Getrieben von Rache Geblendet von Hass Gestraft mit einer todbringenden Fähigkeit Die Heilerin Nuriel lebt in der Welt der Menschen, unbehelligt von ihresgleichen, bis eines Tages der Racheengel Zadkiel verletzt bei ihr auftaucht. Widerwillig hilft sie ihm und zieht dabei prompt ungewollte Aufmerksamkeit auf sich. Auf einmal verfolgen sie Schattenwandler und Engel und trachten Zadkiel und ihr nach dem Leben. Sie müssen zusammenarbeiten, wenn sie überleben wollen, und kommen sich dabei trotz aller Unterschiede unvermutet näher. Ist ihre leidenschaftliche Verbindung stark genug, um den Schatten der Vergangenheit zu trotzen oder wird die Dunkelheit sie unweigerlich mit sich in den Abgrund reißen?

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ISBN: 978-9963-52-981-0

Seiten: 293

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Ylvi Walker

Ylvi Walker wurde in den späten Siebzigern in Deutschland geboren. Sie wuchs mit allerlei Getier in einem idyllischen Dörfchen auf. Ihr Berufswunsch stand schon relativ früh fest und sie ist konsequent dabei geblieben. Entgegen ihrer persönlichen Vorliebe für die Farbe schwarz, trägt sie beruflich weiß. Das Schreiben entdeckte sie bereits in jungen Jahren für sich. Ihre Kurzgeschichten füllen etliche Notizbücher, doch nur wenige eignen sich für die Publikation. Erst in der Elternzeit mit ihrer Tochter widmete sie sich ihrem ersten großen Schreibprojekt: einem Vampirroman, den sie bis heute keinem Verlag vorgestellt hat.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Das war nicht nach Plan verlaufen.
   Zadkiel holte zischend Luft. Der Atem rasselte bei jedem flachen Atemzug in der Brust. Er schmeckte Blut auf seiner Zunge. Es war nicht das erste Mal, dass er verletzt war, allerdings war es eine Premiere, dass er nicht mehr über seine besonderen Heilkräfte verfügte. Er krümmte sich instinktiv zusammen. Es war keine willkürliche Reaktion. Sein Bauch war ein einziger Schmerz und er verlor zu viel Blut. Der rote Lebenssaft quoll zwischen seinen Fingern hervor und mit jedem Tropfen, den Zadkiel ließ, wurde er schwächer. Inzwischen kostete es ihn Mühe, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Ihm war eiskalt, und das war nicht nur dem Regen geschuldet, der in Bindfäden vom Himmel fiel. Er war zu leichtsinnig gewesen und hatte den Menschen unterschätzt. Nein, er weigerte sich, diese Kakerlake von Dealer als menschliches Wesen anzusehen. Immer, wenn er dachte, dass es nicht mehr schlimmer kommen könnte, kreuzte ein dummer, haarloser Affe seinen Weg und bewies ihm, dass es noch eine Steigerung gab. Er hatte einen Drogenhändler in die Mangel genommen, der zwei halbwüchsigen Mädchen synthetische Drogen verkaufen wollte. Er hatte diesem Stück Dreck die Seele aus dem Leib geprügelt. Aus Dank hatte ihm eine der kleinen Schlampen ein Messer in den Rücken gerammt. Das hatte das Dealerschwein genutzt, um Zadkiel eine Kugel zu verpassen und ihn im Anschluss k. o. zu schlagen. Das Wie und Warum war gleich. Er brauchte wohl oder übel Hilfe. Ein Krankenhaus wäre die erste Wahl gewesen, doch die würden die hiesige Exekutivbehörde verständigen und er käme in Erklärungsnot.
   Er schleppte sich durch die Dunkelheit der Nacht weiter bis zu dem Wohnblock, der in einer wenig einladenden Gegend lag. Bereits aus der Entfernung hörte er lärmende Jugendliche, die sich vor dem Hauseingang dieser Wohnbaracke eingefunden hatten. Warum wählte eine Wächterin freiwillig, diese Art zu leben? Dieser Pfuhl war einfach widerwärtig. Die lautstarke Gruppe war nicht mehr zu übersehen. Sie belagerten den Eingang, der zur Wohnung der Heilerin führte, und standen ihm somit im Weg.
   »Schicke Jacke, alter Mann.«
   Einer der Kerle war tatsächlich so dummdreist und hielt ihn an einem Ärmel seiner schwarzen Lederjacke fest. Er wusste wahrlich nicht, mit wem er sich anlegte. Zadkiel hatte in Michaels Heerschar Tausende von Dämonen niedergerungen. In Uriels Diensten hatte er Seite an Seite mit dem Erzengel gegen Schattenwandler und abtrünnige Engel gekämpft. Und jetzt? Verbannt auf die Erde und ohne eine Aufgabe. Er solle die Zeit nutzen, um zur Besinnung zu kommen und wieder zu sich zu finden. Ein Selbstfindungstrip verordnet von der Gottheit in persona. Eine Order, der er sich nicht widersetzen konnte. Wie auch? Sie hatte ihn nicht nur mittellos an diesen seltsamen Ort geschickt, sondern ihn auch seiner Flügel und damit seiner übernatürlichen Fähigkeiten beraubt. Sterblich, jedoch mit dem Wissen von Jahrtausenden auf seinen breiten Schultern. Nur eines vermisste er nicht: seinen Fluch, der ihm von seinem Erzengelerzeuger in die Wiege gelegt worden war. Der Drang, nach der Schuld seiner Mitwesen zu suchen und diese zu tilgen, war verschwunden. Er schob die Hand des Typen von seinem Oberarm wie ein lästiges Insekt. Das Stöhnen angesichts der schmerzvollen Bewegung kroch über seine Lippen.
   »Ey Alter, wer hat’n dich in die Mangel genommen?«
   Zadkiel hatte Mühe, den Dialekt des jungen Mannes zu verstehen. Die Gottheit hatte ihn ohne Vorkenntnisse der Sprache an diesen Ort in Deutschland geschickt. Der Engelsfähigkeiten beraubt, war es ein Kampf, hier zurechtzukommen. Seine sprachlichen Fähigkeiten waren limitiert. »Nuriel Lux vel Ignis Dei«, sagte er und überging die Frage des Mannes.
   »Gesundheit.« Einer der Männer lachte. »Wer zur Hölle soll das …?«
   »Sei ruhig, Fabian. Er meint Nuriel. Die Krankenschwester aus dem vierten Stock. Sie hat Kevs Bein nach der Messerstecherei mit Juris Leuten zusammengeflickt.« Eine junge Frau trat in das schale Licht der Hausbeleuchtung. »Warum du zu ihr willst, ist sonnenklar.« Auf ihrem kindlichen Gesicht lag jener verständnisvolle Ausdruck, der auch in ihren Worten mitschwang.
   Begegnungen mit Menschen wie ihr waren ein Lichtblick. Sie zeigten ihm, dass auf der Erde nicht alles verloren war und es Hoffnung gab. Leider gehörten solche Hoffnungsschimmer zu den Ausnahmen. Die meisten Erdbewohner schienen nur auf ihren Vorteil bedacht.
   »Was springt für mich raus?«, fragte Fabian. Er rieb Daumen und Zeigefinger einer Hand aneinander.
   Inzwischen war Zadkiel diese Geste vertraut. Er wollte Währung, die er leider nicht hatte. »Wenn du mir antwortest, nichts, ansonsten deine Zähne.« Die Drohung kam kaum überzeugend aus seinem Mund. Ihm fehlte die Kraft, sich mit diesen Halbstarken auseinanderzusetzen.
   »Gut gebrüllt, Löwe. Lass Asche rüberwachsen oder du kannst hier versauern.«
   Zadkiel rümpfte die Nase. Er hatte die Hälfte der Worte nicht verstanden. Aufgrund der Situation vermutete er jedoch, dass es sich bei Asche um Bargeld handelte. Erneut packte der Typ ihn bei der rechten Schulter. Dieses Mal ging er auch noch einen Schritt weiter und drückte hart zu. »Du solltest das besser nicht tun.« Zadkiel biss die Zähne zusammen und spürte Wut neben der Kugel in seinem Bauch aufwallen. Sein zusammengepresster Kiefer schmerzte vor Anstrengung. »Lass los.« Er packte die Hand des Mannes und drehte dessen Arm auf den Rücken. Einen Sekundenbruchteil später lag er am Boden, und Zadkiel kniete keuchend auf seinem Rücken. Für einen Moment tanzten Sterne vor seinen Augen, doch er hatte dieses pöbelnde Balg in seine Schranken gewiesen. Sein Hochgefühl hielt nicht lang an. Ein Schlag traf ihn an der Wirbelsäule. Schmerz explodierte und schoss lähmend bis in seine Schädeldecke. Schlagartig erlosch die Welt um ihn herum.

*

Dieser geflügelte Mistkerl hatte vielleicht Nerven, hier aufzutauchen. Nuriel legte die letzten Meter zu ihrem unerwünschten, nächtlichen Besucher gemächlich zurück. Sandra hatte Sturm geklingelt und von einem seltsamen Typen berichtet, der zu ihr wollte. Leider hatte er den Fehler gemacht, sich mit den Halbstarken anzulegen, die stets ihr Unwesen trieben. Der Typ roch fünf Kilometer gegen den Wind nach Engel. Umso mehr verwirrte sie der Anblick, den sie vorfand. Der Mann lag besinnungslos am Boden. Der Regen hatte ihn völlig durchnässt, dennoch nahm sie einen starken Blutgeruch wahr. Seltsam. Diese Biester heilten in der Regel von allein, es sei denn, man verletzte sie mit Lucidum, einer besonderen Legierung mit dem seltenen Metall Iridium.
   »Er hat eine Schussverletzung.« Sandras piepsige Stimme besaß kaum die Kraft, durch den prasselnden Regen zu dringen. »Die Jungs haben ihn verprügelt, nachdem er Fabian angegriffen hat.«
   Nuriel ging neben dem schwarz gekleideten Engel in die Hocke und wäre fast nach hinten umgekippt. Sie rieb sich über die Lider. Es änderte nichts an dem Bild. Sie unterdrückte den Fluch, der ihr auf der Zunge lag, und pfiff stattdessen leise durch ihre Zahnlücke. Ihr Herzschlag durchbrach die hundert Schläge und sie schluckte. Es half nicht gegen den hartnäckigen Klumpen in ihrer Speiseröhre. Vor ihr lag Zadkiel, besser bekannt unter dem Namen Vengeance, daran bestand keinerlei Zweifel. Es gab keinen zweiten Engel wie den Sündenfresser. Am besten wäre es, sie nähme ihre Beine in die Hände und überließe dieses abartige Scheusal seinem Schicksal. Er hatte so oft den Vollstrecker gespielt und Hunderten ihrer Art den Tod gebracht. Kalt und gnadenlos. Warum sollte sie Mitleid mit dieser Bestie haben?
   Weil du nicht bist wie er. Du bist kein Monster, meldete sich ihr Gewissen zu Wort. Er ist einer der Wahrhaftigen. Es ist deine Pflicht, ihm zu helfen. Nuriel wischte die lästigen Gedanken fort. Es wäre so simpel, ihn sich selbst zu überlassen. Sollte sich doch jemand anderes um ihn kümmern. Aber die Begleitumstände weckten auch ihren Forschergeist. Warum war er so schwer verletzt? Und wieso heilte er nicht? Wer hatte ihm die Kugel auf den Pelz gebrannt? Seufzend erhob sie sich aus der hockenden Position. Sie wusste, dass sie die Worte bereuen würde, bevor sie diese aussprach. »Ich muss ihn in meine Wohnung schaffen. Sandra, würdest du deinen Bruder holen, damit er mir helfen kann? Dieser Typ ist zu schwer für uns zwei.«

Nuriel blies die Wangen auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie hatte die Kugel aus seinem muskelbepackten Bauch geholt und sich dabei ordentlich ins Zeug legen müssen. Das Projektil saß nahe der Wirbelsäule. Sie hatte jedoch glücklicherweise kein Organ verletzt. Das Teil hatte bombenfest gesessen. Nuriel hatte richtiggehend in seinem Bauch wühlen müssen. Der Schweinehund hatte verdammtes Glück, dass er all das verpennte. Selbst jetzt schlummerte er noch selig wie Dornröschen. Die Stichverletzung in seinem Rücken hatte heftig geblutet, doch auch hier hatte sie keine lebensgefährliche Verletzung feststellen können. Sein Unterbauch und die Brust waren von zahlreichen, fast schwarzen Blutergüssen übersät. Es sah übel und schmerzhaft aus. Genau das, was ein Wesen wie Zadkiel verdiente.
   Ihre Fragen standen jedoch nach wie vor offen im Raum. Was war geschehen? Warum heilte er nicht? Sicher hätte sie sich bei einem Kollegen erkundigen können, doch sie mied ihresgleichen. Nur wenn es unabdingbar war, nahm sie Kontakt auf. Für dieses Engelsstück würde sie nicht mit ihren Grundsätzen brechen. Sobald er wach war und auf seinen Beinen stehen konnte, würde sie ihn hochkant rauswerfen.
   Dieser Tatsache ungeachtet lagen ihre Fingerspitzen noch immer auf den massiven Strängen seiner seitlichen Bauchmuskeln. Nicht ein Gramm Fett an seinem Körper. Nur straffes, austrainiertes und vernarbtes Fleisch. Nuriel hatte von seinen zahlreichen Verletzungen gehört, die er in den Schlachten erlitten hatte, doch diese zu sehen, war etwas anderes. Peitschenstriemen und Stichverletzungen durchbrachen das schwarze Geflecht von Tribal-Tattoos, das Oberkörper, Hals und Schädel bedeckte. Sein Haar maß exakt die gleiche Länge wie der Dreitagebart in seinem markanten Gesicht. Ein haarloses Haupt war eigentlich Vengeance’ Markenzeichen. Während seine Brüder und Schwestern ihr Haar in manischem Bestreben lang züchteten, trug er seinen Kopf glatt rasiert. Die Bartstoppeln im Gesicht ließen sie stutzig werden. Engel hatten keinen Bartwuchs. Dies und die verzögerte Wundheilung … Nuriel biss sich auf die Unterlippe. Sie fand keine plausible Erklärung für die Vorgänge. Es war schlicht undenkbar, dass der Vollstrecker einen himmlischen Arschtritt bekommen hatte. Er war der Mann fürs Grobe und für den Rat als Scharfrichter unverzichtbar.
   Die Fragen mussten wohl warten, bis er bei Bewusstsein war. Wollte sie die Antworten überhaupt wissen? Sie war unentschlossen. Nuriel fuhr mit seiner Verarztung fort und klebte Kompressen auf die Wunden. Die zwei neuen Narben würden sich nahtlos in das Meer der vorhandenen Male einreihen. Sie hatte sie oberflächlich versorgt und dabei wenig Sorgfalt walten lassen. Die Wundnaht war grob. Selbst ein Metzger hätte sie besser hinbekommen. Es erfüllte sie mit einem erklecklichen Maß an Schadenfreude, dass er ein Andenken an sie zurückbehalten würde. Er hatte im Namen Uriels so viele ihrer Freunde getötet. Wächter, die den Plänen seines ehemaligen Meisters im Weg gestanden hatten. Zadkiel war eine skrupellose Killermaschine. Und sie saß hier und dachte über ihre chirurgischen Fähigkeiten nach. Hatte sie völlig den Verstand verloren?
   Sie musste ihm Fesseln anlegen. Was sollte sie dann mit ihm tun? Er würde gewiss nicht klanglos seiner Wege ziehen, sobald er dazu in der Lage war. Zadkiel hinterließ keine Zeugen. Ammenmärchen. Wenn dem so wäre, gäbe es niemand, der von seinen Gräueltaten berichten könnte. Nichts wurde so heiß gegessen, wie es gekocht wurde. Dennoch musste sie Vorsicht walten lassen. Sie schloss eine Handschelle um sein linkes Handgelenk und zog den Arm über seinen Kopf, damit sie die kurze Kette um die Mittelstrebe des Kopfteils ihres französischen Bettes platzieren konnte. Gerade, als sie die zweite Schelle um das andere Handgelenk legen wollte und sich in einer recht pikanten Position über ihn beugte, schlug er die Augen auf. In aller Hektik warf sie sich auf ihn und brachte ihr Werk zu Ende. Sie wurde sich der Nähe bewusst, als er schmerzerfüllt aufstöhnte, dennoch traute sie sich nicht, sich zu rühren. Sein stahlharter, heißer Körper weckte Erinnerungen in ihr, die sie nicht auferweckt wissen wollte. Männer waren Ballast und sie konnte nichts gebrauchen, was ihr Leben verkomplizierte. Als ob der Vollstrecker auch nur einen Gedanken daran verschwenden würde.
   »Geh runter von mir.« In seinen Augen glänzte fiebrig der Wahn. Er fletschte die Zähne und bäumte seinen Unterkörper gegen sie auf. Es gelang ihm, sie so aus dem Bett zu werfen, doch er bezahlte umgehend den Tribut dafür. Laut und derb fluchend schloss er die Lider. Er bog den Rücken durch und warf den Kopf mit einem Brüllen in den Nacken. Ein beeindruckendes Schauspiel, das schlagartig endete. Der tobende Wahn in seinem Blick wurde von Unglauben abgelöst. »Wieso bin ich fast nackt?«
   Seine Stimme war rau, mit einigen Ecken und Kanten. Der Schlaf ließ sie rauchig klingen und sein stark ausgeprägter Akzent tat den Rest. Er wirkte verführerisch. Zur Hölle, warum löste der Typ eine solche Emotion in ihr aus? Ein klarer Fall von sexuellem Notstand. »Deine Kleidung war voller Blut und Dreck.« Nuriel erhob sich vom Boden und rümpfte die Nase. »Dein Geruch war eine Beleidigung.«
   »Warum hast du mich gefesselt?« Körperlich mochte er verletzt sein, jedoch war der Blick aus seinen ungewöhnlich hellen Augen ungebrochen. Silbrig graue Augen, die sie analysierten und nicht eine Sekunde aus ihrem Visus ließen.
   Nuriel schaffte es nicht, seinen Blick zu halten und schloss die Lider, bevor sie ihren Kopf wegdrehte. Es war eine unwillkürliche Reaktion, für die sie sich verfluchte. Sie durfte dem Vollstrecker keine Schwäche zeigen und sich dadurch angreifbar machen. »Mein Haus, meine Regeln. Du bist hergekommen, weil du meine Dienste in Anspruch nehmen wolltest. Dein Ruf eilt dir voraus, und ich hänge an meinem Leben.« Sie räumte das verbrauchte Material weg. Irgendwie musste sie ihre unruhigen Hände beschäftigen.
   »Binde mich los, dann gehe ich meines Weges und belästige dich nicht länger mit meiner Anwesenheit.«
   Zur Hölle. Die gebrochene Art, in der er sprach, war die Wucht in Dosen. »Losbinden? Sicher. Du bist momentan kaum in der Lage, aufrecht zu gehen. Ich bezweifle, dass du irgendwohin gehst.«
   Er trotzte ihren Worten und hob den Kopf und seine Schultern wenige Zentimeter von der Matratze in die Höhe. »Du willst mich nicht in deiner Nähe haben. Ich will nicht an diesem Ort sein.« Er war in die Sprache gewechselt, die sowohl Wächter als auch Engel ihre Muttersprache nannten.
   Seit nunmehr dreißig Jahren lebte sie in der Welt der Menschen. Ihr Kontakt zu ihresgleichen war auf wenige Hilfseinsätze beschränkt. Abtrünnige Wächter suchten ihre Hilfe, falls sie verletzt waren. Gelegentlich auch einer der Wahrhaftigen. Bei den Halbengeln wurden ihre medizinischen Dienste benötigt. Die Engel brauchten diese Kenntnisse in der Regel nicht. Sie waren auf der Suche nach einer Zufluchtsstätte, die sie nicht bieten konnte. Aber Nuriel konnte Hilfe vermitteln. Gegen entsprechendes Entgelt half sie schnell, unkompliziert und stellte keine unerwünschten Fragen.
   Doch es gab auch immer Ausnahmen von der Regel. Eine davon lag halb nackt in ihrem Bett. Ein verletzter Engel, der ihre Dienste benötigte, war ein Novum, und sie bezweifelte, dass er die Mittel besaß, sie für ihre Dienstleistung zu entschädigen. Sie hatte seine Kleidung gefilzt und außer ein bisschen Kleingeld und einem durchnässten Zettel mit ihrer Adresse nichts gefunden. »Gibt es jemand, den ich für dich verständigen soll?«, fragte sie in der Sprache der Menschen, die ihr zwischenzeitlich so viel leichter über die Lippen kam als ihre Muttersprache. Er schöpfte laut Atem und biss die Zähne zusammen. Ein Muskel in seiner rechten Wange zuckte, weil er die Kiefer so krampfhaft aufeinanderpresste. Er entgegnete nichts, was ihr Antwort genug war. »Du hast wohl nicht sehr viele Freunde. Woher hast du meine Adresse?«
   »Talia.«
   Nuriel rollte mit den Augen. Warum gab Talia diesem Subjekt ihre Anschrift? Sie hatte der Frau nichts getan, was das rechtfertigte.
   »Sie war der festen Überzeugung, dass ich mir Ärger einhandeln würde. Für den Fall, dass etwas passieren würde, sollte ich mich an dich wenden. Du hättest die erforderlichen Kontakte und das Wissen, mir zu helfen. Ich wollte es nicht tun.«
   Jetzt war er aber da. Nuriel strich eine ihrer lockigen Haarsträhnen zurück, die sich aus ihrem losen Zopf im Nacken gelöst hatte. »Bis heute Abend. Warum bist du hier?«
   »Ist das nicht ersichtlich? Ich wurde angeschossen und niedergestochen.«
   Nuriel schnalzte mit der Zunge. Sie hatte sich wohl ein wenig missverständlich ausgedrückt, und er hatte offensichtlich Probleme mit der deutschen Sprache. »Wieso bist du auf der Erde? Wem trachtest du nach dem Leben?«
   Er sah sie an, als hätte sie etwas total Unsinniges gesagt. Der Ausdruck wich einem halbseitigen Grinsen. »Du weißt es nicht?«
   Oh, sie hasste es, wenn in Rätseln gesprochen wurde, und schnaubte. Die Arme vor der Brust verschränkt, setzte sie zu einer Antwort an. »Es …«
   »Ich wurde zu einem Leben auf der Erde verbannt. Mir wurden die Flügel genommen. Ich bekomme sie wieder, wenn ich wahre Läuterung erfahren habe. Wann auch immer das sein mag.«
   Zuerst war sie baff, aber die Schadenfreude machte sich urplötzlich in ihr breit und zeigte sich auf ihrem Gesicht in Form eines Grinsens. Zadkiel war ohne seine Flügel menschlich. Das erklärte seinen ramponierten Zustand. »Läuterung? Du?« Sie lachte. Wohl erst, wenn es schwarz schneien würde. »Du kannst die Nacht hier verbringen. Morgen früh verlässt du mein bescheidenes Domizil.« Sie wartete seine Antwort nicht ab, drehte sich um und verließ das Schlafzimmer.

Kapitel 2

Er war der Wächterin auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wiederholt ruckelte Zadkiel an den Handschellen, die ihn am Kopfteil fesselten. Sie rührten sich nicht einen Millimeter. Einzig die Strebe des Kopfteils knarzte unter seinen Bemühungen, doch das war es auch. Falsch, seine Verletzungen nahmen ihm die Bewegungen übel. Bei allem, was ihm heilig war, es fühlte sich an, als hätte man seine Eingeweide durch den Häcksler gejagt. Jede Faser seines Körpers stand vor Qual in Flammen. Er konnte mit Leid nicht umgehen. Nicht ohne seine verfluchte Fähigkeit. Schmerz war bis vor jenem unseligen Tag vor drei Wochen ein Fremdwort für ihn gewesen. Sein Fluch stumpfte ihn gegen Emotionen ab. Ohne seine übersinnliche Gabe stürzten sie alle auf ihn ein und drohten, ihn unter der Last zu begraben.
   Zadkiel schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Atmung. Die Göttin musste ihn hassen. Egal, was er versuchte, es half nichts. Läuterung würde er so nicht erfahren. Eher würde er seinen Verstand verlieren. Und warum? Alles nur wegen einer Frau und seines besten Stücks, das er nicht in der Hose lassen konnte. Er öffnete die Lider und blickte aus dem Fenster. Die aufgehende Sonne kroch in diesem Augenblick über den Horizont. Er hatte in der Nacht kaum ein Auge zugetan und besser ging es ihm auch nicht. Ihm war entsetzlich kalt. Eine Decke wäre das Mindeste gewesen, wenn sie ihn schon bis auf die Unterwäsche auszog.
   Das Knarren der Tür ließ ihn aufmerken. Nuriel schlich ins Schlafzimmer und wirkte überrascht, als sie zu ihm sah. »Guten Morgen!« Sie lächelte.
   Ihn konnte sie mit ihrer aufgesetzten Freundlichkeit nicht täuschen. Ihr ging es nicht anders als den meisten Wächtern. Ihm eilte ein Ruf voraus und er tat nichts dafür, die Gerüchte zu widerlegen. Sein Name wurde angsterfüllt geflüstert. Es machte ihn unnahbar und einsam. Nicht, dass er Wert auf Gesellschaft legte. Ihr Lächeln verschwand aus ihrem hübschen Gesicht und machte einer verkniffenen Miene Platz. Sie neigte den Kopf zur Seite. Am gestrigen Abend waren ihm ihre besonderen Augen nicht aufgefallen. Oder bildete er sich das jetzt ein? Ihre rechte Iris war strahlend meerblau. Absolut nichts Außergewöhnliches in der Welt der Himmelswesen. Es gehörte zur Standardausstattung. Aber ihre linke Regenbogenhaut war smaragdgrün und unterschied sich hierdurch drastisch vom anderen Auge. Nein, das hätte er bemerkt. Vermutlich spielten ihm in diesem Moment seine Sinne einen Streich. Er war erschöpft. Jeder Knochen, jeder Muskel schmerzte. Sein Kopf schien Tonnen zu wiegen und dröhnte, als hätte sich ein Bienenschwarm darin heimisch eingerichtet. Dazu kam die Hitze, die er trotz der Kälte in seinem Gesicht spürte. Irgendetwas stimmte nicht. Er schluckte und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Schwäche war fatal und in seinem Job potenziell tödlich.

*

Zadkiel starrte ihr ohne Umschweife in die Augen. Sie hatte sich nur kurz in das Zimmer schleichen und Wechselkleidung aus ihrem Schrank holen wollen. Er war wach und hatte sie wieder analysierend unter die Lupe genommen. Sein Blick war auf ihre Augen geheftet. Sie trug am Morgen nicht die Linse, die ihre andersfarbige Iris anpasste und ihr Gegenüber vor der Wirkung ihres Blicks schützte. In der Regel war dies nicht notwendig. Sie hatte selten Besuch, der auch noch über Nacht blieb. Nuriel riss eine Hand vor ihre linke Gesichtshälfte.
   Was hatte sie sich nur dabei gedacht, so nachlässig zu sein? Die Angst kroch ihren Rücken herauf und packte sie im Nacken. Es war nicht die Andersartigkeit, die sie zu verbergen versuchte. Ein Blick in die Pupille ihres unheilvollen Sehorgans fügte ihrem Gegenüber Leid zu. Dass die Augen der Spiegel der Seele waren, war in ihrem Fall keine unbedarft dahergesagte Floskel. Nur, dass man nicht in ihr Innenleben sah. Wesen, die zu lang in ihr verfluchtes Auge blickten, sahen die Reflexion ihres eigenen Seelenlebens. Nahezu jeder hatte einen schwarzen Fleck auf seiner vermeintlich ach so weißen Weste und dieser prallte mit aller Macht und vielfach verstärkt von ihr zurück. Zarte Gemüter zerbrachen daran. Es konnte sie in den Wahnsinn treiben oder im schlimmsten Fall sogar umbringen.
   Was ihr Fluch bei Zadkiel angerichtet hätte, wollte sie sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen ausmalen. Er war ein Massenmörder und hätte es verdient, die ganze Härte seiner Straftaten zu schultern, doch sie wollte nicht das Mordwerkzeug sein. »Iris-Heterochromie«, log sie und verbarg sich weiterhin hinter ihrer Hand.
   »Gestern Abend …«
   »Kontaktlinse. Das Auge ist zu prägnant.« Sie würde ihm nicht die Wahrheit auf die Nase binden, um sich damit auf Platz eins seiner Abschussliste zu katapultieren. Im Moment war er wenig gefährlich, doch wer wusste, ob die launische Gottheit ihn nicht schneller als gedacht resozialisierte und er wieder seine Aufgabe aufnahm? Kaum einer wusste von Nuriels Gabe, die vielmehr eine Heimsuchung war. Es gab nur ein lebendes Wesen, das davon wusste, und dem hatte Nahaliel vor seinem Tod einen unbrechbaren Schwur abgenommen. Jeremia hielt sich an sein Versprechen. Hätte der Rat der Fünf hiervon erfahren, wären ihre Tage auf Erden gezählt. Die Bannung wäre noch die mildeste Strafe, die sie erwartete. Es war ihr Geheimnis, das sie mit ins Grab nehmen würde. Sie ging aus dem Schlafzimmer ins Bad, setzte in Windeseile die Linse ein und kehrte zurück. Ein entscheidender Nachteil der Kontaktlinse war, dass sie ihre Pupille vollständig verdecken musste. Die Silikonscheibe war lichtundurchlässig und machte Nuriel auf dem Auge blind, aber sie hatte mit dieser Beeinträchtigung ihren Frieden geschlossen. Es schränkte sie kaum noch ein.
   »Warum versteckst du es?«
   Zadkiels Stimme klang anders als am Abend. Kraftlos, als hätte man die Energie aus ihm herausgesaugt. Er schloss die Augen und atmete mehrfach hörbar ein. Irgendetwas war faul. Er gab sich zu zahm. Ein dünner Schweißfilm überzog seinen Körper, gleichwohl zitterte er unübersehbar. »Ich will nicht auffallen.« Mit drei Schritten war sie bei ihm und legte eine Hand auf seine Stirn. Er strahlte die Hitze eines Hochofens ab. Fieber, ein voll und ganz menschliches Phänomen. Sie checkte beide Verletzungen. Die Schussverletzung am Bauch sah verhältnismäßig gut aus, anders die Stichverletzung. Die Wundränder waren feuerrot und geschwollen. Aus einer kleinen Öffnung zwischen den Knoten der Wundnaht quoll Eiter. Die Infektion hatte sich rapide ausgebreitet. »Eine der Wunden hat sich infiziert. Ich muss sie öffnen und säubern. Du brauchst Antibiotika.«
   »Du wolltest mich gehen lassen.« Der Einwand klang armselig.
   Seine Sturheit in allen Ehren, doch das war selbst für einen ehemaligen Wahrhaftigen überheblich und strunzdumm. »Das wollte ich. Gegenwärtig steht es jedoch nicht mehr zur Debatte. Du brauchst Hilfe. Hier oder in einem Krankenhaus. Mit der unbehandelten Infektion überlebst du nicht sehr lang. Du könntest Wundbrand oder eine Sepsis entwickeln.« Sie sah ihm in die vom Fieber glasigen Augen, während sie mit den Fingerspitzen über seinen Kopf strich. Die Stoppeln kitzelten angenehm an ihrer Handfläche und zwischen ihren Fingern. Er wirkte kaum bedrohlich. Mit einem Ächzen presste er die Stirn gegen ihre kühle Hand. »Es ist meine Pflicht, dich zu versorgen. Du bist und bleibst ein Wahrhaftiger. Und der Göttin …«
   »… wäre es scheißegal, wenn ich verrecke.« Sein Einwand war erdrückend schwer. Er war tatsächlich der Auffassung, dass die Gottheit ihn tot sehen wollte. »Ich bin ihr Werkzeug, das ihrer Meinung nach versagt hat.« Tiefe Enttäuschung schwang in den Worten mit und zeigte sich in gleicher Weise auf seinen scharf geschnittenen Zügen. Er schloss erneut die Augen.
   Nuriel berührte mit den Fingerspitzen ein gefesseltes Handgelenk. Sein Puls raste. Sein Atem ging flach und zu schnell. »Ich muss einige Dinge holen, damit ich dich versorgen kann.« Sie hob die Decke auf, die neben dem Bett auf dem Boden lag. Er hatte sie wohl in der Nacht von sich geworfen. Bevor sie das Zimmer verließ, deckte sie ihn zu und ging erneut ins Bad. Nuriel packte in aller Eile die benötigten Objekte zusammen und nahm ihren Arztkoffer. Er schien zu schlafen, als sie zurückkehrte, doch als sie den Koffer neben seinen Beinen auf der Matratze ablegte, schlug er die Augen auf. »Ich kann die Wunde nur örtlich betäuben.« Eine Lüge, aber sie wollte ihre schwer organisierbaren Narkotika nur im äußersten Notfall einsetzen. Nicht für ihn.
   »Ich will nicht betäubt werden!« Seine Panik war unübersehbar. »Du darfst mich nicht ruhigstellen.«
   »Nur lokal.« Sie legte ihre rechte Hand auf sein Brustbein und versuchte, ihn zu besänftigen.
   »Ist es normal, dass ich schlecht atmen kann?« Er schnappte nach fast jedem Wort nach Luft.
   Das war kein gutes Zeichen. Bevor sie die Wunde verarzten konnte, musste sie ihn mit Antibiotika versorgen. Es blieb zu hoffen, dass er Nadeln gegenüber offener eingestellt war als Narkotika. Was tat sie hier nur? Warum löste sie nicht einfach die Handschellen und ließ ihn ziehen? Sie wäre ihre Probleme los und in zwei, höchstens drei Tagen wäre der Scharfrichter Geschichte. Und dann? Bei seinem Glück würde er wiedergeboren werden. Es war das Schicksal, das jedem Engel und Wächter – auch den ehemaligen – zuteilwurde. Was mit Nahaliel nach seinem Tod geschehen war, stand weiterhin in den Sternen oder im Ermessen der wankelmütigen Gottheit. Irgendwo und irgendwann würde ein Himmelswesen geboren werden, das die herzensgute Seele ihres Bruders beherbergte. Ihr Bauchgefühl gab ihr zu verstehen, dass dies noch nicht passiert war. Ihr siebter Sinn. Diese verflixte Intuition war ein Garant für himmelhohen Ärger. Es war unnötig und belastend, auch nur einen Gedanken an den Tod ihres Bruders zu verschwenden. Sie brauchte einen klaren Kopf, solange sich der Racheengel in ihrer Nähe aufhielt.
   Zadkiel lag nun einmal in ihrem Bett und brauchte Hilfe. Vor sehr langer Zeit hatte sie ein Gelübde auf ihr Blut abgelegt. Sie hatte sich verpflichtet, Menschen wie Himmelswesen mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen. Das schloss dieses ehemals geflügelte Subjekt mit ein.
   Nuriel ließ seine Frage unbeantwortet. Sie bereitete einen Infusionsbeutel mit Natriumchloridlösung vor und löste das hoch dosierte Antibiotikum darin auf. Daneben richtete sie die Verweilkanüle auf dem Beistelltisch neben dem Bett, die sie zur Injektion benötigte, und zog eine mörderisch große Dosis Ketamin in eine Spritze auf. Nur für den absoluten Notfall und zu ihrer Sicherheit. Mit einer gehörigen Portion Respekt und wild klopfendem Herzen löste sie die Schelle an seiner linken Hand und brachte das leere Glied an der Strebe des Bettes an. Sein befreiter Arm rutschte ungebremst zur Seite weg und knallte auf die Matratze. Er schaffte es nicht einmal, einen Finger zu rühren, dennoch machte sie kurzen Prozess und setzte sich, aus Ermangelung einer zweiten Handfessel, auf seine Hand. Nicht unbedingt effektiv, allerdings ging keine Gefahr von ihm aus, so geschwächt, wie er war.
   Ihre Suche nach einer geeigneten Vene war vergebliche Liebesmüh. Der linke Unterarm war eine Kraterlandschaft von Narbenwülsten. Sie konnte beim besten Willen kein Blutgefäß finden, das sich zur Injektion eignete. Mit einem Seufzen schielte sie auf seinen gefesselten rechten Arm. Ach, was sollte es. Sie löste die Handschelle vom Bett. Er würde sie wohl kaum … Seine rechte Hand schoss auf sie zu, packte sie an der Gurgel und drückte ihr die Luft ab. Die riesige Pranke umschloss beinahe ihren Hals. Er presste derart kraftvoll zu, dass nicht ein Quäntchen Luft den Weg in ihre Lungen fand. Hektisch griff sie nach der Spritze, die nur eine Armlänge entfernt auf dem Tisch lag. Sie berührte sie fast mit den Fingerspitzen. Nur noch ein wenig … Ihr wurde schwarz vor den Augen, als sie die Injektionsspritze zu fassen bekam. Ohne weiter darüber nachzudenken, rammte sie die Nadel in die erstbeste Stelle – seinen Hals. Sie konnte nur hoffen, dass es schnell anschlug. Zadkiels Griff lockerte sich ein bisschen, und sie schaffte es, die Finger von ihrem Hals zu schieben. Auf einmal fiel sein Arm schlaff auf die Matratze. Er keuchte, während sich Nuriel hüstelnd die angegriffene Kehle klärte. Dieser widerliche Mistkerl. Grob packte sie seine Hände, riss sie über seinen Kopf und fesselte sie wieder ans Bett. »So dankst du mir meine Hilfe? Dann gibt es eben kein Antibiotikum für dich, Arschloch.«
   In seinem verschleierten Blick lag Todesangst. Er schien verbissen gegen die Wirkung des Narkotikums anzukämpfen. Seine Reaktion irritierte sie in höchstem Maße, doch gegen tausend Milligramm der betäubenden Droge kam auch der Vollstrecker nicht auf Dauer an. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er das Bewusstsein verlor. Seine Augäpfel rollten nach hinten und die Spannung wich aus seinem Körper. Endlich! Die Versuchung war groß, nichts zu tun und ihn seinem Schicksal zu überlassen. Die penetrante Stimme in ihrem Hinterkopf erinnerte sie daran, dass es ihre Verpflichtung war, ihm zu helfen. Es war ein Kreuz, wenn man ein Gewissen besaß. Nuriel machte sich an die Arbeit. Immerhin war er gefesselt, und das mit der örtlichen Betäubung hatte sich durch seine Ohnmacht erledigt.

Die Narkose mit Ketamin war unkompliziert. Es schickte den Patienten ins Land der Träume und wirkte darüber hinaus schmerzstillend. Es brachte aber auch unangenehme Nebenwirkungen mit sich. Leider war es schwer, an Betäubungsmittel zu kommen, und für das richtig gute Zeug musste sie horrende Summen entrichten. Für gewöhnlich benötigte sie für die Versorgung ihrer Kundschaft nur Lokalanästhetika, die man rezeptfrei in jeder Apotheke kaufen konnte. Ihr heutiger Patient hielt sich trotz des Valiums, das den negativen Folgen entgegenwirken sollte, Punkt für Punkt an die im Beipackzettel aufgeführten Nebenwirkungen. Zadkiel war unübersehbar auf einem Horrortrip der besonderen Art. Er wälzte sich auf dem Bett hin und her. Wenn er sich weiter durch die Laken warf, würde die frische Naht an seinem Bauch noch reißen. Nuriel ging zur Jalousie und ließ sie hinunter. Im seltenen Umgang mit Ketamin hatte sie herausgefunden, dass das Aufwachen angenehmer war, sobald sie den Raum verdunkelte und der Patient so wenig Reizen wie möglich ausgesetzt wurde. Die Dunkelheit zeigte bei Zadkiel kaum Wirkung. Er rollte sich weiter im Bett hin und her. Es könnte nicht nur die Naht aufplatzen, sondern er könnte sich auch die Schultergelenke auskugeln, so sehr riss er an den Handschellen. Sie wollte ihn nicht erneut nähen und kostbare Hilfsmittel und Medikamente in seine Versorgung verschwenden. Aus Ermangelung geeigneter Fesseln machte sie kurzen Prozess und setzte sich auf seine Beine. Es half. Er wurde ruhiger, bis seine Bewegungen zum Erliegen kamen. Noch immer auf seinen Beinen sitzend legte Nuriel den Kopf in den Nacken. Sie war stehend k. o. und brauchte dringend eine Mütze voll Schlaf. Für einen Wimpernschlag schloss sie die Augen, nur um von einem gellenden Schrei aufzufahren. Sie glaubte sich verhört zu haben, doch Zadkiel hatte gerade nach seiner Mama geschrien.

*

Er hatte das seit Jahren nicht mehr durchlebt. Dieses Hirngespinst war so lebendig wie die Wirklichkeit. Es war die Realität. Es war kein Albtraum, sondern das Grauen, das er als Kind gesehen hatte. Er hatte mit ansehen müssen, wie sein Engelserzeuger in einem Anfall von Wahn mit bloßen Händen seine Mutter tötete. Bitterer Speichel sammelte sich in seiner Mundhöhle und er spürte Nässe auf seinen Wangen. Tränenflüssigkeit. Seit Ewigkeiten hatte er keine Tränen mehr vergossen. Sein Atem ging keuchend. Er rang nach Luft. Der Anblick seiner sterbenden, mit Blut besudelten Mutter fraß sich in seine Gehirnwindungen und ließ ihn nicht mehr los. Auch nicht das Bild seines Vaters, der sich das Leben nahm, als er bemerkte, was er in seinem Tobsuchtsanfall angerichtet hatte. Er schnitt sich mit seinem Iridiumdolch die Kehle auf. Direkt neben seiner Mutter und ihm, der zu diesem Zeitpunkt keine drei Jahre alt war. Gebadet im Blut seiner Eltern besiegelte sein Erzeuger Zadkiels Schicksal als Vollstrecker. An jenem Tag erwachte seine grausame Gabe zum Leben.
   Sein Herz wollte sich einfach nicht beruhigen. Es schlug immer heftiger, und er zitterte. Ihm war unbeschreiblich kalt. Hatte dieses Miststück ihn auf die Straße geworfen, nachdem sie ihn betäubt hatte? Anders war die Eiseskälte, die ihn wie ein nasses Laken umschloss, nicht zu erklären. Er lag draußen in der Gosse und nur die Göttin wusste, dass dies das Schicksal war, das er verdiente.
   »Sch.« Etwas legte sich sacht auf seine Brust. »Meine Fresse, du machst echt nur Ärger, Zadie!«
   Er konnte sich nicht bewegen. Seine Arme waren wieder gefesselt, aber seine Beine … taub und unnütz. Ein tonnenschweres Gewicht lag auf ihnen. Der Schmerz in seinem Bauch war bedeutend schlimmer als zuvor. Die Unpässlichkeit hielt ihn fest in ihren Krallen. Er hustete, was das Übel in seinem Leib explodieren ließ. Der Schmerz brachte bunte Lichtpunkte vor seinen Augen zum Tanzen und stülpte seinen Magen nach außen.

*

Keine Sekunde zu früh hechtete Nuriel von seinen Beinen. Sein Würgen war ein eindeutiges Indiz, dass er eine weitere Nebenwirkung des Ketamins von seiner To-do-Liste abhakte. Sie riss seinen Kopf zur Seite, damit er nicht an seinem Erbrochenen ersticken konnte. Das hatte einen entscheidenden Nachteil: Zadkiel erwischte sie. Fluchend machte sie einen Satz nach hinten und knallte mit dem Rückgrat und Hinterkopf hart gegen die Kante ihres Kleiderschranks. Sie knirschte mit den Zähnen und atmete den Schmerz weg. Die Wut in ihrem Bauch war unbeschreiblich. Dieser Typ machte nur Scherereien. »Du hast mich angekotzt!« Ihr wurde kurz schwindlig. Sie hatte sich ihren Kopf heftig gestoßen. Der Tag wurde mit jeder Sekunde, die verstrich, lausiger.
   Nuriel raste aus dem Zimmer und zum zigsten Mal ins Bad, wo sie ihre Klamotten loswurde. Nach einer flüchtigen Dusche kehrte sie im Bademantel ins Schlafzimmer zurück. Ihr war es in diesem Moment völlig egal, was der Vollstrecker davon hielt, sofern er es in seinem Zustand überhaupt bemerkte. Sie knipste das Licht an, ging zum Schrank und durchsuchte ihn nach Kleidung. Eine Jogginghose und ein weißes Shirt, mehr bot ihr leer gefegter Kleiderschrank nicht. Ein Waschtag war längst überfällig. Sie nahm die Klamotten und verharrte einen Moment. Diese beiden Stücke würde sie unter keinen Umständen tragen. Nicht nur, dass sie nicht passen würden. Sie hatten Nahaliel gehört. Immer, wenn sie an ihn dachte, wurde ihr Herz entsetzlich schwer. Nach seinem Tod hatte sie sich so leer gefühlt und diese Emotion drohte sie immer noch zu überwältigen. Der Verlust war sinnlos. Eine gute Seele, die den viel zu frühen Tod fand. Nahaliel war ihr einziger Halt in dieser trostlosen Existenz gewesen. Ihre Trauer hatte sie fast den Verstand gekostet. Selbst nach drei Jahren war es ein Kampf für sie, jeden Tag aufs Neue zu beginnen. Die Wäscheberge im Bad waren noch ihr kleinstes Problem. Ihre Funktion war es, am Leben zu bleiben. Um nicht erneut verletzt zu werden, hatte sie einen dicken Steinwall um ihr Herz errichtet, den keine Macht der Welt durchbrechen konnte. Sie ließ niemand an sich heran. Selbst die zarten Versuche von Jeremia, Nahaliels bestem Freund, blockte sie ab. Er schien der Meinung zu sein, dass sie ihm die Schuld an Nahaliels Tod gab. Dem war nicht so, aber wenn sie ihn damit fernhalten konnte, war es ihr recht. Es gab nur eine Schuldige: sie.
   »Was bei der Göttin sollte das?«
   Nuriel rotierte zum Bett herum. Was das sollte? Der Typ ging ihr echt auf den Keks. »Du hast mich gewürgt.« Die Nachwirkungen waren als rauchiges Kratzen in ihrer Stimme zu vernehmen. Ihr Kehlkopf schmerzte.
   »Du wolltest mich unter Narkose setzen.« Er war kurzatmig. »Du hast es getan.«
   »Erst, nachdem du mich gewürgt hast.«
   »Du hast die Spritze mit dem Medikament aufgezogen. Sie lag neben dem Bett bei der Glasflasche mit der Aufschrift. Ich weiß, was Ketamin ist. Danke für den Höllentrip.«
   »Ja, muss wirklich ein fürchterlicher Trip gewesen sein. Du hast nach deiner Mami geschrien, Vollstrecker.« Nuriel sparte nicht an beißendem Sarkasmus. Es war idiotisch, Zadkiel auf dieser primitiven Ebene anzugreifen. Die Züge um seine schmalen Lippen verhärteten sich und sein Blick durchbohrte sie.
   »Kein Wort über meine Mutter. Nie wieder!«

*

Die Wut schoss wie ein Nagel in seine Eingeweide. Er hatte aufgrund des Albs wahrhaftig nach seiner Mutter gerufen. Diese Wächterin hatte den Moment der Schwäche miterlebt und nutzte dieses Wissen nunmehr gegen ihn, aber er beherrschte dieses Spiel nicht minder gut als sie. Er wusste um das Schicksal ihres jüngeren Bruders. Der Wächter war bei einem Einsatz blindlings in die Falle des gejagten Gargoyles gerannt und hatte dabei sein Leben verloren. »Nahaliel.« Die bloße Erwähnung seines Namens genügte. Ihr hämisches Grinsen fiel ihr aus dem Gesicht. Mundwinkel und ihr linkes Augenlid zuckten um die Wette.
   »Wage es nicht, den Namen meines Bruders in den Mund zu nehmen!«
   Sie gestikulierte mit beiden Händen und war sich dabei wohl nicht des Umstands bewusst, dass ihr Bademantel vorn aufklaffte. Er konnte einen appetitanregenden Blick auf das Tal zwischen ihren Brüsten bis hin zum Bauchnabel werfen. Neben der Rundung ihrer knackigen Brüste lugte der karamellfarbene Vorhof einer ihrer Knospen vorwitzig hervor. Eine falsche Bewegung und sie würde den Rest zur Schau stellen. Ein verlockender Gedanke. Warum? War er völlig verblödet? Sie hatte ihn betäubt und brachte ihm wenig Freundlichkeit entgegen. Die Wächterin half ihm nur, weil es ihre Pflicht war, und das auch nicht sonderlich gut. Er sollte nicht ihren sexuellen Reizen erliegen. Es wäre falsch, auch wegen der Verletzungen, die sich jetzt bei der ungeschickten Bewegung zurück auf den Rücken schmerzvoll ins Gedächtnis riefen. Er biss die Zähne aufeinander, sodass sein Kiefer unter dem Druck knarzte. Er hatte viele Verwundungen in seinem lang währenden Leben erlitten, aber diese verlangten ihm alles ab.
    »Ein falsches Wort und ich schicke dich mit einer Überdosis Ketamin in die ewigen Jagdgründe.«
   Zadkiel nickte und senkte die Augenlider. Er war wie gerädert. Ihm fehlte die Kraft, mit ihr zu diskutieren. Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre es ihm ein Vergnügen, sich ein Streitgespräch mit der impulsiven Frau zu liefern. Natürlich ohne die Fesseln an seinen Handgelenken. Aller Voraussicht nach hätte sie den Mund in dem Fall nicht derart vollgenommen. Ihr Bademantel rutschte über ihre rechte Schulter. Sie bemerkte es gerade noch rechtzeitig, umfasste mit ihren Fingern die Ränder des Mantels und verbarg ihre weiblichen Reize. »Wäre es möglich, ein Glas Wasser zu erhalten?« Sein Mund war staubtrocken und die Mundschleimhaut riss ein.
   »Brauchst du nicht.« Nuriel zeigte auf den Beutel, der über einen Schlauch Flüssigkeit in seinen Körper schleuste.
   In seinem Hals steckte eine verflixte Nadel, wie ihm das brennende Piksen verdeutlichte. Diese Frau war eine Sadistin, wie sie im Buche stand. »Da steckt eine Nadel in meinem Hals«, presste er grimmig hervor.
   »Ein venöser Zugang. Ein biegsames Schläuchlein. Die Nadel wird nach dem Punktieren des Gefäßes entfernt. Es ging nicht anders. Deine Armvenen sind beschissen und ich werde den Teufel tun, dich noch einmal loszubinden. Der Venenzugang am Hals ist risikoreich und schmerzhaft. Es war mein erstes Mal. Dafür ist es mir einigermaßen gut gelungen.«
   In ihrem Tonfall schwang Stolz mit. Er würde ihr keinen Beifall für ihr Hexenwerk spenden. Das lag obendrein nicht in ihrem Sinn. Sie genoss die Macht, die sie über ihn hatte. Er konnte es nachfühlen. Bei seinen Delinquenten verfuhr er nicht anders. Der kleine, aber feine Unterschied zwischen ihnen war, dass er es tun musste, um seine dunkle Gabe zu befriedigen. Nuriel tat es aus freien Stücken, weil sie die Macht genoss, die sie über ihn hatte. Sie wusste nicht, welch gefährliches Spiel sie trieb. Sobald er frei war, würde es ihm ein Vergnügen sein, sie über das Knie zu legen und ihr den blanken Hintern zu versohlen. Im Moment galt es aber, daran keinen Gedanken zu verschwenden. Seine Kehle war ausgedörrt, daran änderte auch dieses Ding an seinem Hals nichts. Erwartete sie ernsthaft von ihm, dass er um ein Glas Wasser bettelte? Nie und nimmer würde er so tief sinken. Er neigte den Kopf zur Seite.
   »Du bist aber schnell beleidigt.« Sie kicherte hell. »Also, Wasser. Geht klar. Ich zieh mich nur kurz um.«

*

Nuriel hatte einige alte Klamotten aus der Wäschetonne im Bad gefischt und die Gelegenheit genutzt, die Waschmaschine zu bestücken. Der Vollstrecker konnte warten. Das fleckige, ehemals weiße T-Shirt und die pinkfarbenen Hotpants waren eine eigenwillige Kombination. Ihr Gast würde sich daran aber wohl kaum stören. Er war voll und ganz mit sich beschäftigt. Während sie die Wäsche machte, fand sie die nötige Ruhe, ihr Gemüt zu besänftigen und wieder klar zu denken. Er war verletzt, noch dazu ein Mann, ein Engel und ihr hilflos ausgeliefert. Nuriel schloss mit einem langen Seufzen die Tür der Waschmaschine und schaltete sie ein. Warum fand sie den Gedanken so prickelnd, den Vollstrecker in ihrer Gewalt zu wissen? Das war doch krank. Sie schalt sich im Geiste und erinnerte sich an ihr eigentliches Vorhaben: das Glas Wasser. Das war nicht zu viel verlangt. Sie würde außerdem noch etwas Einfaches zum Essen zaubern.
   Bei dem Wasser war es nicht geblieben. Kohlenhydrate konnten ihm nicht schaden, deshalb hatte sie ihm ein Glas Apfelsaft gerichtet. Ihre Küche gab nicht viel an Nahrungsmitteln her. Milch, Zucker, Salz, Cornflakes, Bananen und Grieß – das war es auch schon. Sie hatte einen einfachen Grießbrei mit Bananenscheiben zubereitet. Nicht nur für ihn. Ihre Portion Brei hatte sie in der Küche weggeputzt. Es war bei Weitem keine ausreichende Mahlzeit. Ihr Magen knurrte. Sowie ihr Gast sie verlassen hatte, musste sie dringend ihre Vorräte aufstocken. Mit einem Fuß stieß sie die Schlafzimmertür auf. Sie wurde bereits erwartet. Zadkiels Blick lag auf ihr. »Entschuldige, dass es so lang gedauert hat, aber ich musste meine Klamotten wechseln, die du vollgekotzt hast.«
   »Es lag nicht in meiner Absicht.«
   »Das hoffe ich doch.« Nuriel stellte Glas und Schüssel auf dem Nachttisch ab. Sie nahm einen Hocker aus der Zimmerecke und platzierte ihn an der Bettkante.
   »O nein.«
   »Was?« Sie ahnte, um was es dem Sturkopf ging. Sie würde kein zweites Mal den Fehler begehen und ihn von den Handschellen befreien. Nuriel legte eine Hand an seinen Hinterkopf und versuchte, ihn anzuheben.
   »Nur das Wasser. Du wirst mich nicht füttern. Das ist entwürdigend.«
   »Okay. Dann bleibt mehr für mich zum Essen. Du wirst nicht verhungern. Die Infusion versorgt deinen Körper mit allen Nährstoffen, die er benötigt. Gegen den leeren Magen hilft diese Nährstofflösung leider nicht. Da du noch nicht lang zu dem Klub gehörst, der futtern muss, dürfte es keine große Veränderung für dich sein.« Als Wahrhaftiger war es nicht essenziell, Nahrung zu sich zu nehmen. Zähneknirschend beugte er sich. Er nahm einen großen Schluck aus dem Glas und verschluckte sich prompt. Wild hustend warf er sich zur Seite und stieß das Trinkgefäß fast aus ihrer Hand. Ein Großteil der Flüssigkeit schwappte über ihr Oberteil und verwandelte sie in die Teilnehmerin eines Wet-T-Shirt-Contests. Fluchend sprang sie vom Hocker auf und verließ ohne ein Wort das Zimmer.

Kapitel 3

Nuriels Gemütslage hatte sich fast sofort beruhigt. Ihr unfreiwilliger Gast hatte es nicht mit Absicht getan. Trotzdem beschloss sie, dass es vorerst besser war, ihn in Frieden zu lassen. Er brauchte keine Nahrung, nur Ruhe, und die bekam er nicht, wenn sie ständig im Zimmer auftauchte. Je schneller er gesundete, umso eher war sie ihn los. Sie hatte die Zeit sinnvoll genutzt und die Wäscheberge abgearbeitet. Nach einer Runde im Trockner war sie nun auch wieder im Besitz sauberer Kleidung. Die hatte sie sogleich angezogen und eine kleine Shoppingtour in den Supermarkt um die Ecke gemacht. Kochen war keine ihrer Leidenschaften, aber sie beherrschte ein paar einfache und überaus sättigende Rezepte. Bevor sie sich ans Kochen machte, wollte sie nach Zadkiel sehen. Er benötigte eine neue Infusion und Antibiotika. Sollte er schlafen, konnte sie sich die Mühe sparen, ein Essen zuzubereiten. Ihr reichte eine Scheibe Brot völlig aus.
   Auf den Zehenspitzen schlich sie zur Tür des Schlafzimmers, die sie nur angelehnt hatte. Nuriel schob sie auf und vernahm gedämpfte, sehr regelmäßige Atemzüge. Er schlief seelenruhig und wurde nicht einmal wach, als sie ans Bett trat, um ihn mit Medikamenten zu versorgen. Sein Gesicht wirkte entspannt und friedfertig. Der Vollstrecker war ein Wahrhaftiger und trotz der vielen Narben hatte die Gottheit ihn mit den feinen Zügen eines Engels ausgestattet, dennoch wirkte Zadkiel maskulin. Der Großteil der männlichen Vertreter seiner Gattung unterschied sich kaum von ihrem femininen Gegenpart. Weibisch und wenig attraktiv auf Wächter und Menschen wirkend. Nuriel kam nicht umhin, über seine Stirn zu streichen. Sie wollte nur seine Temperatur überprüfen. Natürlich. Dass sich seine Haut unter ihren Fingerspitzen weich und samtig anfühlte, war nebensächlich. Ein schwaches Kribbeln ging von der Berührung aus. Nuriel zog ihre Finger weg, als hätte sie sich verbrannt. Seine Körpertemperatur könnte sie mit dem Ohrthermometer zuverlässiger kontrollieren. »Du verhältst dich irrational«, sagte sie sich leise und verließ den Raum.

*

Dieses Erwachen war angenehmer, wenn auch noch immer von starken Schmerzen begleitet. Die Übelkeit hingegen schien wie weggefegt. Sein Geist war klar. Er bekam besser Luft und seine Sicht war ungetrübt. Es ging bergauf. Durch die feinen Ritzen der Jalousie brach sich das Licht der Sonne. Offenbar hatte er den gestrigen Nachmittag und die folgende Nacht durchgeschlafen. Schlaf war neben der Nahrungsaufnahme eine Neuerung, die ihm suspekt war. Als Wahrhaftiger hatte er ruhen können, doch im Erwachsenenalter war es kaum notwendig gewesen. Als Mensch verplemperte er ein Drittel seines Tages damit.
   Zadkiel blickte sich im Halbdunkel des Zimmers um. Es gab nichts, das sehenswert war bis … Die Tür wurde aufgestoßen. Die Wächterin trat mit einem Tablett in der Hand auf ihn zu und stellte es auf den Nachttisch. Die Nahrung auf dem Tablett roch so köstlich, dass sich sein Magen zusammenzog und laut knurrte.
   »Aha!« Nuriel lachte verhalten und öffnete die Jalousie.
   Licht durchflutete den kargen Raum und machte ihn für einen Moment blind. Seine Augen tränten. Er benötigte etliche Wimpernschläge, bis er klar sehen konnte. Das Bild, das sich ihm bot, war überraschend. Sowohl im Bademantel als auch in der kurzen Sporthose, die kaum ihren knackigen Apfelpo bedeckte, hatte sie gut ausgesehen. In der schwarzen Baggy Pants und der weißen eng anliegenden Bluse sah sie richtig heiß aus, obwohl es mehr Stoff war. Streng, aber auch verdammt sexy. In seiner Leistengegend rührte sich unpassenderweise etwas. Sie würde ihn kastrieren, falls sie es bemerkte. Er drehte sich ruckartig zur Seite. Schmerz war gut und wies diese triebhafte Reaktion in ihre Schranken.
   »Langsam.« Sie setzte sich auf den Hocker neben dem Bett und nahm das Glas mit Saft vom Tablett.
   Das gleiche, demütigende Spiel wie gestern. »Mir geht es besser. Du kannst die Handschellen lösen.«
   Nuriel lachte laut. »Ganz gewiss nicht. Beim letzten Mal bist du mir an die Gurgel gegangen.« Sie zeigte auf die Seiten ihres Halses. Die Abdrücke seiner Finger waren deutlich in Form dunkler Blutergüsse abgebildet.
   Das hatte er nicht gewollt. Er hatte das Narkotikum bemerkt und rot gesehen. Zadkiel seufzte. »Sagte ich nicht bereits, dass es mir leidtut?«
   »Und das soll mich überzeugen, dir die Handschellen abzunehmen?« Nuriel gab ihm mit der Geste ihres Zeigefingers an der Stirn zu verstehen, wie wenig sie davon hielt.
   Dieses Handzeichen hatte er in den letzten Wochen oft zu Gesicht bekommen. »Den Vogel zeigen.« So hatte es der Wächter genannt, bei dem er vorübergehend Unterschlupf gefunden hatte. Bis vorgestern Nacht. Da hatte ihn Samuel hochkant rausgeworfen. Zadkiel hatte keinen blassen Schimmer aus welchem Grund. Der Halbengel war derart erbost gewesen, dass er Zadkiel drohte, ihn umzubringen, sollten sich ihre Wege erneut kreuzen. Die Gottheit hatte sicherlich ihren Heidenspaß dabei, ihm zuzusehen, wie er in ein Fettnäpfchen nach dem anderen trat. »Du hast eine Schusswaffe.« Es war eine Behauptung, die Nuriel mit einem Nicken beantwortete. »Du machst meine rechte Hand los. Die linke bleibt gefesselt. Ich esse selbst, und du bleibst auf Abstand mit der Waffe im Anschlag.«
   »Ich weiß nicht.« Nuriel stellte das Glas zurück auf das Tablett.
   »Bitte.« Er spuckte das Wort aus, als wäre es ein verdorbenes Lebensmittel.
   Nuriel kicherte. »Das ist dir äußerst schwergefallen. Deinesgleichen bittet nicht oft. Sie nehmen sich, was sie wollen und wann sie wollen. Das muss eine richtige Umstellung für dich sein.«
   »Es ist scheiße«, sagte er mit einem Fluchwort, das die Menschen ausgiebig nutzten.
   »Mein Mitleid hält sich in Grenzen.« Eine ihrer Augenbrauen schoss nach oben. Sie kratzte sich nachdenklich an der Stirn. Wortlos verließ sie das Zimmer und kam nur kurze Zeit später mit einer Handfeuerwaffe zurück.
   Okay, sie ging wirklich auf Nummer sicher. Nuriel hielt eine schallgedämpfte MP5 in ihrer linken Hand. Eine verdammte Maschinenpistole. Zadkiel holte tief Luft, dabei geriet Speichel in seinen Hals. Erfolglos versuchte er, nicht zu husten. Der Schmerz bohrte sich wie ein glühender Schürhaken in die Eingeweide. Er nahm die sanfte Berührung weicher Frauenhände nur am Randbereich seiner Sinneseindrücke wahr. Nuriel strich über seinen Rücken, während sie eine Handschelle in Lichtgeschwindigkeit löste und das leere Ende an der Strebe befestigte. Seine rechte Hand war frei. Sie trat ebenso schnell einige Schritte vom Bett weg. Als der Hustenanfall endlich verebbt war, stand sie am Fußende und er sah sich Auge in Auge dem schallgedämpften Lauf der MP5 gegenüber. Sie hatte den Beistelltisch so geschoben, dass er ihn problemlos erreichen konnte.
   »Bon appétit.«
   Zadkiel nahm das Glas mit der orangefarbenen Flüssigkeit. Er roch daran. Es war ein Saft.
   »Orangensaft. Kennst du nicht?« Nuriel legte den Kopf in Schräglage.
   Zadkiel schüttelte den Kopf. Die Ernährungsweise seines Gastgebers Samuel war recht eigenwillig gewesen und die hatte er übernommen. Er hatte sich nur von Fast Food und Süßigkeiten ernährt. Vollwertige Mahlzeiten hatte Zadkiel auf diese Weise nicht zu Gesicht bekommen.
   »Okay. Was hast du die vergangenen Wochen gegessen? Seit wann bist du …?« Nuriel wedelte mit der MP5 herum.
   Ihm wurde schwummrig, wenn sie mit dem Ding vor seinem Gesicht rumfuchtelte. »Verbannt.« Zadkiel hatte kein Problem damit, den Begriff in den Mund zu nehmen. »Seit drei Wochen. Mir wurde ein Wächter zur Seite gestellt. Wir hatten unsere Differenzen. Er hat mich vorgestern rausgeworfen.«
   »Das ist aber zutiefst verwunderlich, so ein netter Zeitgenosse, wie du bist.« Sarkasmus stand ihr nicht gut zu Gesicht. »Wer war der Wächter?«
   »Samuel Lux vel Ignis Dei Tarel.«
   Nuriel fing aus heiterem Himmel an, zu lachen. Sie lachte so sehr, dass sie kaum Luft bekam. »Du musst wirklich ein schlimmer Bursche gewesen sein.« Mit dem Handrücken wischte sie sich die Lachtränen aus ihrem Gesicht. »Was hast du der Göttin getan? Hast du ihr Lieblingsspielzeug kaputt gemacht?«
   Er wollte ihr darauf nicht antworten. Zadkiel nahm einen Schluck aus dem Glas. Das Getränk war süß, aber auch leicht säuerlich und brannte an seiner strapazierten Mundschleimhaut.
   »So schlimm, ja? Wenn sie dir Samuel auf den Hals hetzt …« Nuriel schöpfte Atem. »Er ist ein Arschloch. Sein Ruf ist annähernd so miserabel wie deiner. Ich hatte das Vergnügen, mit ihm zusammenarbeiten zu dürfen und habe festgestellt, dass die Gerüchte keineswegs an den Haaren herbeigezogen sind.«
   Zadkiel hatte dem nichts hinzuzufügen. Immerhin hatte Nuriel die Güte besessen, die Schelle an einer der äußeren Streben zu befestigen. Mit dem Arm kopfüber gefesselt, hätte er sich nicht aufrichten können. Sein Körper protestierte bei dem Versuch, sich hinzusetzen. Brust, Bauch und Rücken schmerzten. Ihm wurde schwindlig. Schweiß schoss aus seinen Poren. Sein Herzschlag schnellte in astronomische Höhen und ihm wurde übel. Bei der Göttin, dieses Gefühl der Ohnmacht war abartig. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass die Wächterin näher getreten war.
   Sie bauschte das Kissen in seinem Rücken auf und holte ein weiteres, das sie zwischen das erste und das Bettgestell schob. »Zurücklehnen.« Ihr Ton war so drängend, dass er automatisch gehorchte. »So müsste es gehen.« Ihre Stimme entfernte sich.
   Zadkiel hob die Augenlider. Der Schmerz war auszuhalten, aber er war schweißgebadet. Die Wächterin stand wieder auf ihrer gehabten Position, doch sie hatte die Waffe gesenkt. »Nimm die Tablette neben dem Saftglas. Es ist ein Schmerzmittel, das fiebersenkend wirkt. Leider habe ich keine stärkeren Analgetika.«
   Auch dieses Mal gehorchte er, ohne zu zögern. Er schluckte das Medikament mit einem großen Zug aus dem Glas. Die Schmerzen dämpften sein Hungergefühl. Er bezweifelte, auch nur einen Bissen hinunterzubekommen, dennoch nahm er den Teller vom Tablett und stocherte in dem Essen. Es war eine schwabblige helle Masse. Undefinierbar, doch es roch gut.
   »Das ist Rührei mit Toast. Gut bekömmlich und lecker.«
   Zadkiel ließ die Gabel fallen und lehnte sich schwer zurück in die Kissen. Seine Kraft schwand rasch. »Ich kann nicht.«
   Er vernahm einen Laut, der einen Hauch Zynismus mit sich trug. »Also doch füttern? Oder magst du keine Eier?«
   »Mir ist der Appetit vergangen.«
   »Du musst essen.«
   »Muss ich nicht.« Er zeigte auf den Infusionsbeutel.
   Nuriel schüttelte den Kopf. »Das ist keine Dauerlösung. Und wenn du Nahrung zu dir nehmen kannst, solltest du es tun. Futtern ist toll. Ich liebe es, zu essen. Die vielen Geschmacksrichtungen zu genießen. Leider kann ich nicht kochen. Nahaliel hingegen …« Sie stoppte mitten im Satz und senkte den Blick.
   Über ihren Bruder zu sprechen, fiel ihr wohl schwer. Der Verlust schien sie zu erdrücken. Alle Souveränität war aus ihrem Körper gewichen. Die Arme hingen schlaff an ihren Seiten herunter. Ihm tat es leid, dass er das Wissen um ihren Bruder am gestrigen Tag gegen sie eingesetzt hatte. Auch das war neu. Er fühlte nur äußerst selten Reue. Kränkungen waren für ihn an der Tagesordnung. »Mir geht es nicht gut«, sagte er, um das Thema in eine andere Richtung zu lenken. Es half, und er hatte nicht einmal lügen müssen. Es ging ihm schlechter als vorhin.
   Nuriel sah alarmiert auf und trat einen Schritt näher. »Hast du wieder Fieber? Oder sind die Schmerzen stärker?« Ihre rechte Hand berührte seine Stirn. »Du fühlst dich glühend heiß an. Wir verschieben das Essen auf später.«

*

Wie es aussah, entwickelte der Vollstrecker trotz der Behandlung mit Antibiotika eine Blutvergiftung. Kaum verwunderlich, wenn er erst seit drei Wochen auf der Erde war. Die Bannung der Gottheit hatte einen Schönheitsfehler, den auch gefallene Wächter oder Engel unverzüglich bemerkten. Sie mochten erwachsen sein, doch sie kamen mit einem Immunsystem auf die Erde, das nicht einen Antikörper gegen hiesige Krankheitskeime gebildet hatte. Eine Dauerschniefnase war eine der netteren Nebenwirkungen.
   Zadkiel war schlagartig leichenblass geworden. Seine Haut war schweißnass, ebenso das Bettzeug. Sie konnte ihn nicht in der nassen Wäsche liegen lassen, sonst würde er sich noch den Tod holen. »Ich leg mein Baby jetzt weg. Mach bloß keinen Scheiß.« Die MP5 landete auf dem Boden am Bettende. Zadkiel sah wahrlich nicht aus, als wäre mit einem Übergriff von seiner Seite aus zu rechnen. Womöglich wäre es das Beste, ihn in ein Krankenhaus zu bringen. Er war ein Mensch. Niemand würde sich groß wundern. Stich- und Schussverletzungen gehörten zum Standardrepertoire in der Ambulanz einer Großstadt. Dort hätten sie alles, was er brauchte. Antibiotika und Schmerzmittel in Hülle und Fülle. Nuriel atmete mehrfach tief ein und aus, bevor sie den Gedanken verwarf. Trotz Bannung blieb er ein Wahrhaftiger und verfügte über Insiderwissen. Ein Krankenhaus schied aus, aber sie brauchte medizinische Unterstützung. Ihr Latein war am Ende, vielmehr ihre Medikamente. Sie griff zu ihrem Handy und wählte eine Nummer aus ihrem Adressbuch aus. Es war Ewigkeiten her, seit sie mit Timo gesprochen hatte, doch heute war seine Hilfe unabdingbar.

»Er ist an dein Bett gefesselt. Ist bei euch irgendeine Sexnummer schiefgelaufen?«
   »Das ist Zadkiel.«
   Timo war gleich nach ihrem Anruf aufgebrochen. Er hatte dennoch fast zwei Stunden gebraucht. Ihr alter Freund wuschelte durch sein hellblondes kinnlanges Haar und schürzte die Lippen. »Macht bei mir nicht Klick. Muss ich ihn kennen?«
   Sie vergaß nur allzu gern, dass er sich an nichts aus seinem Engelsleben erinnerte. Wie Zadkiel war er zur Strafe gebannt worden. Fortan versah er seinen Dienst als Wächter ohne Erinnerungen an sein früheres Leben. Es war nicht das Schlechteste, was ihm hatte widerfahren können. Wie sie mied er sein Volk. Timo lebte wie ein Mensch. Er arbeitete in einem Krankenhaus als Arzt. Heute war seine Ahnungslosigkeit lästig. Sie verspürte keine Lust, Timos Fragen zu beantworten. »Vengeance?«
   Die Erleuchtung und obendrein ein Anflug Süffisanz spiegelte sich in seinem Gesicht wider. »Du hattest Sex mit dem Racheengel und dabei ist was schiefgelaufen.«
   Nuriel senkte die Lider und rieb sich die Nasenwurzel. Sie spürte eine Migräneattacke im Tempo eines Eilzugs heranrasen. »Ich habe nicht mit ihm geschlafen! Er wurde verletzt und kam zu mir, weil er meine Hilfe brauchte.«
   Timo stutzte. »Aber der Racheengel ist doch …«
   »Er wurde auf unbestimmte Zeit zu einem Leben als Mensch verbannt.«
   »Er weiß nicht, wer er ist?«
   Timos Fragerei zehrte an ihrem Nervenkostüm. Sie rief sich zur Contenance. Timo war ihr Freund und gekommen, um ihr zu helfen. Stress hin oder her, sie durfte ihren Frust nicht an ihm auslassen. »Er ist ein Mensch, aber er weiß um sein vorangegangenes Leben.«
   »Das muss frustrierend sein. Wenn er menschlich ist, sind die Schellen unnötig. Den rauchst du als Wächterin in der Pfeife.«
   »Ganz ohne ist er nicht. Er ist ein Elitekämpfer aus Michaels himmlischer Heerschar. Da hat er einige nette Dinge gelernt.« Sie zeigte auf die Würgemale an ihrem Hals. »Er bleibt angekettet. Hast du das Antibiotikum und das Schmerzmittel?«
   Timo nickte und lächelte nachsichtig. »Kein Opiat. Nur Novalgin.« Er trat neben das Bett des schlafenden Zadkiels und zog die Decke nach unten. Fachmännisch begann er mit seiner Untersuchung. Er war konzentriert und voll in seinem Element.
   Wie sie war er Heiler. Worin seine Tätigkeit vor seiner Bannung bestanden hatte, wusste nur die Göttin. Timo hatte sich mit seinem Schicksal angefreundet. Er hatte seinen Weg gefunden, damit umzugehen. Timo lebte ebenfalls nicht unter den Wächtern. Er hatte sich ein Leben abseits des Horts aufgebaut und meisterte es seit annähernd zwanzig Jahren mit Bravour. Der einzige Haken an diesem Dasein war, dass es nicht von Dauer war. Er alterte nicht, und damit kein Mensch Verdacht schöpfte, musste er regelmäßig seine Identität und den Aufenthaltsort wechseln. Bei einem solchen Identitätswechsel hatte sie ihn kennengelernt. Timo war wie sie beim netten Dokumentenfälscher von nebenan gewesen, um sich Papiere zu besorgen. Nuriel Lux vel Ignis Dei machte sich schlecht bei der Bewerbung auf einen Job oder auf dem Führerschein. Nuriel Wagner klang da stimmiger. Timo war selbstredend auch nicht sein echter Name, doch nach all den Jahren in dieser Rolle ging er ihr leicht über die Lippen.
   »Sieht so weit gut aus. Du hast alles richtig gemacht, aber Nähen ist nicht dein Ding. Brauchst du Nachhilfe? Deine Wundnähte sind eine Katastrophe. Das gibt grässliche Narben. Fallen allerdings kaum auf bei der Narbenlandschaft.« Timo rümpfte die Nase.
   Für einen ehemaligen Engel wirkte er gewöhnlich. Er war groß gewachsen und hager. Sein Gesicht war durchschnittlich. Nicht hässlich, aber auch nicht reizvoll. Langweilige Stangenware ohne Ecken und Kanten wie die meisten Wächter. Sein Aussehen war jedoch zweitrangig. Timo war ein loyaler Verbündeter. Einer der wenigen, die sie hatte.
   »Was macht dein Auge?« Er schmunzelte aufbauend. »Ist es besser geworden?«
   Besser geworden? Als ob es eine Krankheit war, die ihr Leben komplizierte. Mit einem Mal war ihre einigermaßen positive Stimmung wie weggeblasen. Dieses Miststück wurde nicht besser oder schlechter. Es blieb ein Fluch. Timo, der Glückliche, musste sich mit keiner Gabe rumschlagen. Offenbar war die Göttin der Meinung, dass er schon gestraft genug wäre. »Muss ich darauf antworten?«
   Er verneinte mit einem Kopfschütteln. »Es ist halb so wild mit deinem Patienten. Er braucht ein anderes Antibiotikum und vor allem viel Ruhe. Vengeance ist eben ein Mensch. Die heilen langsamer als unseresgleichen. Ich muss jetzt gehen, bevor Shawn Wind davon bekommt, dass ich bei dir war. Er ist ein bisschen eifersüchtig.«
   Ein weiterer Grund, warum er ein Leben außerhalb der Wächtergemeinschaft vorzog: Timo lebte in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft mit einem Gestaltwandler. Weder die Romanze zum eigenen Geschlecht noch die zu einem Schattenwandler war verboten. Vielen Himmelswesen war diese Art der Beziehung dennoch suspekt. Nuriel hatte sich nie an Timos sexueller Orientierung oder an Shawns Herkunft gestört. Leben und leben lassen war ihre Devise. Die beiden waren glücklich. Punkt.
   »Ich lasse dir alles da, was du brauchst. Und auch noch ein bisschen mehr.« Timo zwinkerte verschwörerisch. »Damit du nicht ständig auf überteuerte oder gefälschte Schwarzmarktware zurückgreifen musst. Und wenn wir schon bei fragwürdigen Angelegenheiten sind: Eine meiner Quellen hat eine Warnung rausgegeben. Angeblich ist Gerard wieder im Lande.«
   Beim Klang des Namens erstarrte ihr Blut augenblicklich zu Eis. Eine Stahlkralle legte sich um ihren Brustkorb und raubte ihr den Atem. Ihre Gedankenwelt kam mit einem Schlag zum Stillstand.
   »Es ist nur ein Gerücht, Nuriel.« Timo legte eine Hand auf ihre rechte Schulter. »Hätte ich gewusst, dass es dich so umhaut, hätte ich es für mich behalten. Alles ist gut. Gerard kann dich nicht finden. Er sucht nicht nach dir. Er denkt, du wärst tot.«
   Ihr Kopf bewegte sich ruckartig und ohne ihr Zutun. Ein mechanisches Nicken. Nichts war gut.
   »Brauchst du ein Beruhigungsmittel? Oder soll ich bleiben?«
   »Nein. Geh nach Hause. Alles ist okay.« Ihre zittrigen Worte klangen kaum überzeugend. »Danke für deine Hilfe.«
   »Mach nichts Unüberlegtes. Wenn du abhaust, wirbelst du nur unnötig Staub auf. Verhalte dich still. So wie bisher.«
   Nach dem anfänglichen Stillstand überschlugen sich ihre Gedanken nun von einer Sekunde auf die andere. Gerard, die rechte Hand von Bruno. Dieser Mistkerl hatte Nahaliel in den Tod getrieben. Sie hatte keine Angst. Die Raserei drohte sie zu überwältigen. Nuriel ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass sich die Fingernägel in die Handflächen bohrten. Anstelle des Eises floss glühende Lava durch ihre Venen und entflammte jede Synapse lichterloh. Bruno hielt sich seit jenem Vorfall versteckt. Es gab keinen Hinweis auf diesen verflixten Gargoyle. Nuriel presste ihre Kiefer aufeinander. Sie würde nicht abhauen und sich auch nicht verstecken, sondern diese kleine Mistratte Gerard jagen. Womöglich gelang es ihr hierdurch, Bruno aus der Reserve zu locken und endlich Rache zu nehmen.

Nachdem sich Timo verabschiedet und Nuriel Zadkiel für die Nacht versorgt hatte, machte sie sich umgehend auf den Weg. Sie hatte eine Vermutung, wo sie Informationen über Gerard erhalten würde. In ihrer Brust tobten zwei Seelen. Die eine wollte sich verkriechen und keine Aufmerksamkeit erregen. Die andere sann auf Vergeltung für Nahaliels Tod. Wenn sie nicht an Bruno herankam, musste Gerard als Ventil für ihren heiligen Zorn herhalten. Heilig war der Stichpunkt. Ihre himmlische Gabe durchflutete ihren Körper und bettelte darum, zum Einsatz zu kommen. Nuriel hatte die Linse abgelegt und verbarg ihre Augen trotz der Dunkelheit hinter einer pechschwarzen Ray-Ban. Nur Idioten trugen in der Nacht eine Sonnenbrille. Von Intelligenz zeugte ihr Vorhaben auch nicht unbedingt. Ihrer verbesserten Sicht taten die Augengläser indes keinerlei Abbruch. All ihre Sinne waren geschärft.
   Es stank in der heruntergekommenen Hafengegend abscheulich nach menschlichen Ausdünstungen und Exkrementen, doch auch nach frischem Blut. Keine Menschenseele würde auf die Idee kommen, dass sich an einem solchen Ort der angesagteste Klub der Schattenwesen, das Ace of Hearts, befand. Das Crescendo ihres Herzschlags untermalte die düstere Stimmung in der abgelegenen Gasse, in der sich der Eingang befand.
   Der Klub war als alte Lagerhalle getarnt. Das war so klischeehaft, dass es fast schmerzte. Lange Zeit war vergangen, seit sie einen Fuß in den Klub gesetzt hatte. Wächter waren nicht gern gesehen, vor allem nicht, wenn sie zu einer Razzia aufkreuzten und den Laden kurz und klein schlugen. Bei ihrem letzten Besuch war eine MP5 Nuriels Eintrittskarte gewesen. Das war nichts, worauf sie stolz war. Dieses Etablissement wurde vorwiegend von Schattenwandlern aufgesucht. Selbst der Chef war ein Blutsauger und schuldete Nuriel noch einen Gefallen, weil sie bei einer Durchsuchung etwas unter den Tisch fallen gelassen hatte, das ihm ansehnlichen Ärger eingebrockt hätte.
   Im Ace ging es ausschweifend und ab und an auch blutig zu, doch die Beteiligten waren alle erwachsen und wussten, was sie taten. Meistens. Bei der Hausdurchsuchung hatte sie einen Vampir erwischt, der eine minderjährige Menschenfrau gefügig gemacht und als Longdrink missbraucht hatte. Wenn Nuriel strikt nach Vorschrift gehandelt hätte, hätte sie das Ace und seinen Besitzer Mario auffliegen lassen müssen, doch sie hatte dem Vampir zugestanden, sich um das Problem zu kümmern. Das Gedächtnis des Mädchens wurde gelöscht und der aufsässige Gast fand den wahren Tod. Was solche Vergehen anging, war Mario konsequent.
   Heute Abend hatte Nuriel die Wächtermontur gegen ein kleines Schwarzes eingetauscht. Anstelle von Armeestiefeln trug sie High Heels an ihren Füßen. Der Klang der Absätze echote von den hohen Wänden der Häuserschlucht wider, um kurz darauf von wummernden Bässen verschluckt zu werden. Ihr Outfit passte in die Lokalität, doch wem machte sie etwas vor? Die Schattenwandler witterten sie gleichermaßen, wie sie diese riechen konnte. Dessen ungeachtet lief sie zielstrebig auf den Eingang zu.
   Ein bulliger Typ, der dank Kleidung und Hautfarbe mit der Dunkelheit verschmolz, empfing sie mit einem steifen Grinsen. Die breiten Arme lagen überkreuzt vor seiner Brust. »Ohne Maschinenpistole und Armeeoutfit hätte ich dich fast nicht wiedererkannt. Dein Geruch verrät dich jedoch, Wächterin.«
   Nuriel verlagerte ihr Gewicht auf einen Fuß, kippte das Becken aufreizend zur Seite und rückte ihre langen, schlanken Beine ins rechte Licht. Sie strich ihr Haar betont lässig zurück und lächelte. Sie kannte den Türsteher, auch wenn er älter aussah. Bill war einer der wenigen Menschen, die zum engeren Kreis gehörten. Er war in die Welt der Schattenwandler eingeweiht. Der nubische Riese stand wie festzementiert vor der Tür. Sein Grinsen zog sich über sein sehr breites Gesicht bis hoch zu den Ohren. »Guten Abend, Bill«, säuselte Nuriel. Sie umklammerte mit ihren Fingern die Pailetten-Clutch in ihren Händen. »Ich müsste mit Mario sprechen.«
   Bill lachte schallend. Hinter seinem bulligen Rücken huschten zwei Gäste aus der Tür nach draußen. Ein Gestaltwandlerpärchen, das sich in eine dunkle Ecke verkrümelte. Es vergingen nur wenige Augenblicke, bis zwei prächtige, aber auf den ersten Blick ganz gewöhnliche Wölfe aus der Dunkelheit hervortraten. Bill stieß ein Seufzen aus. »Nichts als Scherereien mit den jungen Wandlern. Leute, das könnt ihr doch nicht mitten in der Stadt bringen. Geht in den Wald!« Mit einem Kopfschütteln wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Nuriel zu. »Mario sprechen. Ein guter Witz. Wo sind deine Kollegen? Ich habe dich bei den Razzien vermisst. Du warst stets ein Augenschmaus unter den Kerlen.«
   »Ich habe den Job an den Nagel gehängt.«
   »Einmal Wächter, immer Wächter. Es ist dein Geburtsrecht und deine Bestimmung, Lady.« Er zeigte auf den verräterischen Lucidumring an ihrem rechten Daumen.
   »Ich habe nicht entsagt, korrekt, doch ich bin nicht mehr als Soldatin aktiv. Soll ich meinen beruflichen Werdegang mit dir vor dem Klub erörtern? Es ist schweinekalt, Bill, und Mario schuldet mir einen Gefallen, wenn ich dich erinnern darf.«
   Er seufzte und lockerte seine verbohrte Körperhaltung. Seine Arme fielen zur Seite, als er einen Schritt auf sie zutat. »Ich muss dich filzen, Engelchen.«
   »Kein Problem. Ich habe nichts zu verbergen.« Eiskalt gelogen, aber er würde die Waffen nicht finden, die sie am Körper versteckt hatte. Dafür war Bill zu sehr Gentleman.

Nuriel hatte auf einem Hocker an der Bar Platz genommen. Es hatte sich kaum etwas verändert. Das Interieur war das gleiche. Alles in Schwarz und Rot gehalten. Sie nippte an ihrem Whiskyglas. Der Barkeeper war neu und brachte ihr ebenso viel Misstrauen entgegen wie die restliche Kundschaft. Nuriel saß wie auf dem Präsentierteller. Der Löwenanteil der Anwesenden waren Vampire, gefolgt von Gestaltwandlern und ein paar Feenblütern. Der Menschenanteil erschien ihr verschwindend gering. Die wenigen Menschen waren Eingeweihte und gehörten überwiegend zum Personal. Der junge Mann hinter der Bar mit dem wirren, sehr bunten Haarschopf und so viel Metall im Gesicht, dass ein Metalldetektor Amok laufen würde, war ein Blutsauger. Mit Argusaugen beobachtete er sie. »Hat Bill dich angewiesen, ein Auge auf mich zu haben?«
   »Was soll die alberne Sonnenbrille?«
   Seine Gegenfrage kam unvorhergesehen. »Was soll das Metall in deinem Gesicht?«
   »Was geht dich das an?«, konterte er. Die erste Verärgerung in seiner Miene wich einem anerkennenden Lächeln. »Touché. Was sucht ein Himmelswesen hier? Allein und unbewaffnet?«
   »Wer sagt, dass ich unbewaffnet bin?«
   Ihr Gegenüber lachte und schenkte ihr einen Blick aus saphirfarbenen Augen. Vor ihr stand ohne jeden Zweifel ein als Vampir geborenes Wesen. Eine Besonderheit unter den Blutsaugern. Die helle Haut, die makellose Schönheit, abgesehen von den nachträglichen Verzierungen, und die wie Neonreklame leuchtenden Iriden waren eindeutige Indizien für seine elitäre Herkunft.
   »Welche Farbe haben deine Augen? Lass mich raten: blau?«
   Nuriel genoss den Flirt mit dem halbwüchsigen Vampir. Er war nicht nur vom Aussehen her ein Jungspund. Der Geruch der Unbescholtenheit haftete ihm an. Er hatte keine Leichen auf dem Kerbholz. Die jungen Vampire versuchten, sich an das Leben unter den Menschen anzupassen und dazu gehörte, dass man diese nicht anknabberte, sondern brav Blutbeutel schlürfte. Sie umschloss ihr Glas mit beiden Händen, ehe sie aufsah. »Nicht ganz. Blau und grün.«
   »Blaugrün.«
   Nuriel lachte. »Rechts blau und links grün. Die Menschen nennen es Iris-Heterochromie.«
   »Interessant. Zeigst du es mir?«
   »Nicht beim ersten Date«, flötete Nuriel.
   »Hör auf, mit unseren Gästen zu flirten.« Das dunkle Timbre mit dem ausgeprägten Dialekt war ihr vertraut. »Hat Jamie dich belästigt, angelo mio?«
   Nur einer war so dreist und nannte sie seinen Engel. Nuriel rutschte auf dem Hocker herum und sah sich Mario gegenüber. Er trat einen Schritt vor und kam zwischen ihren Beinen zum Stehen. Der Vampir sah keinen Tag älter und immer noch verdammt heiß aus. Mario war groß und muskulös. Seine Haut hatte die Farbe von milchigem Karamell und die Augen waren dunkel wie eine sternenlose Nacht. Sein Anblick war die ein oder andere Sünde wert.
   »Ich bin überrascht und gleichermaßen erfreut, dich hier zu sehen. Du siehst gut aus.«
   Die Worte kamen wie ein samtiges Schnurren über seine sinnlichen Lippen. Sie hätte das Kompliment ohne zu schwindeln zurückgeben können. Mario sah verflixt attraktiv aus und war sich dieser Tatsache bewusst.
   »Ich habe dich noch nie in einem Kleid gesehen. Es steht dir. Was kann ich für dich tun?«
   »Können wir das privat besprechen?«
   »Mein Separee mit einem hübschen Halbengel? Verführerisch. Jan, Chris«, sagte er und nickte zu seinen Gorillas, die sich bislang diskret im Hintergrund hielten, »die Lady begleitet mich nach hinten. Wir möchten unter uns sein.«

Nuriel nahm den angebotenen Platz auf der roten Ledercouch nur zögernd ein. Es war unmöglich, auf dem niedrigen Möbelstück zu sitzen, ohne zu viel von ihren Beinen zu enthüllen.
   »Ich muss zugeben, dass ich dich im kleinen Schwarzen genauso reizvoll finde wie in der Wächteruniform.« Mario war an einen Glasschrank getreten und befüllte sein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit aus einer Karaffe. »Magst du einen Whisky?«
   »Ein Glas ist mehr als ausreichend.«
   Mario lächelte entwaffnend. »Ich vergaß. Engelgene. Du bist weder zum Trinken noch um alter Zeiten willen hier. Was kann ich für dich tun, Wächterin?« Er nahm auf dem Sessel ihr gegenüber Platz und ließ seinen Blick über ihren Körper schweifen.
   Keine kurzen Kleider. Bei ihrem nächsten Besuch würde sie definitiv wieder auf Hosen zurückgreifen. Der Rockteil rutschte derart, dass der Spitzenrand ihrer halterlosen Strümpfe hervorblitzte, und nicht nur der. Sie zupfte den elastischen Stoff über das Strumpfbandhalfter, in dem ihre Schusswaffe verborgen war.
   »Es hätte Bill klar sein müssen, dass du nicht unbewaffnet kommst.« Mario deutete forsch grinsend auf ihre Beine. »Ebenso schön wie gefährlich. Du kannst sie gern behalten. Mit dem Ding kannst du einem Vampir nicht viel Schaden zufügen.«
   Wenn der wüsste. Das Innenleben der kleinen Waffe hatte es in sich. Weihwasser und sonstige kirchliche Reliquien ließen Vampire kalt, ganz entgegen der Mythen. Die Erde eines frisch ausgehobenen Grabes war allerdings in höchstem Maße effektiv. Es tötete Vampire nicht, aber ließ selbst den stärksten Blutsauger für einige Zeit in die Knie gehen.
   »Wie lang ist es her, meine Teuerste? Es war vor Nahaliels Tod, nicht?«
   Sie hätte sich im Klaren sein müssen, dass er diese Karte ausspielen würde. Nuriel versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie stark es in ihr brodelte. »Zwei Tage vor seinem Tod. Er war damals zum ersten Mal Teil einer Razzia im Ace.«
   »Wo ihr Bruno und Gerard aufgescheucht habt. Nahaliel und … wie hieß sein Partner gleich noch mal?«
   Mario wusste genau, dass Jeremia an Nahaliels Seite gewesen war, als es ihn erwischt hatte. Es war ein Fehler, die beiden allein loszuschicken. Ihr Bruder war zu heißblütig. Er hätte einen erfahrenen Krieger als Beistand benötigt. Jeremia war ein guter Freund, doch meist mehr mit sich beschäftigt als mit seiner Aufgabe. Der ehemalige Wächter hatte an seiner Gabe zu knabbern, die ihn beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte. Sie hätte die beiden begleiten und Nahaliel im Zaum halten müssen. Nahaliel starb an jenem Tag bei einer Explosion, die auch seinen Kameraden fast das Leben gekostet hätte. Und warum? Wegen eines Gargoyles, der sich als Ganove versuchte. Nuriel ging nicht auf Marios Worte ein. Sie strich mit dem rechten Zeigefinger von ihrem nackten Knie bis zum Saum des Kleides. Sie wusste, wie der Vampir tickte. Bei Sex setzte sein Verstand aus. In dem Punkt waren Männer aller Gattungen gleich. Beiläufig griff sie mit der anderen Hand in ihren Nacken und strich über den gestreckten Hals bis zur Mulde ihres Busens. Bei Blutsaugern spielte der Faktor Blut obendrein eine gewaltige Rolle. Der Lebenssaft von Himmelswesen war nicht nahrhaft, aber ein Leckerbissen.
   »Verlockend, cara mia. Ohne die Würgemale an deiner Kehle würde ich die Einladung direkt annehmen. Wer ist denn der Glückliche?«
   Nuriel stöhnte. Dieser Engel kam ihr selbst hier in die Quere. »Ist bei der Arbeit passiert.«
   »Ich dachte, du wärst Heilerin?«
   Mit ihren sexuellen Reizen konnte sie Mario nicht mehr bezirzen. »Verletzte Himmelswesen können äußerst wehrhaft sein, aber deswegen bin ich nicht gekommen. Deine Schuld.«
   Das soeben noch auf seinem Gesicht liegende Lächeln erstarb. »Darum geht es dir?«
   »Du bist ein Ehrenmann«, rief sie ihm ins Gedächtnis. »Ich will nichts von großem Wert. Nicht deinen Erstgeborenen oder deine Seele.«
   »Kommen wir jetzt auf die Böse-Engel-Schiene? Steht dir nicht, Engelchen. Sag, was du willst, und ich sage dir, ob ich dir weiterhelfen kann.«
   »Gerard«, erwiderte Nuriel so nichtssagend wie möglich.
   Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. »Das ist ein Scherz, Wächterin«, donnerte er.
   Seinen Charme hatte er zügig weggepackt. Nun mimte er den großen, gemeinen Vampir. Die Iriden glimmten rubinrot. Seine Stimme klang voller und andersartig, was an den verlängerten Vampirzähnen in seinem Mund lag. Lange perlweiße Fangzähne blitzten auf. Jackpot. Sie hatte ihn aus dem Konzept gebracht und ihren Finger punktgenau auf eine offene Wunde gelegt.
   »Du weißt nicht, was du verlangst. Es ist nur ein Gerücht, dass er wieder da ist.« Seine Stimme bebte und das rechte Augenlid zuckte unwillkürlich. Er log.
   Nuriel faltete ihre Hände. Sie beugte sich vor und warf Mario einen unverschleierten Blick über den Rand der Sonnenbrille zu. Sein Kiefer klappte nach unten und er starrte sie an, wie die Maus den Beutegreifer. Einmal in ihrem Blick gefangen, konnte sich ihr Opfer nicht mehr daraus befreien. Nur sie war in der Lage, die unselige Verbindung zu unterbrechen. Es sollte nur ein kleiner Vorgeschmack ihrer Gabe für Mario sein, daher hob sie mit einem Lächeln den Kopf und entließ ihn aus ihrem Visus. »Du denkst, Gerard sei gefährlich. Ich brauche mir nicht einmal meine Hände schmutzig zu machen, um deine schlimmsten Albträume Realität werden zu lassen.« Marios Mund formte ein Oval. Sein vormals gebräunter Teint war aschfahl. »Wo ist Gerard?« Er schluckte. Sein Adamsapfel hüpfte wie ein Pingpongball auf und ab. Er hatte Angst, ob es ihr oder Gerard geschuldet war, konnte sie nicht deuten. »Wir sind im Anschluss daran quitt. Ich werde dich nicht als Quelle nennen.«
   »Du hast den bösen Blick.«
   Nuriel ließ die Schultern nach unten sacken. Böser Blick war eine gern genutzte Umschreibung für ihre Gabe, wenn auch falsch. Sie gab nur das Unheilvolle wider, das in den Herzen der Wesen verborgen lag. Seelenspiegel. So hatten die alten Wächter es ehrfürchtig genannt, bevor sie Nuriel aus der Gemeinschaft aussonderten. Sie schüttelte den Kopf. »Ich zeige dir nur die Reflexion deiner pechschwarzen Seele.« Ein Lächeln schoss in ihr Gesicht. Es war wohl so grausig, dass Mario einen Schritt zurücktorkelte und über seine Füße stolperte. »Und?«
   »Er ist hier.«
   »In der Stadt?«
   »Im Ace. Er hat ein Zimmer oben in den Privaträumen genommen. Zwei Blutwirte sind bei ihm. Er wollte nicht gestört werden.«
   »Danke. Und Mario?« Ängstlich wartete ihr Gegenüber auf ihre Anweisung. »Komm mir nicht in die Quere. Ich will weder dir noch einem deiner Männer wehtun.« Mit einem gezielten Haken schaltete sie ihn aus. Nur um sicher zu sein, verpasste sie ihm einen Schlag mit beiden Fäusten in den Nacken. So konnte er seine Hände in Unschuld waschen und lief ihr nicht zwischen den Füßen rum.

Nuriel öffnete den Hintereingang von Marios Büro. Die Luft war rein. Seine Leibwächter warteten wahrscheinlich brav vor dem Haupteingang. Sicher rechneten die beiden nicht im Traum damit, dass sie Mario ausgeschaltet hatte. Mario lag fein säuberlich geknebelt und zu einem Paket verschnürt auf seiner roten Ledercouch. Sie hatte dafür die Kordeln des Vorhangschals zweckentfremden müssen. Er ruhte nach wie vor in Morpheus Armen und würde auch so schnell nicht zu sich kommen. Bevor sie auf den Flur trat, wurde sie die High Heels los. Leider waren diese nicht nur unbequem, sondern verursachten zusätzlich einen Heidenkrach.
   Sie verfluchte die gewagte Wahl ihres Outfits. Genutzt hatte es kein bisschen. Ihre Reize hatten Mario nicht dazu gebracht, zu singen wie ein Vögelchen. Die benötigten Infos hatte sie dennoch bekommen. Sie zog die Sonnenbrille aus und steckte sie in den Ausschnitt ihres Kleides. Barfuß schlich sie über die kalten Bodenplatten nach rechts bis zu der Tür, die zum Treppenhaus führte. Sie kannte diesen Ort dank der Razzien wie ihre linke Westentasche. Hoffentlich hatten sie in den letzten drei Jahren keine größeren Umbaumaßnahmen vorgenommen. Nuriel legte eine Hand auf die Klinke und drückte die Fluchttür auf. Weit und breit schien niemand zu sein. Das Treppenhaus war nur dürftig ausgeleuchtet. Ideal, um sich anzuschleichen. Nuriel glitt die Treppen hinauf, nahm immer zwei Stufen auf einmal, bis sie das nächste Stockwerk erreichte und vor einer weiteren Tür landete.
   Dieses Mal vernahm sie gedämpfte Stimmen durch das Türblatt. Es waren lediglich einige Fetzen Französisch, die sie verstand, doch es genügte, um sicher zu sein, dass es sich um Brunos Gefolge handeln musste. Nuriel schob den Saum ihres Rocks nach oben und griff nach der kleinen Waffe in ihrem Halfter. Sie ging davon aus, dass es sich bei den Männern um Schattenwandler handelte. Bruno akzeptierte keinen Menschen in seinem Gefolge. Der Gargoyle umgab sich bevorzugt mit Vampiren oder Wandlern. Seinesgleichen mied er. Seine Art war territorial. Männliche Vertreter duldeten selbst ihre Söhne nur bis zum Erreichen des Erwachsenenalters. Gerard war ein Blutsauger, und sofern ihre Sinne sie nicht im Stich ließen, rochen die Typen hinter der Tür nach Vampir. Und da sie die beiden riechen konnte …
   Die Tür flog auf und hätte sie beinahe erwischt, wenn sie nicht mit einem Satz zurückgesprungen wäre. Wie ein wütender Bulle stürmte einer der Männer auf sie zu, während sich Nummer zwei im Hintergrund hielt. Mit voller Wucht warf er sie zu Boden und begrub sie unter seiner beachtlichen Masse. Der Kerl war ein Koloss. Nuriel schmetterte mit dem Hinterkopf auf den Steinboden. Ihre Kiefer schlugen schmerzvoll aufeinander. Die Waffe fiel ihr aus der Hand und schlitterte aus ihrer Reichweite.
   Das lief anders als erwartet. Der Mann riss ihren Kopf zur Seite und legte den Hals frei. Aus den Augenwinkeln sah sie seine Reißzähne aufblitzen. Nicht in diesem Leben. Die Panik verlieh ihr den nötigen Antrieb. Sie zog ein Knie hoch und erwischte ihren Angreifer an seiner empfindlichsten Stelle. Er stöhnte auf, blieb jedoch wie ein Zementsack auf ihr liegen. Wenigstens konnte sie ihren Kopf herumreißen. Das war ausreichend. Ihr Blick traf den des dunkelhäutigen Mannes. Sein lautes Stöhnen verebbte im Handumdrehen und er starrte ihr gebannt in die Augen. »Geh von mir runter.«
   Er folgte willenlos und rollte sich seitwärts weg. Mit einem tonlosen Schrei riss er die Hände an die Seiten seines Schädels. Gefangen im Grauen seiner Taten spiegelten sich Höllenquallen auf seiner Mimik wider. Nuriels schlechtes Gewissen hielt sich in Grenzen. Sie hatte ihn nur eine verschwindend geringe Kostprobe ihrer Gabe spüren lassen, dadurch behielt er keinen dauerhaften Schaden zurück. Es war link, doch in der Liebe und im Krieg waren alle Mittel erlaubt. Sie trat mit voller Wucht gegen das Kinn des am Boden liegenden Vampirs. Er war ausgeschaltet und würde, sobald er in einigen Stunden aufwachte, den dicksten Kater seines Lebens verspüren. Sie sah sich prompt ihrem zweiten, Gott sei Dank kleineren Widersacher gegenüber.
   »Fichtre!« Weitere französische Flüche folgten. Der rattengesichtige Blutsauger bleckte die Zähne und offenbarte riesige Fänge.
   Verdammt, der Kerl war wahrlich kein Augenschmaus in seiner vampirischen Aufwallung. Er war furchterregend und hässlich wie die Nacht. Im Gegensatz zu seinem bulligen Kollegen mied er jedoch den Nahkampf. Nuriel sah ein Wurfmesser auf sich zufliegen und warf sich zur Seite. Ihr linkes Schultergelenk knirschte unter der Wucht des Aufpralls, als sie die Wand touchierte und auf dem Hintern landete. Der Schmerz schoss von der Schulter bis in die Fingerspitzen und hinterließ ein taubes Gefühl. Zum Glück war die Waffe wieder in Reichweite, die sie sich umgehend schnappte und auf den Mann richtete.
   »Attention! Gardien, Razzia«, brüllte Rattengesicht.
   Anschleichen konnte sie jetzt vergessen. Sie legte an und drückte ab. Der Bauchschuss saß perfekt und fällte den Blutsauger wie einen Baum. Nuriel rappelte sich auf und stürmte durch die Tür.
   »Bringt ihn schnell weg«, rief einer von Marios Leuten.
   Flankiert von einem Tross Sicherheitsleuten wurde die Ratte von Gerard zum Vordereingang geleitet. Keine Chance, zu ihm durchzudringen. Ehe sie einen Schuss abgegeben hätte, läge sie bereits am Boden. Es sei denn … »So ist das also, Gerard? Du machst dir vor einer einzelnen Wächterin vor Angst in die Hose?« Sie wusste, dass sein Ego weitaus stärker ausgeprägt war als sein Intellekt. »Keine Razzia. Nur ich.«
   Der Pulk stoppte. »Nuriel?« Gerard bahnte sich seinen Weg durch die Sicherheitsmänner. Seine Neugier war anscheinend geweckt. »Du hier? Ich bin überrascht. Ich dachte, du wärst tot.« Überraschung trat in seine Züge.
   Wie Nahaliel. Dass sie an jenem Tag nicht beim Einsatz dabei gewesen war, hatte er nicht gewusst. »Nicht tot.« Sie trat einen Schritt auf ihn zu und sah sich zig Waffenmündungen entgegen.
   »Nicht schießen«, befahl Gerard. »Wie hast du es geschafft, aus dieser Feuerhölle zu entkommen?«
   »Jeremia hat es ebenfalls überlebt.«
   »Ja, das hörte ich bereits. Ebenso das ganze Drumherum. Er ist befördert worden. Und du? Du bist immer noch eine Wächterin. Wie armselig.«
   In seiner Überheblichkeit versuchte er, sie zu provozieren und zu einem Fehler zu verleiten. Sie würde nicht auf ihn schießen. Er musste nur ihren Blick erwidern, und schon hätte sie ihn. Keiner dieser Idioten würde etwas bemerken, ehe es zu spät war, doch dieser feige Mistkerl konnte ihr nicht einmal in die Augen sehen, während er sie verhöhnte. Nuriel atmete laut ein und tat einen weiteren kleinen Schritt auf ihn zu. »Armselig? Ich? Du Würstchen versteckst dich hinter Bodyguards. Hier bin nur ich. Es ist keine Falle.«
   Gerard lachte und wurde mutig. Endlich hob er den Blick. Der Franzose hatte sich nicht verändert, weder körperlich noch in seinem Verhalten. Anmaßend und überheblich. Der Vampir hatte etliche Jahrhunderte auf seinem Buckel und in seinem lang währenden Leben viel Leid verursacht. Ein kurzer Blick würde genügen, um ihn die Härte seiner Vergehen fühlen zu lassen.
   Die Genugtuung, die Nuriel verspürte, brandete in einer euphorisierenden Welle über sie hinweg. Endlich würde dieses Monstrum bekommen, was es verdiente. Ihr Herz schlug schneller, als sein blasiertes Grinsen verschwand und seine Züge zu einer starren Maske gefroren. Sie genoss den Triumph, bis sich Gerard schüttelte und ihrem Blick entzog. Das konnte nicht sein.
   »Le mauvais œil«, stammelte der Mistkerl. »Knallt das Miststück ab!«
   Nuriel rotierte um ihre Achse und gab Fersengeld. Ihr blieb nur noch die Flucht. Die Kugeln flogen ihr um die Ohren. Trotz des beißenden Schmerzes in ihrer Wade, als ein Geschoss sie traf, hetzte sie weiter. Das war gründlich in die Hose gegangen. Sie hastete die Treppen nach unten bis ins Kellergeschoss. Nuriel wählte absichtlich nicht den direkten Weg. Die Tür ins Untergeschoss war offen, doch sie rannte in einen Vampir, der praktisch hinter der Tür stand, und riss ihn mit sich zu Boden. Sie kam buchstäblich vom Regen in die Traufe. Nuriel sah sich saphirfarbenen Augen unter dem kunterbunten Haarschopf entgegen. Sie senkte den Blick.
   Der junge Mann zog sie unvermittelt auf die Beine. »Du hättest nicht herkommen sollen. Hau ab!«
   Nuriel verstand die Welt nicht mehr. Nicht, dass sie sich beschweren wollte, doch warum half er ihr? Sie blieb wie angewurzelt stehen. »Wer bist du? Wieso …?«
   »Keine Zeit.« Er schob sie mit sanfter Gewalt über den dunklen Abladeplatz, der sich hinter dem Klub befand.
   »Ich …«
   »Okay, Lady. Unter der Voraussetzung, dass du dein Hinterteil endlich wegschwingst, verrate ich es dir. Ich bin im Auftrag des Rates der Vampire hier. Ich soll ein Auge auf die Jungs haben. Alasdair sucht Beweise für Marios illegale Machenschaften. Und jetzt hau ab!«

Kapitel 4

Zadkiel hörte das Geräusch eines Schlüssels im Türschloss, kurz, bevor das Licht im Flur angeknipst wurde. Es war dunkel und mitten in der Nacht, doch er war hellwach und fühlte sich wieder gut. Mehr denn je verfluchte er sein Menschsein und vor allem die körperliche Schwäche, die dieser Zustand mit sich brachte. Von einer Sekunde auf die andere hatte er physisch so stark abgebaut, dass er das Bewusstsein verlor. Und das, nachdem er überzeugt gewesen war, das Gröbste geschafft zu haben.
   Sein Gehörsinn war schlechter als früher, aber er vernahm ein leises, schmerzvolles Stöhnen. Schritte waren auf dem Flur vor dem Schlafzimmer zu hören. Das Licht im Bad gegenüber erhellte den Korridor und fiel durch den Spalt der angelehnten Tür in den Raum. Ein unterdrücktes Keuchen drang an seine Ohren. Was zur Hölle ging vor sich? Er ruckelte an seinem am Kopfteil fixierten Handgelenk. Es tat sich nichts. »Nuriel?« Er ächzte. Seine Stimme war rau vom Schlaf und er lechzte nach Flüssigkeit. Der Hals schmerzte, dennoch rief er abermals und lauter nach ihr. Das Geräusch von laufendem Wasser stoppte und die Tür wurde aufgeschoben.
   Nuriel umklammerte mit beiden Händen das Türblatt. »Brauchst du Hilfe?«
   »Nein, ich dachte nur …« Trotz der Dunkelheit erkannte er den Ausdruck von Schmerz auf ihrem Gesicht. Sie hielt sich offensichtlich an der Tür fest, weil sie sich ohne das Hilfsmittel nicht mehr auf den Beinen halten konnte. »Was ist passiert?«
   »Ich habe Mist gebaut.« Tränen schwangen in ihrer Stimme mit. Sie lehnte die Stirn gegen den Rahmen. »Du kannst nicht bleiben. Er wird mich suchen. Ich muss weg.«
   »Wer?« Alle Alarmglocken schrillten bei ihm.
   »Einer der Männer, die meinen kleinen Bruder getötet haben. Ich … ich wollte ihn stellen und habe es vermasselt.«
   Zadkiel pfiff leise. Sie hatte auf eigene Faust versucht, den Kreis des Gargoyles hochzunehmen. Er war hin- und hergerissen, ob er sie für ihren Heldenmut loben oder wegen der Schwachsinnstat rügen sollte. »Bruno hat Nahaliel in eine Falle gelockt.«
   »Es war Gerard, aber sie waren auf der Suche nach dem Wasserspeier.« Sie nickte abgehackt.
   »Er ist hier?« Er vernahm ihr unbestimmtes Nicken.
   »Ich setze mich mit dem Wächterrat in Kontakt. Sie sollen jemand schicken, der dir hilft. Gewiss werden sie mein Gesuch nicht ablehnen. Ich muss gehen.«
   »Und dann?«
   »Was interessiert es dich? Du kennst mich nicht! Ich wende mich an Cassiel.«
   »Nein«, widersprach er entschieden. »Ich kenne dich nicht, aber ich kann mir denken, was passiert ist. Du wolltest für den Tod deines Bruders Vergeltung und warst so verblendet, dass es in die Hose ging. Glaub mir, wenn einer weiß, was Rache anrichten kann, bin ich es. Es zerstört einen, langsam und Stück für Stück. Dein Seelenheil bleibt auf der Strecke.« Hatte er gerade vor einer wildfremden Frau sein Innerstes nach außen gekehrt? Es mussten die Medikamente sein, die seinen Verstand so durcheinanderbrachten. Nie und nimmer lag es an der bildhübschen Wächterin. Sie trat einen Schritt ins Zimmer, und ihm stockte der Atem in zweierlei Hinsicht. Ihr fraulicher Körper steckte in einem sündhaft kurzen und eng anliegenden Kleid. Der Saum war ein wenig nach oben gerutscht und entblößte den breiten Spitzenrand ihrer halterlosen Strümpfe. Verletzt hin oder her, ihm Schoss die Lust wie ein Bolzen in die Lenden. Verflucht. Die Frau war heißer als die Sonne. Sein Blick wanderte nach oben und blieb an dem tiefen Ausschnitt hängen, der ihr prachtvolles Dekolleté vorzüglich zur Geltung brachte. Ihr Gesicht … Moment. Ihr kupferfarbenes Haar war zerzaust und im schalen Licht erkannte er, dass ihr schwarzes Augen-Make-up dunkle Spuren auf ihren Wangen hinterlassen hatte. Sie stolperte und fiel neben dem Bett auf die Knie. Lebhaft vernahm er nun ihr Schluchzen. Mühselig rappelte sie sich auf. Wo sie zuvor gekniet hatte, fand sich ein dunkler Fleck auf dem Teppich. »Bist du verletzt?«
   »Die Kugel ging durch den Muskel. Es ist nicht schlimm.« Ihren Worten zum Trotz hinkte sie stark auf dem Weg um das Bett herum. Sie öffnete die Handschelle. »Wir hatten einen Deal. Ich hoffe, du hältst dich an unsere Abmachung.«
   Zadkiel nutzte die gewonnene Freiheit, um sich aufzurichten. »Was hat dir dein Rachefeldzug gebracht?«
   »Hör auf.« Sie massierte ihre Schläfen. »Ich brauche keine Belehrung von dir. Nicht von einem Racheengel.«
   »Du kannst mir Glauben schenken, wenn jemand weiß, was Vergeltung anrichtet, dann ich. Du bist eine Heilerin und weißt nicht …«
   »Das weiß ich sehr wohl! Ich bin nicht immer Heilerin gewesen.«
   »Wir haben alle unsere Gaben entsprechend unserer Berufung erhalten.«
   »Glaubst du den Scheiß etwa, den du sülzt?« Nuriel reckte ihm die Handgelenke entgegen.
   Er kannte die Zeichen der Wächter in Form von paarigen Flügeltätowierungen an ihren Pulsen. Dass sie Rafaels Schwert auf dem Unterarm trug, ließ ihn ehrfürchtig erschaudern. Er hatte zu den Kriegern Michaels gehört, doch als Halbengel erwählt zu werden, noch dazu als Frau, war eine besondere Ehre. »Ich bin Kriegerin und war eine der Besten. Du weißt überhaupt nichts von mir, Zadkiel. Ich hätte mich früher meiner Bestimmung entziehen müssen. Möglicherweise hätte Nahaliel nie meinem Vorbild nachgeeifert. Er war der Heiler von uns. Ich die Kämpferin. Nach seinem Tod wollte ich nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen. Das ist wohl hinfällig.« Ihren trotzigen Worten ungeachtet weinte sie bitterlich.
   »Lass mich nach deiner Verletzung sehen, auch wenn ich kein Heiler bin, nicht einmal ein Himmelswesen.« Er erwartete nicht, dass sie sich helfen ließ, doch sie knipste die Lampe auf dem Nachttisch an und nahm auf dem Bettrand Platz. Umständlich hob sie ihr verletztes Bein auf die Matratze. Ihr warmer, ungemein weiblicher Körper war Verlockung pur. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er sie gepackt, auf den Rücken geworfen und ihr das Hirn rausgevögelt. Seine Zurückhaltung ihr gegenüber war nicht seiner Verletzung geschuldet, sondern lag daran, dass Nuriel ungeachtet ihrer Vorgeschichte ein sensibles Wesen besaß. Am liebsten hätte er sie tröstend in den Arm genommen, doch das hätte sie in ihrer Ehre gekränkt.
   »Du gehst mir aber nicht wieder an die Gurgel?« Nuriel lachte schal. »Das hätte ich mir überlegen sollen, bevor ich dich befreit habe.«
   »Ich möchte dir nicht wehtun.« Er richtete sich weiter auf und beäugte sie von der Seite. Ihr linkes Auge war nicht durch die farbverändernde Kontaktlinse geschützt. Sie mied stets den Augenkontakt, sobald sie die Linse nicht trug. Sein Bauchgefühl versicherte unstreitig, dass es kein optischer Mangel war, den sie zu verbergen suchte. In die Armee der Erzengel wurde man nicht wegen seiner hübschen Augen aufgenommen. Er würde nicht nachfragen, denn sie würde nicht antworten. Zadkiel legte seine rauen Fingerkuppen auf die filigrane Spitze. Er spürte ihre schlanken, muskulösen Beine unter dem Stoff. Bilder traten vor sein inneres Auge. Fantasien, in denen er ihr die Strümpfe genüsslich langsam mit den Zähnen auszog. Contenance. Er musste bei der Sache bleiben und nicht in Träume abdriften, die niemals Realität werden würden. »Soll ich den Strumpf ausziehen?« Er wartete ihre Antwort nicht ab, schob den Daumen zwischen das eng anliegende Band und den Oberschenkel. Die Berührung ihrer Haut war famos. Samtig weich, glatt und dennoch stählern. Er wollte den Strumpf nach unten streifen, doch sie hielt mit einem Zischen sein Handgelenk fest. Sie drängte seine Handfläche resolut beiseite, griff mit beiden Händen nach dem Bund und zerriss mit ihrer übermenschlichen Kraft den lästigen Stoff. Er konnte nur daran denken, wie gern er das getan hätte.
   »Schade um die guten Strümpfe. Sie waren sündhaft teuer.«
   Nicht nur sündhaft teuer. Er leckte sich die Lippen. Ohne das Beinkleid war ihr verboten langes Bein noch verführerischer. Diese Frau löste Empfindungen in ihm aus, die ihm völlig fremd waren. Diese Gefühle gingen über sexuelle Begierde hinaus. Seine Fingerkuppen kribbelten an der Stelle, wo sie ihre Haut berührten. Es reizte ihn, Nuriel zu streicheln, doch er verbot es sich. Mit seinen der Situation unangemessenen Liebkosungen hätte er sie aufgescheucht. Zärtlichkeiten waren überdies nicht sein Spezialgebiet. Er war ein Experte darin, anderen Schmerzen zuzufügen, aber nichts lag ihm ferner, als der attraktiven Wächterin etwas zuleide zu tun.
   »Ich kann das versorgen.« Nuriel lenkte seinen Blick auf die Schusswunde in ihrem rechten Oberschenkel. Ein etwa eurostückgroßer Schusskanal durchbohrte den seitlichen Muskel. Es sah ungemein schmerzhaft aus. Zudem machte ihn die flüchtige Schonhaltung ihres linken Arms misstrauisch. »Was ist mit deiner Schulter?«
   »Nichts.« Ihre Lüge klang kaum überzeugend.
   »Dann hast du nichts dagegen, wenn ich es mir ansehe.« In der halbseidenen Dunkelheit der Nachttischlampe schob er den Träger ihres Kleides von der Schulter.
   Sie entzog sich der Berührung mit einem zischenden Schmerzlaut und wandte ihm den Rücken zu. »Es ist halb so wild.«
   In diesem Punkt konnte er ihr mitnichten zustimmen. Ihr Gelenk und Teile ihres zarten Rückens waren dunkelviolett verfärbt. »Das ist eine fiese Prellung.«
   »Als ob ich das nicht wüsste. Ich bin die Heilerin von uns.«
   »Aber erst im zweiten Werdegang.«
   Nuriel kicherte gekünstelt. »Ich muss die Wächter um Hilfe bitten. Du solltest nicht bei mir sein, wenn Gerard auftaucht, und das wird er.«
   »Lass mich dir zuerst helfen, dein Bein zu versorgen und dann sehen wir weiter. Du musst Cassiels Beistand nicht meinetwegen ersuchen. Tu es um deinetwillen.«
   Mit einem Seufzen ergab sie sich ihrem Schicksal.

*

Seine Fürsorge war absonderlich, doch rührte ihr Herz. Zadkiel behandelte sie pfleglich wie ein rohes Ei. Seine Berührungen waren obgleich seiner schwieligen Hände sanft und zurückhaltend. Ein derartiges Feingefühl hatte sie ihm nicht zugetraut. Mit einer mit Desinfektionsmittel getränkten Kompresse säuberte er die Verletzungen an ihrem Oberschenkel. Es war nicht zu vermeiden, dass es ziepte, und jedes Mal, wenn sie zuckte, hielt er für eine Sekunde inne.
   »Reichst du mir frische Mullauflagen, damit ich die Wunde abdecken kann?« Seine dunkle Stimme glitt wie rauchig-sanfter Whisky durch den Raum.
   Nuriel sollte besorgt sein, aber in seiner Nähe fühlte sie sich sicher. Schwachsinnig. Im Vollbesitz seiner Kräfte hätte er sie schützen können, doch der Racheengel war ein Mensch und verletzt. Und warum sollte er ihr den Rücken freihalten? Unterdessen sie darüber sinnierte, berührte Zadkiel mit einer Sanftheit ihren Nacken, die ihr wohlige Schauder die Wirbelsäule hinabrieseln ließ. Dass er zu einer solchen Zärtlichkeit fähig war, verstärkte das genüssliche Prickeln, das seine Berührungen auslösten. Himmelherrgott! Sie durfte nicht so empfinden. Waren ihr alle Überlebensinstinkte flöten gegangen?
   Seine Fingerspitzen wanderten ihren Nacken hinab, tasteten jeden Wirbel einzeln ab. Es war falsch. Sie flüchtete vor seiner Berührung, um das Verbandmaterial vom Tisch zu nehmen. Dort, wo zuvor seine Haut ihre berührt hatte, spürte sie behagliche Wärme. Sie riss das Päckchen auf und klebte die Kompresse auf die Eintrittswunde. Mit der Austrittswunde verfuhr sie gleichermaßen. Schlagartig fühlte sie sich unwohl unter seinem stechenden Blick. Was zum Geier wollte er von ihr? Er war ein Mensch und … Die Erkenntnis traf sie wie ein Hammerschlag. Nuriel würde auf keinen Fall das Kindermädchen für ihn spielen. Den Schuh zog sie sich nicht an. »Du solltest versuchen zu schlafen.« Der eisige Klang ihrer Stimme sollte ihm seine Grenzen aufzeigen, doch was tat Zadkiel? Er grinste rotzfrech.
   »Du solltest dich ebenfalls ausruhen.«
   »Du liegst in meinem Bett.«
   »Ich rutsch gern ein bisschen zur Seite, damit du dich hinlegen kannst.«
   Hatte er das gerade allen Ernstes gesagt? Nuriel sprang von der Matratze auf, so hastig, dass ihr schwindlig wurde. Sie musste nur kurz zu Atem kommen. Diese läppische Schusswunde durfte sie nicht derart stark einschränken. Sie holte zitternd Luft. Nicht nur sein Ruf als gnadenloser Racheengel eilte ihm voraus. Zadkiel wollte mit ihr in die Kiste. So gut ging es ihm bereits. Er war kein Kostverächter in sexueller Hinsicht und berühmt-berüchtigt für seine fleischlichen Eskapaden. Vorausgesetzt, dass man auf die harte Tour stand. Ihr Ding war es nicht. Selbst dann nicht, wenn ihr kein größenwahnsinniger Gargoyle samt seiner Entourage nach dem Leben trachten würde. »Ich nehme die Couch.« Sie ging zur Tür. Eine Hand lag bereits auf der Klinke. So einladend der Gedanke war, sich an seinen warmen, männlichen Körper zu schmiegen, sie durfte diesem irrwitzigen Verlangen nicht nachgeben. »Morgen, in aller Früh, werde ich den Rat kontaktieren und um Hilfe bitten.«

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