Eine Frau, ein Job, zwei Welten. Seitdem Nalas Arbeitsweg sie durch ein schimmerndes Dimensionstor führt, kann von Alltag keine Rede mehr sein. Als Managerin für den Mitarbeiterverbleib gerät sie nicht selten in brenzlige Situationen. Mal wieder in eine solche Lage gestolpert, erweist sich der charmante Luuk als Retter in der Not. Plötzlich tauchen in der Wohnung von Nalas Freund Desmond zwei Dämonen auf und eine dramatische Nacht nimmt ihren Lauf, in der nicht nur Luuk aufs Ganze gehen muss. Auch Nala riskiert Kopf und Kragen – immerhin steht eine Seele auf dem Spiel … Der 3. Band der mitreißenden Inc.-Reihe.

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ISBN: 978-9963-53-279-7

Seiten: 354

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Stephanie Linnhe

Stephanie Linnhe
Stephanie Linnhe wuchs im nördlichen Ruhrgebiet auf. Nach einer Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin studierte sie Publizistik, Skandinavistik und Sozialanthropologie in Bochum und Kopenhagen. Im Anschluss ging sie für ein Jahr nach Australien und arbeitete als Story Writer für Sensory Image Pty Ltd sowie als Tourguide mit Schwerpunkt in Sydney. Zurück in Europa, führten mehrere Projekte sie in die Schweiz und nach England, bis sie schließlich 2008 in die Welt der Computerspiele eintauchte. Seitdem kümmert sie sich um die Texte eines Karlsruher Onlinespiel-Anbieters und schreibt nebenher für Zeitungen und Zeitschriften.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1
Lebensretter

»Ich weiß genau, was Sie hier wollen!«
   »Natürlich wissen Sie das, ich habe es Ihnen doch gerade gesagt.«
   »Ha! Und Sie glauben, Sie kommen damit durch?«
   Ich starrte auf die schwere Holztür vor mir. Nein, das glaubte ich sicher nicht. Das Einzige, was momentan durch dieses Hindernis kam, war das Gekreische von Frau Arden, bei dem jede zweite Silbe wie ein Schluckauf klang.
   »Es ist ein ganz normales Vorgehen«, sagte ich so ruhig und tief ich konnte. Auf der CD Mit erhobener Faust: Wie coache ich mich selbst für den Alltag, die meine beste Freundin Kim mir geschenkt hatte, hieß es, dass Frauen mit dunklen Stimmen ernster genommen würden.
   »Ein normales Vergehen meinen Sie wohl! Kriminell! Sie stehen auf meinem Grundstück!«
   Allmählich wurde mir die Sache unangenehm. Vor allem, da sich bereits mehrere Passanten zu mir umdrehten. »Frau Arden, ich stehe auf der Straße und damit vor Ihrem Grundstück.«
   »Mit einer verflixten Kamera!«
   Ich lächelte der älteren Dame zu, die im Nachbargarten soeben an ihrem Hörgerät herumschraubte, und versuchte, besagte Kamera hinter meinem Rücken zu verstecken. Ja, ich schleppte sie mit mir herum und nein, das tat ich nicht freiwillig. Es gehörte zu meinem Job bei Adamant Bunch Marketing – immerhin war ich Managerin für den Mitarbeiterverbleib. Meine Hauptaufgabe bestand darin, zu kontrollieren, ob die Krankenscheine meiner Arbeitskollegen echt oder nur der Garant für ein wenig zusätzlichen Urlaub waren. Dazu wollte mein Vorgesetzter Beweise. Und für diese benötigte ich meine Kamera. Wie heute, als ich geschlagene zehn Minuten versuchte, Sonia Arden an die Tür zu bekommen, um ihr schweres Nesselfieber abzulichten, das als Diagnose angegeben worden war. Leider bewachte Sonias Mutter das Haus besser, als jeder Kampfhund es hätte tun können.
   Ich räusperte mich und öffnete den Mund, um etwas zu sagen.
   »Wenn Sie noch einen Schritt weitergehen, schieße ich Ihnen die Zehen ab!«, kam mir Frau Arden zuvor.
   Nun blieb ich doch stehen und starrte auf meine neuen taubengrauen Ballerinas mit den hübschen Satinblumen, ehe ich mich wieder dem Guckloch in der Mitte der Tür zuwandte. Die Situation war ungerecht. Sie konnte mich sehen, ich sie aber nicht. Wer wusste schon, was sie dort drinnen tat, abgesehen davon, dass sie mir höchstwahrscheinlich die Zähne zeigte? Wahrscheinlich war ich soeben diejenige, die fotografiert wurde!
   Der Gedanke, leicht verstört und mit vom Wind zerzausten Haaren für die Nachwelt festgehalten zu werden, gefiel mir nicht. Ich drehte meinen Oberkörper, damit meine Taille schmaler und meine Figur insgesamt vorteilhafter zur Geltung kam, und war froh, mich heute für den dunkelblauen Zweiteiler entschieden zu haben, der ein wenig nach Business-Kostüm aussah und somit geschäftlicher wirkte, als ich normalerweise auftrat. Immerhin wollte ich nicht, dass Frau Arden ihrem Mann beim Abendessen erzählte Und dann stand dieses Mädchen mit der Kamera vor der Tür, recht proper gebaut, kann man wohl sagen … Ich war nämlich nicht proper, auch wenn meine Mutter es behauptete und mich manchmal entsetzt anstarrte, wenn ich zu viel Haut zeigte. Aber für Alessia di Lorenzo war jede Frau, bei der man keine Knochen zählen konnte, ein Fall für die neueste Diät.
   Etwas klickte, dann wurde eine Kette zurückgeschoben. Ich setzte mein höflichstes Lächeln auf und konzentrierte mich auf die Worte, mit denen ich die aufgebrachte Frau besänftigten wollte. Die Tür sprang mit einem Knall auf und prallte gegen die Wand. Ich taumelte zurück und ließ beinahe meine Kamera fallen. Nicht, weil der Lärm mich erschreckt hatte, sondern weil die Frau mit dem strengen Gesicht und dem Männerhaarschnitt tatsächlich ein Gewehr in der Hand hielt – und auf mich zielte.
   »Ich zähle bis fünf«, brüllte sie.
   Ich wollte meine Hände heben, doch vor lauter Schock gehorchten sie mir nicht. Regungslos starrte ich in den tanzenden Gewehrlauf. Er war nicht groß, aber in diesem Moment kam er mir riesig vor.
   »Frau Arden …«
   »Eins!«
   Es klackte, und zu meinem Entsetzen begriff ich, dass sie soeben durchgeladen hatte. Ich musste an den gesunden Menschenverstand dieser Frau appellieren! O mein Gott, was, wenn sie keinen besaß? Oder … wenn sie kein Mensch war?
   Seitdem ich in der Parallelwelt arbeitete und regelmäßig durch das Dimensionstor hüpfte, wusste ich, dass man einen Nichtmenschen nur manchmal auf den ersten Blick erkannte. Ich spürte regelrecht, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich, auch wenn ich bisher bestritten hatte, dass so etwas möglich war. »Hören Sie mir doch …«
   »Zwei!«
   Im Haus nebenan wurde die Tür aufgerissen und ein älterer Mann streckte seinen Kopf heraus. Ich atmete auf. Er würde diese Furie entweder aufhalten oder die Polizei rufen. Vielleicht brachte auch seine bloße Anwesenheit Frau Arden wieder zur Vernunft.
   »Alles in Ordnung, Carla?«, rief er und strich sich mehrmals über seinen dichten Haarschopf. Ein Toupet, wie ich vermutete. Die Frisur sah arg verrutscht aus und bewegte sich in diesem Moment ein Stück nach links.
   Carla Arden warf ihren Kopf von einer Seite auf die andere. »Eindringling«, sagte sie. »Drei!«
   Der Mann verschwand, höchstwahrscheinlich, um die Polizei zu rufen. Dafür war ich dankbar, auch wenn ich bezweifelte, dass mir die Zeit blieb, um zu warten.
   Ganz in der Nähe knallte eine Autotür, zeitgleich zischte etwas an meinem Ohr vorbei. Verwirrt blinzelte ich und drehte mich um – nur um zu beobachten, wie ein Gartenzwerg mit Schubkarre in die Höhe hüpfte und sich um die eigene Achse drehte. Frau Arden besaß mächtige Fähigkeiten! Ich riss die Augen auf und grübelte fieberhaft, ob ich diesen bereits begegnet war. Was war das? Levitation? Telekinese? Oder – mir brach der kalte Schweiß aus – lag es etwa am Gartenzwerg selbst? Sicherheitshalber lächelte ich ihn an, da ich mir neben Carla Arden keinen weiteren Gegner leisten konnte. Es knall-sirrte erneut, und der kleine Kerl zersprang mitten in der Luft in Stücke.
   Fassungslos starrte ich auf die bunten Fragmente am Boden und begriff nur sehr langsam, was soeben passiert war. Es war wohl zu spät, um in Schockstarre zu verfallen, zumindest reagierte mein Körper lediglich mit Gänsehaut und Hitzewallungen zur selben Zeit. Ich versuchte, das Zittern zu unterdrücken, während ich mich umdrehte. Gegen das Eis in Carla Ardens Augen war ganz Grönland ein Witz.
   »Sie hatten fünf gesagt«, teilte ich ihr in anklagendem Tonfall mit, hob die Hand und spreizte alle Finger ab. »Nicht drei.«
   Sie hielt ihr Gewehr gegen die Schulter gepresst und stand breitbeinig wie ein Trucker im Gebüsch. Sie kaute sogar etwas, zumindest zuckte ihre Oberlippe und verlieh ihr etwas Angriffslustiges. Fast erwartete ich, Rauch aus dem Gewehrlauf aufsteigen zu sehen. Langsam hob Frau Arden einen Mundwinkel und wandte ihren Kopf.
   Ich folgte ihrem Blick – und schrie auf. Nicht, weil das Toupet des Nachbarn nun so schräg saß, dass es ein Ohr halb bedeckte, sondern weil er ebenfalls bewaffnet war. Sein Gewehr sah älter aus, weniger glänzend und modern. Quasi sehr … gebraucht. Aus seinem Lauf rauchte es wirklich. Damit aber nicht genug, zeigte es genau auf mich.
   Mein Schrei ging in einem Ächzen unter, während ich vorsichtig zurückwich. Die Überreste des Gartenzwerges knirschten unter meinen Schuhen. Selbst meine Gedanken schienen sich in eine Ecke zu verkriechen und dabei übereinanderzustolpern. Anscheinend war diese Wohngegend nicht so harmlos, wie sie aussah, sodass jeder, egal ob Greis oder Kleinkind, zum Selbstschutz eine Waffe benötigte. Vielleicht herrschten hier amerikanische Verhältnisse und Frau Arden war zusammen mit ihrem Nachbarn für eine Kontoeröffnung zu einer Bank gefahren, die ihre Neukunden mit durchschlagenden Argumenten an sich band und Gratisfeuerwaffen verteilte?
   Beim nächsten Schritt stolperte ich über ein größeres Stück Gartenzwerg, kam ins Straucheln und streckte die Arme aus, um mein Gleichgewicht nicht zu verlieren. Vielleicht auch, um die beiden aufzuhalten. Wie um mich zu verhöhnen, zuckte hinter dem Rücken des Mannes etwas hervor und beschrieb einen schnellen Kreis durch die Luft. Ich stöhnte. Der Kerl war ein Teufel! Ob Ober- oder Unterkategorie, konnte ich nicht beurteilen. Sie unterschieden sich durch ihre Fähigkeiten, nicht durch ihr Äußeres, und nur manche von ihnen lebten noch traditionell in einem Konvent zusammen, einer Art Clanhaus. Es gab allerdings unter den Teufeln auch Exemplare, die sich in einem Reihenhaus mit Vorortidylle wohlfühlten, so wie dieses hier. Und wenn ich eines gelernt hatte in meiner Zeit in LaBrock, dann, dass Teufel schnell rotsahen.
   »So ist es recht, Mädchen«, rief der Toupetträger. »Sieh zu, dass du Land gewinnst. Du hast hier nichts verloren!«
   Ich schluckte und sah mich auf der Suche nach Hilfe um. Die alte Dame im Garten nebenan winkte mir freundlich zu und tupfte sich mit einem geblümten Tuch die Stirn. Ich wagte es nicht, sie direkt anzusprechen. Die Chance war zu groß, dass sie mich entweder nicht verstand, ebenfalls zum Ziel des schießwütigen Duos wurde oder eine Schusswaffe unter ihrem Kittel trug. Ich durfte niemanden gefährden! Am allerwenigsten mich.
   In meiner Heimatwelt, also unter normalen Umständen, wäre ich in einer solchen Situation sofort geflohen. Aber dies war nicht meine Heimat, und die Umstände waren alles andere als normal. Wenn ich diesen Auftrag versaute, würde ich mich dem Prokuristen gegenüber verantworten müssen. Als Halbkobold verfügte er über den Empathie-Level eines Steins. Es würde ihn nicht interessieren, ob ich in Gefahr war oder dass diese Situation kaum zu lösen schien. Alles, was er wollte, waren Ergebnisse. Sollte ich ohne einen Fotobeweis von Sonia Ardens Krankheit zurückkehren, würde er mir zunächst eine Standpauke halten und mich anschließend erneut in die Schlacht schicken. Wenn er überschäumender Laune war und einen wirklich guten Tag hatte, würde er mir vielleicht eine Schutzweste besorgen. Solche Gefühlsausbrüche kamen bei ihm aber selten vor.
   »Muss ich mich etwa wiederholen?« Mein Zögern hatte den Teufel veranlasst, durch seinen Vorgarten auf mich zuzustapfen.
   Okay, das war schlimmer als ein Rüffel vom Boss! Ich keuchte, wirbelte herum und rannte los. Meine Schritte hämmerten auf dem Boden, begleitet vom rauen Lachen der Arden. Himmel, sie klang sogar wie ein Trucker.
   Wo stand noch einmal mein Wagen? In der Hektik streikte mein Erinnerungsvermögen und schickte mich zielsicher in die falsche Richtung. Mein Magen rebellierte, als ich auf die Straße starrte und mir bewusst wurde, dass ich hier kein Auto finden würde, mit dem ich zurück in die Firma fahren konnte. Es sei denn, ich lernte schnell, eines aufzubrechen. Ich wendete in vollem Lauf – und schrie erneut, als ich den Teufel mit dem Toupet frontal auf mich zuhalten sah.
   »Dir bringe ich Manieren bei!« Er schwenkte die freie Hand durch die Luft, und ich registrierte beiläufig die Tätowierungen darauf. Unter anderen Umständen hätte ich sie mir gern näher angesehen, doch nun war ein Ausweg wichtiger.
   Ich entdeckte eine Seitenstraße, eher ein Pfad zwischen zwei Häusern, zu schmal für regulären Straßenverkehr. Perfekt! Also verzichtete ich auf weiteren Protest, der eh auf taube Ohren stoßen würde, wandte alles an, was ich bei den Parcoursläufen im Sportunterricht gelernt hatte, und schlug einen Haken. Es funktionierte, und schon hielt ich auf die Gasse zu. Erleichtert, dass meine Flucht anscheinend glückte, erlaubte ich mir, kurz die Augen zu schließen. Immerhin musste ich mich nur noch geradeaus halten, da würde mir nichts geschehen.
   Tat es allerdings doch. Mitten im schönsten Lauf prallte ich gegen einen Widerstand. »Hmpf!« Ich riss die Augen auf und nahm meine Umwelt nur verschwommen wahr. Panisch versuchte ich, mich zu befreien, konnte jedoch meine Hände nicht bewegen. Diese Erkenntnis half mir nicht, mich zu beruhigen. Der Aufprall musste etwas Schlimmes mit meinem Körper angestellt haben, da ich halb blind war und keine Kontrolle über meine Gliedmaßen hatte. Vielleicht war mein Nervensystem stark beschädigt worden oder … O nein, womöglich war eine wichtige Blutzufuhr abgeklemmt, und dies waren die Momente vor der Ohnmacht? Ich quiekte und bewegte die Beine. Das ging problemlos, wenn auch nur zur Seite. Energisch konzentrierte ich mich. Was auch immer geschah, ich musste bei Bewusstsein bleiben.
   Das Hindernis verwirrte mich, indem es mich an den Schultern berührte und sich langsam von mir entfernte. Oder drehte sich die Welt? Ein Schwindelanfall? Ich wimmerte, und der Teufel brüllte. Er war noch immer in der Nähe. Ich blinzelte energisch und endlich sah ich wieder klar.
   Und schwarz-weiß. Das kannte ich von meinem alten Laptop, aber dass die Grafikkarte der Realität einen Wackelkontakt haben konnte, war mir neu. Ich tat also, was ich von der heimatlichen Technik kannte, holte aus und schlug zu.
   »Au, was soll denn das?« Die Stimme gehörte einem Mann, und er klang eindeutig empört.
   Endlich kam ich auf die Idee, meinen Kopf zu heben, und starrte in ein schmales Gesicht, das trotz der großen Nase irgendwie attraktiv wirkte. Es befand sich ein Stück über meinem, und bei der Fläche darunter handelte es sich um einen klassischen Anzug: weißes Hemd, schwarzes Jackett. Alessia, die modefanatischste Mutter der Welt, wäre begeistert und entsetzt zugleich. Begeistert, weil in dieser Vorortidylle aus Latzhosen und Strohhüten, fern von allen Büros und Hochhäusern LaBrocks, jemand wirklich die Contenance besaß, einen Anzug spazieren zu tragen. Entsetzt, da sich nun auf dem weißen Hemd schwarze und zartblaue Make-up-Spuren befanden. Ihr Ausmaß teilte mir mit, dass ich mich soeben von über der Hälfte meines Lidschattens verabschiedet hatte. Der Rest war höchstwahrscheinlich verschmiert. Rasch rieb ich erst über die Haut unter dem rechten, dann unter dem linken Auge, um zumindest halbwegs gesellschaftsfähig auszusehen, wenn ich mich entschuldigte. »Das tut mir leid«, sagte ich und trat einen Schritt zurück, um meinen Nacken zu entspannen. »Ich habe Sie vollkommen übersehen.«
   Dieser Kerl musste knapp zwei Meter groß sein. Er hatte dichtes, dunkles Haar, das an den Seiten kurz, am Oberkopf etwas länger war und in einem sorgfältig frisierten Out of bed-Look in der Mitte hochstand. Über grünbraunen Augen schwebten dichte Brauen in derzeit unterschiedlichen Höhen. Ein Bartstreifen lief von der Mitte der Unterlippe aus zum Kinn und verbreiterte sich dort zu einem dünnen Kranz. Die Lippen des Mannes waren schmal, wirkten aber nicht abstoßend, sondern eher fein. Ich schätzte ihn auf Mitte bis Ende dreißig.
   Er sah genau so aus, wie ich mir einen Künstler vorstellte. Wahrscheinlich waren das meine romantischen Vorstellungen von einem Retter im Anzug.
   »Abhauen, hä? Heimlich in einer Seitenstraße untertauchen, was? Nicht mit mir!«, brüllte es hinter mir erneut los.
   Ich drehte mich um und entdeckte den Teufel, der geradewegs auf uns zustürmte. Mittlerweile hielt er das Gewehr in einer und sein Toupet in der anderen Hand, das Hemd klebte ihm verschwitzt am Oberkörper.
   Flüchtig fragte ich mich, ob es an seinem Charakter lag, dass er eine wildfremde Frau für seine Nachbarin quer durch die Stadt verfolgte, ob er Langeweile hatte oder einfach nur tiefe Gefühle für Carla Arden hegte. Ich trug zwar gern dazu bei, dass sich zwei Liebende fanden, aber das ging mir einen Schritt zu weit. Hilfe suchend warf ich dem Zweimetermann einen Blick zu, nachdem ich mich durch eine flüchtige Betrachtung seines Hinterteils davon überzeugt hatte, dass er nicht zu den Jähzornigen gehörte. Womöglich wohnte er in der Gegend, kannte den Teufel und wusste, wie man ihn am schnellsten beruhigte.
   Leider irrte ich mich, denn wenn hier jemand beunruhigt aussah, dann er. Er wedelte mit den Armen und blickte sich um. Er würde sich doch nicht so sehr einschüchtern lassen, dass er mich allein zurückließ?
   Rasch trat ich hinter ihn. Zum einen, um ein Hindernis zwischen mich und den Teufel zu bringen, zum anderen, um ihn am Weglaufen zu hindern. »Vielleicht könnten Sie mir helfen?«, schlug ich vor und bemühte mich um einen unschuldigen Tonfall. »Ich kenne diesen Mann nicht und habe keine Ahnung, womit ich ihn so erzürnt haben könnte.« Das stimmte nicht ganz, aber für Rückfragen oder nähere Erklärungen war es nun zu spät.
   Endlich reagierte er und öffnete den Mund.
   »Aha! Verstärkung, was?« Der Nachbar kam schlitternd zum Stehen und richtete das Gewehr auf uns. »Ist für mich auch kein Problem.«
   Mein unnützer Retter blinzelte und tastete hastig in seinem Gesicht herum. Weinte er etwa? Ich wusste nicht, was das sollte, aber hilfreich war es auf keinen Fall.
   Ich starrte den Teufel an und riss die Augen weit auf. Manchmal reichte das aus, um andere in die Schranken zu weisen. Es gab in dieser Welt verhältnismäßig wenige Leute mit hellblauen Iriden. Meine besaßen genau diese Farbe, was viele zu der Annahme verleitete, dass ich für eine Teufelsfamilie tätig war. Diese alte und nicht mehr gängige Regel, die noch in vielen Köpfen verankert war, zog dieses Mal jedoch nicht. Oder der Nachbar war kurzsichtig.
   Ich japste vor Hoffnung auf. Sollte das die Lösung sein? Möglicherweise verwechselte er mich mit jemand anderem? Der Gedanke half, und ich wagte mich ein Stück vor. »Hören Sie, es liegt eindeutig ein Missverständnis vor«, sagte ich. Da ich dabei an die letzte Verkäuferin im Drogeriemarkt dachte, die mir zu einer Creme für reife Haut geraten hatte, klang ich entsprechend energisch. »Mein Name ist Nala di Lorenzo, und ich arbeite als Managerin für den Mitarbeiterverbleib bei Adamant Bunch Marketing. Ich bin heute hier, um den Krankenschein von Sonia Arden zu überprüfen. Wenn Sie mich weiterhin an der Ausübung meiner Pflichten hindern, werde ich das entsprechend an meinen Vorgesetzten weiterleiten müssen.« Ich zwang mich, beiläufig meine Nägel zu betrachten und ignorierte das Zittern meiner Finger. »Er ist ein Halbkobold.« Oftmals genügte das als Drohung. Nicht, weil der Prokurist besonders gefährlich, sondern extrem machthungrig war. Die wenigsten hatten Lust, sich mit jemandem auseinanderzusetzen, der hartnäckiger diskutierte als Schoßhunde sich in Hosenbeine verbissen.
   Der Teufel schnaubte und beäugte erst mich, dann den Mann neben mir und letztlich sein Gewehr. »Ah ja. Und wer ist er?«
   Er beendete die Inspektion seiner Augen – Kontaktlinsen? – und hob den Kopf. Mit großer Geste rückte er sein Jackett zurecht. »Ich …«
   »Ach, vergessen Sies.« Der Teufel warf mir einen letzten, extrem brummigen Blick zu und schulterte sein Gewehr. »Aber lassen Sie sich nicht noch einmal auf Carlas Grundstück blicken.«
   Ich dachte an das Foto von Sonia, ohne das ich dem Prokuristen nicht vor den Schreibtisch treten brauchte. Da der Teufel allerdings nur vom Grundstück der Arden gesprochen hatte und nicht von den angrenzenden Gärten, nickte ich freundlich. »Natürlich. Wir wollen ja nicht, dass etwas eskaliert.«
   Seine Antwort bestand in einem leider sehr feuchten Schnauben und einem Blick, der selbst Vin Diesel eingeschüchtert hätte. Dann schob er die freie Hand tief in die Hosentasche und stapfte breitbeinig von dannen. Sein Teufelsschwanz zuckte als letzter Abschiedsgruß hinter ihm her.
   Zurück blieben der Zweimetermann, ich und … Stille. Warum er nichts sagte, war mir schleierhaft. Ich für meinen Teil traute dem Frieden noch nicht und behielt die Ecke im Auge, hinter der mein Verfolger verschwunden war. Er kehrte jedoch nicht zurück, und endlich konnte ich aufatmen. Er hatte tatsächlich die Waffen gestreckt. Ich war der festen Überzeugung, dass es schlimmer ausgegangen wäre, hätte mir mein unbekannter Helfer nicht zur Seite gestanden. Euphorie flutete meine Adern. Zwar hatte er kaum einen Ton gesagt, aber es war nicht von der Hand zu weisen, dass seine Statur den Teufel beeindruckt hatte. Womöglich auch eingeschüchtert, denn anders war dieser plötzliche Sinneswechsel kaum zu erklären.
   Ich nahm mir vor, in den kommenden Wochen das Laufen in High Heels zu üben, um etwas größer zu wirken, doch erst einmal wollte ich mich bedanken. »Sie haben mir wahrscheinlich soeben das Leben gerettet.« Ich drehte mich um und griff nach einer der Hände mit den schlanken Fingern. Sie war äußerst warm, was mich noch mehr beeindruckte. Während mein Blutdruck vor lauter Schreck in den Keller gesunken war, hatte mein Retter einfach locker die Nerven behalten.
   Er lächelte leicht, beinahe vorsichtig. »Ich wollte gerade dasselbe von Ihnen behaupten«, sagte er ruhig und in sanftem Singsang.
   Ich war hin und weg. Nicht nur, dass er zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen war, nein, er zählte auch zu den Gentlemen, die der Dame die Lorbeeren zugestanden. Dass es so jemanden noch gab. Und ich hatte ihn gefunden, hier in LaBrock.
   Ich schüttelte seine Hand. »Ich bin Nala.«
   Er verbeugte sich. Vielleicht nickte er auch nur, aber ich war entschlossen, es als Verbeugung in Erinnerung zu behalten. »Luuk. Luuk Schermbrucker. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Er erwiderte den Druck meiner Finger, drehte unsere Hände und hauchte einen Fingerbreit über meiner Haut einen Kuss in die Luft.
   Ich glaubte, ihn zu spüren, war mir aber nicht sicher. Was ich dagegen spürte, war die Röte auf meinen Wangen. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie einen Handkuss bekommen. Der Tag, als mein Bruder Robert im Morgengrauen betrunken nach Hause gekommen war und mich für Kaiserin Sissi gehalten hatte, zählte nicht.
   »Ich … ähm, ja, ich freue mich auch. Was … wohnen Sie hier, Herr …?« Mist, ich hatte den Nachnamen vor lauter Verzücken glatt vergessen.
   Er vollführte eine elegante Geste und hinterließ eine Spur von Männerparfüm. Es roch teuer. »Luuk, bitte. Ich darf doch Nala sagen?«
   Ich lächelte und fühlte mich huldvoll.
   »Nun, Nala, Sie haben diesen Kretin durch diplomatisches Geschick vorzüglich in die Schranken gewiesen.«
   »Ach …« Komplimente machten mich stets unsicher. Ich winkte ab und wollte von einem Fuß auf den anderen treten, hatte die Rechnung aber ohne die Unebenheiten des Untergrundes gemacht. Ich gab einen erschrockenen Laut von mir und versuchte, meinen Stand auszubalancieren, ohne mich zu blamieren. In der nächsten Sekunde spürte ich einen sicheren Halt an meiner Taille.
   Luuk hatte geistesgegenwärtig einen Arm um mich geschlungen und sorgte dafür, dass mir nichts geschah. Schon wieder. Der Mann war wahrlich ein Geschenk. Selbst jetzt, wo ich eng an ihn gepresst stand, erweckte er nicht den Eindruck, aufdringlich zu sein. Dies war kein Annäherungsversuch, zwischen uns prickelte nichts bis auf Dankbarkeit und Erstaunen. Wo es mir an Reflexen fehlte, waren seine außerordentlich gut trainiert.
   Er schloss einen Moment lang die Augen, beugte sich in meine Richtung und holte tief Luft durch die wirklich imposante Nase. Ein Lächeln malte sich auf seine Lippen, und ich versuchte mich zu erinnern, welchen Duft ich heute früh aufgelegt hatte. Vergeblich. Ich hatte in letzter Minute irgendeinen von Alessias unzähligen Flakons gegriffen, einmal gesprüht und war zum Bus gerannt. Heute Abend musste ich versuchen, besagten Flakon wiederzufinden.
   Ohne Vorwarnung ließ Luuk mich wieder los. »Ich möchte Sie auf einen Kaffee einladen.«
   Ich war verwirrt über seinen Enthusiasmus und gab ihm eine der wohl blödesten Antworten der Welt. »Aber warum?«
   »Ich würde mich gern dafür bedanken, dass Sie diese Bedrohung von uns abgewendet haben.« Er zwinkerte mir zu.
   Gut, nun übertrieb er etwas. Allerdings war es schön, sich in der Vorstellung zu sonnen, die Heldin dieser unrühmlichen Geschichte zu sein. Ich warf einen Blick auf die Uhr und rechnete nach. »Ich muss in einer halben Stunde wieder in der Firma sein und vorher noch dringend ein Foto machen.« Ich deutete auf die Kamera an meiner Hüfte. »Das wird leider zu knapp.«
   Enttäuschung tanzte in seinen Augen. Wie konnte jemand, der so hochgewachsen war, so sehr an einen Hundewelpen erinnern? Hastig durchforstete ich mein Hirn nach einer Möglichkeit, ihn aufzumuntern, doch alles, was mir einfiel, waren die Pfefferminzdragees in meiner Handtasche. Ich begann, danach zu kramen, was mein Retter mit schräg gelegtem Kopf und verwundertem Lächeln kommentierte.
   »Ich habs gleich«, sagte ich und strahlte.
   Er nickte. »Morgen.«
   »Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie heute eingesteckt habe, als ich zu Hause …«
   Er schüttelte den Kopf. »Der Kaffee. Hätten Sie morgen Zeit?«
   Ach so! Ich hörte auf zu kramen. Es passierten gerade eindeutig zu viele Dinge, mit denen ich niemals zuvor hatte umgehen müssen. Erst die Rettung durch einen hochgewachsenen Fremden, dann der Hauch von Ehrfurcht in seiner Stimme und nun der Umstand, dass ich meine Bonbons nicht finden konnte. Wenn ich in der Handtasche nach meinem Schlüssel oder Lippenpflegestift kramte, gerieten sie mir stets als Erstes zwischen die Finger. Dies war eindeutig ein ungewöhnlicher Tag, selbst für diese Welt. Einzig die Tatsache, bedroht worden zu sein, fühlte sich fast vertraut an, denn es war nicht das erste Mal, dass ich in LaBrock um mein Leben hatte fürchten müssen.
   »Morgen«, wiederholte ich verwirrt, während ich in Gedanken noch immer bei der Unordnung in meiner Tasche war. »Ja, natürlich, das passt. Ich werde einfach sehr zeitig auf der Arbeit sein, dann lässt mich der Prokurist vielleicht rechtzeitig gehen«, plapperte ich drauflos. »Zu früh kommen bringt aber auch nichts, da man trotzdem bis zur vertraglich geregelten Arbeitszeit in der Firma bleiben muss.«
   Luuk nickte bei jedem meiner Worte, als interessierten sie ihn wirklich. Ich wusste, dass dem nicht so war. Was ich allerdings nicht wusste, war, warum ich gerade so einen Unsinn von mir gab. Um halbwegs würdevoll aus der Situation herauszukommen, streifte ich meine Sachen glatt und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich habe um fünf Feierabend.«
   »Wunderbar!« Die Enttäuschung in seinen Augen war Freude gewichen. »Kennen Sie das Peppermasters? Das Café mit dem blauen Baldachin an der Front?«
   »Natürlich.« Ich hatte keinen Schimmer, wo dieses Peppermasters war.
   »Gut, um halb sechs dort? Schaffen Sie das?«
   Da ich vermutete, dass sich dieser Laden in LaBrock – oder zumindest der Umgebung – befand, nickte ich.
   »Also Nala, dann sehen wir uns morgen. Es hat mich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.« Er tippte sich an einen imaginären Hut, was ich absolut entzückend fand, drehte sich um und ging die Straße hinab. Ab und zu drehte er sich um und hob die Hand.
   Erst, als mein Arm zu kribbeln begann, merkte ich, dass ich die gesamte Zeit über winkte.

2
Großalarm

Eine Dreiviertelstunde später erreichte ich ABM noch immer in bester Laune. Ich parkte den Wagen vor dem Gebäude, aus dem mir einige übel gelaunte Telefonisten entgegensahen, schnappte mir Tasche und Kamera vom Beifahrersitz und machte mich auf den Weg hinein. Heute konnte nicht einmal der Prokurist meinen Tag trüben, denn nachdem ich todesmutig noch einmal zum Haus der Ardens zurückgegangen war, trug ich nun den hart umkämpften Beweis bei mir, dass sich Kollegin Arden bester Gesundheit erfreute. Das Foto war gestochen scharf und zeigte, wie sie grinsend am Fenster im ersten Stock stand und auf die Straße hinabsah. Ich hatte den perfekten Winkel für die Aufnahme erwischt, denn die beiden Gewehrläufe ragten seitlich in das Bild hinein, ohne Sonias Kopf zu verdecken.
   Goldener Schnitt, würde mein Vater sagen, mir auf die Schulter klopfen und zur Belohnung ein Sandwich mit in Weißwein eingelegtem Lachs und karamellisierten Tomaten herrichten. Fotografie war sein neues Hobby, seitdem er herausgefunden hatte, wie viele Bilder von mehr oder weniger hübsch angerichteten Speisen es im Internet gab. Er hatte vor einer Woche begonnen, sein Essen abzulichten oder auch das der anderen Familienmitglieder. Die Ehe meiner Eltern war noch nie schlecht gewesen, aber seitdem lief sie so gut wie lange nicht mehr, da Alessia die Kamera liebte und Pa in den vergangenen Tagen so oft angelächelt hatte wie selten zuvor. Ich fragte mich, was geschehen würde, wenn sie herausfand, dass auf der Hälfte der Fotos, die er in ihrer Gegenwart schoss, nicht einmal ihr Gesicht zu sehen war.
   Einen solchen Motivfehler hatte ich nicht gemacht. Im Gegenteil, ich hatte den Wagen mit laufendem Motor vor dem Arden-Haus geparkt und mir ausreichend Zeit für den Bildausschnitt genommen, um anschließend mit quietschenden Reifen zu entkommen. Der Prokurist würde zufrieden sein und mich, wenn ich Glück hatte, mit einem kurzen Knurren entlassen. Hatte ich Pech, fiel ihm irgendetwas ein, das ich in seinen Augen falsch gemacht hatte, was bedeuten würde, dass ich Überstunden machen müsste, um es wieder auszubügeln. Heute sollte es mir recht sein. Hauptsache, er verhinderte morgen nicht das Treffen mit meinem Retter. Es war mir auf besondere Weise wichtig, immerhin kannte ich noch nicht viele Leute in LaBrock, und es kam daher selten vor, dass ich ausging.
   Bei der Erinnerung an Luuk entschied ich, Des möglichst schnell davon zu erzählen. Zwar war er nicht eifersüchtig, konnte aber je nach Stimmung aufbrausend sein. Sollte er einen schlechten Tag und den Dämon in sich nicht vollständig unter Kontrolle haben, so wäre das nicht gut.
   Ich grübelte darüber nach, während ich die Treppen emporstapfte. Des und ich waren kurz nach meinem ersten Besuch in LaBrock zusammengekommen. Damals hatte mich diese Realität, die ich so nicht akzeptieren konnte, schier in den Wahnsinn getrieben. Ich hatte nie zuvor von dieser Welt gehört, war nur durch Zufall hierher geraten und zweifelte an allem, inklusive meiner Geistesverfassung. Des hatte schnell durchschaut, dass ich nicht die Eingeweihte war, die ich hätte sein sollen, und mir stumm seine Unterstützung zugesichert. Ich würde den Tag niemals vergessen, an dem er sich halb vor mir ausgezogen hatte, um zu beweisen, nicht verkabelt und kein Teil einer TV-Show zu sein. Zum einen, da Des als Hausmeister, der regelmäßig schwere Dinge durch die Gegend trug, wirklich gut gebaut war. Zum anderen, weil er mir die Augen geöffnet und damit mein Weltbild vollkommen verändert hatte.
   Die Kleinigkeit, dass er nicht hundertprozentig menschlich war, sondern einen Teil Dämonenseele in sich trug, war zunächst ein Schock gewesen, aber mittlerweile hatte ich mich auch daran gewöhnt. Normalerweise zählte Des zu den gelassensten Menschen, die ich kannte. Er besaß die Fähigkeit, Dinge von sich abprallen zu lassen, wenn sie sein Leben nicht direkt beeinflussten. Seitdem er vor Kurzem angeschossen worden war, hatte diese Ruhe allerdings Risse bekommen, durch die hin und wieder etwas Temperament sickerte. Es war niemals schlimm, und Des wurde auch nicht laut. Bei ihm genügte es, wenn er mit Nachdruck redete und die Brauen über seinen wunderschönen Augen zusammenzog.
   In Gedanken versank ich in diesen Augen, in dem sanften Stern aus Grün, der Bernsteinfunken eingefangen hatte und allmählich ins Blau überging … bis etwas meinen Fuß stoppte.
   Entsetzt schrie ich auf, als ich nach vorn sackte – und zuckte zusammen, als mich jemand zurück auf die Füße stellte. Ich blinzelte und erkannte meine Kollegin Stacey. Erstaunt sah ich mich um. Ich stand bereits im Eingangsbereich von ABM. Vor lauter Grübeleien hatte ich nicht mitbekommen, dass ich den ersten Stock bereits erreicht, die Tür aufgedrückt und die Firma betreten hatte.
   So weit war es schon gekommen. Wobei, eigentlich war das ein gutes Zeichen. Meine Oma hatte mir einmal gesagt, dass man erst dann in einer neuen Wohnung zu Hause wäre, wenn man sich mit geschlossenen Augen durch alle Räume bewegen konnte und die Lichtschalter ohne lang zu suchen fand. Ob Wohnung oder Arbeitsstelle war doch sicherlich einerlei. Wobei es wahrscheinlich keine gute Idee war, mit geschlossenen Augen durch die Gänge von ABM zu spazieren, denn die Gefahr bestand, dass man den Prokuristen umrannte, was eine fristlose Kündigung zur Folge hätte. Er hasste alle Hinweise darauf, dass er selbst mir nur bis zur Schulter ging, und würde bei einem Zusammenprall definitiv den Kürzeren ziehen. Im wahrsten Sinne.
   »Nala?« Stacey klang ungeduldig. Sie mochte es nicht, wenn jemand zu lange in Gedanken abdriftete und ihren streng gestaffelten Tagesablauf durcheinanderbrachte.
   »Ja!« Ich sah von ihr zu dem Ding, das mich so rüde zum Stehen gebracht hatte. Zu meiner großen Erleichterung handelte es sich um einen Karton mit Werbematerial. »Das ist nicht der Prokurist«, sagte ich erleichtert.
   Stacey ließ eine Augenbraue unter ihrem asymmetrisch geschnittenen Pony verschwinden. Anfangs hatte sie noch kommentiert, wenn sie fand, dass ich mich seltsam verhielt, doch mittlerweile schwieg sie und schenkte mir lediglich diesen Blick. Sie trug ein entzückendes Ensemble aus beigefarbener Wolle mit goldenen Applikationen an den Aufschlägen. Ihr Teufelsschwanz ragte hinter einem Bein hervor, zuckte aber nicht. Stacey schien höchst entspannt. Vermutlich hatte sich nicht einmal ihr Puls beschleunigt, obwohl sie mich soeben – und da war ich sicher – für einen winzigen Moment hochgehoben hatte. Sie stammte väterlicherseits von den Unterteufeln ab und hatte nicht nur die anatomische Besonderheit an ihrem Po, sondern auch enorme Körperkräfte mitbekommen. Dafür fuhr sie nicht so schnell aus der Haut wie Frau Ardens Nachbar, es sei denn, jemand pfuschte ihr in die Arbeit. Es gab kaum etwas, das Stacey heiliger war als ihre Tätigkeit als Chefsekretärin bei ABM, bei der sie stets für Ordnung und strengste Einhaltung aller Regeln sorgte.
   »Hat mit dem Auftrag alles funktioniert?«, fragte sie und musterte mich rasch.
   Es kam hin und wieder vor, dass ich lädiert von meinen Ausflügen zurückkehrte. Nicht immer waren die Krankgemeldeten damit einverstanden, dass ich sie dokumentierte. Manche diskutierten lediglich, andere flüchteten. Und manche zielen mit dem Gewehr auf mich.
   Ich wollte Stacey allerdings nicht beunruhigen. Gut, vielmehr wollte ich nicht, dass sie Desmond gegenüber etwas fallen ließ, er beunruhigt war und loszog, um ein ernstes Wort mit Frau Ardens Nachbarn zu reden. »Alles bestens. Soll ich dem Prokuristen gleich Bericht erstatten oder ist er … verhindert?«
   Der Prokurist war oft verhindert. Dabei ging es selten um Besprechungen mit Geschäftspartnern – meist traf ich ihn allein in seinem Büro an. Er war dann mit seinem Mittagessen beschäftigt oder damit, einen Kollegen zusammenzustauchen. Oder auch mich, je nachdem, wen er gerade in die acht Finger bekam.
   Stacey schüttelte den Kopf. »Der Prokurist ist auf Geschäftsreise und vor morgen nicht zurück.«
   Das war etwas Neues. »Eine Geschäftsreise?« Wie aufregend! Ob ABM große Veränderungen bevorstanden? Im Direktmarketing schien mir das gut möglich zu sein, und wir befassten uns nun einmal damit, Werbeprospekte im Auftrag von Großkunden zu versenden oder ihre Hotlines durch unser Callcenter zu betreuen. Vielleicht expandierten wir und bekamen eine Zweigstelle in einem anderen Ort? Möglicherweise in einer weiteren Parallelwelt? Gab es weitere Parallelwelten? Darüber hatte ich noch nie nachgedacht, immerhin hatte ich genug mit dieser zu tun. Ich wollte Stacey soeben fragen, doch sie kam mir zuvor.
   »In Meerin.«
   Das kannte ich von den Straßenkarten, die ich für meine Aufträge stets bei mir hatte. Meerin war ein Nachbarort von LaBrock. Enttäuscht verabschiedete ich mich von den Vorstellungen exotischer Inseln, kristallklaren Wassers und Papageien namens Humboldt oder Captain Flint, die krächzend durch Palmen hüpften. »Verstehe. Dann fertige ich den Bericht an und lege das Beweismaterial dazu.« Da fiel mir etwas ein. Ich kramte in meiner Tasche, zog den Schlüssel des Firmenwagens hervor und reichte ihn Stacey. »Hier, Desmond braucht ihn ja heute sicher noch.«
   Zu meiner Verwunderung wandte sie sich um und platzierte den Schlüssel auf dem Empfangstisch. »Desmond fungiert als Fahrer. Sie sind mit dem Privatwagen des Prokuristen unterwegs.«
   Das wurde ja immer seltsamer, vor allem, da Des gestern nichts davon erwähnt hatte. Wenn er den Prokuristen fuhr und dieser erst morgen zurückkehrte, würde auch Des über Nacht fortbleiben. Aber abgesehen davon … »Warum braucht der Prokurist einen Fahrer? Ist es solch ein wichtiges Geschäftsessen?« Vielleicht kam es ihm ja wirklich auf das Prestige an. Sein Auto war ein Spezialmodell, das er trotz seiner geringen Körpergröße fahren konnte. Noch ein Grund, warum es unsinnig war, Des ans Steuer zu lassen. Er war kein Riese, überragte mich aber um ein gutes Stück und würde es alles andere als bequem haben.
   In Staceys Gesicht zuckte kein Muskel. »Der Prokurist hatte einen Unfall und trägt ein Gipsbein. Er kann derzeit nicht selbst fahren.«
   »Um Himmels willen! Wie ist denn das passiert?« Zwar rangierte er auf meiner Sympathieliste nicht sehr weit oben, aber zum einen war er mein Vorgesetzter, und zum anderen war ich äußerst empathisch und konnte fast ahnen, wie schrecklich es für ihn sein musste, nicht mit dem Fuß aufstampfen zu können.
   »Sportunfall«, sagte Stacey in einem Tonfall, der unmissverständlich ausdrückte, dass sie das Gespräch beenden und endlich weiterarbeiten wollte.
   Ich nickte ihr zu und machte mich auf den Weg zu meinem Büro. Am Eingang zur Damentoilette begegnete ich einer Telefonistin. Ich konnte mich nicht an ihren Namen erinnern, denn die Fluktuation im Callcenter war zu hoch, als dass es Sinn machte, die Kollegen näher kennenzulernen, aber dennoch grüßte ich freundlich.
   Sie antwortete mit einem Zähnefletschen, und ich zuckte zurück. »Von wegen Sportunfall«, knurrte sie. »Die Treppenstufen waren zu hoch für ihn.«
   Ich hielt mein Lächeln und nickte. Es konnte gut sein, dass sie recht hatte, doch ich hütete mich, das laut auszusprechen. Wer wusste schon, welche neuen Überwachungsmaßnahmen der Prokurist in seiner Abwesenheit an uns ausprobierte.
   Die Telefonistin schien sich keine Gedanken um solche Dinge zu machen. »Der Idiot hat sich die Achillessehne gezerrt. Wollte trotzdem nen Gips. Und weißt du, warum?«
   Ich schüttelte den Kopf. Woher sollte ich so etwas auch wissen? Ich war keine Krankenschwester und hatte zu meinem Glück bisher weder etwas mit Gips noch mit Achilles zu tun gehabt.
   Sie schnaubte. »Wegen des Drecksessens heute in Meerin. Hat Angst, dass alle ihn überragen, sollte er stehen müssen. Nun hat er immerhin ne Ausrede, um sitzen zu bleiben.«
   Das machte sogar Sinn. Ich hatte mehrmals erlebt, dass der Prokurist es liebte, wenn er zur Abwechslung größer war als sein Gegenüber. Daher stand er meist in unseren Besprechungen, während ich auf einem unbequemen Plastikstuhl sitzen musste. So waren wir zwar beinahe auf einer Höhe, aber er hatte sich diesen seltsamen, wippenden Gang angewöhnt, der ihn bei jedem Schritt ein Stück in die Luft katapultierte. Manchmal stand er auch neben seinem Schreibtisch, der auf einem kleinen Podest befestigt war.
   »Elenor! Deine Pause ist seit einer Minute vorbei!« Die Feldwebelstimme von Kirsten Herms, der Leiterin des Callcenters von ABM, ließ auch mich augenblicklich strammstehen.
   Elenor fletschte lediglich ein zweites Mal die Zähne und machte sich auf den Weg.
   Ich hastete weiter zu dem Büro, das ich mir mit unseren IT-Kollegen teilte. Obwohl ich Kirsten kurz nach meinem ersten Besuch in LaBrock aus den Fängen korrupter Unterteufel gerettet hatte, herrschte eine eher unterkühlte Atmosphäre zwischen uns, und ich war nicht scharf auf eine Begegnung.
   Im Büro herrschte gähnende Leere, was meine Kollegen betraf. Der Boden jedoch war über und über mit Kabeln, Festplatten und anderem Equipment bedeckt, das mir nichts sagte außer schwarz und glänzend. Um dem Ganzen einen heimeligen Touch zu verpassen, hatten Neil und Eric hier und da halbvolle Kaffeetassen platziert.
   Ich stieg auf Zehenspitzen über diesen Hindernisparcours, blieb mit dem Fuß an einem Kabel hängen und riss etwas um, das definitiv Technik und auseinandergebaut war. Hastig befreite ich mich und rettete mich an meinen Schreibtisch, wobei ich vermied, nachzuschauen, was ich angerichtet hatte. Aus Erfahrung wusste ich, dass alle Versuche, den möglichen Schaden zu beheben, es nur noch schlimmer machten.
   Auf meinem Platz fand ich eine kurze Notiz von Des. Seine Handschrift passte zu ihm: knapp, zweckmäßig und ohne Schnörkel. Ich las die Zeilen zweimal, doch das änderte auch nichts am Inhalt. Er würde heute nicht mehr nach LaBrock zurückkehren. Nachdenklich zwirbelte ich an meinen Haaren. Ursprünglich hatte ich geplant, am Abend nicht durch das Sprungtor zurück in meine Welt zu wechseln, aber das sah nun vollkommen anders aus. Zwar hatte ich einen Schlüssel für Des’ Wohnung und konnte es mir dort gemütlich machen – vielleicht sogar mit seinem Wendigo-Nachbarn über Musikgeschmäcker reden, immerhin sollte man die Hoffnung niemals aufgeben – doch allein stellte ich mir das weniger schön vor. Wenn ich zurück zu meinen Eltern fuhr, wo ich noch immer ein Zimmer hatte, würde sich zumindest mein Vater freuen. Bei Alessia war ich mir dagegen nicht sicher. Sie hatte sich angewöhnt, in meiner Abwesenheit ausgiebige Badesessions abzuhalten, um das gesamte Sortiment des neuen Wellnessshops von Westburg durchzutesten. Gestern Abend war sie in einer Wolke aus Lemongras und Olivenextrakt versunken, deren Reste ich noch heute an meiner Kleidung erahnen konnte.
   Bis zum Feierabend waren es noch zwei Stunden, und für heute hatte ich bereits alles erledigt, was es zu tun gab. Da der Prokurist nicht im Haus war, würden keine Zusatzaufgaben anfallen, was allerdings nicht bedeutete, dass ich früher gehen durfte. Also fuhr ich den Computer hoch, um mir die restliche Zeit irgendwie zu vertreiben.

Zu meinem Leidwesen gab es niemanden, der mich direkt nach Arbeitsschluss nach Hause bringen konnte. Kirsten blieb wie so oft, bis die letzten Telefonisten gegangen waren, und Stacey hatte einen dringenden Termin und informierte mich, dass sie sich danach um mich kümmern würde. Da ich nur eine Eingeweihte war und nicht aus LaBrock stammte, durfte ich den Springer nicht allein benutzen. Im Grunde war ich froh darüber. Wer setzte sich schon freiwillig einen überaus hässlichen, trägen Käfer auf die Hand? Leider waren die Springer als einzige Wesen in der Lage, die Portale zwischen unseren Welten zu öffnen. Ich hatte mich lediglich einmal in einer Notsituation überwunden und einen mitgeschleppt, litt seitdem aber immer mal wieder unter Albträumen von unzähligen Beinchen, die so lange über meinen Körper liefen, bis sie meine Klamotten vollständig zerfetzt hatten.
   Nun aber stand ich mit zu schönen Klamotten, um sie zerfetzen zu lassen, in der Eingangshalle von ABM und starrte auf die große Uhr an der Wand. Sie war ebenso altmodisch wie unsere Werbeprospekte, doch der Prokurist hielt viel von Traditionen und Gewohnheiten.
   Stacey auch. Daher bewahrte sie den Schlüssel für den Firmenwagen auch sicher unter ihrem Schreibtisch auf. Ich sah mich um, lauschte und hörte … nichts. Trotzdem zögerte ich und wippte auf die Zehenspitzen und wieder zurück. Zwar hätte Stacey sicher nichts dagegen, mir den Wagen zu leihen, aber sie wollte vorher darüber informiert werden. Und wenn ich eine Person neben dem Prokuristen nicht verärgern wollte, dann war es meine teuflische Kollegin. Nachher kam sie noch auf die Idee, ihrer Sippschaft davon zu erzählen, und das konnte böse für mich enden.
   In der Firma Zeit totschlagen, bis sich jemand meiner erbarmte, wollte ich allerdings auch nicht. Rasch überschlug ich meine Optionen und blieb bei der sichersten hängen: Ich würde in die Behörde fahren. Sollte in Kürze wirklich eine Teufelshorde auf mich lauern, waren Carsten Herms und Isa Simmons bestens darauf trainiert, mich zu verteidigen, mit einer neuen Identität auszustatten oder auf geheimen Wegen aus LaBrock zu schleusen. Eigentlich wollte ich Isa aber nur fragen, ob sie Lust auf einen Kaffee in der Stadt hatte. Wir verstanden uns gut, und die Gespräche mit ihr waren stets interessant. Isa war eine Walküre und hatte auf viele Dinge, wie Waffen oder achtbeinige Pferde, eine erfrischend andere Sicht, als man sie zunächst erwartete. Zudem war sie mit etwas Glück leicht zu überreden, sich eine kleine Auszeit zu nehmen. Man musste lediglich fragen, wo sie ihre neuen Klamotten erstanden hatte. Damit landete man in den meisten Fällen einen Treffer, denn dass sich Isa nicht neu eingekleidet hatte, kam selten vor.
   Kurz darauf parkte ich den Wagen vor dem enttäuschend unscheinbaren Gebäude. Die Behörde kümmerte sich um Belange, die mit den Sprungtoren zu tun hatten, mit dem Kontakt zu meiner Welt sowie mit Leuten wie mir – Menschen, die nicht von hier stammten. Die meisten Eingeweihten erfuhren durch ihre Familienmitglieder vom großen Geheimnis. Ich war da leider die Ausnahme, war auf hinterhältige Weise hergelockt worden und hatte auf die harte Tour lernen müssen, mit den unterschiedlichen Wesen klarzukommen. Noch kannte ich sie nicht alle, aber so sehr ich mir auch vornahm, zu lernen oder zu recherchieren, ich kam nicht dazu. Zum einen, da neben dem Job viel Zeit draufging, zwischen Westburg und LaBrock zu pendeln, und zum anderen, weil die abendlichen Geschichtsstunden mit Des oft dort endeten, wo ich jedes Interesse an anderen Wesen außer ihm verlor. In der Firma selbst hatte ich zwar des Öfteren nichts zu tun, aber ich hatte Angst, dass mich irgendwer bei meinen Studien über Wesen erwischte, die ich schon längst kennen sollte, und herausfand, dass ich nicht so eingeweiht war, wie ich mich gab. Meinen IT-Kollegen traute ich alles zu, auch, dass sie meinen Rechner anzapften. Was der Prokurist tun würde, wenn er herausbekäme, wie ich wirklich auf LaBrock aufmerksam geworden war … nun, das wollte ich auf jeden Fall vermeiden.
   Wie auch immer, Carsten hatte sich als mein Leumund eingetragen und bürgte für mich in dieser Welt, sodass ich trotz anfänglichem Nichtwissen nicht als Eindringling und Straftäterin eingestuft wurde und mich weiterhin frei bewegen durfte.
   Vögel zwitscherten, als ich aus dem Auto stieg, abgesehen davon war es erstaunlich still. Niemand war zu sehen. Ich war erst zweimal zuvor in der Behörde gewesen, doch stets hatte ich Menschen – und andere Wesen – auf dem Parkplatz getroffen. Nun, vielleicht fand soeben eine Großversammlung oder gar eine Feier statt. Ich lächelte bei dem Gedanken, strich meine Kleidung glatt und ging auf dem Weg zum Gebäude gedanklich alle Modedesigner durch, von denen ich jemals gehört hatte. Es war nicht verkehrt, vor einer Verabredung mit Isa ein wenig zu üben.
   Der Eingang war geschlossen, das Feld daneben präsentierte mir eine hübsch glänzende Silberfläche, mit der ich jedoch nichts anfangen konnte. Ich winkte gewissenhaft in die Kamera über der Tür und achtete darauf, mein Gesicht deutlich zu präsentieren, sodass derjenige am Überwachungsbildschirm keine Probleme hatte, mich zu erkennen. Wahrscheinlich warf er soeben ein Computerprogramm an, das eine Aufnahme von mir mit den Dateien der gespeicherten Eingeweihten verglich und schließlich zu dem Schluss kam, dass man mir Zutritt gewähren konnte. Ob ein Irisscanner integriert war? Zur Sicherheit riss ich die Augen weit auf, so lange, bis sie zu tränen begannen. In der Ferne hupte ein Auto. Ich betrachtete meine Fingernägel, zupfte noch einmal meine Kleidung zurecht und beobachtete die vorbeiziehenden Wolken über mir.
   Nichts tat sich. Entweder war die Datei sehr groß, der Computer extrem langsam oder ich hatte mit meinem Partygedanken nicht so verkehrt gelegen. Gewiss hätte sich doch sonst jemand über die Sprechanlage gemeldet oder wäre zum Eingang gekommen, um sich nach dem Grund meines Besuches zu erkundigen?
   Ich zählte bis zehn, ehe ich versuchte, die Tür aufzudrücken. Ohne Erfolg, aber damit hatte ich gerechnet, immerhin sah das Ding massiv aus. Allerdings hatte ich nicht vor, unverrichteter Dinge wieder zu fahren. Zumindest nicht, ohne alles probiert zu haben. Ich holte tief Luft. »Hallo? Hört mich irgendjemand?« Abwarten, Luft holen, neuer Versuch. »Hallo? Ich würde gern Isabelle Simmons sprechen, ist sie da?«
   »Nein, ist sie nicht, verdammt noch mal, und wenn du so weiterbrüllst, kannst du bald überhaupt nicht mehr sprechen. Kapiert?«
   Erschrocken riss ich den Kopf in den Nacken, starrte zur Kamera und überlegte, ob das zur Losung gehörte, um eingelassen zu werden, und ob ich nun mit Die Amseln zwitschern lauter als vergangenen Winter antworten musste, um den geheimen Sprachcode zu bestätigen. Dann erst bemerkte ich die Bewegung im Augenwinkel und wandte mich um. Ein Spaziergänger in labbrigen Stoffhosen und viel zu großem Shirt drohte mir mit der Faust. Zum Glück war er noch zu weit entfernt, um mir gefährlich werden zu können. Trotz der Distanz erkannte ich das rote Glimmen in seinen Augen. Ein Wendigo. Damit war es ratsam, ihn nicht weiter zu reizen, da diese Gesellen die Beherrschung schneller verloren als Alessia im Outlet-Store. Ich winkte freundlich und drehte mich schnell wieder um. Noch einmal zu rufen, stand nun außer Frage, um die Nerven des Wendigo zu schonen. Aber es musste doch eine Möglichkeit geben, jemanden in der Behörde auf mich aufmerksam zu machen?
   »Mist!« In einem Anflug von Frustration wollte ich gegen die Tür treten und dachte zu spät daran, dass meine hübschen Satinblumen-Ballerinas zu neu waren, um Kratzer davonzutragen. Ich drehte meinen Fuß in letzter Sekunde, sodass er mit der Außenkante gegen das Hindernis prallte. Ein leises Knirschen war das Ergebnis, und ein scharfer Schmerz zog hoch bis in den Knöchel. Ich schrie auf, taumelte und streckte hastig die Hände aus. Eine schlug hart gegen die Tür, die andere auf das Metallfeld daneben. Ein dezentes Summen ertönte, und Sesam öffnete sich.
   Seltsamerweise war es im Inneren der Behörde komplett dunkel, lediglich das von außen einfallende Licht erhellte einen Teil des Eingangsbereichs, wobei auch dieser hinter immer dichter werdendem Nebel verschwand.
   Ich blinzelte, aber ich hatte mich nicht getäuscht: Grauweiße Schwaden waberten um mich herum, so undurchdringlich, dass die drei roten tanzenden Punkte darauf gut zu sehen waren. Ehe ich reagieren konnte, brach das Chaos über mich herein. Ein Signalton dröhnte durch das Gebäude und wiederholte sich in regelmäßigen Abständen. Er schmerzte in den Ohren, aber ich kam nicht mehr dazu, die Hände darauf zu pressen.
   »Stehenbleiben!« Der Ausruf kam von der Seite und duldete keinen Widerspruch.
   Ich gefror und tat, wie befohlen, war aber wohl die Einzige, die stillstand, denn überall in meiner Nähe wuselten Schatten. Fast wünschte ich mir den Wendigo zurück. Was war hier los? Wurde die Behörde angegriffen? War ich mitten in eine Geiselnahme geraten?
   Ein Gesicht tauchte vor mir auf. Es gehörte einem Mann und war mit Zornesfalten auf der Stirn und zu Schlitzen verengten Augen weit davon entfernt, freundlich zu sein. Er trug schwarze Kleidung und hielt etwas in den Händen.
   O mein Gott, war das eine Waffe?
   »Runter, auf den Boden!«
   Er konnte doch nicht wirklich mich meinen? Ich riss die Hände in die Luft. Es war erstaunlich – ich war noch nicht häufig mit einer Pistole bedroht worden, aber die Hände hoch-Nummer lief so routiniert ab, als wäre sie Teil meines Alltags. Oder meines Genpools.
   Der Mann schien nicht einverstanden und wedelte energischer. »Auf den Boden, sofort!« Hinter ihm tauchte eine weitere Gestalt auf, dann noch eine.
   Himmel, das war eine komplette Gang!
   Ich ließ mich fallen, weder elegant noch vorsichtig. Es tat weh, doch der Schmerzenslaut ging in dem Sirenengetöse unter. Mein Herz donnerte gegen meine Rippen, und ich überlegte fieberhaft, wie ich aus dieser Sache heil herauskam. Ich war es nicht klang zu sehr nach einem Kind, dem die Kekskrümel noch am Mund klebten, während es beteuerte, nichts Süßes gegessen zu haben. Ich bin eine Bürgerin LaBrocks und habe meine Rechte oder Ich bin arm und meine sechs Kinder leiden Hunger stimmte nicht wirklich und Lasst uns erst einmal reden hatte etwas von einem Schuldgeständnis.
   Der Mann brüllte weiter, doch ich verstand ihn nicht, da ich meinen Kopf mit den Armen schützte. Endlich verstummte die Sirene und ließ ein Rauschen in meinen Ohren zurück. Es vermischte sich mit den Geräuschen von Schritten. Ich blinzelte hoch und zählte mindestens zehn Personen in dunkler Kleidung und mit Schusswaffen. Unangenehm, vor allem, da die Mündungen auf mich gerichtet waren. Der Schrecken peitschte durch meine Adern, und ich bekam einen leichten Hustenanfall.
   Vergiss die sechs Kinder, Nala!
   »Ich … habe Geld …«, brachte ich zwischen Keuchen hervor und versuchte, den Kopf weiter zu heben, um meine Geiselnehmer anzusehen, doch ich hatte zu viel Angst, jeden Augenblick das Klacken einer Waffe zu hören. Zwar war bereits zuvor auf mich geschossen worden, aber das war überraschend und aus weiter Ferne geschehen. Seinem Tod direkt gegenüberzustehen und darauf zu warten, dass er sich bewegte, war viel grausamer. Ich wollte noch etwas sagen, brachte aber nur ein Wimmern heraus.
   »Zurück«, befahl eine neue Stimme so eindringlich, dass ich zunächst glaubte, die Alarmsirene hätte wieder eingesetzt.
   In die Truppe vor mir kam Bewegung, die Männer und Frauen bildeten eine Gasse. An ihrem Ende erschien etwas Großes, Glitzerndes, das energisch und mit apartem Geklapper auf mich zuhielt. Allmählich schälten sich Farben heraus – Violett, Blau, Pink – und dann erkannte ich Isa. Ihr resoluter Auftritt wurde einzig von ihrem Puppengesicht gemildert, das mit den großen Augen und dem dunklen Haar beinahe niedlich wirkte. Abgesehen davon sah sie so eindrucksvoll aus wie immer, und am liebsten wäre ich aufgesprungen und ihr um den Hals gefallen. Noch traute ich mich jedoch nicht, auch nur einen Finger zu rühren.
   Isa blieb vor mir stehen und wedelte mit den Händen in der Luft, als wollte sie Insekten verscheuchen. »Ich übernehme hier. Ihr könnt euch zurückziehen, die Übung ist beendet.«
   Einer der Männer, hochgewachsen und kahlrasiert, schüttelte den Kopf. »Sie sind der SDC in diesem Fall nicht weisungsbefugt.«
   Isa lächelte. Dann sackten ihre Mundwinkel mit rasender Geschwindigkeit hinab. Sie stemmte die Hände in die Hüften und hob ihr Kinn. Die Atmosphäre veränderte sich, und ich glaubte, die Luft knistern zu hören. »Hier geht es um eine legale Eingeweihte, und daher werde ich mich darum kümmern. Ich denke, das ist in unser aller Interesse.« Ihr Haar bauschte sich sanft, als würde Wind hindurchfahren, und ließ Isa noch größer und vor allem … einschüchternder wirken.
   Es war ein wunderbarer Trick, den ich gern erlernen würde, doch dazu fehlten mir die nötigen Walküren-Gene. Ich erinnerte mich nur zu gut an das erste Mal, als Isa ihre spezielle Fähigkeit in meiner Gegenwart demonstriert hatte – am liebsten hätte ich mich irgendwo verkrochen.
   Nicht jedoch die harten Kerle um mich herum. Ihr Anführer – zumindest vermutete ich, dass er es war – hielt Isas Blick noch eine Weile, nickte und schwenkte eine Hand durch die Luft. »Ihr habt es gehört. Abrücken!«
   Schritte, Blicke, leises Gemurmel, und dann war der Spuk ebenso schnell vorbei, wie er begonnen hatte.
   »Danke«, flüsterte ich und versuchte, Staubflusen von meinen Lippen zu zupfen. Das neue Gloss leistete ganze Arbeit.
   Isa betrachtete mich mit einer Mischung aus Belustigung und Verständnislosigkeit. »Du hast soeben eine vollendete Yogaposition eingenommen. Die Kobra. Bewundernswert, aber wenn du aufstehen würdest, könnten wir uns besser unterhalten.«
   Ich sah mich vorsichtig um, was in besagter Position alles andere als einfach war, ehe ich ihrer Aufforderung folgte. Wir waren allein bis auf den Mann an der Tür, der mit einem breiten Grinsen einen Daumen in unsere Richtung hob. Ich ignorierte ihn. Zwar war ich ein höflicher Mensch, aber bei dem Gedanken, dass er mich seelenruhig in diese Situation hatte rennen lassen, blieben keine freundschaftlichen Gefühle mehr.
   »Was war das gerade?«, fragte ich Isa, während ich den Dreck von meinem Kostüm klopfte. Anscheinend fehlten der Behörde ein paar ordentliche Reinigungskräfte.
   Isa verengte ihre Augen und musterte mich von oben bis unten. »Was bitte tust du hier?« Es klang freundlich, aber die Aufforderung in ihrer Stimme duldete keine Ausflüchte.
   Ich entdeckte einen losen Knopf und seufzte. »Ich wollte dich besuchen und fragen, ob du Lust hast, auf einen Kaffee mit mir in die Stadt zu fahren. Des ist nicht da, Stacey hat erst später Zeit, mir das Portal zu öffnen, und mir war nach Gesellschaft.«
   »Und du hast die Schilder nicht gesehen?«
   »Welche Schilder?« Ich war verwirrt. Nein, Schilder hatte ich nicht in Erinnerung, dafür bemerkte ich etwas Erschreckendes: Isas Nagellack blätterte ab, und zwar gleich an zwei Stellen! Das war der endgültige Beweis. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Solange die stattliche Beamtin nicht gerade in einen Kampf verwickelt war, achtete sie sehr sorgfältig auf ihr Erscheinungsbild. »Isa, ist alles in Ordnung?«
   Sie blickte von dem Wachmann am Eingang zu mir, packte mich ohne ein weiteres Wort am Ärmel und zerrte mich den Gang hinab. Ich folgte ihr, ohne Widerstand zu leisten. Immerhin wollte ich wissen, was hier los war.
   Die Gänge und Zimmer mit den großen Sichtfenstern sahen so normal und nüchtern aus wie immer. Mit Papierstapeln, Grünpflanzen und Standardschreibtischen wirkte die Behörde wie ein durchschnittliches Bürogebäude. Auch die Mitarbeiter, denen wir begegneten, trugen weder Anzüge noch Kampfkleidung, was mich anfangs arg enttäuscht hatte. Etwas war jedoch anders als bei meinem letzten Besuch: die Atmosphäre. Es lag eine Anspannung in der Luft, die dafür sorgte, dass sich die Härchen in meinem Nacken aufstellten. Die Personen, denen wir begegneten – die meisten waren menschlich, aber ich entdeckte auch zwei Teufel sowie ein Wesen mit bläulicher Haut –, hetzten mehr durch die Gänge, als dass sie liefen. Uns streiften hektische Blicke, doch niemand schien Zeit für einen kurzen Gruß zu haben.
   Auch Isa bahnte sich wortlos ihren Weg und riss schließlich die Tür zu einem Raum auf, an deren Schild ihr Name unter dem von Carsten Herms prangte.
   »Ist Carsten auch da?«, fragte ich, um überhaupt etwas zu sagen, und starrte in das leere Büro. Zwei Schreibtische standen Kopf an Kopf. Während der eine zweckdienlich mit Computer, Ablagen, Telefon und Schreibutensilien bestückt war, blinkte und blitzte es auf dem anderen vor Dekosachen, Bilderrahmen und anderen Kleinigkeiten. Ich entdeckte eine handgroße Muschel, in der Schminkutensilien untergebracht waren, sowie eine kleine Armbrust. Es war nicht schwer zu erraten, wem welcher Schreibtisch gehörte.
   Isa schloss die Tür und lehnte sich dagegen. »Carsten ist im Außeneinsatz«, erklärte sie. »Zuvor hat er die Schilder aufgestellt, die du allesamt übersehen hast. Woran hast du auf dem Weg vom Parkplatz hierher nur gedacht, Nala?«
   »Modedesigner«, sagte ich kleinlaut, aber nicht einmal damit schien ich Isa aus der Reserve locken zu können. Die Situation musste wirklich ernst sein. Höchstwahrscheinlich Ausnahmezustand. »Sind es die Sprungtore?«, riet ich. »Werden sie sabotiert? Oder hat unser Militär sie entdeckt und plant einen Großangriff? Das war doch gerade so was wie eine Spezialeinheit, oder?« Die Vorstellung gefiel mir nicht. Wenn dem so war, würde die Behörde besagte Portale sicher dichtmachen, was bedeutete, dass es keine Verbindung zwischen meiner Heimatwelt und dieser gäbe. Ich würde nicht mehr herkommen und Des sehen können. Oder bei ABM arbeiten. Der Prokurist würde meine Fehlstunden akribisch festhalten und sie mir hinterher ankreiden, nationale Sicherheit hin oder her.
   Isa strich sich über ihr farbenfrohes Stoffensemble und runzelte die Stirn. »Ja, das waren die Leute von der SDC.«
   »Was bedeutet das?«
   Sie setzte zu einer Antwort an, schien es sich dann aber anders zu überlegen.
   Das wurde ja immer mysteriöser – und interessanter. »Isa?«
   »Eine Sondereinsatztruppe. Momentan bahnen sich Ereignisse an, auf die wir uns intensiv vorbereiten müssen. Die Behörde ist heute für Zivilisten geschlossen, daher auch die Warnschilder überall auf dem Gelände. Die SDC-Leute haben dich vorhin schlicht verwechselt. Oder geglaubt, dass du Teil des Problems bist.«
   »Oh«, murmelte ich und sah auf meine Finger. Seitdem ich in LaBrock unterwegs war, hatte man mich des Öfteren als Problem bezeichnet. Das hier war aber ein vollkommen anderes Kaliber, und es war mehr als offensichtlich, dass Isa mir auswich. Zumindest teilweise. Meine Neugier besiegte die Verlegenheit jedoch schnell. »Welche Ereignisse? Hatte ich etwa recht? Werdet ihr die Tore schließen?«
   Isa schüttelte den Kopf und blinzelte mich unter ihrem Pony hervor an. »Es hat nichts mit deiner Welt zu tun.«
   »Puh, da bin ich wirklich froh. Aber möchtest du mir nicht wenigstens einen kleinen Hinweis …?«
   »Nein.«
   Ich fühlte mich, als stünde ich vor einer Glasscheibe, hinter der jemand die beste Mousse au Chocolat der Welt platziert hatte – in Sichtweite, aber trotzdem unerreichbar. »Du könntest so tun, als würdest du mit dir selbst reden, und ich gebe vor, dich nicht zu hören?«
   Zur Antwort verengte Isa leicht ihre Augen. Bei anderen Frauen würde dieser angedeutete Schlafzimmerblick sicher kokett wirken, hier aber versetzte er mich in die kleine Schwester der Schockstarre.
   Isa seufzte. »Ich kann nicht darüber reden, Nala. Allein die Information, dass es eine wirklich große Sache werden könnte, ist bereits zu viel für eine Außenstehende. Und leider kann ich hier auch nicht weg. Es tut mir leid, aber deinen Kaffee wirst du allein trinken müssen.«
   Ich drehte mittlerweile so aufgeregt an dem losen Knopf meines Oberteils, dass er abriss. Mir war klar, dass es nichts bringen würde, nachzuhaken, und ich wollte Isa nicht verärgern. Dennoch verursachte mir die Angelegenheit Bauchgrummeln, und die vagen Andeutungen waren noch schlimmer als die Wahrheit, befeuerten sie mein Kopfkino doch auf brutale Weise. Von Bürgerkrieg bis hin zur Übernahme LaBrocks durch Halbkobolde war alles dabei. Ich war noch immer Novize, wenn es um diese Welt ging, und konnte nicht einschätzen, was die aktuellen Ereignisse für das Leben hier bedeuteten. Und ausgerechnet jetzt war Des nicht da. Er würde mich entweder beruhigen, indem er irgendetwas wahnsinnig Logisches sagte, oder er würde die Schultern zucken, da ihn die Sache nichts anging, und mich auf andere Gedanken bringen.
   Isa stieß sich von der Tür ab, warf einen Blick in den kleinen Spiegel an der Wand und sah nicht glücklich aus. Mit Sicherheit waren ihr die abgesplitterten Lackstellen an ihren Nägeln ebenso aufgefallen wie mir. Wenn jemand scharfe Augen besaß, dann sie. »Ich bringe dich wieder zur Haupttür. Am besten auch gleich zu deinem Wagen.«
   Ganz klar, sie wollte sichergehen, dass ich tatsächlich verschwand und den Angehörigen der Spezialtruppe nicht noch einmal über den Weg lief. Ob sie mich schützen wollte oder die Sache, über die sie nicht reden durfte, war mir nicht klar. Vielleicht wollte sie auch nur dafür sorgen, dass ich die Schilder dieses Mal wirklich las.

3
Abwehrmethoden

»Hey du, komm her und setz dich zu uns, wir brauchen noch einen Spieler.« Der Kerl mit dem langen Gesicht und noch längerem Zopf winkte mir von seinem Platz am Ecktisch aus zu.
   Ich schüttelte den Kopf und beobachtete, wie eine Karte aus seinem Ärmel glitt und auf der Fläche vor ihm landete. Die Mienen der anderen drei Männer am Tisch wurden düster, und ich wandte der Szene rasch den Rücken zu. Für heute hatte ich genug Aufregung gehabt.
   Im Holysmacks herrschte guter Wochentagsbetrieb. Die meisten Stühle waren besetzt, aber man kam zur Theke durch, ohne sich den Weg freiboxen zu müssen. Sämtliche Tische waren belegt, ebenso die meisten Barhocker. Rockmusik plärrte aus den Lautsprechern, ließ aber noch Gespräche zu. Es roch nach Alkohol, dezent nach Putzmitteln und schwerem Männerparfum.
   Ich sah mich aufmerksam um, konnte aber weder den Besitzer, Ori Manstein, noch seine nervtötende Ehefrau Joanna entdecken. Gut so. Nach allem, was geschehen war, hatte ich wenig Lust, die beiden so schnell wiederzusehen. Meine kurze Karriere als Aushilfe im Holysmacks war vor nicht allzu langer Zeit durch die Verkettung mehrerer Ereignisse beendet worden. Eloise, meine ehemalige Kollegin und mittlerweile gefeuert, war Teil von dubiosen Geschäften mit illegalen Besuchern aus meiner Welt gewesen und hatte alles daran gesetzt, dass ich ihr nicht auf die Schliche kam. Nicht nur, dass sie mich während meiner Schichten schikaniert hatte, auf Des und mich war auch geschossen worden. Darüber hinaus hatte ich nächtliche Balanceakte an einer Hausfassade absolvieren müssen. Als wäre das nicht schlimm genug, war Oris Frau von einer anstrengenden Eifersucht geplagt worden, die mir beinahe Hausverbot beschert hatte. Zum Glück war dieses Kapitel vorbei. Ori hatte die richtige Entscheidung getroffen und meinen guten Freund Alphonse wieder eingestellt, nachdem er ihn vorübergehend suspendieren musste, da man ihn verdächtigte, etwas mit den illegalen Besuchern zu tun gehabt zu haben. Was Unsinn war. Alphonse war zwar groß, massig und sah auf seine Weise einschüchternd aus, aber er konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Wir verstanden uns gut, was vielleicht auch daran lag, dass er wie ich ein Eingeweihter war und wusste, wie man sich in LaBrock als Mensch von drüben fühlte oder was man beachten musste, um hier zurechtzukommen. Zudem war er mit Des befreundet, beide waren begeisterte Motorradfahrer und konnten Stunden damit verbringen, über ihre Maschinen zu fachsimpeln.
   Ich genoss es, nur Gast im Holysmacks zu sein. Es war schön, Alphonse in seiner vertrauten Umgebung hinter der Theke zu sehen. Er war vollkommen in Schwarz gekleidet – Lederhose, Lederweste, Halstuch, Armschienen und ein T-Shirt mit dem blutroten Aufdruck Wenn ich du wäre, wäre ich gern ich. Schwere Ringe blitzten an nahezu all seinen Fingern. Er hatte seinen Kopf rasiert, nicht aber seine Koteletten oder den Bart, der mittlerweile voll und rot in seinem Gesicht wuchs. Am Wochenende, wenn das Smacks voll war und zwielichtige Gestalten versuchten, sich Einlass zu verschaffen, arbeitete er als Türsteher. An ruhigeren Tagen, so wie heute, half er am Zapfhahn aus.
   Auch jetzt füllte er gekonnt drei Gläser mit Bier, sorgte für hübsche Schaumkronen und stellte sie vor einem Gast ab. Dann wandte er sich dem Kerl zu, der neben ihm hinter der Theke stand, und deutete auf den Zapfhahn. Es hatte den Anschein, als erklärte er etwas. Ich trat näher und musterte Alphonses Nebenmann. Er war, gelinde gesagt, eine imposante Erscheinung. Alphonse war bereits groß, aber der andere überragte ihn um gut einen Kopf. Zudem war er das, was meine beste Freundin Kim so schön als Sixpack 2.0 bezeichnete: extrem muskulös. Sein Shirt spannte sich über dem Brustkorb und ließ Arme frei, die mehr Kurven besaßen als Kim und ich zusammen. Er stand etwas breitbeinig – kein Wunder, wenn sich seine Beine im selben Zustand wie seine Arme befanden, dann konnte er sie bestimmt nicht richtig schließen – und sah Alphonse konzentriert zu. Wobei … wenn ich ehrlich war, wirkte er eher, als würde er nicht verstehen, was Alphonse ihm zu erklären versuchte. Seine Stirn lag in Falten, und er hatte den Mund zu einem O geformt, das perfekt zu dem schmalen Bartkreis um Lippen und Kinn passte.
   »Hallo«, sagte ich und riss Alphonse aus seinen Ausführungen.
   Er ließ die Hand fallen, mit der er soeben in der Luft herumgefuchtelt hatte, und eine Handvoll Gläser hüpfte in die Höhe. »Nala, schon Feierabend? Schön, dass du uns besuchst. Geht es dir gut?« Alphonse schüttelte vorsichtig meine Hand.
   Sein Kollege musterte mich interessiert und mit einem Gesichtsausdruck, den jedes Neandertaler-Weibchen entzückend gefunden hätte. Womöglich würde es helfen, wenn er den Mund schloss, aber ich hütete mich angesichts der Muskelberge davor, diesen Vorschlag zu machen. Stattdessen beäugte ich ihn möglichst unauffällig. Kein Teufelsschwanz und auch kein behaarter Nacken, der auf einen Wendigo hindeuten würde. Zumindest diese Jähzornkandidaten konnte ich ausschließen.
   Ich lächelte Alphonse an. »Ja, schon seit über einer Stunde. Leider ist Des mit dem Prokuristen unterwegs und ich muss warten, bis mich jemand zum Tor bringt. Wie läuft es hier?«
   »Alles in bester Ordnung, ich lerne gerade meine Aushilfe ein. Das ist Igor.«
   »Rübe«, sagte der.
   Ich blinzelte. »Bitte was?«
   »Seine Mutter nennt ihn so«, erklärte Alphonse, als Igor keine Anstalten machte zu antworten.
   »Ah«, sagte ich, da mir sonst nichts einfiel.
   Igors Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen und er nickte begeistert. Wahrscheinlich hatte ich soeben die Sprache gesprochen, die er verstand.
   Da ich ein höflicher Mensch war, streckte ich auch ihm meine Finger entgegen. »Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin Nala di Lorenzo und komme von drüben, aus Westburg. Ich …«
   Er nickte, nickte noch mal und schoss plötzlich hinter der Theke hervor und an mir vorbei.
   Irritiert blickte ich Alphonse an, doch er schüttelte nur den Kopf. Ich wandte mich um und sah Igor mit der Nasenspitze am Fenster stehen.
   Er wippte auf die Zehen und wieder zurück, ehe er eine schwungvolle Drehung vollführte und uns anstrahlte. »Krasse Karre! Sechszylinder, das hört man.« Er tippte an sein Ohr.
   Ich hörte überhaupt nichts, aber generell war ich froh, wenn ich mir mehr als die Farbe eines Autos merken konnte.
   Igor schlenderte zu uns zurück, und Alphonse bedeutete mir, Platz zu nehmen. »Verzeihung Nala, möchtest du etwas trinken? Ich lade dich ein.«
   Ich nickte und ließ mich auf einen der Barhocker sinken. Meine Beine schmerzten noch immer von der Sportaktion in der Behörde. Zum Glück schien nichts gezerrt zu sein. »Danke, ich nehme irgendetwas Gesundes, um mich etwas besser zu fühlen. Meine Knie bringen mich heute um.«
   Igor schlug die Hand vor den Mund und betrachtete mich bestürzt. Er trat auf mich zu, doch Alphonse erwischte ihn an der Schulter und zog ihn zurück. Die Muskeln an seinem Oberarm schwollen an. Es kostete ihn einiges an Kraft, doch schließlich fügte sich Igor dem Druck und kehrte brav hinter die Theke zurück.
   »Du gehst jetzt in das Lager und kontrollierst die Bierbestände«, sagte Alphonse ruhig und drückte ihm eine Liste samt Stift in die Hand. »Das, was wir heute Mittag geübt haben. Du erinnerst dich?«
   »Klar!« Igor grinste ihn an, winkte mir zu und verschwand.
   Ich runzelte die Stirn. »Was war das eben?«
   Alphonse musterte die Runde der Gäste, doch als niemand etwas bestellen wollte, schenkte er mir einen Bananensaft ein und stützte seine mächtigen Unterarme auf dem Tresen ab. »Ich schätze, er wollte dich trösten. Du sagtest, deine Knie würden dich umbringen.«
   Ich verschluckte mich beinahe. »Bitte?«
   »Igor hat ein … sagen wir, einfaches Gemüt. Er ist ein Zyklop.«
   Ich stutzte. »Aber er hat zwei Augen.« An das Buch mit den griechischen Mythen, das ich als Kind von meiner Oma geschenkt bekommen hatte, erinnerte ich mich genau. Jede Geschichte war mit einer Zeichnung eingeleitet worden, auf der die Männer extrem heroisch und die Frauen extrem großbrüstig dargestellt wurden. Mein Bruder Robert hatte das Buch eines Tages zerlegt und sein Zimmer mit den Bildern tapeziert. Niemals würde ich vergessen, wie sehr ich damals geweint hatte, und somit wusste ich mit Sicherheit, dass ein Zyklop ein Riese mit nur einem Auge auf der Stirn war. Gut, immerhin die Größe stimmte bei Igor.
   Alphonse lächelte. »Ja, da musste ich auch erst einmal umdenken, nachdem ich herkam. Das einzelne Auge ist metaphorisch gemeint und bezieht sich mehr auf ihre … sagen wir, ihre Denkweise.«
   Jetzt, da ich Igor kennengelernt hatte, ergab das durchaus Sinn. »Sie sind nicht in der Lage, um die Ecke zu denken?«
   »So ungefähr, ja. Am besten bespricht man mit ihnen nur simple Zusammenhänge, da sie selten abstrahieren können. Viele Feinheiten der Sprache verursachen ihnen Probleme, wie Bilder oder Metaphern.«
   »Streng genommen kann man einäugig also durch einfältig ersetzen?«
   »Genau so ist es.«
   Das erklärte Igors Reaktion. Ich verschluckte mich beinahe an meinem Saft. »Du meinst, er hat vorhin wirklich geglaubt, dass meine Knie mir etwas antun wollen?«
   Die Art, wie Alphonse entschuldigend die Lippen verzog, sprach Bände.
   Ich war fasziniert. Wie die meisten Spezies, die ich in LaBrock kennengelernt hatte, schienen Zyklopen über enorme Körperkräfte zu verfügen. Selbst Stacey, meine stets adrette, unterteuflische Kollegin, würde in meiner Welt viele Wettbewerbe im Armdrücken gewinnen. Es war kein schönes Gefühl, wenn der Mensch die Ausnahme unter all diesen Kraftprotzen war, und ich hatte mich oft gefragt, wo die Nachteile für die einzelnen Rassen lagen. Immerhin musste es so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit geben. Bei den Zyklopen lag die Sache klar auf der Hand. Ich würde darauf achten müssen, Redewendungen und andere geflügelte Worte in Igors Gegenwart zu vermeiden. »Du bindest mir doch einen Bären auf«, sagte ich zu Alphonse. »Aber warum lernst du Igor dann überhaupt an? Macht es Sinn, dass er hier arbeitet?« Nun ja, zumindest würde Joanna Manstein nicht glauben, dass Igor ihrem Mann nachstellte.
   Alphonse grinste gutmütig. »Ich mag die Jungs. Sie sind gute Arbeiter und sehr zuverlässig. Wenn sie einmal einen Auftrag haben, setzen sie alles daran, ihn auszuführen.« Er blickte auf, als sich ein Gast der Theke näherte.
   Der Mann rempelte mich an, sodass ein harter Ruck durch meinen Körper fuhr und der Barhocker ein Stück zur Seite rutschte.
   »Entschuldigung«, murmelte der Fremde und ging weiter zu den Tischen, ohne etwas zu bestellen.
   Ich hielt die Luft an und sah ihm verwundert nach. Er war nicht sehr groß und trug einen sandfarbenen Mantel, der fast bis zum Boden reichte und ihn noch gedrungener wirken ließ. Seine gesamte Haltung brüllte, dass er keine Gesellschaft wünschte. Nun, immerhin stellte er keine Gefahr für mich dar.
   »Du wirkst angespannt.« Alphonse war meine Reaktion nicht entgangen.
   Ich dachte an die SDC-Einheit in der Behörde. »Alles okay. Ich will nur … na ja, vorsichtig sein und niemandem auf die Füße treten.« Als ich zum ersten Mal nach LaBrock gekommen war, hatte das Smacks seine Pforten ausschließlich für nichtmenschliche Wesen – mit wenigen Ausnahmen – geöffnet. Kurz darauf hatte sich Ori jedoch dem Markt und dem stetigen Wettbewerb gebeugt und diese Einschränkung aufgehoben. Noch immer kamen viele Stammkunden her, die zu anderen Rassen gehörten, und in meiner kurzen Zeit als Aushilfe hatte ich gemerkt, wie leicht entflammbar manche Gemüter waren.
   Alphonse starrte mich an, als könnte er an meiner Nasenspitze ablesen, was ich soeben dachte. »Ich habe da etwas für dich.« Er beugte sich hinab und begann, unter dem Tresen zu kramen. Kurz darauf drückte er mir eine längliche, mattpink glänzende Dose in die Hand.
   Ich warf einen Blick darauf. »Ein Pfefferspray?«
   Alphonse nickte ernst. »Ein sehr gutes dazu. Testsieger in mehreren Kategorien, es liegt schön in der Hand und ist durch die Farbe leicht zu finden, falls du es in der Handtasche mit dir herumträgst. Behalte es, ich hab noch ein anderes. Zück es nur im Notfall, also falls du wirklich angegriffen wirst. Vielleicht hilft es ja schon, wenn du es bei dir hast. Du weißt schon, um dich zu beruhigen.«
   Ich musterte Alphonses kräftige Hände sowie seine Wrestlerarme. »Warum bitte brauchst du ein Pfefferspray?«
   Er zuckte die Achseln. »Manche Leute sind etwas nachtragend. Es ist öfter vorgekommen, dass jemand verstimmt war, weil ich ihn nicht ins Holysmacks gelassen habe, und dann … nun ja, manchmal folgt mir dann jemand.«
   Ich stellte mir vor, wie Alphonse mit seiner Bikerstatur durch Nacht und Nebel nach Hause oder zu seinem Motorrad lief. »Und derjenige war nicht allein unterwegs, sondern hatte seine Freunde und Brüder dabei?« Das klang spannend – mein erster Einblick in die hiesige Gangszene.
   Alphonse wischte meinen Gedanken mit einer knappen Geste davon. »Nein, eigentlich nicht.«
   Die Bilder von Leder, schweren Ringen und Päckchen voller weißem Pulver, verborgen in Stiefelschäften, schwanden. »Aber wofür brauchst du dann ein Pfefferspray? Den meisten bist du doch locker überlegen.«
   Er starrte auf seine Nägel. »Ich füge anderen ungern Schmerzen zu. Da ist es besser, einfach nur vorsichtig zu sprühen. Oft schreckt sie das bereits ab.«
   Dieser Logik konnte ich mich nicht entziehen. Ich betrachtete noch einmal das Spray.
   Es klingelte.
   Ich blinzelte und brauchte eine weitere Sekunde, bis ich verstand und mein Telefon aus der Tasche zog. Mit erhitzten Wangen registrierte ich die Nummer von ABM und nahm das Gespräch an. »Di Lorenzo.«
   »Hier ist Stacey. Das Meeting ist vorbei. Ich setze mich rasch an den Bericht und bringe dich anschließend zum Sprungtor. Wir treffen uns in zwanzig Minuten. Sei pünktlich.« Sie legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten.
   Ich verstaute das Telefon samt Spray und stürzte den Rest Saft hinunter. »Ich muss los, Stacey bringt mich zum Tor. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend.«
   Im Hintergrund rumste und klirrte es. Igors Fluchen drang aus dem Lager.
   Alphonse ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen, legte eine Hand an seine Brust und verbeugte sich leicht. »Es war schön, mit dir zu plaudern. Komm doch mal wieder mit Desmond vorbei.«
   Ein Krachen folgte seinen Worten, und ich hätte schwören können, dass der Boden wackelte.
   Ich winkte Alphonse zu und machte mich auf den Weg. Wenn das Holysmacks bei meinem nächsten Besuch nicht mehr existierte, wusste ich immerhin, wer dafür verantwortlich war.

»Seit zwei Tagen habe ich nichts von ihm gehört! Ich meine, ja, er schickt mir Nachrichten und nach wie vor süße Katzenfotos, aber kein Anruf. Und erst recht kein Treffen.« Frustriert boxte Kim gegen mein Kissen, zog einen Schmollmund und zupfte an ihrer neuen Shorts herum.
   Noch war es zu kühl, um so etwas zu tragen, aber in ihren Augen genügte es, dass der Frühling nicht mehr lang auf sich warten lassen würde und die Chancen gering waren, auf dem Weg vom Auto ins Haus zu erfrieren.
   »Nala?«
   »Was?« Ich war in Gedanken noch bei den Katzenfotos. So sehr ich es versuchte, ich brachte sie nicht mit dem Carsten Herms in Verbindung, den ich kannte. Er war freundlich, aber auch überaus korrekt und weit mehr Behördenbeamter als Isa es jemals sein würde. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er beim Anblick eines Tierbabies in Begeisterungsrufe ausbrach oder etwas anderes als ein Dessert süß finden würde.
   Er ging seit Kurzem mit meiner besten Freundin Kim aus. Noch beteuerte sie, dass es nichts Ernstes sei, aber ihr Verhalten verriet etwas anderes. Kim war es nicht gewohnt, um Aufmerksamkeit kämpfen zu müssen und quengelte generell, wenn sie ihrer Meinung nach zu wenig erhielt. Also fast immer. Diese Enttäuschung aber war mir neu.
   »Er hat gerade sehr viel zu tun«, versuchte ich sie zu beschwichtigen und überließ ihr den Rest Macadamia-Mousse mit geeisten Weintrauben. Kim tat mir leid.
   »Hm?«, murmelte sie, während sie sich einen Riesenlöffel in den Mund stopfte und mich aus noch riesigeren Augen anblickte.
   Ich kannte sie lange genug, um zu verstehen, dass sie mich soeben fragte, ob ich mehr wusste, als ich zugab. Kurz kämpfte ich mit mir, doch dann klimperte sie herzzerreißend mit den Wimpern. Mein letzter Widerstand schmolz. »Bei der Behörde ist gerade einiges los«, hörte ich mich sagen und verfluchte Kims neue Frisur. Früher hatte sie mit ihrem Pixiekopf frech gewirkt, nun trug sie das Haar länger und glatt zurückgebunden. Es ließ sie zerbrechlich und hilflos wirken, wenn sie es darauf anlegte. Obwohl ich wusste, dass sie alles andere als hilflos war, ließ ich mich einlullen. Von ihrem Haar. »Sie haben sogar ein Sondereinsatzkommando mobilisiert, aber warum, wollte man mir nicht sagen.«
   Kim nahm einen weiteren Löffel und riss die Augen auf.
   Mir war klar, was sie mich fragen wollte. »Nein, Carsten war unterwegs, als ich dort aufgeschlagen bin. Ich habe kurz mit Isa gesprochen, aber selbst sie wirkte irgendwie gestresst. Sogar ihr Nagellack war an zwei Stellen abgeblättert, und sie hat sich nicht darum gekümmert.«
   Ein weiterer Löffel Mousse und ein Hm.
   Ich nickte. »Sehe ich auch so. Was auch immer es ist, sie wollte nicht darüber reden, aber ich vermute, dass die gesamte Behörde in Alarmbereitschaft ist. Vielleicht erfahre ich mehr, wenn Des morgen zurückkommt.«
   Kim hatte die Mousse vernichtet und kaute nachdenklich auf ihrer Lippe herum. Etwas spukte ihr noch immer durch den Kopf. Natürlich! Am liebsten hätte ich mich geohrfeigt. Ich Idiotin hatte ihre Unsicherheit nicht besser, sondern schlimmer gemacht. Nun sorgte sie sich bestimmt um Carsten, der im Zuge von Sondereinsätzen wahrscheinlich mit gefährlichen Spezies an noch gefährlicheren Orten zu tun hatte. Ob das der Grund war, warum er sich nicht meldete? Er konnte als verdeckter Ermittler tätig oder in Gefangenschaft geraten sein. Aber würde er in diesem Fall süße Katzenfotos schicken?
   Kims Löffel klirrte auf dem Glas der Dessertschale. Ihre Augen glänzten. Sie musste zum gleichen Schluss gelangt sein wie ich und soeben vor Sorge verzweifeln.
   Hastig hob ich die Hand und wollte etwas sagen, um sie zu beruhigen, doch sie war schneller.
   »Denkst du, er hat noch eine andere? Ich meine … das mit uns ist ja irgendwie nicht so ernst, und vielleicht ist es normal, in jeder Welt eine Freundin zu haben?«
   Ich verschluckte mich beinahe vor Erstaunen. Kim und eifersüchtig? Hier lief einiges schräg. Ich musste sie unbedingt ablenken, also sprang ich auf, griff nach meiner Jacke und warf Kim meinen Ersatzmantel zu. »Zieh den an.« Extreme Situationen erforderten extreme Maßnahmen. »Die Läden haben noch eine halbe Stunde geöffnet. Wir gehen speedshoppen.«

Das Licht der Laternen, Läden und Reklameschilder wirkte wie eine Frischzellenkur auf Kim. In den achtzehn Minuten, die uns blieben, nachdem wir mit quietschenden Reifen den Stadtkern von Westburg erreichten, erstand sie eine neue Tasche, zwei Sonnenbrillen und einen Gürtel. Ich dagegen begnügte mich mit einem Kaubonbon, das ich aus einem Glas an der letzten Kasse fischte, und freute mich, da das Leuchten in Kims Augen zurückkehrte. Es hatte funktioniert. Wie sagte meine Oma stets? Man musste einen Fisch in das passende Gewässer werfen, damit er schön schillerte, und das hier war eindeutig Kims Reich. Ich kannte nur einen Menschen, der es in dieser Disziplin mit ihr aufnehmen konnte: meine Mutter. Jahrelang hatte ich geargwöhnt, dass Kim und ich im Krankenhaus vertauscht worden waren. Einmal hatte ich sogar Pa darauf angesprochen. Er war an jenem Tag leicht angeschickert von einer Betriebsfeier zurückgekehrt und hatte den Gedanken daher nicht ausschließen können.
   Kim zog strahlend mit drei Tüten voller neuer Errungenschaften an mir vorbei.
   »Und, gehts dir besser?«, fragte ich, als wir zurück zu ihrem Wagen schlenderten.
   Sie legte den Kopf in den Nacken und seufzte tief. »Ja, ich denke schon. Du wirst recht haben, wahrscheinlich hängt er voll in dieser Sondersache mit drin. Wenn ich nur wüsste, was da los ist.« Ein noch tieferes Seufzen. »Warum muss ich auch immer an solche Männer geraten? Du hast es gut, Nala. Immerhin ist Des Hausmeister, um den musst du dir keine Sorgen machen.«
   Ich dachte an die klitzekleine Tatsache, dass Des einen Teil Dämonenseele mit sich herumschleppte, die ihn in etwas verwandeln konnte, das mir jedes Mal einen tiefen Schrecken einjagte. Dann an jenen Tag, als man auf ihn geschossen hatte. Doch ich schwieg. Ich erzählte Kim viel und es genügte, dass sie von LaBrock wusste. Alles musste sie nicht erfahren.
   Ein dunkler Schatten kam auf uns zu und versetzte mich in Alarmbereitschaft, da ich soeben an den Überfall auf Des und mich gedacht hatte. Hektisch kramte ich nach Alphonses Pfefferspray, bis ich realisierte, dass mir etwas an der Silhouette vertraut vorkam.
   »Hey, du hier? Voll krass und eigentlich voll schön noch, oder? All das Glitzer.« Es war tatsächlich Igor, der da vor uns stand und verzückt auf die Auslagen der Schaufenster deutete.
   Kim sah mich mit weit aufgerissenen Augen an und ließ beinahe ihre Taschen fallen.
   Ich lächelte. »Hey. Alphonse hat mir gar nicht gesagt, dass du die Portale nutzt.«
   Igor schüttelte den Kopf und grinste. »Joah. Ab und zu.« Er trug eine dunkle Hose aus Ballonseide, ein ebenso dunkles Shirt und ein Halstuch, das seinen rasierten Kopf wie einen Lolli wirken ließ – wie den größten Lolli der Welt.
   »Ähm Kim, das ist Igor.«
   »Rübe«, korrigierte er mich, ballte eine Hand zur Faust und stupste sie gegen Kims. »Und du?
   »Kim«, sagte sie rasch. »Nur Kim.«
   Igor nickte und grinste sie weiter an.
   Ich schritt ein, ehe die Stille unangenehm wurde. »Was verschlägt dich hierher?«
   »Nichts, ich guck nur. Seh mich um. Alle sagen, es ist wie bei uns, aber das stimmt nicht.«
   Zyklopen schienen doch nicht vollkommen auf den Kopf gefallen zu sein. »Ig … Rübe kommt aus LaBrock und arbeitet zusammen mit Alphonse im Holysmacks«, informierte ich Kim.
   »Warst du schon mal bei uns im Laden?« Er strahlte Kim so breit an, dass das fingerschmale Bärtchen Pfannkuchenform annahm.
   »Nein, aber was nicht ist, kann ja noch werden.« Kim verzog die Lippen und trat vor, um ihr Auto aufzuschließen. So umständlich, wie sie ihre Errungenschaften verstaute, war glasklar, dass sie keine Lust hatte, sich weiter mit ihm zu unterhalten.
   »Kommst du öfter her? Also nach Westburg, meine ich?«, fragte ich, um ihn davon abzuhalten, wie ein Verdurstender auf Kims Hinterteil zu starren.
   »Nee, in der Stadt hier bin ich zum ersten Mal.« Er nickte in Kims Richtung. »Hat sie ’nen Freund?«
   »Ja, sie ist vergeben«, sagte ich eilig und zauberte Enttäuschung auf Igors Gesicht. Kurz überlegte ich, noch etwas Tröstendes hinterherzuschieben, verzichtete dann aber doch. Nachher machte es ihm Hoffnung, wo keine war.
   Kim räumte in der Zwischenzeit in aller Ruhe ihre Taschen von der einen auf die andere Seite des Kofferraums.
   »Also.« Ich klatschte mit sämtlicher Begeisterung, die ich finden konnte, in die Hände. »Noch viel Spaß in Westburg. Wir müssen los, sonst wird es zu spät, wenn Kim mich noch nach Hause bringen will.«
   »Und anschließend muss ich ziemlich viel für die Uni lernen«, ließ sie uns zwischen Plastikgeknister wissen.
   Der Satz wärmte mein Herz. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihn jemals aus ihrem Mund hören würde, selbst, wenn er eine Lüge war.
   Igor sah von Kim zu mir. »Na denn. Ich muss eh wieder nach LaBrock, der Chef will seinen Springer zurück.« Er schlug gegen seine Brust, und ich fragte mich, ob er den Käfer wirklich in die Tasche gesteckt hatte. Zuzutrauen war es ihm. »Soll ich dich mitnehmen? Ich hab ’nen echt geilen Leihwagen.«
   Ich überlegte rasch und entschied, dass das eine gute Idee war. Zwar kannte ich Igor kaum, aber so, wie er Kim mit Blicken verschlang, traute ich ihm zu, sie zu verfolgen. »Super Idee. Du hast doch nichts dagegen, Kim?« Ich zwinkerte ihr verschwörerisch zu.
   Sie umarmte mich und ignorierte Igors ausgebreitete Arme. Stattdessen winkte sie ihm lässig zu, während sie sich hinter das Steuer fallen ließ. »Absolut nicht. Wir sehen uns morgen, Nala.« Der Motor heulte auf, und sie schoss aus der Parklücke auf die Straße.
   Igor starrte auf ihre Rücklichter. »Geht sie gern fremd?«
   Ich verdrehte die Augen. »Wo parkst du denn?«
   Der Gedanke an sein Auto schien ihn von Kim abzulenken. Mit stolzgeschwellter Brust führte er mich zu dem Leihwagen, der mich leise aufstöhnen ließ. Natürlich, das hätte ich mir denken können. Zwischen Unterseite und Asphalt fand mit etwas Glück eine dünne Kinderhand Platz, dafür war das schwarze Ding an den Seiten mit Flammen in rotorange übersät. Ich fragte mich, wo er den herbekommen hatte, schnitt das Thema aber nicht an. Ich war zu vielem bereit, aber einen Vortrag über tiefergelegte Autos wollte ich mir ersparen.
   Igor wies mit großzügiger Geste auf die Beifahrertür.
   Ich stieg ein, nachdem ich eine Handvoll Bonbonpapier vom Beifahrersitz gefegt hatte. Der quietschte und federte unter mir. Es fühlte sich an, als würde ich auf der Straße sitzen.
   Igor ließ seinen Riesenkörper in den Fahrersitz krachen und griff automatisch in die Tüte neben der Schaltung. »Auch eines?«
   Ich starrte auf das Plastik. Auf jeder Honigkaramelle prangte die Abbildung einer Biene. »Nein danke. So was bleibt immer an meinen Zähnen kleben und treibt mich in den Wahnsinn. Ich könnte die Wände hochgehen, wenn …«
   Sein Kopf ruckte herum und er musterte mich mit fassungslosem Staunen.
   Verdammt! Ich lächelte so breit ich konnte. »Nur ein kleiner Scherz. Alles okay.« Wie zur Bestätigung stopfte ich mir ein Toffee in den Mund, kaute vorbildlich und sah nach vorn.
   Igor startete mit kreischenden Reifen und bretterte die Hauptstraße entlang. Die gesamte Fahrt über bemühte er sich, so viel Abstand wie möglich zu mir zu halten.

Es waren unzählige Bienen, dicht wie eine Wand. Sie trieben mich über die Waldlichtung in LaBrock. Ich rannte, so schnell ich konnte, denn das Summen hinter mir klang alles andere als freundlich. Plötzlich rutschte ich aus. Noch im Fall entdeckte ich die Ursache: Bonbonpapier.
   Hart krachte ich auf den Boden und wünschte mir, es hätte geregnet, dann wäre er immerhin aufgeweicht gewesen. Atemlos blieb ich liegen und starrte in den Himmel, der urplötzlich von einem vertrauten Gesicht verdeckt wurde.
   »Nala? Sie jagen dich noch immer.« Es war Igor.
   Jetzt hörte ich sie wieder, die Bienen. Das Summen war tief und dröhnend, eine einzige Drohung. »Na Hals- und Beinbruch«, rutschte es mir heraus.
   Igor nickte. »Wie du willst.« Im nächsten Moment legte er seine Riesenfinger an meine Kehle.

Ich schoss so abrupt in die Höhe, dass ich beinahe auf den Boden plumpste. Drei Atemzüge später fand ich heraus, dass ich sicher in meinem Bett im Haus meiner Eltern lag und weder von Bienen gejagt noch von Igor gewürgt wurde. Dafür klebte mir mein Schlafshirt auf unangenehme Weise am Körper. Es brachte nichts, ich würde ins Bad gehen und mich waschen müssen.
   Leise stand ich auf und kramte nach einem frischen Oberteil. Die Straßenlaterne vor dem Haus schickte ausreichend Licht ins Zimmer. Mit einem alten Princess Peppermint-Shirt schlich ich weiter zur Tür. Am Fenster blieb ich stehen und starrte hinaus. Fast erwartete ich, Igor zu sehen, der seine Bonbontüte schwenkte, doch natürlich war da niemand.
   Stopp. Das war nicht ganz richtig. Ich stutzte, blinzelte und sah noch einmal hin. Jemand stand zwischen den Schatten der Sträucher und der Laterne. Er trug einen Mantel, hatte die Hände tief in den Taschen vergraben und hielt den Kopf gesenkt. Ein schmaler Streifen Licht berührte das Material und ließ einen braunen Funken in der Nacht leuchten.
   Ich stutzte. War das etwa der Typ, der mich im Holy-smacks angerempelt hatte?
   Als hätte er meine Gedanken gelesen, hob er den Kopf und blickte zu mir empor. Seine Augen leuchteten tiefrot.
   Kreischend ließ ich das Shirt fallen und presste mich gegen die Wand. Dort stand ich noch immer und versuchte, ruhig zu atmen, als die Tür aufgerissen wurde und Pa hereinstürzte.
   »Nala? Was ist passiert?«
   Ich wollte ihm antworten, aber ich war zu verwirrt, also ließ ich mich in den Arm nehmen und zurück zum Bett führen. Dabei blickte ich aus dem Fenster, doch die Straße war leer. Wer auch immer mich beobachtet hatte, war verschwunden.

4
Lichtblicke

Ich drehte mich zum sicherlich zwanzigsten Mal um die eigene Achse, doch ich stand noch immer allein an der Ecke Brattstraße und Williamsweg in Camlen. Gut, meine wachsende Paranoia leistete mir Gesellschaft, aber wer konnte mir einen Vorwurf machen? Nach dem Albtraum der vergangenen Nacht hatte ich ein gutes Recht darauf, nervös und fahrig zu sein.
   Ich hielt meinen Schirm wie einen Baseballschläger, gewillt, ihn zum Einsatz zu bringen, sobald sich etwas näherte, das größer war als eine Taube. Zum Glück war diese Gegend verlassen, denn ich musste einen seltsamen Anblick abgeben. Mit Adlerblick musterte ich die vereinsamten Geschäfte, die jahrealten Graffitis und leeren Fenster, aber nirgends war eine Gestalt im Mantel oder gar mit roten Augen zu entdecken. Nicht einmal eine Biene weit und breit.
   Vermutlich hatte ich mir den unheimlichen Beobachter nur eingebildet. Wahrscheinlich war ich noch benommen vom Albtraum gewesen. Nichtsdestotrotz konnte ich mich nicht entspannen. Um auf Nummer sicher zu gehen, hatte ich das Haus heute früh durch die Hintertür verlassen und komplett umrundet, ehe ich über den Nachbarzaun geklettert und durch den angrenzenden Garten auf die Straße geschlichen war. Erst dann hatte ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle gemacht, während ich mit meinem Kosmetikspiegel immer wieder die Gegend hinter mir überprüft hatte.
   Das mir mittlerweile wohlbekannte Summen ließ mich aufatmen. Kurz darauf flackerte es rot und violett zu mir herüber. Ich spannte den Schirm auf und lief mit energischen Schritten auf das Portal zu. Der Springer tauchte vor mir auf, brummte dumpf und setzte zu einer Art Landeanflug auf meinen Schirm an. Ich argwöhnte bereits seit geraumer Zeit, dass das hässliche Vieh es auf mich abgesehen hatte, seitdem ich bei unserer ersten Begegnung auf dem Asphalt gelandet war. Doch heute war ich nicht in der Stimmung, um mich von Käfern kleinkriegen zu lassen. »Verschwinde«, zischte ich und bewegte den Schirm rasch hin und her. »Du bist hier, um zu arbeiten und das Portal zu öffnen, und nicht, um dich auf meinen Besitztümern auszuruhen!«
   Der Springer verlor das Gleichgewicht, taumelte mit einem empörten Brummen durch die Luft, fing sich und drehte auf der Stelle um. Er sah fast ein wenig beleidigt aus, wie er schnurstracks auf den Farbwirbel zuhielt, doch das war mir egal. Ich war ja bereit, mir um eine Menge Dinge Gedanken zu machen, doch das Gefühlsleben eines Insekts gehörte nicht dazu.
   »Nala?«
   Ein feines Surren lief durch meinen Magen, zündete und brachte ein Freudenfeuer hervor. Aber … das konnte doch eigentlich nicht sein? Ich spähte unter meinem Schirm hervor – vorsichtig, denn dem Springer traute ich auch hinterhältige Flugmanöver zu.
   Ich hatte mich nicht geirrt. Vor mir stand wirklich Des. Obwohl es Vormittag und deshalb noch sehr kühl war, trug er eines seiner alten T-Shirts zu einer schwarzen Cargohose, die knapp auf seinen Hüften saß. Das Haar war mittlerweile lang genug, um dem Zopf nicht mehr zu entkommen, lediglich eine dunkle Strähne hing ihm in die Stirn. Selbst mit etwas Fantasie sah er nicht wie jemand aus, der auf dem Weg zur Arbeit war. Im Gegenteil, man müsste ihm lediglich einen Rucksack in die Hand drücken, und er hätte sich perfekt auf der Titelseite eines Outdoor-Magazins gemacht, kurz bevor er sich das Shirt vom Leib riss, um im Meer zu schwimmen …
   Ich verdrängte diese Bilder energisch, ehe sie sich in einen ausgewachsenen Tagtraum verwandelten und ich viel zu spät bei ABM eintreffen würde.
   »Was tust du denn hier?«, rief ich.
   Er blieb stehen, hob einen Mundwinkel und wartete, während ich auf ihn zulief. Ehe ich ihn erreichte, tauchte der Springer wieder auf, doch ich ließ mich nicht von meinem Ziel abhalten. Noch im Lauf nahm ich den Schirm in beide Hände und schlug zu. Ich streifte das Vieh und brachte es aus seiner Flugbahn. Keine zwei Sekunden später warf ich mich an Des’ Brust.
   Augenblicklich umarmte er mich und drückte mich an sich. Ich hob den Kopf und stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. Er ließ sich nicht lange bitten und zog mich so eng an sich wie nur möglich. Ich spürte die Muskeln an seinen Armen und seiner Brust, doch all das geriet in den Hintergrund, als er die Lippen öffnete und sanft mit der Zunge über meine tastete. Ich seufzte leise und grub meine Finger in seine Schultern. Des vertiefte den Kuss und fachte meinen Herzschlag an, bis das Kribbeln nicht nur durch meinen Bauch, sondern über jeden Zentimeter meiner Haut zog.
   Ich brummte unwillig, als er sich von mir löste.
   »Wir müssen los«, flüsterte er. »Selbst, wenn du dein Bestes gegeben hast, um den Springer bewusstlos zu schlagen, wird sich das Portal bald wieder schließen.«
   Es gab kein vernünftiges Gegenargument, und trotzdem suchte ich danach. »Ist das wissenschaftlich bewiesen?« Ich fuhr mit meiner Zunge über seinen Hals. Er war dort verdammt empfindlich, und wenn ich eine Chance hatte, ihn zu überreden, dann auf diese Weise.
   Wie erwartet schloss Des kurz die Augen, fasste mich aber an den Schultern und drückte mich ein Stück von sich weg. »Kleines Biest.« Es klang liebevoll. »Willst du wirklich hier in Camlen mit mir festsitzen?«
   »Ja.« Was für eine Frage. Ich sah von seinen Händen, die auf meinen Schultern ruhten, in sein Gesicht und legte den Kopf schräg. Mit ihm würde ich sogar gern in den Gefängniszellen der Behörde oder auf einem Konzert der Metal-Bands, die mein Bruder so häufig hörte, festsitzen wollen.
   Er schmunzelte. »Und das dem Prokuristen erklären?«
   Verdammt! Ich runzelte die Stirn und schmollte versuchsweise. Immer musste er die harten Geschütze auffahren. Es gab nichts Schlimmeres als ein Verhör durch einen höchst verstimmten Halbkobold – zumindest glaubte ich das. Bislang war er mir stets im Modus ungeduldig oder ungehalten begegnet, und das war schon schlimm genug gewesen.
   Des gab mir einen Kuss auf die Stirn, legte einen Arm um meine Schultern und zog mich mit sich. Mit der freien Hand griff er nach meiner. Ich starrte auf unsere ineinander verflochtenen Finger. Gegen seine wirkten meine wie die einer Puppe oder eines jungen Mädchens.
   Meine Gedanken schlugen eine Schleife zurück zum Prokuristen. »Was machst du eigentlich hier? Solltest du nicht als Privatchauffeur in Meerin unterwegs sein?«
   Des hob eine Augenbraue. Er war kein Typ für Dramen, aber dieser Gesichtsausdruck kam bei ihm einem hysterischen Anfall ziemlich nah. »Ich habe mich zu Tode gelangweilt. Der Veranstalter ist äußerst sparsam und hat für sämtliche Teilnehmer Unterkünfte in Mehrbettzimmern besorgt. Ich habe niemanden getroffen, den ich nach dem offiziellen Programm freiwillig länger ertragen hätte. Also habe ich entschieden, die halbe Nacht durchzufahren und noch zwei, drei Stunden im eigenen Bett zu schlafen. Wenn ich dich zu ABM gebracht habe, kann ich kurz den Wagen durchchecken, ehe ich wieder los muss.«
   Ich strich über die glatte Haut seiner Wange. Normalerweise trug Des Bartstoppeln, deren Wuchs irgendwo zwischen vierundzwanzig Stunden und einigen Tagen wucherte, aber offenbar hatte der Prokurist ihn gezwungen, sich dem Anlass entsprechend zu rasieren. Er konnte froh sein, dass mein Freund so gutmütig war.
   »Und der Prokurist ist dortgeblieben? Um sich einen Schlafraum mit mehreren Leuten zu teilen?«
   Des lächelte grimmig. »Er wollte sich darum kümmern.«
   Wir wechselten einen vielsagenden Blick. Das bedeutete nichts anderes, als dass mein kleinwüchsiger Vorgesetzter den Veranstaltern so lange Vorträge gehalten hatte, bis ein Einzelzimmer dabei herausgesprungen war.
   Vor uns wurden die Farbschlieren intensiver, sie flackerten mehr, und dann standen wir vor dem Portal. Obwohl ich fast täglich hindurchtrat, war ich jedes Mal aufgeregt. Es war faszinierend, von einer Welt in eine andere zu wechseln. Des lockerte die Umarmung, hielt jedoch weiterhin meine Hand fest in seiner, und Seite an Seite erreichten wir LaBrock.
   Kaum hatten wir Parallelweltboden unter den Füßen, verlangsamten sich die Farbwirbel und schrumpften. Kurz darauf war nichts mehr vom Portal zu sehen, lediglich der Springer schwirrte nach wie vor um unsere Köpfe. Des streckte die Hand aus, fing das Insekt ein und schob es vorsichtig in den kleinen Transportbehälter aus Glas, den er aus seiner Hosentasche gezerrt hatte.
   Wir standen auf dem Gelände an der Rückseite von ABM. Die Gegend war ebenso leer und verlassen wie die in Camlen, aber das war auch der Sinn der Sache. Portale sollten, besonders auf meiner Seite der Welt, niemandem auffallen und befanden sich stets an Orten wie diesem. Hier drüben wussten die Bewohner zwar von ihrer Existenz, aber dennoch hatte die Behörde es nicht gern, wenn genau bekannt war, wann sich wo ein Portal öffnete. Isa hatte einmal angedeutet, dass es einst so etwas wie Überfälle auf die Tore zwischen den Welten gegeben hatte, ähnlich einem Postkutschenraub im Wilden Westen. Leider hatte sie sich keine weiteren Infos entlocken lassen, was ich sehr schade fand, denn ich war früher ein großer Fan von Billy the Kid, Cowboystiefeln und Pferden gewesen. Gegen etwas Western-Feeling hatte ich nichts einzuwenden.
   »Sehen wir uns heute Abend?«, fragte ich Des, während wir Arm in Arm weitergingen, um zumindest die letzten Meter zu genießen, ehe wir unter den Argusaugen von Stacey und den Telefonisten so tun würden, als wären wir ganz normale Arbeitskollegen.
   Er schob seine Hand in mein Haar und begann, meinen Nacken zu kraulen. »Wenn du nicht sofort nach Hause musst, auf jeden Fall. Am besten bleibst du heute Nacht in LaBrock.« Er lief langsamer und wandte den Kopf. Ich tat es ihm gleich, in der Annahme, dass er mich küssen wollte, doch er betrachtete lediglich den einsamen Straßenzug hinter uns.
   Ich stutzte. »Was ist?«
   Er reagierte nicht. Zwischen seinen Augenbrauen hatte sich eine Falte gebildet, und einen Moment lang wirkte er wachsam. Dann sah er mich wieder an, und ich glaubte, mir das nur eingebildet zu haben.
   »Alles okay«, sagte er und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. »Aber du siehst blass aus.«
   »Ich habe auch nicht besonders gut geschlafen.« Kurz zögerte ich, doch schließlich erzählte ich ihm von dem Albtraum und dem Mann aus dem Holysmacks, der darin die unrühmliche Hauptrolle gespielt hatte. »Gibt es eine Rasse, die sich in den Träumen anderer herumdrückt? Ich meine, das wäre ja ideal für jeden Voyeur.«
   »Nala.«
   Ich fing Feuer für diese Idee. »Man könnte damit sogar Geld verdienen. Überleg mal, Des! Man müsste lediglich …«
   »Nala!« Er lachte und brachte mich in die Realität zurück. »Erstens, nein, es gibt niemanden, der so etwas kann, mach dir keine Sorgen. Und zweitens, wenn es dir solches Kopfzerbrechen bereitet, solltest du nach der Arbeit noch einmal bei Alphonse vorbeischauen. Vielleicht kennt er den Kerl und kann dich beruhigen, indem er dir erzählt, dass er harmlos ist.«
   Was man in LaBrock nicht alles harmlos nannte. Aber er hatte recht, das klang nach einer vernünftigen Lösung – zumindest nach einer, die mein inneres Warnstimmchen besänftigen konnte. Wenn Alphonse den Mantelträger kannte und beispielsweise als menschlich identifizierte, schlossen sich die roten Augen schon einmal aus. In diesem Fall konnte ich wirklich sicher sein, dass das nächtliche Bild Produkt meiner Fantasie gewesen war, die meiner Müdigkeit die Hand gereicht hatte.
   Ehe wir um die Häuserecke traten, die uns ins Blickfeld eines jeden befördert hätte, der zufällig aus dem Bürofenster starrte, hielt Des mich fest und hauchte mir einen letzten Kuss auf die Lippen. »Ich freu mich schon auf heute Abend«, flüsterte er.
   Ich freute mich auch, sehr sogar, sah aber keinen Sinn darin, Zeit mit reden zu verschwenden. Stattdessen schmiegte ich mich an ihn, nicht gewillt, ihn gehen zu lassen, bis hinter uns jemand hupte und ein Wagen an uns vorbeizog. Der Beifahrer streckte den Kopf heraus und johlte unflätiges Zeug.
   Ich spürte, wie sich meine Wangen röteten, räusperte mich und strich meinen Rock glatt. »Bis später. Hoffentlich musst du nicht so leiden auf der Fahrt mit dem Prokuristen. Redet er viel?«
   Des’ Wangenmuskel zuckte. »Das schon, ja. Aber immerhin erwartet er nicht, dass man sich am Gespräch beteiligt.«

Auch heute lief es bei ABM durch die Abwesenheit des Prokuristen für mich ruhig. Das galt allerdings nicht für jeden. Die Telefonisten litten mehr als sonst unter Kirsten Herms’ Kontrollzwang. Der Chef war zwar ausgeflogen, hatte seine Machtfantasien aber in der Firma zurückgelassen. Sie ergriffen, wie so oft, von der Leiterin des Callcenters Besitz, die sich fortan eine Autoritätsschlacht mit Stacey lieferte – zumindest in ihren Augen. Stacey selbst ließ alles mit eiskalter Miene abblitzen und kümmerte sich um die wahren Belange: Arbeit, die erledigt werden musste. Das war der Unterschied zwischen den beiden. Während Kirsten nach einer höheren Position strebte, war Stacey erst zufrieden, wenn alle Aufgaben gemäß ihren Wünschen erledigt waren. Von wem, war ihr dabei vollkommen egal.
   Ich entkam diesem Dauerfeuer, indem ich mir meinen heutigen Auftrag schnappte und mich schnellstens auf den Weg machte. Erst im Wagen warf ich einen Blick in die Mappe. Anastasia Pinto litt mit ihren fünfundzwanzig Jahren angeblich an Windpocken. Ich wusste nicht, wie glaubwürdig das war, doch da ich stets feuchte Kosmetiktücher mit mir herumschleppte und rote Make-up-Flecken notfalls abrubbeln konnte, würde ich diesen Fall schnell lösen.
   Die Adresse war nicht allzu weit entfernt. Ich entschied, bereits auf dem Hinweg bei Alphonse vorbeizuschauen. Anschließend würde ich meine Schicht bei ABM absitzen und … Himmel! Erschrocken schlug ich mir mit der flachen Hand so fest vor die Stirn, dass es schmerzte. Heute wollte ich mich doch nach der Arbeit mit meinem Retter vom Vortag treffen. Das hätte ich beinahe vergessen. Vielleicht wusste Alphonse, wo sich dieses Peppermasters befand.
   Während ich den roten Abdruck auf meiner Stirn betrachtete und leise jammernd daran herumrieb, kramte ich nach meinem Handy und wählte Alphonses Nummer.
   Zu meiner Überraschung war er bereits im Holysmacks und führte eine Inventur durch. »Der Chef ist samt Gattin verreist, und das ist die beste Zeit für solche Arbeiten«, teilte er mir gut gelaunt mit.
   Wir verabredeten uns dort. Ich verstaute mein Equipment und fuhr los.

Igor lief mir mit zwei Weinkisten auf den Schultern über den Weg, als ich vor der Bar parkte. Ich winkte und hoffte im selben Moment, dass er nicht versuchen würde, die Geste zu erwidern. Die Flaschen würden unschöne Kratzer auf dem Wagenlack hinterlassen, und da ich den Unfall letztlich verschuldet hätte, würde ich dem Prokuristen Rede und Antwort stehen und mit gekürztem Lohn rechnen müssen, bis der Schaden ausgeglichen war.
   Ich hatte Glück. Igor grinste lediglich breit und schleppte seine Last in die Bar, als wöge sie nichts. Ich stieg aus und folgte ihm.
   Im Inneren stapelten sich Kisten an der Wand, an der sonst Tische samt Barhocker standen. Es war seltsam, so früh am Tag im Holysmacks zu sein. Der Ort roch anders, fühlte sich anders an … ja, er sah sogar anders aus. Alphonse dagegen bildete einen vertrauten Anblick. Er stand mit Klemmbrett und Stift hinter der Theke, zählte und notierte das Ergebnis. Ich ließ ihm Zeit und betrachtete sein Shirt, auf dem sich ein Pinguin mit hilflosem Gesichtsausdruck in Schieflage befand und die Flügel steif von sich gestreckt hielt. Darunter stand Schräger Vogel. Ich hustete leicht.
   Das genügte, um Alphonses Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ein strahlendes Lächeln erhellte sein Gesicht, und er deutete eine Verbeugung an. »Das ging ja schnell! Es tut mir leid, wenn ich dir nur einen Saft oder ein Wasser anbieten kann, aber du siehst ja selbst.« Er breitete die Arme aus und wirkte zerknirscht.
   Ich versuchte, seine Bedenken mit einer Handbewegung wegzuwischen. »Hallo Alphonse. Das ist gar kein Problem, ich bin sowieso auf dem Weg zu einem Auftrag und dachte, ich schau vorher kurz rein. Ich habe eine Frage zu einem der Gäste hier.«
   Die Ringe an seinen Fingern blitzten, als er sich über den Bart fuhr. »Aber natürlich, ich versuche gern, dir zu helfen. Um wen und was geht es genau?«
   Ich lehnte mich gegen die Theke. »Erinnerst du dich an den Mann, der mich gestern angerempelt hat?«
   In Alphonses Augen glitzerte ein Hauch Sorge. »Ich bin sicher, der Herr hat das nicht absichtlich getan. Oder hast du eine Verletzung davongetragen?« Die Sorgenfalten vertieften sich.
   »Nein, alles okay! Ich wollte nur wissen, ob … ach Alphonse, das klingt nun sicher seltsam, aber ich habe heute Nacht von diesem Mann geträumt. Oder auch nicht. Er stand vor unserem Haus in Westburg, und seine Augen waren glühend rot. Ich dachte, wenn du sagst, dass du ihn kennst und er ein Mensch ist, muss ich mir keine Sorgen machen, denn in diesem Fall wäre ja bewiesen, dass ich alles nur geträumt habe. Und es wäre auch kein Wunder bei dem Tag gestern. Erst die Sache in der Behörde, und dann musste ich auch noch mit Kim shoppen gehen, um sie zu beruhigen. Dabei …« Ich brach ab, als ich immer schneller redete und mich verhaspelte. »Sorry.«
   Alphonse war klug genug, nicht nachzuhaken. »Ich verstehe. Leider habe ich besagten Gast gestern zum ersten Mal gesehen. Er hat einen Kaffee bestellt, ist kurz darauf gegangen und hat die halb volle Tasse stehen lassen. Vielleicht hat es ihm einfach nicht geschmeckt. Ori legt Wert darauf, dass der Kaffee immer besonders stark aufgebrüht wird.«
   Ja, daran erinnerte ich mich noch aus meiner kurzen Karriere im Holysmacks – das Zeug roch gut, aber es siedelte sich irgendwo zwischen Getränk und Klebemittel an.
   Ich spürte, wie das Gewicht auf meine Schultern drückte, von dem ich gehofft hatte, dass Alphonse es mit einer knappen Bemerkung wegwischen würde. Hätte er nicht lügen können? »Dann ist es also möglich, dass er kein Mensch ist?«
   Alphonse dachte kurz nach. »Durchaus. Manche Rassen können wir ganz klar ausschließen, aber auch nicht jede.« Er beäugte mich genauer. »Er bereitet dir doch nicht ernsthaft Sorgen, oder? Warum sollte er dir nach Westburg folgen, wo er dich überhaupt nicht kennt?«
   »Keine Ahnung.« Ich fuchtelte hilflos mit den Armen und fegte beinahe das Klemmbrett von der Theke. Alphonse konnte es gerade noch auffangen. »Vielleicht gehört er zu einer Rasse, die mit menschlichen Sklaven handelt, und durch die Rempelei gestern hat er mich quasi markiert, sodass er mich immer und überall wiederfinden kann? Oder er spürt, dass wir uns aus einem früheren Leben kennen, und vielleicht habe ich ihm in diesem etwas angetan, ihn auf dem Schulhof verprügelt oder so … oder er hat meine Augen gesehen und gehört zu einer Art Miliz, die gegen Menschen vorgeht, die für Teufel arbeiten, da sie glaubt, dass so etwas frevelhaft ist?«
   Die Worte sprudelten nur so aus mir heraus, und wäre ich diese Theorien nicht bereits auf dem Weg hierher unzählige Male durchgegangen, wäre ich stolz auf meine Fantasie.
   Jeder andere hätte mir nun erzählt, dass ich komplett verrückt geworden war. Nicht jedoch Alphonse. Er war viel zu höflich, um so etwas zu sagen. Stattdessen blickte er mir so unendlich ruhig in die Augen, dass es einer Meditationsvorbereitung gleichkam. »Ich versichere dir, ich habe von allen drei Möglichkeiten noch niemals etwas gehört, seitdem ich hier lebe. Und auch vorher von meinem Großvater nicht.«
   Sein seliger Großvater. Alphonse war ein Eingeweihter wie aus dem Bilderbuch und somit der Traum der Behörde. Innerhalb seiner Familie war das Geheimnis der Parallelwelt sowie der Portale als Weg dorthin stets an einen ausgewählten Nachfolger weitergegeben worden. Als Alphonses grand-père entschieden hatte, dass die Ausflüge in diese Welt zu stressig wurden, hatte er das Geheimnis mit seinem Enkel geteilt – und niemandem sonst. Alphonse war daher in den Akten der Behörde gelistet. Ich mittlerweile auch, und damit blieb mir das Schicksal erspart, nie wieder nach Hause zu dürfen. Oder Schlimmeres. Wer diese Welt als Nichteingeweihter betrat, wurde im Zuge der Sicherheit und Geheimhaltung daran gehindert, sie jemals wieder zu verlassen. Ich mochte LaBrock, vor allem wegen Des, aber für immer hier wohnen, ohne meine Freunde und Familie jemals wiederzusehen – nein, das war nichts für mich. Selbst den Plan, mir vor Ort ein Zimmer zu nehmen, hatte ich fallen lassen. Immerhin konnte ich bei Des übernachten, wenn ich wollte, und abgesehen davon hatte ich mich an das Pendeln gewöhnt.
   »Hm.« Ich war unschlüssig, ob das Wort von seinem Großvater genügte, um mich zu beruhigen, kam aber zu dem Entschluss, keine andere Wahl zu haben. »Dann glaubst du also, ich habe geträumt?«
   »Ich glaube, dass du dir keine Sorgen machen musst. Es gibt keinen Grund, warum jemand, dem du zufällig begegnet bist, dich bis nach Hause verfolgen sollte.« So wie er das sagte, klang es beinahe romantisch, und endlich konnte ich lächeln.
   »Und, was machst du heute so? Dich mit deinem Freund treffen? Ein bisschen Chaka-Zeit miteinander?«
   Mir blieb der Mund offen stehen, bis ich begriff, dass Igor hinter mir stand.
   Alphonse runzelte die Stirn. »Du kannst nicht so indiskret Gästen gegenüber sein.«
   Igor wirkte ernsthaft erstaunt. »Aber das ist doch nur Nala.«
   Nur Nala.
   Autsch. Ich sagte mir, dass er ein Zyklop war und das sicher nicht so gemeint hatte. In einer anderen Situation hätte ich nun zumindest die Schultern durchgestreckt, um meine Figur positiv zu betonen, jetzt aber wollte ich ihn nur schnell loswerden. »Ja, Desmond und ich sehen uns später.« Ich lächelte Igor so breit an, wie ich konnte. »Vorher treffe ich aber noch jemand anderes. Da fällt mir ein … Alphonse, kennst du das Peppermasters?«
   »Ja, das ist eine gute Wahl für ein Café.«
   »Du triffst dich mit einem anderen Typen?«, mischte sich Igor ein. »Ist das für deinen Freund okay? Oder kommt er auch?« Er hielt drei Finger in die Höhe und wackelte verschwörerisch damit.
   Alphonse scheuchte ihn mit knappen Worten ins Lager, um weitere Kisten zu holen, und erklärte mir den Weg zum Peppermasters.

5
Ritterschläge

»Mit dem FanTrack bin ich nicht Eric, sondern Lord Eisklaue aus den Nordlanden, und für all meine Gegner sichtbar!« Erics Kopf wackelte so begeistert, dass ich mir ausmalte, wie er von seinem Hals brechen würde.
   Wo der Schädel meines IT-Kollegen die Dreidimensionalität als Wachstumsmöglichkeit erkannte hatte, war sein Körper nie auf die Idee gekommen, auch in die Breite zu gehen. Eric war groß, aber dünner als Kim oder Alessia. Ich bezweifelte, dass er auch nur eine Stunde in irgendwelchen Nordlanden überleben würde, Eisklaue hin oder her. Aber ich war viel zu höflich, um ihm das zu sagen, also starrte ich folgsam auf das kleine Gerät in seinen Händen, das mich an eine moderne Armbanduhr erinnerte.
   Meine Arbeit für diesen Tag war getan. Ich hatte Kollegin Anastasia überprüft, tatsächlich auf ihrer Haut herumwischen und feststellen dürfen, dass die Windpocken echt waren. Der Fall war mit zwei Beweisfotos rasch abgeschlossen gewesen und ich in die heiligen Hallen von ABM zurückgekehrt. Ich hatte viel Zeit mit meinem Bericht vertrödelt, und dann waren Neil und Eric erschienen, um unser Büro mit einer Sprache zu füllen, von der ich nur die Hälfte verstand.
   Nachdem sie mir eine halbe Stunde lang das schwarze FanTrack-Ding unter die Nase gehalten hatten und in wahre Begeisterungsstürme ausgebrochen waren, hatte ich immerhin begriffen, dass sie in ihrer Freizeit passionierte Rollenspieler sein mussten. Mit anderen Worten: Sie schlüpften in seltsame Kostüme, gaben sich gefährliche Namen und prügelten sich mit Waffen, die nicht ernsthaft verletzen konnten. Zumindest hatten sie das mehrmals beteuert.
   Ich verstand nicht, was daran so wunderbar sein sollte. Andererseits hatte ich auch wenig Erfahrung mit Rollenspielen, abgesehen von der frühen Ponyhof-Phase mit Kim. Mein Bruder Robert hatte mich darüber hinaus als Kind eines Tages in den Garten gestellt und verkündet, ich sei nun ein Torpfosten beim Fußball. Ich hatte mir große Mühe gegeben, bis Robert den Ball gegen meinen Kopf geschossen und daraufhin empört protestiert hatte, dass ich als Torpfosten weder wegrennen noch weinen dürfe.
   Neil stupste mich an und befestigte das Gerät an meinem Handgelenk. »So legt man es an.«
   Wie sonst hätte man es anlegen sollen? »Ah. Und nun bin ich Lord Eisklaue?«
   Die beiden wechselten einen Blick und brachen in Gelächter aus – gedämpft, versteht sich, denn übermäßig gute Laune wurde bei ABM nicht gern gesehen, und wir wollten Stacey nicht auf den Plan rufen.
   Eric schüttelte den Kopf. »Niemals. Du bist doch eine Frau.«
   Gut, immerhin das hatten sie in all der Zeit bemerkt, in der wir uns das Büro teilten. Manchmal war ich mir nämlich nicht sicher, ob sie mich überhaupt wahrnahmen, da man mich weder rebooten noch patchen konnte. Hilflos sah ich von einem ITler zum anderen. Ich wusste wirklich nicht, was sie mir gerade zu vermitteln versuchten.
   Neil umfasste mein Handgelenk und nahm den FanTrack wieder an sich. Entweder hatte er meine Verwirrung bemerkt oder aber, und das war wohl wahrscheinlicher, er sorgte sich um das Wohlergehen des guten Stückes. Er rückte seine Brille zurecht und hob es wie eine Trophäe in die Höhe. »Der Tracker ist mit dem Share unserer Rollenspielgruppe verbunden. Alle Daten werden direkt dorthin geleitet.«
   Das machte es nicht besser. »Okay«, sagte ich, da mir nichts anderes einfiel.
   Neil nickte so begeistert, dass sein Bauch wackelte. »Lege ich meinen an, beginnt er, Lebenssignale an den Share zu senden. Wenn sich ein Mitspieler einloggt, sieht er also genau, wo sich welcher Charakter soeben befindet, wenn er den FanTrack aktiviert hat.«
   »Ich …«
   »Zum Beispiel weiß Eisklaue dann sofort, dass sich Emrod der Düstere in der Nähe befindet, um ihm zu zeigen, was die Kampflehre der Eislande wert ist!«
   Okay, die Worte waren eindeutig nicht mehr an mich gerichtet. Eric antwortete mit Kriegsgeheul, das ich schnell unterband, indem ich einen Zeigefinger an die Lippen legte. »Sch! Also gut, das ist … faszinierend.«
   Beide nickten eifrig, und Neil drückte mir das seltsame Ding erneut in die Hand, als erwartete er, dass ich mich auf der Stelle in die Amazone seiner Träume verwandelte. Vielleicht sollte ich ihm Isa vorstellen, immerhin besaß sie eine Kammer voller Waffen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte.
   Eric beugte sich vor. »Du darfst es nur nicht in der Firma ausprobieren. Ich hatte ein unschönes Gespräch mit Stacey, weil plötzlich Hollbjörn der Starke auftauchte und mich sprechen wollte.«
   Ich riss die Augen auf. Warum verpasste ich so etwas immer? Hastig brachte ich meinen Daumen aus der Reichweite des Trackers. »Aber warum verabredet ihr euch nicht einfach so? Ich meine … das geht doch auch über das Internet.«
   Stille antwortete und verriet mir, das komplett Falsche gesagt zu haben. Mit einem Mal redeten sie gleichzeitig los. Ich wedelte hektisch mit den Händen, doch es war zu spät. Ich hatte ihre Erfindung angezweifelt und musste nun mit den Konsequenzen leben.
   Stacey musste das nicht. Sie stand plötzlich in der Tür und sah sich mit strenger Miene im Zimmer um. Ihr Teufelsschwanz peitschte aufgebracht hinter ihrem Rücken von einer Seite zur anderen – ein letzter Hinweis darauf, dass man sie besser nicht weiter reizte.
   Reflexartig schob ich den Tracker in den doppelten Saum meines Stiefels, da ich befürchtete, dass sie ihn beschlagnahmen und selbstverständlich ausprobieren würde. Ich kannte Erics und Neils Rollenspielkollegen zwar nicht, aber den Zorn einer Unterteufelin hatten sie nicht verdient.
   »Es klingt, als hätte in diesem Büro niemand etwas zu tun«, sagte Stacey kühl in die Stille hinein und wölbte fragend eine Augenbraue.
   Die Jungs griffen blind nach einigen Kabeln und begannen, sie intensiv zu überprüfen. Ich schielte zur Seite, doch bis auf einen Bleistift und meine Kamera gab es nichts in meiner Reichweite, was mich hätte retten können.
   Stacey entging das natürlich nicht. »Nala, wenn du noch Zeit hast, melde dich doch bitte bei Kirsten. Sie kann etwas Hilfe bei den Telefonisten gebrauchen.«
   Ich nickte, stand auf und bemerkte aus dem Augenwinkel, dass die ITler weiterhin die Köpfe gesenkt hielten.
   Na vielen Dank, Jungs.
   Unter Staceys Argusaugen verließ ich meinen Schreibtisch und machte mich auf den Weg ins Großraumbüro der Telefonisten.

Alphonse hatte nicht übertrieben. Das Peppermasters war wirklich ein zauberhaftes Café. Es schmiegte sich an den Nordrand von LaBrock und lockte mit Ausblick ins Grüne, wenn man einen Tisch an der richtigen Seite erwischte. Es war nicht sonderlich groß, aber dafür umso gemütlicher. Vorhänge in hellem Karomuster bedeckten die oberen Hälften der Fenster. Der kleine Parkplatz war mit sechs Wagen brechend voll.
   An der Straße war noch Platz zum Parken, also hielt ich dort und stieg aus. Ich war schon einige Male im Norden der Stadt gewesen, aber immer nur, um Aufträge zu erledigen. Wenn Des und ich ausgingen, blieben wir in der Regel im Zentrum, da seine Wohnung dort lag und wir es nicht mehr weit bis zu seinem Schlafzimmer hatten. Zudem mied ich weite Flächen ohne Schutz, seitdem man auf einer Waldlichtung auf uns geschossen hatte. Vielleicht war es allmählich an der Zeit, das zu ändern – besonders jetzt, da die Temperaturen frühlingshafter wurden.
   Wie zur Strafe für diesen Gedanken fuhr eine eisige Windböe unter meinen Rock und ließ mich frösteln. Rasch zog ich mir die Jacke über, nahm meine Handtasche und lief zum Café. Im windgeschützten Eingang versuchte ich, meine zerzausten Locken einigermaßen in Form zu bringen, immerhin wollte ich einen guten Eindruck machen.
   Stimmengewirr, Wärme und ein himmlischer Duft schwebten mir entgegen, als ich eintrat. Manche Tatsachen waren unumstößlich, und zu ihnen zählte, dass kaum etwas besser roch als Kaffee und frischer Kuchen zusammen. Mein Magen meldete sich, und ich hoffte, dass sie Schokoladentorte im Angebot hatten. Ich würde sie fotografieren, dokumentieren und sezieren, ehe ich sie aß, um anschließend Pa davon zu berichten. Mehr als wenige Hinweise zur Konsistenz und zum Geschmack brauchte er nicht, um sie nachzubacken, und ich würde ihm mit dieser neuen Herausforderung eine riesige Freude bereiten.
   Ich stand in einem kurzen Flur und trat in das eigentliche Café vor. Zur Rechten befand sich eine Durchreiche zur Küche sowie eine schmale Auslage, in der farbenprächtige Desserts warteten, zur Linken war ein knappes Dutzend Tische in den Raum gequetscht. An einem der hinteren saß er. Mein Retter.
   Luuk Schermbrucker.
   Noch schien er mich nicht bemerkt zu haben, also gönnte ich mir einen letzten Check und entdeckte dicke Dreckspritzer auf meinen Stiefeln. »Oh nein.« Schnell befeuchtete ich meinen Daumen, beugte mich hinab … und stieß mit dem Kopf gegen das Tablett, das eine vorbeieilende Kellnerin soeben zu einem der Tische hatte tragen wollen. Heißer Tee ergoss sich auf meine Schulter und durchtränkte mein Oberteil. Es war verdammt heiß. »Au!« Ich zog an dem Stoff und versuchte, ihn von meiner Haut fernzuhalten.
   »Entschuldigen Sie«, murmelte die Kellnerin, sammelte Scherben vom Boden und sah nicht aus, als würde es ihr tatsächlich leidtun. Im Gegenteil, am liebsten hätte sie mir wohl auch den letzten Rest heißen Wassers über den Kopf gegossen.
   »Ach du meine Güte, haben Sie sich verletzt?«
   Ich blickte auf und stöhnte leise. Luuk musterte mich besorgt.
   So viel dazu, einen guten Eindruck machen zu wollen. »Es … geht schon«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Wann kühlte der Stoff endlich ab?
   Luuks Augenbrauen schienen ein Eigenleben zu entwickeln. »Das sieht sehr schmerzhaft aus. Soll ich Sie lieber nach Hause bringen, damit Sie sich umziehen können?«
   Ich brachte ein Lächeln zustande. »Das ist leider nicht möglich. Ich komme von drüben.«
   »Ah! Na, wenn das so ist – hätten Sie vielleicht ein Ersatzoberteil, das Sie der jungen Dame leihen könnten?«, wandte er sich an die Kellnerin. Sein Tonfall war sanft und bezaubernd höflich, und das war wohl der einzige Grund, weshalb die Frau wortlos nickte und mit ihrem Tablett voller Scherben in der Küche verschwand.
   Kurz darauf kehrte sie zurück und drückte mir ein Shirt mit so viel Nachdruck in die Hand, dass ich schwankte. Wir würden in diesem Leben keine Freunde mehr werden. Aber das war mir momentan gleichgültig. Viel wichtiger war es nun, das Oberteil zu wechseln. Zwar kühlte es bereits ab, doch der nasse Stoff fühlte sich unangenehm auf meiner gereizten Haut an.
   Als ich zurückkehrte, musste ich den Bauch einziehen, denn das geliehene Shirt war mir mindestens zwei Nummern zu klein. Da die Dame, mit der ich kollidiert war, etwas breiter war als ich und niemals hineingepasst hätte, mutmaßte ich, dass es sich um reine Schikane handelte. Aber ich hatte Entführungen und Morddrohungen hinter mir, da würde ich mich von einem Stück Stoff nicht bezwingen lassen. Zudem hatte ich meine Jacke übergezogen. Trotzdem konnte ich mich in diesem engen Ding wohl von der Schokotorte verabschieden. Genauer gesagt würde ich besser überhaupt nichts essen.
   Luuk wartete am Tisch auf mich. Er stand auf, als ich mich näherte, und blieb stehen, bis ich mich hingesetzt hatte. Ich bewegte mich vorsichtig, um die Nähte nicht zu strapazieren, und schob es auf die Brandverletzungen. Bei denen hatte ich Glück gehabt: Bis auf stark gerötete Haut war nichts zu erkennen.
   »Alles wieder in Ordnung.« Ich strahlte ihn an und bemerkte, dass er bereits bestellt hatte. Auf dem Tisch standen, neben zwei Teekannen und Tassen, Teller mit wundervoll aussehenden Tortenstücken. Leider sehr großen und reich verzierten Tortenstücken. Ich spürte allein bei ihrem Anblick, wie sich mein Magen freudig dehnte. »Oh, Sie haben schon …«
   Luuk lächelte dieses Lächeln, bei dem selbst Staceys Herz aufgeflammt wäre wie ein Weihnachtsbaum. »Ich habe mir erlaubt, das Angebot des Tages zu wählen, es wurde mir wärmstens empfohlen. Ich hoffe, das war in Ordnung?«
   »Oh, klar, natürlich.« Ich ahnte, dass ich nicht einmal die Hälfte eines Stücks schaffen würde, ohne in ernsthafte Bedrängnis zu geraten. Andererseits konnte ich sie nicht verschmähen, ohne Luuk zu beleidigen. Vielleicht ließ sich früher oder später ein Gast mit Hund in unserer Nähe nieder, sodass ich mir den Vierbeiner zum Komplizen machen und ihn heimlich füttern könnte.
   »Möchten Sie nicht ablegen, Nala?«
   Ich folgte Luuks Blick zur Garderobe, an der ein Hunde verboten-Schild prangte, und schüttelte den Kopf. Um nichts in der Welt würde ich meine so unvorteilhaft zur Schau gestellte Bauchfalte präsentieren. »Nein, ich … mir ist ein wenig kühl. Wahrscheinlich der Schock von vorhin.«
   »Verständlich.« Luuk nickte und blinzelte.
   Er sah sensibel aus und auch … wie ein Künstler. Zu einem roten Hemd trug er eine graue Anzugjacke. Der schmale Schal war eine Nuance dunkler als sein Hemd und stand ihm hervorragend.
   Er probierte ein Stück Torte, schloss genießerisch die Augen und blickte mich wieder an. »Ich freue mich, dass Sie gekommen sind, denn ich wollte mich unbedingt noch einmal bei Ihnen bedanken. Hätte ich gewusst, dass Sie von drüben stammen, hätte ich Sie nicht so bedrängt. Ihr Terminplan muss sehr voll sein. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht zu spät, wenn Sie heute noch überwechseln müssen.«
   »Nein, das ist schon in Ordnung«, versuchte ich, sein Gewissen zu beruhigen. »Ich bleibe heute Nacht bei meinem Freund in LaBrock.« Ich wühlte in meiner Tasche nach der Kamera, schoss ein Foto von der Torte, schob die Gabel vorsichtig in das Kunstwerk aus Teig und Creme und legte die oberste Schicht frei. »Für meinen Vater«, erklärte ich. »Er ist Koch.«
   Luuk blinzelte erneut. Mir fiel auf, dass seine Augen leicht gerötet waren. Hatte mein großer, eleganter Retter eventuell zu wenig geschlafen? Ich sah genauer hin und glaubte, die Umrisse von Kontaktlinsen zu erkennen. Das erklärte die Rötungen. Ich kannte Menschen, die Probleme mit der Umstellung von Brille auf Kontaktlinsen hatten. Soeben wollte ich dazu eine Bemerkung machen, als Luuk breit lächelte.
   »Ich hoffe, für Ihren Freund ist es in Ordnung, dass wir uns treffen? Immerhin geschieht es, das kann ich Ihnen versichern, aus reiner Dankbarkeit und mit den besten Absichten. Auch, wenn Sie eine wirklich attraktive Frau sind.«
   Meine Wangen brannten augenblicklich so sehr wie die Haut an meiner Schulter. Ich freute mich, war aber auch verlegen und hatte ein schlechtes Gewissen, Des nicht von Luuk erzählt zu haben. Aber wir hatten viel zu wenig Zeit gehabt. Ich würde es am Abend nachholen. Schließlich wusste Luuk nun, wie die Dinge lagen, und war noch nicht geflüchtet. Seine Absichten waren demnach hundertprozentig edler Natur. Ich lehnte mich zurück. Die Naht des Shirts knarrte verhalten. »Nein, für Desmond ist das vollkommen in Ordnung. Er wird sich freuen, dass ich einen schönen Tag hatte.«
   Luuk nickte. »Sie erzählen ihm also später noch davon?«
   »Natürlich. Ich fahre anschließend zu ihm.«
   »Verstehe.« Er blinzelte wieder, senkte den Kopf und rieb an seinen Augen herum.
   Ich nutzte den Moment, um ein Stückchen Torte in den Pflanzenkübel neben dem Tisch zu befördern. Es tat mir in der Seele weh. Hätte mein Vater mich gerade beobachtet, würde er sich fragen, ob ich wirklich seine Tochter war. Ich strahlte Luuk an und fragte ihn nach seinem Beruf.
   Zu meiner Überraschung war er kein Künstler, sondern Geschäftsmann, dabei hätte ich den Rest meines winzigen Platzes im heimatlichen Badezimmer darauf verwettet, dass er mit Pinsel und Leinwand oder zumindest mit Feder und Papier hantierte. Wir plauderten über die Geschäftswelt, von der ich absolut keine Ahnung hatte, und schwenkten zu meiner Tätigkeit als Managerin für den Mitarbeiterverbleib und die Unterschiede zwischen unseren Welten. Es stellte sich heraus, dass Luuk meine schon einmal besucht hatte. Es hatte ihn nach Dublin verschlagen. Ich hätte ihn mir viel besser in Paris vorstellen können, in einem der kleinen Cafés am Place Blanche im Stadtviertel Montmartre. Er lachte, als ich ihm das erzählte, und wir wechselten zu Kunst und Kultur.
   Abgesehen von meinem missratenen Auftritt war es ein zauberhafter Nachmittag, der viel zu schnell vorbei war. Als ich einen Blick auf die Uhr warf, war der Pflanzenstamm neben mir über und über mit Zuckerguss und kleinen Cremestücken bedeckt, was außer mir aber anscheinend niemand bemerkte. »Ich muss leider gehen«, teilte ich Luuk mit ehrlichem Bedauern mit. Ich hatte das Gespräch genossen und mich in seiner Gegenwart sehr wohl gefühlt. Er war genau der Gentleman, für den ich ihn gehalten hatte. Seine Manieren hätten sogar Kim sprachlos gemacht, und seine Karamellstimme tat ihr Übriges, um das Wohlfühlklima in seiner Gegenwart zu verstärken. Zweimal hätte ich ihn beinahe gefragt, ob er mir am Abend etwas vorlesen wollte. Er musste dafür ja nicht einmal im Zimmer sein, das Telefon genügte!
   Luuk blinzelte bedauernd. »Wie schade, ich hatte einen wirklich schönen Nachmittag.«
   »Und ich erst.« Ich strahlte.
   Er gab der Bedienung einen Wink. »Darf ich Sie noch nach Hause begleiten?«
   »Das ist sehr freundlich, aber ich bin mit dem Auto hier.«
   »Dann fahre ich zumindest hinter Ihnen her und gehe sicher, dass Sie heil ankommen.«
   Woha, er schien mich nach der kurzen Zeit bereits gut zu kennen. »Sehr gern.«
   Ich schlüpfte auf die Damentoilette, um meine mittlerweile getrocknete Bluse überzuziehen und endlich diesem Stoffgefängnis zu entkommen, während Luuk die Rechnung beglich. Für uns beide, darauf bestand er.
   Als ich zurückkehrte, stand er neben dem Tisch und vollführte eine elegante Geste in Richtung Ausgang. »Wollen wir?«
   Ich war ein wenig enttäuscht, dass er noch nicht vorgeschlagen hatte, unser Treffen zu wiederholen. Offenbar war er felsenfest davon überzeugt, dass ich ihm gestern das Leben gerettet hatte, und nicht umgekehrt. Und dies war vermutlich seine Art, sich zu bedanken.
   Er wollte soeben die Tür für mich öffnen, als diese aufgerissen wurde und ich in ein energisches Gesicht starrte. Es befand sich einen Kopf über meinem, war von dichtem blonden Haar umgeben und zwar sehr hübsch, aber dennoch kein Antlitz, dem man sich freiwillig in den Weg stellte. Zu groß war die Angst, zurechtgewiesen oder gar angebrüllt zu werden.
   »Entschuldigung«, rief ich und huschte zur Seite, um der Frau Platz zu machen. Ich hoffte, dass das in ihrem Sinn war, und wagte einen vorsichtigen Seitenblick, um ihre Reaktion zu überprüfen. Im selben Moment ging mir auf, wie dumm ich mich verhielt. Weder kannte ich sie, noch hatte sie mich in irgendeiner Weise bedroht. Trotzdem war ich eingeschüchtert wie seit Langem nicht mehr.
   Die Frau war nicht schlank, aber auch nicht dick. Am ehesten würde man sie wohl als stattlich bezeichnen. Gewitterblaue Augen blitzten mich an. Sie trug eine zweckmäßige, aber dennoch elegante Hose aus Rauleder und dazu ein schlichtes graues Oberteil. Die simple Kette um den Hals und ein Ring an ihrem Finger waren der einzige Schmuck, mehr wäre auch unpassend gewesen. Sie wirkte einerseits wie eine Naturgewalt, andererseits auf eine durchschlagende Weise weiblich, und nickte mir zu, als wäre sie derartige Reaktionen gewohnt.
   »Nala?«
   Ich verschluckte mich beinahe, als hinter der Frau ein bekanntes Gesicht auftauchte. Isa hatte ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, lediglich der dichte Pony hing ihr in die Stirn. Ihr Gesicht wurde von zwei enormen Ohrringen umrahmt, die mich an Wasserfälle aus Feuer erinnerten.
   »Ich … ha… hallo«, brachte ich hervor und hoffte, dass es der Frau recht war, wenn ich den Mund aufmachte.
   Isa schob sich an ihr vorbei und griff nach meinen Händen. Sie hatte das Lack-Malheur an ihren Nägeln beseitigt und trug ein atemberaubendes Kleid aus locker fallendem Stoff, dessen Farbe zu ihren Ohrringen passte. »Was tust du denn hier?«
   »Ich … oh. Ich war mit Luuk hier.« Ich wandte mich um und deutete auf ihn. »Luuk, das ist Isa, eine Freundin von mir.«
   Isa reichte ihm die Hand und lächelte. Mir entging nicht, wie sie ihn rasch von oben bis unten musterte. Typisch Isa oder vielmehr typisch Behördenmitarbeiterin. Wahrscheinlich erstellte sie in Gedanken soeben ein Profil von ihm, das sie bei jeder Gelegenheit abrufen konnte. Ob man sie bei der Behörde lange darauf trainiert hatte? Womöglich gab es dort einen Raum, in den man die Anwärter sperrte, um …
   »Nala?«
   Ich fuhr aus meinen Gedanken hoch. »Ja?«
   »Ich sagte, ich möchte euch meine Mutter vorstellen.« Sie berührte den Arm der Frau, die mir so viel Respekt eingeflößt hatte.
   Sie streckte die Hand aus. »Jolanda Simmons.« Es klang, als würde sie mir einen Befehl geben.
   Ich zuckte zusammen, aber da ich befürchtete, dass ihr Unhöflichkeit missfallen würde, legte ich meine Finger in ihre und zuckte noch einmal, als sie zudrückte. »Ich … erfreut. Haben Sie auch Ihren Mann mitgebracht?«, stammelte ich, um überhaupt etwas zu sagen.
   Die Walküre hob eine goldene Augenbraue. »Ich würde niemals heiraten. Kommen Sie mit uns an den Tisch, Nala, ich möchte Sie kennenlernen.« Luuk ignorierte sie vollkommen.
   Ich warf Isa einen panischen Blick zu. Wenn ich länger blieb, würde ich Des’ Ankunft verpassen. »Entschuldigen Sie, aber leider ist das …« Ich verstummte, als Jolanda die zweite Augenbraue in die Höhe wandern ließ. Hilflos wandte ich mich zu Luuk um, doch er wirkte nicht, als würde er sich in eine Auseinandersetzung stürzen wollen.
   »Dann werde ich wohl allein los«, sagte er leise, nahm meine Hand und führte sie zu seinen Lippen. »Fahren Sie später vorsichtig, Nala.«
   Ich gab mich geschlagen. »Vielen Dank für alles, Luuk. Ich hoffe, wir sehen uns wieder.«
   »Ganz sicher.« Er lächelte sein wundervolles Lächeln, dann trat er aus der Tür nach draußen.
   Ich atmete tief ein, drehte mich um und folgte Isa und ihrer Mutter zurück ins Café, in dem die Bedienung soeben einen Brocken Torte aus der Grünpflanze zog.

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