entgegenzusetzen.

2. Kapitel
Alles über Kira

Heiß brannten sich die glühenden Steine in das Fleisch ihrer Fußsohle. Getrocknetes Blut klebte auf ihrer Haut. Sie war allein unter dem roten Himmel, der in rauchigen Flammen stand und jede Sekunde einzustürzen drohte. Der schneidende Wind, der bald zu einem handfesten Sturm anwachsen würde, wehte Asche ins Gesicht, während ihre staubige Kehle kratzte und die pelzige Zunge sich nach Flüssigkeit sehnte. Der verbrannte Geschmack im Mund ließ sie beinahe würgen.
   Ihr Zeitempfinden hatte sich verabschiedet. So war das wohl, wenn man in der Schleife der Ewigkeit wandelte. Es gab weder Tag noch Nacht, sondern ausschließlich das triste Grau und Halbdunkel, das die tanzenden Schatten lebendig machte.
   Ihr Herz raste unter Panik und Anstrengung. Etwas war hinter ihr her und die dunkle Präsenz hauchte ihr ihren eiskalten Atem in den Nacken. Sie wollte losrennen, Abstand gewinnen, aber sie kam auf dem brennenden Schotter bloß schwer von der Stelle. Was auch immer versuchte, sie in die Finger zu bekommen, meinte es auf keinen Fall gut mit ihr. Sie wimmerte verzweifelt auf.
   Kira schlug die Lider auf. Das Wimmern hallte in ihrem Verstand wider. Ein Teil des Traums hatte sie abermals in die Realität begleitet. Nacht für Nacht war die Angst allgegenwärtig und nistete sich so tief in die Knochen, dass selbst bei Tageslicht der Nachklang der kalten Schauder über ihren Rücken jagte.
   Zitternd stellte sie fest, dass sie den Arm um einen Körper geschlungen hatte und die Fingernägel klammernd in dessen Fleisch grub. Langsam klärte sich ihr verschwommener Blick im Halbdunkel. Es war Josh, an dem sie sich festhielt.
   Meistens schlief er wie ein Stein, doch er war sensibler, als er sich eingestand, und spürte oft, wenn mit ihr etwas nicht stimmte.
   Er regte sich zögerlich und gab einen seufzenden Laut von sich. »Kira?« Er tastete ihren Arm entlang, wälzte sich vom Bauch auf die Seite und verschränkte die Finger mit ihren.
   Sie ließ zu, dass er ihre Hand drückte, denn diese reale Berührung verscheuchte das flaue Gefühl, das ihre betäubten Glieder schwer freigab.
   Er öffnete die Augen und blinzelte. »Was ist los?«
   »Ich habe geträumt.« Sie zog die Hand aus seiner und rutschte ein Stück von ihm weg.
   Seine eisblauen Augen glitzerten traurig. Wenn er sie auf diese Weise ansah, wirkten sie eine Spur dunkler als gewöhnlich. Er streckte den Arm aus und strich ihr eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. »Schlimmer Traum?«
   Die weiße Seidenbettwäsche malte sich von seiner sonnengebräunten Haut ab. Zum ersten Mal empfand sie ihn als schön. Schnell kniff sie die Lider zusammen. »Nein. Belangloses Zeug.«
   Erwartete er ernsthaft, dass sie ihm das Herz ausschütten würde? Sie brauchte ihn nicht, um die Dämonen aus ihrem Kopf zu verbannen.
   Josh verzog das Gesicht und presste die vollen Lippen zusammen. Einen Moment spiegelte seine Miene den Eindruck wieder, auf ihre Gedanken antworten zu wollen. Dieser Bastard …
   »Halt dich aus meinem Kopf raus.« Sie wich instinktiv ein weiteres Stück Richtung Bettkante. Seine gestohlene Fähigkeit, Gedanken zu lesen, entpuppte sich als zunehmend lästig.
   »Hey.« Er folgte ihr, rutschte näher und legte seinen starken Arm um ihre Hüfte. »Das haben wir hinter uns, oder?«
   Kira schlug seinen Arm zur Seite. »Fass mich nicht an.«
   Er stieß langsam den Atem aus und richtete sich auf. Seine dunklen Locken fielen ihm ins Gesicht, während er den Nacken streckte und sich über die Augen fuhr. »Wie spät ist es?«
   Licht fiel durch die Schlitze der dunklen Rollos. Ein sicheres Zeichen, dass Mittag vergangen sein musste. Joshs Schlafzimmer lag im Westen des Bungalows.
   »Keine Ahnung.« Definitiv Zeit, sich aus seinem Bett zu verabschieden. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, waren Fragen, die seine Familie stellen würde, wenn sie spitz bekam, dass sie die Nächte gemeinsam verbrachten.
   »Du machst dir zu viele Gedanken.« Josh legte den Kopf schief und schob die Unterlippe vor.
   Kira stützte sich auf einen Ellenbogen und stieß ihn zur Seite. Mit seinem Dackelblick punktete er sicher nicht bei ihr. Schnell erhob sie sich auf die nackten Füße. »Hör auf, meine Gedanken zu lesen. Ich meine das ernst, Josh. Wenn du es noch mal wagst, hab ich mich zum letzten Mal auf ein Schäferstündchen mit dir eingelassen.« Sie bückte sich, um nach ihrem Nachthemd zu greifen.
   Josh packte ihr Handgelenk und zog sie zurück. »Dir geht es schlecht und ich will für dich da sein. Was ist falsch daran?«
   Ein dunkles Feuer zischte auf. Kira atmete tief durch und bezwang die schwarze Magie, die bei seiner Frage aufschrie. »Alles? Wir sind nicht für Gefühlsduseleien gemacht. Ich kann es nicht ausstehen, wenn du dich dermaßen menschlich verhältst. Genauer gesagt kann ich es überhaupt nicht leiden, wenn sich irgendjemand human benimmt. Das ist mehr als schwach. Stell es ab oder such das Weite, bevor ich dir vor die Füße kotze.«
   »Niemand ist hier. Keiner sieht uns oder hört, worüber wir uns unterhalten.«
   Er verstand es nicht. Josh war nie die hellste Kerze auf der Torte gewesen. Es ging nicht darum, ob ihnen jemand zuhörte. Sie wollte nicht zu dem werden, das sie am meisten verabscheute. Sie war Kira del Rossi und kein weichherziges, kleines Mädchen, das sich vor ihm auf die Knie warf, weil er Anna gezwungen hatte, ihren Arsch aus der Hölle zu ziehen. Für wen hielt er sich? »Es ist peinlich genug für uns beide, dass du das Medium angebettelt hast, mich zurückzuholen. Du hättest sie aufschlitzen und zwingen sollen. Ich werde mich nicht auf dieselbe Stufe begeben.«
   Josh schnaubte. »Ich gebe auf. Dir ist nicht zu helfen.« Er sprang aus den Federn und griff nach seinen Shorts.
   »Dein Gesäusel widert mich an. Du bist erbärmlich. Weißt du, was mir wirklich helfen würde?« Sie zog das Nachthemd über den Kopf. Der Stoff schmiegte sich kühl um ihren Körper.
   »Ich habe dir mein Wort gegeben, dass sie bluten wird. Anna Graf wird sterben für das, was sie dir angetan hat.«
   Ein Fauchen verließ ihre Kehle. Kira ignorierte die Stimme im Kopf, die einen warnenden Laut von sich gab. »Ich höre es dich immerzu sagen, aber sehe dich nicht handeln. Was zum Teufel ist los mit dir? Du lässt dich sonst nicht zweimal bitten.«
   Josh fing ihren Blick auf. »Nichts ist los. Ich weiß nicht, wo sie ist. Glaubst du, andernfalls wäre ich noch hier?«
   Kira schüttelte den Kopf und hob die Stimme. »Im Gegensatz zu mir hast du deine Talente noch. Nein, ich verbessere mich. Du hast meine und deine Gaben, da du mich bekniet hast, dich als Erben einzusetzen. Wenn du dir jedoch zu fein bist, eins deiner Hexentalente zu nutzen, um sie auszupendeln, werde ich keine Mühe scheuen, mir selbst eine passende Fähigkeit anzueignen. Falls du es nicht begriffen hast. Ich bin nicht von dir abhängig.«
   »Die Aussage verliert an Glaubwürdigkeit, wenn du sie noch öfter benutzt. Außerdem habe ich mehr als einmal versucht, sie auszupendeln.«
   »Nicht sonderlich erfolgreich. Aber was verlange ich von einem Kerl, dessen Hirnzellen sich an einer Hand abzählen lassen. Offensichtlich kann man dich nur für eine Sache gebrauchen.« Sie schielte zum Bett und biss sich auf die Zunge, weil sie ihm ein verstecktes Kompliment gemacht hatte.
   Josh sprang auf sie zu, packte sie bei den Schultern und drückte sie gegen die Wand. »Das war kein Kompliment, sondern eine unverschämte Beleidigung.«
   Kira hielt die Luft an. Es war anstrengend, die Gedanken vor ihm zu verstecken, aber sie tat besser daran, sich mehr Mühe zu geben. Ein wütender Josh war nicht der sympathischste Josh. Sein Kiefer verkrampfte. Sah er sie gerade abwertend an?
   »Weißt du, es gibt Mädchen, die tun alles mit dir und Mädchen, die tun alles für dich. Ich habe beide Sorten kennengelernt und hege keine Zweifel, dass du zu den wenigen gehörst, die in beiden Teams mitspielen.« Seine Augen blitzten auf, während sein Atem ihr Gesicht streifte. »Du willst es auf die harte Tour? Gut. Dir ist durchaus bewusst, dass du dich besser ins Zeug legst, mich bei Laune zu halten. Du bist mir nämlich nicht gewachsen. Ich mag dich, schön. Aber glaube nicht, dass ich mich von irgendeiner Tussi so behandeln lasse. Auch nicht, wenn sie Kira del Rossi heißt.« Er ließ von ihr ab und trat einen Schritt zurück. Ausladend deutete er zur Tür. »Raus.«
   Kira schnappte nach Luft. »Was?«
   »Raus«, donnerte er.
   Sie straffte die Schultern und warf den Kopf in den Nacken. Er war ein mieser Schauspieler, aber immerhin versuchte er, ihr gerecht zu werden. »Das ist der Josh, mit dem ich arbeiten kann.«
   »Das war keine Bitte.« Er packte sie hart am Oberarm, zerrte sie durchs Zimmer und trat gegen die Klinke, damit die Tür aufsprang.
   Kira stemmte die Beine in den Boden. Wut schäumte auf und kitzelte die Dunkelheit in ihrer Brust wach. »Du legst es nicht wirklich darauf an. Du ziehst den Kürzeren.«
   Er schubste sie grob aus dem Schlafzimmer. »Falsch, Kira. Du legst es besser nicht darauf an. Ich habe dafür gesorgt, dass du wieder unter uns weilst. Solltest du dich nicht schleunigst an deine gute Erziehung erinnern, werde ich dich zurück in die Hölle befördern. Ich weiß, wovon deine Albträume handeln. Und jetzt sag mir, wer von uns beiden erbärmlich ist?« Sein arrogantes Gesicht sprühte vor Überlegenheit.
   Die blasse Erinnerung an den verstrichenen Traum nagte an ihren Eingeweiden. Kira hielt seinem herausfordernden Blick stand, obwohl ihre Knie lieber nachgeben wollten. Er hatte leicht reden. Er war nicht durch eine brennende Landschaft gelaufen, mit der Gewissheit, etwas Unheimliches dicht an den Fersen kleben zu haben.
   Josh setzte ein selbstgefälliges Grinsen auf. »Da hast du deine Antwort. Angst ist so was von armselig. Da hält die Sympathie, die ich für dich hege, nicht mit.« Er wandte sich ab und knallte die Tür ins Schloss.
   Erschüttert starrte Kira auf das dunkle Holz. Er hatte recht. Angst war armselig und deshalb musste sie sich dringend von diesem Empfinden befreien. Ihr perfekter Körper war nicht dafür geschaffen, dass ihm menschliche Emotionen innewohnten.
   Sie atmete tief durch, schlich über den hellen Flur und zog mit tauben Fingern die breite Flügeltür zu ihrem alten Schlafzimmer auseinander. Zögerlich warf die Wintersonne ihre Strahlen über die Einrichtung. Sie schlüpfte durch den Türspalt ins Zimmer und nahm sich einen Moment, um ihre Gedanken zu sortieren.
   Vor wenigen Monaten hatte sie mit Sebastian in diesem Bett geschlafen. Ein schwerer Stein legte sich auf Kiras Brust, als ihr Blick an der Fotocollage hängen blieb, die in silbernem Rahmen an der Wand hinter dem dunkelbezogenen Bett prunkte. Die Bilder zeigten ein Traumpaar.
   Eigentlich lag klar auf der Hand, was sie zu tun hatte. Sie musste Anna finden und Vergeltung üben. Nur so konnte sie das Trauma, das drohte, sie zu verändern, überwinden und in ihre alte Hülle schlüpfen. Sie musste sich wiederholen, was ihr gehörte, und das Miststück ein für alle Mal töten.
   Eine Ladung Schmerz pumpte bei dem Gedanken durch ihre Venen. Kira krümmte sich. Zur Hölle, jedes Mal, wenn sie sich vorstellte, Anna den Hals umzudrehen, riss ihre Brust auf. Das leise Stimmchen in ihrem Hinterkopf flüsterte die vernichtenden Silben. Meisterin.
   Bisher hatte sie diese Gedanken erfolgreich vor Josh versteckt, aber die Stimme wurde mit jedem Tag lauter. Es war eine Frage der Zeit, bis er sie in ihrem Kopf aufschnappen würde.
   Was hatte das überhaupt zu bedeuten? Es gab niemanden, den sie fragen konnte. Wenn Jonathan Fingerless herausfand, dass sich etwas in ihr sträubte, Anna auch nur ein Haar zu krümmen, würde er sie bestimmt mit einem einzigen Fluch zurück ins Fegefeuer schicken.
   Kira taumelte zum Bett, setzte sich auf die Kante und vergrub das Gesicht in den Händen. Sie musste sich zusammenreißen. Sie hatte sich aus gutem Grund bisher nicht total mit Josh überworfen. Falls sie es nicht schaffte, das Medium aus dem Weg zu räumen, musste er diese Aufgabe übernehmen. Josh stand für Sicherheit in jeglicher Hinsicht. Er musste Anna umbringen, ihr seinen Vater vom Hals halten und im unglaublichen Falle, dass sie Sebastian nicht erneut an sich ziehen konnte, herhalten, damit sie Teil der Fingerless bleiben durfte. Die Magierfamilie stand für mehr Macht, als ihre eigene in Worte fassen konnte. Sie ließ die Hände sinken und öffnete die Augen. Ihr Leben lief in Gedanken Revue.
   Im Alter von sechs zarten Magierjahren hatte sie das erste Leben genommen. Sie hatte mit den Nachbarsmädchen auf der Straße gespielt. Isabella hatte mit einer Porzellanpuppe angegeben, die sie von ihrer Nonna geschenkt bekommen hatte. Kira war der Kragen geplatzt. Nahezu eigenständig hatten sich ihre zierlichen Finger um die Kehle des Mädchens geschlossen. Das Hochgefühl, das ihr das Pfeifen von Isabellas letztem Atemzug beschert hatte, war jeden Tag lebendig. Es hatte eine uralte Sehnsucht entfacht und ein Verlangen geweckt, dass niemals gestillt werden würde.
   Kira rieb sich die Arme. Gänsehaut breitete sich aus, als ob jemand mit einer Feder über ihren Rücken striche. Die Dunkelheit war eine treue Freundin.
   Jeder Schritt, den sie seither gegangen war, jede Bewegung, die sie seit dem ersten Mord unternommen hatte, entsprang eiskalter Berechnung. Ihr Leben war von langer Hand geplant. Nachdem sie zufällig von Jonathan Fingerless und seiner Familie erfahren hatte, wollte sie Teil dieser Magier werden. Ihr Vater hatte sich dagegen gewehrt und ihr verboten, bei Jon in die Lehre zu gehen und nach London zu ziehen. Kira hatte ihn mit jedem weiteren Opfer überzeugt. Seine Sorge, dass Jonathan aus ihr einen Killer formen würde, war unbegründet gewesen, denn sie war längst zu einem geworden.
   Kira ließ sich zurückfallen und kuschelte sich in die Seidenbettwäsche. Die Erinnerungen entfachten ein Feuer, das kribbelnd durch die Adern zischte. Sie war schon immer scharfsinnig gewesen und ihr erster Eindruck hatte sie nicht getäuscht. Mit elf Jahren war ihr klar geworden, dass niemand auf der Welt Jonathan das Wasser reichen konnte. Mit einer Ausnahme. Sie war ihm gewachsen. Seine Söhne mochten clever sein, Kraft besitzen und Magie beherrschen, aber sie hatten ebenso Schwächen. Sebastian und Josh waren sensibel, auch wenn sie sich sperrten, es offen zuzugeben. Sie hingegen besaß ein dickes Fell.
   Jon hatte ihr damals gezeigt, wie man die Magie kontrollierte, ihre Reflexe geschult und ihr sämtliche Flüche eingetrichtert. Es gab keinen, den sie nicht im Schlaf singen konnte. Nach vier Jahren war der Tag des Abschieds gekommen, aber sie hatte bereits darauf hingearbeitet, dass es kein Abschied für immer sein würde. Ihre Wahl war auf Sebastian gefallen. Sie hatte dafür gesorgt, dass er ihr das Tor in die Familie öffnete. Nicht, weil Josh keinen Reiz hatte. Er war lustig, eine Spur größenwahnsinnig und auf charmante Weise ein absoluter Trottel, aber er war ebenfalls impulsiv wie sie. Eine solche Verbindung konnte auf Dauer nicht gut gehen. Sebastian hingegen behielt meist einen kühlen Kopf. Er war nicht so arrogant wie Josh, eher ein ruhiger Typ, der sie ausbremste, wenn die Magie sie auf eine Achterbahnfahrt einlud. Er war ihr perfekter Gegenspieler.
   Ihr Herz zog sich leise zusammen. Anna hatte ihr das Einzige genommen, was ihr je wichtig gewesen war.
   Kira schloss die Augen, bevor ihr Blick unter Tränen verschwamm. Krokodilstränen, wie Sebastian zu sagen pflegte. Sie war sich dieser Bezeichnung nicht sicher. Auf eine Weise, die Menschen nicht verstanden, tat ihr der Verlust weh. Der Tag, an dem sie ihn endgültig gefügig gemacht hatte, gehörte zu den besten in ihrem Leben, an denen kein Blut geflossen war. Sie rief sich den Abend vor Augen und tauchte in eine Welt, die der Vergangenheit angehörte.

Jemand spielte »I wish I could make you cry« von Henderson auf dem Saxofon nach. Die Jazzwelle schwappte von Amerika nach Italien über. Die Musik drang aus einem Lokal und beschallte die leer gefegte Straße. Eigentlich war an der Piazza San Ferdinando immer der Bär los, doch an diesem Abend lag der Platz wie ausgestorben da.
   Sie machten einen Umweg durch die Stadt, um zum Meer zu laufen. Der sanfte Wind der lauen Sommernacht streichelte Kiras Haut. Den zweiten Sommer kam Sebastian sie in Neapel besuchen. Es gab keinen größeren Beweis dafür, dass er sie in London vermisste. Ihr Plan ging auf. Das neue Kleid, das sie trug, half ihr, ihn zu Ende zu führen.
   Sein Blick ruhte auf ihr. Kira konnte ein Grinsen nur schwer verbergen. Ihr war bewusst, dass sie schön war. Männer sahen sie immer auf diese Weise an und mehr als einmal hatte sie den Umstand für sich ausgenutzt.
   »Starr mich nicht an.«
   »Warum nicht?«
   »Weil sich das nicht gehört. Wo hast du nur dein Benehmen gelassen?«
   Er trat vor einen Stein, der über das Pflaster hüpfte. »Ich habe meine Manieren an Joshua verliehen. Er hat sie nötiger als ich.«
   Kira kicherte. »Wie edelmütig. Eine Eigenschaft, die ich übrigens sehr zu schätzen weiß.«
   Sebastian überholte sie und lief rückwärts weiter, um ihr dabei ins Gesicht zu sehen. »Fräulein del Rossi, läufst du gerade rot an?«
   »Wie kommst du darauf? Vielleicht habe ich mir nachmittags einen Sonnenbrand zugezogen.« Ihre Wangen glühten auf.
   Er hielt inne und sie rannte geradewegs in ihn hinein.
   Kira hatte diesen Augenaufschlag hundert Mal geübt. Mit gesenktem Kopf sah sie auf und betrachtete sein makelloses Gesicht.
   »Potrei guardarti tutto il giorno. Mi fai sognare«, flüsterte er.
   »Ich könnte dich den ganzen Tag anschauen. Du bringst mich zum Träumen«, übersetzte sie. »Du hast meine Sprache gelernt.«
   »Gerade ein paar Sätze, um Eindruck zu schinden.«
   Unweigerlich berührte er eine Stelle in ihrer Brust, die sie bislang nicht wahrgenommen hatte. Sie befahl ihrem Herzen, langsamer zu schlagen, aber es klopfte schneller als unter einem Magierausch. Die Sterne spiegelten sich in seinen hellen Augen.
   Sebastian hob ihr Kinn an und streifte ihre Lippen mit seinen. »Du hast mir gefehlt.«
   Kira wich erschrocken zurück. »Gedanken, die deinen Kopf nicht verlassen sollten.«
   »Da hat mein Vater saubere Arbeit geleistet.« Er verzog gekränkt das Gesicht.
   Sie benahm sich töricht. Wollte sie ihn vergraulen? Er war ihre Eintrittskarte in eine sagenhafte Zukunft. Kira seufzte. »Du hast mir auch gefehlt. Aber verrate es niemandem, ja?«
   Seine Mundwinkel zuckten, bevor er ihr mit einem Nicken deutete, weiterzugehen.
   Kira gesellte sich an seine Seite. Behutsam nahm er ihre Hand, während er die Gasse zum Wasser einschlug. »Mein Vater zieht in Erwägung, nach Deutschland auszuwandern.«
   »Hat er die Nase von London voll?«
   »Der Rechtsbeirat für besondere Menschen erweist sich als Spielverderber.«
   Jonathan wollte vor dem RFBM fliehen? Das sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Warum schaltete er die Spießer nicht aus? »Aha.«
   »Es kann nicht schaden, die Welt zu bereisen, oder? Vielleicht kann ich ihm Italien schmackhaft machen.«
   »Was sollte er hier wollen? Die Menschen mit Begabungen sind in unserem Land rar gesät. Deutschland ist eine gute Wahl, wenn ihr euer Hobby fortführen wollt.«
   Das Mittelmeer tauchte vor ihnen auf. Die ruhige See vereinte sich mit dem Horizont und malte sich dunkel von der sandigen Bucht ab.
   »Wer zuerst am Wasser ist?« Sie rannte los.
   Sebastian stürmte hinterher. Sie war schneller als er, denn sie hatte ein Geschick dafür bekommen, Magie in die Beine zu lenken. Aber er schlug sich gut. Zwei Schritte hinter ihr erreichte er die Stelle, an der das Meer den Sand küsste.
   Kira lachte, nahm Abstand vom Wasser und zog die Schuhe aus. »Meine Füße sind ganz nass geworden.«
   »Dann sei froh, dass du keine Strümpfe trägst.«
   Der Zeitpunkt war perfekt, um ihm einen Schubs zu verpassen. Sie achtete darauf, ihn nicht anzusehen, während sie sich aus dem Kleid schälte. Sie präsentierte ihm ihr neues Badekostüm. »Jetzt darfst du starren.«
   »Und du hast mich nach meinem Benehmen gefragt?« Seine Augen leuchteten auf.
   Sie hatte gewonnen. Mit einem Lächeln, das Sieger trugen, trat sie auf ihn zu und zog ihn an sich heran. »Wenn wir das jetzt durchziehen, will ich mit euch nach Deutschland gehen.«
   »Wenn wir was durchziehen?«
   Sie hob die Augenbrauen. »Tu nicht so unschuldig.«
   Sebastian schnappte nach Luft.

Kira öffnete die Augen. Salz brannte auf ihren Wangen. Stein für Stein hatte sie eine Mauer an Vertrauen aufgebaut und sich in sein Herz geschlichen. Niemand würde ihr das kaputtmachen. Auch Anna Graf nicht. Was auch immer dieser Voodoozauber mit ihr angestellt hatte, würde gebrochen werden, sobald sie dem Medium den Hals umdrehte. Es musste so sein.
   Eine Schmerzlawine löste sich und rollte tosend durch ihren Körper.
   »Sei still«, fauchte Kira der Stimme in ihrem Kopf zu, die erneut losflüstern wollte.
   Meisterin, flüsterte die Stimme, die ihre eigene war.
   Sie setzte sich auf, schlang die Arme um die nackten Beine und legte den Kopf in den Nacken.
   Sie übersah etwas Entscheidendes. Irgendetwas Gutes brachte das Gefühl, sich Anna unterwerfen zu wollen, mit sich. Aber was?
   Das Medium hatte versucht, den Vorfahren aller Magier zum Leben zu erwecken, bevor Josh sie dazu gebracht hatte, sie zu retten. Wie kam Anna auf die Idee, dass der ursprüngliche Engel ihr helfen würde?
   Kira zuckte zusammen, als es ihr wie Schuppen von den Augen fiel. Wenn es sich mit einer Auferstehung stets so verhielt, dass der Beschworene dem Nekromanten gehorchte, galt das möglicherweise ebenso für den Engel. Großer Gott, sie konnten ihn ebenso auf ihrer Seite gebrauchen. Wenn sie Anna zuvorkamen …
   Kira sprang auf die Füße und wischte die Tränen aus dem Gesicht. Sie sammelte sich eine Sekunde, bevor sie mit schnellen Schritten das Schlafzimmer verließ und über den Flur eilte.
   »Josh?« Sie klopfte an seine Tür. »Schraub deinen Stolz zurück, ich muss dir etwas sagen.«
   Josh reagierte nicht. Dieser arrogante …
   Kira drückte die Klinke hinunter und lugte durch einen Spalt ins Zimmer. Josh lag auf dem Bett und blätterte in einer Zeitung.
   »Was weißt du über die verschollenen Pergamente?« Sie trat ungefragt ein.
   »Was?«
   »Die Talentierten glauben an diese Legende. Dass es verschollene Pergamente gibt, die Formeln beinhalten sollen, die jede Gabe stärker machen.«
   »Ich kenne die Legende.« Er machte sich nicht die Mühe, aufzusehen.
   »Anna Graf wird versuchen, sie in die Hände zu bekommen. Das war von Anfang an ihr Plan. Sie will ihrem Talent mehr Macht verleihen, um den Engel zu beschwören. Und er wird ihr gehorchen.«
   »Was redest du da?«
   Kira fasste sich ein Herz. »Ich werde dir etwas anvertrauen, wenn du mir versprichst, es mit keiner Silbe vor den anderen zu erwähnen.«
   Endlich legte er die verdammte Zeitung zur Seite. »Was?«
   »Wir werden uns diese Pergamente zuerst holen und ich verspreche dir, was danach folgt, übersteigt deine Vorstellungskraft.«
   Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wieder wie eine Magierin. Es stand außer Frage, dass sie die Brillanteste war, die je unter der Sonne gelebt hatte. Sie war Kira del Rossi und dieser Name stand für eine Göttin. Und für den Tod. Zumindest sehr bald.

3. Kapitel
Besuch bei den Toten

Die Zeit ließ sich mit keinem Talent dieser Welt verändern. Wenn die Vergangenheit wie eine große schwarze Wolke über allen Köpfen schwebte, tat man besser daran, einen Schirm aufzuspannen. Irgendwann würde der Himmel aufreißen. Anna fuhr sich übers Gesicht. Sie stand inmitten des Unwetters, das aus dem Gestern ins Heute gezogen war. Babettes Auftauchen riss sie aus dem Konzept, sich zu bemitleiden. Es gab andere Menschen, die mehr Mitgefühl verdient hatten.
   Kevins Mutter ließ die Schultern hängen. Sie kannte Babette als starke, kräftige Frau, die stets einen motivierenden Spruch auf Lager hatte. Aber woher sollte sie ihren Antrieb nehmen, wenn ihr Sohn gestorben war? Sie wusste, dass er tot war. An ihrem Auftreten gab es nichts zu leugnen.
   Anna starrte sie an. Ihre Knie fühlten sich weich an. Sie war unfähig, sich zu rühren, oder einen anderen Ton als ein Schluchzen von sich zu geben.
   »Ich habe Licht im Haus brennen sehen. Ich …«
   Anna riss sich aus ihrer Versteinerung und fiel Babette um den Hals. »Entschuldige dich nicht für deinen Besuch.« Sie drückte sie an sich.
   Babette erwiderte die Umarmung und streichelte ihr über den Rücken. »Es tut mir leid.«
   Ihr tat es leid? Einer Mutter, die ihr Kind verloren hatte, sollte nichts leidtun. Das dumpfe Gefühl in Annas Brust breitete sich aus. Sie war schuld an Kevins Tod. Babette tröstete weitgehend gesehen, die Mörderin ihres Sohnes. Die Erkenntnis prasselte auf sie nieder, wie ein gewaltiger Hagelsturm.
   »Würdest du ein Stück mit mir laufen?«
   Anna löste sich aus Babettes Armen und deutete ein schwaches Nicken an.
   Noch immer hielt der Winter den Atem an. Das Nordseedorf besaß zu dieser Jahreszeit besonderen Charme. Sie hatte nicht oft erlebt, wie glitzernd die blauweiße Landschaft bezirzte, wenn Schnee und Eis das Ruder übernahmen. In der Regel hatte sie Eva im Sommer besucht. Die meiste Zeit der Ferienwochen hatte sie jedoch Kevin geschenkt. Beide hatten ihr Leben gelassen. Vielleicht würde nie wieder Sommer werden.
   Anna zog die Tür ins Schloss und trat an Babette vorbei in den Schnee. Sie stellte den Mantelkragen auf und vergrub die Hände in den tiefen Taschen.
   »Du hast meinen Brief bekommen, nehme ich an?« Kevins Mutter folgte ihr auf die Straße.
   »Brief?«
   »Die Rufnummer, die ich von dir habe, stimmt nicht mehr. Ich fand keine andere Möglichkeit, dir die Nachricht zu überbringen.«
   Sie hatte ihr Kevins Tod per Post mitgeteilt? Klar, denn die Telefonrechnung und der Stromanbieter waren seit Monaten nicht bezahlt worden. Paps und Sally hatten keine Gelegenheit gehabt, gewisse Dinge zu klären, bevor Sebastian ihnen zu ihrer eigenen Sicherheit einen Fluch auferlegt hatte. Alles ging den Bach runter. Warum strengte sich dieser Tag an, es dermaßen deutlich in ihren Verstand einzugeben?
   »Du hast meinen Brief also nicht bekommen«, interpretierte Babette ihr Schweigen. »Wer hat es dir dann erzählt?«
   Anna biss die Zähne zusammen, damit ihr nicht versehentlich ein Fünkchen Wahrheit hinausrutschte. Sie zuckte die Schultern. »Das hier ist ein kleines Dorf«, sagte sie eine Spur zu hastig.
   »Du bist zufällig zu Besuch? Gott, Anna. Es tut mir leid, dass du es so erfahren musstest.«
   Sie musste aufhören, sich zu entschuldigen. Annas Gewissen stieß einen grummelnden Laut aus. Ohne sie würde Kevin noch leben. Sie hatte ihren besten Freund quasi ans Messer geliefert. Warum hatte sie ihn nicht davon abgehalten, sich dem Rechtsbeirat an den Hals zu werfen? Er hatte sie beschützen wollen, und war dadurch zum Opfer geworden. Wie zur Hölle sollte sie jemals damit klarkommen?
   »Du bist blass um die Nase. Wann hast du zuletzt in den Spiegel gesehen? Ein Gerippe. Du musst mehr auf deine Gesundheit achten.«
   »Mach dir keine Sorgen um meine Gesundheit«, presste Anna erstickt hervor. Die schleppende Konversation war zermürbend. Sie sollte Anteilnahme zeigen, aber sie fühlte sich wie betäubt. »Was genau ist Kevin zugestoßen?«
   Der RFBM hatte sich wahrscheinlich eine brillante Vertuschungsgeschichte überlegt. Vielleicht würde sie die Story wütend machen. Zorn war besser als diese dumpfe Trauer, stärker als das Schuldempfinden, das sie förmlich erschlug und ein gutes Mittel gegen lähmende Angst, die sich stetig zu Wort meldete.
   Babette brachte ein verkrampftes Lächeln zustande. »Kevin wollte zum ersten Mal allein in den Urlaub fahren. Eine Woche Italien. Es war sein erster Auslandsurlaub überhaupt. Er hat sich so auf die Reise gefreut.«
   Anna räusperte sich, aber ihr Hals schnürte sich weiter zusammen. Ein Italienurlaub? Der RFBM hatte Babette ordentlich den Verstand vernebelt. Nicht mal die Zeitangabe von einer Woche stimmte im Ansatz. Er war viel länger fort gewesen. Erst in London und anschließend in Neapel.
   »Er hatte einen Unfall. Am vierten Tag stürzte er eine Klippe hinunter. Es gab keine Zeugen, aber man fand ihn schlimm zugerichtet am Ufer des Mittelmeers.« Sie stieß ein schmerzerfülltes Seufzen aus.
   Es funktionierte. Die an den Haaren herbeigezogene Lüge goss Öl ins Feuer. Die Wut schickte erbitterte Reiter ins Rennen ihrer Gefühlslage. Babette hatte nicht nur ihren Sohn verloren. Sie würde ebenfalls nie die Wahrheit über seinen Tod erfahren. Damit nahm der Beirat ihr das Ventil, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Anna ignorierte den sauren Geschmack, der auf die Zunge trat.
   »Warum hat er diese Reise gebucht?« Babettes Unterlippe bebte.
   »Ich vermisse ihn auch«, flüsterte Anna. Sie konnte nicht mit einer weiteren Unwahrheit antworten und sagte das Einzige, das ihr übrig blieb.
   Sie schwiegen die nächsten Meter. Obwohl der Tag noch jung war, schien es nicht richtig hell werden zu wollen. Die graue Wolkendecke verschluckte die Sonnenstrahlen, die sich anstrengten, einen Weg auf die Erde zu finden. Bald würde der liegende Schnee durch Regen ersetzt werden.
   »Hier drin«, Babette nahm die Unterhaltung wieder auf und klopfte sich auf die Brust, »fühle ich ihn. Manchmal rede ich mit ihm. Ich habe das Gefühl, das er mir zuhört. Die Tage, in denen er fort ist, kommen mir wie eine Ewigkeit vor.«
   Anna nickte geistesabwesend, denn Babettes Worte nisteten sich in ihren Verstand. Sie hatte etwas Entscheidendes gesagt, obwohl ihr nicht klar war, wie knapp sie mit ihrem Glauben die Realität streifte. Kevin war tot, aber er war noch da. Sie war ein Medium. Was hinderte sie daran, seinen Geist zu rufen? Sie wollte ihm so viel sagen. Weil Marla und Eva bei ihren vorherigen Beschwörungsversuchen nicht aufgetaucht waren, galt das nicht für Kevin. Er würde mit ihr sprechen. Wahrscheinlich wartete er bereits auf sie. »Ich muss zurück.« Anna blieb abrupt stehen.
   Babette fing ihren Blick auf. Ihre traurigen Augen, die Kevins dermaßen ähnlich waren, fuhren unter die Haut.
   »Ich habe vergessen, dass ich verabredet bin«, erklärte Anna.
   »Sehen wir uns auf der Beerdigung?«
   Trauerfeiern bereiteten ihr meistens Bauchschmerzen. Evas Abschied war schrecklich gewesen. »Wann ist sie?«
   »Am Freitag. Kevin hätte sicher gewollt, dass du …«
   »Natürlich.« Tote scherten sich nicht um ihr Begräbnis, aber für die Hinterbliebenen waren Beerdigungen wichtig. Sie durfte Babette nicht vor den Kopf stoßen.
   »Danke.«
   Sie hielt es keine Sekunde länger aus. Anna wandte sich ab und stapfte grußlos in großen Schritten durch den Schnee zum Haus zurück.
   Es brannte ihr unter den Nägeln, in die Schattenwelt zu tauchen. Vielleicht konnte sie einen Teil ihres tonnenschweren Gewissens loswerden, wenn sie Kevin in den Arm nahm und ihm sagte, wie sehr er ihr fehlte.
   Sie hatte es nicht für möglich gehalten, aber sie hasste den Beirat mehr, als sie Jonathan Fingerless verachtete. Eva war Teil einer Welt gewesen, die normale Menschen als Fiktion bezeichneten. Sie hatte gewusst, worauf sie sich einließ. Kevin hingegen war ein gewöhnlicher Mensch gewesen. Der RFBM hatte ihn nur wegen einer Sache an Bord geholt. Er war ihr Köder gewesen, auch wenn sie nicht angebissen hatte.
   Anna klopfe den Schnee von den Stiefeln und schob den Schlüssel ins Schloss.
   »Wo warst du?« Sebastians Stimme hallte über den Flur, als Anna das Haus betrat.
   Das Knarren der Treppe wies drauf hin, dass er sich oben aufgehalten hatte.
   »Kurz draußen.« Sie hatte ihm nicht gesagt, dass sie frische Luft schnappen wollte, was selbst nach einem Streit ein absolutes No-Go war.
   Sie verzichtete auf eine Wiederholung ihrer Auseinandersetzung und ging ins Wohnzimmer, um Kerzen und Lavendel aus der großen Schrankwand zu holen. Sämtliche Beschwörungsutensilien waren im mittleren Teil zu finden.
   Sebastian zog die Augenbrauen hoch und versuchte, ihr den Weg zu versperren, doch Anna bückte sich im Flur unter seinem Arm hindurch und lief an ihm vorbei.
   »Willst du eine Séance halten?«
   »Ich muss mit jemandem sprechen.« Sie polterte die Treppe hinauf. Für das, was sie vorhatte, brauchte sie Ruhe und keinen Zuschauer.
   »Kannst du mich aufklären?«
   »Später.« Was sollte sie ihm sagen? Dass sie ihren toten Freund besuchen wollte, um sich an seiner Schulter auszuheulen und ihr Gewissen zu beruhigen? Sebastian und Kevin waren nicht unbedingt Freunde gewesen. Er würde es weder verstehen noch gutheißen.
   Anna begab sich in das große Badezimmer im ersten Stock und schloss die Tür hinter sich ab. Schlösser mochten Sebastian zwar nicht davon abhalten, ihre Beschwörung zu sprengen, aber womöglich tat es das Ausrufezeichen, welches sie somit hinter das Wort Privatsphäre setzte. Sie legte die Beschwörungsutensilien auf den Rand der weißen Badewanne und schälte sich aus dem Mantel, den sie auf dem Boden ausbreitete.
   Mit zittrigen Händen stellte sie die vier Kerzen auf und legte Lavendelblüten zwischen die Abstände, bis sich ein Kreis gebildet hatte. Sie fischte das Salztütchen, das sie am Körper trug, seit sie das Salzteigkreuz bei dem Versuch, Kira auferstehen zu lassen, verloren hatte, aus der Hosentasche.
   Salz hielt Geister aus dieser Welt fern. Es diente als Schutz vor Besessenheit und unerwarteten Besuchen aus dem Jenseits. Vor Kevin brauchte sie sich jedoch nicht schützen. Falls er nicht in die Schattenzone kommen würde, musste sie den Weg ins Jenseits wagen. Mit Salz am Körper gestaltete sich dieser sehr schwer.
   Mit klopfendem Herzen sank sie in den Schneidersitz und schloss die Augen. Anna nahm all ihren Mut zusammen. Was tat sie, wenn er ihr nicht verzeihen würde? Wenn er wütend war und sie für seinen Tod verantwortlich machte? Kevins Güte und Verständnis erreichte irgendwann sicher ihr Maß.
   Es half nicht, sich verrückt zu machen. Sie bekam eine Chance, die normalen Menschen verwehrt blieb, um Wiedergutmachung zu leisten.
   Anna hatte in den vergangenen Monaten gelernt, ihr Talent zu handhaben. Der kleine Stern, den sie sich manchmal vorstellte und der ihr oft den Übergang in die Schatten erleichtert hatte, war nicht mehr nötig. Sie konzentrierte sich auf ihren unruhigen Herzschlag und wartete, bis die Melodie ihrer Gabe mit leiser Stimme den Kopf flutete.
   Die Realität verblasste, als sie beim achten Klopfen angekommen war. Die Schattenwelt schob sich vor ihr geistiges Auge.
   Es war warm. In dieser Welt wandelten die Seelen, die sich im Sterbeprozess befanden. Sie schlichen durch das unheimliche Zwielicht, unschlüssig, für welche Seite sie sich letztendlich entscheiden würden. Leben und Tod vereinten sich in dieser Sphäre. Die Kerzenflammen warfen Licht in die Düsternis und gaben flackernd den Blick auf verzerrte, körperlose Gestalten frei.
   »Alles gut. Ich tue euch nichts, ihr lieben Seelen«, flüsterte sie.
   An diesem Ort war kein Platz für Angst. Zu Beginn ihrer medialen Reisen hatte sie mit ihrer Furcht für Nervosität unter den Schattenwesen gesorgt. Aber sie hatte begriffen, dass diese Gestalten bereits genug Last trugen. Sie besann sich auf Ruhe und versuchte, Vertrauen und Zuversicht auszustrahlen. Sie war sicher, es gelang diesmal nicht besonders. Diese Worte hatten in den vergangenen Wochen an Bedeutung verloren.
   Dort, wo das Licht der warmen Flammen versiegte, begann der Weg ins Jenseits. Pechschwarz erstreckte er sich in die Ewigkeit. Sollte sie Kevin in die Schatten rufen oder ihm entgegengehen? Sie hatte keinen Anker, der ihr womöglich half zurückzukehren, falls sie sich für letztere Möglichkeit entschied. Es hieß, ein Medium konnte ohne Anker im Jenseits verloren gehen.
   »Kevin?«, rief sie laut. »Kevin, ich bin es, Anna. Triff mich in den Schatten!«
   Ihre Hand schloss sich in der Realität zu einer Faust, während das Echo ihrer Stimme nachklang. Erwartungsvoll sah sie sich um. »Du hörst die Melodie, die mein Talent singt. Du brauchst nur dem Lied und dem Kerzenlicht folgen. Kevin?«
   Sie hatte Sorge, dass er Marlas und Evas Beispiel folgen und sie stehen lassen würde. Anna machte sich bereits auf eine Enttäuschung gefasst, als ein winziger Punkt, der unsagbar leuchtete, an einer Stelle erschien, die finsterer nicht sein konnte.
   Der Knoten in ihrer Brust löste sich. So sah es aus, wenn eine verstorbene Seele das Todesreich verließ. Er kam. Langsam mauserte sich der helle Fleck zu einer Gestalt. Die unscharfen Umrisse wurden klarer, ein vertrauter Wind wehte ihr kalt ins Gesicht.
   »Kevin?«
   »Ich hab mich schon gefragt, wann du endlich auftauchen wirst.«
   Es gab Menschen, für deren Lächeln es sich zu sterben lohnte. Wahre Freundschaft überlebte den Tod, denn sie stand selbst dann aufrecht, wenn die Welt ringsherum den Kopf in den Sand steckte. Es war, als wäre es gestern gewesen, dass sie zusammen am sommerlichen Lagerfeuer gesessen hatten.
   »Gott sei Dank.« Obwohl sich Tränen ankündigten, musste sie lächeln.
   Kevin sah erholt aus. Seine Haare wirkten zerzauster als zu Lebzeiten, und sein Gesicht mutete an, als hätte er ein Sonnenbad genommen. »Hey, nicht weinen.« Er schüttelte den Kopf, während seine Augen eine Spur trauriger wurden.
   Anna schluckte einen Schwall Tränen hinunter. »Es ist so schön, dich zu sehen. Ich trage kein Salz an mir. Es wäre also ein guter Zeitpunkt, mich einfach in den Arm zu nehmen.«
   Kevin breitete die Arme aus. Anna fiel ihm schluchzend um den Hals und vergrub das Gesicht an seiner Schulter, während eine Gänsehaut über ihre Arme jagte. Verstorbene fühlten sich im Jenseits warm an, in den Schatten waren sie kalt. »Es tut mir so schrecklich leid.«
   Er antwortete nicht, sondern ließ sie weinen und hielt sie fest.
   Jeder Mensch hatte besonders klare Momente, aber zur großen Erkenntnis erlangte man bestenfalls einmal im Leben. Kevin war unersetzbar. Ihr bester Freund, der sie besser kannte als jeder andere auf der Welt, war tot. Sie schaffte es nicht, wütend auf ihn zu sein und ihm die Vergangenheit nachzutragen. Weil er ihr ebenfalls nichts nachtrug. Seine Nähe tat gut.
   »Es tut mir so wahnsinnig leid«, wiederholte sie.
   »Mir tut es leid. Dich mit alldem allein zu lassen, weil ich Idiot nicht auf dich hören wollte.«
   Anna zog die Nase hoch und löste sich aus der Umarmung. »Der RFBM täuscht alle. Du wusstest nicht, auf was du dich einlässt. Ich hätte dich …«
   »Wenn du jetzt sagst, beschützen müssen, trampelst du auf meinem ohnehin zerbrochenen Stolz herum. Lass es.«
   Was war schon Stolz? Sie besaß keine Würde mehr. »Sie werden dafür bezahlen. Versprochen.« Die Fingerless, der Rechtsbeirat, einfach alle.
   Seine Miene verdunkelte sich. »Wir müssen uns unterhalten, Anna. Ich habe eine Menge mit dir zu besprechen.«
   »Ich bin deinetwegen gekommen. Ich wollte dich sehen und das ganze Theater für einen Moment vergessen.«
   »Ich habe auf der anderen Seite einige Leute kennengelernt. Menschen, die dir helfen können. Einen hast du bereits getroffen.«
   »James Black?« Sie wusste sofort, von wem er sprach. James war vor vielen Jahren im Jägerteam des Rechtsbeirats gewesen, das die Fingerless das erste Mal dingfest gemacht hatte.
   Kevin nickte. »Ja, James.«
   »Der Typ mit seinen vagen Andeutungen kann mir gestohlen bleiben.« Pergamente finden, den Engel beschwören, die Fingerless stoppen. Er hatte mit seinen Äußerungen alles viel komplizierter gemacht. Was dachte er sich bei seiner Theorie überhaupt? Sie war ein neu begabtes Mädchen und keine Heldin mit Superkräften, die mal eben nebenbei sämtliche Halbengel aus dem Weg räumte.
   »Die Geister reden, Anna. Es gibt Dinge, von denen du nichts weißt.«
   »Hast du Eva und Marla getroffen?«
   Er schüttelte den Kopf. »Nein. Es gibt hier Seelen, die aufpassen, wer mit wem Kontakt hat. Eva war ein Rachegeist, wenn man den Erzählungen Glauben schenken kann.«
   »Das stimmt.« Allerdings hatte sie sich gefangen. Ihre letzte Begegnung war friedlich verlaufen.
   »Nachdem sie vor ein paar Tagen Kontakt zu dir aufgenommen hat, haben sich ihrer drei Frauen angenommen. Es ist nicht gut für sie, wenn sie sich weiterhin in die Dinge der Lebenden einmischt. Ein bisschen Wut schläft noch in ihr. Sie muss lernen, sich rauszuhalten.«
   Anna schluckte hart. Ein Wiedersehen mit Eva kam so schnell also nicht infrage. Sie gönnte ihr Frieden. Der Tod war nicht dazu da, sich die Ewigkeit lang Sorgen zu machen. »Ich habe mir auch gewünscht, dass sie Ruhe findet.«
   »Mach dir keine Sorgen um sie.« Kevin streckte die Hand aus, zog sie jedoch zurück, bevor er ihren Arm berührte. »Eva glaubt fest, dass die Prophezeiung alles in geordnete Bahnen lenkt.«
   Eva glaubte das lediglich? »Du sagst das, als würde es das nicht tun?«
   Er kniff die Lippen zusammen und senkte den Blick. »Ich bin nicht sicher. Hier herrschen viele Meinungen und Ansichten, dass es schwer ist, auf eine zu vertrauen.«
   »Ich bin nicht gekommen, um mit dir über das Chaos, das auf meiner Seite herrscht, zu sprechen. Du solltest ebenfalls Frieden finden.« Warum tat er sich das an?
   »Ich habe Frieden gefunden. Endlich kann ich das tun, was ich schon immer tun wollte. Dir helfen.« Er sah auf. Das Glitzern seiner Augen schien die Schattenzone ein klein wenig heller zu machen.
   »Ich wollte das alles nicht.«
   »Ich weiß und es ist nicht deine Schuld.«
   Sie nickte, aber es fühlte sich an, als hätte sich die Schattenwelt in zähe Masse verwandelt. Natürlich war es ihre Schuld. »Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll. Diese Prophezeiung, die über mich gesprochen wurde, hat eine zweite Strophe.«
   Zwei Seelen passierten sie. Hätten sie Augen gehabt, Anna hätte darauf geschworen, dass sie sie angestarrt hätten. Sie schüttelte den Schauder fort, bevor er über den Rücken laufen konnte. Die Schatten spiegelten ihre Gefühlslage wider. Sie wurde unruhig.
   »Über die Prophezeiung herrschen verschiedene Meinungen. Black ist nicht der Einzige hier, der versucht, den Dingen auf den Zahn zu fühlen.«
   »Sondern?«
   »Du solltest mit jemandem sprechen, der mehr als irgendjemand sonst über deine Prophezeiung weiß. Sie fragt sich, wann du endlich auf die Idee kommst, sie zu dir zu rufen.«
   Anna fuhr zusammen. Es stand außer Frage, von wem er sprach. Sie hatte mehrmals darüber nachgedacht, die Seherin, die diese vernichtenden Worte gesprochen hatte, zu finden, sich jedoch jedes Mal dagegen entschieden. Seit klar war, dass die Prophezeiung einen Teil beinhaltete, den sie bewusst zurückgehalten hatte, war Anna froh gewesen, dem Gedanken nicht nachgegeben zu haben. Kleo spielte nicht fair. »Ich weiß nicht, ob ich ausgerechnet mit ihr sprechen möchte.«
   »Aber wer kann dir besser erklären, was sie mit ihren Worten gemeint hat? Sie hat interessante Ansätze.«
   »Du sprichst mit Sallys Großmutter? Du hast Kleo kennengelernt?«
   Er zuckte die Achseln. »Hin und wieder unterhalten wir uns.«
   Das musste sie erst mal verdauen. Es sprach so viel dagegen, sich mit dieser Frau zu unterhalten. Sie hatte eine Affäre mit Jonathan Fingerless gehabt und schlimme Dinge getan. Kleo weckte nicht unbedingt Vertrauen.
   »Sie wünscht sich sehr, dich kennenzulernen. Vertraust du mir?«
   Natürlich vertraute sie ihm. Er war Kevin, ihr Freund aus Kindheitstagen, den sie lieb hatte. Aber er war ebenfalls stur, verbissen und eifersüchtig auf Sebastian. Zu bestimmten Dingen hatte er eine festgefahrene Meinung. »Ich vertraue dir, aber ich weiß nicht, ob du neutral genug bist.«
   »Weil ich in dich verliebt bin?«
   Er benutzte die Gegenwartsform. Selbst der Tod hatte nichts an seinen Gefühlen verändert. Anna seufzte.
   »Ich habe es nie ausgesprochen, aber du weißt es doch. So blond bist du nicht, auch wenn deine Haarfarbe darüber hinwegtäuscht.«
   »Ich wusste es. Es tut mir leid, wenn ich …«
   »Hör auf, dich zu entschuldigen und lenk nicht vom Thema ab. Du denkst, ich bin nicht neutral, weil ich deinen Sebastian nicht ausstehen kann. Bist du neutral? Du bist in ihn verknallt. Ich finde, du solltest dir Kleos Sicht der Dinge anhören. Vielleicht tust du gut daran, ein objektives Mittelmaß zu finden. Du hast James Black um Rat gefragt, du baust auf die Gedanken deines Magiers. Was soll schon passieren, wenn du einen kurzen Eindruck von Kleos Version erhältst?«
   Die Wahrheit war, sie hatte Angst. Es stimmte. Niemand konnte besser Auskunft über die Worte geben. Ihre Sicht würde schwer ins Gewicht fallen. Anna zuckte die Schultern.
   »Ich bin gestorben, also habe ich einen Wunsch frei. Oder? Toten schlägt man nichts ab.«
   Sie schnappte nach Luft. Das war emotionale Erpressung. »Das ist sehr unfair.«
   »Was auf dieser Welt ist fair?« Eine Spur Bitterkeit mischte sich in die Stimme. Sein Tod war bestimmt nicht gerecht.
   Sie war auf ein Gespräch mit Kleo nicht vorbereitet. Sie hatte mit Kevin sprechen wollen, um ein wenig Normalität zu fühlen und eine Sekunde lang nicht über Prophezeiung und Krieg nachzudenken. Sie wollte sich entschuldigen, einen Teil der Last loswerden, das Chaos in ihrem Schädel lüften. Nun machte er alles schlimmer. Kevin war tot, obwohl er vor ihr stand. Mit ihm war jede Leichtigkeit zwischen ihnen gestorben. Es gab keine Auszeit von dem Verderben, denn es war ihr Leben. »Okay.«
   »Du wirst es nicht bereuen, Anna.«
   Sie bereute bereits, zugestimmt zu haben, aber sie konnte es schlecht zurücknehmen. Anna atmete tief durch.
   »Kannst du sie jetzt herrufen?«
   »Wenn ich das mache, will ich allein mit ihr sprechen.« Kevins Anwesenheit würde dafür sorgen, jedes Wort im Vorfeld abschätzen zu müssen. Sie wollte ihm nicht wehtun, aber Sebastian würde unweigerlich Teil des Gesprächs werden.
   Kevin schob die Augenbrauen zusammen. »Sie wird mir ohnehin den Verlauf eurer Unterhaltung erzählen.«
   Ach, so dicke waren sie. Der Gedanke besaß einen üblen Nachgeschmack. »Mir wäre trotzdem wohler, wenn wir uns ungestört unterhalten könnten.«
   Er machte ein langes Gesicht.
   »Es ist mir wichtig.«
   Er seufzte, aber nickte schließlich. »Sehen wir uns wieder?«
   Die Frage kratzte an ihren Nerven. Wenn sie Eva loslassen musste und Marla ihren Frieden ließ, sollte sie dasselbe mit ihm tun. »Möchtest du das?«
   »Ich wünsche es mir sehr.«
   Sie wünschte es sich ebenfalls. Manche Gesetze, auch die von Leben und Tod, waren dazu da, um gebrochen zu werden. »Dann werden wir uns wiedersehen.«
   Kevin deutete ein schwaches Lächeln an. Aus irgendeinem Grund fühlte es sich trotzdem nach einem Abschied für immer an.
   Er wandte sich ab. Anna sank das Herz. Sie starrte seinem Licht nach, bis es mit der Ewigkeit verschmolz. Ihr Kopf fühlte sich unbeschreiblich leer an. Fröstelnd rieb sie sich die Arme. Er hatte etwas von der Kälte des Jenseits zurückgelassen. Wahrscheinlich würde sie nie wieder richtig auftauen. Falls es stimmte, dass jeder geliebte Mensch, der einen verließ, eine Spur im Herzen hinterließ, war ihr Innerstes ein gottverfluchter Trampelpfad. Sie atmete tief durch, doch die erwartete Erleichterung blieb aus.
   Sollte sie tatsächlich mit Kleo sprechen? Sie hatte zugestimmt. Obwohl sie einen Moment ernsthaft in Erwägung zog, ihr Wort zu brechen, konnte sie Kevin das unmöglich antun. Sie hatte dieses Treffen viel zu lang auf die Wartebank geschoben. Es war unvermeidlich.
   Anna fasste sich ein Herz. Die Stimmbänder drohten, zu versagen, aber sie brachte ein heiseres Krächzen zustande. »Kleo? Mein Name ist Anna Graf. Ich weiß, dass du darauf wartest, dass ich dich rufe. Du kannst kommen. Ich bin bereit.«
   Wie der Lichtschweif einer Sternschnuppe kam ihr die verschwommene Seele entgegen. So schnell hatte sie noch keinen Geist in die Schatten rasen sehen. Geblendet hob Anna die Hand. Ein filmreifer Auftritt. Es stand fest, von wem Sally ihre Gene hatte.
   Wie immer zeigte sich der Tod von der Blütenseite des Lebens. Kleo war um einiges kleiner als ihre Enkelin, aber die Ähnlichkeit ließ sich nicht abstreiten. Ihre wallende, blonde Mähne schimmerte im Kerzenlicht. Die dunkelblauen Augen leuchteten von innen heraus. Ihr war sicher einiges im Leben in den Schoß gefallen.
   »Anna Graf. Das Mädchen, dessen Prophezeiung die Welt verändern könnte.« Sie zeigte ein breites Lächeln.
   »Kleo.« Anna nickte knapp. »Die Frau, die bewusst einen Teil der Prophezeiung zurückhielt, um ihren persönlichen Rachefeldzug über das Schicksal zu stellen.«
   Sie lachte auf. »Was für eine freundliche Begrüßung, aber ich habe nichts anderes erwartet. Wie kommst du darauf, Gerechtigkeit mit persönlicher Rache zu verwechseln?«
   Wow, die Tote war viel unsympathischer, als sie für möglich gehalten hatte. »Vielleicht, weil deine Freundin Charlotte es ebenfalls glaubt und sie dich sehr gut kannte. Oder, weil du ausgerechnet die Strophe, die den Magiern zugutekommen könnte, für dich behalten hast?«
   Kleo wich einem Schatten aus. »Des Arztes Tochter, jung und rein, wird siegen über Angst und Schein. Anna mit dem blonden Haar, beschwört die Geister, macht sich rar. Die Kraft der Gabe, so steht es geschrieben, wird in der Nekromantie liegen. Der Hexe Erbin eilt herbei, nun gebührt ihr die Zauberei. Wo alt versagte, jung wird’s richten, denn der Himmel nimmt sie in die Pflichten. Unheil gilt es abzuwehren, junge Magier zu bekehren. Die Arzttochter nur dann gewinnt, wenn sie sich auf ihr Herz besinnt.«
   »Ich kenne inzwischen beide Strophen. Warum hast du mit der zweiten hinterm Berg gehalten?« Weil Jonathan Fingerless ihr das Herz gebrochen hatte und sie ihm seins ebenfalls brechen wollte. Aber Jonathan besaß überhaupt kein Herz.
   »Um zu verhindern, dass sie falsch ausgelegt wird. Die Prophezeiung verliert kein Wort darüber, dass du einen Magier verschonen sollst. Sie erzählt davon, auf welche Weise du gewinnen kannst.«
   Ein kalter Atemhauch streifte Annas Nacken. »Was meinst du damit?«
   »Ich meine damit, dass du jede Chance nutzen solltest, um einen von ihnen in die Finger zu bekommen. Ich habe Bilder im Kopf, Anna. Ich habe gesehen, was du zu tun hast. Du hast das Vertrauen von einem dieser Wesen. Nutz es für dich. Es sollte ein Kinderspiel sein, ihn in die Hölle zu schicken.«
   Lähmendes Gift floss in ihre Eingeweide. Die Lunge verkrampfte und sorgte dafür, dass ihr das Atmen plötzlich schwerfiel. »Bezeichne ihn nicht als Wesen, das in die Hölle gehört.«
   Kleo rümpfte die Nase. »Ob er in die Hölle gehört, kann ich nicht sagen, doch er wird aller Wahrscheinlichkeit nach früher oder später dort landen.«
   Ihre Instinkte, die sich angewöhnt hatten, für Sebastian in die Bresche zu springen, sendeten eindeutige Signale. Sie wollte Kleo ohrfeigen, jedoch hätte die Bewegung mehr Kraft eingefordert, als sie aufbringen konnte.
   Kleo schenkte ihr einen langen Blick. »Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich habe dasselbe durchgemacht. Du hegst die Hoffnung, ihn verändern zu können. Du wünschst dir, dass eure Liebe stärker ist, als sein Drang, sich seiner Natur hinzugeben. Auf Dauer wird sie das nicht sein. Ein Magier ist und bleibt ein Magier. Ich habe Jonathan geliebt, Anna. Ich liebe ihn noch. Niemand kann etwas für das, was er ist, aber es ändert eben auch nichts. Sie sind gefährlich und haben in unserer Welt nichts verloren.«
   »Sebastian ist nicht Jonathan. Er hat Gefühle und ein Gewissen.« Ihre Stimme zitterte.
   »Wenn du glaubst, Jonathan Fingerless hätte das nicht, liegst du falsch. Er hat mich ebenso geliebt. Allerdings hat es ihn nicht davon abgehalten, mich zu töten. Was sagt das über die Natur der Magier aus?«
   »Du verstehst nicht …«
   »Falsch, Anna. Du verstehst nicht. Dein Sebastian besitzt eine Empathengabe. Was ihn zurückhält, ist der Spiegel aller Gefühle. Es bleibt eine Frage der Zeit, bis er sich an sie gewöhnt, darüber hinwegsteigt, um Tod und Verderben zu bringen.«
   Ein ohnmächtiges Gefühl wallte auf. »Seine gestohlene Empathengabe ist mit einem Hexenbann belegt. Sie hat keinerlei Einfluss auf sein Handeln.«
   Kleo schüttelte den Kopf. »Der Hexenbann ist in der Sekunde zerbrochen, als Thea Fingerless der Talentierten, die ihn gesprochen hat, die Kehle durchtrennte. Die Hexe ist tot, der Zauber verflogen. Sebastian ist ein Empath. Wie naiv bist du eigentlich?«
   Wie Eiskörner hagelten Kleos Worte in ihren Verstand. Sein Talent nahm weiterhin Einfluss? Sie sah sich Halt suchend um, während die Schatten unter ihren Füßen bebten. Das war unmöglich. »Das ist nicht wahr.«
   »Ach nein? Frag ihn, ob die Hexe noch lebt.«
   »Er lügt mir nicht seit Monaten ins Gesicht.«
   »Vielleicht ist er sich der Tatsache nicht bewusst, aber es ist, wie ich es dir sage. Ich bin nicht dein Feind. Ich will auch keine persönliche Rache an Jon nehmen. Himmel, ich gönne ihm jegliches Glück dieser Welt. Es hat jedoch keine Bedeutung, was ich ihm gönne. Die Fingerless sind gefährlich. Sie werden unsere Welt zerstören. Du musst aufhören, durch eine rosarote Brille zu sehen. Wie viele Menschen, die du geliebt hast, sind bereits tot? Alle anderen werden folgen. Hör auf, auf Zeit zu spielen. Horche auf dein Herz. Die Prophezeiung bittet dich doch darum.«
   Ihr Körper stand in giftigen Flammen. Sie versuchte, das brennende Gefühl niederzukämpfen, aber der Schmerz war überall und das Feuer zu stark. »Du kennst ihn nicht.«
   »Wie viele Leben sind dir seins wert?«
   Jedes dieser Welt, aber das konnte sie unmöglich aussprechen. »Du irrst dich.«
   »Ich habe Jahre lang in einer Wunschwelt gelebt. Ich habe daran festgehalten, Jonathan ändern zu können. Du bist auf dem Holzweg, Anna.«
   »Ich bin nicht du. Wir haben nichts gemeinsam.«
   Kleo zog Parallelen. Doch ihr Schicksal war nicht automatisch das Los der ganzen Welt.
   »Du strengst dich an, wie ich zu werden. Liebe macht blind.«
   Unter allen Fehlern, die sie begangen hatte, war dieses Treffen der größte. »Ich denke, wir beenden unsere Plauderei. Du kannst mir nicht helfen.«
   Sie seufzte. »Du willst nur jene Art Hilfe nicht annehmen.«
   »Bitte geh.«
   »Nein, denn du weißt nicht alles. Dieses Gespräch steht viel zu lange aus. Du hättest mich eher zu dir gerufen, aber dann kam James mit seiner bescheuerten Theorie daher.«
   »Gerade hat sie an Logik gewonnen.« Jede Theorie war besser als Kleos.
   »Nekromantie. Einen Engel beschwören, den es vielleicht nicht gibt?« Kleo schnaubte. »Wenn du Jonathan Fingerless aufhalten willst, solltest du dir eine andere Lösung überlegen. Diese Lösung steht gerade vor dir.«
   Anna weitete die Augen. »Wie bitte?«
   »Ich kenne Jon. Ich kann ihn stoppen.«
   »Also doch persönliche Rache.« Annas Stimme überschlug sich. Kleo hatte sich verraten.
   »Nein, keine Vergeltung. Wenn es nach mir ginge, würde ihm niemand zu nahe kommen. Jonathan und mich verbindet mehr, als der Glaube daran, verliebt zu sein.«
   Sie versuchte, ihr etwas zu sagen. Anna sortierte die Gedanken, Fragen tanzten durch ihren Kopf. »Was verbindet euch?«
   Kleo senkte den Blick. Die langen Wimpern wurden feucht, während der Teint um einige Nuancen erblasste. Sie gewann schlagartig an Sympathie. »Jon ist der Vater meiner Tochter.«
   Die Schatten drehten sich. Annas Knie wurden weich. In der realen Welt saß sie sicher im Schneidersitz, hier drohte sie, umzukippen.
   Kleo packte ihren Unterarm. »Ruhig Blut.«
   Ihr Blut war alles andere als ruhig. Explodierendes Adrenalin pumpte mit jedem Herzschlag durch die Venen. Sie musste sich verhört haben. Ihr Hirn war sicher bereits eingefroren, sodass sie halluzinierte. »Sally ist Jonathans Enkeltochter?«
   »Ja. Meine Tochter, Nina, lebt seit Ewigkeiten in einer psychiatrischen Klinik, obwohl sie nicht verrückt ist. Es war nicht die Suche nach dir, die sie durchdrehen ließ, sondern die erwachte Magie, gegen die sie täglich ankämpft. Sie ist ein Mischwesen. Mensch und Magier. Ich hatte keine Gelegenheit, jemanden einzuweihen, bevor Jonathan mich umgebracht hat.«
   Anna befreite sich aus Kleos Griff. Was bedeutete das alles? Sebastian besaß seine Empathengabe noch, Sally stammte von den Fingerless ab? Konnte es noch komplizierter werden? Allerdings brachten sie die Neuigkeiten keinen Meter weiter. Sie stifteten nichts als Verwirrung.
   »Ich habe mir gewünscht, dass sich Jon seiner Tochter annimmt. Ich habe gebetet, dass er ihr erklärt, was mit ihr los ist, und ihr hilft, die Magie zu handhaben. Doch das gelingt ihm ja selbst nicht.«
   »Weiß er, dass er eine Tochter hat?«
   Kleo schüttelte den Kopf. »Nein. Inzwischen muss ich sagen, Gott sei Dank. Nina hat bisher niemanden verletzt. Sie führt ein trauriges Leben, aber sie wird eines Tages sterben, ohne Schaden angerichtet zu haben, und dann zu mir ins Jenseits kommen. Ihre menschliche Seite dominiert. Er soll ihr nicht zu nahe kommen. Magier sehnen sich danach, wie wir zu leben. Die schwarze Magie hält sie jedoch davon ab. Sie glauben, sie zu beherrschen. Doch es ist anders. Jonathan kann unglaublich lieb sein. Du kennst ihn sicher nicht so, aber ich schon. Ich habe auf seine menschliche Seite geblickt und sie ist absolut liebenswert. Wahrscheinloch so liebenswert, wie der Teil, den du an deinem Sebastian gern hast. Aber ihre Macht ist wie Tollwut. Irgendwann schlägt sie zu und ihre Menschlichkeit wird nicht dagegen ankommen. Du musst mir vertrauen, Anna. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, einen der Magier zu verschonen, wäre ich sofort dabei. Wenn nur die winzig kleine Chance bestünde, sie am Leben zu halten, ohne alle anderen einer großen Gefahr auszusetzen, hätte ich sie gefunden. Jon ist meine Familie, Ninas Dad. Es gibt keine Lösung. Sie müssen sterben, damit die Menschen überleben können.«
   Es gab kein Wort, das ihre Gefühle zum Ausdruck brachte. Wenn Kleo und Sally vom selben Schlag waren, bestand die Möglichkeit, dass die Seherin ihr die größte Lüge aller Zeiten aufgetischt hatte. Aber wenn es doch kein Märchen war? Sie war ahnungslos in diese dunkle Welt gestolpert. Ihr begrenztes Wissen über Magier, Halbengel und Dunkelheit stammte von Sebastian und dem RFBM und damit von Leuten, die kein Interesse daran hatten, sich eigens mit dem Rücken an die Wand zu stellen.
   Eine heiße Träne rann über ihre Wange. »Ich muss nachdenken.«
   Kleo befeuchtete die Lippen, setzte an, etwas zu sagen, schluckte jedoch lediglich. Nach einer Weile ergriff sie erneut das Wort. »Überlege in Ruhe, ob ich nicht recht haben könnte. Es tut mir sehr leid. Diese Erkenntnis war für mich bereits mein Tod, bevor Jonathan mich umgebracht hat. Es zerreißt einen, aber damit müssen wir leben. Und sterben.«
   Sie ertrug Kleos Gesellschaft keine Sekunde länger. Gab es einen Menschen, der dem Teufel am nächsten kam, dann diese Frau. Doch ihr manipulatives Spiel ging nicht auf. Vor Monaten hatte Anna beschlossen, dass Sebastian ihr Vertrauen verdiente. Sie hatte sich entschieden, an ihn zu glauben, ihm bis in alle Ewigkeit den Rücken zu stärken. Nichts und niemand würde das Gerüst, das sie sorgsam errichtet hatte, zum Wackeln bringen. Was auch versuchte, ihre Überzeugung aus der Bahn zu werfen, konnte mit heftigem Gegenwind rechnen.
   Anna schlug die Lider auf und ließ Kleo im Schattenreich zurück. Die hellen Badfliesen ließen sie blinzeln. Sie hielt krampfhaft die Augen auf, um auf keinen Fall erneut ins Zwielicht zu tauchen. Ihr Atem verursachte kleine Wolken. Das Zimmer war eiskalt.
   »Anna?« Sebastians Stimme drang ins Badezimmer. Er klopfte gegen das weiße Holz. »Mach bitte auf.«
   Sie brauchte Zeit, um sich zu orientieren. Das Badezimmer hatte sich in ein Karussell verwandelt. Ihr Aufenthalt in den Schatten schien von längerer Dauer gewesen zu sein, als ihr Kreislauf kommentarlos wegstecken konnte.
   »Anna?«
   »Gleich.« Ihre Stimme war kaum ein heiseres Flüstern.
   »Ich zähle bis drei. Wenn du nicht öffnest, werde ich es tun. Eins …«
   Anna raffte sich auf. Ihre steifen Glieder kribbelten und taten weh.
   »Zwei …«
   Sie stieg über den Beschwörungskreis und taumelte zur Tür. »Stopp, ich mache auf.« Sie drehte mit fahrigen Fingern den Schlüssel herum.
   Sebastian machte die Tür auf. »Was ist los? Ich habe dich mehrmals gerufen.« Sein Blick glitt an ihr vorbei auf den Kerzenkreis. »Mit wem hast du gesprochen?«
   Kurz wurde ihr schwarz vor Augen. Sebastian stützte sie, und Anna streckte eisern die Knie durch.
   »Hey«, sagte er einen Tick sanfter.
   Anna schüttelte zögerlich den Kopf, darauf bedacht, den Schwindel nicht zu füttern. Sie lehnte sich gegen die Wand und befreite sich von seinen Händen.
   »Sprich mit mir.«
   Ihr blieb keine Zeit, sich eine Ausrede zu überlegen, außerdem konnte sie kaum einen zusammenhängenden Satz im Kopf bilden. Mit aller Macht versuchte sie, die Stimme zu beherrschen. »Hast du …?« Es ging nicht.
   »Habe ich was?«
   Himmel, ihr Herz raste verdammt schnell. »Hast du deine Empathengabe noch?«
   Verstörtes Schweigen. Sebastians Augen funkelten und ihr Eis verbreitete arktische Kälte.
   »Hast du das Talent noch?«
   »Es wurde mit einem Bann belegt. Das weißt du doch.« Er schüttelte den Kopf.
   »Aber die Hexe ist tot. Deine Mutter hat sie umgebracht, oder?«
   Von wegen Gegenwind. Kleo hatte ihr Zweifel in den Kopf gepflanzt. Ein Sprössling, der keinesfalls wachsen durfte.
   Er zuckte die Schultern. »Ja.«
   Oh. Mein. Gott. »Dann müsste der Bann gebrochen sein, oder?«
   »Was soll diese Frage? Ich kann nicht mehr spüren, was andere fühlen, falls du darauf hinauswillst. Meine Mutter wird den Bann aufrechterhalten haben.«
   »So etwas geht?«
   »Theoretisch bestimmt. Warum willst du das wissen?«
   Anna musterte ihn. Er sah unschuldig aus, seine Bestürztheit wirkte echt. Kleo mochte Jonathan kennen, sie hatte jedoch keine Ahnung, wer Sebastian war. »Besteht die kleinste Chance, dass dieses Talent nicht gebannt ist? Ist es möglich, dass du dich an die Gefühle gewöhnt hast? Bitte sei ehrlich. Hast du kein einziges Mal mehr aufgeschnappt, wie es mir oder sonst wem geht?«
   Seine Augen drangen auf den Grund ihrer Seele. Durch seine stahlharte Fassade traten Zweifel. »Ab und zu habe ich ein Empfinden in mir, das nicht mir gehört. Aber selten und nicht stark. Kein Vergleich zu dem, wie es am Anfang war.«
   Anna schloss die Augen. Er machte kein Geheimnis daraus, weil ihm offenbar nicht klar war, was das bedeutete. Sebastian war sein Talent nicht los. Kleo versank einen Treffer. »Du hast dich an menschliche Gefühle gewöhnt. Möglicherweise hast du auch angefangen, die Empathengabe zu kontrollieren. Ich fürchte, sie ist noch da.«
   »Was versuchst du, mir zu unterstellen? Dass ich nicht aufrichtig bin oder immer noch das Monster, das ich früher war?«
   Sie schlug die Lider hoch. Sein gequälter Gesichtsausdruck riss ihre Brust auf. »Ich unterstelle dir gar nichts, sondern versuche herauszufinden, was das heißt.« Sie trat an ihm vorbei auf den Flur, um aufsteigende Tränen zu verstecken.
   Sebastian packte ihr Handgelenk und hielt sie zurück. Er berührte ihre Schulter und wartete, bis sie sich umdrehte. Sachte legte er zwei Finger unter ihr Kinn, sodass sie seinem Blick unweigerlich standhalten musste. »Ich habe dich gerufen, weil ich mich entschuldigen wollte. Wir haben schon wieder gestritten.«
   »Du musst dich nicht entschuldigen«, flüsterte sie.
   »Doch, und zwar mit den Worten, die ich mir zurechtgelegt habe. Ich glaube, sie passen gerade ganz gut.«
   Er hatte sich eine Entschuldigung zurechtgelegt? Es verschlug ihr die Sprache.
   »Mein Name ist Sebastian Fingerless. Über ein Jahrhundert lang haben mir die Menschen nach dem Mund geredet, um mich nicht zu verärgern. Ich bin ein Magier und Magier kennen es nicht, dass ihnen Leute ein Widerwort geben. Deshalb hat es zwischen uns schon öfter geknallt. Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand eine andere Meinung hat, beziehungsweise diese offen kundtut. Du tust das aber. Du forderst mich damit heraus, bringst mich zum Nachdenken, wer ich überhaupt bin. Du zeigst mir meine Fehler auf und nennst mich einen selbstgerechten Idioten, wenn ich mich bescheuert aufführe. Es ist gut, dass mir das endlich jemand sagt. Anna, ich bin, was ich bin, weil du mich dazu machst. Ich liebe dich dafür. Solltest du jetzt behaupten, dass ich nur Gefühle für dich habe, weil diese bescheuerte Gabe deine widerspiegelt, ist das der totale Blödsinn. Ich habe auch früher gefühlt, nur weniger stark. Aber«, er befeuchtete die Lippen, »ein Millionstel von diesem unfassbaren Gefühl, das meine Brust wärmt, sobald du mich ansiehst, wäre immer noch mehr, als ich in Worte fassen könnte. Diese Gabe bedeutet nichts. Ob sie nun da ist oder nicht.«
   Er hatte noch nie etwas Schöneres gesagt. Dieser Moment war besonders. Er erinnerte an die Nacht, an der sie auf dem Parkhausdach über Köln geblickt hatten. Es war sein erster Versuch gewesen, seine Zuneigung zu beschreiben. Er hatte an jenem Abend keine Worte gefunden, aber nun sprudelten sie aus ihm heraus und muteten unheimlich perfekt an.
   Sebastian hob ihr Kinn höher und drückte die Lippen auf ihre. Es fühlte sich echt an. Sanft und voller Liebe. Warum zur Hölle hatte sie an ihm gezweifelt?
   »Tut mir leid«, flüsterte sie, als er ihren Mund freigab.
   »Das sollte es auch. Ich zweifel genug an mir. Wenn du in dieselbe Kerbe schlägst, weiß ich nicht, wie ich das durchstehen soll. Mit wem hast du gesprochen?«
   Die Antwort würde den Augenblick zerstören, aber früher oder später musste er es ohnehin erfahren. »Kevins Mutter war hier, um mich über den Beerdigungstermin zu informieren. Ich hatte das Gefühl, mit ihm reden zu müssen.« Sie biss sich auf die Unterlippe und wartete, dass ein Donnerwetter ausbrechen würde.
   Sebastians Miene erstarrte. »Du glaubst Kevin diesen Quatsch? Er war von Anfang an gegen unsere Beziehung.«
   Das war ziemlich jeder. »Er ist tot. Welchen Grund hätte er, mich anzulügen? Außerdem ist das nicht alles.«
   »Sondern?«
   »Versprich mir, nicht auszuflippen.«
   »Nach der Bitte kann ich das bestimmt nicht versprechen.«
   »Dein Vater hatte eine Affäre.«
   Sebastian gluckste. »Was?«
   »Ja. Mit der Seherin, die meine Prophezeiung gesprochen hat. Kleo, Sallys Großmutter.«
   Er strich sich die Haare aus den glitzernden Augen. »Mein Vater und ein Mensch? Niemals.«
   »Aus dieser Affäre ist ein Kind entstanden. Sallys Mom. Sebastian, du bist mit Sally verwandt. Dein Vater hat keine Ahnung, dass er eine Tochter hat.«
   »Wer hat dir diesen Floh ins Ohr gesetzt?«
   Sie hatte sich bisher nicht entschieden, was sie glauben sollte. »Kleo. Ich habe mit der Seherin gesprochen.«
   Wie vom eisigen Ostwind berührt, kühlte die Atmosphäre ab.
   Sebastian weitete die Augen. Eine Regung, die sie dazu veranlasste, augenblicklich in ihnen ertrinken zu wollen. »Das ist unmöglich.«
   »Und wenn es stimmt?«
   »Dann würde das weder etwas ändern, noch uns weiterhelfen. Aber es ist unmöglich.« Er hob die Stimme, als ob er sich selbst überzeugen müsste.
   »Kleo meint, ich soll nicht auf den Engel bauen.«
   »Was sollst du stattdessen tun?« Er schmälerte seine vollen Lippen.
   »Sie glaubt, dass sie mir helfen könnte.« Dich und die anderen zu töten.
   »Dann steht es für mich fest. Wenn wir Jenny finden, finden wir Sally. Ich glaube, die Zeit für eine Unterhaltung ist reif.«
   Sie kannte ihn inzwischen gut genug, um zu bemerken, dass er seine Ruhe vortäuschte. Himmel, er hing total in den Seilen. Kleo lag absolut daneben. Sebastian war nicht Jonathan. Sie würde um nichts in der Welt zulassen, dass es ihm an den Kragen ging. Er war so zerbrechlich wie hart. »Ich bin dabei. Finden wir Jenny und Sally.« Sie war es ihm schuldig. Möglicherweise besaß er Familie, von der er nichts wusste, die helfen konnte, ihn auf der richtigen Seite zu halten. Sally mochte eine Zicke sein, aber sie war keine eiskalte Mörderin. Es konnte gut sein, wenn ihm jemand vor Augen führte, dass es trotz magischem Blut anders ging.
   Sebastian nickte entschlossen. »Ich habe den Pfarrer angerufen.«
   »Welchen Pfarrer?«
   »Erinnerst du dich an den Kölner Heiler, der unsere Wunden nach dem unsanften Dachabgang behandelt hat?«
   »Ja, natürlich.« Er hatte ihre Wunden geheilt, nachdem sich Sebastian mit seinem Bruder ein Duell geliefert hatte, und Marla und sie von einem Hausdach gesprungen waren.
   »Du hattest recht. Wir kommen ohne Hilfe nicht weiter. Also habe ich ihn gebeten, in Marlas Haus nach Hinweisen zu suchen. Vielleicht findet er etwas, das uns zu Heather führt.«
   »Okay. Dann heißt es also abwarten.« Anna hoffte, zuversichtlich auszusehen. Sie trat an ihm vorbei, um die Kerzen auszupusten.
   »Ich konnte Frank damals nicht töten, weil ich ihn gern hatte. Kira musste das übernehmen. Ich habe Marla kein Haar gekrümmt und dem Kapitän ebenfalls nicht. Ich habe schlimme Dinge getan, aber anders als bei meiner Familie, war mir stets klar, dass ich etwas Falsches tue. Es liegt nicht an der Gabe.«
   Die Härchen an ihren Armen richteten sich auf. Sie sammelte die Beschwörungsutensilien ein und verbarg nur schwer, dass ihre Hände zitterten. Es war schlecht, dass er abermals davon anfing. Musste er sich überzeugen? Anna richtete sich auf und zwang sich zu einem Lächeln. Es war, als hielte sie ein gefährliches Messer in der Hand. Sie hoffte, ihn damit beschützen zu können, hatte jedoch eine Heidenangst davor, es eventuell gegen ihn richten zu müssen. Was um alles in der Welt tat sie, wenn Kleo recht behielt? Wenn ein Magier ein Magier blieb, ganz gleich wie stark er dagegen ankämpfte? Liebe war eine Droge. Entweder bescherte sie zauberhafte Illusionen oder den Tod. Es stand fest, wie das Amen in der Kirche: Wenn er am Ende vernichtet werden musste, würde es sie ebenfalls zerstören. Sie waren seelenverwandt. Sie konnten nur gemeinsam gut oder schlecht sein, leben oder sterben. Eine Existenz ohne den anderen war schlichtweg undenkbar. Sebastian war ihre Welt, aber leider, schien diese gerade zu beben.

4. Kapitel
Schwache Stärken

Ihre Killerstilettos verursachten ein Klackern auf dem billigen Linoleum. Sämtliche Köpfe drehten sich in ihre Richtung, während die Blicke, die ihr zuflogen, Erstauntheit aussprachen. Ihre Schritte übertönte die leise Rockmusik, die im Hintergrund spielte, während die Gespräche an den Tischen verstummten.
   Kira knöpfte den knielangen Mantel auf und schälte sich elegant aus dem schwarzen Stoff. Sie genoss den Auftritt. Wenn das Menschenvolk zu etwas gut war, dann für die Begeisterung, die ihnen bei ihrem Anblick ins Gesicht geschrieben stand.
   Dem langhaarigen Kerl hinter der Bar klappte die Kinnlade hinunter, während sie sich dem Tresen näherte.
   »Hi.« Kira legte ein Lächeln auf die leicht geöffneten Lippen. »Ich suche Tristan.«
   Einen Moment starrte der Typ sie an. Sie war vollkommen overdressed in den Laden spaziert, aber für das, was sie vorhatte, trug sie die richtige Garderobe. Dem Himmel wünschte sie trotzdem die Pest an den Hals, weil ihr der Schnee das dreihundert Euro teure Schuhwerk versaut hatte.
   Sie beugte sich über die Theke und gab einen Blick in den tiefen Ausschnitt des eng anliegenden Cocktailkleids preis.
   »Ähm, seine Schicht beginnt in einer halben Stunde.« Der Barmann wusste offenbar nicht, wo er hinsehen sollte. Nervös glitt sein Blick von ihren Augen zu ihrem Dekolleté, bevor er sich entschied, einen Fleck auf der Wand näher in Augenschein zu nehmen.
   »Ich warte. Bekommt man hier einen Drink?«
   Er nickte, griff hinter sich und schob eine Karte über das Holz.
   »Martini. Wodka, kein Gin, aber mit Olive.« Sie schenkte der Karte keine Beachtung.
   Er setzte an, etwas zu sagen, brachte allerdings lediglich ein Stottern hervor.
   »Was?«, fuhr Kira ihn an. »Überfordert dich das?«
   »Nein. Ich wollte fragen, ob Sie Eis wünschen.«
   Er siezte sie, obwohl er sicher zehn Jahre älter war. Menschlich gesehen natürlich. Sie schmunzelte. »Bitte.«
   Sichtbar erleichtert wandte er sich ab. Da bekam das Wort Fremdschämen gleich eine neue Bedeutung.
   Sie zog einen Hocker näher, setzte sich hin und schlug die Beine übereinander. Die halbe Stunde würde sie irgendwie herumbekommen, obwohl die Gesellschaft zu wünschen übrig ließ.
   Nachdem sie Josh in ihre Gedanken eingeweiht hatte, hatte er sich angestrengt, Anna und Sebastian ein weiteres Mal auszupendeln. Leider erfolglos. War sie schuld? Zwischen dem vierten und fünften Versuch war eine grausame Befürchtung aufgelodert. Was, wenn sie unbewusst verhinderte, dass das Pendel richtig ausschlug? Die leise Stimme, die immer heftiger in ihren Verstand zischte, schien Einfluss auf ihre Magie zu nehmen. Das unheimliche Empfinden, Anna Graf beschützen zu müssen, wuchs an. Sie musste herausfinden, ob sich das ekelhaft verliebte Pärchen erneut durch eine Hexe schützen ließ, oder das Wissen, dass Josh ihr wehtun würde, diesem fürchterlichen Auferstehungswahnsinn, die Sporen gab. Sie brauchte ein Hexentalent.
   Unglücklicherweise schienen diese Gaben in Deutschland inzwischen rar gesät zu sein. Die Fingerless hatten sich einen Großteil der Fähigkeiten geschnappt. Eher zufällig war sie im Handy des letzten Hexenopfers auf Tristan gestoßen. Der SMS-Verlauf sprach dafür, dass er ein passendes Talent besaß.
   »Bitte sehr.« Der Langhaarige stellte ein Martiniglas vor ihr ab.
   »Danke.« Kira nippte an dem Drink, bevor sie den Daumen hob. Ausgezeichnet.
   »Gelernt ist gelernt.« Seine Brust schwoll an, bevor er zur Tür sah. »Tristan.«
   Kira folgte seinem Blick. Ein junger Mann mit breiten Schultern und markantem Kinn trat sich die Schuhe auf der Matte ab. Seine Größe lenkte von dem braunen Haar und einem gesunden Teint ab. Er kam sicher an die Einsneunzig heran.
   Kira rieb sich die Schläfe. Mit so einem Mann konnte sie arbeiten, obwohl es fast schade war, diesem Exemplar die Kehle durchschneiden zu müssen. Das Schicksal nahm keine Rücksicht auf Schönheit.
   »Tristan?« Sie zeigte auf ihn. Ihr rot lackierter Fingernagel erinnerte an Blut.
   »Frau del Rossi«, antwortete er, ohne sie anzusehen. Augenscheinlich unbeeindruckt trat er hinter die Bar und begrüßte seinen Kollegen mit einem Handschlag.
   Kira entglitt ein überraschter Seufzer. »Sieh an, du weißt, wer ich bin.«
   Klasse, aber es komplizierte die Sache nur unwesentlich. Die Idee, ihm den Kopf zu verdrehen, bevor sie ihn umbringen würde, verlor allerdings an Schwung. Warum wirkte er nicht verängstigt?
   »Er wäre ein Idiot, wenn er sich an sie nicht erinnern würde«, flüsterte ein anderer Gast, der zwei Hocker entfernt saß, dem Langhaarigen zu.
   Kira rollte die Augen. Menschenmänner waren primitiv. Wo bestand noch gleich der Unterschied zu einem Affen?
   Tristan befreite sich von der Jacke, angelte ein Portemonnaie unterm Tresen hervor und schob es in die hintere Tasche seiner Jeans.
   »Knackiger Hintern«, kommentierte Kira sein ignorantes Verhalten. Höflichkeit gehörte sicher nicht zu seinen herausragenden Eigenschaften.
   Er trat an die Theke, stützte sich auf das dunkle Holz und senkte die Stimme. »Natürlich kenne ich deinen Namen. Dir habe ich meine Gabe, auf die du offensichtlich scharf bist, zu verdanken.« Seine sanftbraunen Augen leuchteten herausfordernd auf.
   »Dann weißt du, dass ich dich binnen einer Sekunde töten könnte, wenn mir danach wäre.« Die Vorstellung besaß nicht den gewohnten Reiz.
   »Versuchs doch.« Er kehrte ihr den Rücken zu und nahm seinem Kollegen ein Geschirrtuch ab. »Geh nach Hause, Alter. Feierabend.«
   Der Langhaarige nickte und band seine dunkelgrüne Schürze los.
   Kira nahm den Zahnstocher aus ihrem Glas und löste mit den Zähnen die Olive vom Stäbchen. So ein arroganter Mistkerl. Entweder war Tristan besonders dumm, extrem mutig oder wahnsinnig. Das wiederum war bewundernswert und irgendwie charmant.
   Tristan umrundete die Theke, warf ihr im Vorbeigehen ein abwertendes Lächeln zu und bediente den nächstliegenden Tisch. Mit drei leeren Gläsern in der Hand kam er zurück.
   »Du hast mir dein Talent zu verdanken?«
   Er kniff die Lippen zusammen. Sein Gesichtsausdruck sagte aus, was andere nicht mal mit dem Mittelfinger ausdrücken konnten.
   »Wen habe ich getötet?«
   Er schnaubte. »Wie traurig, dass du mich das fragen musst.«
   »Ich kann mich unmöglich an jede Hexe erinnern, die ich erledigt habe.« Sie warf die Haare über die Schultern.
   »Du hast die Großtante meiner Freundin getötet.«
   Kira lachte auf. »Die Großtante deiner Freundin hat dich als Erben eingesetzt? Ich dachte, meine Familienverhältnisse wären kompliziert.«
   »Sie hat sie ihr vermacht.« Er wandte sich ab und begann hinter der Bar, die abgeräumten Gläser durch Spülwasser zu ziehen.
   »Das Ding weilt auch nicht mehr unter uns?«
   Tristan verfiel in Schweigen. Sie hatte wohl einen wunden Punkt erwischt. Menschenbeziehungen endeten offensichtlich sehr oft in irgendwelchen Dramen.
   »Du bist nicht sehr unterhaltsam.«
   »Ich hatte nicht vor, deinen Animateur zu spielen.«
   »Möglich. Aber du spielst.« Es war nicht das übliche Katz-und-Maus-Spiel. Er zeigte sich unerschrocken, wenig imponiert und verhielt sich menschenuntypisch.
   »Der Rechtsbeirat hat sie ermordet«, sagte er leise, während er eine Bestellung in Gläser füllte. »Nachdem sie den Engländern von eurer Rückkehr berichtet hat.«
   Die Stimmung kippte. Nur Wut vermochte die Luft in die Atmosphäre eines Atomspannwerks zu verwandeln.
   »So, der dreckige RFBM.«
   Tristan umrundete mit der Bestellung den Tresen. Kira packte sein Handgelenk, als er an ihr vorbeilaufen wollte. Erschrocken ließ er ein Glas fallen, doch sie fing es rechtzeitig auf. Kein Tropfen ging zu Boden. »Ich brauche deine Hilfe.« Sie hielt ihm das Glas hin, das er ihr aus der Hand riss.
   Sie konnte ihm einen Fluch auf den Hals hetzen, dafür sorgen, dass er seinen blutigen Fingerabdruck auf ein Testament zu ihren Gunsten setzte, und ihn töten. Aber die neue Art zu spielen gefiel ihr. Dieser Kerl besaß etwas, von dem die meisten Leute keinen Schimmer hatten. Würde.
   »Warum sollte ich dir helfen?« Sein Mund verhärtete sich.
   »Weil die Alternative sterben hieße und für dich außerdem etwas dabei herumspringen würde.«
   Er musterte sie kühl. »Was sollte mir Kira del Rossi bieten können?«
   Das klang unverschämt. »Zum Beispiel lebenslanger Schutz vor sämtlichen Magiern.« Womöglich hatte Jonathan recht, wenn er sagte, dass einige wenige Menschen ihr Leben verdient hatten.
   Er grinste und legte damit eine Prise Provokation an den Tag. »Pack noch was drauf, wenn du mit mir ins Geschäft kommen willst.«
   »Geld?« Menschen waren erbärmlich käuflich. In ihrer Welt bedeutete Kohle Macht, weil sie wahre Stärke nicht kannten.
   Er schüttelte den Kopf. »Dich.«
   Kira stieß ein Lachen aus. Der Typ sollte ernsthaft über eine Karriere als Komiker nachdenken.
   »Interessant, dass dich das amüsiert. Ich war mir ziemlich sicher, dass du solche Äußerungen von Männern erwartest.«
   »Wie käme ich dazu?«
   »Du vermittelst der halben Welt, dich für unwiderstehlich zu halten, und versuchst, Angst zu schüren. Du zielst auf die Lust, nach dem Spiel mit dem Feuer.«
   »Denken ist offenbar nicht deine Stärke, Dr. Freud.«
   »Du bist auch nur ein Mädchen. Eins, dem man mehr Macht gegeben hat, als gut für es war.« Tristan straffte die breiten Schultern, stellte die Gläser auf den Tresen und hielt ihr die Hand hin. »Du willst meine Hilfe und etwas sagt mir, dass ich mit einer Zustimmung einen Pakt mit dem Teufel schließe. Also muss die Gegenleistung angemessen sein. Ich will lebenslangen Schutz vor sämtlichen Magiern und eine magische Nacht mit dir. Bist du dabei oder tötest du mich?«
   Kira schielte auf seine ausgestreckte Hand. Er besaß Pranken wie ein Löwe. Sicher waren diese Hände zu vielen Dingen fähig. Sein Angebot klang verlockend, aber es hatte ebenso Trauriges an sich. Der Kerl hatte nichts zu verlieren, sonst hätte er ihr kaum seinen Tod als Option gelassen. Eine Nacht mit ihm konnte durchaus interessant werden. Auf eine freche, unverfrorene Art, fühlte sie sich an sich selbst erinnert. Vielleicht hatte sie deshalb beschlossen, ihm nicht in der Sekunde den Hals umzudrehen, in der er ihren Namen ausgesprochen hatte.
   Kira schlug ein. Sein Händedruck war fester als erwartet. Diesen Tag sollte sich die Welt rot im Kalender anstreichen, denn es war das erste Mal, dass sie ernsthaft in Erwägung zog, ein Leben zu verschonen. Es mutete schwerer an, als über Leichen zu gehen, aber aus unerklärbarem Grund, fand sie seine Dreistigkeit ehrlich gut.

*

Mut, Disziplin und Glaube zählten zu den wichtigsten Eigenschaften, die man brauchte, wenn man sein Leben umkrempeln wollte. Es verhielt sich wie mit einem Fallschirmsprung. Ohne die drei Aspekte brauchte man sich nicht in den Flieger setzen. Selbst mit Courage, Durchhaltevermögen und Überzeugung, blieb der Abgang ein Sprung ins Ungewisse. Was geschah, wenn der Fallschirm beim Absprung nicht aufging?
   Sebastian saß, den Kopf auf die Hand gestützt, am Esstisch und beobachtete, wie Anna Eier in eine Pfanne gab. Sie versuchte angestrengt, Normalität auszustrahlen, aber etwas sagte ihm, dass sie versuchte, ihn zu täuschen. Die Empathengabe, an die er sich gewöhnt hatte? Intuition?
   Mit der Entscheidung, sich gegen seine Familie zu stellen, hatte er Mut bewiesen. Er hatte gelernt, sich zu beherrschen, und seither Ausdauer an den Tag gelegt. Ganz gleich, wie schwer es manchmal fiel, glaubte er, dass sein Verhalten richtig war, und dass am Ende alles gut werden würde. Er war quasi gesprungen, mit der Gewissheit, dass Anna ihn auffangen würde. Aber nun war er nicht sicher, was wirklich passieren würde, wenn er am Ende die Reißleine zog.
   Sie zweifelte. Sie war nicht dumm und versteckte ihre Skepsis sorgfältig, schließlich hatte er ihr mehr als einmal vorgelebt, wie sie dies am besten bewerkstelligte. Er war streng genommen der König des Argwohns. Ohne ihre Unterstützung würde sich der Sprung in einen Sturz verwandeln. Es lag klar auf der Hand, dass ihm der Aufprall das Genick brechen würde.
   Hatte sie recht? Besaß er seine Empathengabe noch, sollte er sich ebenfalls Sorgen machen?
   Sebastian drängte ein Seufzen zurück. Er brachte den Tag, an dem das Talent gebannt worden war, in seine Erinnerungen.
   Der Zauber hatte an seiner Seele gezerrt. Während die dunkelhäutige Hexe die Formel geflüstert hatte, waren Gefühle aus ihm geflossen. Es hatte sich angefühlt, als ob jemand mit einem Strohhalm sämtliches Glück und jegliche Wärme aus seinem Blut gesogen hätte. Von den einen auf den anderen Moment war ihm alles bedeutungslos vorgekommen. Sein Verhalten der Wochen zuvor hatte schlagartig jeglichen Sinn verloren. Die Leere in der Brust war allgegenwärtig.
   Warum hatten die Gefühle erneut zugebissen? Die Sorgen um Anna hatten sich einen Weg durch seine innere Kälte gebahnt, die Emotionen waren haltlos über ihm eingebrochen. Hatte Mom den Bannzauber gebrochen, indem sie die Hexe getötet hatte? Warum sollte sie das getan haben? Es war absurd. Er war die Fähigkeit, Gefühle anderer aufzuschnappen, los. Definitiv.
   Anna stellte die Pfanne auf den Tisch und riss ihn damit aus den Gedanken. Sie machte einen abgekämpften Eindruck. Zwischen dem Mädchen, in das er sich vor Monaten verliebt hatte, und der jungen Frau, die ihn aus traurigen Augen anblickte, lagen Welten. Die blonde Frisur war herausgewachsen, weshalb sie die inzwischen fast schulterlangen Haare ständig zum Zopf trug. Ihre einst goldene Haut war so blass geworden, dass sie einem Geist Konkurrenz machte. Sie hatte sicher zehn Kilo verloren, obwohl sie nie dick gewesen war. Ihre scheuen Züge waren hart geworden. Gott, er fühlte sich schuldig.
   »Sieh mich nicht so an«, bemerkte sie mit der Stimme, die wie Musik in seinen Ohren klang.
   »Wie sehe ich dich denn an?«
   »Penetrant.« Ihre Mundwinkel zuckten und erinnerten für einen schwachen Moment an ihr altes Ich.
   »Penetrant?« Er schob den Stuhl ein Stück zurück und zog sie unvermittelt auf den Schoß. »Ich möchte nie wieder mit dir streiten.«
   Sie roch fruchtig, unschuldig und unbeschreiblich gut.
   »Ich bezweifel, dass sich das vermeiden lässt.«
   Sebastian zwickte ihr in die Seite. »Hey. Ein bisschen Mühe darfst du dir auch geben.«
   »Ich gebe mir jeden Tag Mühe.«
   Ihre Worte trafen wie ein gespitzter Pfeil sein Opfer. »Das weiß ich.« Er nahm eine Gabel vom Tisch und fuhr damit in die Pfanne, bevor er sie an ihre Lippen hob.
   »Fütterst du mich jetzt?« Sie nahm den Bissen.
   »Du bist dünn. Dein knochiger Hintern bohrt sich in meine Beine.«
   »Du weißt wirklich, was Frauen hören wollen.«
   »Du hast den schönsten knochigen Hintern, den ich je gesehen habe.«
   »Blödmann. Das ist …«
   Sebastian schob ihr eine neue Ladung zwischen die Zähne. »Nicht reden, essen.«
   Anna kaute und nahm ihm die Gabel aus der Hand. »Hör auf damit. Ich fühle mich sonst wie ein Kleinkind.«
   In gewisser Weise war sie das. In der Welt der Magie verkörperte sie ein Neugeborenes. Sie war unschuldig in die uralte Fehde zwischen Magiern und Talentierten geraten und kämpfte einen Kampf, dem selbst er nach über hundert Jahren kaum gewachsen war. »Ich bin für dich verantwortlich.«
   »Wunschdenken. Niemand ist für mich verantwortlich.«
   »Ich empfinde es so.« Der Himmel hatte ihm seinen schönsten Engel anvertraut. »Weißt du, wann mir das erste Mal aufging, dass ich in dich verliebt bin?«
   Sie legte das Besteck zur Seite, sah ihn an und schüttelte zögerlich den Kopf. Eine seichte Röte stieg in ihre Wangen.
   »Erinnerst du dich an den Abend, als wir Hotdogs gegessen haben? Ich habe dich nach Hause gefahren.«
   »Natürlich erinnere ich mich daran. Ich erinnere mich an jede Sekunde, die wir zusammen verbracht haben.«
   Ein warmes Gefühl strömte in seinen Bauch. »Du hast auf diesem Gummibrötchen herumgekaut und es nicht geschafft, mir länger als eine Sekunde in die Augen zu sehen. Ich habe gespürt, was du fühlst, aber meine Gefühle haben sich mächtig von deinen unterschieden. Du warst total nervös, was mich wiederum selbstsicher machte. Dein Schmetterlingsflattern im Bauch vermischte sich mit der Unsicherheit, die dir meine Nähe bescherte.«
   »Ich weiß noch gut, wie ich mich gefühlt habe«, flüsterte sie.
   »Ich habe anders empfunden. Ich hatte das Verlangen, dich in den Arm zu nehmen, dich zu küssen, dir die Welt zu Füßen zu legen. Deine Nähe machte mich nicht unsicher, sondern auf merkwürdige Weise stark. Im Gegensatz zu dir habe ich mich wohlgefühlt.« Seine Gefühle waren erwachsener gewesen als ihre. Heftiger. Die Erinnerung war der eindeutige Beweis, dass es nicht ausschließlich Franks Empathengabe war, die ihn fühlen ließ. »Deine Schüchternheit und Zerbrechlichkeit hat einen Teil in mir angesprochen, der bis heute lebt. Ich will dich in Sicherheit wiegen und für dich da sein. Ich möchte, dass du mir gehörst.«
   »Ich gehöre dir doch.«
   Er lächelte. »Du hast in mir Liebe geweckt. In meiner vorherigen Beziehung kannte ich Begehren, Lust und Treue. Aber du fügst diesen Dingen Verbundenheit, Sicherheit, Zeitlosigkeit und Intimität hinzu. Zum ersten Mal muss ich mich nicht verstellen. Du nimmst mich mit all meinen Fehlern und Seiten. Ich werde dasselbe mit dir tun. Es ist egal, was du tust oder wie oft wir streiten. Es gibt nichts, das dieses Gefühl schmälern könnte. Kein einziges Stück.«
   »Jetzt sagst du zum zweiten Mal heute so etwas Schönes.«
   »Ich sage es viel zu selten, wie deine Verwunderung beweist. Unsere Situation ist scheiße. Vorher hatten wir Marla, bei der wir uns auskotzen konnten, aber inzwischen gibt es nur uns. Wir laden jeden Frust aufeinander ab und darum lief es die vergangenen Tage nicht gut. Wir müssen uns gelegentlich daran entsinnen, warum wir weitermachen und nicht aufgeben.«
   »Warum geben wir nicht auf?« Sie klang meilenweit weg.
   Er wertete ihre Frage als Aufforderung, schubste sie vom Schoß und nahm sie in den Arm, nachdem er sich erhoben hatte. »Damit wir diese Momente«, er biss in ihre Unterlippe, saugte an ihr, »in Zukunft viel öfter genießen können. Auf die Gefahr hin, dass dir das erneut Angst macht, muss ich sagen, dass mir die verdammte Welt egal ist. Ich stelle mich deshalb gegen meine Familie, weil du mir mehr wert bist.«
   Ihr warmer Atem streifte sein Gesicht. Sebastian löste ihr Zopfband und spielte mit einer blonden Haarsträhne. Jeder Fallschirm bedurfte Pflege, Wartung und Aufmerksamkeit. Beziehungen und Frauen brauchten es ebenfalls. Seine Wünsche konnten nicht aufgehen, wenn er sich nicht mehr um sie kümmerte.
   Annas Züge entspannten sich. Sie schloss die Augen und gab ein sehnsüchtiges Seufzen von sich, während er mit der Hand ihr Rückgrat hinabfuhr, unter ihren Pullover glitt. Seine Berührung wurde mit Gänsehaut belohnt. Sie tauschten zu selten Zärtlichkeiten aus, obwohl er sie eigentlich vierundzwanzig Stunden täglich anfassen wollte.
   Er schob mit der freien Hand die Pfanne zur Seite, umfasste ihre Hüften und hob sie auf den Tisch. »Auszeit. Lassen wir den Horror mal Horror sein.«
   Sie bejahte, obwohl sie nicht mit Worten antwortete. Ihre dunkelblauen Augen leuchteten, als sie ihn ansah, schickten ein Kribbeln durch seinen Körper. Wusste sie, wie hübsch sie war? Neben ihr verblasste alles, was er jemals mit Schönheit verbunden hatte. Sehnsucht, Verletzbarkeit und Schwäche vereinten sich in ihrem Blick zu einer Gewalt, die jegliche Sorgen aus seinem Kopf fegte.
   Die Dunkelheit in seinem Blut reagierte auf das erneute Aufeinandertreffen ihrer Lippen. Sie streckte ihre Tentakeln bis in seinen Verstand aus.
   Anna half ihm, sich von seinem Shirt zu befreien. Sein Körper ging in Flammen auf. Ihre Hände waren weich und warm, sodass es ihm die Sinne vernebelte. Verlangen weckte.
   Sie sprach jede Seite von ihm an. In ihrer Gegenwart hatte er das Gefühl, der schwarzen Magie Herr zu sein. Sie war präsent genug, um ihn ein bisschen wild zu machen, aber nicht unkontrolliert mächtig, dass er sie nicht im Zaum halten konnte. Ihre Berührungen ließen den Magier in ihm zittern.
   Liebe war stärker als das Böse. Die Erkenntnis legte an Gewicht zu, während er ihren Oberkörper entkleidete. Anna lag goldrichtig mit ihrer Aussage, dass das Leben nicht schwarz oder weiß war. Vereinten sich Licht und Dunkelheit, entstand eine Grauzone. Gegensätze zogen sich an, oder wie ihre Hand an seinem Hosenknopf bewies, auch aus. Allerdings war jenes Grau alles andere als farblos. Es war ein Regenbogen.

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