Kasumi, ich brauche dich. Ich werde dir jemanden schicken, der dich zu mir bringt. Bald. Deine Großmutter, Analyn Kasumis Großmutter verschwand vor vielen Jahren, ohne eine Spur zu hinterlassen. Als sich der Tag ihres Verschwindens jährt, sucht Kasumi für ihren im Krankenhaus liegenden Großvater nach ihr. Sie lernt den charmanten Ivan kennen, ahnt jedoch nicht, dass er der Bote ist, von dem Analyn in ihrer rätselhaften Notiz sprach. Ivans blaue Augen ziehen Kasumi sofort an, doch wie soll er ihr helfen, ihre Großmutter zu finden? Und warum kann angeblich nur sie Analyn retten? Es beginnt die gefährlichste Zeit ihres Lebens, denn die Reise zu dem Ort Axikon, wo Analyn gefangen ist, birgt viele Hindernisse. Werden Ivan und Kasumi es schaffen, Analyn zu befreien?

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ISBN: 978-9963-53-050-2

Seiten: 240

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Lia Haycraft

Lia Haycraft
Lia Haycraft wurde 1980 in Norddeutschland geboren, wuchs jedoch in Portugal, England und schließlich Nordrhein-Westfalen auf. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie mitten im Bergischen Land. Gern gelesen hat sie schon immer, die Leidenschaft, selbst zu schreiben, packte sie gnadenlos vor einigen Jahren. Aus „Mondtochter“ ist eine vierteilige Reihe geworden: „Die Nacht der Elemente“. Veröffentlicht sind außerdem unter dem Pseudonym Eileen Raven Scott ihre Novelle „Feuerküsse“ und der Roman „Flammenseele“ im Machandel Verlag. Die meisten Geschichten spielen in England oder Köln. Weitere Werke sind natürlich in Arbeit.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Vermisst

Kasumi drückte die Klinke hinunter und hielt die Luft an, bevor sie die Tür öffnete und um die Ecke spähte. Vielleicht wegen des sterilen Geruchs, der überall in den Wänden und Möbeln hing, vielleicht auch aus Anspannung. Opa lag in einem ungemütlich aussehenden Bett mit Metallumrandung. Sein Kopf verschwand beinah komplett in dem weißen Kissenberg. Seine Haut war fast so blass wie der Stoff. Die Augen waren geschlossen und er atmete ruhig. Kasumi schüttelte das traurige Gefühl ab, das sie überfallen hatte, und sah sich um. Einen Meter neben ihr an einer Wand stand ein Stuhl mit karierter Sitzfläche. Auf Zehenspitzen ging sie hinüber, schlüpfte aus den Trägern ihres Rucksacks und stellte ihn auf den Boden. Sie setzte sich auf den Stuhl, der härter war als erwartet.
   Im Zimmer roch es nach Plastik und fremdem Waschpulver. Die Stille drückte auf Kasumis Stimmung. Es kam ihr vor, als wäre sie allein, aber Opa war da und es ging ihm besser, zumindest hatte Mama ihr das versichert.
   Kasumi lehnte sich zurück und strich über ihre Beine, ohne Opa aus den Augen zu lassen, er würde doch sicher gleich aufwachen. Zum Glück lag er nicht mehr auf der Intensivstation, doch Kasumi konnte nicht leugnen, dass er sehr viel älter aussah als vergangene Woche.
   »Kasumi, meine Kleine.« Opas Stimme klang wie aus großer Ferne. Eine Tonlage schien zu fehlen.
   Kasumi schluckte, zwang sich aber trotzdem zu einem Lächeln und stand auf. »Opa, wie geht es dir? Was machst du nur für Sachen?« Was für ein Klischeesatz, aber sie war noch immer erschüttert von der Nachricht, die Mama ihr vor ein paar Tagen überbracht hatte: Opa hatte einen Herzinfarkt erlitten.
   »Es geht mir gut, wirklich. Ich weiß auch nicht, warum sie mich noch im Krankenhaus behalten.«
   Kasumi schon. Er sah aus wie ein Schatten seiner selbst. »Bestimmt darfst du bald nach Hause.« Sie stand dicht neben seinem Bett und zwirbelte das Band an der Kapuze ihrer Baumwolljacke zwischen zwei Fingern. »Ah, ich habe dir etwas mitgebracht«, sagte sie, ging zurück zu ihrem Rucksack und zog einen Krimi heraus. Sie glättete die eselsohrige erste Seite und gab Opa das Buch. »Habe ihn gerade ausgelesen. Damit dir die Decke nicht auf den Kopf fällt.«
   Opa nahm das Buch aus ihren Händen, legte es auf die Bettdecke und griff nach ihrer Hand.
   »Kind, du musst mir helfen. Eine Schwester hat gesagt, ich wäre schon drei Tage hier. Drei Tage, die ich nicht suchen konnte. Wie es aussieht, muss ich noch eine Weile bleiben.«
   »Außerdem solltest du dich nicht sofort wieder so aufregen.«
   »Ich wusste, du würdest es verstehen. Hilfst du mir?«
   Kasumi nickte. Sie hatte schon vor drei Tagen gewusst, dass Opa sie darum bitten würde. Schließlich war Ende Mai und damit fast wieder der Tag, an dem sich Omas Verschwinden jährte. Der sechste Juni. Seit Kasumi denken konnte, verfiel Opa in dieser Zeit in eine alles verschlingende Suche. In diesen vier Wochen um den sechsten Juni herum suchte er jedes Jahr noch intensiver nach ihr als sonst. »Wo fange ich an?«
   Opa drehte sich zur Seite und holte etwas aus einer Schublade neben dem Bett. Er drückte es Kasumi in eine Hand. »Mein Wohnungsschlüssel. Die Unterlagen liegen in der Nachttischschublade. Ein weiterer Ordner steht in der Küche, es ist der dunkelblaue mit dem goldenen A.« A für Analyn. »Ich wünschte, ich könnte dir mehr Hinweise geben, aber ich habe nicht viel, sogar nach all den Jahren nicht.«
   Kasumi schluckte, als sie die offene Verzweiflung in Opas Blick sah. Sie würde die Suche übernehmen und einfach irgendetwas finden. Jedes Jahr wurde es schwieriger, Spuren zu finden. Opa musste etwas übersehen oder irgendwen noch nicht gefragt haben. Es musste doch jemanden geben, der wusste, was damals passiert war. Selbst, wenn es ein Hinweis auf Analyns Tod war. Dass sie noch lebte, konnte sich Kasumi nämlich beim besten Willen nicht vorstellen. Wo sollte sich jemand aufhalten, der seit fast vierzig Jahren verschwunden war? Wo musste man sein, um nie ein Lebenszeichen schicken zu können? Dass Analyn freiwillig gegangen sein sollte, ein Jahr nach der Geburt von Mama, ergab keinen Sinn. Dafür liebte Opa sie viel zu sehr und sie hatte ihn ebenso geliebt. Kasumi erkannte wahre Liebe, wenn sie sie sah. Auf allen Fotografien hatte Analyn Opa genau gleich angesehen, da war nie ein verärgertes oder distanziertes Gesicht gewesen. Was konnte Analyn nur für einen Grund gehabt haben, zu gehen? Oder war sie etwa nicht freiwillig aus Opas Leben verschwunden? »Ich mache für dich weiter. Ich tue mein Bestes.«
   »Das weiß ich doch.« Er zwinkerte ihr zu.
   Ein Klopfen an der Tür ließ Kasumi zusammenzucken.
   Opa drückte ihre freie Hand. »Herein.«
   Die Tür öffnete sich langsam und Mama steckte den Kopf durch den Spalt. »Vati, du bist wach. Oh, Schatz, bist du schon lang hier?«
   Kasumi schüttelte den Kopf. »Ein paar Minuten.« Sie hielt noch immer Opas Hand fest und drückte sie kurz, bevor sie Mama Platz machte, die einen riesigen Blumenstrauß vor sich hielt. »Ich muss auch los. Eine wichtige Hausarbeit«, murmelte sie und lächelte Mama entschuldigend an.
   Die war ohnehin längst damit beschäftigt, die Blumen in einer weißen Vase auf dem fahrbaren Nachttisch zu arrangieren. »Tschüss, lass uns telefonieren.«
   Kasumi hörte die Worte noch gerade so, bevor sie die Tür hinter sich schloss. Unten beim Pförtner holte sie ihr Skateboard wieder ab und brauste über den Gehweg in Richtung Stadtmitte. Hinter den Häusern konnte sie manchmal die schwarzen Spitzen der beiden Türme des Kölner Doms sehen. Es war ein warmer Tag für Ende Mai und ein leichter Wind fuhr durch Kasumis kurze Haare. Sie wich den Menschen auf dem Bürgersteig aus und schlängelte sich ihren Weg durch die Schildergasse, am Brunnen vorbei und weiter über die Straße Richtung Rheinufer. Jemand hupte, aber Kasumi war so sehr in ihren Gedanken versunken, dass sie nicht einmal daran dachte, dem Hupenden den Mittelfinger zu zeigen. Sie hatte sogar vergessen, ihre Kopfhörer in die Ohren zu stecken, und hörte jemanden rufen. Erst nach einer Weile verstand sie ihren Namen, bremste, hob das Board mit einem Fuß an und sah sich um.
   Anke kam aus einem Drogeriemarkt geradewegs auf sie zugelaufen. An ihrer einen Hand baumelte eine Plastiktüte. »Hey, Kasumi! Bleibt es bei heute Abend? Du hast dich überhaupt nicht mehr gemeldet.« Sie drückte Kasumi mit einem Arm kurz an sich, trat einen Schritt zurück und musterte sie. »Du siehst nicht gut aus. Ist was passiert?«
   »Mein Opa hatte einen Herzinfarkt.« Dass sie sich deswegen Sorgen machte, war nicht ungewöhnlich. Das würde vermutlich jeder. Das Versprechen, das sie Opa gegeben hatte, bereitete ihr jedoch viel mehr Kopfzerbrechen. Sie wusste einfach nicht, wie sie Analyn finden sollte. Vielleicht würden ihr Opas Unterlagen ein paar Hinweise liefern. Manchmal half ein frischer Blick. Opa musste endlich Bescheid wissen, was damals passiert war. Kasumi vermutete, dass ihm nur das helfen würde, wieder richtig gesund zu werden. Jedes Jahr im Juni, wenn sich der Tag von Analyns Verschwinden jährte, und er wieder keine Spur von ihr fand, war Opa geknickter als zuvor. Jetzt hatte es sein Herz erwischt. Vielleicht konnte nur ein Wiedersehen mit Analyn ihn heilen. Kasumi schluckte. Anscheinend hatte Anke etwas gesagt und wartete auf irgendeine Reaktion ihrerseits. »Äh, tut mir leid, was hast du gesagt?«
   »Geht es ihm besser? Möchtest du reden? Ich kann auch gleich schon, vielleicht auf ein Stück Käsekuchen in unserem Lieblingscafé?«
   »Nein, danke. Ich muss noch … Ich habe meinem Opa etwas versprochen. Ich muss ihm etwas aus der Wohnung holen. Ich ruf dich nachher an, okay? Ach, und wärst du mir sehr böse, wenn wir unser Treffen heute verschieben?« Anke sah enttäuscht aus, aber Kasumi traute sich momentan absolut nicht zu, ein guter Gesprächspartner zu sein. Selbst wenn Anke immer gut zuhören konnte, irgendwann würde sie doch wieder mit ihrem problematischen Liebesleben anfangen. Kasumi wusste ihr auch in aufmerksamem Zustand kaum etwas Vernünftiges zu raten. Heute würde erst recht nichts dabei herauskommen.
   »Ausnahmsweise, aber wenn du reden willst, ruf an, ja?«
   Kasumi nickte, winkte noch einmal und stieg wieder auf ihr Board. Nachdenklich fuhr sie den restlichen Weg zu Opas Wohnung, dieses Mal mit den klagenden Klängen von Porcupine Tree in den Ohren. Opa wohnte in der Nähe des Rheins, in einer hübschen Wohnung im siebten Stock. Sieben war Analyns Lieblingszahl. Soweit sich Kasumi erinnerte, wohnte Opa schon immer hier.
   Kasumi staunte immer wieder darüber, wie viel sie von Analyn wusste, ohne sie ein einziges Mal gesehen zu haben. Sie klemmte sich ihr Skateboard unter einen Arm und stieg die Treppen hinauf. Im Gegensatz zu Opa hielt sie überhaupt nichts von Aufzügen. Herumstehen und warten war einfach unerträglich. Vor Opas Tür fingerte sie den Wohnungsschlüssel aus ihrer Hosentasche und schloss auf. Abgestandene Wärme schlug ihr entgegen, es war die vergangenen Tage ungewöhnlich sommerlich gewesen. Kasumi stellte ihr Board neben die Tür und öffnete zuallererst die Fenster. Als ihr ein leichter Wind um die Nase wehte, ging sie in die Küche und trank ein großes Glas Leitungswasser.
   Aus dem Wandregal holte sie den blauen Ordner und strich über das goldene A. Was für ein Gefühl musste das sein, jemanden so sehr zu lieben wie Opa seine Analyn? Und das noch immer, obwohl sie schon viele Jahre verschwunden war. Er wollte einfach nicht aufgeben. Auch das verstand Kasumi. Man musste schließlich wissen, wo derjenige war, den man vermisste.
   Kasumi stopfte den Ordner in ihren Rucksack und ging ins Schlafzimmer, um dort die restlichen Unterlagen aus Opas Nachtschränkchen zu holen. Diese befanden sich in einer blauen Mappe, die Kasumi ebenfalls in ihrem Rucksack verstaute.
   Sie schloss alle Fenster wieder und goss noch schnell Opas Blumen auf der Fensterbank. Für einen Moment lauschte sie in die stille Wohnung. Nie überfiel sie das Gefühl, allein zu sein, selbst wenn Opa nicht da war. Ob Analyn längst verstorben und ihr Geist hier war? Eine Gänsehaut kroch über Kasumis Arme. »Ich werde dich finden, Analyn. Hoffentlich haben wir dann genug Zeit, uns kennenzulernen. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, wieder aufzutauchen. Opa geht es nicht gut«, flüsterte sie, bevor sie die Wohnung verließ.

Kapitel 2
Verbannt

Die Monde warfen ein gespenstisches Licht auf die Oberfläche des Spiegelsees. Sonst war nichts im Wasser zu erkennen. Ivan und Raja saßen nebeneinander am Ufer auf einem der kürzlich umgestürzten weißen Baumstämme. »Gruslig, wenn Raoul so ausflippt«, sagte Raja.
   Ivan nickte. Ihm war Raoul noch nie geheuer gewesen, aber er vermied es gegenüber Raja, schlecht von ihm zu reden, immerhin war er ihr Vater. »Warum nennst du ihn eigentlich nicht mehr Vater wie früher?«
   »Ich finde, das passt nicht, außerdem bin ich kein kleines Kind mehr.«
   »Du könntest doch trotzdem …«
   »Meine Eltern sind jedenfalls nicht wie in deinen Geschichten. Sie kümmern sich kaum um mich, auch früher nicht.«
   »Sie haben eine wichtige Aufgabe, vergiss das nicht.« Ivan hasste es, Umbra und Raoul in Schutz zu nehmen, denn er dachte darüber wie Raja. Schließlich gab es nicht immer Dinge zu beschließen oder zu bewachen. Umbra hätte oft Zeit gehabt, mit Raja zu spielen, als sie klein war. Oder sie in den Arm nehmen können.
   »Ich bin jedenfalls froh, dass ich dich habe.«
   Ivan war mindestens ebenso froh, dass er Raja hatte. Damals, bevor sie geboren wurde, wäre er fast abgehauen. Umbra hatte schließlich nicht ihn geliebt, sondern Raoul, das war sonnenklar gewesen, sogar bevor sie es ihm gesagt hatte. Als Umbra jedoch schwanger wurde, hatte Ivan plötzlich Angst um das kleine Etwas. Umbra erinnerte ihn viel zu oft an seine Mutter. Ähnlich waren sie sich nicht, aber Umbra fehlte genau das, was auch seiner Mutter gefehlt hatte. Gefühle. Zumindest liebevolle Gefühle ihrem ungeborenen Kind gegenüber. Wie oft hatte Ivan Umbra dabei beobachtet, wie sie ihren Bauch geringschätzig beäugt hatte? Es hatte beinah ausgesehen, als wäre sie ihr Kind gern losgeworden, aber dafür waren Kinder auf Axikon einfach zu wertvoll. Arantai konnten nur ein einziges Mal Kinder bekommen. Vermutlich hatte Raoul sie am Ende überredet, das Kind zu behalten. Sobald Raja auf der Welt war, hatte sich Ivan um sie gekümmert. Sie fast so behandelt, als wäre er ihr Vater, nicht Raoul.
   »Sie kann mich nicht einfach festhalten. Ich bin immerhin schon fast neunzehn und habe noch nichts von der Welt gesehen.« Raja fuhr sich mit den Fingern durch ihr zweifarbiges Haar.
   »Weißt du was? Ich übernehme deine Wachschicht, und du siehst dir an, was du möchtest. Die sind da noch ewig beschäftigt. Das wird eine von diesen tagelangen Besprechungen, das hab ich im Gefühl. Es wird also niemand merken, wenn du nicht bist, wo sie dich vermutet.« Ivan legte eine Hand auf Rajas Schulter und drückte sie kurz. Eine seltsame Trauer überkam ihn und er musste wegsehen. Raja war wirklich fast volljährig. Lang würde sie ihn nicht mehr brauchen. Sicher hielt Umbra einen Posten im Spiegelrat für sie bereit, irgendwer hatte so etwas erwähnt.
   Raja stand auf, lächelte Ivan glücklich an und nickte. »Das tust du wirklich? Wohin werde ich denn zuerst gehen?« Auf einmal hielt sie inne. »Wie soll ich irgendwo hinkommen, Ivan? Ich bin noch nicht neunzehn und verfüge folglich noch nicht über mein Element. Und diese verdammte Insel ist, wie die Bezeichnung schon sagt, komplett von Wasser umgeben. Weil es niemanden außer mir gibt, der auf so was angewiesen wäre, gibt es keine Fahrwege über das Wasser.«
   »Ich glaube, da gibt es einen Weg. Ich habe Mahin einmal beobachtet, wie sie ein besonderes Tor benutzt hat, aber ich weiß nicht, wo wir landen werden.« Mit diesen Worten stand er auf.
   Sie gingen ein Stück in Richtung Spiegelwald, aber Raja hielt inne. »Warte, ich würde gern das Skizzenbuch mitnehmen, geht das? Ich weiß auch genau, wo es liegt.«
   Ivan seufzte, aber er musste lächeln. Raja und ihr Skizzenbuch. »Meinst du, du findest darin noch eine freie Ecke für eine neue Zeichnung?«
   Sie gingen zu Rajas Wohnhöhle, die sie noch immer mit Ivan teilte, wenn er nicht vorzog, in seinem Element zu sein. Keiner der Spiegelratsmitglieder besaß so etwas. Sie waren schließlich nicht einfach aus Fleisch und Blut wie Raja. Zum Schlafen wechselten sie für gewöhnlich in ihr Element oder schliefen dort, wo sie sich am wohlsten fühlten. Gallicus, der Vogelmann, hatte vermutlich irgendwo ein Nest oder einen bequemen Ast, Xylon, der Baumgeist, hielt sich ohnehin die meiste Zeit in den Bäumen auf, wenn er nicht gerade bei einer Versammlung war, und die anderen Tierwesen oder Arantai hielten sich im Wald auf. Es war Ivan ein Rätsel, was die Ratsmitglieder den ganzen Tag taten. Sie besprachen Wichtiges, bewachten abwechselnd den Spiegelsee und blieben ansonsten unter sich.
   »Meinst du, wir wohnen hier noch immer nach meiner Verwandlung?«, fragte Raja gedankenverloren.
   »Wie du möchtest.«
   »Ach, ich wünschte, es wäre schon so weit. Wobei, auf die Zeremonie bin ich nicht sonderlich scharf. Es wäre viel einfacher, wenn auch andere Mondkinder auf Axikon wären, dann wäre ich nicht so allein mit alldem.«
   Ivan lächelte. Rajas Zeremonie, so etwas hatte es lang nicht gegeben. Genau genommen war noch nie ein Kind im Spiegeltal aufgewachsen, wenn er Mahin richtig verstanden hatte. Mahin war deswegen ganz aufgeregt. Ihre Haut leuchtete stärker als sonst, man konnte sich kaum in ihrer Nähe aufhalten, ohne geblendet zu werden. Zum Glück war Mondlicht nicht so grell wie Sonnenlicht. Ivan seufzte. Er war nie ein Sonnenanbeter gewesen, keiner von denen, die sich stundenlang an den Strand legten, aber das Gefühl der ersten wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut nach dem Winter war schon etwas, woran er sich gern erinnerte.
   »Außerdem will Mama mich mehr in ihre Aufgaben mit einbeziehen. Dabei gibt es doch schon acht Mitglieder im Rat. Da kann ich nicht auch noch dazu. Wenn es wirklich so kommt, dass ich da mithelfen soll, werde ich nie die Gelegenheit bekommen, mir die Welt anzusehen. Axikon, die Inseln darum herum und … vielleicht können wir auch mal in deine alte Welt? Würdest du mir die zeigen? Wo du gewohnt hast? Auf der … wie heißt deine Welt eigentlich?«
   »Erde.« Umbra würde mit Sicherheit nie zulassen, dass Ivan Raja mitnahm. Mittlerweile hatten sie die Höhle erreicht. Raja lief hinein und kramte das dicke, an der Oberseite schon zerfledderte Buch aus der hintersten Ecke. Als Kind hatte Raja immer gemalt, wenn er Geschichten erzählt hatte. Die Höhlenwände waren voll von Gesichtern, Häusern und Tieren. Raja wollte immer wieder von London und seiner Zeit in Prag hören. Er musste alles genau beschreiben.
   Wenig später standen Raja und Ivan zwischen den glitzernden Bäumen des Spiegelwaldes an der Stelle, die am weitesten weg von dem Beratungsplatz des Spiegelrats war. Zu ihren Füßen lag ein kleiner Teich, silbrig spiegelte er zwei der vier Monde Axikons über ihren Köpfen. Hin und wieder lief ein Zittern durch das Wasser und man konnte einen Blick darauf werfen, was dahinterlag. Darunter oder wie auch immer.
   Raja griff nach Ivans Hand. »Da durch? Bist du schon mal dort durchgereist?«
   Ivan schüttelte den Kopf. »Aber Mahin hat mir davon erzählt. Bisher hatte ich nie das Bedürfnis … oder die Erlaubnis.« Natürlich hatte er auch jetzt keine Erlaubnis, aber er wollte Raja diesen Gefallen tun. Was konnte der Rat schon dagegen unternehmen? Ivan wollte nicht darüber nachdenken, denn da gab es sicher jede Menge.
   Gemeinsam taten sie den ersten Schritt in das Wasser. Ihre Füße verschwanden und Ivan spürte an seinen Zehen eine wohlige Wärme. »Bereit?«
   »Bereit.« Raja nickte aufgeregt.
   Sie nahmen einen weiteren Schritt und der Boden unter ihren Füßen wich vollständig der Leere. Es war, als würden sie nach unten gezogen, aber gleichzeitig, als würden sie schweben. Ivan schaffte es, die Augen offen zu halten. Um sie glitzerte alles, es war, als schwebten sie durch flüssige Spiegel. Bilder tauchten in den glatten Flächen auf. Je mehr Bilder kamen, desto aufgeregter zog Raja an Ivans Hand. Auf einmal hatten sie wieder festen Boden unter den Füßen und die Spiegel waren verschwunden.
   Sie standen auf einem fremden Strand, zur einen Seite lag eine Art Urwald und zur anderen lag dunkel eine riesige Wasserfläche, vermutlich das Nachtmeer. Raja hörte nicht auf, sich umzudrehen und auf Dinge zu zeigen. »Sieh mal da«, rief sie die ganze Zeit, jedes Mal, wenn sie etwas entdeckt hatte, das es auf der Spiegelinsel nicht gab. Sie deutete auf einen violett schimmernden Vogel mit langen Schwanzfedern, der sich vor einem der weißen Berge in die Luft erhob. Im Mondlicht leuchteten seine roten Streifen auf, bevor er einen schrillen Ruf ausstieß und wie ein Pfeil in den Himmel hinaufschoss. Raja sah ihm staunend hinterher, bis er nicht mehr zu sehen war. Im nächsten Moment zeigte sie auf eine besonders hübsche, federblättrige Palme. Sie bückte sich und ließ etwas von dem goldgelben Sand durch ihre Finger rinnen. »Sogar die Farben sind anders. Oh, Ivan, es ist so schön hier! Du musst mitkommen auf meine Erkundungstour.«
   Gern hätte Ivan genau das getan, aber da war etwas wie ein schlechtes Gewissen. »Jemand muss den Spiegelsee bewachen.«
   »Aber heute wird nichts passieren, das weißt du genauso gut wie ich.«
   Raja hatte recht. Der Spiegelsee, gleichzeitig Tor zur Erde und Auge nach überall. Er würde vermutlich nichts zeigen, was nicht warten konnte, und zur Erde reisen konnte ohnehin noch niemand aus Axikon, da das Tor noch nicht geöffnet war. Die Nacht der Elemente war erst in einigen Tagen, sogar fast eine Woche dauerte es noch und folglich würde sich niemand verwandeln. Die Mondkinder, die dieses Jahr dran waren, würden sich noch nicht offenbaren. Geburten standen in Axikon auch keine an, soweit Ivan wusste. Weil sie so selten waren, sprachen sie sich für gewöhnlich schon herum. Das Einzige, was sie im See verpassen konnten, waren Todesfälle oder Verbrechen, und es war schon sehr unwahrscheinlich, dass ausgerechnet jetzt etwas passieren sollte. Oder? Ivan seufzte. »Gut.« Bevor sie zehn Schritte gehen konnten, sauste etwas durch das Wasser. Ivan erkannte das Glitzern, bevor Raja es überhaupt bemerkt hatte. Sie mussten sich verstecken.
   Einen Wimpernschlag später stieg Umbra aus dem Nachtmeer. Sie baute sich vor Raja auf, als wäre sie drei Köpfe größer. »Warum bist du nicht am See, Raja?«
   Ivans Kopf war völlig leer gefegt. Er blickte von Umbra zu Raja, die ihre Hände in die Taille stützte und Umbra anfunkelte.
   »Da passiert doch heute nichts. Warum soll ich dort rumsitzen? Ich habe noch nichts von der Welt gesehen, weil du es mir immer verbietest. Du verbietest mir sowieso alles. Und Raoul hat sich auch noch nie in meinem Leben für mich eingesetzt. Ich wünschte, Ivan wäre mein Vater!«
   Ivan zuckte zusammen. Er beobachtete Umbra und sah etwas Merkwürdiges in ihren Augen. War das Schmerz? Bedauern? Gar Mutterliebe? Er musste sich getäuscht haben. Diese Gefühle konnte Umbra nicht empfinden, höchstens vorspielen, da war sich Ivan sicher. Sie wollte Raja ein schlechtes Gewissen machen.
   »Du wagst es, so mit mir zu sprechen? Und du wagst es, diesen Nichtsnutz deinem Vater vorzuziehen?«, fragte sie so leise und drohend, dass Ivan einen Schritt auf Raja zuging.
   Am liebsten hätte er sich vor sie gestellt, aber Raja würde es auch allein schaffen.
   »Ivan ist der Einzige, der sich je um mich gekümmert hat. Ohne ihn wäre ich genauso verbittert wie du.« Rajas Stimme bebte und eine Träne lief ihr über eine Wange.
   »Umbra, ich finde …«
   »Du hältst dich da raus!« Im Nu stand Umbra vor ihm und drückte einen spitzen Zeigefinger in seine Brust. »Du hast nichts zu sagen. Du hättest auf Raja aufpassen sollen. Geh mir aus den Augen.«
   Ivan schlug Umbras Finger weg. »Du hast mich doch hergeschleift. Damals war ich dir gut genug, aber du liebst ja niemanden außer dir. Raja hat recht.«
   Umbra lachte hart auf. »Ihr habt euch gegen mich verschworen, ja? Ihr werdet gleich sehen, was ihr davon habt.« Mit einer flinken Bewegung griff sie nach Rajas Arm. »Du kommst mit mir.« Umbra pfiff, zog Raja ein Stück in Richtung Wasser und spähte in den Himmel. »Wir bringen dich wieder dorthin, wo du hingehörst.«
   Ein lautes Flappen wie von gewaltigen Flügeln erklang, noch bevor Ivan Gallicus sehen konnte. Unwillkürlich ging er einen Schritt zurück, als der Vogelmann neben Umbra landete. Er starrte Ivan einen Moment mit seinen roten Augen an, bevor er sich zu Umbra umdrehte.
   »Bring Raja zurück auf unsere Insel.«
   »Ich will aber nicht.« Raja stampfte auf wie ein kleines Kind, was im Sand leider nicht so gut klappte. »Ich bleibe bei Ivan.« Sie griff nach seinem Arm und klammerte sich an ihm fest.
   Ivans Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als er Umbras Blick begegnete. Er wusste, was kam, würde nicht gut sein. Wenn er sich gegen Umbra stellte, würde er nicht gewinnen. Sie war um vieles älter. Außerdem stand der Spiegelrat hinter ihr. Ivan hatte niemanden außer Raja. Er drückte Rajas Arm und machte sich los.
   »Lass mich nicht allein«, flüsterte Raja.
   Sie ahnte wohl, was er vorhatte.
   »O doch, das wird er«, knurrte Umbra. »Denn ich verbiete ihm, jemals wieder einen Fuß auf die Spiegelinsel zu setzen. Komm mir ja nicht mehr unter die Augen. Du wirst merken, was es heißt, mich zu hintergehen.«
   »Dich zu hintergehen? Wann habe ich dich denn hintergangen?« Ivan schaffte es kaum, seine Stimme zu beherrschen. »Wer hat sich die ganzen Jahre um deine Tochter gekümmert? Wer hat dir nie einen Vorwurf gemacht, dass du mich unter falschen Versprechungen hergelockt hast? Ich habe nie etwas gegen dich oder Raoul gesagt, aus Rücksicht auf Raja. Glaub mir, ich hätte dir eine Menge zu sagen gehabt, aber was hätte das gebracht?«
   »Schweig. Deine Zeit ist vorbei. Ich brauche dich nicht mehr. Raja braucht dich auch nicht mehr, in ein paar Tagen wird sie eine Arantai und in den Rat aufgenommen. Verschwinde.«
   Raja schrie erschrocken auf. Als Ivan herumschnellte, hatte Gallicus sie bereits gepackt. Der Vogelmann hielt sie in seinen Klauen und schwang sich mit ihr in die Lüfte.
   »Ivan«, schrie Raja.
   Ivan hörte ihre Stimme selbst noch, als er schon allein auf dem fremden Strand stand. Umbra war in einem Wirbel aus Eiskristallen verschwunden und hatte eine durchdringende Kälte hinterlassen. Noch lange starrte Ivan auf den immer kleiner werdenden weiß-schwarzen Fleck aus Gallicus weißen Schwingen und Rajas dunkler Kleidung. Als er sie nicht mehr sehen konnte, stürzte in ihm etwas zusammen und seine Knie gaben nach. Er fiel in den Sand und schluchzte ein einziges Mal auf.
   Es gab keine Möglichkeit, Raja rauszuholen. Es sei denn … Ivan fasste einen Entschluss. Er würde jemanden finden, der ihm helfen konnte, und Raja retten. Das war er ihr schuldig.

Kapitel 3
Berührt

Der gepflasterte Weg hörte auf und Kasumi klemmte sich das Skateboard wieder unter einen Arm. Sie wollte noch ein Stückchen weiter und lief über einen sandigen Pfad an Büschen entlang. Die ganze Zeit hatte sie den Geruch nach Algen in der Nase, der vom Rhein zu ihr hinüberwehte. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis sie niemandem mehr begegnete. Sie suchte sich eine der schön verwurzelten Weiden aus und setzte sich auf einen niedrigen Ast. Hier war sie umgeben von Grün und kam sich vor wie in einem verwunschenen Wald. Gut, man musste sich den Müll wegdenken, den ständig irgendwelche Leute liegen ließen, und durfte nicht zu genau hinhören, damit man die Autogeräusche nicht wahrnahm. Kasumi lehnte ihr Skateboard neben sich und streckte die Beine aus.
   Einen Moment atmete sie einfach ein und aus und versuchte, an nichts zu denken. Die düsteren Worte von Porcupine Trees Phantoms durchfluteten ihre Gedanken. Die letzten Töne verklangen, und bevor das neue Lied begann, schaltete Kasumi den MP3-Player aus und zog die Kopfhörer aus den Ohren. Eine Taube gurrte in der Nähe. Kasumis Blick wanderte zu ihrem Rucksack. Mit einem Seufzen holte sie zuerst die dünne Mappe heraus, legte sie auf die Beine und zog die Gummibänder von den Ecken ab. Sie fand handgeschriebene Briefe, Fotos und ein paar Kopien von Zeitungsartikeln. Kasumi seufzte. Analyn war ihr so fremd, obwohl sie so viel über sie gehörte hatte. Sie wusste nicht, wie ihre Haut roch, kannte ihre Stimme nicht und hatte noch nie ihre Hand auf dem Haar gespürt. Eine unbestimmte Wehmut erfasste Kasumi. Sie vermisste Analyn. Wie konnte das sein? Vermutlich tat sie es stellvertretend für Opa. In dieser Sammlung von Beweisen für Analyns Existenz lagen so viele Gefühle verborgen.
   Ohne die Briefe zu lesen, wusste Kasumi, dass Analyn Opa wirklich geliebt hatte. Opa hatte viel von ihr erzählt, wie sie sich damals im Studium kennengelernt hatten. Sie stammte ursprünglich von den Philippinen und war die einzige Tochter der Familie gewesen, die nach Deutschland gekommen war. Ein Professor der Hochschule für Musik hier aus Köln hatte sie kennengelernt und geheiratet. Er war so bezaubert von ihrem Gesang gewesen und hatte beschlossen, dass sie am besten an seiner Uni aufgehoben wäre.
   Kasumi hatte bei dieser Geschichte irgendwann gefragt, wie alt er gewesen war. Opa hatte ihr versichert, dass er zwar fast dreißig Jahre älter gewesen war als Analyn, aber stets nur väterliche Gefühle für sie empfunden und sie nur geheiratet habe, damit sie bleiben konnte. Opa hatte lange Zeit weiter den Kontakt zu Professor Schwarz gehalten. Er war leider vor drei Jahren verstorben.
   Analyn hatte Professor Schwarz oft an der Uni besucht, sie war vermutlich gerade erst mit der Schule fertig gewesen. Opa pflegte immer dort auf den Betonstufen auf sie zu warten. Es war einer dieser seltenen Fälle von Liebe auf den ersten Blick. Als Professor Schwarz das mitbekam, hatte er sich von Analyn scheiden lassen. Einfach so. Ihr Glück hatte ihm am Herzen gelegen. Er hatte Analyn sogar zum Altar geführt, als wäre er ihr richtiger Vater. Wie in den alten Filmen.
   All das war innerhalb eines einzigen Jahres passiert. Die Scheidung war vermutlich noch nicht einmal rechtskräftig, als Analyn schwanger wurde. Von Opa. Kasumi suchte nach dem Foto, wo Analyn auf den Treppenstufen des rot-orangenfarbenen Hochschulgebäudes saß und versonnen in die Kamera blinzelte. Alles hatte auf dieser Hochschule begonnen. Vielleicht war Kasumis Wahl deswegen auf Musik als Studienfach gefallen. Um Opa diesen Gefallen zu tun. Oder ihr lag die Musik einfach im Blut. Auch wenn Mama das nie verstanden hatte. Die Leidenschaft zu musizieren hatte vermutlich eine Generation übersprungen. Die einzige Musik, die Mama mochte, war die von japanischen Boygroups. Diese Leidenschaft war so weit gegangen, dass Kasumi einen japanischen Namen bekommen hatte. Sie lächelte kurz über Mamas Spleen und summte eine Melodie, die Opa ihr früher immer auf dem Klavier vorgespielt hatte.
   Kasumi kannte jedes einzelne Foto. Darauf waren die gleichen schwarzen Haare zu sehen, die auch Kasumi hatte, nur dass Analyns glatt und lang bis zu ihrer Hüfte hinunterflossen. Es fiel Kasumi schwer, sich vorzustellen, dass die etwa achtzehnjährige Frau auf dem Foto ihre Großmutter sein sollte. Im Arm hielt sie ein kleines, in eine karierte Wolldecke eingewickeltes Bündel: Mama.
   Auf einem anderen Foto waren Analyn und Georg gemeinsam zu sehen. Eng umschlungen hatten sie nur Augen füreinander. Sie hatten nur ein einziges Jahr gehabt. Auf den Tag genau an Analyns neunzehntem Geburtstag war sie verschwunden. Es gab keinen Abschiedsbrief, keine fehlende Kleidung, keine Hinweise für ihr Verschwinden. Der Pass und Analyns Geldbörse befanden sich noch immer in einer der roten Schachteln in Opas heiligem Analyn-Zimmer. Dort standen ein Kleiderschrank, ein zierlicher Sekretär, den Opa ihr auf einem Antikmarkt erstanden hatte, und ein Regal voller rot und schwarz glänzender Pappschachteln. Kasumi seufzte. Sie würde sich die Boxen auch vornehmen müssen. Schon als Kind hatte sie das immer wieder getan, unter Opas wachsamem Blick, damit nichts verloren ging. An sein Lächeln, wenn sie über die Sachen gestreichelt hatte, konnte sie sich noch gut erinnern.
   Kasumi strich mit dem Daumen über die Fotografie. Mit der anderen Hand griff sie nach einem der Briefe. Analyns Handschrift war hübsch, etwas schnörklig und trotzdem ordentlich. Kleine Buchstaben, fein aneinandergereiht zu romantischen Sätzen. Die ersten Zeilen trieben Kasumi die Tränen in die Augen. Es waren nicht unbedingt die Worte, sondern der Ton. So eine Liebe hatte Kasumi noch nie zu jemandem gespürt. In diesem Moment stand für sie fest, dass sie Analyn finden würde. Kostete es, was es wollte.

*

Raja schlug nach Gallicus’ Krallen, aber es war sinnlos. Wenn er sie losließ, würde sie ins Meer stürzen und sie konnte nicht schwimmen. Vielleicht war das jedoch besser, als ein Leben lang ans Spiegeltal gebunden zu sein. Es kam Raja unnatürlich dunkel vor, fast, als wären die Monde hinter Wolken getreten. Das passte haargenau zu ihrer Laune.
   Irgendwann kamen der violette Strand der Spiegelinsel in Sicht, dahinter die weißen Sichelfelsen und die schwarzblättrigen Bäume ringsum. Raja ließ sich hängen, die Kraft verließ sie augenblicklich, als sie erkannte, wer bereits am Strand auf sie wartete. Gallicus ließ sie los. Raja fiel den letzten Meter auf den Boden und landete im weichen Sand zu Raouls und Umbras Füßen.
   »Was hast du dir dabei gedacht?«, donnerte Raoul, griff nach ihrem Haar und riss ihren Kopf hoch.
   »Aua!«
   »Raoul«, mahnte Umbra leise.
   Tatsächlich ließ Raoul sie los. Raja rappelte sich auf und strich über ihr kurzes Kleid.
   »Was hast du da überhaupt an?«
   »Ein Kleid.« Raja reckte ihr Kinn, sodass sie Umbra in die Augen sehen konnte.
   »Das sehe ich. Wer hat es dir gemacht? Seit wann trägst du Menschenkleider?« Ihre Stimme war leise und drohend.
   Raoul knurrte. Ein perfektes Paar, einer knurriger als der andere. Sie antwortete nicht, bis Umbra eine Muschel aufhob. Eine silberne Muschel. Eisige Kälte durchfuhr Rajas Herz, das wie wild zu schlagen begann. Stumm schüttelte sie den Kopf und trat einen Schritt zurück. Ein kalter Schweißtropfen rann ihr über den Rücken. Sie wusste, wofür die Muschel gedacht war, und wollte um alles in der Welt vermeiden, dass Umbra diese Drohung wahr machte.

*

Ivan schaffte es lang nicht, den Blick vom Himmel zu lösen. Das Mondlicht tanzte silbrig auf den Wellen, aber sonst war da keine Bewegung. Raja war fort. Er würde sie nicht mehr wiedersehen, wenn er sich nichts einfallen ließ. Umbra duldete ihn nicht mehr auf der Spiegelinsel. In diesem Moment kam ihm sein Wunsch, ganz Axikon zu erkunden, töricht und unwichtig vor. Er musste immerzu an den panischen Ausdruck in Rajas Augen denken, als Umbra ihre Strafe ausgesprochen hatte. Es half nichts. Ivan konnte nicht zurück, erst brauchte er einen Plan. Vielleicht würde er tatsächlich jemanden finden, der ihm helfen konnte, Raja zu befreien.
   Aus den Augenwinkeln sah Ivan ein Leuchten. Er stand auf und kniff die Augen zusammen. Da war es wieder. Auf den Dünen wuchsen winzige, spitzblättrige Blumen. Ihre Blütenblätter schimmerten bläulich, aber hier und dort blitzten sie rötlich auf. Wie ein Irrwisch sauste eine kleine Gestalt zwischen den Blumen hin und her. Wenn sie eine Blüte berührte, leuchtete die ganze Blume auf. Waren das Funken, die diese kleine … Ja, was? Eine Elfe? Ivan stand stocksteif da und beobachtete die glühende Gestalt. Unerwartet blieb sie in der Luft stehen und ihr Blick richtete sich auf ihn. In der nächsten Sekunde flatterte sie vor seiner Nase herum. Eine wohlige Wärme kroch über seine Haut.
   »Wer bist du denn? Dich habe ich noch nie gesehen. Wo kommst du her? Warst du im Meer schwimmen?« Sie schüttelte sich.
   Ivan brauchte einen Moment, um sich an ihre Stimme zu gewöhnen. Sie klang unwahrscheinlich rauchig für so ein kleines Wesen. »Ivan«, sagte er mit einer angedeuteten Verbeugung.
   Die kleine Gestalt wurde zu einem grellen Flirren, als sie ihn umrundete. Sie blieb wieder vor seinem Gesicht stehen. »Du bist ein …?«
   »Arantai.«
   »Und ich dachte schon, du wärst ein Werwolf, natürlich bist du ein Arantai! Ich meinte, welches Element hast du?«
   »Wind«, antwortete Ivan und ließ die Haare der kleinen Elfe um ihr Gesicht wehen.
   Sie stemmte die Hände in die schmale Taille. Ihre Flügel wurden zu einer einzigen Flamme. »Wind. Na ja, es kann schließlich nicht jeder das Königselement beherrschen.«
   »Feuer?« Ivan nickte zu ihren Flügeln. »Bist du also eine Feuerelfe?«
   »Elfe?«
   Ihre Stimme wurde so schrill, dass sich Ivan am liebsten die Ohren zugehalten hätte, aber das wäre unhöflich. Offenbar war sie keine Elfe.
   »Ich bin eine Ignazie. Merk dir das gefälligst. Elfe. Also wirklich. Wie viele Nächte bist du in Axikon? Das kann ja nicht lang sein.«
   Ivan seufzte. »Sehr lang.« Sie wartete offenbar auf eine andere Antwort. »In Kürze sind es wohl neunzehn Jahre.«
   »Du bist in der vergangenen Nacht der Elemente hergekommen? Da hattest du wirklich genug Zeit, die wichtigen Dinge über unsere Welt zu lernen. Wo hast du dich denn die ganze Zeit rumgetrieben? Bist du in einer Erdhöhle geblieben, oder was?«
   »Ich war im Tal der Spiegel, viel rumgekommen bin ich tatsächlich nicht.« Ivan zuckte mit den Schultern.
   »Spiegeltal? Du bist aber nicht einer vom Spiegelrat, oder? Wen hast du ersetzt?«
   »Niemanden. Ich war sozusagen zusätzlich da, weil Umbra mich mitgebracht hat.«
   »Umbra? Ach, du bist ihr kleines Spielzeug. Dann habe ich von dir gehört.«
   »Spielzeug?« Ivan fröstelte, aber genau das war er für Umbra gewesen. Eigentlich hatte sich Ivan damit abgefunden, lang ausrangiert zu sein, schließlich war genug Zeit vergangen, um zu wissen, dass Umbra nicht seine große Liebe war. Nicht so, wie es in Großmutters Märchenbüchern geschrieben stand. Ivan seufzte. »Ja, das war ich.«
   »Du durftest gehen?«, fragte die Ignazie interessiert.
   Ein kalter Windhauch strich über Ivans Rücken. Umbra brauchte ihn nicht mehr. »Sie hat mich rausgeschmissen.«
   Sie pfiff durch die Zähne. »Hast du etwas verbrochen?«
   Es war vermutlich nicht klug, schlecht über Umbra zu reden, aber es tat gut, überhaupt darüber zu reden. »Ich habe mich wohl zu sehr eingemischt.«
   »In Familienangelegenheiten.«
   »Ja, aber früher hat sie das gewollt, ich habe mich jahrelang um Raja gekümmert.«
   »Wer ist Raja? Eine vom Spiegelrat? Hast du Umbra etwa betrogen?« Sie schlug eine leuchtende Hand vor den Mund.
   »Nein. Raja ist Umbras Tochter.«
   »Das ist ja interessant, sie hat eine Tochter? Wie alt ist sie?«
   »Fast neunzehn.«
   »Dann wird Umbra bald ihren Platz räumen müssen.«
   »Wieso das?«
   »Kinder nehmen den Platz ihrer Eltern ein, wenn sie erwachsen sind. Oder es muss jemand anderes gehen.«
   Raja würde im Spiegelrat Mitglied werden. Vielleicht konnte sie seine Verbannung aufheben, damit sie sich besuchen konnten. Ivan schöpfte ein wenig Hoffnung, aber Umbra war dermaßen wütend gewesen, sie würde sicher einen Weg finden, Ivan fernzuhalten. Es war schließlich kein Geheimnis, was passierte, wenn Umbra wütend wurde. Das hatte er schon vor neunzehn Jahren gesehen.
   Wenn einem die Schwester genommen wurde, durfte man wütend sein, bei Umbra war es jedoch nicht einfach Wut, sondern ein alle Vernunft verschlingender Hass auf den vermeintlichen Mörder. Dass dieser wirklich schuld war, wurde überhaupt nie bewiesen. Mit vernünftigen Argumenten oder Beweisen konnte man ihr allerdings nicht kommen. Umbra verließ sich allein auf ihr Gefühl und ein dubioses Argument, dass ihre Schwester im letzten Moment seinen Namen geflüstert haben sollte. Ivan hegte nach wie vor Zweifel daran, dass Sander tatsächlich der Mörder war. Da halfen auch nicht Umbras Überzeugungskünste, mit denen sie sich zuallererst selbst von ihrer Theorie überzeugt hatte.
   Ein Räuspern riss Ivan aus seinen Gedanken. Oh, die Ignazie. Hatte sie etwas gefragt?
   »Wo willst du eigentlich hin?«
   »Ehrlich gesagt weiß ich das nicht. So weit war ich noch nicht. Vielleicht könnte ich mich in Axikon umsehen. Ich kenne bisher nur das Tal der Spiegel.«
   »Sie hat dir nie etwas anderes gezeigt?« Sie wirkte ehrlich erstaunt.
   Ivan schüttelte den Kopf. Wie hatte er in neunzehn Jahren nicht daran denken können, dass es weitaus mehr von Axikon gab? Natürlich wusste er einiges von Mahin, die ihm gern Dinge aus Axikon erzählte, aber sie kannte nicht viel. Nur Xylon, der Baumgeist, hielt es nicht so genau mit seinem Aufenthaltsort. Er reiste ständig von hier nach dort, durch ganz Axikon. Ivan hatte ihn schon immer darum beneidet. Nur warum war er nie auf die Idee gekommen, sich umzusehen?
   Raja. Sie war der Grund. Zwar waren Umbra und Raoul ihre Eltern und nie hätte jemand Raja etwas getan, aber er hatte sie nicht allein lassen wollen. Mit ihren herzlosen Eltern. Ivan dachte an früher. Zwar waren Raoul und Umbra anders als seine Eltern, aber auch um ihn hatte sich niemand gekümmert. Seinem Vater war es nur wichtig gewesen, dass er sich aus dem Streit zwischen ihm und Ivans Mutter heraushielt und ihm nicht im Weg herumstand. Zum Glück war da Großmutter gewesen. Sie hatte ihn glücklich sehen wollen. Sie war der einzige Grund gewesen, warum er es überhaupt so lang zu Hause hatte aushalten können. Nach ihrem Tod gab es dort nichts mehr für ihn. Er hatte lediglich die Zeit abgesessen, bis er alt genug gewesen war, um auszuziehen.
   »Hör mal, ich habe haufenweise Blumen zu beglühen, ich kann nicht Stunden auf deine Antworten warten. Viel Glück bei deiner Reise.«
   Mit diesen Worten verschwand die Ignazie wieder zwischen den Blüten. Ivan setzte seinen Weg fort. Bald endeten die Dünen und Palmen und riesige Bäume umgaben ihn. Glühende Schmetterlinge flatterten zwischen den segelgroßen Blättern hindurch. Leuchtende Vögel mit bunten Federn stiegen in den dunklen Himmel empor und sahen beinah aus wie ein Feuerwerk. Ivan seufzte. Für einen Moment verschwammen die Farben vor seinen Augen.
   Er musste sich konzentrieren und nicht ständig an Raja denken. Sie würde es schaffen, niemand würde ihr etwas tun. Raja würde ausharren, bis er kam, um sie zu holen. Ein bisschen fehlten ihm sogar die anderen. Nach und nach hatte er sich immerhin mit Mahin und Xylon angefreundet. Die einzigen beiden Ratsmitglieder, die überhaupt mit ihm sprachen, als wäre er nicht ein unwichtiger Statist. Mahin würde er vermissen.
   Ein Knurren riss Ivan aus seinen trübseligen Gedanken. Er lauschte. Links in einem nahezu schwarzen Gebüsch raschelte es. Ivan bekam eine Gänsehaut, witterte Gefahr und konzentrierte sich, um sich notfalls schnell in sein Element verwandeln zu können.

Kapitel 4
Botschaft

Die Tür fiel mit einem lauten Knall hinter Kasumi ins Schloss und sie stellte ihr Skateboard an eine Wand. Der Anrufbeantworter blinkte. Mit einem Seufzen zog Kasumi den Ordner und die Mappe aus dem Rucksack und ging damit zu ihrem Schlafsofa. Unschlüssig stand sie einen Moment davor und starrte aus dem Fenster. Die Sonne war hinter dichten Wolken verschwunden. Obwohl es noch nicht spät war, knipste Kasumi die kleine Lampe am Fenster an. Die Unterlagen zu Analyn legte sie auf den Schreibtisch. Zu gern hätte sie weiter darin gelesen, aber ihr Magen knurrte. Auf dem Weg in die Küche drückte sie auf die blinkende Taste am Telefon.
   »Sie haben eine neue Nachricht«, schnarrte eine vermutlich weibliche Stimme und bahnte sich einen Weg bis zu Kasumi in die Küche.
   »Hi, ich bins.« Robin.
   Kasumi hielt inne und lauschte.
   »Hast du morgen Abend Zeit? Wir könnten ins Kino gehen. Ruf mich an.« Piep.
   Kasumi warf einen Blick auf den Kalender. Morgen hatte sie keine Zeit. Zumindest nicht am Abend, da war Ankes Party. Die würde Kasumi nicht absagen. Sie würden schon einen anderen Tag finden, vielleicht. Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass sich Robin noch immer Hoffnungen machte, dabei hatten sie das Thema geklärt. Es wäre anders natürlich einfacher gewesen, wenn sie sich genauso in Robin hätte verlieben können. Argumente halfen bei diesen Dingen natürlich nicht, da konnte sich Kasumi noch so oft sagen, dass Robin gut aussah, lieb und an allem interessiert war, es half nichts. »Vielleicht bist du einfach zu nett für mich«, murmelte Kasumi in die Obstschale. Hier herrschte leider gähnende Leere. Kasumi hatte schon wieder vergessen, einzukaufen.
   Im Kühlschrank gab es noch einen Naturjoghurt, der vor einer Woche abgelaufen war. Der würde trotzdem noch gehen. Eine angebrochene Packung Knäckebrot und eine Tüte Rosinen fand sie noch im Vorratsschrank. Kasumi schüttelte über ihre Vergesslichkeit den Kopf und nahm sich drei Scheiben Knäckebrot, den Joghurt und einen Löffel und setzte sich damit auf die Arbeitsfläche am Küchenfenster. Sie riss den Foliendeckel vom Becher und aß. Nach vier Löffeln hielt sie inne und biss eine Ecke vom Knäckebrot ab. Wenigstens war es Sesam-Knäckebrot, das schmeckte auch ohne Belag ein wenig nach einer Mahlzeit. Einer kargen zwar, aber immerhin.
   Sie starrte auf den Kalender an der gegenüberliegenden Wand. Er war ein Geschenk von Anke gewesen und der größte Kalender, den Kasumi je besessen hatte. Dafür hatte sie die Küchenuhr und zwei kleine, selbst gemalte Bilder umhängen müssen. Bereut hatte sie es natürlich nicht. Der Kalender war grandios. Landschaftsfotos aus aller Welt und diesen Monat war Cornwall dran. Die Klippen, darunter das abwechselnd türkis- und dunkelblaue Meer, hell violette Blumen auf sattem Grün und dazwischen ein sandiger Weg. Kasumi seufzte. Zu lang war sie nicht mehr dort gewesen. Im Gegensatz zu Köln schien in Cornwall die Sonne. Zumindest auf diesem Bild.
   Ein dichter Schatten fiel auf die Wand, worauf Kasumi fast den Löffel fallen ließ. Langsam drehte sie sich um und erwartete halb, ein Gesicht am Fenster zu entdecken. Doch wer bitte sollte, außer einem Fensterputzer vielleicht, im dritten Stock einfach durch ihr Küchenfenster hereinsehen? Sie entdeckte gerade noch ein Stück von einem schwarzen Flügel vor dem grauen Himmel, den hohen Mietshäusern und den alten Platanen. Aber was für ein großer Flügel. Bei Weitem zu groß für eine Amsel oder eine Krähe. Nicht mal Raben waren so groß, oder? Sicher hatten ihre Augen Kasumi einen Streich gespielt.
   Ohne hinzusehen, biss Kasumi noch einmal von ihrem Knäckebrot ab, wischte sich mit der einen Hand ein paar Krümel von den Lippen und kaute gedankenverloren. Als sie den Joghurt aufgegessen hatte, legte sie die letzte Scheibe Knäckebrot wieder in die Packung und rutschte von der Arbeitsplatte. Der Himmel war ein einziges Grau und die Blätter der Platane wiegten sich gemächlich hin und her. Anscheinend war Wind aufgekommen. Kasumi stellte den leeren Joghurtbecher auf die Spüle und öffnete das Fenster.
   Sie holte tief Luft und genoss das sanfte Streicheln des Windes in ihren Haaren. Die Luft roch fantastisch, warm und verheißungsvoll. Sie liebte warme Maitage. Sanft strich der Wind über ihre Haut. Kasumi seufzte, öffnete die Augen und stutzte. Da lag etwas auf dem Fensterbrett. Ein kleiner Beutel aus glänzendem nachtblauen Satin. Daran hing eine kleine Karte. Kasumi angelte danach und wog den Beutel in ihrer Hand. Wie war er da hingekommen? Ob er jemandem aus dem Fenster gefallen war? Aber über ihr wohnte niemand, da war nur der Dachboden. Einen Moment erschien ein Bild vor ihren Augen, wie ein Rabe den Beutel bei ihr aufs Fensterbrett legte. Kasumi schüttelte lächelnd den Kopf. Auf solche Ideen konnte auch nur sie kommen.
   Kasumi ließ das Fenster geöffnet und ging mit dem Stoffbeutel in ihr Schlafzimmer. Sie setzte sich auf ihr Bett, zog die Beine zu einem Schneidersitz heran und betrachtete den glänzenden Stoff. Neugierde packte sie, aber sie traute sich noch nicht, hineinzusehen. In dem Beutel steckte vielleicht ein seltener Edelstein, geschickt von einem heimlichen Verehrer. Oder vielleicht war es eine goldene Rabenfeder und sie war auserwählt worden, die Königin der Raben zu sein. Kasumi lachte. Das war zu verrückt. Sie lehnte sich kurz zur Seite, um Musik einzuschalten, drehte die Karte um und las die Botschaft. Ihr Herz stolperte und die Worte tanzten vor ihren Augen. Besonders das letzte. Analyn.

*

Aus den Büschen erklang erneut das Knurren, es raschelte und ein etwa kniehohes graues Tier trat auf den Weg und blieb stehen. Ein Manek. Bislang hatte Ivan nur von diesen Wesen gehört, denn im Tal der Spiegel sah man nur Vögel und Insekten. Andere Tiere gab es nicht oder sie versteckten sich so gut, dass sie niemand zu Gesicht bekam. Er versuchte sich zu erinnern, was Mahin ihm über diese Spezies erzählt hatte, allerdings war das Einzige, was ihm einfiel, dass Maneks äußerst scharfe Zähne hatten und es besser war, sie nicht zu reizen. Natürlich hätte er einfach die Gestalt wechseln können, aber Ivan wollte das Tier beobachten. Leuchtend blaue Augen musterten ihn, obwohl es zwischen den Bäumen fast vollständig dunkel war, konnte Ivan die Augenfarbe gut erkennen. Natürlich hatte sich Ivan längst an das schummrige Licht gewöhnt, aber ihn wunderte es nach all den Jahren immer noch, wie viele Farben es sogar in der immerwährenden Nacht auf Axikon geben konnte. Die Monde halfen natürlich dabei, aber zwischen die dichten Blätter des Waldes drang kaum Licht.
   Der Manek knurrte leise, kam ein paar Schritte näher, wobei er seine Pfoten bedächtig und lautlos aufsetzte. Ivan hielt den Atem an. Angst spürte er nicht, was ihn überraschte, denn Maneks ließen sich nicht von der Größe ihrer Gegner beeindrucken. Trotzdem sah es nicht aus, als wollte ihn das Tier angreifen. Es kam einen weiteren Schritt näher und witterte. Ivan war versucht, dem Manek eine Hand zum Schnuppern hinzuhalten, aber natürlich war dies kein zahmer Hund. Der Manek sah ihm in die Augen, drehte sich um und lief ohne Eile zurück ins Gebüsch.
   Ivan atmete aus und lächelte. Was für eine erstaunliche Begegnung. Im ersten Moment hatte er angenommen, es würde sich um Raoul in seiner Wolfsgestalt handeln, der ihn für Umbra umbringen sollte. Beinah hätte Ivan über sich gelacht, aber so abwegig war der Gedanke nicht, darum beeilte er sich, weiterzugehen.
   Die Bäume lichteten sich erst nach einer ganzen Weile. Der Boden war sandig und glatt. Hohe Berge erhoben sich vor dem Nachthimmel, Vulkane. Ivan hatte von ihnen gehört. Sie wurden die neun Katzen genannt. Warum sie nach kleinen Haustieren benannt waren, leuchtete ihm allerdings nicht ein. Sie waren weder klein noch sonderlich niedlich. Zwei davon stießen hin und wieder Rauchwolken aus. Es bestand kein Zweifel mehr, dass sich Ivan auf Foíbur Paíta, der Sommerinsel, befand. Auch das wusste er von Mahin. Über die Jahre hatte er viel von ihr erfahren, dabei sprach Mahin mit so gut wie niemandem besonders viel. Auch sie würde Ivan wohl nicht wiedersehen. Ivan seufzte.
   Jetzt sollte sein Weg jedoch nach vorn gehen. Mal sehen, was es in Axikon alles gab. Vielleicht würde er einen Ort finden, an dem er sich heimischer als im Spiegeltal fühlte. Ivan wollte jedes Wispern in den Blättern hören, jeden Blumenduft und jedes Rauchwölkchen riechen, jede Farbnuance sehen. Foíbur Paíta gefiel ihm gut. Bleiben würde er jedoch nicht. Zu ihm würden gemäßigte Temperaturen besser passen. Möglicherweise wäre er auf Nobwen Paíta, der Frühlingsinsel, oder Vosur Paíta, der Herbstinsel, besser aufgehoben?
   Es war nach all den Jahren immer noch manchmal seltsam, dass viele Stunden vergingen, ohne dass sich die Sonne zeigte. Dass die Monde über den Himmel wanderten, war der einzige Hinweis, dass die Zeit überhaupt verging. Hin und wieder dachte Ivan wehmütig an die warmen Strahlen der Sonne. Natürlich war es auch hier warm. Auf Foíbur Paíta sorgten die Vulkane und die warmen Meeresströme dafür, dass hochsommerliche Temperaturen erreicht wurden. Schweiß rann über Ivans Rücken. Er hätte doch vorhin in dem Regenwald eine Wasserquelle suchen sollen. In der wüstenähnlichen Landschaft gab es wohl eher nichts. Wenn er sich recht erinnerte, müsste er früher oder später zum Regenwald gelangen, denn der umgab die Vulkane von allen Seiten.
   Erst viele Stunden später machte Ivan eine Pause. Er setzte sich auf einen Felsen in den Dünen und trank Quellwasser aus einer ausgehöhlten Kokosnussschale, die er glücklicherweise gefunden hatte. Vielleicht war nicht alles an Umbras Rauswurf schlecht. Schließlich spielte er schon eine Weile mit dem Gedanken, einen Ort zu finden, an dem man ihn willkommen heißen würde. Wo er richtige Freunde hätte. Mahin war wie eine Freundin gewesen, aber ihre wesenstypische Distanz hatte sie auch ihm gegenüber nie abgelegt.
   Umbra täglich zu sehen, tat ihm auch nicht gut. Zu oft überlegte er, ob sie ihn vielleicht nur benutzt hatte. Geduldet zu werden, war kein gutes Gefühl, aber erst das letzte Gespräch mit Mahin hatte ihn darauf gestoßen. Eines der wenigen Dinge, über die Mahin lang sprechen konnte, war die Liebe. Sie hatte wie alle Spiegelratsmitglieder keine Erinnerung an ihre Kindheit und die Zeit vor Eintritt in den Spiegelrat, aber sie sprach immer von einem dumpfen Gefühl. Sie hatte immer geglaubt, dass sie entweder vor ihrer Verwandlung jemanden geliebt hatte oder sich einfach danach sehnte. Diese Sehnsucht in ihren Augen war auf Ivan übergesprungen.
   Oft hatten sie gemeinsam ihren Wachdienst am Spiegelsee übernommen und nach der Liebe gesucht. Wenn im Spiegelsee neue Arantai auftauchten, war Mahin immer besonders aufmerksam geworden. Die Hoffnung auf Liebe hatte sie zwar nicht aufgegeben, aber sie wusste, dass sie so keine finden würde. Es war ohnehin sinnlos. Sie durfte das Spiegeltal nicht verlassen und andere Arantai durften nicht längere Zeit bleiben. Aber Ivan war nicht mehr länger im Spiegeltal. Er würde nach diesem Gefühl suchen, selbst wenn es traurig enden konnte.
   Ivan flog über das Nachtmeer. In seiner Windgestalt konnte er den Weg nur erspüren, der salzige Duft der Wellen blieb ihm verwehrt. Ihm war, als wären nur wenige Minuten bis zu seiner Landung vergangen, dabei hatte er bestimmt eine Stunde in der Luft verbracht. Der Sand schimmerte hell im Mondlicht und gab sanft unter Ivans Schritten nach. Er bückte sich, um eine zart leuchtende Muschel aufzuheben. Sie war gebogen wie eine Mondsichel und passte gerade in Ivans Handfläche. Plötzlich bewegte sie sich. Ivan hätte sie vor Schreck fast fallen gelassen. Zehn dünne schwarze Beine schoben sich aus dem einen Ende der Muschel nach draußen. Schneller, als Ivan sehen konnte, sprang das kleine Wesen von seiner Hand und verschwand im Meer.

Während der nächsten Stunden begegneten Ivan viele zauberhafte Wesen. Er glaubte sogar, eine Art silbernes Pferd gesehen zu haben, mit Drachenzacken auf dem Rücken, aber er war sich nicht sicher. Der sandige Boden wich schnell einem weichen Teppich aus kurzem Gras und immer wieder gab es Wiesen voller Blumen und Bäume mit zarten grünen Blättern. Ivan sah an sich herab. Auf der Spiegelinsel hatte er sich nach seinen Verwandlungen immer seine Kleider zurückholen können. Hier jedoch hatte er nichts. Keins der Spiegelratsmitglieder trug Menschenkleider. Sie alle hatten ihre eigene Art, Kleider herzustellen. Selbst Umbra hatte ihre Menschenkleider sofort entsorgt, als sie damals wieder im Tal angekommen waren. Ihr neues Kleid bestand aus Eiskristallen. Ein paarmal hatte Ivan es auch probiert. Und vielleicht war es auch ganz gut, dass er jetzt gezwungen war, seine alten, zerschlissenen Kleider hinter sich zu lassen. Ivan schloss die Augen und konzentrierte sich. Sein Geist fand in der Nähe dünnes Gras und längliche Blätter. Er ging hinüber und pflückte einige. Dann webte er sie mit Windmagie zusammen, und so entstand eine kurze Hose, die sich von alleine um seine Hüfte webte. Zufrieden nickte Ivan. Der zarte Duft von Halaibäumen wehte über sanfte Hügel, doch etwas anderes zog Ivans Blick magisch an. Am Rande einer Wiese, bestimmt einen Kilometer entfernt, lag ein goldener Schimmer über dem Gras. Davor hob sich eine dunkle Gestalt ab, die schnell näherkam.
   Wenig später stand ein Mädchen vor ihm. Ihre Augen leuchteten groß und dunkel in ihrem hübschen Gesicht, eingerahmt von tiefschwarzen Haaren, welches in Wellen über ihre zierlichen Schultern fiel. Sie trug Menschenkleider wie Ivan normalerweise auch. Ein dunkles fast bodenlanges Kleid, gehalten durch einen geflochtenen Ledergürtel in verschiedenen Rottönen. Ohne ein Wort streckte sie eine Hand aus und berührte seinen Unterarm. Eine Weile betrachtete sie ihn, als ob sie, ohne ihn zu fragen, gerade alles über ihn herausfand. Die Berührung ihrer Finger war kühl und warm zugleich. Ivan räusperte sich. »Hallo. Ich bin Ivan. Wohnst du in der Nähe?«
   Der Blick des Mädchens wurde freundlich und sie zog ihre Hand zurück. Kurz ähnelte ihr Lächeln dem von Raja, wenn sie nicht sicher war, ob sie sich über etwas freuen sollte. Ivan versuchte, das Bild zu verdrängen, und konzentrierte sich auf das fremde Mädchen. Es war besser, er würde nicht ständig an Raja denken.
   »Sotai.« Mehr sagte sie nicht und deutete in Richtung der goldenen Lichter.
   »Ein hübscher Name. Wie alt bist du?«
   Sotai verdrehte die Augen. »Zwölf. Komm mit, wir können dir bestimmt helfen. Und dir was zum Anziehen leihen oder läufst du immer so herum?«
   Helfen? Wobei wollte sie ihm helfen? Ivan fragte nicht, denn sie schien nicht sonderlich auf Small Talk zu stehen. Normale Kleidung hingegen war keine schlechte Sache. Sein Versuch an der Hose war offenbar nicht so erfolgreich gewesen. Er sah an sich herab und bemerkte, dass die Hose überall recht große Lücken hatte. Das musste er wohl noch üben. Irgendwie bekam er den Eindruck, Sotai könnte seine Gedanken lesen. Sie verriet ihm nur das, was sie ihm verraten wollte. Vielleicht würde sie ihm einfach alles zeigen. Möglicherweise sprach sie auch nicht so gut Englisch? Wobei er keinen Akzent erkannte. Nach ein paar Schritten hielt er es nicht mehr aus. »Kommst du aus England?« Ihr Blick irritierte ihn. »Ich meine, weil du so gut Englisch sprichst.« Ivan kam sich blöd vor.
   Sotai lachte und bezauberte Ivan sofort. Ihr Lachen klang wie eine zarte Melodie auf der Triangel. »Wir sprechen nicht Englisch, Ivan. Das ist Axikonisch. Kommst du nicht von hier?«
   Wieso fragte sie das? Damit war seine schöne Gedankenlesetheorie dahin. »Ich war die vergangenen Jahre im Tal der Spiegel und …«
   »Im Tal der Spiegel? Du bist aber kein Ratsmitglied, oder?« Sotai blieb stehen.
   Ihre Stimme hatte leicht gezittert. Wieso hatte sie Angst? Oder war das Aufregung? »Nein, ich bin sozusagen mit einigen Ratsmitgliedern befreundet. Ich komme ursprünglich aus Tschechien und habe zur Zeit meiner Verwandlung in London gewohnt.« Sotai blickte verwirrt. »Das ist in England.«
   »Du kommst aus der Menschenwelt? Das ist fantastisch!«
   Sotai griff nach Ivans Hand und zog ihn zügig mit sich in Richtung der goldenen Lichter, dabei begann sie, zu erzählen. Ivan konnte kaum folgen, so schnell sprach sie auf einmal. Er hatte anscheinend einen Nerv getroffen.
   »… mit meinen Eltern in Lennoxi, das Höhlendorf ist nach meinem Vater benannt. Mein Vater wurde hier geboren wie ich, aber meine Mama kommt aus der Menschenwelt. Aus Griechenland. Das liegt an einem Meer und da ist es richtig warm und den ganzen Tag scheint die Sonne. Du kennst die Sonne auch, ist sie wirklich so heiß wie Vulkanluft? Und gibt es in deinem Land auch ein Meer und Felder mit Bäumen, auf denen Oliven wachsen? Mama besaß früher einen großen Vorrat aus ihrer früheren Heimat, aber leider haben wir mittlerweile alle aufgegessen. In der nächsten Nacht der Elemente werden wir neue holen, da sie hier nicht gedeihen. Ich liebe Oliven.« Sotai stoppte, weil ihnen ein Mann entgegenkam.
   »Sotai, wie oft habe ich dir gesagt, du sollst nicht einfach fremde Leute ansprechen.«
   »Tut mir leid, Papa, aber stell dir vor. Das ist Ivan, er kommt aus der Menschenwelt, genau wie Mama.« Sie zupfte aufgeregt an einem Ärmel ihres Vaters.
   Ivan musste lächeln, Sotais Aufregung steckte ihn an. Er sah sich den Mann genauer an, der wohl Sotais Vater war. Seine Augen blitzten freundlich und waren umringt von kleinen Lachfältchen. Das weiße Hemd strahlte im Mondlicht und er trug eine ziemlich modisch aussehende Hose, ähnlich einer Jeans, was Ivan verwunderte.
   »Verzeihung. Ich wusste nicht, dass Sie ein Zugereister sind.« Er verbeugte sich tief und seine langen dunklen Locken wippten. »Mein Name ist Arthur Lennox. Ich heiße Sie herzlich willkommen. Sie müssen unbedingt unser Gast sein.«

Kapitel 5
Rabenbesuch

Raja warf sich auf ihre Knie. »Bitte nicht, ich werde mich ab jetzt nach euch richten.« Sie wagte es kaum, nach oben zu sehen, aber als sie es tat, tauschten Umbra und Raoul gerade einen seltsamen Blick. Es war nicht leicht zu erkennen, was sie dachten, aber als Umbra auf sie herabsah, hielt sie ihr eine Hand hin.
   »Steh auf.«
   »Bitte«, wiederholte Raja und nahm Umbras Hand. Umbra zog ihre Tochter so kraftvoll auf die Füße, dass Raja ein kleines Stück auf ihre Eltern zustolperte. Aber dann fing sie sich und blieb stehen. Sie wusste nicht, wohin mit ihren Händen und verschränkte sie schließlich vor sich.
   »Du willst also dein Schicksal annehmen?«, fragte Raoul.
   »Ja«, sagte Raja, ohne nachzufragen, was er genau alles damit einschloss. Alles, nur nicht die Muschel, nicht die Käfer …
   »Du versprichst, nach deiner Verwandlung deine Stelle im Spiegelrat einzunehmen und nicht mehr wegzulaufen?«
   Wieder nickte Raja.
   »Ich höre dich nicht«, flüsterte Umbra.
   »Ja, ich verspreche es.« Die Umgebung verschwamm, als Raja kurz an Ivan dachte. Sie würde ihn nie wieder sehen. Er durfte nicht mehr ins Tal der Spiegel kommen, sie durfte nicht mehr hinaus. Trotzdem wagte sie es nicht, ihre Eltern darum zu bitten. Wenn die Käfer kamen, würde sie sich nicht einmal an ihn erinnern.
   »Du schlägst die Möglichkeit aus, die Erinnerungen an deine Kindheit in diese Muschel einzuschließen?«
   »Ja«, sagte Raja. Mehr ging nicht, ihr Hals wurde so eng, dass er nur dieses eine Wort durchließ.
   Umbra legte die Muschel behutsam auf den Sand zurück und nickte. »Gut, dann geh in deine Höhle und besinne dich auf das, was wirklich wichtig ist.«
   Ivan, schoss es Raja durch den Kopf, aber sie zählte das auf, was ihre Eltern hören wollten. »Die Aufgaben des Spiegelrats, die Verantwortung allen Wesen auf Axikon gegenüber, allen Arantai auf der menschlichen Erde und der Wahrung des Geheimnisses vor den Menschen«, zitierte sie halbherzig.
   Raoul durchbohrte sie mit seinem Blick und trat einen Schritt auf Raja zu. Sie musste sich anstrengen, nicht zurückzuschrecken, als er eine Hand hob. Sie biss die Zähne zusammen, aber er berührte nur ihre Schulter.
   »Du wirst deine Aufgabe gut machen.« Seine Stimme war um einiges freundlicher als eben. Mit einem letzten Nicken drehte er sich weg und griff nach Umbras Hand. Sie hielten sich immer noch an den Händen, als sie zwischen den Sichelfelsen verschwanden.
   Sobald Raja sie nicht mehr sah, ließ sie sich in den Sand fallen, drehte sich auf den Rücken und starrte auf den kleinsten Mond am Himmel. Sie würde das durchhalten. Ganz bestimmt.

*

Wie in Zeitlupe zog Kasumi die Kordel des Beutels auf. Was, wenn er überhaupt nicht für sie bestimmt war? Nein, das war nicht möglich. Auf dem Kärtchen stand schließlich Analyns Name. Kasumis Finger zitterten, als der Beutel offen war. Sie atmete einmal tief ein und sah hinein. Ganz unten war etwas, aber man konnte es nicht recht erkennen. Kasumi ging näher ans Fenster, sodass die Sonne den Inhalt beleuchtete. Da lag etwas Silbriges, Schmales. Kasumi schob zwei Finger in die Öffnung und zog einen kleinen Gegenstand heraus. Es war ein Ring. Silbern glänzte er auf ihrer Handfläche. In der Mitte war ein Edelstein eingefasst, möglicherweise ein Mondstein. Sie strich über den glänzenden Stein. Die Berührung kribbelte auf ihrer Haut und sie zog ihren Finger schnell zurück.
   Überall auf dem Silber waren hübsche Muster eingraviert und auf der Innenseite ein paar Wörter in einer fremden Sprache. Ob das Tagalog war, die Sprache, die ihre Großmutter früher gesprochen hatte, als sie noch auf den Philippinen lebte? Zu dumm, dass Kasumi die Sprache nie gelernt hatte. »Axikonis bindola shai.«
   Es klang wie eine Formel. Ein Zauberspruch vielleicht? Kasumi lachte auf. Genau. Analyn hatte ihr einen magischen Ring geschickt, war mittlerweile ein Dschinn und saß in eben diesem Ring und der Spruch war der Schlüssel, um sie daraus hervorzuholen. Sie schüttelte den Kopf und drehte den Ring erneut in ihren Fingern. Probehalber steckte sie ihn auf ihren linken Ringfinger. Er war zu klein. Auf den kleinen Finger passte er allerdings haargenau.
   Das Licht der Sonne fing sich in dem Mondstein und zauberte mystische Nebel hinein. Es sah aus, als würden sich diese bewegen. Kasumi seufzte und las die Karte noch einmal.
    Kasumi,

ich brauche dich. Ich werde dir jemanden schicken, der dich zu mir bringt. Bald.

Deine Großmutter, Analyn

Woher bloß kannte sie Kasumis Namen? Analyn war doch vor ihrer Geburt verschwunden. Sie musste also in der Nähe sein oder jemand hatte ihr diese Informationen gebracht. Nur wer und warum? Und warum hatte sie sich all die Jahre nie gemeldet? Ob Kasumi Opa von dem Ring erzählen sollte? Nein, lieber wartete sie damit, bis sie etwas mehr erfahren hatte. Er sollte sich nicht aufregen oder sich den Kopf darüber zerbrechen, warum sich Analyn bei ihr und nicht bei ihm gemeldet hatte.
   Analyn brauchte sie, stand auf der Karte. Wofür? Wer sollte kommen, um sie zu holen? Was war mit ihr passiert? Fragen über Fragen. Jetzt würde Kasumi mit Sicherheit nicht schlafen können. Vielleicht wäre es eine gute Idee, nach diesen rätselhaften Worten zu suchen.
   Sie fuhr den Rechner hoch und gab die Wörter in eine Suchmaschine ein. Nichts. Da es nahezu alle Sprachen im Internet gab, war es möglicherweise doch etwas Erfundenes. Oder eine seltene Sprache, die nicht im Internet auftauchte? Tagalog war es jedenfalls nicht. Wo zum Teufel war Analyn? Und woher wusste sie von Kasumi? Diese Frage war es, die sie absolut nicht losließ. Wusste Analyn dann auch, wie es ihnen allen ging? Wenn sie wusste, wie es Opa ging, warum hatte sie sich dann nicht bei ihm gemeldet? Kasumi wusste nicht, ob sie darüber wütend oder besorgt sein sollte. Irgendetwas stimmte jedenfalls ganz und gar nicht und sie würde herausfinden müssen, was es genau war.
   Zuerst wollte sie Opa fragen, ob er etwas Neues wusste. Sie sah auf die Uhr. Es war bereits nach zwanzig Uhr, die Besuchszeit im Krankenhaus längst zu Ende, aber sie würde ihn einfach anrufen. Auf einmal kribbelte es in ihrem Nacken, als ob sie jemand beobachtete. Kasumis Herz schlug schneller und sie drehte sich um. In der Wohnung war nichts zu hören, trotzdem schlich sie durch jedes Zimmer, kontrollierte jeden Schrank und sah unter das Bett. Sie konnte niemanden entdecken. Es gab auch keine Hinweise darauf, dass jemand da gewesen sein könnte, dennoch blieb das Gefühl.
   Der Stoffbeutel hatte doch draußen auf dem Fensterbrett gelegen. Kasumi ging in die Küche und starrte nach draußen. Es dämmerte bereits und die ersten Straßenlaternen gingen an. Die alte Platane vor dem Küchenfenster schirmte jedoch das meiste Licht ab. Etwas bewegte sich in den Zweigen. Kasumi stutzte. Was war das denn für ein riesiger Vogel? Er schien in ihre Richtung zu blicken, breitete seine Flügel aus und flog davon. Ein Rabe. Vermutlich irgendwie mutiert, so große Vögel gab es garantiert nicht. Er sah beinah aus wie eine prähistorische Kreatur aus dem Naturkundemuseum. Doch je weiter er sich von dem Baum entfernte, desto kleiner schien er zu werden und das war nicht das normale Kleinerwerden von Dingen, die sich von einem entfernten. Es sah vielmehr so aus, als würde der Vogel schrumpfen und jetzt sah er wirklich nur noch wie ein normaler Rabe aus. Musste an den Lichtverhältnissen liegen. Am Ende war es ein stinknormaler Rabe oder ein größerer schwarzer Vogel, der aus dem Zoo weggeflogen war. Mit ihm verschwand jedenfalls das Gefühl, beobachtet zu werden.
   Ein Vogel sollte sie beobachten? Ob das am Ende derjenige war, den Analyn schicken wollte? Kasumi lachte. Wie abstrus. Was waren das für Ideen? Ein Rabe war zwar ein Raubvogel, aber er beobachtete höchstens kleine Beutetiere und nicht sie. Plötzlich fiel ihr ein, dass der Rabe vermutlich auch da gewesen war, als sie den Stoffbeutel gefunden hatte. Sie hatte noch ein Stück von einem seiner Flügel gesehen. Das gleiche Schwarz. Die Größe konnte auch hinkommen. Sehr seltsam. Sie spähte hinaus, aber er war nicht mehr zu sehen. Lächelnd schüttelte sie den Kopf. Ein Zufall. Vermutlich nistete er in der Platane vor dem Haus.
   Sie ging zurück ins Wohnzimmer und wählte die Nummer des Krankenhauses. Zum Glück kannte sie Opas Durchwahl. Es tutete nur wenige Male, bis er dranging.
   »Hallo?«
   »Opa, ich bins. Wie geht’s dir?« Kasumi hielt ihre Stimme ruhig. Er sollte ihre Aufregung über den Ring nicht hören.
   »Ganz gut im Moment. Hast du die Unterlagen gefunden?«
   »Ja, deswegen rufe ich an. Ich habe alles und werde mich jetzt einlesen.« Ein kleines bisschen war Kasumi enttäuscht. Es gab also nichts Neues. Opa hatte nichts von Analyn gehört. »Wie groß sind eigentlich Raben und gibt es die bei uns häufig?«
   »Raben? Ob sie in Städten leben, weiß ich nicht. Eher im Wald oder Gebirge. Sie sind größer als Krähen, vielleicht dreißig Zentimeter, ich weiß es nicht genau, aber ich meine, dass Kolkraben größer als Bussarde sind. Wieso fragst du?«
   »Ich habe eben einen in der Platane gegenüber gesehen. Vielleicht war es doch nur eine Krähe.«
   »Das kann auch sein. Oh, da kommt die Schwester. Ich muss aufhören, sie guckt schon ganz böse.«
   »Natürlich. Ich wollte nur wissen, wie es dir geht. Schlaf gut, ich melde mich morgen wieder.«
   »Gute Nacht, Kasumi.«
   Schon hatte er aufgelegt. Das Tuten kam Kasumi sehr laut vor. Ein Kolkrabe? Da der Computer noch an war, begab sie sich sofort auf die Suche nach Informationen. Sie fand einiges. Nachdem sie alles gelesen hatte, war sie sich sicher. Dieser Vogel von eben war ein Kolkrabe, allerdings ein sehr großes Exemplar. Ob sie ihn wiedersehen würde? Vielleicht nistete er ja wirklich in dem Baum vor ihrem Fenster.
   Sie nahm die kleine Karte, die neben ihr lag. Analyn brauchte sie. Was sollte Kasumi jetzt machen? Warten, bis jemand kommen würde, um ihr zu sagen, wie sie Analyn helfen sollte, und wobei? Bis dahin würde sie längst an Neugier eingegangen sein. Das kam nicht infrage. Nur wo sollte sie mehr Informationen herbekommen?

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