Dies ist der erste Teil der Geschichte um Elise Brennan ... ... die Tochter eines Vampirheilers, ... mit der Wahrheit über den ersten aller Vampire, ... jahrtausendealte Kräfte, weit mächtiger als Werwölfe oder Hexen ... und einen Vampir, der all sein Wissen in den Wind schlägt, um einer faszinierenden Frau die Chance zu geben, ihn in einen Menschen zurückzuverwandeln. Elises Vater hatte sein Leben der Vampirheilung verschrieben. Nachdem er den Schlüssel zur Heilung endlich gefunden hat, starb er auf mysteriöse Weise bei einer Reise nach Dublin. Elise beschließt ein Jahr später, sich endlich ihrem Erbe und der Familiengeschichte zu stellen. Sie ahnt nicht, dass bereits ein Vampir in ihrer unmittelbaren Nähe darauf lauert, sie zu töten, und nicht, dass ihre unerwiderte Liebe Michael eine viel mysteriösere Rolle in ihrem Leben spielt als vermutet. Wird Michael Elise von der Idee der Vampirheilung abbringen können oder wird sie dem Vampir verfallen und ihr Leben für den Traum ihres Vaters opfern?

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ISBN: 978-9963-52-702-1

Seiten: 244

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Nina Melchior

Nina Melchior
Nina Melchior wurde 1981 in Waiblingen geboren und lebt in Baden-Württemberg. Mit dem Schreiben begann sie in ihrer Teenagerzeit, woraus 1999 ihr erster Jugendroman hervorging, der von der Waiblinger Kreiszeitung und dem Radiosender SWR1 vorgestellt wurde. Nina Melchior ist gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte. Der erste Teil ihrer Vampirheilerin-Saga wurde im Januar 2015 vom bookshouse-Verlag veröffentlicht.

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Leseprobe

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Prolog
Bemächtigung

Er stand mit geschlossenen Augen in der Höhle, bündelte sein Verlangen und schickte es nach ihr aus. Seine Energie kroch zur Steintreppe, drang durch die Holztür und schlich hinauf auf die Galerie des Schlosses. Mühelos fand sein Lockruf ihren Körper und überwand die Grenze zu ihrem Bewusstsein.
   Der kritische Moment war vorüber. Er lächelte.
   Als er sich umsah, war Elise Brennan ganz nah. Und heute Nacht war sie endlich schwach.

Kapitel 1
Elise

Du weißt, dass ich dich töten werde.« Der Vampir machte ein paar Schritte durch die Gasse auf sie zu. Seine Augen brannten wie Irrlichter und
   lachten sie dabei scheinbar aus.
   Wie war sie überhaupt nach Dublin gekommen? Elise konnte sich nicht erinnern. Es gab nur eine Möglichkeit: Sie musste ihrem Vater nach seiner Abreise gefolgt sein. Endlich einmal wieder hatte sie also das Richtige getan. Vor ihrer Brust hielt sie seine Tasche fest umklammert, als wäre es eine kugelsichere Weste. Gegen die Bedrohung vor ihr hatte sie allerdings nicht einmal damit eine Chance. Trotzdem schmiegte sich das abgegriffene Leder angenehm warm an ihre Brust. Das Heilmittel musste in der Tasche sein. Warum sonst hätte sie sie in diese Gasse mitgenommen? Hatte ihr Vater das Heilmittel auf Choisric vergessen? War sie ihm deshalb nachgereist?
   »Hat es dir die Sprache verschlagen, kleine Elise? Dachtest du wirklich, du schaffst es, ihn zu retten?« Der Vampir trat einen Schritt zur Seite. Hinter ihm am Boden lag ihr Vater. Ihr verschlug es den Atem. Der letzte Rest Blut wich fühlbar aus Elises Gesicht.
   Die Glieder ihres Vaters waren in einem seltsamen Winkel verdreht, genauso wie die Bügel seiner Drahtbrille, die neben ihm am Boden lag. Sein Körper zuckte, das Blut unter ihm formte einen dunklen Spiegel.
   Elises Lippen begannen zu zittern. Die Tasche glitt ihr aus den Händen, schlug am Boden auf und öffnete sich dort mit einem plumpen Ton. Eine lähmende Leere fraß sich in Elises Gehirn, als ihr klar wurde, dass die Tasche nichts enthielt, außer dem seidenen Innenfutter in der Farbe getrockneten Bluts. Wie sollte es auch anders sein? Sie kannte das Heilmittel nicht. Ihr Vater hatte es nie gefunden.
   Der Vampir drehte den Kopf, als würde er ihr sein perfektes Profil zeigen wollen. Der Luftzug seiner Bewegung erfasste sie, und er stand plötzlich dicht hinter ihr.
   Kalte Finger griffen in ihren Nacken, und seine Erregung ging auf sie über. Elise lehnte sich gegen seinen Körper, und der Wunsch, sich ihm hinzugeben, umspannte sie wie das Netz einer Spinne. »Ich liebe dich«, flüsterte er, aber seine Stimme war jetzt eine völlig andere. Der Hauch seines Atems strich über ihren Nacken und raubte Elise den Verstand. Dann schlug er seine Fangzähne in ihren Hals. Im gleichen Augenblick schoss Elise der Name, dem sie diese Stimme zuordnete, in den Verstand: Michael.

Als sie zu sich kam, saß sie aufrecht in ihrem Bett und rang nach Luft. Sie lebte. Enttäuschung machte sich in ihr breit. Aber da war noch etwas, ein Wissen, das diese Enttäuschung übertraf. Ihr Dasein hing nicht am seidenen Faden. Sie lebte und würde dem Tod einiges abverlangen, wenn er sie vor ihrer Zeit holen wollte.
   Sie musste ihr Leben ändern.

Kapitel 2
Labor

Sie ließ sich zurück in ihr Bett sinken, stellte die Knie unter der Bettdecke auf und legte ihre Hand auf die Stirn. Unter ihrem Bauchnabel prickelte es. Schnell setzte sie sich wieder auf. Ein Traum. Nur ein Traum. Aber sie glaubte an das, was sie geträumt hatte, jedenfalls den Teil, der den Tod ihres Vaters betraf.
   Elise griff nach ihrem linken Handgelenk und zog den gelähmten Arm auf ihren Schoß. Der Blick zum Wecker verriet ihr, dass es erst vierzehn Minuten nach vier war, dabei waren ihre Tage doch schon lang genug.
   Im Dunkeln tastete Elise nach dem Lichtschalter und knipste ihre Nachttischleuchte an. Das künstliche Licht brannte in ihren Augen. Blinzelnd sah sie in den Schlosssalon, der ihr Zimmer gewesen war, solange sie denken konnte. Dabei begegnete sie ihrem Anblick im Spiegel und korrigierte die gekrümmte Haltung ihrer zierlichen Gestalt.
   Sie war noch immer hübsch. Aber ihr Gesicht hätte trotz der kindlichen Rundheit mittlerweile auch gut und gern einer Schwerkranken gehören können. Die bräunlichen Schatten unter den Augen ließen ihre Haut durchsichtig erscheinen, und ihr verschwitztes Haar schimmerte in diesem Licht wie Safranfäden.
   Was hatte sie sich bloß angetan im letzten Jahr?
   Aus einem Impuls heraus tastete sie nach ihrem Handy. Es zeigte drei SMS und einen Anruf an. Zu ihrer Überraschung stammte der Anruf von Michael.
   Ihr Atemrhythmus veränderte sich und sie verdrängte schnell seine Rolle in ihrem Traum, während sie die erste Nachricht öffnete.
   Es war Cassy O‘Keefy, die wieder einmal fragte, ob sie gemeinsam frühstücken gehen wollten. Sie hätte absagen können, wie immer, entschied sich aber dafür, zunächst die zweite Nachricht zu lesen. Sie war erst vor wenigen Minuten eingegangen und damit vielleicht auch der Grund für ihr außergewöhnlich frühes Erwachen.
   Ein Schauder überlief sie. Was, wenn der Traum nicht mit dem Vampirbiss sein natürliches Ende gefunden hätte? Einen Moment lang verspürte sie den Wunsch, die Berührung des Vampirs zurückzuholen.
   Der Text der SMS war typisch für Cassy. »Kommst du nun nachher? Um 8.30 Uhr an der X-Oil Tankstelle in Galway? Bis dann, Cassy.«
   Elise runzelte die Stirn. Cassy führte sich auf, als wären sie beste Freundinnen, dabei kannten sie sich eigentlich kaum. Niemand kannte Elise wirklich. Denn aufgrund ihrer Familiengeschichte hatte sie enge Kontakte in den letzten Jahren beständig gemieden. Was sollte sie fremden Menschen auch von sich erzählen? Dass sie Elise Brennan war, in einem verlassenen Schloss mitten in Connemara lebte und ihre Familie seit Jahrhunderten Vampire jagte? Sie lächelte bei dem Gedanken. So, wie sie Cassy einschätzte, würde diese schreiend davonlaufen.
   Gerade, als sie das Handy vor sich aufs Laken werfen wollte, fiel ihr Michaels Anruf wieder ein, und eilig öffnete sie die verbliebene Nachricht. »Konnte Dich gestern nicht erreichen. Versuche es morgen noch mal. Alles in Ordnung? Michael.«
   Sie sank zurück ins Kissen, genoss die Schmetterlinge in ihrem Bauch und das Beben in ihrer Brust. Zugegeben, er war aufdringlich gewesen, als sie sich das erste Mal in der Aula der Trinity University begegnet waren. Aber so anhänglich sein Verhalten einerseits wirkte, so eisern blieb er, wenn Elise versuchte, ihm auf irgendeine Weise näherzukommen.
   Zurückrufen war jedenfalls keine Option. Sonntags war ihr Freund Michael niemals erreichbar. Er studierte Theologie und nahm den heiligen Ruhetag offensichtlich sehr ernst. Ein unliebsames Gefühl von Lethargie machte sich in ihr breit, als würde das Leben aus ihren Adern kriechen und sich in einer Ecke des Schlosses vor der Realität verstecken. Michael interessierte sich nicht für sie, jedenfalls nicht auf die Weise, die sie sich wünschte. Aber der Vampir … Elise strich sich über den Hals, dort, wo ihre Haut zart war und ihr Puls in einer Ader pochte. Sie versuchte, das Verlangen nach dem Gewaltakt des Vampirs aus ihren pulsierenden Schläfen zu verdrängen, aber es funktionierte nicht. Ein Schauder überlief sie. Diesmal kam er so heftig, dass sich der Raum zu drehen begann.
   Mit einem Mal saß Elise kerzengerade im Bett. Das musste endlich aufhören. Das Selbstmitleid, das Leben in Abgeschiedenheit, die Angst, sich lächerlich zu machen wegen des Berufs ihres Vaters. Das Trauerjahr war um. Es gab keine Entschuldigung mehr dafür, sich noch länger vor seinem Erbe zu drücken.
   Aber was versuchte der Traum, ihr mitzuteilen? Warum war am Ende ausgerechnet Michael das Monster?
   Da sie zu keinem Schluss kam, schwang Elise ihre zu dünn gewordenen Beine aus dem Bett und ging zum Schrank. Wie immer griff sie zu ihrer Schlabberjeans, weil diese die Gewichtsabnahme am ehesten zu kaschieren vermochte. Sie beschloss, ihren neuen Vorsatz schon beim Frühstück umzusetzen und endlich wieder ausreichend zu essen. Bewusst wählte sie zur Jeans ein leuchtend fuchsiafarbenes Oberteil mit einer Spitzenborte am Ausschnitt und betont geschnittener Taille. Dabei versuchte sie, nicht weiter darüber nachzudenken, ob sich Fuchsia womöglich zu aggressiv mit ihrer Haarfarbe biss.
   Mit dem obligatorischen Halstuch bewaffnet, ging Elise zurück zum Bett, um ihr Kopfkissen aufzuschütteln, als sie mit den Augen am Bild ihres Vaters hängen blieb. Es stand in einem hübschen weißen Rahmen ohne mädchenhaften Schnickschnack. Selbst auf diesem Foto saß seine kleine Drahtbrille schief auf der Nase, und eine mittlerweile gewohnte Erinnerung tauchte vor ihrem inneren Auge auf: offene Augen, wachsweiße Haut, blutleere Lippen. Nur seine Miene war nicht erschlafft gewesen, wie die gewöhnlicher Leichen. Er hatte vielmehr überrascht ausgesehen, beinahe fassungslos. Gefunden hatte man ihn in einer abgelegenen Gasse Dublins. ‚Tod durch Herzinfarkt‘, war später auf dem Totenschein vermerkt worden. Es waren keine Anzeichen körperlicher Gewalt festgestellt worden, und natürlich fragte sich nur Elise, ob noch Blut in seinem Körper gewesen war und ob durch das Vampirgift bis zur Unkenntlichkeit zusammengezogene Bisswunden von seinem Mörder zeugten.
   Seitdem war mehr als ein Jahr vergangen, und Elise war jetzt allein. Zuviel Sterben und Verlust prägten ihr Leben. Aber sie war beides beinah gewöhnt. Eine Wochenbettinfektion hatte ihr die Mutter gleich nach ihrer Geburt entrissen, ihr Großvater war dem Krebs zum Opfer gefallen, nur wenige Jahre, nachdem die Großmutter mit einem anderen Mann, einem bodenständigeren, wie sie erklärt hatte, ein Leben weit weg von Choisric Castle und seiner unheilvollen Vorgeschichte begonnen hatte.
   Elise war die letzte Brennan, die letzte Hoffnung, das Böse in die Unterwelt zurückzudrängen, wie ihr Großvater es umschrieben hätte.
   Noch immer ruhte ihr Blick auf dem Abbild ihres Vaters. »Ich weiß, du bist enttäuscht.« Sie schlang sich das Halstuch um und zuckte die Achseln. »Ich mache es wieder gut.« Sie sah zum Fenster. Selbst im August war es um diese Uhrzeit in Irland noch recht kühl, und Elise war in Anbetracht der Dunkelheit plötzlich froh, keinen Grund zu haben, das Schloss verlassen zu müssen. Sie griff sich in den Nacken und massierte eine Stelle, die sich seltsam kalt anfühlte. Genau da, wo der Vampir sie im Traum gepackt hatte. Schnell nahm sie die Hand von der Stelle, küsste ihre Fingerspitzen und berührte das Bild ihres Vaters.
   Um sich zu schützen, hatte sie die Vampirforschung ihrer Familie niemals ernst genommen. Vielleicht auch, um einen Rest Alltag in ihrem Leben zu bewahren, das jenseits jeglicher Normen verlaufen war. Ihrem Vater gegenüber fühlte sich das jetzt, da er tot war, unfair an, und ein tiefes Schuldgefühl grub sich deshalb seit einiger Zeit in ihre Seele.
   Elise seufzte, schob das Handy in die Gesäßtasche ihrer Jeans und stand auf.
   Der Galerieflur führte mit einer geschwungenen Holztreppe in den Eingangsbereich des Schlosses hinab. In seinem Prunk wirkte der Familienwohnsitz der Brennans wie ein Relikt aus besseren Zeiten, aus dem alle längst geflohen schienen.
   Sicherheitshalber ließ Elise die gesunde Hand übers Treppengeländer gleiten, während sie leichtfüßig die Stufen hinuntersprang. Sie war mit dem gelähmten Arm geboren worden und die Behinderung daher gewohnt. Nur manchmal schämte sie sich dafür, meist vor Michael.
   Als sie die Schwingtür zur Küche aufstieß, kam ihr ein Schwall abgestandener Luft entgegen. Dennoch war es der einzige Raum im Schloss, der so etwas wie Behaglichkeit ausstrahlte, was vielleicht am alten Ofen lag oder am Fehlen von goldenen Verzierungen, Brokat und ernst dreinblickenden Gemäldegestalten. Die Kaffeemaschine entsprach dem modernsten Standard, und jeden Morgen freute sich Elise erneut, nach nur ein paar gedrückten Knöpfen eine Tasse dampfenden Kaffee genießen zu können.
   Gleich daneben auf der Arbeitsplatte lag das bekannte, in rote Leinen gefasste Buch. Das Lebenswerk ihres Vaters.
   Hatte sie es hier liegen gelassen? Wann hatte sie sich überhaupt zuletzt mit den Theorien ihres Vaters befasst?
   Warum nicht. Sie nippte an ihrem Kaffee und strich mit dem Fingernagel über den Falz des Buchs.
   »Aberglaube und Fantasie sind in der Vampirthematik kaum zu trennen. Es gibt keine Wissenschaftler, die sich auf Versuchstests berufen können, was ich endlich ändern will.«

Sie riss sich zusammen, um nicht die Augen zu verdrehen, und nahm zur Motivation gleich noch einen Schluck Kaffee.

»Warum kam nie ein Kollege auf die Idee, dass es sich beim Vampirismus um eine Krankheit handelt? So ist beim Untoten von einem menschlichen Körper zu sprechen, der nicht mehr im medizinischen Sinne ‚lebt‘ und dennoch zu einer Weiterexistenz fähig ist. Der Gesamtzustand des Vampirs bessert sich, sobald er Blut erhält oder sich, glaubt man Legenden, mit Jungfrauen umgibt. Vampirismus zu heilen, bedeutet, Seelen zu retten. Die der Opfer und die der Vampire.«

Das war eindeutig zu viel für diese Uhrzeit.
   Sie stellte die Tasse ab, um das Buch mit einer flapsigen Bewegung zurück auf die Arbeitsplatte zu klappen, und drehte sich ein wenig weg, um die Prägung des Wappens nicht eingehender betrachten zu müssen. Sie wusste auch so, wie es aussah: zwei Schlangen, die sich um einen Äskulapstab wanden; das Zeichen, das man auf jedem Apothekenschild fand, hier aber von einer Fledermaus statt von Engelsflügeln gekrönt wurde.
   Tief in ihrem Innern hoffte sie noch immer fest, dass es Vampire nicht gab. Es war nun an der Zeit, sich selbst davon zu überzeugen.
   Elise verließ zügig die Küche und folgte der Verlängerung der Rundbogentreppe ins Kellergeschoss, wo die Stufen flach und aus abgegriffenem Stein waren. Am Fuß der Treppe verharrte sie einen Moment, als ein neuer Schauder sie erfasste. Es war nur ein Eindruck, eine Intuition von Gefahr, die vorbeirauschte wie ein Schleier aus Nebel und sich sofort wieder der Realität entzog.
   Vor ihr erstreckte sich der Gang zum Labor mit Wänden aus Steinquadern, die sie immer wieder an die Gänge in Pyramiden erinnerten. Wann würde sie hier wohl jemand finden, wenn sie an Ort und Stelle ohnmächtig werden würde. Da sie und ihr Vater Kontakte aus Vorsicht gering gehalten hatten, kam seit Jahrzehnten kaum jemand nach Choisric Castle, ausgenommen natürlich Michael. Beim Gedanken an ihn bemerkte sie, dass sie das Handy in der Küche vergessen hatte. Es fühlte sich unsicher an, zu dieser nächtlichen Uhrzeit das Labor zu betreten. Es lag unter der Erde und besaß keine Fenster. Dabei gab es keinen Anlass für ihre Feigheit. Sie trat, ohne den Lichtschalter zu betätigen, auf das Ende des Ganges zu. Ein Instinkt sagte ihr, dass jeder Entschluss töricht war, den man aufgrund eines Traumes traf, aber bereits als sie die Tür zum Labor einen Spaltbreit öffnete, hüllte sie ein bekannter Kellergeruch ein und entführte sie in eine Vergangenheit, als sie noch ein Mädchen, ihr Vater am Leben und sie etwas weniger einsam gewesen war.
   Sie ließ die am Gewölbe angebrachten Arbeitslampen anspringen, und obwohl sie seit einem knappen Jahr täglich nach den Tieren ihres Vaters sah, verschlug es ihr heute beim Anblick des Chaos im Labor den Atem.
   Denn die Bedeutung des Raums war jetzt eine andere. Seit jeher war sie stets als Besucherin gekommen, zum Beispiel, um ihrem Vater bei der Arbeit zuzusehen oder ein wenig in der Familiengeschichte zu stöbern. Wenn sie sein Erbe nun aber annahm, wurde der Raum zu etwas Großem. Zu etwas, das ihr Leben in eine fremde und vermutlich auch gefährliche Richtung lenken würde.
   Sie atmete tief ein und aus, schloss ihre Lider und tat den entscheidenden Schritt nach vorn. Als sie die Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick auf die eisenbeschlagene Rundbogentür hinten an der rechten Seitenwand des Labors. Sie hing schief in der Wand, als hätten sich die Handwerker damals sehr beeilt, sie fertigzustellen. Die Mythen und Geschichten ihres Großvaters drängten an die Oberfläche ihres Bewusstseins, doch Elise schloss die Augen und versagte ihnen den Zutritt.
   Eine Höhle unter dem alten Kloster, ein Vampirbau, wir haben ihn ausgeräuchert.
   So fest, dass das Gebräu über den Rand der Tasse schwappte, stellte sie die Kaffeetasse auf das Sideboard zu ihrer Rechten, und mit dem Geräusch verschwanden auch die Wortfetzen aus ihrem Kopf. Sie trat in den Gang zwischen zwei Labortischen, die den Raum komplett durchliefen und deren Arbeitsplatten unter den unzähligen Büchern kaum noch zu erkennen waren. Glasgefäße in verschiedenen Größen standen herum, Röhrchen und Messer lagen neben getrockneten Pflanzenresten, Pulver schichtete sich in Dosen, vermutlich auch von gemahlenen Tierkadavern. Der Gipsabdruck eines Fledermausgebisses, vergilbte Listen mit Telefonnummern und eine Unzahl benutzter Kaffeetassen füllten die verbliebenen Stellen zwischen den Büchern.
   Elise durchquerte den Gang, glitt mit ihrem Blick über die Arbeitsflächen und fühlte sich plötzlich schrecklich hilflos. Womit sollte sie bloß anfangen?
   Ein Scharren riss ihren Blick nach links. Die Tiere in den Käfigen begrüßten sie mit erhobenen Nasen. Elise fütterte die Ratten regelmäßig, seit sie zurück nach Choisric gezogen war. Neben den Käfigen standen, versteckt unter ein paar erdfarbenen Decken, die Terrarien, in denen ihr Vater seine Giftspender hielt. Vorwiegend handelte es sich dabei um Spinnen und Skorpione.
   Alles in dem Raum lag noch so unberührt vor ihr wie seit dem Tag seiner heimlichen Abreise nach Dublin. Doch ab heute war es ihr Labor.
   Begeisterung, Stolz und Angst machten sich in Elise breit.
   Sie ging weiter und blieb mit der Hand an einer über die Tischkante hinausragenden Buchkante hängen. Als sie es an seinem speckigen Ledereinband zurück auf den Tisch schob, fiel ihr Blick auf die aufgeschlagene Seite. Sie zeigte Zeichnungen, ähnlich wie Leonardo da Vincis Skizzen. Stilisierte Körper, denen Pflöcke ins Herz getrieben wurden, detailgetreue Abbildungen von Holzgeräten: Pflöcke, landwirtschaftliche Geräte und Holzkeile. Zu ihrer Verwunderung hatte ihr Vater die Abbildung eines sogenannten Dreschschlegels mit Kugelschreiber eingekreist. Daneben war die vergrößerte Skizze eines menschlichen Herzens. Neben dem Buch lag eine offenbar wertvolle Bibel, deren Ränder im Neonlicht golden glänzten. Das war seltsam. Ihr Vater hatte christliche Theorien über Vampire doch von Grund auf ausgeschlossen.
   Elise kam am Herd vorbei, auf dem nach wie vor einige Töpfe standen. Ein Wasserkocher und allerlei Besteck lagen daneben, so als hätte ihr Vater erst gestern hier gearbeitet. Sie verdrängte den Gedanken an das Experiment mit den Ratten, denen er einen Aderlass verpasst hatte, um Versuchs-Vampire, wie er immer gesagt hatte, aus ihnen zu züchten. Elise erschauderte.
   An der Stirnseite des Raumes, auf den sie zutrat, erhob sich das sogenannte Gewürzregal: ein Holzgerippe, das bis zur Decke reichte und voller Kästchen, Döschen und Röhrchen war. Notizen und Berichte steckten zwischen Schachteln, gelbe Haftnotizen klebten auf Gläsern mit undefinierbarem Inhalt. Heftchen lagen auf kleinen Holzkisten, die früher einmal Zigarren beherbergt hatten. Ihr Vater hatte sein Leben darauf verwendet, jedes Kräutchen, das in einer Vampirsaga Erwähnung fand, zu testen und zu katalogisieren. Natürlich kam dem Knoblauch eine größere Bedeutung zu. Er nahm beinah die Hälfte des Gewürzregals ein, und zwar in allen nur erdenklichen Zubereitungsarten: zerkocht, zerstampft, gemischt mit Präparaten, Kräutern, Giften und Blut. Zum Glück war sie keine Frau, die unter leicht auslösbarem Ekel litt.
   Elise schloss die Augen, und einen Augenblick schien ihr, als würden unter die Sicherheit ihrer Wahrnehmung Angst und Kälte kriechen. Sie riss die Augen auf, als das Gefühl übermächtig zu werden drohte. Ein kaum wahrnehmbarer Luftzug von rechts erinnerte sie an etwas Verschüttetes tief in ihrer Erinnerung.
   Die Höhlentür.
   Schon einmal hatte sie sie geöffnet. Damals war sie noch ein Kind gewesen. Weiter ließen sich die Schemen kaum fassen.
   Es war im Grunde nur die Tür zu einer Höhle. In Irland gab es Hunderte Schlösser wie dieses und ein paar davon standen auf Höhlen. Wenn sie das Erbe ihres Vaters annehmen wollte, musste sie nachsehen, ob die Biester in der Höhle noch lebten. Denn sie waren, wie er immer gesagt hatte, seine einzige heiße Spur.
   Ihre Finger zitterten, als sie den alten Schlüssel aus seinem Versteck in der Schublade am Tisch kramte.
   Elise drehte das Metallstück in der Hand. Es fühlte sich schwer an. Zu schwer für ein kleines Stück Eisen. Ihr war fast, als hielte sie die Last, die sie sich gerade auf ihre Schultern lud, direkt in den Händen. Sie wollte den Schlüssel am liebsten fallen lassen, dem Impuls von Flucht nachgeben und davonrennen. Aber etwas hielt sie davon ab. Mit einer gewissen Kraftanstrengung hob sie den Schlüssel vor das Schloss der Holztür und verharrte in der Bewegung.
   Das war der letzte Schritt, um zu beweisen, wie ernst es ihr diesmal war. Dass sie sich dem stellte, auf was ihr Vater sie ein Leben lang hatte vorbereiten wollen.
   Mit einer schnellen Bewegung steckte sie den Schlüssel ins Schlüsselloch. Zuerst drehte er sich ganz leicht. Dann aber hakte etwas im Inneren. Sie nutzte die ganze Kraft ihrer rechten Hand, aber es ging zu schwer. Elise rüttelte an der Tür. Ihr lahmer Arm baumelte dabei an ihrer Körperseite. Das Schloss klemmte.
   Wie um sich zu vergewissern, dass sie es wirklich versucht hatte, drückte sie noch einmal mit dem Zeigefinger sanft gegen die Seite des Schlüssels und plötzlich, als hätte jemand auf der anderen Seite nachgeholfen, schnappte das Schloss aus seiner Verankerung, und die Tür öffnete sich einen Spaltbreit.
   Elise presste die Lippen zusammen, umfasste den Schlüssel erneut und lehnte sich mit dem Körpergewicht nach hinten. Die Tür schwang ihr entgegen.
   Sie betrachtete die ersten Stufen der Treppe aus unbearbeitetem Stein. Eine Dunkelheit umgab sie, die Elise in ihrem Leben erst einmal gesehen hatte. Diese heftige Erinnerung brachte sie fast ins Wanken. Das Grauen, das sie vorhin nur erahnt hatte, schien jetzt den ganzen Raum zu erfüllen. Die Höhlenluft roch nach alten Lumpen und Moder.
   Widerwillig atmete Elise weiter, als sie unter den Türbogen trat. Ihr Rücken lag bestimmt noch im hellen Schein des Labors, doch ihre vordere Körperhälfte wurde bereits von der Dunkelheit verschluckt. Dabei stand sie noch immer mit beiden Beinen im Labor. Es war gerade so, als befände sie sich zwischen zwei Welten aus Licht und Schatten. Sie fühlte die schleichende Bedrohung jetzt deutlich und erinnerte sich lebhaft an die Gefühle ihrer Kindheit, als wäre sie wieder acht Jahre alt. Die Finsternis schien vielmehr aus der Höhle hervorzudringen, anstatt das Licht in die Höhle hinein.
   Elise stellte sich ein wenig breitbeinig unter den Türrahmen. Sie sehnte sich nach mehr Halt.
   Ein lautes Flattern erschreckte sie so sehr, dass der Rückstoß des Adrenalins in ihren Venen sie umzuwerfen drohte. Ihr Brustkorb hob und senkte sich heftig, und unter der Haut ihres Halses pochte die Hauptschlagader.
   Die Vampirfledermäuse ihres Vaters lebten.
   Er hatte sie vor Jahren in Texas gefangen und unter großem Aufwand und Kosten in diese Höhle umgesiedelt. Die Tiere waren Vampiren so ähnlich, dass sie selbst für den ungläubigsten Laien ein Mysterium darstellten.
   Etwas vom Grund ihrer Seele riet ihr, diese Höhle nie zu betreten. Die Atmosphäre darin löste eine Urangst in ihr aus. Der Instinkt drängte sie dazu, die Tür zu schließen. Die Höhle dagegen lockte sie.
   Aber da war noch etwas. Ihr Verstand arbeitete völlig klar. Sie schien ihre eigene Verwirrung beinah von einer anderen Ebene aus zu betrachten, fühlte ihren Atem überdeutlich in ihre Lungen ein- und ausströmen. Die Kälte legte sich als zentimeterdicker Film auf ihre Haut.
   Hatte sie noch die Möglichkeit, die Tür wieder zu schließen?
   Wie eine Person, die unter Höhenangst leidet und am Rande des Abgrunds glaubt, springen zu müssen, stand sie da und wusste nicht, ob sie in der Dunkelheit versinken wollte.
   Ein erneutes Flattern weiter entfernt riss Elise zurück. Sie musste Michael erreichen. Doch der Gedanke an ihn kam ihr unwirklich vor, als wäre er Kontinente entfernt, und doch gab er ihr das Gefühl von Sicherheit. Elise stand regungslos da. Eine Lähmung hatte ihren Körper ergriffen, und in dieser parallelen Wirklichkeit der Dunkelheit griff etwas nach ihrem Verstand.
   Innerlich schrie sie sich an, die Tür zu schließen. Doch als sie bemerkte, dass sie sich nicht von der Stelle bewegen konnte, obwohl ihr Gehirn den Befehl dazu längst gegeben hatte, bekam die Angst kleine Hände. Sie durchdrangen den Stoff ihrer Kleider, krochen darunter und befühlten sie. Ganz plötzlich wusste Elise, was sie so lähmte: Jemand sah sie an.
   Sie war sich absolut sicher. Dort in der Dunkelheit stand jemand. Sie brauchte nur den Arm auszustrecken, die Barriere von Licht und Schatten zu durchbrechen … und sterben.
   Wie von einer anderen Position aus sah Elise, wie sie ihre Hand hob. Ein erneutes Flattern in der Nähe, doch es unterbrach die Bewegung nicht. Lautlos atmete Elise ein. Ein süßer Duft, wie Moschus oder ein schweres Parfum, drang in ihre Nase. Ihre Fingerspitzen drängten weiter der Schwärze entgegen. Näher, immer näher kam sie der Barriere. Und gerade als ihre Fingerkuppen ins Schwarze eintauchten und darin zu erfrieren schienen, fühlte sie für den Bruchteil einer Sekunden ein Glimmen an ihrer Fingerkuppe. Ihre Sinne schossen zurück in ihren Körper.
   Welch Schmerz!
   Elise riss die Hand zurück, entglitt dem Magnetismus, als sie noch glaubte, eine Gestalt zu sehen. Groß. Zu groß für eine Fledermaus. Zwanghaft kontrollierte sie ihre Atmung.
   Ihre Fantasie spielte verrückt. Kein Wunder, bei der Vorgeschichte ihrer Familie.
   Wütend blickte sie in die Dunkelheit und legte die Hand an die Türkante. Mit aller Kraft schob sie sie zurück in die Verankerung und fischte den Schlüssel vom Boden auf. Ihre Hände zitterten. Hatte sie den Schlüssel fallen gehört?
   Erst als sie ihn auf der anderen Seite der Tür zurück ins Schloss gesteckt hatte, bemerkte sie den Tropfen Blut an ihrer Fingerkuppe. Eine der Fledermäuse hatte sie offenbar erwischt. Aber die Gestalt …
   Sie sollte sich zusammenreißen. Vermutlich war ihr Blut der reinste Leckerbissen für diese hungrigen Viecher.
   Mit aller Gewalt drehte sie den Schlüssel um. Das Schloss sprang ohne Gegenwehr ins Scharnier. Sie sah an der Tür empor und rüttelte an ihr. Sie war fest verschlossen.
   Erschöpft sank Elise zu Boden, schlang den Arm um ihre Knie und versuchte, das auf ein kleines Areal beschränkte Stechen in ihrer Fingerkuppe zu verdrängen. In ihrem gelähmten Arm begann es zum ersten Mal in ihrem Leben zu kribbeln.

Kapitel 3
Gast

Der Schmerz zog von ihrem Nacken zwischen den Schulterblättern hoch, als sie den Kopf hob. Offenbar war sie mit dem Rücken an die Höhlentür angelehnt eingeschlafen. Sie zuckte nach vorn, als hätte sie sich an der Tür verbrannt.
   Das Neonlicht surrte über ihr, und die Ratten scharrten leise in ihren Käfigen. Mit dem Anflug eines schlechten Gewissens fiel ihr ein, dass sie noch immer kein Futter bekommen hatten. Abgesehen von den Verspannungsschmerzen fühlte sie sich fast erholter als sonst nach dem Aufwachen.
   Das blecherne Schrillen der Türglocke aus dem alten Lautsprecher an der Decke ließ sie zusammenfahren.
   Das hatte sie also geweckt.
   Sie kratzte sich am linken Handrücken, während sie sich sammelte. Sie betrachtete ihre Hand. Das war unmöglich.
   Die Türglocke ging zum dritten Mal. Elise stand auf.
   Als sie die Flügeltüren des Schlosseingangs aufzog, war das Erste, was sie wahrnahm, Michaels verändertes Aussehen. Seine sprunghaften Locken, die so weiß waren wie die eines Greises, wirkten heute zottig. Er trug eine Jeans mit Löchern, aus denen Baumwollfäden quollen, und ein weißes Shirt. Doch alles hing schief an ihm. Dann betrachtete sie seine Miene.
   Seine für einen Mann eigentlich zu sinnlichen Lippen standen offen. Er atmete schwer, was seine Brust betonte. »Wo um alles in der Welt, warst du?«, herrschte er sie an, und Elise wusste, dass es nicht die Frage war, die hinter seinen tiefblauen Augen stand.
   Als ihr Handy in der Küche surrte, schraken sie gleichzeitig zusammen.
   Mit einem Satz schoss Michael an ihr vorbei in die Empfangshalle, und Elise nutzte die Gelegenheit, ihre gelähmte linke Hand mithilfe der rechten in ihrer Hosentasche verschwinden zu lassen. Michael schien zu erkennen, dass der Ton aus der Küche keine Bedrohung darstellte, und stemmte die Hände in die Hüften. »Du bist nicht ans Telefon gegangen, weder gestern noch heute früh.«
   Elise konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Deshalb hättest du nicht von Dublin hierher joggen müssen.« Die Uhr über der Küchentür zeigte kurz nach halb acht. »Es ist Sonntag. Wann hast du angerufen, um sieben?«
   Michaels Mund stand erneut einen Moment lang offen, und die Farbe seiner Augen glich einem von der Sonne beleuchteten Ozean. Als sie sich zu Schlitzen verengten, holte das Elise aus dem Schmachten. Etwas an seinem Verhalten stimmte nicht. Doch die Freude darüber, dass es Michael war, der in der Eingangshalle stand, erstickte jeden Zweifel. Er war bei ihr. Nur das zählte.
   »Du könntest schon zusehen, dass du ans Telefon gehst, wenn du in diesem Geisterschloss leben willst.«
   »Ich war heute Morgen im Labor.« Sie ging Richtung Küche. »Möchtest du Kaffee?« Ohne eine Antwort abzuwarten, griff sie nach einer Tasse, stellte sie unter den Auslauf und drückte eine Taste, bevor sie nach ihrem Handy griff.
   Die dritte SMS von Cassy an diesem Morgen. »Du treulose Tomate! Ich sitze in der X-Oil Tankstelle in Galway beim zweiten Latte macchiato.« Sie warf das Handy zurück auf die Arbeitsplatte.
   »Es ist unhöflich, eine SMS nicht zu beantworten.« Michael stand dicht hinter ihr.
   »Bist du zwei Stunden gefahren, um mich zu belehren?« Sie hielt ihm die Tasse hin, um einen Abstand zu wahren, den sie ertragen konnte. Vor allem wollte sie die kostbaren Minuten mit ihm nicht mit Diskussionen über Cassy verbringen.
   Michaels Miene schien ungerührt. Dabei war die Anziehungskraft zwischen ihnen mit Händen zu greifen. Ob er es registriert hätte, wenn sie sich nackt ausziehen und auf dem Küchenboden rekeln würde?
   »Was soll das heißen, du warst im Labor?«
   »Ich habe das Erbe meines Vaters angenommen.« Elise nippte an ihrem Kaffee.
   Michaels Augen weiteten sich. »Das ist nicht dein Ernst.«
   »Ich lebe hier völlig abgeschieden, Michael. Mein Leben ist entsetzlich. Also habe ich entschieden, es zu ändern.«
   Er stellte seine Tasse ab. »Es gab keinen Grund, aus Dublin fortzugehen, von mir fortzugehen und ein normales Leben zurückzulassen.« Er senkte den Kopf und ein paar weiße Locken fielen nach vorn.
   Es fiel ihr plötzlich schwer, zu atmen. »Ich habe meinen besten Freund zurückgelassen, der vorgibt, mich gern zu haben, aber mir doch nie nahekommt.«
   »Du bist nicht fair, Elise.«
   »Fairness kommt auf den Standpunkt an.« Sie schlang den rechten Arm um ihren Körper, sodass sie ihren linken Unterarm mit der Hand massieren konnte. Er kribbelte wie ein eingeschlafener Fuß. Eine allergische Reaktion auf den Fledermausbiss? Aber die Tiere besaßen kein Gift.
   »Was ist mit deinem Arm?«
   »Nichts.«
   »Spürst du etwas darin? Seit wann?«
   Der Arm war das zweite Thema, über das sie mit ihm nicht sprechen wollte. »Mein Leben lang habe ich versucht, die Vampire nicht in mein Leben zu lassen. Es war nicht meine Angelegenheit, sondern die meines Vaters. Aber jetzt ist er tot, und seit Jahrhunderten ist Vampirismus ein grundlegender Bestandteil meiner Familiengeschichte. Seit mein Urgroßvater die Nonnen umsiedeln ließ, um sie vor der Bedrohung aus den Höhlen zu schützen.«
   »Du glaubst diesen Unsinn mit dem Vampirbau doch nicht wirklich?«
   »Die ungeklärten Todesfälle unter den Nonnen und die erfolgte Umsiedlung des Klosters sind schriftlich belegt.«
   »Damals gab es Seuchen und Grippeepidemien.«
   Elise reckte das Kinn vor. »Es ist die Pflicht von uns Brennans, die Forschung der Vampirheilung, die nie jemand ernsthaft betrieben hat, weiterzuführen. Da ich die letzte Brennan bin, liegt der Ball bei mir. Nebenbei deutet alles darauf hin, dass mein Vater das Heilmittel vor seiner Abreise fertiggestellt hat.«
   Ihre Begeisterung schien Michael nicht zu erreichen. »Du warst Jahrgangsbeste in Biochemie.«
   Als ob das Studium eine lebenserfüllende Tätigkeit war, zu der man nichts an Glück hinzufügen musste. »Meine Ausbildung sollte lediglich helfen, das Heilmittel herstellen zu können.«
   »Dafür scheint dein Vater dich ja letztlich dann nicht gebraucht zu haben.« Elise spürte einen Stich. Sein Blick wurde weich. »Du verbeißt dich da in etwas, und das wird dich noch mehr von den normalen Menschen trennen.« Seine Stimme war nun sanfter.
   Das Bild ihres sterbenden Vaters erschien vor ihrem inneren Auge. »Heute Nacht hatte ich einen Traum. Mein Vater lag mir zu Füßen. Ich war dabei, als er starb.«
   Michaels Blick öffnete sich mit einer Zugänglichkeit, die nur er so zustande brachte. Er legte seine Hand auf ihre Schulter, und die Wärme vertrieb sofort das flaue Gefühl. »Du bist in Trauer. Dein Unterbewusstsein reimt sich das nur zusammen.«
   Sie drehte sich aus seiner Berührung. Er verstand sie nicht. »Nach dem Aufwachen war es so, als hätte mir jemand einen Nebelschleier von den Augen genommen. Der Traum war real. Er hat mir Mut gemacht, Michael. Ich musste einfach ins Labor gehen.« Fast hätte sie die Höhle erwähnt, wie fasziniert und bedroht sie sich gefühlt hatte. Doch es war besser, diesen Teil auszulassen.
   »Du fühlst dich in einem Gruselkabinett wohler als auf einer der gefragtesten Universitäten?«
   Er brauchte sich keine Mühe zu geben. Sie würde nicht zurückkehren nach Dublin. Bis gestern hatte sie diese Möglichkeit in Betracht gezogen. Aber etwas war seitdem geschehen. Es war nicht nur der Traum. Da war noch etwas. Etwas, das sie hier festhielt. »Mein Vater wurde ermordet.«
   »Das Thema hatten wir bereits. Beweise?«
   »Seit wann bin ich dir Rechenschaft schuldig?«
   »Seit du beschlossen hast, dich in die Pampa zurückzuziehen, telefonisch nicht erreichbar zu sein und Tierkadaver zu Staub zu verarbeiten.« Er ging auf die Haustür zu. Elise rang nach Luft. Er durfte nicht gehen.
   »Es war jedenfalls kein Herzinfarkt.« Michael blieb stehen. »Seine heimliche Abreise, das Aussehen seiner Leiche, die Dinge, die er mir bei unserem letzten Telefonat erzählt hat. Alles spricht dafür, dass ihn …« Das Wort kam ihr nicht über die Lippen.
   »… Vampire ermordet haben.«
   Sie senkte den Kopf. »Vampire.« Nichts geschah. Das Wort blieb in der Luft hängen. »Mein Vater war Schriftsteller und Forscher. Er hat so unseren Lebensunterhalt verdient. Das könnte ich auch.«
   »Du hast andere Möglichkeiten.«
   »Ich bin es ihm schuldig, ins Leben zurückzukehren.«
   »Und das willst du hier erreichen? In diesem Steinsarg?« Michael richtete sich zu seiner vollen Größe auf, doch es genügte nicht, um sie einzuschüchtern, dafür war er ihr zu vertraut. In seinem Gesicht stand ein fremder, geringschätziger Blick. »Ihm war nichts wichtiger als die Toten aus seinen Horrormärchen.«
   »Untote.« Elise sah ihn mit strengem Blick an. »Außerdem liebte mein Vater mich wenigstens.« Sie schluckte. Seit sie Michael begegnet war, schaffte es kein Mann mehr, auch nur ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und gerade jetzt wurde ihr klar, dass sich daran auch nie mehr etwas ändern würde.
   Michael seufzte. »Ich … habe mich vergessen. Tut mir leid.«
   »Ist schon gut.« Sie war es leid, mit ihm zu streiten. »Seit wann hast du an Sonntagen eigentlich Zeit, in Steinsärgen zu sitzen?«
   Diesen Satz zu sagen, war schmerzhafter, als einen Herzinfarkt zu erleiden, und der Ozean in seinen Augen schien daraufhin für eine Sekunde zu kochen. Elise schrak zurück. Sie blinzelte, und das Trugbild verschwand. Etwas in ihr veranlasste sie dennoch dazu, sich von Michael entfernen zu wollen.
   Doch das war nicht mehr nötig, denn er wandte sich um und ging zielstrebig auf die Flügeltür zu. Einen Moment wurde es dunkler um Elise. Dann machte Michael plötzlich noch einmal auf dem Absatz kehrt.
   »In Ordnung, aber lass mich dir wenigstens helfen.« Er gab sich geschlagen? Einfach so? »Aber bitte, geh nicht mehr allein da runter, bis ich zurück bin. In Ordnung?«
   Elise kniff die Augen zusammen, damit der Schmerz nachließ und sie verstehen konnte, was er gesagt hatte. Er würde gleich durch diese Tür gehen und sie verlassen, nachdem er zwei Stunden Fahrt auf sich genommen hatte, nur um nach ihr zu sehen. Was empfand er bloß für sie, und warum gab er es nicht preis? Bis auf den gelähmten Arm war sie doch attraktiv. Die Männer auf der Trinity University hatten sich um Dates mit ihr gerissen. »Gut.« Sie wusste nicht einmal, warum sie zustimmte. Sein Lächeln war charmant und doch irgendwie unpassend. »Frühstückst du mit mir?«, platzte es aus ihr heraus.
   Michael hob die Hand. »Heute ist Sonntag.« Die Haustür fiel hinter Michael ins Schloss. Die Abfuhr traf Elise wie ein Faustschlag und die Erinnerung an den Traum zerrte an ihr, gleich heute noch einmal ins Labor zu gehen.

Kapitel 4
Magnus Ryan

»Bitte, ich will nicht sterben! Ihr tötet mich doch nicht, oder?« Als Antwort zerriss ihr Schrei den pechschwarzen Morgen vor Cleft Castle. Danach
   war es still. Lediglich das Meeresrauschen unterhalb der Klippe drang zu ihm herauf. Die beiden Gestalten bewegten sich lautlos, sogar für einen anderen Vampir.
   Ihre Beute, kaum älter als zwanzig, fiel bewusstlos auf die blutigen Knie. Verklebte Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht. Die Hände, eben noch vor ihrem Gesicht verzweifelt zusammengeschlagen, verursachten ein Klatschen, als sie auf ihren Schenkeln aufschlugen.
   Magnus stand ein Stück entfernt zwischen den Bäumen seines Anwesens. Nicht, um sich zu verstecken. Er demonstrierte damit nur seine distanzierte Haltung zum Geschehen. Es war das Einzige, das er tun konnte, und dabei ging es ihm sicher nicht um das Mädchen. Offenbar hatten sie das Geschöpf den ganzen Weg von Galway her geschleift, denn blutende Schürfwunden bedeckten ihren kompletten Körper. Zu seinem Leidwesen hatte sie das Bewusstsein bereits wiedererlangt und schrie. Er hasste es, wenn sich Menschenstimmen in Hysterie brachen.
   Von den beiden Vampiras sah eine zu ihm herüber, nur um dann ihre Fangzähne erneut in die Beute zu schlagen. Das Opfer schlug mit den Armen auf und ab wie eine aufgezogene Puppe.
   Er fletschte die Zähne. Sogar aus dieser Entfernung konnte er den Blutduft riechen. Er hatte zu lange nicht getrunken. Aber der Gedanke an die Person, für die er sein Verlangen aufsparte, minderte den Drang.
   Gestern war es ihm endlich gelungen, in ihren Traum vorzudringen. Aber er war habgierig gewesen, und sein Anfängerfehler beschämte ihn.
   Elise war sein Weg zurück in die Hierarchie der Vampire. Die einzige Möglichkeit, sich zu rehabilitieren und wieder ein geachteter Vampir zu werden. Dazu benötigte er ihre Leiche.
   Er reckte das Kinn vor, legte den Kopf schief und betrachtete das Schauspiel gegenüber.
   Die Vampirfrauen hockten über dem Menschenkadaver und saugten so hart daran, dass sich das leblose Wesen unter dem Sog ihrer Kiefer immer wieder aufbäumte. Es war ein sanfter Tod im Vergleich zu vielen, die er in zweihundertunddrei Jahren mit angesehen hatte, und leider kam in seinen schlimmsten Erinnerungen immer Ian vor.
   »Warum verschont ihr sie nicht und lasst mir meine Ruhe?«, rief er hinüber.
   »Du bist doch selbst schuld«, antwortete eine Vampira. »Warum hast du den Alten auch nicht abgeschlachtet, wie es sich gehört?« Ein Schwall Blut lief ihr aus dem Mund und rann über ihr Kinn, als sie ihn zu einem Lächeln öffnete.
   Magnus spürte zwei unbändige Wünsche: die Vampiras an seiner Burgmauer zu zerschmettern und selbst von der Leiche zu trinken. »Bringt es hinter euch, damit ich die letzten Stunden bis Sonnenaufgang für mich nutzen kann.« Er rammte seine Faust in den Baumstamm neben sich. Mühelos drang sie in das morsche Holz ein.
   Manchmal kamen sie in ganzen Gruppen, und immer brachten sie ihm mindestens eine Leiche mit. Nacht für Nacht legten sie diese bei seiner Burg ab, und Nacht für Nacht war er daraufhin beschäftigt, die fremden Kadaver zu entsorgen. Er schritt zwischen den Bäumen umher. Nicht, dass es ihm etwas ausmachte, die Leichen zu beseitigen oder dass er etwas Besseres zu tun gehabt hätte. Doch kein Vampir entledigte sich seines Abfalls nicht selbst. Es war ein Späßchen, das sie sich mit ihm erlaubten, um zu verdeutlichen, wie die Schmach an ihm klebte. In seiner Brust war das brennende Gefühl der Schande neu entflammt. Sie war die Ursache dafür, warum er überhaupt zum Vampir geworden war. Hohn konnte er nicht aushalten, er war schlimmer für ihn als jedes andere Gefühl, und jede Nacht, in der sie ihn so behandeln durften, war eine zu viel.
   Die Rückkehr von Elise war eine gottgesandte Chance. Er würde es bald tun müssen, denn diese Ewigkeit war, so wie die Dinge jetzt lagen, eine unerträgliche für ihn geworden.
   Eine Wolke schob sich am Nachthimmel zur Seite, und die bleiche Scheibe des Mondes schien auf die Jägerinnen herab, die ihre Beute endlich entleert hatten. Das Mädchen rührte sich nicht mehr.
   Er würde die Wiese von all den Kleidungsfetzen säubern müssen. Danach musste er die Geruchsspur des Blutes zurückverfolgen und sehen, ob sie in ihrer stümperhaften Art zu jagen nichts von ihrer Beute unterwegs verloren hatten. Keine Spur durfte die Menschen zu seinem Versteck führen. Langsam hob er den Blick.
   Die Blonde links von der Leiche nickte ihm zu. »Im Ernst, warum hast du den Alten nicht getötet?«
   Überlegen lächelnd hob er das Kinn. »Ich hatte keine Lust, schon wieder in eine panische Fratze zu blicken. Ein Vampir mit zweihundert Jahren Erfahrung hat Besseres zu tun, im Gegensatz zu euch Babys.«
   Die Blonde fauchte, die andere dagegen begann zu singen wie ein Kind. »Magnus war zu faul. Magnus war zu faul.«
   Sie hatten doch keine Ahnung, diese Erzeugten der Neuzeit. Menschen starben nicht lustvoll. Sie starben um Verschonung flehend mit hässlichen Gesichtern. Kaum eine Frau, deren Schönheit er einen Moment bewundern konnte, bevor sie im Angesicht des Todes verflog.
   »Verzieht euch in eure Löcher«, brüllte er, und diesmal nahmen sie seine Worte ernst. Sie erhoben sich und waren im gleichen Augenblick verschwunden.
   Er trat unter den Bäumen hervor und stand schon neben der Leiche. Die Mauern von Cleft Castle ragten hinter ihm auf. Der Stein wirkte im Mondlicht noch zerklüfteter, und die Türme warfen lange Schatten auf die Hügel, als wollten sie ihn glauben lassen, dass sich in der Burg noch etwas Gefährlicheres verbarg als er selbst. Aber er wusste es besser und senkte den Kopf zum Unrat, der in seinem Garten lag.
   Wenn es bei einem Vampir etwas gab, das man mit menschlichem Erschrecken vergleichen konnte, so durchfuhr Magnus dieses nun so heftig, dass er überrascht seine Eckzähne entblößte und einen Schritt zurückwich.
   Die Frau im Gras, unnötigerweise fast entkleidet, lebte noch. Sie starrte ihn an, ihre Haut wurde weiß, und ihre Lippen bewegten sich in einem stummen Schrei. Langsam hob sie die mit Blut überlaufene Hand, und Magnus schlug der metallische Duft entgegen.
   Ein Urinstinkt wütete in ihm. Sein totes Herz war nicht imstande, schneller zu schlagen, und aufgrund der Enthaltsamkeit der letzten Wochen gab es auch kein Blut, das durch seine Venen jagen konnte. Doch sein Atem hob und senkte seine Brust in heftigen Stößen, als er begriff, was sie ihm anstatt einer Leiche zurückgelassen hatten: ein leidendes Geschöpf, das noch Stunden brauchen würde, um vollständig auszubluten.
   Panik züngelte in ihm hoch, bevor sein kalkulierendes Wesen wieder die Oberhand gewann. Er konnte sie unmöglich so liegen lassen. Über diesen Punkt der Grausamkeit war er hinaus.
   Er sank neben ihr auf die Knie und suchte eine unberührte Stelle. Doch vor lauter Blut war kaum noch Haut zu erkennen. Er wälzte das Mädchen auf den Bauch und riss mit einem Ruck den Rest des Kleids von ihrem Körper. Erleichtert registrierte er, dass die Unterseiten der Oberschenkel frei von Bisswunden waren.
   Vorsichtig senkte er seinen Kopf an die abgekühlte Haut und hielt inne, um den Duft einzuatmen.
   Die Leidenschaft überfiel ihn heftiger als erwartet. Gierig versenkte er seine Zähne in das Fleisch, zog sie wieder heraus, ohne die Lippen wirklich von der Haut zu lösen, und begann zu saugen.

Sein Körper sah klein und dünn aus in der Badewanne. Hinter ihm stand seine Mutter. Sie lächelte, hob den Schwamm und sprach zu ihm. Er konnte sie nicht verstehen. Ihre Stimme verschwamm mit den Rändern des Raums.

Ein zweiter Sog schleuderte ihn in die Gegenwart zurück. Er packte das Bein erneut, und unter seinen Fingern entstanden weiße Abdrücke in der Haut. Mit einem Knochen krachenden Geräusch schlug er seine Zähne in das Mädchen und saugte. Doch in den Venen bildete sich ein Vakuum, und er spürte Bestandteile von Gewebe in seinem Mund, die er durch den Sog aus dem Körper gezerrt hatte.
   Wütend stieß er sich von der Leiche ab, fiel rücklings ins Gras und schlug sich die Faust vor den Mund.
   Er brauchte mehr Blut.
   Das kindliche Gesicht mit der Apfelsinenmähne tauchte vor ihm auf. Die bloße Erinnerung an Elises Augenaufschlag entfachte in ihm erneut das Feuer des Durstes.
   Wie eine Madonnenstatue hatte sie unter dem Türbogen gestanden und ihn angesehen, ohne zu erahnen, dass er existierte. Sein Atem kam stoßweise. Er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen und ohnmächtig zu werden, ohne dass beides physisch möglich gewesen wäre. Es gab kein Entrinnen aus diesem Körper.
   Er wollte Choisric niederreißen, es stürmen, auch wenn es ihn sein Dasein kosten würde. Aber er wusste, es war der Wahnsinn des Durstes, der ihn diese Möglichkeit in Betracht ziehen ließ. Es gab keinen Weg nach Choisric für ihn. Elise musste zu ihm kommen.
   Mühsam wälzte er sich hoch. Bei jeder Bewegung schmerzten seine Kehle und sein Brustkorb, und etwas, das mal ein Magen gewesen war, zog sich zu einem Fleischklumpen zusammen. Magnus versuchte, seine Sinne unter Kontrolle zu bringen, stemmte die Hände auf ein Knie und sah zu den Zinnen der Burg auf. Wenn er jetzt tötete, würde es tagelang unmöglich sein, Elise erneut zu locken. Enthaltsamkeit war das einzige Mittel, Vampirkraft zu steigern. Es war schwer genug, zu ihrer Seele vorzudringen. Dabei hatte sein gestriger Fehler auch etwas Gutes. Sein Gift war jetzt in ihr.
   Der Durst in seiner Kehle versiegte allmählich. Erschöpft blickte er hinab auf den Körper zu seinen Füßen. Angesichts dessen, was er seit Wochen jede Nacht tat, war sein aschfahles Leben davor das reinste Amüsement gewesen.
   Magnus packte die Leiche der jungen Frau, die bäuchlings vor ihm lag, indem er einen Arm unter ihren Leib schob und mit der anderen ihr Schultergelenk griff. Die Knochen knackten, als er sie anhob.
   Es war demütigend, anderer Leute Reste zu beseitigen. Selbst dann, wenn man seit Beginn seiner menschlichen Kindheit Hohn gewohnt war.
   Nach allem, was er durchgemacht hatte, würde es ihn keine Überwindung kosten, Elise Brennan umzubringen. Die Erinnerungen dabei würden intensiv sein. Er würde seine Mutter und Linette wiedersehen.
   Doch vorher gab es Entscheidungen zu treffen. Er würde Elises leblosen Körper an einem ausgewählten Platz ablegen müssen. Jeder Vampir sollte erfahren, dass er sich reingewaschen hatte von dem Versagen, David Brennan, den einzig achtbaren Feind der Vampirrasse, getötet zu haben.

Kapitel 5
Skellig

Es war das erste Mal seit Monaten, dass Michael zweimal in einer Woche Skellig Island besuchte, und wieder nahm er die sechshundert Stufen gekleidet wie ein Mönch.
   Kristallnebel hüllte die Landschaft ein, giftgrünes Moos schwappte über die Steine und berührte seine Zehen.
   Er kam immer sonntags zum Beten und blieb lange. Heute galt sein Besuch jedoch einem anderen Zweck.
   Die ersten Steinhütten wölbten sich vor ihm aus dem Nebel, und Michael legte seine Hand auf eines der Kruzifixe, die auf grasüberwachsenen Gräbern standen. Er fühlte die Verbundenheit mit dem Ort, an dem es nur noch wenigen Kräutern gelang, sich zwischen den Steinen ans Licht zu kämpfen.
   »Wie lange ist es her?«, fragte Gabriel, und Michael lächelte lange, bevor er sich zu seinem Freund umdrehte. Die ebenfalls in Filz gehüllte Gestalt legte ihm eine Hand auf die Schulter.
   »Lass uns die Menschenleben nicht zählen.«
   Gabriel schob ihn bereits ins Innere eines der steinernen Iglus. »Es tut mir leid, dass du warten musstest. Wie du weißt, lenke ich die Dinge in Afghanistan.« Michael nickte. »Leider bahnen sich derzeit Ereignisse an, die ich nicht allein zu bewältigen vermag.« Gabriel entfernte sich ein Stück von ihm und warf seine Kapuze ab. Sein Haar war kürzer geworden, doch er trug es noch immer länger, als es heutzutage üblich war. Es fiel ihm stumpf und in braunen Wellen in das ebenmäßige Gesicht. »Es ist lange her, dass wir mehrere brauchten, um ein Problem zu lösen.«
   »Hätte Elise einen Schritt in die Höhle getan, wo stünden wir dann jetzt?«
   »Nun, ich vermute, es gäbe ein Vampiropfer mehr.« Gabriel lächelte, was Michael einen Hieb versetzte. »Du hast doch Einfluss auf das Mädchen. Der Zugang zur Höhle ist geweiht. Die Tür ist unpassierbar für den Vampir.«
   »Seit ihr Vater verstorben ist, ist ihre Seele jedoch schwach und angreifbar. Für diesen Vampir scheint die Weihung kein Grund, sie als Opfer zu verschmähen.« Michael versuchte, ein Aufwallen von Scham zu verbergen, als er weitersprach. »Erachten wir es weiterhin für richtig, sie von dem Versuch der Vampirheilung abzuhalten?«
   »Ich sehe überhaupt keinen anderen Weg. David Brennan war ein zufälliges Opfer. Die Gefahr für seine Tochter schätze ich momentan als eher gering ein.«
   Michael nutzte die Vorlage. »Bedrückt dich denn eine Schuld an Davids Tod? Schließlich warst du es, der ihn damals beschützten sollte.« Noch als er das letzte Wort aussprach, wurde ihm klar, dass die Frage zwischen ihnen stand wie eine Mauer.
   Gabriel hob mit leichter Verzögerung den Kopf. »Fühlst du denn Schuld gegenüber Elise?«
   Michael schwieg und suchte im Gesicht des Freundes nach Zweifeln. Doch er fand nichts, außer einer Reinheit, die ihm selbst vor langer Zeit verloren gegangen war.
   Gabriel sah ihn mit ernstem Blick an. »Du lässt dich zu sehr auf die Menschen ein. Vergiss nicht, wir haben die Existenz der Vampire zu dulden.«
   »Sein beharrliches Interesse an ihr ist doch Beweis genug, dass es etwas mit dem Heilmittel auf sich haben muss. Vielleicht weiß der Vampir mehr als wir.«
   »Du weißt, wie ich über Davids Heilmittel denke. Was er herausfand, war nie von Belang. Vampirismus ist nicht heilbar.«
   »Das sind deine Vermutungen.«
   »Vermutungen auf biblischen Grundlagen. Wir tragen im Fall von Elises Scheitern die Konsequenzen.«
   »Ich vertraue Elise. Ihre Familie hat bereits einmal Unmögliches geschafft.«
   »Bring sie lieber dazu, sich dem Leben zuzuwenden. Setze deine Energie dort ein.«
   »Die Einsamkeit im Schloss ist der perfekte Nährboden für die Lockrufe des Vampirs.«
   Gabriel ließ sich offenbar nicht erweichen. »Du sollst Hilfe erhalten, wenn du sie benötigst, Michael. So war es alle Zeit. Ich bleibe fürs Erste in Irland. Das muss dir an Sicherheit genügen.«
   Ob es überhaupt Sinn machte, weiter zu diskutieren?
   Gabriel betrachtete ihn abschätzend. »Mir scheint, der Fall beschäftigt dich persönlich. Du bist doch nicht etwa in sie verliebt und zweifelst an deiner Aufgabe?«
   »Niemals zweifelte ich. Aber ich zerstöre ihre Fähigkeit, zu lieben. Deshalb bin ich dafür, sie gewähren zu lassen.«
   Gabriel stieß einen verächtlichen Laut aus. »Wen sollte sie eher anbeten als dich? Nebenbei ist es erschreckend, dich daran erinnern zu müssen, dass Vampire überhaupt nicht geheilt werden sollen. Jeder andere Gedanke wäre blasphemisch.«
   Michael sprach ein Stoßgebet, um seine Wut zu kontrollieren, und drehte Gabriel den Rücken zu. Das Gespräch war beendet.
   »Da ist noch etwas, das dich bedrückt.« Gabriel kannte ihn offenbar gut.
   Michael blieb stehen. Vielleicht gab es doch noch eine Chance, ihn zu überzeugen. »Ich bin nicht sicher, ob sie das Erbe ihres Vaters antreten oder ihn rächen will.«
   Gabriel trat einen Schritt auf ihn zu. »Sie will versuchen, Vampire zu töten?«
   Michael kniff als Antwort seine Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. »Ich werde dir Hilfe nicht versagen, sollte eintreten, was du fürchtest. Aber zweifle nie am Herrn. Allein für dieses Gespräch könnte ich dich stürzen.«
   Michael schämte sich dafür, überhaupt eine Chance gesehen zu haben. Gabriel war anders als er. Vielleicht hatte er zu viel mit Menschen, ihren demokratischen Regeln und Konventionen zu tun.
   Im Zwielicht der Hütte verbarg er seine Enttäuschung unter der Kapuze des Filzmantels und trat hinaus ins Sonnenlicht, das den Nebel bereits verjagt hatte. Ein Papageientaucher, schwarz-weiß gefiedert wie das Kleid einer Nonne, flatterte am Felsen hinunter auf die Meeresoberfläche zu.
   Er würde Elise weiter verletzen müssen, um sie gleichwohl zu beschützen.

Kapitel 6
Toxisch

Sie wartete nun schon seit zwei Tagen auf Michaels Rückkehr. Dabei hatte sie Wort gehalten und das Labor nicht noch einmal allein betreten.
   Als sie an diesem Dienstagnachmittag nach einem ausgedehnten Mittagsschlaf zu sich kam, spürte sie ein Magenknurren und einen dumpfen Druck hinter der Stirn. Es musste fast Abend sein. Das Mobiliar ihres Zimmers war nur noch in Schemen zu erkennen.
   Sie hatte die üppig verzierten Stühle und das Baldachinbett längst durch moderne Möbel ersetzt. Dennoch blieb es unmöglich, der Ausstrahlung des Raumes so etwas wie Bescheidenheit zu verleihen. In manchen irrationalen Momenten fürchtete sie noch immer, jeden Moment eine Schlossführungsgruppe durch ihr Zimmer spazieren zu sehen.
   Ihr Magen meldete sich erneut unmissverständlich, und Elise raffte sich auf.
   Warum kam Michael nicht zurück, wie er es versprochen hatte? Sonntagfrüh hatte sie noch voller Enthusiasmus beschlossen, ihr Leben zu ändern, und Michael hatte mit seinem unerwarteten Auftauchen einfach alles vom Tisch gefegt.
   Vor den Fenstern der Eingangshalle hatte die Nacht den für irische Verhältnisse warmen Sommertag beinah vollständig verschluckt. Die Dunkelheit schenkte ihr seltsamerweise etwas Trost.
   Sie öffnete die Kühlschranktür, wobei ihre Hand vor Unterzuckerung zitterte. Wahllos lud sie sich ein paar Happen auf den Teller und würgte gerade ein Stück Käse hinunter, als ihr Handy vibrierte.
   »Ich hab‘s kapiert. Ich lass Dich in Ruhe. Aber falls du es dir anders überlegst, ich arbeite jeden Nachmittag an der X-Oil Tankstelle in Galway. Komm vorbei. Bin dort oft allein – wie sonst auch. Alles Gute, Cassy.«

Elise hörte auf zu kauen. Das Wort in dieser Ehrlichkeit geschrieben zu sehen, riss sie regelrecht aus ihrem Dämmerzustand.
   Allein. Das war nicht nur ein Adjektiv. Es war die Zustandsbeschreibung für ihr Leben.
   Sie ließ das Handy sinken und starrte vor sich hin. Fühlte sie sich wirklich erst einsam, seit ihr Vater gestorben war?
   Der Frage stellte sich sofort eine Antwort in den Weg. Eine Tatsache, die alles andere in den Hintergrund schob.
   In Wahrheit waren ihrem Vater die Vampire immer wichtiger gewesen als seine Tochter. Sie war es, deren Kindheit er geopfert hatte für deren Rettung. Bereits im Kleinkindalter war sie angehalten worden, Kontakte lose zu halten. Selbstverständlich hatte sie nie ein Wort über seinen Beruf in der Schule verlauten lassen. Das einzige Kinderlachen, das Choisric je gehört hatte, war ihr eigenes gewesen, bis auch das letztlich verstummt war.
   Der nie zuvor so klar zugelassene Gedanke fraß sich plötzlich in ihr Herz, und sie bekam kaum noch Luft. Sie ließ sich an der Küchenzeile auf den Boden gleiten und presste die Augen zusammen.
   Nach Michaels Abschied hatte sie sich zuerst nur leer gefühlt. Aber jetzt war da wieder dieser heftig brennende Wunsch, alles zu ändern, ihr Leben in die Hand zu nehmen.
   Michael mischte sich ständig ein. Er war wie ein Geist, der ungefragt im Nebel auftauchte, nur um sie mit seinem subtilen Gerede zu verunsichern. Immer lief es so ab. Alle verließen sie. Ihr Vater war nach Dublin gegangen und nie zurückgekehrt, ohne wenigstens ein Wort, einen Hinweis zu hinterlassen.
   Plötzlich wirbelte etwas ihren Gedankenfluss auf.
   Die Tagebücher!
   Ständig hatte ihr Vater über seinen Notizbüchern gehangen und jedes Detail seiner Tests und Recherchen notiert.
   Die Mörder ihres Vaters konnten vielleicht doch bekommen, was sie verdienten, und dafür brauchte sie als Erstes einen Anhaltspunkt, wie man sie töten konnte.

Noch bevor das Deckenlicht im Labor ansprang, hörte Elise die Ratten ihren Schuldspruch quieken. Die hatte sie nämlich bei ihrem Versprechen Michael gegenüber vergessen.
   Hastig ging sie zu den Käfigen und verteilte eine halbe Packung Katzentrockenfutter auf den Böden.
   Die vollgeschriebenen Tagebücher hatte ihr Vater oben in der Bibliothek aufbewahrt. Das aktuelle aber musste irgendwo hier unten liegen. Leider war ihr Vater nicht gerade ein Ordnungsfanatiker gewesen. Sie erinnerte sich, dass es ein kleines, in Leinen gefasstes Buch gewesen war.
   Elise ging durch den Gang der Labortische und entdeckte schließlich etwas Dunkelgrünes unter einem Haufen Papier. Vorsichtig zog sie es vor. Es war tatsächlich ein Notizbuch, und als sie es hochnahm, flatterte ein Zettel heraus. Sie legte das Buch ab und hob ihn so vorsichtig auf, als könnte er zu Staub zerfallen.
   Das Papier war einmal in der Mitte gefaltet.
   Mit dem Zeigefinger klappte sie den oberen Teil hoch und pustete sich eine aus dem Zopf gelöste Haarsträhne aus den Augen, während sie mit dem Fuß einen kleinen Hocker auf Rollen heranzog. Auf den ersten Blick sah es aus wie ein Flugblatt. Das Zeichen ihres Vaters, die Apothekerschlange mit der Fledermaus, prangte über einem kurzen Text.

»Die Ewigkeit ist lang. Vampirismus ist eine heilbare Krankheit. Rückverwandlung in einen Menschen unter: fuerelise@cloudmail.com.«
   Der erste Adrenalinstoß durchfuhr sie, weil dieser Zettel so gut wie der Beweis dafür war, dass ihr Vater in Dublin tatsächlich Vampire getroffen hatte. Und obwohl sie diesen Beweis jetzt in ihren eigenen Händen hielt, schien es geradezu lachhaft unmöglich, dass Vampire wirklich existierten und sich auch noch über eine E-Mail-Adresse bei ihrem Vater für eine Heilung anmeldeten. Zum Zweiten stand da ihr Name.
   Was um alles in der Welt hatte er sich dabei gedacht, Vampiren den Namen seiner Tochter einfach so vor die Füße zu werfen? Im nächsten Moment kam ihr aber ein anderer Einfall.
   Die E-Mail-Adresse: fuerelise@cloudmail.com.
   Sie zog die Brauen zusammen und legte das Papier zur Seite, ohne zu wissen, ob sie es eher lächerlich oder beängstigend finden sollte. Sie schlug das Tagebuch an einer wahllosen Stelle auf.

»18.08.2010:
Elises Studium ist Glück verheißend. Sie ist Jahrgangsbeste.«

Elise spürte Entspannung in sich breitmachen.

»Was die Fortschritte angeht, so kann ich aus Sicherheitsgründen nichts schriftlich hinterlegen. Die Angelegenheit nimmt Gestalt an. Die Meldungen sind zahlreich und überwiegend komödiantischer Natur.«

Dann gab sich ihr Vater ausschweifend seinen alltäglichen Tests hin, die sie überflog, während sie über das zuvor Gelesene nachdachte.
   Überwiegend komödiantisch. Es hatte also auch Meldungen von echten Vampiren gegeben.
   Elise hielt das für schier unmöglich. Wenn sie sich recht entsann, war die größte Sorge ihres Vaters stets gewesen, überhaupt Vampire aufzutreiben, sollte er das Heilmittel je wirklich finden.
   Vampire lebten verborgen, töteten subtil und ließen stets die Leichen verschwinden.
   Dieses Postfach war auf jeden Fall der Schlüssel zu ihren Fragen und verriet ihr vermutlich auch Hinweise auf die Mörder ihres Vaters. Aber sie kannte das Passwort nicht.
   Sie überblätterte eine Vielzahl von Seiten, bevor sie sich dem nächsten Eintrag widmete. Er war vom November 2010.

»Das Heilmittel muss aus einem Gift bestehen, welches entgegen der Natur des Vampirs wirkt. Da der Vampir selbst ein Gift besitzt, ist es naheliegend, dass die Natur auch ein Gegengift bereithält. Komponenten fehlen, aber ich komme dem Ziel näher.«

Elise blätterte weiter.

»12.12.2010:
Ein Lesenachmittag mit der Bibel entpuppt sich als Schicksalsschlag. Das Gift in Alleinstellung hat keinerlei Bedeutung mehr. Meine Forschungen sind angeschlagen, und ich kann nur hoffen, dass es trotzdem möglich ist, eine Heilung zu erreichen, auch wenn dazu mehr und mehr göttliche Fügung nötig scheint.«

Religion war bei ihrem Vater nie ein Thema gewesen, nicht in der Familie und auch nicht im Hinblick auf die Vampirforschung. Er hatte Dinge wie die Hölle und Hexenjagd stets als katholische Zwangsmaßnahmen zur Unterwerfung des Volks verunglimpft.

Sie überblätterte weitere Seiten, bis sie am Ende des Tagesbuches angelangt war.

»20.02.2012:«
Ihr Atem setzte aus. Es war der Tag seiner Abreise nach Dublin gewesen.

»Mit Freude stelle ich fest, dass meine Vorbereitungen abgeschlossen sind. Das Heilmittel ist fertiggestellt. Natürlich fahre ich nicht unbewaffnet. Zur Selbstverteidigung habe ich das stärkste aller Gifte (!) dabei.
   Die Hoffnung auf das Gelingen meines Plans dominiert meine Angst, zu versagen, dies aufgrund meiner neuesten Entdeckungen in der Bibel. Alles, was nun zählt, ist, die Verbündeten zu treffen und ihr Interesse aufrechtzuerhalten.
   Elise wurde nicht eingeweiht.«

Sie fühlte einen Stich in der Brust und las den letzten Satz erneut.
   Er war zu einem Treffen mit Vampiren gefahren. Das erste Mal in seinem Leben hatte er tatsächlich Kontakt zu ihnen gehabt. Dieses Treffen war die Vollendung seines Lebenswerks gewesen, alles, worauf er sich und sie je vorbereitet hatte. Dessen nicht genug hatte er sich damit in Todesgefahr begeben. Und sein letzter Gruß an seine Tochter lautete, dass diese nicht eingeweiht gewesen war.
   Die Worte hallten in ihrem Kopf nach wie ein Echo. Sie hörte seine sachlich korrekte Stimme dabei und schloss die Augen, um den Schmerz zu ersticken.
   Hektisch blätterte sie über die letzten unberührten Seiten des Tagebuchs. Aber die Worte blieben sein letzter Eintrag.
   Sie legte den Kopf in den Nacken. Hatte sie etwas anderes erwartet? Schlimmer noch: Hatte sie etwas anderes verdient? Bei ihrem letzten Telefonat, als er gesagt hatte, dass er diesmal ganz nah dran wäre, hatte sie kaum mehr Interesse gezeigt. Seit Jahren hatte sie ihn spüren lassen, dass sie etwas anderes studieren, einen anderen Weg einschlagen wollte.
   Das Wummern in ihrem Schädel wurde immer stärker. Sie überflog den Eintrag vor der letzten Zeile erneut.
   Hinter ‚das stärkste aller Gifte’ stand noch etwas. Sie hatte es zuerst für einen Kugelschreiberfleck oder eine Unebenheit im Papier gehalten. Aber jetzt sah sie, dass ihr Vater etwas dorthin gemalt hatte. Sie hielt sich das Tagebuch näher ans Gesicht. Da war eine Klammer und darin ein Punkt? Nein. Ein Ausrufezeichen.

»… das stärkste aller Gifte (!)«

Elise stieß sich mit den Füßen ab, und der Hocker rollte ein Stück am Labortisch entlang bis zu einem Kasten, den man vor unzähligen Jahren wohl noch als Laptop bezeichnet hatte. Sie zog ihren linken Arm auf den Schoß und betete, dass das Gerät noch funktionierte.
   Als sie den Deckel hochklappte, leuchtete der Bildschirm auf. Eilig tippte sie ihre Suche nach dem stärksten Tiergift in eine Suchmaschine und klickte gleich auf den zweiten Eintrag.
   Die Auswahl pendelte vom Gift der Seewespe zur Schwarzen Witwe, zum Taipan und zurück zu diversen Urwaldfröschen. Natürlich handelte es sich immer um das gefährlichste Gift für den Menschen. Außerdem ließ sich ‚stärkstes Gift‘ schlecht kategorisieren. Das eine Gift wirkte besonders schnell, während das andere besonders tödlich war.
   Vielleicht, weil es das einzige Tier mit einem geheimnisvollen Namen war, öffnete sie ein neues Fenster, und tippte ‚Schwarze Witwe‘ ins Internet-Lexikon.

»… bedeutendste Giftspinne der Welt … in Einzelfällen tödlich für den Menschen … Krämpfe, Abdominalschmerzen, Herz- und Gefäßkrämpfe durch Übererregung des Herzkreislaufsystems … bedeutendes Arzneimittel bei Angina pectoris …«
   Nein, das war nicht das, was sie suchte. Sie wechselte zurück zur Suchmaschine und scrollte die Überschriften durch: »Amalgam«, »Hass ist das gefährlichste Gift der Welt«, »Insektengiftallergien«, »Kampfmittel des einundzwanzigsten Jahrhunderts«, »Botox ist das stärkste Gift der Welt«.
   Elise klickte auf den letzten Eintrag. Der Artikel kam schlicht daher, seriös, ohne Bilder und Werbung.

»Botox ist ein Leichengift. Es bildet sich u. a. bei der Verwesung von Fleisch.«

Na, wenn das nicht passte. Aber war es überhaupt realistisch, mit einem Gift einen Vampir zu töten? Aber wenn schon mit einem Gift, dann doch wohl ein Leichengift.
   Hatte ihr Vater das gemeint? Sie musste sich zusammenreißen, um sich zu konzentrieren, und die Intensität ihrer Verwirrung verblüffte sie. Das Gefühlschaos in ihr ließ sich kaum unter Kontrolle halten. Mit aller Kraft versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen, und las weiter.

»Auch Regierungen vermuten mittlerweile eine Waffentauglichkeit von Botox. Die Angst vor Anschlägen mit dem Gift ist allgegenwärtig, da es heutzutage leicht zugänglich in Arztpraxen aufbewahrt wird.«

Elise sah von ihrer Lektüre auf und kratzte sich an der lahmen Hand. Sie juckte.
   Sie würde wohl kaum in eine Arztpraxis einbrechen können, um sich mit Botox zu bewaffnen. Wie sie ihren Vater kannte, hatte er aus Vorsichtsmaßnahmen keinen Rest des Gifts im Labor aufbewahrt.
   Angestrengt dachte sie nach. In einem ihrer Semester war das Thema sicher behandelt worden. Sie las die letzten Zeilen des Artikels.
   »Die Bezeichnung der Erkrankung beim Menschen nennt sich Botulismus.«

Etwas klickte in ihrem Gehirn. Botulinum-Erreger in Honig konnten bei Säuglingen unter einem Jahr die Erkrankung auslösen.
   Sie wechselte zum Lexikonfenster und tippte die Krankheitsbezeichnung ins Suchfeld. Der Text war für Laien einfach gehalten und beschäftigte sich hauptsächlich mit Symptomen und Sterblichkeitsraten. Aber er enthielt auch zwei Sätze, die Elises Aufmerksamkeit erregten:

»Meist kommt es durch den Verzehr von verdorbenen Lebensmitteln zu einer Infektion, beispielsweise Wurst aus Konserven. Kennzeichnend ist ein aufgeblähter Deckel der entsprechenden Dose.«

Sie kramte unter den Papieren einen Stift hervor und machte sich Notizen. Dann stieß sie sich mit den Füßen ab und drehte sich mit dem Hocker im Kreis. Siegessicher pfefferte sie den Stift auf einen Papierstapel, griff nach der Tischkante und zog sich wieder an den Laptop heran. Wann hatte sie sich zuletzt so lebendig gefühlt?
   Nachdem sie die Pop-ups auf der Startseite von Cloudmail beseitigt hatte, klickte sie sich durch zum Postfach-Log-in. Sie tippte den Benutzernamen ein: fuerelise@cloudmail.com.
   Das Passwort-Feld blinkte ihr leer entgegen, und ihr Blick glitt wie von selbst hinüber zur Höhlentür.

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