Helen weiß nicht, wie ihr geschieht, als sie bei ihrer Abschlussprüfung auf den jungen, attraktiven Ben trifft. Sie soll den gefährlichen Seelenlosen in einer schmerzvollen Prozedur zähmen und so zum Sklaven machen. Doch Bens Blick lässt Helens Herz höherschlagen. Sie glaubt, seine Stimme in sich zu hören und spürt, dass eine geheimnisvolle Verbindung zwischen ihnen besteht. Wie kann das sein? Wo Seelenlose doch keine Gefühle und kein Herz haben? Helen schafft es nicht, gegen Bens Anziehungskraft anzukämpfen. Als Ben ihr auch noch das Leben bei einem Überfall rettet, ist es um sie geschehen. Helen holt den Seelenlosen als Haussklaven zu sich. Wider jeder Vernunft verliebt sie sich in den Unsterblichen. Auch Ben ist weder herz- noch gefühllos. Seine Sorge gilt Helen. Weiß er doch um die besondere Verbindung, die zwischen Menschen und Unsterblichen entstehen kann und um die Gefahr, die diese mit sich bringt …

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ISBN: 978-9963-52-721-2

Seiten: 330

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Greta Ley

Greta Ley
Greta Ley wurde 1981 in Braunau am Inn geboren. Sie studierte Lehramt und ist hauptberuflich als Lehrerin tätig. Mit ihren beiden Kindern und ihrem Ehemann lebt sie im beschaulichen Eggelsberg und schreibt mit Begeisterung fantastische Geschichten und lustige Frauenunterhaltung.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Niemals hätte ich gedacht, dass es möglich ist, so zu empfinden: Tief, rein, allumfassend, und doch darf es nicht sein. Wie kann etwas falsch sein, das sich so richtig anfühlt?
   Ich sehe ihn an, blicke in sein makelloses Antlitz und erkenne die Welt darin. Alles hat sich verändert. Was mir vor Kurzem noch wichtig war, ist verblasst. Er ist an dessen Stelle gerückt. Er, mein Liebster, mein Geliebter, mein Seelenverwandter, Ben.
   Obwohl ich in diesen Minuten das glücklichste Mädchen der Welt sein sollte, fühle ich, wie das Unheil über uns schwebt, einer großen grauen Wolke gleich – drohend, zum Bersten gefüllt. Ich liege in seinen Armen, höre den leisen, gleichmäßigen Rhythmus seines Herzens und möchte mich am liebsten mit ihm verkriechen.
   Aber wohin sollten wir schon gehen? Zurück in meine Heimat, in der Ben der Tod droht, und mir die Verbannung aus der Gesellschaft? In sein Dorf, das fernab jeder Zivilisation liegt, in eine ungewisse Zukunft?
   Egal, wohin wir flüchten, solange Ben ein Aussätziger, ein Sklave, weniger wert als ein Tier ist, bleibt unsere Liebe verboten – ein Frevel, eine Schande.
   Sie werden uns verfolgen, egal, wo wir sind. Wir werden Gejagte bis zu unserem Tod sein, und ewig in Angst leben müssen, außer, die Welt ändert sich mit all ihren Regeln und Verboten und Menschen.
   Ein Lächeln liegt auf seinem Gesicht. Die Vögel zwitschern leise im Geäst des Baumes und die Bergwiese verströmt ihren intensiven Duft nach Gras, Blumen und Heu.
   Freiheit.
   Alles, was Ben und ich brauchen, ist ein klein wenig Freiheit und ich bin bereit, dafür zu kämpfen. Unsere Liebe hat es verdient, wachsen zu dürfen. Wir haben es verdient.
   Er wacht auf und in seinen Augen liegt der Glanz seiner Sehnsucht und Liebe. Er liebt mich. O ja, er liebt mich und allein das ist es wert, alles zu riskieren. Sogar mein Leben. Sanft und unglaublich zärtlich berühren sich unsere Lippen und für einen Augenblick verschwindet die große graue Wolke und gibt einen Blick auf eine andere Zukunft frei … eine bessere.

1. Stufe neun

Helen umklammerte den kühlen Metallgriff. Egal, wie fest sich ihre Finger darum schlossen, sie glitten immer wieder ab, so feucht waren sie. Ihr Brustkorb hob und senkte sich viel zu schnell und ihr Atem bildete bereits Kondenswasser auf der spiegelglatten Oberfläche der Tür. Helen kämpfte den erneuten Anflug von Panik nieder. Sie würde es schaffen. Immerhin war es nicht das erste Mal, dass sie einem Ungezähmten gegenüberstehen würde. Sie wurde dazu ausgebildet, wusste alles Notwendige und vor allem war sie die Tochter ihres Vaters. Eine Sommer ließ sich nicht so leicht einschüchtern.
   Mutiger, als sie sich fühlte, drückte sie die Klinke nach unten und trat in den Raum. Draußen war es ziemlich warm für diese Jahreszeit, im Ausbildungsgebäude liefen jedoch die Klimaanlagen auf Hochtouren. Gerade eben auf dem Gang war es kühl gewesen, doch im Zähmungsraum war es richtiggehend frostig. Helen wünschte sich, ein Fenster öffnen zu können, um die warme Frühlingsluft hereinzulassen. Aber die verspiegelten Glasscheiben hoch oben an den Wänden waren keine Fenster. Hinter ihnen saßen die Prüfer. Anonyme Gesichter, die jeden ihrer Schritte beobachteten. Es war sinnlos, hier mitten im Raum zu stehen und das Prozedere unnötig hinauszuzögern. Helen atmete tief durch und wischte sich die Hände an ihrem Mantel trocken, dann schritt sie zu ihrem Platz und setzte sich auf den unbequemen Hocker. Der Zähmungsroboter wartete auf seinen Einsatz und auch der Computer lag bereit. Nur Helen war es nicht. Ein undeutliches Gefühl hinderte sie daran, sofort den Bildschirm zur Hand zu nehmen und die Patienteninformation zu überprüfen. Sie verspürte keine Angst, wenn sie an die Zähmung dachte. Vielmehr war es eine leise Form von Abneigung. Zum einen hatte sie immer nur gelernt, wie man Schmerzen vermied und Wunden heilte – nicht, wie man sie verursachte. Zum anderen aber war die erfolgreiche Erfüllung der Aufgabe für ihr weiteres Leben entscheidend. Die Zähmung war Teil der Abschlussprüfung und vom Ergebnis ihrer Arbeit hing ab, welche Stelle man ihr später zuteilen würde.
   Sie nahm den Computer in die Hand und öffnete die Dateien. Die Tabellen mit den Daten leuchteten grell auf und blendeten sie für einen Moment. Helen blinzelte und begann damit, die Angaben zu studieren. Ein männlicher Ungezähmter, der bei seiner Verwandlung um die einundzwanzig Jahre alt gewesen war, stellte sie erleichtert fest. Sie war sich nicht sicher, wie sie auf ein kleines Mädchen reagiert hätte. Rein theoretisch wusste sie zwar, dass es keinen Unterschied machte, welches Geschlecht oder welches Alter ein Mensch bei seiner Verwandlung hatte, dennoch widerstrebte ihr der Gedanke, ein Wesen, das wie ein Kind aussah, zu verletzen.
   Helen ging die gespeicherten Daten durch. Die gewohnte Arbeit machte sie ruhig. Sie wusste, welche Maßnahmen bei welchem Gewicht und der entsprechenden Gefahrenstufe angebracht waren. Alles Routine, gut geübte, langweilige Routine. Sie hatte ihre Aufgabe beinahe vollständig erledigt, als ihr Blick auf die rot leuchtende Zahl fiel. Der Bildschirm entglitt ihr, mit einem lauten Knall landete er auf dem Fußboden. Erschrocken biss sich Helen auf die Fingerknöchel. Ihr Herz raste.
   Unmöglich.
   Die Gefahrenstufe war einfach unmöglich.
   Es konnte nicht sein, dass ausgerechnet sie einen Ungezähmten mit der Stufe neun zur Behandlung bekommen sollte. Die Skala ging nur bis zehn, und in den letzten zweihundert Jahren gab es nie ein Exemplar, das die siebte überschritten hätte. Verdammt. Wie konnte das möglich sein? Hoffentlich hatte sie sich nicht verlesen und noch wichtiger: Hoffentlich war der Bildschirm nicht kaputt gegangen.
   Mit zitternden Händen griff sie nach dem Computer und atmete auf, als sie sah, dass er keinen Kratzer abbekommen hatte. Die Zahl in der Tabelle änderte sich aber nicht. Helen schluckte schwer. Zögernd tippte sie auf die angehängte Videoaufzeichnung. Sie wollte eigentlich nicht sehen, was bei der Gefangennahme des Wilden geschehen war. Doch ihr blieb nichts anderes übrig, wenn sie nicht in der Serumverteilung landen wollte, die das absolut Schlimmste wäre, was einer angehenden Ärztin des Regimes widerfahren konnte.
   Sie war neunzehn und kein Kleinkind mehr! Sie würde doch wohl in der Lage sein, sich einen kurzen Film anzusehen. Was würde Vater von ihr halten, wenn sie, die Tochter des obersten Regimemediziners, einen Rückzieher machte?
   Helen starrte auf den flimmernden Monitor: Ein blonder junger Mann stand in einem Wald. Nur sein unwirklich ebenmäßiges Aussehen verriet, dass er kein gewöhnlicher Junge war, sondern ein Wilder, ein Ungezähmter, ein Seelenloser. Er stand ruhig da, den Rücken den Kontrolleuren zugewandt. Seine Schultern hoben sich im langsamen Rhythmus seiner Atemzüge und seine Muskeln zeichneten sich unter dem Shirt ab. Er wirkte gelassen, geradezu seinem Schicksal ergeben. Wie in Zeitlupe drehte er sich um. Die Sonnenstrahlen fielen wie goldener Regen durch das Blätterdach und beleuchteten sein Antlitz. Er lächelte sanft, badete im warmen Licht, ließ sein Aussehen wirken. Es war geradezu unheimlich still. Kein Vogelgezwitscher, kein Grillenzirpen, nicht einmal ein leises Blätterrascheln war vernehmbar. Nur die Atemzüge des Kontrolleurs mit der Helmkamera störten die perfekte Ruhe. Er keuchte stoßweise, verharrte jedoch still und fing die unwirkliche Schönheit des Wilden ein, bannte sie auf ein Video für die Ewigkeit.
   Plötzlich ging alles rasend schnell. Die Bewegungen wurden zu schwimmenden Schatten, huschenden Lichtern. Auf einmal stand der Wilde direkt vor der Kamera. Blut spritzte wie die absurde Nachahmung eines Springbrunnens, rote dünne Fontänen begleitet von schmerzverzerrten Schreien und animalischem Keuchen. Das Bild rauschte. Diese Kamera funktionierte nicht mehr.
   Ein anderer Blickwinkel aus einer weiteren Kamera. Ein blutüberströmter Kontrolleur lag auf dem Waldboden. Ein Knochen ragte spitz aus seinem blutverschmierten Bein. Sein Oberschenkel war eine einzige klaffende Wunde. Zerrissene Muskelfasern, durchtrennte Sehnen, aufgeschlitzte Haut. Noch mehr Blut sprudelte hervor. Das Herz des Verletzten pumpte unbarmherzig mit jedem Schlag etwas mehr Leben aus ihm heraus. Die Aufnahme wackelte. Ein Schuss. Der Seelenlose war getroffen. Ein Serumprojektil steckte in seiner Brust. Er griff sich ungläubig ans Herz, schnappte nach Luft, ging zu Boden. Der Kontrolleur mit der Kamera pirschte sich vorsichtig an den ohnmächtigen Seelenlosen heran. Zwei behandschuhte Hände hielten zitternd ein Kontrollhalsband. Wie in Zeitlupe legten sie es um den Hals des Wilden. Die Kamera schwenkte. Noch mehr Verletzte. Das Bild rauschte. Ende der Aufzeichnung.
   Helen saß wie versteinert vor dem Bildschirm. Sie umklammerte seinen schwarzen Rahmen so fest, dass die Fingerknöchel weiß hervorragten. Trotz der niedrigen Temperaturen glänzten Schweißperlen auf ihrem Gesicht und ihre Lippen zitterten. Erst ein lauter Gong riss sie aus ihrer Erstarrung. In fünf Minuten würde der Ungezähmte hereingeführt werden, egal ob sie mit der Vorbereitung fertig war oder nicht. Schnell wischte sie sich mit dem Mantelärmel über das Gesicht. Es war ihr egal, ob die Prüfer sahen, wie aufgewühlt und verschwitzt sie war. Wichtig war nur noch eines: Sie musste die Zähmung ohne den geringsten Fehler durchführen. Die kleinste Unachtsamkeit konnte Menschenleben gefährden. Nur gut, dass sie genau wusste, wie intensiv die Behandlung sein musste, um ihren Erfolg zu garantieren. Dieser Bestie würde sie im Notfall eigenhändig die Zähne ausreißen.

2. Die Zähmung

Ben zitterte. Seit seiner Gefangennahme saß er in dieser eiskalten, fensterlosen Zelle. Fast nackt. Man hatte ihm seine Kleider ebenso weggenommen wie seine Kraft. Täglich kamen gezähmte Assistenten und spritzten ihm eine neue Ladung Serum in die Venen. Erbarmungslos schnallten sie ihn an die Wand und rammten ihm die Nadel in den Arm. Zu Beginn hatte er noch versucht, sich zu wehren, aber es war zwecklos. Er war zu entkräftet, als dass er gegen drei oder vier Wächter hätte kämpfen können.
   An diesem Tag, das wusste er, würde niemand erscheinen und ihm eine neue Dosis verabreichen. Heute, so hatte er dem hämischen Lachen seines Aufsehers entnommen, würde er die schmerzhafte Zähmung über sich ergehen lassen müssen. Als sich die Tür zu seinem Verlies öffnete und sich im grellen Licht zwei bullige Assistenten mit Handschellen und Stahlketten abzeichneten, sehnte er beinahe eine einfache Spritze herbei. Er wusste, welche Folter ihm bevorstand. Immer wieder waren ihm in der Wildnis flüchtige Diener begegnet und hatten von den Qualen dieser Behandlung erzählt. Übelkeit stieg in ihm auf. Er würgte.
   Ein schwarzer Stiefel sauste auf ihn zu und traf ihn in der Magengrube. Ben fiel von der schmalen Pritsche auf den Boden und blieb gekrümmt liegen.
   »Du hättest eben draußen in der Wildnis bleiben sollen. Hier im Regime ist kein Platz für wilde Seelenlose«, sagte der Gezähmte kalt und legte ihm die Handschellen an. Zu zweit zogen sie ihn in die Höhe und zerrten ihn den Gang entlang.
   Wie konnte jemand aus seinem Volk so grausam sein? Ben stolperte seinen Peinigern mit tränenverschleiertem Blick hinterher. Jeder einzelne Knochen und Muskel seines Körpers schmerzte und er schaffte es kaum, sich auf den Beinen zu halten.
   Er fasste sich an das Halsband, das sein früheres Leben beendet hatte. Nun war es zu spät, um etwas an seiner Situation zu ändern. Als er den Auftrag angenommen hatte, wusste er, welche Risiken er damit eingegangen war. Nur um seiner Mission nachzukommen, hatte er überhaupt erst die Grenze der Stadt überschritten. Er hatte alles gewagt und dabei alles verloren. Nun konnte er sich nur noch Mühe geben und ein möglichst stolzes Bild von sich zeigen. Auf keinen Fall wollte er dem Arzt hinter dieser Tür den Gefallen tun, und wie ein mitleiderregendes, hilfloses Wesen erscheinen. Diese Menschen hatten es vielleicht geschafft, den Großteil seiner Artgenossen unter Kontrolle zu bringen, aber er wollte sich nicht so leicht versklaven lassen. Irgendwann würde seine Gelegenheit kommen, und damit die Gelegenheit zur Flucht. Sollten die verfluchten Menschen doch verrecken. Sie hatten nichts anderes verdient. Er richtete sich auf und straffte die Schultern.

*

Helen saß hinter ihrem Tisch und blickte den Gefangenen kühl an. Er sah gut aus, wenn auch nicht so atemberaubend wie auf dem Video. Seine Haut spannte sich schimmernd über die Muskeln und sein Gesicht wirkte wie das einer Marmorstatue. Er starrte an ihr vorbei, fixierte einen imaginären Punkt hinter ihr. Sie betrachtete ihn näher und kam zu dem Schluss, dass er allerhöchstens einundzwanzig Jahre gewesen sein konnte, als er verwandelt worden war. Er wirkte kein bisschen gefährlich, wie er so dastand, nur ein weißes Tuch um die Hüften geschlungen. Die Gefangenschaft hatte ihn gezeichnet. Auf seiner Brust hob sich die wulstige Narbe des Serumgeschosses ab. Sie schimmerte rot und nässte nach all den Wochen im Verlies noch immer. Normalerweise würde man bei einem Seelenlosen nach dieser Zeit nicht einmal das leichteste Anzeichen einer Verletzung sehen, aber die stetigen Serumgaben hatten seine Selbstheilungskräfte herabgesetzt.
   Sie legte den Kopf schief und biss sich auf die Unterlippe. In ihrem Inneren blitzten Bilder von misslungenen Zähmungen auf: verkrüppelte Körper, offene Wunden, lebensunfähige Seelenlose. Einen Moment zweifelte sie an den intensiven Einstellungen, die sie vorgenommen hatte. Sie schob ihre Bedenken jedoch schnell wieder zur Seite. Immerhin hatte der Wilde mehrere Kontrolleure verletzt. Einen davon sogar so schwer, dass ihn nur hohe Dosen des Serums retten konnten.
   Langsam erhob sie sich von ihrem Platz und ging nach vorn, um die Anklageschrift zu verlesen. Da blickte sie der Seelenlose an und ihr Schritt geriet ins Wanken. Seine Augen fesselten sie und raubten ihr die Sinne. Dieses magische, tiefe Blau zog sie in den Bann; machte es ihr unmöglich, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Nach Luft schnappend griff sie hinter sich, um an der Tischplatte Halt zu finden. Der Boden schaukelte unter ihren Füßen und die Wände drehten sich. Ihre Knie wurden weich. Sie klammerte sich an dem Tisch fest und schloss die Augen. Ruhig, Helen. Ruhig. Alles war in Ordnung. Sie war nur verwirrt und überarbeitet. Die ganzen Prüfungen und jetzt dieser Wilde mit der Stufe neun. Du schaffst das, bestärkte sie sich und atmete kontrolliert langsam.
   Als sie sich etwas ruhiger fühlte, hob sie die Lider. Da waren sie wieder, diese meerblauen Augen, die in ihre Seele blickten. Aber dieses Mal wusste sie von ihrer Wirkung und war darauf gefasst. Sie wappnete ihr Bewusstsein, stellte die Füße fest auf den Boden und räusperte sich. »Seelenloser mit dem Namen Benjamin.« Ihre Stimme klang heiser und krächzend, als sie zu lesen begann, aber mit jedem Wort wurde sie sicherer. »Du bist in unsere Stadt eingedrungen. Im Herrschaftsgebiet des Regimes ist es nur gezähmten Seelenlosen gestattet, zu leben. Das Betreten der Stadt ist Ungezähmten untersagt. Du hast unsere Gesetze missachtet. Dein unerlaubtes Eindringen müssen wir als Straftat und Angriff gegen das Regime werten. Du wirst dich der Herrschaft der Menschen unterwerfen und nach deiner Zähmung zeit deines Lebens in unseren Diensten stehen. Durch unsere Güte wirst du zukünftig zu einem Mitglied unserer Gesellschaft. Solltest du abermals gegen unsere Gesetze verstoßen, wirst du mit dem Tod bestraft!«
   Geschafft. Schwungvoll machte sie auf dem Absatz kehrt und hastete hinter ihren Schreibtisch, der sie wie ein hölzerner Schutzschild verdeckte. Am liebsten wäre sie ganz hinter ihm abgetaucht, aber das konnte sie nicht tun, ohne die Aufmerksamkeit der Prüfer und der Assistenten auf sich zu lenken. Nun, da der Seelenlose begonnen hatte, sie zu betrachten, sah er keine Sekunde lang weg. Sein Blick durchbohrte sie, und sie wurde das Gefühl nicht los, dass er in ihren Gefühlen und Gedanken lesen konnte wie in einem offenen Buch. Glücklicherweise würde die Zähmung gleich beginnen, und wenn der Wilde erst einmal hinter der verschlossenen Tür des Roboters saß, hatte auch das Anstarren ein Ende. »Schnallen Sie den Ungezähmten in den Roboter«, forderte sie die beiden Assistenten auf. Ungeduld färbte in ihre Stimme und überdeckte die Unsicherheit darin. Sie wollte diese letzte Prüfung so schnell wie möglich hinter sich bringen.
   Sogleich kamen die Assistenten dem Befehl nach und schoben den Seelenlosen gewaltsam durch die Öffnung. Helen starrte auf seinen perfekt geformten Körper. Sie konnte nur ahnen, welche Kraft aufgewendet werden musste, um den Wilden in den Apparat zu bekommen. Er versteifte sich und spannte seine Muskeln an, wodurch er noch attraktiver wirkte. Sie hatte Mühe, regelmäßig und ruhig zu atmen, so sehr verwirrte sie der Anblick. Wie konnte sie eine unmenschliche Bestie nur anziehend finden? Sie war ein Mensch, eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, und er … er war nicht mehr als ein Tier. Helen widerstand nur schwer dem Drang, sich ans Herz zu fassen, das viel zu wild gegen ihre Rippen hämmerte. Vielmehr versuchte sie, auf ihre Vernunft zu hören. Natürlich wusste sie um die unnatürlichen Kräfte eines Ungezähmten, sie hatte schon mehrmals über die Verführungskünste gelesen, aber so intensiv hätte sie sich die Wirkung nie ausgemalt. Als die Assistenten den Kopf und die Gliedmaßen des Wilden anschnallten und er seinen Blick abermals hob, lief ihr ein Schauder über den Rücken und sie krallte unwillkürlich die Fingernägel in den Oberschenkel. Da war es wieder, dieses Gefühl, dass die Welt sogleich in sich zusammenbrechen, das Universum kollabieren und nichts mehr überleben würde, außer sie und der Ungezähmte. Zum Glück wagte er es nicht, seine Stimme zu erheben oder sich zur Wehr zu setzen. Sein Blick aber blieb auf Helen gerichtet – hypnotisierend, fesselnd. Es gelang ihr nicht, sich ihm zu entziehen, so sehr sie es auch versuchte. Erst, als sich die Tür schloss, konnte sie sich von seinem Bann lösen. Keuchend sackte sie in sich zusammen und schickte mit einem Winken die Assistenten hinaus.
   Kein Seelenloser musste bei der Zähmung eines Artgenossen anwesend sein. Ebenso, wie kein Mediziner zu dieser Tätigkeit gezwungen wurde. Nur ein einziges Mal war diese Arbeit Pflicht – bei der Abschlussprüfung. Ihre Gedanken schweiften ab, während sich der Balken auf dem Computerbildschirm langsam vergrößerte. Es war beruhigend, zu sehen, wie er anschwoll und damit zeigte, dass sich das Monster in eine wertvolle, ungefährliche Arbeitskraft verwandelte. Sie dachte an Bill, den Hausseelenlosen ihrer Familie, den gutmütigen, hilfsbereiten und immerwährend fleißigen Bill. Er hatte sie und ihren Bruder großgezogen und ihnen die Dinge des Alltags beigebracht, während ihre Eltern im Auftrag des Regimes in der City unterwegs waren, um die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten. Er war es, der ihr am Bett Lieder vorgesungen und sie tröstend in seine kalten Arme geschlossen hatte, wenn sie mit dem Fahrrad gestürzt war. Sie lächelte bei dem Gedanken daran. Bill, der lebende Beweis für den Erfolg der Zähmung. Vielleicht würde aus dem Wilden im Roboter ein ebenso liebenswerter und vertrauenswürdiger Diener werden. In dem Moment, in dem sie den Gedanken zu Ende geführt hatte, zuckte sie zusammen. Ihr wurde mit einem Mal bewusst, dass der Seelenlose mit der Zähmung zwar seine Gefährlichkeit, aber auch seinen Stolz und seine animalische Ausstrahlung verlieren würde, und ein leichter Anflug von Bedauern überkam sie. Seufzend senkte sie den Blick und begann, wahllos irgendwelche Lehrdateien auf dem Bildschirm zu öffnen. Ihr Blick glitt über die Abbildungen längst vergangener Tage, als die Zähmungen noch lebensbedrohlich für die Mediziner waren. Angewidert schloss sie ein Fenster, auf dem der zerfetzte Leichnam eines Zähmungsarztes zu sehen war und neben dem ein toter Seelenloser lag, der seinen Mund zu einem höhnischen Grinsen verzogen hatte. Helen schluckte und öffnete eine weitere Geschichtsdatei. Obwohl sie den Text auswendig kannte, begann sie zu lesen.

Die Geschichte und Theorie der Zähmung der Unsterblichen (veralteter Ausdruck für Seelenlose/Anmerkung des Zentralmedizinischen Rates) von Dr. med. Peter Sebastian Goldstern (43 v. - 56 n. der Revolution)

Die Unsterblichen hatten sich in den vergangenen Jahrzehnten zur Geißel der Menschheit entwickelt. Ihre unmenschlichen Kräfte, ihre Schnelligkeit und ihre Gabe zur Verführung haben sie zur größten Bedrohung der Menschheit gemacht. Durch ihre enormen Selbstheilungskräfte waren sie beinahe nicht zu bekämpfen und galten als unsterblich. Sie verführten – mit Versprechungen über ein langes Leben für alle Menschen – einzelne Politiker dazu, mit ihnen Abkommen zu schließen. Durch diese menschenverachtenden Bündnisse hatten sie uneingeschränkt Zugang zur Bevölkerung und konnten ihren Durst nach menschlicher Lebensenergie stillen, wann immer sie wollten. Wenn die Bevölkerung jedoch nicht bereit war, ihre Lebensenergie in Form von Konserven zur Verfügung zu stellen, schreckten die vermeintlichen Verbündeten auch vor Mord nicht zurück.
   Doch im Jahre 0 tat sich eine Gruppe von zehn bedeutenden Wissenschaftlern und Medizinern zusammen. Sie entwickelten ein Verfahren, um der Ausbeutung durch die Unsterblichen Einhalt zu gebieten. Durch die Erfindung des Serums und der flächendeckenden Durchimpfung aller Menschen mit diesem, konnten die Unsterblichen so geschwächt werden, dass die Menschen die Oberhand gewannen.
   Die großartige Erfindung des Kontrollhalsbandes ermöglicht(e) es, die Unsterblichen zu überwachen und angemessen zu bestrafen. So ist die Gefahr minimiert, dass die Unsterblichen Menschen angreifen und verletzen können. Diese Behandlung wird in Fachkreisen Zähmung genannt, weil sie die blutrünstige Natur der Unsterblichen unterdrückt und sie zu umgänglichen, ungefährlichen Kreaturen macht.

Empfohlener Ablauf der Behandlung von Unsterblichen:
   1. Man entferne die Eckzähne aus dem Kiefer, um ihnen die Aufnahme der menschlichen Lebensenergie durch den Todeskuss zu verwehren.
   2. Man fange das entweichende Blut zur Weiterverarbeitung auf, und leite es in ein geeignetes Gefäß.
   3. Man entferne die Finger- und Zehennägel samt Wurzel (ab Gefahrenstufe fünf).
   4. Man schneide mit einem Skalpell einen vier bis fünf Zentimeter langen Schnitt entlang der Pulsader am Handgelenk.
   5. Man fange das entweichende Blut zur Weiterverarbeitung auf, und leite es in ein geeignetes Gefäß (es ist darauf zu achten, dass die gesamte Blutmenge zwei Liter nicht unter- und zweieinhalb Liter nicht überschreitet).
   6. Man besprühe Fingerspitzen, Zehen und den Mund mit Serum, um die vorzeitige Selbstheilung zu unterbinden.
   7. Man injiziere Serum (null Komma fünf bis maximal null Komma neun Prozent des Körpergewichts), um eine Schwächung des gesamten Körpers zu erreichen.

Nach der Zähmung stellt der Unsterbliche bei minimaler Nahrungsversorgung für zwei bis drei Monate keine Gefahr mehr dar. Eine kontinuierliche Serumgabe wird empfohlen. Nach Ablauf der drei Monate ist eine Wiederholung der Zähmung (beziehungsweise einer teilweisen Zähmung) erforderlich. Die Erfahrung zeigt, dass die Eckzähne und Nägel nach zehn Zähmungsbehandlungen nur noch verkümmert nachwachsen und nicht mehr länger entfernt werden müssen. Diese Behandlung kann nach erfolgreicher Eingliederung in die Gesellschaft und zur Erhöhung der Arbeitsleistung der Unsterblichen abgemildert werden. Einzelne Punkte der Zähmung können ausgesetzt werden, wenn der Besitzer des Unsterblichen dies wünscht und für die Sicherheit garantiert.

*

Ben wünschte sich nur noch, zu sterben. Sein Körper pochte wie eine einzige offene Wunde. Er glaubte, die Schmerzen keine Sekunde länger ertragen zu können.
   »Der Zähmungsvorgang ist zu hundert Prozent abgeschlossen. Entnehmen Sie nun das Blut zur weiteren Verarbeitung«, verkündete eine blecherne Stimme die erfolgreiche Beendigung der Zähmung.
   Ben blinzelte, versuchte gegen die drohende Ohnmacht anzukämpfen, doch die Wellen der Dunkelheit schwappten über ihm zusammen und zogen ihn mit in die erlösende Tiefe.

*

Helen fuhr so abrupt hoch, dass sie beinahe den Tisch umgeworfen hätte. Sie biss die Zähne aufeinander und schalt sich innerlich für ihr unangemessenes Verhalten. Sie hatte sich zu stark in die Lektüre vertieft, welche die grausame Prozedur sachlich schilderte und verdrängt, dass diese Folter vor ihr in dem schall- und blickdichten Roboter tatsächlich vonstattenging.
   In ein paar Minuten hatte sie es überstanden. Nie mehr wieder konnte sie jemand dazu zwingen, erneut eine Zähmung zu leiten.
   Sie ging auf den noch geschlossenen Apparat zu, legte ihren Finger auf den dafür vorgesehenen Scanner und sogleich öffnete sich zischend eine kleine Luke. Helen griff nach dem vollen Behälter. Sie schauderte, als sie die vom Blut erwärmte Oberfläche der Flasche umfasste. Eine angehende Ärztin durfte keine Scheu vor Blut und anderen Körperflüssigkeiten zeigen, aber die unglaubliche Menge der dunkelroten Flüssigkeit erschwerte es ihr, ruhig zu bleiben. Trotzdem überprüfte sie im vorgegebenen Ablauf, ob die Zweilitermarkierung erreicht wurde und den aufgedruckten Strichcode. Bedächtig trug sie die Flasche nach draußen. Im Gang stand eine Art metallener Servierwagen, auf dem bereits eine andere Blutkonserve lagerte. Helen stellte ihre dazu und wandte sich schnell ab. Sie wollte nicht daran denken, wie im Labor Unmengen von Seelenlosenblut zusammengeschüttet und weiterverarbeitet wurden. Einmal war sie mit ihrer Klasse im sogenannten Serumraum gewesen, und das hatte ausgereicht, um einen bleibenden Ekel in ihr zu verursachen. Das hysterische Kichern und die dummen Bemerkungen ihrer Kollegen hatten sie ebenso angewidert, wie die Vorstellung, dass sie tagtäglich mit dem grässlichen Produkt in Berührung kommen würde. Immer, wenn sie nun die klinisch weiße Serumsalbe oder die schönen bunten Serumkapseln sah, hatte sie das Bild der riesigen Kessel vor Augen, in denen eine dicke dunkelrote Blutsuppe vor sich hinbrodelte. Es war ein Wunder der Forschung, dass diese eklige Brühe am Ende ihrer Verarbeitung Leben retten konnte.
   In den Zähmungsraum zurückgekehrt eilte sie umgehend zum Roboter, drückte den roten Knopf und die Tür glitt pfeifend auf. Helen taumelte zurück und begann zu würgen. Das Frühstück kam ihr hoch. Mit geschlossenen Augen schluckte sie qualvoll die Magensäure hinunter, die sich in ihrem Mund sammelte. Sie durfte sich nicht im Beisein der Prüfer übergeben. Ein solches Verhalten würde einhergehen mit der Beendigung ihrer hoffnungsvollen Karriere. Aber der Anblick des Frischgezähmten war ihr fast zu viel. Am liebsten wäre sie schluchzend nach draußen gelaufen und hätte alles hingeschmissen, ihr Leben, ihre Karriere, ihr Haus, ihre Zukunft … doch das konnte sie weder sich noch ihren Eltern antun. Mühsam blinzelte sie in Richtung des Grauens.
   Benjamin hing in den Fesseln wie ein Stück rohes Fleisch. Blut rann aus seinem Mund. Von den Fingern und Zehen waren nur noch blutige Stumpen übrig und an den Daumen blitzten die weißen Knochen hervor.
   Zu stark! Sie hatte die Zähmung zu stark durchgeführt. Er würde sterben. Sie hatte ihn umgebracht. Diese Verletzungen konnte er nicht überleben – nicht bei der Serummenge, die sie verordnet hatte.
   Helen schlich zaghaft einen Schritt näher.
   »Achtung! Die Fesseln öffnen sich in fünf Sekunden. Bitte zurücktreten«, schallte die Computerstimme durch den Raum.
   Helen stolperte rückwärts, bis sie an ihrem Tisch anstieß. Sie hielt sich fest und starrte auf den bewusstlosen Seelenlosen. Gleichzeitig lösten sich alle Metallbänder, die seinen Körper, ja sogar jede einzelne Zehe, fixiert hatten. Mit einem Rums fiel der Geschundene zu Boden und blieb reglos auf dem Bauch liegen.
   »Die Überprüfung des Zähmungserfolges kann nun stattfinden«, donnerte der Lautsprecher.
   Zögernd näherte sich Helen dem Bewusstlosen. Sie ging in die Hocke und legte ihre zitternde Hand auf seine Schulter. Keine Regung. Sie musste ihn wohl selbst umdrehen. Helen fasste nach all der Stärke, die sie aufbringen konnte, und wuchtete den Seelenlosen herum. Er war verdammt schwer. Vor Anstrengung traten ihr Schweißperlen auf die Stirn. Als sie es endlich geschafft hatte, ihn richtig hinzulegen, sah sie das Ausmaß der Verletzungen aus der Nähe. Ihr stockte der Atem. Helen zwang sich dazu, den Mund des Frischgezähmten zu öffnen, obwohl sie sich vor dem Anblick fürchtete. Sie sah die klaffenden Löcher im Kiefer und starrte auf den weißen Knochen, der zwischen den Fleischfetzen hervorblitzte. Ein animalisches Keuchen entwich dem Verwundeten und er begann, sich vor Krämpfen zu schütteln.
   Bitte, bitte, wach noch nicht auf. Nur noch fünf Minuten – bleib nur noch fünf Minuten bewusstlos, flehte Helen innerlich.
   Doch die Lider des Seelenlosen begannen zu zittern. Er schlug die Augen auf.

*

Ben wollte sich am liebsten zurück in die gnädige Dunkelheit flüchten, aber er konnte sich nicht von Helens Anblick lösen. Die Schmerzen waren unerträglich und der Geschmack seines Blutes und das seiner Artgenossen im Mund raubte ihm die Sinne. Immer wieder kam ihm Magensäure hoch, die er als blutige Mischung ausspie. Ben sehnte sich nur noch nach Erlösung. Er wollte schreien, bitten, flehen, dass Helen ihn töten sollte. Er versuchte, es ihr zu sagen und bäumte sich mit letzter Kraft auf. Griff nach ihr, klammerte sich mit seinen blutigen Fingern an ihr fest, schaffte aber nur ein klägliches Gurgeln. Mit einem letzten, alles beherrschenden Gedanken sank er zurück. Bitte! Töte! Mich!

*

In Helens Kopf dröhnte es. Tausendmal lauter als alles, was sie bisher gehört hatte. Sie hielt sich die Ohren zu, schloss die Augen, aber nichts verdrängte die drei Worte, die sie vereinnahmten. Wieder und wieder schwoll die gequälte Stimme in ihr an. Ein immerwährendes Echo.
   Bitte töte mich, bitte töte mich, bitte …
   Helen war sich sicher, dass es seine Stimme war, obwohl er die Lippen nicht bewegte und erneut bewusstlos war. Sie wollte ihn töten, wollte ihn erlösen. Jede Faser in ihr schrie danach, seinem Flehen nachzugeben. Sie öffnete die Augen, legte ihre zitternde Hand auf den Auslöseknopf des Halsbandes. Eine kleine Bewegung, ein winziges Zucken ihres Fingers, und sein Leid würde ein Ende haben. Es tat ihr in der Seele weh, ihn so zu sehen.
   Doch sie konnte es nicht tun.
   Sie ließ die Hand sinken, nahm seine Hand in ihre, so wie sie es bei einem menschlichen Verwundeten getan hätte, und hielt sie tröstend. Sie konnte nichts sagen. Die kleinste Mitleidsbekundung hätte ihr Ende im Regime bedeutet. Sie konnte ihn nicht töten. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Vergib. Mir.
   Der Seelenlose riss die Augen auf. In seinem Blick lag ein Erkennen, das Helen schaudern ließ. Seine Lippen zitterten. Er drückte sanft Helens Hand, so als wollte er nun sie trösten. Helen schnappte nach Luft und rief nach den Assistenten. Der Seelenlose gab ihre Hand frei.
   Keine Sekunde später erschienen die beiden Gezähmten. Sie packten den Schwerverletzten mit einer Brutalität an den Armen, dass Helen am liebsten aufgeschrien und sie zu mehr Vorsicht aufgefordert hätte. Dann zerrten sie ihn zur Tür hinaus. Sein Blick war bis zum Zufallen der Tür auf sie gerichtet, gerade so, als wollte er sich an ihr festhalten. Als Helen allein im Raum war, sackte sie in sich zusammen und starrte minutenlang auf ihre blutverschmierten Hände.
   Was hatte sie nur getan?

Helen konnte sich nicht erinnern, wie sie den Weg nach Hause geschafft hatte. Als sie vor der Haustür stand, wusste sie nur, dass sie die ganze Zeit über geweint haben musste, denn im Spiegelbild der Glastür sah ihr ein Mädchen mit verquollenen Augen und roten Wangen entgegen. Heute war sie ausnahmsweise froh, dass ihre Eltern jeden Tag bis spät abends arbeiteten. Sie schleppte sich ins Haus und an Bill vorbei, der gerade in der Küche tätig war.
   »Guten Tag, Fräulein Sommer«, grüßte er freundlich wie immer.
    Helen konnte nicht antworten, sie konnte ihn nicht einmal ansehen. Der Gedanke, dass der sich schon seit ewigen Zeiten im Dienste der Familie befindende Bill alle paar Monate dieselbe Prozedur durchmachen musste, die sie heute an dem jungen Wilden vollzogen hatte, war unerträglich. Sie stolperte ins Badezimmer im ersten Stock und flüchtete sich unter die Dusche. Liebend gern hätte sie all ihren Besitz verschenkt, wenn das warme Wasser nur fünf Minuten länger heruntergeprasselt wäre, aber der Wasserverbrauch pro Einwohner wurde vom Regime ebenso kontrolliert wie alles andere.
   Mit nassen Haaren ließ sie sich in das weiche Bett fallen. Helen wollte die Welt um sich herum vergessen, aber sobald sie die Augen schloss, sah sie den Seelenlosen vor sich. Sie hörte das Flüstern seiner Stimme um Erlösung flehend und versank im meerblauen Strudel seiner Augen.

»Fräulein? Fräulein Sommer. Das Abendessen steht bereit.«
   Ein leises Klopfen.
   Helen hob den Kopf vom feuchten Kissen. Bill hatte die Tür einen Spaltbreit geöffnet und lächelte ihr zahnlos entgegen. Sein schütteres aschfahles Haar und seine leicht gebeugte Haltung ließen ihn schwach und unscheinbar aussehen. Fast wie einen Schatten. Vater hatte einmal erwähnt, dass vor Hunderten Jahren etwas bei seiner Zähmung schiefgegangen war, und ihm seither weder die Eck- noch die Vorderzähne erneut wuchsen. Helen schluckte schwer. »Danke Bill«, flüsterte sie.
   »Beeilen Sie sich lieber. Ihre Eltern warten bereits.« Bill klang besorgt.
   Seit Helen eindeutig das Kindesalter verlassen hatte, unterließ der Gezähmte es, nachzufragen oder zu trösten. Manchmal vermisste Helen die väterliche Fürsorge des Hausdieners, doch heute war sie froh darüber. Sie winkte Bill, worauf dieser sich zurückzog, nicht ohne eine kleine Verbeugung anzudeuten.
   Erschöpft stand Helen auf. Sie schlang ihre braunen Locken zu einem Knoten, band ihn im Nacken fest, schlüpfte in ihre dunkelblaue Alltagshose und das weiße T-Shirt.
   Bei jedem Schritt über die Holztreppe raffte sie sich ein klein wenig mehr auf. Ihren Eltern gegenüber wollte sie keine Schwäche zeigen.
   Diese saßen bereits am gedeckten Tisch – beide noch in ihren Regimeuniformen. Ihre Mutter war zart geschminkt, sodass ihr Gesicht aussah wie aus Porzellan. Weiß, makellos, beinahe übermenschlich. Nur eine einzelne Locke hatte sich aus der sonst perfekten Frisur gelöst und verpasste dem perfekten Anschein einen kleinen Kratzer. Helens Vater saß aufrecht wie ein Soldat am Tisch, und sein stolzer Ausdruck im Gesicht verwunderte Helen. Sie nickte kurz zur Begrüßung und setzte sich auf ihren Stuhl.
   »Es freut mich, dass du deine Prüfung heute bestanden hast«, eröffnete Vater das Gespräch.
   Helen senkte den Kopf. Schweigend führte sie einen Löffel Tomatensuppe an die Lippen. Die rote Farbe und die dickflüssige Konsistenz ekelten sie aber dermaßen an, dass sie ihn wieder sinken ließ, ohne überhaupt etwas davon gekostet zu haben.
   »Die Ärzte hatten Bedenken, ob man dir einen solch seltenen Fall überhaupt zumuten kann. Sie wollten dir schon ein leichteres Exemplar zukommen lassen, aber ich habe sie davon überzeugt, dass meine Tochter ohne Probleme dazu in der Lage ist, ein blutrünstiges Monster wie dieses zu zähmen. Wie mir berichtet wurde, hast du mich nicht enttäuscht.«
   Helen verschlug es die Stimme. Ihr Vater hätte tatsächlich die Möglichkeit gehabt, diese grausame Prüfung von ihr abzuwenden, und er hatte es nicht verhindert? Er hatte sogar darauf hingedrängt, ihr den Neunerwilden zu überlassen?
   Liebte Vater sie etwa weniger als sein Ansehen? Wie unwichtig mussten ihm ihre Gefühle sein, wenn er sie so vor seinen Kollegen vorführte, nur um zu beweisen, dass sie würdig war, eine Sommer zu sein? Helen schluckte ihr Entsetzen hinunter. Inständig hoffte sie, dass man ihr nicht ansehen konnte, wie sehr sie das Verhalten ihres Vaters schockierte.
   »Wie ist es dir überhaupt ergangen? Ich muss ehrlich zugeben, mir wäre es lieber gewesen, wenn dein Vater dieses eine Mal über seine hohen Ansprüche hinweggesehen hätte«, meinte Mutter und betrachtete sie mit einem mitfühlenden Blick.
   »Ich habe die Zähmung dem Regime gemäß durchgeführt«, presste Helen hervor.
   Vater nickte zufrieden und Mutter gab einen kleinen Seufzer von sich. Damit war das Thema Zähmung beendet. Helen aber konnte während des Abendessens keinen Bissen anrühren und war froh, als Bill die Suppe abservierte. Doch auch die Hauptspeise, die der Diener mit einer kleinen Verbeugung auftrug, ekelte sie an. Sie schob das Essen mit der Gabel auf dem weißen Porzellan herum. Alles auf ihrem Teller erinnerte sie in gewisser Weise an die Zähmung. Die fleischigen Fasern des rosigen Steaks, die weißen Spargelstangen, die roten Tomaten und die zerstoßenen Kartoffeln. Helen sah Blut, Erbrochenes, zerfetzte Muskeln und bleiche Knochen vor sich liegen. Der bittere Geschmack in ihrem Mund wurde intensiver und sie musste sich zusammenreißen, um den Teller nicht von sich wegzuschieben. Ihre Eltern unterhielten sich unterdessen über die neuesten Imagemaßnahmen des Regimes und wo welcher Werbefilm für das Serum gedreht werden würde.
   Helen betrachtete die beiden. Wie konnten die zwei Menschen, die ihr das Leben geschenkt hatten, ihr so fremd sein? Vater kannte sie nur als strengen, korrekten, beinahe gefühlskalten Mann, für den das Regime immer an erster Stelle stand, und die Erinnerungen an Mutter waren überlagert von den Imagekampagnen, für die sie und ihr Bruder immer herhalten mussten. Jeder Familienausflug, jedes private Zusammensein wurde dafür missbraucht. Die Kameras hielten unbarmherzig jedes Lachen und jede Umarmung fest, um der Zivilisation zu zeigen, wie perfekt ihre obersten Regimediener doch waren. Voller Sehnsucht wünschte sich Helen ihren Bruder Viktor herbei. Er war das einzig ‚Echte’ in ihrem Leben, auch wenn er in den Augen des Regimes versagt hatte.

*

Ben schwebte irgendwo zwischen Bewusstlosigkeit und Wachsein. Sein Körper hatte ihm jeden Dienst versagt. Immer, wenn er es schaffte, seine Augen lang genug zu öffnen, um die Umgebung wahrnehmen zu können, befand er sich an einem anderen Ort. Zuerst war er in seiner Zelle gewesen, das nächste Mal war er in einer Art Güterwaggon eingepfercht zwischen anderen Gequälten erwacht und nun lag er unter freiem Himmel auf einer mondbeleuchteten Wiese. Keuchend setzte er sich auf. Rund um ihn waren nur Bäume und schlafende Gezähmte zu sehen. Dazwischen patrouillierten mit Serumgewehren bewaffnete Kontrolleure.
   Ben ließ sich zurück ins weiche Moos sinken. Die Schmerzen raubten ihm den Atem. Er konnte kaum denken, aber ganz langsam setzten sich dann doch vor seinen Augen die Bilder der vergangenen Stunden zu einem logischen Konstrukt zusammen. Er erinnerte sich an die Zähmung, an die unsagbare Folter, an den Transport hierher, und an sie – die junge Ärztin. ‚Helen Sommer Med. i. A.’ hatte auf ihrem Namensschild gestanden. Und nun, da er ihren Namen in seinen Gedanken wiedergefunden hatte, überlagerte ihr Bild alles andere. Die Zähmung, die Schmerzen, dass er hier gestrandet war, verblassten durch sie.
   Helen, Helen. Wie bei einem stummen Gebet bewegte Ben die Lippen und ließ ihren Namen in sich klingen. Zuerst hatte er es nicht glauben können. Er hatte es nicht glauben wollen, aber es bestand kein Zweifel. Sie war es. Eine Sensitive. Soweit er wusste, die Erste seit der Revolution. Seit den dunklen Tagen, an denen die Versklavung seiner Art begonnen hatte, war kein Sensitiver mehr zur Welt gekommen. Er hatte geglaubt, dass es keine Menschen mehr gab, die mit der Gabe der Erlösung geboren wurden. Doch nun, am Tiefpunkt seines Lebens, hatte er sie gefunden. Helen, formte er abermals lautlos. Helen Sommer, seine Sensitive, seine Erlösung.

*

Die Nächte waren das Schlimmste.
   Etwas verfolgte sie. Helen hastete durchs Unterholz. Zweige, spitz und scharf wie Rasiermesserklingen, schnitten ihr in die Arme, Äste peitschten ihre Beine, bremsten ihre Flucht … und diese Dunkelheit. Der Schweiß trat ihr auf die Stirn. Das Blut pochte in ihren Ohren. Helen keuchte. Die Verfolger kamen immer näher. Ihre Schritte hämmerten dumpf auf dem weichen Waldboden. Dann war er plötzlich neben ihr, nahm ihre Hand, gab ihr Kraft … und Helens Herz schluchzte vor Erleichterung. Er war gekommen, tatsächlich gekommen. Gemeinsam stolperten sie durch die Finsternis, flohen, rannten, hasteten.
   Peng. Ein Schuss. Ohrenbetäubend, die Stille durchschlagend mit der Unbarmherzigkeit des Todes. Der Seelenlose strauchelte. Eine rote Blume erblühte auf seinem Hemd.
   Helen heulte auf, sank neben ihm zu Boden, drückte seine Hand, flüsterte seinen Namen. Seine Lider zitterten. Nein, bitte nein … Helen zerbrach innerlich. Die Kontrolleure des Regimes kamen auf sie zu, zielten auf sie. Ein Zischen in der Luft. Ben, rief Helen und wachte jede Nacht aufs Neue auf, wenn der zweite Schuss in die Nacht hinein knallte.
   Zitternd und schweißgebadet saß sie dann in ihrem Bett, konnte kaum atmen und wünschte sich, ihn nicht so weit weggeschickt zu haben. Sie hatte die Order gegeben, dass er in den Landwirtschaftsgebieten seinen Dienst verrichten musste. Nun bereute sie es, obwohl es ihr damals richtig erschienen war. Es war logisch betrachtet die einzig sinnvolle Entscheidung gewesen. Ein gefährliches Monster wie dieser Seelenlose musste fernab der City untergebracht werden.

»Ich will aber heute in mein Haus ziehen.« Helen stemmte die Hände in die Hüften und warf ihre Haare zurück. Es machte keinen Sinn, noch länger zu warten. Das Haus war fertig eingerichtet. Sie hatte in den letzten Tagen ihre Freizeit ausschließlich damit verbracht, es wohnlich zu gestalten. Außerdem hatte sie das Gefühl, in dem Heim ihrer Eltern erdrückt zu werden. Bill war immer und überall gegenwärtig, und seine bloße Existenz erinnerte Helen an Ben. In ihrem Haushalt gab es noch keinen Hausseelenlosen und das sollte auch so bleiben.
   »Schätzchen, morgen Abend ist die Diplomverteilung. Dann bekommst du deine Arbeitsstelle zugeteilt. Warte noch diese eine Nacht ab, du wirst noch lange genug in deinem Haus leben können.« Mutter lächelte mild, aber in ihrer Stimme fehlte die Überzeugung, die es gebraucht hätte, um Helen zum Bleiben zu überreden. Es klang eher, als bemühte sie sich, den Schein einer besorgten Mutter aufrechtzuerhalten.
   Helen atmete tief ein. »Ich bin neunzehn. Ich bin erwachsen. Ab morgen bin ich eine vollwertige Ärztin des Regimes. Es ist nur angemessen, wenn ich meinen eigenen Haushalt führe.«
   Mutter zuckte resigniert mit den Schultern. Helen plagten sofort Schuldgefühle. Wieso drängte es sie nur so, ihr Elternhaus zu verlassen? Ihre Mutter meinte es bloß gut mit ihr. Ein kühler Schauder lief ihr den Rücken hinab. Nein. Sie musste ihr eigenes Leben führen, vielleicht fand sie in ihrem neuen Haus etwas Ruhe. Schnell schenkte Helen Mutter ein aufmunterndes Lächeln und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
   Sie ging zur Tür hinaus und folgte der Straße bis zur Kreuzung. Lattenzaun reihte sich an Lattenzaun, Vorgarten an Vorgarten. Ein Heim glich dem anderen. Sogar die Länge des Rasens war bei jedem Häuschen annähernd gleich. Die kleinen Unterschiede im Anstrich, bei der Blumenauswahl zeigten nur, dass die Bewohner möglichst unauffällig versuchten, ihrem Haus ein bisschen Seele zu verleihen. Helen betrachtete dennoch die Einzelheiten. Darum wollte sie zu Fuß gehen, um zu sehen, wie trotz der Gleichheit eine zarte Vielfalt darum bettelte, bemerkt zu werden. Jeder Schritt kam Helen bedeutend vor und führte sie näher an die Unabhängigkeit heran, die sie sich wünschte. Eine Straße und nur wenige Meter Luftlinie von ihrem Elternhaus entfernt, blieb sie stehen. Mit ehrfurchtsvollem Blick sah sie das kleine weiße Häuschen an. Sie ließ ihren Blick über den feinsäuberlich gemähten Rasen des Vorgartens schweifen und schwor sich innerlich, ein paar Wildblumen anzusäen.

3. Der Angriff

Unendlich langsam erwachten in Ben seine ursprünglichen Kräfte. Die Wunden schlossen sich. Dicke, wulstige Narben entstanden und verblichen von Tag zu Tag ein kleines bisschen mehr. Untertags schwitzte er in der glühenden Sonne, die selbst zwischen den hohen Bäumen des Waldes erbarmungslos brannte. An den Lichtungen war das Gras bereits gelb und ausgetrocknet. Der Sommer war in das Land gezogen und machte einem das Atmen schwer, in der Stadt ebenso wie im Grenzgebiet. Am Schlimmsten aber war die Hitze, wenn Ben die gefällten Baumstämme mit bloßen Händen zum Lager schleppte. Einzig ein raues Seil half ihm bei dieser Plackerei. Diese Arbeit hatte man ihm zugeteilt, als er wieder aufrecht stehen konnte. Für das Fällen der Bäume waren seine Finger die ersten Tage zu wund gewesen. Die Axt wäre ihm entglitten. Seitdem sich die Haut über den Fingerkuppen geschlossen hatte, schlug er die Bäume, die er danach über die hügelige Landschaft zog, selbst.
   Sein Dasein war erbärmlich. So erbärmlich wie das der anderen Sklaven. Die harte Arbeit in Verbindung mit den ständigen Serumgaben verwandelte die Gezähmten in willenlose, geistlose Arbeitstiere. Die Nahrung war kärglich, und obwohl ein Unsterblicher eigentlich nichts essen musste, um am Leben zu bleiben, vermisste Ben das Gefühl, satt zu sein. Viel schlimmer war jedoch der ständige Mangel an Lebensenergie. Nur einmal in der Woche erhielten die Gezähmten eine kleine Ampulle voll jugendlichem, makellosem Blut. Als Ben das erste Mal eine Dosis bekam, griff er gierig nach der Kostbarkeit und schlürfte das rote Leben, als wäre dies seine letzte Möglichkeit dazu. Die pulsierende Energie verlieh ihm die Kraft, die er benötigte, um wieder klar denken zu können. In dieser Nacht lag er unter dem sternenverhangenen Himmelszelt und dachte nach. Er musste hier raus, doch dazu fehlte ihm die Kraft. Ben ballte die Hände zu Fäusten und schwor, sich nie mehr eine Gelegenheit entgehen zu lassen, durch die er stärker werden konnte.
   Menschenblut war vielleicht die einfachste Form, sich Lebensenergie zuzuführen, aber bei Weitem nicht die einzige. Alles rund um ihn herum strotzte vor Energie. In jedem atmenden Wesen leuchtete der Lebensfunke hell auf, in jeder Pflanze schimmerte er leicht durch die grüne Oberfläche. Im Menschen war er am stärksten, dort strahlte er geradezu. Sein Bewusstsein war der Grund dafür. Sein Bewusstsein, zu leben, hielt die Lebensenergie in ihm gefangen, schürte sie, ließ sie anwachsen bis ins Unermessliche, bis der Mensch daran zerbarst und starb.
   Ben horchte in die Finsternis, nahm die Geräusche des Waldes in sich auf, fest dazu entschlossen, sich seine Energie einzuverleiben und, wenn er stark genug dazu war, zu fliehen. Gemeinsam mit dem einzigen menschlichen Wesen, das es verdient hatte, weiterzuleben. Helen. Zufrieden mit seinem Entschluss sank er auf den Boden zurück und gab sich dem kurzen Schlaf hin, der ihm vergönnt wurde.

Am nächsten Morgen setzte er seinen Plan in die Tat um. Pflanzen den Lebensfunken zu rauben, war zu mühsam, der Aufwand war zu groß und das Resultat zu klein. Daher streckte Ben seine übernatürlich sensiblen Sinne aus, fühlte, schmeckte, roch, hörte und blickte in die verborgenen Winkel des Waldes. Er machte einen altersschwachen Hasen in einer Kuhle aus und sah sich um. Kein Kontrolleur war zu sehen. Ben pirschte sich an und packte das verängstigte Tier ohne Zögern. Der Hase zitterte. In seinen Augen leuchtete einen Moment die Erkenntnis auf, dass dies seine letzten Atemzüge auf dieser Welt sein würden.
   Sanft, beinahe liebevoll strich Ben dem verängstigten Tier über das Fell. Er bedauerte, keine Möglichkeit zu haben, dem Hasen das Leben zu lassen. Als Ungezähmter hätte er sie gehabt. Er hätte den Lebensfunken in einem Tröpfchen Blut sammeln, und ihn mit einem gezielten Biss entnehmen können, während er dem Tier genug Energie für sein weiteres Dasein gelassen hätte. So blieb ihm nur die Möglichkeit, seinen Geist auszustrecken und dem Geschöpf seine Angst zu nehmen. Dessen rasender Herzschlag beruhigte sich, und es ergab sich seinem Schicksal.
   Ben griff mit der einen Hand nach der Axt, die er immer mit sich trug. Mit der anderen hielt er seine Beute fest. Einen Augenblick lang zögerte er und sammelte seine Gedanken, bis sie in voller Klarheit in ihm hallten. Helen, für dich Helen.
   Das warme Blut schmeckte wie fauliges Wasser, aber es erfüllte seinen Zweck. Es war doch etwas anderes, ein Tier bis auf das letzte Tröpfchen auszusaugen, als eine Ampulle oder ein paar Tropfen angereichertes Menschenblut zu trinken. Mit geschlossenen Augen und vor Ekel verzogenem Gesicht würgte er die Flüssigkeit hinunter und spürte mit jedem Schluck, wie seine Kraft zurückkehrte.

Nachdem sich Ben erst einmal überwunden hatte, seine Lebensenergie auf diese barbarische Weise zu mehren, fiel es ihm von Mal zu Mal leichter. Ohne schlechtes Gewissen nutzte er jede Gelegenheit, die sich ihm bot.

*

Helen wälzte sich von einer Seite auf die andere. Selbst bei geöffnetem Fenster war die Schwüle der Nacht kaum auszuhalten. Zudem war ihr das neue Schlafzimmer ebenso fremd wie das restliche Haus. Die anfängliche Euphorie, endlich die Herrin über ihr Leben zu sein, hatte sich im Laufe des Nachmittags in Luft aufgelöst. Nachdem sie ihre gesamten Besitztümer im Haus verteilt, alle Räume dekoriert und ihre Kleidung fein säuberlich in den Kasten geräumt hatte, blieb einzig das schale Gefühl zurück, einsam und allein zu sein. Eine Fremde im eigenen Heim. Mit der Dunkelheit war zudem die Angst vor den nächtlichen Schreckensbildern eingekehrt. Untertags konnte sie die zwei Wochen zurückliegende Zähmung verdrängen, doch bei Nacht holte sie die Vergangenheit ein.
   Sie stöhnte und warf die Bettdecke zur Seite. Es machte keinen Sinn, sich noch länger zu quälen. Die Schlaflosigkeit hielt sie fest in ihrem unbarmherzigen Griff gefangen. Was machte sie hier bloß? Wenn sie schon nicht schlafen konnte, sollte sie wenigstens etwas Sinnvolles tun. Erschöpft, aber unfähig ein Auge zuzutun, stand sie schließlich auf. Helen wusste im Nachhinein nicht, wann sie genau den Entschluss gefasst hatte, Laufen zu gehen. Sie fand sich schließlich mitten in der Nacht in ihrem dunkelblauen Trainingsanzug, ihren Laufschuhen, mit straff zurückgebundenen Haaren und den Stöpseln ihres Musikcomputers in den Ohren auf der Straße wieder. Scheinbar verlangten ihr Körper und ihr Geist nach Bewegung.
   Die Luft drückte immer noch und Helen begann zu schwitzen, bevor sie überhaupt losgelaufen war. Selbst das leise Zirpen der Grillen hörte sich mühsam an, als würden die kleinen Tiere nur unter größtem Kraftaufwand der Hitze trotzen. Helen dehnte ihre Muskulatur kräftig durch und begann langsam zu traben, wurde allmählich schneller, bis sie die Geschwindigkeit erreicht hatte, bei der sie sich am wohlsten fühlte. Ihre Schritte donnerten auf dem Asphalt und bildeten alsbald einen harmonischen Gleichklang mit ihrem pochenden Herzen und den lauten Gitarren- und Schlagzeugklängen ihres Musikplayers. Sie fand den Rhythmus, der sie aus den geordneten, gleichförmigen Siedlungsstraßen hinaustrug. Die Zeit verlor ihre Bedeutung, ebenso wie die vorbeihuschenden weißen oder pastellfarbenen Standardhäuschen mit ihren Standardgärten und –zäunen. Helen löste sich in ihren Schritten auf, ging in der Bewegung auf, wurde zur Musik.
   Erst, als die Straße abrupt endete und in einen unbefestigten Feldweg mündete, blieb sie stehen und starrte ungläubig auf den Feldweg vor ihren Füßen. Die Landwirtschaftsgebiete. Sie musste stundenlang durch die Finsternis gelaufen sein. Selbst mit der Monorail dauerte es über eine halbe Stunde, den städtischen Wald zu erreichen, und das auch nur, wenn man keinen einzigen Halt machte.
   Der Wald ragte wie ein großes, dunkles Monster vor ihr auf. Es wäre am klügsten, sofort kehrt zu machen, eine Monorailstation zu suchen oder einen Solarwagen zu bestellen. Sie hielt dennoch inne und blickte wie verzaubert auf die Baumriesen, die im Mondlicht silbern schimmerten. Ein unerklärlicher Drang breitete sich in ihr aus. Eine Sehnsucht, in die unbekannte Dunkelheit des Waldes abzutauchen. Das Flüstern des Windes in den Gipfeln der Bäume rief sie, lockte sie, verführte sie dazu, ein kleines Stück näherzutreten. Sie fröstelte, obwohl die Nachtluft noch immer warm war. Die Neugierde und das Verzehren nach dem Unbekannten überwogen schließlich. Helen verbannte die ungewissen Ängste in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins und folgte dem Drängen ihres Herzens. Sie schritt zwischen den hohen Tannen der ersten Baumreihe hindurch, immer weiter in das wilde Dickicht und ließ die geordnete Zivilisation hinter sich.

*

Ben lag auf der Wiese der bewachten Lichtung und ging seine Fluchtpläne durch. Mit halb geschlossenen Lidern, einem entspannten Gesichtsausdruck und der bewusst regelmäßigen Atmung sah er aus wie all die anderen, vom harten Arbeitstag gezeichneten, Seelenlosen. Obwohl die Unsterblichen so gut wie keinen Schlaf benötigten, schliefen die meisten vor Erschöpfung. Der Rest döste und versuchte, dadurch die Kraft für den nächsten Morgen zu sammeln. Das Regime gestattete den Landarbeitssklaven ohnehin nur eine Ruhepause von knapp drei Stunden. Ben aber hatte die letzten Tage genug Kraft gesammelt, um ohne Probleme seinen Gedanken nachhängen zu können. Er hatte viel über die Arbeitsweise und die Kontrollmechanismen des Regimes herausgefunden, obwohl sich nur selten die Gelegenheit zur Unterhaltung ergeben hatte. Die anderen Seelenlosen waren bestrebt, ein möglichst unauffälliges und williges Bild von sich abzugeben. Sie waren im Gegensatz zu ihm bereits seit Jahrzehnten, einige sogar seit Jahrhunderten hier draußen und verrichteten Arbeiten, die vor der Revolution Maschinen erledigt hatten.
   Ben stieß ein sehnsüchtiges Seufzen aus und blickte sich sofort um. Die Unsterblichen lagen im Dämmerschlaf am Boden und in einiger Entfernung waren die Kontrolleure zu hören, die sich flüsternd unterhielten und immer wieder mit tiefer Stimme lachten. Niemand nahm Notiz von ihm. Die Menschen waren sich ihrer Sache viel zu gewiss. Sie glaubten, alles und jeden unter Kontrolle zu haben. Er verzog verächtlich seinen Mund. Die trügerische Ruhe versprach eine Sicherheit und einen Frieden, die jeder vernünftig denkende Mensch für unrealistisch erachtet hätte. Ben schüttelte den Kopf. Die Vernunft war der Menschheit scheinbar gemeinsam mit dem Erdöl abhandengekommen. Wieso sonst sollten sie ihre einzige Überlebenschance so leichtfertig verschenken, und die einzigen Geschöpfe der Erde, die sie vielleicht retten könnten, versklaven? Er stieß ein leises Knurren aus – wie das eines wütenden Raubtieres. Wut war es, die ihn aufrecht hielt, die ihn antrieb, die ihn Pläne schmieden ließ.
   Er musste hier weg, bevor sie ihn das nächste Mal in den verfluchten Roboter steckten. Sonst waren all die getöteten und im Wald verscharrten Tiere umsonst gestorben. Ben ballte die Hände. Er brauchte einen Arzt. Dringend. Nur durch einen Mediziner konnte er das Halsband loswerden, ohne dabei …
   Er warf einen angewiderten Blick auf seinen Nachbarn, der sabbernd und wie ein Baby zusammengekrümmt am Boden kauerte und leise schnarchte. Ihn hatte das Regime mit der einzigen Strafe belegt, die Ben aus ganzem Herzen fürchtete: die Injektion. Es war ihm egal, wenn ihm das Todeshalsband den Kopf abtrennen sollte – vor dem Tod hatte er keine Angst. Dafür lebte er schon zu lange, hatte zu viel von der Welt gesehen. Im Grunde genommen war er seines Daseins längst überdrüssig. Es gab nichts, wofür es sich wirklich zu leben lohnte. Die Menschen, die er einmal geliebt hatte, weilten nicht mehr auf der Erde und der Rest der Menschheit hatte sich so nah an den Abgrund gebracht, dass es nur noch eine Frage von Jahren, im besten Fall Jahrzehnten war, bis der Letzte von ihnen seinen Lebensfunken vergeudet hatte.
   Der sabbernde Seelenlose begann im Schlaf undeutlich zu lallen und mit den Beinen zu strampeln, wodurch er noch mehr wie ein hilfloser, überdimensionaler Säugling wirkte. Ben wandte den Blick ab, sonst hätte er sich womöglich übergeben müssen. Er hasste, was aus dem einst stolzen und starken Unsterblichen neben ihm geworden war. Sein Hass auf das Regime und dessen Schergen, die sich diese Bestrafung erst ausgedacht hatten, war jedoch weit größer. War es nicht genug, dass die Menschen sie versklavten und sie zu billigen Arbeitstieren degradierten? War es nicht grausam genug, sie beim geringsten Vergehen mit dem Blut ihrer Artgenossen zu quälen, zu verstümmeln, zu foltern und ihnen alle Rechte zu verwehren? Nein, die Sklaventreiber mussten die Halsbänder mit verseuchtem Serum vollpumpen. Ben schauderte bei dem Gedanken, dass sich ohne Vorwarnung eine dünne Kanüle in seinen Nacken bohren und die giftige Brühe spritzen konnte. Die Schweinebandwurmeier würden sich binnen kürzester Zeit in ihm einnisten, schlüpfen und vermehren, so lange, bis seine Organe und das Gehirn durchlöchert wären, und nichts anderes von ihm übrig bleiben würde als eine geistlose Hülle. Ein Zombie, dümmer als ein Kleinkind, unfähig einen Schritt allein zu tun, nur dazu fähig, einen Befehl nach dem anderen auszuführen. Er hatte den Sabbernden beobachtet, wie er hilflos neben dem eben von ihm gefällten Baum gestanden hatte und nicht wusste, was er als Nächstes tun sollte, obwohl er bereits Tausende Male Stämme ins Lager geschleppt hatte. So wollte er nicht enden. Er, einer der stärksten, geschicktesten und schnellsten Unsterblichen der Welt, würde nicht als ein sich beschmutzendes, Speichel verlierendes Etwas enden. Er nicht. Und wenn er dafür jeden noch lebenden Menschen eigenhändig töten müsste. Ben starrte zu den sich bewegenden Schatten hinter einem einzelnen Baum. Dort standen sie, seine Feinde, die Kontrolleure.
   Er fuhr herum. Etwas anderes hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Er spitzte die Ohren und konzentrierte all seine Sinne. Da war es wieder. Ein Knacken, ein verdächtig leises Tuscheln. Ben schnupperte mit geschlossenen Augen. Der warme Sommerwind wehte ihm den fremden Geruch dreier Seelenloser entgegen. Ein neuerlicher Windstoß und das abermalige Geräusch eines brechenden Astes verschafften ihm Gewissheit. Drei Ungezähmte schlichen sich durch den städtischen Wald. Entweder waren sie gekommen, um ihn zu retten, oder sie waren auf der Suche nach frischer Lebensenergie. Ben lächelte in sich hinein. Wie auch immer, die Fremden kamen von Sekunde zu Sekunde näher. Ihr Auftauchen würde auf jedem Fall für genug Aufregung sorgen, um die Kontrolleure abzulenken. Vielleicht konnte er die Gelegenheit nutzen und den Lagermediziner zur Zusammenarbeit zwingen? Immerhin hatte er überzeugende Argumente.
   Voller Vorfreude fuhr sich Ben über die winzigen Spitzen seiner Eckzähne, die sich durchs Zahnfleisch bohrten, und rieb die Fingerkuppen aneinander, an denen bereits die ersten Millimeter der neuen Fingernägel zu sehen waren. Er betete im Stillen, dass die Eindringlinge lange genug unbemerkt blieben. Vorsichtig blickte er sich um, konnte aber kein Anzeichen erkennen, dass irgendjemand außer ihm die Fremden bemerkt hatte. Also setzte er sich aufrecht und zum Absprung bereit hin und lauschte in die dunkle Nacht hinein.
   Unmöglich! Das konnte unmöglich sein. Seine Sinne mussten ihm einen Streich gespielt haben. Er atmete keuchend aus und versuchte, seine strapazierten Nerven zu beruhigen. Als er sich wieder einigermaßen im Griff hatte, streckte er die Nase abermals in den sanften Windhauch und atmete tief ein. Dieser Geruch. Dieser einmalig süße, liebreizende Duft, der sich beim ersten Mal in sein Bewusstsein eingebrannt hatte, lag unverkennbar in der Luft. Helen! Er konnte kaum weiteratmen. Alles drehte sich um ihn und er krallte seine Finger in die kühle Erde, um Halt zu finden.
   Es war geradezu unmöglich, dass sich Helen, die ihr ganzes Leben behütet in den Armen des Regimes aufgewachsen war, hier draußen in der Einsamkeit des Grenzgebietes befand. Gerade in dieser Nacht, in der drei womöglich energiehungrige Ungezähmte im Wald herumstreiften.
   Ben streckte seine Sinne aus, um die Fremden erneut damit zu erfassen. Sie waren noch da. Ihre Angriffslust schwängerte die Luft. Nun gab es für ihn kein Halten mehr. Er sprang wie von Sinnen hoch und stürmte ins Dickicht hinein. Äste schlugen ihm entgegen und zerkratzten seine Haut, doch er achtete nicht darauf – so wie er auf nichts mehr achtete. Ihm war egal, ob er sterben oder mit dem verunreinigten Serum bestraft werden würde. Sein einziger Gedanke war, Helen zu erreichen, bevor die drei Wilden es taten. Da die Eindringlinge von ihrer ursprünglichen Richtung abgewichen waren, als sie Helens Spur gewittert hatten, war ihr Ziel klar. Sie wollten den nährenden Lebensfunken eines Menschen erbeuten. Ben war sich sicher, dass die drei keine Rücksicht auf das Leben ihres Opfers nehmen würden. Helen war für sie nicht mehr als die Hasen, Igel und Frösche für ihn. Die Angst um seine Sensitive verlieh ihm ungeahnte Kräfte. Seine Füße flogen geradezu über den Boden. Seine Muskeln und Gedanken kannten nur ein einziges Ziel, das es um jeden Preis zu erreichen galt.

*

Helen stand wie verzaubert zwischen den dicken Baumstämmen. Wie alt mochten die grünen Riesen wohl sein? Was hatten sie alles in ihrem langen Dasein mit angesehen? Sie blickte nach oben. Der silbrige Schein des Vollmondes drang durch das dichte Blätterdach und verlieh den Baumkronen ein magisches Funkeln. Der schwere Duft nach Tannennadeln, Laub, Moos und Erde wehte durch die Nacht. Helen atmete tief ein, zog so viel der wohlriechenden Luft, wie sie konnte in ihre Lungen, und schloss die Augen. Die Stille war allumfassend. Die Dunkelheit von einer mystischen Intensität und erfüllt von einer übernatürlichen Spannung. So stellte sie sich die Wildnis vor, bevor sie vom Regime zerbombt und zur lebensfeindlichen Todeszone gemacht wurde.
   Helen fuhr zusammen. War das eben ein Ast? Lebten gefährliche Tiere im Wald? Die zauberhafte Stimmung wurde durch ein nicht fassbares Gefühl zerstört. Unruhe mischte sich in die Entspannung, die sie bei jedem Schritt in das grüne Unbekannte verspürt hatte. Sie fröstelte, schlang sich die Arme fest um den Oberkörper und drehte sich um, entschlossen, den Rückweg anzutreten. Die anfänglich so wohltuende Stille war mit einem Mal unheimlich. Sie meinte ein unheilvolles Rascheln zu hören, obwohl sich wahrscheinlich nur irgendwo ein Reh oder ein Fuchs den Weg durch die Büsche bahnte. Verärgert über ihre Ängstlichkeit setzte sie sich in Bewegung.

*

Helens spitzer Angstschrei verlieh Ben Flügel. Er erblickte die Seelenlose, die sich auf Helen gestürzt hatte und sprang auf die beiden zu, bevor er das Schreckensbild überhaupt richtig verarbeiten konnte. Er blendete alles aus. Die Angst vor der Injektion, die nahen Aufseher und sein Sklavendasein wurden unbedeutend. Wichtig war nur, Helen von ihrer Angreiferin zu befreien. Diese fiel nach hinten und stieß mit dem Kopf an einen Baumstamm. Überrumpelt starrte das dürre Mädchen ihn einen Augenblick lang an. Dann fletschte es die Zähne und verpasste ihm mit den scharfen Fingernägeln einen tiefen Kratzer auf der Wange.
   Ben hatte keine Zeit, lange zu überlegen. Er hatte die abgemagerte Seelenlose gerade noch rechtzeitig von Helen stoßen können, und musste dafür sorgen, dass sich die Angreiferin nicht erneut auf seine Auserwählte stürzte. Er hockte sich auf sie und versuchte, sie mit seinem Gewicht zu fixieren. Blind griff er nach hinten und bekam einen dicken Ast zu fassen. Die Ungezähmte hatte indessen ein Bein so weit befreit, dass sie es bewegen konnte. Schon holte sie aus, traf Ben in den Unterbauch und sprang auf. Ein roter Schmerzblitz durchzuckte ihn. Er stöhnte auf.
   Helen wimmerte.
   Aus den Augenwinkeln sah er sie zusammengekrümmt am Boden liegen. Seine Wut kochte hoch. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Er spannte jeden Muskel an und warf das Mädchen mit aller Kraft erneut zu Boden. »Wie könnt ihr es wagen …«, rief er und holte mit dem Ast aus, um ihn der Seelenlosen in den Leib zu treiben. Bevor er jedoch sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, wurde er zurückgerissen. Fremde, sehnige Arme legten sich über dem Kontrollband um seinen Hals und schnürten ihm die Luft ab. Er taumelte rückwärts, bis ihn die Kraft verließ und er gemeinsam mit seinem Angreifer zu Boden stürzte. Ben wurde schwindlig und schlecht. Seine Sinne schwanden und die Ohnmacht versuchte, ihn mit gierigen Klauen zu fassen. Helen. Er blinzelte und sah verschwommen, wie sich die dünne Unsterbliche erneut an seine Sensitive heranpirschte. Ben presste seine Zähne so fest aufeinander, dass sie knirschten. Er schloss einen Moment die Augen, und sammelte alle Kraft, die er in sich trug. Sein Zorn entlud sich in einem wilden Schrei »Nein!« Er sprang auf, schleuderte einen Grauhaarigen von sich. Die Knochen des Alten knackten, als er gegen einen aufragenden Felsen prallte. Ben stürzte sich auf die Angreiferin. Im Sprung griff er nach dem abgebrochenen Ast, und als er brüllend auf die Unsterbliche zuflog, holte er aus und durchbohrte ihr Herz.
   Er empfand kein Mitleid mit der sterbenden Seelenlosen. Es gab nur wenige Möglichkeiten, einen Ungezähmten zu töten und Ben hatte ohne zu zögern eine davon gewählt. Wie in Zeitlupe drehte er sich um, betrachtete die anderen Wilden. Der alte Mann, der versucht hatte, ihn zu erwürgen, lag noch immer halb bewusstlos am Boden und der Zweite, ein zarter rotblonder Junge mit Sommersprossen und nichts als einer zerrissenen Hose am Leib, machte Anstalten zu fliehen. Von den beiden ging keine Gefahr mehr aus. Ben stieß keuchend die Luft aus, spürte erst jetzt, wie viel Energie ihn der Kampf gekostet hatte und ließ die Schultern sinken.

*

Helen schluchzte leise. Wie ein Igel zusammengerollt lag sie am Boden und schützte den Kopf mit ihren Händen. Das Zittern wollte nicht aufhören, egal, wie eng sie sich zusammenkauerte, genauso wenig wie der Tränenstrom, der unentwegt über ihre Wangen floss. Sie wollte weder hören noch sehen, was gerade geschah, aber der Kampflärm ließ sich nicht so einfach ausblenden. Und seine Stimme. Die Stimme, die sie seit Tagen verfolgte, ebenso wie sein Anblick. Der Moment, in dem sie ihn erkannt hatte, hatte ausgereicht. Nun war ihr sein Bild so präsent, als hätte sie ihr ganzes Leben nur dieses eine Gesicht gesehen. Sie hatte keine Ahnung, warum, doch sie wusste, dass er sie retten würde. Ben, Ben, Ben, wiederholte sie in Gedanken seinen Namen, wie ein schützendes Mantra, eine heilige Beschwörungsformel, ein stilles Gebet.
   Dann war es totenstill. Nicht einmal die Blätter raschelten im Wind. Sie wagte es nicht, aufzublicken, zu groß war ihre Angst. Helen wurde wie von Krämpfen durchgeschüttelt, und sie atmete viel zu schnell, konnte aber nicht damit aufhören. Sie würde bestimmt an der vielen Luft ersticken, die ihre Lungen überflutete.
   »Ganz ruhig. Alles ist gut. Du musst langsam atmen – ruhig.«
   Seine Stimme war Balsam. Sie drang in ihr Innerstes vor, berührte ihr Herz und ihre Seele und durchflutete sie mit einer Ruhe, die sie niemals hätte heraufbeschwören können. Er berührte sie und Kraft strömte daraus wie aus einer Quelle. Ben streichelte sie leicht und tröstend und nahm behutsam ihre Hände zur Seite.
   Helen traute sich nicht gleich, die Augen zu öffnen. Ihr Herz raste, aber sie schaffte es, ruhiger zu atmen. Das Zittern ließ allmählich nach. Sie streckte die Finger zögernd aus. Ben verschränkte seine mit ihren. Langsam hob sie ihre Lider. Er kniete vor ihr und sah sie besorgt an. Sein Gesicht war blutverschmiert, sein grobes Leinenhemd zerrissen und schmutzig. Aus einem tiefen, klaffenden Schnitt an seiner linken Wange rann dunkelrotes, fast schwarzes Blut. Sein eisblauer Blick ruhte auf ihr. Helen rang nach Luft, als sie ihn sah. Nicht, weil sie seinen Anblick als schrecklich oder Angst einflößend empfand, sondern weil er das Schönste war, was sie je gesehen hatte. Alles war gut, jetzt war alles gut.
   Ein ohrenbetäubender Knall erklang. Ben brach zusammen, fiel kopfüber neben sie. Sein Blick verschleierte sich, das klare Blitzen seiner Augen verschwand.
   »Nein«, rief sie. »Er hat mich gerettet!«
   Sie fasste nach ihm, doch behandschuhte Hände zerrten sie weg. »Hat er Sie verletzt? Sind Sie verwundet?«
   Helen konnte nicht antworten. Sie weinte. Die Tränen ließen sich nicht zurückhalten. Das besorgte Gesicht des Kontrolleurs rückte immer näher an ihres heran. Sie wollte es wegdrücken. Der Aufseher tätschelte ihre Wange. Sie spürte seinen Atem im Gesicht und hörte die Worte, die er sprach, doch sie ergaben keinen Sinn. Nichts ergab einen Sinn. Sie konnte ihren Blick nicht von Ben abwenden, der reglos am Boden lag. Ein Serumgeschoss ragte aus seinem Brustkorb heraus und die Blutlache unter seinem Körper wuchs langsam zu einem kleinen See an. Tot. Wie in ihrem Traum. Doch dann hob sich Bens Brustkorb kaum merkbar. Helen schluchzte. Er lebte. Er lebte. Ich. Rette. Dich!

4. Die Feier

Noch einmal schön der Reihe nach, Fräulein Sommer. Sie behaupten also ernsthaft, dass diese Kreatur Ihnen das Leben gerettet hat?«
   Eine steile Falte bildete sich zwischen den buschigen Augenbrauen des Obersten Zentralkontrolleurs. Schmidt hatte Helens Verhör übernommen, als er von dem Übergriff erfahren hatte.
   »Ich habe es doch schon mindestens dreimal erzählt. Kann ich nicht endlich nach Hause? Bitte.« Helen sah den dunkelhäutigen bulligen Mann flehend an. Sie konnte das Alter ihres Gegenübers nicht einschätzen. Weder echte Falten noch graue Haare. Nur ein großer schwarzer Kopf, erbarmungslose, kalte Augen und ein Körper, geformt von zu vielen Trainingsstunden. Nur die Zähne sahen aus wie das vergilbte Porzellan aus früheren Zeiten. Die Serumgaben hatten bei ihm anscheinend besser gewirkt als gewöhnlich, dennoch musste er schon allein aufgrund seiner langen Karriere im Regime mindestens hundertdreißig Jahre alt sein.
   Er durchbohrte sie mit seinem Blick. Helen wurde heiß. Sie hatte größte Mühe, sich überhaupt noch zu konzentrieren. Vorhin im Wald hatte es sie alle Kraft gekostet, mit den Kontrolleuren zu streiten. Ein inneres Zittern durchfuhr sie bei dem Gedanken, dass die Aufseher vorhin Benjamin noch an Ort und Stelle hinrichten wollten. Durch ihre Überzeugungskraft war zumindest sein Leben verschont worden. Er hatte sie gerettet. Beim Regime, warum glaubte ihr keiner, dass er ihr Lebensretter war? Jetzt saß Ben in irgendeinem dunklen Verlies, oder womöglich sogar im Zähmungsroboter. Das durfte alles nicht wahr sein. Ihr kamen die Tränen. Keiner wollte ihr zuhören, obwohl sie die Wahrheit sagte. Und dieser Schmidt war am schlimmsten. Ein ums andere Mal bombardierte er sie mit denselben Fragen, und wenn sie nur ein Wort anders sagte, hakte er unbarmherzig nach. In diesem Augenblick hasste Helen den Obersten Zentralkontrolleur aus ganzem Herzen. Sah dieser barbarische Mann nicht, wie sehr sie unter der Befragung litt? Wütend wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht.
   Schmidt deutete ihre feuchten Augen falsch und schnalzte verächtlich mit der Zunge. »Von der Tochter des obersten Zentralmediziners hätte ich mir ein stärkeres Nervengerüst und mehr Bereitschaft zur Zusammenarbeit erwartet.«
   »Ich habe doch bereits alles erzählt! Der gezähmte Landarbeiter hat mich vor den Angreifern gerettet. Ich weiß ehrlich nicht, was Sie noch von mir wollen.« Helen versagte die Stimme. Die Anstrengung forderte ihren Tribut. Sie fühlte sich erschöpft wie nie zuvor in ihrem Leben.
   Schmidt lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Das Schweigen lag drohend in der Luft. Helen begann, sich vor lauter Nervosität den Daumennagel abzureißen. Schon bildete sich am Rande des Nagels ein kleiner Blutstropfen, doch der leise Schmerz hatte etwas Beruhigendes.
   »Nun gut, dann werde ich Ihren Vater hereinbitten.«
   Sie hatte kaum Zeit, ihre Überraschung zu verbergen. Schon war Schmidt aufgesprungen und öffnete die Tür.
   Vater trat ein. »Geh vor die Tür. Ich hab noch etwas mit dem Obersten Zentralkontrolleur zu besprechen.«
   Helen schluckte den Kloß, der ihr die Kehle zuschnürte, hinunter und befolgte schweigend die kühle Anweisung ihres Vaters. Draußen auf dem Gang setzte sie sich auf einen der an der Wand stehenden Metallstühle und wartete. Was nur hatte sie erwartet? Dass Papa sie tröstete oder in die Arme nahm? Das war nicht seine Art, und sie wusste das eigentlich auch. Selbst wenn er keinen Grund gehabt hätte, stinkwütend auf sie zu sein, hätte er niemals seine Gefühle gezeigt.
   Helen ließ die Schultern sinken und stützte den Kopf in ihre Hände. Sie fühlte sich bleiern schwer und ausgelaugt. Am liebsten wäre sie in einen hundertjährigen Tiefschlaf versunken, aber so gnädig war die Welt nicht. Als die Tür zum Verhörraum plötzlich aufgerissen wurde, fuhr sie erschrocken hoch. Vater und der Kontrolleur standen in der Tür und lachten laut. Schmidt schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter und verabschiedete sich. Vater nickte ihr kurz zu und marschierte stramm in die Richtung, in der sie den Ausgang vermutete. Ihre Beine fühlten sich schwerer als Blei an. Sie taumelte Vater wie in Trance hinterher. Die Welt um sie herum erschien ihr unwirklich und falsch zu sein, so als würde sie nicht hierher gehören.
   »Du hast Glück. Der Oberste Kontrolleur und ich sind alte Jugendfreunde. Ich konnte ihn davon überzeugen, dass du nicht den geringsten Grund hast, etwas Falsches auszusagen, zumal es sich nur um einen minderwertigen Seelenlosen handelt. Wieso sollte meine Tochter wegen so einem lügen? Wenn er weiterlebt, gut, wenn sie ihn hinrichten, auch gut. Es gibt genug von ihrer Rasse.« Damit war die Sache für ihn erledigt.
   Ferngesteuert setzte sich Helen ins Solarmobil und starrte aus dem Fenster. Sie wagte es nicht, nachzufragen, was mit Ben geschehen würde.
   Vater hüllte sich in Schweigen und ignorierte sie die ganze Fahrt über. Erst auf dem Parkplatz vor dem Haus richtete er erneut das Wort an sie. »Komm endlich. Es wird Zeit, dass du ins Bett kommst«, murrte er und riss damit Helen aus ihrer Starre.

Die Dusche war viel zu kurz. Helen hatte das Gefühl, noch immer schmutzig zu sein, obwohl ihr das Spiegelbild das Gegenteil bewies. Sie hatte trotz der warmen Temperaturen so heiß wie möglich geduscht, obwohl so das Wasser noch schneller aufgebraucht war. Nun prickelte ihre Haut wenigstens.
   Die Bettwäsche duftete wie immer nach Rosenblüten. Der Geruch hatte etwas Tröstendes an sich. Schon als kleines Kind war sie damit eingeschlafen. Sie drückte ihr Gesicht in das Kissen und erstickte damit den Schrei, der ihr seit dem Angriff auf den Lippen brannte. Sich die Haare zu frisieren und zu trocknen, hatte sie nicht geschafft, sondern war einfach in das Bett gefallen.

»Ich hab dir eine heiße Milch mit Honig neben das Bett gestellt.« Die Matratze gab nach, als sich Helens Mutter darauf setzte.
   Helen fühlte am Rücken ein sanftes Streicheln. Müde hob sie den Kopf und blickte in die roten verquollenen Augen ihrer Mutter. Das schlechte Gewissen überfiel sie auf Anhieb. Sie hatte ihre Eltern enttäuscht, sie hatte Mutter zum Weinen gebracht, sie, sie … Die angestauten Tränen in ihr wollten nach draußen und Helen versuchte, sie zurückzudrängen.
   »Du weißt, dass Papa es nicht so meint. Er kann nicht anders. Nachdem Viktor ihn so enttäuscht hat, legt er seine ganze Hoffnung in dich«, begann ihre Mutter leise und strich sich die Haare hinter die Ohren.
   Helen fiel zum ersten Mal wirklich auf, wie viel Ähnlichkeit sie selbst mit ihr hatte. Nicht nur die braunen Locken, die weich auf ihre Schultern fielen, auch die haselnussbraunen Augen und die leicht nach oben gebogene Nasenspitze hatte sie von Mutter geerbt. Sie und Viktor waren äußerlich betrachtet Abbilder ihrer Mutter. Innerlich konnte sich Helen allerdings weder in ihr noch in ihrem Vater wiederfinden. Ihr tat das Herz weh, wenn sie an ihn dachte. Vater war viel zu streng und zu kontrolliert, hatte sogar letzte Nacht nicht das kleinste Fähnchen Mitgefühl gezeigt. Das nahm sie ihm übel. Aus tiefster Seele wünschte sie sich eine einzige liebevolle, tröstende Reaktion von ihm, doch er war und blieb hart.
   Mutter war zwar eigentlich weicher und wärmer, aber wenn es darauf ankam, tat sie stets das, was das Regime oder ihr Mann von ihr erwarteten. Manchmal kam es Helen so vor, als hätte sie tatsächlich keine eigene Meinung. Wahrscheinlich war das der Preis dafür, wenn man tagaus tagein die Werbetrommeln für das Regime rührte und das Image der Obersten Herrscher aufpolierte.
   Vater hatte eine der mächtigsten Positionen in der City inne. Er konnte gemeinsam mit dem Medizinischen Rat bestimmen, wer Kinder zeugen durfte, wie viel Serum jeder einzelne Bürger erhielt und hatte außerdem Einsicht in alle medizinischen Daten. Er trug jede Menge Verantwortung und wollte, dass seine Kinder ein gutes Bild abgaben.
   Sie setzte sich auf und nickte. »Ich hätte vielleicht doch mit dem Umzug warten sollen. Bis nach der Diplomfeier.«
   »Schon gut. Wir können verstehen, dass du dein Leben führen willst. Die Zeit ist reif dafür. Immerhin bist du neunzehn.« Mutter lächelte milde. »Mir war die ersten Nächte im eigenen Haus auch ungut zumute. Ich habe nie mehr wieder so viel geputzt wie damals. Tage- und nächtelang. Heute macht das glücklicherweise Bill. Wenn du also laufen musst, um zur Ruhe zu kommen – nur zu. Aber bleib im Zentrum. Du hast ja miterlebt, wie gefährlich es im Grenzgebiet ist.«
   »Ich verspreche es«, sagte Helen und ließ sich zurück ins Bett sinken.
   »Gut. Trink deine Milch und schlaf. Du musst am Abend fit sein, wenn du dein Zeugnis erhältst. Ich bleib heut zu Hause. Wenn du mich brauchst, rufe einfach.« Mutter erhob sich und die Delle in der Matratze ging langsam zurück.
   Als sie die Tür hinter sich leise ins Schloss gezogen hatte, drehte sich Helen um und kugelte sich zusammen. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie einschlafen sollte. Sobald sie die Augen schloss, sah sie Ben vor sich. Sein Blick, der in ihre Seele drang, und sein besorgtes Gesicht. Wie konnte ein Wesen, das weder eine Seele noch ein Gewissen besaß, so reagieren? Wieso hatte er ihr überhaupt das Leben gerettet, obwohl sie ihn gezähmt hatte? War es möglich, dass die Seelenlosen doch keine solchen Bestien waren, wie ihr das Regime immer weißmachen wollte? Helen wusste keine Antwort auf die Fragen. Eines aber wusste sie sehr wohl: Sie musste Ben finden, ihn zu sich holen und herausfinden, warum sie sich mit ihm auf eine Art und Weise verbunden fühlte, die sie nie zuvor erlebt hatte.

Sie schreckte aus dem albtraumgeplagten Schlaf hoch und sah sich verwirrt um. Im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie war. Erst als sich ihr Blick klärte, die bekannten Möbel und Bilder ihres Kinderzimmers Gestalt annahmen, kam die Erinnerung an die letzten Stunden zurück. Ihre Hände begannen unkontrolliert zu zittern. Sie hörte ein leises Klopfen. Dieses Geräusch hatte sie wohl geweckt.
   »Komm rein«, flüsterte sie heiser. Ihr Mund fühlte sich trocken und rau an und ihre Zunge bleiern. Die Tür öffnete sich einen Spalt und Mutter sah herein. Sie hatte bereits das Make-up aufgelegt und sich die Haare hochgesteckt. Obwohl sie aufmunternd lächelte, zeichnete sich in ihren Augen Sorge ab. »Helen, wie fühlst du dich? Glaubst du für die Diplomverteilung bereit zu sein? Die Feier beginnt in einer Stunde. Wenn du dich zu schwach fühlst, dann …«
   »Es geht mir gut«, unterbrach Helen, »ich bin in zehn Minuten fertig.
   Mutter legte den Kopf schief und die Stirn in Falten, so, als würde sie ihrer Aussage nicht recht glauben können. Helen zwang sich zu einem Lächeln und hüpfte beschwingter, als ihr zumute war, aus dem Bett.
   »In Ordnung. Lass dir ruhig Zeit. Wir warten gern. Außerdem steht Bill schon unten mit dem Wagen bereit und es sind ja nur ein paar Minuten bis zum Ausbildungszentrum.«
   Helen nickte und huschte in das Badezimmer. Dort sah sie auf einem Schemel ihr grünes Seidenkleid und etwas Schmuck liegen. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter Bill beauftragt, die Sachen zu holen und sich damit ins Zimmer geschlichen, während sie geschlafen hatte. Helen kämpfte erneut mit den Tränen. So fürsorglich war sie sonst nie mit ihr umgegangen. Wie es aussah, machte sie sich tatsächlich ernsthaft Sorgen um sie. Helen zog sich das Nachthemd aus und schlüpfte in das Kleid. Der hauchzarte Stoff fühlte sich kühl auf ihrer Haut an und sie bekam eine leichte Gänsehaut. Normalerweise trug sie nie Kleider. Entweder sie lief in den Standardklamotten des Regimes herum, die immer aus einer dunklen Hose und taillierten T-Shirts in unauffälligen Farben bestanden, oder sie hatte ihre Berufsbekleidung an – einen knielangen weißen Mantel mit blauen Streifen an den Ärmeln und am Saum. Ab morgen würden diese Streifen grün sein – grün für voll ausgebildet.
   Sie lächelte bei dem Gedanken, dass sie in wenigen Stunden tatsächlich eine vollwertige Bürgerin des Regimes sein würde. Für eine kurze Zeit verblassten sogar die Schrecken der letzten Nacht. Irgendwie kam es ihr wie in einem Traum vor. Gestern war sie noch ein Kind gewesen und heute würde sie offiziell als erwachsen gelten, auch in beruflicher Hinsicht.
   Sie betrachtete ihr Spiegelbild. Das Kleid saß perfekt und umspielte ihre Figur. Auch die Augen sahen nicht halb so schlimm verquollen aus, wie sie befürchtet hatte. Der Schlaf hatte ihr gut getan. Nur die Haare hingen ihr verfilzt ins Gesicht. Sie durfte eben nicht mit nassen Haaren ins Bett gehen. Seufzend ergriff sie die Bürste, um ihre Locken zu entwirren. Das warme Licht der untergehenden Sonne ließ ihre sonst braunen Haare rötlich schimmern. Mit ein paar schnellen Handgriffen steckte sie sich die Haare hoch und ließ ein paar Strähnen locker herabfallen. Sie legte sich die Perlenohrringe und die dazu passende Kette an und tupfte sich etwas Lipgloss auf die Lippen. Als sie danach erneut in den Spiegel sah, erkannte sie sich kaum wieder. Die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter war frappierend.

Die Fahrt zum Ausbildungszentrum verlief schweigend. Vater hatte extra für diesen Anlass eine Solarlimousine besorgt und so saßen sie hinten im Wagen, während Bill das Gefährt sicher durch die Straßen lenkte. Helen saß ihren Eltern gegenüber, vermied aber jeden Blickkontakt. Sie wollte sich weder Mutters besorgter Musterung noch Vaters kritischem Blick ausliefern. So sah sie die ganze Zeit über aus dem Fenster.
   Sie presste die gefalteten Hände fest gegeneinander, so lange, bis die Knöchel weiß hervortraten und die Fingerspitzen schmerzten. Nur so hatte Helen das Gefühl, ihre Nervosität kontrollieren zu können. Immer wieder überfielen sie die Schreckensbilder der letzten Nacht, zerrten sie mit in den Abgrund der Angst. Immer wieder glaubte Helen, Bens Gestalt zwischen den nichtssagenden Häusern ausmachen zu können. Doch wenn sie blinzelte, entpuppte sich der vermeintliche Seelenlose als Kontrollmast oder Baum. Sie begann die Masten zu zählen, um Bens Bild aus dem Kopf zu bekommen.
   In regelmäßigen Abständen standen die Kontrollmasten an der Straßenseite. Hunderte Augenscanner und Videokameras ließen keinen Winkel der inneren City unbeobachtet. Sie hielten alles fest, jedes noch so nichtige Detail. Irgendwelche fremden Kontrolleure würden in diesem Moment die Daten auswerten und auf ihr Bild stoßen. Sie schluckte bei dem Gedanken, dass jemand völlig Unbekanntes ihren gewiss deprimierten Gesichtsausdruck sehen und daraus Schlüsse ziehen könnte, die nichts mit der Realität zu tun hatten. Panik schnürte ihr die Luft ab. Was, wenn sie sie derzeit besonders gut beobachteten? Immerhin hatte sie sich in der letzten Zeit mehr als einen Fehltritt erlaubt. Schon diese Zähmung war ein Desaster, sie hatte völlig unprofessionell gehandelt. Die Prüfer hatten bestimmt ihr Zittern und ihre Anspannung bemerkt … und dann, der Zwischenfall gestern. Wahrscheinlich glaubten die Kontrolleure, sie hätte es darauf angelegt, Ben wiederzusehen. Helen schloss die Augen. Wie dumm sie sich doch benommen hatte. Sie hätte niemals ein gutes Wort für den Wilden einlegen dürfen. Hoffentlich hatte das alles keine Auswirkung auf ihren zukünftigen Job, betete sie im Stillen. Sie drückte die Hände noch fester gegeneinander, um das verräterische Zittern zu unterdrücken.
   »Alles in Ordnung, Schatz?«, fragte Mutter besorgt. Helen blinzelte und nickte stumm. Sie musste sich zusammenreißen.
   »Wir sind da«, stellte Vater fest.
   Helen zuckte beim harten Klang seiner Stimme zusammen. Ob er ihr jemals vergeben konnte?

»Du siehst bezaubernd aus, Schwesterherz.«
   Viktor drückte Helen liebevoll an sich. In seinen Kleidern hing der leise Duft der Natur und Helen spürte, wie sich die Anspannung durch seine Umarmung löste. Am liebsten hätte sie laut aufgeschluchzt, so gut tat ihr seine Liebesbekundung. Die anderen Gäste der Feierlichkeit drängten sich an ihnen vorbei ins Gebäude hinein, aber Helen war dies ebenso egal wie Vaters strenger Blick.
   »Und das, obwohl du gestern Nacht eine ganze Horde Unsterblicher platt gemacht hast.« Viktor zwinkerte.
   Helen schnappte nach Luft und öffnete den Mund, um zu erwidern, dass sie wohl eher selbst fast platt gemacht worden wäre, aber Vaters hartes »Pst. Nicht hier« ließ sie verstummen.
   »Wir reden später«, flüsterte ihr Viktor ins Ohr, während sie Eveline, Viktors Frau, die Hand zum Gruß reichte.
   »Jetzt wird es aber wirklich Zeit«, forderte Vater sie ungeduldig auf und schob sie regelrecht zur Tür hinein.
   Die Aula des Ausbildungsgebäudes war kaum wiederzuerkennen. Überall standen runde Tische mit schweren cremefarbenen Tischtüchern, auf denen dreiarmige Kerzenleuchter standen und den Raum in schummriges Licht tauchten. Silberbesteck und Platzteller lagen für das bevorstehende Festmahl bereit, ebenso wie die edlen Kristallgläser, die auf den Wein warteten. Der Saal duftete schwer nach Wachs und Blumen, und als sich Helen umsah, entdeckte sie zig hüfthohe Bodenvasen, in denen Hunderte Rosen und Lilien steckten. Auf dem Boden waren rote Teppiche zwischen den Tischen ausgerollt und fleißige Seelenlose in Kellneruniformen eilten mit Getränken beladen umher. Sie wurde zu einem Tisch gleich vor der Redeplattform geführt – ein Ehrenplatz, der die Stellung ihrer Eltern im Regime widerspiegelte. Der Stoff der Sitzbezüge knisterte, als sie sich setzte. Die Stuhlhussen hatten die gleiche Farbe wie die Tischdecken. Alles Ton in Ton, ein perfektes Zusammenspiel der Dekoration. Helen staunte unwillkürlich, wie sehr sich der sonst kühl wirkende Raum verändert hatte. Bisher hatte sie solchen Prunk nur in den edlen Restaurants gesehen, in die sie ihre Eltern manchmal begleiten musste. Sie nahm neben Vater Platz, gegenüber von Viktor. So konnte sie wenigstens in Augen sehen, die ihr freundlich gesinnt waren. Viktor rief stets ein angenehmes Gefühl in ihr hervor. Sie hatte sich kaum richtig hingesetzt, da eröffnete Direktor Mayer die Feier mit ein paar kurzen Sätzen. Dann wurde das Festmahl aufgetischt.
   Ihre Eltern, Viktor und Eveline unterhielten sich während des Essens leise, hauptsächlich über Viktors Arbeit. Wer nicht Bescheid wusste, was Helens Eltern tatsächlich von seinem Einsatz in den Grenzgebieten hielten, glaubte vermutlich, dass sie nur neugierig auf die Schilderungen waren. Helen war einerseits froh darüber, dass nicht lange über den gestrigen Vorfall oder ihre Prüfung gesprochen wurde, andererseits hatte sie großes Mitleid – vor allem mit Eveline. Die zufällig eingeworfenen, abschätzigen Bemerkungen über das Landleben und die primitive Bevölkerung in den Grenzregionen zielten vor allem auf sie ab. Eveline sank von Minute zu Minute mehr in sich zusammen und stocherte lustlos auf ihrem Teller herum. Sie hatte es binnen weniger Minuten aufgegeben, Kommentare zu machen und saß nun schweigend auf ihrem Stuhl. Immer wieder rutschte sie kaum merkbar hin und her und wechselte die Stellung ihrer Füße. Eveline ging es so wie ihr – nur dass Eveline aus anderen Gründen keinen Bissen hinunter bekam als sie. Helen schenkte ihrer Schwägerin ein bedauerndes Lächeln. Diese kniff die Augen mehrmals hintereinander zusammen – und lächelte schüchtern zurück. Sie wollte Eveline gerade fragen, ob sie müde war, doch sie kam nicht zu Wort.
   »Hat es Ihnen nicht gemundet, Fräulein?« Ein aufmerksamer Seelenloser beugte sich leicht vor und sah sie besorgt an.
   »Doch, doch. Ich bin nur etwas aufgeregt wegen der Diplomverteilung«, versicherte Helen nun auch ihrer neugierig gewordenen Familie.
   »Dann darf ich demnach abservieren?«
   Helen nickte. Sie wandte den Blick ab, als sie die nagellose Hand des Kellners sah, die nach ihrem Teller griff. Der Würgereiz in ihrer Kehle traf sie mit überwältigender Wucht. Schnell hielt sie sich die Hand vor den Mund und tat so, als müsste sie husten. Seit der Prüfung konnte sie weder die Hände noch den Mund eines Seelenlosen betrachten, ohne Übelkeit zu verspüren. Sie schluckte und schluckte, aber der bittere Speichel in ihrem Mund wollte nicht weniger werden. Niemand bemerkte etwas von ihren Problemen, nur Viktor warf ihr einen besorgten Blick zu.
   »In der City würde so etwas nicht geschehen«, hörte Helen Vater behaupten.
   Eveline schüttelte den Kopf und stieß einen kaum hörbaren Seufzer aus. Anscheinend zog Vater weiter über die Landbevölkerung her. Sie versuchte, sich auf das Tischgespräch zu konzentrieren, aber ihre Gedanken trugen sie immer wieder fort.
   Erst, als Direktor Mayer mit dem offiziellen Teil der Veranstaltung fortfuhr, schaffte sie es, sich von der Erinnerung an die letzte Nacht loszureißen. Die Diplome wurden in alphabetischer Reihenfolge verteilt. Sommer wurde im letzten Drittel aufgerufen, und so lehnte sie sich zurück, um ein klein wenig Entspannung zu finden. Das stolze Lächeln ihrer ehemaligen Mitschüler und der dezente Applaus füllten den Raum mit einer Atmosphäre, die eine verheißungsvolle Zukunft versprach. Jeder der frischgebackenen Mediziner hatte die gleiche Prüfung wie sie hinter sich, und doch unterschied sich ihre Situation von der ihrer Kollegen vehementer, als den anderen bewusst war. Ihre Kollegen waren an diesem Abend glücklich und strahlten über das ganze Gesicht, egal welchen Arbeitsplatz sie zugeteilt bekamen. Der Schritt an sich zählte, der Auftakt zu einem neuen Lebensabschnitt. Helen konnte sich jedoch nicht wirklich freuen. Die Zähmung – der letzte Teil der Abschlussprüfung – hatte bei den anderen die Zukunftssorgen beseitigt, bei ihr jedoch erst begründet.

»Helen Sommer.«
   Helen stolperte in ihren hochhackigen Schuhen wie ein ungeschickter Tölpel auf die Bühne. Alle starrten sie an. Die ungewohnten Pumps drückten und sie wünschte sich ihre bequemen flachen Turnschuhe, eine einfache Hose und ein gewöhnliches T-Shirt herbei. In dem grünen wallenden Kleid fühlte sie sich nackt und bloßgestellt. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Helen hasste es, so im Mittelpunkt zu stehen. Das Blut schoss ihr in die Wangen.
   »Ich gratuliere Ihnen zum besten Ergebnis in diesem Studienjahr. Achtundneunzig Prozent.«
   Helen schnappte nach Luft. Der Raum drehte sich und der Boden begann zu wanken, aber sie konnte sich nirgends festhalten. Sie atmete tief und langsam aus. Ruhig, ruhig, ruhig … Ihr Herz raste weiter, aber sie hatte sich wenigstens soweit unter Kontrolle, dass sie nicht gleich vor allen Anwesenden umkippte.
   »Besonders beeindruckt war das Prüfungskomitee von Ihren Leistungen in der Kinder- und Jugendheilkunde. Aus diesem Grund macht das Regime eine Ausnahme und teilt erstmalig eine unter Einundzwanzigjährige zur Arbeit in der Antiserumabteilung des Medizinzentrums zu. Herzlichen Glückwunsch!«
   Helen ergriff benommen die ihr entgegengestreckte Hand. Direktor Mayer legte mit einem breiten Grinsen eine Reihe großer, perfekt aneinandergereihte Zähne frei und drückte Helens schweißnasse Hand.
   »Danke«, krächzte sie und nahm ihr Diplom entgegen. Der Applaus war ohrenbetäubend, und als Helen ihren Blick durch die Aula schweifen ließ erkannte sie, dass selbst Vater stolz lächelte. Vielleicht hatte sie ihr Verhalten hiermit ein wenig wiedergutgemacht.

»Stellt euch vor, die ganzen Möglichkeiten. Behandlungen mit Antibiotikum, Impfungen, Schmerzmittel, …« Helens Augen mussten bestimmt vor Begeisterung strahlen.
   Ihre Eltern saßen ihr milde lächelnd gegenüber. Die unerwartete Arbeitsstelle hatte ihre Sorgen zurückgedrängt. Nun – auf dem Rückweg nach Hause – plapperte sie von ihrer zukünftigen Tätigkeit. Von Minute zu Minute wurde ihr stärker bewusst, welche Ausnahmerolle sie spielen durfte.
   »Vergiss aber nicht die Gefahren«, erwiderte Vater, »da du selbst noch nicht im Serumprogramm bist, bist du ebenfalls anfällig für die Beschwerden der jungen Patienten.« Er zog die Augenbrauen zusammen und sah sie durchdringend an.
   Helen nickte nachdenklich. Sie hatte auch schon daran gedacht. Es war zwar unwahrscheinlich, dass sie es jemals mit einer so ernsten Erkrankung zu tun bekäme, die ihr Leben gefährden konnte, aber auch die Aussicht auf eine Woche mit Fieber und Halsschmerzen im Bett, war nicht gerade angenehm. »Ich werde eben besonders achtgeben müssen, wen ich behandle und mir vorher immer genau die Aufnahmedateien ansehen. Im Zweifelsfall muss ich den Fall an einen älteren Kollegen abgeben.«
   »So kenne ich meine Tochter. Ich weiß, du wirst verantwortungsvoll mit der Chance umgehen, die dir das Regime in seiner Gnade zuteilwerden lässt. Außerdem sind es nur ein paar Jahre, bis du ebenfalls deine erste Serumdosis erhältst – und dann sind diese Probleme aus dem Weg geräumt.« Vater nickte wohlwollend und lächelte sogar ein klein wenig.
   Helen stimmte ihm zu, obwohl ihr der Gedanke an das Serum nicht wirklich behagte. Als Ärztin wusste sie um die Zauberwirkung des Saftes. Jede erdenkliche Verletzung und Krankheit konnte damit geheilt werden, und die Menschen wurden durch die ständigen Serumgaben so alt wie nie zuvor. Dennoch ekelte sie sich, wenn sie an den Ursprung des Medikamentes dachte.
   Der Wagen hielt lautlos vor dem Haus ihrer Eltern und Bill öffnete sogleich die Autotür, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Sie verweigerte seine dargebotene Hand lieber und eilte ins Haus, um ihr Kleid gegen ein Paar Jeans zu tauschen. Ein letztes Mal sah sie sich in ihrem ehemaligen Zimmer um. Bereits letzte Nacht war sie der Meinung gewesen, dass sie niemals mehr hierher zurückkehren würde, aber sie hatte sich getäuscht. Dieses Mal sollte es ein Abschied für immer sein. Sie war erwachsen, eine richtige Ärztin und würde wohl die Nacht in ihrem Haus verbringen können. Trotzig stopfte sie das grüne Kleid in eine Stofftasche und machte sich auf den Weg nach unten.
   »Wie ich sehe, hast du tatsächlich vor, uns wieder zu verlassen«, meinte Vater mit gerunzelter Stirn.
   »Es macht wenig Sinn, wenn ich den Umzug länger als nötig hinausschiebe. Aber wenn ich mich unwohl fühle, komme ich hierher. Versprochen«, erwiderte Helen, obwohl sie diesen Schritt unbedingt vermeiden wollte.
   »Helen schafft das schon. Immerhin ist sie meine Schwester.« Viktor trat gerade zur Tür herein. Seine Gegenwart und die lockere Art, mit der er Probleme bewältigte, waren ein Lichtblick in der Gesellschaft ihrer kritischen Eltern. »Ich nehme an, du willst zu Fuß gehen. Ich begleite dich«, bot Viktor an und drehte sich zu seiner Frau um, die ein Stück hinter ihm stand. »Schatz, möchtest du hier auf mich warten, oder soll ich Bill bitten, dich nach Hause zu fahren? Ich komme später nach.«
   Er hätte Eveline überhaupt nicht fragen müssen, was ihr lieber war. Natürlich würde sie so schnell als möglich ihre Schwiegereltern verlassen wollen. Der Abend war bestimmt lang genug für sie gewesen, obwohl sie die unterschwelligen Angriffe mit Erhabenheit ertragen hatte. Helen konnte Vater nur zum kleinen Teil verstehen. Natürlich war er enttäuscht, dass sein vielversprechender Sohn eine hoch angesehene Stelle im Medizinzentrum abgelehnt und stattdessen aufs Land gezogen war – wegen Eveline. Trotzdem: Die junge Frau konnte am wenigsten dafür. Sie wäre bereit gewesen, in der City zu leben, aber Viktor hatte sie geradezu gedrängt, im Landwirtschaftsgebiet zu bleiben. Dennoch hatte Vater weder seinem Sohn noch seiner Schwiegertochter den Entschluss vergeben. Er war es gewohnt, dass jeder seine Wünsche respektierte und alles getan wurde, um es ihm recht zu machen.
   Die Verabschiedung fiel dementsprechend kühl aus. Eveline nickte nur kurz, wünschte eine gute Nacht und folgte Bill, der auf Viktors Ruf sofort erschienen war, zum Solarmobil. Bevor sie einstieg, rieb sie sich die Augen und gähnte.
   Helen umarmte Mutter, die scheinbar nicht recht wusste, wie sie mit einer solchen Liebesbekundung umgehen sollte und die Arme einfach schlaff hängen ließ. Es war Helen in diesem Moment gleichgültig. Sie war froh, den Abend hinter sich gebracht und eine wundervolle Arbeitsstelle zugeteilt bekommen zu haben. Dieses Glück wollte sie teilen, auch wenn ihre Eltern nicht besonders empfänglich für Gefühlsausbrüche waren.
   Sie wünschte ihnen eine gute Nacht und hakte sich bei Viktor unter. Er war wie sie. Umarmungen, Schulterklopfer und geschwisterliche Küsse auf die Wangen gehörten dazu. Helen sah an ihm hoch und lächelte. Sie hatte ihn vermisst, ihren großen, ein wenig verrückten Bruder, der immer wusste, wo es langging. Sie seufzte und wünschte sich insgeheim, in seiner Nähe zu wohnen.
   Viktor sah an diesem Abend außerordentlich gut aus. Er hatte glatt rasierte Wangen und seine lockigen Haare waren akkurat frisiert, obwohl er sonst sowohl mit der Rasierklinge, als auch mit dem Kamm auf Kriegsfuß stand. Er trug einen schwarzen Anzug und hatte sich sogar eine Krawatte umgebunden, deren Knoten er jedoch löste, sobald sie die Einfahrt hinter sich gelassen hatten. Die Nacht war ebenso schwül wie die letzte, und am wolkenlosen Himmel glitzerten die Sterne auf die schlafende Stadt herab. Die City hatte am späten Abend etwas Unheimliches an sich. Kein Mensch war auf den normalerweise belebten Straßen unterwegs. Die Bürger verbrachten die lauen Sommernächte entweder in ihren Häusern oder in einem der Freizeitzentren, in denen Musik und Unterhaltung geboten wurden. Während am Tag die Kinder in den Gärten spielten und die Siedlungen mit Lachen und Liedern belebten, lagen die eingezäunten Rasenflächen abends traurig wie Brachland vor den Häusern.
   Helens und Viktors Schritte auf dem Asphalt verhallten hart und einsam in der Dunkelheit. Helen rückte näher an ihren Bruder heran. Er legte den Arm um ihre Schultern, worauf sie laut ausatmete. Die Anspannung fiel ein klein wenig von ihr ab.
   »Willst du lieber auf der Terrasse oder im Haus reden?«, fragte er.
   Helen ließ ihren Blick über das kleine Häuschen schweifen, das ihr seit einigen Tagen gehörte. Der Weg vom Elternhaus hierher war zu kurz gewesen und am liebsten wäre sie noch weiterspaziert. »Lieber draußen. Der Nachthimmel ist heute so schön.«
   Sie setzte sich auf die Stufen und legte die Tasche mit dem Kleid und dem Diplom zur Seite. Viktor hockte sich neben sie. Einige Minuten sahen sie nur wortlos zu den Sternen hoch und horchten in die Stille.
   »Lass mich raten. Es hat mit dem Unsterblichen zu tun«, unterbrach er schließlich mit leiser Stimme das Schweigen.
   Helen zuckte zusammen und sah sich um. Obwohl die Gärten der Einwohner normalerweise nicht dauernd überwacht wurden, war es immer besser, vorsichtig zu sein. Vielleicht hatte das Regime sie ja tatsächlich unter Beobachtung?
   Er funkelte sie erwartungsvoll an.
   Sie stöhnte und wich seinem Blick aus. »So nennt man sie doch schon seit Jahrhunderten nicht mehr«, entgegnete sie und starrte auf ihre gefalteten Hände. Sie leuchteten bleich im Mondlicht.
   Viktor legte seine große, warme Hand auf ihre und hielt sie sanft fest. »Mir gefällt der Ausdruck aber besser, und außerdem ist es egal, wie man sie nennt. Also weich mir bitte nicht aus. Ich will wissen, ob ich mit meiner Aussage recht habe.«
   »Hm.«
   »Schieß los, Schwester, oder muss ich dir alles aus der Nase ziehen?«
   »Pst. Nicht so laut«, zischte Helen.
   Er würde nicht locker lassen, bis sie ihm alles, wirklich jedes Detail, offenbart hätte. Das wusste sie. Mit hängenden Schultern begann sie zu erzählen. Die Worte kamen stockend über ihre Lippen und der Schrecken der Zähmung trieb ihr Tränen in die Augen, die sie schnell wegblinzelte. Als sie zu dem Teil ihrer Geschichte kam, in dem Ben ihr das Leben gerettet hatte, konnte sie sich nicht länger beherrschen. Sie sprang auf, rieb ihre zitternden Hände und ging auf und ab wie ein Raubtier hinter Gittern. Sogar das Flüstern fiel ihr schwer, und sie musste sich mehr als einmal daran erinnern, leise zu sprechen. Sie vermied es, Viktor anzusehen. Selbstvorwürfe und Schuldgefühle schnürten ihr die Kehle zu. Heiser gestand sie ihm, welch irrationale Emotionen sie quälten. Was war nur los mit ihr? Wieso sprang ihr Herz, wenn sie nur Bens Namen aussprach, als wollte es gleich aus ihrer Brust hüpfen?
   Viktor beobachtete Helen genau. Seine Augen glitzerten verräterisch, und obwohl er bewegungslos auf den Stufen sitzen blieb, krallte er sich die Fingernägel in den Oberschenkel und presste die Zähne fest aufeinander. Er litt unverkennbar mit ihr.
   »Ich kann nichts dagegen machen. Er geht mir nicht mehr aus dem Kopf«, sagte Helen schließlich und seufzte, »ich kann nicht glauben, dass er gefährlich oder böse ist. Zumindest für mich nicht. Wieso hat er mich vor den Angreifern gestern beschützt? Wo ich ihn zum Sklaven gemacht habe? Ich begreife das alles nicht.«
   Er stand auf und nahm sie in den Arm, drückte sie an sich, als würde er sie für immer festhalten wollen. Nun ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Sie schämte sich nicht länger. Leise schluchzte sie. Ihre Schultern bebten. Wie gut es tat, endlich keine Maske mehr tragen zu müssen. Viktor rieb ihr über den Rücken, brummte beruhigend und wartete ab, bis sie zu weinen aufhörte. Als sie sich wieder auf die Stufen setzten, fühlte sich Helen erleichtert. Ein tiefes Gefühl der Liebe durchströmte sie und sie lehnte sich an ihn. Sie hätte Viktor längst von ihren Gedanken erzählen sollen. Er hatte sie immer verstanden und sich nie über sie lustig gemacht. Ihm war es stets egal, dass Papa sie immer für zu sensibel für diese Welt hielt.
   »Vielleicht ist nicht immer alles so, wie man es uns weismachen will, Helen«, sagte er nachdenklich. Er hatte die ganze Erzählung lang geschwiegen. »Geschichte wird von Siegern geschrieben. Die Sichtweise der Unsterblichen kennen wir nicht. Zumindest nicht offiziell.«
   Helen zuckte durch seinen ernsten Tonfall zusammen. »Was willst du damit sagen?«
   »Nun ja, wer sagt uns denn, dass Ungezähmte gefährliche, mordlüsterne Bestien sind? Und wer sagt uns, dass sie uns vor der Revolution wie Zuchtvieh als Nahrungsmittel missbraucht haben? Woher weißt du, dass ein friedliches Zusammenleben, ohne dass der eine den anderen unterdrückt, nicht möglich ist? Ist es nicht dasselbe Regime, das mit dieser Auslegung der Geschichte ihr heutiges Tun rechtfertigt? Wir lassen die Unsterblichen wie Sklaven für uns arbeiten, und finden es in Ordnung, sie zu verstümmeln und zu töten, wenn sie uns nicht auf Schritt und Tritt gehorchen? Denk mal darüber nach!«
   Das war zu viel. Sie schnappte nach Luft, während er in aller Ruhe einen Stein mit dem Fuß auf die Straße stieß. Seine Aussage grenzte an offenen Widerstand gegen das Regime, aber das schien ihn nicht zu stören. Helen wusste im ersten Augenblick nicht, wie sie reagieren sollte. Ihr ganzes Leben war von den Glaubenssätzen des Regimes geprägt. Sie hatte eine großartige Ausbildung genossen, lebte in absolutem Wohlstand und nun hatte sie auch noch ihre Traumarbeit zugeteilt bekommen. Von eben diesem Regime, das ihr Bruder offen anklagte. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Das konnte er nicht ernst meinen. Es gab doch Beweise, wie gefährlich Ungezähmte waren. Wenn das Regime sie nicht zähmte, müsste die Menschheit Krieg gegen sie führen. Nur weil dieser Ben eine Ausnahme darstellte, hieß es doch nicht, dass sie Gefühle oder eine Seele hatten. »Ich weiß nicht, was ich glauben soll, Vik. Mein Gefühl sagt mir, dass ich Ben finden und zu mir bringen muss. Aber das Regime verteufeln? Nein, das kann ich nicht. Ungezähmte sind gefährlich. Letzte Nacht wollten mich drei davon töten. Nur Ben … Er ist irgendwie anders. Das weiß ich einfach. Verstehst du?« Helen vergrub das Gesicht in den Händen und atmete keuchend aus, bevor sie wieder aufblickte. »Ich suche schon die ganze Zeit nach einer Möglichkeit, wie ich ihn herholen kann.«
   »Du bist eine erwachsene Frau mit einem Haus. In weniger als zwei Wochen wirst du arbeitsmäßig stark gefordert sein, und kaum noch Zeit finden, dich um dein Heim ausreichend zu kümmern. Ich glaube, es ist von Bill zu viel verlangt, sich auch noch um deine Angelegenheiten zu kümmern. Er hat doch bei unseren Eltern alle Hände voll zu tun«, sagte Viktor. Er zwinkerte Helen herausfordernd zu und klopfte ihr leicht auf die Schultern.
   Helen riss den Mund ein Stück auf und formte ein überraschtes »Oh«, als ihr die Bedeutung von Viktors Worten bewusst wurde.
   Dieser erhob sich ächzend und zog auch Helen auf die Beine. »Ich muss langsam los, Schwesterherz. Ich will meine Traumfrau nicht allzu lange warten lassen.« Er drückte sie zum Abschied. »Denk über meine Worte nach. Wenn du mal Hilfe brauchst, weißt du ja, wo du uns findest. Da draußen im Grenzgebiet lernt man oft interessante Leute kennen. Und … man hört Geschichten, die hält man hier mitten in der City für unmöglich.«
   Damit schlenderte er davon und überließ Helen ihren Gedanken. Sie griff sich an die Brust und beobachtete, wie ihr Bruder immer kleiner wurde, bis er in die nächste Kreuzung einbog und nicht mehr zu sehen war. Als sie ins Haus ging und die Tür hinter sich schloss, fühlte sie sich einerseits erleichtert und andererseits traurig. Sie brauchte Viktor öfter hier bei sich. Er wusste immer, was zu tun war. Ihr großer Bruder eben.

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