Wut, Verzweiflung, Hass – ein giftiger Cocktail. Sebastian schwört Rache und will seine Magierfamilie bluten sehen. Sie halten den Finger auf Annas Tod und sind nur einen Bruchteil davon entfernt, die Fehde endgültig zu gewinnen. Um sie aufzuhalten und seine wahre Liebe Anna zu retten, wagt Sebastian einen Schritt, der ihn in große Gefahr bringt und ihn am Ende sogar das Leben kosten könnte. Käme da nicht rechtzeitig Hilfe von unerwarteter Seite …

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ISBN: 978-9963-52-745-8

Seiten: 225

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Simone Olmesdahl

Simone Olmesdahl
Wassermännern sagt man nach, sie würden ein großes Maß an Kreativität besitzen. Die im Januar 1985 in Solingen geborene Simone Olmesdahl versuchte viele Jahre, den Kern ihrer Kreativität zu finden. Nachdem sie sich weder „Mal“- noch „Basteltalent“ auf die Brust schreiben konnte, fand sie ihre Leidenschaft im Verfassen von Geschichten. Simone liebt romantische Geschichten, ist Mitglied der DeLiA (Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren), und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht ein paar Sätze zu Papier bringt.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1 Rauchschwaden Die Nacht besaß viele Gesichter. Sie konnte bedrohlich wirken und Schatten zum Leben erwecken. Schatten, die man tagsüber nicht wahrnahm. Sie war manchmal ein Meer aus Stille. Die Nacht stand für Träume, gute wie schlechte, und gelegentlich zeigte sie sich in ihrer reinsten Form: Romantik. Wenn der Mond aufging und die Sterne leuchteten, war sie eine bildhafte Figur. Inmitten von Dunkelheit gab es dann auch Licht. Keine Ahnung, wann er angefangen hatte, die Dinge in Vergleichen zu sehen, aber mit dem Leben verhielt es sich oft ähnlich. Allerdings waren nicht alle Nächte sternenklar, einige waren rabenschwarz. Die heutige wurde von Wolken geprägt, die das Licht der Himmelskörper verschluckten. Es war dunkel draußen, aber nicht so dunkel wie in ihm. Kälte, Leere … Vielleicht war es Sebastians Schicksal, sich der Finsternis zu ergeben. Sie war da – in jedem Zentimeter seines Innersten – und sie betäubte. Für das, was er vorhatte, musste er stark sein. Er brauchte den Magier in sich mehr als jemals zuvor. Er badete schon viel zu lang in Selbstmitleid. Es war der letztmögliche Zeitpunkt, den Kopf aus dem Sand zu heben. Er schloss die Hände fester um das Lenkrad von Kiras weißem Jaguar und trat das Gaspedal durch. Jenny und er fuhren seit drei Stunden Richtung Westen. Der schlimmste Abend seines sehr langen Lebens lag hinter ihm. Aber er hatte es kommen sehen. Tief drinnen hatte er immer gewusst, dass die Fehde zwischen den Menschen und seiner Familie kein gutes Ende nehmen konnte. Nicht für Anna. Mit seiner Liebe hatte er sie an die Spitze der Abschussliste gesetzt. Für Jonathan Fingerless stand Anna für Schwäche. In seinen Augen durften Gefühle keinen Platz im Leben einnehmen. Die Autos, die vor ihnen auf dem linken Streifen der Autobahn fuhren, scherten bereitwillig zur Seite aus, sobald er dicht auffuhr. Sie überholten rote Rücklichter. Inzwischen hatte der Jaguar zweihundertzwanzig Sachen drauf. Es war ihm egal. Er war nie der Typ gewesen, der sich an Regeln hielt, und würde es wahrscheinlich auch nie werden. In den letzten Monaten hatte er eine grandiose Show abgezogen. Er hatte sich sogar selbst getäuscht und daran geglaubt, dass es glücken könnte, sich auf Dauer wie ein Mensch zu verhalten. Doch das Schicksal zeigte, wie sehr er darauf angewiesen war, an der Dunkelheit festzuhalten. Er war kein Mensch. Es war albern, diesem Traum nachzuhängen. Anna war tot. Er hatte zugelassen, dass Josh sie umbrachte. Sein Kopf spielte das Szenario des Abends wieder und wieder durch. Josh und Kira. Niemand überlebte, wenn sein Bruder und seine Exfreundin zu Höchstformen aufliefen. Sie hatten alle ermordet. Jennys Großeltern, Annas Familie, sogar das kleine Mädchen. Jeder Mensch in Evas Haus hatte ins Gras gebissen. Er sah Joshs Augenausdruck vor sich, der bestätigte, dass er auch Anna umbringen wollte. Warum war er nicht eingeschritten? Anna hatte ihn zum Erben ihrer medialen Gabe gemacht und sie kannten das Ritual, durch das er nun zum Nekromanten werden konnte. Theoretisch. In der Praxis war es unmöglich, an Annas Herz zu kommen, um die Formel umzusetzen. Josh und Kira hielten ihre Hände darüber. Aber Anna hatte es ja so gewollt … Eigentlich sollte es ihm in Anbetracht der jüngsten Ereignisse dreckig gehen, doch Sebastian war an einem Punkt angekommen, an dem nicht mal die Empathengabe irgendein beschissenes Gefühl widerspiegelte. Er hielt jede Regung auf Abstand. Die Erinnerungen strahlten durch seinen Körper, aber der Schmerz, den sie auslösen sollten, schaffte es nicht durch die schwarze Watte hindurch. Er hatte sich dem ergeben, was er war. Blut und Tod waren Konsequenzen, die nahezu jede Handlung und Entscheidung mit sich brachten, wenn man Fingerless hieß. Er hatte es akzeptiert, in der Sekunde, in der er Jenny aus dem Todeshaus geschafft hatte. Die einzige Chance, die er besaß, Anna nicht als verloren abzustempeln, verlangte nämlich die Kraft seiner dunkelsten Seite. Eine Seite, die es nicht duldete, an Verzweiflung zu ersticken. Damit war er durch. Er warf einen Blick in den Rückspiegel und begegnete seinen blauen Augen. Eine Farbe, die er von Dad geerbt hatte und die ihn auswies, ein Fingerless zu sein. Er war Teil der mächtigsten Magierfamilie der Welt. Er würde diese Macht verdammt noch mal zu nutzen wissen. Kira und Josh hatten ihre Rechnung ohne ihn gemacht. »Du fährst zu schnell.« Jennys Stimme drang zu ihm durch. Sie musste schon länger auf ihn einreden, doch er hatte bisher alles um sich herum ausgeschaltet. »Sebastian, bitte.« Er blickte zur Seite. Jenny war blass und die verweinten Augen gerötet, doch ihre Tränen waren versiegt. Ihre zerzausten roten Locken wirkten, als ob sie die letzten Stunden ständig mit den Händen hindurchgefahren war. Gott, das Leben hatte aus ihr einen Zombie gemacht. Sie war noch keine fünfzehn und hatte jeden verloren, der ihr etwas bedeutete. Wie sollte sie das verkraften? Er konnte nachempfinden, wie sie sich fühlte, auch wenn er gerade jedes Gefühl abblockte. Vielleicht waren Magier wirklich klüger als Menschen. Nicht menschlich zu empfinden, bedeutete, nicht zerstört werden zu können. Die Empathengabe hatte ihn in Trümmer gelegt. Seit er humane Emotionen aufschnappte und sogar fühlte, war alles kompliziert geworden. Damit war jetzt Schluss. Er konnte das Talent beherrschen. »Sebastian, du fährst zu schnell«, wiederholte Jenny nun lauter. Sein Blick folgte ihrem. Der Seitenstreifen der Autobahn war kaum zu erkennen und die Leitplanke verschwamm unter ihrer Geschwindigkeit zu einem Strich. »Du musst keine Angst haben«, erwiderte er. »Wohin fahren wir? Warum redest du seit Stunden kein Wort? Wir können doch nicht einfach verschwinden. Anna …« Er fiel ihr ins Wort. »Wir fahren nach Hause.« »Und wo ist zu Hause, Sebastian? Dieser Begriff hat doch überhaupt keine Bedeutung mehr.« Jenny schüttelte verständnislos den Kopf. »Ich weiß. Aber wir fahren zurück in euer Haus.« Er benötigte ein paar Dinge aus Marlas Nachlass, die ihm halfen, seinen Gedanken nachzukommen. Er brauchte weder die verschollenen Pergamente noch das Herz, um zum Nekromanten zu werden. Es gab einen anderen Weg, die Toten wiederzuholen. Einen beschissenen Vorteil musste der Umstand schließlich mitbringen, Fingerless zu heißen. »Wir müssen zurück zu Anna. Du weißt, was in dem Pergament der Nekromantie steht. Wir brauchen Annas Herz. Wenn wir sie wiederholen wollen, brauchen wir ihr Herz.« Jennys Stimme brach wie bröckelndes Styropor. Sie biss sich auf die Ecke ihrer bebenden Unterlippe. »Nein.« Kira und Josh hatten Tristan im Team. Der Hexenmeister kannte die Formel des Rituals, jeden einzelnen Wortlaut. Sie hatten Annas Herz sicher längst an sich genommen und würden nicht zulassen, dass Sebastian es in die Finger bekam. »Du willst sie im Tod lassen?«, flüsterte Jenny. »Anna hat dir ihre Gabe vermacht, damit du sie alle zurückholen kannst. Du darfst sie jetzt nicht im Stich lassen. Sie sind alle tot, Sebastian. Ich habe Joshs Gesicht gesehen. Er hat auch Anna umgebracht.« Ja, das hatte er mit Sicherheit. Josh war schließlich Josh und damit ein Riesenarschloch. Er stand ihrem Vater in nichts nach. Sebastian drosselte das Tempo und zog auf den mittleren Fahrstreifen. »Jenny …« Wie sollte er sie bloß beruhigen? Wenn er ihr von seinem Vorhaben erzählte, würde sie noch mehr durchdrehen. »Kira und Josh haben Annas Herz. Wir haben keine Chance, es auf diese Weise zu tun.« »Aber für sie ist Annas Herz wertlos. Weil du ihr Erbe bist. Nur du kannst damit zum Nekromanten werden. Bitte.« »Und du denkst, das reicht als Grund, dass sie es uns überlassen? Sie werden mir in die Schuhe pissen. Tristan wird Kira und Josh gesagt haben, was wir vorhaben, und er wird ihnen auch erzählt haben, wie das Ritual umzusetzen ist.« Dieser widerliche Hexenmeister … Er hätte ihn töten sollen, als er die Chance gehabt hatte. Sein Instinkt täuschte ihn eben nie. »Ich möchte, dass du anhältst«, sagte Jenny bestimmend. »Halt an.« »Nein.« »Ich weiß nicht, was in dich gefahren ist, aber ich will nicht länger in diesem Wagen sitzen. Ich will hier raus.« Sie presste die Zähne so fest aufeinander, dass ihre Wangen vor Anspannung zitterten. »Und was dann? Es gibt keinen Ort, an den du gehen könntest, und keine Person, die sich um dich kümmern würde. Wir sind allein und auf uns gestellt. Sie sind alle tot, Jenny. Du hast es selbst gesagt. Deine Mom würde erwarten, dass wir zusammenhalten.« »Du besitzt die Frechheit, die Mom-Karte zu ziehen? Was hast du vor? Du hast was vor, oder?« »Ich hole sie wieder. Glaubst du wirklich, ich würde sie einfach abschreiben? Ich werde sie alle wiederholen, aber dafür brauche ich kein Pergament und auch kein Herz.« »Wie willst du das anstellen?« Jennys Blick brannte auf seinem Gesicht. Er gab sich einen Schubs. Sie musste es erfahren. Sie würde schließlich live dabei sein. »Voodoo.« »Die Loa ist tot. Es gibt keine Möglichkeit, es mit Voodoo zu tun. Hast du das vergessen?« Doch, es gab eine Möglichkeit. Er brauchte die Loa nicht, um einem Dämonengott Kräfte abzuzapfen. Nicht, seit er Annas Talent geerbt hatte. Er war ein Magier. »Die Loa kann mir gestohlen bleiben. Ich werde das Ouija-Brett benutzen. Ich beschwöre einen Dämon in unsere Welt. Um genau zu sein, beschwöre ich einen Dämonengott und dann hole ich mir die Kraft von ihm, ein paar Tote zu wecken.« Jenny zuckte zusammen und sog scharf den Atem ein. »Das ist eine ganz üble Idee, Sebastian. Ein Dämonengott? Du bist nicht stark genug, es mit einem solchen Wesen aufzunehmen.« »Du zweifelst an mir?« Er schürzte die Lippen. »Ja, in dieser Sache zweifle ich an dir. Weißt du überhaupt, was du tust? Das ist doch vollkommen verrückt. Können wir darüber reden?« »Nein. Mein Vorhaben ist nicht verhandelbar. Ich hole deine Mom und deinen Dad wieder. Und Anna. Also ja, verdammt, ich weiß, was ich tue.« Wenn er den Dämon gemeistert hatte, würde er seine Familie suchen. Es war an der Zeit, den Rücken zu straffen und ihren Spielchen ein Ende zu setzen. Er brauchte den ursprünglichen Boten nicht, denn diesmal konnte ihn nichts davon abhalten, sie zu töten. Er brauchte niemanden, um das Chaos in Ordnung zu bringen, denn er hatte einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Magiern. Ihm war das Herz gebrochen worden. Ein Antrieb, auf den nicht einmal sein Vater zurückgreifen konnte, war ihm damit gegeben. * Rauchschwaden hingen in der Luft, stiegen in den Himmel, als tanzten sie zu einer schweren Melodie. Grau, so weit sie sehen konnte. Von allen Seiten kam der dichte Brodem, wie der Atem wütender Stiere, der sie einkesselte. Anna lief vorsichtig über scharfkantige Steine und wählte jeden Schritt mit Bedacht. Ihre Füße bluteten. Sie war barfuß unterwegs. Warum trug sie nichts außer einem weißen Kleid? Sie konnte nicht einmal sagen, ob es angenehm war, die dreckige Luft auf der verschwitzen Haut zu fühlen. Träumte sie, oder … vielleicht … Nein. Nicht weiterdenken. Sie wollte die Augen vor der Wahrheit verschließen, denn diesen Ort beim Namen zu nennen, machte ihn real. Es machte wahr, was sie tief in sich fühlte. Ein besonders spitzer Stein bohrte sich schmerzhaft in ihre Sohle und sie biss sich auf die Unterlippe, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Sie konnte beim besten Willen keinen Meter weitergehen. Wohin auch? Anna sank in die Hocke, fuhr mit der Hand über den Boden und suchte einen Platz, an dem sie sich niederlassen konnte. An manchen Stellen war der grobe Untergrund feuerheiß. Doch hier war es zum Aushalten. An diesem Platz konnte sie sich eine Weile ausruhen, ohne sich weitere Verbrennungen zuzuziehen oder sich die Haut noch mehr aufzureißen. Sie war schrecklich erschöpft. Sie setzte sich auf den Geröllboden und zog die Beine eng an den Körper. Mit zittrigen Fingern rieb sie sich die wunden Füße. Einige Risse waren blutig, andere Verletzungen bereits getrocknet. Ihr Kopf tat weh. Milliarden Bilder drückten gegen die Stirn. Sie kämpfte gegen Erinnerungen, die hinter ihren Schläfen Gestalt annehmen wollten. Sie durfte nicht zulassen, von den Szenen überrumpelt zu werden. Doch sie besaß nicht die Kraft, sich erfolgreich zu wehren. Wie ein wütender Bienenschwarm fielen die Erinnerungen über sie her. Summend. Laut. Vernichtend. Kalte, blaue Augen, ein hohes Lachen, Blut. Verschwommen sah sie den Moment vor sich, in dem der Fluch auf sie zugerast war. Verdammte Scheiße. Josh hatte sie getötet. Annas Herz begann wild zu klopfen. Sie fühlte den Puls in ihrem Hals. Wieso fühlte sie ihn? Sie war tot. Kira und Josh hatten alle umgebracht. Mom, Paps, Sally … Jennys Großeltern und den Heiler. Himmel, sie hatten nicht mal vor ihrer Schulfreundin haltgemacht. Sie war von Josh auf direktem Weg in die Hölle gejagt worden. Sie saß mitten in der Verdammnis. Dort, wo auch Kira nach ihrem Tod hingegangen war. Tief in ihrem Herzen hatte sie erwartet, Eva wiederzusehen und Marla zu treffen. Sie war davon ausgegangen, ihren Eltern zu folgen. Ein winziger Teil von ihr hatte den Tod sogar willkommen geheißen, denn die andere Seite, weit hinter der Schattenwelt, war wunderschön. Doch sie hätte verdammt noch mal wissen müssen, dass ihr der Frieden nicht vergönnt war. Es war ihr Vergehen an Waltraud, das ihr den Weg ins Jenseits versperrte. Da war kein Platz für Mörder. Wie hatte sie es fertiggebracht, diese unschuldige Frau umzubringen? Nun musste sie mit dem, was sie getan hatte, klarkommen. Das Sterben hatte nicht wehgetan. Das Schlimmste am Tod war die Ungewissheit darüber, bestimmte Dinge vielleicht nicht mehr wiedergutmachen zu können. Die ernüchternde Erkenntnis setzte sich kalt fest. Wenn sie bis ans Ende der Ewigkeit hier verweilen musste … Nein. Anna schloss für einen Moment die Augen. Für ein paar Sekunden wollte sie der Umgebung entfliehen, denn sie ertrug den Anblick nicht länger. Ein grauer Himmel, der hin und wieder glühend rot aufloderte, und eine unendliche Steinlandschaft, die nirgendwo endete. Sie sehnte sich danach, sich anzulehnen, aber es gab nichts, was sich dafür auch nur im Entferntesten eignete. Sie schluckte fest. Ein sandiger Geschmack lag auf ihrer trockenen Zunge. Stark bleiben. Im Grunde war es ihre Entscheidung gewesen, zu sterben. Nicht durch Joshs Hand. Das hatte sich zufällig ergeben. Aber um Sebastian zum Nekromanten zu machen, hatte sie sich dem Tod gestellt. Er musste den ursprünglichen Boten beschwören, um die Magier aufzuhalten. Dann musste er sie wiederholen. Sebastian. Sein Bild trat in ihr Gedächtnis. Sein schwarzes Haar, das seine ebenen Gesichtszüge einrahmte, seine eisblauen Augen, die sich mit Tränen gefüllt hatten, als sie ihn bat, ihr Erbe zu werden. In den letzten Wochen hatten sie viel gestritten. Er hatte schlimme Dinge getan. Ihm stand unweigerlich die Ewigkeit an diesem Ort bevor, wenn er irgendwann seinen letzten Atemzug tätigte. Wenn sie schon in die Hölle gehörte, was verdiente er erst nach all seinen Taten? Alles in ihr zog sich zusammen, während sie sich detailgetreu vorstellte, wie er durch die Steingegend stolperte. Anna schlug die Lider auf und strich ihre Haare aus dem Gesicht. Einige Strähnen klebten an ihrer Stirn. Wie lang war es her, dass sie gestorben war? Minuten? Stunden? Oder sogar Tage? Jede Sekunde wuchs zu einer kleinen Ewigkeit an, und ihr Zeitempfinden lief neben der Uhr her. Nun drängten doch Tränen nach draußen. Sie wollte nicht weinen, denn es kostete Kraft, die sie noch brauchen würde, um durchzuhalten. Sie musste den Albtraum überstehen, bis Hilfe kam. Hoffentlich holte Sebastian sie zurück. Er musste es schaffen. Sie vertraute ihm und wusste, dass er es durchziehen konnte. Er war stark genug, ihr Talent zu bedienen und dem Horror ein Ende zu setzen. Aber war ihm das ebenso bewusst? Wenn er den Kopf in den Sand steckte, sah es übel aus. Für alle. Jenny und er waren die einzigen Überlebenden in diesem Kampf. Ihr Herz sank fast ein Stück tiefer. Es tat ihr unsagbar leid, sie mit dieser Bürde allein zu lassen. Kräftiger Wind kam auf und brachte die stickig heiße Luft in Aufruhr. Der graue Nebel verdichtete sich. Anna nahm irritiert eine Hand vor die Augen, weil ihr Asche und Staub ins Gesicht wehten. Der Himmel färbte sich orange, als ein mächtiger Feuerball über sie hinwegzog. Was zum Henker …? »O mein Gott.« Die Härchen an ihren Armen richteten sich auf und ein dumpfer Druck wand sich durch den Magen. Etwas stimmte nicht … überhaupt nicht. Die graue Umgebung verdunkelte sich. Sie sah keine fünf Meter weit. Okay, durchatmen. Sie sollte lieber verschwinden. Anna hob sich auf die Füße und starrte angestrengt in die Wand aus schwarzgrauem Nebel. Etwas starrte zurück. Scheiße. Sie war nicht allein. Wenn sie in den letzten Monaten etwas gelernt hatte, dann ihren Instinkten besser zu trauen. Hier war jemand. Sie spürte die Präsenz von etwas Großem und Wildem. Die frostige Aura ließ sich beinahe greifen. Annas Herz stolperte und ein eiskalter Schauder rieselte über ihren Rücken. Was war das? Fest stand, es konnte nur etwas Furchtbares sein. Sie befand sich schließlich in der Hölle. Um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen, drehte sie sich langsam herum und versuchte, von der Stelle zu kommen. Barfuß auf dem spitzen Schotter war es unmöglich, ein forsches Tempo anzuschlagen. Sie hatte keine Chance, den Abstand auszubauen. Ihr Hals schnürte sich zusammen. Was auch immer sie ins Visier genommen hatte, jagte ihr Angst ein. Bilder brachen aus dem Unterbewusstsein und ließen die Fantasie mit ihr durchgehen. »Reiß dich zusammen«, flüsterte sie und streckte den Rücken durch. Eine Panikattacke konnte nur nach hinten losgehen. Sie war doch schon tot. Was sollte schon passieren? Der Boden unter ihr wurde heißer. Anna biss die Zähne zusammen. Mit jedem Meter lief sie nunmehr über glühende Kohlen, anstelle bloß auf scharfkantigen Steinen. Die getrockneten Risse an ihren Füßen platzten auf. Warmes Blut quoll zwischen ihren Zehen hervor. »Verdammt.« Immerhin klang der Wind wieder ab. Sie riskierte es, die Hände hinunterzunehmen. Rauch und Asche hatten ihr Tränen in die Augen getrieben. Alles sah dunkelgrau und verschwommen aus. Eins, zwei … Welche Richtung sollte sie nehmen? Drei … Anna zählte die Schritte, bis ein wütendes Schnauben die Stille durchbrach. Das Geräusch fror ihr Innerstes ein und die Angst übernahm ihren Herzschlag. Sie hatte schon Schlimmeres überstanden. Die Loa, Jonathan Fingerless, einen Dämon. Sie blieb stehen und mit dem Mut einer Löwin blickte sie über die Schulter zurück. »Wer ist da?« Das Echo ihrer kratzigen Stimme hallte durch die Luft. Sie fuhr sich über die Augen, damit sich ihr Blick klärte. Jeder Muskel in ihrem Körper verkrampfte, als sich dunkle Umrisse einer großen Gestalt im Rauch abzeichneten. Vergessen waren der heiße Schotter und der Schmerz in den Füßen. Sie brauchte ein Versteck. Aber wo um alles in der Welt sollte sie Deckung finden? »Bleib stehen!« Eine weibliche Stimme, streng und gebieterisch, zerschnitt die Atmosphäre. Sie kam von überall. »Du kannst nicht weglaufen. Ich finde dich.« Und ob sie weglaufen konnte. Sie versuchte, den gefährlichsten Steinen auszuweichen, und strengte sich an, so schnell wie möglich vorwärtszukommen. Jemand packte sie von hinten am Kleidausschnitt. Sie wollte sich losreißen, ruderte mit den Armen und schlug um sich. Was auch immer sie festhielt, verpasste ihr einen Stoß. Sie stolperte vorwärts und fiel auf den heißen, steinigen Boden. Ihre Knie und Hände platzten auf, zogen sich Schnitte und Risse zu. Ihr Atem ging hektisch. Auf allen vieren und mit der Gewissheit, dass ihr Angreifer direkt hinter ihr stand, ergab sie sich dem Schicksal. »Steh auf«, forderte die weibliche Stimme ernst. »Bitte«, flüsterte sie. »Tu mir nichts.« »Steh auf.« Anna zitterte am ganzen Körper. Sie wollte nicht aufstehen und sich auf keinen Fall umdrehen, aber sie hatte wohl kaum eine Wahl. Also atmete sie durch und kam schwankend auf die Beine, die jedoch gleich wieder nachgeben wollten. »Sieh mich an.« Gott, steh mir bei. Anna ballte die blutigen Hände zu Fäusten und drehte sich ganz langsam herum. Kapitel 2 Begegnung mit der Vergangenheit Josh hockte im Flur vor Annas leblosem Körper und schluckte gegen bittere Flüssigkeit an, die seinen Hals hinaufkroch. Das Nordseehaus war voller Blut und Leichen. Selbst für seinen Geschmack, der dem brutalen Tod durchaus viel abgewann, war das eine Spur zu heftig. Sein Magen machte Anstalten, sich umdrehen zu wollen. Er blickte zur weiß gestrichenen Decke und rang mit seiner Selbstbeherrschung. Wahrscheinlich würde er sich gleich übergeben. Kira kam aus dem Wohnbereich auf den Flur. Sie hockte sich neben ihn, warf ihre seidenschwarzen Haare nach hinten, und stützte sich an seiner Schulter ab. Sie hielt ihm das Brotmesser hin, das sie gerade geholt hatte. »Bitte.« »Ernsthaft, Kira? Ich werde nicht mit solch einem Ding in ihrem Brustkorb herumstochern.« Er betrachtete Annas blasses Gesicht. Ihre Lider waren geschlossen, ihre weichen Gesichtszüge entspannt. Sie sah friedlich aus. Vielleicht hatte er ihr mit dem Tod sogar einen Gefallen getan. Er wollte kein Mitleid haben. Nicht mit ihr oder sonst einem Menschen auf der Welt. Sie hatte seine Familie ausschalten wollen und Sebastian auf ihre Seite gezogen. Und sie hatte ihm in der verrotteten Wohnung des Voodoopriesters das Leben gerettet. »Wir brauchen ihr Herz. Sebastian wird es sich sonst holen und sie werden vor uns unsere Vorfahren wecken. Ich will, dass der Engel uns untergeben ist. Wir müssen schleunigst ein neues Medium finden und die Formel des Pergaments durchziehen.« Kira sprach aus, was sie zuvor gedacht hatte. Manchmal war es lästig, jeden Gedanken seines Umfelds aufzuschnappen. Aber so war das nun mal. Jede Medaille hatte zwei Seiten, und die Vorteile dieser Gabe überwogen bei Weitem. Josh überwand sein knurrendes Gewissen und griff sich Annas Pullover. Mit einem Ruck riss er ihn in der Mitte entzwei und entblößte ihren zierlichen Oberkörper. Er starrte auf ihre bleiche Haut, die blaue Unterwäsche und ihre Brust, in der das Herz schwieg. Scheiße. Er brachte es nicht über sich, Kira das Messer aus der Hand zu nehmen. In seinem Leben hatte sich selten etwas falsch angefühlt. Er war ein Fingerless und vertrat eigene Moralvorstellungen. Aber das hier? Das fühlte sich falsch an. Zum ersten Mal ging seine Meinung mit der seines Naturells auseinander. Josh raufte sich durch seine Locken und ballte die Hand im Haar zusammen. »Ich mach das nicht.« »Tz. Du hast sie getötet, Josh. Sie spürt das nicht mehr. Was ist los mit dir?« Er hatte sie getötet, weil es unumgänglich gewesen war. Annas Prophezeiung hatte laut Dad ihrer aller Untergang vorausgesagt. Ein Teil von ihm hatte allerdings Sympathien für sie gehegt. Anna war mutig gewesen und loyal. Eigenschaften, die nur wenige Menschen besaßen und die ein Fingerless zu schätzen wusste. Sie einfach mit einem Brotmesser aufzuschlitzen, war nicht in Ordnung. Ihr Charakter verdiente ein würdevolleres Vorgehen. Deshalb hatte er sie mit einem Fluch getötet. Respektvoll durch Magie. »Lass uns einfach ihre Leiche verbrennen.« Kira lachte sarkastisch auf. »Himmel! Verschwinde, Josh. Ich werde es tun. Wir werden sie bestimmt nicht verbrennen. Etwas sagt mir nämlich, dass Sebastian zu uns kommen wird, weil er ihr Herz will. Wenn er bloß einen Haufen Asche vorfindet, gibt es keinen Grund mehr für ihn, uns zu suchen. Ich gebe deinen Bruder aber noch nicht auf. Er ist Teil von uns.« Josh erhob sich und wandte Kira den Rücken zu. Warum hatte er ausgerechnet für diese Schlange Gefühle übrig? Sie würde sich nie mit ihm zufriedengeben, denn Kira del Rossi war nur glücklich, wenn sie nach etwas Größerem streben konnte. Etwas, das sie nicht haben konnte. Wenn Sebastian wirklich eines Tages den Weg zurück zur Familie fand, würde Kira auch ihn eintauschen und sich auf die Suche nach einem neuen Spielzeug begeben. Apropos Spielzeug. Der Hexenmeister, Tristan oder wie er auch hieß, stand an den Handlauf der Treppe gelehnt und sah zu ihnen herüber. Was wollte Kira von einem Menschen? Wieso hatte er sich nicht mit den anderen Begabten gegen sie gestellt? Sicher aus purer Feigheit. »Ich finde, unser Mensch hier sollte Anna das Herz aus der Brust holen. So kann er beweisen, dass er würdig ist, am Leben zu bleiben. Was willst du von dem Kerl, Kira?« Tristan stieß sich vom Geländer ab und trat auf ihn zu. Der dunkelhaarige, breitschultrige Kerl war einen halben Kopf größer als er und fing herablassend seinen Blick auf. »Du hast mir die Formel für das Ritual zu verdanken. Ohne mich würdest du keinen Engel auferstehen lassen.« »Noch haben wir kein neues Medium gefunden, um die Formel umzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt verdanke ich dir also mal gar nichts. Außerdem solltest du dich um einen anderen Ton bemühen. Du hast gesehen, was ich mit dem Rest in diesem Haus gemacht habe. Du stehst nur einen Zentimeter davon entfernt, ihnen zu folgen.« »Schluss mit euren Testosteronspielchen«, zischte Kira. »Tristan gehört zu uns.« »Er ist ein Mensch.« Josh knirschte mit den Zähnen. »Und du verhältst dich mal wieder wie einer.« Kira kam zu ihnen herüber. Sie gab Tristan das Brotmesser, der es ihr sofort aus der Hand nahm. »Siehst du, er tut es, ohne zu zögern. Er ist seinem Talent würdiger, als du es je sein könntest.« »Warum tut er es wohl? Doch nur aus Angst, dass wir ihn umbringen.« Tristan und Kira tauschten einen Blick und weckten Joshs Neugier. Er drang in ihre Gedanken. Kira erinnerte sich an einen Moment zurück, der nicht besonders lang her sein konnte. Sie saß in einer heruntergewirtschafteten Bar und suchte die Hilfe einer Hexe. Tristan. Josh schluckte, als er in ihrem Kopf seine Antwort auf die Frage hörte, was er als Gegenleistung verlangte. Er schüttelte sich angewidert und wandte sich um. Mit einem Knoten im Bauch trat er zur Tür. »Was wird das, wo gehst du hin?«, fragte Kira. »Fick dich, Kira. Oder noch besser: Mach dein Angebot wahr und fick ihn.« Josh drückte die Klinke hinunter, öffnete die Haustür und hielt inne. »Sebastian wollte dich nicht und mich hast du jetzt auch vergrault. Du wirst wohl dein armseliges Leben lang del Rossi heißen.« »Ich bin wie eine Tochter für Jon.« »Tja, ich bin sein Sohn. Willst du wirklich herausfinden, für wen er sich im Notfall entscheiden würde?« »Du willst dich mit mir anlegen?« Josh schnaubte und trat ins Freie. Nun auch noch mit einem Menschen zu konkurrieren, hatte er bei aller Liebe nicht nötig. Kira war zwar ein eiskaltes Biest, jedoch stand ihm diese Rolle auch gut. Ab sofort wollte er sie das spüren lassen. So ein Flittchen entmannte ihn bestimmt nicht. * Sebastian stellte den Motor des Jaguars ab. Die Scheinwerfer ließ er noch einen Moment auf das Haus gerichtet, da der Hof in vollkommener Dunkelheit lag. Er blickte durch die Windschutzscheibe nach draußen. Schon seltsam, dass Marlas Zuhause auf den ersten Blick verlassen wirkte. Völlig leblos. Dort wohnte niemand mehr, dabei waren erst ein paar Monate vergangen, seit sie das Haus verlassen hatte und später gestorben war. Wie es sich anfühlen würde, dort hineinzugehen? Seit die Hexe ihr Leben gelassen hatte, war er nicht hier gewesen. Das Fachwerkhaus an der verlassenen Landstraße stand für Sicherheit und Geborgenheit. Marlas Zuhause war auch für ihn ein Ort gewesen, an dem er sich wohlgefühlt hatte. Fern der Kälte, die seine echte Familie ausstrahlte. Hier hatte er gelernt, menschlich zu fühlen. Gefühle, die er im Augenblick von sich fernhalten musste. Wenn sie erst erwachten, stürzten sie garantiert über ihm zusammen. »Gerade dachte ich, Mom ist sicher zu Hause«, brach Jenny das Schweigen, das sich in der letzten Stunde über den Wagen gesenkt hatte. Sie hatte sich beruhigt und aufgehört, ihn von seiner Idee abzubringen. »Sie wird wieder nach Hause kommen, Jenny. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Okay?« Sebastian wartete nicht auf die Antwort, sondern fasste zum Wagengriff. Seine Hand zitterte, als er die Tür aufstieß. Es war der falsche Zeitpunkt, um Gefühlen die Vorherrschaft zu überlassen. Er kämpfte den Anflug von Nervosität und Trauer zur Seite, erhob sich aus dem Wagen und atmete durch. Jenny folgte seinem Beispiel und kam um das Auto herum. »Du hast nie eine mediale Fähigkeit besessen, oder? Weißt du überhaupt noch, wie man das Ouija-Brett benutzt?« »Ja, ich erinnere mich, was deine Mom zu Anna gesagt hat.« Der Tag, an dem Anna mit dem Brett Kontakt ins Jenseits aufgenommen hatte, zählte zu den furchtbarsten in seinem Leben. Er kam gleich nach diesem. Die Angst, die ihm im Nacken gesessen hatte, weil Anna und Marla nur einen Schritt davon entfernt gestanden hatten, herauszufinden, wer er wirklich war, hatte ihn wahnsinnig werden lassen. Wie wären die letzten Monate verlaufen, wenn sie es nie erfahren hätten? Wenn sie ihn weiterhin für einen Menschen und nur für den Erben von Franks Empathengabe gehalten hätten? Er hätte seine Familie davon abbringen können, Marla und Anna tot sehen zu wollen. Der Rechtsbeirat für besondere Menschen wäre nicht ins Spiel gekommen. Marla würde folglich noch leben. Anna wahrscheinlich auch. Es war nicht immer schlecht, im Dunklen zu tappen. Manche Dinge waren nicht dafür vorgesehen, ans Licht zu gelangen. »Gehen wir rein?« Jenny nickte zur Haustür. Sebastian nahm ihre Hand, drückte sie und verwob seine Finger mit ihren. Sie war wie eine kleine Schwester für ihn. Er hatte sich geschworen, für sie da zu sein, und wollte diesen Schwur nicht eine Sekunde lang brechen. »Ja, wir gehen rein. Und wir werden stark sein, hörst du? Für deine Mom, deinen Dad und Anna. Wir ziehen das durch. Wir können das schaffen, Jenny.« Jenny erwiderte den Druck seiner Hand. Sebastian zog sie vorwärts zur Haustür. Der Briefkasten links neben dem Türknauf quoll über und er nahm die Post, die aus dem Schlitz herausblickte, aus dem Kasten. Dann nutzte er seine Magie und flüsterte eine Formel, damit die Tür mit einem leisen Klacken aufsprang. Abgestandene Luft schlug ihnen entgegen. Die Umrisse der alten Echtholzmöbel traten in sein Blickfeld und die Dielen knarrten vertraut, als er sich als Erster ins Haus schob. Jenny schaltete das Flurlicht ein. »Es riecht muffig, aber auch nach Zuhause.« »Ja, wobei wir wirklich als Erstes die Fenster öffnen sollten.« Sebastian löste sich aus ihrer Hand und zog seine Jacke aus. Er warf sie gemeinsam mit Jennys über das Garderobenreck neben dem Eingang und durchquerte den urigen Korridor geradeaus in die dunkel eingerichtete Küche. Die Haustür fiel ins Schloss. Jenny war dicht hinter ihm, als er die Post auf dem großen Echtholztisch ablegte. »Weißt du, wo sie das Brett verstaut hat?« Er griff nach hinten und drückte den Lichtschalter links von der Küchentür. Die bekannte Umgebung ließ seine Kehle eng werden. In Marlas Haus war es schwer, an der Dunkelheit festzuhalten und die Gefühle außer Acht zu lassen. Jennys Empfindungen waren so intensiv, dass er sie auch in sich wahrnehmen konnte. Scheiß Empathengabe. Sie war hin und her gerissen zwischen tiefer Trauer, Angst, Wut und ein wenig Freude. Ihre Empfindungen drohten, seine eigenen zu wecken. Jenny ging zum Küchenfenster und öffnete es weit. »Sicher hat sie es zu den anderen Dingen auf den Dachboden geräumt.« »Dann lauf ich nach oben.« »Ich sehe in der Zeit nach, ob in den anderen Zimmern alles in Ordnung ist.« »Okay.« Er musterte Jenny noch einen Augenblick lang, machte auf dem Absatz kehrt und ging nach oben. »Sebastian?« Er blieb vor der Treppe stehen und blickte über die Schulter zurück. »Du willst keine Zeit verlieren, oder? Wir können nicht vielleicht bis morgen warten?« Ein Hoffnungsschimmer durchlief ihren Blick. »Lass es uns einfach schnell hinter uns bringen.« Keine Ahnung, wie lang er es schaffte, seinen Plan für gut zu befinden und alle Emotionen abzublocken. »Ich möchte nicht unnötig warten.« Sebastian lief die Stufen hinauf. Er war sich seiner Sache sicher. Wenn er bis morgen wartete, verließ ihn am Ende der Mut. Was er vorhatte, war nicht ungefährlich. Die Kräfte eines Dämonengotts waren dunkel. Vielleicht schwärzer als seine eigenen. Was passierte, wenn sie sich miteinander verbanden? Er wusste es nicht und ihm fehlte die Zeit, es herauszufinden. Sebastian machte Licht auf der ersten Etage, wandte sich der Leiter zur Dachbodenluke zu und versteinerte. »Was zum Teufel …?« Ein blondes Mädchen stand, die Arme vor der Brust verschränkt, an die Holzleiter zum Dachboden gelehnt, vor ihm. Er hätte sie unter Tausenden erkannt. Ihr rotes Tageskleid aus Wolle reichte bis zur Hälfte der Waden und wurde von einem grünen Wildledergürtel über den schmalen Hüften figurbetont zusammengehalten. Ihre schulterlangen Locken waren zurückfrisiert und fielen lose in den Nacken. Sie sah aus, als wäre sie einer Fotografie von 1948 entsprungen. Zu diesem Zeitpunkt war sie fünfzehn Jahre alt gewesen. Älter war sie nicht geworden. Ein Geist stand vor ihm. Er trug kein Salz bei sich und Annas Talent bescherte ihm eine Konfrontation der besonderen Art. Mist. »Rita.« Sebastians Stimme zitterte. »Du erinnerst dich also an mich.« Sie stieß sich von der Leiter ab und machte ein paar Schritte auf ihn zu. Die Härchen an seinem Arm richteten sich in Zeitlupe auf, weil die eisige Aura der Toten ihn wie eine Feder streifte. Sebastian blickte in ihre blauen Augen, die von langen Wimpern eingerahmt wurden. Eine über sechzig Jahre alte Erinnerung lebte auf, obwohl er mit aller Macht versuchte, die Bilder aus seinem Kopf herauszuhalten. Ein regnerischer Maitag. Dicke Regentropfen perlten die Fensterscheibe hinunter, und der Himmel war mit dichten Wolken verhangen. Seit ein paar Wochen waren sie in Deutschland zu Hause. Dad hatte im Westen ein Haus gekauft. Rita schloss die knarrende Tür hinter sich. Sebastian blickte sich um. Ihr Zimmer war spartanisch eingerichtet. Ein einfaches Bett, ein Schrank. Er war ein anderes Ambiente gewohnt, denn seine Familie besaß Geld. Doch für die meisten Menschen war es schwer, sich in der Nachkriegszeit über Wasser zu halten. Allerdings ging es ihm nicht um Geld und Wohlstand. Ihm ging es um Macht. Er hatte sich aus gutem Grund mit ihr angefreundet. Rita war Trägerin einer sehr besonderen Gabe. Einem Talent, das bald ihm gehören würde. Eine telekinetische Fähigkeit. Alles in ihm sehnte sich danach, sich zu holen, worauf er seit Tagen hinarbeitete. Rita kam betont langsam auf ihn zu und setzte ein hinreißendes Lächeln auf. Unsicher, ein bisschen schüchtern und gleichzeitig auch irgendwie frech. »Wir sind allein.« Ihre Augen leuchteten auf, als hätten sich in dem Blau ein paar Glühwürmchen versteckt. Billig. Jeder Hund besaß mehr Würde als ein Mensch. Ehrenhaftes Verhalten war ihnen fremd. Sie brachen Regeln, verstießen gegen moralische Vorstellungen und hielten sich nicht an Werte der eigenen Familie. Wie oft mochte Ritas Vater ihr verboten haben, einen Jungen nach Hause einzuladen? Und doch kümmerte es sie nicht, sobald er das Haus verlassen hatte. Respektlos. Und für diese Respektlosigkeit würde sie nun sterben. Rita neigte ihren Kopf zur Seite. Sie war hübsch, was es einfacher machte, Verliebtheit vorzuspielen. In Joshua hatte er einen guten Lehrmeister gefunden, denn sein Bruder war ein wahrer Herzensbrecher. Doch sein Herz gehörte längst Kira, auch wenn die von solchen Bekenntnissen nichts wissen wollte. Sebastian fasste nach Ritas Handgelenk und zog sie dicht an sich heran. »Ja, wir sind allein.« Ihr Lächeln erstarb und ihre blauen Augen wurden noch eine Spur größer. »Wenn mein Vater …« Er legte einen Zeigefinger auf ihre Lippen und brachte sie damit zum Schweigen. Zu spät. Sie konnte sich ihre aufgesetzten Gewissensäußerungen auch weiterhin sparen. Sie schloss die Augen. Sebastian hob ihr Kinn an und sein Mund traf auf ihren. Sie hatte weiche Lippen und schmeckte ein bisschen süßlich. Nicht so süß wie Kira, aber durchaus lecker. Und schwach. Vorsichtig öffnete er ihre Lippen. Es würde das letzte Mal sein, dass Rita einen Jungen küsste. Sein Atem ging schneller, in stiller Vorfreude, ihr das Leben zu nehmen. Sie blieb nun mal ein Mensch und ihr gutes Aussehen allein konnte sie nicht retten. Menschen waren armselige Kreaturen und sie verdienten es nicht, ein Talent in sich zu tragen. Sie konnten ja doch nicht anständig damit umgehen. Sebastian löste sich vorsichtig von ihr. »Du hast mir etwas versprochen«, flüsterte er gegen ihren warmen Atem. Rita schlug die Lider auf, ihr Blick war dunkel und sie wirkte benommen. Aber sie nickte zögerlich, senkte den Kopf und fuhr mit dem Daumen über ihre Lippe. Sie verbarg ihr Lächeln schlecht, während sie sich abwandte und zu ihrem Kleiderschrank ging, um ein in Leder gebundenes Tagebuch herauszuholen. Sebastian folgte ihr zum Fenster. Rita schlug die Mitte des Buches auf und riss eine Seite heraus. Dann griff sie zum Vierfarbenstift, der mit anderen in einem Glas auf dem Fensterbrett stand. »Ich werde dir in den Finger stechen müssen«, sagte sie und suchte in dem Glas noch nach einer Nadel. »Das halte ich sicher aus.« Ritas Handschrift war flüssig und klar. Mit eleganten Schnörkeln schrieb sie mittig auf das Papier: Testament. Telekinetische Gabe. Sebastian hielt die Luft an und hatte Schwierigkeiten, nicht nervös von einem Bein auf das andere zu treten. Konnte sie sich nicht etwas beeilen? Er wollte diese Fähigkeit so sehr. Inzwischen besaß er eine Hexengabe und das Talent der Weissagung. Telekinese, eine aktive Fähigkeit, würde ihn weitaus stärker machen. Rita legte den Stift aus der Hand und hob die Nadel vom Sims auf. Dann stach sie sich in den Zeigefinger, verteilte das Blut auf der Kuppe und setzte ihren Abdruck auf die herausgerissene Seite. Sebastian hielt ihr seine Hand ihn. Rita entschied sich für seinen Daumen. Sie stützte sein Handgelenk und führte die Nadel heran. Ein kurzer Stich, und Blutstropfen traten aus der winzigen Wunde. Sebastian presste seinen Daumen neben ihren Abdruck. Es war besiegelt. Er war offiziell ihr Erbe. Das war fast ein Kinderspiel gewesen. »Vielleicht überlebst du mich ja und wirst eines Tages meine Gabe erhalten.« Rita pustete sachte über die blutigen Abdrücke, faltete das Papier und wandte sich um. Mit Tagebuch und Testament bepackt ging sie durchs Zimmer zurück zum Schrank. »Mein Geheimnis ist gut bei dir aufgehoben, oder?« Sebastian fuhr in seine Hosentasche und holte das Taschenmesser hervor, das er von Josh vor einer Weile geschenkt bekommen hatte. Es war silbern und lag kühl in der Hand. Er klappte die Klinge aus. Leise trat er hinter Rita, presste die Zähne aufeinander und legte von hinten seine Hand um ihre Kehle. Sie lehnte sich an ihn. Naiv, wie Menschenmädchen waren, hielt sie es wohl für einen Annäherungsversuch. Er könnte es schnell tun und einen Fluch sprechen. Doch was wäre er dann für ein Magier gewesen? Sebastian schloss die Finger um ihren Hals und zwang sie, den Kopf nach hinten zu legen. Er drückte ihr die Luft ab. Rita versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. Sie hustete und rang nach Atem. Tagebuch und Testament glitten ihr aus der Hand und fielen auf den Boden. Das war der Moment, in dem sie wohl begann, sich Sorgen zu machen. »Se…bas…tian … Keine … Luft.« »Es ist gleich vorbei«, sagte er. »Bald bist du tot.« Ritas Augen weiteten sich panisch. Ihre schwarzen Pupillen wurden riesengroß. Er hörte, wie sich hinter ihm etwas bewegte, und riss Rita mit sich, als er zur Seite auswich. Das Glas mit den Stiften zersprang an der Kleiderschranktür. Sie nahm ihre Gabe zu Hilfe. Lächerlich. »Das wird mich nicht aufhalten, Rita. Hier ist nichts, was mir ansatzweise gefährlich werden könnte.« Rita strampelte, kniff ihm in Arme und Hände, bemühte sich, um sich zu schlagen. Doch er hielt sie fest und verstärkte seinen Druck auf ihre Luftröhre. Sebastian führte das Taschenmesser an ihren Hals. Ihr Widerstand lockte die Dunkelheit aus ihrem Versteck und Magie tanzte in sein Blut. Er spürte ihren Pulsschlag, ihre Angst jagte ihn in die Höhe, was ihn die Aorta leicht finden ließ. Er setzte die scharfe Klinge an und schlitzte ihr die Kehle auf. Erst längs, die Hauptschlagader entlang, dann quer, weil es cooler aussah. Blut sprudelte auf ihre Kleidung, lief über seine Hand, tropfte auf den Boden. Rita war stark und kämpfte lange gegen die Ohnmacht an, doch ihre Abwehrversuche wurden schwächer und irgendwann – sein Zeitempfinden hatte sich in Dunkelheit aufgelöst – sackte sie in seinen Armen zusammen. Ihre Augen fielen zu. Sebastian zählte in Gedanken bis drei und ließ sie los. Ritas schlaffer Körper ging hart zu Boden. Angewidert blickte er auf seine blutigen Hände, und auch seine Kleidung hatte Sprenkel abbekommen. Dass es immer so eine Sauerei mit sich brachte, ein Leben zu nehmen. Dieser Anzug hatte eine Menge Geld gekostet. Aber was war schon Geld, wenn er sich Macht holen konnte? Er ging rückwärts, setzte sich auf ihr Bett und erwartete voller Sehnsucht das neue Talent. Es dauerte nicht lang, bis es sich heiß in seine Blutbahn brannte. Ihm entschlüpfte ein Stöhnen, als Rita ihren letzten Atemzug tätigte … Sebastian tauchte aus der Vergangenheit auf. Ritas Geist stand nun ganz nah vor ihm. Die Kälte, die eine verstorbene Seele mit sich in die Welt brachte, verwandelte seinen Atem in kleine Wolken. »Du hast mich getötet. Warum?« Ihre blauen Augen füllten sich mit Tränen. »Du hast mir das Herz gebrochen und mich getötet. Ich war verliebt in dich.« Sebastian hielt ihrem Blick stand. Er durfte jetzt nicht den Fehler begehen, Schuldgefühle zuzulassen. Er brauchte seine Kraft noch. Er konzentrierte sich auf seinen Herzschlag, der Wellen der Dunkelheit durch seine Adern pumpte. »Tritt zur Seite, Rita.« »Nicht, bevor du mir eine Antwort gegeben hast.« »Ich bin ein Fingerless. Ich wollte dein Talent«, sagte er ernst. Daran gab es nichts schönzureden. »Du hast mich nie gern gehabt?« Rita biss sich auf die Unterlippe. Sie sah verletzt aus, obwohl ihr auf der anderen Seite bestimmt viele Menschen erklärt hatten, warum sie gestorben war. Er unterdrückte ein Seufzen. »Nein. Und jetzt verschwinde.« Sie schüttelte energisch den Kopf. »Ich könnte ganz leicht deinen Körper übernehmen. Ich könnte von dir Besitz ergreifen und dir dein Leben stehlen, wie du meins genommen hast. Ich schlüpfe in dich und begehe in deinem Namen Selbstmord. Das wäre fair, oder?« Ritas dünne Stimme bebte. Sie würde ihre Drohung nicht wahr machen. Die Dunkelheit in seiner Brust breitete sich aus. Kalt zuckte sie durch seinen Körper wie ein sich windender Aal. »Ich habe Dinge getan, die dein Verstand nicht aushalten würde. Versuche es und in der Sekunde, in der du in mich dringst, werden meine Erinnerungen deine Seele zerstören.« »Sebastian?«, rief Jenny die Treppe herauf. »Mit wem redest du?« »Bring mir Salz«, antwortete er knapp. »Ach du Scheiße.« Jenny war klug und verstand schnell, was los war. Ihre Schritte entfernten sich von der Treppe. »Du hast dich kein bisschen verändert. Du bist arrogant und selbstsicherer, als du sein solltest. Eines Tages wirst du dafür in der Hölle schmoren, Sebastian.« »Aber bis dahin vergeht noch viel Zeit.« Tränen liefen ihre Wangen hinab. Leise, glitzernd. Ihr verzerrtes Gesicht entblößte, wie sehr sie versuchte, sie zurückzuhalten. »Ich hasse dich.« »Ich kann dich zurückholen, wenn du willst.« Wenn er schon dabei war, Leben und Tod in Aufruhr zu bringen, konnte er sie gleich mit auferstehen lassen. »Ich werde mir die Macht holen, die Toten zum Leben zu erwecken. Wenn du willst, gebe ich dir dein Leben wieder.« »Durch ein gestohlenes Talent? Du bist ekelhaft. Niemand aus meiner Familie lebt noch. Ersticke an deinen Taten!« Jenny polterte die Stufen herauf. »Hier.« Er blickte zur Treppe und fing den Salzstreuer auf, den Jenny ihm zuwarf, doch noch, bevor er ihn in seine Tasche gleiten ließ, war Rita verschwunden. Als hätte sie sich in Rauch aufgelöst. »Wer war hier?« Jenny schlug die Stirn in Falten. »Ein Geist?« Sebastian befeuchtete seine Lippen. Seltsamerweise hatte die Begegnung keinen Effekt auf ihn. Sie erinnerte ihn, dass er stark war, wenn er den Magier in sich von den Ketten ließ. Vielleicht stark genug, um einen Dämonengott zu töten. »Niemand«, antwortete er. »Sie ist niemand.« Kapitel 3 Herja und der Dämonengott Anna hustete. Ein trockener Husten, der die Lungen schmerzen ließ. Sie war außer Atem. Der Pulsschlag, der in ihrem Kopf widerhallte und durch ihren Körper strahlte, ließ kaum zu, einen zusammenhängenden Satz zu denken. Sie starrte auf ihre Angreiferin und wich einen schwankenden Schritt zurück. Eine blonde Frau saß auf einem riesigen Apfelschimmel. Ihre wallenden blonden Locken waren vom Wind zerzaust und von schwarzen Strähnen durchzogen. Ein geflochtenes Lederhaarband hielt sie ihr aus dem Gesicht. In dem trägerlosen kurzen Kleid, das so braun wie die Erde war, und mit ihrer bronzenen Hautfarbe sah sie aus wie eine Amazone. Eine Kriegerin. Sie passte perfekt an diesen Ort, obwohl sie zeitgleich absolut nicht hierher passte. Sie ritt das stolze Pferd ohne Sattel, nur mit schwarzem Zaumzeug, und ihre schlanken Beine schmiegten sich an die Seiten des imposanten Tieres. Sie hatte etwas Bedrohliches, aber auch Beruhigendes an sich. Was um alles in der Welt …? Wer oder was war das? Anna räusperte sich und fand ihre Stimme wieder. »Wer bist du?« Sie hörte sich heiser an. Die seltsame Frau ließ die Zügel locker und das Pferd tänzelte kurz auf der Stelle. »Das kommt darauf an, wen du fragst. Einige nennen mich Azra oder Azrael. Für andere bin ich Malik und in manchen Kulturen heiße ich Herja. Du kannst dir aussuchen, mit welchem Namen du mich ansprechen willst.« Sie antwortete also schon mal. Anna betrachtete ihre ernste Miene und versuchte, aus ihrem steifen Gesichtsausdruck schlau zu werden. Erfolglos. War sie Freund oder Feind? »Was bist du?«, unternahm Anna einen zweiten Anlauf. »Auch auf diese Frage kann ich dir keine eindeutige Antwort geben.« Anna dachte angestrengt nach. Sie hatte diese Namen schon mal gehört. Azra oder Azrael. Ein Todesengel? Möglich. Malik war im Islam eindeutig ein Wächter der Hölle. Es war Ewigkeiten her, aber das Thema hatten sie vor langer Zeit in der Schule aufgegriffen. Malik machte Sinn, denn das hier war ein Ort, der sich getrost als Hölle beschreiben ließ. Sie hatte sich den Wächter allerdings etwas finsterer vorgestellt. Herja … Verdammt, sie war nicht belesen in religiösen Dingen. War Herja eine heidnische Walküre? Walküren waren ursprünglich Totengeister gewesen. Annas Gedanken schossen kreuz und quer. Aber vielleicht spielte es auch keine Rolle. »Du bist ein Engel, oder?« »Wenn du so willst.« Sie wiegte den Kopf hin und her. »Möglich. Es ist leichter, wenn du nicht versuchst, mich in eine Schublade zu stecken.« »Was willst du von mir?« Herja – Annas Kopf hatte sich entschieden, sie Herja zu nennen – seufzte tief. Ihre grünen Augen wurden eine Spur dunkler, als ob sie traurig wäre. »Wir müssen uns unterhalten, Anna.« »Wirst du mir wehtun?«, fragte sie leise. »Wurde dir nicht schon genug wehgetan?« Die Antwort streifte ihr blutendes Herz wie eine rasiermesserscharfe Klinge. Ja, ihr wurde schon genug wehgetan. Öfter, als ein Mensch aushalten konnte. Jeder Tod, jeder Kampf, jeder Tiefschlag. »Doch. Aber ich glaube, ich weiß, warum ich hier gelandet bin. Warum ich nach meinem Tod nicht ins Jenseits gegangen bin.« Weil sie eine Frau getötet hatte. Sie hatte eine alte Frau ermordet, um ihre Seele gegen Macht einzutauschen. Und wozu? Um letztendlich Kira del Rossi von den Toten auferstehen zu lassen. Kira, deren Verrat Anna durch Josh das Leben gekostet hatte. Ironie. »Ich bin hier gelandet, weil ich getötet habe. Also möglich, dass du mich bestrafen willst.« »Tut es dir leid?« Anna senkte den Kopf und nickte. »Reue ist ein guter Anfang, die Dinge richtig zu machen, Anna Graf.« Herja streckte den Arm aus und bot ihr die Hand an. »Steig zu mir auf. Wir sollten hier verschwinden und uns bei der Gelegenheit unterhalten.« Anna wog ihre Möglichkeiten ab. War es klug, zu einem Todesengel aufs Pferd zu steigen? Herja konnte ihr sonst was erzählen. Vielleicht tat der Wächter der Hölle genau das. Die Leute durch Lügen dazu bewegen, mitzugehen. Nur wohin? Sie fixierte weitere geschlagene Sekunden Herjas regungslose Miene und fasste sich schließlich ein Herz. Was konnte schon schlimmer sein als das, was sie bereits durchlebt hatte oder gerade durchlebte? Vielleicht hatte die Frau auch Antworten auf Fragen, die sie sich schon seit Ewigkeiten stellte. Möglicherweise war Herja sogar ihre Rettung. Anna strich das Blut von den Fingern am Kleid ab, trat an das Pferd heran und ergriff die Hand der Frau. Kraftvoll, sie war viel stärker als so eine zierliche Person sein konnte, zog sie Anna nach oben. Der Schimmel schnaubte aufgeregt. Anna hatte seit Kindheitstagen auf keinem Pferd mehr gesessen und doch fühlte sich der warme Körper unter ihr sofort vertraut an. Weich und sicher. Es tat gut, den glühend heißen Steinen zu entkommen. Sie atmete auf und schlang die Arme um Herjas schlanken Körper. »Ich habe dich aufgespürt, um dir Informationen zu geben, und dich von hier fortzubringen. Wir wollten uns nicht einmischen und haben versucht, es zu umgehen. Aber wir sind wohl an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr zu vermeiden ist.« Herja trieb das Pferd an, das sich langsam in Bewegung setzte. Seine Hufe verursachten kein Geräusch auf dem Geröll und es bewegte sich problemlos über den brennenden Schotter. »Was bedeutet, ihr wolltet euch nicht einmischen? In was? Und wen meinst du, wenn du in der Mehrzahl sprichst?« »Ich spreche von uns, den Wächtern über deine Welt. Eigentlich sollte man meinen, die Prophezeiung, die mein Bruder aussandte, wäre Botschaft genug, damit ihr wisst, was zu tun ist.« »Ihr habt die Prophezeiungen ausgesendet?« »Wir nutzen eure Weissager, um mit euch in Kontakt zu treten. Aber ihr habt die Worte falsch ausgelegt. Der Inhalt der Botschaft kam nicht an. Du hättest niemals an diesem Ort landen sollen, Anna Graf. Doch ihr habt euch nicht an die Anweisungen des Schicksals gehalten. Und deshalb seid ihr im Begriff, zu verlieren. Wir können das nicht zulassen.« »Meine Prophezeiung wurde falsch ausgelegt?« Herja warf einen missbilligenden Blick über ihre Schulter. »Ist es nicht hochnäsig, sie deine Prophezeiung zu nennen?« »Aber sie handelt von mir.« »Du solltest unser ausführendes Organ sein. Die Prophezeiung ist die Prophezeiung zur Rettung deiner Art.« Die Umgebung veränderte sich. Das Pferd bewegte sich anders vom Fleck, als es ihr möglich gewesen war. Als ob es riesige Schritte machte. Der dichte Rauch lichtete sich und die Luft wurde klarer. Der Himmel flackerte immer noch in orangeroten Tönen, doch der Untergrund, auf dem das Pferd lief, wurde gröber. Die Steine unter ihnen wirkten weniger spitz. »Wie ist die Prophezeiung richtig zu verstehen?« »Ich beginne von vorn, damit du alles verstehst.« Herja machte eine Pause. Ihre Schultern hoben sich, als ob sie durchatmen müsste. »Vor Ewigkeiten, Jahrhunderte ist es her, schickten wir einen Boten zu den Menschen. Eure Rasse stand kurz vor dem Aussterben, dabei war das Ende der Ära, die wir für euch andenken, noch lang nicht gekommen. Ihr habt wirklich großes Talent darin, es euch schwer zu machen.« »Du erzählst mir die Geschichte über die Herkunft unserer Talente?« »Es sind unsere Gaben, aber wir waren gewillt, sie euch auszuborgen, damit ihr euch retten konntet.« »Sie sollten uns nicht für immer gehören?« »Nichts ist für die Ewigkeit bestimmt, Anna. Sie sollten euch so lang gehören, wie ihr braucht, um euer Überleben zu sichern. Diese Zeitspanne sollte unser Bote bei euch auf der Erde bleiben und aufpassen, dass alles seinen Weg geht. Danach sollte er zu uns zurückkommen und unsere Gaben wieder mit nach Hause bringen. Allerdings haben wir feststellen müssen, dass ihr euch selbst im Weg steht. Nicht alle deiner Rasse verstanden die Hilfe, die wir euch anboten. Ein Großteil der Menschen sah sie als Bedrohung an. Sie hatten Angst vor den Fähigkeiten und Angst vor den Männern, an die wir die Gaben verliehen hatten.« »Und was passierte?«, fragte Anna, weil Herja verstummte. »Die Menschen schlossen sich zusammen, um die vermeintliche Bedrohung aufzuhalten. Kurzum: Sie machten Jagd auf den von uns geschickten Boten.« »Und er flüchtete zurück, ohne uns die Talente zu nehmen«, schlussfolgerte Anna. »Nein. Ihr hattet euch noch nicht gerettet. Hätten wir euch zu diesem Zeitpunkt die Gaben genommen, wär die Evolution eingetreten, Anna. Wir konnten euch die Talente noch nicht wieder wegnehmen und deshalb konnten wir den Boten nicht nach Hause holen. Wenn er geht, geht jede Fähigkeit mit.« Anna holte tief Luft. »O mein Gott. Der ursprüngliche Engel ist noch bei uns? Er ist nie gestorben oder nach Hause gegangen?« Die ernüchternde Erkenntnis überrollte sie mit der Macht eines Lkws. Seit sie von der Prophezeiung erfahren hatte, eiferte sie einem Plan nach, der nicht ausführbar war. Sie hatte den Boten wecken und ihn um Hilfe bitten wollen. Bittere Flüssigkeit sammelte sich in ihrem Mund. »Warum greift er nicht ein? Wie kann er all diese schlimmen Dinge geschehen lassen? Wo ist er?« »Wir mussten unseren Boten in Sicherheit bringen. Wir lügen nicht. Keiner von uns sagt jemals die Unwahrheit. Um ihn vor euch zu beschützen, mussten wir ihn vergessen lassen. Er weiß nicht, wer er ist. Nur so konnten wir sicherstellen, dass sich niemand an ihm vergreift und er verborgen bleibt.« »Mir ist schlecht.« Anna fuhr sich an die Kehle, die sehr eng geworden war. »Es tut mir leid. Uns allen tut es leid. Nachdem er vergessen hatte, wer er war, vergaß er, wie er mit der Macht, die er besitzt, umgehen soll. Ich glaube, tief in seinem Herzen hat er eine Ahnung, dass die Talente zu ihm gehören. Aber er erinnert sich nicht. Wenn ihr euch retten wollt, müsst ihr den Boten nach Hause schicken. Schickt ihn zu uns zurück, tötet ihn. Wenn er stirbt, sterben die Talente mit. Unser Bote muss die Menschheit verlassen.« »Er hat Nachfahren, Herja. Euer Bote hat Kinder in unsere Welt gesetzt. Es reicht längst nicht mehr, uns die Gaben zu nehmen. Die Halblinge haben Macht. Und was soll ich sagen, sie sind nicht … besonders nett.« Herja lachte leise auf. »Das ist eine äußerst charmante Umschreibung. Übrigens ein menschliches Problem. Es scheint jedem von euch zu Kopf zu steigen, Macht zu besitzen. Und sie sind zum Teil Mensch. Aber wenn der Bote geht, geht auch sein Blut.« Sebastian. »Sein Blut geht? Seine Nachfahren werden sterben?« »Nein. Der Teil von ihnen, der zu euch gehört, wird zurückbleiben.« »Sie werden zu Menschen werden?« »Sie sind bereits Menschen. Sie werden nur verlieren, was ihnen nie hätte gehören sollen. Euch ist es nicht vorbehalten, mit unseren Kräften zu spielen. Ihr beherrscht ja kaum die geliehenen Gaben. Unser Bote wird alles mit nach Hause bringen. Die Magie kann ohne ihn in eurer Welt nicht existieren.« »Das klingt fast zu einfach.« »Es ist einfach. Ihr habt angefangen, es kompliziert zu machen.« »Hast du eine Ahnung, was wir durchmachen mussten? Vielleicht wäre die Evolution das kleinere Übel gewesen. Wie um alles in der Welt soll ich das jemals verarbeiten? Wie soll der Rest von uns wegstecken, was passiert ist? Und warum zum Teufel war eure Botschaft, die Prophezeiung, dermaßen schwammig?« »Sie ist nicht schwammig«, zischte Herja scharf. »Ihr hättet nur eure Köpfe einschalten müssen. Sie sagt sehr deutlich, dass ihr nur den Boten ausschalten müsst. Sie stößt euch mit der Nase darauf, dass euch die Nachfahren nicht zu interessieren haben. Und doch habt ihr eure Kraft darauf verschwendet, euch mit ihnen anzulegen.« »Nein. Sie haben sich mit uns angelegt.« Jonathan Fingerless hatte ihnen den Krieg erklärt. Der Rechtsbeirat für besondere Menschen hatte sich auf die Brust geschrieben, über die Talente zu wachen. Das alles war nicht von den Begabten ausgegangen. »Ihr werdet euch an nichts erinnern, sobald der Bote euch verlassen hat. Euer Seelenleid wird vergehen.« »Nicht erinnern?« Sie schüttelte den Kopf. Ihre blonden Locken streiften über Annas Arme. »Alles, was mit Magie zu tun hat, wird vergessen sein.« Sie schluckte hart. Sie würde vergessen, was passiert war? Sie würde sich an keine Minute der letzten Monate erinnern? Vorausgesetzt natürlich, Sebastian holte sie ins Leben zurück. Denn im Augenblick war sie nach wie vor tot. Gott, Sebastian. Sie würde vergessen, ihn zu kennen? Ihn zu lieben? Er war der einzige Grund, weshalb sie diesen Krieg noch führte. »Was passiert mit denen, die schon gestorben sind? Was passiert mit mir?« »Wir können die Dinge nicht ungeschehen machen. Du hast einen der Nachfahren als Erben eingesetzt. Unklug, wie ich finde. Aber möglicherweise wird er Herz genug haben, sie einzusetzen.« »Es liegt also an ihm, mich und die anderen zurückzuholen?« »Hoffen wir, dass es ihm gelingt. Andernfalls war unsere komplette Unterhaltung wertlos. Wir werden im Zweifelsfall auf Plan B zurückgreifen und den Menschen eine neue Nachricht überbringen.« Anna schüttelte ungläubig den Kopf. Für sie, wer auch immer sie waren, war das alles offensichtlich nur ein Spiel. »Wir sind gleich da, Anna.« Herja lenkte den Schimmel in östliche Richtung. Unter ihnen war jetzt Sand, und der Himmel verlor sich in grauer Weite. »Wo ist da?« »Die Stelle, an der du die Grenze übertreten kannst. Ich bringe dich zu deinen Freunden und deiner Familie.« »Das Jenseits?« »Wenn du es so nennen möchtest.« »Sebastian ist Träger der medialen Gabe. Wenn ich diesen Ort hier verlasse, werde ich Kontakt zu ihm aufnehmen können, oder? Ich kann ihm sagen, was ich jetzt weiß.« »Wenn er kein Salz bei sich trägt.« Mist. Er war nicht dumm. Natürlich würde er Salz am Körper tragen. Aber dann musste sie eben ein anderes Medium finden. Jemand musste erfahren, was zu tun war. Und dann würden sie alles vergessen. Ihre Organe zogen sich zusammen. Sie hatte nicht daran geglaubt, dass alles gut werden würde, aber in ihren Vorstellungen war es ein Happy End gewesen. Sie erreichten eine Mauer. Herja trieb den Schimmel in einem leichten Trab die rauen Steine entlang. Anna spähte nach oben, doch die Wand schien nirgendwo zu enden. Plötzlich blieb das Pferd stehen. »Siehst du dort vorn den schmalen Durchlass?« Herja wies auf einen Spalt in der Mauer. »Ja.« »Geh dort durch. Es kann eine Weile dauern, aber du wirst sicher auf der anderen Seite ankommen.« Anna nahm die Hände von ihr, ließ noch ein paar Sekunden die letzten Minuten sinken, und rutschte von dem Schimmel hinunter. »Wie finden wir den Boten? Wenn er nicht mal selbst weiß, was er ist?« »Du weißt, wer der Bote ist, Anna.« »Nein.« Woher sollte sie das wissen? »Anna.« Herja zog ihren Namen in die Länge. »Denk scharf nach. Tief in dir kennst du seinen Namen.« Ein Schauder rieselte über ihren Rücken und breitete sich auf ihrem Körper aus. Sie versuchte, an dem Kloß, der ihr plötzlich im Hals saß, vorbeizuatmen, aber es gelang nicht besonders gut. Sie konnte doch nicht … Sie meinte nicht … Wie zum Himmel sollten sie diesen Mann töten? »Nein, das ist nicht wahr.« Herja schenkte ihr ein trauriges Lächeln. »Er weiß, dass es seine Talente sind und sie euch nicht gehören. Er ist nicht böse. Er erinnert sich bloß nicht. Ich glaube, für ihn ist es schwer, in eurer Welt zurechtzukommen.« »Er ist nicht böse? Er hat weiß Gott wie viele Menschen auf dem Gewissen.« »Du hast selbst getötet.« »Das ist etwas völlig anderes.« »Das ist es immer, wenn es die eigene Haut betrifft. Seinem Sohn hast du auch verziehen.« Anna wandte sich um. Kein weiteres Wort war nötig. Der Bote war nicht aufzuhalten. Sie versuchten immerhin schon seit Monaten, Jonathan Fingerless zu töten. * Sebastian starrte auf das antike Mahagoniholzbrett, das er aus einer altertümlichen Kiste geholt und auf den dunklen Küchentisch gelegt hatte. Buchstaben und Zahlen waren in das Holz eingraviert und im blassen Kerzenlicht, für das Jenny gesorgt hatte, stachen die weiß nachgezogenen Linien hervor. »Vielleicht solltest du die Küche verlassen, Jenny.« Jenny, die sich ihm gegenüber an den Tisch setzte, schüttelte entschieden den Kopf. »Nein. Ich bin eine Hexe und kann mich wehren. Du wirst das nicht allein machen. Falls du Hilfe benötigst …« »Brauche ich nicht.« Gott, er benahm sich echt wie ein Arsch, ihr ständig ins Wort zu fallen. Aber er brauchte ihr Vertrauen und nicht ihren Unmut. Er wusste, was er zu tun hatte. Er musste den schwarzen Stein, einen Onyx, den er in der Hand hielt, auf das Brett legen und die mediale Gabe arbeiten lassen. Der Stein würde sie einsaugen. Mit dem Finger auf dem Onyx würde er ins Jenseits hineinrufen. Er hatte vor, Marla oder Anna anzusprechen und den Stein im Gespräch loszulassen. Den Finger vom Stein zu reißen, öffnete das Portal zu Dämonenwelten. Mithilfe seiner Schwarzen Magie würde er ihren Gott hervorlocken. Klang ziemlich einfach. »Du musst das nicht tun. Wir können auch einfach dieses Brett wegräumen und uns etwas anderes überlegen«, versuchte Jenny ihn auf ein Neues von seinem Vorhaben abzubringen. »Du weißt nicht mal, wie viel du von der Kraft des Dämons aufnehmen sollst. Du bist nicht die Loa. Ich habe ehrlich Angst.« »Jenny, hör auf. Es gibt keinen anderen Weg. Ich schaffe das schon, aber du musst es bleiben lassen, mich nervös zu machen.« Dieselben Gedanken hatte er sich doch auch schon gemacht. Er wusste nicht, wie viel Macht er diesem Gott abzapfen konnte, wie viel er brauchte oder auch nur vertragen konnte. Aber er würde jetzt nicht den Schwanz einziehen. »Wie du meinst.« Jenny presste die Lippen sichtbar fest aufeinander. Sebastian atmete durch und legte den schwarzen Stein mittig auf das schwere Brett. Es musste einfach gut gehen. Er konnte Anna nicht verlieren. Josh würde diese Tat noch bitter bereuen. Jenny streckte ihre Hand aus. »Du sagst, ein weiterer Finger ist ein Kraftspender?« Er schob bestimmend ihren Arm zurück. »Ich habe mehr Kraft, als der Stein aushalten könnte. Ich bin kein Mensch, Jenny.« »Nein, aber ein größenwahnsinniger Spinner. Ich kann es nicht leiden, wenn du diese Heldenmaske aufsetzt.« »Und ich kann es nicht leiden, dass du nicht mal fünf Minuten den Mund halten kannst.« Er brachte sie mit einem strengen Blick zum Schweigen. Sebastian konzentrierte sich und versuchte, tief in sich zu gehen. In ihm schlief Annas Talent und es war an der Zeit, es bewusst aufzuwecken. Er holte den Salzstreuer aus seiner Hosentasche und legte den Zeigefinger kurz entschlossen auf den Onyx. Dann schob er seinen Pulloverärmel nach oben. »Fühlst du was?« Er schüttelte den Kopf. Nichts. Fünf Sekunden lang passierte einfach nichts. Er wusste nicht mal, auf welches Empfinden er überhaupt wartete. Doch dann, schneller als es wahrscheinlich bei einem Menschen geschah, rieselte ein Schauder über seinen Arm, als ob er von kaltem Regen getroffen wurde. Bunte Funken stoben tanzend über seine Haut und versanken schimmernd in dem pechschwarzen Stein. Ein schöner Anblick. Annas Talent machte sich auf den Weg. Er bekam mit, wie es ihn verließ. Ein dumpfes Gefühl legte sich in seinen Magen. Jenny schnappte nach Luft und öffnete schon wieder den Mund. »Pst.« Er schüttelte den Kopf. Der Stein glühte in bunten, hellen Farben auf und wurde warm unter seinem Finger. »Finde Marla Cole«, sagte er zu dem Stein. »Ich will mit Marla Cole sprechen.« Er rief sich Marlas Bild vor Augen. Ihre dunklen Locken, das schnörkelige Tattoo auf ihrer Stirn. Scheiße, er vermisste sie. Das Gefühl schaffte es durch die Wand, die er um sich errichtet hatte. Bisher hatte Marla ihre Kontaktaufnahme ins Jenseits ignoriert. Anna hatte es mehrfach versucht. Aber er war nicht Anna. Die Beziehung zwischen Marla und ihm war besonders. Außerdem lief das Jenseits inzwischen über mit Opfern seiner Familie. Sie wollte bestimmt hören, dass es Jenny gut ging. »Marla? Wie geht es Anna?«, fragte er mit fester Stimme. Jenny begann, nervös mit den Fingern zu spielen und auf dem Stuhl herumzurutschen. Sie hätte die Küche lieber verlassen sollen. Mit ihrer toten Mom zu sprechen, würde ihr nur das Herz aufreißen. Aber Sturheit war eine Frauenkrankheit. Der Stein wurde warm und bewegte sich über das Brett. Er nahm seinen Finger mit. Sebastian hielt den Atem an. Marla antwortete. Bingo! Der Onyx fuhr über das Holz und erreichte das N. Dann rutschte er über weitere Buchstaben. Nicht hier. Nein! Er versuchte, nicht darüber nachzudenken, was ihre Antwort zu bedeuten hatte, aber ihm wurde augenblicklich anders. »Ich hole euch wieder, Marla. Ich bin dabei, einen Dämonengott zu beschwören und mir die nötigen Kräfte zu holen. Ich bin nicht sicher, ob du weißt, was hier passiert ist. Wahrscheinlich haben dich die zuletzt gefolgten Leute unterrichtet. Mach dir keine Sorgen. Jenny ist bei mir.« Der Stein ruckelte schwermütiger als zuvor über die Buchstaben. Es dauerte doppelt so lang, bis sie einen Sinn ergaben. O Gott. »Ja, so ähnlich hat deine Tochter auch reagiert.« Sebastian riss den Finger vom warmen Stein. Schnell, bevor Marla auf die Idee kam, ihre Meinung auszustoßen. Das Talent hob sich aus den Tiefen des Steins und wehte in bunten Partikeln zu ihm herüber. Die Teilchen legten sich zurück auf seine Haut, versanken in seinem Arm und hinterließen ein Prickeln, als hätte er Champagner getrunken. Sebastian biss die Zähne zusammen, schloss die Augen und ließ die Dunkelheit aus seinem Herzen ins Blut strömen. Sie hatte auf diesen Moment gewartet, seit Minuten gelauert und jagte kräftig durch seine Adern. Berauschend. Heiß und kalt. Schlagende Wellen türmten sich auf, schraubten seinen Puls in die Höhe und brachen mit Gewalt in seinen Verstand. In Bruchteilen von Sekunden war die Schwärze überall. Sebastian lauschte seinem Herzschlag, forschte nach seinen Instinkten, animierte seine sensibelsten Sinne. Das Tor stand offen. Feine Luftzüge, die von allen Seiten kamen. Etwas passierte direkt hinter ihm. Sein Innerstes flüsterte zischende Warnungen in das dunkle Netz in seinem Kopf. Und dann fühlte er die große Quelle. Der Gott der Kreaturen, deren Welt er geöffnet hatte, war verdammt nah. Es machte sich bezahlt, ein Empath zu sein. »Komm raus, du Bastard. Oder ich hole dich.« Er schlug die Lider auf. Jenny erhob sich von ihrem Stuhl. Aus riesigen Augen starrte sie auf eine Stelle hinter ihm. »Sebastian? Da kommt was.« Die Kerzenflammen im Raum streckten sich weit nach oben. Sebastian stand auf und drehte sich langsam herum. Ihm war ein bisschen schwindlig. Die Magie hatte es selten so eilig gehabt. »Ja, da kommt was«, antwortete er ruhig. Eine schwarze Rauchwolke wuchs an, ausgehend von dem Punkt, an dem er die Macht gefühlt hatte. Sie warf lange Schwaden, breite Kringel und loderte in der Mitte rötlich auf. Diese Dämonen sahen alle gleich aus. Er war schon solchen Kreaturen begegnet, hatte für Anna einen Dämon getötet, aber dieses Exemplar verkörperte Macht. Seine Gefäße zogen sich zusammen und seine Organe versuchten, sich umzudrehen. Er hatte nicht erwartet, dass es so einfach werden würde, ihren Gott hervorzulocken. »Du musst das stoppen«, flüsterte Jenny, die den Blick nicht von der Rauchwolke nehmen konnte. »Geh raus, Jenny. Verlass die Küche.« Wo nahm er diese Ruhe her? Der düstere Rauch spuckte eine Flammenzunge. »Grundgütiger. Sebastian, was hast du da getan?« Jenny zitterte wie Espenlaub und hielt sich am Tisch fest. »Raus«, wiederholte er schärfer. »Geh lieber.« Sie taumelte einen Schritt zurück, schüttelte entsetzt den Kopf, wandte sich aber um und stürzte aus der Küche. Der einbrechende Rauch nahm Gestalt an. Der Dämon war riesig und verdammt breit. Seine Bewegungen wirkten verschwommen und seine Umrisse waren unscharf. Die Augen glühten abwechselnd grün und rot und es gab einen Unterschied zu den anderen, denen Sebastian in seinem Leben begegnet war. Das Rauchwesen strahlte glühende Hitze aus. »Wie dumm kann ein Mann sein? Du forderst einen Gott heraus, Magier?« »Glaub mir. Nicht gern, wenn ich dich so ansehe.« Sebastian musste das Herz des Dämons erwischen. Inmitten dieser feuerheißen Rauchschwaden musste es irgendwo sitzen. Es war immer das Herz, wo Macht schlief. Zum ersten Mal kreuzte der Gedanke seinen Verstand, dass sein Plan mehr als schlecht durchdacht war. Aber die Dunkelheit hinter seiner Stirn erlaubte dem Gedanken nicht, sich festzusetzen. Der Dämon griff vorwarnungslos an. Der heiße Rauch setzte seine Massen in Bewegung und die verzerrten Umrisse einer Hand versuchten, nach Sebastian zu packen. Das Teil hatte Klauen. Das war der Moment, in dem Sebastians Instinkt übernahm. Die Magie erkannte die Gefahr vor sich, und die Schwärze biss zu. Kräftiger, als sie es je getan hatte. Alles um ihn herum drehte sich. Dann umfasste ihn etwas. Er nahm die Hitze wahr wie glühende Lava, heiße Fäuste. Den schweren Rauch, der ihn versengte. Verdammt! Nur die dunkle Wand, die seine Magie in ihm gezogen hatte, hielt ihn auf den Beinen. Und das eher schlecht als recht. Kapitel 4 Felswände Kira blickte in Tristans blasses Gesicht. Seine Hautfarbe hatte einen grünen Hauch angenommen, während er Anna das Herz aus der Brust geholt hatte. Er saß vor der Leiche und hielt das Organ fest umschlossen in seiner zittrigen Hand. Das blutige Messer war ihm aus den Fingern zu Boden geglitten. Seit Minuten hatte er sich zu keiner Bewegung oder auch nur einem Wort durchgerungen. Und trotzdem hatte er es durchgezogen. Für sie. Obwohl es für einen Menschen, der über ein viel sensibleres Gewissen als ein Magier verfügte, verdammt schwer sein musste, hatte er Kiras Bitte befolgt. Die Blutgerinnung der Toten hatte eingesetzt und die rote Farbe quoll zäher aus der klaffenden Brust als zu dem Zeitpunkt, in der das Messer ihren Leib getroffen hatte. »Du bist mein persönlicher Held, Tristan.« Kira trat hinter ihn, ging in die Hocke und legte eine Hand auf seine kräftige Schulter. »Mir ist schlecht«, flüsterte er. »Es war nötig. Wenn sich Sebastian erst ihr Herz und dann mithilfe dieses Pergaments die Kraft holt, die Toten zu rufen, wird er meinen Vorfahren wecken. Wenn der Bote ihm gehorcht, wird er mich töten, noch bevor ich uns beiden unsere Wünsche erfüllen kann.« »Du wirst dein Versprechen halten?«, fragte er. »Ja.« Kira hatte ihm ein Angebot gemacht, das er nicht ausschlagen konnte. Während Josh bereits auf dem Weg an die Nordsee gewesen war, hatte sie dafür gesorgt, die Loyalität des Hexenmeisters für sich zu beanspruchen. Es war knapp gewesen, denn er hatte kurz davor gestanden, die Seiten zu wechseln. Er hatte sein Wissen, was in dem Pergament der Nekromantie stand, nur mit ihr geteilt, weil sie ihm ein Versprechen gegeben hatte. Sie würde ihm Julie wiederholen. Das Mädchen, von dem er seine Gabe geerbt und die der Rechtsbeirat für besondere Menschen getötet hatte. Tristan nickte gedankenverloren. »Okay. Wo soll ich das … Herz hintun? Ich will es loswerden.« »Warte.« Kira erhob sich aus der Hocke, stieg über ein paar Tote hinweg und ging in die Küche. Ihr Blick fiel ins Wohnzimmer, wo Annas Vater und diese Heather leblos auf dem Boden lagen. Sie seufzte und wandte sich der hellen Küchenanrichte zu, um in den Schränken nach einer Tüte zu suchen. Sie wurde unter der Spüle fündig und riss einen großen Gefrierbeutel von der Rolle, bevor sie zurück zu Tristan ging. Er war aufgestanden und fing ihren Blick auf. »War das hier wirklich nötig?« Er deutete auf die vielen Menschen, die ihr Leben gelassen hatten, und deren Körper den Flur übersäten. »Du verstehst das nicht, Tristan.« »Nein, ich verstehe es nicht. Die meisten von ihnen stellten keine Gefahr für dich dar. Es waren unschuldige Menschen. Macht ist nicht mit Grausamkeit gleichzusetzen. Aber genau das tust du, um dich zu rechtfertigen. Du tust mir fast ein bisschen leid, Kira.« »Willst du mit mir streiten?« »Nein, ich versuche, dir etwas zu erklären. Etwas, das du nach Jahrzehnten noch nicht verstanden zu haben scheinst. Früher oder später wirst du diese Dinge bereuen, denn irgendwann forderst du einen Feind heraus, der dich mit deinen eigenen Waffen schlägt.« Kira lächelte amüsiert. »Da ist niemand, der mir gefährlich werden könnte.« »Und deshalb nimmst du das Herz des Mediums an dich? Du hast Angst. Nicht davor, dass dein Exfreund deinen Vorfahren weckt, sondern du fürchtest dich, ihn verloren zu haben. Sebastian Fingerless ist dir gefährlich geworden, denn er holt deine menschlichste Seite hervor. Die Seite, die dich zu Fall bringen wird, wenn du sie nicht akzeptierst und zu beherrschen lernst.« Tristan riss ihr den Beutel aus der Hand und ließ Annas blutiges Herz hineingleiten. Dann hielt er ihr die Tüte wieder hin. »Ich höre mir diesen Schwachsinn nicht an. Ich muss Jonathan anrufen, denn er muss ein Medium besorgen.« Kira blickte auf den Beutel, verzog das Gesicht und wandte sich um, ohne ihm das Herz abzunehmen. Sie zog ihr Handy aus der Jeanstasche. Gott, sie wünschte sich, in ihre eigene Kleidung zu schlüpfen. Die Sachen, die sie trug, gehörten dieser Eva und Eva hatte einen grauenhaften Modegeschmack besessen. Kira wählte Jonathans Nummer, strich ihre Haare zurück und hob das Handy ans Ohr. »Kira? Wo zur Hölle steckt ihr?«, umging er eine Begrüßung. »Wir sind in Norddeutschland.« »Und was fällt euch ein, euch über meine Anweisungen hinwegzusetzen und die Stadt zu verlassen? Mir wurden Gerüchte zugetragen. Warst du mit meinem jüngsten Sohn in London?« »Der Rechtsbeirat ist Geschichte. Ein paar von ihnen haben überlebt, aber sie werden keine Gelegenheit mehr haben, sich neu aufzubauen.« »Sebastian ist zur Vernunft gekommen?« Kira setzte sich auf die Flurtreppe. »Nein. Aber das spielt nun auch keine Rolle mehr. Jon, Anna Graf ist tot.« Jonathan sog scharf die Luft ein. »Du hast Anna Graf getötet?« »Nein, Josh hat sich die Ehre gegeben. Du kannst stolz auf ihn sein. Er war großartig. Und ich habe noch eine Überraschung. Der Grund, warum ich Sebastian nach London begleitet habe …« »Wo ist mein Sohn?« »Im Moment haben beide das Weite gesucht.« Kira machte eine Pause. Für den nächsten Satz würde sie in Jonathans Ansehen so weit steigen, dass ihr diesbezüglich keiner mehr das Wasser reichen würde. Nicht mal seine Kinder. »Du kennst die Legende über die verschollenen Pergamente? Nun, ich bin in ihrem Besitz. Jon, wir können jedes Talent, das wir uns geholt haben, nun um ein Weites stärker machen.« Jonathan verstummte. Es wurde so leise am Ende der Leitung, als wäre das Gespräch unterbrochen. Kira setzte ein Grinsen auf. Diese Nachricht musste auch ein Mann seiner Größe erst mal verdauen. »Gutes Mädchen«, brachte er schließlich hervor. Kira lachte. »Ich weiß. Und nun, wo der Spuk vorbei ist, kann ich dir erzählen, warum es mich in den Norden verschlagen hat. Ich war Anna hörig. Jon, aufzuerstehen bedeutet, dem Nekromanten untergeben zu sein. Anna wollte mit dem Voodoozauber damals unseren Vorfahren wecken. Sie wollte den Boten beschwören. Kannst du dir vorstellen, welche Macht er hat? Eine Macht, die wir nun für uns beanspruchen werden. Denn wenn wir ihn rufen, wird er uns zu Diensten stehen. Ich weiß, wie man zum Nekromanten wird. Aber dafür brauche ich ein Medium, das ich töten kann, nachdem es einen von uns im Testament bedacht hat.« »Kommt nach Hause. Wir werden hier in Ruhe über alles reden.« »Reden, Jon? Wir werden feiern. Da ist nichts mehr, was uns noch aufhalten kann.« Kira beendete das Gespräch, stand auf und steckte das Telefon zurück in die Hosentasche. Es war nur schwer zu fassen, was sie endlich erreicht hatte. * Anna fuhr mit der Hand über die Mauer und tastete sich zu dem schmalen Durchlass vor. Die Steinwand war kühl. Noch immer hielt die Schreckenssekunde ihren Daumen über sie. Der Moment, in dem sich die fürchterliche Wahrheit in ihrem Kopf zu einem Namen gefügt hatte. Sie sollte erleichtert sein, den Ort verlassen zu dürfen – bestimmt bekam ein Mensch nicht oft diese Chance –, aber sie hatte einfach nur Angst. Sie hatte das Gefühl, sich festhalten zu müssen, denn ihre Beine trugen ihr Gewicht nur ungern zur Lücke. Jonathan war unbesiegbar. Sie versuchten seit Monaten, diesem Mann ein Ende zu setzen. Kein Wunder, dass sie es nicht geschafft hatten, wenn er der Engel war. Oder der gesandte Wächter, wie Herja es nannte. Anna blieb stehen und blickte über die Schulter zurück. »Herja?« Die Frau und das Pferd waren verschwunden. Sie rieb sich ungläubig die Augen. Man konnte unendlich in die Weite sehen, aber sie hatten sich einfach in Luft aufgelöst. Sie versuchte erst gar nicht, eine Erklärung zu finden. Sie wandte der Hölle, oder was dieser Ort auch verkörperte, den Rücken zu und musste den Kopf ein wenig einziehen, um durch den Spalt in der Mauer zu passen. »Na, das kann ja lustig werden.« Die Mauer war dick, obwohl Mauer womöglich das falsche Wort war. Von innen sah es eher aus, als lägen die Wände eines gewaltigen Felsens rechts und links von ihr. Ein Berg, durch den sie hindurchmusste. Der Durchlass machte einen sehr engen Eindruck, und soweit sie sehen konnte, wurde er auch nicht höher. Aber das Schlimmste war die Dunkelheit weiter hinten. Ein schweres Gefühl machte sich in ihrer Brust breit. O Mist. Anna gab sich einen Schubs und lief los. Ein paar Schritte und noch ein paar mehr. Sie quetschte sich an Felsvorsprüngen vorbei, die den Weg an einigen Stellen noch schmaler machten, und blieb irgendwann stehen. Sie bekam kaum Luft. Ob es an der einbrechenden Platzangst lag, an der Schwärze, die sie inzwischen verschluckt hatte, oder weil sie sich dauernd den Kopf anstieß. Vielleicht wurde die Luft auch tatsächlich etwas dünner. Angst kroch ihren Rücken herauf und hinterließ einen kühlen Schweißfilm. Sie blinzelte, aber sah nicht mal die Hand vor Augen. »Hallo?« Ihre Stimme hallte durch den Gang. Keine Antwort. Herja hatte gesagt, dass es dauern könnte, bis sie die andere Seite erreichte. Aber was bedeutete es, wenn ein Höllenwächter so etwas sagte? Sie befahl sich, weiterzugehen. Irgendwann würde sie schon ankommen. * Josh lenkte den silbernen Wagen auf die Autobahn. Dieses Auto war einfach der Wahnsinn. Zumindest was dieses Fahrzeug betraf, war er sich sicher, dass er lieben konnte. Der SLR Stirling Moss, eine 650 PS Sportkarre, beschleunigte in dreieinhalb Sekunden aus dem Stand auf Hundert. Mercedes hatte die Auflage auf fünfundsiebzig Exemplare limitiert. Es beruhigte, diesen Wagen zu fahren. Er verspürte eine gewaltige Ladung Wut im Bauch. Er war sauer auf Kira. Zum wiederholten Male hatte sie ihn vorgeführt. Sie war einfach völlig berechnend und kalt. Dass sie im Besitz der verschollenen Pergamente war, passte ihm nicht, denn wenn Kira tatsächlich auf nichts als sich selbst Wert legte, war die Macht der Pergamente in ihren Händen eine Gefahr. Eine Bedrohung für jeden. Auch für seine Familie. Im Augenblick wollte Josh nur nach Hause. Er war kein Idiot und wusste, dass man nicht vor seinen Gefühlen weglaufen konnte, aber er wollte nichts für dieses Miststück empfinden. Er wollte überhaupt nichts für irgendjemanden empfinden und er wollte sich zur Hölle noch mal nicht länger für Kira zum Vollpfosten machen. Die Kälte in ihrem Blick, die Bilder in ihrem Kopf und der Umstand, dass sie sich absolut nichts aus ihm machte … Kira war nicht vertrauenswürdig. Wenn er ihr scheißegal war, war es der Rest sehr wahrscheinlich auch. Ja, er hatte sich wie ein Mensch benommen. Er war eifersüchtig auf den Hexenmeister gewesen und dann war da noch das Gefühl, das ihn übermannt hatte, als er die tote Anna gesehen hatte. Es hatte ihn immer noch im Griff. Übelkeit und ein kalter Atemhauch, der sich wieder und wieder in seinen Nacken legte. Aber lieber benahm er sich wie ein Mensch, als überhaupt nichts Menschliches an sich zu haben. Verflucht. Kira wollte ihren Vorfahren wecken. Er konnte nicht zulassen, dass sich Kira del Rossi einen so entscheidenden Vorteil verschaffte. Er durfte verdammt noch mal nicht dabei zusehen, wie sie eine solche Macht unterwarf. Er traute ihr durchaus zu, dass sie ihre Waffen gegen jeden von ihnen richten würde, wenn es ihr gerade in den Kram passte. Sie würde jeden Einzelnen von ihnen untergraben, inklusive seines Vaters. Und Dad war im Moment der Einzige, vor dem Kira noch kuschte. Josh nahm die nächste Ausfahrt, fuhr durch die Kurve zur Ampel und fand sich im Nirgendwo wieder. Warum hatte sich Dad vor Jahrzehnten dafür entschieden, Deutschland zu ihrem Zuhause zu machen? Da war nichts Schönes an diesem Land. Er lenkte den Wagen an den Standstreifen von einer Landstraße, hielt an und nahm sein Handy aus der Ablage neben der Handbremse. Dann wählte er Dads Nummer. »Joshua. Du hast Anna Graf getötet? Ich bin stolz auf dich«, begrüßte ihn sein Vater. Kira war ihm also zuvorgekommen. »Falscher Zeitpunkt, Dad. Wir können sie das nicht tun lassen.« »Wir können wen was nicht tun lassen, Josh?« »Kira.« Er machte eine Pause. Sein Vater hielt große Stücke auf die Magierin. Er musste seine Worte mit Vorsicht wählen. »Wir können sie auf keinen Fall unseren Vorfahren wecken lassen. Du musst zusehen, dass du an die Formeln aus den verschollenen Pergamenten kommst. An alle. Kira darf diese Kräfte nicht für sich beanspruchen.« Jonathan antwortete nicht. »Dad?« »Was ist dein Problem?« Josh befeuchtete die Lippen. »Ich vertraue ihr nicht. Kira ist zu allem fähig.« »Natürlich ist sie zu allem fähig. Sie gehört zu uns.« »Nein. Kira spielt nur in ihrem eigenen Team.« »Was auch immer zwischen euch vorgefallen ist, bring es in Ordnung.« »Nein. Wenn du sie nicht aufhalten willst, werde ich es tun müssen.« »Was hast du vor, Joshua?«, fragte er alarmiert. »Lass das mal meine Sorge sein.« Josh beendete das Gespräch. Die Leseprobe hat dir gefallen? Hol dir das E-Book in einem der zahlreichen, bekannten Onlineshops. Viel Spaß beim Weiterlesen.