Seit frühester Kindheit wird Julie von ihren unsichtbaren Verfolgern fast um den Verstand gebracht. Kurz vor ihrem achtundzwanzigsten Geburtstag startet sie einen letzten verzweifelten Versuch, ihnen zu entkommen und flüchtet in ein abgelegenes Burghotel in den Highlands. Sie verliebt sich in den zurückhaltenden Besitzer Arran McRae. Ihr Glück ist perfekt, als er ihre Gefühle zu erwidern scheint – doch auch er ist nicht menschlich …

Alle Titel der Reihe!

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-52-699-4
Kindle: 978-9963-52-700-7
pdf: 978-9963-52-701-4

Zeichen: 276.367

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Ela van de Maan

Ela van de Maan
Ela van de Maan wurde im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts im vorangegangenen Jahrtausend in einer Kleinstadt in Süddeutschland geboren. Seit sie lesen kann, wollte sie auch schreiben. Ihre größte Leidenschaft waren Fantasy und Abenteuerromane, die in ihrer eigenen Traumwelt immer neue Geschichten nach sich zogen. Irgendwann wurde der Geschichtenstapel in ihrem Kopf zu hoch und sie begann sie aufzuschreiben ... Ela van de Maan ist Mitglied in der DELIA - Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren und -autorinnen und im PAN - Phantastik-Autoren-Netzwerk.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Der Wind pfiff rau um die massiven Steinmauern der alten Festung in den schottischen Highlands, wie er es seit Jahrhunderten zu tun pflegte, wenn er die Regenwolken vom Meer auf das Festland trieb.
   Es war genau die Art von Wind, die sich klamm durch die kleinste Ritze der alten Holzfenster der Burg schlich und in dessen kalten Zügen das Kaminfeuer unruhig flackerte.
   Genau diese Art von Wind, die verdrängte Gefühle auf beklemmende Weise in das Bewusstsein rief und in der langsam anbrechenden Abenddämmerung das Herz schwer werden ließ.
   Arran stand am Fenster seines Turmes und starrte auf den See hinaus. Kleine Schaumkronen tanzten auf den Wellen. Wie so viele Abende fragte er sich, wie lange es noch so weitergehen würde. Die Unendlichkeit erschien ihm unerträglich lang.

Kapitel 1

Du wirst verdammt noch mal hierbleiben. Hörst du? Die Stimmen meiner unsichtbaren Verfolger hallten in meinem Kopf wider. Ihre Blicke liefen wie pure Elektrizität über mich. Das ist die letzte Warnung, wenn du nicht auf uns hörst, wirst du es bitter bereuen.
   Ich drehte die Musik lauter. Warum nur war Jo gegangen? Wenn er hier wäre, wäre ich abgelenkt genug, um sie nicht zu hören. Seit meinem siebten Geburtstag verfolgten sie mich. Die meiste Zeit versuchten sie einzeln, mich zu locken und wechselten sich ab. Nicht heute. Ich wusste nicht, warum, ich wusste noch nicht einmal genau, was sie von mir wollten. Ich versuchte, sie einfach so gut es ging zu ignorieren. Hoch konzentriert faltete ich meine Kleider, um sie in den drei Koffern unterzubringen, die ich nach Schottland mitnehmen würde. Die Konzentration blendete die wütenden Schimpftiraden einigermaßen aus. Leider nicht ganz. Ich begann, laut alle Lieder mitzusingen. Obwohl meine Stimme zitterte, verfehlte es die Wirkung nicht. Doch diese Nacht würde ich nicht zum Schlafen kommen. Vielleicht sollte ich wieder die Klubs durchstreifen? Irgendjemand würde sich schon finden, der den Abend mit mir verbringen wollte.
   Ich wischte mir Tränen aus den Augenwinkeln. Die Einsamkeit kroch in mir hoch. Langsam sollte ich mich doch daran gewöhnt haben, wie es schmerzte, verlassen zu werden. Die Erkenntnis war nicht neu, dass sich die Männer nur für mich interessierten, solange Vater seine Kreditkarten zur Verfügung stellte. Würde ich es aushalten, allein zu sein, oder würde ich wieder auf einen Aufschneider wie Jo hereinfallen, nur um jemanden an meiner Seite zu haben? Bei ihm hätte ich wirklich nicht damit gerechnet, dass er mich verlassen würde, nur weil Vater gegen eine Hochzeit war. Vater hatte von Anfang an richtig gelegen mit seiner Behauptung, Jo wäre nur auf mein Geld aus. Nur ich hatte es wieder nicht bemerkt. Oder vielleicht wollte ich es auch nicht bemerken.
   Ich seufzte. Jo Gronewolt war ein Blickfang. Groß, blond, selbstsicher – ein Sunnyboy. Ein typisch ›Hamburger Jung‹ eben, nur ein bisschen wenig schlau, wenn man es milde betrachten wollte. Es hätte mir nicht das Geringste ausgemacht, dass ich mit Jo nicht allzu oft in die Verlegenheit gekommen wäre, tiefgründige Gespräche führen zu müssen. Ich erwartete von einem Mann lediglich, dass er keine Fragen stellte, wenn ich des Nachts zitternd und schreiend aus dem Schlaf hochschreckte.
   Dazu war Jo wie geschaffen. Dachte ich jedenfalls.
   Er hatte den Schwanz eingezogen, als ich ihm von Vaters Reaktion erzählt hatte und sich darauf hinausgeredet, er hätte eigentlich überhaupt keine Zeit für eine feste Beziehung, weil er gerade dabei war, sein Geschäft aufzubauen und überhaupt …
   Ich zählte nicht. Ich hatte nie gezählt. Für keinen der Typen, an die ich jemals geraten war. Alles, was zählte, war Vaters Name und sein Geld.
   Ich schnappte nach Luft. Die Enge in meiner Brust gab mir das Gefühl, ersticken zu müssen. Und ich fror jämmerlich.
   Ich musste etwas ändern. Ich musste versuchen, allein klarzukommen. Bisher hatte ich immer angenommen, ich würde meine Verfolger loswerden, wenn ich nur von möglichst vielen Menschen umgeben wäre, Tag und Nacht. Aber ich musste eine andere Lösung finden, wenn ich nicht zugrunde gehen wollte. Ich hatte es satt, mich immer irgendjemandem an den Hals werfen zu müssen, nur um nicht völlig schutzlos zu sein.
   Es war mir wie eine Fügung des Schicksals erschienen, dass mir meine alte Schulfreundin Vicky spontan einen Job und ein Dach über dem Kopf angeboten hatte, als ich ihr bei einem zufälligen Treffen vor ein paar Tagen von meiner Misere erzählte. Und doch war mir nicht wohl bei dem Gedanken, einen richtigen Job und somit Verantwortung zu haben. Ich kam ja kaum mit mir selbst klar.
   Trotzdem musste ich es versuchen. Ich musste nach Schottland.

Vicky holte mich in Inverness am Gate ab und empfing mich mit offenen Armen. »Hallo Julie, endlich«, rief sie herzlich. »Ich dachte schon, du würdest mich nie besuchen kommen. Ich freue mich so, dass du es geschafft hast!«
   Verlegen umarmte ich sie. Ich hatte sie immer vertröstet, weil mir dieser Ort am Ende der Welt nicht interessant genug erschien, um auf einen Sprung bei ihr vorbeizuschauen. Und nun war es ausgerechnet die einzige Möglichkeit, um mein Leben in andere Bahnen zu lenken.
   Wir luden das Gepäck in ihren alten Geländewagen und machten uns auf den Weg in das alte Burghotel, in dem Vicky wohnte. Sie arbeitete seit ein paar Jahren als Sachverständige für den Besitzer, einen schottischen Kunstsammler. Die Burg lag ungefähr hundertvierzig Kilometer westlich von Inverness, an einem der kleineren Seen mit unaussprechlichem Namen und dem fast obligatorischen Loch vorn dran. Ich musste unweigerlich grinsen, denn ich sah mich schon auf einer Felsenklippe sitzen und in dieses Loch starren, um einen Blick auf eines der unvermeidlichen Seeungeheuer zu erhaschen, die in den Highlands wohl jedes tiefere Gewässer bewohnten.
   Ich betrachtete die Umgebung, durch die uns die Fahrt führte. Außer Wäldern und Wiesen und schroffen Felshängen, die tief in die eiszeitlichen Gletscherseen hinabstürzten, war nichts zu sehen. Es war immer noch hell, obwohl es bereits zweiundzwanzig Uhr war. Die tief am Horizont stehende Sonne bahnte sich einen Weg durch bizarre Wolkengebilde, die der raue Wind vor sich hertrieb. Die Bäume und Büsche am Straßenrand wurden zeitweilig schwer gebeutelt. Es war sicher trotz der Jahreszeit nicht allzu warm. Ich zog meinen Strickmantel enger.
   »Willst du eine mitrauchen?« Vicky hielt mir ihre Schachtel hin.
   Ich nickte. Ich hatte befürchtet, dass auch in ihrem Firmenwagen Rauchverbot herrschte wie am Flughafen. Eigentlich hätte ich mir denken können, dass ich falsch lag. Vicky qualmte seit der Schulzeit wie ein Schlot – damit sie eine sexy Stimme hatte, wie sie grinsend betonte. Ich dagegen zählte zu denjenigen, die auch mit einer sexy Stimme nicht mehr reißen würden als einen Haufen Idioten, die es auf Vaters Geld abgesehen hatten. »Hier lebst du also?«, fragte ich sie nach einem langen tiefen Zug, der mir einen äußerst verwunderten Blick ihrerseits einbrachte. »Ist es dir nicht zu still hier? Es sind kaum Dörfer zu sehen und Städte schon gar nicht! Du warst doch immer die gleiche Großstadtpflanze wie ich.« Ich musste mich zusammennehmen, um mir nicht anmerken zu lassen, wie unbehaglich ich mich in dieser Stille fühlte.
   »Ich bin ja nicht nur hier«, entgegnete sie gelassen. »In meinem Job komme ich viel herum, und es tut mir ehrlich gesagt gut, mich in die Abgeschiedenheit zurückziehen zu können. Außerdem kann ich mich mit den Gästen unseres Hotels unterhalten, wenn es mir zu langweilig wird.«
   »Apropos …«, unterbrach ich sie. »Ich bin dir sehr dankbar, dass du mir die Stelle als Managerin in eurem Hotel angeboten hast. Aber ich muss gestehen, dass ich nicht allzu viel Berufserfahrung aufweisen kann.« Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, wie Vicky ihren Arbeitgeber davon überzeugt hatte, mich für diesen Job anzustellen. Als Referenz hatte ich lediglich vorzuweisen, dass Vater sich in dem Geschäft auskannte und ich irgendetwas in der Richtung studiert hatte – zumindest hatte ich es versucht, wenn es eine Phase gab, in der ich zu mehr Schlaf gekommen war. Ich konnte mir jedoch nicht erklären, wie ich den Abschluss geschafft hatte.
   Vicky winkte ab. »Du kennst dich sicher genug in diesem Gewerbe aus, um den kleinen Betrieb am Laufen zu halten. Unser derzeitiger Manager hat sich bereit erklärt, dir noch alles genau zu zeigen, bevor er uns verlässt. Ich bin überzeugt, du schaffst es in kürzester Zeit, dich einzuarbeiten, bis wir jemanden gefunden haben, der hier länger bleiben möchte.«
   Ich blies kleine Rauchwölkchen vor mich hin und dachte nach. Es könnte funktionieren. Zum Glück rechnete Vicky nicht damit, dass ich allzu lange blieb. Ich hätte ihr nichts versprechen können. »Wie ist eigentlich dein Chef? Oder besser unser Chef?« Chef war ein ganz neuer Begriff für mich. Einen Chef hatte ich noch nie gehabt.
   »Arran ist ein netter Kerl. Du wirst aber nicht viel mit ihm zu tun haben. Er geht nicht gern unter Leute.«
   »Na ja, wenn er hier aufgewachsen ist, hat er wohl auch kaum Leute zu Gesicht bekommen. Ich habe wirklich noch keinen Landstrich kennengelernt, in dem weniger Menschen zu sehen sind als hier. Selbst im tiefsten, afrikanischen Busch trifft man auf deutlich mehr Angehörige der Spezies ›Homo Sapiens‹, zumindest zur Safarizeit.«
   Vicky lachte und nickte zustimmend.
   Es war tatsächlich nichts zu sehen außer Landschaft. Nicht einmal Schafe und Ziegen. Wir waren schon über eine Stunde unterwegs, aber die menschlichen Behausungen, die mir ins Blickfeld gerieten, konnte ich beinahe an einer Hand abzählen.
   Gerade, als die Sonne ihre allerletzten Strahlen über die schroffen Klippen des Lochs schickte, waren wir angekommen. Vor uns tauchte eine Burg auf einer kleinen Insel im See auf, die genau so wirkte, wie man es von Werbefotos für die schottischen Highlands kannte – düster und unnahbar. Keinerlei romantisch anmutender Firlefanz, wie die Märchenschlösser in Deutschland oder Österreich, sondern die karge Zweckmäßigkeit einer Festung zum Schutz vor den Angreifern des dunklen Mittelalters.
   »Beeindruckend, nicht wahr?«, fragte Vicky.
   Ich nickte. »Es ist schon bewundernswert, wie die Menschen im Mittelalter mit den einfachen Mitteln, die sie zur Verfügung hatten, solche Bauwerke erschaffen konnten. Das muss eine Schinderei gewesen sein.«
   »Ja sicherlich, ohne Kräne und dergleichen …«
   »Und die kleinen Fenster«, rief ich erstaunt. »Die sind ja kaum größer als Schießscharten.«
   »Na ein bisschen größer sind sie schon.« Vicky lachte. »Auf der Südseite wurden die Fenster nachträglich erweitert, als man Glas einbauen konnte und somit die Burg einigermaßen warm blieb, falls es dich beruhigt.«
   »Hm, da hatten es wohl die Bauern in ihren kleinen Häusern auch leichter als ihre Clanchefs.«
   »So betrachtet schon, zumal die mit der ganzen Familie und oft auch mit dem Vieh zusammen auf engstem Raum lebten. Da wurde es von selbst warm. Ich denke trotzdem, dass uns die ehemaligen Besitzer dieser Burg nicht leidtun müssen.« Vicky kicherte vor sich hin.
   Ich konnte sie mir beim besten Willen nicht auf dieser abweisend wirkenden Burg in dieser gottverlassenen Gegend vorstellen und mich noch weniger.
   Wir fuhren über eine alte steinerne Brücke, die die einzige Verbindung der Burg zum Ufer war. Sie war gerade breit genug, dass ein Auto darüberfahren konnte. Ich war hin- und hergerissen. Meine neue Freiheit wies bei näherer Betrachtung eindeutig Züge von Alcatraz auf – zumindest von außen. Worauf hatte ich mich nur eingelassen?
   Vicky parkte den Wagen im Innenhof unter einem hölzernen Vordach. Ich stieg aus und sah mich um. Der Hof war mit Fackeln beleuchtet. Mit dem letzten Licht der Dämmerung wirkte die Szene wie aus einem Historienfilm. Ich erwartete fast, den Highlander oder William Wallace herumlaufen zu sehen.
   Vicky zog die schwere Eingangstür auf, die in ein riesiges bogenförmiges Holztor eingelassen war. »Wenn ich dich nun in unsere bescheidene Hütte bitten dürfte.« Sie machte eine einladende Geste und lächelte mich belustigt an, als sie meine Skepsis bemerkte.
   Ich musterte mit äußerst gemischten Gefühlen die bizarren Fratzen der steinernen Wächter über dem Tor, die im Schein der Fackeln noch bedrohlicher wirkten. Ein beklemmendes Gefühl ergriff mich. Es kostete mich einiges an Mühe, unter diesen Zeugen alten Aberglaubens hindurchzugehen. Zögernd betrat ich die Empfangshalle. Sogleich wurde ich schwanzwedelnd von zwei grauen Wolfshunden begrüßt, die es sich gerade am Empfangstresen gemütlich machen wollten.
   »Das sind Groupie und Jack unsere wandelnden Wischmopps«, stellte Vicky sie vor und wuschelte jedem über den Kopf.
   Ich musste lachen.
   »Groupie heißt deshalb so, weil er immer jemandem aus der Belegschaft hinterherläuft. Und Jack ist einfach zu faul zu allem. Darum haben wir ihm auch nur einen einsilbigen Namen gegeben. Einen längeren Namen würde er überhaupt nicht registrieren.«
   Die beiden schnüffelten ausgiebig an mir und meinem Gepäck und befanden mich schließlich für interessant genug, mir beim anschließenden kurzen Rundgang durchs Erdgeschoss auf Schritt und Tritt zu folgen. Ich war froh darüber, dass sich der beunruhigende äußerliche Eindruck des Gebäudes in den Innenräumen nicht wiederholte. Alles wirkte einladend und großzügig. Zum Glück gab es elektrisches Licht, sodass die schmiedeeisernen Wandleuchten und die alten, als Kronleuchter umfunktionierten, Wagenräder eine rußfreie Beleuchtung liefern konnten. Die großen Räume waren durch dicke graue Steinsäulen in behagliche kleinere Einheiten geteilt und milderten so den Eindruck ab, man würde in einer Halle stehen. Ich blickte zur Decke, die noch mit den typisch dunklen rot- und goldumrandeten Holzkassetten aus der Romanik vertäfelt war.
   »Wie man sieht, ist hier vieles noch so, wie um 1200, als die Festung errichtet wurde. Die Burg ist Gott sei Dank von großen Bränden verschont geblieben. Natürlich mussten manche Dinge ersetzt werden, als wir das Hotel in diesem Trakt einrichteten, und auch Strom musste verlegt werden, aber es hat dem Eindruck nicht geschadet. Der Strom wird übrigens mit Windkraft erzeugt und gespeichert. Wir müssen von daher etwas sparsam damit umgehen, aber mit den neuen LED-Lampen ist es nicht mehr so schlimm«, erklärte Vicky.
   Ich nickte beeindruckt und wandte mich dem angrenzenden Restaurant zu.
   »Ich sag immer, heute speisen wir im Puff. Frag mich nicht, wieso Arran ausgerechnet diese rote Samtpolsterung haben wollte, aber da konnte ich mich ausnahmsweise nicht durchsetzen.«
   »Weiß nicht was du hast, ich finde, es passt sehr gut zum ganzen Ambiente.« Die Sitznischen, die über den Raum verteilt waren, wirkten mit ihren mit dunkelrotem Samt bezogenen Bänken und Stühlen sehr behaglich. Zwei Angestellte tauschten gerade die weißen Jacquard-Decken auf den Tischen aus und leerten die Vasen, in denen Wiesenblumen gestanden hatten. Sie nickten mir freundlich zu, als Vicky mich vorstellte. Ich war fasziniert von den alten Fotos und Stichen in den Nischen, die die Festung und die Landschaft rundherum zeigten. So alt sie auch waren, ich konnte keine großen Unterschiede zu der Umgebung feststellen, wie ich sie heute kennengelernt hatte. Offenbar war hier die Zeit stehen geblieben.
   Vicky drückte mir einen silbernen Kerzenleuchter in die Hand. »Schau mal, wie schwer der ist. Kannst du dir vorstellen, welchen Wert diese Einzelstücke hier alle haben?«
   Ich konnte nur Mutmaßungen anstellen, aber es wurde mir langsam klar, warum Vicky so fasziniert von ihrem Arbeitsplatz war. Sie war umgeben von alter Kunst und Kultur, genau das, was sie schon immer beeindruckt hatte. Je länger ich mich umsah, umso romantischer fand ich die Zusammenstellung der Möbel und Dekorationsstücke. »Wer sind eigentlich die üblichen Gäste hier? Urlauber, Liebespaare, Kulturreisende?«
   »Das ist unterschiedlich, von allem etwas. Manchmal haben wir kleinere Hochzeitsgesellschaften hier oder auch Paare in den Flitterwochen, die die Abgeschiedenheit suchen.«
   »Na ja, die finden sie hier ganz sicher.«
   Vicky begrüßte noch zwei Paare, die über einem Glas Wein ihr spätes Dinner ausklingen ließen, und zog mich weiter in den hinteren Teil der Empfangshalle durch eine metallbeschlagene Holztür in einen großen Raum vor einen riesigen offenen Kamin. Auf dessen breitem Sims waren unzählige Silber- und Steinkrüge ausgestellt und darüber hingen zahllose eiserne Schwerter an der rohen Steinwand.
   »Das sind ebenfalls alles Originale aus den letzten Jahrhunderten. Nichts von dem nachgemachten Tand, der in anderen Burgen manchmal hängt«, erklärte Vicky stolz. »Mit manch einem der Schwerter sind im Mittelalter Schlachten geschlagen worden und anschließend wurde aus den Humpen ordentlich gebechert.« Sie grinste verschmitzt. »Leider gab es damals niemanden, der die Feiern dokumentiert hätte. Die Gesichter hätte ich sehen wollen. Die alten Gemälde, die hier an den Wänden hängen, zeigen die ehemaligen Bewohner der Burg leider nur im Idealzustand.« Sie machte eine ausschweifende Geste. »Ich kann dir bei Gelegenheit mal alle Namen und Daten raussuchen, wenn es dich interessiert.«
   Ich nickte abwesend. Das Bild eines Mannes, das etwas abseits in einer schmalen Nische hing, hatte meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er stand breitbeinig auf einem kleinen Hügel und schwang heldenhaft mit beiden Händen ein großes Schwert über dem Kopf – gleich der Darstellung eines Racheengels. Seine langen blonden Haare wehten um sein ungewöhnlich hübsches Gesicht und um seine muskulösen Schultern und Arme. Er trug kein Hemd, nur ein silbernes Kreuz mit einem roten Stein in der Mitte, das an einem Lederband hing. Sein Kilt war zum Teil zerfetzt und mit Blut bespritzt. Zwei lange blutende Wunden verunzierten seinen Oberkörper und zu seinen Füßen lagen zahlreiche besiegte Feinde, deren Köpfe nicht mehr auf ihren Rümpfen weilten. Im Gegensatz dazu erschien die Festung im See, die sich im Hintergrund abhob, beinahe verträumt. So, wie der Maler sich an den Details ausgelassen hatte, musste er den Kämpfer sehr verehrt haben – oder zumindest gut bezahlt worden sein.
   Vicky betrachtete das Bild ebenfalls eine Weile und sah mich schließlich fragend an. »Ziemlich martialische Darstellung, hm?«
   »Aber faszinierend«, musste ich zugeben.
   »Die Darstellung oder der Kerl?«
   Ich verdrehte die Augen. Natürlich der Kerl, was sonst? Ich war nie ein großer Fan von Gewaltszenen gewesen, und die besiegten Feinde in ihrer Blutlache ließen meinen Magen rebellieren. Der Mann auf dem Bild jedoch hatte eine unbeschreiblich fesselnde Ausstrahlung, die meinen Blick gefangen hielt. Ein Abbild wahrer Stärke und Furchtlosigkeit. Er stellte seine Unbesiegbarkeit deutlich zur Schau, und er wirkte wild entschlossen, es jedem zu beweisen, der daran zweifelte.
   Von solch einem Mann beschützt zu werden vor allen Widersachern, was müsste das für ein Gefühl sein! Niemand würde sich ihm freiwillig in den Weg stellen, es sei denn, er war lebensmüde. Der herausfordernde Blick aus seinen blaugrauen Augen, den er dem Betrachter zuwarf, schien beinahe lebendig.
   Beinahe! Ich schüttelte mich und blinzelte hektisch. Hallo? Es war nur ein altes Gemälde, rief ich mir mit Mühe in Erinnerung. War ich schon so verzweifelt, dass ich mich in einen Kerl auf einem Bild verlieben konnte? Womöglich war der Typ in Wirklichkeit auch nur ein mickriger, kleiner Feigling gewesen, der es nötig hatte, sich großartig darstellen zu lassen. Und auf den wäre ich sicher ebenfalls hereingefallen, wenn er mir nur das Richtige vorgemacht hätte. Ich konnte mir gerade noch ein Seufzen verkneifen und wandte mich der Betrachtung des restlichen Raumes zu.
   Vicky schob mich ungeduldig weiter in die Bibliothek mit Regalen, die bis unter die hohe Decke reichten und die bis obenhin voll mit Büchern aller Genres waren. Bei solch einer Auswahl konnte man sich fast auf regnerische Sonntagnachmittage freuen.
   Mein Gemach lag ebenfalls im Erdgeschoss. An einem Verbindungsgang gleich hinter der Küche mit Blick auf die kargen Mauern des einzigen Turms der Burg.
   »Tut mir leid, dass ich dir kein besseres Zimmer anbieten kann. Wir sind zurzeit ausgebucht und in meiner kleinen Wohnung drüben im Ostteil hättest du auf dem Sofa schlafen müssen«, entschuldigte sich Vicky, ohne jedoch wirkliches Bedauern erkennen zu lassen.
   »Kein Problem, ist doch nett hier. Ich werde sicher so viel zu tun haben, dass ich ohnehin nur zum Schlafen in mein Zimmer komme.« Ich versuchte, angemessen begeistert zu klingen, aber die Aussicht, einen Raum von zehn Quadratmetern, mit Blick auf alte Mauern und der Toilette und dem Bad auf dem Flur, mein Eigen zu nennen, ließ mir unweigerlich erneut das Bild von Alcatraz vor Augen erscheinen.
   Müde fiel ich auf das schmale Bett. Etwas anderes als schlafen konnte man auf dieser Schlafstatt wirklich nicht. Gedankenverloren inspizierte ich die kahle Decke. Mir graute vor der Nacht. Die Möglichkeit der Ablenkung ging hier gegen null. Ich musste mir unbedingt ein paar Bücher aus der Bibliothek holen. Dort gab es sicher einige, die ich noch nicht gelesen hatte, aber ich brauchte trotzdem dringend etwas Schlaf. Die Nächte, seit ich Jo den Laufpass gegeben hatte, waren sehr partylastig gewesen.
   Ein leises Kratzen und Winseln an der Tür ließ mich aufhorchen. Als ich vorsichtig öffnete, schob sich eine graue Hundenase durch den Türspalt. »Hey«, rief ich überrascht. »Du bist sicher Groupie, hab ich recht? Möchtest du mir etwa Gesellschaft leisten?«
   Er legte sich vor mein Bett und sah mich auffordernd an. Lächelnd kraulte ich ihm das struppige Fell. Seine Augenlider schlossen sich in Zeitlupe und zuckten noch ein paar Mal, als ich meine Hand vorsichtig aus seinem Fell genommen hatte. Er erweckte nicht den Anschein, als würde er seinen Platz noch einmal verlassen wollen. Irgendwie beruhigte mich der Gedanke. Am liebsten hätte ich ihn in mein Bett geholt und mich an ihn gekuschelt, aber sein Eau de Toilette der Marke Nasser Hund, hielt mich davon ab, ihm den Vorschlag zu machen. Ich stellte meinen MP3-Player auf Dauerwiederholung und versuchte, mich auf die Songs zu konzentrieren, die ich alle schon in- und auswendig kannte. Das war die einzige Möglichkeit, wie ich die Stimmen meiner Verfolger einigermaßen von meinem Unterbewusstsein fernhalten konnte. Ob sie mir in dieser Nacht meine Ruhe lassen würden? Da sie in der letzten Nacht so wütend waren, musste ich davon ausgehen, dass mein Schlaf heute nicht der angenehmste sein würde. Ich horchte auf die Musik und fühlte meinen Atem. Vielleicht hatte ich zumindest die Chance auf ein paar ruhige Stunden. Ein leises Knurren drang durch die Musik. Dann tauchte ich in die mystischen Songs von Evanescence ein und glitt langsam in den Schlaf hinüber.

Ich blinzelte irritiert. Wo war ich? Meine Augen wanderten über die weiß getünchten Wände. Ach ja, in Alcatraz! Ich musste tatsächlich tief und fest geschlafen haben. Groupie lag immer noch ausgestreckt vor meinem Bett und ich schob einen Fuß zu ihm hinunter, um ihn genüsslich mit den Zehen zu kraulen. Hatte er meine Verfolger ferngehalten? Ich wollte es fast nicht glauben. Aber er hatte geknurrt. Ich griff mit den Händen in sein Fell und knuddelte ihn ordentlich durch. Wenn das kein gutes Zeichen war! Vielleicht war es keine so schlechte Idee hierherzukommen. Wenn ich ein paar Stunden tiefen und ununterbrochenen Schlaf geschenkt bekam, würde ich mich sogar an meine karge Zelle hinter der Küche gewöhnen.
   Erleichtert wühlte ich mich aus den dicken Daunen. Am Himmel stand die Sonne – zumindest erschien es mir, als würden ein paar Strahlen auf den Hof fallen. Ich zog die Vorhänge zur Seite und versuchte, am Turm vorbei nach oben zu schielen. Tatsächlich, der Himmel war blau. Schnell schlüpfte ich in meinen Bademantel und bereitete mich beinahe fröhlich auf den Tag vor.
   »Aber hallo, du strahlst ja richtig«, begrüßte mich Vicky erstaunt. »Hattest du einen schönen Traum? Du weißt, dass das, was man in einem fremden Bett als Erstes träumt, auch in Erfüllung geht.«
   »Ich kann mich leider nicht erinnern, ob ich etwas geträumt habe, aber ich hatte einen netten Zimmergefährten. Groupie ist bei mir eingezogen.«
   Vicky zog die Augenbrauen hoch und warf einen fragenden Blick in Richtung Hund, der hinter mir hermarschierte. »Julie, darf ich vorstellen? Das ist Rick Meyers, unser bisheriger Manager. Rick, das ist Julie LeBleu, deine Nachfolgerin«, wandte sie sich an einen Mann Anfang vierzig, der mit ihr beim Frühstück gesessen hatte. Er schüttelte mir die Hand und erklärte mir gleich noch vor der ersten Tasse Kaffee, was das Hotel ausmachte, wie es lief und was zu tun war.
   Ich folgte ihm den ganzen Tag wie ein Hündchen und versuchte mir, soviel es ging, zu notieren.
   Am Abend war ich wie gerädert, mein Kopf brummte und meine Beine schmerzten. Ich schmiss meine Pumps in eine Ecke und beschloss den Rest des Abends ohne Schuhe zu bestreiten.
   Vicky hatte mich gebeten, nach der Arbeit auf einen Tee in ihrem Arbeitszimmer im Ostflügel vorbeizuschauen, um ein paar weitere Dinge zu besprechen. Also versuchte ich, höchst selbst, einen halbwegs genießbaren Tee zu brauen, da das Küchenpersonal bereits nach Hause gegangen war, und balancierte das Tablett in Richtung Büro.
   Ich wollte gerade schwungvoll die nur angelehnte Tür öffnen, als ich hörte, wie Vicky mit jemandem sprach, dessen Stimme ich noch nicht kannte. Es musste sich wohl um den Besitzer der Burg handeln, alle anderen waren mir im Laufe des Tages bereits begegnet.
   Vorsichtig lugte ich durch den Türspalt. Ich musste zweimal hinsehen. Meinen Chef hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt. Für einen Kunstsammler war er viel zu jung, zumindest nach meiner Erfahrung. Er konnte kaum älter als fünfunddreißig sein. Und einen gebürtigen Schotten aus einem der alteingesessenen Clans hatte ich mir auch eher als bärbeißigen, rothaarigen, vollbärtigen, Baumstamm werfenden Hünen im Schottenrock vorgestellt. Arran Craig McRae hingegen war zwar ziemlich durchtrainiert, soweit ich das durch das schmal geschnittene dunkelgraue Hemd erkennen konnte, das er lässig zu den schwarzen Jeans trug, aber ob es zum Werfen von Baumstämmen gereicht hätte, wagte ich zu bezweifeln. Er machte eher den Eindruck, als würde er als Model arbeiten. Sein schulterlanges dunkelblondes Haar fiel ihm seitlich über das Gesicht. Als er sich unerwartet in Richtung der Tür wandte, hinter der ich stand, stockte mir der Atem. Er sah dem schönen Krieger auf dem Bild im Kaminzimmer unglaublich ähnlich! Er konnte nur einer seiner Nachkommen sein.
   Ich schluckte. Dieser Mann übte schier die gleiche Faszination auf mich aus, die ich schon beim bloßen Anblick des Gemäldes verspürt hatte. Das konnte heiter werden!
   Es war nicht meine Art, an Türen zu lauschen, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden, mich bemerkbar zu machen. Wie festgenagelt stand ich vor der Tür und horchte.
   »Hast du vielleicht Angst, sie könnte dir deine Jungfräulichkeit rauben?«, fragte Vicky belustigt. Sie lachte Arran an oder aus, genau vermochte ich es nicht zu beurteilen.
   »Was für ein Unsinn«, brummte er und senkte den Kopf. Sogleich fielen seine Haare wieder über sein Gesicht. Ich seufzte leise.
   »Na ja, bei uns heißt es immer, wer sieben Jahre keinen Sex hatte …«
   »Hör doch endlich auf mit diesem Thema«, unterbrach er sie, »ich lege keinen Wert darauf, mich ständig in irgendwelchen Betten zu wälzen, nur weil alle Welt es tut.«
   »Es würde dir schon guttun, dich überhaupt einmal wieder in irgendeinem Bett zu wälzen. Such dir eine hübsche Frau oder einen hübschen Kerl – was immer du bevorzugst – und hab Spaß.«
   Er schnaubte verächtlich und blieb ihr eine Antwort schuldig.
   »Wie dem auch sei, Arran, Julie ist meine Freundin und braucht meine Hilfe. Außerdem ist sie prädestiniert für diesen Job. Sie bleibt, ob es dir passt oder nicht. Wenn du sie nicht sehen willst, geh ihr aus dem Weg. Sie wohnt drüben im Hotel und besucht mich hier, wann immer es ihr gefällt. In deinen heiligen Gemächern wird sie nie ungefragt auftauchen.« Sie sah ihn bestimmt an.
   »Das will ich hoffen, ich mag keine Fremden in meinem Privatbereich.«
   »Das ist hinlänglich bekannt, und es hat sich bisher noch jeder daran gehalten. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst, ich muss noch die Liste für die Ausstellung fertigmachen, damit die Versicherungen abgeschlossen werden können. Wenn du Julie nicht begegnen willst, verschwinde besser wieder in deinen Elfenbeinturm. Sie kann jeden Moment hier sein. Wir wollten noch ein paar Dinge besprechen.«
   Baff vor Erstaunen wie Vicky mit unserem Chef sprach, wartete ich noch einen Moment, bis er den Raum durch die gegenüberliegende Tür verlassen hatte, und trat ein.
   »Hallo, da bist du ja.« Vicky stand auf und nahm mir erfreut die Tassen ab, um sie auf einem kleinen Tisch nahe dem Kamin abzustellen.
   »Es ist mir fürchterlich peinlich, aber ich habe den Schluss der Unterhaltung zwischen dir und unserem Chef angehört.«
   Vicky sah mich erstaunt an. »Du standest hinter der Tür?«
   »Ja, es tut mir leid. Es ist eigentlich nicht meine Art, zu lauschen.« Ich hätte nie und nimmer derart pikante Details aus dem Leben meines neuen Chefs hören wollen. Er wäre sicher nicht erfreut darüber, wenn er es erfuhr.
   »Ist nicht schlimm. Es wundert mich nur, dass er dich nicht bemerkt hat. Normalerweise hört er sogar die Mäuse über den Gang huschen.« Sie verkniff sich ein Grinsen.
   »Er schien nicht erbaut darüber zu sein, dass ich hier bin.«
   »Ach was.« Vicky machte eine abweisende Handbewegung. »Er ist einfach ein Eigenbrötler. Er gewöhnt sich noch an dich.«
   Sie begann Tee einzuschenken und grinste still vor sich hin. Ich musste mitgrinsen, obwohl ich keine Ahnung hatte, was sie so lustig fand.
   »Und, wie kommst du zurecht?« Vicky nippte an ihrer Tasse und verzog angewidert das Gesicht. Der Tee war wohl nicht nach ihrem Geschmack geraten.
   Ich versuchte, es zu ignorieren. »Na, ich denke, ich komme klar. Ist alles recht übersichtlich hier.« Das Hotel hatte außer den bereits bei der Ankunft besichtigten Räumlichkeiten im Erdgeschoss, nur noch dreißig einfache Doppelzimmer mit Bad und WC aufzuweisen, in die zeitweise auch noch das eine oder andere Zusatzbett hineingezwängt werden konnte, wenn es sein musste. Es war anders als Vaters Luxushotels, und ich bekam eine Ahnung davon, wie viele Menschen außerhalb meines Bekanntenkreises ihren Urlaub verbrachten. Es versprach, eine spannende Aufgabe zu werden, dieses kleine Hotel zu managen und ich würde sicher genug Möglichkeiten finden, mich in Arbeit zu stürzen, wenn Ablenkung nötig war.
   Ich dachte unruhig an die Nacht. Ob ich wohl noch einmal so viel Glück hatte, dass mich meine Verfolger in Ruhe ließen?

Kapitel 2

Am frühen Vormittag des nächsten Tages verabschiedeten alle meinen Vorgänger. Alle, außer McRae. Ich warf einen Blick zu seinem Turm hinüber. »Sag mal, Vicky, macht sich unser Chef eigentlich immer so rar?«
   »Ich hab dir doch erzählt, dass er nicht gern unter Leute geht.«
   »Na ja, unter Leute gehen und seine Angestellten begrüßen oder verabschieden, sind zwei verschiedene Paar Schuhe, oder?«
   Vicky grinste und tippte mir an die Schulter. »Für seine Angestellten hat er jetzt dich. Und zur Not auch mich. Du brauchst mich überhaupt nicht so anzusehen. Er ist halt so. So werden wir ihn nehmen müssen.«
   »Hast du was mit ihm?«, fragte ich leise, damit keiner von den Umstehenden etwas davon mitbekam.
   »Wie kommst du denn darauf?«
   Ich musste lachen. »Komm, tu nicht so. Du hast noch nie Nein gesagt, wenn ein gut aussehender Kerl dir schöne Augen gemacht hat. Und so wie du gestern mit ihm gesprochen hast, dachte ich mir …«
   »Ich habe nichts mit ihm. Wir arbeiten nur eng zusammen und kennen uns von daher recht gut«, erklärte sie kurz angebunden und wandte sich mit fest zusammengekniffenen Lippen ab.
   Aber ich kannte Vicky. Irgendetwas an ihm fand sie ›total genial‹, denn sonst – da war ich mir hundertprozentig sicher – hätte sie es hier, am Ende der Welt, niemals ausgehalten. Da ich keine weitere Antwort bekam, ging ich wieder an meine Arbeit, organisierte, machte Pläne und überlegte mir Strategien für das weitere Vorgehen, das Hotel umzuorganisieren. Zwischendurch kam der Koch vorbei und ließ mich die frisch gefangenen Forellen begutachten, die es zum Abendessen geben sollte. Ich hatte zwar keine Ahnung, auf was ich achten musste, schließlich war er der Koch und nicht ich, aber ich tat, als wüsste ich, dass die Fische absolut in Ordnung waren. Er jammerte mir noch vor, dass die Vorräte an Kartoffeln zur Neige gingen, er aber keine Zeit hätte, neue zu besorgen.
   Ich verstand und machte mich auf den Weg in die Küche, um mir eine Liste mit Dingen anzufertigen, die am nächsten Tag besorgt werden mussten. Als Manager dieses kleinen Hotels war man offenbar für alles zuständig. Ich musste lachen, als ich mir vorstellte, die Manager unserer Hotels würden auf den Markt fahren müssen, um persönlich Lebensmittel einzukaufen.
   Am Abend nach dem Essen versuchte ich, meinen ersten richtigen Feierabend zu genießen. Die friedliche Stimmung beruhigte meine angespannten Nerven. Selbst meine unheimlichen Verfolger schienen nicht bis hierher durchgekommen zu sein. Zumindest spürte ich sie seit Langem endlich einmal nicht drei Meter hinter mir, obwohl ich hier allein war.
   Ich lehnte an der Mauer und blies ein paar Rauchwölkchen in den Sonnenuntergang über dem Loch mit dem unaussprechlichen Namen. Gedankenverloren streichelte ich Groupie, der zu meinen Füßen saß, über den Kopf. Die Sonne färbte die kleinen Wellen in alle erdenklichen Orange- und Rottöne, wie dahintänzelnde Flammen. Ich dachte an Zuhause. Vater hatte ein paar Mal versucht, mich auf dem Handy zu erreichen. Sicher wusste er bereits von Mum, wo ich war und dass mit Jo Schluss war. Aber ich wollte ihn zappeln lassen. So einfach kam er mit dieser Nummer nicht mehr davon. Ich ließ mir von niemandem mehr in mein Leben reden. Zumindest versuchte ich, diesen Vorsatz als mein Motto fest in meinem Bewusstsein zu verankern.
   Als ich mich umdrehte, meinte ich hinter einem der Fenster des Turms jemanden gesehen zu haben, der sich schnell wegdrehte. Hatte Arran mich beobachtet? Außer ihm hielt sich niemand in seinen heiligen Gemächern, wie Vicky es so spöttisch genannt hatte, auf. »Na, was hast du denn für ein menschenscheues Herrchen?«, fragte ich Groupie leise. »Was hat er zu verbergen? Es kann doch nicht sein, dass jemand freiwillig jeglichen Kontakt zu anderen meidet. Und warum macht er sich so schick? Weißt du, da hätte das Bild, das ich ursprünglich von ihm gehabt hatte, viel besser zu ihm gepasst.«
   Groupie sah mich mit großen Augen an und gab ein tiefes Wuff von sich. Ich seufzte. »Ich glaube, wir sollten uns langsam auf den Weg ins Bett machen, morgen haben wir viel Arbeit.«

Ganz ungewohnt stand ich zu einer Uhrzeit am frühen Morgen auf, zu der ich zu Hause oft erst ins Bett zu gehen pflegte. Zu meinem Tagesplan gehörte, in den nächsten größeren Ort zu fahren und mich umzusehen, welche Leckereien dort für das Restaurant angeboten wurden. Wir wollten uns etwas unabhängiger davon machen, alles in Inverness bestellen zu müssen, wie es bisher geschah. Bei der letzten Besprechung hatten Vicky und ich beschlossen, wir wollten ›Back to the Roots‹. Einheimische Spezialitäten mit einheimischen Zutaten – zumindest soweit sie auch für Nichteinheimische genießbar waren. Ich hatte an anderen Orten der Welt erlebt, dass man manchmal mit der heimischen Küche besser vorsichtig war.
   Beunruhigt betrachtete ich die schwarzen Wolken. Sie verhießen nichts Gutes. Nicht, dass ich Angst vor Regen oder kräftigem Wind gehabt hätte, das war ich schließlich von Zuhause gewohnt. In Hamburg war das Wetter auch nicht immer nett zu den Bewohnern der Stadt und des Umlandes. Aber hier waren die Straßen noch dazu schmal und kaum gesichert. Wenn man nicht Acht gab, konnte eine kräftige Windböe das Auto bedenklich nahe an den Abgrund einer Klippe bringen. Doch es half nichts, ich würde halt auf der Hut sein müssen. Einen ortskundigen Chauffeur hatte das Hotel leider nicht zu bieten.
   Gerade war ich dabei, ein paar Körbe in den Kofferraum zu laden und noch genügend Platz für Groupie zu schaffen, der mich offensichtlich zu seinem neuen Star auserkoren hatte, als mein Chef plötzlich hinter mir stand. Ich hätte fast einen Satz in die Luft gemacht vor Schreck.
   »Willst du bei diesem Wetter wirklich mit dem Hund allein los?«, fragte er mich mit einem unverkennbar schottischen Akzent.
   »Wollen nicht«, antwortete ich und bemerkte beschämt, dass ich wahrscheinlich errötete wie eine Klatschmohnblüte. »Ich muss dafür sorgen, dass unsere Gäste etwas zu essen auf dem Tisch haben. Wir können nicht jeden Tag nur Fisch anbieten.«
   Arran sah mich nachdenklich an. Er hatte die gleichen graublauen Augen wie der Mann auf dem Bild im Kaminzimmer, nur dass Arrans Augen um die Pupille herum eine leichte Verfärbung in einem hellen Fliederton hatten. Ich starrte ihn fasziniert an. Wie peinlich!
   »Ihr beide versucht wirklich, das Hotel in Schwung zu bringen«, meinte er schließlich.
   »Dafür hat Vicky mich engagiert«, entgegnete ich verlegen, »und wenn ich ehrlich bin, macht mir die Herausforderung auch unheimlichen Spaß.«
   Er schloss die Heckklappe mit einem Schwung, der bei dem alten Geländewagen auch dringend nötig war, wenn man nicht wollte, dass während der Fahrt die Hälfte des Kofferrauminhalts auf der Straße landete. »Ich werde fahren«, erklärte er kurz und bündig, als er meine Verwirrtheit bemerkte, und öffnete mir die Beifahrertür. »Ich möchte nicht riskieren, dich an eines der Ungeheuer in den umliegenden Seen zu verlieren. Engagiertes Personal ist heutzutage nicht leicht zu finden.«
   Ach! Wie schön, dass man sich um mich Sorgen machte, dachte ich bissig. Aber ich nickte höflich und nahm das Angebot an.
   Schweigend fuhren wir durch die hügelige Landschaft. Die dunklen Wolken trieben tief und schnell am Himmel dahin. Zeitweise kam kaum Tageslicht durch und es regnete in Strömen. Ich hatte Mühe, im Scheinwerferlicht die Straßenränder zu erkennen. Erleichtert, nicht selbst fahren zu müssen, entspannte ich mich und nutzte die Gunst der Stunde, um meinen Chef aus den Augenwinkeln zu beobachten. Arran schien ein eher ruhiger, besonnener Mann zu sein. Er wirkte bei Weitem nicht so kämpferisch wie sein Ahne, machte allerdings trotzdem den Eindruck, als könnte man auf ihn zählen, wenn es nötig war. Er trug einen Dreitagebart, der ihn in Kombination mit den langen Haaren und den dunklen Schatten unter den Augen, die auf die eine oder andere schlaflose Nacht hinwiesen, wie einen Rockstar aussehen ließ. Nur hatte er, statt der zu erwartenden Lederjacke, eine dieser unverwüstlichen englischen Regenjacken zu ausgewaschenen Jeans und schwarzen Boots an. Seine rechte Hand schmückten ein paar auffällige silberne Symbol-Ringe und um das linke Handgelenk schlangen sich diverse Ketten- und Lederarmbänder.
   Ich musste mich zusammennehmen, um ihn nicht wieder wie ein unerfahrener Teenager anzustarren, doch ich konnte nicht verhindern, dass sich in meinem Magen ein verräterisches Flattern bemerkbar machte.
   Wir kamen, ohne ein Wort gesagt zu haben, in dem kleinen Ort an, den Vicky mir genannt hatte, und hielten auf dem Marktplatz. Er war gefüllt mit Ständen, an denen frische landwirtschaftliche Erzeugnisse der Umgebung angeboten wurden. Wo die allerdings angebaut wurden, konnte ich mir nicht erklären, da ich auf der Fahrt immer nur Wälder, Wiesen und Felsen entdeckt hatte. Ich streifte von einem Stand zum anderen, um mir einen Überblick zu verschaffen. Die Marktleute beobachteten mich argwöhnisch. Ich hob mich wohl etwas zu sehr von der ansässigen Bevölkerung ab mit meinen geschnürten, hochhackigen schwarzen Stiefeln, dem dunkelgrauen Militarytrenchcoat mit den silbernen Knöpfen und der Drachengürtelschnalle und dem riesigen grauen, strubbeligen Wolfshund an meiner Seite, der das Bild irgendwie abrundete. Der Sturm riss meinen Schirm ordentlich hin und her und der nicht aufzuhaltende Regen rann mir über den Kragen in den Ausschnitt. Sollte ich hier wirklich länger bleiben, würde ich mir eine dieser wetterfesten und deutlich dezenteren Jacken mit Kapuze und Gummistiefel organisieren müssen. Hier war einfach kein Ort für modische Extravaganzen – leider.
   Arran wartete etwas abseits beim Auto. Als ich meine Runde gemacht hatte, ging ich sorgfältig meine Notizen durch. Unsicher überlegte ich, ob ich ihn ansprechen konnte, da er die ganze Fahrt über nichts gesagt hatte. Es half nichts. »Könntest du mir bitte bei den Einkäufen helfen? Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Dialekt richtig verstehe.«
   Er nickte nur, nahm die Körbe aus dem Auto und folgte mir, um die Waren, die ich ausgesucht hatte, einzupacken.
   Die Marktleute schienen nervös zu werden, als er mit ihnen sprach und verhandelte. Es war schon ein seltsames Völkchen hier. Dass sie mir gegenüber reserviert waren, konnte ich verstehen, aber er war doch einer der ihren? Arran machte eigentlich nicht den Eindruck, als müsste man ihn fürchten. Ich konnte darüber nur den Kopf schütteln.
   Es war angenehm, mit ihm zu fahren. Er schien keiner der Typen zu sein, die unbedingt beweisen mussten, wie toll sie waren, indem sie immer an der Grenze des Machbaren fuhren. Das hätte bei dem alten Geländewagen mit ausgeleierten Federn und Stoßdämpfern schnell in die Hose gehen können. Ich bekämpfte mit Mühe meine erneute Befangenheit und fragte etwas schüchtern nach der Landschaft und den Seen, die hier ringsherum verteilt waren, da er offenbar nicht dazu neigte, Gespräche zu beginnen. Er nannte mir die Namen der Seen und erzählte zu jedem eine kleine Geschichte. Ich lauschte gebannt seiner wunderbar dunklen Stimme. Viel zu schnell waren wir bei der Burg angekommen.
   Vicky grinste ihr undurchsichtiges Grinsen, sobald sie sah, welche Hilfe ich bei meinen Einkäufen hatte. »Na? Habt ihr zwei euch gut unterhalten?« Die Doppeldeutigkeit ihrer Frage war nicht zu überhören.
   Arran ignorierte sie.
   »Ich kenne jetzt die Namen der umliegenden Gewässer und weiß, aus welcher Gesteinsart die Felsen sind«, entgegnete ich betont fröhlich.
   Er sah mich misstrauisch an, während er die Körbe in die Küche trug.
   »Es war wirklich sehr nett und interessant. Und ich bin froh, dass ich nicht allein unterwegs sein musste«, fügte ich noch schnell hinzu, damit er nicht den Eindruck erhielt, ich würde mich genauso über ihn lustig machen, wie Vicky es tat.
   Mit einem kurzen Nicken in unsere Richtung machte er sich wieder auf den Weg in seinen Turm, was ich sehr schade fand. Ich hätte mich gern noch ein Weilchen mit ihm über Steine und Gewässer unterhalten.

*

Arran fuhr sich durch seine vom Wind zerzausten Haare, als er den Turm betrat, und streifte sie zurück. Er war, gelinde ausgedrückt, verwirrt. Zuerst konnte er sich nicht erklären, wieso er unbedingt seine neue Angestellte zum Markt begleiten wollte, obwohl er wusste, dass die abergläubische Bevölkerung ihm wegen der uralten Geschichten äußerst misstrauisch gegenüberstand. Natürlich hatte ihn Vicky dezent darauf hingewiesen, dass Julie mit den örtlichen Gegebenheiten noch nicht ausreichend vertraut war. Aber auch ohne den Hinweis hatte er bereits in Betracht gezogen, sie zu fahren.
   Hatte er Angst gehabt, sie würde von der Straße geweht werden oder womöglich mit ihren überaus sexy Stiefeln im Schlamm stecken bleiben und sich ihren Designermantel beschmutzen?
   Er hatte Mademoiselle LeBleu eigentlich für eine absolut verwöhnte, eingebildete, kleine Zicke halten wollen. Vor allem, nachdem ihm Victoria so allerhand aus ihrer gemeinsamen Schulzeit erzählt hatte. Dennoch kam er nicht umhin, sich einzugestehen, dass er sie interessant fand. Ihr langes ebenholzfarbenes Haar passte perfekt zu ihrem ungewöhnlich hellen Teint und ihrem blutroten Schmollmund. Ihre wundervollen großen dunklen Augen strahlten bisweilen eine tiefe, unergründliche Sehnsucht aus. Sie machte einen zierlichen, fast zerbrechlichen und verlorenen Eindruck, der in ihm unwillkürlich einen alten Beschützerinstinkt weckte, obwohl sie sich sichtlich Mühe gab, sich unnahbar und stolz zu präsentieren. Er musste zugeben, sie wäre durchaus sein Typ – rein äußerlich zumindest. Doch sie passte überhaupt nicht hierher. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie sich an ein Leben unter normalen Menschen mit einem Jahreseinkommen, das sich vermutlich sogar einiges unter ihren monatlichen Ausgaben bewegte, anpassen könnte. Obgleich sie sich darum bemühte, das musste er ihr zugestehen. Sie ertrug es mit Fassung, in einem Zimmer zu wohnen, das höchstens die Größe ihres Schuhschrankes haben dürfte, wenn überhaupt. Und sie arbeitete gewissenhaft, obwohl sie in ihrem bisherigen Leben, nach Aussagen von Victoria, noch nicht viel gearbeitet hatte.
   Was hatte Victoria dazu bewogen, Julie für diesen Job anzuheuern? Etwa ihr großes Herz? Er hatte bei Victoria noch nie Anzeichen von übermäßigem Mitleid mit ihren Mitmenschen feststellen können. Sie sah das Leben als ein Spiel. Mal gewann man, mal verlor man – Schicksal. Irgendetwas führte sie im Schilde, und es hatte etwas mit ihm zu tun, dessen war er sich sicher.

*

Mein Tag verlief ausgesprochen interessant, was ich an solch einem abgeschiedenen Ort nicht für möglich gehalten hätte. Da das Wetter nicht gerade zum Besten war, blieben viele der Gäste im Hotel und waren froh, sich mit jemandem unterhalten zu können, den sie noch nicht kannten. Es kam mir zugute, dass ich schon einige Länder dieser Welt bereist hatte und zum Glück auch noch, zumindest ansatzweise, ein paar gängige Sprachen beherrschte.
   Vicky nickte mir im Vorbeigehen zu, als sie bemerkte, dass ich ein etwas schwierigeres und obendrein gelangweiltes Pärchen bei Laune zu halten versuchte. Sie waren wohl eher vom gleichen Schlage wie ich und nur zufällig in einem Anfall von Kultursightseeing in den Highlands gelandet. Nach einer Weile konnte ich ihnen zum Glück das Land so richtig schmackhaft machen, obwohl ich noch nicht viel davon gesehen hatte. Der Enthusiasmus, den ich meiner neuen Aufgabe entgegenbrachte, steckte sie an.
   Als endlich der Abend kam, war ich wirklich ausgelaugt. Es war nicht einfach, den ganzen Tag zu lächeln und Probleme zu lösen. Zumindest für mich nicht. Ich wollte mir noch einmal den Wind um die Nase wehen lassen und schlich dick eingemummt um die Burg herum. Zugegeben, ich hoffte, auch noch einmal einen Blick auf Arran erhaschen zu können. Er war mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.
   Von irgendwoher erklang eine Melodie, gespielt auf einer Geige. Tiefe Sehnsucht lag darin und ein Gefühl zum Dahinschmelzen. Sie kam aus einem der geöffneten Fenster des ersten Stocks in Arrans ›Elfenbeinturm‹. War er Musiker? Oder war es nur eine CD? Nein, er musste selbst spielen, denn die Melodie machte eine kurze Pause, und das Stück fing noch einmal in einer etwas anderen Version an. Ich hielt den Atem an und lauschte verzückt.
   Arran unterschied sich meilenweit von den Männern, die ich bisher kennengelernt hatte. Leider auch in der Hinsicht, dass er nicht versucht hatte, bei mir zu landen. Ich war wohl nicht sein Typ. Vielleicht stand er ja nicht auf Frauen. Und wenn doch, musste ich noch dem unsäglichen Vergleich mit Vicky standhalten.
   Resigniert ließ ich meinen Blick auf mein Spiegelbild in einem der Fenster fallen. Irgendwie passte an mir nichts zusammen. Alle Kontraste waren zu krass. Meine Haare zu dunkel, meine Haut zu weiß, meine Lippen zu rot, meine Augen zu groß. Das hatte mir schon in der Schule den Spitznamen Schneewittchen eingebracht. Und es nervte mich. Da, wo Kontraste angebracht gewesen wären, nämlich bei der Figur, war dafür nichts zu sehen. Meine weiblichen Reize stachen nicht gerade ins Auge. Sie waren eigentlich überhaupt nicht vorhanden. Wo Vicky mit ihren Kurven die Kerle ins Schleudern brachte, war bei mir alles flach – hinten und vorn. Meine Größe erreichte auch kaum nennenswerte Zahlen. Ich war zwar nicht unbedingt klein, aber für den Laufsteg hätte es auch nicht gereicht. Ich hatte schlichtweg die zierlichen Gene meiner französischen Großmutter geerbt – ein Püppchen, genauso wie mein Vater mich immer nannte. Es war vielleicht nett anzusehen, und man konnte nahezu alles Modische tragen, aber für Männer interessant machte mich mein Aussehen allein nicht.
   Zum ersten Mal in den letzten Tagen ließ ich den Kopf hängen. Nachdenklich schlurfte ich, gefolgt von meinem zerzausten grauen Schatten, in meine nicht gerade anheimelnden zehn Quadratmeter zurück. Groupie legte sich zu meinen Füßen und sah mich mit treuherzigem Hundeblick an. Wie lange würde ich es hier aushalten? Was würde passieren, wenn die Einsamkeit und die Angst, die ich nie lange ertragen konnte, mich übermannten? Wenn meine ewigen Verfolger hier auftauchten und ihre bohrenden Blicke und drängenden Stimmen mir den letzten Nerv raubten?
   Was, wenn ich nur noch diesen einen zotteligen Freund hätte, an den ich mich schmiegen konnte, wenn ich mich nach Wärme und Zuflucht sehnte? Ich wagte nicht, daran zu denken.

*

Arran legte seine Stradivari zur Seite und dachte erneut darüber nach, was der Grund für Victoria gewesen sein könnte, Julie anzuheuern. Wollte sie Julie und ihn verkuppeln? Das würde ihr durchaus ähnlich sehen.
   Victoria zog ihn seit geraumer Zeit mit seinem nicht vorhandenen Sexleben auf. Dabei hatte er mehr als einmal deutlich gemacht, dass er sich nichts daraus machte – zumindest redete er sich ein, dass er sich nichts daraus machte. Das Spiel hatte für ihn jeglichen Reiz verloren. Er hatte vieles ausprobiert in seinem langen Dasein, doch es war lediglich ein Geben und Nehmen gewesen – rein körperlich. Er hatte niemals jemanden gefunden, der seine emotionale Seite angesprochen hätte. Irgendwann hatte es ihn angewidert, Tag für Tag für die sexuellen Höhenflüge seiner Partnerinnen verantwortlich zu sein, nur, um seine Existenz aufrechtzuerhalten. Er fühlte sich zunehmend wie eine männliche Hure.
   Gedankenverloren ließ er den Blick aus dem Fenster in den Hof schweifen. Er hatte sich mit seinem Leben, oder besser seiner Existenz abgefunden. Er wollte nicht undankbar sein, dafür, dass – im Gegensatz zu seinen Brüdern – seine letzte Erinnerung an das Leben nicht diese verheerende Schlacht oder die grausamen Schmerzen der infizierten Wunden waren, die ihn hätten elendig dahinsiechen lassen.
   Seitdem hatte er viele wunderbare Ereignisse miterlebt. Und er konnte sich der Kunst und Musik widmen, wie es in seinem ›ersten Leben‹, wie er es gern nannte, nie möglich gewesen war. Er fragte sich dennoch, vor allem wenn der Wind wieder kalt um die Mauern seiner alten Festung strich – und das tat er in letzter Zeit öfter, als ihm lieb war – was wohl seine letzten Erinnerungen sein werden, wenn er einmal der Ewigkeit gegenüberstünde. Würden es die Erinnerungen an die Einsamkeit und Leere sein, die er spürte, seitdem er es aufgegeben hatte, jemanden zu finden, mit dem er seine unendlich lange Existenz teilen konnte?
   Er schüttelte den Kopf und wandte den Blick ab. Was hatte Julie nur an sich, dass sie ihn dazu veranlasste, soviel über sich nachzudenken?
   Um sich abzulenken, nahm er wieder seine Geige und spielte ein paar seiner Lieblingsmelodien.

*

Als ich am nächsten Morgen erwachte, hatte Groupie schon mein Zimmer verlassen. Die Tür war nur noch angelehnt. Seufzend stieg ich aus meinem Bett und fröstelte. Es war noch kühler geworden und geheizt wurde in den Sommermonaten nicht, selbst wenn es zu schneien anfangen würde, hatte Vicky gewitzelt. Ich schlüpfte schnell in meinen kuscheligen Bademantel und warf einen Blick aus dem Fenster. Zum Glück hatte es nicht tatsächlich geschneit. Das wäre meiner momentanen Stimmung nicht gut bekommen. Trotz eines immer noch ungewohnt albtraumlosen Schlafes war mein Optimismus nicht zurückgekehrt.
   Die Tage verstrichen mehr oder weniger arbeitsreich. Ich traf Arran immer nur kurz, wie zufällig, am Abend, wenn ich im Hof eine Pause einlegte und über die Brüstung auf das Wasser blickte. Die Wellen hatten etwas Beruhigendes an sich, aber die Tiefe, die man an der Schwärze des Wassers erahnen konnte, stimmte mich schwermütig. Ich bekam mehr und mehr das Gefühl, darin zu versinken.
   Eines Abends, als ich wieder meinen Gedanken nachhängend in das Wasser starrte, stand Arran plötzlich hinter mir.
   »Das Wasser ändert immer wieder die Farbe, ist dir das schon aufgefallen? Es hat viele verschiedene Nuancen von Schwarz.«
   Ich fuhr erschrocken herum. »Ich … ich habe darauf noch nicht geachtet, tut mir leid«, stammelte ich, peinlich berührt, in meinem Trübsal erwischt worden zu sein. Normalerweise versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir etwas von Vickys guter Dauerlaune anzueignen, aber ganz hatte es nicht funktioniert, zumindest nicht, wenn ich allein war.
   »Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Mir ist nur aufgefallen, dass du jeden Abend an diesem Platz stehst und ins Wasser siehst.«
   Mir wurde schlagartig bewusst, dass man diese Vorliebe auch anders interpretieren konnte. Sogar Groupie sah mich sorgenvoll an. Arran wollte offenbar nur nicht so taktlos sein und mich darauf ansprechen.
   »Möchtest du ein Stück spazieren gehen? Ich kenne ein paar Stellen, an denen man eine bedeutend schönere Aussicht hat.« Er fragte in einem derart sanften Ton, dass es mir Tränen in die Augen trieb. Verlegen sah ich zu Boden. »Ich … Ich fürchte, ich muss wieder an die Arbeit und die Einkäufe für morgen zusammenschreiben.« Am liebsten wäre ich davongelaufen. Seine Nähe war so beruhigend und aufwühlend gleichzeitig, dass ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte.
   »Das kannst du auch morgen früh erledigen, wenn der Koch wieder da ist. Der Markt ist bis Mittag geöffnet und bei diesem Wetter sind nicht viele Touristen unterwegs, die dir alles wegkaufen könnten. Ich denke, du brauchst eine Pause. Mach Feierabend für heute.«
   Ein Kloß steckte mir im Hals. Er hatte recht. Ich hatte mir angewöhnt, bis spät abends zu arbeiten oder mit Vicky etwas zu besprechen, nur, um nicht allein zu sein.
   Arran wartete geduldig auf meine Antwort.
   »Ich ziehe mir nur etwas Wärmeres an«, sagte ich schließlich. Groupie folgte mir wie ein wachsamer Schatten auf dem Fuße.
   »Es sieht aus als, würde der See brennen, findest du nicht?«, fragte Arran leise.
   Ich brachte nur ein schwaches Nicken zustande und versuchte, die Schönheit dieses Anblicks zu erfassen. Es war schön – zweifelsohne. Wir standen weit über dem See und bewunderten die alte Festung und die Wellen, die in dem Schein der fast untergegangenen Sonne wie in flüssiges Feuer getaucht wirkte. Die Wolken am Himmel leuchteten auf einer Seite tiefrot, während sie auf der anderen Seite bedrohlich violett und schwarz den nächsten Regenschauer ankündigten. In der Luft lag der Geruch von Moos und nasser Erde.
   Arran stand neben mir, in den leichten Wind gewandt und schien es zu genießen. »Es kann auch befreiend sein, sich von allem zu lösen. Manchmal wird man sich der auferlegten Zwänge erst bewusst, wenn man sie hinter sich gelassen hat.« Er lächelte mich an.
   Ich hätte mich zu gern an ihn geschmiegt, aber er hielt immer diesen halben Meter Abstand. »Bist du nie einsam hier?«, fragte ich, ohne ihn anzusehen. Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen.
   »Manchmal vielleicht«, antwortete er zögernd. »Vermisst du Hamburg?«
   »Ich bin mir nicht sicher. Ich denke, ich habe eher Angst, nicht mehr in mein altes Leben zurückzukönnen, aber auf der anderen Seite will ich es auch nicht mehr. Ich weiß aber nicht, wie es dann weitergehen soll.« Die Verunsicherung schnürte mir den Hals zu.
   Arran sah auf den See hinaus. »Vielleicht solltest du es einfach auf dich zukommen lassen. Viele Dinge ergeben sich von selbst, wenn die Zeit dafür reif ist. Manchmal muss man nur Geduld haben und das Beste aus der Situation machen, in der man sich gerade befindet.«
   So abgedroschen es auch klang, da war etwas Wahres dran. Ich versuchte, mich zu entspannen und den Ausblick zu genießen, doch es gelang mir nicht. Arran machte ein Zeichen, ein Stück weiterzugehen. Wir mussten einen Bogen um ein kleines Feld mit violetten Blüten und stacheligen Blättern machen.
   »Das ist ein ganzes Feld voll Disteln«, erklärte Arran. »Wusstest du, dass die Distel die Nationalpflanze Schottlands ist?«
   Ich schüttelte verwundert den Kopf.
   »Man sagt, ein Distelfeld hätte Mitte des dreizehnten Jahrhunderts angreifende Wikinger verraten. Sie hatten sich in der Dunkelheit in den Stacheln verhakt und durch ihre Schreie die schlafenden Schotten geweckt. So konnten diese die Angreifer abwehren.«
   Ich musste lächeln. Er versuchte mit allen Mitteln, mich abzulenken. Er zeigte mir noch weitere Pflanzen und auch Tiere, und zu allem wusste er eine kleine Geschichte.
   Ich bemerkte nicht, dass unser Weg uns in einem Bogen zur Brücke zurückführte, bis wir schon fast wieder davorstanden. »Hast du eigentlich nie Angst, ein Sturm könnte die Brücke zerstören und du kämst nie mehr aus deiner Burg heraus, auf das Festland zurück?«
   Er schüttelte den Kopf. »Nein, weil ich weiß, dass ich schwimmen kann, und du kannst es auch, Julie. Du musst nur daran glauben, dann kann dich kein Sturm erschüttern.«
   Ich wünschte mir sehnlichst, dass er endlich meine Hand nahm. Er wirkte so feinfühlig. Er war anders als die anderen, die ich kannte. Ich hatte noch keinen der Jungs – anders konnte man meine Freunde im Vergleich zu Arran nicht bezeichnen – je auch nur annähernd so tiefsinnige Äußerungen machen hören. Ich war hin- und hergerissen, ob ich nicht doch einen ersten Schritt versuchen sollte. Ich hatte Angst, er könnte es nicht wollen. Und ich wusste nicht, was ich im Moment wirklich von ihm wollte. Eigentlich wollte ich nur in den Arm genommen und getröstet werden.

Das Wetter verschlechterte sich weiter. Ich hoffte vergeblich auf Besserung, während ich am Morgen die zu machenden Einkäufe aufschrieb. Die letzten Male, als ich auf den Markt gefahren war, war es wenigstens einigermaßen trocken und windstill gewesen. Arran hatte mich seit dem ersten Mal nicht wieder begleitet. Aber an diesem Tag dachte ich ernsthaft darüber nach, ihn darum zu bitten. Ich zögerte noch. Ich wollte nicht, dass er dachte, ich beabsichtigte, seine Gesellschaft mehr als nötig zu strapazieren. Wobei er am Abend zuvor nicht den Eindruck gemacht hatte, es wäre ihm unangenehm. Er verunsicherte mich zutiefst. Mit einem Mann wie ihm konnte ich nicht umgehen. Während ich noch grübelte und das Auto mit den großen Weidenkörben und meinem vierbeinigen Mitfahrer volllud, kam er auf mich zugelaufen. Er zog sich seine Kapuze tief ins Gesicht und schüttelte die Regentropfen von seinem Ärmel.
   »Wolltest du ohne mich los?«, fragte er mit gespielt strenger Miene.
   »Ich war mir nicht sicher, ob ich dich bitten kann, zu fahren.«
   »Ich hätte dich doch bei diesem Wetter nicht allein fahren lassen!« Er schüttelte den Kopf. »Wofür hältst du mich?«
   Tja, gerade das wusste ich nicht. Wofür sollte ich ihn denn halten?
   »Fühlst du dich etwas besser heute?«, fragte er, als wir endlich im trockenen Auto saßen.
   Ich nickte stumm, aber ich merkte an seinem Seitenblick, dass er mir nicht glaubte. »Lebst du eigentlich seit deiner Kindheit hier, oder warst du zwischendurch auch mal länger weg aus Schottland, wenn ich so etwas Persönliches fragen darf?«
   »Was hältst du denn für wahrscheinlicher?« Er verkniff sich ein Grinsen.
   »Deinem Kleidungsstil nach zu urteilen, würde ich sagen, du hast schon längere Zeit in einer größeren Metropole gelebt, aber die Tatsache, dass du scheinbar so ungern unter Menschen gehst, lässt mich wieder zweifeln.«
   »Na, vielleicht hatte ich in der Metropole einfach genug Menschen um mich herum, und jetzt ist mein Bedarf für eine Weile gedeckt. Wie wäre es mit dieser Erklärung?«
   »Ist es so?«
   Er blickte aus dem Seitenfenster. Ich konnte seine Miene nur in der Spiegelung des Glases erkennen, doch er schien sich zu amüsieren. »Ich war eine Zeit lang unter anderem in London und Paris. Aber im Moment gefällt es mir hier ganz gut.«
   »Oh, ich liebe diese alten Metropolen«, schwärmte ich begeistert. »Dieses Flair der vergangenen Jahrhunderte, die wunderbaren kleinen Straßencafés und die Künstlerviertel in diesen Städten.« Die Bilder meiner letzten Stippvisiten schoben sich vor mein geistiges Auge.
   Arran lachte. »Es ist interessant, wie jeder vom Flair der alten Zeiten schwärmt. Ich befürchte, die Menschen, die zur damaligen Zeit gelebt haben, würden diese Meinung nicht so ohne Weiteres teilen wollen.«
   »Nicht? Warum? Denkst du wirklich, es ist heutzutage so viel besser?« Ich hatte eine sehr romantische Vorstellung von den sogenannten alten Zeiten. Eine Romantik, die heutzutage viel zu kurz kam.
   »Es ist zumindest in vielen Dingen einfacher. Die Kommunikation über die Distanzen, die Verkehrsmittel und vor allem die allgemeine Lebensqualität sind wohl Errungenschaften, die keiner mehr so gern gegen die vermeintliche Romantik des vorindustriellen Zeitalters tauschen würde, meinst du nicht?«
   Da musste ich ihm allerdings recht geben. Wenn ich so aus dem Fenster sah, wie der Regen wieder einmal sintflutartig die Straße hinunterrann, da war ich schon froh, in einem geschlossenen Auto mit Heizung zum Markt fahren zu können. Und nicht im Ochsenkarren sitzen zu müssen, oder gar zu Fuß unterwegs zu sein. Wie hatten die Menschen damals nur diesen Regen von sich abgehalten? Sie mussten ständig völlig durchnässt gewesen sein.
   Zum Glück ließ der Regen etwas nach, als wir den Markt erreichten. Da ich wusste, wo ich bekam, was ich wollte, ging der Einkauf wesentlich schneller vonstatten, als das erste Mal, als ich mit Arran zusammen hier war.
   Obwohl die Marktleute mich die letzten Male immer gleich nett begrüßt hatten, schienen sie erneut eingeschüchtert und zögerlich, als Arran die Waren in die Körbe lud. Ich verstand diese Leute einfach nicht. Sie gewöhnten sich offenbar leichter an eine völlig aus dem Rahmen fallende Ausländerin, als an jemanden ihresgleichen, der sich vielleicht ein bisschen von ihnen abhob. Sie hielten Abstand, wo es nur ging. Und sie blickten immer wieder verstohlen zwischen Arran und mir hin und her, als würden sie einen Vergleich anstellen wollen. Nur welchen? Man sah doch deutlich, dass wir nicht verwandt sein konnten. Er war groß und blond, und ich war kleiner und schwarzhaarig. Das Einzige, in dem wir uns ähnelten, war die Blässe unserer Haut.
   Ich nahm die leichteren Körbe, damit wir möglichst schnell ins Trockene kamen. Es regnete wieder stärker und das alte Pflaster war rutschig. Schnell bugsierte ich meinen nassen Hund zurück in den Kofferraum und wollte zur Beifahrerseite huschen, um dem prasselnden Nass zu entkommen, das langsam, aber sicher die Wasserfestigkeit meiner Wimperntusche als faules Werbeversprechen enttarnte.
   In einem unbedachten Moment verlor ich den Halt und rutschte aus. Arran war blitzschnell bei mir und fing mich gerade noch vor dem Aufprall auf. Er zog mich auf die Beine und hielt mich fest. Für einen Augenblick waren wir uns sehr nahe. Mein Herz schlug wild, ich war wie benommen. Er hielt den Atem an. Ich starrte auf seine Lippen und wollte gerade der Versuchung erliegen, ihn zu küssen, als er den Kopf zur Seite drehte.
   »Ich … ich bin nicht das, was du denkst.« Er sah zu Boden.
   Also doch schwul? Mir fiel das belauschte Gespräch mit Vicky vom ersten Abend wieder ein. Es hatte diesbezüglich Fragen offen gelassen. »Schade«, rutschte es mir eine Spur zu zickig heraus. »Entschuldige, schade für mich, meine ich. Deine Lover denken sicherlich anders darüber.«
   So verlegen, wie er nun war, tat es mir leid, überhaupt etwas gesagt zu haben. Hier war man wohl nicht so tolerant, wie ich es gewohnt war.
   »Nein, so ist es nicht. Ich meine … ich bin anders.« Abrupt drehte er sich um und stieg ins Auto.
   Wie anders denn noch? Ich ließ mir alle Möglichkeiten durch den Kopf gehen, die mir spontan einfielen, und wollte doch eigentlich nicht weiter darüber nachdenken. Sollte mir lieber Vicky erklären, was das hieß.
   Vicky grinste wieder einmal ihr undurchschaubares Grinsen, als ich sie auf den Vorfall ansprach.
   »Du scheinst ihn ja ziemlich zu verwirren.«
   »Er machte zumindest einen verwirrten Eindruck, aber ob ich daran schuld bin, weiß ich nicht. Er benimmt sich höchst seltsam. Sag mir doch endlich, was er damit meinte, er sei anders.«
   »Das soll er dir lieber selbst sagen.« Vicky wandte sich ab, vermutlich, um nicht laut herauszuprusten. Ich kannte sie lange genug, um ihre Gesten zu durchschauen.
   »He, das ist nicht fair! Wieso lachst du? Er sah nicht gerade danach aus, als könnte er darüber lachen. Ist es nun lustig oder schrecklich? Sag mir wenigstens soviel!«
   »Kommt darauf an, wie man es betrachtet. Ich finde es witzig, wie er auf dich reagiert. Du bringst offenbar gerade einen Eisblock zum Schmelzen, und das finde ich lustig.«
   So, jetzt wusste ich wieder genauso viel wie vorher.

*

Arran hätte sich in den Hintern treten können. Wie dämlich konnte man sich denn anstellen? Er hatte sich wie ein Schuljunge benommen. War es möglich, dass man in ein paar Jahrzehnten verlernte, wie man sich gegenüber einer attraktiven Frau verhielt? Er hätte Julie nur zu küssen brauchen, nicht mehr. Was wäre schon dabei gewesen? Es hieß doch nicht automatisch, dass er deswegen in die alten Gewohnheiten zurückfiel. Vielleicht würde sie nicht bemerken, dass er kein Mensch war. Wütend ballte er die Fäuste. Dieses ewige Verheimlichen, was oder wer man war. Es war ein Fluch! Verdammt zu ewigem Leben ohne Leben! Wozu das Ganze? Was war der Sinn darin? Sollte er ewig so weitermachen? Es konnte doch nicht sein, dass er niemals mehr die Chance bekam, sich seine Vorstellung von einem Leben zu verwirklichen. Enttäuscht nahm er seine Geige und spielte die traurigsten Weisen, die er kannte.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.