Jeremia ist ein Wächter des Lichts, doch für ihn ist dieses Leben schon lange mehr Pflicht als Berufung. Er ist allem überdrüssig geworden. Anstatt Schattenwandler zu jagen, ist es nunmehr seine Aufgabe, abtrünnige Engelswesen ausfindig zu machen, die gegen die neue Ordnung aufbegehren. Als ihm der Engel Talia über den Weg läuft, glaubt er zuerst, dass sie nur eine weitere unliebsame Aufgabe ist. Doch dann kommt es ganz anders. Talia ist kein abtrünniges Himmelswesen, sondern lediglich ein Mensch. Oder etwa doch nicht? Ehe sie sich versehen, befinden sie sich zwischen den Fronten eines erbarmungslosen Kriegs zwischen Himmel und Hölle.

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ISBN: 978-9963-52-775-5

Seiten: 305

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Ylvi Walker

Ylvi Walker wurde in den späten Siebzigern in Deutschland geboren. Sie wuchs mit allerlei Getier in einem idyllischen Dörfchen auf. Ihr Berufswunsch stand schon relativ früh fest und sie ist konsequent dabei geblieben. Entgegen ihrer persönlichen Vorliebe für die Farbe schwarz, trägt sie beruflich weiß. Das Schreiben entdeckte sie bereits in jungen Jahren für sich. Ihre Kurzgeschichten füllen etliche Notizbücher, doch nur wenige eignen sich für die Publikation. Erst in der Elternzeit mit ihrer Tochter widmete sie sich ihrem ersten großen Schreibprojekt: einem Vampirroman, den sie bis heute keinem Verlag vorgestellt hat.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Sein immenser Hunger hatte Jeremia an diesen Ort verschlagen. Carona, Gott sei ihrer großherzigen Seele gnädig, hatte immer gespaßt, dass es beinahe unmöglich sei, ihn satt zu bekommen. Sie hatte damit wohl nicht so falsch gelegen. Er gab jeden Monat Unsummen für Essen aus, seit er nicht mehr im Hort der Wächter lebte. Es war dennoch nicht die schlechteste Entscheidung, dem Hort den Rücken zu kehren, wenn er sah, wie es dort oben gegenwärtig brodelte. Die gehabte Ordnung war im Umbruch, und warum? Wegen eines Kleinkindes, das gefeiert wurde wie der neue Messias.
   Den Anweisungen der Führung konnte er sich nicht zur Gänze verschließen. Jeremia hatte seine Order, ob es ihm gefiel oder nicht. Die Jagd nach Schattenwandlern war strikt untersagt. Er durfte nur noch intervenieren, falls eines dieser Schattenwesen einem anderen Wesen Leid zufügte. Seine Aufgabe bestand heutzutage darin, den Babysitter für Wächter und Engel zu spielen, die mit der neuen Leitung nicht konform gingen. Er klopfte ihnen auf die Finger und, sofern sie weiterhin ungezogen waren, schickte sie nach Hause. Die Jagd nach Schattenwandlern hatte ihren Reiz gehabt, aber nach seinesgleichen oder den Wahrhaftigen zu suchen, wie die Engel ehrfürchtig von einigen Schleimern genannt wurden, war entsetzlich öde. Sie waren derart leicht zu durchblicken, jeder ihrer Schritte voraussehbar. Schreckliche Herdentiere, geformt durch den Drill im Hort der Wächter oder die Obrigkeit. Wie gut, dass er diese Wesenszüge schnell abgelegt hatte. Seit Caronas Tod hielt ihn nicht das Geringste mehr bei diesen Stümpern. Ganz den Rücken zukehren, konnte er ihnen dennoch nicht. Er war aufgrund seines Engelsbluts an die Gemeinschaft der Wächter des Lichts gebunden. Außerdem war da noch dieser vermaledeite Ring, der ihn markierte und nachverfolgbar machte. Für ihn gab es kein Entkommen. Jeremia konnte kein anderes Leben führen als das eines Wächters, trotzdem gelang es ihm, sich nicht vollständig dem Diktat zu unterwerfen. Er machte sein Ding, und das Leben als Wächter lief nebenher.
   Eine hübsche Frau näherte sich seinem Tisch, eine Speisekarte in einer Hand. Für den Bruchteil einer Sekunde fühlte er ihre Engelsaura aufwallen. Geistesgegenwärtig ließ er seine rechte Hand mit dem verräterischen Wächterring an seinem Daumen unter der Tischplatte verschwinden. Falls sie eine der Wahrhaftigen war, konnte er sich sein Unterfangen sparen. Sie würde seine Aura spüren, wie er ihr himmlisches Charisma flüchtig wahrgenommen hatte. Er war nicht in der Lage, sein wahres Wesen vor seinesgleichen zu verbergen wie sie.
   Einen Versuch war es gleichwohl wert. Die Frau lächelte und strich sich mit ihrer freien Hand in einer koketten Geste durch ihr kurzes schwarzes Haar. Ungewöhnlich. Die meisten Engel trugen ihr Haar lang. Sie züchteten ihre Mähnen mit beinahe manischer Akribie. Je länger, desto besser, lautete die Devise, die sich ihre Kinder, die Wächter, von ihnen abgeschaut hatten. Auch in dem Punkt war er eine Ausnahme. Exakt drei Millimeter maß sein Haupthaar und wurde einmal wöchentlich auf dieses Maß getrimmt.
   Eine der Wahrhaftigen anzutreffen, war ungewöhnlich, noch dazu in einer solchen Position. Engel waren jedoch Meister der Tarnung. Falls sie eine Abtrünnige war, konnte dies alles nur ein abgefeimtes Possenspiel sein, auf das er sicherlich nicht hereinfallen würde. Er musste ihr auf den Zahn fühlen und herausfinden, was sie an diesem Ort suchte und was sie vorhatte.
   »Kann ich Ihnen möglicherweise bereits etwas zum Trinken bringen?«
   Sie war hübsch für einen Engel. Nicht so aalglatt wie die meisten ihrer Art. Ihr Haar war dunkel wie die Nacht und ihre Iriden von einem satten Grasgrün. Solche Augen hatte er noch nie zu Gesicht bekommen. Nicht bei seinesgleichen und nicht bei den wenigen Engeln, die er kannte. Engelsaugen hatten fast alle die gleiche Farbe: blau. Diese Gleichheit war mitunter der Hauptgrund, warum er im Traum nicht daran dachte, sich mit einer Wächterin einzulassen. Die Menschenfrauen, und zugegeben, sogar die Männer, waren durch ihr individuelles Aussehen einfach reizvoller für ihn. Wobei Jeremia seine sexuellen Avancen auf das weibliche Geschlecht beschränkte. Das Flirten mit seinem Geschlecht konnte zwar ebenfalls interessant sein, mehr jedoch nicht. Er war voll und ganz hetero. Diese Schönheit sah äußerst ansprechend aus für einen Engel. Ihre attraktiven Augen stachen in ihrer Brillanz selbst einen Smaragd aus. Sie nannte einen makellosen fast milchweißen Porzellanteint ihr Eigen, der bei jedem anderen Wesen ungesund ausgesehen hätte. Bei ihr wirkte er allerdings ungemein nobel und war absolut stimmig zu ihren rabenschwarzen Haaren, den strahlenden Augen und den vollen, äußerst sinnlichen rosenholzfarbenen Lippen, die zum Küssen einluden. Die Kleine sah zum Anbeißen aus, ganz anders als ein typisches Engelskind.
   Es gab auch nur wenige ihrer Art, die solch dunkles Haar besaßen. Allen voran war da Rafael, der Erzengel, und Uriel. In seinen Kreisen wurde gemunkelt, dass dunkelhaarige Himmelsboten allesamt ihren Ursprung im Schoss einer dieser ersten Engel hatten. Ergo war die Schönheit entweder ein Nachkomme des Erzengels Rafael oder Uriels. Seine Verwandtschaft konnte man sich leider nicht aussuchen. Jeremia wäre froh gewesen, wenn er wenigstens ein kleines Indiz für seine Herkunft gehabt hätte, aber er tappte völlig im Dunkeln und wusste nicht, wer seine Erzeuger waren.
   Die Schönheit wiederholte ihre Frage ruhig und immer noch freundlich. Er war ihr eine Antwort schuldig geblieben. »Wein«, antwortete Jeremia. Er räusperte sich und sah ihr in die smaragdfarbenen Augen. Himmel, was waren diese Augen entzückend.
   Sie wich seinem Blick scheu aus, strich sich erneut mit einer nervösen Geste durch ihr volles Haar. »Natürlich. Wir haben einige exzellente Weine zur Auswahl. Darf ich Ihnen die Weinkarte bringen?«
   Das kleine Biest war eine hervorragende Schauspielerin. Sie machte auf lieb und nett und wirkte so erschreckend unschuldig, dass er fast versucht war, es ihr abzunehmen. »Können Sie mir einen guten Tropfen empfehlen?« Engel tranken keinen Alkohol, ebenso wenig wie seinesgleichen. Sobald er ein Glas Wein zu sich nehmen würde, wäre er sturzbetrunken und müsste aus dem Restaurant getragen werden. Jeremia hatte früher gern mal ein Gläschen getrunken. Ihre Gelage im Hort der Wächter waren stets eine Mordsgaudi gewesen. Einst, als Nahaliel … Es war nicht der Zeitpunkt, um düsteren Erinnerungen nachzuhängen. Nahaliel war tot, und er trug die alleinige Schuld, das war ein unumstößlicher Fakt.
   »Leider nein. Ich trinke keinen Alkohol, aber ich kann eine meiner Kolleginnen mit der Weinkarte an Ihren Tisch schicken. Sie wird Sie fachgerecht beraten. Was das Essen angeht, kann ich Ihnen mit Freude eine Empfehlung aussprechen.«
   Die glasklare Stimme der Frau holte ihn in das Hier und Jetzt zurück. »Essen? Aber gewiss …« Er sah sie fragend an und mühte sich ein aufmunterndes Lächeln ab.
   »Mein Name ist Talia«, erwiderte sie zurückhaltend und senkte ihren Blick erneut.
   »Talia. Ein schöner Name.« Der so enorm nach Engel schrie, dass es nicht mehr feierlich war. Tau des Himmels bedeutete ihr Name. Dass sie sich ihm mit ihrem richtigen Namen vorstellte, war jedoch befremdlich. Sie musste seine Aura spüren. Oder war die Gute so überheblich und dachte, dass sie leichtes Spiel mit ihm hätte, weil er nur ein Wächter war? »Talia, einer der Engel Gottes. Ein bedeutsamer Name.«
   »Wirklich?«, fragte sie überzeugend erstaunt.
   Für diese schauspielerische Leistung verdiente das hübsche Engelsbiest einen Oscar.
   »Ich bin nicht sonderlich religiös.«
   Jeremia fiel fast die Kinnlade hinunter. Dass sie sich verstellte, gut, aber ihre Religion und damit ihren Schöpfer zu verleugnen, war für einen Engel faktisch unmöglich. Die Frau entwickelte sich zu einem Paradox. »So? Nicht religiös?« Jeremia legte seine beringte Hand zurück auf den Tisch und präsentierte seinen Wächterring offen. Spätestens jetzt musste sie bemerken, dass es ihr an den Kragen ging.
   »Nein.« Sie lächelte breit und zeigte sich unbeeindruckt. »Mein Draht zu dem Mann dort oben ist nicht gut. Um ehrlich zu sein, war ich das letzte Mal bei einem Gottesdienst anlässlich der Beerdigung meiner Tante in der Kirche. Das liegt fünf Jahre zurück. Möchten Sie einen Blick in die Karte werfen? Oder soll ich Ihnen meine Kollegin mit der Weinkarte vorbeischicken?«
   Der Mann dort oben war im Grunde genommen kein Mann, sondern ein dynamisches Pärchen, das sich den Job teilte. In die Öffentlichkeit trat aber nur der weibliche Part des Duos, der schlicht Anna oder Mutter genannt werden wollte. So viel zu dem von der irdischen Kirche proklamierten Monotheismus. Jeremia beschloss, ihr weiter auf den Zahn zu fühlen. »Was können Sie mir denn empfehlen, Talia?«
   »Das Omelett mit Waldpilzen ist ausgesprochen gut. Sollten Sie Fleisch bevorzugen, kann ich Ihnen das Geschnetzelte mit Waldpilzrahmsoße ans Herz legen«, antwortete sie zuvorkommend.
   »Haben Sie das Geschnetzelte gekostet?« Eine Fangfrage. Die Wahrhaftigen aßen kein Fleisch. Streng genommen mussten Engel nichts zu sich nehmen. Sie taten es trotzdem, gerade, wenn sie unter den Menschen weilten.
   Talia lächelte. »Sicher. Es ist exquisit wie immer. Unser Koch ist ein Virtuose in seinem Fach.«
   »Dann nehme ich das, und Talia? Lassen Sie das mit der Weinkarte. Ich möchte lediglich ein Wasser. Mir bekommt Alkohol nicht sonderlich gut.« Jeremia erhoffte sich, ihr irgendeine Reaktion mit seinem Geständnis zu entlocken, aber nichts dergleichen geschah. Sie blieb gelassen und lächelte dieses umwerfende Lächeln, selbst, als sie sich von ihm abwandte.
   Sein Entschluss stand: Er würde die Schönheit nach Dienstschluss abfangen und ihr weiter auf den Zahn fühlen. Jeremia würde ihr perfides Schauspiel auffliegen lassen und ihr einen Arschtritt verpassen, der sie so schnell in die Zuflucht zurückschicken würde, dass sie nicht einmal zu einem »Aber« würde ansetzen können.

Kapitel 2

Regen. Talia zog die Kapuze ihres Anoraks tief ins Gesicht. Der Bindfadenregen prasselte in Strömen vom Himmel herab. Sie liebte den Regen, aber heute, nach fast zehn Stunden auf den Beinen, konnte sie dem kühlen Nass nichts abgewinnen.
   Es waren nur wenige Meter vom Hinterausgang des Restaurants, in dem sie seit zwei Jahren als Kellnerin arbeitete, bis zu ihrem Auto. Sie joggte die Strecke, hielt jedoch abrupt inne, als sie etwas bemerkte. So recht konnte sie sich nicht erklären, was sie spürte. Jedes Haar an ihrem Körper stellte sich auf und ein kalter Schauder rieselte ihren Rücken hinab. Sie fühlte eisige Beklemmung in ihrer Brust, die ihr das Atmen erschwerte. Aus den Schatten trat eine dunkle Gestalt und kam direkt auf sie zu. Talia griff nach dem Pfefferspray in ihrer Jackentasche, dass sie seit einem Zwischenfall vor einem guten Jahr immer bei sich trug. Vielleicht ging er ja. Nein, ihr Bauchgefühl gab ihr klar zu verstehen, dass der Typ es auf sie abgesehen hatte. Nicht mit ihr. Sie war nicht mehr so hilflos wie vor einem Jahr, als sie überfallen und zusammengeschlagen wurde. Gott sei Dank hatte derjenige nicht versucht, sie zu vergewaltigen, doch wer wusste, ob sie dieses Mal auch so viel Glück haben würde? Kein Risiko. Sie würde die in einem Selbstverteidigungskurs erworbenen Kenntnisse einsetzen, ohne zu zögern, direkt nach der Portion Reizgas in das Gesicht dieses Kriminellen.

*

Jeremia hatte mit allem gerechnet, aber das Pfefferspray in den Augen war ausgesprochen ernüchternd. Das Zeug brannte wie Feuer. Seine Augen schmerzten ungemein, und er war mit einem Mal blind. Es war das erste Mal, dass er mit Reizgas in Kontakt kam. Er hätte dankend auf diese unangenehme Erfahrung verzichten können. Außer dem blassen Lichtschein der Lampe auf dem verlassenen Parkplatz nahm er nichts wahr. Der Tritt in seine Weichteile kam ebenso überraschend wie der folgende Schlag gegen sein Kinn, als er sich vor Schmerz krümmte. Dem Treffer folgte ein gezielter Fausthieb auf die Nase, der ihn annähernd zu Boden schickte. Es war der Hieb in seinen Nacken, der ihn endgültig stürzen ließ und ihn erbarmungslos in die Bewusstlosigkeit stieß.

Ob Stunden oder nur Minuten vergangen waren, konnte Jeremia nicht zuordnen. Mit einer kalten Hundeschnauze im Gesicht wach zu werden, war alles andere als angenehm. Er lag ausgestreckt auf dem Boden, exakt so, wie dieses Engelsbiest ihn niedergerungen hatte. Talia hatte ihre wahre, boshafte Seite gezeigt. Nicht mehr das liebe und schüchterne Mädchen, das sie noch am Nachmittag gemimt hatte. Ihm war eiskalt, seine Kleidung völlig durchnässt von dem Regen, der nach wie vor stetig vom Himmel fiel. Seine Augen brannten beharrlich, aber wenigstens nahm er seine Umgebung wieder wahr, wenn auch nur schemenhaft. Er spie das Blut, das sich in seiner Mundhöhle gesammelt hatte, auf den Boden und wischte sich über die Nase. Dieses Unterfangen wurde mit einem weiteren Schmerz belohnt, der von seiner Nasenspitze bis in den entferntesten Winkel seines Schädels schoss und ihn für einen Augenblick Sterne sehen ließ. Das Miststück hatte ihm die Nase gebrochen.
   »Sir? Wurden sie überfallen? Keine Sorge, ich habe bereits einen Rettungswagen gerufen. Sie müssten jeden Moment hier sein«, sprach jemand beruhigend auf ihn ein.
   Hätte sich Jeremia dazu in der Lage gefühlt, wäre er abgehauen, doch das Biest hatte ganze Arbeit geleistet. Er ergab sich widerwillig seinem Schicksal und musste wohl oder übel die Hilfe der Menschen in Anspruch nehmen.

*

Talia war einfach losgerannt, nachdem sie den Angreifer niedergerungen hatte. In der Dunkelheit hatte sie den Mann nicht erkannt. Durch das Adrenalin, das ihren Körper durchströmte, hatte sie instinktiv reagiert. Sie hatte ihren Wagen auf dem Parkplatz stehen lassen. Die alte Schrottschüssel würde nach wie vor dort parken. Das Gute an ihrem in die Tage gekommenen Karren war, dass er mit all den Rostflecken, Beulen und Kratzern auf Diebe wenig einladend wirkte. Leider war er auch nicht sonderlich zuverlässig und sprang oft nicht an.
   Zwischenzeitlich hatte sich bei Talia das schlechte Gewissen eingestellt. Sie hatte den Mann liegen lassen. Was, wenn sie ihn ernsthaft verletzt hatte? Er war in Windeseile k. o. gegangen, und das viele Blut … Nichts lag ihr ferner, als einen Mensch zu töten, egal, was er vorgehabt hatte. Es wäre das Mindeste gewesen, die Polizei zu verständigen. Nicht nur, damit sie ihm hätten helfen können, sondern auch, damit er seine gerechte Strafe erhalten hätte und nicht mit dieser Sache davongekommen wäre. Heute Morgen, gute acht Stunden nach dem Vorfall, konnte sie sich das Telefonat mit größter Wahrscheinlichkeit sparen.
   »Hinter dem Restaurant ist jemand überfallen worden«, sagte Sal kauend. »Mal wieder.«
   Mit hochrotem Kopf ließ sich Talia auf den Stuhl ihr gegenüber fallen. Sie nahm sich etwas von dem reichlich vorhandenen Frühstücksangebot, das Sal – eigentlich hieß sie Salome, aber sie konnte ihren Namen nicht ausstehen – so liebevoll auf dem Esstisch angerichtet hatte. »Wirklich?«, fragte Talia, in der Hoffnung, dass Sal mehr Details offenbaren würde.
   »Jeff, der Sohn unseres Chefs, hat ihn gefunden, als er seinen Kläffer ausgeführt hat. Er hat einen Abstecher zum Restaurant gemacht, um nach dem Rechten zu sehen. Da hat er den armen Wicht entdeckt und den Notarzt gerufen. Der Typ hat sich nur erstversorgen lassen und wollte auf keinen Fall in ein Krankenhaus. Er hat sich aus dem Staub gemacht, noch bevor die Bullen kamen. Vermutlich hatte er Dreck am Stecken. Laut Jeff sei der Typ auch irgendwie dubios gewesen.« Sal kicherte und nahm einen weiteren Löffel ihres Müslis. »Was auch immer bei Jeff dubios sein mag.«
   Talias mieses Gewissen ging auf ein erträgliches Maß zurück. Es war, wie Sal es angedeutet hatte. Falls er unbescholten gewesen wäre und es nicht in seiner Absicht gelegen hätte, sie zu überfallen, wäre er nicht vor der Polizei abgehauen.
   »Du hast nichts mitbekommen?« Sal zog skeptisch die Augenbrauen hoch. »Es ist auf dem Parkplatz passiert. Der Kerl lag vis-à-vis von deinem Auto, nur wenige Meter entfernt. Warum hast du es eigentlich stehen lassen?«
   »Es ist nicht angesprungen. Der Anlasser, mal wieder. Ich habe die Straßenbahn genommen.«
   »Ach so.« Sal winkte gönnerhaft ab. »Du solltest dennoch nicht im Dunklen allein durch die Gegend irren. Nicht zu denken, wenn der Typ, der den armen Kerl so übel zugerichtet hat, dich in die Finger bekommen hätte.«
   »Unwahrscheinlich.« Talia beschloss, ihre gesamte Aufmerksamkeit ihrem Kaffee zu widmen.
   »Mir ist wohler, wenn du heute mit mir Dienst schiebst. Der Boss weiß Bescheid. Tom übernimmt den Spätdienst.«

»Der Typ hat geheult wie ein Mädchen.« Jeff lachte lauthals.
   Er mochte der Sohn ihres Chefs Vance sein, doch das bedeutete nicht, dass sie verpflichtet war, ihn zu mögen. Jeff war ein Widerling. Woher er diesen unangenehmen Wesenszug hatte, war Talia unbegreiflich. Weder seine Mutter Marcy noch sein Vater Vance waren solche Einfaltspinsel. Im Gegenteil. Marcy war eine hingebungsvolle Freundin, die ihr schon aus mancher Bredouille geholfen hatte. Nur dank Marcy hatte sie diesen Job. Selbst die Idee mit der WG mit Sal war auf Marcys Mist gewachsen. Talia stellte sich die Frage, ob Jeff womöglich adoptiert war, denn auch von den Körperlichkeiten wies er keine nennenswerten Ähnlichkeiten zu seinen Eltern auf. Er war gut zwanzig Zentimeter zu klein für sein Körpergewicht. Und obwohl erst Mitte zwanzig, zeigte sein Haupthaar bereits beachtliche Lücken auf, die er mit seiner überlangen Haarpracht zu vertuschen versuchte. Optisch wirkte er wenig ansprechend, dennoch hatte er einen Stein bei den Frauen im Brett. Er war der lebende Beweis dafür, dass Geld sexy machte. Just im Moment umgab sich Jeff mit seinen zahlreichen Freunden, zu denen auch etliche gut aussehende Damen gehörten. Allesamt lauschten sie gespannt seinen Ausführungen. Er mimte den großen Retter. Die Geschichte hatte damit begonnen, dass er das Opfer gerettet und dessen Angreifer verscheucht hatte. Wie gut, dass sie es besser wusste. Talia brachte ein Tablett mit einer rauen Menge an Alkoholika an den Tisch. Wäre Marcy gegenwärtig hier gewesen, hätte der kleine Jeff mucksmäuschenstill in einer Ecke gesessen und Limonade durch einen Strohhalm geschlürft. Bei Marcy mutierte Jeff zu einem Schoßhündchen. Weder Marcy noch Vance waren momentan anwesend. Nur Sal, Talia und natürlich das Personal in der Küche schoben Dienst. Seine Eltern hätten ihm die Ohren lang gezogen, wenn sie mitbekommen hätten, wie er sich aufführte.
   »Ich sag’s euch. Der Typ hat wie ein Mädchen geheult und dazu dieser bescheuerte Dialekt. Ich hab den Typen kaum verstanden. Zweifellos einer dieser nutzlosen Immigranten, die uns die Jobs vor der Nase wegklauen, und nicht nur die. Gewiss war er aus dem Milieu. Ihr wisst doch, welches Gesocks sich abends hier rumtreibt. Ich habe Vater schon so oft gesagt, dass wir eine bessere Alarmanlage brauchen. Vielleicht wollte der Typ einbrechen oder Schlimmeres!«
   Talia knallte das Tablett vor Jeff auf den Tisch. Sie konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn dieser Idiot seine Lügengeschichten von sich gab.
   Aus einem der übervollen Biergläser schwappte der Inhalt auf Jeffs Hand und nicht nur das. Eines der Gläser bekam eine gefährliche Schieflage und fiel dem Mistkerl prompt auf den Schoß.
   Er sprang fluchend auf und erhob allen Ernstes die Hand gegen sie. »Wenn ich der Chef wäre, Tally, hätte ich dich längst auf die Straße gesetzt. Ich kann nicht verstehen, warum Mum und Dad noch immer an dir festhalten. Selbst eine einfache Aufgabe, wie ein Tablett zu tragen, ist zu hoch für dich, Spatzenhirn.«
   »Komm runter, Jeff«, sagte ein Freund von ihm beruhigend. »So geht man doch mit keiner Lady …«
   »Sie ist keine Lady«, rief Jeff aufgebracht. »Sie ist und bleibt ein kleines, billiges Flittchen, das ihren Körper verkauft hat, bevor meine gutherzige, aber naive Mutter ihr einen Job angeboten hat. Eine Hure.« Jeff nahm seinen Geldbeutel vom Tisch und begann, Talia mit den Geldstücken zu bewerfen. »Nur Kleingeld! Mehr würde ich für dich Schlampe und deinen widerwärtigen Körper nicht bezahlen.«
   Zu viel war zu viel. Wie konnte dieser Mistkerl so etwas behaupten? Es mochte sein, dass sie auf der Straße gelebt hatte, als Marcy sie auflas, aber sie hatte nie, aber auch niemals ihren Körper für Geld verkauft. Talia ballte ihre Hände zu Fäusten, bereit, Taten folgen zu lassen und Jeff den Mund zu stopfen. Falls Vance sie deswegen feuern würde, wäre es eben so. Sie würde nicht länger hinnehmen, dass diese Ratte so mit ihr umsprang. Zu allem entschlossen ging sie auf ihn zu. Sie würde ihn dafür büßen lassen. Ein verlockender Gedanke, ihn zu zerquetschen wie ein lästiges Insekt. Macht durchflutete sie und entflammte jede ihrer Zellen lichterloh.
   »Talia, nein!« Sal packte sie am Arm und zog sie von Jeff weg. »Er ist es nicht wert.«
   Sals ruhige Worte waren besser als eine kalte Dusche. Die Wut war wie weggeblasen, aber nicht die Angst. Es war wieder passiert. Sie konnte sich nicht erklären, was gerade mit ihr geschehen war. Diese Macht. Es war nicht das erste Mal in den vergangenen Wochen und jagte ihr eine Heidenangst ein. Immer, wenn sie starke Wut empfand, überkam sie dieses Gefühl. Das war alles andere als angenehm. Talias Herz schlug ihr bis zum Hals. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub. Talia war nur eine Winzigkeit von einer Panikattacke entfernt. Sie wurde verrückt. Anders konnte sie es sich nicht erklären. Schizophrenie besaß eine nicht zu verachtende erbliche Komponente. Tante Esre hatte daran gelitten. Am Ende hatte sie sich mit furchtbaren Wahnvorstellungen herumgeplagt. Sie erzählte Talia von Engeln und Schattenwandlern und dass diese ihr nach dem Leben trachten würden. Esre hatte Visionen vom Erzengel Gabriel, die sie schier um den Verstand brachten. Trotz ihres langen Aufenthalts in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie konnte sie dem Leidensdruck nicht weiter standhalten. Kaum dass Tante Esre vor fünf Jahren als vermeintlich stabil aus der Einrichtung entlassen worden war, schluckte sie eine Überdosis eines wüsten Tablettencocktails mit einer Flasche Wodka. Da sie wohl auf Nummer sicher gehen wollte, schnitt sie sich auch noch die Pulsadern auf. Talia fand sie am folgenden Morgen in der Badewanne in ihrem eigenen Blut schwimmend. Sie hatte den Freitod gewählt und Talia mutterseelenallein zurückgelassen. Esres Tod hatte Talia in ein tiefes Loch gestürzt. Sie kam auf die schiefe Bahn, nahm Drogen und landete auf der Straße. Neben ihren Besitztümern hatte sie auch Tante Esres Wohnung verloren, in der sie bis dahin gelebt hatte.
   Sal hatte ihr damals buchstäblich den Hintern gerettet. Ohne ihre Hilfe wäre sie auf dem Strich gelandet. Talia hatte Sal im Drogen-Milieu kennengelernt. Zu dem Zeitpunkt hatte Talia ihr Geld in einem zwielichtigen Etablissement mit Tabledance verdient. Sal, ein äußerst gewöhnungsbedürftiger Typ Frau mit ihrer bulligen, beinahe schon maskulinen Statur, hatte ihr Marcy vorgestellt und den Job im Restaurant besorgt. Zuerst als Küchenhilfe, da Talia keinerlei Ausbildung besaß, nicht einmal einen Schulabschluss, doch Marcy schaffte auch dem Abhilfe und ermöglichte ihr die notwendige Schulausbildung nach der Arbeit. Nach dem Abitur in der Abendschule folgte eine Ausbildung im Restaurantbereich, die sie vor einem Jahr mit Bravour vollendet hatte. Sie war definitiv auf dem Weg nach oben und nahm keine Drogen mehr, doch falls die Schizophrenie nun auch ihre fiesen Krallen nach ihr ausstreckte, würde sie …
   »Talia, Süße.« Sal legte seufzend die Hand auf ihre linke Schulter. »Marcy ist eine gute Freundin, aber solltest du Jeff den Hintern versohlen, würde sie dir niemals verzeihen. Geh an die frische Luft und komm runter.« Sal schob sie bestimmt in den Personalbereich und von dort in den Hinterhof.
   Die Frischluft tat gut und wies die Panikattacke in ihre Schranken zurück. Talia schöpfte zitternd Atem und ließ zu, dass die Kühle ihre Sinne klärte. Sie nahm auf den Holzpaletten Platz, die neben der Tür gestapelt waren, den Rücken zur Tür gewandt.
   »Es ist alles in Ordnung, Talia. Das war nur eine Panikattacke, nicht mehr und nicht weniger«, sagte Sal beruhigend. »Du weißt, was die Ärzte gesagt haben. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass du an dem gleichen Mist erkrankst wie deine Tante. Mäuschen, bitte.« Sal schloss ihre starken Arme um sie und küsste sie auf die Stirn.
   Das Verhältnis zwischen ihr und Sal war rein platonisch trotz Sals bisexueller Neigungen. Talia entsprach nicht Sals Beuteschema. Diese war gegenwärtig in einer Beziehung mit Emily, die in der Küche arbeitete. Lang hielten ihre Beziehungskisten für gewöhnlich nicht. Sal war keineswegs eine Kostverächterin und gab bei ihrer Partnerwahl keinem Geschlecht den Vorzug, doch wenigstens hatte ihre Freundin ein Privatleben. Talias Beziehungsleben beschränkte sich auf katastrophale Dates und gelegentliche Flirts, aus denen sich noch nie etwas Ernstes entwickelt hatte.
   Emily streckte ihren Kopf durch den Türspalt in den Hof. »Ladys.« Ihr Tonfall entbehrte nicht der Eifersucht, die sie aufgrund des innigen Verhältnisses zwischen Sal und ihr hegte. »Eine von euch Damen müsste im Gästeraum bedienen.« Sie stemmte die Hände in ihre kurvigen Hüften und zog die zu dünn gezupften Augenbrauen skeptisch hoch. »Alles okay bei dir, Tally? Vergiss Jeff. Marcy ist zurück, und der Mistkerl hat sich verdrückt. Die Luft ist wieder rein.«
   Talia nickte und wischte sich über die tränenden Augen. »Sicher, Emily. Geh du nur, Sal. Ich mache eine Zigarettenpause, danach komme ich rein.«
   »Okay, meine Kleine.« Sal küsste Talia auf den Scheitel und strich über ihren Rücken, bevor sie zurück in das Restaurant ging.
   Zärtliche Gesten, die sie ihr immer und ohne jegliche sexuellen Hintergedanken zuteilwerden ließ. Für gewöhnlich half Sals Trost, um zur Ruhe zu kommen. Es waren nicht Jeffs Beleidigungen, die ihr derartig zusetzten. Das waren Kinkerlitzchen. Was im Anschluss geschehen war, machte ihr eine Heidenangst. Talia strich sich mit zitternden Händen durch ihr Haar. Sie zündete sich eine Zigarette an, nahm einen Zug und blies laut seufzend Rauch aus. Zu qualmen war dämlich, das wusste sie, doch ihr innerer Schweinehund war schlicht zu dominant. Seit Tante Esres Tod kämpfte sie gegen Süchte aller Art an, mehr oder weniger erfolgreich. Die Glimmstängel waren beileibe ihr geringstes Problem. In solchen Situationen sehnte sie sich nach der Betäubung, die ihr die Drogen kurzweilig geschenkt hatten, doch um welchen Preis? Talia war nicht schwach und widerstand dem Drang, dieser Sucht nachzugeben.
   Ihr Aufruhr wollte nicht verblassen. Die Angst vor dem Monster, das tief in ihrem Inneren heranwuchs und ihren Geist zu vergiften drohte, wollte nicht weichen. Sals Argumentationen waren schlüssig. Zig unterschiedliche Ärzte hatten Talia bestätigt, dass die Form der Schizophrenie, an der Tante Esre gelitten hatte, kaum genetische Komponenten besaß. Das Risiko, dass sie ebenfalls daran erkranken könnte, sei verschwindend gering. Dieses Wissen half jedoch nicht gegen die Angst, die sie fest in ihren Krallen hielt.
   Talia hatte hautnah miterleben müssen, wie diese schreckliche Geisteskrankheit Tante Esres ehemals brillanten Verstand peu à peu zerstörte. Mit jedem Schub der Krankheit starb ein Stück mehr von ihr, bis dieses grausame Martyrium vor fünf Jahren in Esres Suizid gegipfelt hatte. Der Tod war die einzige Möglichkeit gewesen, diesem Grauen zu entrinnen. Sie hatte ihre Erlösung gefunden und war frei. Talia hoffte, dass die tief religiöse Esre an einem besseren Ort und frei von allen Qualen war, die ihr das Leben auf Erden zur Hölle gemacht hatten.
   Talia nahm einen weiteren Zug von der Zigarette und stieß den blauen Dunst durch die Nase aus. Die Fakten mochten gegen eine psychische Erkrankung sprechen, aber was war es dann, was im Moment mit ihr geschah? Sie hatte seit einigen Wochen das Gefühl, dass sie verfolgt und beobachtet wurde. Und in den Träumen, die jede Nacht wiederkehrten, träumte sie von einem anderen Leben, das nicht ihres war und zu fantastisch wirkte, um wahr zu sein. Dennoch erschienen diese Hirngespinste erschreckend real, beinah wie Erinnerungen.
   Es waren exakt die Symptome, mit der sich der geistige Verfall bei ihrer Tante manifestiert hatte.
   Talia raufte sich die Haare nach hinten. Die Furcht, die sie verspürte, raubte ihr die Luft zum Atmen. Das laute Schluchzen konnte sie nicht unterdrücken. Es kroch erbarmungslos ihre Kehle hoch. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf.
   »Talia«, vernahm sie ihren Namen.
   Es lag ein dunkles Unheil verkündendes Timbre in der tiefen Männerstimme. Große Hände legten sich von hinten auf ihre Schultern und hielten sie mit ihrem Po auf die Paletten gepinnt. Ein herb-männlicher Duft hüllte sie ein und umgarnte sie. Trotz der unverhohlenen Bedrohung, die in der Luft lag, vernahm sie einen äußerst vertrauten Geruch, der sie an etwas erinnerte, was sie längst verloren geglaubt hatte. Es roch nach Heimat. Anders schaffte sie dieses Gefühl, das diese Geruchsempfindung in ihr weckte, nicht in Worte zu fassen. Es war der unwiderlegbare Beweis, dass in ihrem Oberstübchen Einiges verkehrt lief.
   Talia zog die Hand ihres Angreifers ein Stück nach vorn und schlug ihm mit aller Wucht gegen den Ellbogen. Der Mann stöhnte unter Schmerzen auf und ließ ihre Schultern los. Leider war das Reizgas in ihrer Handtasche und die befand sich im Personalraum. Sie sprang auf, wirbelte im Stand herum und sah sich Mister Groß und Sexy gegenüber, der gestern Abend unverhohlen mit ihr geflirtet hatte. Nicht mit Worten, aber die Blicke aus seinen schönen Augen hatten eindeutig Interesse signalisiert. Sein Augenpaar verschwand heute hinter einer dunklen Sonnenbrille und seinen Kopf bedeckte eine schwarze Strickmütze. Die Brille verbarg nur halbherzig ein Veilchen und seine Nase … Die Erkenntnis traf Talia wie ein Paukenschlag. Mister Groß und Sexy war der Lüstling vom Parkplatz. Sie wich vor ihm zurück und starrte ihn an. »Du … du hast versucht, mich zu vergewaltigen!«
   »Ich?« Seine Stimme schrillte in astronomische Höhen, während er sich den schmerzenden Ellbogen rieb. »Sehe ich aus, als ob ich es nötig hätte, eine Frau zu schänden?« Er schüttelte energisch den Kopf. »Ich wollte mit dir sprechen. Nicht mehr und nicht weniger.«
   »Nachts, im Dunklen. Warum schleichst du dich an mich an? Schon wieder. Ich meine …« Talia biss sich auf die Unterlippe. Zweifellos hatte dieser Leckerbissen es nicht vonnöten, sich seinen Spaß mit Gewalt zu holen. Die Frauen lagen ihm sicher scharenweise zu Füßen, sobald er nur mit dem Finger schnippte. Aber gutes Aussehen war kein Garant dafür, dass er noch alle Tassen im Schrank hatte. Vielleicht stand er darauf, sich unter Zwang zu nehmen, was er begehrte.
   Mit einem Schnarren setzte er die Brille ab und offenbarte das ganze Ausmaß der Verletzungen, die sie ihm zugefügt hatte. Diese waren nicht mit einem Notfallexzess zu entschuldigen.
   Sie hatte ihn grauenhaft zugerichtet. Der schwarz bekleidete Mann sah zerbeult aus, als hätte er einen Boxkampf über volle zwölf Runden hinter sich gebracht. Wahrscheinlich sann er auf Rache. Er war gestern nicht zum Zug gekommen. Der Verrückte war stinksauer, knurrte widerwillig und tat einen beherzten Schritt auf sie zu, was Talia zurückweichen ließ. Leider war der Weg in das Restaurant durch ihren Angreifer versperrt. Talia griff nach dem erstbesten Gegenstand am Boden und warf ihn nach dem Mann. Ihr Wurfgeschoss, ein mit altem Frittieröl gefüllter Kanister, traf ihn zielsicher am Kopf und sorgte für die nötige Ablenkung. Sie rannte, was das Zeug hielt. Es waren gut zwanzig Meter bis zur belebten Straße, auf der es um diese Uhrzeit von Menschen wimmelte.
   Talia war eine gute Sprinterin, doch der Typ anscheinend auch. Ungeachtet dessen, dass sie ihm den Kanister an den Kopf geworfen hatte, er kurz zu Boden gegangen war und aus einer Wunde an der Stirn blutete, war er ihr auf den Fersen. Und seine Beine waren lang. Wenn er einen Schritt tat, musste sie zwei oder sogar drei machen. Er holte sie ein. Es war nur eine Frage der Zeit. Nur noch wenige Meter, dann hätte sie die rettende Menschenmenge erreicht. Dort würde er es gewiss nicht wagen, sie anzugreifen. Es lag bestimmt nicht in seinem Sinn, Aufmerksamkeit zu erregen. So weit kam sie nicht mehr.
   Er stoppte sie abrupt vor der Hausecke und damit vor der vermeintlichen Sicherheit, indem er ihr in den Rücken sprang. Mit den Knien voran brachte er sie rücksichtslos zu Fall. Talia schlug hart auf das Kopfsteinpflaster auf. Alle Luft wich aus ihren Lungen. Der Sturz allein hätte beinahe genügt, um ihr die Lichter auszuknipsen. Talia schmeckte Blut in ihrem Mund. Sie hatte sich auf die Zunge gebissen. Ihre Lippe blutete und warme Flüssigkeit tropfte von ihrer Nase auf den Boden. Mit einer gewaltigen Portion Wut, wie es schien, drehte der Mann ihren rechten Arm auf den Rücken. Er packte so fest zu, dass ihr Arm brach. Talia schrie vor Schmerz auf. Er legte seine Pranke auf ihr Gesicht und erstickte ihren Schrei. Mit einem Ruck zog er sie auf die Beine. Er hielt ihr weiterhin den Mund zu, wahrscheinlich damit sie keine verräterischen Geräusche von sich geben konnte. Außerdem presste er ihr einen Lappen ins Gesicht. Das Stück Stoff war mit einer unangenehm süßlich riechenden Flüssigkeit getränkt. Der stechende Geruch fraß sich in die Schleimhäute ihrer Nase. Ihr wurde schwummrig. Talia wehrte sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Sie trat nach ihm, kratzte ihn und wand sich in seiner Umklammerung, doch so sehr sie auch aufbegehrte, gegen die betäubende Wirkung, die die Flüssigkeit auf sie hatte, kam sie nicht an. Ihr Herzschlag raste und die Angst schnürte ihr den Hals zu. Tränen der Verzweiflung rannen über ihr Gesicht. Mit der Furcht im Nacken, dass sie ihren letzten Atemzug tat, verabschiedete sich ihr Bewusstsein.

*

Diese Engelsfurie hatte sich wie ein tasmanischer Teufel gewehrt. Sie hatte es tatsächlich geschafft, ihn erneut zu verletzen. Die Platzwunde an seiner Stirn blutete wie verrückt. Bei Kopfwunden war das aber völlig normal und kein Anlass, in Panik auszubrechen. Viel mehr störte ihn die verflixte Benommenheit. Das Wurfgeschoss war verflucht schwer gewesen. Kein Mensch hätte ihm diesen Kanister so locker flockig entgegenschleudern können. Er war im ersten Moment so aufgebracht gewesen, dass er seinen gesamten Zorn an ihr ausgelassen hatte. Mit aller Macht hatte er sie auf den Boden geworfen und ihr den Arm auf den Rücken verdreht. Dass ihr Arm brach, hatte nicht in seiner Absicht gelegen. Durch ihr Engelsblut sollte sie robuster sein. Ihr Arm hätte nicht brechen dürfen, dennoch war ihr Knochen wie ein trockener, dünner Zweig geborsten. Sie hatte aufgeschrien vor Schmerz. Ihr schönes Gesicht hatte unter seinem Übergriff ebenfalls sehr gelitten, und sie hatte geweint.
   Tränen. Engel weinten keine normalen Tränen. Nicht, dass er einen der Wahrhaftigen je hätte weinen sehen. Sein Kontakt zu den Engeln hatte sich auf den Ephorus, den Leiter des Hortes, und dessen Gefolge beschränkt. Cassiel machte keinen Hehl daraus, wie wenig er von den Wächtern hielt. Für den Engel war das Wachen über die halbmenschlichen Sprösslinge eine unliebsame Aufgabe, die er zu erfüllen hatte. Dessen ungeachtet wurde ehrfürchtig von seinesgleichen gemunkelt, dass die Himmelsboten Tränen aus Gold vergießen würden.
   Talias Tränen waren klar wie Wasser und damit unverkennbar die eines Menschen, wie auch sie auf den ersten Blick erschreckend menschlich erschien, wäre da nicht die übermenschliche Kraft gewesen, mit der sie ihm den Kanister entgegengepfeffert hatte. Sein Schädel brummte noch immer von der Wucht des Aufpralls. Und er hatte ihre machtvolle Engelsaura für einen kurzen Moment gespürt. Es war nur eine Millisekunde gewesen, in der er ihre Engelskraft verspürt hatte, bevor sie wieder vollständig erloschen war. Sie wirkte noch wenig übernatürlich. Das war äußerst seltsam.
   Ebenso merkwürdig wie die Tatsache, dass sie weiterhin blutete und ihr Arm im Rekordtempo anschwoll. Einen Engel hätte diese Verletzung nicht beeinträchtigt. Lichtwesen heilten in Windeseile und waren ziemlich robust. Nur mit einer Waffe aus Lucidum konnte man ihnen schweren Schaden zufügen. Einen von ihnen zu töten, war fast unmöglich. Sobald er sie gefesselt hätte, würde er Lucidum an ihr testen. Auch wenn es ihm merkwürdigerweise widerstrebte, ihr trotz ihrer heftigen Gegenwehr mehr Schmerzen zuzufügen.
   Als Jeremia in dem schäbigen Motel angekommen war, in dem er zurzeit hauste, verfrachtete er Talia auf das Bett. Er fixierte ihr linkes Handgelenk mit Handschellen an den Metallstreben des Bettgestells. Wer wusste, wie lang das Chloroform wirkte, so verbissen, wie sie sich dagegen gewehrt hatte? Er rechnete fest damit, dass sie bald wieder wach wurde, trotzdem konnte er sie nicht so liegen lassen und musste ihre Wunden versorgen. Für sie war es angenehmer, wenn er das tat, solange sie noch schlief. Mit einem gezielten Ruck richtete er den Bruch ihres rechten Unterarms. Nicht der erste Knochenbruch, den er versorgte. Meist war er sein eigener Patient. Ihre Haut fühlte sich zart an unter seinen Fingerspitzen, äußerst weich. Er strich mehrfach über ihren Arm, häufiger, als es vonnöten gewesen wäre, um zu fühlen, ob die Bruchstelle richtig saß. Ihr dünner Arm war stark angeschwollen und musste geschient werden. Leider hatte er nicht die Mittel dazu.
   Sicher wäre es am vernünftigsten, sie in die Obhut der Wächter zu übergeben, doch die Frau, das, was sie war, hatte seine Neugier geweckt. Sie war ihm ein Rätsel, das er zu lösen gedachte. Wie es jedoch aussah, benötigte er Hilfe, um ihre Verletzungen ordnungsgemäß zu versorgen. Es überschritt seine Kompetenzen. Er war Kämpfer und konnte seine Gegner auseinandernehmen, aber nicht zusammenflicken.
   Zuerst musste er sich im Klaren sein, wen er ins Vertrauen ziehen konnte. Viele Freunde hatte er bedauerlicherweise nicht. Streng genommen hatte er überhaupt keine mehr. Nach Nahaliels Tod mieden ihn die Wächter wie einen Todbringer. Jeremia klebte das Unglück an den Händen und seit zwei Jahren auch der Tod. Er schaffte es nicht, die, die ihm lieb waren, am Leben zu halten. Wer ihm zu nahe kam, fand früher oder später einen gewaltsamen und frühzeitigen Tod. Carona, Nahaliel …
   Darüber zu sinnieren, machte es nicht besser. Er brauchte Unterstützung in dieser Sache. Solange er nachdachte, würde er sich um die grobe Versorgung ihrer oberflächlichen Wunden kümmern. Mit einem mit Wasser getränkten Handtuch entfernte er das Blut und die dunklen Make-up-Reste von ihrem Gesicht. Ihre sinnlichen Lippen standen einen kleinen Spalt offen. Die Oberlippe hatte beim Sturz Schaden genommen und war angeschwollen, ebenso Nasenspitze und Wangen. Es war eine Schande, dass er dazu gezwungen gewesen war, sie derart hart anzugehen, doch sie durfte ihm nicht durch die Lappen gehen. Dieses hübsche Ding schien ein fetter Fisch zu sein. Wenn sie sich so vehement gegen ihn wehrte, hatte sie ordentlich was ausgefressen. Obendrein die Tatsache, wie perfekt sie ihre Aura verschleiern und sich verstellen konnte. Sie sah aus wie das liebe Mädchen von nebenan, das kein Wässerchen trüben konnte.
   Wieder musste er sich ins Gedächtnis rufen, dass der erste Schein trügen konnte. So niedlich sie war, sie könnte auch eine mordende Bestie sein. Selbst dazu waren die gepriesenen Lichtwesen fähig. Viele Himmelsboten entwickelten mit der zunehmenden Anzahl an Lebensjahren eine nicht zu verachtende Psychose und waren nicht mehr tragbar für die Gemeinschaft der Engel. Sie wurden vom Rat der Fünf heimbeordert, was immer das bedeuten mochte. Die Wächter wurden in diese Interna nicht eingeweiht. Sie erledigten die Drecksarbeit für ihre ach so salbungsvollen Väter und Mütter. Sie hatten zu tun, was ihnen aufgetragen wurde, ohne es zu hinterfragen. Selbst wenn sich diese alten Strukturen augenblicklich im Umbruch befanden, ein Kleinkind schaffte es nicht, eine seit Jahrtausenden herrschende Ordnung in nur wenigen Monaten umzukrempeln. Die eingefahrenen Regeln waren fest in den Köpfen der meisten Engel und leider auch vieler Wächter verankert. Es würden Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte, ins Land gehen, bis die Änderungen Wirkung zeigen würden.
   Jeremia war relativ jung in der Zeitrechnung der Himmelswesen. Er war erst vor vierzig Jahren zu der Gemeinschaft der Wächter gestoßen. Sein Erzeuger hatte ihn im Alter von wenigen Wochen dem Ephorus übergeben. Dieser hatte Carona als seine Excubitrix ausgewählt. Sie war die beste Mutter gewesen, die er sich hatte vorstellen können. Jeremia hatte ihre herbe, aber herzliche Art abgöttisch geliebt. Ihr war der Zusammenbruch der alten Ordnung zum Verhängnis geworden. Carona hatte den Tod durch die Hand des Erzengels Uriel gefunden, weil sie ihm im Weg gestanden hatte. Uriel hatte so viele von ihnen getötet, und warum? Weil er sich vor einem kleinen Kind gefürchtet hatte.
   Jeremia schluckte den Groll und die Trauer, wie er es immerzu tat. Er war niemand, der mit seinen Gefühlen hausieren ging. Noch ein Grund, weshalb ihm seine Wächterkollegen aus dem Weg gingen. Selbst unter dem disziplinierten Haufen war er als gefühlskalt verschrien, und das hatte etwas zu bedeuten. Sie zerrissen sich hinter seinem Rücken ihre Mäuler und mieden ihn wegen seiner vermeintlichen Emotionslosigkeit, doch er konnte sehr wohl fühlen. Nur, dass er Emotionen nicht nach außen zur Schau stellte. Es gab nur wenige Wesen, die dieses Dilemma verstanden, und denen gegenüber er sich zu öffnen gewagt hatte. Unter anderem Carona und Nahaliel.
   Mit einem Seufzen entfernte er die Blutreste und den Schmutz von Talias attraktivem Gesicht und versorgte die Schnitte mit Pflastern. Auch wenn es ihm widerstrebte, stand noch dieser eine Test aus, der ihm Klarheit über ihre Herkunft geben würde. Jeremia nahm ihren unverletzten Arm und drehte die Handfläche nach oben. Er zog den Dolch aus seinem Unterschenkelhalfter. Nur ein kleiner Schnitt, der ihre Identität zweifelsfrei enthüllen würde, und gleichwohl zögerte er. Seine Hände zitterten und waren schweißnass. Er musste mehrmals nachgreifen, es gelang ihm jedoch nicht, den Lucidumdolch ruhig zu halten. Das war wie verhext. Lediglich ein winziger Schnitt, dennoch tat er sich schwer damit. Er wollte der so verletzlich wirkenden Frau nicht mehr Leid zufügen, als er es bereits getan hatte.
   Jeremia war berühmt-berüchtigt für seinen schonungslosen Umgang mit seinen Delinquenten, was ihm einen brutalen und kaltschnäuzigen Ruf in seinen Kreisen eingebracht hatte. Wen er auf seiner To-do-Liste stehen hatte, der war so gut wie geschnappt. Die Süße stand nicht auf seiner Liste, aber sie festzusetzen, war ihm ein persönliches Anliegen geworden. Sie gab ihm Rätsel auf. Jeremia versuchte überhaupt nicht, seinem negativen Ruf entgegenzuwirken. Die anderen ließen ihn in Frieden und unbehelligt sein Ding durchziehen.
   Bei der Kleinen kostete es ihn unerwartet Überwindung, die Schneide zu senken und sanft über ihre Haut zu ziehen. Er wandte nicht viel Druck auf, dennoch hinterließ die rasiermesserscharfe Klinge einen tiefen Schnitt in ihrer Handfläche, aus der rotes Blut quoll. Jeremia ließ den Dolch fallen und wich vor ihr zurück. Wäre sie ein Engel oder auch nur ein Halbengel, würde ihr Blut auf den Kontakt mit dem Lucidum umgehend mit Hitze reagieren. Es würde binnen Sekunden gerinnen und eine schwärende schwarze und äußerst schlecht heilende Wunde hinterlassen. Nicht jedoch bei Talia. Kirschrotes Blut lief aus der tiefen Schnittwunde, und sie schreckte auf. Ihr von Schmerz erfüllter Blick lag auf ihm. Sie zog sich, so weit es die Fesseln zuließen, vor ihm zurück.

Kapitel 3

Panik war ihr erstes Gefühl, als sie erwachte. Dieser Verrückte hatte sie mit einem Messer in die Handfläche geschnitten. Das Blut lief über ihre Finger und tropfte auf die Bettdecke, auf der sie saß. Wo zur Hölle hielt sie sich auf? Obwohl es in dem Zimmer dunkel war, konnte sie den Irren, der sie entführt hatte, klar und deutlich ausmachen. Er hatte ihren linken Arm mit einer Handschelle an das Bett gefesselt. In ebendiese gefesselte Hand hatte er sie vor einem Augenblick geschnitten. Ihr rechter Arm fühlte sich brechend heiß an und pochte wie die Hölle. Dieser Durchgeknallte hatte ihr den Arm gebrochen und sie gekidnappt. Sie hatte gewusst, dass es irgendwann böse mit ihr enden würde, doch sie hatte eher gedacht, dass sie ihren Verstand verlieren und in einer Irrenanstalt vor sich hin vegetieren würde. Dass sie an einen psychopathischen Stalker geraten würde, der sie entführte und womöglich noch Schlimmeres mit ihr im Sinn hatte, hatte sie sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen ausgemalt.
   Talia schwirrte der Kopf, was aber auch an der Tatsache lag, dass sie sich auf die Nase gelegt hatte. Sie befand sich in einem schäbigen Hotelzimmer und es roch unangenehm süßlich nach altem Holz. Die Matratze stank kotzerbärmlich nach den Ausdünstungen von zig Hunderten von Vormietern. Widerlich. Das ekelerregende Schlaflager war jedoch mit Sicherheit ihr kleinstes Problem. Der Irre stand nur eine Armlänge von ihr entfernt. Talia wich noch weiter vor ihm zurück und wäre aus dem Bett gefallen, hätte er sie nicht festgehalten. Unglücklicherweise an ihrem gebrochenen Arm. Sie wäre lieber gestürzt, als daran gepackt zu werden. Vor Schmerz schrie sie auf, was er mit seiner riesigen Hand erstickte. Sie biss danach, da sie befürchtete, dass er sie abermals betäuben wollte. Das tat er aber nicht, er brachte sie anders zum Schweigen und hielt sie vom Rumzappeln ab. Er hockte sich rittlings auf sie.
   »Halt still, du tust dir nur weh.«
   »Als ob dich das interessieren würde«, fauchte sie. Er hatte sie bereits verletzt. Oder zählten der gebrochene Arm, die Schnittwunde an der Hand und die zahlreichen anderen Blessuren nicht?
   Er atmete schwer und schien seine liebe Mühe zu haben, sie unter Kontrolle zu halten. »Das tut es. Wenn ich dich töte, bekomme ich Ärger mit deinesgleichen.«
   »Meinesgleichen? Was zur Hölle …? Du …« Talia schaffte es, ihn von sich hinunterzubugsieren. Der Typ kniete neben ihr auf dem Bett.
   »Deiner Art«, erwiderte er gelassen.
   Er hatte eine ausgewachsene Vollmeise. Sie ruckelte an der Handschelle, die jedoch bombenfest saß. Ihr Unterfangen wurde mit einem schneidenden Schmerz in ihrer Handfläche belohnt. Talia ließ sich gegen das Kopfteil des Bettes fallen und schloss die Augen. »Wer zum Teufel bist du und was willst du von mir?«, fragte sie mit brechender Stimme. Sie versuchte, tough zu sein, aber mit der Furcht im Nacken, diesem Mann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein, wurde ihr anders. Ihr Hals war wie zugeschnürt, Tränen brannten in ihren Augen und ein Schluchzer bahnte sich seinen Weg ihre Kehle herauf. Mit ihrem gebrochenen Arm beschirmte sie das Gesicht, sie wollte ihrem Entführer gegenüber keine Schwäche offenbaren. Sie bemerkte warme Finger an ihrer festgeketteten Hand, die sich daran zu schaffen machten. Er löste nicht die Fesseln, doch er versorgte den Schnitt an ihrer Handfläche mit wenigen, aber äußerst geschickten Handgriffen.
   »Mein Name ist Jeremia. Ich bin ein Wächter des Lichts. Ruh dich aus, Talia. Morgen, in aller Herrgottsfrühe, brechen wir auf.«
   »Was hast du mit mir vor? Ich …« Wächter des Lichts? Das hörte sich nach einer dieser New Age-Sekten an. Sie befürchtete, dass sie soeben zum Opfer oder zur Sexsklavin auserkoren wurde. Man las zuhauf in den Schlagzeilen, dass irgendwelche Sektengurus … Talia sollte nicht einmal daran denken. Sie würde es diesem Mann, Jeremia, der nicht mehr alle Tassen im Oberstübchen hatte, gewiss nicht leicht machen.
   »Du wirst sehen. Schlaf jetzt«, sagte er abgeklärt. Ein feines Lächeln lag auf seinem attraktiven Gesicht. Mit jenem Ausdruck auf den Lippen ließ er sie sitzen und wollte in das angrenzende Badezimmer gehen.
   »Hey, Jeremia.« Nein, Talia gab nicht gern klein bei. Sie wollte Antworten von ihm. Möglicherweise würde sie es schaffen, ihn zu bezirzen und zu einem Fehler zu verleiten, doch was tat dieser Idiot? Mit einem selbstgefälligen Grinsen auf den Lippen kam er zurück. Er schaltete den Fernseher ein und drehte die Lautstärke so ohrenbetäubend auf, dass dieser sie mühelos übertönen würde, ganz gleich, wie laut sie war.

*

Jeremia schaufelte sich Tonnen eiskalten Wassers ins Gesicht. Er schaffte es nicht, einen klaren Kopf zu bekommen. Schnaubend betrachtete er sein zerschlagenes Spiegelbild in dem heruntergekommenen Badezimmerspiegel. Dieser Ort war widerwärtig. Es stank nach Schimmel und Fäkalien, doch er hatte von ihr weg gemusst. In ihrer Nähe versagten all seine Instinkte, auf die er sich sonst zu hundert Prozent verlassen konnte. Er schaffte es nicht, objektiv zu bleiben. Die Frau weckte das Bedürfnis in ihm, sie zu schützen. Jeremia schlug auf das Waschbecken, so fest, dass es gefährlich knirschte. Es war wie verhext.
   Diese Talia war ihm ein absolutes Paradox. Sie blutete wie ein Mensch. Das Lucidum hatte keine Wirkung auf sie. Talia heilte wie ein Mensch, und er musste sie wohl oder übel versorgen lassen. Sie weinte wie ein Mensch, hatte Tränen aus Angst, Verzweiflung, jedoch auch aus Wut vergossen. Offenbar war sie nicht an diesen unsäglichen Schwur gebunden, der den Engelswesen nicht einmal erlaubte, den Namen des Lichtbringers in den Mund zu nehmen, denn sie fluchte wie ein Rohrspatz. Wächter, aber auch die meisten Engel, waren durch einen Fluch nicht in der Lage, den Namen des Gefallenen und alles, was mit ihm zu tun hatte, auszusprechen, aufzuschreiben oder was auch immer. Dieses dadurch entstehende Herumgeeiere war nervig.
   Was ihn am meisten verwirrte, war der Sachverhalt, dass er sie nicht fühlen konnte. Zu Beginn hatte er ihre Empfindungen wahrgenommen, doch inzwischen war da nichts mehr. Jeremia hatte die unsägliche Gabe seines Erzeugers geerbt, die Gefühle seines Gegenübers spüren zu können. Seine Fähigkeit machte keinen Unterschied zwischen Engeln, Menschen oder Schattenwandlern. Er spürte jede ihrer Emotionen, immerzu. Zu Beginn hatte ihn das fast verrückt gemacht. Nur durch einen dichten Panzer Gefühlskälte war es ihm gelungen, die auf ihn einprasselnden Empfindungen zu kanalisieren und abzuleiten. Dass er bei Talia kein Fünkchen fühlte, war verwirrend. Um ihn herum war es still, und er konnte ihre Emotionen nur an Gestik und Mimik ausmachen. Für ihn war es Neuland, nicht zu wissen, was sein Gegenüber empfand. Jahrelang hatte er sich diesen Zustand gewünscht, herbeigesehnt, nicht ständig mit den Gefühlseindrücken anderer bombardiert zu werden. Jetzt, da er nichts fühlte, brachte ihn diese Stille von außen fast um. Seine Gefühle waren in den vergangenen Jahren immer mehr in den Hintergrund getreten. Im Augenblick musste er sich allerdings mit ihnen auseinandersetzen.
   Empathisch veranlagt zu sein, war eine nutzlose Gabe für einen Krieger seiner Art. Er hatte die Hälfte seines Lebens gebraucht, um sich so weit abzustumpfen, dass er nicht weiterhin kurz davor stand, wahnsinnig zu werden, dennoch war seine Existenz unverändert ein Spaziergang auf einem viel zu schmalen Grat. Er war zurzeit dabei, sein Gleichgewicht zu verlieren und nur einen Hauch davon entfernt, daneben zu tappen. Keine noch so ausgefeilte Atemtechnik konnte die Emotionen vertreiben, die er gerade empfand. Es gab nur eine Möglichkeit, dem Herr zu werden und sie vorerst in den Hintergrund zu drängen.
   Jeremias Blick fiel auf die alte, verrostete Rasierklinge, die auf dem Waschbeckenrand lag. Er riskierte mit dem dreckigen Ding eine Infektion und damit nicht zu verachtende Schmerzen, doch Schmerz war eine intensive Emotion, mit der er umgehen konnte und die die anderen Empfindungen überlagerte. Zu allem entschlossen griff er nach der Klinge und setzte den ersten tiefen Schnitt in seinen Unterarm.

*

Talia hatte aufgegeben, Lärm zu machen. Nicht, dass sie sich beruhigt hätte oder ihr Arm nicht mehr wehtäte. Fakt war aber, dass sie kein Schwein hörte. Apropos Schwein, dieser Durchgeknallte schien es sich im Badezimmer heimisch gemacht zu haben, denn es waren Stunden vergangen und der Typ war immer noch dort. Letzten Endes war sie so erschöpft gewesen, dass sie eingeschlafen war. Sie wurde soeben wach, auf der Rückbank eines Wagens liegend. Es schaukelte unangenehm, was die nicht zu verachtende Übelkeit verstärkte. Talia war hungrig und fast am Verdursten. Das letzte Mal hatte sie etwas am Mittag zu sich genommen. Durch das Fenster erkannte sie, dass die Sonne bereits hoch im Süden stand – Mittagszeit. Ihr Magen quittierte es mit einem Knurren und zog sich schmerzhaft zusammen. Wenigstens war sie nicht mehr mit Handschellen gefesselt. Jeremia hatte sie ihr abgenommen. Talia lag ungefesselt auf der Rückbank des Wagens. Was dachte er sich dabei? Er musste sich doch darüber im Klaren sein, dass sie dies schamlos ausnutzen würde, sobald sie nicht mehr fuhren.
   »Du bist wach. Wie geht es dir?«
   Was war das für eine bescheuerte Frage? Talia antwortete mit einem Schnauben. Sie hatte ordentlich eingesteckt und war von ihm entführt worden. Wie sollte sie sich da fühlen? Sie bedachte Jeremia über den Rückspiegel mit einem finsteren Blick, den er einfing.
   Er nickte seufzend. »Ich verstehe. Du bist sauer auf mich, das kann ich voll und ganz nachvollziehen. Es ist nur …« Er lächelte äußerst charmant und schlug mit seiner dick bandagierten Hand auf das Lenkrad.
   Warum trug er einen Verband? Gestern Abend war sein Arm unverletzt gewesen. Jeremia hatte auch um einiges frischer ausgesehen. Seine Nase war erschreckend gut verheilt, die Augen waren jedoch blutunterlaufen und von dunklen Schatten unterlegt, als hätte er tagelang nicht geschlafen. Er sah völlig übernächtig aus. Warum interessierte sie das? Nur weil er den Wagen fuhr, ganz sicher. So mitgenommen, wie er aussah, war er gewiss nicht in der Lage, ein Fahrzeug zu lenken.
   »Bist du hungrig, Talia?«
   Sie war am Verhungern, aber erst einmal musste sie herauskriegen, mit wem sie es zu tun hatte. Damit meinte sie nicht solche Wischiwaschi-Aussagen wie seinen Vornamen und die Behauptung, er sei ein Wächter des Lichts. »Wer bist du überhaupt?«, fauchte sie.
   »Das sagte ich bereits. Mein Name ist Jeremia, und ich bin ein …«
   »Wächter des Lichts. Das weiß ich. Nur was, bitteschön, ist ein Wächter des Lichts? Ist das irgendeine verquere Glaubensgemeinschaft? Wenn ja, muss ich dich enttäuschen. Ich hege keinerlei Interesse, eurem Verein beizutreten. Vergiss es, du Matschbirne!«
   Jeremia lachte herb-männlich und bedachte sie mit einem Blick über den Rückspiegel. »Glaubensgemeinschaft? So etwas in der Art«, sagte er trocken. »Beitreten musst du uns nicht. Du gehörst längst dazu.«
   »Du sprichst in Rätseln, du Geisteskranker.« Vermutlich war es nicht geschickt, ihn in jedem zweiten Satz zu beschimpfen, doch er brachte sie zur Weißglut, weil er die ganze Zeit über beherrscht blieb.
   »Mich zu verunglimpfen, ist nicht sehr nett, Talia«, sagte er mit einem dreisten Schmunzeln auf den Lippen.
   »Aber mich zu entführen?« Ihre Stimme schrillte. Sie zog die Arme vor die Brust. Ein Fehler. Ihr rechter Arm schmerzte bei der unbedachten Bewegung. Sie musste dringend in ein Krankenhaus, damit er ordnungsgemäß versorgt werden konnte. »Mein Arm ist gebrochen und muss behandelt werden«, sagte sie und versuchte, an sein Mitgefühl zu appellieren.
   »Ich weiß. Wir sind bald am Ziel. Dort wird dir geholfen. Höchstens noch eine Stunde, dann sind wir da. Ich fahre trotzdem die nächste Raststätte an. Du möchtest sicherlich die Toilette aufsuchen und etwas essen.«
   Talia nickte und lachte sich still und heimlich ins Fäustchen. Sobald der Wagen hielt, würde dieser große und einfältige Dummbatz sein blaues Wunder erleben.

Eine Viertelstunde verging, bis endlich das Hinweisschild der nächsten Raststätte auftauchte. Talia straffte sich innerlich und bereitete sich auf die bevorstehende Flucht vor. Ihre Beine waren in Ordnung und funktionstüchtig. Leider musste sie wirklich dringend pinkeln, aber das hatte keine Priorität. Erst einmal musste sie ihren Kidnapper ausschalten und rennen, was die Beine hergaben. Wie sie ihn ausknipsen würde, hatte sie bis ins kleinste Detail geplant. Jeremia würde überhaupt nicht wissen, wie ihm geschah.
   Er steuerte den Parkplatz der Raststätte an und manövrierte den Wagen in eine abgelegene Parkbucht. Talia wartete nicht ab, bis das Auto stand. Sie schlang ihren unverletzten Arm von hinten um seinen Hals und drückte so fest zu, wie es in ihren Kräften lag. Er wehrte sich immens, doch er konnte schlagen und kratzen, wie er wollte, sie würde erst loslassen, sobald er besinnungslos war. Langsam erstarb seine Gegenwehr und sein Kopf sackte nach vorn. Nur zur Sicherheit hielt sie ihn weitere Sekunden im Würgegriff. Um auf Nummer sicher zu gehen, hieb sie seine Stirn gegen das Lenkrad. Das musste genügen. Wenn er nicht für die nächste Stunde ausgeschaltet war, musste es schon mit dem Teufel zugehen. Wie von der Tarantel gebissen sprang sie auf, öffnete die Tür und rannte los.

*

Dieses widerliche Biest hatte mehr Biss, als er vermutet hatte. Er hatte ihr keine Fesseln angelegt, weil ihr Arm auf doppelte Dicke angeschwollen war. Ein Fehler. Sie wollte nicht klein beigeben und hatte geschafft, was keinem seiner Delinquenten zuvor gelungen war. Sie war geflohen. Seine Nase blutete und die Heilungsfortschritte der vergangenen Stunden waren nichtig. Sie hatte ihm erneut die Nase gebrochen. Jeremia hustete und würgte. Das Engelsbiest hatte ihn bis zur Besinnungslosigkeit gewürgt. So viel Kraft hatte er ihr nicht zugetraut. Wenn er sie wieder in seinen Fingern hätte, würde er sie knebeln und fesseln. Er würde sie finden, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Ihre Spur hatte er bereits aufgenommen. Dieses törichte Weib hatte einen richtigen Sockenschuss. Sie war zu Fuß geflohen, anstelle in die Raststätte zu gehen und die Polizei zu rufen. Gott sei Dank hatte sie es nicht getan, denn ihm stand nicht der Sinn danach, sich mit den irdischen Ordnungshütern auseinandersetzen zu müssen.
   Talia war in den Wald gerannt. Jeremia witterte sie. Sie hatte nicht einmal einen Kilometer Vorsprung. Eine Stunde, höchstens, dann hätte er sie eingefangen und … Was dann? Jeremia verstand überhaupt nichts mehr. Er konnte sie nicht lesen. Wenn er ihre Emotionen gefühlt hätte, wäre es ihr niemals gelungen, ihn hinterrücks zu überwältigen. In ihrer Nähe war er auf seinen gesunden Menschenverstand angewiesen. Talia wusste offenbar wirklich nicht, was sie war. Dieses zarte Wesen … Nein, zart war sie nicht. Das Biest hatte ihm zweimal die Nase gebrochen und ihn bis zur Ohnmacht gewürgt. Erneut schluckte er. Sein Hals tat abscheulich weh. Er würde sie übers Knie legen, sobald er sie unter seinen Fittichen hatte. Keine weiteren Verzögerungen.
   Schnellen Schrittes folgte er ihrer exquisiten Duftnote, die ebenso erlesen roch, wie sie aussah. Himmel, die Süße entsprach fürwahr dem Typus Frau, den er bevorzugte. Jeremia schüttelte den Gedanken ab. Er sollte sie nicht begehren. Unter Umständen hatte sie ihn ja doch heftiger erwischt als angenommen. Er wischte sich das Blut von der Nase. Es zählte nur, sie zu finden. Was er anschließend mit ihr machen würde, konnte er sich überlegen, sobald sie gefesselt auf seiner Rückbank lag.

*

So leicht war es doch nicht, zu fliehen. Sie hätte lieber in die Raststätte gehen und die Polizei verständigen sollen. Unlogischerweise war sie schnurstracks in den Wald geflohen und versuchte, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Irren bringen. Ihr Bauchgefühl gab ihr klar zu verstehen, dass diesen Verrückten selbst die Staatsgewalt wenig geschert hätte. Talia war fast die ganze Zeit über gerannt. Jetzt verließen sie endgültig die Kräfte. Sie war hungrig, verletzt und völlig ausgezehrt. So würde sie es nirgendwohin schaffen. Ihr wurde schwindlig und ihr Tempo langsamer, bis sie kaum noch einen Schritt vor den anderen setzen konnte.
   »Ich bin nicht dein Feind, Talia«, sagte Jeremia ruhig.
   Er hatte es wahrhaftig geschafft, sie einzuholen. Jeremia stand keine fünf Meter von ihr entfernt. Der Typ war verflixt hart im Nehmen. Sie hatte nicht erwartet, dass er sich so rasch von ihrem Angriff erholen würde. Seine Stimme kratzte rau, und er hüstelte leise. »Noch einmal: Du hast mich entführt«, brüllte sie ihn an und brachte ein bisschen mehr Abstand zwischen sich und ihn.
   »Ich würde dir das alles gern erklären, aber wenn du wegrennst …«
   »Na dann schieß los.«
   Jeremia blies die Wangen auf und kratzte sich am Hinterkopf. »Nicht hier«, sagte er nach einer viel zu langen Pause.
   »Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich dich begleiten werde.« Talia zeigte ihm einen Vogel.
   »Lass uns zusammen einen Kaffee trinken gehen, dann versuche ich, es dir zu erklären.«
   Natürlich. Talia machte auf der Stelle kehrt. Die pure Verzweiflung trieb sie an. Sie lief erneut los, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her.

*

Das war nicht mehr witzig. Talia versuchte erneut, abzuhauen. Langsam hatte er es beileibe satt. Jeremia war völlig erledigt. Nicht nur, weil er sich die vergangene Nacht um die Ohren geschlagen hatte. Die Attacke des Biestes hatte ihm ziemlich zugesetzt und die selbst beigebrachten Wunden taten ihren Rest. Er wollte sie zurück im Auto haben, um sie zu seinem Kontakt zu bringen, damit der sich mit ihr herumschlagen konnte. Dass sie wegrannte, war lästig und zögerte das Unvermeidliche unnötig hinaus. Wenn er sie nicht festsetzte, würde es ein anderer Wächter früher oder später tun.
   Jeremia sprintete los. Es kostete ihn nur wenige Augenblicke, sie einzuholen. Er packte sie an der Schulter und wollte sie festhalten. Talia jedoch dachte nicht daran, aufzugeben und hieb nach ihm. Fast hätte ihr mächtiger Schwinger ihn getroffen. Sie hatte mit so viel Kraft zugeschlagen, dass es ihr womöglich gelungen wäre, ihn auszuknocken. Der Schwung, den sie hineingelegt hatte, kostete sie allerdings ihr Gleichgewicht. Talia stolperte und stürzte zu Boden. Jeremia warf sich auf sie und pinnte sie unter sich fest, damit sie nicht erneut abhauen konnte. Ihr Widerstand blieb aus. Dieses törichte Weibsbild war bei ihrem Sturz mit dem Kopf auf einem Stein aufgeschlagen und hatte sich selbst ausgeschaltet.
   Gott, diese Frau brachte ihn noch um den Verstand. Einerseits raubte sie ihm den letzten Nerv, auf der anderen Seite kitzelte sie Emotionen in ihm hervor, die er tot gewähnt hatte. Jeremia hob sie hoch und trug sie zurück zu seinem Wagen.

Kapitel 4

Jeremia war stehend k. o., als er endlich vor der anonymen Mietskaserne anhielt, in der sein Kontakt lebte. Ihm war es schleierhaft, warum Nuriel als Heilerin der Wächter in einem solchen Moloch hauste. Vor der Tür des Blocks hatten sich einige Jugendliche eingefunden, die am frühen Nachmittag bei überlauter Musik Bier tranken. Jeremias schäbige Bude war auch nicht der Renner, aber gegen diese Absteige glich sie dem Ritz. In diesem Stadtteil, in dem ein Block an den nächsten grenzte, war es laut, überfüllt und der Gestank war ekelerregend. Jeremia hätte es an einem solchen Ort keinen Tag ausgehalten. Selbst im Hort der Wächter war es angenehmer gewesen als in diesem Stadtteil, wo der menschliche Abschaum wohnte.
   Nuriel hatte immer betont, dass es die Anonymität sei, die sie an diesem Ort schätze. Sie wolle vor ihresgleichen untertauchen. Nuriel mied die Wächter seit dem Tod ihres Bruders Nahaliel.
   Bruder war in Nuriels Fall nicht nur eine Floskel. Nahaliel und Nuriel waren nicht nur bei derselben Excubitrix aufgewachsen, was eine Seltenheit war, da die Ehre der Excubitrix den meisten Wächterinnen nur einmal gewährt wurde, sondern auch beide Nachkommen von Amon, einem der Engel, die in Uriels Dienst gestanden hatten.
   Nuriel und Jeremia hatte früher so etwas wie Freundschaft verbunden, doch ihre Emotionen waren seit Nahaliels Tod in Hass umgeschlagen. Er konnte es in der Nähe von Nuriel kaum aushalten. Sie gab ihm die Schuld an Nahaliels Tod. Er hatte den gemeinsamen Einsatz versaut, bei dem Nahaliel sein Leben verloren hatte und er schwer verletzt wurde. Nuriel und er waren sich seitdem spinnefeind, und sie hatte jedes Recht dazu.
   Jetzt musste er in den sauren Apfel beißen und an ihre Ehre als Heilerin appellieren. Er brauchte ihre Hilfe für Talia. Sie war nicht ein einziges Mal wach geworden auf dem Weg hierher. Talia hatte sich hervorragend ausgeschaltet. Zu ihrer und seiner Sicherheit hatte er sie gefesselt. Talia hatte ihn einmal hereingelegt, ein zweites Mal würde er nicht den Fehler begehen, sie zu unterschätzen.
   Jeremia ließ sie im Auto zurück, nachdem er auf einem sicheren und sichtgeschützten Platz ein wenig abseits geparkt hatte. Er musste sich den Weg durch den Pulk der krawallbereiten Jugendlichen bahnen, die es nicht lassen konnten, ihn anzupöbeln. In der Menge wähnten sich diese kleinen Pisser stark, aber einzeln waren sie armselige Würstchen, die den Schwanz eingezogen hätten, sobald sie sich einem Größeren gegenübersähen. Jeremia warf einen stockfinsteren Blick in die Runde, der ihnen klarmachte, dass er kein Opfer war und man sich mit ihm besser nicht anlegte.
   Diese Lümmel waren harmlos im Vergleich zu dem, was er sich gleich gegenübersehen würde. Nuriel zu begegnen war mit dem nicht zu verachtenden Risiko behaftet, dass sie ihn abknallen würde, bevor er einen Ton von sich gegeben hätte. Die fünf Stockwerke zu ihrer Wohnung schlauchten ihn mehr, als sie es sollten. Sein Schädel dröhnte wie die Hölle. Ihm wurde kurzzeitig schwindlig, als er vor der schäbigen Wohnungstür angelangt war.
   Die dreckige Rasierklinge aus dem Motelzimmer hatte ganze Arbeit geleistet. Der Schmerz und die Unpässlichkeit lenkten ihn hervorragend von den verwirrenden und lästigen Emotionen ab, die er in der Nähe von Talia empfand. Der Nachteil war allerdings, dass es begann, ihn körperlich stark einzuschränken.
   Er musste nicht einmal klopfen oder klingeln. Nuriel riss die Tür auf, packte ihn am Kragen und zerrte ihn in ihre Wohnung. Jeremia stolperte, touchierte mit seinem verletzten Arm die Wand und landete auf den Knien.
   »Was willst du hier?«, fauchte Nuriel ihn giftig an und schlug die Tür hinter sich zu.
   Nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war er ihr ausgeliefert. Jeremia rappelte sich auf und hätte sich fast erneut auf die Nase gelegt. Er musste sich an der Wand abstützen, um sicher stehen zu bleiben. »Ich brauche Hilfe.« Er japste.
   »Und die erwartest du von mir? Nach allem, was du angerichtet hast? Nenn mir einen Grund, wieso ich dich nicht einfach abknallen soll?«
   Jeremia sah sich nun dem Lauf ihrer Sig gegenüber, die sie auf seinen Kopf gerichtet hatte. Das war die Reaktion, die er von Nuriel erwartet hatte. Ihm fiel keine stichhaltige Antwort ein. Zum zigsten Mal bei ihr um Entschuldigung zu flehen, würde nicht gutmachen, was er verbrochen hatte. Nuriel war immer noch wütend auf ihn. Jeremia senkte den Kopf. Er konnte ihrem bohrenden Blick nicht länger standhalten. »Hilfe für eine der Wahrhaftigen. Um Nahaliels Willen bitte ich dich darum. Nicht für mich«, wisperte er und hörte, wie Nuriel seufzend die Waffe sinken ließ.
   »Mein Bruder hätte nicht gewollt, dass ich wütend auf dich bin«, brummte sie und knirschte mit den Zähnen. »Mein kleiner Nahaliel war zu gut für diese Welt. Sein Tod erscheint sinnlos.«
   »Es hätte mich treffen sollen.« Nahaliels Tod ging allein auf seine Kappe. Er hatte es versemmelt und die Rückendeckung außer Acht gelassen. Es war ein Fehler gewesen, den Schattenwandler nur aufgrund seiner mangelnden Größe zu unterschätzen. Der Gargoyle mochte geradezu winzig gewesen sein, aber seine Magie immens und mit der hatte er ihnen problemlos den Hintern aufgerissen.
   »Dem ist wohl so.« Nuriel lockerte ein wenig ihre Haltung. »Dann schieß mal los, und ich überlege mir, ob ich dir und deiner Freundin helfen mag.«
   Nuriel schenkte ihm einen finsteren Blick von der Seite und stieß einen seltsamen Ton aus. »Ich muss mir nicht einmal die Hände dreckig machen, wenn du so weitermachst. Du richtest dich zugrunde.«
   Sie war vom Aussehen her eine typische Vertreterin ihrer Art, jedoch war sie aufmüpfig und nahm ungern Anordnungen entgegen. Mit Autoritäten kam sie nicht klar. Sie besaß ein großes Unrechtsbewusstsein, was sie für den Dienst als Wächterin im Waffendienst disqualifizierte. Nuriel nahm nicht jeden Befehl als von Gott gegeben hin und stellte die Hintergründe infrage. Ihren Vorgesetzten war dies ein Dorn im Auge gewesen. Just aus diesem Grund hatte sie es vorgezogen, außerhalb des Hortes zu leben.
   »Kümmere dich um die Frau. Was mit mir ist, interessiert dich doch einen Haufen Dreck.« Er wollte und brauchte ihr vorgeschobenes Mitgefühl nicht. Das, was er durchlitt, war exakt das, was er verdiente. Falls er krepierte, war es eben so.
   In seinem Schädel brummte es wie in einem Bienenstock, auch wenn er keine Emotionen wahrnehmen konnte. Die Stille war beängstigend und verwirrend. Irgendwie schaffte es die Anwesenheit von Talia, ihn vor jeglichen Gefühlen von außerhalb abzuschirmen. Nicht einmal Nuriels Hass, der zweifelsohne vorhanden war, bemerkte er, dabei war Hass eine mächtige Gefühlsregung, die er normalerweise durch Schmerz hindurch fühlen konnte. Jeremia spürte jedoch nur seine äußerst verwirrenden Emotionen.
   »Du bist blass wie eine Leiche, Jerry!«
   Nuriel griff an seine Stirn, doch er schlug ihre Hand weg. Noch weniger als ihre Berührung konnte er die Verunglimpfung seines Namens ausstehen. Dieser schreckliche Spitzname war auf Nahaliels Mist gewachsen. Wenn es nach ihm ginge, wäre der Name an diesem schicksalshaften Tag, an dem Nahaliel den Tod fand, mit ihm gestorben.
   »Du glühst vor Fieber, du Idiot.« Nuriel lachte gehässig und zeigte auf seine Hand. »Lass mich raten. Eine Wundinfektion von deinen Selbstverstümmelungen?«
   Jeremia presste die Kiefer so fest aufeinander, dass seine Zähne unter dem Druck knirschten. Die Nähe zu Nahaliel, und damit zu Nuriel, hatte ihn durchschaubar gemacht. Sie wusste mehr über ihn, als ihm lieb war. »Die Frau«, sagte er, um von sich abzulenken. Nuriel schüttelte den Kopf, doch sie würde nicht weiter auf ihn eingehen. Es kümmerte sie einen feuchten Kehricht, ob er das Zeitliche segnete.
   »Hat Schürf- und Schnittwunden, einen Unterarmbruch und eine leichte Gehirnerschütterung. Nichts allzu Dramatisches.« Nuriel zuckte mit den Schultern. »Da muss sie allein durch. Ich kann sie nicht heilen. Sie ist ein Mensch.«
   »Sicher?«, hakte Jeremia nach.
   Nuriel rollte angesäuert mit den Augen und verschränkte die Arme vor ihrer üppigen Oberweite. »Die Gabe des Heilens ist auf unsere Art und unsere Erzeuger limitiert. Die Kleine ist ein Mensch. Ich kann ihre Verletzungen daher nur auf die konventionelle Art verarzten, was bereits geschehen ist.«
   »Du bist dir sicher, dass sie ein Mensch ist?« Jeremia schloss die Augen. Sie brannten und tränten beinahe ununterbrochen. Seine Hände zitterten. Trotz seines heißen Kopfes war ihm eiskalt. Er bibberte am ganzen Körper.
   »Sie ist ein Mensch. Ich spüre keine Aura. Weder die eines Lichtwesens noch eines Schattenwandlers. Du sagtest vorhin, dass sie eine der Wahrhaftigen sei. Wie kommst du darauf, dass sie nicht menschlich ist?«, fragte Nuriel.
   Sie schien in ihrer Heilerehre gekränkt zu sein, da das Erkennen von Auren essenziell für ihre Heilerfähigkeit war. Jeremia rieb sich über die Nasenwurzel, doch der Schmerz in seiner Nase half nicht, ihn von der Qual in seinem Schädel abzulenken. »Sie blockiert meine Gabe, ergo kann sie kein Mensch sein. Und ich habe ihre Aura flüchtig gespürt, wenn auch nicht im Augenblick.«
   »Meine Begabung hemmt sie nicht.« Gleichmütig erhob sie sich aus der Hocke neben Talia, die er auf die Couch gebetet hatte. »Ich kann keine Aura spüren. Punkt. Du bist ziemlich am Arsch, Jerry. Du könntest es dir eingebildet haben. Das Fieber setzt dir gewaltig zu.«
   Er hatte es sich nicht eingebildet. Dass sie seine Fähigkeit blockierte, war ein unwiderlegbarer Fakt. Sie brachte ihn damit fast um den Verstand. In seinem Hinterkopf wuchs ein Gedanke heran, der ihn angst und bange werden ließ. Wesen, die mit seiner Veranlagung gestraft waren – die Engel würden es wohl gesegnet nennen, doch für ihn war es ein Fluch –, verloren nicht selten den Verstand. Meist geschah dies jedoch nach Jahrhunderten und nicht bereits nach wenigen Jahrzehnten. Der halbmenschliche Intellekt war nicht für Engelsempathie ausgelegt und zerbrach daran fast zwangsläufig. Jeremia verschloss sich diesem Gedanken. Es half nur halbherzig gegen die Panik, die ihm im Nacken saß. Nuriel roch Lunte. Sie wusste dank Nahaliel von Jeremias Fähigkeit. Nuriel grinste abgeklärt. Sie würde ihm vermutlich gleich aufs Brot schmieren, für wie fehlerhaft sie ihn hielt. Nuriel liebte es, in dieser schwärenden Wunde mit dem Finger herumzustochern.
   »Was, wenn die unvermeidlichen Folgen deiner Gabe dich früher einholen als geplant? Hast du daran schon einmal gedacht?« Sie genoss diesen kleinen Triumph über ihn ungemein.
   »Leck mich, Nuriel!« Jeremia sprang vom Sessel auf. Ein Fehler, wie er keine Sekunde später schmerzhaft feststellen musste. Es zog ihm den Boden unter den Füßen weg. Er kippte um wie ein nasser Sack.

Kapitel 5

Talia fühlte sich erstaunlich gut, als sie auf einer gemütlichen Couch erwachte. Der Schmerz in ihrem Kopf war auf ein erträgliches Maß abgeklungen. Irgendwer hatte die Güte besessen, ihre Arme fachmännisch zu versorgen. Sie trug links einen Verband und eine Schiene an ihrem rechten Arm. Jemand hatte ihr frische, saubere Kleidung angezogen und eine kuschlige Wolldecke lag über ihr. Ihrem Entführer war wirklich einiges an ihrem Wohlergehen gelegen, was bei seiner bisherigen Behandlung seltsam anmutete. Was sie stutzig machte, war der Umstand, dass sie nicht gefesselt war. Fesseln waren allerdings nicht notwendig, wenn dieser Typ sie eingesperrt hatte. Doch anstatt sich Jeremia gegenüberzusehen, sah sie in die hellblauen Augen einer überirdisch schönen Blondine, die von dem Buch aufsah, in dem sie wohl bis eben gelesen hatte. Die attraktive Frau, die aussah wie ein vom Himmel gefallener Engel, schlug ihren Schmöker zu und bedachte Talia mit einem warmherzigen Lächeln.
   »Endlich wach, meine Hübsche? Du hast einen von der Göttin gesegneten Schlaf«, verkündete sie gut aufgelegt und erhob sich vom Sessel. Sie streckte sich gähnend und legte ihr Buch beiseite. »Du bist bestimmt am Verdursten und Verhungern. Jerry hat dir gegenüber bisher keine Vorsicht walten lassen.« Die Frau zog argwöhnisch ihre schmalen Augenbrauen hoch und reichte Talia ein Glas mit Wasser, das sie lehrte. »Jerry kann ja nicht einmal auf sich selbst aufpassen, geschweige denn auf andere.«
   Der Ton der Blondine war gewürzt mit einer nicht zu verachtenden Portion Vorwurf. Sie zeigte auf den Boden neben der Couch, wo Mister Psycho ein Nickerchen eingelegt hatte. Nicht freiwillig, wie es aussah. Jeremia lag in einer äußerst unbequemen Position auf dem Boden und ohne eine Decke oder etwas dergleichen. Er sah schrecklich aus und war leichenblass.
   »Die Wunde an seinem Arm hat sich böse infiziert. Ich habe ihn mit Antibiotika vollgepumpt. Hoffentlich bekommt er einen fetten Abszess von der Injektion.« Die Frau stieß mit ihrer Fußspitze gegen Jeremias Arm. Jeremia machte jedoch keine Anstalten, wach zu werden. »Mein Name ist Nuriel.« Die Blondine neigte in einer demutvollen Geste ihren hübschen Kopf.
   Talia richtete sich auf, bemüht, Jeremia dabei nicht zu berühren. Ihr wurde schwindlig und leicht übel, aber nach einem Moment sitzend, war diese Unpässlichkeit verschwunden. »Mein Name ist Talia. Jerry und du, ihr seid Freunde?« Sie wollte ausloten, woran sie bei Nuriel war.
   »Freunde?« Nuriel lachte geringschätzig auf. »Ganz sicher nicht.« Mit ihrer Fußspitze tippte sie gegen Jeremias Schulter, um ihren Worten noch mehr Gewicht zu verleihen.
   Auch wenn Talia es nicht verstand, widerte es sie an, wie Nuriel mit dem bewusstlosen und am Boden liegenden Jeremia umging. »Das sieht man.« Talia warf ihr einen scharfen Blick zu.
   Nuriel winkte ab. »Das bisschen Geplänkel? Er kann froh sein, dass ich ihn versorgt habe. Genauso gut hätte ich nichts tun können, dann wäre er schneller gestorben, als er Amen sagen könnte.«
   »O ja, du bist eine richtige Wohltäterin. Hör auf, ihn ständig zu treten.« Scheinbar war sie dabei, ein Stockholm-Syndrom zu entwickeln. Wie war es sonst zu erklären, dass sie anfing, mit ihrem Entführer zu sympathisieren und Mitgefühl für ihn empfand?
   »Du bist aufmüpfig für einen Me… Für ein kleines Mädchen, meine ich. Ich habe meine Schuldigkeit getan und hätte gern, dass dieser unnütze Kerl verschwindet. Er schleppt dich einfach an, damit ich dich versorge. Ich habe es getan, weil er und mein kleiner Bruder Freunde waren. Jeremia fühle ich mich nicht verpflichtet. Von mir aus kann er abnibbeln, jedoch nicht in meiner Wohnung und nicht auf meinem Teppich. So ein Toter macht nur Ärger mit den Bullen. Wegen Jerry will ich mir solche Schererei nicht aufhalsen.«
   »Krankenhaus?«
   »Hmh.« Nuriel strich sich nachdenklich über ihr Kinn. »Dass ich darauf nicht gekommen bin.«
   »Du könntest ihn in der Notaufnahme abliefern, und ich gehe meines Weges. Ich verziehe mich und vergesse die letzten achtundvierzig Stunden, als ob sie nie geschehen wären.«
   Nuriel lachte lauthals auf. »Netter Versuch, Kleines. Du bist ziemlich raffiniert, aber nein, ich will sehen, wie Jerry versucht, die Sache geradezubiegen. Also lasse ich dich nicht laufen. Du bist mein Gast, solange es Jerry ist. Mein Bruder hat stets große Stücke auf diesen Schwachkopf gehalten. Ich konnte sein Vertrauen nie nachvollziehen. Jeremia sei zu Höherem berufen. Deswegen hat mein Bruder ihn immerzu unterstützt, egal, was dieser Idiot für einen Schwachsinn verzapfte. Ich will sehen, wie Jeremia auf der Schnauze landet. Nur aus dem Grund habe ich ihn versorgt.«
   »Und lässt zu, dass einer Unbescholtenen Unrecht geschieht? Dein Hass auf ihn, okay, aber ich habe dir nichts getan.«
   »Mitgehangen, mitgefangen, Kleines. Bedanke dich bei Jerry, nicht bei mir.«
   »Du!« Talia sprang auf und reckte ihr die Faust entgegen.
   Nuriel schien beeindruckt und blickte sie verdutzt an. »Ich werd jeck! Der Schwachkopf hat sich nicht geirrt.« Sie lachte. »An dir ist wirklich mehr dran, als man auf den ersten Blick vermutet. Da hat ihn sein bescheuerter Instinkt doch nicht getrogen. Das macht die Sache nur interessanter.« Sie rieb sich erwartungsvoll die Hände.
   Talia verstand überhaupt nichts mehr. Nur eines wusste sie unzweifelhaft: Nuriel war mindestens genauso verrückt wie Jeremia. Talia musste weg von diesem Ort. Sie wollte keine Sekunde länger diesen Irren ausgeliefert sein.
   »Verschwende nicht einmal einen Gedanken daran, zu türmen. Meine Wohnungstür ist mit einem elektronischen Schloss gesichert. Ohne Pin kommst du nicht raus, und mich zu überwältigen …« Nuriel schnalzte mit der Zunge. »Für den unwahrscheinlichen Fall, dass es dir gelingen sollte, kämest du nicht sehr weit und meine Rache würde fürchterlich sein. Setz dich hin und halt die Klappe, während ich dir etwas zum Essen mache.«
   Was erdreistete sich dieses Miststück? Im ersten Moment war sie zu baff, um etwas zu erwidern. Weil sie am Verhungern war, nahm sie am Esstisch Platz und trat dieser Schlange nicht in den Hintern.

*

»Jeremia, aufstehen!«
   Der Jemand, der seinen Namen brüllte, packte ihn an den Schultern und rüttelte ihn wild durcheinander. Sein Kopf schwirrte.
   »Um Himmels willen! Hast du den Engelsfunk nicht mitbekommen? Krieg deinen Arsch hoch, du und die Kleine müssen abhauen, und zwar gleich. Sie suchen sie, und Cassiel hat dich zur Fahndung ausgeschrieben.«
   Jeremia brauchte einen Moment, um sich orientieren. Im allerersten Augenblick wusste er nicht, wo oben und unten war, geschweige denn, wo er sich befand.
   »Jeremia«, bellte eine Frau.
   Sie verpasste ihm einen harten Stoß vor die Brust, der ihn aufkeuchen ließ. Nuriel. Er hielt ihre Hand fest, bevor sie erneut nach ihm schlagen konnte. »Hör auf.«
   »Ich höre damit auf, Jerry, wenn du uns mit deiner geistigen Anwesenheit beehrst! Hoch mit deinem Hintern. Cassiel macht einen riesigen Aufstand. Du hattest recht, was die Kleine angeht. Talia ist kein Mensch. Ich habe ihre Aura vorhin gesehen und gespürt. Sie ist ein Himmelswesen, aber ich habe keinen blassen Schimmer, was genau. Du musst mit ihr abhauen. Cassiel kann dich bei mir ausmachen.« Nuriel hielt ihm ihren Ring vor die Nase.
   Was sollte er bitte schön tun? Er trug ebenfalls diesen vermaledeiten Wächterring an seinem Daumen, den er nicht ablegen konnte und mit dem sie ihn überall orten konnten. Er rappelte sich auf. »Wo ist sie?«
   »In meinem Schlafzimmer.« Nuriel nickte in Richtung einer verschlossenen Tür. »Die kleine Zicke bestand darauf, dass wir dich auf die Couch verfrachten. Sie kann recht energisch werden, und da ich eine der Wahrhaftigen sicherlich nicht auf dem Fußboden schlafen lasse, habe ich mein Bett samt Zimmer an sie abgetreten.«
   Jeremias Arm schmerzte bei jeder noch so kleinen Bewegung. Sein Nacken brannte, und er fühlte sich benommen wie nach einem Saufgelage. Nach Flucht stand ihm im Moment ganz und gar nicht der Sinn. »Cassiel sucht Talia? Sicher?«, hakte er nach. Dass Cassiel nach ihm fahndete, konnte er sich erklären, aber warum suchte der oberste Aufseher des Wächterhorts nach Talia? Talia wirkte auf ihn, trotz seines ersten Verdachtes, nicht wie eine Abtrünnige, doch konnte er sich sicher sein? In ihrer Nähe war er nicht in der Lage, auf seine Gabe zurückzugreifen. Er erkannte keine Unwahrheit, wie er sie sonst spüren konnte. Kein Mensch, nicht einmal ein Engel, schaffte es, ihn anzulügen. Die Emotionen beim Lügen waren zu verräterisch.
   »Ja, sicher«, sagte Nuriel ungehalten und zog ihn vom Sofa hoch. »Wie oft soll ich es denn noch wiederholen?«
   Sie war ein wenig zu ungestüm. Jeremia wäre vornüber gekippt, hätte sie ihn nicht im letzten Moment aufgefangen. Es war nicht das erste Mal, dass er in ihren Armen lag und die Wärme ihrer weiblichen Kurven spürte. Diese eine Nacht der Intimität hatte ihr Verhältnis nur weiter verkompliziert. Nuriel wollte nicht eine von vielen sein. Leider war Jeremia nicht der Typ für eine Beziehung und gewiss nicht der Mann, den eine Frau wollte und verdiente. Ein tiefes, emotionales Liebesverhältnis war für ihn aufgrund seiner Gabe kaum möglich. Viel zu früh entzog Nuriel ihm diese vertraute Intimität. Es war eine gefühlte Ewigkeit her, dass er einem anderen Wesen so nahe gekommen war. Gott, er vermisste es.
   »O Mann, Jerry!« Nuriel strich ihm in einer fürsorglichen Geste über den Oberarm. »Du machst nur Ärger.« Sie legte einen Arm um seine Taille und ging mit ihm umher.
   Sicher wollte sie seinen Kreislauf auf Trab bringen. Nuriel war Heilerin mit Herzblut und wusste genau, was zu tun war. Mit jedem Schritt, den Jeremia tat, wurde er ein bisschen sicherer auf den Beinen und wacher. Sein Geist klärte sich. Leider meldeten sich die Schmerzen in seinem Arm stärker als bisher zurück.
   »Kannst du fahren?«, fragte Nuriel ungewohnt friedsam.
   Jeremia nickte zur Antwort, obwohl er nicht sicher war.
   »Das ist gut. Du musst mit der Kleinen abhauen. Cassiel sucht nach ihr, und das gewiss nicht im Guten. Talia habe sich einem Verbrechen an einem Engel schuldig gemacht. Was genau, das hat er nicht bekannt gegeben. Wenn du mich fragst, schreit das nach einer persönlichen Vendetta. Cass war reichlich angepisst. Er begibt sich höchstpersönlich auf die Suche nach ihr. Du weißt, wie unpräzise die telepathischen Nachrichten sind, die wir über das Wächterkollektiv empfangen, doch es schwingt bei vielen Wächtern ein bitterer Beigeschmack mit. Sie sind der Meinung, dass Talia Cass auf die Füße getreten sein muss. Wie ich unseren Ephorus kenne, war sie eine seiner Geliebten, die ihn abgeschossen hat oder nie seinen aufdringlichen Avancen entgegenkam.« Nuriel senkte verschämt den Blick.
   Kaum einer hatte den Mumm, nicht auf Cassiels Werben einzugehen. Sich zu verweigern, zog ernsthafte Konsequenzen nach sich. Cassiel war nachtragend und schlicht und ergreifend ein Arschloch. Selbst die toughe Nuriel hatte seinem aufdringlichen Buhlen nachgegeben, weil sie sich gern den Ärger von der Backe hielt. Wohl hatte sie sich dabei nicht gefühlt. Dass sie vor Scham fast im Boden versank, dafür brauchte er seine Empathie nicht.
   »Du hast nichts davon mitbekommen? Die Kleine blockt wahrhaftig deine Fähigkeiten. Ich dachte, du spinnst. Das ist faszinierend. Vielleicht kann ihre Anwesenheit die Wirkung des Wächterrings eindämmen und damit euren Aufenthaltsort verschleiern.«
   Jeremia waren das zu viele Eventualitäten. Er konnte Talias Sicherheit nicht garantieren. Den Ring samt Peilsender musste er schleunigst loswerden. Jeremia hatte da eine Idee, die recht effektiv, aber auch endgültig war.
   »Ihr müsst abhauen. In der Tiefgarage steht Nahaliels Wagen. Er wollte eh, dass du diese hässliche PS-Schleuder bekommst. Ich konnte die Protzkarre und Schwanzverlängerung nie leiden. Im Handschuhfach ist sein schwarzes Büchlein mit allen Adressen seiner Kontakte. Du wirst darunter bestimmt jemanden finden, der euch helfen kann. Ich wecke die Kleine, während du dich fertig machst.« Sie wandte sich im Gehen zu ihm herum. »Deine Karre muss ich verschwinden lassen.«
   Nuriel musste es einen Heidenspaß machen, ihm unter die Nase zu reiben, was sie mit seinem Baby tun würde. Sein Wagen war ein Klassiker und zu langsam, um Verfolger abzuschütteln. Das Aston Martin V8 Oscar India Vantage Coupé war eine klassische Schönheit von 1979 und zu auffällig, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.
   »Soll ich sie schrotten lassen oder …?«
   »Du wandelst auf dünnem Eis, Nuriel Lux vel Ignis Dei. Es gab nur vierzehn Stück dieses Babys weltweit«, brummte er. Nuriel konnte es ebenso wenig leiden, wenn er sie bei ihrem vollen Namen nannte, wie er es mochte, wenn sie ihn Jerry nannte. Dabei war Licht Gottes als Nachnamen zu tragen noch recht human. Gabriels Nachkommen trugen weitaus schlimmere Namen. Der Erzengel bevorzugte es extravagant. Jeremias Nachname war der typische Name eines Wächters, der nicht wusste, wer sein Erzeuger war. Schlicht und einfach Vigil, was aus dem Lateinischen kam und Wächter bedeutete.
   »Männer und ihre Autos. Dann ist die Karre richtig wertvoll? Na wunderbar, ich behalte sie als Anzahlung.«
   »Für was, Nuriel?« Sie schaffte es immer wieder, ihn sprachlos zu machen.
   »Meinst du, ich versorge die Kleine für lau? Ne. Dazu das Antibiotikum, das ich an dich verschwenden musste …«
   »Ich habe dich nicht darum gebeten.«
   »Sicher, aber dann hättest du keinen Hintern mehr und dein Wagen würde so oder so mir gehören. Verbleiben wir doch folgendermaßen: Ich behalte deinen Aston Martin. Sobald du deine Schulden bei mir beglichen hast, gehört er wieder dir. Natürlich muss ich dir Zinsen berechnen.«
   »Du kommst eindeutig nach eurem Vater.« Nuriel hatte leider ein paar unangenehme Wesenszüge von Amon übernommen. Dieser konnte ein richtig fieser Zeitgenosse sein und war nicht gerade erfreut darüber, dass man ihm die Flügel gestutzt hatte. Er hatte einst zu Uriels Gefolge gehört und war nun Rafael unterstellt, der ihn die Leiter weit nach unten fallen ließ. Amon hatte alle Privilegien verloren, die er sich unter Uriels Fuchtel während Jahrhunderten sauer erarbeitet hatte. Jetzt war er ganz unten in der Hackordnung und stand nur knapp über einem Wächter. Ein wenig Demut tat dem selbstherrlichen Geflügel gut.
   »Das halte ich für ein Gerücht.«
   Nuriel schien gekränkt zu sein.
   »Wäre ich wie mein bescheuerter Vater, würde ich euch nicht warnen. Im Gegenteil, ich würde es mir einfach machen und euch an Cassiel verpfeifen.«
   Damit hatte sie recht. Sie mochte gelegentlich ein richtig nerviges Biest sein, aber ein Verräterschwein war sie gewiss nicht. Nuriel konnte es nicht ausstehen, sobald Unrecht geschah. Jeremia stieß einen Seufzer aus. »Entschuldige, Nuriel, wenn ich anmaßend gewesen sein sollte. Ich bin dir äußerst dankbar für deine Hilfe und stehe in deiner Schuld.«
   »Schon gut. Ich hab ja deinen Karren.«
   Das Unheil verkündende Grinsen auf ihrem hübschen Gesicht gefiel ihm nicht. Mit einem Kratzer im Lack musste er mindestens rechnen. So sehr wie Nuriel ihn verachtete, würde es wohl eher ein Totalschaden werden. Sein Herz blutete bei jeder Schramme, den dieses Liebhaberstück davontragen würde. Doch warum machte er sich einen Kopf um seinen Wagen? Wenn er seinen Hintern nicht schnellstmöglich hier wegschaffte, wäre sein Auto das kleinste seiner Probleme.

Kapitel 6

»Soll ich weiterfahren? Ich bin zwar noch nie Automatik gefahren, aber …« Jeremia würde ihr nie und nimmer das Steuer des Sportwagens überlassen.
   Um aufrichtig zu sein, wäre ihr auch nicht wohl dabei, dieses PS-Monster zu fahren. Jeremias Wagen hatte Klasse und Charme besessen. Der weiße BMW mit der vornehmen cremeweißen Lederausstattung, der laut Nuriel ihrem jüngeren Bruder gehört hatte, war ein Angeberschlitten. Ob Nahaliel, ein seltsamer Name, der jedoch vertraut klang, dies nötig hatte, blieb dahingestellt. Jeremia schien sich ebenfalls nicht behaglich zu fühlen. Er hatte nicht nur wegen der Übermüdung Probleme, mit der Protzkiste klarzukommen.
   »Nein, ist okay.« Jeremia räusperte sich.
   »Dann macht es dir sicherlich nichts aus, ein wenig langsamer zu fahren? Es ist schön, dass der Wagen zweihundertfünfzig Spitze fährt.«
   »Leider riegelt er bei zweihundertfünfzig Stundenkilometern ab. Mit seinen vierhundertfünfzig Pferden würde er wahrscheinlich weitaus mehr packen.«
   Jeremia kam fast ins Schwärmen. Sie musste neidlos zugestehen, dass er optisch nicht zu verachten war. Sowohl der schnittige Wagen als auch Jeremia. Sie musste sich wirklich zu heftig den Kopf gestoßen haben. Sie fand inzwischen Gefallen an ihm. »Vierhundertfünfzig PS?«, fragte sie nach, um von ihren seltsamen Gedanken abgelenkt zu werden, die um Jeremia und seinen attraktiven Körper kreisten. O ja, attraktiv sah er aus. Seine Unfrisur, das raspelkurze Haar, war ein wenig ungewöhnlich, doch er besaß perfekte Gesichtszüge, wie in Marmor gemeißelt, die eindrucksvoll zur Geltung kamen. Seine Nase war zwar blau, aber nicht mehr geschwollen oder krumm, obwohl sie ihm zweimal draufgeschlagen hatte. Jeremia hatte ein dezentes Veilchen rechts und einen verschorften Schnitt an der Lippe. Das war alles, was er von ihrer Notwehr zurückbehalten hatte. Talia sah wie gehabt aus, als hätte sie sich mit einem Footballteam angelegt. Beide Hände verbunden, eine davon sogar gebrochen. Das Gesicht grün und blau, wie fast jede andere Stelle an ihrem Körper, dazu die zahlreichen Kratzer und Schnitte. Sie war fürwahr kein hübscher Anblick im Moment.
   »BMW 650i Coupé, Baujahr 2011, 450 PS, riegelt nach 250 Spitze ab, ein V8 mit 8-Gang-Automatikschaltung, 4,8 Liter Maschine, die schluckt wie verrückt. Beschleunigt von 0 auf 100 in schlappen 5,3 Sekunden. Der Karren war Nahaliels ganzer Stolz und hat mehr gekostet, als ein Otto Normalverbraucher in zwei Jahren verdient. Sein Vater hat zwar nicht mit Vaterliebe geglänzt, aber finanzielle Sorgen hatten weder Nahaliel noch seine Schwester Nuriel«, erklärte Jeremia bereitwillig.
   Ihm schien es recht zu sein, dass sie ihn in ein Gespräch verwickelte. Er hatte immer mehr Mühe, wach zu bleiben und den Wagen zu lenken. Es wäre besser, wenn sie eine Pause einlegen würden. »Wohin fahren wir eigentlich?«
   »Dover. Sobald wir im Autozug nach Calais sind, kann ich ein Päuschen einlegen.«
   »Wir fahren durch den Tunnel nach Frankreich?«
   »Nur ein Zwischenhalt. Unser Kontakt lebt in Deutschland.«
   »Kontakt? Ich verstehe nicht. Warum hast du mich verschleppt?«, fragte sie, was ihr bereits die ganze Zeit auf der Zunge brannte.
   »Ich habe dich nicht entführt.«
   »Du hast mich niedergeschlagen, verletzt und gegen meinen Willen mitgenommen. Das nennt man Entführung.« Sie schlug auf die Konsole vor sich.
   »Es macht den Anschein, aber es ist anders. Das verspreche ich dir. Ich will dir nichts Böses, sondern dich schützen. Sagt dir der Name Cassiel etwas?«, fragte er in einem gutmütigen Ton.
   Ihr Bauch sagte ihr klipp und klar, dass Jeremia einer der Guten war. Was sie von Cassiel nicht behaupten konnte. Das schlechte Gefühl wuchs an und raubte ihr die Luft zum Atmen. Es war eine Eiseskälte, die sich in ihrer Brust ausbreitete. Es fühlte sich überhaupt nicht gut an.
   »Talia? Alles in Ordnung mit dir?«
   »Der Name ist mir bekannt, doch ich kann ihn nicht zuordnen. Ich weiß nur eines gewiss: Diesen Cassiel und mich verbindet nichts Gutes. Nicht mehr. Entschuldige, das ist verwirrend. Es gibt eine Verbindung zu ihm, aber ich kann sie mir nicht erklären.« Talia strich sich ihren Pony hinter ein Ohr. »Salome meinte …«
   »Salome?«, fragte Jeremia kritisch. »Ist sie deine Freundin? Hat sie auch einen Nachnamen?«

*

Talia war verwirrt. Selbst wenn er nicht das Geringste spürte, sah er ihr die Irritation an, die der Name des Ephorus bei ihr auslöste. Salome. Es konnte ein Zufall sein. Menschen gaben ihren Kindern biblische Namen. Das war kein Privileg der Engel.
   »Salome Gavri, doch jeder nennt sie Sal«, antwortete Talia.
   Sie beruhigte sich. Das Panische verschwand beinahe gänzlich aus ihrem Blick. Die Verwirrung war ihr jedoch deutlich anzusehen. Jeremia versuchte, jegliche Gefühlsregung zu unterdrücken, aber das Zucken seines Mundwinkels war verräterisch. Salome Gavri. Dass er nicht lachte. Ihre Freundin war eine Wächterin. Sie war keine Geringere als Salome Lux vel Ignis Dei Gavri-El, ein Sprössling des Erzengels Gabriel. Der Erzengel hatte einige Kinder, doch Salome war sein einziger weiblicher Nachkomme unter den Wächtern. Wenn er Talia seine Tochter an die Seite stellte, musste Talia etwas Besonderes sein. »Ich denke, dass ich sie kenne. Groß, rotblond, blaue Augen und sehr schlank, fast schon dürr?«
   Talia lachte herzlich und schüttelte den Kopf. »Es stimmen alle Punkte, bis auf einen: schlank. Sal ist aufgepumpt wie ein weiblicher Schwarzenegger. Sie hat einen Hang zu exzessivem Krafttraining. Ich kenne zwar ihre Geschwister nicht, doch sie erzählte mir, dass sie allesamt Hänflinge seien, und da sie sich ein wenig abgrenzen wolle … Sie übertreibt es. Böse Zungen sagen, dass sie unattraktiv sei, aber die enorme Körpermasse kann nicht über ihren angenehmen Charakter hinwegtäuschen. Sie ist eine tolle Freundin. Lieb, warmherzig und immer für mich da.«
   Er kannte keinen von Gabriels Nachkommen persönlich, doch er hatte gehört, dass sie allesamt positiv aus der Art schlugen und nicht das selbstherrliche Naturell ihres Erzengelerzeugers geerbt hatten. »Sobald wir in Calais sind, suchen wir uns eine Übernachtungsmöglichkeit. Ich werde versuchen, dir alles zu erklären.«
   »Was zum Essen wäre nicht übel.«
   Talias Magen knurrte so laut, dass er erschrak. Die Kleine war fürwahr bemerkenswert menschlich, egal, was sie in Wirklichkeit war.

Die Aussprache mit Talia musste bis morgen früh warten. Sie war nach dem Essen auf der Couch eingepennt. Die Süße hatte gespachtelt wie bekloppt – ganz sicher keine Engelseigenschaft. Sie hatte eine große Portion gebratene Nudeln weggeputzt und war nicht satt gewesen, weshalb er den Rest seines Schweinefleisch süß-sauer an sie abgetreten hatte. Er war zwar nicht gesättigt gewesen, doch für ihn würden es auch ein paar Schokoriegel aus dem Automaten auf dem Flur des schlichten, aber sauberen Motels tun.
   Jetzt, da sie schlief, war es still. Totenstill. Er musste sich mit seinen viel zu lauten Empfindungen auseinandersetzen, die Talia mit ihrer Anwesenheit zusätzlich durch den Mixer jagte. Nach all den Jahren und Emotionen von außen war er kaum in der Lage, seine zu deuten. Talia verwirrte ihn und trieb ihn gelegentlich zur Weißglut. Im nächsten Atemzug jedoch empfand er sie als liebreizend und unschuldig. Wenn das keine Gefühlsschwankungen waren, was dann? Er wusste nicht, woran er bei ihr war. Fakt war, dass sie nicht wusste, was sie war. Seine Gabe funktionierte in ihrer Anwesenheit nicht und leider störte sie auch seine Verbindung zum Wächterkollektiv, dem Engelsfunk wie Nuriel es spöttisch nannte. Doch er spürte, dass Talia ihn nicht belog. Sie war eine ehrliche Haut und friedfertig. Nicht zu vergessen, dass sie hübsch anzusehen war. Frauen wie sie, Engel, spielten nicht in seiner Liga.
   Seufzend richtete er sich auf, ging zum Sessel und nahm sie auf seine Arme. Sie war leicht wie eine Feder und roch unwahrscheinlich gut. Ihr Geruch machte ihn völlig kirre. Jeremia trug sie die wenigen Schritte zu dem breiten Doppelbett und legte sie ab. Er strich eine verirrte Haarsträhne aus ihrem schönen Gesicht und deckte sie zu. Bevor er seine Schlafstätte für diese Nacht beziehen konnte, gab es noch etwas, was er tun musste. Jeremia straffte sich, aber für das, was er vorhatte, konnte man sich schwer wappnen. Er musste diesen Ring loswerden, um jeden Preis.

*

Talia wurde unsanft von einem Scheppern geweckt. Irgendetwas Metallisches war zu Boden gefallen. Sie hörte ein unterdrücktes Ächzen. Schlagartig war sie hellwach und sprang vom Bett auf. Sie konnte sich nicht daran erinnern, sich dort hingelegt zu haben. Ihr Blick fiel auf den kleinen Esstisch, an dem Jeremia saß. Leise fluchend bückte er sich nach dem Gegenstand auf dem Boden. Ein Dolch. Talia glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als er das scharfe Schneidewerkzeug am Daumen seiner rechten Hand ansetzte. Es war nicht der erste Versuch, dem Blut auf dem Tisch und der Schneide des Dolches nach zu urteilen. »Stopp!« Sie rannte zum Tisch und riss ihm die Waffe aus der Hand.
   »Ich muss …«, sagte er atemlos und fuchtelte mit einer Hand herum.
   Dieser Irre erwartete nicht ernsthaft, dass sie ihm dieses überdimensionierte Buttermesser zurückgeben würde, damit er weiter an sich herumschnitzen konnte.
   »Leider klappt es nicht wie erhofft. Ich bekomme den Knochen nicht durch.«
   »Was zur Hölle tust du? Warum willst du …?« Sie verstand, was er vorhatte. Jeremia wollte sich seinen Daumen samt Ring abtrennen. Das Ding war keine Schönheit, doch er hätte ihn ausziehen … Jeremia konnte dieses Schmuckstück nicht einfach ablegen. Woher auch immer sie diese Erkenntnis nahm, sie wusste, dass er durch sein Blut an den Ring gebunden war. »Du willst dir den Daumen abschneiden.« Talia warf den Dolch in die am weitesten entfernte Zimmerecke. »Nein!«
   »Du verstehst nicht«, blaffte Jeremia zornig und wollte sich vom Stuhl erheben.
   Der Blutverlust und die Infektion schwächten ihn, deshalb gelang es ihr, ihn festzuhalten. Er keuchte auf und ruckelte mit der anderen Hand an seinem blutverschmierten Daumen. Da war so viel Blut, dass sie es mit der Panik zutun bekam. Er brauchte einen Arzt, und zwar pronto.
   Jeremia gab das Unterfangen, den Ring von seiner Hand zu ziehen, mit einem leisen Seufzen auf und zog die blutende Gliedmaße mit schmerzverzerrtem Gesicht an seine Brust. »Du musst es tun. Der Wächterring muss ab, Talia. Bitte vertrau mir. Ich bin ein Wächter des Lichts, und mit diesem Ding können sie mich überall aufspüren. Sie suchen dich. Mit dem Ring kann ich dich nicht vor ihnen beschützen!«
   Talia wich einen Schritt vor ihm zurück. Zum wiederholten Mal hatte er sich einen Wächter des Lichts genannt. Das ergab keinen Sinn. Bei diesen Worten machte es nicht klick wie bei dem Namen Cassiel, den er vorhin erwähnt hatte, oder dem Ring, den er an seiner Hand trug, dennoch verstand sie sein Drängen, den Ring loszuwerden. Doch seinen Daumen abzuschneiden … Talia rannte in das Bad und kam mit einem Handtuch zurück. Sie legte es um seine blutende Hand und zog sie an sich. »Resacro.« Talia wiederholte das ihr unbekannte Wort mehrmals, bis sie eine Energie zwischen Jeremia und sich fließen spürte. Es war ein Band, das sich etablierte, und durch diese Verbindung wurde sie von einer wärmenden Kraft durchflutet, die ihr Frieden schenkte. Dieses Gefühl symbolisierte Heimat und stärkte die tiefe Verbundenheit zwischen Jeremia und ihr, trotz ihres holprigen Zusammentreffens. Er war kein Entführer, sondern ihr Beschützer. Ihr Wächter.

*

»Du hast den Fluch von mir genommen.« Jeremia starrte in Talias betörende Augen. Er hatte einen flüchtigen, stechenden Schmerz in seinem Daumen verspürt, als der Ring zu Staub zerfiel. Dem Gefühl folgte ein immenser Überdruck in seinem Kopf. In seinen Ohren sauste es und seine Trommelfelle zerbarsten fast unter der Kompression, die kontinuierlich zunahm. Gerade, als er dachte, er könnte es keine Sekunde länger ertragen, verschwand der Druck in seinem Schädel blitzartig. Ihm wurde schwindlig. Es flimmerte vor seinen Augen, doch diese Unpässlichkeit war nur von kurzer Dauer und ließ ihn mit erschreckender Klarheit zurück. Himmel. Etwas war von ihm abgefallen. Die Last, die ihn all die Jahre erdrückte und einschränkte, lastete nicht mehr auf seinen Schultern. Talia hatte den Fluch von ihm genommen, der seit seiner Geburt auf ihm lag.
   Jeder Halbengel wurde mit diesem Unheil geboren, das ihn an den Ring und damit an das Leben als Wächter band. Dieser Fluch trug Schuld an der Unfähigkeit, den Namen des Lichtbringers in den Mund zu nehmen oder unchristlich zu schimpfen. Wie es schien, ging seine Gabe mit dem Fluch einher. Die lauernde, durch Talia bisher eingeschränkte Bestie in seinem Hinterkopf war verschwunden. Er war frei. Sein Herz pochte wie wild.
   Dem Aufruhr, den die neu gewonnene Freiheit mit sich brachte, folgte eine einlullende Wärme. Es war ein allumfassendes Gefühl der Geborgenheit, das Talia ihm vermittelte. Jeremia spürte ein inniges Band zwischen der engelsgleichen Frau und sich, das rein und frei von negativen Emotionen war. Sie offenbarte ihm ihr wahres, unverfälschtes Ich. Talia war ein Engel, daran gab es keine Zweifel mehr. Ihre Lichtaura verblasste und ließ sie in ihrer verletzlichen Menschlichkeit zurück. Sie sackte besinnungslos in sich zusammen und landete auf seinem Schoß, direkt in seinen Armen.

*

Talia erwachte aufs Neue in dem riesigen Doppelbett. Sie war umgekippt, nachdem was auch immer vorgefallen war. Kurz befiel sie Panik. Sie dachte, dass sie endgültig ihren Verstand verloren hätte, aber dem war nicht so. Alles war real. Sie wurde nicht wahnsinnig. Dass es zwischen Himmel und Erde mehr gab als ihr bisher schmuckloses Dasein, hatte sie stets geahnt, doch dass sie kein gewöhnlicher Mensch war … Die Erkenntnis schlich sich in ihr Bewusstsein, aber was sie war, lag nach wie vor im Dunkel ihrer Erinnerungen.
   Talia hatte ein hundsgewöhnliches Leben geführt. Sie war in Carlisle in England in der Nähe zur schottischen Grenze geboren. Dort war sie bei Tante Esre aufgewachsen. Rabia war bei ihrer Geburt verstorben. Sie war keine sechzehn Jahre alt gewesen, als sie Talia zur Welt brachte. Ihr Vater war unbekannt, aber laut Tante Esre war er vom fahrenden Volk gewesen. Trotz ihrer scheinbar fehlenden Wurzeln hatte sich Talia nie ungeliebt gefühlt. In der Obhut ihrer geliebten Verwandten hatte sie eine behütete und glückliche Kindheit geführt. Bis zu jenem Tag, an dem Tante Esre krank wurde.
   Es war nicht der rechte Zeitpunkt für Tagträumereien. Sie bemerkte, dass sie nicht allein war in dem bequemen Doppelbett. Auf der anderen Seite des Bettes lag Jeremia, so weit am Rand, dass sie befürchtete, dass er rausfiel. Er ruhte völlig regungslos auf dem Rücken. Sie sah zuerst nicht, ob er überhaupt atmete. Sein Brustkorb bewegte sich kaum bei seinen flachen Atemzügen.
   Bei all dem Blut, das sie in der gestrigen Nacht gesehen hatte, war sie vom Schlimmsten ausgegangen, doch Jeremia atmete und sein Herz schlug, wie sie am flatternden Puls seiner Halsvene deutlich erkennen konnte. Bis auf einen Slip war er unbekleidet. Er hatte sich nicht einmal zugedeckt. Sie konnte fast seinen gesamten Körper in Augenschein nehmen.
   Jeremia war ein wenig blass um die Nase. Bei ihrem ersten Zusammentreffen war ihr sein gesunder Teint ins Auge gesprungen, um den sie ihn beneidete. Ihre Haut war frei jeglicher Pigmentierung. Sie sah ungesund und kränklich aus. Er wirkte wie das blühende Leben mit seiner goldenen Hauttönung, den goldblonden Haaren und den strahlend meerblauen Augen. Seine Iriden waren die Wucht in Dosen. Ihr waren noch nie solch intensiv blaue Augen untergekommen. Sie erinnerten an das Karibische Meer mit seinen Stränden und dem azurblauen Himmel. In den Azurseen wollte man eintauchen und in ihnen ertrinken. Im Moment jedoch waren seine Augen geschlossen.
   Sein Gesicht besaß markante, klar männliche und gleichwohl nicht zu harte Züge. Die Linie seines Kiefers lud trotz des Dreitagebarts zum Streicheln ein. Wie es sich anfühlen mochte, wenn die Stoppeln über ihre Haut kratzten? Ein wohliger Schauder überkam sie. Sie unterdrückte einen Seufzer. Talia wandte ihr Augenmerk auf seine sinnlichen Lippen, die einen kleinen Spalt offen standen, sodass sie die perfekt weißen Zähne sehen konnte. Sein Mund lud zum Küssen ein, und sie hatte in den vergangenen Tagen oft dem Drang widerstehen müssen, sie zu schmecken und seine warme Haut auf ihrer zu fühlen.
   Sie war bei seinen Lippen angekommen und hatte den exklusiven Rest seines Körpers noch nicht einmal richtig in Augenschein genommen, dennoch war sie bereits lichterloh entflammt für ihn. So unlogisch es anmuten mochte, sie begehrte Jeremia mit Haut und Haaren. Sein exquisiter Duft kitzelte in ihrer Nase und erschwerte es ihr, einen logischen Gedanken zu fassen. Contenance. Sie wollte die Erforschung seines Körpers, zumindest mit den Augen, fortsetzen.
   Jeremias Brust war muskulös, doch nicht aufgepumpt, sodass es übertrieben gewirkt hätte. Er besaß Muskeln an den richtigen Stellen und exakt in der richtigen Menge. Sein Bauch zierte ein knackiges Sixpack, lud aber trotzdem zum Ankuscheln ein. Seine Arme waren nicht weniger muskulös als der Rest von ihm. Den Verband an seinem rechten Arm hatte er abgelegt. Selbst seine Beine waren perfekt geformt. Fast alles an ihm mutete makellos an, wären nicht die vielen Narben gewesen. Seine breite Brust war bedeckt von Brandnarben und anderen diversen Wundmalen, die Bände von einem bewegten Leben erzählten. Sein rechter Arm, eben jener, den er gestern noch verbunden hatte, war übersät von einem wirren Geflecht silbrig glänzender Narben und mehreren frischen Schnitten. Sie waren ursächlich für die Infektion, die Nuriel mit Antibiotika behandeln musste. Wie es aussah, litt Jeremia an einer ausgeprägten, autoaggressiven Störung. Die Wunden stammten vom Ritzen.
   Talia holte Luft. Sie saß im Glashaus und würde sich hüten, mit Steinen nach ihm zu werfen. Statt darüber zu grübeln, wandte sie sich lieber anderen Dingen zu wie den interessanten Tattoos an beiden Innenseiten seiner Handgelenke, die stilisierte Flügel darstellten. Rechts waren sie tiefschwarz und am linken Gelenk kirschrot. Die Zeichnungen waren nicht dort, um ihn zu schmücken, obgleich sie dies ausnehmend taten. Sie waren ein Zeichen seiner außergewöhnlichen Herkunft, die sich ihr noch immer größtenteils entzog. Dass er kein gewöhnlicher Mensch war, erschien unbestreitbar. Er hatte sich einen Wächter des Lichts genannt. Exakt das war er. Worin die Aufgabe eines Wächters bestand, verschloss sich ihr bisher. Ihr Ehrgeiz war geweckt, dies um jeden Preis herauszufinden.
   Mit ihren Blicken erkundete sie weiter das Terrain seines Körpers und blieb in der Mitte hängen. Das, was der enge Slip halbherzig verbarg, versprach jede Menge Genuss.
   Talia biss sich auf die Unterlippe und sinnierte darüber, was sie alles mit ihm anstellen könnte. Ihre Vorstellungskraft diesbezüglich schien nahezu unbegrenzt, doch zuerst wollte sie einzig seine weiche Haut berühren. Sie überwand die Entfernung zwischen ihnen und schmiegte sich an seinen warmen Körper, der sich zu angenehm anfühlte. Talia legte ihre Hand auf seine Brust, zeichnete die Konturen seiner klar definierten Muskeln im Detail nach. Gott, was war er für ein hübscher Leckerbissen. Wobei hübsch sicherlich nicht das geeignete Adjektiv war, um einen gestandenen Mann wie ihn zu umschreiben. Attraktiv war passend, wenngleich es nicht stark genug erschien, um seiner Schönheit gerecht zu werden.
   »Gefällt dir, was du siehst?« Jeremias Stimme klang rau vom Schlaf.
   Talia wollte Abstand zu ihm gewinnen, doch er ließ es nicht zu. Er hielt ihre Hand auf seiner heißen Brust fest. Ganz mit der Erkundung seiner unteren Körperregionen beschäftigt, hatte sie nicht bemerkt, dass Jeremia erwacht war.
   »Und?«, fragte er drängend.
   Talia blieb ihm die Antwort schuldig. Sie bekam nicht einen Ton mehr hinaus, aber die Hitze und damit einhergehende Röte, die ihr in das Gesicht schoss, mussten ihm genügen. Ein sonores, äußerst zufriedenes Lachen drang an ihr Gehör.
   »So schüchtern, so unschuldig, so rein«, raunte Jeremia ehrfürchtig und strich ihr Haar hinter das Ohr. »Dich unsittlich zu berühren, wäre ein Sakrileg, dessen ich mich nicht schuldig bekennen möchte, so gern ich auch jeden Zentimeter von dir in Beschlag nehmen würde.« Jeremia stieß einen deprimierten Seufzer aus.
   »Dann tu es.« Talia wollte, dass er sie berührte und sich mit ihr vereinigte. Sex war für sie nie relevant gewesen, doch mit ihm … Sie verzehrte sich nach jeder Faser seines Seins. Es fühlte sich gut an. »Ich will es.« Wieder vernahm sie sein sonores Lachen und spürte seine große Hand auf ihrer Wange. Endlich fand sie den Mut, zu ihm aufzusehen. Ein wunderschönes, einnehmendes Lächeln lag auf seinen Lippen. Begehren funkelte unverkennbar in seinen Augen auf, dennoch begnügte er sich damit, ihre Lippen behutsam mit seinen zu erkunden und wagte zaghaft den Vorstoß mit seiner Zunge. Jeremia war ein hervorragender Küsser und ließ viel zu früh von ihrem Mund ab. Sein honigsüßer Speichel benetzte ihre feuchten Lippen und schmeckte nach mehr. Talia wollte ihn. Sie würde ihn bekommen, egal, wie ritterlich er sich ihr gegenüber verhalten würde. Talia würde erst zufrieden sein, sobald er zwischen ihren Schenkeln lag und ihre Körper miteinander verschmolzen. »Ich will dich«, hauchte sie in sein linkes Ohr.
   »Gott ist mein Zeuge, dass dies genau das ist, was ich auch möchte, aber …«
   »Wenn dem so ist, warum verschwenden wir Zeit? Ich will es.« Glaubte er wahrlich, dass er ihre Tugendhaftigkeit schützen musste? »Ich bin keine Jungfrau, schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Also kannst du das rein und unschuldig getrost ad acta legen.« Falls er meinte, sich zurückhalten zu müssen, sah sie keinerlei Veranlassung dazu. Talia legte einen Finger auf seine Brust und fuhr den Pfad zwischen seinen Brustmuskeln über seinen Bauch hinab bis zum Bund seines Slips. Ihre Fingerspitzen waren kühl, aber die Kälte war nicht der maßgebliche Grund für sein Erschaudern, als ihre Hand in seine Hose schlüpfte. Talia schob den Stoff nach unten. Sie wollte ihn betrachten, nackt und ohne störende Kleidung. Talia hatte sich nicht zu viel versprochen. Das, was sie sah, versprach Sinnenfreude. Entgegen seinen keuschen Beteuerungen war Jeremias Schwanz längst steinhart und bereit, in sie einzudringen.
   »Ich bin an der Reihe«, raunte er, vor Erregung heiser und atemlos.
   Talia hieß es willkommen, als er den Saum ihres Shirts über ihre Brüste schob. Er beugte sich über sie und küsste ihren nackten Bauch, bedeckte ihre Haut mit behutsamen, neckenden Bissen bis zu ihren Brüsten, weiter bis zum Hals und kniff sanft in die Haut. Talia stöhnte vor Lust auf und krallte ihre Hände in seine muskulösen Schultern. Er fuhr mit der Zunge den Hals hinab und in das Tal zwischen ihre Brüste. Jeremia bedachte ihre Haut mit zarten Zungenschlägen, um nur Sekunden später ihre Brustwarzen mit Liebkosungen zu bedecken. Er spielte mit den harten Knospen, umspielte sie und leckte über ihre Haut.
   Kaum dass sie sich versah, war er über ihr und sein erigiertes Geschlecht presste sich gegen ihren Bauchnabel. So gut sich seine pulsierende Erektion an ihrer Haut anfühlte, Jeremia sollte nicht dort sein, sondern zwischen ihren Schenkeln und in ihrer Mitte. Sie war bereits feucht und mehr als bereitwillig, ihn in sich aufzunehmen. Die Muskeln ihrer Gebärmutter kontrahierten sich und jagten Schauder der Wonne durch ihren Körper. Jede ihrer Nervenfasern schien lichterloh entzündet. Sie war wenige Augenblicke von ihrem Höhepunkt entfernt. Es war zu lang her, dass sie mit einem Mann geschlafen hatte. Sie war ausgehungert nach Sex, aber allem voran nach diesem Paradeexemplar von Mann. Ihr Slip war von ihrer Erregung durchnässt. Sie musste dieses störende Stück Stoff dringend loswerden.
   Jeremias Finger wanderten zum Spitzenrand ihres Höschens, doch anstelle ihn von ihren Hüften zu ziehen, riss er die Spitze in Fetzen und warf ihn achtlos zur Seite. Erneut nahm er von ihrem Mund Besitz, dieses Mal jedoch drängender. Als sich ihre Blicke trafen, erkannte sie, dass er gleichermaßen ausgehungert war wie sie. Sie schmeckte sich, das Salz ihrer Haut auf seiner Zunge. Jeremia rutschte nach unten. Seine pralle Erektion lag direkt vor ihrer Pforte, dennoch drang er nicht in sie ein. Er ließ einen Finger in die feuchte Spalte ihrer Vagina gleiten.
   Talia holte Atem, als er sich tiefer zwischen ihre Schenkel schob und sie weit spreizte. Er zog seinen Finger zurück und ließ spielerisch die Spitze seiner Erektion über ihre Mitte gleiten, neckte sie, bis sie am liebsten vor Lust laut aufgeschrien hätte. Sie öffnete ihre Oberschenkel weiter und lud ihn ein, endlich zu tun, was sie so sehr begehrte. Er kam ihrer unmissverständlichen Einladung nach und stieß in sie hinein. Sein Schwanz füllte sie komplett aus. Talia hatte das Gefühl, zu zerspringen. Hitze durchflutete sie und setzte ihren Kitzler in Flammen. Sie bäumte sich unter ihm auf und stieß einen Schrei des Entzückens aus.
   Qualvoll langsam bewegte er sich in ihr. Diese sanften Bewegungen waren ausreichend für Talia, sie schmolz mit jedem von Jeremias Stößen ein Stück mehr dahin. Nur Sekunden trennten sie von ihrem Höhepunkt. Sein muskulöser und schweißbedeckter Körper erschauderte und kündete von seinem unmittelbar bevorstehenden Orgasmus. Dieses sinnliche Vibrieren stürzte sie über die Klippe ihres Verstandes hinweg in ungeahnte Sinnenfreude.
   Ihre Lust entlud sich mit einer Explosion der Sinne. Es fühlte sich an, als würde sie in Tausende von kleinen Splittern zerspringen, nur um im nächsten Moment mit sich vollkommen im Einklang zu sein. Talia war die Hälfte eines Ganzen. Mit Jeremia fühlte sie sich komplett. Sie waren gegensätzlich wie Feuer und Wasser, doch gleich im Geiste. Er war ihr nah wie kein Mensch zuvor. Mit einem unterdrückten Schrei ergoss sich Jeremia in ihr. Er zog sie besitzergreifend an sich, nach wie vor in der Hitze ihrer Körper vereint. Es war der Moment, in dem sie realisierte, dass Jeremia der eine war. Sie würde ihn nie wieder gehen lassen.

*

In dem Augenblick, als sich ihr Höhepunkt in ihrem entzückenden Gesicht abzeichnete, hatte er in Talias unverschleiertes Engelsantlitz geblickt. Mit ihrem Orgasmus war der Fluch, der zweifelsohne auf ihr lastete, für einen winzigen Moment von ihr abgefallen. Er hatte sie gesehen, wie sie wirklich war: atemberaubend schön und überirdisch wie alle Lichtwesen.
   Talia war eine der Wahrhaftigen, ein Engel, doch es war ihre menschliche Seite, die Jeremia in ihren Bann geschlagen hatte. Es war exakt diese Menschlichkeit, die sie derart außergewöhnlich machte.
   Wem spielte er etwas vor? Er hatte sich haltlos in Talia verschossen. Falsch, das, was er für sie empfand, ging weit über die erste Verliebtheit hinaus. Dank ihres Zutuns zum allerersten Mal ohne die verstörenden Empfindungen seiner Mitmenschen. Sie hatte den Fluch von ihm genommen, nicht nur den, der auf dem Wächterring lag, sondern auch seine Gabe, die eher eine Bestrafung war, so wie sie sein Leben diktierte. Seinesgleichen erachtete die Fähigkeit der Empathie als Segen der Göttin. Eine Begabung, die die Gottheit nur den gottesfürchtigsten Wächtern und Engeln zuteilwerden ließ. Oder denen, die sie besonders liebte. Jeremia war nicht sonderlich gläubig und hinterfragte oft den Sinn seines Daseins als Wächter. Womit hatte er so viel Liebe von Gott verdient? Er hätte liebend gern auf dieses abscheuliche Geschenk ihrer Zuneigungsbekundung verzichtet. Denn früher oder später hätte die Fähigkeit der Empathie ihn zugrunde gerichtet. Bei seinem labilen Zustand eher vorzeitig. Jeremia legte die Hände auf Talias schlanken Körper. Sie war beinahe augenblicklich nach ihrem Liebesspiel in einen tiefen Schlaf gefallen. Er bewunderte ihren Liebreiz und die unverdorbene Reinheit, die ihr innewohnte. Er strich über ihr Haar und küsste ihre Stirn. Ihr Schutz wurde zu seiner höchsten Priorität.

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