Die Madrider Polizistin Catherine Navole ist im fernen Australien auf der Suche nach ihren Wurzeln. Sie will herausfinden, warum ihr leiblicher Vater ihre Mutter vor so vielen Jahren gehen ließ, obwohl sie sein Kind unter ihrem Herzen trug und er sie offenbar noch immer liebte. Damit gerät sie unwissentlich in eine Welt, die weit gefährlicher ist, als es ihr Job beim Morddezernat jemals sein könnte und muss ein Erbe antreten, das ihr gesamtes Weltbild zu zerbrechen droht. Auch der smarte Cyril Bergin, der für Cat mehr als eine flüchtige Bekanntschaft wird, scheint von Geheimnissen umgeben, die zu ergründen für Cat nicht ohne Folgen bleibt. Die beiden verbindet bald schon eine leidenschaftliche Liebe, die allen Gefahren trotzt und deren Wurzeln tiefer liegen als sie ahnen. Gemeinsam folgen sie den Spuren von Cats Vater und begeben sich auf eine Hetzjagd über den halben Globus, an deren Ende eine Wahrheit liegt, die die Welt verändern könnte.

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ISBN: 978-9963-52-681-9

Seiten: 448

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Tanya Carpenter

Tanya Carpenter
Tanya Carpenter wurde am 17. März 1975 in Mittelhessen geboren, wo sie auch heute noch in ländlichem Idyll lebt und arbeitet. Die Liebe zu Büchern und vor allem zum Schreiben entdeckte sie bereits als Kind und hat diese nie verloren.   Die vielseitige Autorin ist inzwischen in nahezu allen Genre der Belletristik zu Hause. Neben den Vampiren sticht vor allem die Erotik in ihren Romanen hervor. Neben dem Bookshouse-Verlag schreibt sie außerdem Romane für Droemer Knaur, Cora, Fabylon, Arunya-Verlag, Ashera-Verlag und Edel. Ferner ist sie regelmäßig in Anthologien vertreten, schreibt Rezensionen für das Wolf Magazin von Elli H. Radinger und arbeitet als freie Lektorin im TeutonicTextTeam.   Hauptberuflich verdient Tanya Carpenter ihr Geld als Chef-Assistenz im Vertriebsinnendienst eines globalen Industrie-Unternehmen. Ihre Freizeit verbringt sie neben dem Schreiben gern mit ihren Australian Shepherds Spike und Damon oder ihrer Appaloosa-Stute Sha’Re-Luna. Sie ist gern in freier Natur unterwegs, interessiert sich für Mystik, Magie und alte Kulturen, liebt Musik, italienische Küche, schottischen Whisky und französischen Rotwein. In den Wintermonaten genießt sie gemütliche Leseabende vor dem Kamin. Vertreten wird die Autorin von der Agentur Ashera.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Madrid, Hauptsitz des San Diago-Konzerns,
15. Juni 2003

Der Ton, mit dem die Klingen aufeinandertrafen, ließ das Glas der hohen Kuppel über ihnen erzittern, bis es erste Risse bekam. Er brach sich an den Wänden, vermischte sich mit ihrem Keuchen zu einer unheimlichen Melodie, die schmerzhaft in seinen Ohren verhallte.
   Sein Gegner und er führten die Klingen mit unmenschlicher Kraft, sodass bei jedem Aufeinandertreffen Funken stoben. Die Schockwellen pflanzten sich von den Waffen in seinen Körper fort, erschütterten sein Innerstes, zerrten an den Eingeweiden. Obwohl er als Killer des Vatikans bekannt war und trotz seines Wissens um die Natur seines Gegners, überraschte ihn die Wucht seiner Schläge. Das gebrechliche Äußere des vermeintlich siebzigjährigen José San Diago war nur Fassade. In einer Hülle aus faltiger Haut steckte noch immer der Geist eines jungen, entschlossenen Kriegers.
   Sie kämpften beide nicht zum ersten Mal. Er, ein Saint – ein ausgebildeter Elitekiller des Vatikans; San Diago, Professor der Biochemie, Sammler antiker Waffen und Inhaber des San Diago-Pharma-Konzerns. Sie hatten schon viele Kämpfe dieser Art ausgetragen, darum war wohl auch seinem Gegner klar, dass einer von ihnen zum letzten Mal focht.
   Der Gedanke, was die vielen Splitter berstenden Glases mit ihnen anrichten würden, wenn die Kuppel brach, konnte ihn ebenso wenig davon abhalten, weiterzukämpfen, wie das allmählich einsetzende Taubheitsgefühl in seinen Muskeln. Die Schwerter waren massiv, nicht leicht zu handhaben, auch wenn er ebenso wie San Diago die meiste Zeit seines Lebens im Umgang mit ihnen geschult worden war. Doch sie fochten jetzt schon über eine halbe Stunde, ohne dass einer von ihnen die Oberhand gewann. Eine Tatsache, die Respekt vor dem Gegner hervorrief, denn nicht viele waren in der Lage, einen derart hart ausgetragenen Kampf so lange durchzuhalten. Gewöhnliche Menschen verloren schon nach wenigen Minuten die Kontrolle über eine solch schwere Waffe. Zu Zeiten der Ritter hatte man von maximal zehn Schlägen gesprochen, bis ein Kampf entschieden oder der Rückzug angetreten werden musste. Aber sein Gegner und er waren anders. Genau das war der Grund, warum sie hier kämpften.
   Er legte ein freudloses Grinsen auf. Es kann nur einen geben – netter Slogan. Mit der Ehre eines Highlanders hatte ihr Kampf nichts zu tun, obwohl sie beide genauso gottverflucht waren wie der unsterbliche Held dieser Filmsaga.
   In der Zentrale des San Diago-Konzerns herrschte Dunkelheit und abgesehen von den Kampfgeräuschen auch völlige Stille. Die Mitarbeiter waren um diese Zeit, kurz nach zwei Uhr in der Nacht, zu Hause in ihren Betten. Die beiden Securitymänner der Nachtwache lagen, von ihm ausgeschaltet, vor ihren Wachmonitoren. Er hatte dafür gesorgt, dass es keinerlei unerwartete Störung geben würde, ehe er San Diago in dessen Büro überraschte. Der dort begonnene Kampf verlagerte sich schnell hierher auf die große Plattform, wo nur diffuses Licht von außen einfiel und ihre Körper wie bizarre Schatten von miteinander kämpfenden Dämonen erscheinen mochten.
   Die Blitze des tobenden Gewitters erhellten von Zeit zu Zeit die Empore unter der Kuppel. Der gerechte Zorn Gottes, dachte er, als eine weitere Salve von Blitzen über das schwarze Firmament zuckte, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner, der offenbar seinerseits von außen das Glas zum Zerbersten bringen wollte.
   Sein kurzes schwarzes Haar klebte ihm an der Stirn, seine Augen brannten vor Schweiß. Sein Blut rauschte ihm inzwischen in den Ohren, der Puls raste so schnell, dass er zuweilen glaubte, seine Adern müssten beim nächsten Aufeinandertreffen der Klingen zerplatzen. Dennoch verfolgte er wachsam jede Bewegung San Diagos, war auf der Hut vor seinen Attacken und achtete – hoffte – auf jedes noch so leise Zeichen von Ermüdung. Bisher blieb dieses aus, was ihn beunruhigte. So lange hatte ihm noch keiner standgehalten. Er spürte, wie seine Kraft und Konzentration allmählich nachließ.
   Seine Auftraggeber bezeichneten San Diago als eine Ausgeburt der Hölle, die es zu vernichten galt, damit er nicht weiter das Verderben in der Welt verstreute. Er jedoch sah nur einen alten Mann mit ergrautem Haar und tiefen Linien im Gesicht vor sich, dessen Augen nicht frei von Furcht waren, wenngleich dies seiner Entschlossenheit und Würde keinen Abbruch tat. Wäre er kein Feind gewesen, er hätte ihn bewundern können. Doch dafür war kein Platz; sein Auftrag lautete, ihn zu töten und jemanden, den man bewunderte, tötete man nicht mehr so leicht.
   »Geben Sie auf, San Diago«, zischte er. »Sie vergeuden meine Zeit. Für dieses Spiel sind Sie zu alt.« Er wollte ihn herausfordern, zu einer leichtsinnigen Handlung reizen. Körperlich stand ihm der Ältere kaum nach. Seine Muskeln waren sehnig, die Bewegungen geschmeidig, was verdeutlichte, dass er regelmäßig mit Hieb- und Stichwaffen trainierte. Also lag seine einzige Chance darin, eine unbedachte Attacke zu forcieren.
   »So leicht mache ich es dir nicht, mein Junge. Vor dir haben es schon viele von deiner Sorte versucht, und sie alle ruhen in der Erde unter diesem Gebäude. Mach dich bereit, dich bald zu ihnen zu gesellen.«
   Er lachte trocken und humorlos. »Das hätten Sie wohl gern. Aber die Gerechtigkeit ist auf meiner Seite. Ich kämpfe mit Gottes Segen und im Auftrag seiner Kirche.«
   »Diese Lüge hat deine Freunde auch nicht gerettet«, höhnte San Diago und führte den nächsten Schlag mit so viel Kraft, dass er einen Ausfallschritt machen musste, um ihn überhaupt abzufangen. Er strauchelte, Schmerz durchzuckte seine Schulter, aber er bremste die Klinge, bevor sie ihm die Kehle durchschnitt.
   Schweiß rann ihnen über die Gesichter und durchtränkte ihre Kleidung; machte sie schwer, was jede Bewegung in eine Mühsal verwandelte. Wie lange noch, alter Mann?, fragte er sich im Stillen. Hass glomm in seinem Herz, weil dieser jahrelang in ihm geschürt worden war. Er fand den Spiegel dieser Emotion in San Diagos Augen. Der Alte war genauso entschlossen wie er. Einer von ihnen musste sterben.
   Für einen Augenblick hielten sie inne, pressten den Stahl gegeneinander, versuchten jeder für sich, einen Millimeter mehr Raum zu erlangen. Seine Nasenflügel blähten sich, während die Kiefer so fest aufeinander mahlten, dass er die Knochen knirschen hörte. Ein leichtes Zittern in San Diagos Armen signalisierte ihm, dass sich der Alte mit diesem Angriff wohl übernommen hatte, der Sieg zum Greifen nahe lag. Jetzt oder nie. Er stieß sich ab, ließ seinen Gegner einen Schritt nach vorn taumeln, den er dazu nutzte, den Griff seines Schwertes fester zu umfassen. Er machte eine halbe Drehung, um versetzt hinter San Diago zu stehen. Dann führte er die Waffe zum letzten Streich gegen dessen Nacken.
   Die Klinge glitt durch das menschliche Fleisch wie ein heißes Messer durch ein Stück Butter. Fast kein Widerstand. Nur das widerliche Gurgeln, als Luftröhre und Schlagader durchtrennt wurden. Der Schädel rollte über den Boden, die Augen waren in ungläubigem Schreck aufgerissen. Als der Torso vornüber sackte und das Schwert zu Boden fiel, fuhr die Hand, die eben noch so zielsicher die Waffe geführt hatte, instinktiv zum Amulett, das unter dem Hemd verborgen lag und dessen Kette nun vom blutenden Stumpf des Halses glitt. Nur darum ging es bei diesem Kampf – bei jedem Kampf.
   Keuchend ließ er sich auf die Knie sinken. Es war vorbei, für dieses Mal. Jede Faser seines Körpers zuckte unter dem überwältigenden Schmerz. Sein Blick verschwamm für einen Augenblick, weil die Erschöpfung fast zur Ohnmacht wurde. Es gelang ihm gerade so, bei Besinnung zu bleiben. Im Stillen dankte er seiner jahrelangen harten Ausbildung, die es ihm ermöglichte, jegliche Signale von Pein und Ermüdung auszuschalten, bis es vorbei war. Ansonsten hätte San Diago ihn sicher getötet. Noch keiner war so stark gewesen wie dieser alte Mann.
   Eine Minute gönnte er sich, um wieder Atem zu schöpfen und die Taubheit aus den Armen weichen zu lassen, damit er wieder Kontrolle über seine Bewegungen erlangte. Rasch entwand er dann das Amulett den toten Fingern, betrachtete die silberne Münze mit Abscheu. Blutgeld hatte in diesem Fall eine ganz eigene Bedeutung.
   Der rote Lebenssaft des Konzernchefs ließ sich nur schwer entfernen, klebte zäher als gewöhnliches Blut an seinen Fingern und dem Medaillon. Schließlich wickelte er den Silberling in ein Taschentuch und steckte ihn in seine Weste. An seine Vorgänger, die bei ihrem Auftrag, das Mitglied der Ikarus-Loge zu töten, gescheitert waren und nun im Keller der Konzernzentrale verrotteten, verschwendete er keinen Gedanken. Wer scheiterte, gehörte nicht mehr zu ihnen und verdiente weder Mitleid noch eine ehrenvolle Bestattung. Dass auch er vielleicht eines Tages irgendwo von ihren Feinden verscharrt wurde – oder liegen gelassen, damit die Krähen sein Fleisch von den Knochen tilgten – kümmerte ihn nicht. Er wusste, er war einer der Besten, also ließ der Tag seiner Niederlage hoffentlich noch lange auf sich warten.
   Er säuberte seine Klinge am Leichnam und ließ den Toten achtlos zurück. Die Sicherheitsleute würden ihn ebenso wie ihre toten Kollegen am nächsten Morgen finden, die Nachricht vom Tode San Diagos sich wie ein Lauffeuer unter den Angehörigen der Ikarus-Loge verbreiten, noch ehe die Presse es richtig ausschlachten konnte.
   Bis dahin wäre er längst über alle Berge, und Spuren hinterließ seinesgleichen nie.
   Er war siebenunddreißig, auch wenn er sich manchmal wie ein Greis fühlte. Die Kämpfe zermürbten einen Mann auf Dauer, egal, wie stark er an Körper und Seele sein mochte. Wie viele außer ihm zu dem Kriegerorden der Saints innerhalb des Kirchenstaates gehörten, der ihn ausgebildet hatte, wusste er nicht. Es gab keine Freunde, keine engeren Kontakte, keine Gefährten und niemanden, der einem anderen den Rücken deckte. Sie hatten Stützpunkte auf der Welt, wo sie sich auf ihren Missionen für kurze Zeit verstecken, Informationen einholen oder um ein Aufräumkommando bitten konnten, wenn bei einem Auftrag etwas schiefgelaufen war und es ungewollte Zeugen gab. Ihm war solch ein Fehler noch nie unterlaufen, doch er wusste, manchmal kam so etwas vor und ein Saint durfte sich nicht länger am Ort der Hinrichtung aufhalten als unbedingt nötig. Für den Rest waren andere zuständig.
   Namen kannte man untereinander nicht und die spielten auch keine Rolle. Sein jetziger war ebenfalls nichts weiter als ein x-beliebiger Deckname, der in seinem aktuellen Ausweis stand. Seinen richtigen Namen kannte niemand, nicht einmal die vom Orden, außer vielleicht dem Obersten.
   Manchmal zweifelte er sogar, ob er ihn selbst noch wusste, oder ob der Name, der in seinem Gedächtnis ruhte, nicht auch nur einer von vielen war, die man ihm gegeben hatte.
   Schon als Kind hatte er die Mauern des Vatikanstaates betreten und sie seitdem nie wieder ganz verlassen. Selbst auf diesen heiligen Missionen blieb ein Teil seiner Seele in der Krypta unterhalb der Archive, wo die erbarmungslose Ausbildung stattfand. So tief unter den Kirchenmauern verborgen, dass selbst der Papst nichts von ihrer Existenz ahnte.
   Vor vielen Hundert Jahren hatte ein Vorgänger des heutigen Pontifex den Orden ins Leben gerufen, für den er nun tötete, um diese niederträchtige Brut von Bluttrinkern zu vernichten und der Kirche zurückzuholen, was ihr rechtmäßig zustand. Die Silberlinge, mit denen sie ihre Unsterblichkeit vom Teufel erkauft hatten. Es war wichtig, so lehrten es die Ausbilder, die Münzen umgehend nach der Exekution auf den heiligen Boden des Vatikans zu bringen, damit der Teufel sie sich nicht holte und die Seele des Untoten wiederauferstehen ließ. Wie viel er von diesem mystischen Gerede glaubte, spielte keine Rolle. Er hatte in seinem Leben so viele Lügen gehört, dass es auf ein paar mehr oder weniger nicht ankam. Die Kirche sorgte gut für die Saints, solange sie ihr von Nutzen waren. Für Versager war in den himmlischen Heerscharen noch nie ein Platz gewesen. Märtyrer gab es woanders, nicht bei ihnen.
   Er blickte auf seine Armbanduhr. Wenn er sich beeilte, konnte er den ersten Flieger morgen früh zurück nach Rom noch bekommen, dann wäre er vor der Mittagsmesse im Vatikan, um seine Fracht abzuliefern und den nächsten Auftrag entgegenzunehmen.
   Mit bitterem Lächeln fragte er sich, wer von seinen Brüdern wohl versagt hatte, wessen Auftrag er übernehmen sollte und ob er diesmal vielleicht ebenfalls scheitern würde.
   Es war keine Angst, die er bei diesem Gedanken empfand. Vielmehr stellte er sich die Frage mit emotionaler Distanz, einfach aus der Erkenntnis, dass er nicht ewig leben konnte. Er war genauso wenig unsterblich wie die Männer, die er tötete.
   Vampire? Nein, er glaubte nicht daran. Sie waren aus Fleisch und Blut und starben, wie jeder Mensch starb, wenn man ihr Herz durchbohrte oder ihren Kopf von den Schultern trennte. Verletzte man ein anderes lebenswichtiges Organ, verbluteten sie langsam. Aber sie starben und kehrten nicht zurück. Die Enthauptung führte er nur deshalb durch, weil der Kodex es so vorsah. Die Münzen brachte er gemäß den Vorschriften seinem Befehlshaber. Er wusste, es kostete ihn sein Leben, wenn er sie zurückließ. Doch dass einer dieser toten Körper wiederauferstand, wenn er ihm den Silberling ließ, konnte er sich nicht vorstellen. Noch weniger, dass der Teufel dabei seine Finger im Spiel haben würde.
   Egal, wie viele Psalmen sie ihm eingetrichtert, wie oft er die Bibel hatte lesen müssen und wie häufig man ihn Stock und Peitsche hatte spüren lassen, sein Verstand ließ sich nicht von religiösem Fanatismus benebeln und blenden. Er erledigte einen Job. Solange er das gut tat, besaß er freie Hand, was das wie, wo und wann anging, eine Kreditkarte ohne Limit und die beste medizinische Versorgung, die man bekommen konnte. Bei seiner Arbeit zählte nur, dass der Kopf am Ende von den Schultern getrennt und das Blutgeld des Judas in die rechtmäßige Obhut zurückgebracht wurde.
   Er schnaubte. Ein Silberling war wohl ein höchst geringer Preis für eine Seele und ihre Unsterblichkeit. Selbst für den Teufel.
   Er wusste nicht, wen er da in Wirklichkeit tötete und warum, hatte weder danach gefragt noch je ernsthaft darüber nachgedacht. Dass es einen Grund gab, bezweifelte er nicht und die Macht der Kirche stellte er nicht infrage. Wenn die jemanden tot sehen wollten, musste dieser jemand auch sterben. Das war zu allen Zeiten so gewesen und die Entsandten waren nie zimperlich, ob nun Kreuzritter, Inquisitoren oder Missionare.
   Welche Rolle spielte es schon, ob er der Henker war oder ein anderer? Es gab schlechtere Jobs.
   »Hey Mann, brauchen Sie ein Taxi?«
   Er zuckte zusammen, stieß einen leisen Fluch aus, weil er so in Gedanken versunken war, dass seine Aufmerksamkeit darunter litt. San Diago hatte ihm doch mehr abgefordert, als er gewohnt war. Ein Glück, dass er schon weit vom Konzern entfernt war, sonst hätte dieser Taxifahrer ihn womöglich mit dem Tod des Konzernbosses in Verbindung gebracht, wenn dieser in den nächsten Tagen durch sämtliche Medien ging. Immerhin genoss der San Diago-Konzern ein hohes Ansehen in der Bevölkerung, weil er sich für wohltätige Zwecke einsetzte. Schöner Schein und Heuchelei. Darin unterschied sich die Ikarus-Loge nicht von der Katholischen Kirche.
   Fast alle Ikarus-Mitglieder leiteten führende Weltkonzerne oder bekleideten andere wichtige Ämter und machten ihren Einfluss und Reichtum geltend, um Bedürftigen zu helfen. Eine gute Publicity war der beste Schutz, den man vor öffentlicher Denunzierung haben konnte. Je krimineller man in Wahrheit war, desto mehr musste man auf eine gute, positive Lobby achten.
   Der Mann wartete immer noch auf eine Antwort und blickte ihn hoffnungsvoll an.
   »Ja«, antwortete er heiser. »Zum Flughafen.«
   »Wo ist Ihr Gepäck?«
   Der Taxifahrer wollte lediglich hilfsbereit sein, dennoch ärgerte er sich über die Frage. Unauffällig tastete er nach dem Schwert, das er verborgen unter dem schwarzen Mantel an seiner Seite trug, und musterte den Mann mit dunklem Blick. Dieser schrumpfte sichtlich zusammen, rückte sich hinter dem Steuer zurecht und wartete wortlos, bis er eingestiegen war.
   Er nahm auf der Rückbank Platz, schlug den Kragen seines Mantels hoch und signalisierte so, dass er nicht an einem Gespräch interessiert war. Aber ob der Fahrer überhaupt noch einmal das Wort an ihn gerichtet hätte, war ohnehin fraglich. Er blickte in den Rückspiegel, das kalte Funkeln in seinen grünen Augen erschreckte selbst ihn. Kein Wunder, dass der Mann Angst vor ihm bekam. Wenn man so lange als Killer durch die Welt reiste, blieb etwas an einem haften, das die Menschen instinktiv wahrnahmen.
   Das Schwert würde er wie immer am Flughafen zurücklassen. In einem Schließfach, wo es von jemandem abgeholt wurde, der es verschwinden ließ. Schade um die gute Klinge, aber darüber brauchte er sich keine Sorgen mehr zu machen. Sobald er an seinem neuen Zielort ankam, wartete dort bereits eine neue – ebenso gute – Waffe auf ihn. Der Orden kümmerte sich um alles. Er wusste alles. Er kontrollierte alles. Nur sein Innerstes, das gehörte ihm allein, auch wenn ein Teil nie bei ihm war.

Toledo,
ein Monat zuvor

Das Haus fühlte sich merkwürdig an. So still und einsam. Ungewohnt nach all den Jahren, in denen es immer nach einer Mischung aus frisch Gebackenem, Möbelpolitur und Lavendelblüten gerochen hatte. Catherine stand zitternd in der Eingangstür, den Schlüssel noch im Schloss, und wagte kaum, ihr Zuhause zu betreten. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie hier ganz allein.
   Für gewöhnlich zogen süße oder würzige Düfte durch den Eingangsflur, das Radio lief und spielte altmodische Schlager, und aus der Küche hörte man Silvia Navole mitträllern.
   Heute herrschte bedrückende Stille.
   Ihre Mutter hatte jeden Tag frische Plätzchen oder Kuchen für die Kinder aus der Nachbarschaft gebacken. Ihr Haus war immer voller lachender kleiner Gesichter gewesen, und ihr Lavendelduft hatte alle Räume durchflutet. Beruhigend. Besänftigend.
   Jetzt war seit zwei Wochen niemand mehr hier gewesen. Keine Kinder. Und auch keine Mama Silvia. Catherine hatte das Haus ebenfalls gemieden in dieser Zeit. Stattdessen hatte sie sich ein Hotelzimmer in der Stadt, nahe des Hospital Universitario de Madrid, genommen, das dann doch leer geblieben war. Sie hatte nicht eine Nacht dort geschlafen, bis ihre Mutter für immer die Augen schloss, sondern die ganze Zeit im Krankenhaus an ihrer Seite gesessen, ihre Hand gehalten, Mut zugesprochen und die Tränen zurückgehalten.
   Sie, der Workaholic, der kaum etwas außer der Arbeit liebte, in der sie völlig aufging, ließ sich nach über zehn Jahren zum ersten Mal vom Polizeidienst beurlauben, um ihrer sterbenden Mutter beizustehen, egal, wie lang es dauerte.
   Die Prognosen der Ärzte über das Wann waren vage ausgefallen, nur das Ob stand außer Frage. Dass ihre Mutter das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen würde, war von Anfang an klar gewesen.
   Ihre Mama, die so stolz auf sie war, weil sie für Recht und Ordnung sorgte, tapfer auch den schlimmsten Ganoven nachstellte und sie alle zur Strecke brachte.
   Aber gegen diesen Feind, der ihre Mutter angriff, war auch Catherine machtlos gewesen.
   Wie konnte das alles nur passieren? Warum war ihr nichts aufgefallen? Hatte ihr Enthusiasmus für die Arbeit sie so blind gemacht?
   Letzten Monat war Mama doch noch gesund gewesen. Oder etwa nicht?
   Catherine stöhnte, schloss endlich die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen. Alles stieg wieder in ihr hoch, kochte zu einem Sud von Schuldgefühlen über, in dem sie ertrank, weil er ihr vor Augen führte, dass sie nicht hatte sehen wollen, obwohl es Tag für Tag vor ihr stand. Nur, weil es gerade nicht in ihren Zeitplan passte. Es gab so viel zu tun, so viele Verpflichtungen und wichtige Fälle. Dabei wäre der wichtigste Fall bei ihr zu Hause gewesen. Sie hätte es sehen müssen. Die aschgraue Farbe in Silvias Gesicht. Die feinen Linien, die der Schmerz hineinmalte.
   Natürlich war ihre Mutter stets bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Damit es Cat bei all dem Stress, den sie auf dem Revier hatte, nicht noch zusätzlich belastete. Doch eine Tochter durfte nicht blind sein, wenn es um die Gesundheit der eigenen Mutter ging. Das ließ sich mit nichts rechtfertigen. Und dann war es zu spät gewesen.
   Vor zwei Wochen kam Catherine vom Dienst nach Hause und fand ihre Mutter bewusstlos in der Küche auf dem Fliesenboden. Mit schwachem Puls und flacher Atmung. Der Krankenwagen kam schnell, aber nicht schnell genug, wie sie fand. Ein paar Stunden später erklärte ihr der behandelnde Arzt mit einem Gesichtsausdruck zwischen Mitleid und berufsbedingter Distanz, dass sie die kommenden Tage nutzen solle, um ihren Frieden zu machen und Abschied zu nehmen. Zehn Tage hatte ihre Mama tapfer gekämpft, war sogar einige wenige Male noch zu Bewusstsein gekommen, aber zu schwach, um lange wach zu bleiben oder mehr als ein paar wenige, liebevolle Worte mit ihr zu wechseln. Und dann war sie gegangen. In einem der seltenen Momente, in denen die Erschöpfung Cat doch übermannt hatte und sie für einen Augenblick eingenickt war. Den durchdringenden Ton der Nulllinie würde sie in ihrem ganzen Leben nicht vergessen.
   Danach hatte sie vier Tage lang nur funktioniert. Sie kannte das ganze Prozedere, hatte unzählige Male erlebt, wie so etwas ablief. Behördengänge, Abmeldungen, Totenschein, der Kauf eines Sarges, der Termin für die Einäscherung, eine Beisetzung im kleinen Kreis. Sie konnte sich weder an die Gesichter der Trauergäste erinnern noch daran, was sie gesagt hatten. Das alles war an ihr vorübergezogen wie im Nebel.
   Während der vier Tage zwischen Mamas Tod und ihrer Beisetzung war Catherine weiter im Hotel geblieben, weil sie das Haus mit all seinen Erinnerungen nicht ertragen hätte, solange sie noch nicht endgültig Abschied genommen hatte. Heute Nachmittag, mit der Versiegelung des Urnengrabes, war dieser Moment gekommen und sie musste sich der Rückkehr in ihr Zuhause stellen, das nun tatsächlich keinem anderen mehr gehörte außer ihr allein.
   Catherine presste die Augen zusammen, auch wenn ihr klar war, dass sich die Wahrheit nicht einfach aussperren ließ. Die Tränen brannten hinter ihren Lidern, bis der Druck schließlich zu groß wurde und als salziges Rinnsal über ihre Wangen floss. Ihr Körper zitterte unter der Anstrengung, stark sein zu wollen, sich zu beherrschen, wie sie es bei der Polizei gelernt hatte. Aber auf diese Situation hatte auch der harte Drill sie nicht vorbereiten können. Der Tod war eine Sache, der Tod eines Menschen, den man liebte, eine ganz andere.
   War es für ihre Mutter ähnlich schwierig gewesen, als ihr Vater starb? Damals war Cat noch zu klein gewesen, um es zu verstehen. Sie konnte sich heute kaum noch daran erinnern. Für sie war der Mann mit den sanften braunen Augen und dem Lächeln, der ihr auf Bildern im ganzen Haus entgegenblickte, eher wie ein vertrauter Fremder, aber das Gefühl eines Vaters vermittelte er ihr nie.
   Vielleicht, weil sie keine Ähnlichkeit mit ihm finden konnte. Ihr silberblondes Haar und die hellblauen Augen, der blasse, für eine Spanierin ungewöhnliche Teint hatten sie immer von allen anderen ihrer Familie unterschieden. Ganz besonders von Piedro Navole, dessen Haar und Augen schwarz wie die Nacht waren und die Haut von gesunder Bräune.
   Cat gestand sich ein, dass sie sich in diesem Moment zum allerersten Mal in ihrem Leben inständig wünschte, dass ihr Vater noch bei ihr wäre. Um ihr den Halt zu geben, den ihr nun niemand mehr geben konnte. Aber er war fort. Zu seiner Familie hatte schon zu Lebzeiten so gut wie kein Kontakt bestanden. Selbst auf der Beerdigung war niemand von den Verwandten gewesen, die sie nur von Bildern kannte. Ihre Mutter und sie hatten einfach nie dazugehört. Langsam sickerte die Erkenntnis in ihr Bewusstsein, dass sie allein war – wirklich allein! Nicht nur in diesem Haus.
   Sie gönnte sich noch einige Sekunden, ehe sie entschlossen mit dem Ärmel ihrer schwarzen Leinenbluse über ihre Augen wischte und dem Tränenschleier zum Trotz die Stufen nach oben ins Schlafzimmer ihrer Mutter emporstieg.
   Hilflos blickte sie sich um. Ein ganzes Menschenleben – am Ende reduziert auf ein paar Kleidungsstücke und den schwindenden Duft von Lavendel in stillen Räumen. Alles kam ihr fremd und ungewohnt vor, fast, als wäre sie nie zuvor hier gewesen. Sie nahm jede Einzelheit bewusst in sich auf, klammerte sich daran wie an einen Strohhalm im reißenden Strom der Verzweiflung. Die handbestickte Tagesdecke auf dem Bett, das halb gelesene Buch auf dem Nachttisch, die kleinen Duftsäckchen auf der Kommode, den Porzellanharlekin auf seinem Halbmond an der Decke. Alles Dinge, die ihrer Mutter wichtig gewesen waren und die nun zu einem letzten Bindeglied zu ihr wurden.
   Die neuerliche Flut der Tränen erstickte Catherine fast, in ihrem Kopf kreisten tausend Fragen und tausend Dinge, die sie ihrer Mutter noch hatte sagen wollen. Jetzt war die Chance vertan. Was nicht ausgesprochen worden war, würde nie mehr gesagt werden können. Die Endgültigkeit dessen drang mit ihrer ganzen, erbarmungslosen Macht in Cats Bewusstsein, raubte ihr den Atem und zwang sie vor dem Bett auf die Knie, wo sie ihr Gesicht in die Laken drückte, um mit dem Duft ihrer Mutter, der noch im Stoff hing, für einige Herzschläge die Illusion ihrer Gegenwart heraufzubeschwören, in der Hoffnung, darin Trost zu finden.
   Unten zog jemand an der Türglocke und riss sie aus ihren Erinnerungen. Catherine zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Wer konnte das sein? Es war später Abend.
   Hastig wischte sie die Tränen fort und ging nach unten, auch wenn ihr ganz und gar nicht nach Kondolenzbesuchen zumute war.
   Doch vor der Tür stand niemand, der ihr Beileid wünschen wollte, sondern der Anwalt ihrer Mutter, Señor Boscuitti.
   In seiner Hand hielt er eine dunkelbraune Ledermappe, die ihm offenbar sehr wichtig war. Er umklammerte sie fest, schaute von ihr zu Catherine und wieder zurück, umfasste sie dann mit beiden Händen und räusperte sich. »Guten Abend, Señorita Navole. Es ist mir sehr unangenehm, Sie gerade jetzt zu belästigen, aber dürfte ich bitte einen Moment hereinkommen? Es ist wichtig und dauert auch ganz sicher nicht lange.«
   Wortlos trat Cat einen Schritt zur Seite. Sie geleitete ihn ins Wohnzimmer und betete im Stillen, dass er tatsächlich nicht lange bleiben möge.
   Dem Anwalt war die Situation mindestens genauso unangenehm wie ihr. Er hüstelte verlegen und schaute sich im Zimmer um.
   Sie fragte sich, warum er seinen Besuch nicht auf Montag früh verschoben hatte. Schließlich erinnerte sie sich trotz aller Trauer an ihre guten Manieren. »Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Señor Boscuitti? Ein Glas Wasser vielleicht? Einen Saft?«
   Der Anwalt schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank. Ich werde nicht lange bleiben. Es tut mir wie gesagt auch leid, dass ich Sie so kurz nach der Beerdigung bereits überfallen muss, Señorita Navole. Ich hätte es auch nicht getan, wenn die Umstände es nicht erforderlich machen würden. Selbstverständlich kann ich mir vorstellen, dass es Ihnen gerade sehr schwer fällt … nun … dass der Tod Ihrer Mutter …« Er brach ab, räusperte sich wieder und legte schließlich die Mappe auf den Tisch.
   »Danke, Señor Boscuitti. Ja, ich bin noch sehr mitgenommen von der Beerdigung. Wenn wir es also kurz machen könnten.« Es erschien ihr unhöflich, ihn zur Eile zu drängen, doch sie wollte jetzt einfach für sich sein. Wenn es tatsächlich etwas gab, das so wichtig war, dass es nicht bis Montag warten konnte, dann sollte er es einfach sagen und wieder gehen.
   »Ich bin im Auftrag der Verstorbenen hier«, erklärte er. »Diese Mappe …«, er strich behutsam mit den Fingern über das gepflegte Leder und das Wachssiegel, mit dem es verschlossen war, »… Ihre Mutter gab sie mir vor vielen Jahren mit dem Auftrag, sie am Tag ihrer Beerdigung an Sie auszuhändigen. Die offizielle Testamentseröffnung wird noch einige Zeit dauern, ich werde Sie dann umgehend in Kenntnis setzen. Doch diese Mappe steht außerhalb des Nachlasses und betrifft nur Sie allein.«
   Er sah Cat eine Weile an. Wartete wohl, ob sie Fragen dazu hatte, was durchaus der Fall war, doch sie fühlte sich außerstande, diese zu formulieren oder gar auszusprechen. Als keine Reaktion von ihr kam, schob er die Mappe plötzlich hastig zu ihr herüber. Catherine überkam das Gefühl, er war froh, sie endlich loszuwerden. Der Eindruck verstärkte sich, als Señor Boscuitti sich sofort erhob und verabschieden wollte.
   Catherine starrte die Mappe an und ein seltsames Gefühl breitete sich in ihr aus. Sie hatte in ihrem Job als Polizistin beim Morddezernat ein gutes Gespür entwickelt und etwas sagte ihr, dass der Inhalt dieser schlichten Mappe ihr Leben verändern, sogar auf den Kopf stellen würde. Diese Mappe – sie wollte sie nicht öffnen, wollte sie nicht einmal hier haben, obwohl sie ihrer Mutter so außerordentlich wichtig gewesen war. Wenn ihre Mutter darauf beharrte, dass sie Catherine umgehend zugestellt wurde, musste sie von großer Bedeutung sein. Dennoch erweckte sie eine instinktive Abneigung in Cat, die sich schwer erklären ließ. Sie merkte, wie ihre Lippe zitterte, obwohl sich keine neue Tränenflut ankündigte.
   Señor Boscuitti blickte sie besorgt und hilflos an. Er zögerte einen Augenblick, dann legte er eine Hand auf ihren Arm. »Wenn ich irgendetwas für Sie tun kann, Señorita Navole.«
   Was musste sie für einen Eindruck auf ihn machen? Blass, mit rot geweinten Augen und tiefen schwarzen Ringen darunter. Aber andererseits sah er so etwas sicher häufiger, da die Nachlassverwaltung eines seiner Hauptaufgabengebiete war.
   »Vielen Dank, Señor Boscuitti. Im Augenblick muss ich wohl einfach erst mal mit der Situation klarkommen.« Ihre Stimme klang rau.
   Er nickte verständnisvoll und hielt ihr zum Abschied die Hand hin, die eben noch auf ihrem Arm gelegen hatte. Der Verlust ihrer Wärme tat seltsam weh, verstärkte das Gefühl der Einsamkeit.
   Ihre Finger waren klamm, als sie seine Hand ergriff und ihn anschließend zur Tür brachte.
   So unangenehm die Atmosphäre von Lautlosigkeit und Leere auch war, erleichterte es sie doch, die Tür hinter ihm schließen zu können und wieder für sich zu sein.
   Die Gedanken drehten sich noch rasanter als zuvor hinter ihrer Stirn, ihr wurde schwindlig und sie musste sich setzen, weshalb sie zurück ins Wohnzimmer schwankte.
   Sie schwitzte und fror abwechselnd, fürchtete, einen Nervenzusammenbruch zu erleiden, jetzt, wo die Anspannung der vergangenen Tage von ihr abfiel, sie nicht länger funktionieren und organisieren musste. So etwas hatte sie oft bei Hinterbliebenen von Mordopfern miterlebt. Kein schöner Anblick.
   Mit aller Kraft riss sie sich zusammen, betrachtete argwöhnisch vom Sofa aus die Mappe, als wäre diese ein Raubtier, das jeden Moment über sie herfallen könnte. Es schauderte sie. Dann wieder schalt sie sich eine Närrin. In der ledernen Hülle war etwas, das ihre Mutter ihr hinterlassen hatte. Wie konnte das böse oder gefährlich sein? Außerdem würde es sie ablenken. Trotzdem zögerte sie es hinaus, sie anzufassen und ihr schlug das Herz bis zum Hals beim Klang des brechenden Wachssiegels.
   In der Mappe befanden sich mehrere Zeitungsausschnitte, ein Kuvert mit einem Brief darin, eine silberne Münze mit einer merkwürdigen Prägung, die Cat an keltische Symbole erinnerte, und das Foto eines Mannes, den sie nie zuvor gesehen hatte. Sein Anblick jedoch ließ einen eisigen Klumpen in ihrem Magen zurück und brachte ihre Nerven zum Prickeln.
   Er war auch auf den Bildern der Presseartikel. Vigo Lavalle. Ein Industriemogul aus Melbourne, Australien.
   Ein attraktiver Mann in den Vierzigern. Damals jedenfalls. Smart, gepflegt und sehr selbstbewusst lächelte er in die Kameras, schüttelte die Hände wichtiger Persönlichkeiten oder posierte vor dem Eingang seiner Leviathan-Konzernzentrale. Biochemie und Softwareentwicklung gehörten zum Produktspektrum der zwei separaten Sparten, die unter dem Dach des Mutterhauses vereint wurden. Eine seltsame Kombination fand Cat.
   Er galt als Selfmade-Milliardär, wie er im Buche stand. Was hatte ihre Mutter mit diesem Menschen zu tun, dass sie all diese Artikel von ihm sammelte und ein Foto besaß, auf dessen Rückseite sogar eine liebevolle Widmung stand, die Catherine die Kehle zuschnürte?

Meine geliebte Silvia,

Du wirst mir auch in der Ferne immer nahe sein.

Dein Vigo


Die Artikel aus den Zeitungen stammten aus den siebziger Jahren und Vigo Lavalle sah auf ihnen genauso aus wie auf dem Foto. Also stammte beides aus der Zeit kurz nach ihrer Geburt. War er ein Liebhaber gewesen? Hatte ihre Mutter ihren Vater mit diesem Mann betrogen? Und das, wo sie gerade Eltern geworden waren?
   Aber wo war sie ihm begegnet und wie lang hatte diese Liaison gedauert? Hatte ihr Vater davon gewusst?
   Alle diese Gedanken ängstigten sie, aber nicht so sehr wie die eine Erkenntnis, die sie schon beim ersten Blick auf das Foto ereilt hatte. Vigo Lavalle hatte das gleiche silberblonde Haar und die gleichen aquamarinblauen Augen wie sie. Das, was sie von allen Mitgliedern ihrer Familie immer unterschieden hatte, verband sie mit diesem Fremden und weckte einen beunruhigenden Verdacht.
   Catherine hoffte und fürchtete gleichermaßen, dass der Brief ihr mehr verraten würde. Adrenalin jagte durch ihren Körper, während sie die Zeilen studierte, die ihre Mutter vor einigen Jahren zu Papier gebracht hatte.

Meine liebe Cat,

wenn Du diesen Brief und alles andere, was ich Dir zusammen mit ihm überlasse, in Händen hältst, bin ich nicht mehr bei Dir. Du hast mich vor wenigen Stunden zu Grabe getragen und ich fühle mich schuldig, nicht den Mut besessen zu haben, Dir das, was Du jetzt erfahren sollst, zu Lebzeiten zu sagen. Von Angesicht zu Angesicht. Aber ich war zu schwach, meine Angst zu groß. Vielleicht wirst Du mich verstehen, vielleicht aber auch verurteilen. Für mein Schweigen und dafür, was ich getan habe. Ich hatte nicht die Kraft, mich dem zu stellen. Verzeih mir, mein Kleines, dass ich Dir erst jetzt dieses Wissen mit auf den Weg gebe und Dich gleichzeitig damit allein lasse.

Piedro Navole und ich waren sehr glücklich in den wenigen Jahren, die wir zusammen verbringen durften. Er war mir ein guter Mann und Dir ein guter Vater, doch Du bist nicht seine Tochter, Catherine. Er heiratete mich, als ich bereits das Kind eines anderen unterm Herzen trug.
Es war für mich das größte Glück, das ich mir hätte wünschen können, nachdem ich den einzigen Mann, den ich von ganzem Herzen liebte und immer lieben werde, verloren hatte.

Du wirst das jetzt womöglich für ungerecht halten, mir vorwerfen wollen, Piedro nur ausgenutzt zu haben. Doch er wusste es immer und hat es so akzeptiert, denn er war sich sicher, dass ich dennoch immer bei ihm bleiben und ihm treu sein würde. Ich habe auch ihn geliebt, auf eine andere Weise. Es hat genügt, um glücklich zu sein, auch wenn dies leider nur von kurzer Dauer war. Dennoch hätte ich nach seinem Tod niemals einen anderen zum Manne nehmen können.

Eine Weile spielte ich mit dem Gedanken, mit Dir nach Australien zurückzugehen, Dich zu Deinem leiblichen Vater zu bringen, doch auch dafür fehlte mir der Mut. Ich wollte mich nicht in sein Leben drängen, hatte er doch eine Frau, die er liebte. Hasse mich nicht dafür, dass ich sogar mit dem Gedanken spielte, da seine Ehe kinderlos geblieben war, Dich ihm zur Adoption anzubieten. Doch das hätte mir das Herz gebrochen, denn Du warst mein Ein und Alles, das ich niemals aufgeben wollte. Und er hätte es auch nicht zugelassen, obwohl ich sicher bin, dass er Dich von Herzen geliebt haben würde.

Du wirst Dich fragen, wie es überhaupt dazu kam, dass ich von ihm schwanger wurde und ob er davon wusste. Nein, Vigo wusste nichts von Dir. Ich habe ihn nie vor die Wahl gestellt, sich für seine Frau oder uns zu entscheiden. Mit achtzehn ging ich für zwei Jahre nach Melbourne. Ich habe Dir nie davon erzählt, weil es zu viele Fragen aufgeworfen hätte. Dort arbeitete ich als Au-pair-Mädchen für eine wohlhabende Familie, kümmerte mich um die Kinder und erledigte den Haushalt. Vigo Lavalle war ein häufiger Gast. So lernten wir uns kennen und schließlich lieben. Ich habe mir nie etwas von ihm erhofft, denn ich wusste, dass er verheiratet war. Dennoch konnte ich meine Gefühle nicht verleugnen und er ebenso wenig. Als ich schwanger wurde, sah ich keinen anderen Ausweg, als nach Spanien zurückzukehren und jeden Kontakt zu Vigo abzubrechen.

Anfangs schrieb er mir noch und schickte mir das Foto, dass Du nun in Händen hältst, zusammen mit der Silbermünze. Ich weiß nicht, was genau sie bedeutet, aber sie war ihm immer sehr wichtig. Einen größeren Beweis seiner Liebe konnte er mir nicht geben. Geantwortet habe ich ihm nie und so hörten seine Briefe schließlich auf. Doch die Münze habe ich all die Jahre aufbewahrt – für Dich. Und nun hoffe ich, dass sie Dich und ihn zusammenführen wird. Falls es das ist, was Du willst. Denk darüber nach, Cat. Er kann Dir ein sorgenfreies, sicheres Leben bieten. Und ich weiß, er wird Dich lieben, wenn er Dich sieht.

Verzeih mir mein Schweigen, wenn Du kannst. Ich liebe Dich, meine Kleine. Und ich werde im Herzen immer bei Dir sein.

Deine Mama


Eine halbe Ewigkeit hatte Cat das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Das Blut rauschte in ihren Ohren, ihr Herzschlag glich einer betäubenden Trommel, deren Klang sie tiefer und tiefer in einen Abgrund zog. Einen Strudel widersprüchlicher Gefühle, der sie im Kreis herumwirbelte, bis sie kaum mehr wusste, wo oben und unten war, was Wahrheit und was Lüge. Ihr Instinkt hatte sie nicht getrogen. Diese Mappe stellte ihr bisheriges Leben völlig auf den Kopf. Nein, sie brachte die heile Welt, in der sie zu leben geglaubt hatte, zum Einsturz und ließ sie bewegungsunfähig unter den Trümmern zurück.

Flughafen Madrid,
16. Juni 2003

»Kann ich Ihnen helfen, Señora?« Die Stewardess lächelte Catherine freundlich an.
   Offenbar machte sie den Eindruck, dass sich je-
   mand um sie kümmern musste, was sie nicht verwunderte. Nachdem der Schock über das Geständnis ihrer Mutter abgeklungen war und sie eine Woche über den Brief und die Möglichkeit, die er ihr bot, nachgegrübelt hatte, fasste sie sich ein Herz, reichte ihre Kündigung ein und beantragte ein Visum für Down Under.
   Wie sie all die Behördengänge geschafft und die vielen Formulare ausgefüllt hatte, konnte sie sich selbst nicht erklären. Vermutlich, weil sie die ganze Zeit über in einer Art Trance gefangen war und lediglich logisch einen Schritt nach dem anderen in Angriff nahm, bis sie heute früh schließlich mit einem Koffer am Flughafen stand und in eine Maschine nach Rom eincheckte, ehe sie von dort weiter nach Australien fliegen konnte. Der erste Flug ihres Lebens.
   Ihr Chef hatte ihre Kündigung nicht akzeptieren wollen, nachdem sie ihn über die groben Hintergründe in Kenntnis setzte, allerdings einer einjährigen Beurlaubung zugestimmt, damit sie ihre privaten Angelegenheiten regeln konnte.
   Der Schreck darüber, dass Piedro Navole nicht ihr leiblicher Vater war, wich nach und nach einer unsicheren Freude auf ein Treffen mit Vigo Lavalle. Sie fühlte sich diesem Fremden auf eine ihr unerklärliche Weise nahe. Spürte ein Band zu ihm, das zu Piedro nie bestanden hatte. Konnte es so etwas wirklich geben? Ein mediales Band zwischen Vater und Tochter, obwohl sie einander nie begegnet waren?
   In den letzten drei Tagen brannte die Aufregung eines Kindes in ihr, das sich auf Weihnachten freut. Die bange Frage, wie er reagieren würde, war Zuversicht gewichen. So verrückt diese Reise auch war, Catherine zweifelte nicht daran, dass sie das Richtige tat, und das lag nicht allein daran, dass es der letzte Wunsch ihrer Mutter war. Dafür nahm sie auch den Horrortrip einer Flugreise auf sich, der praktisch schon beim Einchecken angefangen hatte.
   »Danke! Ich bin einfach nur etwas nervös«, gestand sie der Stewardess.
   »Sie fliegen zum ersten Mal?«
   Cat nickte und machte einen gequälten Gesichtsausdruck. »Ja, und dann gleich bis nach Australien.«
   Die Angestellte der Fluggesellschaft nickte anerkennend, aber auch ein wenig überrascht. »Oh, gleich einen Langstreckenflug. Aber sind Sie dann nicht in der falschen Maschine? Diese hier fliegt nach Rom.«
   Sie schüttelte den Kopf und erklärte verlegen, dass sie diesen Umweg aus Kostengründen auf sich nahm.
   »Na dann. Meinen Glückwunsch. Sie haben sich einen perfekten Tag dafür ausgesucht. Es scheint ein angenehm ruhiger Flug zu werden. In Rom sollten Sie den Flughafen besser nicht verlassen, damit Sie ihren Anschlussflug nicht verpassen. Mit welcher Gesellschaft fliegen Sie?«
   »Air India.«
   »Ah, dann haben Sie ja etwas Zeit und können die ersten Flugerfahrungen in Ruhe verarbeiten. Ich versichere Ihnen, die Aufregung wird sich rasch legen, wenn wir erst einmal in der Luft sind.«
   »Äh, wie ist das denn mit meinem Gepäck?«, fragte Cat unbedarft. Sie hatte am Check-in-Schalter vergessen, danach zu fragen und keine Ahnung wo und wie sie ihren Koffer abholen und für Australien neu einchecken sollte.
   »Wenn Sie die Flüge als Gesamtroute gebucht haben, wird das Gepäck automatisch in die Air-India-Maschine verladen. Soweit ich weiß, haben Sie auf der Langstrecke noch mal einen Zwischenstopp in Neu Dheli, bei dem Sie sich ein wenig die Füße vertreten können, aber verlassen Sie auch dort nicht den Flughafen. Und glauben Sie mir, es gibt nichts Erholsameres als Schlaf über den Wolken.«
   Mit einem Zwinkern setzte die junge Frau ihren Weg fort. Cat atmete tief durch. Sie bezweifelte, überhaupt schlafen zu können. Aber vermutlich würde die Erschöpfung ihren Tribut fordern und es war sicher nicht das Schlechteste für ihre Nerven, wenn sie ein paar Stunden dieser ungewohnten Reiseart mit Schlaf verbrachte.
   Ein junger Mann blieb an ihrer Sitzreihe stehen, blickte auf sein Ticket, lächelte sie an und verstaute seinen Mantel in der Gepäckablage.
   »Hallo! Sieht aus, als wären wir für die nächsten zwei Stunden Nachbarn.«
   Cat erwiderte sein Lächeln. Sie hätte es schlechter treffen können. Er wirkte sympathisch und weckte in ihr die Hoffnung, in den ersten Minuten etwas Ablenkung zu finden, wenn sie mit ihm ins Gespräch kam. Seine grünen Augen gefielen ihr auf Anhieb. Das kurze schwarze Haar und der durchtrainierte Oberkörper, der sich unter seinem Hemd abzeichnete, wiesen ihn als körperbewussten Geschäftsmann oder vielleicht sogar ein Model aus. Er war der Typ smarter Dressman, nach dem sich Frauen auf der Straße umdrehten – sie eingeschlossen. Cat konnte sich vorstellen, wie er an der Börse Aktien handelte oder in einem Café mit dem Handy am Ohr sein nächstes Fotoshooting plante. Sie musste innerlich über sich lachen, dass sie sogar jetzt noch sofort anfing, einen Menschen zu analysieren. Berufskrankheit. Aber vielleicht lag es auch einfach daran, dass er jemand war, der rein optisch ihr Interesse wecken könnte, wenn sie nicht gerade mit Flugangst und einer Vielzahl unterschiedlichster Emotionen zwischen Trauer und Hoffnung kämpfen musste. Gott, sie drehte langsam durch. Sie hätte wirklich ein paar Beruhigungstabletten nehmen sollen.
   Cat lächelte verlegen. »Ich hoffe, ich raube Ihnen nicht den letzten Nerv bis Rom. Das ist nämlich mein erster Flug.«
   Er schmunzelte und hob fragend die Augenbrauen. »Und? Nervös?«
   Sie nickte und nagte an ihrer Unterlippe.
   »Keine Sorge. Fliegen ist immer noch die sicherste Art, zu reisen. Sie wollen nach Australien?«
   Als sie ihn mit gerunzelter Stirn ansah, weil dieser Flug ja erst einmal nur bis Rom ging, wies er auf den Reiseführer, der aus ihrer Tasche hervorlugte. Erwischt.
   »Ja, sieht wohl so aus«, antwortete sie zaghaft.
   »Ganz schön lange fürs erste Mal. Aber sind Sie dann überhaupt in der richtigen Maschine?«
   Catherine verdrehte die Augen. »Das hat mich die nette Stewardess vorhin auch schon gefragt. Ja, ich bin hier richtig. Ich fliege erst nach Rom und von dort weiter.«
   »Verstehe. Sie testen erst mal das Fluggefühl.« Er ahmte mit der Hand einen aufsteigenden Jet nach.
   Cat musste lachen. »So ungefähr. Und Sie? Fliegen Sie nur bis Rom?«
   »Ja, leider. Hätte ich gewusst, welch charmante Sitznachbarin ich bekomme, hätte ich vielleicht noch einen Anschlussflug nach Down Under gebucht.« Er nahm Platz, legte seinen Gurt an und streckte ihr anschließend die Hand entgegen. »Ich bin Cyril. Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
   »Catherine.«
   Seine Hand fühlte sich warm und kräftig an, gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. »Fliegen Sie häufig, Señor?«
   Er lachte. »Ständig. Machen Sie sich keine Sorgen. Diese Dinger sind so sicher wie der Tower in London.«
   »Na ja, der ist aber wenigstens auf dem Boden.«
   »Wenn wir bis Rom abstürzen, rette ich Sie. Ich habe einen Fallschirm in meinem Koffer versteckt«, versprach er mit jugendlichem Zwinkern.
   »Dann hab ich ja Glück, dass Sie das erste Stück denselben Flug nehmen. Ich bin sicher, es ist der gefährlichste Teil der Strecke.«
   Er grinste. »Ja, für den Rest reicht es, wenn Sie schwimmen können. Und von Glück kann man in der Tat sprechen. Mein Flug hat sich erst heute Morgen ergeben.«
   »Wirklich? Ich habe auf meinen fast zwei Wochen warten müssen und auch den nur bekommen, weil ich den kleinen Umweg in Kauf genommen habe.« Von der finanziellen Komponente ihrer Wahl erzählte sie ihm nichts.
   Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht ist kurzfristig jemand abgesprungen, dessen Platz ich haben konnte.«
   »Solange er das nicht erst in der Luft entschieden hat.«
   Er sah sie für eine Sekunde irritiert an, ehe er den Witz begriff und in schallendes Lachen ausbrach.
   Cat war über sich selbst verwundert, dass sie zum Scherzen aufgelegt war. Offenbar würde ihr der Flug in Gesellschaft dieses attraktiven Mannes guttun. Schade, dass er nicht bis Australien an ihrer Seite blieb.
   Die Stewardess kam zurück und verteilte Zeitungen.
   »Oh, ich sehe, Sie haben charmante Gesellschaft bekommen. Dann muss ich mir um Sie ja keine Sorgen mehr machen.«
   Es war ihr ein wenig unangenehm, aber da Cyril es mit einem weiteren Zwinkern quittierte, sagte auch Catherine nichts dazu, sondern nahm nur eine der Zeitungen entgegen und schlug sie auf. Die Schlagzeile des Tages war der gewaltsame Tod des Pharma-Bosses José San Diago. Mit mulmigem Gefühl dachte Cat daran, dass sie normalerweise nun am Tatort wäre, um dort mit den Untersuchungen zu beginnen.
   »Alles okay?«, fragte Cyril.
   »Ja, alles in Ordnung. Ich bin Polizistin, wissen Sie? Normalerweise wäre mein Platz jetzt dort am Tatort. Und stattdessen sitze ich in einem Flieger nach Down Under.«
   »Na ja, jeder muss mal Urlaub machen.«
   Sie seufzte. »Nur, dass es für mich kein Urlaub ist.«
   »Ist es nicht?« Irgendetwas in dem Blick, den er ihr zuwarf, verunsicherte sie. »Wären Sie jetzt lieber dort, am Tatort, wenn ich so indiskret fragen darf?«
   Sie hörte seine Frage nur mit halbem Ohr, denn ein Name stach ihr aus dem Artikel über den Mord an San Diago ins Auge. Vigo Lavalle! Cat schluckte und ihr wurde augenblicklich kalt.
   Ihr Vater! Der Mann, den ihre Mutter ihr Leben lang geliebt hatte und den sie noch immer nicht kannte. Ausgerechnet jetzt, wo sie auf dem Weg zu ihm war, las sie seinen Namen in Zusammenhang mit einem schrecklichen Verbrechen. Es schnürte ihr die Kehle zu.
   In der Zeitung stand, dass zwischen den beiden Männern seit Jahren eine enge Geschäftsbeziehung und innige Freundschaft bestand. Eine Verbindung zwischen einem Forschungszentrum für Biochemie und einem Pharmakonzern war auch durchaus nicht verwunderlich, aber dieser seltsame Zufall ließ ihr Blut um einige Grade erkalten.
   Lavalle war einer der Ersten gewesen, die von der Geschäftsleitung San Diagos informiert worden waren, und hatte bereits sein tiefes Bedauern zum Ausdruck gebracht.
   Cat spürte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. Der Zeitpunkt für einen Besuch war wohl gerade nicht der Beste. Aber zurück konnte sie jetzt auch nicht mehr. Würde das Auswirkungen auf seine Reaktion haben, wenn sie plötzlich vor seiner Tür stand? Ihr Magen drehte sich und Benommenheit machte sich in ihrem Kopf breit. Eine unerklärliche Angst, dass er sie ablehnen könnte, kroch in ihr hoch wie eine giftige Schlange und zog ihren Brustkorb zusammen.
   »Catherine? Ist Ihnen nicht wohl? Soll ich die Stewardess rufen? Brauchen Sie etwas gegen Flugangst? Sie sehen gar nicht gut aus.«
   Die besorgte Stimme ihres Sitznachbarn holte sie in die Wirklichkeit zurück.
   »Was? Nein, schon gut. Ich bin nur gerade …«
   Er sah sie aufmerksam an und wartete.
   »Dieser Mann, der da ermordet wurde …«
   Er warf einen Blick auf ihre Zeitung, sah ihr dann wieder in die Augen. »Kennen Sie ihn?«
   War da ein scharfer Klang in seiner Stimme? Oder litt sie nun schon unter Paranoia? Der Stress der letzten Wochen, die vielen Ereignisse, da konnte es schon mal passieren, dass der Polizeiinstinkt übersensibel wurde.
   »Ja … nein. Nicht direkt. Obwohl die Polizei von Madrid die meisten großen Firmeninhaber natürlich kennt. Aber das ist es nicht. Nur dieser Australier, von dem hier die Rede ist. Vigo Lavalle …«
   Sein Gesichtsausdruck verdunkelte sich. Das konnte nicht nur Einbildung sein. Ihr lief ein kalter Schauder über den Rücken. Solch einen Blick hatten Killer. Sie hatte beim Verhör schon vielen gegenübergesessen, die sie mit genau diesem Blick anstarrten. Instinktiv rückte sie von Cyril ab, der daraufhin verwundert die Stirn runzelte. Sie sah sich um, überlegte, ob sie den Platz wechseln könnte, doch mit welcher Begründung? Außerdem war die Maschine voll besetzt. Ein Gast in der Sitzreihe schräg vor ihr drehte sich um. Sein Blick streifte sie so finster wie eine mondlose Nacht. Hastig wandte sie sich ab, sah den Mann auf der anderen Seite des Ganges an, in dessen Zügen sie etwas Lauerndes zu sehen glaubte. Gott, sie musste hier raus, sonst würde sie verrückt werden. Ihre Hände zitterten und sie gewann den Eindruck, die Luft um sie herum werde dünner, das Atmen schwerer.
   »Catherine?«, rief jemand von weit her, aber in ihrem Kopf drehte sich bereits alles. Sie wollte flüchten, konnte sich aber nicht bewegen, merkte nur, wie sie immer tiefer in den Sitz sank. Ihr Atem klang rasselnd in ihren Ohren. Schritte näherten sich, jemand hob sie hoch, sie roch herbes, männliches Parfüm. Etwas Kühles wurde gegen ihre Lippen gepresst und sie nahm einen großen Schluck Wasser. Allmählich klärten sich ihre Sinne wieder. Mit flatternden Lidern schlug Catherine die Augen wieder auf. Über sie gebeugt stand Cyril, der Killerblick war verschwunden und hatte echter Sorge Platz gemacht. Er hielt ihre Hand und lächelte erleichtert, als sie wieder zu sich kam.
   »Sollen wir einen Arzt rufen? Wollen Sie den Flug vielleicht doch lieber verschieben?«, erkundigte sich die Stewardess.
   Peinlich berührt richtete sich Cat auf. Was mussten diese Leute von ihr denken? Da hatte sie ja einen schönen Auftritt hingelegt. Und alles nur wegen ihrer überspannten Nerven.
   Sie musterte den jungen Mann, der ihre Finger noch immer mit seiner warmen, kräftigen Hand umschloss, und in dem sie vor wenigen Minuten noch einen Killer gesehen hatte. Ihre Scham verstärkte sich. »Tut mir leid, das ist mir äußerst unangenehm. Nein, ich will den Flug ganz sicher nicht verschieben und ich brauche auch keinen Arzt. Es war nur eine kleine Kreislaufschwäche, ich hatte in den letzten Wochen ziemlich viel Stress.« Um ihre Worte zu unterstreichen, erhob sie sich von der improvisierten Liege.
   Die Stewardess sah sie zweifelnd an.
   »Es geht mir wirklich gut. Ich verspreche Ihnen, ich werde Ihren Flug nicht behindern.« Sie versuchte ein Lächeln, war sich beinahe sicher, dass es misslang.
   »Ich bringe die Señora wieder zum Platz zurück«, schaltete sich Cyril ein. »Und ich habe bis Rom ein Auge auf sie.«
   Mit einem Schulterzucken zog sich die Stewardess zurück.
   »Danke!«, sagte Catherine zu ihrem Retter.
   Der grinste schief. »Wofür? Ich habe doch nur Händchen gehalten. Das Wasser kam von ihr.«
   Wieder in ihrer Sitzreihe angekommen, senkte er die Stimme noch einmal zu einem besorgten Ton. »Geht es Ihnen wirklich gut? Sie sahen vorhin aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen, und zwar ein besonders gruseliges.«
   Cat schüttelte den Kopf, strich sich das Haar zurück und gab sich tapfer, obwohl sie verstohlen in die Runde blickte, doch auch die anderen beiden Männer wirkten jetzt wieder harmlos wie zuvor. »Es ist wirklich nichts. Nur die Nerven, aber nicht wegen des Fluges. Ich …«, sie zögerte, was und wie viel sie ihm sagen sollte. Ob Killerblick oder nicht, er war ein Fremder. Zum einen ging ihn ihr Privatleben nichts an, zum anderen wollte sie sich auch niemandem aufdrängen oder ihn als Müllhalde für ihre Sorgen und Probleme missbrauchen. Schließlich holte sie tief Luft. »Ich habe vor knapp einem Monat meine Mutter verloren und bin seitdem von einer Behörde zur nächsten gelaufen. Ihr Tod kam recht plötzlich. Wenigstens hat sie nicht lange leiden müssen.«
   »Oh, das tut mir sehr leid«, sagte er aufrichtig und machte ein betroffenes Gesicht. »Ein Unfall?«
   »Nein. Krebs im Endstadium. Wir haben es wohl beide nicht wahrhaben wollen und es gab auch kaum Anzeichen. Jedenfalls hatte ich danach viel um die Ohren und auch meine Reise nach Australien hängt damit zusammen. Eine Familienangelegenheit … in Zusammenhang mit dem Nachlass. Na ja, und dann kam heute Morgen die Nachricht von diesem schrecklichen Verbrechen, und als ich eben von diesem australischen Geschäftspartner San Diagos las …« Sie lachte hilflos. »Ich glaube, das hat das Fass dann einfach zum Überlaufen gebracht.« Warum erzählte sie diesem Fremden das überhaupt?
   Sein Blick war schon wieder so stechend, dass es sie beunruhigte. Aber es sprudelte aus ihr heraus. Sie musste es loswerden, sonst würde es sie erdrücken.
   »Mein Pflichtbewusstsein, schätze ich. Dieser Tatort wäre mein Job. Mordkommission. Aber ich habe alles hingeworfen und reise nach Australien. Ausgerechnet das Land, aus dem dieser Geschäftsfreund des Toten stammt. Schon ein bisschen verrückt, dieser Zufall, finden Sie nicht?« Ihr Lachen klang selbst in ihren Ohren nach Hysterie.
   Er musterte sie eindringlich. Schweigend.
   Cat tastete nach der Silbermünze in ihrer Tasche und presste den Daumen auf die Prägung, doch im nächsten Moment lächelte Cyril bereits wieder.
   »Nein, das ist weder verrückt noch ein Zufall. Das alles hat nicht das Geringste miteinander zu tun. Es geht mich nichts an, entschuldigen Sie meine Neugier. Aber es ist verständlich, dass einen nach all diesen Ereignissen die Aufregung des ersten Fluges bereits aus der Bahn werfen kann. Ich hoffe, Sie werden einen sehr ruhigen Flug haben.« Er reichte ihr die Zeitung und griff wieder nach seiner eigenen. »Vielleicht lenken Sie sich besser ein wenig ab während des Starts. Und sobald wir in der Luft sind, sollten Sie sich etwas Starkes zu trinken geben lassen. Das beruhigt die Nerven.«
   Cat entspannte sich wieder und schalt sich insgeheim eine Närrin, dass sie sich derart von Paranoia übermannen ließ. Das hatte sie auf der Polizeischule ganz sicher nicht gelernt. Doch genau in dem Moment sagte Cyril etwas, das sie erneut aufhorchen ließ.
   »Aber genau genommen ist es um solche Leute auch nicht schade, oder?«
   Sie sah schockiert zu ihm. »Was? Was haben Sie da gesagt?«
   Er zuckte die Achseln und lächelte gleichmütig. »Na ja, diese reichen Industriellen haben doch fast alle ihre Leichen im Keller. Ich kann da kaum Mitleid empfinden. So ein grausiger Mord, wie der in der Zeitung, passiert ja wohl nicht ohne Grund, denken Sie nicht? Ich muss bei so was immer direkt an Mafia denken.« Er schien seine Bemerkung nicht weiter tragisch zu sehen.
   »Wie können Sie so etwas sagen? San Diago genoss einen tadellosen Ruf.«
   »Nach außen hin vielleicht. Aber wie viele Enthüllungsstorys finden sich jeden Tag in den Gazetten über Leute, von denen man auch dachte, sie hätten eine weiße Weste.«
   »Sie klingen fast, als würden Sie etwas wissen, das der Allgemeinheit bisher verborgen geblieben ist«, mutmaßte sie. Ihr Misstrauen wuchs.
   Es blitzte kurz in seinen Augen auf. Wie bei einem Raubtier. Aber es war so schnell wieder vorüber, dass sie sich nicht sicher war. Stattdessen schmunzelte er und nahm die Herausforderung an, als wäre das alles gerade ein interessantes Spiel. »Oh, wie es aussieht, habe ich die Polizistin geweckt. Verhören Sie gerade einen Verdächtigen, Señora? Aber ich habe nichts zu verbergen, daher antworte ich Ihnen gern. San Diago kannte ich flüchtig, könnte man sagen. Wir hatten einmal kurz geschäftlich miteinander zu tun. Und in Australien war ich noch nie, also glaube ich nicht, dass mir dieser Lavalle je begegnet ist. Doch man hört in gewissen Kreisen so einiges, daher würde ich keinen von ihnen zu meinen Freunden zählen wollen.«
   Eine leise Stimme meldete sich in Cat zu Wort. Für einen Moment fürchtete sie sogar, diesem Fremden könne die Ähnlichkeit zwischen ihr und Vigo Lavalle auffallen. Der Blick, mit dem er sie musterte, ließ sie das glauben, ließ sie frösteln. Doch sein Ton blieb ruhig und freundlich.
   »Es ist nur Gerede, doch oft ist ein Fünkchen Wahrheit dabei. Aber was reden wir über so unerfreuliche Dinge. Mich gruselt das und Sie sollten doch eigentlich froh sein, mal nicht mit Mord und anderen Verbrechen zu tun zu haben. Gerade, nachdem Sie in Ihrer eigenen Familie einen solchen Schicksalsschlag zu verkraften haben.«
   Ertappt senkte Catherine den Kopf. Er hatte recht. Selbst ihr war das eine oder andere Gerücht über San Diago zu Ohren gekommen, auch wenn es nie Beweise für illegale Geschäfte gegeben und er sich durch allerhand Wohltätigkeitsprojekte ausgezeichnet hatte. Aber was sagte das schon aus? Eine gute Publicity musste nicht den Charakter eines Menschen widerspiegeln.
   Das Schlimmste an diesen Gedanken war, dass es die Frage nach sich zog, welche Sorte Mensch der Mann war, zu dem sie gerade reiste und für den sie bereit war, ihr ganzes Leben aufzugeben. Er kannte San Diago, nannte ihn einen Freund. Was, wenn er ein korrupter Geschäftsmann war?
   Nein, schalt sich Cat. Dann hätte ihre Mutter ihn nicht so sehr geliebt. Er musste ein guter Mensch sein. Und es war richtig, dass sie ihn endlich kennenlernen wollte.
   Sie steckte die Zeitung in das Netz vor sich und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück.
   Als die Motoren des Airbusses gestartet wurden, versuchte sie, sich auf das monotone Surren zu konzentrieren. Vielleicht würde es sie entspannen. Cyril war in seine Lektüre vertieft und beachtete die Einweisungen der Flugbegleiterinnen ebenso wenig wie Cat, während die Maschine langsam zur Startbahn rollte. Das Aufheulen der Turbinen, als der Pilot beschleunigte, ging ihr durch und durch. Sie zuckte zusammen und konnte nicht verhindern, dass sie sich in ihrem Sitz festkrallte.
   »Geht gleich vorbei. Wenn wir erst mal in der Luft sind, merken Sie kaum noch, dass Sie in einem Flieger sitzen.«
   Hoffentlich.
   Ihr Magen stülpte sich um, während die Räder den Bodenkontakt verloren. Bloß nicht übergeben, dachte sie. Für einen Tag waren ihr genug Peinlichkeiten unterlaufen. Sie atmete flach mit geblähten Nasenflügeln und kämpfte die Übelkeit mit aller Macht nieder. Der Druck in ihren Ohren war unerträglich.
   »Machen Sie den Mund auf, dann lässt es ein wenig nach.«
   Sie sah Cyril ungläubig an, der es ihr kurzerhand vormachte.
   »Ist ein alter Trick. Versuchen Sie es.«
   Sie kam sich albern vor, dennoch probierte sie es aus. Es half tatsächlich.
   Ein letztes Mal schnappte sie noch nach Luft, als der Pilot eine deutliche Linkskurve flog. Danach lag der Airbus ruhig in der Luft und das Einzige, was sie daran erinnerte, nicht mehr auf dem Boden zu sein, war das Brummen der Motoren und eine weiße Welt aus Wattewolken, wenn sie aus dem Fenster sah.
   »Ein Ausblick, den Sie nirgendwo sonst erleben werden.« Cyril blickte über ihre Schulter ebenfalls aus dem kleinen Fenster und war ihr dabei sehr nah.
   Sie fühlte die harten Muskeln seiner Brust, die sich gegen ihre Schulter drückten. Heiße Röte schoss ihr in die Wangen. Sein Atem roch nach Pfefferminz, sein Aftershave besaß eine deutliche Note von Sandelholz, die sie schon vorhin während ihrer kurzen Ohnmacht wahrgenommen hatte.
   »Ja, es sieht schon sehr faszinierend aus.«
   Er lehnte sich wieder in seinem Sitz zurück und lächelte sie an. »Ich glaube, die fangen schon mit dem Catering an«, witzelte er. »Möchten Sie nun einen kleinen Cognac oder Schnaps? Er würde Ihre Nerven wirklich beruhigen.«
   Cat lehnte dankend ab. Sie trank selten, daher befürchtete sie, dass ihr eher noch übler werden würde und sie außerdem gänzlich die Kontrolle über ihre Nerven verlor. Besser nur ein Wasser und einen Kaffee.
   Sie ließ sich eines der Käsesandwiches geben, ihr Sitznachbar bevorzugte das mit Hühnchen.
   »Auf dem Flug nach Australien bekommen Sie natürlich eine richtige Mahlzeit, nicht nur so ein pappiges Brötchen.«
   »Danke, das ist absolut okay so. Ich zweifle schon, ob ich das hier probieren soll. Es wäre mir sehr unangenehm, gleich um eine Papiertüte bitten zu müssen.«
   Da sie aber vor lauter Aufregung an diesem Morgen nicht gefrühstückt hatte, würgte sie die beiden trockenen Brotscheiben mit dem säuerlichen Käse hinunter und spülte mit ordentlich Wasser nach. Übel wurde ihr nicht, aber das Zeug lag ihr wie ein Stein im Magen.
   Nach dem Start spürte man tatsächlich kaum etwas. Der Flieger lag ruhig in der Luft, an das permanente Rauschen gewöhnte sich Cat rasch. Nachdem der Abfall abgeräumt war und sie die Tischchen wieder hochklappen konnten, erzählte Cyril von den vielen Flügen, die er schon erlebt hatte. Ein faszinierender Mann, der weit herumgekommen war in der Welt.
   »Wie lange muss man leben, um so viel zu sehen?«, rutschte es Cat heraus. Gleich darauf biss sie sich auf die Lippen, weil die Frage sehr persönlich war.
   »Sie haben eine äußerst charmante Art, jemanden nach seinem Alter zu fragen«, neckte er sie. »Ich bin siebenunddreißig. Und wenn mein Job es nicht mit sich bringen würde, hätte ich wohl auch noch nicht so viele Flugmeilen hinter mich gebracht.«
   Ehe sie eine weitere Frage stellen konnte, leuchtete das Anschnallzeichen auf und die Stewardess verkündete, dass sie in Kürze zum Landeanflug ansetzen würden.
   Während der engen Kurve, mit der ihr Pilot die ihm zugewiesene Landebahn anvisierte, drehte sich noch einmal Cats Magen. Auch die lauter werdenden Motorengeräusche trugen wenig zu ihrem Wohlbefinden bei. Sie orientierte sich an Cyril – solange er ruhig blieb, drohte wohl keine Gefahr. Die Landung war hart und ruppig. Zu ihrem Hobby würde sie das nicht machen.
   Die Anweisung, bis zur endgültigen Parkposition angeschnallt zu bleiben, hätte sich die Stewardess aus Cats Sicht sparen können. Sie wäre nie im Leben auf die Idee gekommen, sich abzuschnallen, solange sich dieses Ding noch bewegte.
   »Für eine Polizistin haben Sie aber sehr sensible Nerven«, bemerkte Cyril.
   »Glauben Sie mir, ein maskierter Geiselnehmer mit einer Pumpgun im Anschlag ist bei Weitem leichter zu bezwingen als einer dieser Stahlkolosse. Ich hab die Dinge eben gern selbst in der Hand, um mich sicher zu fühlen. Aber die werden mich wohl kaum ins Cockpit lassen.«
   »Na Gott sei Dank!« Er lachte.
   Endlich verstummten die Motoren und ihr persönlicher Flugbegleiter reichte ihr fürsorglich ihren Mantel und ihre Tasche. Er blieb dicht hinter ihr, während sie die Maschine verließen, wobei Cat das Gefühl nicht loswurde, dass ihre Unsicherheit ihn amüsierte. Peinlich!
   Aber andererseits auch rührend, wie er sich um sie kümmerte. Er half ihr sogar, auf der großen Tafel mit den Flugplänen das Gate für ihren Flug nach Melbourne herauszusuchen und brachte sie dorthin, damit sie sich nicht verirrte.
   »Die Wartezeit ist ziemlich lang«, gab er zu bedenken, während sie zusammen auf den Wartebereich vor dem Gate zustrebten. Der herrschende Trubel im Ankunftsbereich und jetzt hier in der Nähe der Gates machte Catherine schon wieder nervös.
   »Ja, fast sieben Stunden«, stöhnte sie halb in Gedanken. Sie blickte sich nach einem stillen Plätzchen um, wohin sie sich zurückziehen konnte, sonst würde sie in dieser Zeit durchdrehen.
   »Bis dahin sterben Sie an Langeweile. Wissen Sie was, ich leiste Ihnen Gesellschaft.«
   Sie blieb abrupt stehen und sah ihn ungläubig an. »Ist das Ihr Ernst?«
   »Natürlich nur, wenn Sie wollen.«
   »Nein, das kann ich wirklich nicht annehmen. Das kann ich nicht von Ihnen verlangen. Sie haben mir schon so viel geholfen und müssen mich für eine völlig überforderte und an Selbstüberschätzung leidende Zicke halten.«
   Er zwinkerte ihr zu. »Fast. Aber ich lasse mich gern noch vom Gegenteil überzeugen.« Er machte keinerlei Anstalten, Richtung Ausgang zu gehen, sondern blieb abwartend neben ihr stehen.
   Cat konnte ihr Glück kaum fassen. Das war fast zu schön, um wahr zu sein. Mit einem netten Gesprächspartner wären sowohl die vielen Stunden als auch der Trubel deutlich leichter zu ertragen. Allerdings … nein, sie durfte ihn nicht so ausnutzen.
   »Ich weiß das wirklich zu schätzen, aber ich will Ihnen keine Umstände machen, Cyril. Sie haben doch sicher Termine hier in Rom? Oder eine Familie, die auf Sie wartet?«
   Er lächelte versonnen und schüttelte den Kopf. »Mein Boss kann warten und ich bin unverheiratet, wenn Sie das wissen wollten.«
   Ertappt biss sich Cat auf die Unterlippe. Zumindest im Hinterkopf war diese Frage durchaus aufgetaucht.
   »Außerdem wüsste ich im Augenblick nichts auf der Welt, das wichtiger sein könnte, als einer hübschen, überspannten spanischen Polizistin bei ihrem ersten Ausflug in die große, weite Welt ihre Zeit bis zum Abflug zu versüßen.«
   Sie wurde schon wieder rot. Er hatte eine Art an sich, versteckte Komplimente zu machen, die guttat.
   »Aber nur, wenn es Ihnen wirklich keine Umstände macht.«
   Cyril winkte ab. »Der einzig Leidtragende ist vermutlich mein Koffer, der sehr einsam seine Bahnen ziehen muss, weil er nicht vom Gepäckband abgeholt wird. Ich kann ihn später am Schalter für vermisstes Gepäck abholen. Kein Problem.«
   Sie suchten sich eine gemütliche Sitzecke. Cyril bestellte zwei große Milchkaffee und für Catherine noch ein Croissant. Sie betrachtete ihn neugierig, während er an der Kasse bezahlte und die Sachen auf einem Tablett zu ihrem Tisch balancierte. Hier und jetzt, fernab ihrer Flugangst und der damit verbundenen Panikattacke, schalt sie sich eine Närrin, dass sie in ihm irgendeinen zweifelhaften Charakter gesehen hatte. Sie hatte selten einen so netten Mann kennengelernt. Schade, dass sie sich in wenigen Stunden trennen mussten und dann vermutlich nie wieder sahen. Sie könnten Telefonnummern austauschen, aber würde sich einer von ihnen beim anderen melden, wo sie sich kaum kannten?
   »Hier, bitte sehr. Das wird Ihrem Magen guttun.«
   Das Croissant war noch warm, mit Butter und Marmelade bestrichen. Ein sündhafter Genuss.
   »Dann erzählen Sie mal«, ermutigte Cyril sie. »Werden Sie lange in Down Under bleiben?«
   Cat zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Mein Vater lebt dort. Und der letzte Wunsch meiner Mutter war es, dass ich Kontakt zu ihm aufnehme. Sie hat ihn sehr geliebt.«
   »Weiß Ihr Vater von Ihnen?«
   Sie rührte gedankenverloren in ihrem Kaffee. »Ich denke schon. Sicher bin ich aber nicht. Auf jeden Fall dürfte er mich kaum erkennen.«
   Sanft legte Cyril seine Hand auf ihre. »Sie haben Angst, wie er auf Sie reagiert, nicht wahr? Gibt es eine andere Familie in Australien?«
   »Soweit ich weiß, nicht«, antwortete sie kopfschüttelnd. »Wir haben völlig unterschiedliche Leben gelebt. Er weiß nicht einmal, dass meine Mutter tot ist. Ich glaube, meine größte Angst ist, dass ich es ihm sage und es ist ihm egal. Verstehen Sie, was ich meine?«
   Er nickte stumm.
   Eine Weile schwiegen sie, dann seufzte Cat leise. »Genug davon. Ich möchte mir jetzt eigentlich noch gar keine Gedanken darüber machen. Ich muss einfach abwarten, was passiert und wie er auf mich reagiert. Danach entscheide ich, ob ich sofort wieder zurückfliege, oder meine berufliche Freistellung erst einmal nutze, um wieder zur Ruhe zu kommen. Die letzten Wochen waren wirklich sehr turbulent.«
   Cyril nahm einen großen Schluck von seinem Kaffee. »Das kann ich mir vorstellen.« Sein Lächeln war voller Wärme.
   Seine dunkelgrünen Augen erinnerten Cat irgendwie an den Kräutergarten auf der Fensterbank ihrer Mutter. Sie musste lachen.
   »Was ist so komisch?«, wollte er wissen.
   »Nichts«, winkte sie ab. »Ich bin einfach nur ein wenig überdreht. Wenn ich nachher wieder im Flugzeug sitze, werde ich mir eine Beruhigungstablette geben lassen und versuchen, den Flug größtenteils zu verschlafen, damit ich keine Panik unter den anderen Passagieren auslösen kann.«
   »Ja«, gestand er, »hier unten auf dem Boden sind Sie in der Tat ein völlig anderer Mensch. Ich bin sogar geneigt, Ihnen zuzutrauen, eine gute Polizistin zu sein.«
   »Ich bin eine gute Polizistin«, gab sie sich entrüstet. »Ich habe nur vor Flugzeugen Angst.«
   Statt einer Antwort schmunzelte er nur.
   »Wirklich«, fühlte sie sich gezwungen, zu beteuern. »Meine Aufklärungsrate ist exzellent und bis jetzt bin ich noch vor keinem Tatort oder Täter geflüchtet.«
   »Ich glaube Ihnen ja«, versicherte Cyril. Er wurde ernst. »Haben Sie in Ihrem Job auch schon mal jemanden erschossen?«
   Catherine spürte, wie sie eine Spur blasser wurde. Es war ihr nicht unangenehm, darüber zu sprechen. Aber ein Menschenleben auszulöschen war auch nichts, was sie mit Stolz erfüllte. Es passierte, wenn man Polizistin war. Nicht oft zum Glück, aber manchmal ließ es sich nicht vermeiden. »Ja«, sagte sie sehr leise.
   »Wie fühlt sich das an?« Seine Stimme klang rau, fast befangen, als er diese Frage stellte.
   Sie rührte gedankenverloren in ihrem Kaffee. »Merkwürdig«, antwortete sie nach einer Weile. »So, als wäre man es nicht selbst, der schießt, sondern ein anderes Ich.«
   »Bereuen Sie es?«
   Sie blickte auf, da war etwas in seinen Augen. War das Furcht? Neugier? Faszination? Oder eher eine Art merkwürdiger Melancholie?
   »Nein!« Das war die Wahrheit. Sie hatte beide Male sehr genau überlegt, ehe sie den Schuss abgab, würde heute in beiden Fällen erneut so entscheiden. Weil sie wusste, dass es richtig war. Dass sie damit Menschenleben gerettet hatte, auch wenn sie dafür eines hatte beenden müssen.
   Cat legte den Löffel beiseite und rieb sich über die Arme. Es fröstelte sie mit einem Mal. Sie wollte darüber nicht weiter reden. »Was ist mit Ihnen?«, versuchte sie, das Thema zu wechseln.
   Cyril zuckte perplex zusammen. »Wieso mit mir? Was soll mit mir sein?«
   »Na ja, was machen Sie beruflich? Wenn Ihr Job Sie so viel in der Welt herumkommen lässt.«
   »Ach so.« Er atmete auf. Statt sofort zu antworten, trank er genüsslich noch einen Schluck Kaffee. Er schien sich seine Antwort sehr genau zu überlegen. »Das ist nicht so einfach zu erklären. Man könnte wohl sagen, dass ich eine Art Kurier bin.«
   Sie hob überrascht die Augenbrauen. »Aber doch wohl kein Drogenkurier?«
   Er lachte. »Na ja, wenn es so wäre, würde ich es einer Polizistin wohl kaum erzählen, oder?«
   Cat biss sich nervös auf die Unterlippe. Ein Rest des Misstrauens kehrte zurück.
   »Aber ich kann Sie beruhigen, Drogen sind es nicht. Und meine Auftraggeber geraten für gewöhnlich auch nicht mit dem Gesetz in Konflikt. Eher im Gegenteil, sie sind sehr bemüht, Recht und Ordnung einzuhalten.« Er drückte sich ganz schön geschwollen aus.
   Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er schlicht versuchte, sich herauszuwinden, weil es ihm unangenehm war, zu sagen, womit er sein Geld verdiente.
   Eine gewisse Anspannung machte sich zwischen ihnen breit. In stillem Einvernehmen wandten sie sich leichteren Themen zu, plauderten über Gott und die Welt und vermieden es, allzu persönlich zu werden. So verbrachten sie auf anregende Weise die nächsten Stunden, lachten und scherzten oder philosophierten über die aktuellen Entwicklungen in der Welt. Schließlich wurde es für Cat Zeit, zu ihrem Check-in zu gehen.
   »Es hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen, Catherine. Noch mal mein aufrichtiges Beileid zum Tod Ihrer Mutter. Ich wünsche Ihnen einen ruhigen Flug und alles Gute in Australien.«
   »Danke.« Sie erwiderte den sanften Druck seiner Hände und empfand Bedauern darüber, dass sie nicht auch den Rest des Fluges in seiner Gesellschaft verbringen konnte. Wie lächerlich, dass sie vor dem Start noch etwas Düsteres in ihm zu sehen geglaubt hatte. Sie konnte von Glück sagen, dass er sie nicht vollkommen lächerlich fand. Hoffentlich behielt sie auf dem Weiterflug besser die Nerven.
   Versonnen blickte Catherine Cyril nach, wie er auf den Ausgang zu- und damit aus ihrem Leben hinausstrebte. Ob er sich melden würde? Sie berührte flüchtig das Handy in ihrer Jacke. Wohl eher nicht. Und sie sich bei ihm? Vielleicht.
   Erst, nachdem er ihren Blicken entschwunden war, ging sie zu ihrem Gate. Eine gute Stunde später nahm sie ihren Platz in der Maschine von Air India ein, die sie nach Melbourne – den Ort ihrer Vergangenheit und vielleicht auch ihrer Zukunft – bringen würde. Bei den folgenden Starts und Landungen dachte sie stets schmunzelnd an Cyrils Ratschläge, doch der Flug verlief ohne jede Komplikation und ohne weitere Paranoiaattacken.

Flughafen Melbourne,
18. Juni 2003

»Verehrte Fluggäste, in wenigen Minuten landen wir auf dem Airport Tullamarin. Bitte bringen Sie Ihre Sitze in eine aufrechte Position und legen Sie die
   Sicherheitsgurte an. Bleiben Sie auch nach der Landung angeschnallt, bis wir unsere endgültige Parkposition erreicht haben. Wir danken Ihnen, dass Sie mit Air India geflogen sind, und hoffen, Sie hatten einen angenehmen Flug und wünschen Ihnen einen wundervollen Aufenthalt in Melbourne.«
   Die Durchsage vernahm Catherine mehr im Unterbewusstsein, einen kurzen Augenblick, bevor eine nette indische Stewardess sie sanft aufweckte.
   Verschlafen blinzelte Cat in ihr freundliches Gesicht und streckte sich, soweit es die beengte Sitzreihe zuließ.
   »Sind wir schon da?«
   »Ja, Miss. Wir landen in wenigen Augenblicken. Bitte schnallen Sie sich an.«
   Cat warf einen Blick nach draußen. Es war noch dunkel, gerade mal vier Uhr. Sie sah nichts als Schwärze. Melbourne lag unter einer Wolkendecke, und sie befanden sich noch darüber.
   So kurz vor ihrem Ziel machte sich Nervosität in ihr breit. Sie verspürte ein unangenehmes Flattern im Magen, geriet in Zweifel, ob sie wirklich das Richtige tat, aber sie war hier und eine Umkehr närrisch. Vigo Lavalle war auch nur ein Mensch. Sie hatte bei der Recherche über ihn erfahren, dass er inzwischen Witwer und offenbar auch allein geblieben war. Es wäre ihr schwerergefallen, sich in eine intakte Familie oder zumindest eine Ehe zu drängen. Schließlich war die Nachricht, mit der sie Vigo konfrontieren wollte, keine Kleinigkeit. Würde ihr Vater sie wegschicken? Was bedeutete eine Blutsverwandtschaft nach über dreißig Jahren?
   Sie durchstießen die Wolkendecke. Der Blick auf die Lichter der Metropole vertrieb ihre Gedanken. Ihr Herzschlag beschleunigte sich erwartungsvoll. Bei der Landung zitterten ihre Knie und sie bekam feuchte Hände, gleichzeitig machte sich aber auch eine gewisse Vorfreude breit.
   Als Catherine aus der Maschine stieg, war sie überrascht, wie kühl es war. Außerdem fiel leichter Nieselregen. Bei aller Eile hatte sie völlig vergessen, dass die Jahreszeiten in Australien mit denen in Europa nicht übereinstimmten. Sie schauderte kurz, es ließ sich nicht ändern, dass ihre Jacke im Koffer verstaut lag.
   Ein Bus brachte sie von der Maschine zum Flughafengebäude, wo sie einem endlos langen Gang folgen musste, bis sie endlich zur Gepäckausgabe kam. Sie bahnte sich ihren Weg durch die Menschenmenge bis zu ihrem Gepäckband. Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis die Koffer ihres Fluges endlich über das Rollband liefen. Hoffentlich war ihrer dabei. Das würde noch fehlen, dass er in Rom die Maschine verpasst hatte oder falsch verladen worden war. Bei jedem Gepäckstück hoffte Cat, dass es ihres war, doch das hellblaue Suitcase ließ auf sich warten. Erst mit der letzten Fuhre glitt es aus dem Ausgabeschacht und sie konnte sich endlich auf den Weg zum Ausgang machen. Nur schnell nach draußen, ging es ihr durch den Kopf.
   Der Trubel auf dem Flughafen war derselbe wie auf den anderen Flughäfen und setzte Cat ziemlich zu. Unzählige Geschäfte und ein Labyrinth aus Gängen, in dem man sich verirren konnte. Die Schilder und Anzeigetafeln verwirrten sie mehr, als dass sie ihr halfen.
   Verrückt, sie hatte keinerlei Probleme damit, sich Leichen anzusehen oder Verbrecher zu jagen, aber die Geschäftigkeit auf einem Airport löste ein halbes Dutzend Phobien in ihr aus, von denen sie bisher nicht einmal etwas geahnt hatte, und brachte sie kurz vor den Zustand des Hyperventilierens. Überall liefen Sicherheitsbeamte herum. Sie wirkten weniger bedrohlich als vielmehr freundlich. Cat sah mehrfach, wie sie Passagieren, die ähnlich ratlos umherirrten wie sie, den Weg erklärten.
   Sie versuchte, die Stressfaktoren um sich herum auszublenden. Sich nur auf das zu fokussieren, was vor ihr lag. Das half ihr an den Tatorten auch immer. Wie in einem imaginären Tunnel näherte sie sich dem Ausgang. Draußen benötigte sie einen Augenblick, um sich zu orientieren. Alles war grau in grau. Sie blickte direkt auf einen riesigen Betonklotz, der offenbar ein Parkhaus darstellte.
   Zu den Taxiständen oder dem Skybus? Sie entschied sich für das Taxi; das war zwar teurer, aber einfacher. Bloß die Adresse nennen und warten, bis der Fahrer ihr sagte, dass sie angekommen waren. Sie hatte jetzt keine Nerven, sich durch Busfahrpläne zu kämpfen, zumal sie nicht einmal wusste, an welcher Station sie aussteigen müsste, wenn sie zum Leviathan-Konzern wollte.
   Natürlich hätte Cat zuerst in ihr Hotel fahren können, in Ruhe ankommen, mit einer Dusche die Anstrengungen der Reise abwaschen und dann mithilfe einer freundlichen, stadtkundigen Rezeptionistin die nächsten Schritte planen. Aber die Anspannung, die sich seit dem Beginn ihrer Reise aufgestaut hatte, war kaum noch zu ertragen. Sie wollte nicht länger warten, wollte dem Mann von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, der ihr Vater war. Sie musste es tun, ehe der Mut sie verließ. Um diese Zeit war er sicher im Büro. Also schritt sie an der endlos langen Taxischlange entlang, bis sie an deren Ende einen Taxifahrer ansprach und ihm die Adresse des Leviathan-Hauptsitzes mitten in der City nannte. Es war ohnehin die einzige, die sie hatte, denn eine Privatadresse von Vigo Lavalle hatte sie nicht einmal mithilfe eines Kollegen bei der Polizei herausfinden können. Sie war offenbar topsecret. Ein Umstand, der verwunderte.
   Der Fahrer lud ihr Gepäck in den Kofferraum, während sie auf dem Rücksitz Platz nahm.
   Im dichten Verkehr kamen sie nur langsam voran und mit jeder Minute wurde Cat nervöser. Ihr Fahrer bemühte sich, sie mit Anekdoten aus Down Under oder Hinweisen auf irgendwelche Sehenswürdigkeiten zu unterhalten, davon bekam sie aber kaum die Hälfte mit. Ihre Gedanken kreisten einzig und allein um die bevorstehende Begegnung mit Vigo Lavalle. Wie mochte er heute aussehen? Es gab kaum Bilder von ihm und die wenigen, die sie gefunden hatte, stammten aus der Zeit kurz nachdem ihre Mutter ihn verlassen hatte. Was für ein Mensch war er? Wie würde er auf sie reagieren? Erfreut, verärgert, gleichgültig? Cat wusste nicht, was von den beiden Letztgenannten schlimmer für sie wäre. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, ihn anzurufen, statt einfach vor seiner Tür zu stehen. Nervös nagte sie an ihrer Unterlippe.
   Endlich erreichten sie den weitläufigen Parkplatz vor dem Gebäude. Das Taxi überquerte das Gelände und hielt direkt vor den Schranken. Ab hier kamen nur noch autorisierte Fahrzeuge weiter. Ein Fußweg ermöglichte es Passanten, das eigentliche Firmengelände zu betreten, doch in Cat kam der Verdacht hoch, dass vermutlich nur Mitarbeiter und angemeldete Personen auch Einlass erhielten. Daran hatte sie nicht gedacht, obwohl es sie bei einem biochemischen Forschungszentrum nicht hätte verwundern dürfen.
   »Soll ich warten?«, erkundigte sich der Fahrer, der ihren unsicheren Blick bemerkte.
   »Nein, vielen Dank.« Sie bezahlte ihn und wandte sich unsicher dem Firmenkomplex zu.
   Der riesige Klotz aus Glas und Beton wirkte schon auf die Entfernung Angst einflößend. Cat hatte dergleichen bisher höchstens im Fernsehen gesehen. Auf seinem Dach prangte das Logo des Leviathan-Konzerns, eine riesige keltische Triskele, etwas eigenwillig im Design, doch der so entstehende Wiedererkennungswert war sicher gewünscht. Auch sie erkannte das Symbol. Es war dasselbe wie auf der Münze, die sich im Nachlass ihrer Mutter befunden hatte. Ob ihr Vater britische Wurzeln hatte?
   Sie passierte die Schranke, ohne aufgehalten zu werden. Vor ihr erhob sich ein Springbrunnen, der einen Phönix in seinem Kreislauf aus Aufstieg und flammendem Niedergang zeigte. Hinter ihm begannen breite Stufen, die über drei Etagen nach oben zum Haupteingang führten. Am Fuß der Treppe saßen zwei Wachleute in ihrem Kontrollhäuschen. Sie ging mit unsicheren Schritten auf die beiden zu und hätte sich dabei über sich selbst totlachen können. In Madrid eine toughe Polizistin, die ohne mit der Wimper zu zucken einem Serienmörder Handschellen anlegte, doch hier in einem fremden Land am anderen Ende des Erdballs benahm sie sich wie ein Schulmädchen, das von nichts eine Ahnung hatte.
   Einer der Wachmänner kam ihr entgegen. »Hallo Miss? Kann ich Ihnen helfen?«
   Ihre Hände waren schweißnass. So unsicher hatte sie sich seit ihrem ersten Tag auf der Polizeischule nicht mehr gefühlt. »Ja, ich … ich weiß nicht genau. Ich wollte … ich würde gern … mit Mr. Lavalle sprechen. Ich bin heute erst aus Europa gekommen. Ist er da?«
   Der Kerl, der fast zwei Meter groß und breit wie ein Kleiderschrank war, warf seinem Kollegen einen fragenden Blick zu. Dieser zuckte die Achseln.
   Der Kleiderschrank holte einen Handscanner hervor und bat sie, die Arme seitlich auszustrecken. Mit hörbarem Herzklopfen ließ Cat die Prozedur über sich ergehen. Es war schließlich auch nichts anderes als am Flughafen, oder?
   Das Gerät vermeldete keine Auffälligkeiten.
   »Sie können weitergehen. Melden Sie sich am Empfang im Erdgeschoss. Dort gibt man Ihnen einen Termin.«
   Ihre Knie fühlten sich an wie Pudding, als sie die Stufen erklomm. Lautlos glitten die Glastüren auseinander und ließen sie ins Innere des Gebäudes. Die Luft hier drinnen war angenehm, nicht zu kühl, aber auch nicht überheizt. Zwei Damen mit Headsets saßen hinter einem Tresen und beantworteten lächelnd mit freundlichen Stimmen Anrufe.
   Catherine wartete, bis eine von ihnen aufgelegt hatte und sie auffordernd anblickte. »Hallo, mein Name ist Catherine Navole. Ich komme aus Europa, aus Spanien, und wollte mit Mr. Lavalle sprechen. Ist er da?« Sie schob der brünetten Empfangsdame ihren Ausweis hin. Die warf einen kurzen Blick darauf und gab ihn ihr mit einem entschuldigenden Lächeln zurück.
   »Tut mir leid, Miss Navole, aber Mr. Lavalle ist nicht da. Er hat sich heute und morgen den ganzen Tag freigenommen. Wegen der Trauerfeier.«
   »Trauer…feier?«
   »Ja, ein guter Freund von ihm wurde ermordet. Einfach schrecklich. Er lebte übrigens in Spanien, genau wie Sie. Was für ein Zufall, nicht wahr? Mr. Lavalle gibt morgen Abend zu seinem Gedenken einen Empfang.«
   Catherine schluckte. Sie fühlte, wie ihre Mundwinkel zuckten. Unschlüssig, was sie jetzt tun oder sagen sollte, verharrte sie vor dem Anmeldetresen und starrte die junge Dame dahinter flehend an, obwohl sie selbst keine Ahnung hatte, wie die ihr helfen sollte. Ihr Gegenüber schien genauso ratlos wie sie.
   »Ich könnte Ihnen einen Termin für Montag …«
   »Nein … nein, danke«, stammelte Catherine. So lange konnte sie nicht warten. Vier Tage! Bis dahin hatte sie längst ihr Mut verlassen. Er war jetzt schon auf ein Minimum gesunken.
   »Na ja, wenn es etwas Wichtiges ist, dann könnte ich auch versuchen, Mr. Lavalle anzurufen. Vielleicht hätte er einen Moment Zeit für Sie.«
   Das Angebot ließ sie neue Hoffnung schöpfen. Schließlich war die Angelegenheit wichtig. »Wissen Sie, es geht …« Durfte sie dieser Frau überhaupt etwas darüber sagen, dass sie die uneheliche Tochter ihres Brotgebers war? Ruinierte sie damit nicht seinen guten Ruf? Hinter ihrer Stirn jagten sich die Gedanken. Für das, was sie jetzt sagte, konnte sie ihren Job verlieren. Wenn man ihr überhaupt glaubte. So oder so, sie musste es riskieren. Bei der Frage, was ihr wichtiger war – eine Rückkehr in ihren Job oder der letzte Wunsch ihrer Mutter – lag die Entscheidung auf der Hand. Sie straffte die Schultern. Mit einem Mal war sie wieder ganz sie selbst. Eine souveräne, unerschrockene Polizistin. »Ich bin vom Morddezernat in Madrid und ermittle in dem Fall, von dem Sie gerade sprachen. Wir sind auf einige Dinge gestoßen, über die ich gern mit Mr. Lavalle sprechen würde.«
   Die Telefonistin wechselte einen vielsagenden Blick mit ihrer Kollegin. Ihre zuvor so freundliche Miene wurde eisig. »Verlassen Sie bitte sofort das Gebäude, sonst rufe ich den Wachdienst.«
   Ihre Reaktion traf Cat wie ein Schlag in die Magengrube.
   »Dass Sie sich nicht schämen. Ihr verdammten Presseleute werdet wirklich immer dreister.«
   Die plötzliche Antipathie, die ihr entgegenschlug, hätte Cat um ein Haar wieder zurückweichen lassen. Doch jetzt hatte sie es schon begonnen, dann wollte sie es auch durchziehen. Im Flugzeug noch hatte sie gedacht, wie albern es war, sie mitzunehmen. Jetzt war sie froh darum. Sie ließ die junge Frau nicht aus den Augen, während sie ihre Handtasche auf den Tresen stellte und ihre Dienstmarke herausholte. Dass die Wut in ihren Augen in Wahrheit schierer Verzweiflung entsprang, musste sie ja niemandem sagen.
   »Ich bin nicht von der Presse!«, erklärte sie mit Nachdruck und hielt der Telefonistin die Marke direkt vor die Nase. Für eine Sekunde stutzte diese, dann sah man, wie ihr langsam die Farbe aus dem Gesicht wich.
   »Ich … also … tut mir leid, ich konnte ja nicht ahnen …«
   Cat atmete innerlich auf. Es war der Empfangsdame sichtlich peinlich. Genug, um erst gar nicht auf die Idee zu kommen, in Madrid nachzufragen, ob tatsächlich eine Catherine Navole für das Morddezernat arbeitete. Wenn sie das getan hätte, wäre Cats Chef sicher höchstpersönlich in den nächsten Flieger gestiegen, um ihr die Marke zu entreißen und sie wegen Amtsanmaßung vom Dienst zu suspendieren. Bei einer so langen Beurlaubung war es der höchste Vertrauensbeweis, dass sie sie überhaupt hatte behalten dürfen, und dieses Vertrauen missbrauchte sie gerade schamlos. Das war ihr bewusst, es hinterließ einen schalen Nachgeschmack in ihrer Kehle, aber in diesem Moment heiligte der Zweck einfach die Mittel. Sie musste Vigo Lavalle sprechen. Und zwar so schnell wie möglich.
   »In Ordnung«, gab sie sich großmütig. »Ich kann mir vorstellen, dass in der Tat einige Journalisten derzeit alle Register ziehen, um an eine gute Story zu kommen. Wenn Sie jetzt vielleicht einfach so freundlich wären, Mr. Lavalle für mich anzurufen und einen Termin zu vereinbaren? Vielleicht hat er ja trotz der Vorbereitungen ein paar Minuten für mich übrig.«
   Ganz schlechter Start, Cat!, sagte sie sich im Stillen. Sich das Treffen mit deinem Vater mittels einer Lüge zu ergaunern ist nicht gerade geeignet, dir Bonuspunkte einzustreichen.
   Aber jetzt war es zu spät. Die Dame hatte bereits den Hörer am Ohr und sprach leise mit jemandem am anderen Ende der Leitung.
   »Ja, Sir. Von der Polizei. Wegen des Mordes. Das hab ich ihr gesagt, Sir. In Ordnung. Ganz wie Sie wünschen, Sir.« Sie legte auf.
   »Und?« Das Herz schlug Cat bis zum Hals.
   »Tut mir wirklich sehr leid, aber Mr. Lavalle ist nicht bereit, vor Montag mit Ihnen zu sprechen. Ich soll Ihnen einen Termin direkt morgens um sechs Uhr geben, wenn Ihnen das recht ist. Es geht natürlich auch später. Aber einen früheren Termin kann ich Ihnen leider nicht anbieten. Es ist Mr. Lavalles Entscheidung, da kann ich nichts machen.«
   Mit hängenden Schultern stand Cat da. Sie ballte die Fäuste. Alles in ihr schrie nach Protest, auch wenn sie wusste, dass Raserei natürlich völlig sinnlos wäre. Sie war versucht, es doch noch einfach mit der Wahrheit zu probieren, aber das hätte sie sich vorher überlegen sollen. Diese Möglichkeit bestand nun nicht mehr, und beweisen konnte sie es auch nicht. Ihr blieb nichts anderes übrig, als den angebotenen Termin anzunehmen.
   Niedergeschlagen verließ sie schließlich die Firma. Auf dem Weg über den Vorplatz kämpfte sie mit Tränen der Enttäuschung. Nur am Rande nahm sie wahr, dass ein Lieferwagen vor dem Häuschen mit den beiden Wachmännern stand. Der Fahrer diskutierte mit dem Typ, der sie vor wenigen Augenblicken gescannt hatte.
   »… soll ich denn nun hin mit der Lieferung? Das Zeug ist frisch. Wenn es nicht sofort in die Kühlung kommt, fängt es an zu stinken. Dann will das keiner mehr essen. Wer bezahlt mir dann den Schaden?«, beschwerte sich der Lieferant.
   »Noch mal zum Mitschreiben«, erklärte der Sicherheitsmann ungnädig. »Wir können den Kram hier nicht brauchen. Die Feier findet in Mr. Lavalles Privathaus statt. Brougham Street, Kew. Ist das so schwer zu begreifen? Wenn Sie noch lange debattieren, verdirbt das Zeug genauso. Also?«
   Der Fahrer schlug sich wütend seine weiße Mütze gegen die verblichenen Jeans und fluchte etwas Unverständliches, ehe er wieder in seinen Wagen stieg und losfuhr.
   Catherine war wie zu Stein erstarrt. Durfte sie wirklich so viel Glück haben? Brougham Street. Das Haus sollte wohl zu finden sein, wenn dort morgen Abend eine Feier stattfand. Im Zweifel klingelte sie einfach bei den Anwohnern dort und fragte sich durch.

Erfüllt von neuem Mut, fuhr Cat mit einem weiteren Taxi zu ihrem Hotel. Einen Tag würde sie noch aushalten. Dann konnte sie sich auch erst einmal ordentlich ausschlafen und sich ein wenig zurechtmachen, ehe sie zu ihrem Vater ging. Im Nachhinein war sie sogar froh, dass die Begegnung in der Firma nicht geklappt hatte, denn ein Blick in den Badezimmerspiegel ihres Hotelzimmers offenbarte ihr, dass der Flug nicht spurlos an ihr vorübergegangen war. Sie sah schrecklich aus. Übermüdet, blass und zerknittert. Kein Wunder, dass die Telefonistin erst Mitleid mit ihr gehabt und sie dann für eine Sensationsreporterin gehalten hatte.
   Aus dem Stadtplan, den sie sich an der Rezeption mitgenommen hatte, erfuhr Cat, dass Kew ein sehr beliebter Vorort war. Gut situierte Bürger, viele Privatschulen und trotz der Nähe zum Stadtzentrum von Melbourne ein grüner Rückzugsort mit schönen Gärten und vielen Parks.
   »Wie wäre es wohl gewesen, da aufzuwachsen?«, überlegte sie laut.
   Ihre Haare steckten unter einem Handtuchturban, der Rest von ihr in dem kuscheligen Hotelbademantel, der neben der Dusche gehangen hatte. Ein Service, den sie zu schätzen wusste.
   Natürlich konnte sie nicht unbegrenzt lange im Hotel wohnen. Das gab ihr Budget nicht her. Bisher hatte sie sich noch keine Gedanken darum gemacht, was sie nach den zwei gebuchten Wochen vorhatte. Sie war einfach davon ausgegangen, dass sie danach bei ihrem Vater wohnen konnte. Jetzt überkam sie allerdings eine gewisse Unsicherheit, ob das so ohne Weiteres möglich war. Wenn nicht, musste sie sich nach etwas anderem umsehen. Vielleicht so etwas wie dieses Work & Travel, das viele Studenten für ein Jahr ausprobierten. Sie verzog den Mund. Besonders reizvoll fand sie diese Vorstellung nicht.
   »Erst mal abwarten. Es wird sich schon finden«, machte sie sich selbst Mut.
   Sie warf den Stadtplan beiseite und holte die restliche Kleidung aus ihrem Koffer. Eine passende Garderobe für eine Totenfeier war nicht dabei, aber das dunkelblaue Sommerkleid müsste gehen. Es würde ein wenig kühl werden, darum war es wohl besser, wenn sie die schwarze Strickjacke darüber trug. Das Kleid musste vorher auf jeden Fall noch gebügelt werden. Gleich morgen früh wollte sie an der Rezeption Bescheid geben. In diesem Hotel gab es sicherlich ein Bügeleisen.
   Gähnend streckte sie sich, schob das Handtuch von ihrem Kopf und tauschte den Bademantel gegen Slip und T-Shirt. Kaum, dass sie sich unter die Decke gekuschelt hatte, war sie auch schon fest eingeschlafen.
   In ihrem Traum lief sie mit Cyril über dichte Wattewolken. Sie fühlte sich federleicht. Es war warm und um sie herum flogen Schmetterlinge. Als einer von ihnen auf Cats Hand landete, ergriff eine tiefe Traurigkeit von ihr Besitz. Der Falter war grau und auf seine Flügel waren schwarze Kreuze gemalt. Mit roten Punkten dazwischen – wie Blutstropfen. Als er davonflog, landete einer dieser Tropfen auf ihrem Handrücken. Dann noch einer und ein dritter und immer so weiter, bis Catherine in einem Regen aus Blut stand, der sich mit den Tränen auf ihren Wangen vermischte.

Melbourne,
19. Juni 2003

Das Klingeln des Telefons riss sie aus dem Schlaf und rückte den bizarren Traum in weite Ferne. Es war ihr Weckruf, eine freundliche Bandansage, die
   sie wissen ließ, dass es sieben Uhr am Morgen war.
   »Zuhause wäre es jetzt elf Uhr abends und Schlafenszeit«, murmelte sie, während sie sich den Schlaf aus den Augen rieb.
   Sie war immer noch müde und fühlte sich wie durch den Wolf gedreht.
   Catherine gähnte herzhaft, streckte sich auf der weichen Matratze und blieb noch einige Augenblicke liegen. Kurz bevor sie Gefahr lief, wieder in Morpheus Armen zu versinken, schwang sie schließlich ihre Beine aus dem Bett in der Absicht, mit einer kühlen Dusche ihre Lebensgeister zu wecken. Sie hatte heute viel vor. Nachdem ihr gestern noch im Nachhinein die Schamesröte ins Gesicht gestiegen war, in welchem Zustand sie ihrem Vater beinahe das erste Mal unter die Augen getreten wäre, hatte sie kurzerhand beschlossen, dass sie sich heute ein kleines Beautyprogramm gönnen wollte, ehe sie am Abend zu der Trauerfeier fuhr. Den Gedanken, dass dort vermutlich ebenfalls Sicherheitspersonal die Gäste kontrollierte und sie dadurch womöglich gar nicht erst ins Haus kam, schob sie entschlossen in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins.
   Nach einem ausgiebigen Frühstück ließ sie sich von der Rezeptionistin einen Termin bei einem Friseur in der Nähe machen. Außerdem wollte sie sich dort schminken lassen. Wenn sie es sich genau überlegte, konnte sie die Zeit bis dahin mit einem kleinen Einkaufsbummel verbringen und statt der Kleid-Strickjacken-Kombi ein vernünftiges Outfit für eine Gedenkfeier einkaufen. Warum nicht? Sie gönnte sich in dieser Richtung wenig, war bisher immer mehr der praktische Typ gewesen. Einmal im Leben Lady sein. Bei Vigo Lavalle einen guten Eindruck machen. Sich nicht ihrer – im Vergleich zu ihm – einfachen Verhältnisse schämen müssen, in denen sie aufgewachsen war.
   Allmählich gewann sie ihre Entschlossenheit und innere Ruhe zurück, die sie in ihrem Job stets auszeichneten. Australien war auch nur ein Land auf dem Erdball, ihr Vater ein normaler Mensch, egal, wie viel Geld er auf seinem Bankkonto hatte.
   Beschwingt stöberte Catherine in den Läden einer noblen Einkaufsmeile, zu der sie mit dem Citybus gefahren war. Viele Kleider, die ihr gefielen, blieben für sie unerschwinglich, doch es machte Spaß, das eine oder andere davon zumindest einmal anzuprobieren. Schließlich entschied sie sich für ein königsblaues Etui-Kleid mit Spitze an Kragen und Saum, halblangen Ärmeln und einem passenden Bolero. Zwei Läden weiter fand sie Schuhe mit moderatem Absatz, die fast denselben Farbton hatten. So verführerisch die Auslagen eines Juweliers auch waren, davon nahm sie Abstand. Sie trug nie viel Schmuck. Lediglich das silberne Kreuz, das ihre Mutter Cat zum zehnten Geburtstag geschenkt hatte.
   Voller guter Laune fand sich Catherine schließlich beim Friseur ein. Nach dem Waschen, Schneiden und Föhnen ließ sie sich zum ersten Mal seit ihrer Kommunion die Haare wieder hochstecken und mit dem Lockenstab einzelne Strähnen zu Korkenzieherlöckchen drehen. Das Make-up wählte sie in dezenten Tönen, um sich nicht vorzukommen wie unter einer Maske.
   Gegen fünf war sie wieder im Hotel. Die bewundernden Blicke des Portiers und des Concierges zauberten ein verschmitztes Lächeln auf ihr Gesicht. Sie hatte sich seit einer Ewigkeit nicht mehr so weiblich und attraktiv gefühlt. Warum nur musste sie dabei die ganze Zeit an Cyril denken? Schade, dass er sie niemals so sehen würde.
   Nachdem sie sich auf ihrem Zimmer umgezogen hatte und das Endergebnis ihrer heutigen Shopping- und Wellnesstour im Spiegel betrachtete, fühlte sie sich bereit und gegen alles gewappnet.
   Sie hatte ein Bild ihrer Mutter auf der kleinen Kommode platziert und lächelte Silvia Navole zärtlich zu.
   »Alles wird gut, Mama. Bist du stolz auf mich? Denkst du, er wird mich mögen?« Es kam keine Antwort, aber in ihrem Herzen breitete sich Wärme aus. Sie küsste das kleine Silberkreuz und glaubte fest daran, dass die Seele ihrer Mutter da war und sie beschützen würde. »Wünsch mir Glück, Mama.«
   Cat atmete tief durch und verließ das Zimmer. Unten wartete ein Taxi. Sie nannte dem Fahrer die Straße, als er nach der Hausnummer fragte, errötete sie leicht und biss sich auf die Lippe.
   »Ich weiß es nicht genau. Ich möchte zu Vigo Lavalle. Er gibt heute Abend einen Empfang. Denken Sie, wir werden das Haus auch ohne Hausnummer finden? Man sieht doch sicherlich, wo eine Feier stattfindet.«
   Einen Moment wirkte der Mann verblüfft, dann grinste er breit und zwinkerte ihr zu. »Ich hab zwar keine Ahnung, was Sie vorhaben, Lady, aber wir finden den Kerl schon, für den Sie sich dermaßen in Schale geworfen haben. Und wehe ihm, er weiß Ihre Mühe nicht zu schätzen. Dann sag ich dem mal ein paar Takte.«
   Ihre Röte wurde heftiger, bis ihre Wangen brannten. Sie senkte den Blick, fühlte sich wie ein Schulmädchen – voller Aufregung und Vorfreude, aber auch ein wenig befangen.
   Sie wunderte sich nicht, dass der Fahrer auf den Namen ihres Vaters so wenig reagierte wie die Damen in den Boutiquen am Nachmittag. Der Leviathan-Konzern sagte den meisten was, doch Vigo Lavalle war, von den wenigen Presseauftritten abgesehen, ein eher zurückgezogener Mensch, über den keiner allzu viel wusste. Irgendwie machte ihn das sympathisch. Cat und ihre Mutter hatten es ähnlich gehalten.
   Als sie die Brougham Street erreichten, bat sie den Mann, langsamer zu fahren. Beide hielten sie die Augen nun offen, wo hier eine Party oder Ähnliches stattfinden mochte. Tatsächlich tummelte sich vor einem größeren Anwesen fast schon am Ende der Straße eine größere Menschenmenge.
   »Ich glaube, hier ist es«, sagte Cat.
   »Soll ich warten, bis Sie sich sicher sind, Lady?«, bot der Taxifahrer freundlich an.
   »Ja. Ja, das wäre nett.« Ihre Aufmerksamkeit lag längst auf dem Anwesen und bei dem Mann, dem es vermutlich gehörte.
   Inmitten eines großen Vorgartens lag eine Villa mit einem Wintergarten, der in einen weiteren Gartenbereich hinter dem Haus zu führen schien. Das Gebäude war eine Mischung aus viktorianischem Stil und Moderne. Auf Catherine wirkte sie monströs statt einladend, was an ihrer Nervosität liegen mochte. Dabei war alles sehr sauber und gepflegt. Auch die Menschen, die davorstanden, sahen ihr lächelnd entgegen. Niemand zeigte sich verwundert von ihrem Erscheinen oder gar ablehnend. Sie hatte darauf gebaut, dass so viele Leute da sein würden, dass sich nicht alle untereinander kannten und sie nicht weiter auffiel. Dass dieses Wagnis auch zu gelingen schien, war mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte.
   Ihr Herz schlug ihr bis hoch in den Hals. Sie fragte sich, ob sie sich auf den Absatzschuhen zu Tode stürzen würde, bis sie die Eingangstür erreichte, so sehr zitterten ihre Knie. Nach außen hin versuchte sie, sich nichts von ihrer Nervosität anmerken zu lassen, aber irgendwie musste sie herausfinden, ob sie hier richtig war. In diesem Moment hörte sie, wie eine der Damen vor dem Haus sagte: »Es hat Vigo sehr getroffen. Ich weiß nicht, ob er mit diesem offiziellen Nachruf in den Zeitungen nicht einen Fehler gemacht hat, aber sie standen sich so nah wie Brüder. Verstehen kann ich ihn durchaus.«
   Cat atmete auf. Sie drehte sich halb zu ihrem Fahrer um und gab ihm ein Zeichen.
   Der Mann grinste, hielt den Daumen hoch und zwinkerte ihr zu. »Dann einen schönen Abend und viel Glück«, rief er ihr zu.
   Es war gut gemeint, brachte ihr aber einige verwunderte Blicke ein. Sie ignorierte sie, ging stattdessen gemeinsam mit dem wartenden Grüppchen auf den Eingang zu, als wäre es das normalste der Welt.
   Der Sicherheitsmann an der Tür ließ sie anstandslos passieren. So viel Glück träumte sie doch nur, oder? Sie war drin! Sie war ihrem Vater so nah wie nie zuvor in ihrem Leben.
   Gleich hinter der Tür trennte sich Catherine von der Gruppe, ehe jemand auf die Idee kam, ihr unangenehme Fragen zu stellen.
   Ein Kellner kam mit einem Tablett voller gefüllter Gläser auf sie zu, kaum dass sie den großen Wohnraum betreten hatte. »Miss?« Er lächelte und neigte das Tablett kaum merklich in ihre Richtung. Der Duft von Champagner stieg ihr in die Nase.
   »Vielen Dank.« Sie erwiderte sein Lächeln und nahm sich eine der langstieligen Champagnerschalen. Ob das stark genug war, um sich Mut anzutrinken? Da sie selten Alkohol trank, vielleicht. Andererseits lag auch eine Gefahr darin. Sie hatte keine Ahnung, wie sich ein Glas Champagner auf fast leerem Magen und zum Zerreißen gespannten Nerven auswirkte. Die Situation konnte schnell peinlich werden, wenn sie albern wurde oder zu lallen begann.
   Cat entschied sich, nichts zu trinken, aber wenigstens konnten sich ihre unruhigen Hände jetzt mit etwas beschäftigen.
   Ihr Blick schweifte über die Menge. Sie hoffte, den Herrn des Hauses auf Anhieb zu erkennen, auch wenn er sicher deutlich gealtert war. Als Polizistin besaß sie ein gutes Auge für Gesichter, es sollte kein Problem sein, gewisse Merkmale zu erkennen, die Vigo Lavalle verrieten. Sie hatte gehofft, er würde eine Rede halten oder sich sonst irgendwie von den anderen Gästen abheben, doch diese Gedenkfeier glich mehr einem zwanglosen Beisammensein. Überall standen die Leute in kleinen Grüppchen zusammen. Cat vermied es, sich irgendwo dazuzustellen. Sie kannte niemanden hier, hätte nicht gewusst, worüber sie sich mit ihnen unterhalten sollte. Also hielt sie sich krampfhaft an ihrem Glas fest, aus dem sie noch immer keinen Schluck getrunken hatte, während sie sich zwischen den anderen Gästen hindurchschlängelte.
   Plötzlich sah sie ihn. Es traf sie wie ein Schlag. Die Welt blieb für Sekunden stehen. Alle Gespräche und Bewegungen um sie herum erstarrten, es gab nur sie und diesen Mann, der keine drei Meter von ihr entfernt stand. Gekleidet in einen dunkelgrauen Anzug, in der Hand einen Scotch, mit ernstem Gesicht und müden Augen. Catherine meinte fast, eine Fata Morgana vor sich zu sehen. Nicht, weil sie kaum glauben konnte, Vigo Lavalle leibhaftig gegenüberzustehen. Sondern, weil dieser Mann keinen Tag älter aussah als auf dem Foto in den Unterlagen ihrer Mutter.
   Gut, die Schläfen waren vielleicht ein kleines bisschen mehr ergraut, aber er wirkte nicht wie ein beinahe Siebzigjähriger.
   Als würde eine fremde Macht sie steuern, ging sie direkt auf ihren Vater zu. Er war es, er musste es sein. Diese Ähnlichkeit … er hatte doch keine Kinder gehabt, also konnte es nicht sein Sohn sein. Andererseits hatte er offiziell auch keine Tochter, obwohl sie selbst der lebende Beweis für das Gegenteil war.
   Ihre Kehle war so eng, dass sie nicht sicher war, ob sie ein Wort über die Lippen bringen würde. Er bemerkte, dass sie sich näherte, blickte sie verwundert, aber freundlich an und lächelte. Höflich beendete er das Gespräch mit seinem Gegenüber und wandte sich ihr zu.
   »Verzeihen Sie, ich weiß, wir sollten uns kennen, sonst wären Sie ja nicht hier, aber ich komme gerade nicht auf Ihren Namen. Das Alter, verstehen Sie?« Ein leises Lachen – sanft, warm. Es rollte durch Cats Körper wie eine Welle.
   »Mein Name ist Catherine Navole. Ich bin Silvias Tochter. Und Ihre.« Ihr Herz schlug heftig, als sie in ihre Tasche griff und die Silbermünze hervorholte, um sie ihm auf der offenen Handfläche darzubieten. Es war nicht abzusehen, wie er auf diese Offenbarung reagierte. Gott sei Dank hörte ihnen gerade niemand zu, stand kein anderer nahe genug, um diese Worte gehört zu haben.
   Vigo Lavalles Lächeln gefror auf seinen Lippen. Sein Blick fiel auf den Silberling, wanderte zu ihr zurück. Er musterte sie eindringlicher als zuvor, sah ihr in die Augen, als suche er nach etwas. »Cat!«, entfuhr es ihm heiser.
   Sie schluckte. Zufall? Oder wusste er, dass ihre Mutter sie niemals Catherine genannt hatte, außer wenn sie wütend war?
   »O mein Gott.« Er schlug die Hand vor den Mund, seine Augen wurden feucht.
   Im selben Moment fühlte sie, wie auch ihr die Tränen in die Augen schossen.
   »Mein Mädchen. Catherine!«

*

Er lag flach auf dem Dach des Wintergartens und spähte hinunter. Von hier aus hatte er einen exzellenten Blick auf die Gäste. Wer von denen gehörte wohl noch dazu und würde ihm über kurz oder lang gegenüberstehen? Schwer zu sagen.
   Für den Augenblick spielte es auch keine Rolle. Er wollte diese günstige Gelegenheit nutzen, denn bei so vielen Gästen fiel einer mehr oder weniger nicht weiter auf. Bestens geeignet, um sich ein genaues Bild über seine nächste Zielperson zu machen.
   Der Auftrag hatte diesmal wirklich nicht lange auf sich warten lassen. Und doch vielleicht einen Tag zu lang. Lass dich nicht ablenken, ermahnte er sich. Dieser hier ist noch gefährlicher als der letzte Gegner.
   In seiner Order hatte eindeutig gestanden, dass er auf der Hut sein musste, weil Lavalle zu den Ältesten gehörte. Somit verfügte er über sehr viel Kraft und Macht. Aber das würde ihn auch nicht retten.
   Eben hatte er einen kurzen Blick auf ihn erhascht. Der Mann machte sich Sorgen, er wusste, dass auch er irgendwann an der Reihe war. Ob es ihm leidtat, einen guten Freund verloren zu haben? Wie eng waren die Bindungen dieser Leute untereinander? Eng genug jedenfalls für diesen Nachruf. Konnten die Monster, die man ihnen beschrieb, solch sentimentale Züge haben?
   Er hob nachdenklich den Blick zum Himmel. Dabei hoffte er nicht auf eine Antwort von oben. Gott sprach nicht zu ihm. Hatte er nie. Er konnte sich einfach besser konzentrieren, wenn er die Sterne über sich sah. Manchmal wünschte er sich dorthin. Vergessen können. Alles hinter sich lassen. Vor allem die Schuld.
   Keine guten Gedanken für einen Killer. Zum Glück hielten sie nie lange an. Doch der Blick in den Himmel war immer und überall atemberaubend. Vielleicht liebte er das Fliegen deshalb so sehr. Oder er liebte den Himmel, weil er so oft fliegen musste. Gestern hatte es geregnet, der Himmel über Melbourne wolkenverhangen. Dann wäre es schwierig gewesen, sich hier oben zu halten. Heute war es nur kühl und etwas windig, aber seit dem Morgen trocken.
   Er fror. Er war müde. Sein Körper schmerzte. So wenig Zeit zwischen zwei Jobs hatte er noch nie gehabt. Sie hatten ihm nicht gesagt, weshalb er diesmal sofort wieder losmusste. Ein paar Tage Ruhe hätten ihm gutgetan. San Diago war ein harter Gegner gewesen, er spürte immer noch jeden Knochen. Vielleicht ließ er sich diesmal einfach ein bisschen mehr Zeit. Danach fragten sie gottlob nicht. Und wenn Lavalle wirklich so ein starker Gegner war, konnte er es sogar begründen. Es war sicherer, ihn vor dem Kampf genau zu studieren. Seine Stärken und Schwächen zu kennen. Es konnte über Leben und Tod entscheiden, wie gut man seinen Gegner einzuschätzen vermochte. Sicher trainierte auch er regelmäßig in einem Fechtklub oder Ähnlichem. Er konnte sich dort ebenfalls anmelden, ein paar Trainingskämpfe mit ihm ausfechten. Ja, das war eine gute Idee.
   Für heute Abend hatte er entschieden genug gefroren. Von hier draußen war Lavalle nirgendwo mehr zu sehen. Es machte keinen Sinn, noch länger auf diesem unbequemen Posten auszuharren. Er musste sich einen besseren Überblick verschaffen, über den Mann und das Haus.
   Lautlos glitt er an der glatten Fläche der Glasscheibe hinab, um im hinteren Garten zu landen. Einer der Gäste war eben hinausgegangen, um zu rauchen. Die Tür zum Wintergarten stand einen Spalt offen, glückliche Fügung des Schicksals. So umging er den Wachposten am Eingang und gelangte dennoch nach drinnen, um sich dort gründlich umzusehen.

*

Draußen amüsierten sich die Gäste, doch ihre Stimmen drangen nur gedämpft zu ihnen in das Privatbüro. Cat hatte jedes Zeitgefühl verloren, seit sie ihrem Vater hier hinein gefolgt war. Sie wusste nicht, wie lange sie schon hier saßen und Vigo Lavalle ihre Hände hielt. Tränen liefen über seine Wangen, während sie ihm von Silvias Tod berichtete. Auf einmal war alles so leicht. Ihre Aufregung, ihre Angst, alles war verflogen. Da war ein Mann, der ihr trotz der Tatsache, dass sie einander gerade zum ersten Mal begegnet waren, vollkommen vertraut war. Sie fühlte Liebe, Wärme. Beides strömte ihr entgegen, breitete sich aber zugleich auch in ihrem Herzen aus. Catherine verstand, warum sich ihre Mutter in diesen Mann verliebt hatte.
   »Hat sie sehr gelitten?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Die Ärzte haben ihr starke Schmerzmittel gegeben. Da eine Heilung ausgeschlossen war, ging es vor allem darum, ihr die letzten Tage so leicht wie möglich zu machen. Bis zu dem Abend, an dem ich sie bewusstlos in der Küche fand, war sie wie immer. Fröhlich, stark und um alle besorgt.«
   Vigo lächelte wehmütig. »Ja. So war meine Silvia. Sie war den Kindern von Joyce und Eric eine bessere Mutter im Vergleich zu ihrer leiblichen. Sie hätte alles für die beiden getan. Aber auch für die Eltern. Es hat ihr sehr leidgetan, als sie gehen musste.«
   Sein Blick wurde wehmütig. Er sah wirklich keinen Tag älter aus als auf den Bildern. So viele Jahre. Warum alterte er nicht? Die Frage geisterte durch Catherines Kopf, aber noch war nicht die Zeit, sie zu stellen. Später. Jetzt gab es so viel Wichtigeres.
   »Sie dachte immer, ich wäre ahnungslos, was dich angeht. Aber das war ein Irrtum. Ich wusste von ihrer Schwangerschaft, als sie fortging. Aber welches Recht hätte ich gehabt, sie aufzuhalten. Was hätte ich ihr bieten können, außer der Rolle der Geliebten. Sie hatte Besseres verdient. Ich habe einen Privatdetektiv damit beauftragt, herauszufinden, was aus ihr und dem Kind geworden ist. Ich hatte Angst, dass sie dich weggeben könnte. Dann hätte ich alles darangesetzt, dich hierher zu holen und Virginia irgendeine Lüge von einer Adoption aufgetischt. Ihr wäre es gleichgültig gewesen. Die letzten Jahre unserer Ehe, bevor sie starb, lebten wir nur noch gemeinsam in einem Haus, aber nicht mehr zusammen.« Er lächelte schmerzvoll. »Wie konnte Silvia nur glauben, dass sie mir weniger bedeuten würde als Vicky? Wenn sie geblieben wäre … ich glaube, ich hätte alles andere für sie aufgegeben.« Er seufzte tief. »Aber ich habe ihre Entscheidung, zu gehen, respektiert. Habe es schließlich aufgegeben, ihr zu schreiben, als nie eine Antwort kam. Nur mein Kind wollte ich nicht so einfach aufgeben. Doch als der Detektiv mir berichtete, dass Silvia einen gutmütigen spanischen Arbeiter geheiratet hat und ihr eine glückliche Familie wärt, war es für mich selbstverständlich, mich nicht in euer Leben zu drängen. Die Münze habe ich nicht ihr geschickt, sondern dir, aber das konnte sie nicht ahnen. Ich hatte stets die Hoffnung, sie würde dich eines Tages zu mir führen. Und nun ist es tatsächlich Wahrheit geworden.« Vigo blickte sie an, es lag so viel Wärme in seinen Augen. Nur ein Vater konnte derart lieben.
   Tränen schnürten Cat die Kehle zu.
   Er fasste sie sanft an den Schultern, drehte sie sacht, um sich ihr Gesicht genau einprägen zu können. »Du bist ihr sehr ähnlich, Liebes«, flüsterte er mit tränenrauer Stimme. Er beugte sich unvermittelt zu ihr und nahm sie in den Arm.
   Cat ließ es geschehen. Mehr noch, sie schmiegte sich an ihn und hatte zum ersten Mal seit Silvias Tod nicht mehr das Gefühl, allein zu sein.
   Vigo küsste ihre Stirn, stand auf und zog sie mit sich hoch. In seinen Augen lag Stolz. »Du bist wunderschön, mein Kind. Wie deine Mutter. Wie ein Engel. Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du hier bist. Es gibt so viel, worüber wir reden müssen. Aber jetzt komm, ich will dich einigen meiner Freunde vorstellen.«
   Ein kleiner Hauch der Nervosität kehrte zurück, als sie zu den Gästen zurückgingen. Die Tatsache, dass Vigo sie als seine Tochter vorstellen wollte und man kaum in wenigen Worten die Hintergründe dazu erklären konnte, verunsicherte sie ein wenig. Er hingegen schien keinerlei Bedenken zu haben.
   Zunächst steuerte er eine Gruppe an, in der ein älterer Herr, sicher schon Anfang siebzig, gerade das Wort hatte. Bei ihrem Näherkommen wandten sich alle ihnen zu und der Redner ergriff mit beiden Händen Vigos Rechte, um ihm seine Anteilnahme am Tod des Freundes auszusprechen. Gleichzeitig warf er einen neugierigen Blick auf Cat.
   Sie lächelte verlegen.
   »Alasdair, ich möchte dir Catherine Navole vorstellen. Meine Tochter. Das verlorene Kind ist nach Hause zurückgekehrt.« Er sagte dies voller Wärme und Stolz und legte einen Arm um Catherine, als wären sie seit Langem eng verbunden und miteinander vertraut.
   Sie spürte Hitze in ihre Wangen steigen, reichte Alasdair freundlich ihre Hand, obwohl seine Worte sie verwunderten.
   »Ah, Silvias Tochter, nicht wahr? Vigo hat oft von dir gesprochen, mein Kind. Er hat die Hoffnung nie aufgegeben. Wie schön, dass du es einrichten konntest, heute hier zu sein.«
   Fragend blickte sie ihren Vater an, der kaum merklich nickte. Sie war also keine Unbekannte in seinem Leben – nicht nur für ihn. Auch andere wussten seit Langem von ihr. Eine Erkenntnis, die sie überraschte – sogar ein wenig erschreckte. Wem hatte er noch von ihr erzählt? Seiner Frau definitiv nicht. Fragen über Fragen. Sie würde sich gedulden müssen, wenn sie Antworten haben wollte.
   Auch bei den nächsten Gästen, denen er sie vorstellte, wunderte sich niemand darüber, dass sie seine Tochter war und nach über dreißig Jahren heute zum ersten Mal an seiner Seite auftauchte. Im Gegenteil fühlte es sich eher so an, als würde sie mit dieser Offenbarung in den Kreis dieser Leute aufgenommen und gehörte von jetzt an zu ihnen. Man erkundigte sich über ihre Mutter, sprach ihr Beileid für den Verlust aus und fragte nach ihrem Zuhause und ihrer Arbeit bei der Polizei. Auch der Mord an San Diago kam unweigerlich zur Sprache.
   Nach einer Stunde schwirrte ihr der Kopf und sie wollte einfach einen Moment für sich allein sein. Sie entschuldigte sich bei ihrem Vater und strebte dem hinteren Garten zu. Die Stille dort würde ihr hoffentlich helfen, einen Gang runterzuschalten.
   Auf dem Weg sah Catherine plötzlich ein bekanntes Gesicht in der Menge. Jemanden, den sie nicht hier erwartet hatte. Sie näherte sich zögernd von der Seite, ungläubig, ob das wirklich sein konnte.
   »Cyril?«
   Der Angesprochene wandte ihr sofort den Kopf zu. Überraschung spiegelte sich auf seinen Zügen, sogar Erschrecken, wie ihr schien. Dann lächelte er und streckte die Hände nach ihr aus.
   »Catherine! Was für eine Überraschung, Sie hier zu sehen. Da ist Australien ein solch großes Land und wir laufen uns dennoch über den Weg. Das muss wohl Schicksal sein. Was machen Sie hier?«
   »Ich … ich bin auch sehr überrascht, Sie hier wiederzusehen. Wollten Sie nicht Geschäfte in Rom erledigen?«
   »Und Sie Familienangelegenheiten hier in Australien. Oder ermitteln Sie nun doch im Mordfall von San Diago?«
   Verunsichert blickte sie zu Boden. Es war seltsam, dass sie Cyril hier traf, hatte er doch in der Maschine in Madrid kaum ein gutes Haar an San Diago oder ihrem Vater gelassen. Andererseits hatte er zugegeben, geschäftlich Kontakt mit San Diago gehabt zu haben. Vielleicht hatte man ihn deshalb eingeladen und er hatte die Einladung aufgrund seines Madrid-Aufenthaltes erst vorgestern erhalten.
   »Diese Familienangelegenheit … ja also, deswegen bin ich hier. Wissen Sie, Vigo Lavalle ist mein leiblicher Vater.«
   Sie sah ihn erbleichen.
   Sein Gesicht verriet Unglauben und Fassungslosigkeit. »Ihr Vater? Aber … wie kann das sein? Ich dachte … Sie haben gar nichts gesagt.«
   Cat hob abwehrend die Hände und lächelte halbherzig. »Bitte, fragen Sie mich nicht. Es ist eine lange und komplizierte Geschichte, die ich selbst noch nicht so ganz begreife. Und ich denke, hier ist nicht der richtige Ort, um darüber zu sprechen. Sind Sie länger in Australien? Vielleicht könnten wir den Kaffee dann noch einmal wiederholen? In angenehmerer Atmosphäre als auf einem Flughafen?« Sie konnte nicht umhin, ihn hoffnungsvoll anzublicken. Er war ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen, seit sie in Rom wieder ins Flugzeug gestiegen war und vielleicht war es wirklich Schicksal, dass sie sich so bald schon wiedersahen.
   Als er nicht sofort antwortete, bangte sie schon, er könne ablehnen, doch dann strahlte er sie an und nickte.
   »Ich wüsste nicht, was ich lieber täte. Da ich vermutlich eine Weile hier in Melbourne bleiben werde, wäre es mir eine besondere Freude, mit Ihnen die Stadt zu erkunden. Oder besser noch: Mit dir?«
   Ein weiteres Mal an diesem Abend errötete Cat und musste verlegen zur Seite blicken. »Gern. Möchten Sie … ich meine, möchtest du mit nach draußen kommen? Ich wollte gerade frische Luft schnappen.«
   Er bot ihr seinen Arm und sie verließen gemeinsam das Haus. Im Vergleich zum Innenraum war die Luft im Garten angenehm frisch und klar. Das Stimmengewirr verebbte, je weiter sie sich entfernten und machte einer wohltuenden Ruhe Platz.
   »Ich bin für so was einfach nicht geboren«, gestand Cat.
   »Eine Polizistin, die sich vor Menschen scheut. Na so was.«
   »In meinem Job hat man nicht oft mit solchen Menschenmassen zu tun. Ich bin weiß Gott nicht menschenscheu, aber ab einer gewissen Menge auf engerem Raum bekomme ich Panik.«
   Er lachte leise. »Ja, das habe ich durchaus schon mitbekommen. Ich kann wohl froh sein, dass du nicht wieder in Ohnmacht gefallen bist.«
   Sie knuffte ihn halbherzig in die Seite. »Das ist nicht fair.«
   »Nein, aber wahr.«
   Eine Weile wanderten sie schweigend umher. Die Anlage war größer, als man von außen meinen konnte. Die Pflanzen waren in kleinen Beeten arrangiert, dazwischen immer wieder größere Rasenflächen, ein kleiner Teich mit Kois und einem Springbrunnen in der Mitte. Märchenhaft.
   »Soso, dann ist Vigo Lavalle also dein Vater. Warum hast du im Flugzeug nichts gesagt? Jetzt kann ich deinen Schock ob des Nachrufes in der Zeitung noch viel besser verstehen. Kein Wunder, dass dich das so mitgenommen hat.«
   Sie zuckte die Schultern. »Ich kannte dich doch gar nicht, war selbst noch völlig überfordert. Und ich belästige ungern jemand Wildfremden mit meinen Problemen.«
   »Es ist doch aber nichts, wofür man sich schämen müsste.«
   Nein, das sicher nicht. Aber sie hatte ja auch den Teil ausgelassen, in dem sie geglaubt hatte, dass Cyril bedrohlich wirkte. Auch jetzt sagte sie nichts dazu, es war ihr einfach zu peinlich.
   »Catherine? Bist du hier draußen?«
   Vigos Stimme klang vom Wintergarten zu ihnen herüber.
   »Mein Vater. Da fällt mir ein, kennt ihr euch eigentlich? Im Flugzeug sagtest du Nein, aber wenn er dich eingeladen hat …«
   Cyril winkte ab. »Ich glaube nicht, dass er mich kennt. Ich bin nicht direkt eingeladen worden. Meine Firma hat mich hergeschickt. Ich schätze wegen der Verbindung zu San Diago.«
   »Oh. Verstehe. Aber das macht nichts, dann stelle ich dich jetzt vor.«
   Er zögerte. Cat runzelte verblüfft die Stirn. »Was ist los?«
   »Ich weiß nicht. Vielleicht keine so gute Idee. Ihr habt euch doch gerade selbst erst kennengelernt. Besser, ich gehe jetzt. Du hast ja meine Handynummer. Dann meldest du dich einfach morgen oder in den nächsten Tagen bei mir.« Die plötzliche Eile, mit der er aufbrechen wollte, irritierte sie.
   »Unsinn. Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Und wenn wir uns in den nächsten Tagen öfter treffen wollen, ist es gar nicht schlecht, wenn mein Vater weiß, mit wem ich zusammen bin.«
   Als er immer noch haderte, sah sie es als Herausforderung.
   »Du hast doch keine Angst vor einem Mann, dessen Tochter du gerade den Hof machst?« Sie biss sich spielerisch auf die Lippen und blickte ihn mit leicht geneigtem Kopf an.
   Er schob das Kinn vor, seine Augen wurden schmal. »Das ist nicht fair.«
   »Nein«, gestand sie ihm ein. »Aber – wie du eben so schön sagtest – wahr.«
   Er verdrehte die Augen. »Na gut. Auf deine Verantwortung.«
   Vigo Lavalle stand noch immer in der Tür zum Wintergarten und spähte in den nächtlichen Garten hinaus.
   Als sie in Sichtweite kamen, winkte Cat ihm zu. »Alles in Ordnung. Wir waren nur ein bisschen im Garten spazieren.«
   »Wir?«
   Sie traten in den Lichtkegel der Lampe, die über der Tür hing. Ein Schatten huschte über Vigo Lavalles Gesicht, als er Cat mit ihrem Begleiter erkannte.
   »Darf ich dir Cyril vorstellen? Er saß auf der ersten Etappe von Madrid nach Rom neben mir im Flugzeug und hat sich netterweise um mich gekümmert, als ich vor lauter Panik beinahe wieder aus der Maschine geflüchtet wäre. Cyril, das ist mein Vater Vigo Lavalle.«
   Die beiden Männer fixierten sich. Keiner sagte ein Wort. Überrascht sah Catherine von einem zum anderen. Die Luft schien elektrisiert. Cyril löste als erster den Bann und hielt Catherines Vater die Hand hin.
   »Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Lavalle. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.«
   Vigo ergriff die dargebotene Hand zögernd. »So, haben Sie das?«
   »Ja, Sie sind ja auch ein berühmter Mann, nicht wahr? Aber, wie ich Catherine eben schon sagte, wird es jetzt auch langsam Zeit für mich. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich mit Ihrer Tochter gern in den nächsten Tagen etwas unternehmen. Schließlich sind wir beide das erste Mal in Melbourne und die Stadt hat einiges zu bieten.«
   Vigo Lavalle nickte nachdenklich. »Nun ja, ich denke, meine Tochter ist alt genug, um ihre Entscheidungen zu treffen. Das hat sie immerhin auch die vergangen drei Jahrzehnte recht gut ohne mich geschafft.«
   Da die Anspannung nicht merklich nachließ, räusperte sich Cat und trat zwischen die beiden Männer.
   »Ich möchte dich nicht länger aufhalten, Cyril. Es war schön, dich hier wiederzusehen. Ich melde mich morgen bei dir.«
   Für einen Moment blieb sein Blick noch auf ihren Vater gerichtet, dann sah er sie wieder an und lächelte. Galant beugte er sich über ihre Hand, um einen Kuss darauf zu drücken. »Die Freude ist ganz meinerseits. Bis morgen, Catherine. Mr. Lavalle.« Er nickte ihrem Vater zu und ging um das Haus herum zur Straße.
   »Kennst du diesen Mann schon länger?«, fragte ihr Vater. In seiner Stimme schwang leise Sorge mit.
   »Nein, wie gesagt, wir sind uns auf dem Flug das erste Mal begegnet, aber er hat sich sehr nett um mich gekümmert und ist in Rom bei mir geblieben, bis mein Flug aufgerufen wurde. Es war Zufall, dass er heute ebenfalls hier war. Er sagte, seine Firma habe ihn hierhergeschickt. Ich glaube, er kannte Señor San Diago.«
   »Mhm«, machte Vigo. »Ja, gut möglich.«
   Gemeinsam gingen sie wieder hinein, auch wenn ihr Vater sehr nachdenklich wirkte.
   Als Cat ihn fragte, was los sei, winkte er nur ab.
   »Es waren anstrengende Tage. Außerdem bin ich gerade Vater geworden und dann kommt sofort irgendein hergelaufener Strolch und will mir meine Kleine wieder wegnehmen.« Er lachte, doch es kam nicht von Herzen. Etwas schien ihn ernstlich zu bedrücken.
   Ehe Cat weiter nachhaken konnte, wechselte er aber bereits das Thema.
   »Ich nehme an, du hast in einem Hotel eingecheckt?«
   Als sie bejahte, schüttelte er unwillig den Kopf. »Das kann ich natürlich nicht zulassen. Als meine Tochter wirst du hier bei mir wohnen und den Luxus genießen, der dir zusteht.«
   Er ließ keine Widerrede gelten. Gleich am nächsten Morgen wollte er ihr beim Auschecken helfen und ihre Sachen von seinem Fahrer abholen lassen.
   »Ich habe, wie du siehst, mehr als genug Zimmer. Außerdem ist es sicherer.«
   »Sicherer?«
   »In Hotels wird oft gestohlen. Und dann eine junge, hübsche Frau, ganz allein. Nein, nein, das werde ich nicht zulassen.«
   Ergeben fügte sich Cat in ihr – gewiss alles andere als unangenehmes – Schicksal. Bis zum folgenden Abend war sie mit all ihren mitgebrachten Habseligkeiten bei ihrem Vater eingezogen. Fast hätte sie über den Trubel hinweg vergessen, Cyril anzurufen. Er war kurz angebunden, schlug aber vor, dass sie sich am Dienstag in der City auf einen Kaffee treffen könnten. Cat sagte zu. Das gab ihr ein paar Tage, um ihren Vater in Ruhe kennenzulernen und ein wenig Zweisamkeit zu genießen, ehe er ohnehin wieder den ganzen Tag im Büro verbringen würde und sie sich irgendwie die Zeit vertreiben musste.

Kew,
05. Juli 2003

»Guten Morgen, Liebes. Du bist früh auf«, begrüßte ihr Vater sie. Er saß bereits bürofertig angekleidet am Frühstückstisch und trank seinen Kaffee.
   Die Krümel auf dem Teller vor ihm deuteten darauf hin, dass er auch schon gegessen hatte.
   Während Catherine an seiner Seite Platz nahm, gab er der Hausangestellten ein Zeichen, für Cat das Frühstück zuzubereiten.
   Es verunsicherte sie auch nach fast zwei Wochen noch, derart bedient zu werden. Die Mahlzeiten wurden gekocht und serviert, das Haus permanent in einem sauberen und ordentlichen Zustand gehalten. Sie musste nicht einmal ihre Wäsche zusammenlegen. Sogar der Garten wurde von früh bis spät gepflegt. Das alles war sie nicht gewohnt. Aber wenn sie im Haus ihres Vaters wohnen wollte, würde sie sich wohl daran gewöhnen müssen.
   »Cyril hat mich für heute eingeladen, mit ihm in den Zoo zu gehen. Er ist offenbar ein Frühaufsteher, da er mich in einer knappen Stunde bereits abholen wird.«
   »Mhm. Du verbringst außerordentlich viel Zeit mit diesem Mann, dafür, dass ihr euch kaum kennt. Hast du keine Angst, was für eine Sorte Mensch er ist?«
   Sie warf ihrem Vater einen Seitenblick zu, während sie ihr Brötchen aufschnitt und es mit Butter und Marmelade bestrich.
   Er betrachtete sie nachdenklich und spielte mit dem Siegelring an seinem Finger. Aufgrund des Kreuzes hatte sie ihn gefragt, ob er eine Bedeutung hätte, aber es war nur ein Familienerbstück, das er ihr irgendwann einmal vermachen würde. Na danke, dieses Monstrum würde nicht einmal auf ihrem Daumen halten, und auch wenn sie das Kreuz ihrer Mutter trug und an eine höhere Macht glaubte, hatte sie mit der Kirche im Grunde so viel am Hut wie ein Torero mit Ikebana.
   »Da du den ganzen Tag weg bist, würde ich mich hier nur langweilen. Zu zweit macht es mehr Spaß, die Stadt zu erkunden als allein. Außerdem bin ich sehr gern mit Cyril zusammen, er ist nett. Wie soll ich ihn denn besser kennenlernen, wenn ich nicht mit ihm ausgehe?«
   Vigo schmunzelte über den Rand seiner Tasse hinweg und zwinkerte ihr zu. »Du magst diesen Kerl sehr, wie es scheint. Wie sagtest du noch, seid ihr euch begegnet?«
   Sie verdrehte die Augen, weil er dies bestimmt zum hundertsten Mal fragte und ihr die Erinnerung an ihren Ausfall mit jeder Erzählung peinlicher wurde. »Im Flugzeug, als ich einen kleinen Nervenzusammenbruch hatte. Papa, bitte, ich könnte jetzt noch vor Scham im Boden versinken. Muss ich das wirklich mehrmals täglich erzählen?«
   Er schürzte entschuldigend die Lippen, grinste aber weiter vor sich hin. »Nun ja, ich denke, um über die Begleiter meiner Tochter zu urteilen, komme ich einige Jahre zu spät. Dieses Recht habe ich verwirkt. Aber du erlaubst, dass ich mir Sorgen mache, dich mit einem Wildfremden in einer ebenso fremden Stadt allein zu wissen.«
   »Dad, ich bin Polizistin, schon vergessen? Ich kann mich wehren, wenn er auf dumme Gedanken kommt«, zog sie ihn auf und goss sich Kaffee in die Tasse.
   Das Hausmädchen stellte einen Teller mit Rührei, Speck und Toast vor sie, goss Orangensaft in ein Glas und blickte fragend zu ihrem Arbeitgeber, der sie mit einem Nicken entließ.
   »Ja, Liebes, ich versuche, daran zu denken. Sei dennoch vorsichtig, man weiß ja nie. Und da ich Cyril nicht kenne und du mir nach zwei Wochen Sightseeing gestern Abend noch nicht einmal seinen Nachnamen nennen konntest, bin ich beunruhigt.«
   Ja, das war in der Tat ein kleines Manko, das ihr bisher nicht aufgefallen war. Sie würde es heute nachholen und Cyril nach seinem Familiennamen und am besten auch seinem kompletten Lebenslauf fragen, damit sich ihr Vater keine Sorgen mehr machte. Er war schlimmer als Piedro. Dabei war sie doch längst kein Kind mehr.
   »Wenn du ihn besser kennen würdest, müsstest du nicht so reden«, bemerkte sie spitz.
   »Oho, ich sehe, einer Polizistin genügt ein zweistündiger Flug, um einen Menschen zu kennen und sich anschließend tagelang mit ihm herumzutreiben. Aber wenn du meinst, dass dies einem Vater den Umgang mit dem Freund seiner Tochter erleichtert, lade ich euch beide heute zum Abendessen ein, um Cyril kennenzulernen. Wäre das ein angebrachtes Entgegenkommen?«
   Cat beugte sich zu ihm und küsste ihn auf die Wange.
   »Das finde ich sehr lieb von dir, ich werde ihn fragen, okay?«
   »Bestens. Heute Abend im Kew Golf Club? Ich werde Patricia bitten, einen Tisch reservieren zu lassen.«
   »Ich habe noch nicht fest zugesagt. Ich habe nur versprochen, ihn zu fragen.«
   Vigo erhob sich, da es Zeit wurde, ins Büro zu fahren. »Du wirst das schon machen. Wenn du noch etwas braucht, Nelli wird sich um alles kümmern. Du hast meine Nummer. Scheue dich nicht, mich jederzeit anzurufen. Ich wünsche dir einen wundervollen Tag. Bis später, Liebes.« Er gab ihr im Vorbeigehen einen Kuss auf den Scheitel und war aus der Tür.
   Cat sah ihm nach, dann zu Nelli, die ihr zuzwinkerte.
   »Gehen Sie nur, Miss. Ich räume gleich ab. Sie wollen sich doch sicher noch aufhübschen für Ihr Date.«
   »Danke, Nelli.«
   Als Cyril eine knappe Stunde später klingelte, trug sie eine cremefarbene Jeans und eine braune Bluse mit dazu passender Strickjacke. Sie liebte Strickjacken, und da sie die Temperaturen noch immer nicht richtig einschätzen konnte, war es außerdem ein sehr nützliches Accessoire.
   »Hi!«, begrüßte er sie an ein kleines Sport-Coupé gelehnt. Seine Hände steckten in den Taschen einer schwarzen Cordhose. Das weiße Schnürenhemd sah irgendwie piratenmäßig aus, aber es passte zu ihm.
   »Hi!«, gab sie zurück und küsste ihn zur Begrüßung auf die Wange. Obwohl sie jetzt seit zwei Wochen fast jeden Tag zusammen waren, hatte er bisher nicht ein einziges Mal Anstalten unternommen, sie zu küssen. Darum hatte sie eben beim Ankleiden beschlossen, den ersten Schritt in diese Richtung zu unternehmen.
   Es mochte Einbildung sein, aber sie glaubte, dass er kurz die Luft anhielt. Galant hielt er ihr die Wagentür auf, damit sie einsteigen konnte.
   »Dann wollen wir uns mal die wilden Tiere von Australien ansehen.«
   Dafür, dass er noch nie in Melbourne gewesen war, fuhr Cyril außerordentlich sicher.
   »Ich habe ein recht gutes Orientierungsvermögen und mir heute früh die Route angesehen, die wir fahren müssen. Nachher hätte ich auch noch einen hübschen Italiener, wo wir essen gehen könnten.«
   »Oh. Also … eigentlich hatte ich gedacht … oder besser gesagt, mein Vater hatte die Idee, dass wir heute vielleicht zu dritt zu Abend essen, damit ihr euch kennenlernen könnt.«
   Cyril war so überrascht, dass er sie einen Augenblick entgeistert anstarrte und dadurch fast eine rote Ampel überfuhr. Im letzten Moment bremste er ab. »Abendessen? Mit deinem Vater?« Er klang nicht verärgert, eher überrumpelt.
   Nervös biss sie sich auf die Unterlippe. »Na ja, ich dachte auch, dass das vielleicht eine gute Idee wäre. Er möchte einfach gern wissen, mit wem sich seine Tochter herumtreibt. Das ist doch verständlich.«
   »Ja, für einen behütet aufgewachsenen Teenager vielleicht, aber du bist über dreißig und er hat sich dein ganzes Leben lang nicht darum gekümmert, mit wem du ausgehst oder in die Kiste springst.«
   Es tat weh, wie er das sagte. Statt zu antworten, wandte sie sich ab und starrte aus dem Fenster.
   »Hey«, lenkte Cyril ein. »Es tut mir leid, okay? Aber ich bin über so was eigentlich hinaus. Ich meine, beim Vater eines Mädchens um Erlaubnis fragen.«
   Sie atmete tief durch. »Er wollte nur nett sein und dich kennenlernen. Außerdem hast du am ersten Abend sehr wohl um seine Erlaubnis gefragt.«
   Sie hörte ihn einen leisen Fluch ausstoßen.
   »Also gut, wenn es dir wichtig ist, dann komme ich mit. Wo soll das stattfinden?«
   »Im Golfklub.«
   Sie konnte sich über seinen Sinneswandel nicht recht freuen.
   Cyril prustete hörbar. »Das verspricht ja, ein toller Abend zu werden. Ob ich dafür überhaupt die passenden Klamotten mithabe?«
   »Schon gut. Ich sag meinem Vater einfach, dass du keine Zeit hast.«
   Einen knappen Kilometer fuhren sie schweigend.
   »Es tut mir wirklich leid, Cat. Ich war einfach überrumpelt. Ich weiß diese Geste zu schätzen und selbstverständlich werde ich kommen. Auch auf die Gefahr hin, dass ihr beiden euch fürchterlich mit mir blamieren werdet.« Den letzten Satz sagte er mit deutlich hörbarem Humor in der Stimme, der wie immer ansteckend auf Catherine wirkte.
   Es dauerte keine fünf Sekunden, bis sie zumindest grinsen musste. »Solange du mich nicht vor meinem Vater blamierst«, sagte sie schmunzelnd.
   »Ich kann für nichts garantieren. Aber ich tue mein Bestes.«
   Catherine war schon seit einer Ewigkeit in keinem Zoo mehr gewesen. Die Tiere in ihren Käfigen machten sie traurig. Auch wenn die Gehege heutzutage groß waren, es war immer noch Gefangenschaft, und im Gegensatz zu den Verbrechern, die sie hinter Schloss und Riegel brachte, hatten diese Tiere nichts getan, um solch ein Leben zu verdienen.
   Sie war recht still, während sie durch die Anlage wanderten. Die Kamera baumelte an ihrem Handgelenk, aber Fotos machte sie nicht.
   »Bist du immer noch sauer auf mich?«, fragte Cyril schließlich.
   Cat schüttelte den Kopf und lehnte sich gegen die Absperrung vor dem Elefantengehege.
   »Nein, das hat nichts mit dir zu tun. Eher mit der Atmosphäre hier. Ich habe immer den Eindruck, dass die Tiere in den Zoos trauern. Dass sie nicht glücklich sind und ihre Freiheit vermissen.«
   Ein Schatten huschte über sein Gesicht. Sie glaubte, etwas Dunkles in seinen Augen zu erkennen, als er die Hände neben ihr auf den eisernen Rohren abstützte und zu den Dickhäutern hinüberstarrte.
   »Wenn man nichts anderes kennt, gewöhnt man sich aber vielleicht auch daran.«
   »Glaubst du nicht, dass sie ihre Familien vermissen?«
   Er verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. »Wer seine Familie nicht kennt, kann sie auch nicht vermissen. Außerdem sind die meisten dieser Tiere schon in Gefangenschaft geboren heutzutage.«
   »Ja, und werden von einem Zoo an den nächsten verkauft, um Inzucht zu verhindern.«
   »Cat, es sind nur Tiere. In freier Wildbahn verbringen die auch nicht ihr ganzes Leben zusammen. Jedenfalls die meisten.«
   »Aber …«
   »Blödsinn!«, fuhr er ihr ins Wort. »Die haben doch ein gutes Leben. Sicher. Bequem. Sie müssen keine Angst vor Feinden haben und müssen nicht töten, um ihr Recht auf Überleben einzufordern.«
   Schockiert von diesem Ausbruch starrte sie ihn an. Er wirkte selbst wie ein Raubtier in diesem Moment.
   »Was hast du denn? Du hast mich doch gefragt, was los ist. Zoos machen mich eben traurig.« Sie hatte das Gefühl, sich verteidigen zu müssen.
   Cyrils Nasenlöcher blähten sich, er kämpfte sichtlich mit seinem Zorn, auch wenn ihr schleierhaft war, was ihn so wütend machte. Sie hatte beinahe Angst vor ihm.
   »Wir hätten ja nicht herzukommen brauchen, wenn es dir so zuwider ist. Ich zwinge dich schließlich nicht, deine Zeit mit mir zu verbringen.«
   Jetzt schnappte sie nach Luft. »Sag mal, spinnst du? Was soll das denn? Wenn ich meine Zeit nicht sehr gern mit dir verbringen würde, dann hätte ich das die letzten zwei Wochen auch nicht getan. Es gibt überhaupt keinen Grund, mich so anzufahren. Ja, ich mag Zoos nicht besonders, aber ich wollte bei dir sein, also habe ich deine Einladung angenommen. Vielleicht hätte ich das wirklich besser nicht tun sollen.«
   Als er nicht antwortete, drehte sie sich entschlossen um und ging. Ein Kloß saß ihr in der Kehle, weil sie nicht verstand, was los war. Sie hatte ihn gern. Mehr als das. Gerade deshalb verletzte es sie, wie er sich verhielt.
   Bei den Löwen hatte er sie eingeholt. »Cat, warte!«
   Sie blieb stehen, drehte sich aber nicht um.
   »Ich bin ein Idiot«, gestand er zerknirscht ein.
   »Ja, offensichtlich.«
   »Lass … lass uns woanders hingehen. Wir müssen nicht hierbleiben, wenn es dir nicht gefällt. Und ich will nicht mit dir streiten.«
   Langsam wandte sie sich ihm wieder zu. Er stand da wie ein begossener Pudel, mit hängenden Schultern und schuldbewusstem Gesicht. »Ich verstehe dich nicht, Cyril. Nein«, setzte sie nach, als er etwas antworten wollte. »Ich muss mich korrigieren. Ich werde aus dir einfach nicht schlau. Ich weiß so gut wie gar nichts über dich, dein Leben, deine Vergangenheit. Nicht einmal deinen Nachnamen. Und das, obwohl wir uns seit über zwei Wochen fast täglich sehen. Wir reden immer nur von mir oder über belanglose Allerweltsthemen. Manchmal fragt sich die Polizistin in mir, ob du etwas zu verbergen hast.«
   Er hatte ihren Worten schweigend zugehört. Jetzt wich er ihrem Blick aus, schob die Hände in die Hosentaschen und suchte sichtlich nach Worten.
   Irgendwie wirkte er wie ein kleiner Junge damit, aber wo sie jetzt schon mal angefangen hatte, wollte sie keinen Rückzieher mehr machen, sondern ein paar Antworten. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, um zu verdeutlichen, dass sein Charme allein diesmal nicht reichen würde.
   »Ich war mir gar nicht im Klaren, dass du meinen Nachnamen nicht kennst«, begann er.
   Sie hob lediglich fragend die Augenbrauen. Er zögerte eine Sekunde zu lang. Dann eben nicht, dann würde sie eben doch gehen.
   »Bergin!«, rief er ihr hinterher. »Mein Familienname ist Bergin.«
   »Klingt ja zumindest nicht nach einem bekannten Massenmörder«, entfuhr es ihr spitz. »Und weiter?«
   »Nichts weiter. Cat, du weißt, dass ich als Kurier arbeite und für meine Auftraggeber Dinge von A nach B bringe. Mehr darf ich dir nicht sagen. Der Job erfordert nun mal Diskretion und Verschwiegenheit. Sonst bin ich ihn los. Ich habe keine Familie. Keine Ehefrau, keine Kinder. Durch meine Arbeit lebe ich praktisch überall auf der Welt. Meine Wohnung in Rom sehe ich selten. Es ist manchmal ein Scheißleben, aber es ist mein Leben und ich komme gut damit klar. Was willst du noch?«
   Sie drehte sich wieder zu ihm um. Er brachte es mit dieser kargen Erklärung tatsächlich auf den Punkt. Sie konnte die erforderliche Diskretion verstehen. Das war in ihrem Beruf auch nicht anders. Und dass man mit solch einem Leben schwerlich einen Freundeskreis oder gar eine Familie aufbauen konnte, ergab sich von selbst.
   »Was ist mit deinen Eltern?«
   Er blickte Hilfe suchend zum Himmel, ehe er die Arme nach ihr ausstreckte. »Ich habe keine, Cat. Ich bin in einem katholischen Waisenhaus aufgewachsen. Vielleicht wollten sie mich nicht, vielleicht sind sie tot, ich habe keine Ahnung und es interessiert mich auch nicht. Zufrieden? Ich bin nicht stolz darauf, und damit auch sicher keine gute Partie für die Tochter von Vigo Lavalle, aber ändern kann ich es auch nicht.« Er kam langsam auf sie zu, als er vor ihr stand, fasste er sie sanft bei den Schultern. »Ich bin alles andere als ein Vorzeigeschwiegersohn. Sicher nicht das, was sich ein wohlhabender Vater für seine lange vermisste Tochter wünschen würde. Verstehst du jetzt, warum ich nicht gleich mit Begeisterung auf die Einladung deines Vaters reagiert habe? Gegen ihn bin ich ein Niemand.«
   Sie hörte eine Spur Verzweiflung aus seiner Stimme heraus. Und noch etwas anderes, das sie nicht einordnen konnte. Angst? Nein. Eher Unwillen.
   »Ich schäme mich nicht für dich. Du solltest das auch nicht. Ich kenne meinen Vater zwar erst genauso lange wie dich, aber glaub mir, er ist niemand, der einen Menschen nach seinem Besitz oder seiner Herkunft beurteilt.«
   »Wenn du meinst.« Er sah ihr bei diesen Worten nicht in die Augen.
   »Kommst du dennoch heute Abend in den Golfklub?«, fragte sie unsicher.
   Er holte tief Luft, blickte sie mit hängendem Kopf von unten herauf an.
   »Ja, natürlich komme ich.« Er sagte es leise, lächelte zaghaft. »Und ich werde mich bemühen, dich nicht zu blamieren. Nicht vor dieser Schicki-Micki-Gesellschaft und auch nicht vor deinem Vater.«
   Sie schlang ihm die Arme um den Hals. Ihre Unsicherheit und Verärgerung war schon wieder verflogen.
   »Danke! Es wird bestimmt ein schöner Abend. Und ich bin doch auch kein Schicki-Micki-Mädchen, das weißt du doch.«

*

»Verflucht!«
   Cyril trat so fest gegen die Wand seines Hotelzimmers, dass der Putz bröckelte und eine Delle hinterließ. Das war so unglaublich dumm von ihm. So weit hätte es nicht kommen dürfen.
   »Warum hab ich mich dazu hinreißen lassen?«
   Er raufte sich die Haare. Zwei Wochen verschwendete er jetzt schon seine Zeit und genoss es sogar. Jede freie Minute – jede ihrer freien Minuten – verbrachte er mit Cat. Wenn er sich wenigstens einreden könnte, dass er das nur tat, um sie über ihren Vater auszuhorchen. Aber über Vigo Lavalle hatten sie so gut wie gar nicht gesprochen und wenn, dann lediglich Belangloses. Er hätte längst anfangen müssen, diesen Mann auszuspionieren, stattdessen war er besessen von seiner Tochter und bekam jedes Mal Herzklopfen, wenn sie sich sahen. Wie war das geschehen? Wann war es geschehen? Cat war ihm wichtig, er empfand mehr für sie als freundschaftliche Gefühle und auf alle Fälle war sie mehr für ihn als ein Mittel zum Zweck. Verdammt, ein Saint durfte überhaupt keine Gefühle haben – außer vielleicht den gerechten Zorn Gottes.
   »Na ja, ausspionieren kann ich Lavalle heute Abend ja wohl wunderbar.«
   Er hatte in seinem ganzen Leben noch nie mit einer Zielperson zu Abend gegessen. Er beobachtete aus dem Verborgenen, prüfte vielleicht bei einem Scheinkampf in irgendeinem Trainingscenter ihren Kampfstil, aber das hier?
   »Die Kleine hat mich echt verhext.«
   Was ihn allerdings noch mehr verwunderte, war die Tatsache, dass ihr Vater ihn eingeladen hatte. Was bezweckte dieser Kerl? Er würde ihn wohl nicht gleich in Gegenwart seiner Tochter killen. Wollte er ihn warnen? Ihn bloßstellen? Es bestand für Cyril kein Zweifel, dass Vigo Lavalle ganz genau wusste, mit wem er es zu tun hatte. Vielleicht nicht, dass er der Mörder seines besten Freundes war, aber auf jeden Fall, dass er zu denselben Leuten gehörte, die das zu verantworten hatten.
   »Und trotzdem duldest du, dass ich seit zwei Wochen mit deiner Tochter ausgehe. Verrückter alter Mann. Was bezweckst du damit? Oder ist es dir egal, dass sie damit in Todesgefahr schwebt?«
   Es war eine Möglichkeit. Lavalles Hoffnung, dass Cat ihn lange genug ablenkte. Plante er etwas, um seinen Killer im Vorfeld loszuwerden? Er würde kaum die Suppe im Golfklub vergiften, die Cyril aß. Aber etwas führte er im Schilde, da bestand kein Zweifel.
   Das Gespräch mit Cat heute im Zoo war ebenfalls gründlich schiefgelaufen. Er hatte zu viel von sich preisgegeben. Weil es ihm wichtig war, was sie über ihn dachte. Bis zu dem Moment, wo sie im Flugzeug in seinen Armen in Ohnmacht gefallen war, hatte es ihn nie geschert, was wer von ihm dachte. Er war ein Saint – kalt, herzlos, ohne Gewissen. Was war passiert in diesen Sekundenbruchteilen – zwischen diesem Mädchen und ihm?
   Weckte sie seinen Beschützerinstinkt? Ausgerechnet die Tochter eines künftigen Opfers.
   Cyril seufzte, stemmte die Hände in die Hüften und blickte sich in seinem Hotelzimmer um, als könnte er in irgendeinem Winkel eine Antwort finden. Er zog die legere Kleidung aus, die er für den Zoobesuch ausgewählt hatte und ging duschen. Auf dem Weg zum Badezimmer sah er, dass sein Handy auf dem Nachttisch blinkte. Es war schon schlimm genug, dass er es vergessen hatte – noch dazu eingeschaltet. Die Nachricht darauf war tatsächlich von seinen Auftraggebern.
    Wie lange brauchen Sie noch? Gibt es Probleme?
   »Fuck!« Fragen nach der Dauer eines Auftrages waren selten. Andererseits hatte er auch noch nie länger als zehn Tage gebraucht, um einen Job zu erledigen.
    Ich bin vorsichtig. Sie hatten mich vor ihm gewarnt. Ich melde mich, sobald ich Ihre Ware habe.
   Kein Wort, das einem Unwissenden verraten könnte, um was es wirklich ging.
   Inzwischen wusste er, warum die Zeit so sehr gedrängt hatte. Vigo war kein unbeschriebenes Blatt, doch mit dem Nachruf auf seinen Freund hatte er sich selbst in den Fokus gerückt und außerdem wusste man, dass er eine der höchsten Stellen innerhalb der Ikarus-Loge bekleidete. Der Gemeinschaft dieser Bluttrinker. Sein Tod bedeutete einen entscheidenden Schritt in diesem Kampf. Wenn er noch lange wartete, würden seine Leute ihm die Hölle heißmachen. Und wenn er handelte …
   Er presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Vergiss sie, warnte eine leise Stimme in ihm, doch er stellte sich taub.

Eine gute Stunde später betrat er in einem schwarzen Anzug mit blütenweißem Hemd den Golfklub.
   »Guten Abend, Sir. Haben Sie reserviert?«
   Ein grauhaariger Kellner mit Hakennase und hochmütigem Blick stellte ihm diese Frage. Sein Blick ließ keinen Zweifel daran, dass man ihn mit Kleidung nicht täuschen konnte und er Cyril sogleich als Nichtzugehörigen dieser feinen Gesellschaft enttarnt hatte.
   »Ich bin mit Mr. Vigo Lavalle und seiner Tochter verabredet.«
   Kühlen Blickes wurde er von oben bis unten gemustert.
   »Folgen Sie mir.« Der Kerl drehte sich um und ging davon, ohne abzuwarten, ob Cyril seiner Aufforderung nachkam. Da der Golfklub überschaubar war, folgte er dem Kellner lässig und ohne Eile. Catherine entdeckte ihn schon von Weitem und winkte. Etwas, das sich selbstverständlich nicht gehörte, doch auch ihr Vater lachte über die entgleisten Gesichtszüge des Chef-Obers und erhob sich, als Cyril an ihren Tisch trat.
   »Guten Abend, Mr. Bergin. Es freut mich, dass Sie meine Einladung angenommen haben. Wir hatten bei unserer ersten Begegnung ja leider keine Gelegenheit, uns näher kennenzulernen.«
   Cyril reichte Lavalle die Hand, wobei er innerlich auf der Hut blieb. Catherine hingegen umarmte er herzlich und küsste sie auf die Wange. Eine Revanche für heute Morgen. Im Beisein ihres Vaters errötete sie, wandte sich aber nicht von ihm ab.
   Vigo suchte einen Wein aus und empfahl Cyril und Cat die Vorspeisenplatte.
   Als Hauptgericht wählte sie einen Salat mit gebratenem Huhn, während sich Vigo und Cyril einig waren, dass die Rindersteaks vielversprechend klangen.
   Cyril bestellte es medium, Vigo englisch. Es wunderte ihn nicht.
   »Ich hatte sie anders eingeschätzt«, bemerkte Vigo schmunzelnd. »Hätte nicht gedacht, dass Sie so sensibel sind.«
   »Ich mag es einfach nicht, wenn es fast noch schreit, während ich mein Messer hineinsteche«, konterte Cyril. Er verstand die Anspielung sehr wohl. Wenn das den ganzen Abend so weitergehen sollte, tat Cat ihm jetzt schon leid.
   »Catherine erzählte mir, dass Sie als Kurier arbeiten. Darf ich fragen, um welche Waren es dabei geht?«
   Cyril nahm einen Schluck von dem Wein, den Lavalle – das musste er ihm lassen – exzellent gewählt hatte.
   »Sehr unterschiedlich. Wir sind da flexibel.«
   »Ach, tatsächlich? Aus dem Bauch heraus hätte ich jetzt fast auf Silber getippt.«
   Cyril schnitt gerade ein Stück Fleisch ab und stockte mitten in der Bewegung. Er starrte auf seinen Teller, presste die Lippen zusammen und ermahnte sich, nicht unbedacht zu antworten.
   »Ich dachte nur«, fuhr Vigo fort. »Es steht momentan doch recht hoch im Kurs, nicht wahr?«
   Er blickte Catherines Vater über den Tisch hinweg an. »Ja«, antwortete er gedehnt. »Silber ist immer heiß begehrt. Exotisches Fleisch ebenfalls. Ich bin flexibel.«
   Catherine räusperte sich. »Entschuldigt mich, bitte. Ich muss kurz zur Toilette.«
   Sie sah etwas blass aus, stellte Cyril mit Bedauern fest. Er lächelte ihr liebevoll zu und drückte ihre Hand. Während sie sich entfernte, blickte er ihr nach, bis sie sicher außer Hörweite war. Dann ließ er die Fassade fallen und funkelte sein Gegenüber wütend an. »Was soll dieses Spiel, Lavalle? Sie wissen ganz genau, wer ich bin und was mich hierher führt, oder etwa nicht?«
   Statt zu antworten, nickte Vigo nur bedächtig und trank noch einen Schluck Wein.
   »Finden Sie es unter diesen Umständen nicht riskant, ihre Tochter allein mit mir durch Melbourne zu schicken? Ist sie Ihnen derart gleichgültig?«
   Lavalle lächelte. »Im Gegenteil, Mr. Bergin. Oder wie auch immer Ihr wahrer Name ist.«
   »Was steckt dann dahinter? Was haben Sie vor? Diese Einladung zum Abendessen ist doch eine Farce.«
   »Ganz und gar nicht«, widersprach Vigo. »Ich sehe in Ihren Augen, dass Cat Ihnen nicht gleichgültig ist. Das habe ich schon am ersten Abend gesehen, auch wenn ich mir noch nicht schlüssig bin, warum das so ist.«
   Innerlich lachte Cyril bitter auf, auch wenn er es sich nach außen hin nicht anmerken ließ. Willkommen im Klub, Lavalle, dachte er. Ich weiß ja selbst nicht, was es ist, das mich so sehr an ihr fasziniert. Aber es ist da.
   »Sie würden ihr nie etwas tun, das ist mir klar. Darum sehe ich sie in keinster Weise in Gefahr. Und sie ist Ihnen ebenfalls zugetan. Warum also sollte ich mich dagegenstellen? Zumal ich kein Recht dazu habe, denn Cat ist erwachsen. Außerdem könnte ich mir keinen besseren Beschützer vorstellen als Sie. Bei wem könnte mein Mädchen sicherer sein als bei einem Saint? Einem Elitekiller des Vatikans?«
   »Ich werde Sie töten, Lavalle. Darüber sind Sie sich doch im Klaren, oder nicht? Warum haben Sie nicht längst versucht, mich auszuschalten, wenn Sie wissen, was ich bin?«
   Der Geschäftsmann schürzte die Lippen. »Vielleicht werden Sie mich töten, vielleicht auch nicht. Ich habe Hoffnung, dass Sie diesen unsinnigen Plan noch aufgeben und wir beide meine Tochter nicht ins Unglück stürzen müssen. Denn sie wäre unglücklich – egal, wer von uns beiden das Duell gewinnen und wer verlieren würde.«
   Cyril war fassungslos. »Ich habe keine Wahl, verstehen Sie? Die bringen mich um, wenn ich Sie laufen lasse. Und dann schicken sie einen anderen. So lange, bis Ihr Kopf rollt. Darum spielt es keine Rolle, ob Sie mich mithilfe Ihrer Tochter hinhalten oder gar umstimmen können oder nicht.«
   Vigo schmunzelte und aß genüsslich von seinem Steak. »Ich sehe da durchaus einen Unterschied, mein junger Freund. Da ist etwas in Ihrem Blick. Dasselbe sehe ich auch in Cats Augen. Sie werden das noch nicht verstehen, vielleicht bald, aber im Augenblick noch nicht. Doch vertrauen Sie mir, es ist weder Leichtsinn noch Gleichgültigkeit, die mich leiten. Und ich tue niemals etwas ohne Grund.«
   »Sie sind verrückt.«
   »Dasselbe könnte ich im Augenblick von Ihnen sagen. Soweit ich weiß, ist es für Ihre … Berufsgruppe … ungewöhnlich, mit dem Opfer in Kontakt zu treten. Sie kommen heimlich, töten schnell, nehmen, weswegen Sie geschickt wurden und verschwinden wieder spurlos. Und doch sind Sie auf meinen Empfang gekommen, haben mit mir gegessen und getrunken und machen meiner Tochter den Hof. Etwas ist geschehen, etwas an ihr hat Sie berührt. Und dies, Mr. Bergin, macht mir Hoffnung. In all den Jahren sind viele von Ihrer Sorte durch meine Hand gestorben. Es hat mir niemals Freude oder auch nur Genugtuung bereitet, solch junge Leben auszulöschen. Im Gegenteil. Ich verachte diejenigen, die Männer wie Sie auf diese Selbstmordmissionen schicken, zutiefst. Sie sind feige und vergeuden Leben. Leider kann ich daran wenig ändern. Aber in all diesen vielen, vielen Jahren habe ich immer auf jemanden wie Sie gewartet. Jemand, der noch Zweifel in sich trägt.«
   »Ich habe keine Zweifel«, unterbrach Cyril ihn barsch. Er hasste Lavalle dafür, dass er ihm seine Schwäche aufzeigte. Sich selbst hasste er fast noch mehr und dies fachte die Wut in seinem Inneren an. Gleichzeitig aber auch den Schmerz und die Sehnsucht, denn er konnte Lavalle nicht einen Lügner nennen. Alles, was er über dieses Geheimnis sagte, das ihn und Cat zu verbinden schien, war wahr. Dass er es nicht verstand, machte ihn wahnsinnig, aber er wollte sie nicht aufgeben. Noch nicht.
   Wieder schmunzelte Lavalle. »Natürlich nicht.«
   Cyril war sich für einen Moment nicht sicher, ob Lavalle noch von der Frage eines Zweifels sprach oder von seinen Gedanken über Cat. Konnten solche Wesen Gedanken lesen? Blödsinn! Das waren nur Menschen, egal was seine Auftraggeber behaupteten.
   »Wenn Sie glauben würden, was man Ihnen erzählt hat, Cyril, könnten Sie Cat dann wirklich guten Gewissens in meiner Nähe lassen, wo ich doch ein Monster, ein Dämon oder eine Ausgeburt des Teufels, sein soll?« Er schmunzelte, es hatte etwas Herausforderndes.
   »Wenn ich das glauben würde, was man uns gelehrt hat, dürfte es keine Rolle für mich spielen, sie in Ihrer Nähe zu lassen, da sie Ihre Tochter und somit ebenfalls ein Monster, ein Dämon oder eine Ausgeburt des Teufels ist.«
   »Touché!« Lavalle war nicht aus der Ruhe zu bringen. »Dann wollen Sie mir also sagen, dass Sie sich lediglich zu … Forschungszwecken mit meiner Tochter treffen? Studien am ungefährlicheren Objekt, um sich auf das wahre Ziel vorzubereiten? Sie verzeihen, wenn ich Ihnen das nicht glaube.«
   »Was auch immer Sie sind, ist mir egal. Ich weiß, dass Cat damit nichts zu tun hat. Noch nicht. Machen wir es kurz. Ja, Sie haben recht, sie ist bei mir nicht in Gefahr, weil ich etwas für sie empfinde. Aber wenn es stimmt, was man erzählt, wird sie Ihr Erbe an dem Tag antreten, an dem ich meinen Job erfüllt habe. Und was das bedeutet, wissen wir beide.«
   Vigo nickte nachdenklich und spielte mit seinem Weinglas.
   »Ist das der Grund, warum ich noch lebe? Weil Sie Cat schützen wollen? Das wäre Irrsinn, weil es nicht auf Dauer funktionieren kann. Und ich halte Sie nicht für so einfältig, sich etwas vorzumachen.«
   Seine Augen brannten vor Zorn. Was glaubte dieser Kerl eigentlich? »Ihr Leben ist mir scheißegal, Lavalle. Sie haben keine Ahnung von mir und meinesgleichen. Davon, was wir durchmachen und woran wir glauben. Ich sag Ihnen was, der einzige Gedanke, der uns antreibt, ist die Aussicht auf Freiheit, wenn Sie und Ihre verdammte Ikarus-Loge endlich vernichtet sind. Solange einer von Ihnen lebt, haben wir gar keine andere Wahl. Und mich kotzt es an, wenn ich daran denke, dass Catherine auch bald auf dieser Liste stehen wird, ja. Aber das wird mich nicht abhalten.«
   Er hörte sein Gegenüber leise seufzen. »Es ist immer wieder erschreckend, wie wenig Sie über die Wahrheit wissen. Aber das ist kein Wunder, denn mit der Wahrheit hätten die Sie ja nicht länger in der Hand. Ihre Unwissenheit ist nicht Ihre Schuld, nichtsdestotrotz ist sie Ihre Tragödie – und Ihr Tod.«
   Er wollte wütend etwas entgegnen, weil sich dieser Mann anmaßte, über ihn urteilen zu können, ohne ihn zu kennen, doch Lavalle sprach bereits weiter.
   »Lassen Sie es mich anders formulieren, Cyril, denn ich möchte, dass Sie begreifen, dass ich Sie nicht beleidigen will. Ganz im Gegenteil. Ich habe in der Tat auf jemanden wie Sie gewartet. Jemand, der nicht blind der Order folgt, sondern noch genug eigenen Willen und Verstand besitzt, um Dinge infrage zu stellen. Das tun Sie doch, oder nicht? Ihren Auftrag infrage stellen. Sie glauben nicht alle Lügen, die man Ihnen eingebläut hat. Von Dämonen und einer Bedrohung der göttlichen Fügung. Von Unsterblichen und dem Blutgeld des Verräters. Sie wissen tief in Ihrem Inneren, dass da mehr ist. Und Sie warten schon lange darauf, herauszufinden, was das ist. Cat war vielleicht der Auslöser. Betrachten Sie es als Schicksal. Dies ist Ihre Chance. Ich biete Ihnen an, sie zu nutzen. Die Entscheidung, ob Sie sie ergreifen oder ob wir beide in einer der nächsten Nächte doch noch die Klingen kreuzen, bis einer von uns in seinem eigenen Blut ertrinkt und unserer lieben Cat das Herz bricht, liegt allein bei Ihnen.«
   In diesem Moment kam Catherine zurück und ersparte ihm eine weitere Erwiderung. Vielleicht besser so, denn jedes Wort hätte ihn nur tiefer in den Strudel aus Fragen, Widersprüchen, Ahnungen und … Zweifel gezogen.
   »Geht es dir wieder gut?«, erkundigte er sich.
   »Alles bestens«, versicherte sie.
   Es schien zu stimmen, denn sie aß den Salat mit Genuss und gönnte sich wie Vigo und er noch ein Eis zum Nachtisch.
   Die kurze Unterhaltung während ihrer Abwesenheit trübte den restlichen Abend nicht. Im Gegenteil bemühte sich ihr Vater um zwangloses Plaudern und unterließ weitere Spitzen. Cyril tat es ihm gleich, schwor sich aber, auf weitere gemeinsame Abendessen zu verzichten.

*

Es war spät, als sich ihr Vater und Catherine von Cyril verabschiedeten und nach Hause fuhren. Keiner der beiden hatte ihr etwas angemerkt, nachdem sie von der Toilette zurückgekehrt war, doch die Unterhaltung der beiden hatte sie sehr beunruhigt. Sie hatte keine Worte verstanden, es war zu laut gewesen im Restaurant des Golfklubs. Aber die Heftigkeit, mit der die beiden diskutiert hatten und die Wut, die zwischen ihnen in der Luft gehangen hatten, setzten ihr schwer zu. Umso mehr, da sich beide in ihrer Gegenwart nichts davon hatten anmerken lassen. Was war zwischen ihnen vorgefallen?
   »Dad?«
   »Ja, Liebes?«
   »Was hältst du von Cyril?« Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen gleichmütigen Klang zu geben, was ihr nicht wirklich gelang.
   »Er ist ein netter junger Mann, der dich offensichtlich in sein Herz geschlossen hat. Ich denke, ich muss mir keine Sorgen um dich machen, wenn du bei ihm bist.« Er lächelte ihr zu, konzentrierte sich dann wieder auf den Straßenverkehr.
   »Als ich zum Tisch zurückkam …«
   »Ja?«
   Sie hörte die Anspannung in seiner Stimme. Diese Sensibilität entwickelte man bei Verhören von Verdächtigen rasch.
   »Ich hatte den Eindruck, dass ihr miteinander gestritten habt. Ging es um mich?«
   Eins – zwei – drei – vier. Sie zählte die Sekunden bis zu seiner Antwort. Je länger sie dauerten, desto wahrscheinlicher war es, dass es eine Lüge war.
   »Aber nein. Wie kommst du denn darauf?«
   Er hatte mehr als nur eine Sekunde zu lang gezögert.
   »Na ja, ihr habt euch nichts anmerken lassen, nachdem ich wieder am Tisch saß. Liegt der Gedanke da nicht nahe?«
   Ihr Vater schüttelte den Kopf, sein Augenlid zuckte. Bedachte er, dass sie Polizistin war und auf feinste Merkmale der Körpersprache achtete?
   »Weißt du, wenn sich Männer über Politik und Wirtschaft unterhalten und dabei unterschiedlicher Meinung sind, gerät eine Diskussion häufig ein wenig außer Kontrolle. Wir sind wohl etwas hitzig geworden. Tut mir leid, wenn dich das beunruhigt hat.«
   »Und warum habt ihr dann nicht weitergesprochen?«
   »Wir wollten dich natürlich nicht langweilen. Und es war auch nicht weiter wichtig.«
   Sie spürte genau, dass er ihr etwas verschwieg, aber es machte keinen Sinn, weiterzubohren. Er warf ihr einen Seitenblick zu und ergriff ihre Hand. Seine fühlte sich warm und stark an. Er war gut in Form für einen Siebzigjährigen. Das hatte sie in den letzten Tagen immer wieder gedacht, ihn aber nach wie vor nicht darauf angesprochen.
   »Du siehst noch genauso aus wie auf Mamas Foto.« In ihrer Stimme klang die Skepsis weiterhin nach. So vieles, was merkwürdig war. Vigo war der liebevollste Vater, den sie sich vorstellen konnte, doch er verbarg ein Geheimnis. Sie konnte es nicht greifen, aber es war da. Und Cyril schien auf irgendeine Weise ebenfalls etwas damit zu tun zu haben.
   Ihr Vater holte tief und hörbar Luft. »Es schmeichelt mir, dass du das sagst. Ich hoffe, es ist nicht nur die rosarote Brille einer Tochter.« Sein leises Lachen war halbherzig. »Die moderne Kosmetikbranche tut viel für eitle, ältere Herren wie mich. Und unsere Familie hat gute Gene. Vielleicht wirst du einmal selbst davon profitieren.« Er drückte sanft ihre Finger, es lag etwas Schmerzliches in dieser Geste.
   Mit einem Mal fröstelte es sie und sie entzog ihm ihre Hand. Zu Hause entschuldigte sie sich rasch und ging zu Bett. An erholsamen Schlaf war dennoch nicht zu denken, weil sie immer wieder Cyril und ihren Vater vor sich sah. Wie zwei wütende Löwen aufeinander losgehend, um sich gegenseitig in Stücke zu reißen. Und keiner behielt die Oberhand.

*

»Dad?« Catherine war früher als gedacht von einem Treffen mit Cyril zurückgekehrt, weil er einen wichtigen Anruf erhalten hatte. Während sie den Haustürschlüssel auf die Kommode im Flur legte und nach ihrem Vater suchte, grübelte sie noch immer darüber nach, wie seltsam sich ihr Freund verhalten hatte, nachdem der Anruf von seinem Auftraggeber gekommen war. Unaufmerksam und fahrig. Sie spürte es, wenn jemand nervös wurde, etwas nicht in Ordnung war, auch wenn derjenige vorgab, dass kein Grund zur Sorge bestünde. Man konnte sie nicht so leicht täuschen, aber aus Cyril war nichts herauszubekommen. Im Gegenteil, nachdem sie nicht aufhörte, zu bohren, hatte er das Treffen schließlich beendet, weil er noch einen dringenden Termin wahrnehmen müsse, der sich eben erst ergeben habe.
   Der Wagen ihres Vaters stand bereits in der Einfahrt, was bedeutete, dass auch er schon aus dem Büro zurück war, doch sie konnte ihn weder in der Küche noch im Wohnzimmer oder in seinem Büro finden. Der Wintergarten lag ebenfalls still und einsam da.
   »Dad?«, rief sie lauter.
   »Ich bin unten, Liebes. Im Keller.«
   Catherine hob die Augenbrauen. Was machte er um diese Zeit im Keller?
   Sie stieß die Tür zur Treppe nach unten auf. Wenn sie nicht zur Tiefgarage wollte oder von dort in den Wohnbereich, benutzte sie diesen Weg nie. Er war nur spärlich beleuchtet. Es war kühl und irgendwie unheimlich. Fast wie in einer Gruft. Catherine fühlte sich stets an die Friedhofskapelle erinnert, in der die kleine Messe für ihre Mutter stattgefunden hatte. Sie war ebenso kalt, karg und unpersönlich gewesen wie der Treppenaufgang und der schmale, aber dafür umso längere Kellerflur.
   Ihre Schritte klangen hohl auf den Stufen.
   »Links, Catherine. Nicht zur Garage. Die andere Richtung.«
   Sie folgte der Stimme ihres Vaters. Dass man am Fuß der Treppe nicht nur nach rechts gehen konnte, fiel ihr heute zum ersten Mal auf. Sie erkannte aber auch den Grund dafür. Eine Schiebetür in derselben Farbe wie die Wände und der Boden versperrte für gewöhnlich diesen Weg. Ein Geheimraum?
   Sie konnte ihren Vater keuchen hören, wie von großer Anstrengung. Ein Hobby- oder Fitnessraum, schoss es ihr durch den Kopf.
   In der Tat, als sie Vigos Schatten an der Wand einer großen Trainingshalle sah, schien er dort zu trainieren. Beim Eintreten erwarteten sie allerdings keine modernen Fitnessgeräte, sondern eher eine Art Museum. Ein leiser, anerkennender Pfiff kam ihr über die Lippen. »Wow! Was ist das denn?«
   Ihr Vater vollführte gerade noch sehr flüssig eine kompliziert aussehende Schlagfolge mit einem Schwert, wie Catherine es zuletzt in einem Historienfilm gesehen hatte und wandte sich ihr dann lächelnd zu. »Mein privater Rückzugsort«, erklärte er gut gelaunt. Er griff nach einem Handtuch, das über einem Stuhl bereit lag, und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. »Es ist immer gut, in Übung zu bleiben.« Behutsam, als wäre es ein kostbares Kunstwerk – was ihr gar nicht so weit hergeholt erschien – schob er das Schwert in eine lederne Scheide, die mit allerhand Imprägnierungen verziert war. »Der antike Schwertkampf trainiert den Geist und den Körper. Solltest du auch mal versuchen. Dann hätte ich endlich wieder einen Sparringspartner.« Er lachte, als sie skeptisch das Gesicht verzog.
   »Lass mal, Dad. Ich bin in Schusswaffen geübter. Und die sind heutzutage glaube ich auch sicherer als so ein Ding.« Sie deutete auf ein weiteres Schwert, das neben vielen anderen an der Wand hing. »Sammelst du so ein Zeug?«
   Er schien ein wenig gekränkt, dass sie den Kostbarkeiten nicht die Bewunderung zollte, die sie seiner Meinung nach verdienten, doch er griff nach der Waffe, auf die sie gewiesen hatte, und reichte sie ihr mit dem Heft voran. »Probier es einmal. Mir zuliebe.«
   Seufzend fügte sie sich in ihr Schicksal. Sie konnte ihrem Vater kaum eine Bitte abschlagen, es war ja auch nichts dabei, solange sie sich nur vor ihm blamierte und nicht in aller Öffentlichkeit. Ihre Waffe war leichter als die ihres Vaters, was für sie allein schon zur Unterlegenheit ausreichte, doch als Vigo den ersten Schlag führte, parierte sie diesen automatisch und war über ihre eigene Reaktion ebenso verblüfft wie über die Widerstandskraft ihrer Klinge.
   »Ein Schwert, Cat, ist eine sehr edle und traditionsreiche Waffe. Gut geschmiedet und von geschulter Hand geführt, steht es einer Pistole oder einem Gewehr zumindest im Nahkampf in nichts nach. Es wurden Kriege damit geführt und gewonnen. Der Kampf Mann gegen Mann hat etwas weitaus Ehrenvolleres an sich, als jemanden mit einer Kugel niederzustrecken.« Noch während er ihr dies erklärte, führte er bereits den nächsten Hieb, der sie zwar leicht aus dem Gleichgewicht brachte, aber dennoch konterte sie auch diesen.
   Mehr noch, sie gab einem inneren Impuls nach und griff mit zwei Schlägen nun ihrerseits an, was ihr ein anerkennendes Nicken ihres Vaters einbrachte, auch wenn dieser ihre Attacke mühelos abwehrte. Sie war über sich selbst verblüfft, denn sie hielt zum ersten Mal ein Schwert in der Hand, aber es fühlte sich so vertraut an, als sei sie damit groß geworden.
   »Sehr gut, Catherine. Du hast es im Blut.«
   Sie hob beschwichtigend die Hände und hielt ihm das Schwert hin, als wäre es ein ekelerregendes Subjekt. »Ganz wie du meinst. Aber mir sind diese Dinger zu umständlich. Die mögen ja früher ihre Daseinsberechtigung gehabt haben, heutzutage würden sich die Verbrecher wohl eher kaputtlachen, wenn sie ein Polizist mit Schwert in Schach halten wollte.«
   Sie verschwieg ihm bewusst, dass ihr eigenes intuitives Verhalten im Umgang mit der ungewohnten Waffe sie zutiefst schockierte und erschreckte. Für einen Moment hatte sie fast das Gefühl gehabt, mit ihr zu verschmelzen und eine lebendige Einheit zu bilden. Sie schauderte.
   Vigo lächelte väterlich und nahm ihr das Schwert wieder aus der Hand, um es an seinen Platz zurückzustellen. Danach führte er Catherine zu einer Vitrine. »Komm, sieh.« Er schloss den Glaskasten auf und fuhr liebevoll über eines der verzierten Hefte. »Das sind echte Templerschwerter, mein Kind. Ihr historischer Wert ist unermesslich. Kunstschätze der besonderen Art. Das Blut, das diese Klingen getränkt hat, wurde in einem Heiligen Krieg vergossen.«
   Unangenehm berührt senkte Catherine den Blick. »Es waren Menschen, die durch diese Waffen starben, Dad. Töten ist immer schlimm. Es sollte nie etwas anderes sein als der allerletzte Ausweg. Egal, ob mit einer Kugel oder einer Klinge. Über diese Zeiten sind wir heute doch gottlob hinaus.«
   »Ach, sind wir das wirklich?« Nachdenklich ruhte sein Blick auf ihr. Eine Ewigkeit lang schwieg er, ehe er schließlich lächelte und einen Arm um ihre Schultern legte, um sie auf die Stirn zu küssen. »Du hast recht, Cat. Töten darf nur der Verteidigung dienen, wenn es keinen anderen Weg mehr gibt. Doch allzu oft in der Geschichte ging es genau darum und mancherorts haben Menschen auch heute noch keine Wahl. Kennst du eigentlich die Hintergründe des Templerordens und ihr Wirken in der Welt?«
   Sie schüttelte den Kopf.
   »Eine sehr interessante Studie, ich kann sie dir nur empfehlen. Längst nicht nur von Gewalt und Tod geprägt. Hingegen waren auch die Römer sehr geübt mit dem Schwert und viele asiatische Völker haben eine wahre Kunst daraus gemacht. Denke nur an die Samurai.«
   »Dad, tut mir leid, aber ich fürchte, für Krieger, Söldner und deren Waffen werde ich mich nie mehr interessieren, als es mein Job erfordert.«
   Gottlob zeigte er Verständnis dafür, dass sie keinen Draht zu dieser speziellen Leidenschaft von ihm besaß, und wechselte lieber zu anderen Antiquitäten, die er in diesem Raum aufbewahrte. Um ihn nicht erneut vor den Kopf zu stoßen, gab sie sich interessiert, obwohl sie auch die religiösen Ikonen und antiken Schmuckstücke nur wenig reizten.
   Sie war erleichtert, als sie endlich wieder nach oben gingen.
   »Mein Angebot steht. Wenn du den Umgang mit dem Schwert einmal erlernen willst, werde ich dir gern Unterricht erteilen. Deine Mutter hat es übrigens einige Male versucht.«
   »Meine Mama?« Sie versuchte, sich Mama Silvia vorzustellen, wie sie das schwere Eisenschwert schwang, mit dem ihr Vater vorhin seine Übungen vollzogen hatte. Das Ding hätte ihre zierliche Mutter schlicht von den Füßen gerissen.
   »Es ist nur ein Angebot. Ich würde dich nie dazu überreden wollen.«
   Während ihr Vater duschen ging, bereitete Catherine ein leichtes Abendessen für sie beide zu, das sie im Wintergarten auftischte.
   »Ah, meine Meisterköchin. Nelli muss aufpassen, dass ich sie nicht entlasse, wenn du mich weiterhin so gut versorgst«, scherzte er. »Aber sag, du warst heute früh zurück. Das Liebespaar hat sich doch hoffentlich nicht zerstritten?«
   Sie schenkte ihm ein schiefes Lächeln. »Nein, Dad, keine Sorge. Cyril hatte lediglich noch einen Termin. Sein Boss hat ihn angerufen und da musste er schnell weg.«
   »Ah!«
   Mehr sagte ihr Vater nicht dazu.
   »Übrigens habe ich unten auch eine nette kleine Bibliothek, falls du dich mal für ein paar Stunden zurückziehen und in Ruhe schmökern willst. Ich weiß zwar nicht, was du gern liest, aber ich habe mir sagen lassen, meine Regale seien gut bestückt. Der Raum liegt direkt hinter dem Trainingsbereich.«
   »Danke, ich komme vielleicht darauf zurück. Eine eigene Kapelle hast du aber nicht, oder?«
   Jetzt lachte er lauthals. »Wie kommst du denn auf den Gedanken?«
   »Na ja, bei den ganzen Heiligenbildern und –figuren, die du da unten stehen hast, finde ich das nicht abwegig.«
   Er schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Ich bin kein religiöser Mensch, Cat. Dafür kenne ich die Religionen dieser Welt und ihre Schwächen zu gut.«
   »Und bewunderst dennoch die Krieger, die für sie gekämpft haben.«
   »Das ist etwas anderes. Eine Kapelle wirst du hier nicht finden. Ich bewundere die Kampfkunst und die Geschichte, nicht die Lügen einer Religion, die nur dazu dienen sollte, sich die Menschen gefügig zu machen, indem sie ihre Urängste schürte.«
   Catherine holte tief Luft. »Mein Vater, der Philosoph. Na sieh mal einer an.«
   Ehe er darauf antworten konnte, fragte sie ihn geschickt nach dem Meeting in der Firma, das für diesen Morgen angesetzt gewesen war. Zu ihrem Glück ging er auf den Themenwechsel ein und ihr blieben weitere tiefschürfende Analysen der Menschheitsgeschichte erspart. Eines war ihr allerdings klar geworden. Sie kannte ihren Vater noch immer sehr wenig und entdeckte jeden Tag neue Seiten an ihm, von denen einige ein vages Gefühl der inneren Unruhe in ihr zurückließen. Wenn sie auch nicht genau sagen konnte, woher dies rührte. Aber es war wie ein ferner Sturm, der sich zusammenbraute und sie unweigerlich mit sich reißen würde, wenn er sie erst erreicht hatte.

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