Dies ist die Geschichte um die Zukunft von Elise Brennan, … eine Vampirheilerin, die das Ausmaß ihrer Fähigkeiten überschätzt zu haben scheint, … eines Ex-Vampirs, den ein viel schlimmerer Trieb plagt als die bloße Gier nach Blut … und einer Nonne, die derart schreckliche Opfer von beiden verlangt, dass der Preis für Magnus’ Heilung am Ende sogar zu hoch erscheint. Zwei Monate nach Elises Heilungsversuch an Magnus sterben in einer Alten- und Pflegeresidenz mehrere Menschen an einem vermeintlichen Virus. Als eine der Leichen grausam geschändet aufgefunden wird, plagt vor allem Gabriel ein schrecklicher Verdacht: Schaffte die Heilung an Magnus ein neues Monster? Elise, die sich seit Magnus’ Biss ihrer Gefühle alles andere als sicher ist, will herausfinden, was hinter seinen nächtlichen Ausflügen und dem mysteriösen Verhalten ihr gegenüber steckt. Was ihr dabei begegnet, übersteigt nicht nur ihre Fähigkeiten als Heilerin, sondern auch ihre Leidensfähigkeit als Frau …

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ISBN: 978-9963-52-708-3

Seiten: 261

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Nina Melchior

Nina Melchior
Nina Melchior wurde 1981 in Waiblingen geboren und lebt in Baden-Württemberg. Mit dem Schreiben begann sie in ihrer Teenagerzeit, woraus 1999 ihr erster Jugendroman hervorging, der von der Waiblinger Kreiszeitung und dem Radiosender SWR1 vorgestellt wurde. Nina Melchior ist gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte. Der erste Teil ihrer Vampirheilerin-Saga wurde im Januar 2015 vom bookshouse-Verlag veröffentlicht.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Todesspiel

Sein Eintreten versetzte die Umgebungsluft in Bewegung. Der Vorhang blähte sich, als wollte er eine Berührung mit ihm vermeiden. Die Neonröhren an der Decke platzten und er wartete den Splitterregen ab, bevor er sich ans Krankenbett der Alten hinüberbewegte.
   Am Ende des Bettes blieb er stehen und legte den Kopf schief, so weit, bis sein Ohr beinahe die Schulter berührte.
   Der Geruch des Todes hatte bereits Einzug gehalten in diesen Raum, ganz, wie er das gern hatte.
   Aber hatte der Vampir seinem Opfer tatsächlich die Augen geschlossen, bevor er wieder gegangen war?
   Er lächelte über den Umstand, setzte seine Fangzähne an und schlitzte den Hals der Toten auf. Dabei glitt er möglichst tief in den Körper hinein, damit der Kopf nach hinten kippen würde, wenn die Menschen kamen, um den Leichnam anzuheben. Anschließend verunstaltete er auch das Gesicht der Frau, die Hände und jeden Zentimeter ihrer sichtbaren Haut.
   Als er sich wieder aufrichtete, lag die Alte in einer Lache aus Blut. Der einzige Anblick, in dem Menschen überhaupt zu ertragen waren.
   Zufrieden beugte er sich noch einmal vor und glitt sanft mit der Hand am Unterschenkel der Greisin entlang. Nun blieb ihm nur noch zu zerstören, was der Ketzerin die Zuversicht nehmen und den Verräter seines Hochmuts strafen würde.

Kapitel 1
Neugeboren

Etwa zwei Stunden zuvor …

Elise stand in der Küche und rührte in ihrem Kakao, als hinter ihr die Tür aufflog. Sie hob den Kopf nur wenig, als er an ihr vorbeistürmte, hin zum Kühlschrank, den er aufriss und sich seine Portion vom Abendessen nahm.
   »Guten Appetit«, sagte sie. Es klang demonstrativ und das sollte es auch.
   Sein Kopf bewegte sich wie der einer misstrauischen Katze, und als sie seine Augen sah, fuhr ein elektrischer Schlag über ihre Haut.
   Seit der Heilung besaßen sie das durchsichtige Pastellgrün, mit dem man die Wände eines Kinderzimmers strich. Dabei sollten sie eine menschliche Farbe haben, wie Moos oder Seetang, wie der Himmel vielleicht. Sie war den Anblick immer noch nicht gewohnt.
   Sie hatte sich mit den Ellbogen nach vorn auf der Küchenanrichte abgestützt. Ihre Hand hörte auf zu rühren. Sein Blick war vielleicht voller Hass, oder war es kalte Gleichgültigkeit? Jeden Tag fragte sie sich, was es war, das sie in seinen Augen sah. Elise zwang sich, auf die glatte Oberfläche ihres Getränkes hinabzusehen. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie Magnus zur Mikrowelle ging. Ihre Ellbogen schmerzten an den Stellen, an denen sie auf der Arbeitsplatte aufsaßen, aber sie bewegte sich trotzdem nicht.
   Wie lange war ihre letzte Unterhaltung her? Wenn man den eisigen, einsilbigen Austausch über zu erledigende Einkäufe als Unterhaltung bezeichnen konnte.
   Eine weitere Umdrehung ihres Löffels im Kakao. »Hast du heute Nacht etwas vor?« Sie konnte es nicht hinnehmen, dass es immer so weiterging. Etwas musste zwischen ihnen geschehen. Selbst die Staubpartikel in der Küche schienen sich nicht mehr zu bewegen, seit Magnus hereingekommen war, und Elise tat es ihnen gleich. Die Härchen an ihren Armen stellten sich auf. Dabei war es ziemlich warm. Sie könnte nach dem Schlüssel ihres Mini-Coopers greifen und von hier wegfahren. Ein Job in Galway? Ein neuer Name vielleicht? Wenigstens heute Abend einmal raus aus dem Schloss?
   Die Mikrowelle leuchtete auf und rauschte wie die Entlüftungsanlage einer Tiefgarage, bevor sie ihr Tun mit einem ‚Pling‘ zum Abschluss brachte.
   Magnus entnahm seinen Teller, drehte sich um und kam auf sie zu. Direkt auf sie! Elise stellte das Atmen ein, während sich die Abläufe in der Küche verlangsamten.
   Sein Blick war tief und ihr Herz schlug seine einzelnen Schläge plötzlich so stark in ihrer Brust, dass ihr der Puls im Hals wehtat. Ad hoc schoss ihr Körper in die Gerade. Sie zog den Löffel aus der Tasse.
   »Ja, ich habe etwas vor«, sagte er, als er auf ihrer Höhe war.
   Das geht dich einen Scheißdreck an, war die korrekte Übersetzung dafür.
   Magnus hatte die Schwingtür so heftig ins Foyer hinein aufgestoßen, dass sie in die entgegengesetzte Richtung zurückschwang.
   Elise stand noch immer stocksteif da und starrte in den Raum. Die altbackene hölzerne Front, die mit Einkerbungen übersäte Arbeitsplatte, der rautenförmige Fliesenboden in Schachbrettmusterung.
   Sie ließ den Löffel in ihrer aus unerklärlichen Gründen erhobenen Hand sinken und genoss das Gefühl, wie ihr Herzschlag zurück in normale Bahnen sank.
   Eine weitere Nacht auf Choisric stand bevor. Eine weitere Nacht ganz allein.
   Sie hatte Magnus Ryan geheilt. Sein Verhalten war seitdem katastrophal. Und nachts war er nie zu Haus.

Kapitel 2
Unvollendete Schöpfung

Abigail Murphy fror.
   Angesichts seines Vorhabens war das egal. Die Kälte in ihrem Krankenzimmer passte zu der Situation und das Neonlicht tat sein Übriges, um ihr Gesicht abgezehrter erscheinen zu lassen, als es war.
   Magnus hasste hässliche Dinge. Es lag in seinem Wesen, das zu tun. In seinem Wesen als Vampir.
   Da war nichts mehr, was die Menschen an ihm beeindruckte, außer vielleicht die rohe Gewalt, mit der er vorging.
   Er presste Abigails Handgelenke ins Laken und die Pergamenthaut an ihren Armen schob sich unter dem Druck seiner Finger zurück wie ein schlecht gespannter Stoff.
   »Ich habe dir all das nicht erzählt, damit du dich über mich lustig machst«, zischte er.
   Es war gut, dass er zweifelte.
   »Es wundert mich nicht, dass sie sich in dich verliebt hat.« Die Alte lächelte ihn an.
   »Es wäre ihr Tod, wäre das wahr!« Magnus sah Elise vor sich, wie sie vorhin in der Küche ausgesehen hatte. Die roten Haare zu einem Puschel für die Nacht aufgedreht, mit ein paar welligen Strähnen, die über ihre geröteten Wangen fielen. Sie hatte ein langes Nachthemd getragen, aber in seinen Gedanken wölbte sich der Stoff über ihren Leib, als trüge sie unter ihrem Herzen ein Kind. Magnus schüttelte den Kopf.
   »Du liebst sie. Ich kann es sehen, wenn du an sie denkst.«
   Angewidert stieß er die Alte weg. »Wenn das, was ich für Elise empfinde, Liebe ist, bete für die Menschen, dass ich nie einen von ihnen hassen möge.« In einer wenigstens noch halbwegs vampirischen Bewegung sprang er vom Bett. »Du sprichst mit mir, als könnte ich dich von deinem Alter befreien. Dabei bringe ich dir nichts als den Tod!« Er drehte den Kopf und blinzelte. Verzweifelt versuchte er, diese Reflexe zu unterdrücken, doch wie alle anderen Funktionen an diesem verabscheuungswürdigen Menschenkörper hatte auch dieser ihn im Griff.
   Sein Körper produzierte kein Vampirgift mehr, das seine Opfer vor den Schmerzen seines Bisses schützte. Seine Angriffe waren heute schändlicher, und da er das Blut nicht mehr für sich benötigte, kaum noch mehr als simpler Mord.
   Der Raum drehte sich um ihn. Wieder einmal hatte er vergessen zu atmen. »Ich darf kein Blut mehr trinken. Ich bin jetzt ein Mensch.«
   Schau nicht die Wunden an. Die Zugänge an ihrem Hals …
   Das Krankenzimmer war vor einer Ewigkeit gestrichen worden und von Flecken übersät. Die Leinenvorhänge unterschieden sich kaum von Bettwäsche und Decken auf dem Bett. Der Raum hatte die Größe einer Gruft und war ausgeschlagen mit Stoff wie ein Sarg.
   Abigail richtete sich auf. »Ich möchte nicht länger in meinem Unrat aufwachen und gewendet werden von jungen Frauen wie ein Stück Fleisch.«
   Magnus leckte sich über die Fangzähne, die seit der Heilung lebendiges Zahnfleisch umgab. »Ich bringe einen Fluch über meine Opfer und ich kann dir nicht versprechen, ob dein Schöpfer dich nach meinem Biss zurücknimmt.«
   »Gott ist barmherzig«, sagte sie.
   »Mich schuf der Gott des Alten Testaments. Ein Gott der Rachsucht, zu keinem Vergeben bereit.«
   »Nach Jahrhunderten eines Auge-um-Auge-Regimes sandte Gott uns seinen Sohn. Er gab uns das Neue Testament. Du magst ein Todesengel sein, trotz allem bist du sein Geschöpf.«
   Er konnte Elise nicht in das Messer rennen lassen, das er vor der Brust herumtrug.
   »Dein Blut wird Elise nicht lange schützen. Für zwei, drei Tage vielleicht. Und dann?«
   »Ich bin nicht die Einzige, die hier weg will, Magnus. Es gibt noch viele andere.«
   »Soll ich das ganze Altenheim dahinraffen, um Elise vor mir zu beschützen?« Magnus sprang auf, aber schon in der Bewegung drehte er sich und landete mit einem Ruck auf Abigails Körpermitte. Er presste seine Knie in die knochigen Hüften und griff nach ihren Handgelenken.
   Die alte Frau wehrte sich nicht.
   Magnus sah Abigail längst nicht mehr. Was er sah, war Elise und er schlug seine Fangzähne in ihren zarten Hals. Leider musste er dabei grob vorgehen, denn die Kanten seiner Zähne waren stumpf. Sogar das Blut schmeckte lau, weil seine Körpertemperatur nun dem seiner Opfer glich.
   Er missachtete das Gurgeln seines Magens, der nach einem Frühstück mit Toast und Eiern verlangte, und konzentrierte sich auf das Prickeln tiefer an seinem Körper, das sich allmählich steigerte. Mit beiden Händen packte er ihren Kopf und beendete das Ruckeln des Körpers unter sich.
   Als sich seine Lippen von der Haut lösten und er im Bett auf die Knie sank, war Abigail Murphy längst tot.

Kapitel 3
Engelsturz

Einen Moment schwankte das Boot, schließlich kippte es und sie fielen ins Uferwasser des eiskalten Sees. Noch ehe Gabriel sich Sorgen machen konnte, ob das Wasser zu kalt für Cassys Kreislauf war, kreischte sie lauthals los und ruderte mit ihren dünnen Armen durch die Luft.
   In ihrer Miene spiegelte sich Wut über die Unfähigkeit, mit ihm Streit anzufangen. »Ich hab dir gesagt, du sollst aufhören, in dieser Nussschale herumzuspringen«, schrie sie und klatschte mit ihren zierlichen Handflächen auf die Wasseroberfläche.
   Gabriel lachte laut. Schließlich war er es, der mit dem Hintern im Schlamm festsaß. »Vielleicht solltest du mich zu einem dieser Hundeprofis schicken, damit ich lerne, zu gehorchen.«
   »Ich werde dich in ein Heim für ausrangierte Erzengel stecken. Sieh dir diese Bescherung an.« Mit spitzen Fingern zupfte sie an ihrer Frisur, was es nicht besser machte.
   Gabriel stemmte eine Hand in den Schlamm, um aufzustehen. Im Gegensatz zu ihm war Cassy auf ihren Füßen gelandet und hatte lediglich etwas Spritzwasser abbekommen. Demonstrativ wischte er sich zuerst die Entengrütze von den Jeans, um dann mit einer Hand das herantreibende Boot zur Seite zu schieben.
   Das Vogelnest auf Cassys Kopf wirkte mit den vielen Wasserperlen noch verklebter als sonst. Abgesehen davon sah sie wie immer hinreißend aus.
   Cassy holte tief Luft, um zur nächsten Schimpftirade anzusetzen, als Gabriel nach ihrem Handgelenk griff. Im Moment der Berührung sah er ihren Ärger schwinden und war wieder einmal froh über seine Engelenergie.
   Obwohl Cassy wie immer nahezu ungeschminkt war, bildeten ihre Augen die Form von zwei in idealem Abstand zueinanderstehenden Mandeln. Cassy O’Keefy war schön, machte man sich die Mühe, ihre schrille Aufmachung zu übersehen. Er fühlte sich besser, wenn sie bei ihm war.
   Kein Lüftchen versetzte die Nebelschwaden um sie herum in Bewegung und das Bauernhaus war nach wie vor kaum zu erkennen. »Im Schlafzimmer der Villa steht ein Bett.« Er zwinkerte und zog sie näher an sich.
   »Etwas wenig Einrichtung für so ein großes Haus, findest du nicht?«
   »Ich ging davon aus, Mrs. Malak möchte den Rest der Einrichtung nach der Hochzeit lieber selbst übernehmen.«
   Ihre Augen weiteten sich und sie entzog ihm ihre Hand. Aus gutem Grund machte ihr sein wiederholter Antrag Angst.
   Cassy wandte sich zur Seite und blickte ins trübe Wasser hinab. »Heißt ihr eigentlich alle Malak mit Nachnamen?«
   »Ab und an kann es notwendig werden, dass wir uns mit vollem Namen ausgeben. Malak ist jüdisch und bedeutet Engel.«
   Cassys Gesicht erhellte sich kaum. Dabei machte er ständig Eingeständnisse, was die Aufrichtigkeit in Himmelsdingen anging. »Vielleicht lüge ich ja auch und Malak bedeutet in Wahrheit Vampir.« Er bleckte die obere Zahnreihe und knurrte. Es funktionierte.
   Cassy floh in Richtung Land, wobei sie nach wenigen Schritten im Morast stolperte. »O Mist. Jetzt hab ich einen Schuh in dieser Entensülze verloren. Himmel, das waren die einzigen Pumps, die zu meinem roten Overall passen. Was für eine romantische Idee, mich mitten in der Nacht zu einer Bootsfahrt auf einem Fischteich einzuladen.«
   Gabriel ging in die Knie und fand sofort etwas Hartes unweit ihrer linken Fessel. Triumphierend zog er die Trophäe aus dem Wasser und hob sie über seinen Kopf. »Es ist nicht mitten in der Nacht, sondern früh am Morgen«, korrigierte er sie. »Eine Antwort auf meinen Antrag gegen deinen Schuh?«
   »Er ist voller Schlamm und stinkt nach Fisch. Damit willst du verhandeln? Ach Herrgott, du kriegst ja doch, was du willst …«
   Er griff um ihre Taille und zog Cassy an sich. »Du weißt, was ich will.«
   »Neun Kinder und mich hinterm Herd dieses Bauernhauses, in einer Blümchenschürze im Alloverdruck?«
   Er schmunzelte. »Ich muss nicht regelmäßig essen. Du könntest dich ganz auf die Versorgung der Kinder konzentrieren.«
   »Nur, wenn diese regelmäßig essen müssten, versteht sich. Denn ich werde ja wohl halbe Engelchen ausbrüten, befürchte ich.«
   »Das, meine Liebe, ist genauso wahrscheinlich wie ihre vorhersagbare Schönheit.«
   Ihr Blick wurde weich. Wie immer, wenn er sie so sah, fühlte er sich, als hätte er endlich gefunden, was nötig war, um seine Erzengelexistenz weiter auszuhalten. Egal, was in der Bibel stand: Cassy war sein Gegenstück. Manchmal fragte er sich allerdings, warum ausgerechnet dieses Gegenstück die beste Freundin einer Vampirheilerin war.
   »Ist dir aufgefallen, dass du einiges mit Magnus gemein hast?«, fragte Cassy ihn. »Du musst zugeben, dass es komisch ist. Magnus beeinflusst Menschen mit seiner Aura, er muss nichts essen, er ist übernatürlich stark …«
   Für eine Sekunde drohte sein sorgfältig errichtetes Bild von ihr zusammenzubrechen. »Er trinkt Blut.« Gabriel drehte sich von ihr weg, als ihm auffiel, dass Wald und Umrisse der Bauernvilla erkennbar waren. Der Nebel lichtete sich endlich, aber etwas an diesem Schauspiel gefiel ihm nicht. »Du versagst einem Diener des Himmels einen Wunsch?«
   Cassy hob beide Handflächen in seine Richtung. »Es sind neun Kinder. Also auch neun Wünsche. Welche Argumente hast du, derentwegen ich den Rest meiner Tage als Bauernmagd mit einem von Schwangerschaftsstreifen verunstalteten Bauch in der Einöde Connemaras dahinvegetieren soll?«
   Gabriel sah zum Himmel auf. Der Hochnebel lichtete sich, trotzdem wurde es kaum heller. »Nicht als Magd, als meine Frau.« Er versuchte, seine Konzentration auf das Gespräch zu lenken und blickte in Cassys Gesicht. Sie sprach es nicht aus, aber sie fühlte das Ja. In aller Regel übertrugen Menschen ihre Stimmungen auf ihn und mit einem Anflug von Ärger kam ihm der Gedanke, dass Vampire ganz ähnliche Fähigkeiten besaßen.
   Wie lange standen sie schon hier? Fünf Minuten? Sieben maximal. Die Sicht war fast klar. Seit Wochen war es für irische Verhältnisse abnorm kalt. Dabei war heute der neunte Oktober. Auf den Tag nach Magnus’ Heilung hatte das Wetter umgeschlagen und jetzt spielte sogar der Nebel verrückt.
   Der Gedanke, dass es einen Zusammenhang zwischen der Allmacht des Klimas und dem Gesundheitszustand eines Vampirs geben könnte, gefiel ihm nicht. Wenn es nach ihm ging, hätte er den Vampir verbrannt und Elise mithilfe von Michaels Einfluss gezwungen, ihr Studium an der Trinitiy University wieder aufzunehmen. »Wenn wir nicht bald aus dem Wasser kommen, brauchen wir Magnus’ Gift, um dich aufzutauen.« Er zog Cassy mit sich an Land.
   Gabriels Herzschlag war unruhig und schnell. Die Veränderung der Umgebung war es, die das hervorrief. Er spürte eine seltsame Nervosität, wie Tiere sie haben, wenn eine Sonnenfinsternis bevorsteht. Er konnte den Tod von Insekten spüren, denen nicht mehr als ein Tag auf Gottes Erdboden vergönnt war. Die Luft roch nach Dämmerung. Alles deutete darauf hin, dass gerade die Nacht über das Land hereinbrach, dabei war es sechs Uhr in der Früh. Ein Adrenalinstoß ergriff ihn mit einem Mal so heftig, dass er seine Hand vorschnellen ließ und Cassy ein gutes Stück an sich zog. »Ich weiß, du hast Bedenken, dich an einen Mann zu binden, vor allem an einen Mann wie mich.« Er sprach schnell. »Selbst wenn du mich nicht heiratest, gebe ich dir mein Wort, dass ich dich nie verlassen werde. Wenn du alt bist, werde ich dir nicht zur Last fallen, vor allem aber werde ich nie aufhören, dich zu lieben. Cassy, wenn du mich liebst, bist du in Sicherheit.«
   Ihr Blick war widerstandslos.
   Noch nie zuvor hatte er seine Gabe genutzt, um Cassy derart zu manipulieren, jetzt intensivierte er sogar den Strom positiver Energie, der über die Berührung seiner Hände in ihren Körper floss. »Wir warten schon lange und nichts ist geschehen. Lass uns unsere Liebe besiegeln.«
   Endlich nickte sie, aber ihr Blick wirkte seltsam glasig und verschreckt. Cassy starrte auf etwas anderes, ein Stück seitlich hinter ihm.
   Mit einem Anflug von Ärger über die Störung wandte sich Gabriel von ihr ab, und als er sah, was Cassy gesehen hatte, war keiner der zuvor gemachten Gedanken mehr von Belang.
   Ein blitzartiger Riss stand in der Luft und erleuchtete das Firmament.
   »Die Welt geht unter«, rief Cassy.
   Gabriel wusste es besser. »Lauf!« Mit einem Ruck an ihrem Arm zog er sie hinter sich her.
   Der Lichtstrahl schoss in der Ferne zu Boden und die Druckwelle kündigte sich bereits mit einem Luftzug an. Im nächsten Moment standen sie im Sturm.
   Geistesgegenwärtig riss Gabriel an Cassys Hand und ihr Körper kam ihm wie ein Jo-Jo entgegen. Sein ganzer Körper fühlte sich an wie elektrisiert, und seine Haut prickelte aufgrund seiner Gegenwart.
   Cassy schlug mit ihrem Gesicht an seinem Brustkorb auf, und noch während er sie mit den Armen umfasste, machte er eine halbe Umdrehung von der Lichtbrücke weg, sodass sein Rücken einen Schutzwall gegen die Urgewalt bilden würde.
   Die glühende Mauer aus brennenden Ästen, Gras und Staub erfasste sie und die Druckwelle bog seinen Körper nach vorn. Der heiße Wind riss ihm das Hemd am Rücken auf und Cassys Beine verloren jeden Halt. Die Lufttemperatur stieg auf gut neunzig Grad.
   Gabriel verstärkte seinen Griff, seine Haut stand in Flammen, aber das störte ihn nicht. Engel fühlten keinen Schmerz, aber sie fühlten mit bei menschlichem Schmerz. Hundertdreizehn Grad. Seine Abschirmung genügte nicht. Seine Finger krallten sich in Cassys Rücken, er verbreiterte seinen Stand. Hundertfünfzehn Grad. Gabriel wandte den Kopf ab, die Umgebung hatte sich in eine lodernde Hölle verwandelt. Hundertzwanzig Grad. Cassys Schrei fuhr ihm durch Mark und Bein.
   Mit aller Kraft versuchte er, sich gegen das Gefühl ihres rasenden Herzens, ihres zitternden Körpers und ihrer tobenden Gedanken abzuschirmen, doch all das drang in ihn ein wie ein glühendes Schwert. Zum Teufel mit all den Regeln. Er konnte nicht zulassen, dass Cassy derartige Verbrennungen erlitt, selbst wenn sie sie mit seiner Hilfe überleben würde.
   Hinter seinem Rücken öffneten sich die Engelsflügel und wie ein Kokon aus kratzigen Federn schlang er die Schwingen um Cassys Körper. Ihr Organismus beruhigte sich.
   Die Umgebungstemperatur betrug nun an die zweihundert Grad. Der Boden loderte noch einen Moment und dann, als hätte jemand im Himmel einen Schalter umgelegt, zogen die Flammen in den Boden ein und Wind und Hitze ließen abrupt nach. Zögernd ließ er Cassy los.
   Es war lange her, dass er sich einem Menschen in seiner ursprünglichen Gestalt gezeigt hatte. Es fiel ihm schwer, ihr so in die Augen zu sehen. Aber sie brauchte diesen Moment. Engel waren Himmelskrieger und so sahen sie auch aus. Es gab keine Übereinstimmung mit den Vorstellungen, die sich die Menschen von ihnen machten.
   Cassy starrte ihn an und nickte. Vielleicht, um ihm zu zeigen, dass sie nicht hysterisch war, vielleicht, weil etwas in ihrem Nacken vor Übererregung zuckte.
   Gabriel wandte sich der Lichtbrücke zu. Was er sah, versetzte ihm einen Schlag. Die Grashügel der Umgebung waren zu Asche verbrannt. An einigen Stellen kochte der See. Fische trieben leblos an seiner Oberfläche. Die Luft stank nach Ruß und Tod.
   »Bring mich bitte von hier weg«, flüsterte Cassy.
   Aber so einfach war das nicht. Der Wald bot kaum mehr Schutz als die Ebene, jedenfalls, wenn Uriel in dieser Raserei zur Erde fuhr. Das Licht in der Ferne bündelte sich zu einem Strahl und in der Mitte des Lichtkegels schoss er zu Boden hinab.
   Cassys Finger krallten sich in seine Schulterblätter. »Gabriel. Was war das?«
   Ihm blieb keine Zeit für Erklärungen. Emotionslos streifte er ihre Hand ab. Wenn sie eine Chance haben wollten, musste er ganz der Alte sein. Innerlich zog er eine Mauer hoch. »Knie dich hin«, befahl er und einen Augenblick lang starrte Cassy ihn an, als spräche er in einer fremden Sprache zu ihr, was seinen Magen kochen ließ. »Tu, was ich sage!«
   Anstandslos glitt sie auf ihre Knie.
   Gabriel sah sich noch einmal um. Der Moment der Abrechnung war endlich da. Die Ruhe um sie herum war perfekt. Die Druckwelle hatte alle Insekten getötet und jeden Vogel vertrieben. Selbst die Naturelemente erstarrten vor Uriels Anwesenheit.
   Parallel zur Bewegung seiner Füße schlug Gabriel mit den Flügeln. So konnte er vielleicht fünfzig Meter zwischen den Todesengel und Cassy bringen, der sich ihm bereits näherte.
   Als er das Gesicht des Bruders erkannte, wusste er, warum er ihn nie gern traf. Uriel war den Vampiren am ähnlichsten. Aus den Nüstern seines Pferdes quoll ein Flimmern, wie es an Sommertagen über dem Asphalt der Städte schwebt. Der Todesengel trug sein Haar am Oberkopf zurückgekämmt und seine Ohren wirkten übertrieben spitz. Die Tuchgewänder seiner Kleidung verschmolzen mit dem Fell seines Rappens und seine Flügel schienen aus grauer Schurwolle. Das Pferd stoppte knapp vor ihm und stampfte mit den Hufen dazu.
   »Dein Besuch kommt erwartet, ist aber unerwünscht.« Gabriel lächelte.
   Uriel sah auf seine Hände herab, die wie zum Gebet übereinandergelegt die Zügel hielten. »Du hast die Frau vor der Druckwelle bewahrt. Folglich bist du nicht gewillt, meinem Begehren Folge zu leisten?«
   Typisch Uriel. »Nach all der Zeit im Himmel schlussfolgerst du immer noch höllisch gut.« Gabriel lächelte nicht mehr.
   Uriel hob sein kantiges Kinn. »Warst du nicht stets der einzige Engel, der die Menschen ebenso ablehnte wie Vampire und Gestürzte? Du enttäuschst mich, Gabriel.«
   Uriels Gesichtsknochen lagen als Kanten über Kuhlen, wo Wangen hätten sein sollen. Seine Haut war matt wie Asche und wurde nur unterbrochen von einem Netz aus Venen, die aussahen wie Stahldrähte. Er war der Teufel der oberen Hemisphäre, und passend zu diesem Gedanken blitzte in diesem Moment sein Vollstreckerschwert im Halfter auf.
   Gabriel warf Cassy einen Blick zu. Fürchte dich nicht, dachte er. Für Magnus wäre es um ein Vielfaches einfacher gewesen, einem Menschen eine Botschaft zu schicken. Die Erkenntnis reizte ihn bis aufs Blut.
   »Das ist Cassy O’Keefy?« Uriel zog aus der Innentasche seines Umhangs die schwarzen Samthandschuhe hervor.
   »Wenn ich Ja sage, wirst du sie töten. Also lautet meine Antwort: nein.«
   »Und du denkst, das ändert etwas?«
   Auf schwarzem Samt war Blut unsichtbar. Gabriel ballte die Hände zu Fäusten. »Für einen Sturz brauchst du die Handschuhe nicht.«
   »Elise Brennan ist auf dem richtigen Weg. Es könnte sein, dass die Strafe der Verdammung bald keine mehr ist. Wir gehen ab sofort sicherer vor.«
   Er wollte Cassy umbringen? Die vampirverliebte Brennan-Hexe war an dieser Entwicklung schuld. Gabriel trat an die Flanke des Pferdes. Der Einfall, der ihm kam, war keine Chance. Es war bestenfalls ein netter Versuch. »Cassy hat mit all dem nichts zu tun.«
   »Sünde ist Sünde.«
   Das Pferd wieherte, als würde es der Gefühlslage seines Herrn zustimmen.
   Gabriel drehte sich zu Cassy um. Ihre Lippen bewegten sich. Der Grund dafür erschloss sich ihm nicht. Er ballte die Faust am Bauch des Hengsts und senkte seinen Blick. »Warum kommst du zu uns und nicht schon früher zu Michael?«
   »Michael hat nichts verbrochen.«
   Das konnte nicht sein Ernst sein. Seine Kieferknochen verkrampften sich. »Michael hatte eine nackte Frau im Arm. Ganz im Gegensatz zu mir.«
   »Er bestand die Prüfung trotz alledem.«
   »Ja. Weil ich ihn im richtigen Moment angerufen habe.«
   »Willst du dafür einen Lorbeerkranz aufs Haupt gesetzt bekommen, Gabriel?«
   Er atmete tief und lange durch. Er musste ruhig bleiben.
   »Nichts Unanständiges ist zwischen Cassy und mir geschehen …«
   Das Pferd trippelte auf der Stelle. »Du hast das Mädchen vor zwei Minuten manipuliert, deinem körperlichen Verlangen nachzugeben«, sagte Uriel mit angehobener Stimme. »Damit begingst du die Sünde bereits. Ich verhindere deren Ausführung. Cassy O’Keefy besitzt keine besonderen Fähigkeiten. Ihre positive Ausstrahlung kommt dir lediglich in der Funktion als Seelsorger der Menschen zugute. Du fühlst dich in ihrer Nähe besser. Das ist alles. Ein simpler Effekt.«
   »Ich brauche sie.« Gabriel knurrte fast. »Mit ihr sehe ich einen Sinn darin, den Menschen beizustehen. Du weißt, wie sehr mein Los mich belastet. Genügt das nicht, mir die paar Jahre mit ihr zu gönnen?«
   »Seit du derart viel Zeit mit ihr verbringst, bleiben deine Aufgaben auf der Strecke. Chamuel, Michael und die anderen können dir tausend Mal mehr geben als dieses Menschenweib.« Der Todesengel seufzte tief. »Sie betet um Rettung zu Gott.« An diese Aussage schloss sich eine Pause an. »Gut. Ich mildere ihr Urteil auf Verdammung ab. So Gott will, wird Elise Brennan ihr Werk vollenden und sie irgendwann daraus erretten können.«
   Gabriel riss die Augen auf. »Es wird Jahrhunderte dauern, bis sie ein Vampir wird.«
   »Dann sollte sich Elise Brennan vielleicht auch in einen Vampir verwandeln lassen, damit sie noch existiert, wenn es bei Cassy O’Keefy so weit ist.« Uriels Stimme troff vor Überlegenheit.
   Gabriel hielt die Luft an. Er fixierte Uriel und holte aus. Mit der geballten Faust schlug er gegen die Flanke des Pferds, das Tier bäumte sich unter Schmerzen auf.
   Geistesgegenwärtig zog Uriel sein Schwert und hieb auf Gabriel ein. Es gelang ihm, nach hinten auszuweichen, doch der Hieb traf ihn mit halber Wucht und der einschießende Schmerz veränderte die Ausgangssituation komplett.
   Die verrußten Bäume des Wäldchens schienen sich in seinem Blickfeld auszudehnen. Die Geräusche und die Ebene verzerrten sich, wurden erst lauter, dann leiser und schließlich verschwamm alles. Er verlor zu schnell zu viel Blut. Es rann ihm über Brust und Bauch, bildete dort Rinnsale auf seinen Armen und tropfte von seinen Fingern hinab.
   Uriel hatte ihm mit einem einzigen Schlag die Kehle aufgeschlitzt und dabei zielsicher die Hauptschlagader getroffen. Eigentlich hatte er ihm den Kopf abschlagen wollen, wie das unter Erzengeln üblich war, wenn die Notwendigkeit bestand, einen außer Gefecht zu setzen. Selbst diese Wunde würde so viel Heilungszeit in Anspruch nehmen, dass Uriel der Spielraum blieb, Cassys Leben auszulöschen.
   Gabriel schlug mit seinen Flügeln, als ihn zum ersten Mal die Schwärze umfing. Etwas in ihm wusste, er musste zum Wald. Nur hatte er vergessen, warum …
   Die Dunkelheit gab ihn wieder frei.
   Uriel bändigte den Rappen hinter ihm. Er wieherte. Gabriel drehte sich im Kreis.
   Ein Gedanke schien ihm wichtig. Er wunderte ihn. Es ging um eine menschliche Frau. Warum war er noch mal hier? Seine Beine überkreuzten sich, seine Flügel schlugen lahm.
   In der letzten Schlinge seines Gehirns lauerte eine Erinnerung. Er wollte jemanden beschützen, der ihm wichtig war.
   Vor sich sah er eine Gestalt. Menschen. Es gab zu viele davon.
   Herrgott, du dummes Ding. Lauf in die andere Richtung. Du läufst doch direkt auf ihn zu.
   Ihr Haar sah schrecklich aus. Zerzaust, zu blond und irgendwie nass. Ihr Gesicht war ziemlich hübsch. Gabriel sah hohe Wangenknochen, rehbraune Augen und dann fühlte er es. Liebe. Er liebte sie. Erschrocken schnappte er nach Luft und griff sich Cassys Oberarm. Die Umgebungsgeräusche kehrten zurück.
   »Gabriel, mein Gott. Schaffst du es?« Cassys Stimme hörte sich an, als spräche sie unter Wasser.
   Gabriel hob sie hoch. Seine Muskeln schmerzten dabei. Der Schmerz schnitt sich in seinen Hals. Er heilte für gewöhnlich schnell, aber momentan nicht schnell genug.
   Plötzlich kippte Cassys Kopf nach hinten, ihre Lider schlossen sich halb. Hatte Uriel sie erwischt? Gabriel erkannte kein Blut und ihre Lippen bewegten sich fort.
   »Wenn du dich bewegst, schlag ich dir den Kopf ab.« Uriels Klinge lag über seinem Hals.
   Gabriel schloss die Augen und ließ Cassys Körper ab. Obwohl ihre Augen nach wie vor zur Hälfte geschlossen waren, schien sie stark genug, um selbst zu stehen.
   Uriels Umhänge flogen um seinen Körper, als er vom Pferd sprang. Er überragte Cassy um zwei Köpfe und im Schatten seiner Flügel wirkte das Mädchen klein.
   Gabriel fühlte nichts, wenn er sie ansah. Ihre Seele schien vollkommen leer. Kein Schmerz, keine Angst, nicht mal Sorge um ihn. Ein Schock? Ein Schwächeanfall? Warum stand sie dann stocksteif da und murmelte unverständlich vor sich hin?
   Selbst Uriel wirkte überrascht, als Cassy ein Knie beugte und sich im Gras niederließ. Abgesehen von ihren Beinen schien keinerlei Spannung in ihrem Körper zu sein.
   »Herr, höre meine Bitte, verhilf mir zu meinem Recht. Achte auf mein Schreien und höre mein Gebet, ich will dir nichts vormachen.« Ihre Worte klangen wie der Singsang aus einem buddhistischen Kloster.
   Uriel riss die schmalen Augen auf.
   »Bewahre mich wie den Augapfel, birg mich im Schatten deiner Flügel vor den Gottlosen, die mich zerstören, meinen Todfeinden, die mich umzingeln.« Cassy summte, ohne Uriel oder ihn anzusehen, während ihr Oberkörper vor und zurück schwankte. Auf einmal schloss sie den Mund, als hätte ihr jemand das Kinn mit der Hand hochgeklappt und fiel seitlich ins Gras.
   Gabriel fühlte eine Bedeutsamkeit. Die Worte, die Cassy gesprochen hatte, wirkten wie ein himmlisches Gesetz. Er musste zuhören, ihnen Glauben schenken und als er seinen Bruder ansah, stand außer Frage, dass Uriel das Gleiche empfand.
   »Ein Gebet Davids?«, murmelte Uriel.
   Cassy öffnete den Mund. »Das Buch Jona …«, sang ihre Stimme, als gehörte sie einer anderen.
   Gabriel fiel neben ihr auf die Knie. »Jona ist das Gleichnis für die ‚zweite Chance‘. Du spürst Demut den Worten gegenüber, genau wie ich«, sagte er.
   Uriels Blick traf ihn wie ein Wurfstern. »Ich bin mit einem Auftrag geschickt worden, und wie du weißt, kann ich ohne dessen Vollendung nicht zurück. Diese Frau ist Teil der Gotteslästerung, die Elise Brennan beging. Woher kennt sie dieses Gebet?«
   »Nicht von mir«, knurrte er.
   Uriel ging ein paar Schritte umher. »Was du am See getan hast, war Sünde. Zum ersten Mal in meiner Existenz fühle ich mich gezwungen, anders zu entscheiden als vorgesehen. Heiligkeit ist anwesend auf diesem Feld.« Uriel legte Cassy eine Hand auf die Schulter. »Was ist mit dieser Vampirheilerin? Was soll mit ihr geschehen?«
   Cassys Lider flatterten. »Das Gute in ihrer Familie ist stark. Elise Brennan muss die Chance erhalten zu heilen.« Dann war sie ohnmächtig. Gabriel presste die Lippen aufeinander.
   »Die Stimme besitzt eine Macht, die die meine überragt«, sagte Uriel. »Folglich darf ich sie nicht ignorieren. Findet diese Macht, und ihr findet den Schlüssel zur Heilung des Vampirs. Ich gewähre Elise Brennan ein Jahr, um ihr Teufelswerk zu vollenden. Dir gewähre ich die Möglichkeit zur Trennung von der Menschenfrau. Halte dich ab jetzt an die Regeln.« Uriel schwang sich auf sein Pferd und ritt zum Lichtstrahl zurück. Zurück zur Brücke in seine eigene Welt.
   Gabriel riss Cassy an sich und umschloss ihren Körper mit Energie. Mit allen Kräften, die ihm zur Verfügung standen, versuchte er, Cassy von der Vision zu befreien, ihre Wunden zu heilen und verwandelte sich zurück in seine Menschengestalt.
   Cassys kleine Hand streichelte seine Wange. »Du bist als Engel so viel wunderschöner«, sagte sie.
   Dem Himmel sei Dank, es ging ihr gut. Er rückte ein Stück von ihr ab. »Cassy, wer hat dir die Geschichte um Jona erzählt?«
   »Hab ich Blödsinn erzählt, als ich weggetreten war? Tut mir leid. Ich fühle mich, als stünde ich unter Drogen. Was ist eigentlich passiert? Meine Klamotten sind voller Grasflecken und wohin ist der Grufti auf dem Pferd?«
   »Es ist alles in Ordnung«, sagte Gabriel. Vielleicht stimmte das sogar. Jemand Mächtiges besaß ein Interesse an der Heilung des Vampirs. Jemand mit sehr viel Macht. Cassys Vision hatte Uriel von einem Ziel abgebracht.
   Nachdenklich strich er ihr eine Haarsträhne aus der Stirn und erstarrte.
   Cassy suchte Halt an seinen Schultern. »Sind wir wieder in Gefahr?«
   Die Narbe war geformt wie ein Z und an ihren Seiten ausgefranst. Gabriel konnte nicht gleich antworten. Er schluckte zweimal und starrte Cassy an.
   Uriel hatte sich ein Pfand geholt.
   Die Mücken surrten wieder über dem See und eine Brise streichelte das Land. Der See schlug kleine Wellen ans Ufer und in der Ferne hörte Gabriel eine Krähe schreien. Die Natur fand zurück ins Lot. Die Wunde auf Cassys Stirn war ewiglich.
   »Du trägst ein Kainsmal«, erklärte er. »Nichts und niemand wird dich mehr töten können.«

Kapitel 4
Status quo

»Hat er sich beim Aufstehen den Flügel verknackst?« Elise schlürfte an ihrem Kaffee.
   Gabriel, Erzengel Nummer zwei in ihrem
   Leben, lehnte die Menschen in ihrer Gesamtheit ab. Warum, war ihr nach wie vor schleierhaft. Sie war sich im Klaren, dass sie bei ihm schlechte Karten besaß. Für ihn war sie das Menschenweib, das sich mit Vampiren einließ und einen Sinn darin sah, sie von ihrem Fluch zu heilen.
   »Ach, der ist nur schlecht gelaunt.« Cassy rutschte auf ihrem Stuhl herum.
   »Ein notorisch frustrierter Engel, der keine Menschen mag?« Sie musste sich daran erinnern, Michael bei Gelegenheit bezüglich des Paradoxons Gabriel = Engel zu befragen. Mehr Sorge als die Tatsache, momentan ohne himmlischen Beistand dazustehen, machte ihr Cassys Gemütszustand. Selbst wenn es um ihren Herzallerliebsten ging, ließ Cassy O’Keefy im Normalfall keine Möglichkeit aus, mit ihr über jemanden herzuziehen.
   Stattdessen drehte sie ihr Latte macchiato-Glas zwischen den Fingern umher und wirkte abwesend. Die neue Ponyfrisur stand ihr kein Stück und Elise überlegte, ob sie als beste Freundin die Pflicht besaß, das heikle Thema wie Frisuren anzuschneiden. »Cassy«, sagte sie schließlich und beugte sich über die Tischplatte vor. »In meinem Haus sitzt ein Exvampir und momentan ist niemand da, der ihn davon abhalten könnte, seine Fangzähne in jemanden zu schlagen. Also warum sollte ich so dringend herkommen?«
   »Wen will er auf Choisric schon aussaugen?«, Cassy wirkte unwirsch. »Ausgenommen, er steht auf Fischblut.«
   Elises Blick wanderte zu Gabriel, der ungerührt Biergläser auf ein Regal reihte. Warum war der Engel überhaupt da? Das Pub würde erst am Abend öffnen und es gab in dem penibel aufgestuhlten und nach Holzpolitur stinkenden Raum nichts in Ordnung zu bringen.
   »Misstraust du ihm?«
   Elise wusste eine Sekunde lang nicht, von wem die Freundin sprach. Die Frage konnte sich eigentlich nur auf Magnus beziehen.
   »Ich wäre dumm, täte ich es nicht.« Es tat gut, Magnus aus der Distanz heraus zu betrachten. Es fühlte sich weniger irritierend an, als in seiner Nähe zu sein.
   Cassy faltete die Hände und zog ihr Gesicht in Falten. Die wild auf ihrem Hinterkopf zusammengesteckten Haarlängen bildeten einen jugendlichen Kontrast dazu.
   »Ich finde, du weißt zu wenig von ihm.« Cassy verhielt sich so befremdlich ernst, dass es Elise einen Schauder über den Rücken jagte. »Er wohnt schon seit über zwei Monaten bei dir. Stellst du ihm niemals Fragen übers Vampirsein?«
   »Er redet nicht gern über diese Themen«, antwortete sie mit Verzögerung.
   Diesmal lehnte sich Cassy über die Tischplatte vor. »Du bist Vampirforscherin und hast die Quelle vor der Nase. Verträgt er Nudeln mit Knoblauch und Öl? Wer hat ihn verwandelt? Wie oft hat er getötet und vor allem, wen?« Cassy zog ein laszives Lächeln. »Haben Untote Sex oder reicht ihnen das Blut zur Befriedigung?« Das klang schon eher nach Miss O’Keefy, wie sie leibte und lebte.
   Nach diesem Vortrag war Elise an der Reihe, ihr Latte macchiato-Glas zwischen den Fingern zu drehen. »Es gibt nicht viel, das einem Vampir etwas anhaben kann. Das wurde mir nach dem Vorfall mit dem Holzpflock in seiner Gruft klar.« Sie nahm einen Schluck aus ihrem Kaffeeglas. »Das Problem liegt vielleicht bei mir. Es hemmt mich, in seiner Nähe zu sein.«
   »Du bist in jedermanns Nähe gehemmt.«
   »Es ist besser geworden.« In gespielter Beleidigung verschränkte sie die Arme vor der Brust. Ihr Blick schweifte zur Theke ab. Eine Frechheit, wie vehement Gabriel sie ignorierte. Sie würde Michael petzen, dass er sich einen Mist um ihre Sicherheit scherte. Allerdings gab es von dem bislang nicht einmal ein Lebenszeichen. »Als Magnus noch ein Vampir war, habe ich es geschafft, ihn zu irritieren. Ich kannte seine Schwächen.« Vielleicht bekam sie Erzengel Nummer eins aus dem Kopf, wenn sie sich weiter auf Magnus konzentrierte.
   »Welche Schwächen hat ein Wesen, das niemand töten oder ernsthaft verletzen kann?« Cassy wirkte herablassend.
   »Ich finde, du bist heute reichlich bissig unterwegs. Vampire kenne ich von Kindesbeinen an. Wenigstens in der Theorie. Magnus dagegen ist jetzt ein Mann und es kommt mir vor, als wäre er ein fremdes Wesen.«
   Cassy zog mit ihrem erdbeerrot lackierten Fingernagel kleine Kreise durch die Luft. »Du bist dir hoffentlich bewusst, wie verquer sich dieser Satz anhört?«
   Elise griff nach Cassys Finger und hielt ihn in der Bewegung fest, doch sie entzog ihr selbigen, um Elises Hand in ihre langen Finger einzuwickeln. »Mit deiner roten Mähne siehst du aus wie eine Löwin, und seit du etwas zugenommen hast, besitzt du die Rundungen einer Göttin. Du hast das Gesicht eines Kindes in Gestalt einer Frau. Du besitzt weitaus mehr als notwendig, um einen Mann zu beeindrucken.«
   »… oder einem Vampir den Grund zu liefern, mich auszusaugen?«
   Cassy zuckte die Achseln. »Wo liegt der Unterschied?«
   Elise gab sich geschlagen. Auch Cassy und sie schienen von Zeit zu Zeit unterschiedliche Wesen zu sein. Aus Versehen fing sie Gabriels Blick auf, der wie gebannt zu ihnen herübersah. Ein gefährliches Gefühl ergriff Elise. Eine explosive Mischung aus Wut und Scham. Dieser private Teil des Gesprächs interessierte ihn?
   Gabriel schien Funken eines Molotowcocktails aus Elises Augen sprühen zu sehen. Zügig wandte er sich dem Spülbecken zu. Die Bombe zündete.
   »Setz dich gern zu uns, wenn dich unser Gespräch interessiert«, rief Elise ihm sarkastisch zu.
   Der Erzengel hob den Blick. »Möchtest du ihr nicht von unserer Weltreise erzählen?«, forderte er Cassy auf, die sich augenblicklich auf die Lippen biss.
   Die Ernüchterung ließ Elises Puls in den Keller fahren. Deshalb war sie also hier? Cassy wollte ihr schonend beibringen, dass sie mit Gabriel aus Galway verschwand? »Ihr lasst mich allein?«
   Gabriel schoss hinter der Bar hervor, während er im Vorbeigehen nach zwei Tageszeitungen griff und die erste vor Elise auf den Tisch warf. »Es war deine Idee, einen Vampir zu heilen.«

Mysteriöses Greisensterben

Zweites Opfer

in achtundzwanzig Tagen

in St. Annas Hope

Galway. Die Ärzte vermuten ein heimtückisches Virus als ursächlich für den zweiten Todesfall in der Alten- und Pflegeresidenz St. Annas Hope.
   Die bislang nicht näher identifizierte Krankheit tötet schnell und verursacht eine unerklärliche Blutarmut, die letztlich zum Tod der Opfer führt …

»Was willst du mir damit sagen?«
   »Dass Magnus immer noch tötet, vielleicht?«
   Magnus, der am See mit ihr geflirtet hatte. Magnus, der des Nachts verschwand und erst am Morgen zurückkehrte. Magnus, der aß und trank, sich in der Sonne aalte wie ein Mensch. Der sich mit jedem Tag, der seit der Heilung verging, seltsamer ihr gegenüber verhielt. Der abstruse Gedanke, die Annahme, die unwahrscheinliche Möglichkeit, dass Magnus noch tötete, war ihr bereits gekommen. Sie hatte sie ad acta gelegt. Magnus’ Körper war erkennbar geheilt. Seine Haut war warm und von der Sonne gebräunt. Sein Appetit riss ein beachtliches Loch in Choisrics Haushaltskasse und einmal hatte sie sogar erlebt, wie er sich mit einem Küchenmesser in den Finger geschnitten, geblutet und vor Schmerz gejammert hatte. Sie hörte ihn bis in ihr Zimmer schnarchen, wenn er des Tags auf der Liege am See einschlief. Magnus war ein Mensch und Menschen brauchten in der Regel kein Blut.
   Hilflos suchte ihr Blick Cassys Gesicht, die nicht den Anschein machte, als wollte sie für die Freundin in die Bresche springen. »Denkst du etwa das Gleiche wie er?«
   Eine zweite Zeitung flog auf den Tisch.

Leichenschändung

Drittes Virusopfer grausam entstellt

Galway. Nachdem St. Annas Hope seit einem Monat mit einem heimtückischen Virus kämpft, scheint nun ein Wahnsinniger seine Fantasien an den Leichen auszulassen.
   Die vierundachtzigjährige Abigail Murphy wurde am 09.10.2012 um 07:02 Uhr tot in ihrem Zimmer aufgefunden. Die Obduktion ergab, dass ihr die entstellenden Verletzungen erst nach Eintritt des Todes zugefügt wurden.
   Der Polizei fehlt bislang jede Spur.

»Wir sprechen von zahlreichen Striemen auf Gesicht und Körper, der Beinaheabtrennung ihres Kopfes vom Rumpf und unaussprechlichen Verletzungen im Genitalbereich«, sagte Gabriel so laut, dass es Elise dazu brachte, das Gesicht zusammenzukneifen.
   »Also, das ist völlig absurd.« Elise sah Gabriel herausfordernd an, doch was sie in seinen Augen sah, traf sie hart.
   Gabriels Miene war mitfühlend. Er stand vor ihr wie ein Vater, der seiner Tochter die Wahrheit über ihren missratenen Freund beibringen will.
   »Magnus war als Vampir kein Sadist. Warum sollte er jetzt einer sein?«, fragte sie.
   »Herzlichen Glückwunsch, Miss Brennan. Wie es aussieht, hat Ihre Heilung das perfekte Monster erschaffen. Ein Vampir, der aussieht wie ein Mensch, sich in der Sonne bewegen kann, aber ein Plus an Grausamkeiten auf Lager hat als der bloßen Gier nach Blut.«
   »Ein simples ‚Ich hatte recht‘ hätte genügt«, knurrte sie. »Es gibt noch etwas, das wir dir erzählen müssen«, unterbrach Cassy ihr Gezänk. Sie nickte Gabriel zu, der sich hinsetzte.
   Der Gedanke an Magnus und dass er noch immer tötete, verursachte in Elise das Gefühl, als lägen all seine Leichen in ihrem Magen. Ihr wurde übel und flau. Ihre Hände zitterten und sie versteckte sie in den Hosentaschen. Der Gedanke, er könnte so etwas wie eine Leichenschändung zustande bringen, erschien dagegen völlig absurd. Aber wenn das so war, warum zitterte sie dann am ganzen Leib? Nein, sie kannte ihn.
   Sie kannte ihn als Vampir …
   Warum hatte sie diese Berichte übersehen? Jeden Tag überflog sie die regionalen Zeitungen. Das Radio lief gefühlte zwölf Stunden am Tag. Sie hatte alles getan, um keinen Bericht über Todesfälle in der Umgebung Choisrics zu verpassen. Nebenbei, und das war das größte Opfer, verbrachte sie ihre gesamte Freizeit mit dem Exvampir und ließ ihn kaum eine Sekunde aus den Augen. Entweder hatte Magnus von vornherein dafür gesorgt, dass sie diese beiden Nachrichten nie zu Gesicht bekam, oder sie war so verblendet von seiner Aura und den funkelnagelneuen grasgrünen Augen, dass sie übersehen hatte, was ihr Verstand nicht hatte sehen wollen.
   Magnus’ Leichen drehten sich in ihrem Magen einmal um die eigene Achse. Sie musste sich setzen, weil ihr Kreislauf Trampolin hüpfte.
   »Michael und Gabriel sind nicht die einzigen Erzengel, die existieren«, sagte Cassy und riss Elise aus ihrem heimlichen Schmerz.
   Als Cassy mit ihrem Bericht über Uriel geendet hatte, versuchte Elise, zu schlucken, aber ihre Zunge klebte am Gaumen fest. Sie nahm die Hände vom Tisch, was hässliche Schweißflecken auf dem Holz hinterließ.
   Nach allem, was sie vergangenen Sommer erlebt hatte, zog sie kein Wort über Cassys Bericht in Zweifel.
   »Hast du denn etwas bemerkt? Verhält sich Magnus auffällig dir gegenüber?« Cassy versuchte, ihren Blick wiederzufinden.
   Elises Blick suchte nach etwas, das ihr Halt gab, aber da waren nur Staubkörner, die im einfallenden Licht des Fensterglases tanzten.
   Cassy und Gabriel gingen fort von hier. Magnus war zu einem Wesen mutiert, das allem Anschein nach darauf wartete, sie und jeden anderen Menschen, der ihm über den Weg lief, umzubringen.
   Mit diesem Vermächtnis blieb sie allein zurück.
   Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Gabriel nach Cassys Hand griff. Wenigstens brachte jemand Cassy in Sicherheit.
   »Nachts ist er oft unterwegs.«
   »Was tut er in dieser Zeit?«, fragte Gabriel.
   »Vielleicht das.« Elise schob die Zeitungen von sich, als entfernte sich dadurch das Problem.
   »Oder er trifft sich mit dem anderen Vampir.« Es tat gut, dass der Engel eine andere Möglichkeit in Erwägung zog.
   »Ian?«, tippte Cassy.
   Elise nickte halb. »Als wäre das die bessere Alternative.« Sie sah Gabriel wieder an. »Mir war klar, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Keine Sekunde ging ich davon aus, dass ich es mit der Heilung schlimmer gemacht haben könnte. Natürlich hat Cassy recht: Magnus benimmt sich seltsam in letzter Zeit.«
   Der Erzengel lachte auf. »Er ist ein paranormales Wesen. Was erwartest du?«
   Elise spürte eine Entladung von Adrenalin in ihren Venen und wie sie rot im Gesicht wurde. Sollte Magnus jemals Neugeborene aus einem brennenden Heim retten, so blieb er in Gabriels Augen auf ewig ein Sohn des Teufels, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um für Magnus Partei zu ergreifen. »Anfangs war er nett auf eine anstrengende Art. Mittlerweile besteht zwischen uns eine Distanz. Obwohl wir so viel zusammen sind, redet er kaum. Ständig sieht er mich an, als …« Ihr fiel kein passender Vergleich ein. »Ich fühle diese Spannung in seiner Nähe. So, als könnte die Situation jeden Moment explodieren, wenn ich das Falsche sage oder mich nur zu schnell bewege.«
   Die beiden warteten auf eine Schlussfolgerung. Elise hatte keine.
   »Vielleicht ist er dauergeil«, meinte Cassy und Gabriel stöhnte auf. Die Freundin hob entschuldigend beide Hände in die Luft. »Klar. Er macht sich an dich ran.« Cassy war ganz in ihrer Theorie. »Vermutlich hat er nach den enthaltsamen Jahrhunderten Notstand.«
   »O bitte …« Gabriel stand auf.
   »Vielleicht bilde ich mir das alles ein.« Das Gespräch führte in die falsche Richtung. Sie war sich im Klaren darüber, dass sie etwas Entscheidendes ausließ: ihre eigenen drängenden Empfindungen in Magnus’ Nähe.
   Wenn er sprach, hörte sie seine Worte, reagierte aber vor allem auf den Klang seiner Stimme. Was er sagte, wirkte nie völlig ehrlich und ganz nebenbei schien er ihre Gedanken zu lesen, nur um sie geflissentlich zu übergehen.
   Elise fröstelte. Da war dieser Tag am See, der Moment, kurz vor seinem kaum spürbaren Kuss. Wie oft hatte sie seitdem überlegt, was geschehen wäre, wenn er nicht …
   Cassys Stimme dröhnte in ihren Ohren wie ein Düsenjet. »Wahrscheinlich mag er dich. Immerhin hast du mit der Heilung Großes an ihm vollbracht und Männer können nicht gut mit Frauen, die erfolgreich sind.«
   »Wenn ich mir die Zeitungsberichte ansehe, will er mich eher für seine Friedhofsammlung als für sein Bett«, unterbrach Elise sie.
   »Möglich«, stimmte Gabriel zu.
   »Wieso sollte Magnus noch Blut brauchen? Wir haben gesehen, dass er sich im Sonnenlicht bewegen kann, folglich kann er kein Vampir mehr sein.«
   »Er ist etwas dazwischen«, überlegte Gabriel. »Du hast Uriels Worte gehört. Dir bleibt ein Jahr, um die Heilung zu vollenden. Cassys Vision sprach vom Gleichnis Jona. Gott erteilt Jona einen Auftrag, doch er flieht, anstatt ihn auszuführen und wird in der Folge vom Herrn bestraft.«
   Elise konnte mit der Geschichte nichts anfangen. »Wurde er verdammt? Wie Kain?«
   »Nein, er wurde von einem Wal verschluckt. Im Bauch des Tieres bereut Jona seine Feigheit und fleht den Herrn um Vergebung an. Gott gibt ihm, als erstem Menschen in der Geschichte, die Möglichkeit einer zweiten Chance und Jona erfüllt sein Schicksal ehrenhaft. Übertragen auf deine Situation könnte man ableiten, dass dir die Heilung des Vampirs noch gelingen kann. Eins ist nach Uriels Reaktion jedenfalls sicher: Der, den du suchst, hat große Macht.«
   »Also weiß Uriel, wer durch Cassy sprach?«
   Gabriel schüttelte den Kopf. »Glaube ich nicht. Uriel spürte Demut und Gehorsam den Worten gegenüber, genau wie ich. Von wem sie kamen und warum, blieb uns verborgen. Ich vermute, dass das Absicht war.«
   Elise hatte Angst vor der Antwort, die sie auf ihre folgende Frage erhalten würde, doch ihr blieb keine andere Wahl. Sie sah Gabriel in die Augen und ließ zu, dass dadurch eine gewisse Nähe entstand. »Was passiert, wenn ich versage?«
   Gabriel lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Uriel wird nicht zulassen, dass ein Halbwesen wie Magnus die Erde unsicher macht. Er ist kein normaler Vampir und dadurch nicht länger durch den Fluch geschützt. Uriel wird Magnus vernichten, wenn du ihn nicht heilen kannst.«
   Elises Blick schweifte zu Cassy ab. »Und was passiert mit uns?«
   »Verdammung«, sagte der Engel nur.
   »Er verwandelt uns in Vampire?«
   Das gewellte Haar des Engels blieb starr wie ein Stück Strohwolle, als er den Kopf schüttelte. »Zuerst werden wir einige Jahrhunderte auf der Erde wandeln, abgeschnitten vom Tageslicht und dem Leben in der Zivilisation. Nichts und niemand wird uns töten können. Leid oder Schmerz werden wir jedoch empfinden. Nach Tausenden von Jahren könnten wir erstmals dem Drang nachgeben und Blut trinken, auf der Suche nach den Erinnerungen an unser einstiges Leben.«
   Elise überlief ein Schauder aus Kälte.
   »Hört sich verlockend an.«
   Das Horrormärchen vervollständigte sich, als Cassy ihren Pony hob und eine Narbe mit Ausfransungen an den Seiten entblößte. Ein roter Rand kennzeichnete die Wunde, als hätte sie jemand mit einem Stift gezeichnet, dessen Miene statt Farbe Blut enthielt.
   »Uriel hat sein Werk begonnen«, sagte Gabriel und Elise stockte der Atem. Das Leid in Cassys Blick erinnerte sie an ihren Traum.
   Cassy, tot über Magnus’ Schulter.
   »Die Narbe ist ein Kainsmal, das Symbol für Verdammung. Cassy hat keine Möglichkeit mehr in den Tod zu fliehen.«
   Die Augen ihrer Freundin glänzten, als sie Elise die Hand auf den Arm legte. »Du musst den finden, von dem ich die Vision erhielt, dann gibt es vielleicht eine Chance.«
   Aber was Cassy von ihr verlangte, hatte nichts mehr mit Medizin oder Wissenschaft zu tun. Hier war Magie vonnöten und auf die hatte ihr Vater sie nicht vorbereitet.
   »Seid ihr Engel nicht miteinander verbunden? Wie soll eine Flucht unter diesen Umständen möglich sein?«
   »Ich habe die Möglichkeit, mich vor den anderen abzuschirmen. Es erfordert große Kraft, und vermutlich wird Uriel mein Schutzschild ab und an durchbrechen. Wir werden unsere Verstecke häufig wechseln.«
   Cassy schien auf dem Stuhl neben ihr kleiner zu werden und Elise hätte sie gern unter vier Augen gefragt, ob Gabriels Plan auch ihr Wunsch war.
   »Wenn es dir gelingt, Magnus zu heilen, werde ich Uriel von einer Begnadigung überzeugen. Niemand hat je einen Gottesfluch rückgängig gemacht. Wenn dir das gelingt, wird nichts auf dieser Erde sein wie zuvor. Nicht mal für uns Erzengel.« Gabriel lächelte. »Wir werden Michael auftreiben und zu dir schicken. Deine Unversehrtheit hat im Augenblick Vorrang vor der Gefahr, von seiner Aura eingenommen zu werden.«
   Elise versuchte, die Vorstellung zuzulassen, Michael wiederzusehen. Viel schlimmer war, dass Magnus ihre Seele längst gefangen genommen und ihr Vertrauen ausgenutzt hatte. Dabei hatten seine Blicke nie ihrem Körper gegolten, sondern womöglich nach wie vor ihrer Schlagader.
   Michaels Nähe und die Beeinflussung durch seine Aura würden kaum hilfreicher werden als beim ersten Mal.
   Elises Zweifel verloren an Kraft, als sie sich etwas in Erinnerung rief. Etwas, das sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen durfte: Verfalle nie der Verlockung eines Vampirs.

Kapitel 5
Enthaltsamkeit

Magnus’ Magen hatte Mühe, das Blut zu verdauen.
   Unablässig setzte er einen Fuß vor den anderen und stützte sich auf einem der Kruzifixe seines Friedhofes ab. Er erinnerte sich undeutlich an das Gefühl, das ihn nach dem Trinken von Blut öfter befiel. Die Menschen nannten es Übelkeit. Sein Magen verkrampfte sich, aber das Verlangen war fort. Wenn Elise ihn bei Tagesanbruch nicht in seinem Bett vorfand, würde sie ihn mit Sicherheit suchen gehen. Und früher oder später würde ihr Weg sie hier herunterführen. Dieser Gefahr durfte er sie nicht aussetzen.
   Die altbekannten Klavierklänge der Mondscheinsonate drangen aus seiner Gruft an sein Ohr und alles in ihm sträubte sich. Ironischerweise war Ian Connolly der Einzige, dem er momentan vertrauen konnte.
   Der Vampir mit dem aschblonden Haar stocherte mit dem Eisenhaken im Feuer herum. Hätte Magnus Ian etwas raten sollen, so wäre es gewesen, die Finger von Feuer, Blut und Feindschaften gleichermaßen zu lassen. In seiner Labilität beherrschte Ian selbst nach zwei Jahrhunderten keines dieser Dinge.
   »Wann gehst du zurück nach England?«
   »Nach allem, was im Moor geschehen ist, bin ich dir nicht mal eine Begrüßung wert?« Ian hatte in den Kamin hineingesprochen und drehte sich erst im Anschluss um.
   Magnus versuchte, das Beben zu unterdrücken, das ihn bei Ians Anblick schüttelte. Ihm war nie klar gewesen, welchen Grad äußerlicher Perfektion ein Vampir erreichte und einmal mehr verstand er nicht, warum Menschen Böses mit Hexenwarzen und Buckligen in Verbindung brachten, während sie sich Engel als makellose Gestalten vorstellten. In der Logik der Welt war nur Böses in der Lage, mithilfe von Trug und Täuschung eine derartige Perfektion zu erreichen.
   Jetzt, da er Ians Schönheit als Mensch gegenüberstand, wuchs sein Neid auf den blütenweißen Blick des Vampirs.
   Ian warf den Eisenhaken ins Feuer und sein tailliertes Jackett wippte um seine Oberschenkel, als er sich bewegte.
   »Ich will dich nicht in meiner Nähe«, wiederholte Magnus.
   »Deiner oder ihrer?«
   »Das tut nichts zur Sache.«
   Mit einem Ruck stand Ian vor ihm und berührte ihn mit dem Zeigefinger an der Unterlippe. Irritiert riss Magnus den Kopf zur Seite, dann erkannte er den Grund für die Berührung.
   Genüsslich legte sich der Vampir den Stoff auf die Zunge und lächelte. Die Seide von Ians Handschuh hatte sich blutrot verfärbt. »Zu alter Jahrgang für meinen Geschmack.«
   »Es geht dich nichts an, was ich nachts tue.« Konnte er sich nicht einmal Beweisstück Nummer eins aus dem Gesicht wischen, bevor er sich mit Ian traf? Was war bloß los mit ihm?
   »Warum sollte ich dich für etwas verurteilen, was ich selbst jede Nacht tue?« Ian zuckte mit den Schultern.
   »Verschwinde endlich aus meiner Gruft!«
   Ian ließ den Blick schweifen. »Cleft Castle ist der ideale Vampirbau. Dein Sarg steht leer, ist sehr bequem und ich habe nicht vor, dein Altwerden zu stören. Beruhige also dein Gemüt. Aufregung ist schlecht für das Herz, jedenfalls für ein schlagendes.«
   Ian und Linette … Elises Blut in Ians Mund … Elises Körper unter dem seinen … Benommen schloss Magnus die Augen und ballte die Hände neben seinem Körper zu Fäusten. Er spürte seinen Puls in seinem Innenohr.
   »Drei Liter Blut auf einen Zug, so etwas verträgt ein Menschenkörper nicht. Du solltest es auf kleinere Häppchen aufteilen«, riet Ian brüderlich und legte den befleckten Handschuh auf dem Kaminsims ab. »Selbst der Erzengel schien Elise Brennan verfallen. Sie besitzt einen verführerischen Körper, ganz zu schweigen von diesem Puppengesicht. Aber man muss sich beeilen bei den Menschenweibern. Ihre Schönheit vergeht und offensichtlich hast du einen mächtigen Nebenbuhler.«
   Magnus bemerkte erst, was er tat, als es zu spät war. Er hatte nach einer der Fackeln gegriffen, Ians Arm gepackt und ihn neben den Kamin gepfählt. Seine Hand lag über Ians Hals und drückte so fest er konnte zu. Die Kehle des Vampirs gab nicht nach. »Es steht dir nicht zu, über sie zu sprechen«, hauchte er und wich von seinem Bruder zurück.
   Ian zog eine Schnute, griff nach dem Pfahl und zog ihn aus seinem Arm, als wäre das etwas, was er mehrmals täglich tat. Mit hohlem Klang schlug das Holz hinter Magnus am Boden auf. Der Vampir bewegte ein paar Mal kreisförmig die Schulter und dehnte seinen Nacken.
   Magnus suchte nach etwas, womit er sich das Blut aus dem Gesicht wischen konnte, aber außer dem Samtstoff seines Betthimmels gab es nichts, was dazu dienen konnte, also rieb er sich so lange über Kinn und Oberlippe, bis die Haut zu brennen begann.
   Ian stand plötzlich neben ihm. »Ich war da. Damals, im Moor. Zwei Engel versuchten, dich auszulöschen. Trotzdem scheint alles, was du mir zu geben hast, ein abgenutzter Vorwurf zu sein. Mit unverminderter Motivation lässt du eine Schuld aufleben, die ich seit Jahrzehnten bei dir abzutragen versuche.«
   Magnus fuhr herum. »Nie wirst du etwas von dieser Schuld abtragen. Ich habe dich nicht hergebeten und ich möchte, dass du Irland verlässt.«
   Sie sahen sich in die Augen, bis Magnus’ Drang, zu blinzeln, übermächtig wurde.
   »Zum ersten Mal in unserer Existenz bin ich ein bisschen stärker als du.« Ians Stimme klang zu stoisch für eine derartig überlegene Feststellung.
   Magnus war immer der Starke gewesen in dieser Beziehung, der Vernünftige. Der Bruder, der alles regelte und Ian auffing, wenn er fiel. Wenn Magnus schwächer wurde, bedeutete das im Umkehrschluss, dass Ian auf sich gestellt war.
   »Ich habe uns nicht mit Ketten aus Gefühlen aneinandergeschmiedet, das warst du«, sagte Magnus kalt.
   Das Risiko, mit Ian zu kämpfen, erschien ihm plötzlich lächerlich klein. Nur irgendwo im menschlichen Teil seines Unterbewusstseins blinkte ein kleiner, roter Punkt zur Warnung.
   Der Vampir lächelte schief. »Im ersten Moment glaubte ich tatsächlich, dass sie dich geheilt hat. Ich dachte, es ist der Geschmack von Blut, den du vermisst. Aber deine Fee hat gepfuscht.«
   »Ich bin ein Mensch und Menschen leiden von Zeit zu Zeit!«
   Eines von Ians weißen Augen verengte sich. »Lass es uns herausfinden. Lass uns sehen, ob diese Heilung eine war.«
   Magnus versuchte, die Bedeutung des Satzes zu verstehen, als ihn ein flaues Gefühl ergriff.
   Atemzüge. Hier im Raum.
   Sein Herzschlag erhöhte sich. Er drehte sich um sich selbst, bis er die Erhebung unter dem Laken sah. Eine Flutwelle aus Gänsehaut und purer Energie schwappte über seinen Körper und bahnte sich bis hinauf in seinen Kopf, wo sie ein hässliches Druckgefühl hinterließ.
   »Was hast du getan?«
   »Was Vampire eben so tun. Ich hatte die Vermutung, dass dein Durst seit der Heilung … sagen wir, alles andere als versiegt ist.«
   Hitze staute sich in Magnus’ Wangen auf und er hatte den Eindruck, so heftig er auch einatmete, nichts von der kühlen Luft kam in seinen Lungen an.
   Wenn das Wesen unter der Decke Elise war, wenn ihre Haut verletzt oder auch nur angeritzt war, würde er Ian den Kopf abschlagen, seinen Torso in die Flammen werfen und sein Gesicht in der Morgensonne braten.
   Magnus gab seinen Beinen den klaren Befehl, zwei Schritte auf den Bettrand zuzumachen, und sie gehorchten steif. Er streckte die Hand nach dem Laken aus und beobachtete sie selbst dabei. Das Beben seines Herzens verursachte Schmerzen in seiner Brust. Sein Blick verschwamm in einem Meer aus Tränenflüssigkeit. Magnus blinzelte, dann zog er das Laken weg. Stück für Stück entblößte es einen weiblichen Körper, der in Fötushaltung auf der Matratze lag.
   Sie trug nichts als ein Negligé. Ihr halblanges Haar war … blond.
   Ein elektrischer Schlag durchfuhr Magnus’ Körper, dem ein hoher Schmerz in seiner Stirn folgte. Seine Atemstöße kamen flach und schnell und sein Herz stolperte in seiner Brust. Wie von selbst flog sein Blick über die mit Blut besprenkelte Haut des Mädchens. Der menschliche Teil seines Selbst empfand Abscheu vor diesem Bild. Er konnte ihr Leid spüren und ihre Angst widerte ihn an. Aber gleichzeitig passierte etwas ganz anderes mit ihm. Da war dieses neue Gefühl. Ein Gefühl der Freude, der schieren Gier und es war nicht der Geruch von Blut, der dieses Gefühl verursachte. Nicht der Durst auf Leben oder menschliche Erinnerung.
   Magnus Haut prickelte.
   Die Rundungen an den Hüften des Mädchens ähnelten denen von Elise. Sie hatte die gleiche helle Haut und die gleiche eingefallene Taille. Es war der Anblick dieser Zierlichkeit, der ihn um den Verstand brachte.
   Er legte den Kopf schief.
   Etwas lag verborgen unter dem Duft des Blutes, wie ein zweiter Geruch, der seine Nervenbahnen erglühen ließ. Es roch weich und ursprünglich, erinnerte ihn auf eine bestimmte Weise an Lebenslust, nicht an Verletzung oder Tod.
   Erschrocken über die Erkenntnis straffte er die Schultern und wich zurück. Er roch Östrogene. Die Sexualhormone einer Frau.
   Ian wippte mit dem Fuß. »Auf was wartest du? Ich konnte sie überreden, die Hand auf die Schlagader gepresst zu halten, bis du kommst. Der Venenzugang ist offen. Mit deinen Mäusezähnchen ist Präzision ja unmöglich.«
   Magnus atmete schwer, was den Geruch der Frau nur noch tiefer in seine Lungen trieb und ihn dort verankerte. Die Kraft, die in ihm wütete, war wie ein Urtrieb, dem sein Verstand nichts entgegenzusetzen hatte.
   Ganz von selbst heftete sich sein Blick zurück auf die Frau und was er spürte, schien so viel wichtiger für sein Überleben, als Blut es je gewesen war.
   Hilflos und mit aller Kraft drehte er sich von ihr weg. Er musste den Drang in den Griff bekommen. Er musste diesem irrsinnigen Wunsch widerstehen. In seiner Verwirrung blieb er mit der Kuppe seines Stiefels am Bettpfosten hängen und stürzte direkt vor Ian auf die Knie. Gelangweilt zog Ian ihn am Kragen hoch. »Trink. Dann wird es dir besser gehen.«
   »Du bist ein Monster.« Es war selten eine gute Idee, Ian zu beleidigen. Mit einem Ruck packte der Vampir ihn bei den Schultern und warf ihn zu seinem Opfer aufs Bett.
   Unwillkürlich berührten Magnus’ Lippen die Blutspritzer auf der jungen Haut. Nein, nein, er durfte das nicht. Er musste dem widerstehen. Dem Blut konnte er widerstehen. Aber der Duft des Mädchens wirkte auf ihn wie Chloroform.
   Mit der rechten Hand griff er nach ihrer Schulter und wälzte ihren Körper herum. Ihr Make-up war verschmiert, ihre Augen klein, ihrem Blick fehlte der Reiz, doch der Anblick ihrer Brüste löschte alles aus.
   Magnus bleckte die Fangzähne. Seine Hand zitterte und sank unsicher auf eine der Brüste herab.
   Sie trug keinen Büstenhalter unter der Seide ihres Negligés, weshalb Magnus an seiner Handfläche die Kirsche ihrer Brustwarze spüren konnte. Zuckend presste sie sich die Hand auf die Schlagader und würgte in einem seltsamen Takt dazu.
   Zuerst bewegte sich Magnus nicht, ängstlich, den wundervollen Anblick vor sich zu zerstören. Speichel sammelte sich um ihren Mund. Und dann küsste er sie.
   Ian rief etwas hinter ihm.
   Magnus saugte ihre Zunge ein, biss zu und trank das Blut aus ihrem Mund. Undeutlich wurde ihm bewusst, dass er ihre Brüste knetete. Mit einem Knie drängte er ihre Beine auseinander und presste seine Lenden gegen ihre Scham.
   Ian zerrte an ihm. Magnus schüttelte ihn ab.
   Dieser Körper gehörte ihm.
   Eine kalte Hand packte ihn im Genick und schleuderte ihn rücklings vom Bett.
   Mit dem Hinterkopf schlug er an etwas Hartem auf und glitt mit dem Rückgrat zum Boden hinab. In seinem Brustkorb krachte es, darauf folgte ein scharfer Schmerz. Magnus bekam keine Luft.
   »Vampire küssen nicht.« Ians verschwommene Gestalt trat auf ihn zu und kniete sich prüfend vor ihn hin. »Drei Rippen gebrochen«, diagnostizierte er, riss Magnus’ Handgelenk an sich und versenkte für einen Moment seine Fangzähne darin.
   Etwas Fremdes schien nach Magnus’ Knochen zu greifen und sein Rückgrat an der Wand emporzurücken. Die gebrochenen Stücke in seiner Brust setzten sich offenbar von ganz allein zusammen und seine Lungenflügel bliesen sich selbstständig auf. Im nächsten Moment bekam er wieder Luft.
   Dicht vor ihm kippte Ian auf seine Fersen zurück. Er presste sich eine Faust auf den Mund, die weißen Augen geweitet. Undeutlich begriff Magnus, was geschehen war und stemmte sich vom Boden hoch. Die Leiche des Mädchens lag auf dem Bett. Verblutet, geschändet. Die heutige Nacht erhöhte die Anzahl seiner Opfer auf vier.
   Magnus verbot sich den Gedanken daran, dass die Fünfte wahrscheinlich Elise Brennan war.
   »Ich habe Elise nichts zu geben als den Tod«, murmelte er.
   Mit dem Handrücken wischte sich Ian den Mund ab, obwohl er keinen Tropfen von Magnus’ Blut getrunken hatte. »Na ja …,« sagte der Vampir. »Du bist sterblich, wirst irgendwann faltig und alt. Du kannst in die Sonne, schwitzt und stinkst, wenn du dich nicht täglich wäschst. Dein Blutdurst dagegen gleicht dem eines Yetis in der Wüste. Und du verspürst den Drang, Frauen zu unterwerfen. Ich würde sagen, Elise Brennan übt immer noch.«
   »Warum hab ich das getan?« Magnus gelang es nicht, den Blick von der blutigen Leiche abzuwenden.
   »Du meinst das Körperliche?«
   Sie kamen aus einer Zeit, in der niemand über Erotik sprach und zu allem Überfluss war sie für einen Vampir irrelevant.
   »Dachtest du dabei etwa an sie?«
   Diese Frage wollte sich Magnus nicht einmal selbst stellen.
   Ian wandte sich ihm zu. »Wie oft hast du als Vampir getrunken?«
   »So selten wie möglich.«
   »So gut wie nie. Und wie ist es seit der Heilung?«
   »Alle zwei bis drei Nächte, wenn das Verlangen zu groß wird.«
   »Das Verlangen nach Blut oder das Verlangen nach Elise?«
   Magnus antwortete nicht. Sein Bruder zog Luft durch die Fangzähne ein. »Du musst mit ihr reden. Ihre sogenannte Heilung ist gescheitert. So kann es nicht weitergehen. Was da beinahe geschehen wäre, ist eines Vampirs und eines Mannes unwürdig.«
   Magnus packte Ian am Oberarm. »Denkst du, das weiß ich nicht? Du musst mich zurückverwandeln. Ich kann nicht zurück ins Schloss. Lieber bleibe ich ein Vampir, als Elise das anzutun.«
   »Bei Satans Seele.« Ian riss die Augen auf. »Momentan bist du ein halblebendiger Untoter. Wenn ich dich in diesem Zustand verwandle, weiß Beelzebub, was aus dir wird. Sie war es, die einen Vampir heilen wollte, jetzt soll sie es zu Ende bringen.« Ein Perlmuttschimmer trat in Ians Augen. »Ich kann sie zwingen, wenn du willst.«
   Magnus stieß Ian aufs Bett. »Ich mache eine Moorleiche aus dir, wenn du sie anrührst. Du hast kein Recht, mir so ein Angebot zu machen, nachdem du Linette geschlachtet hast wie ein Ferkel.«
   »Ich liebte Linette. Ich wollte nicht, dass es so endet.«
   »Nein, du wolltest all das nie. Und dennoch tust du es … Sieh dir die Bescherung doch an.«
   Die offenen Augen der Leiche neben Ian auf dem Bett hatten jede Farbe verloren. Die Seele der Frau hatte diesen entsetzlichen Ort verlassen und auf gewisse Weise tröstete Magnus das.
   »Wenn wir dich retten wollen, müssen wir in Erfahrung bringen, was mit dir nicht stimmt«, fuhr Ian unbeirrt fort. »Was fühlst du, wenn du an Elise Brennan denkst?«
   Magnus drehte sich von ihm weg. Seine Finger zitterten, seine Knie waren weich. Er wusste die Antwort auf Ians Frage und sie ließ ihn sich fühlen wie ein Kind, dass jede Orientierung verloren hat.
   »Wenn ich an Elise denke«, flüsterte er, »fühle ich mich imstande, eine ganze Stadt auszurotten und all ihre Jungfrauen zu entehren.«

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