Als die Leibwächterin Aliana Koon den Auftrag erhält, den charismatischen und erfolgreichen Songwriter Damian Summers zu beschützen, ahnt sie nicht, dass ihre Schicksale auf magische Weise verknüpft sind. Damian und Aliana fühlen sich vom ersten Moment an zueinander hingezogen und verbringen eine Nacht in vollkommener Ekstase miteinander. Ihr Glück scheint perfekt zu sein, doch am nächsten Morgen bricht über beide ein Albtraum herein. Damian verschwindet vor Alianas Augen spurlos. Verzweifelt begibt sie sich auf die Suche nach dem Mann, den sie liebt, und gerät dabei in die Fänge eines skrupellosen Magiers.

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ISBN: 978-9963-52-687-1

Seiten: 390

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Astrid Freese

Astrid Freese
Astrid Freese wurde 1969 in Sachsen geboren und trug, kaum dass sie ein paar Wörter lesen konnte, die ersten Bücher aus der Bibliothek nach Hause. 1982 folgten die ersten schriftstellerischen Versuche, die durch Lehre, Studium und die Geburt eines Kindes für einige Jahre ins Abseits gerieten, aber nie wirklich vergessen wurden. Mehrere Jahre arbeitete sie anschließend als Datenerfasserin und schrieb für ihre Tochter zahlreiche Kurzgeschichten zum Lesen üben. Heute arbeitet und lebt sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten und einer Hündin in einem kleinen, aber wunderschönen Ort in Sachsen-Anhalt.

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Leseprobe

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Prolog

Schottland, Oktober 1539

Die Flammen fraßen sich hungrig durch trockene Äste, züngelten über Kutten und helle Haut. Ceará zwang sich, zu den Scheiterhaufen zu sehen. Tränen aus Wut und Trauer verschleierten ihren Blick. Die schmerzerfüllten Schreie der zum Tode Verurteilten krochen ihr in jede Pore und rissen ihr Herz in blutige Fetzen.
   Immer höher schraubte sich das Feuer in den tiefschwarzen Himmel. Emotionslos vernichtete es dabei alles Brennbare, was es erreichen konnte. Holz, Leinenstoff und die lebendigen Körper von zehn Menschen. Nichts würde von ihnen zurückbleiben außer einem Häufchen grauer Asche.
   Ceará schluchzte auf, als die Flammenzungen über Ríonas Haut leckten und ihren zierlichen Leib in Brand steckten. Ríona schrie nicht, bettelte nicht eine Sekunde um ihr Leben. Nur Tränen schimmerten in ihren wunderschönen Augen. Tränen, die in der Hitze sofort verdampften, wenn sie über die Wangen perlten.
   Eine warme Hand berührte ihre Schulter. Ceará schmiegte sich an Aodhán, dessen Oberkörper sich anfühlte, als ob er einer Statue gehören würde. Wut verkrampfte seine Muskeln. Er wurde von der Inquisition gejagt wie kein Zweiter, obwohl nicht einem Geistlichen sein Name bekannt war. »Sie haben nichts verbrochen«, flüsterte sie erstickt.
   »In den Augen der Kirche schon«, entgegnete Aodhán mit klirrender Stimme. »Sie haben Fähigkeiten, die den dummen, gottesfürchtigen Männern Angst einjagen.«
   »Wir haben unsere Magie nie gegen Menschen gerichtet. Niemals.«
   »Aber wir besitzen sie. Das allein reicht aus, um uns zu verdammen und auf Scheiterhaufen zu verbrennen«, sagte Aodhán mit kalter Stimme.
   Die Flammen verschlangen fauchend das Leben aus Ríonas Körper und denen der anderen. Die schmerzverzerrten Schreie verklangen, nur die einfältigen Worte des Vollstreckers wehten zu Ceará herüber. »Zu viele von uns fanden den Feuertod«, flüsterte sie und lehnte sich schluchzend an Aodhán. »Bald werden sie jeden magiebegabten Menschen verbrannt haben.« Grauen überzog Aodháns Gesicht. Ceará hob den Arm und streichelte ihm über das Haar. »Wir dürfen nicht warten. Ihr müsst gehen, für immer.«
   »Du bist meine Zwillingsschwester, ich kann dich nicht verlieren. Wir würden uns niemals wiedersehen«, rief Aodhán mit rauer Stimme und zog sie an seine Brust. »Du wärst auf dich allein gestellt. Niemand von uns könnte dir helfen, wenn die Inquisition dich finden würde.«
   Ceará strich ihm über die tränenfeuchten Augen, in denen Entsetzen lag. »Nein, wir werden uns niemals wiedersehen. Aber wir werden eines Tages wieder vereint sein.« Sie hauchte einen Kuss auf seine Stirn. Klingen fuhren ihr ins Herz, scharf und eiskalt. Ceará musste in dieser dunklen todbringenden Zeit überleben. Allein. So lange, bis sie das Erbe ihres Blutes weitergegeben hatte.
   Panik erstickte Ceará beinahe. Sie war noch niemals allein gewesen. Nicht mit einem Zwillingsbruder, der sie ebenso liebte wie verehrte, doch der Preis für die Rettung ihres Volkes lag in ihrer Trennung. Aodhán musste gehen, allerdings durfte sie ihn nicht begleiten. »Deine Prophezeiung wird sich erfüllen.« Sie legte schluchzend den Kopf an seine Brust. Leise klirrten dabei ihre und Aodháns Halsketten. »Wenn sich die Blutlinie wieder vereint, neues Leben entsteht, das nur getrennt werden kann, durch den Schmerz, der in der Sehnsucht wächst«, zitierte sie fast lautlos. Sie wussten, dass sich Aodháns Weissagung nicht zu ihren Lebzeiten erfüllen würde, aber sie hieß, dass sie ihre Fähigkeiten an ihre Nachfahren vererben würden.
   Ceará schloss die Lider und lauschte. Aodháns Herz pochte in dem Rhythmus wie das ihre. In wenigen Tagen würde ihr Lied ein letztes Mal erklingen und dann für eine sehr lange Zeit verstummen.

1. Kapitel
London, England, Gegenwart

Auf die Frage, was sich Aliana am meisten im Leben wünschte, hätte sie noch vor ein paar Wochen stets die gleiche Antwort gegeben: Den Mann zu treffen, von dem sie seit elf Jahren träumte.
   Sie war dreizehn, als sich das Gesicht eines Unbekannten Nacht für Nacht in ihren Kopf schlich. Mittlerweile kannte sie die Mimik des Fremden so genau wie die unterschiedlichen Stoffe ihres Kuschelkissens, das Mum für sie genäht hatte, als sie noch ein Baby war.
   Heute würde Aliana jedoch eine andere Antwort geben. Nicht, dass sie sich nicht immer noch verzweifelt nach dem Mann aus ihren Träumen sehnte, doch im Augenblick überlagerte ein zweites Verlangen ihr Begehren.
   Aliana saß auf ihrem Bürostuhl. Vor ihr auf dem Schreibtisch lag ein ungeöffneter Brief, dahinter stand ein Bilderrahmen. Ihr Zeigefinger zitterte nicht, als sie mit ihm die Glasscheibe berührte. Blaugraue Augen blickten ihr entgegen, Lachfältchen umrahmten diese. Das Foto war drei Monate alt und entstand zu einem Zeitpunkt, als Dad noch lachen konnte. Jetzt wischten Morphiumspritzen jedwede Regung aus seinem Gesicht und fesselten ihn an das Krankenhausbett, in dem er seit sechs Wochen lag.
   An dem Tag, als der Internist bei ihm Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium diagnostiziert hatte, hatte es geregnet, daran erinnerte sich Aliana noch. Die Ärzte gaben ihm noch einen Monat, aber Dad war ein Sturkopf. Selbst der Krebs und das Morphium schienen an seinem Dickschädel nichts ändern zu können.
   Jeden Abend nach Büroschluss saß Aliana an seinem Bett, streichelte seine abgemagerten Hände und erzählte ihm von ihrem Tag. Es waren alles Lügen, die sie genauso schmerzten wie sein Anblick. Aliana brachte es jedoch nicht über das Herz, ihm die Wahrheit zu sagen, auch wenn er durch das Morphium kein Wort von dem verstand, was sie sagte. Aber wie sollte sie ihm sagen, dass seine Firma kurz vor dem Aus stand?
   Ein leises Klopfen an der Tür ließ Aliana den Kopf heben. Einen Augenblick später wurde die Klinke heruntergedrückt und Pauls mageres Gesicht erschien im Türspalt.
   »Kleines, warum hockst du noch hier?«, frage er und kam auf den Schreibtisch zu. »Mach Schluss für heute. Du musst mal an dich denken. Solltest du zusammenklappen wie ein altersschwacher Gartenstuhl, kannst du niemandem mehr helfen. Geh aus, amüsiere dich und sei es nur für ein paar Stunden. Okay?«
   Aliana warf ihrem DagDag, wie sie Paul nannte, seitdem sie die ersten Silben sprechen konnte, einen bitterbösen Blick zu, den er auf hoheitsvolle Weise erwiderte. Paul, die rechte Hand ihres Vaters und ihr Mutterersatz, besaß in seinem knochigen Leib eine Zähigkeit, die keiner dort vermuten würde. Mit einem Lächeln auf den Lippen konnte er einen Prachtburschen überwältigen, der gut und gern zweihundert Pfund auf die Waage brachte.
   »Im Ernst, Kleines, so kann es nicht weitergehen«, sagte er sanft. Er umrundete den Tisch, drehte ihren Stuhl zu sich und hockte sich davor. »Du hilfst deinem Vater nicht, indem du deinen Körper mit Schlafentzug folterst und nächtelang grübelst.«
   Eine winzige Sekunde lang fürchtete Aliana, die Beherrschung zu verlieren und ihrem DagDag die Faust ins Gesicht zu rammen. Allein seine tränenfeuchten Augen verhinderten diese absurde Handlung. Er liebte ihren Vater ebenso sehr wie sie. Sein Ratschlag war gut gemeint, jedoch hielt er sich selbst nicht daran. Seit Dad im Krankenhaus lag, hatte Paul mindestens fünfzehn Pfund abgenommen, weil er kaum noch etwas aß.
   Ihr DagDag verdankte Dad sein Leben und hatte das nie vergessen. Vor achtundzwanzig Jahren befreite Dad als junger Polizist Paul aus den Händen einer Gangsterclique und rettete ihn vor einer Kugel in der Brust. Von dem Moment an war Paul nicht einen Augenblick mehr von der Seite ihres Vaters gewichen und hatte auch später seine kleine Familie beschützt. »Er ist stur«, flüsterte Aliana mit schmerzenden Augen. Unzählige ungeweinte Tränen sammelten sich irgendwo in ihren Augenwinkeln, trotzdem fanden sie keinen Weg nach draußen. Sie wusste seit Tagen nicht, ob sie die Hartnäckigkeit ihres Vaters als Geschenk betrachten sollte. Einundzwanzig Jahre lang verdrängte er aus Sturheit die Tatsache, dass Mum ihn verlassen hatte und niemals zurückkehren würde. Jetzt lebte er nur noch dank seines Eigensinns, so vermuteten die Ärzte, doch konnte man seinen Zustand Leben nennen?
   »Was Ethan an dich vererbt hat«, sagte Paul leise und strich ihr beruhigend über das Haar. »Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben. Er kämpft gegen die Krankheit an, das weiß ich, aber er braucht dich. Schmeiß dich in Schale, geh tanzen und such dir einen hübschen Mund, der dich ablenkt.«
   Aliana wandte den Kopf ab, sprang auf und zwängte sich an Paul vorbei. Saphirblaue Augen, die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt wurden wie Sterne von der samtigen Dunkelheit eines wolkenlosen Himmels, tauchten in ihrem Geist auf. Der Traum von dem Unbekannten war ihr Stützpfeiler. Er vertrieb Alltagssorgen und gab ihr durch seine Beständigkeit Sicherheit. Heute gelang es diesen atemberaubenden Augen allerdings nicht, die grausame Realität zu verscheuchen.
   Mit einem letzten Blick auf den ungeöffneten Brief, der auf ihrem Schreibtisch lag, schnappte sich Aliana ihre Knautschhandtasche von der Stuhllehne und ging zur Tür. »Sobald ich mich in Schale schmeiße, erreiche ich das genaue Gegenteil«, erwiderte sie mit einem bitteren Lächeln auf den Lippen. Oft hatte Aliana versucht, den Traum von dem Fremden und die stetig wachsende Sehnsucht nach ihm aus ihrem Herz zu vertreiben. Sie war ausgegangen, immer allein und mit der Hoffnung im Gepäck, einen Typen kennenzulernen, der den Unbekannten aus ihren Träumen verbannen würde. Die Versuche endeten jedoch erneut in ihrem einsamen Bett. Für wenige Augenblicke fanden die Kerle ihren durchtrainierten Körper anziehend, doch sobald sie die tatsächliche Kraft dahinter entdeckten, verschwanden sie mit eingezogenem Kopf durch die nächste Tür.
   »Ich gebe es nur ungern zu, aber ich schäme mich für meine Artgenossen«, sagte Paul hinter ihr. »Sie sind alle Schlaffis. Wenn ich nur ein paar Jahre jünger wäre, dann …«
   Aliana blieb im Türrahmen stehen und drehte sich zu ihrem DagDag um. »Wärst du immer noch mein bester Freund.« Sie liebte Paul wie einen älteren Bruder, doch darüber hinaus empfand sie keine tieferen Gefühle für ihn. Vielleicht, weil sie ihn seit ihrer Geburt kannte. Er hatte sich um sie gekümmert, wenn ihre Eltern unterwegs waren, denn Paul verließ London nicht. Soweit Aliana wusste, hatte er die Stadtgrenze noch niemals überschritten. Ihr DagDag hasste es, zu verreisen. In seinem Haus suchte man vergeblich nach einem Koffer oder einer Reisetasche.
   »Du raubst mir jede Illusion«, maulte er und schaltete das Licht in ihrem Büro aus.
   Aliana lächelte kurz, wandte sich um und ging durch den im Halbdunkel liegenden Vorraum auf die Eingangstür zu. Den Computer hinter dem Empfangstresen hatte Paul bereits heruntergefahren. Seufzend ließ Aliana den Blick über die Ledersessel schweifen, die sich auf der linken Seite um zwei kleine Holztische gruppierten. Die Zeitschriften, die auf den polierten Oberflächen lagen, hatte seit langer Zeit kein Kunde mehr in der Hand gehalten. »Du bist doch ganz glücklich mit deinen Freundinnen.« Aliana öffnete die Tür, trat hinaus in den Flur und blickte zur Steintreppe, die hinauf zu ihrer Wohnung führte. Der dunkelgraue Teppich dämpfte ihre Schritte, während sie auf die Bodenvase in der rückwärtigen Ecke zuging und vorsichtig eine verwelkte Rose aus dem Blumenstrauß entfernte.
   »Was heißt Freundinnen?«, protestierte Paul und schloss die Tür zu, neben de0r sich ein Messingschild mit der Aufschrift Koon Security befand. »Ich habe immer nur eine auf einmal.«
   »Sicher, aber jede Woche eine andere.« Aliana ging auf die Treppe zu.
   »Nun übertreib mal nicht«, sagte Paul und versperrte ihr den Weg. »Du solltest ihn öffnen, vielleicht enthält er doch nicht den Inhalt, den du befürchtest.«
   Aliana senkte den Blick und starrte auf den blütenweißen Umschlag aus dem Büro in seiner Hand. Er trug keinen Absender, trotzdem wusste sie, wer ihn geschickt hatte: ein prominenter Fußballer, der seit Jahren die Dienste der Firma ihres Vaters in Anspruch nahm. Der Fußballstar war der Letzte von Dads Kunden, der noch nicht gekündigt hatte.
   Nach kurzem Zögern schnappte Aliana das Kuvert aus Pauls Fingern, drängte sich an ihrem DagDag vorbei und stieg die Stufen hinauf.
   »Soll ich mit hochkommen?«, fragte er.
   Aliana zuckte die Schultern und lief weiter. Erneut zwang sie ihre Tränen dazu, an Ort und Stelle zu bleiben. Sie wollte nicht weinen, denn das würde bedeuten, dass es keine Hoffnung mehr gab. Weder für Dad noch für seine Firma.
   Das beinahe lautlose Schaben von Pauls Schritten hallte durch den Treppenaufgang.
   Aliana schloss die Wohnungstür auf und trat in die Diele. Kaum hatte Paul hinter ihr die Tür beinahe geschlossen, segelten ihre Pumps durch den Flur und landeten polternd auf den alten Holzdielen. Aliana warf den Schuhen einen bösen Blick zu, als würden diese an dem Dilemma schuld sein. Das Leder ignorierte ihr Anstarren und blieb teilnahmslos liegen.
   Seufzend ließ Aliana ihre Knautschhandtasche fallen, gab sich einen Ruck und ging in die Küche. Sie warf die Rose in den Müll und öffnete den Kühlschrank. Zwei Sekunden später schloss sie ihn wieder. Er war fast genauso leer wie bei seiner Anschaffung. Nur ein paar Sandwichscheiben, ein Glas Orangenmarmelade und drei Eier teilten den Raum darin mit Luft.
   Paul trat neben sie und riss die Tür ihres nutzlos gewordenen Küchengerätes auf. Nach einem Blick in die kühle Leere stieß er ein paar nicht jugendfreie Flüche aus. »Wie schlimm steht es wirklich um die Firma? Und wann hast du das letzte Mal etwas Vernünftiges gegessen?«
   »Magst du Tee?«, fragte sie, ohne ihn anzusehen.
   »Lenk nicht ab«, rief er dicht hinter ihr.
   »Ein Bier habe ich leider nicht«, entgegnete Aliana. »Ich könnte dir Wasser aus der Leitung …«
   »Wenn du mir nicht augenblicklich die Wahrheit sagst, versohle ich dir den Hintern. Kleines, meinst du, ich sehe nicht, was los ist?«
   Aliana fluchte im Stillen. »Wir sind in spätestens drei Monaten pleite«, antwortete sie lauter als beabsichtigt. Sie riss den Umschlag auf, zog das Papier heraus und faltete es auseinander. Aliana las nur den ersten Satz, der mit jedem Wort ihre Befürchtung bestätigte. Der Fußballer hatte gekündigt, natürlich fristgerecht. Das bedeutete, in der Kundenkartei ihres Vaters würde sich in einem Vierteljahr kein einziger Name mehr befinden. Aliana biss sich auf die Unterlippe und reichte ihrem DagDag den Brief.
   »Dieser Dreckskerl«, rief Paul keine zwei Sekunden später und schlug mit der Faust auf die Arbeitsplatte. Das leere Glas, das neben ihrer Spüle stand, hüpfte über die Anrichte.
   Aliana fuhr herum. »Was hast du erwartet, was passieren würde, wenn mein Vater seine Verpflichtungen nicht einhalten kann?«
   Paul drehte sich auf der Stelle um und schob die Faust in seine Hosentasche. »Ethan ist dazu nicht imstande, aber du und ich«, zischte er wütend. »Es besteht für die feinen Herren überhaupt kein Grund zu kündigen, denn wir sind trotz seiner Erkrankung in der Lage, die Verträge einzuhalten.«
   Aliana lachte auf. »Wie denn? Thomas und Kevin haben gekündigt und sich einen neuen Arbeitgeber gesucht. Damit bleiben nur wir zwei übrig. Du kannst nicht außerhalb von London arbeiten, und ich habe Betriebswirtschaft studiert, um meinem Vater die verhasste Büroarbeit abzunehmen.«
   »Na und? Ich habe dir alles beigebracht, was zu dem Job eines Leibwächters gehört. Du kannst besser mit einem Messer umgehen als diese feinen Pinkel mit ihren Zahnstochern.« Paul verzog verächtlich die Mundwinkel.
   Aliana schüttelte kurz den Kopf. Es stimmte, ihr DagDag trainierte sie seit dem siebten Lebensjahr drei- bis viermal in der Woche, jedoch besaß sie einen entscheidenden Nachteil. Sie hatte noch nie an einem Einsatz teilgenommen. »Du weißt, dass sie meine geringe Praxiserfahrung stört.« Aliana hatte jeden Bericht gelesen, doch das war weit davon entfernt, ihre Unwissenheit mit tatsächlicher Erfahrung auszufüllen.
   »Praxis ist das eine, Können das andere«, erwiderte Paul. »Und das hast du.«
   »Mag sein, aber wenn das Leben davon abhängt, vertraut man keinem Frischling.« Aliana verstand die Reaktionen der Kunden, wenngleich sie diese auch schmerzten.
   Paul straffte den Rücken und wandte sich zu ihr um. Behutsam zog er sie an seine Brust und strich ihr wie ein fürsorglicher Vater über das Haar. »Mach dir keine Sorgen, Kleines. Mir wird etwas einfallen.«
   Aliana erstarrte. Genau das war ihre Befürchtung. Bereits jetzt konnte sie mit den Einnahmen nur noch den Lohn für Paul, die Betriebskosten und die Raten für den Kredit, den Dad vor einem Jahr aufgenommen hatte, bezahlen. Für mehr reichte es nicht. In spätestens drei Monaten würde kein Geld mehr auf das Konto fließen, wenn es Aliana nicht gelang, neue Kunden zu finden. »Nein, du räumst dein Sparbuch nicht leer«, erwiderte sie und befreite sich aus Pauls Armen. »Damit wolltest du dein Haus sanieren.« Das uralte Backsteinhaus, in dem er mit seinen Großeltern wohnte, fiel bald in sich zusammen. Überall pfiff es um die Ecken, weil die Fenster undicht, die Holzbalken morsch und die Dachziegel marode waren. Feuchtigkeit sammelte sich in den Wänden und wirkte sich negativ auf die Gesundheit seiner Großeltern aus, die beide neunzig Jahre alt waren.
   »Ich habe mehr als genug für die Reparaturen übrig.«
   Aliana kniff die Augen zusammen. Die Röte in seinem Gesicht war einer käsigen Blässe gewichen. Ihr DagDag log, was er nicht besonders gut konnte. »Das ist die Firma meines Vaters. Es ist meine Aufgabe, sie zu retten. Und ich werde einen Weg finden«, sagte sie mit festerer Stimme, als sie vermutet hatte.
   »Natürlich wirst du das«, entgegnete Paul mit einem merkwürdigen Glitzern in den Augen und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich habe noch etwas zu erledigen. Kommst du allein klar?«
   Aliana stockte der Atem in der Kehle. Sie hatte mit einer lang anhaltenden Diskussion gerechnet, aber auf keinen Fall damit, dass er klein beigeben würde. Was hatte ihr DagDag vor? Sie betrachtete seine Mimik. Paul lächelte schwach, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und drehte sich um. Während er von der Küche in den Flur ging, wirkten seine Bewegungen hölzern und ungelenk. Alianas Misstrauen wuchs. »Was hast du noch zu erledigen?«
   »Der Fensterbauer wartet auf mich«, sagte er über die Schulter. »Wir sehen uns morgen früh im Büro?«
   »Natürlich«, antwortete Aliana und folgte ihm bis zur Wohnungstür. Der Stock aus seinem Rücken verschwand nicht. Irgendwas war oberfaul. »Du wirst doch keine Dummheiten machen, oder?«
   Paul fuhr herum. »Die da wären?«
   »Eine Bank zu überfallen, oder noch schlimmer, die Kunden mit deiner Pistole zu bedrohen, so lange, bis sie die Kündigungen zurücknehmen.«
   Er grinste. »Kleines, hast du mit den Gedanken gespielt?«
   Aliana schoss Hitze in die Wangen. »Nein, nicht eine Sekunde.«
   »Aber eine halbe. Ach komm, streite es nicht ab. Dein Gesicht ähnelt in seiner Farbe einem Granatapfel, außerdem kam deine Antwort viel zu schnell.«
   »Geh«, rief sie und verschränkte die Hände vor der Brust.
   Paul lachte leise und öffnete die Wohnungstür. Als er auf den Treppenabsatz trat, erstarb sein Lachen. »Wirklich, mach dir keine Sorgen. Wir schlafen erst einmal eine Nacht drüber und reden morgen im Büro weiter, einverstanden?«
   »Sicher«, murmelte Aliana und ließ sich von Paul in eine kurze Umarmung ziehen.
   »Mach dir einen schönen Abend und grüble nicht, okay?«
   »Du auch.« Sie schälte sich aus seinen Armen. Aliana blickte ihrem DagDag nach, bis seine Schritte verstummten und die Haustür im Untergeschoss ins Schloss fiel. Erst dann ging sie ins Wohnzimmer und legte sich auf das Sofa. Sie zog ihre Kuscheldecke über den Körper, der trotz der hochsommerlichen Temperaturen eiskalt war. Mit der rechten Hand griff sie in den Ausschnitt und holte die Kette ihrer Mutter unter der Bluse hervor. Aliana fuhr mit dem Zeigefinger über die verschiedenen Rundungen und Bögen des Amuletts. Ungeachtet ihrer stundenlangen Suche im Internet hatte sie bisher noch nicht herausfinden können, was das ziselierte Symbol auf dem Anhänger bedeutete. Es war so kunstvoll verschnörkelt, dass sein Sinn nicht nachvollziehbar war.
   Sie drehte sich schluchzend auf die linke Seite und schloss die Augen. An dem Tag, als Mum die Familie verließ, hatte sie das Schmuckstück neben ihr Kuschelkissen gelegt. Abend für Abend lag Aliana viele Wochen danach im Bett, drückte die Kette an ihre Brust und sang traurig die Lieder, die sie von Mum gelernt hatte. Alianas Schmerz verblasste mit den Jahren, trotzdem vermisste sie Mum und begriff nicht, warum diese gegangen war. Den Umstand verstand sie erst, nachdem die Träume zu ihrem dreizehnten Geburtstag begannen.
   Einen Monat später hatte Aliana all den Mut zusammengenommen, den sie in ihrem von Hormonen überschütteten Körper finden konnte, und erzählte Dad von dem Fremden, doch er ließ sie zum ersten Mal in ihrem Leben nicht ausreden. Sein Gesicht wurde so rot wie die Abendsonne am Tag zuvor, seine Lippen bebten vor Zorn. Sie sollte sich ja nicht die Verrücktheiten ihrer Mutter angewöhnen, schrie er derart laut, dass die Vögel kreischend aus der Rotbuche flohen, die vor dem Haus wuchs. Lorena habe ihre Tochter und ihn verlassen, weil diese anormalen Träume von einem Unbekannten sie nicht zur Ruhe hatten kommen lassen.
   Aliana war weinend in ihr Zimmer gerannt und hatte über viele Wochen und Monate versucht, den Mann aus ihrem Kopf zu verbannen. Im Schlaf konnte allerdings niemand seinem Körper etwas vorschreiben. Ein Jahr hatte Aliana benötigt, um festzustellen, dass das genauso unmöglich war, wie den Wind mit der hohlen Hand aufzuhalten.
   Vor den Träumen war sie ein normales Mädchen. Sie ging mit Freundinnen Schlittschuh laufen, reiten oder tauschte auf dem Schulhof Sammelkarten aus. Seit Dad ihr begreiflich machte, wie abartig die Träume waren, ging sie jedoch mit keiner Freundin mehr ins Kino und auch nicht ins Eiscafé nebenan. Zu groß war Alianas Furcht davor, in einem unüberlegten Moment von dem Mann zu erzählen, der ihre Sehnsucht bestimmte. Niemand würde ihre Suche nach ihm verstehen, wahrscheinlich nicht einmal ihren Wunsch, ihn endlich vor sich stehen zu sehen. Er war nur eine Fantasie und doch so viel mehr.
   Aliana seufzte, drehte sich auf die andere Seite und zog die Decke bis zum Kinn. Ungebeten tauchten saphirblaue Augen in ihrem Geist auf. Sie gehörten zu einem Gesicht, das sie an mit Goldpuder überzogene Zartbitterschokolade erinnerte. Oft hatte sie sich gefragt, ob sie wegen der Farblosigkeit ihrer Haut von einem Mann träumte, dessen Antlitz so ausdrucksstark und voller lebendiger, warmer Farben war, das es nur ein Meister gemalt haben konnte.
   Tiefer und tiefer ließ sich Aliana in die Traumbilder aus ihren Erinnerungen fallen, die ihren überreizten Nerven ein paar Augenblicke lang Ruhe schenkten. Der Gedanke, dass sie vor der bitteren Realität flüchtete, hielt sich nur kurz in ihrem Hirn. Sie hatte es seit elf Jahren nicht geschafft, den Unbekannten aus ihrem Kopf zu verbannen, und wollte es auch jetzt nicht.

*

»Bitte erinnere dich!«
   Erneut ließ die gesichtslose Stimme Entsetzen über Damians Körper rollen. Er presste die Lippen aufeinander und stoppte die Tonaufnahme. Mit fahrigen Bewegungen strich er sich ein paar Strähnen aus der Stirn, stand auf und lief durch sein Studio. Jeder Zentimeter in dem Raum war ihm vertraut. Das Zimmer war seine Zuflucht, seine eigentliche Heimat. Hier schuf er Melodien, deren Noten seit seiner Kindheit seinen Kopf ausfüllten.
   Damian musste sich allerdings seit knapp zwei Wochen zwingen, sein Heiligtum zu betreten. Seit der Zeit mischte sich diese Stimme in seine Aufnahmen, ohne dass er wusste, wie. Immer in die gleiche Melodie, die er erst vor Kurzem komponiert hatte.
   Er blieb stehen und sah zu den vier hochmodernen Kameras, die er hatte installieren lassen. Keine hatte bisher einen Eindringling aufgenommen, und doch sprach jemand, sobald er die Tonfolge am Klavier spielte. Er schüttelte den Kopf und ging zu seinem Flügel. Sogleich schmiegte sich ein warmer Körper an sein Bein. Damian senkte den Blick und kraulte Tamara die langen Ohren. Seine Dobermannhündin blickte mit ihren dunklen Augen zu ihm herauf und wedelte mit der Rute. Ihr Verhalten gab ihm ebenso zu denken wie die Überwachungsbänder. Tamara wich normalerweise nicht von seiner Seite, daher war sie immer mit im Studio, insofern er hier komponierte. Nicht ein einziges Mal hatte Tamara angeschlagen, wenn die körperlose Stimme sprach. Für sie hatte keine Fremde den Raum betreten, was die Aufnahmen der Kameras bestätigten. Wer bat ihn, sich zu erinnern? Ein Geist?
   Ein Klopfen ließ Damian aufblicken. Er ging zur Tür und öffnete sie für die Menschen, die er als seine Eltern betrachtete, obwohl sie es im ursprünglichen Sinne nicht waren.
   »Der Hubschrauber ist da.« David wehrte lachend Tamaras Nase ab, die sie gegen seine Hand stupste.
   Für einen Augenblick hielt Damian die Luft an, dann schüttelte er den Kopf. »Es tut mir leid, ich komme nicht mit.«
   »Aber warum nicht?«, fragte Lindsay mit weit aufgerissenen Augen.
   Damian blickte zu seiner Hundedame, deren Schwanz gegen sein Bein schlug. Der heutige Abend verlief eigentlich immer auf die gleiche Weise. Jedes Jahr in der Mittsommernacht suchten sie den Ort auf, an dem Lindsay und David vor sechsundzwanzig Jahren ein Neugeborenes fanden.
   Das Ritual entsprang seinem Wunsch, als er noch ein kleines Kind gewesen war und sich verzweifelt danach gesehnt hatte, seine Mutter zu finden. Die Frau, die ihn eine Stunde nach der Geburt aussetzte und sich selbst überließ.
   An Damians Sehnsucht hatte sich in all den Jahren nichts geändert, trotzdem sah er sich heute außerstande, seine Pflegeeltern zu begleiten. Die Stimme, die sich in seine Komposition mischte, hatte Risse in seine Erinnerungen getrieben. Bilder überfluteten sein Gehirn, die er nicht zuordnen konnte. Die Momentaufnahmen waren zu Beginn blass, wurden im Laufe der vergangenen vierzehn Tage jedoch immer farbintensiver. Er sah einen ihm völlig fremden Garten und eine mittelalterliche Burg, hörte Kinderlachen und das Knistern von Holzscheiten in einem einfachen Kamin.
   All das zog Damian noch tiefer in ein Dasein, gegen das er sich seit seiner Kindheit wehrte. Häufig fühlte er sich, als vereinte er zwei Existenzen in sich. Die eine Welt, in der er lebte, kam ihm oft genauso unreal vor wie die andere, die nur in seinem Kopf Wirklichkeit zu sein schien.
   In der Vergangenheit hatte es viele Momente gegeben, in denen sich Damian fast freudig in die Unwirklichkeit gestürzt hätte. Erst in der Pubertät hatte sich das geändert. Seitdem banden ihn seine Träume mit Ketten aus Titan an die Erde.
   Damian hob die Arme und zog Lindsay an sich. »Ich muss herausfinden, woher diese Stimme kommt«, erklärte er den beiden, die mehrmalig versucht hatten, ihn zu adoptieren, doch Lindsays Behinderung hatte für die Behörden ausgereicht, ihre Anträge abzulehnen.
   »Da wir eh in London sind, sollen wir da nicht …?«, fragte David.
   »Nein, ich benötige keinen Leibwächter. Was ich brauche, sind Antworten.«
   »Bitte«, flehte Lindsay und strich ihm behutsam über die Wange. »Denk wenigstens darüber nach, okay?«
   Im Stillen seufzte Damian und nickte. Er wusste, wie sehr sich seine Pflegeeltern um ihn sorgten. In all den Jahren hatte er es ihnen durch seine Art nie leicht gemacht. Nicht absichtlich, doch die unwirkliche Welt in ihm ließ ihm mitunter kaum Luft zum Atmen. »Einverstanden«, sagte er, senkte die Arme und trat einen Schritt zurück. »Ruft mich an, ja?«
   Lindsay lächelte und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. »Natürlich.«
   Damian erwiderte das Lächeln und blickte beiden nach, während sie die Treppe hinaufgingen. Kurz danach fiel die Haustür ins Schloss und ein dumpfes Dröhnen ließ die Wände erbeben. Der Hubschrauber startete und ein paar Augenblicke später hüllte Stille sein Anwesen ein.
   Damian ging zum Arbeitstisch und fuhr den Computer hoch. Erneut spielte er die Komposition ab, in die sich kaum wahrnehmbar die Stimme mischte, doch das war nicht alles. Damian hatte Geräusche herausgefiltert, die eindeutig nach Schritten klangen. Teilte er das Haus mit einem Wesen, das in der Lage war, sich unsichtbar zu machen?

2. Kapitel

Ein natürliches Bedürfnis riss Aliana aus dem Schlaf. Sie versuchte, den Traum festzuhalten, der sich zu verflüchtigen begann, und hob die Hände, als könnte sie auf diese Weise das Gesicht des Fremden berühren. Kummer überzog seine wunderschönen Augen mit einem dunklen Schatten, so massiv, dass die eisblauen Punkte in seinen Iriden fast schwarz wirkten.
   Der Druck in Alianas Blase wurde stärker. Sie fluchte und öffnete die Lider. Um sie herum war es so finster, dass sie nicht einmal einen Umriss erkennen konnte. Wo zum Teufel lag sie? Nicht in ihrem Bett, denn das besaß einen integrierten Radiowecker, der in der Dunkelheit ein schwaches Licht ausstrahlte. Aliana fühlte rissiges Leder unter den Händen. Sie lag im Wohnzimmer, nur wieso?
   Jäh drängte sich ein karg eingerichtetes Krankenzimmer in ihr Hirn. Sie fuhr schluchzend hoch und presste die Fingerspitzen gegen die Schläfen. Mit Macht rückte Dads abgemagertes Gesicht in den Vordergrund. Die Angst um ihn ließ ihr Herz dumpf im Brustkorb schlagen. Sie zwang Luft in ihre Lungen, die sich nur ein Stück weiteten, da das Gewicht eines Stahlträgers auf ihnen zu liegen schien.
   Aliana atmete aus und wieder ein. Ihr Puls trommelte durch ihren Körper Blut, das sich eiskalt anfühlte. Ihre Muskeln waren angespannt, der Nacken schmerzte. Wie erstarrt saß sie auf dem Sofa und war unfähig, sich zu bewegen. Ihr Kopf spulte in gnadenloser Genauigkeit die Ereignisse der vergangenen Wochen ab. Detailgetreu gab er wieder, wie sich Dad von einem starken, lebenslustigen Mann in etwas verwandelte, das einer atmenden Leiche ähnelte.
   Erneut zwang Aliana Luft in ihre Lungen, so lange, bis sie das Gefühl hatte, ihr Brustkorb explodierte gleich. Das tiefe Einatmen half. Wärme strömte in ihren Körper, doch die Bilder in ihrem Geist blieben.
   Als sie die Hände sinken ließ, schoss Schmerz durch ihre Arme. Während sie die Fingerspitzen auf das Leder aufstützte und sich nach oben stemmte, knackte es in ihren Handgelenken. Sie verzog den Mund und stand auf. Mittlerweile hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Ein schwaches Licht schien durch die Fenster herein und ließ sie Schemen erkennen. Aliana tappte zur Stehlampe und schaltete diese ein. Geblendet wandte sie den Kopf ab und tastete am Stiel des Fluters entlang, bis sie den Dimmer fand. Sie regulierte ihn herunter und eilte ins Badezimmer.
   Als sich Aliana wenige Augenblicke später die Hände wusch und in den Spiegel sah, überlegte sie mehrere Sekunden, ob sie ein Tuch über die Schränke hängen sollte. Die Frau, die ihr entgegenblickte, besaß Stroh anstatt Haaren und Augen, die von ihrer Farbe her einem schmutzigen Tümpel ähnelten. Farblos erscheinende Wangen vervollkommneten ein Bild, das besser in ein Gruselkabinett gehörte.
   Mit einem verächtlichen Blick drehte sie sich um und eilte in das Schlafzimmer. Eine Weile stand sie im Türrahmen und starrte zu ihrem Bett. In ihrer derzeitigen Verfassung brauchte sie den Versuch nicht zu wagen, unter der Decke den Rest der Nacht mit Schlafen zu verbringen.
   Aliana sah zum Radiowecker. Es war fast Mitternacht. Sie kniff die Augen zusammen, trat an das Fenster und blickte über die Straße hinweg zum West Heath. Dunkelheit lag über dem kleinen Waldgebiet, das Licht der Straßenlaternen verlor sich in den vorderen Baumreihen. Nur wenige Autos rollten über den Asphalt, drei Kerle liefen rauchend am Haus vorbei.
   Sie beobachtete die Gruppe, bis sie verschwand, und kaute auf der Unterlippe. Die einzige Methode, sich ausreichend zu erschöpfen, war Bewegung. Obgleich Aliana im West Heath beinahe jede Wurzel kannte, hielt sie es für keine gute Idee, um diese Zeit im Park zu joggen. Zumindest nicht ohne ein Messer.
   Ein Taxi bremste auf der gegenüberliegenden Straßenseite unter einer Laterne. Ein etwa sechzigjähriger Mann stieg aus, warf die Wagentür zu und zupfte seinen Schlips und die beigefarbene Anzugjacke zurecht. Anschließend umrundete er das Auto und öffnete die hintere Tür.
   Braune hochgesteckte Haare tauchten in Alianas Blickfeld auf. Eine Frau stieg aus, strich ihr elegantes Etuikleid glatt und legte die Hand auf den Arm ihres Begleiters. Während beide auf den West Heath zugingen, fuhr das Taxi ab.
   Aliana beugte sich näher zum Fenster. Warum ging dieses Pärchen mitten in der Nacht in den Wald? Für ein Schäferstündchen gab es andere Plätze. Zudem humpelte die Frau, obwohl sie sich schwer auf dem Arm ihres Partners abzustützen schien. Ein in Dunkelheit getauchter Park erschien ihr nicht der ideale Ort für das Paar zu sein, um gemütlich spazieren zu gehen.
   Ein Licht flackerte vor den beiden auf, offensichtlich hatte der Mann eine Taschenlampe eingeschaltet. Einen Moment später hielt Aliana den Atem an. Die Frau trug einen Blumenstrauß bei sich, der aus fünf Osiria-Rosen bestand. Die Rosensorte hatte schneeweiße Blütenblätter und einen karminroten Rand, der an den Außenseiten von einem silbrigen Band eingerahmt wurde.
   Aliana wandte sich um und blickte zu der Wand über ihrem Bett. Dort hing ein Gemälde, das sie von Dad zum sechzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Eine aufblühende Osiria-Rose, die mit Ölfarben auf Leinen gezeichnet worden war. Ihr Vater hatte das Bild extra für sie anfertigen lassen, weil Aliana diese Blumen liebte.
   Sie sah erneut zum West Heath. Das Licht der Taschenlampe drang mit jedem Herzschlag tiefer in die Dunkelheit vor. Einen Augenblick später tauchten die drei Kerle von eben auf. Die Teenager gingen langsam und verdrehten sich beinahe die Hälse, während sie immer wieder einen Blick über ihre Schulter warfen. Vor dem Waldrand schmissen sie ihre Kippen zu Boden und griffen in ihre Hosentaschen. Im Schein der Straßenlaterne blitzte Metall auf. »Verfluchter Mist«, rief Aliana, fuhr herum und rannte zum Nachtschrank. Kurz überlegte sie, die Polizei zu rufen, verwarf den Gedanken jedoch. Bevor die Gesetzeshüter auftauchen würden, wären die Typen längst über alle Berge und …
   Aliana katapultierte die Vorstellung, was die Teenager in der Zeit mit dem Paar angestellt haben könnten, energisch aus dem Kopf. Sie riss die Schublade auf, schnappte sich ihre Walther PPK, eine Taschenlampe und ein Messer. Während sie zum Flur stürmte, schob sie die Pistole und das Klappmesser in die Gesäßtaschen ihrer Jeans, behielt die Lampe indes in der Hand. Schlitternd kam Aliana auf dem Holzparkett zum Stehen, schlüpfte in ihre Turnschuhe mit Klettverschluss und nahm den Wohnungsschlüssel vom Haken. Eine Sekunde später öffnete sie die Tür und sauste die Treppe hinab. Als sie die Haustür aufgerissen hatte, ließ sie den Schlüssel in die Hosentasche gleiten und sah zum Waldrand. Die Kerle waren verschwunden, doch Aliana befürchtete, dass diese nicht den Heimweg angetreten hatten.
   Im Laufschritt überquerte sie die menschenleere West Heath Road und tauchte in die Dunkelheit des Parks ein. Neben einer Buche blieb Aliana stehen, schaltete die Taschenlampe ein und blickte sich um. Gedämpfte Geräusche hallten zu ihr, ein Lichtpunkt bewegte sich auf und ab. Sie atmete tief durch und setzte leise ihren Weg fort, dabei sah sie sich immer wieder um. Nach zehn Metern verstand Aliana die ersten Worte.
   »Ach komm, Opa, … kein Theater. Gib … das Geld und … kleinen Frauchen … nichts geschehen«, sagte eine widerlich süffisant klingende Stimme, die Gänsehaut auf Alianas Rücken verursachte.
   »Ich habe … mehr einstecken, als du … hast. Bitte, lasst … gehen«, flehte der ältere Herr.
   Aliana schluckte einen derben Fluch hinunter und schaltete die Taschenlampe aus. Sie schob diese in die Hosentasche und nahm die Pistole heraus. Langsam schlich sie weiter und betete, nicht auf einen trockenen Ast zu treten.
   »Was sagt mir wohl, dass du lügst?«, fragte die ekelhafte Stimme. »Ach, ich hab’s, dein feiner Zwirn. Her mit dem Geld, oder du brauchst für dein Frauchen einen Sarg.«
   Ein Schrei zerriss die nachfolgende Stille. Einer der Typen hatte die Faust in das Gesicht der Frau gerammt. Aliana knurrte, entsicherte die Walther PPK und lief geduckt auf die Bande zu.
   »Das war die letzte Warnung, Opa«, rief der Sprecher. »Sie wird vor deinen Augen sterben. Willst du das?«
   Hinter einer Pappel blieb Aliana stehen und blickte zu der Clique. Zwei wandten ihr den Rücken zu, der Dritte stand seitlich neben der Frau im Etuikleid und drückte ihr ein Messer an den Hals. Der Sprecher, ein Kerl mit auf dem Hintern sitzender Jeans, fuchtelte mit einem Schweizer Taschenmesser vor dem älteren Herrn herum.
   Aliana schob sich hinter dem Laubbaum hervor und ging auf Zehenspitzen weiter. Vier Schritte später blieb sie stehen. »Ich an deiner Stelle würde mir überlegen, ob es nicht besser ist, nach Hause zu gehen«, sagte sie. Der Sprecher und der zweite Typ fuhren herum. Der Dritte wandte lediglich den Kopf zu ihr, ließ jedoch zu ihrem Leidwesen die Klinge an der Kehle der Frau liegen.
   »Verdammte Scheiße«, fluchte der Sprecher. »Das sind ja nur Titten auf zwei Beinen. Hau ab, Weib, oder …«
   Aliana zielte und schoss dem Kerl zwischen seine ausgetretenen Turnschuhe. Die Kugel schlug in den Boden ein und blieb in der Erde stecken. Der Kerl stieß einen schrillen Schrei aus und wurde feuerrot. Der Typ neben ihm begann zu zittern. »Oder was?« Aliana hob den Arm, bis sie den Hosenreißverschluss des Anführers anvisiert hatte.
   »Das wagst du nicht«, fauchte dieser. »Ich stech dich ab wie ein Schwein, das schwör ich dir.«
   »Du solltest nicht damit rechnen, dass ich kein zweites Mal schieße. Und eins kann ich dir garantieren: Ich treffe so gut wie immer mein Ziel«, entgegnete Aliana. Er wurde noch röter im Gesicht, was sie ein klein wenig überraschte. Seine Wangen leuchteten beinahe vor Wut.
   »Tyler, stich die Alte ab«, zischte er.
   Der Herr schnappte erschrocken nach Luft, seine Begleiterin wimmerte erstickt. Hinter ihr entdeckte Aliana den Blumenstrauß am Wegesrand.
   »Meinst du … du wirklich …? Sie scheint …«
   »Halt die Schnauze und tu, was ich sage«, brüllte der Anführer.
   »Wenn dir dein Leben lieb ist, lässt du die Waffe fallen und gehst nach Hause.« Aliana zielte mit der Pistole auf Tylers Kopf. Eine Sekunde später hechtete der Anführer auf sie zu. Aliana schoss Tyler als Warnung vor die Füße, duckte sich unter der Klinge des Sprechers hindurch, wirbelte herum und verpasste dem Kerl einen Fußtritt in die rechte Kniekehle. Während er schreiend zu Boden ging, sprang sie zur Seite. Gleich darauf drückte sie Tyler den Lauf der Walther PPK gegen die Schläfe. »Lass das Messer fallen und lauf«, sagte sie leise. »Und nehmt euren Boss mit.«
   Tyler wurde kreidebleich im Gesicht und nickte zaghaft, währenddessen wälzte sich sein Anführer kreischend auf der Erde. Einen Atemzug später landete das Klappmesser neben Alianas Turnschuhen. Tyler und der zweite Typ halfen dem Anführer auf die Füße und zerrten ihn hinter sich her. Dieser fluchte ununterbrochen, unternahm allerdings keinen Versuch, sich aus den Armen seiner Kumpels zu befreien.
   Aliana blickte der Clique nach, bis die Dunkelheit ihre Gestalten verschluckte und ihre Stimmen verstummten. Als sie sich zu dem Paar umdrehte und Tylers Messer aufhob, drückte der Mann seine Begleiterin zärtlich an seine Brust und gab ihr einen Kuss auf den Mund. Sie zitterte und war schrecklich blass im Gesicht.
   »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen«, sagte er und reichte Aliana die Hand. »Wären Sie nicht gewesen, wer weiß, was die Bande mit uns angestellt hätte. Mein Name ist David Holland, und das ist meine Frau Lindsay. Wie können wir uns für Ihre Hilfe erkenntlich zeigen?«
   »Aliana Koon.« Sie gab ihm die Rechte, die er etliche Sekunden lang schüttelte. »Vielen Dank für Ihre Frage, doch das ist nicht nötig. Ich bin nur froh, dass ich rechtzeitig gekommen bin«, sagte Aliana in der Gewissheit, dass sie weitaus mehr Probleme mit der Gruppe gehabt hätte, wenn diese aus Profis bestanden hätte.
   »Koon?«, murmelte David Holland und zog die Brauen zusammen. Einen Herzschlag später hellte sich sein Gesicht auf. »Koon Security? Ich habe das Schild an dem Haus gesehen.«
   »Ja.« Aliana reichte Lindsay Holland die Hand, die diese anscheinend nicht wieder loslassen wollte.
   »Sie haben mir das Leben gerettet«, sagte sie. »Bitte, können wir nicht irgendetwas für Sie tun?«
   »Nein, vielen Dank. Ich habe das …«
   »Man kann doch Ihre Dienste mieten, nicht wahr?«, fragte David Holland.
   »Ja, sozusagen.«
   »Damian«, flüsterte Lindsay und blickte ihren Gatten an.
   »Wir können ihm nicht einfach …«
   »Nein, natürlich nicht. Ruf ihn an und rede mit ihm.«
   Als David Holland ein iPhone aus der Jackentasche zog, schüttelte Aliana den Kopf. Sie hielt den Ort, trotz ihrer Pistole, für nicht sicher genug, um ein längeres Telefongespräch zu führen. »Bitte, kommen Sie mit in mein Büro. Dort können Sie sich ausruhen und telefonieren.« Aliana sah die Frau an. Der Schock stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.
   »Sie kommt auch heute nicht«, murmelte Lindsay und blickte sich im Wald um.
   »Nein, sieht so aus«, entgegnete David traurig. Er seufzte, nickte Aliana zu und schenkte ihr ein kurzes, mattes Lächeln. »Wir kommen seit sechsundzwanzig Jahren jede Mittsommernacht in den West Heath, aber das haben wir noch nicht erlebt.«
   Gerade rechtzeitig verkniff sich Aliana die Frage, die ihr unvermittelt auf der Zunge lag, und lief los.
   »Vielleicht, weil Damian uns zum ersten Mal seit zweiundzwanzig Jahren nicht begleitet«, sagte Lindsay grübelnd.
   »Ja, vielleicht«, erwiderte er.
   In Alianas Ohren klangen die Worte bekümmert. Sie ging neben den beiden her und fragte sich unentwegt, warum dieses nette Ehepaar seit beinahe dreißig Jahren einen Blumenstrauß mitten in den West Heath legte und anscheinend auf jemanden wartete.

*

Durch Damians Magen zog ein Grummeln. Beunruhigt warf er einen Blick auf die Uhr. Mitternacht war längst vorbei, doch sein Telefon schwieg. Er hätte seine Pflegeeltern nicht allein fliegen lassen sollen. Fluchend sprang er auf. Seit Stunden konnte er sich nicht auf die fremde Stimme konzentrieren, weil seine Gedanken bei Lindsay und David weilten.
   Warum meldeten sie sich nicht? Nur ein kurzer Anruf, als sie in London gelandet waren und ihre Koffer auf das Hotelzimmer gebracht hatten. Da ging es beiden gut, wenngleich Damian aus jedem Wort, das sie sprachen, die Sorgen heraushörte, die sie sich seinetwegen machten.
   Er rannte durch sein Studio, öffnete die Tür und ging zur Treppe. Als er einen Fuß auf die unterste Stufe gesetzt hatte, verstummte hinter ihm das leise Schaben von Krallen. Damian blieb stehen und drehte sich um. Tamara saß im Türrahmen und blickte ihn mit schräg gelegtem Kopf an. »Wenn du mir nur sagen könntest, warum du das Zimmer plötzlich so vehement beschützt«, murmelte Damian. Seit die Sache mit der Stimme angefangen hatte, blieb Tamara im Keller, egal, wo er war.
   Die Hündin winselte kurz und legte sich auf den Fußboden.
   »Schon gut, du kannst ja da bleiben. Ich will nur schnell nachsehen, ob ich das Haustelefon überhört habe, okay?« Tamaras Rute schliff wedelnd über die Fliesen. Damian schmunzelte, drehte sich um und eilte die Treppe hinauf. Im Flur lief er geradewegs auf die Kommode zu und nahm das Telefon aus der Ladestation.
   Nichts. Kein Anruf.
   Damians Geduld erschöpfte sich in diesem Augenblick. War das geschehen, worauf er seit seiner Kindheit wartete? Eigentlich glaubte er nicht mehr daran, jemals seiner Mutter und seinem Vater gegenüberzustehen, allerdings war ein Hoffnungsschimmer in seinem Herz erhalten geblieben, der nun seinen Körper unter Hochspannung setzte.
   Damian stellte das Telefon zurück in die Ladestation, holte das Handy aus der Hosentasche und wählte eine Nummer. Zweimal ertönte das Freizeichen, bevor es im Hörer knackte.
   »Ich wollte dich gerade anrufen«, sagte David.
   »Was ist passiert?«, rief Damian, der vor lauter Ungeduld kaum stillstehen konnte.
   »Wir sind … wir sind überfallen worden.«
   Damian erstarrte. Einen Herzschlag später schnellte sein Puls in die Höhe und jagte Wut und Entsetzen durch seine Adern. »Was?«, rief er.
   »Uns ist nichts geschehen, hörst du? Wir sind okay. Eine junge Frau kam uns zu Hilfe. Sie ist … eine Leibwächterin.«
   Damian schnappte nach Luft. Die Wendung der Ereignisse überrollte ihn kurzfristig. Seine Wut verrauchte, Erleichterung und Argwohn vermischten sich in ihm zu einem merkwürdigen Gefühlscocktail, der nach Bewegung schrie. Mit langen Schritten eilte er durch den Flur und die Stufen hinab. Im Gang bog er gleich nach links ab und betätigte den Lichtschalter. Helligkeit durchflutete seinen Fitnessraum und ließ ihn für eine Sekunde geblendet die Augen schließen. »Mitten in der Nacht taucht im West Heath eine Leibwächterin auf?«, fragte er und ging am Crosstrainer vorbei. Den Umstand fand er sehr seltsam. Er war über die Rettung seiner Pflegeeltern zutiefst erleichtert, jedoch weckte das Auftauchen der Frau Zweifel in ihm.
   »Sie wohnt gegenüber vom West Heath und hat die Bande dabei beobachtet, wie sie uns gefolgt ist«, erklärte David.
   Damians Nackenhärchen richteten sich kerzengerade auf. Er blieb vor der Vitrine stehen, die seinen ganzen Stolz beherbergte. Neben japanischen Langschwertern, die teilweise aus dem sechzehnten und achtzehnten Jahrhundert stammten, lagen dort einige Shuriken auf einem samtigen Kissen. »Bande?«
   »Sie … waren zu dritt … und hatten Messer. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Die Frau hat …«
   »Nicht wichtig?« Damian fuhr herum. »Natürlich ist das wichtig. Ihr hättet ge…« Er brach ab und atmete tief durch. Sein Herz raste bei der Vorstellung, was den beiden Menschen hätte geschehen können, denen er sein Leben verdankte. Wenn sie ihn nicht gefunden und in das Waisenhaus gebracht hätten, in dem sie gearbeitet hatten, wäre er zum Futter für wilde Tiere geworden. »Ihr werdet nie wieder allein den West Heath betreten. Falls ich nicht kann, engagiere ich zehn Leibwächter, die euch begleiten.« Der Gedanke, dass seine Pflegeeltern im Krankenhaus, oder noch schlimmer, unter weißen Tüchern liegen könnten, erstickte ihn fast.
   »Du übertreibst«, rief David, jedoch auf gutmütige Weise. »Wir brauchen keinen Schutz, aber du.«
   »Wohl kaum.« Damian wandte sich um und öffnete die Vitrine. Er nahm ein Katana heraus und betrachtete das Lilien-Horimono auf der Klinge des Langschwertes. Die Blumengravur verzierte etwa die Hälfte des Stahls.
   »Da bin ich anderer Meinung«, erwiderte David. »Diese Stimme kann schließlich nicht von einem Geist stammen. Irgendwer schleicht sich in dein Studio.«
   Damian drehte sich herum und schwang das Schwert durch die Luft. Ein zartes, metallisches Singen erklang, das sein Herz höherschlagen ließ. Längst tropfte kein Blut mehr von der Klinge, jedoch faszinierte ihn die anmutige, tödliche Präzision des Katanas. »Ein Geist nicht, da stimme ich dir zu, doch es ist kein Einbrecher im …« Damian verstummte und sah auf die gegenüberliegende Wand. Die Kameras zeigten tatsächlich keinen Eindringling, aber was, wenn diese Person in das Haus gelangt war, bevor die Videokameras installiert wurden, und irgendeinen technischen Schnickschnack im Raum eingebaut hatte, der die Frauenstimme abspielte?
   Gänsehaut rieselte Damian über den Rücken. Sein Studio war sein Heiligtum. Nur David und er kannten den Code, der die Tür öffnete. Die Geräusche auf seinen Aufnahmen bewiesen allerdings eindeutig, dass sich jemand in das Zimmer geschlichen haben musste.
   »Tu es uns zuliebe, bitte«, sagte David.
   Der flehende Unterton in Davids Stimme ließ Damian die Augen schließen. Weder Lindsay noch David hatten jemals um irgendetwas für sich gebeten. Sie betrachteten sich als seine Angestellten, seitdem er das Landhaus gekauft hatte. Damian hatte vergeblich versucht, beiden den Unsinn auszureden. Sie beharrten auf ihrer Meinung, andernfalls kein Recht zu haben, bei ihm zu wohnen.
   Er legte das Katana zurück in die Vitrine, seufzte und schloss die Tür. Lindsay und David liebten ihn, als wäre er tatsächlich ihr Sohn. Sie hatten ihn nie sonderbar gefunden, obwohl er ihnen von der Welt erzählte, die in seinem Inneren verankert war. Beide glaubten ihm jedes Wort und taten seine Erzählungen nicht als kindliche Fantasterei ab. Als er seine Leidenschaft für die Musik entdeckte, unterstützten sie ihn ohne Wenn und Aber. Von ihnen bekam Damian das erste Notenheft und seine erste Gitarre geschenkt. Sie hörten sich sämtliche Kompositionen an, gleichgültig, wann er fertig wurde. Ob am Nachmittag oder morgens um vier. Sommer wie Winter.
   Damian seufzte. Er konnte ihnen den Wunsch nicht abschlagen, egal, ob er einen Leibwächter für unsinnig erachtete. »Okay, ich engagiere sie und zahle ihr jeden Preis, den sie verlangt.«
   »Wirk… wirklich?«, stammelte David.
   Lachend betätigte Damian den Lichtschalter, lief zu seinem Studio und schloss die Tür von außen. Tamara schien davon wenig zu halten. Sie schenkte ihm einen missbilligenden Blick. »Ja, wirklich.« Damian ging in die Hocke. »Aber erzählt ihr erst einmal nur von mir, was notwendig ist. Den Rest erfährt sie, wenn sie den Vertrag unterschrieben hat.«
   »Einverstanden«, sagte David mit erfreut klingender Stimme.
   Damian schmunzelte. Seine Einschränkung trübte offenkundig Davids Erleichterung nicht. Seine Pflegeeltern hatten vor langer Zeit sein öffentlichkeitsscheues Leben akzeptiert. Niemand, außer seiner Plattenfirma, konnte ihn mit Songtiteln in Verbindung bringen, die die Charts gestürmt hatten. Kein Mensch erkannte ihn auf der Straße, was Damian eine unendlich kostbare Freiheit schenkte. »Dann sehen wir uns morgen Nachmittag«, sagte er und kraulte den Rücken seiner Hundedame.
   »Schlaf gut.«
   »Ihr auch«, entgegnete Damian und legte auf. Der Blick seiner Hündin wanderte sofort zur Studiotür.
   »Nein, Süße, ich gehe jetzt ins Bett. Du weißt, da gibt es ein Mädchen, das im Traum auf mich wartet«, flüsterte er. Tamaras Blick schien weicher zu werden. Damian drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, stand auf und stieg die Treppe zum ersten Stock hinauf. Noch bevor er sein Schlafzimmer erreichte, schälte sich das Gesicht einer jungen Frau aus seinen Erinnerungen. Augen, so blau wie ein Bergsee, liebkosten ihn Nacht für Nacht in seinen Träumen.

*

Aliana hatte gerade ein Glas mit Wasser vor Lindsay abgestellt, da öffnete sich ihre Bürotür und David kam mit einem strahlenden Lächeln herein.
   »Unser Arbeitgeber ist einverstanden. Er möchte Sie engagieren«, sagte er und trat neben den Sessel, in dem seine Frau saß.
   Aliana schnappte nach Luft. »Wie bitte?«
   »Oh, David, das ist prima«, erwiderte Lindsay und drückte seine Hand. »Ich bin so erleichtert.«
   »Ich auch«, entgegnete dieser und setzte sich auf einen Hocker. »Sind Sie einverstanden, Ms. Koon? Unser Arbeitgeber zahlt Ihnen jeden Preis, den Sie verlangen.«
   Eine Sekunde später raste Alianas Herzschlag. Schwarze Zahlen auf dem Geschäftskonto, weitere Mitarbeiter und ein voller Kühlschrank tauchten in ihrem Geist auf. Mit zitternden Knien ging sie um den Schreibtisch herum, sank auf ihren Drehstuhl und zog die oberste Schublade auf. Ordentlich gestapelt lagen darin unausgefüllte Vertragsexemplare. Sie nahm eins heraus und legte die Papiere vor sich auf die Glasplatte.
   Eigentlich hatte Aliana daran gedacht, Flyer in der City zu verteilen und Werbeannoncen in der Zeitung zu schalten. Auf die Idee, dass sie mitten in der Nacht im West Heath über neue Kunden stolpern würde, war sie nicht gekommen. »Natürlich, sehr gern.« Sie versuchte, im Kopf auf kühle Professionalität umzuschalten, was jedoch nicht so recht klappte. Die beiden waren ihr zu sympathisch. »Bitte geben Sie Ihrem Chef diese Unterlagen. Dann kann er sie in Ruhe durchlesen und ausfüllen. Falls etwas unverständlich ist, kann er mich gern jederzeit telefonisch erreichen.«
   David Holland bedachte seine Frau mit einem raschen Blick. »Nun, sehen Sie, da ergibt sich ein kleines Problem«, sagte er langsam. »Unser Arbeitgeber befindet sich nicht in London. Wir sind nur für eine Nacht hier und reisen morgen Nachmittag wieder ab.«
   Schlagartig erstarrte Aliana. Nicht in London. Wie ein aufgebrachter Wespenschwarm surrten die Worte durch ihren Kopf, bis sie scheppernd zu Boden fielen. Aliana konnte die City unmöglich verlassen. Ihr Vater lag im Sterben. »Wo wohnt Ihr Arbeitgeber?«, fragte sie mit krächzender Stimme.
   »Auf der Isle of Wight«, antwortete David. »Die Insel ist wunderschön, es wird Ihnen dort gefallen.«
   Aliana senkte den Blick und starrte auf die Papiere. Das Geld des Auftraggebers würde die Firma retten und darüber hinaus sicherstellen, dass sie Paul den Lohn zahlen konnte, der ihm zustand. Falls Aliana den Job ausschlug, gab es keine Garantie, dass sie in kürzester Zeit neue Kunden finden würde. Geschah das nicht, konnte sie den Konkurs nicht mehr aufhalten. Damit besaßen weder Paul noch ihr Vater und sie ein Einkommen. Zudem würde die Bank den Kredit kündigen, den Dad noch nicht getilgt hatte. Wenn sie die Restsumme von hunderttausend Pfund nicht zurückzahlen konnte, ging das Haus, in dem Aliana aufgewachsen war, in die Zwangsversteigerung. »Es tut mir leid«, sagte sie kaum hörbar. »Ich kann den Auftrag nicht annehmen.« Sie konnte London jetzt nicht verlassen. Ihr Vater lag im Sterben.
   Lindsay wurde erneut blass wie eine Kalkwand. »Warum nicht? Es wird Ihnen an nichts fehlen. Unser Arbeitgeber ist sehr großzügig.«
   Aliana sank bei den Worten beinahe in sich zusammen. »Es tut mir leid. Es geht nicht.«
   »Ms. Koon, es ist spät. Wir sind alle müde und erschöpft. Denken Sie in Ruhe über unser Angebot nach.« David stand auf und half seiner Frau aus dem Sessel. »Wenn es Ihnen recht ist, kommen wir morgen Mittag noch einmal in Ihr Büro. Einverstanden?«
   Weil ihre Stimme Aliana den Dienst verweigerte, nickte sie, wenngleich sie bezweifelte, dass sie ihre Meinung geändert haben würde. Nachdem sie den Hollands ein Taxi gerufen hatte und die Rücklichter des Wagens hinter der nächsten Kurve verschwunden waren, ging Aliana die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Dabei gelang es ihr zum ersten Mal seit Wochen nicht, die Tränen zurückzuhalten. Es schien Stunden zu dauern, bis sie sich in den Schlaf geweint hatte.

3. Kapitel

Als ihre Bürotür am nächsten Morgen geöffnet wurde, saß Aliana bewegungslos auf ihrem Stuhl und blickte auf die blank polierte Schreibtischplatte.
   »Herrgott, Süße, ich habe gesagt, du sollst ausgehen und dich amüsieren. Es war keine Rede davon, dass du dir die Nacht mit Weinen um die Ohren schlägst«, fluchte Paul und durchquerte das Zimmer. »Hat der Kerl den Schwanz eingezogen?«
   Aliana schüttelte den Kopf. »Kein Kerl.«
   Paul blieb stehen, als hätte jemand seine Füße auf dem Boden festgetackert. »Etwa … ein Mädchen?«, fragte er leise.
   Blinzelnd hob Aliana den Blick. Die Wangen ihres DagDags leuchteten glutrot. Erneut schüttelte sie den Kopf. »Ich war nicht aus.«
   Ein kaum wahrnehmbares Seufzen durchzog das stille Büro. Pauls Gesicht nahm eine gesunde Farbe an, während er sich in den Sessel lümmelte. »Ich sollte dir den Hintern versohlen«, sagte er spitz und richtete sich kerzengerade auf. »Hast du eine Ahnung, wie deine Augen aussehen?«
   »Nein, ich habe den Spiegel mit einem Tuch abgedeckt«, murmelte Aliana.
   Paul schnaubte lang anhaltend. »Damit verdeckst du das Rot nicht, das ist dir klar, oder? Mädchen, jeder potenzielle neue Auftraggeber marschiert augenblicklich aus deinem Büro, wenn er dich so sieht.«
   Aliana fühlte sich nach seinen Worten, als hätte jemand einen Kübel Eiswasser über sie geschüttet. Sie schnappte nach Luft und setzte sich auf ihre zitternden Hände. Stockend erzählte sie Paul, was in der Nacht geschehen war. Als sie geendet hatte, sank ihr DagDag im Sessel zusammen.
   Die anschließende Stille zog sich unangenehm in die Länge. Weder ein Telefon schrillte noch raschelte Stoff. Paul saß regungslos da und starrte mit leerem Blick auf seine Schuhspitzen.
    Aliana presste mühsam Luft in ihre Lungen. Sie hatte das Gefühl, dass sich Eisenketten immer fester um ihren Brustkorb schlangen und nie wieder verschwinden würden. Jeder Muskel schmerzte beim Atmen, als hätte sie in den vergangenen Wochen einen starken Husten gehabt.
   »So eine verfluchte Scheiße«, rief Paul und sprang auf.
   Sein Ausbruch traf Aliana vollkommen unerwartet. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihr, nicht vom Stuhl zu kippen. »Ja«, presste sie zwischen den Zähnen hinaus und stützte den Kopf in ihre geöffnete Handfläche. Ihr Blick folgte Paul, während er wie ein eingesperrter Panther durch das Büro lief. Von rechts nach links und wieder zurück.
   »Ich fahre«, sagte er und blieb mit aschfahlem Gesicht mitten im Raum stehen. »Das ist die einzige Lösung.«
   Für einen Moment begriff Aliana seine Worte nicht. Sie schwebten wie ein verhüllter Geist durch ihr Hirn. Dann schien eine Windböe unter das weiße Tuch zu fegen und enthüllte eine Botschaft, die völlig unmöglich war. Aliana hob den Kopf und horchte auf den Nachhall von Pauls Äußerung. Sie hatte sich bestimmt verhört.
   »Sieh mich nicht so verdattert an. Es wird mich nicht umbringen, wenn ich London einmal im Leben verlasse. Durch die Erfahrung entdecke ich vielleicht noch die Reiselust in mir.«
   Aliana riss die Augen auf. Ihre Ohren funktionierten noch, allerdings fürchtete sie, dass ihre Stimme geflüchtet war. Sie räusperte sich. Ein merkwürdiges Geräusch schlüpfte über ihre Lippen und wanderte die Wände entlang. Der Ton klang nach einer Mischung aus einem erstickten Schrei und einem Wimmern. Sie wusste, was ihren DagDag diese Worte gekostet hatten. Fünfundvierzig Jahre lang hatte er weder einen Kulturbeutel noch einen Koffer gepackt. Durch seine Angst vor Reisen war London zu seinem Spielfeld geworden. Er kannte in der Stadt jede Gasse und jeden Mauerstein besser als Aliana den Inhalt ihrer Handtasche. »Ich danke dir«, flüsterte sie. »Aber ich fürchte, die Möglichkeit besteht nicht. Die Hollands wollen mich, niemanden anderen.«
   Paul wandte sich zu ihr um. Auf seinen ansonsten blassen Wangen zeichneten sich vereinzelte rote Flecke ab. »Das habe ich befürchtet«, entgegnete er, ging zum Sessel und sank auf das Leder. »Sie haben Vertrauen zu dir gefasst.«
   Aliana seufzte. »Meine Unerfahrenheit hat daran wenig geändert.« Vergeblich hatte sie die Hollands darauf hingewiesen, keine Erfahrungen im Einsatz zu haben, während sie auf der Straße standen und auf das Taxi warteten. Genauso gut hätte sie mit einer Wand sprechen können, denn nicht ein Wort von ihr minderte Lindsays und Davids Zuversicht.
   Nach einem Blick auf ihre Armbanduhr zuckte Aliana zusammen. Sie hatte noch drei Stunden bis die Hollands erneut ihr Büro betreten würden. Bis dahin musste sie eine Entscheidung treffen, zu der sie später stehen würde, egal, was passierte.
   Aliana sprang auf, schnappte sich ihre Tasche von der Stuhllehne und umrundete den Schreibtisch. »Ich fahre ins Krankenhaus.« Sie drückte Paul einen Kuss auf die Wange. »Wenn irgendwas sein sollte, erreichst du mich …«
   »Mach dir keine Sorgen, ich komme zurecht«, sagte ihr DagDag. »Nun fahr schon.«
   Sie atmete tief durch und biss sich im nächsten Moment auf die Unterlippe. Ein ziehender Schmerz durchzog ihren Brustkorb. Sie verdrängte ihn, straffte den Rücken und verließ das Büro.
   Knapp dreißig Minuten später stellte Aliana ihren altersschwachen VW Golf auf einem Parkplatz ab und stieg aus. Auf dem Weg zum Krankenhaus liefen Menschen an ihr vorbei, deren Gesichter nicht eine Sekunde in ihrem Gehirn haften blieben. Als sich die Eingangstür hinter ihr schloss, rüttelte die Andersartigkeit des Hospitals Aliana aus ihrer Apathie. Obwohl sie seit Wochen jeden Tag herkam, hatte sie sich weder an den Geruch noch an den Anblick des medizinischen Personals gewöhnt, das gekleidet in weiße Kittel an ihr vorbeieilte.
   Sie zwang sich, zum Fahrstuhl zu gehen, vor dem ein Arzt und zwei Patienten warteten. Aliana starrte auf die mattgraue Lifttür, bis sich diese vor ihr mit einem leisen Fauchen öffnete. Sie stieg als Letzte ein und betätigte die Taste mit der Ziffer Drei. Der Fahrstuhl setzte sich langsam in Bewegung und mit ihm Alianas aufgewühlter Magen. Die Desinfektionsmittel konnten den leichten Verwesungsgeruch des Arztes nicht übertünchen, auf dessen Schild Pathologie stand.
   Als ein gedämpftes Klingeln erklang, unterdrückte Aliana den Atmungsreflex und hastete zur Tür hinaus, kaum das sich diese geöffnet hatte. Im Flur blieb sie stehen, bis der Lift weiterfuhr, bevor sie mehrmals ein- und ausatmete. Ihr Magen beruhigte sich, allerdings verblieb ein pelziger Geschmack auf Alianas Zunge.
   Sie legte eine Hand auf den Bauch und wandte sich nach links. Nach wenigen Schritten öffnete sich vor ihr eine Glastür mit der Aufschrift Onkologie. Aliana blickte starr geradeaus, während sie an mehreren Türen, einigen Patienten in Jogginganzügen und leeren Krankenhausbetten vorbeilief.
   Schräg gegenüber vom Schwesternzimmer blieb sie vor einer Tür stehen und drückte die Klinke hinunter. Flach atmete Aliana durch den Mund ein und betrat das Krankenzimmer. Sonnenstrahlen huschten über die Bettwäsche und den hellgrauen Fußboden. Das Kopfende des Bettes lag im Halbschatten. Hinter dem Gestell schloss sich eine Reihe von Geräten an. In sturer Einsamkeit überwachte der Kontrollmonitor die Herzfrequenz ihres Vaters, seinen Blutdruck, die Körpertemperatur und die Sauerstoffsättigung seines Blutes.
   Aliana ging mit durchgedrücktem Rücken auf den einzigen Tisch im Raum zu und nahm sich einen Stuhl. Diesen stellte sie neben das Krankenbett, setzte sich und ergriff die abgemagerten Finger ihres Vaters. Sie hob den Blick und verglich sein Gesicht mit dem Aussehen von gestern Nachmittag.
   Als sie in dem blassen, eingefallenen Antlitz keine Veränderung feststellte, beruhigte sich Alianas rasender Herzschlag. Während sie unentwegt mit den Fingerspitzen die Hand ihres Vaters streichelte, erzählte sie ihm stockend die Wahrheit. Nicht ein Detail der erbarmungslosen Realität ließ sie aus. Jedes Wort schmerzte in ihrer Kehle, bevor es krächzend über ihre Lippen kam. Erneut drängten sich Tränen aus ihren Augenwinkeln, doch es gelang ihr wieder nicht, den Strom aufzuhalten.
   Nachdem sie geendet hatte, brannte ihr Hals, als würde Feuer darüberlecken. Ihre Finger zitterten kraftlos, trotzdem streichelte sie weiter über den Handrücken ihres Vaters. Sie hatte schreckliche Angst, dass sie das in dem Augenblick ein letztes Mal tun könnte.
   Ein sanftes Rascheln ließ Aliana aufblicken. Für einen Moment sah sie nur einen weißen Fleck, der sich auf sie zubewegte, bevor sie Dr. Elrod erkannte. Die Internistin nahm sich einen Stuhl und stellte ihn neben das Bett. Wie jeden anderen Tag hatte sie ihr graues langes Haar zu einem Zopf geflochten. Heute hatten sich daraus ein paar Strähnen gelöst, die sie mit einer lässigen Geste hinter das Ohr schob.
   »Verzeihen Sie, Ms. Koon, doch ich kam nicht umhin, Ihre Worte zu hören.« Dr. Elrod nahm die Hornbrille von der Nase. »Zumindest einige«, sagte sie und blickte zur geöffneten Tür, die Aliana vergessen hatte zu schließen. »Es ist gut, dass Sie Ihrem Vater die Wahrheit gesagt haben. Zum einen, weil er sie verdient, und zum anderen, weil Sie sich Ihre Sorgen von der Seele geredet haben.«
   »Das hilft mir nur leider nicht. Ich muss eine Entscheidung treffen und weiß nicht, wie. Falls ich den Auftrag annehme und mein Vater …« Sie schnappte nach Luft und kämpfte einen Moment mit den Tränen. »… stirbt, während ich unterwegs bin, werde ich es mir nie verzeihen können, dass ich nicht bei ihm war. Andererseits zerstöre ich alles, wofür er gearbeitet hat, wenn ich in den Job nicht einwillige.«
   Mehrere Augenblicke schwieg Dr. Elrod. Sie klappte einen Bügel der Hornbrille hoch und runter, immer wieder, bis die Schrauben im Gestell quietschend protestierten. Schließlich atmete sie tief ein und blickte Aliana mit einem traurigen Gesichtsausdruck an. »Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen die ungeschminkte Wahrheit sage. Das geschieht nicht, weil ich Ihren Kummer nicht verstehe, sondern weil er mir deutlich bewusst ist. Ihr Vater weiß nicht, dass Sie bei ihm sind. Er fühlt weder Ihre Berührung noch hört er Ihre Worte. Dazu ist er durch das Morphium nicht in der Lage«, sagte sie und legte eine Hand auf Alianas Fingerspitzen. »Viele Angehörige haben den Wunsch, am Krankenbett zu verweilen, bis der geliebte Mensch eingeschlafen ist, doch letztlich ist jener Moment nur weiterer Schmerz, der ihre Herzen über Wochen oder Monate mit Trauer erfüllt. Versuchen Sie, Ihren Vater so in Erinnerung zu behalten, wie er früher war. Lassen Sie ihn gehen, wenn er es für richtig erachtet, und bewahren Sie das, wofür er sein Leben lang gekämpft hat.«
   Nach ihren Worten verspürte Aliana das dringende Bedürfnis, schreiend aus dem Zimmer zu laufen. Dessen ungeachtet blieb sie, wie festgeleimt, auf dem Stuhl hocken. Diese unverblümte Realität hatte sich bereits vor einiger Zeit in ihren Kopf geschlichen, doch Aliana war es gelungen, die Wahrheit in eine Eisentruhe zu sperren und den Schlüssel wegzuschmeißen. Sie fragte sich, ob das eine natürliche Schutzreaktion des Körpers war, der mit derlei Schmerz und Kummer nicht über einen längeren Zeitraum fertig wurde.
   Aliana blinzelte die Tränen fort und blickte Dr. Elrod an. Die Ärztin hatte sich nicht gerührt, wenngleich der traurige Ausdruck in ihrem Gesicht eine schmerzvolle Tiefe angenommen hatte.
   »Meine Tochter starb an Leukämie, während ich im Operationssaal stand«, sagte sie leise. »Ich habe in jenem Moment einem jungen Mann das Leben gerettet, der sich danach aus Dankbarkeit spontan entschloss, Medizin zu studieren. Heute ist er ein bekannter Herzchirurg, der unermüdlich daran arbeitet, seinen Patienten viele weitere glückliche Lebensjahre zu schenken. Unsere Existenz ist nicht nur schwarz oder weiß. Niemand konnte den Tod meiner Kleinen verhindern, auch ich nicht, aber mir gelang es, einen anderen Menschen zu retten. Etwas, was meine Emily mehr als alles andere gewollt hätte.«
   Aliana senkte den Blick und sah auf die Hand ihres Vaters. Tausend Gedanken und Erinnerungsfetzen füllten ihren Kopf aus. Dads strahlendes Lächeln, wenn er sie als Kind durch die Luft gewirbelt hatte. Sein trauriger Augenausdruck, wenn er Mums Bild betrachtete, das immer noch über seinem Bett hing. Und das glücklich wirkende Glitzern in seinen Augen, wenn ein Auftrag zur Zufriedenheit des Kunden abgeschlossen worden war. Beharrlich hatte er daran gearbeitet, seiner Firma in Promikreisen zu einem Namen zu verhelfen, der für Sicherheit stand. Im Herzen ihres Vaters hatten in all den Jahren nur seine Familie, zu der Paul dazugehörte, und sein Unternehmen Platz gefunden.
   Als ein leises Klappern erklang, schreckte Aliana aus ihren Gedanken. Sie hob den Kopf und zuckte zusammen, weil das Pflegepersonal einen voll beladenen Wagen vor der Tür entlangrollte. Mittagessen! Aliana fuhr hoch. Dr. Elrod war gegangen. Der Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, stand verwaist vor dem Tisch.
   Mit Tränen in den Augen beugte sich Aliana hinunter und gab ihrem Vater einen Kuss auf die Stirn. »Es wird alles gut werden«, flüsterte sie. »Hab Geduld, ja? Ich bin bald zurück, das verspreche ich.« Noch einmal sah sie in das regungslose Gesicht ihres Vaters, bevor sie sich abwandte und aus dem Zimmer eilte.

Vier Stunden später folgte Aliana David Holland und seiner Frau geduckt über das Landefeld des Battersea Heliports. Beide gingen schnurstracks auf einen nachtschwarzen Hubschrauber zu, dessen laufende Rotorblätter Aliana die Luft von den Lippen rissen und an ihren Haaren zerrten wie eine Orkanböe.
   Als sie näher kam, verpackte der Kopilot ihre Reisetasche im Laderaum. Er verschloss diesen sorgfältig und öffnete ihnen die Tür der Kabine. Aliana kletterte atemlos in den exklusiv eingerichteten Innenraum, der mit dunklem Holz ausgekleidet war, und half Lindsay beim Einsteigen. Die zierliche Frau bedankte sich lächelnd und setzte sich auf einen mit hellem Leder bezogenen Sitz.
   Seitdem Aliana dem Auftrag zugestimmt hatte, war die Freude aus den Gesichtern der Hollands nicht verschwunden. Vor lauter Euphorie hatten beide ihr sogar angeboten, beim Kofferpacken zu helfen. Paul gelang es, Lindsay und David mit Londoner Tratsch abzulenken, sodass Aliana in Ruhe ihre Sachen packen konnte.
   Nachdem sie sich gesetzt hatte, verschloss David die Kabinentür und ließ sich ihr gegenüber auf einen Sitz sinken. Neben ihm befand sich eine Konsole, die mehrere Schubfächer, einen Getränkespender und ein Bedienelement für die zwei Flachbildfernseher über ihren Köpfen enthielt. Kaum hatten sie sich angegurtet, hob die Sikorsky ab und flog zur Themse. Über dem Fluss drehte der Hubschrauber und folgte dem Flussbett in südwestlicher Richtung.
   Aliana lehnte sich mit dem Rücken an das Leder und versuchte, ihre Sorgen hinunterzuschlucken, die ihren Körper seit dem Kofferpacken in eisige Kälte hüllten. Das Einzige, was ihr Mut machte, war die Summe von dreißigtausend Pfund, die kurz nach ihrem Einverständnis auf dem Firmenkonto eingegangen war. Dieser winzig kleine Vorschuss, wie Mr. Holland betonte, katapultierte das Konto augenblicklich aus den roten Zahlen und erlaubte es Paul, die ausstehenden Rechnungen während ihrer Abwesenheit zu begleichen.
   Innerlich atmete Aliana auf. Zumindest vorläufig bewahrte sie die Firma vor dem Konkurs, nun musste sie ihre Angst um ihren Vater und ihre Furcht vor dem Versagen in den Griff bekommen. Beides könnte sie im Notfall lähmen und dem Auftraggeber und sie das Leben kosten. Alltagssorgen, so sehr sie auch schmerzten, gehörten hinter Schloss und Riegel.
   Das Vorbeten dieser lebensnotwendigen Wahrheit half ihr jedoch wenig. Panik stieg in Aliana auf und ließ sich nicht vertreiben. Dads mageres Gesicht hatte sich anscheinend in ihre Netzhaut gebrannt. Sie zupfte an ihrem Blazer herum, bis sich eine zierliche Hand auf ihre Finger legte.
   »Es wird alles gut werden«, sagte Lindsay freundlich und zwinkerte ihr zu. »Es wird Ihnen auf Grey Manor gefallen. Das Landhaus liegt direkt am Strand. Rundherum befindet sich nur Natur.«
   »Und eine Mauer.« Prominente gestatteten nie einen Blick auf ihr Grundstück, was Aliana verstehen konnte. Privatsphäre war für manche Menschen ein Fremdwort, wenn sie Stars betraf.
   »Nein, keine Mauer, nur ein Zaun«, erwiderte David.
   Aliana hob verblüfft die Augenbrauen. »Aber dann müssen doch Scharen von Fans das Anwesen …«
   Lindsay schüttelte lachend den Kopf. »Nein, nach Grey Manor verirrt sich selten jemand. Allerhöchstens der Postbote.«
   »Und der Pizzabäcker.« David grinste. »Sagt Ihnen der Name Damian Summers etwas, Ms. Koon?«
   Aliana durchforstete ihr Gedächtnis. Ihr Job brachte es mit sich, dass ihr viele Namen von Prominenten geläufig waren, jedoch hatte sie diesen noch nie gehört. »Nein«, antwortete sie. »Überhaupt nicht. Wer ist er?«
   Lindsay und David wechselten einen raschen Blick.
   »Er ist ein Songwriter, der sehr zurückgezogen von der Öffentlichkeit lebt. Niemand kennt seinen Namen, denn Damian wollte immer nur komponieren, nach Ruhm hat er sich nie gesehnt. Die Plattenfirma, mit der er zusammenarbeitet, hat eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben.«
   Aliana beugte sich nach vorn und blickte auf die unter ihr dahinfliegende Landschaft. Die wenigsten Prominenten konnten sich gegen den Run auf ihre Person wehren, weil sie durch ihr Äußeres meist bekannt waren. Die Konstellation der gesichtslosen Berühmtheit gelang wegen ihrer Jobs und der beruflichen Neugier der Paparazzi kaum. Im Zeitalter hochauflösender Kameras sorgten die Gesichter von VIPs in Presse und Fernsehen für den Anstieg von Lesern oder Zuschauern. »Warum benötigt Damian Summers einen Leibwächter?« Oftmals gehörte es zu den Aufgaben eines Personenschützers, überdrehte Fans von den Stars fernzuhalten, was jedoch im vorliegenden Fall wohl nicht nötig war.
   »Es gibt Hinweise darauf, dass sich jemand in Damians Studio schleicht«, sagte Lindsay mit einem käsig weißen Gesicht. »Und zwar seit vierzehn Tagen. Es gibt keine sichtbaren Einbruchsspuren, aber …« Sie verstummte und schüttelte den Kopf. »Es ist jemand da, es gibt auch Beweise, doch keine, die man sehen kann.«
    Aliana blickte von Lindsay zu David. »Wie äußern sie sich dann?«
   »Das wird Ihnen Damian erklären, wenn der Vertrag unterschrieben ist.«
   Mit einem Nicken akzeptierte Aliana Davids Worte. Prominente versuchten immer, den Anschein von Stärke aufrechtzuerhalten. Egal, ob vor dem Personal oder vor Fans. Aliana hatte indes das Gefühl, dass die Hollands mehr als Damian Summers’ Angestellte waren. Ihre Augen glitzerten auf eine bestimmte Weise und ihre Stimmen nahmen einen liebevoll besorgten Ton an, sobald sie von ihrem Boss sprachen. Ihr Verhältnis ging weit über das dienstliche hinaus. »Welche Sicherheitsanlagen sind auf dem Anwesen vorhanden?«
   David Holland schlug lächelnd ein Bein über das andere. »Kameras, die das komplette Grundstück überwachen, Sicherheitsglas in den Fenstern, eine Alarmanlage im Haus und Mr. Summers’ Dobermannhündin Tamara.«
   Aliana konnte nicht verhindern, dass ihre Augenbrauen in die Höhe flogen. Kameras, Sicherheitsglas und eine Alarmanlage waren nicht unbedingt ein Hindernis für einen Einbrecher, aber ein Dobermann sicher. »Gab es in den vergangenen Wochen Drohbriefe oder Ähnliches, die an Mr. Summers oder ein Mitglied seiner Familie gerichtet waren?«
   David Holland schüttelte rigoros den Kopf. »Nein, nichts dergleichen. Weder an Damian noch an seine Familie, da er keine hat. Meine Frau und ich fanden ihn vor sechsundzwanzig Jahren in der Mittsommernacht im West Heath. Er war nackt in eine Decke gewickelt worden und lag mitten auf dem Weg, als wollte jemand, dass er schnell gefunden wird.«
   David Hollands Auskunft beantwortete etliche ihrer Fragen, warf aber gleichzeitig neue auf. Die Öffentlichkeit wusste nichts von Damian Summers und er kannte seine Familie nicht. Wer hatte es dann auf den Songwriter abgesehen und warum? Geld schien nicht Zweck der Einbrüche zu sein, denn der Diebstahl wäre sichtbar. Möglicherweise galt das Interesse des Diebes Damian Summers’ Kompositionen, was jedoch bedeuten würde, dass das Geheimnis um seine Person keins mehr war. Vorstellbar war auch, dass ein Familienmitglied von Mr. Summers, von dem er nichts wusste, hinter den Einbrüchen steckte. Die Tatsache, dass er im West Heath ausgesetzt wurde, besagte nicht zwangsläufig, dass er keine Familie hatte, nur, dass er sie nicht kannte. »Wer wohnt neben Mr. Summers noch alles auf dem Grundstück?« Aliana lehnte sich zurück und legte das rechte Bein über das linke.
   »Mein Mann und ich«, antwortete Lindsay. »Der Gärtner, die Stallburschen und die Putzfrau wohnen im nahe gelegenen St. Lawrence.«
   Als sie geendet hatte, verspürte Aliana ein Kribbeln in der Bauchgegend. Der Hubschrauber verlor an Höhe. Ihr Blick huschte zum Fenster. Unter ihnen entdeckte Aliana den blau-weiß gestreiften Leuchtturm der Hafenstadt Portsmouth, am Horizont schälte sich die Isle of Wight aus dem Meer. »Hat Mr. Summers in letzter Zeit neue Angestellte eingestellt?« Aliana blickte zurück zu David.
   »Nicht, seitdem er vor knapp acht Jahren den Landsitz auf der Insel kaufte«, sagte er. »Die Putzfrau, die Stallburschen und den Gärtner stellte er gleich nach dem Kauf des Anwesens ein.«
   Aliana seufzte beinahe lautlos. Nicht immer war es der Gärtner. »Seit wann ist Mr. Summers ein erfolgreicher Songwriter?«, fragte sie und holte tief Luft. In ihren Handflächen bildete sich ein Schweißfilm und ihr Puls schoss in die Höhe. In wenigen Sekunden würde sie ihrem Auftraggeber gegenüberstehen und ihren ersten Job antreten, den sie als Leibwächterin ausübte. Sie würde das schaffen, betete sich Aliana im Stillen vor. Paul hatte ihr alles beigebracht, was er konnte. Nur weil sie das erste Mal einen Auftrag ausführte, hieß das nicht, dass sie unfähig war.
   »Seit seinem vierzehnten Lebensjahr«, antwortete Lindsay und riss Aliana damit aus dem Singsang, den sie sich immer wieder vorbetete.
   Sie benötigte einen Augenblick, bis ihr die Frage einfiel, die sie gestellt hatte. »Oh«, entfuhr es Aliana, woraufhin die Hollands leise lachten.
   »Damian war noch keine fünf Jahre alt, als er lesen und schreiben lernte. Mit sechs begann er seitenweise Notenblätter zu beschreiben, acht Monate später spielte er Klavier und Gitarre, obwohl es ihn niemand lehrte.« David strich sich über die Stirn und schüttelte den Kopf, als müsste er alte Erinnerungen vertreiben.
   Lindsay ergriff seine Hand und drückte diese. »Durch meine Gehbehinderung durften wir Damian nicht adoptieren, daher ist er in dem Waisenhaus aufgewachsen, in dem wir gearbeitet haben. Für Kinder ist ein Leben dort nicht leicht. Zeigt man einmal Schwäche, gibt man damit den anderen eine spitze Waffe in die Hand, die einem das Herz durchbohren kann. Doch bei Damian war das nie ein Problem. Von klein auf lebte er in einer Welt, die nur er kennt, dennoch mochten ihn die Kinder im Waisenhaus. Selbst die Raufbolde unter ihnen rührten ihn nicht an, obwohl er sich niemals mit den Fäusten Gehör verschaffte. Er war der ungekrönte König, der mit seinen Melodien die Waisenkinder mehr verzauberte, als es ein Süßwarengeschäft trotz unzähliger Naschereien vermochte.«
   Die Sikorsky verlor rasch an Höhe. Aliana atmete tief durch und wischte sich die Handflächen an der Jeans ab. Dabei bemerkte sie den viel zu aufmerksamen Blick von David Holland und fühlte sich augenblicklich wie ein kleines Mädchen, dem der erste Schultag bevorstand. »Ein zweiter Mozart?«, fragte sie, um ihn abzulenken.
   »Wenn Sie es so sagen, ja«, erwiderte er und umschloss mit seiner Hand ihre eiskalten Fingerspitzen. »Damian lebt zwar fast ausschließlich in seiner Welt, das heißt aber nicht, dass er diese ignoriert. Er ist der sympathischste Mensch, den ich jemals kennenlernen durfte, neben Ihnen.«
   Blinzelnd versuchte Aliana, die Hitze zu verhindern, die ihr ins Gesicht zu schießen drohte. Sie wusste, dass sie dann aussah wie ein knallroter Kinderball auf einem schneeweißen Stück Papier, doch der aufrichtige Gesichtsausdruck von David und seine lieb gemeinten Worte verhinderten das Vorhaben gänzlich.
   »Damian sind trotz seines Erfolges keine Flügel gewachsen. Er ist bodenständig geblieben«, sagte Lindsay. »Er lebt für seine Musik und ist Fremden gegenüber sehr zurückhaltend. Machen Sie sich daher keine Gedanken, wenn er etwas wortkarg ist. Obwohl, Sie sind jung, auf Sie könnte …«
   »… Damian wirken wie ein scheues Reh, das in einem Bärenpelz steckt«, fügte David an.

4. Kapitel

Weil die Kufen der Sikorsky in dem Augenblick die Erde berührten, schluckte Aliana ihre Frage hinunter, was in ihrer staubtrockenen Kehle ein Kratzen hervorrief. Sie musste sich zusammenreißen, sonst würde er sie gleich zurück nach Hause schicken. Denn was sollte er mit einer Leibwächterin anfangen, die sich beim ersten Anzeichen von Belastung am liebsten in eine Maus verwandeln würde?
   Aliana straffte den Rücken und hob den Blick. David nickte ihr aufmunternd zu, drückte noch einmal ihre Finger und stand auf. Er schob die Tür des Helikopters auf, sprang hinaus und hielt ihr die rechte Hand entgegen. Aliana nahm ihre Handtasche vom Sitz, entriegelte den Gurt und kletterte mit Davids Hilfe aus der Sikorsky. Sogleich versanken ihre Pfennigabsätze im weichen Gras. Die meisten Prominenten erwarteten von ihren Leibwächtern ein adrettes Äußeres, weshalb sie sich für einen Hosenanzug und Pumps mit einem kleinen Absatz entschieden hatte. Damian Summers war aber anscheinend anders als die Stars, die Aliana bisher kennengelernt hatte.
   Klare Luft, die nach Meerwasser, frischem Heu und einer blumigen Süße schmeckte, strich ihr über das erhitzte Antlitz. Geduckt entfernte sich Aliana von dem Hubschrauber. Nach ein paar Metern richtete sie sich auf, schob einige Strähnen hinter die Ohren und drehte sich im Kreis. Nach einer Vierteldrehung nach rechts tauchte der Ärmelkanal in ihrem Blickfeld auf. Sonnenstrahlen wurden hundertfach von dem azurblauen Wasser reflektiert und ließen es wie einen einzigartigen Spiegel erscheinen. Feine weiße Schaumkronen auf den Wellen versanken im Sand, während die Brandung an das Ufer plätscherte.
   Aliana schloss die Lider und genoss den Wind auf ihrem Gesicht. Die Anspannung fiel schlagartig von ihr ab und machte einer seltsamen Geborgenheit Platz. Sie fühlte sich, als wäre sie nach langer Zeit der Abwesenheit nach Hause gekommen. Aliana riss die Augen auf und streifte das eigenartige Gefühl ab. Der Landsitz war nicht ihr Zuhause, auch wenn das Anwesen und die Insel einen unwiderstehlichen Charme besaßen.
   Aliana drehte sich weiter um. Der Hubschrauber war in der Mitte einer gepflegten Rasenfläche gelandet, die von Rosenbeeten umsäumt wurde. Das Farbenkaleidoskop und der süße Duft der Rosen ließen sie für einen Augenblick innehalten. Vor Freude schoss ihr Puls in die Höhe, als sie zwischen den Beetrosen ihre Lieblingsblumen entdeckte.
   Für ein paar Sekunden rang Aliana mit sich und wandte sich, nach einem letzten Blick auf die Osiria-Rosen, ab. Vielleicht fand sie in den nächsten Tagen Zeit, die Blumen aus der Nähe zu bewundern, doch wenn sie ihren Auftraggeber noch länger warten ließ, schickte er sie vermutlich gleich wieder nach Hause.
   Mit einem Seufzer auf den Lippen blickte Aliana zu dem zweistöckigen Landhaus. Seine Fassade zierten grauweiße unregelmäßig geformte Natursteine, die von einer weißen Fensterfront unterbrochen wurden. Vor den bodentiefen Glaselementen im Erdgeschoss befand sich eine halbrunde Terrasse, die von Ziergräsern und Zwergkoniferen eingefasst wurde. Sechs anthrazitfarbene Korbsessel gruppierten sich um einen Glastisch, auf dem eine Vase mit Rosen stand. Aus den beiden geöffneten Terrassentüren bauschten sich blütenweiße Gardinen, die hin und wieder über mit Geranien bepflanzte Kübel strichen.
   Links und rechts neben dem Tisch erhoben sich zwei Säulen, die einen kleinen, halbkreisförmigen Balkon über der Terrasse stützten. Ein geschwungener Weg aus Natursteinen führte um das Haus herum. Weil David und Lindsay den Pfad bereits erreicht hatten, beschleunigte Aliana ihre Schritte. Wenige Sekunden später betrat sie, dicht gefolgt von dem Kopiloten, die Terrasse.
   »Ah, vielen Dank, Tom.« David streckte die Hand aus.
   Aliana drehte sich herum. Ihre Reisetasche und ein Koffer wechselten in dem Augenblick den Träger.
   »Keine Ursache, Mr. Holland«, sagte der Kopilot. »Wenn Sie wieder unsere Dienste benötigen, …«
   »… habe ich Ihre Telefonnummer.« David schmunzelte und stellte die Gepäckstücke auf dem Boden ab.
   Tom tippte sich an die Stirn, nickte Lindsay und Aliana zu und ging mit großen Schritten zum Hubschrauber zurück. Sie blickte ihm kurz nach und ließ noch einen Blick über die farbenprächtigen Osiria-Rosen gleiten. Sehnsucht schickte ein Kribbeln in ihre Fingerspitzen. Sie unterdrückte den Wunsch, die Blütenblätter genauer in Augenschein zu nehmen, und drehte sich zu den Hollands um.
   »Kommen Sie, Ms. Koon, ich bringe sie zu Damian. Danach zeigt Ihnen meine Frau Ihr Zimmer. Es befindet sich in der ersten Etage, nicht weit von Damians Räumen entfernt.«
   »Danke«, erwiderte Aliana und folgte David in das Haus. Zwei Schritte später stellte sie fest, dass sie sich nicht wie erwartet im Wohnzimmer, sondern in einer Bibliothek wiederfand. Sie blieb stehen, wandte den Kopf hin und her und schluckte. Der Raum war größer als ihre Wohnung.
   Diverse kernbuchefarbene Bücherregale beherbergten nach ihrer groben Schätzung weit über eintausend Bücher. Rechts und links von Aliana waren gemütliche Sitzecken platziert worden, die aus einem runden Tisch und mehreren modernen Relaxsesseln bestanden. Aufgrund der Fernbedienung, die auf jeder Armlehne lag, vermutete Aliana, dass die Sessel über eine Massagefunktion verfügten. Ein breiter Marmorkamin befand sich an der rechten hinteren Wand, ihm gegenüber entdeckte sie einen wuchtigen Schreibtisch, der von zwei Kokospalmen eingefasst wurde.
   Trotz der hohen Regale wirkte die Bibliothek durch die im Raum verteilten Sitzgruppen und die flauschig weich aussehenden Teppiche nicht bedrückend. Die Relaxsessel luden zu einem entspannten Abend vor dem Kamin ein, der wahrscheinlich durch eins der unzähligen Bücher je nach Vorliebe mit Romantik, Abenteuer oder Spannung gewürzt werden konnte.
   Als Aliana weiterging, hallte ein unangenehmes Echo an den Wänden entlang. Die massiven Holzdielen verliehen dem Zimmer ein gemütliches Klima, vergaben jedoch den Metallabsätzen ihrer Pumps nicht. Vorsichtig setzte Aliana den Fuß beim nächsten Schritt auf, ohne die Ferse zu belasten. Wesentlich leiser als zuvor folgte sie David Holland zur Tür und fand sich einen Augenblick später in einer hell eingerichteten Wohnstube wieder.
   In der Zimmermitte stand ein cremeweißes Ledersofa mit einem zierlichen Glastisch davor. Verschiedene Grünpflanzen gesellten sich um die Couch dazu und flankierten eine weiße Kommode an der rechten Wand. Die Längsseite gegenüber von Aliana bestand aus einer breiten Fensterfront, durch die sie ein Stück des Himmels, Teile einer weiteren Terrasse und ein paar Kreidefelsen erspähte. Alles wirkte weit und offen, was nicht zuletzt daran lag, dass das Wohnzimmer doppelt so groß, wie die Bibliothek war. Alianas Schritte wurden von einem schneeweißen Hochflorteppich gedämpft, als sie David Holland zur geöffneten Glastür folgte.
   »Damian möchte mit Ihnen allein sprechen, daher bringe ich jetzt Ihre Tasche nach oben«, sagte er und schenkte ihr ein gutmütig wirkendes Lächeln. »Meine Frau finden Sie nach Ihrem Gespräch in der Küche. Ich muss noch nach Ventnor. Wir sehen uns beim Dinner.«
   »Vielen Dank.« Aliana ergriff seine Hand. Ihre Sorgen waren nicht in London zurückgeblieben, sondern als blinde Passagiere an Bord des Hubschraubers gelangt. Lindsays und Davids entwaffnende Freundlichkeit stärkte jedoch Alianas Selbstvertrauen und umhüllte ihre Seele mit der Weichheit einer Schönwetterwolke.
   »Sie machen sich zu viele Gedanken«, sagte er und gab ihr einen Kuss auf den Handrücken.
   Als David ihre Rechte losließ und sich abwandte, stieg Aliana Hitze ins Gesicht. Sie sah ihm nach, während er durch die Stube auf eine große, doppelflügelige Tür zuging, die sie zuvor nicht bemerkt hatte. Erst einige Sekunden, nachdem er verschwunden war, straffte sie den Rücken und trat hinaus auf die Terrasse.
   Die grauweißen Natursteine von der Hausfassade setzten sich auch hier am Boden fort. Aliana betrachtete ihr eigenwilliges Muster und hob den Blick. Meeresluft fuhr ihr unter die Haare, hob einzelne Strähnen an und umhüllte diese mit dem herben Aroma der Abendbrise. Für wenige Augenblicke genoss Aliana das kühle Streicheln auf ihren erhitzten Wangen, bevor sie ein paar Schritte weiterging. Vor ihr stand ein schlichter Gartentisch mit zwei Klappstühlen. Darüber flatterte ein Sonnensegel im Wind und schirmte die roten Strahlen der Sonne ab.
   Kreischende Möwen lenkten Aliana ab. Sie hob den Kopf und erstarrte mitten in der Bewegung. Ein paar Meter von ihr entfernt lehnte ein Mann an einem gusseisernen Geländer und blickte regungslos zu einem Kreidefelsen, der links vor ihm in die Höhe wuchs. Gras und kleinere Büsche verdeckten das grauweiße Gestein fast gänzlich, doch die majestätische Schönheit des Felsens schaffte es nicht, Alianas Blick zu fesseln. Sie hatte keinen Gedanken daran verschwendet, wie Damian Summers aussehen mochte, allerdings hatte sie diesen Anblick nicht erwartet.
   Sündiges Schwarz hüllte seine Gestalt von Kopf bis Fuß ein und verlieh ihm einen Hauch Sinnlichkeit, die mit Macht gepaart war. Etwas Dunkles, nicht Fassbares, ging von ihm aus, was nicht an der nachtfarbenen Kleidung lag. Alles an ihm war scharf konturiert, nichts wirkte langweilig oder blass.
   Sanfte Böen drückten den weichen Stoff seiner Hose an die Oberschenkel und zeichneten spielerisch die stählern wirkenden Muskelstränge unter seiner Haut nach. Das seidige Oberhemd tanzte durch den Wind hinter ihm auf und ab und offenbarte ihr dadurch seine schmalen Hüften und seinen breiten Brustkorb. Der tief in den Nacken gerutschte Hemdkragen zeigte Aliana Haut, welche die Farbe von flüssiger Bronze hatte und den Eindruck erweckte, Damian Summers hätte die vergangenen vierzehn Tage in einer Hängematte auf den Südseeinseln verbracht.
   Aliana seufzte und starrte zu ihrem Auftraggeber. Die Abendbrise hob Damian Summers’ tintenschwarze Haare empor, als wäre sie die Hand einer Geliebten, die in sinnlicher Ekstase ihre Finger in die seidige Fülle vergrub.
   Sie schüttelte den Kopf und fragte sich im Stillen, wie sie auf einen derartig erotischen Vergleich kam. Normalerweise lenkten sie solche Äußerlichkeiten nicht ab. Sie hatte ihre Lektionen, was Männer betraf, viel zu gut gelernt.
   Die Rückenpartie von Damian Summers unterschied sich jedoch so krass von den Kerlen, die Aliana bisher kennengelernt hatte, dass allein dieser Anblick den Wunsch in ihr aufkommen ließ, den Songwriter stundenlang zu betrachten. Er kam ihr wie ein Gemälde vor, das erschaffen wurde, um einen der alten griechischen Götter zu ehren.
   Aliana bezwang das Verlangen, sich auf einen Stuhl zu setzen, straffte den Rücken und ging auf den Komponisten zu. Ihr drängte sich der Verdacht auf, dass ein Maler zuerst Damian gezeichnet und dabei so viel Farbe verbraucht hatte, dass er für ihr Gemälde die Töpfchen mit Wasser auffüllen musste, damit die Farben für ihre Illustration ausreichten. Dunkle satte Nuancen fehlten an ihr vollkommen. Ein Grund, weshalb sie am liebsten schwarze Jeans und kirschrote Sweatshirts trug.
   Mit stolz erhobenem Kopf trat sie zwei weitere Schritte auf ihren Arbeitgeber zu. Selbst durch seine Rückenpartie wurde deutlich, dass er kein Mann war, der sich unter der Bettdecke verkroch, wenn die Dunkelheit den Tag ablöste. Weder das unerwartete Knarzen einer Holztreppe noch das Zuschlagen eines Fensters ließen ihn zusammenzucken. Nach Alianas Meinung benötigte er keinen Leibwächter, aber warum war sie dann hier?
   Als sie den Gartentisch hinter sich gelassen hatte, drehte sich Damian Summers zu ihr um. Von jetzt auf gleich war sie unfähig, noch einen Schritt zu gehen. Es war beinahe, als wären die Natursteine mit Sekundenkleber überzogen, der ihre Pumps festklebte.
   Nicht eine Regung in seinem Gesicht war ihr unbekannt, auch nicht der Ausdruck, der nun auf seinem Antlitz erschien. Erkennen. Und dann reine, unverfälschte Freude.
    Aliana starrte gebannt in das glänzende, spiegelglatte Blau seiner Augen, das aus den Tiefen des Ozeans zu stammen schien. Sie träumte. Nur so konnte es sein. Eindeutig, denn es gab ihn nicht wirklich. Er war doch nur ein Produkt ihrer Fantasie, mehr nicht. Aliana blinzelte, doch das Traumbild verschwand nicht. Es wirkte ebenso echt wie die salzige Brise, die ihr sanft über das Gesicht strich.
   Er stand vor ihr, sah sie mit dieser ungetrübten Freude an, die das Saphirblau seiner Augen wie einen lebendigen Fluss erscheinen ließ. Sehnsucht griff nach ihrem Herz und wanderte von dort aus in ihren Körper. So deutlich hatte sie den Mann, in den sie sich vor elf Jahren verliebt hatte, noch nie gesehen. O bitte, lass ihn kein Traum sein.
   Jäh tauchte ein blasses, eingefallenes Antlitz in Alianas Geist auf. Sie keuchte auf und taumelte zurück. Wie hatte sie ihren Vater vergessen können? Er kämpfte um sein Leben, und sie flüchtete sich in Fantasien. Doch war der Mann wirklich nur ein Traum, wie sie immer gedacht hatte?
   Die Tatsache, dass er mit schnellen Schritten auf sie zueilte und so dicht vor ihr stehen blieb, dass beim Einatmen ihr Blazer sein Seidenhemd streifte, beantwortete die Frage. Auf diese Weise hatte sie nie von ihm geträumt. Er hatte ein Gesicht besessen, aber nicht mehr. Der Mann vor ihr besaß indes einen Körper, der derart maskulin und prägnant war, wie sie ihn sich niemals in ihren unschuldigen Mädchenträumen vorgestellt hatte.
   Erneut rieb sein Hemd über Alianas Jacke, während sie ihre Lungen mit einem Duft füllte, der sie an sonnendurchfluteten Wind und regenfeuchtes Moos erinnerte. Die herbe Süße eines frisch geschälten Apfels mischte sich in das Aroma und ließ Aliana das Wasser im Mund zusammenlaufen. Das Verlangen, von Damians Haut zu kosten, raubte ihr schier den Verstand.
   Sie schüttelte den Kopf und ballte die Hände zu Fäusten. Alles, was sie je gewollt hatte, stand vor ihr. Er war ihr so nah wie niemals zuvor. Sie brauchte sich nur nach vorn zu lehnen und dann …
   »Ich bin kein Traum«, flüsterte er. »Nicht mehr.«
   Seine Stimme glitt über Alianas Haut wie Seide. Jeder Ton vibrierte in ihrem Körper nach, von den Haarspitzen bis zu ihren Füßen. »Nicht mehr«, wiederholte sie wie in Trance. Aliana versuchte, sich ans Atmen zu erinnern, doch es war schwer, angesichts Damians wilder Präsenz, an so etwas Lapidares wie Atmen zu denken.
   Er war kein Traum. O Himmel, er stand wirklich vor ihr.
   Wie eine Sturmböe brandete der Gedanke in Alianas Hirn. Er riss sie aus ihrem Gefängnis, in dem sie seit elf Jahren lebte, und ließ einen euphorischen Rausch in ihr zurück.
   »Nein«, flüsterte Damian sanft. »Niemals wieder.«
   Ein Lächeln schlich sich in seine Augen und verwandelte die eisblauen Einsprengsel darin in Quecksilber. Ein silberheller Strom, der mit seiner entfesselten Lebendigkeit den Schmerz aus ihrem Körper vertrieb. »Aber dann hast du …«
   »… von dir geträumt?«, vollendete er mit seiner sinnlichen Stimme leise. »Jede Nacht, seit dreizehn Jahren.«
   Schwindel erfasste Aliana. Wie war das möglich? Sie waren sich noch nie begegnet, da war sie sich sicher, dennoch träumten sie voneinander. Kopfschüttelnd atmete sie Damians berauschenden Duft ein. Sie waren Fremde, die sich seit wenigen Minuten gegenüberstanden, trotzdem kannte sie sein Antlitz genau. In diesen unzähligen Nächten hatte sie es ebenso intensiv kennengelernt wie ein Steinmetz im antiken Griechenland seinen Marmorblock, aus dem er in langjähriger Handarbeit eine gigantische Götterstatue erschuf.
   Nacht für Nacht begleitete Alianas Traum eine tiefe Sehnsucht. Oft war sie am Morgen mit ausgestreckten Händen erwacht. Ihre verzweifelten Versuche, ihren Traummann Wirklichkeit werden zu lassen, endeten jedoch bei Tagesanbruch mit einer Enttäuschung, die so bitter schmeckte wie Gallensaft.
   Nun stand er vor ihr, war genauso lebendig wie die Welt, die ihn umgab. War es daher natürlich, dass sie den überwältigenden Drang verspürte, die Hand auszustrecken und ihn zu berühren? Das Bedürfnis füllte ihr Inneres aus und ließ sie vor Verlangen erbeben. Es kostete Aliana jedes bisschen Willensanstrengung, die winzige Distanz zwischen ihnen beizubehalten und ihre Finger in die Blazertaschen zu vergraben.
   Als Damian den rechten Arm hob, biss sie angesichts der süßen Verlockung die Zähne aufeinander. Sie fühlte sich wie ein Raubtier, das von seinen animalischen Instinkten geleitet wurde. Beschränkt auf die elementaren Impulse seines Körpers kannte ein wildes Tier weder Zurückhaltung noch die anerzogenen Regeln der Gesellschaft. Ebenso wie sie im Augenblick.
   »Die Zeit, die wir uns jetzt gegenüberstehen, spielt keine Rolle«, sagte Damian so leise wie das Flüstern der Abendbrise, und doch füllten sämtliche Töne Alianas Zellen mit sinnlichem Hunger aus. »Sondern die Tatsache, dass wir es endlich tun.«
   Jede Silbe schickte Wärme unter ihre Haut und trocknete gleichzeitig ihre Kehle aus. Die Freude in Damians Augen wechselte sich mit männlicher Begierde ab, bei der er sich keine Mühe zu geben schien, den dominierenden Eigensinn darin zu verbergen.
   Aliana schluckte. Ihr erster Eindruck von ihm hatte sie nicht getäuscht. Er war kein Mann, der einen neunflammigen Kronleuchter einschaltete, wenn er sich einen Horrorfilm im Fernsehen ansah. Dem Dunkel um Damian herum haftete kein bösartiger Charakter an, dennoch war er gefährlich. Nicht nur für diejenigen, die die Dummheit begingen und sich ihm in den Weg stellten, sondern auch für Aliana.
   Jeder Moment in seiner Nähe war, als tanzte sie über rasiermesserscharfe Klingen, die mit süßem Karamell überzogen waren. Von Damian ging eine Gefahr aus, die sie berauschte wie eine Droge, denn seinem Körper entströmte ein archaisch wirkender Hunger, dem sie sich nur schwer entziehen konnte.
   Aliana trat zwei Schritte zurück, bis der Tisch sie stoppte. Damians Hand sank hinab, eine unausgesprochene Frage erschien in seinen Augen, die sie auch ohne Worte deuten konnte. Mehrmals atmete sie aus und ein. Die klare Meeresluft half ihr, sein Verlangen aus dem Kopf zu vertreiben, wenn auch nicht ganz. Seit unzähligen Nächten träumte sie von ihm und verbannte ihr stetig wachsendes Begehren nach ihm in die Einsamkeit ihres Schlafzimmers. Trotzdem konnte sie nicht zulassen, dass er sie mit seiner Dominanz fesselte.
   Sie war eine ausgebildete Leibwächterin, die jeden Mann auf die Bretter schickte, der ihr zu nahe kam. Nichts und niemand beherrschte sie, auch nicht der Mann, in den sie sich vor elf Jahren verliebt hatte.
   Aliana hob den Blick und sah in Damians Augen. In ihnen entdeckte sie einen unbeugsamen Willen und ein Lächeln voller Sinnlichkeit, das gepaart war mit der Gewissheit, dass sie ebenso empfand wie er.
   Warme Schauder rannen ihr über den Rücken. Damians Nähe weckte in Aliana eine Seite, die sie seit langer Zeit vergessen und begraben dachte. Der weibliche Teil in ihr sonnte sich regelrecht in dem Verlangen, das seinem Körper entströmte. Gerade noch rechtzeitig gelang es Aliana, das viel zu frauliche Ordnen der Haare zu unterlassen. Stattdessen öffnete sie ihre Handtasche und zog ein Vertragsexemplar und einen Kugelschreiber heraus.
   »Nein!«
   Aliana blickte auf. Damians Stimme hatte die Sinnlichkeit verloren. Eine Mischung aus Ablehnung und Entsetzen ließ sie jetzt dunkel klingen. Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, was nicht viel brachte. Trotz ihrer Absatzschuhe reichte sie ihm gerade bis zum Schlüsselbein. »Aus welchem Grund nicht?« Aliana streckte herausfordernd das Kinn vor. »Möchtest du eine Kostprobe meines Könnens sehen?«
   Mit einem Schritt überwand Damian die Distanz. »Das ist es nicht, was ich bezweifle.«
   »Was dann?«, fragte sie und fixierte sein Gesicht mit dem Blick. Es war Leichtsinn, unter diesen Umständen den Auftrag ausführen zu wollen. Sie war zu sehr gefühlsmäßig an den Auftraggeber gebunden. Diese Tatsache ließ sich nicht bestreiten und konnte nicht nur für Damian fatale Folgen haben. Alianas Stolz war allerdings durch seine Ablehnung verletzt. Sie mochte unerfahren sein, aber das änderte nichts an ihren Fähigkeiten.
   »Ich habe dreizehn Jahre auf dich gewartet, da gehe ich jetzt auf keinen Fall ein einziges Risiko ein.« Damian streckte die Hand nach ihr aus.
   Aliana duckte sich unter seinem Arm hinweg, obwohl sie sich schmerzhaft nach seiner Umarmung sehnte. Sie umrundete den Tisch und brachte auf diese Weise Abstand zwischen Damian und sich. In seiner Nähe schien sich ihr Hirn in Zuckerwatte zu verwandeln. »Du bezweifelst ja doch meine Fertigkeiten«, sagte sie mit erhobenem Kopf. »Warum? Du hast mich noch nie in Aktion gesehen.«
   Damian verschränkte die Arme vor der Brust, dabei bebten seine Schultern. Silberne Flammen loderten in seinen Augen, um seine Mundwinkel lag ein amüsiert wirkendes Lächeln. »Zeige sie mir«, flüsterte er rau. »Wirf mich flach auf den Boden.«
   Aliana erstarrte. Nicht, weil sie das Kunststück nicht fertigbringen würde, sondern, weil sich Wärme in ihrem Bauch ausbreitete und von dort in ihren Unterleib wanderte. Die Vorstellung, auf ihm zu sitzen, jagte brennende Hitze in ihre Wangen, denn der Bilderfluss endete auch nicht, als sie in Gedanken sah, wie ihre Klamotten über die Terrasse segelten.
   »Zögerst du immer so lange?«, fragte Damian mit einem leicht provokativen Ton in der Stimme, dem jeglicher Spott fehlte.
   Er wollte sie necken und hoffte wohl, dass sie anbiss. Langsam verschloss Aliana ihre Handtasche und legte den Vertrag inklusive Kugelschreiber auf den Tisch. »Möchtest du für die dreißigtausend Pfund flachgelegt werden?«, fragte sie spitz und überging geflissentlich Damians letzten Satz. Gelassen ließ sie das Messer aus ihrer Armscheide in die Hand gleiten. »Ich mag keine Spielchen.«
   Ein leises Lachen erklang, das über ihre Haut perlte wie sündig teurer Champagner. »Vielleicht, weil du noch nicht die richtigen Spiele gespielt hast.« Heiterkeit funkelte in seinen Augen, was dem Begehren darin zu einem gefährlichen Glanz verhalf.
   Aliana hob den Arm und betrachtete die Klinge im Licht. Sie war kurz, was jedoch keine Auswirkung auf ihre Schärfe hatte. Unter den gesenkten Wimpern sah sie, dass Damian sie beobachtete. Das Klappmesser hatte das Glitzern aus seinen Iriden nicht fortgewischt. O ja, er wollte spielen. Ein Spiel, das durch sein Risiko den Reiz für Aliana steigerte. Er war kein Mann, der in ihrer Nähe fürchtete, den Boden unter den Füßen zu verlieren. »Und du stellst dich als Sparringspartner zur Verfügung?«
   Damians Mundwinkel zuckten. Den Blick auf sie gerichtet, umrundete er die Sitzgruppe. In dem Augenblick fuhr eine Windböe unter das Sonnensegel und ließ den Vertrag über die Tischoberfläche rutschen.
   Aliana zielte, warf das Messer und fixierte die Papiere mit der Klinge auf dem Holz. Im nächsten Moment fuhr sie herum, schnappte nach Damians linkem Arm und drückte diesen auf seinen Rücken. »Wenn du die Vereinbarung unterschrieben hast, spielen wir«, flüsterte sie. »Ich war so frei und habe dir die Stelle markiert, wo du deine Unterschrift hinsetzen musst.« Aliana wusste, dass sich Damian jederzeit aus ihrem Griff befreien konnte, doch er tat es nicht.
   »Warum liegt dir so viel daran?«, fragte er und drehte den Kopf zur linken Schulter. Jegliche Fröhlichkeit war aus seiner Stimme verschwunden. Nun bebte sie vor Sorge. »Ich möchte dich nicht in Gefahr bringen … und diese Sache …« Er holte tief Luft. »Sie ist eigenartig, weißt du? Ich weiß nicht, was geschehen ist, aber um einen stinknormalen Dieb handelt es sich definitiv nicht.«
   Damians Stimme richtete Alianas Nackenhärchen auf. Seine Worte plätscherten ebenso träge dahin wie die Wellen des Ärmelkanals an den Sandstrand, allerdings haftete den Silben klirrende Kälte an.
   Aliana ließ seinen Arm los und kaute auf der Unterlippe herum. Sie wäre eine Lügnerin, wenn sie behaupten würde, dass Angst für sie unbekannt war. Damian jagte ihr gerade schreckliche Furcht ein, die ein merkwürdiges Ziehen in ihrem Magen auslöste. Nicht, weil er sie bedrohte, sondern, weil er sie mit einem verzweifelt wirkenden Gesichtsausdruck in die Arme zog und an seine Brust drückte.
   Noch vor wenigen Augenblicken hätte sich Aliana aus seiner Umarmung befreit, doch jetzt war jedes Begehren aus seinen Augen verschwunden. Dunkelheit füllte diese aus.
   »Aliana, ich weiß nicht, wie ich es aufhalten soll«, sagte er und schmiegte sein Gesicht in ihr Haar. »Ich habe alle Möglichkeiten geprüft, wie der Einbrecher in das Haus gelangt sein könnte, aber da ist nichts. Und ich habe das Gefühl, dass bald irgendetwas geschehen wird. Es ist, als würde eine Deadline ablaufen, daher möchte ich, dass du nach London fliegst. Du bist hier nicht sicher.«
   Aliana öffnete den Mund, um zu protestieren, schloss ihn jedoch wieder, als sie in Damians Antlitz blickte. Seine Mimik erinnerte sie an die, die sie seit einigen Wochen im Spiegel sah. Sorgen radierten den Glanz aus seinen Augen und hoben die Wangenknochen extrem hervor.
   »Flieg morgen mit Lindsay und David zurück nach London und beschütze die beiden.« Damian schob ihr eine Strähne hinters Ohr und senkte den Blick in ihre Augen. »Ich möchte euch in Sicherheit wissen, bis ich herausgefunden habe, wer oder was hinter der Sache steckt. Bitte, Aliana.«
   London. Ihr Herz schien sich zu verkrampfen. Sie befreite sich aus Damians Armen und ging zum Geländer. Aliana richtete den Blick auf den Ärmelkanal, doch es kam ihr vor, als würde sie in einem Tunnel stehen. Sie nahm nichts wahr, bis auf den Wind, der ihr erhitztes Gesicht abkühlte.
   Wenn sie Damians Wunsch Folge leistete, wäre sie morgen bei ihrem Vater. Sie könnte abwechselnd mit Paul die Hollands beschützen und hätte aus dem Grund Zeit, Dad im Krankenhaus zu besuchen. Dafür müsste sie lediglich Damian allein lassen. Allein mit einer Gefahr, die es schaffte, ihm Angst einzujagen. Aliana war sicher, dass das weder einem Kleinkriminellen mit einem Messer in der Hand gelingen würde noch einem stinknormalen Einbrecher, der es auf Geld abgesehen hatte. Hier auf Grey Manor ging etwas vor, das sich zuzuspitzen schien.

5. Kapitel

»Das ist letzte Nacht geschehen?«, fragte Aliana und drehte sich um. Damian richtete sich auf und legte den Kugel-
   schreiber neben das Vertragsexemplar. Die Klinge steckte noch im Tisch, trotzdem befand sich ein blauer Schriftzug am unteren rechten Ende der Vereinbarung.
   »Es ist das, was nicht geschehen ist, was mir Sorge bereitet«, antwortete Damian und kam auf sie zu.
   Wut flackerte in ihr auf. Er hatte die Papiere unterschrieben, aber ihr Einverständnis nicht abgewartet. Damian wollte sie nach London abschieben, weg aus der Gefahrenzone, in der er bleiben wollte. »Du schickst mich wegen nichts weg?«, rief Aliana. »Ich kann nicht glauben, dass das dein …«
   »Das ist mein voller Ernst.« Damian blieb dicht vor ihr stehen. »Ich will nicht, dass dir, Lindsay oder David etwas zustößt.«
   Aliana stemmte die Hände in die Hüften. »Ach, aber ich soll brav in London sitzen und mir vor Angst in …« Bevor sie auch nur blinzeln konnte, hatte Damian sie in die Arme genommen und seine Lippen auf ihre gelegt.
   Sein unglaublich weicher Mund erstickte jeden weiteren Protest von ihr im Keim. Der intensive, ausgehungert wirkende Kuss schickte kribbelnde Schauder über ihre Haut. Aliana stöhnte und presste sich an ihn. Seine Zunge beherrschte ein Spiel, das Hitze zwischen ihren Schenkeln entfachte.
   Als Damian sie zu Atem kommen ließ, krallte Aliana die Finger in sein Hemd. Ein Ausdruck lag in seinen Augen, der genauso eindeutig lesbar war wie eine Tageszeitung. Männliche Eitelkeit. Er gab sich nicht einmal die Mühe, seinen Stolz vor ihr zu verbergen. »Lass mich los«, rief sie und drückte die Hände gegen Damians Brust. Ein paar Sekunden rührte er sich nicht, dann senkte er die Arme und ging zwei Schritte rückwärts. Allerdings verschwand die Arroganz aus seinen Iriden nicht. Im Gegenteil, zu der Überheblichkeit gesellte sich ein amüsiertes Lächeln.
   »Es gibt keinen Weg zurück«, flüsterte er.
   Die Worte streichelten seidig zart über Alianas Haut, und doch fühlte sie einen merkwürdigen Stich im Herz. Sie wollte nicht zurück, schon gar nicht in die Einsamkeit eines Schlafzimmers, das tapeziert war mit ahnungslosen Mädchenträumen. Andererseits lief sie Gefahr, von Damians Besitzgier erdrückt zu werden. »Zeig es mir«, sagte sie und schob die Hände in ihre Jackentaschen. Sie verzichtete darauf, ihm zu erklären, was sie sehen wollte, weil sie vermutete, dass er es wusste.
   Damians leises Lachen jagte eine wohlige Gänsehaut über ihren Rücken. Er trat vor sie und beugte den Kopf so weit herunter, dass sie seine seidigen Wimpern hätte zählen können.
   »Noch nicht.«
   Aliana schüttelte den Kopf. »Ich akzeptiere keine Bedingungen.«
   »Da bin ich anderer Meinung«, konterte er und senkte den Blick in ihre Augen.
   Der Moment war so intim, beinahe wie ein Kuss, obgleich er sie nicht einmal berührte. »Du bist unfair«, murmelte Aliana und schluckte. Sie wusste, welche Bedingung Damian stellte. Er würde ihr erst das zeigen, was sie sehen wollte, wenn er ihre Lippen dort hatte, wo er sie haben wollte: auf seinem Mund. Das Problem war, dass sie sich nach einem zweiten Kuss sehnte, dennoch wollte Aliana Damian diesen süßen Sieg nicht schenken. Jedenfalls jetzt noch nicht und vor allem nicht hier.
   Kaum hatte sie die Hände um seinen Nacken geschlossen, leuchtete das Quecksilber in seinen Augen hell auf. Er beugte den Kopf, allerdings ließ Aliana nicht zu, dass sich ihre Lippen berührten, obgleich ihre Sehnsucht Hitze durch ihren Körper trieb und ihr Herz weit oben in der Kehle pochen ließ.
   Für köstliche Augenblicke atmeten sie die gleiche Luft, die geschwängert war von Damians Aroma. Der Atem, der seine Lippen verließ, strich einen winzigen Bruchteil später über ihren Mund und brachte Wärme und sein Begehren mit.
   Aliana atmete aus und zog sich gleichzeitig an ihm hoch. Sie neigte den Kopf zur Seite und biss sanft in Damians Ohrläppchen. Sie fühlte unter ihren Fingerspitzen die Gänsehaut, die sich über seinen Rücken ausbreitete. Aliana lächelte. Seine Stärke schwand durch ihre Zärtlichkeit wie ein Tautropfen in der Morgensonne.
   Mit der Zunge streichelte sie die Stelle, in die sie gebissen hatte, und kühlte die erhitzte Haut mit ihrem Atem. Sie wollte Damian den Wunsch nach einem Kuss nicht verwehren, aber sie ließ sich nicht unter Druck setzen.
   »Lässt du immer den ersten Schritt aus und beginnst mit dem zweiten?«
   Aliana erschauderte. Verlangen verlieh seiner Stimme einen dunklen rauen Unterton, der klang, als würde ein mit Samt überzogenes Reibeisen in seiner Kehle festsitzen. Wie zarte Seidenfäden wanden sich die verführerischen Töne um ihren Körper und glitten in ihre Poren. Sie waren ein Aphrodisiakum, das auf ihrem Gaumen eine himmlische Süße hinterließ und einen Feuerstrom durch ihre Adern jagte. »Ist das eine Beschwerde?«, fragte sie und schnappte mit den Zähnen nach seinem Ohrläppchen. In den zahllosen einsamen Nächten, die sie in ihrem Bett verbracht hatte, hatte sie sich unzählige Male auszumalen versucht, wie seine Haut schmecken und riechen würde, doch ihre Fantasie hatte sie nicht auf den Geschmack vorbereiten können, der auf ihrer Zunge regelrecht explodierte. Süchtig machender Nektar, der Sommer, Sonne, Wind und Regen vereinte.
   »Wohl kaum«, flüsterte Damian und neigte den Kopf, sodass sie nicht mehr auf Zehenspitzen stehen musste, um sein Ohr zu liebkosen. »Aber ich hätte dir auch deinen Wunsch erfüllt, wenn du mich von deinen Lippen hättest kosten lassen.«
   »Ich weiß.« Aliana biss fester zu, befreite sich aus seinen Armen und schlüpfte an Damian vorbei. Ein leises Lachen folgte ihr, das sich um ihren Körper rankte, wie der exotische Duft einer Orchidee.
   »Es gibt keinen Weg zurück«, wiederholte er.
   Tief einatmend drehte sich Aliana zu ihm um und streckte Damian die Rechte entgegen. Seit Jahren existierte für sie kein anderer Weg. Jeder Versuch, den vorherbestimmten Pfad zu verlassen, hatte für sie in einer dunklen Sackgasse geendet. Für sie stand fest, dorthin, wo sie noch gestern gewesen war, wollte sie nicht wieder hin.
   Damian zögerte keine Sekunde, bevor er ihre Hand mit einer besitzergreifenden Selbstverständlichkeit ergriff, die ein Kribbeln über ihre Haut jagte.
   Einen Augenblick lang fragte sich Aliana, was ein Außenstehender von ihnen denken würde, wenn er sie zufällig beobachtet hätte. Ein überdrehtes Kichern schlich sich in ihre Kehle. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stand dieser jemand kurz davor, sie für verrückt zu erklären oder für völlig betrunken.
   Letzteres traf sogar zu. Sie fühlte sich, als hätte sie in den vergangenen Minuten eine Flasche ihres Lieblingsrotweins geleert und doch befand sich in ihrem Blut kein einziger Tropfen Alkohol. Dafür füllte Damians berauschendes Aroma ihre Lungen. Er hielt ihre Hand, als hätte er seit Jahren nichts anderes getan, und seine Augen blickten sie an, als wäre sie die süßeste Versuchung, der er je begegnet war.
   Damians Finger legten sich viel zu warm auf ihre Hüfte. Ein Zittern durchlief ihren Körper. Trotzdem entwand sie sich seinem Griff und ging auf den Tisch zu. Leise Schritte folgten ihr.
   Neben einem Klappstuhl blieb Aliana stehen. Ein kleiner, widerspenstiger und viel zu weiblicher Teil in ihr sehnte sich danach, sich fallen zu lassen und Damians Begehren zu genießen. Ein anderer Teil von ihr wusste, dass sie daran zerbrechen würde. Mochten die Ketten, die er ihr anlegen wollte, auch aus Schaumstoff und Seide bestehen, sie würden Aliana einengen wie kalte Eisenstangen an einem Käfig. Sie hatte nichts gegen sein besitzergreifendes Verhalten, weil es ihr auf seine maskuline Art Geborgenheit schenkte. Trotzdem würde sie sich erst einfangen lassen, wenn sie es wollte, und nur zu ihren Bedingungen.
   »Wirst du je tun, was ich mir wünsche?« Ein Hauch Enttäuschung perlte aus jeder einzelnen Silbe.
   Aliana wandte sich um, hob den Blick und sah in Damians Augen. Eine Wildheit lag in ihnen, die sie an sturmgepeitschte Regenwolken erinnerte. Ebenso wie der Wind ließ er sich in keinen Glaskasten sperren. Damian konnte mit der unbezähmbaren Wucht eines Orkans jahrhundertealte Bäume entwurzeln, aber auch mit der Sanftheit einer Brise den Blättern eine berauschende Melodie entlocken. »Nein«, antwortete sie und hob den rechten Arm. Sie zog mit dem Zeigefinger die Konturen seiner Lippen nach. Als er zubeißen wollte, ging sie rückwärts auf die Terrassentür zu. Das Quecksilber in Damians Iriden leuchtete gefährlich auf.
   »Du kannst nicht gewinnen.«
   Der Wind trug die geflüsterten Silben zu ihr. Männlicher Eigensinn gepaart mit einem unverhohlenen Besitzanspruch trieben ihr prickelnde Schauder unter die Haut. »Aber zu viel verlieren«, erwiderte sie. Kaum hatte Aliana ausgesprochen, stand er vor ihr und zog sie mit wild anmutender Zärtlichkeit in die Arme. Diesmal ließ sie ihn gewähren, denn die Wahrheit in ihren Worten jagte ihr Angst ein.
   »Was kannst du verlieren?«
   Der raue Klang seiner Stimme ließ Aliana nach Luft schnappen. »Dich.« Obgleich sie wusste, wie verwundbar sie sich mit diesem einen Wort machte, kam es ihr nicht in den Sinn, zu lügen.
   »Niemals.« Als er ausgesprochen hatte, fegte eine eiskalte Windböe über die Terrasse und blähte das Sonnensegel auf.
   Ein Frösteln rieselte Aliana den Rücken hinab. Eiskristalle schienen in ihre Poren einzudringen und wandelten die Hitze in ihrem Inneren in Kälte um. Obwohl in Damians Augen nur Aufrichtigkeit lag, konnte die Emotion nichts gegen die frostige Starre tun, die ihren Körper in Besitz nahm.
   »Aliana?« Sorge stählte seine Stimme und färbte sie mit undurchdringlicher Schwärze.
   »Lass uns hineingehen«, murmelte sie. Damian hatte nicht gelogen, das wusste sie, und doch schien dem Wind ein düsteres Schicksal anzuhaften.

Aliana folgte Damian in das Haus. Der Hochflorteppich im Wohnzimmer dämpfte ihre Schritte, trotzdem hämmerte sich jeder Ton in ihr Hirn. Sie versuchte sich einzureden, dass nur eine einfache Böe emotionslos die Seeluft über die Terrasse geweht hatte, dennoch vertrieb der durchaus realistische Gedanke nicht die eisige Dunkelheit in ihr.
   Damians Blick wanderte immer wieder über ihr Gesicht, während sie auf die doppelflügelige Glastür zugingen, durch die vor einer geschätzten Ewigkeit David den Raum verlassen hatte. Jegliche Wildheit, selbst der sinnliche Glanz in dem Quecksilber, war aus Damians Augen verschwunden. Besorgnis überdeckte das Feuer mit einem Schleier und raubte ihm die Leidenschaft.
   Aliana ließ es widerspruchslos zu, dass er sie fest an sich presste. Sie brauchte seine Nähe wie ein Verhungernder einen Kanten Brot. Ihre Hand zitterte, als sie diese unter sein Oberhemd schob und Schutz in der Hitze seiner samtigen Haut suchte. Damian zuckte nicht zurück und blieb nicht stehen. Er drang auch nicht mit Fragen in sie, obwohl Aliana ihm ansah, dass er diese nur mühsam zurückhielt.
   Sie wusste, dass sie ihn ohne Widerworte gewähren ließe, wenn er sie jetzt auf den Hochflorteppich legen würde. Zu sehr sehnte sie sich nach seinen Zärtlichkeiten, die die Kälte aus ihrem Körper vertreiben würden. Seit ihre Hand kurz über seinem Hosenbund lag, war ein Teil seines Begehrens in seine Augen zurückgekehrt, dennoch raubte er sich nicht einen Kuss. Damian wollte ihre Leidenschaft und nicht ihre Willenlosigkeit. Ihn schienen im Augenblick nicht seine Sehnsüchte zu interessieren, sondern vielmehr, was Aliana solche Angst eingejagt hatte.
   Hinter der Glastür erstreckte sich ein breiter heller Flur, von dem vier Türen abgingen. Alianas Metallabsätze klapperten laut auf den gelbgoldenen Marmorfliesen, während Damian und sie auf die Treppe am Ende des Flurs zugingen. Vor den Stufen, die in den Keller führten, blieb er stehen.
   Ein Seufzen schlich sich über ihre Lippen. Sie hatte geahnt, dass er ihr nicht ohne Erklärung zeigen würde, was ihm Furcht einflößte. Sie hatte ihm zwar den Wunsch nach einem Kuss erfüllt, wenn auch auf ihre Weise, allerdings ging es nun nicht mehr um die Wahrung eines Gleichgewichtes zwischen ihnen. Ihr Verhalten versetzte Damian in Panik. »Ich fürchte mich vor der Einsamkeit meines Schlafzimmers«, gab sie zu. Noch gestern Abend war sie mit der bittersüßen Gewissheit auf dem Sofa eingeschlafen, dass Damian in ihren Träumen zu ihr kommen würde. Obwohl ihre Nächte einsam waren, waren sie ihre Zuflucht, die mit beständiger Wiederkehr den Alltag aus ihrem Kopf verbannten.
   Jetzt wollte sie jedoch mehr. Viel mehr. Damians Mund sollte das Letzte am Abend sein, was sie schmeckte, bevor sie sich in die Geborgenheit seiner Körperwärme kuschelte und die Lider schloss. Der nächste Morgen sollte nicht die Enttäuschung über einen unwirklichen Traum bringen, sondern die Süße von Damians Lippen auf ihrer Haut.
   »Seit dreizehn Jahren gehöre ich zu dir, daran wird sich niemals etwas ändern«, sagte er leise und zog sie an seine Brust. »Du warst nie einsam und wirst es auch in Zukunft nicht sein.«
   Aliana schluckte. In Damians Worten lag ein Versprechen, gleichzeitig waren sie das Besitzergreifendste, was sie jemals gehört hatte. Die Verheißung in seiner Aussage taute die Kälte in ihrem Inneren auf und gab ihr das Gefühl, sich fallen lassen zu können. Er würde sie immer auffangen. Egal, wann. Egal, wo. Mit einem langen Blick in seine Augen ließ sie die Finger zu seinem Hintern gleiten und presste seinen Unterleib an ihren. »Beweis es mir«, entgegnete sie und schlang ein Bein um seinen Oberschenkel. Ihre Absatzschuhe hätten das Vorhaben fast vereitelt. Damian drückte sie jedoch so fest an sich, dass sie nicht einmal mit High Heels gestrauchelt wäre. Als er den Kopf neigte, sah sie kurz ein gefährliches Glitzern in seinen Iriden aufblitzen. Sein sinnliches Lachen flatterte gegen die empfindliche Stelle hinter ihrem rechten Ohr.
   »Tanz mit mir«, forderte er sie auf.
   Aliana wusste augenblicklich, dass Damian bei dieser Einladung weder einen Walzer noch einen Tango im Sinn hatte. Selbst eine Mischung aus Samba, Rumba und Paso doble kam dem nicht nahe, was ihm vorschwebte. Sein Tanz wurde mit rasiermesserscharfen Klingen ausgeführt, in der Schwebe zwischen den Feuern der Hölle und der klirrenden Kälte der Antarktis. »Nur, wenn ich die Wahl der Waffen habe.« Damians Lippen glitten über ihren Nacken. Sie näherten sich ihrer Wirbelsäule, verschwanden und wurden von seiner Zunge ersetzt, die den Weg zu ihrem Ohr zurückverfolgte. Prickelnde Wellen rannen Aliana über den Rücken und wanderten von dort in ihren Bauch.
   »An welche denkst du dabei?«, fragte Damian und schnappte gleich darauf mit den Zähnen nach ihrem Ohrläppchen.
   »Ketten aus Titan«, antwortete sie prompt. Sein raues Lachen richtete ihre Nackenhärchen auf.
   »Einverstanden. Aber nur, wenn wir den Schlüssel in den Feuern des Schicksalsberges verglühen lassen.«
   Bei Damians Anspielung auf Herr der Ringe konnte sich Aliana ein Grinsen nicht verkneifen. Keine Sekunde später fiel im Haus dröhnend eine Tür ins Schloss. Ein Seufzen dicht an ihrem Ohr jagte ihr eine Gänsehaut über die Unterarme.
   »Komm«, murmelte Damian und richtete sich auf. »Wenn Lindsay herausfindet, dass du zu spät zum Dinner kommst, weil ich nicht genug von dir bekomme, zieht sie mir das Nudelholz über den Schädel.«
   Zischend atmete Aliana aus und stellte das Bein auf den Fußboden. Niemals zuvor hatte ein Mann behauptet, er bekäme nicht genug von ihr. Das war genauso unmöglich wie die Tatsache, dass sie jetzt in Damians Armen lag. »Sie würde es nicht mal in deine Nähe schaffen«, erwiderte Aliana und errötete, als sie begriff, was sie da gesagt hatte. Sie mochte Lindsay und ahnte, dass die gutmütige Frau noch nie die Hand gegen irgendjemanden erhoben hatte, aber der Satz stand gleichbedeutend für alle Gefahren, die sich Damian gegenübersah. Theoretisch sah das ihr Job vor, stattdessen wollte er sie nach London abschieben.
   Ein bittersüßes Lachen formte sich in Alianas Kehle, als sie an eine von Pauls Regeln dachte: Binde dich niemals gefühlsmäßig an eine Person, die du beschützt. Lange bevor sie einen Fuß auf Grey Manor gesetzt hatte, war es dafür zu spät gewesen. War es daher besser, wenn sie nach London zurückkehrte?
   »Du würdest David sehr traurig machen, wenn du Lindsay ein Haar krümmen würdest.« Damian schmunzelte und sah sie mit einem Augenausdruck an, der seinen Stolz nur unzureichend verbarg.
   »Dann sollten wir uns beeilen.« Aliana ergriff seine Hand. Mit Mühe kämpfte sie gegen Pauls Worte an, die wie ein Ohrwurm durch ihren Kopf tanzten. Damian benötigte keine Leibwächterin, die sein Leben beschützte, trotzdem wollte ein Teil von ihr seine Nähe nicht verlassen. Der andere Teil flehte den Zeitpunkt, an dem sie die City erreichen würde, sehnsüchtig herbei. Aliana konnte sich nicht zweiteilen, aber sie sehnte sich danach, an zwei Orten gleichzeitig sein zu können.
   »Warte!«
   Sie verharrte mitten in der Bewegung.
   »Tamara?«
   Krallen schabten leise über die Marmorstufen. Aus dem Halbdunkel schälte sich erst der Kopf von Damians Dobermann, bevor der glänzend schwarze Körper folgte. Schwanzwedelnd blieb die Hündin vor Damian stehen.
   »Das ist Aliana, die Frau aus meinen Träumen.«
   Damians pelzige Freundin wandte sich ihr zu. Aufmerksame dunkle Augen musterten Aliana, dabei bewegte sich die feuchte Nase der Hundedame hin und her. Ein paar Sekunden später trat Tamara zu Aliana und stupste ihre Hand mit der Schnauze an. Mit einem Grinsen auf den Lippen ging Aliana in die Knie und kraulte der Hündin das samtige Fell hinter den Ohren. »Süße, wir sollten uns dringend unterhalten«, flüsterte sie. »Ich bin neugierig, was Damian dir alles über mich erzählt hat.« Der Blick aus Tamaras Augen schien weicher zu werden. Sie schmiegte den Kopf an Alianas Hals. Aus dem Brustkorb der Hundedame stieg ein vibrierendes Brummen auf, das verdächtig nach dem Schnurren einer Katze klang.
   »Ich wusste, dass ein herumstreunender Kater seine Gene an dich weitergegeben hat.«
   Tamara sah zu Damian und bedachte diesen mit einem missbilligenden Blick. Als Damian die Augen verdrehte, verbiss sich Aliana ein Kichern. Einen Augenblick kraulte sie noch den Rücken der Hündin, bevor sie aufstand. Schließlich wollte sie Lindsay kein Haar krümmen. Weil ein unverkennbarer Geruch nach gebratenem Fleisch durch das Haus zog, blieb Aliana nicht die Zeit, das glänzende Fell der Dobermannhündin ausgiebig zu würdigen.
   Die Hundedame eilte geschmeidig die Marmorstufen hinab. Damian griff nach Alianas Hand und folgte Tamara nach einem kurzen Zögern. Auf den Innenseiten ihrer Wangen kauend stieg Aliana die Treppe hinunter. Eigentlich konnte sie sich nichts vorstellen, was Damian einen derartigen Schreck einjagen würde, doch die Sorge auf seinem Gesicht war echt.
   Der schmale Flur, in dem sie einen Moment später standen, war vollkommen schmucklos. Die Wände bedeckte eine schlichte Raufasertapete, die einen cremeweißen Anstrich besaß. Über ihren Köpfen befand sich eine zweiflammige Halogendeckenleuchte mit weißen Schirmen. Drei Türen führten von dem Gang weg, zwei davon standen offen. Aus einem Raum drang das Summen der Heizungsanlage. Im Halbdunkel des zweiten Zimmers entdeckte sie verschiedene Fitnessgeräte. Die Tür gegenüber der Treppe war verschlossen. Damian trat vor den Holzrahmen, neben dem sich ein Zahlenschloss befand. Als er den Arm hob, blickte Aliana zu Tamara, die mit aufgestellten Ohren hinter Damian wartete.
   »Nein.« Er hob mit einem Finger Alianas Kopf an. »Ich habe keine Geheimnisse vor dir.«
   Widerspruchslos akzeptierte sie sein Vertrauen und merkte sich den Code, den er eingab. An der Ziffernfolge erkannte sie, dass es sich um eine Jahresangabe handelte. Es war das Jahr, in dem er zum ersten Mal von ihr träumte. Blinzelnd kämpfte Aliana mit ihren Tränen. »Weiß David Holland, was die Zahl bedeutet?«, fragte sie in das Klicken des Türschlosses.
   »Nein. Ich habe niemandem, außer Tamara, von meinen Träumen erzählt«, antwortete Damian. Daraufhin wedelte die Hundedame mit dem Schwanz und schmiegte ihre Schnauze an seine Hand. Er kraulte ihr kurz die Ohren und seufzte leise. »An meinem ersten Abend auf dem Anwesen stand sie plötzlich vor mir. Sie trug kein Halsband, die Suche nach ihren Besitzern brachte auch nach Wochen kein Ergebnis. Niemand auf der Insel kannte oder vermisste sie. Tamara blieb freiwillig bei mir und folgt seitdem jedem meiner Schritte. Doch als die Sache mit den Geräuschen anfing, da …« Er ließ den Rest ungesagt und schüttelte den Kopf.
   »Sie folgt dir nicht mehr.« Tamara war nicht auf der Terrasse bei Damian gewesen, sondern hier unten.
   Er nickte und drückte die Klinke nach unten. Licht flammte auf und erleuchtete die Dunkelheit des Raums. »Es ist, als würde sie das Studio beschützen wollen. Ob ich da bin oder nicht, spielt für sie keine Rolle.«
   Offensichtlich teilte Tamara seine Sorgen nicht, denn sie verschwand im gleichen Augenblick mit freudig wedelndem Schwanz in dem Türspalt, den Damian geöffnet hatte.
   Aliana folgte ihr und blieb drei Schritte später stehen. Warme Farben und Holz beherrschten das Zimmer. Balken aus zweifarbigem Ebenholz verliefen unter der Decke entlang und zogen sich bis zu den Wänden herab. Die helle bis braunschwarze Maserung der Bohlen setzte sich auf dem Holzfußboden fort, den im Zentrum ein handgeknüpfter Teppich bedeckte. Zwischen den Holzbalken befanden sich an den Wänden exklusive Stoffwandbeläge, deren zimtbraune Farbe sich mit karminroten Tupfen vermischte.
   Im vorderen Bereich des länglichen Raums stand ein Broadwood-Flügel aus Nussbaum. Tamara umrundete diesen schwanzwedelnd und lief geradewegs auf ihre Hundedecke zu. Auf dieser drehte sie sich dreimal im Kreis, bevor sie sich fallen ließ und einkringelte.
   Aliana lächelte, hob den Blick und blinzelte mehrfach. Der rückwärtige Bereich unterschied sich krass von dem Rest des Zimmers. Er strotzte vor Technik, von der sie nur wenigen Teilen überhaupt einen Namen zuordnen konnte. Auf einem u-förmigen, langen Arbeitstisch gruppierten sich hinter einem ultramodernen Keybord eine PC-Tastatur, mehrere Bedienelemente mit Schiebereglern und fünf superflache Monitore, von denen der mittlere die Größe ihres Flachbildfernsehers hatte. Die restlichen Geräte, bis auf den Computer, waren Aliana sowohl vom Namen als auch von ihrer Funktion her unbekannt.
   Zwischen Klavier und Tisch blieb sie stehen und blickte an die linke Wand. In ihrem Zentrum ruhte auf einem Holzständer ein Katana. Sein Heft war kunstvoll mit einem schwarzen Seidenband umwickelt, der Stahl schimmerte silbern im Licht der Deckenbeleuchtung. Die Schwertscheide aus lackiertem Holz befand sich unter der Waffe. »Ein Samuraischwert?«
   Der Teppich dämpfte Damians Schritte, als er hinter sie trat und die Arme um ihre Taille legte. »Ich bevorzuge längere Klingen«, flüsterte er in ihr Ohr, bevor er es mit kleinen Küssen bedeckte.
   »An der Wand?«
   Ein leises Lachen strich ihr über den Nacken. »Dieses eine ja. Die anderen befinden sich in meinem Fitnessraum.«
   »Als Staubfänger?«
   »In gewisser Hinsicht, denn ihrer ursprünglichen Bestimmung werden sie nicht mehr gerecht. Sie schneiden nur noch Luft, wenn ich mit ihnen trainiere«, sagte er leise und widmete sich anschließend erneut ihrem Ohrläppchen.
   Einen Fitnessraum in Damians Keller zu finden, hatte Aliana nicht überrascht, auch nicht das Katana. Es passte auf seltsame Weise zu ihm. Ebenso die Tatsache, dass er die Waffen nicht nur zum Zweck der Zierde kaufte. Was sie verwundert hatte, war der hypermoderne Arbeitstisch in seinem Studio. Aliana konnte sich Damian eher in einer frisch polierten Rüstung mit einer Lanze in der Hand vorstellen als auf dem Bürostuhl, der vor dem Computer stand.
   Damians Hände wanderten zu ihren Hüften und seine Lippen zu ihrem Nacken. Spielerisch biss er in die Haut, bis eine Gänsehaut ihren Rücken bedeckte. Als Aliana zischend ausatmete, löste er sich mit einem kaum hörbaren Lachen von ihr und ging zum Computertisch.
   Während sie neben ihn trat, fuhr er den PC hoch und klickte mit der Maus auf ein Programm, das sich FL Studio Producer Edition nannte. In der Playlist wählte er eine Aufnahme von gestern aus.
   »Auf der Aufzeichnung befinden sich nur die herausgefilterten Töne, die sich seit vierzehn Tagen in meine Komposition mischen. Egal, ob ich die Melodie am Klavier oder am Keybord spiele, es sind immer die gleichen Geräusche mit der gleichen Abfolge, die darauf folgen. Die Lautstärke, mit der ich sie abspielen werde, entspricht der einer startenden Boeing 747«, sagte er, bevor er auf Play drückte.
   Mit angehaltenem Atem lauschte Aliana. Sie rechnete damit, dass ihr sogleich das Trommelfell platzen würde, doch der Ton, der den Raum ausfüllte, war alles andere als laut. Hinter ihr erklang ein Kratzen. Scharf und splitternd. Aliana stieß den Atem aus. Es klang, als wenn innerhalb einer Zehntelsekunde eine Fensterscheibe pulverisiert worden wäre.
   Die Stille danach war unheimlich. Nicht ein Geräusch deutete darauf hin, dass sich in dem Zimmer zwei Menschen und ein Hund befanden. Ihr Blick flog zu Damian. Er stand mit vor der Brust verschränkten Armen vor dem Arbeitstisch, sein Gesicht wirkte wie in leblosen Granit gemeißelt.
   Jäh durchbrachen Schritte die Lautlosigkeit. Aliana fuhr herum und legte die Hand auf ihren Pistolengurt. Ihre Instinkte sprangen sie an wie ein hungriges Raubtier sein wehrloses Opfer, aber hinter ihr befand sich nichts außer Luft, Tamara und Damians Flügel. Närrin, schalt sie sich, trotzdem wuchs ihr Unbehagen. Der Computer gab unverkennbar Schritte wieder, die von der Stelle kamen, an der das Kratzen erklungen war.
   Als die Geräusche verstummten, gelang es Aliana nur mit größter Willensanstrengung, die Beretta im Holster zu lassen. Es war eine Aufnahme, und doch war sie derart realistisch, dass Aliana jeden Moment damit rechnete, den Atem des Unbekannten im Nacken zu spüren.
   Mit angespannten Muskeln starrte Aliana zu Damian. Ein kleiner Teil in ihr sagte sich, dass er den Eindringling gesehen haben musste. Er konnte nicht aus Luft bestehen. Damians Kopfschütteln und der Anflug von Sorge in seinen Augen belehrte sie eines Besseren. Für ihn war der Raum leer gewesen. So leer, dass er beim Komponieren nicht hinter sich blickte.
   Ein flaues Gefühl zog durch Alianas Magen. Hartnäckig suchte ein sturer Teil ihres Verstandes nach einer lapidaren Ausrede. Ein Hardwarefehler oder ein Fehler im Programm, das Damian verwendete. David, der sich einen vorgezogenen Halloweenspaß erlaubte. Ihr Kopf spulte eine Idee nach der anderen ab, die Aliana alle nach kurzer Überlegung in den gedanklichen Reißwolf schob. Damian beschäftigte sich seit zwei Wochen mit den Geräuschen. Sie bezweifelte, dass er die nahe liegendsten Erklärungen nicht eingehend geprüft hatte.
   Von jetzt auf gleich zerrissen neue Töne die angespannte Stille im Studio. »Bitte erinnere dich«, sagte eine Stimme, die ebenso rein und klar war wie die Weinkelche in einem Luxusrestaurant.
   Als Damian die Aufnahme stoppte, atmete Aliana ein paar Mal tief durch. Sie war es gewohnt, mit Feinden zu rechnen, die sich im Verborgenen aufhielten. Diese besaßen allerdings einen sichtbaren Körper, wenn er sich auch oft ihren Blicken entzog. Aber eindeutige Schritte zu hören, zu denen sich die Gestalt hinter nichts außer Luft verbarg, war, als würde es regnen, ohne dass Wasser vom Himmel tropfte.
   Aliana versuchte, das unwirkliche Gefühl abzustreifen, das von ihr Besitz ergreifen wollte. Dass Worte aus dem Nichts auftauchten, ließ die Vermutung entstehen, es handelte sich hierbei um das Telefongespräch eines Geistes.
   Sie schüttelte sich und vertrieb den Gedanken aus dem Kopf. Menschen neigten dazu, alles, was sie nicht sehen konnten, in die übersinnliche Welt zu verbannen und göttlichen oder okkulten Kräften zuzuschreiben, jedoch entstanden Phänomene weniger durch mythologische Wunder, sondern vielmehr durch elementare Gesetzmäßigkeit.
   Aliana straffte die Schultern. Nur methodische Ansätze halfen, keine spirituellen Denkweisen. »Nimmst du die Geräusche immer zur gleichen Uhrzeit auf?«
   »Nein. Es ist egal, ob es Tag oder Nacht ist oder wie lange ich mich im Studio aufhalte. Nur die Melodie ist ausschlaggebend. Sobald ich sie spiele, mischen sich die Geräusche hinein.«
   Aliana blickte zu Tamara, die sich auf der Decke zwischen Klavier und Schreibtisch eingekringelt hatte und müde von einem zum anderen sah. »Ist das ihr normaler Platz?«
   Geräuschvoll atmete Damian ein. »Ja und nein.«
   Schweigend betrachtete sie sein Antlitz, das seine Sorgen kaum verbarg. Sie hatte eine Frage gestellt, aber zwei Antworten erhalten. Was …? »Sie hat nicht angeschlagen?«
   Damian schüttelte den Kopf. »Nein, nicht ein einziges Mal.«
   Sie schnappte nach Luft. Tamara war eine Dobermannhündin. Sie würde einen Eindringling niemals dulden und erst recht nicht in Ruhe ein Schläfchen halten, wenn in ihrem Revier etwas nicht stimmte.
   Warum hatte sie nicht gebellt? Aliana ging um das Klavier herum. Hunde besaßen einen wesentlich empfindlicheren Geruchssinn als Menschen. Ebenso konnten sie in einem breiteren Frequenzbereich hören, dennoch reagierte Tamara nicht auf die Geräusche. Weil sie keinen fremden Geruch mitbrachten? Oder, weil die Töne für die Hundedame so klangen, als würde ein Fernseher laufen?
   Aliana biss sich in die Zunge. Nein. Die Hündin reagierte sehr wohl, denn sie begleitete Damian nicht mehr, sondern blieb die meiste Zeit im Keller. So, als beschütze sie das Studio.
   An der Tür blieb Aliana stehen und blickte sich um. Das Studio wirkte friedlich, und doch konnte sie Damians Unbehagen verstehen. Die Augen eines Menschen waren sein wichtigstes Sinnesorgan. Mit ihnen orientierte er sich in seiner Umwelt und ordnete dem, was er sah, die Eindrücke von Ohren, Nase, Mund und Haut zu. Wenn der Gehörsinn jedoch Geräusche wahrnahm, die das Gehirn visuell nicht zuordnen konnte, verursachte das nicht nur Unwohlsein, sondern eine tiefe Beklemmung. Eine solche Situation löste Gänsehaut aus und spulte manchen Horrorfilm im Kopf ab, den man sich im Fernsehen angesehen hatte.
   Als Damian neben Aliana trat, sprang Tamara auf und folgte ihm. Dabei blickte sie zum Boden und hielt ihre Rute ruhig. »Es gefällt ihr nicht, dass du gehen willst«, sagte Aliana und ging hinaus in den Flur. Damian schüttelte den Kopf und verschloss hinter der Hundedame die Tür. Augenblicklich setzte sich Tamara mit aufgestellten Ohren davor.
   »Solange ich nicht weiß, was die Geräusche bedeuten, lasse ich sie nicht allein im Studio«, sagte er entschieden. »Bisher ist nichts geschehen, was für eine reelle Gefahr sprechen würde, aber ich …« Er verstummte, kraulte seiner pelzigen Freundin den Rücken und blickte Aliana einen Moment später mit einem Ausdruck in den Augen an, der seine innere Zerrissenheit widerspiegelte.
   »Du befürchtest, dass etwas geschehen könnte, wenn du nicht bei ihr bist.« Er nickte kaum wahrnehmbar. Tamara hatte sich zweifellos ihr Herrchen mit Bedacht ausgewählt. Beide übertrumpften sich in dem Bemühen, den anderen zu beschützen.

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