Sei stets wachsam. Hinterfrage alles. Sieh ihnen niemals direkt in die Augen. Nach dem Tod ihres Mentors arbeitet Madison weiterhin für die Untergrundorganisation Absecon. Durch ihre Beziehung zu Nicolae ist ihr Leben untrennbar mit der Welt der Vampire verbunden. Die kommt ihr plötzlich näher, als ihr lieb ist, denn Nic und Madison werden auf eine abgelegene Insel entführt. Eine Jagd auf Leben und Tod beginnt, bei der Madison alles anwenden muss, was sie bei Absecon gelernt hat. Doch dieser Kampf lässt sich nicht nur mit Waffen schlagen. Madison muss auch ihr Vertrauen in Nic wiederfinden, wenn sie überleben will …

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ISBN: 978-9963-52-933-9

Seiten: 405

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Stephanie Linnhe

Stephanie Linnhe
Stephanie Linnhe wuchs im nördlichen Ruhrgebiet auf. Nach einer Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin studierte sie Publizistik, Skandinavistik und Sozialanthropologie in Bochum und Kopenhagen. Im Anschluss ging sie für ein Jahr nach Australien und arbeitete als Story Writer für Sensory Image Pty Ltd sowie als Tourguide mit Schwerpunkt in Sydney. Zurück in Europa, führten mehrere Projekte sie in die Schweiz und nach England, bis sie schließlich 2008 in die Welt der Computerspiele eintauchte. Seitdem kümmert sie sich um die Texte eines Karlsruher Onlinespiel-Anbieters und schreibt nebenher für Zeitungen und Zeitschriften.

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Leseprobe

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Prolog
Januar 2026, Insel Balta, Schottland

Niemals zuvor hatte ein grauer Stein so viel bedeutet wie in diesem Augenblick.
   Der Findling ragte schräg in den Himmel, an seiner Spitze nahezu hüfthoch. Hinter ihm glitzerte die Wasserlinie rhythmisch im Licht des Leuchtturms. Das schlanke Gebäude wirkte verhältnismäßig neu und schien nur dem Zweck zu dienen, sie zu verhöhnen oder in eine Falle zu locken. Dieses Leuchtfeuer prophezeite gewiss nicht ihre Rettung, und es würde auch kein Schiff darauf zuhalten. Leslie hatte nicht einmal ein Fischerboot gesehen, seitdem sie auf der Insel aufgewacht war, mitten im Nichts, halb erfroren mit feuchtem Gras an den nackten Beinen und Erdklumpen unter den Nägeln. Niemand war hier außer ihr, Abby – und ihnen. Und sie brauchten keinen Leuchtturm, kein Licht. Nur Wärme. Ihre Wärme.
   Am liebsten hätte Leslie geschrien. Sie biss fest auf die Fingerknöchel, sodass die Schneidezähne durch die Haut drangen, starrte in die Dunkelheit und anschließend erneut auf den Stein. Er lag auf halbem Weg zum Wasser, maximal zwanzig Schritte, wenn sie rannte. Nur ein Felsbrocken, doch vielleicht half er, sich zu retten. Und damit bedeutete er die Welt.
   Drei. Bis drei zählen und dann los.
   Selbst die Gedanken schienen zu zittern, ihre Haut war schweißbedeckt. Sie hatte Mühe, sich auf die Ziffern im Kopf zu konzentrieren. Sie sprangen durcheinander, verwirrten sie, und immer, immer wieder schob sich Abbys Gesicht dazwischen: das Blut auf ihren Wangen, durch das helle Haut schimmerte, und das Blut am Hals, durch das es ebenfalls hell schimmerte, nur, dass dies keine Haut war. Abby hatte es nicht geschafft. Sie hatten ihre Freundin am Leuchtturm gestellt und sie umkreist wie Hyänen, sie von einem zum anderen gestoßen, als wäre alles nur ein Spiel. Abby war die Läuferin von ihnen gewesen, die Sportliche. Leslie war ihr keuchend gefolgt, seitdem sie auf der Insel aufgewacht waren, wie sie ihr gefolgt war, seitdem sie sich im Auffanglager kennengelernt hatten. So nannten sie die Anstalt für Jugendliche, die keine Familie mehr besaßen, aber noch zu jung waren, um allein zu leben.
   Leslie hatte noch Hoffnung gehabt, als sie Abby erwischten, doch diese war mit jedem Geräusch ein Stück gestorben. Dem Lachen der Männer. Abbys Flehen, das sich allmählich in Schreie verwandelte. Dem Reißen, von dem Leslie viel zu spät begriffen hatte, dass es Abbys Haut war. Sie hatte weiterlaufen wollen, Abby helfen, doch sie konnte nicht. Als die Männer ihr Opfer von sich schleuderten und das Licht des Leuchtturms über Abbys Gesicht streichelte, hatte Leslie in die leeren Augen gestarrt. Man sagte stets, sie brachen, doch eigentlich froren sie ein. Leslie hatte kein zweites Mal hinsehen müssen, um zu wissen, dass Abby tot war. Endlich hatte sie rennen können.
   Die Männer hatten sie nicht verfolgt, dafür ihr Gelächter und das Bild ihrer schrecklichen, blutverschmierten Gesichter über Abbys leblosem Körper.
   Leslies mangelnde Kondition hatte sie zuvor gerettet, doch nun rächte sie sich. Stiche tobten durch ihre Seiten bis hinab zur Hüfte, und ihre Lungen fühlten sich an, als wären sie mit Rasierklingen gespickt. Zudem war ihr so unwahrscheinlich kalt.
   Nur zwanzig Schritte.
   Sie konnte sich hinter dem Findling zu Boden fallen lassen und verschnaufen. Ab dort war es nicht mehr weit bis zum Wasser. Sie würde sich einfach hineinwerfen und schwimmen, bis sie nicht mehr konnte. Vielleicht würde sie es nicht bis zum nächsten Ufer schaffen, wo auch immer das war. Doch lieber ging sie unter, kalt und allein, als von diesen Bestien zerfleischt zu werden. Der Plan war simpel und brachte ihre Entschlossenheit zurück. Abbys leblose Augen verschwanden aus ihren Gedanken und versanken in ihren Erinnerungen.
   Eins.
   Rennen, bis zwanzig zählen, ausruhen, nochmals zählen, Sprung, schwimmen. Es war ganz einfach.
   Zwei.
   Die Rasierklingen waren nicht verschwunden, aber stumpfer geworden. Die Stiche in ihrem Körper verrieten Leslie, dass sie lebendig war. Und fast bereit.
   Drei!
   Während sie aufsprang und mit so viel Kraft losrannte, dass sie auf dem Untergrund ausglitt, glaubte sie, eine Bewegung wahrzunehmen. Der Wind schlug ihr entgegen. Sie schluchzte laut auf, und die Angst, mitten im Lauf zurückgerissen zu werden, trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie würde sterben, so wie Abby, flehend und schreiend und gurgelnd, wenn das Blut ihre Kehle füllte. Sie brauchte Zeit, mehr Zeit, irgendwoher.
   Der Stein wurde größer, breitete sich vor ihr aus und verdeckte einen Teil des Wassers. Seine Oberfläche schien silbrig zu glitzern. Versprach er ihr Hilfe oder verhöhnte er sie ebenfalls?
   Weinend ließ sich Leslie fallen und krallte die Fingernägel so heftig in die raue Oberfläche des Findlings, dass mindestens die Hälfte von ihnen brach. Das Stechen an den Fingern fügte sich in die Schmerzsymphonie ein, die bereits durch ihren Körper tobte. Die Beine zitterten, als sie sich in die Höhe zog. Nichts, sie musste sich getäuscht haben. Sie war allein. Womöglich konnte sie es doch schaffen.
   Das Salz in der Luft vermischte sich mit dem auf ihrer Haut. Inzwischen konnte sie das Rauschen des Wassers hören und wie es gegen das Land donnerte. Es war schwarz hier draußen, ebenso schwarz wie die Schatten hinter ihr, doch es beheimatete weniger gefährliche Kreaturen. Oder?
   Leslie schluckte und presste einen Klumpen aus Rotz und Angst die Kehle hinab. Es war nicht mehr weit.
   Jetzt.
   Ihre Beine waren nur beim ersten Atemzug schwer, dann fühlten sie sich so leicht an, als würde sie nichts mehr wiegen. Sie rannte mit zu Fäusten geballten Händen und vor Tränen blind auf die Küste zu, immer schneller, sodass sie den Sprung nahezu fühlen konnte, jene Sekunden, wenn ihr Körper ohne Halt in der Luft schwebte. Sie riss die Augen auf, als die Felskante auftauchte.
   Der Mann war direkt vor ihr und packte sie mit einer Bewegung, die sie nicht kommen sah, an der Schulter. Sie schrie, während sie haltlos über den Boden schlitterte. Würgte. Einzig ihr Instinkt trieb sie weiter und brachte sie dazu, auf die Hand einzuschlagen, die ihren Oberarm fest umklammert hielt, doch sie hätte ebenso gut Beton bearbeiten können.
   Mit einem Ruck zog der Mann sie näher zu sich heran. Er war lediglich so groß wie sie. Sein Gesicht hätte freundlich sein können, der Blick liebevoll, wenn all das Blut nicht gewesen wäre. Es bedeckte Lippen und Kinn, klebte in seinen schulterlangen hellblonden Haaren. Er hob eine Hand und bewegte den gestreckten Zeigefinger hin und her. »O nein meine Liebe.« Selbst seine Stimme war warm und weich. »Steilküste. Dein Körper auf den Klippen wäre eine einzige Verschwendung.«
   Zwei Gestalten lösten sich aus den Schatten und hielten auf sie zu. Leslies Sinne spielten verrückt. Einen wahnwitzigen Moment glaubte sie, ihren Exfreund und seinen besten Kumpel zu sehen. Sie blinzelte und merkte, wie sehr sie sich getäuscht hatte. Tim hatte niemals diesen Blick gehabt.
   Wie ein Raubtier.
   Rotes Haar flammte über einem Gesicht mit einer krummen Nase. Der Kerl neben ihm war einen halben Kopf größer und besaß einen dunklen Bart und noch dunklere Augen. In ihnen glühte ein Licht, zunächst unterschwellig, dann immer stärker. Leslie machte den Fehler, hineinzusehen. Ihre Übelkeit wuchs, ihr schwindelte und sie zitterte heftiger als zuvor.
   Gewandelte.
   Sie hatte es gewusst, es jedoch nicht glauben wollen – nicht mal, als sie Abby die Kehle herausgerissen hatten. Sie durften keine Menschen angreifen. Schrieben ihre Gesetze ihnen das nicht vor?
   Sie wollte etwas sagen, doch es gab zu viele Wörter auf der Welt. Alles, was sie herausbrachte, waren abgehackte Laute. Sie klang selbst wie ein Tier, allerdings eines, das schon halb tot war.
   Streng genommen war sie das auch.
   Der Blonde senkte seine Lider. »Aber wenn du unbedingt springen willst, lass mich dir helfen, dich vorzubereiten. Dann spürst du nicht mehr, wie dein Körper unten zerschmettert wird.« Er lächelte und entblößte die Zähne. »Das hast du dir verdient, auch wenn die Jagd ein wenig spannender hätte sein können.« Er klang ehrlich enttäuscht.
   Leslies Stimme kehrte zurück, und sie schrie, so laut sie konnte, in der Hoffnung, dass irgendwer dort draußen war und sie hörte. Panik brodelte in ihrem Magen und zupfte mit kalten Fingern an jeder Ader ihres Körpers. Sie zappelte, trat zu und versuchte, sich loszureißen.
   Der Blonde seufzte und wedelte eine Hand durch die Luft. Die beiden anderen packten Leslie an den Armen. Etwas presste sich auf ihren Mund und erstickte die Schreie, dann schob sich ein Schatten vor das Licht des Leuchtturms. Brennender Schmerz explodierte an ihrem Hals und fraß sich wie Säure durch ihren Körper. Sie konnte sich nicht mehr bewegen. Die Angst schlug über ihr zusammen, ertränkte sie und war viel schrecklicher, als die See hätte sein können. Es dauerte lange, viel zu lange.
   Und doch nicht lang genug. Sie spürte noch, wie man sie die Klippen hinunterwarf, und erst der Aufprall wischte endlich alle Qualen davon.

Kapitel 1
London

Kapitel 1 Der Dollis Hill West Friedhof war der unpersönlichste, den ich jemals gesehen hatte. Er war erst vor wenigen Jahren mit der Schließung der Grabareale East Finchley sowie St Pancras und Islington angelegt worden, um die Urnen aus den umliegenden Krematorien zu bestatten. Die Bäume rings um das Grundstück hatten noch nicht die Zeit gehabt, zu wachsen. So war der Blick frei auf Baukräne und graue Mauern. Ab und zu fuhr in der Nähe ein Zug vorbei und erschütterte den Boden. Kleine Platten, meist schmucklos und mit wenig Inschrift versehen, reihten sich vor meinen Füßen.
   Lucas würde die triste Atmosphäre gefallen, denn so verirrten sich nicht viele Besucher hierher und starrten auf den vom Regen verwaschenen Boden, in dem seine Asche begraben worden war. Diejenigen, die dennoch kamen, blieben nicht lange. Wenn ihm eines zuwider gewesen wäre, dann tränenverhangene Blicke oder, noch schlimmer, Gejammer. Also hielt ich mich zurück, obwohl mir durchaus danach war, mich nicht länger zusammenreißen zu müssen und die Tränen, die meine Augen zum Brennen brachten, endlich fließen zu lassen. Gleichzeitig ärgerte ich mich darüber, dass ich hier mit gesenktem Kopf stand, die Hände in den Jackentaschen zu Fäusten geballt. Normalerweise war ich nicht so nah am Wasser gebaut, aber Lucas war immerhin das gewesen, was einer Familie am nächsten gekommen war.
   »Vielleicht hätten wir doch etwas mitbringen sollen«, sagte ich nur, um die Stille zu beenden, weil ich argwöhnte, Mindy neben mir würde merken, wie es momentan um mein Gefühlsleben stand. Ich brachte nie etwas mit. »Irgendeinen Strauß von der Tankstelle oder auch nur eine verdammte Blüte aus irgendeinem Vorgarten.« Ich sah mich um. Die meisten anderen Grabplatten waren mit Gestecken oder bunten Blumen bedeckt, die sich tapfer gegen das Wintergrau Englands zu wehren versuchten und an manchen Stellen bereits vom Wind auseinandergerupft worden waren. Nahezu die Hälfte hatte zudem dem Schlamm gegenüber die Waffen gestreckt.
   Mindy schnaubte, und obwohl ich sie nicht ansah, wusste ich, dass sie soeben die Augenbrauen zu einer Linie zusammenzog. »Mit einer Kippe hättest du ihm mehr Freude gemacht. Allerdings nur zu Lebzeiten«, sagte sie mit ihrer dunklen Stimme und dem eigentümlichen Akzent, der stets ein wenig klang, als wäre sie ungehalten. »Jetzt würde er dich höchstens anknurren, weil er von solch einer Verschwendung nichts hielte.«
   Ich nickte knapp. Damit bestätigte ich nicht nur ihre Aussage, sondern verabschiedete mich in Gedanken auch von Lucas, wie so oft in den vergangenen Wochen. Ich kam selten hierher, weil der Ort mich deprimierte und ich mir meinen ehemaligen Mentor lieber so vorstellte, wie er gewesen war: ein drahtiger Kerl mit kurzem Haar, der höchstens stehen blieb, um andere aufholen zu lassen, der die Hälfte seines Lebens mit einem E-Verdampfer zwischen den Lippen verbrachte, aber bei Stress zu echten Zigaretten griff, der mich beim Training nach spätestens fünf Minuten auf die Matte schickte, streng vegetarisch lebte und es damit erklärte, dass sein Job bei Absecon bereits blutig genug war. Ja, so wollte ich ihn in Erinnerung behalten, und nicht als Kupferplakette mit Standardgravur.
   Ich wusste nicht, ob Mindy ihn ebenso gut gekannt hatte wie ich, allerdings sah es ganz danach aus. Manche Randbemerkungen ließen mich argwöhnen, dass die beiden etwas miteinander gehabt hatten. Gepasst hätte es. Mindy besaß einen ebenso scharfen Verstand wie Lucas, konnte ebenso knurrig sein, und wie er zeigte sie dem System auf ihre ganz eigene Weise den Mittelfinger. Sie besaß keinen Führerschein, was sie nicht davon abhielt, sich hinter das Steuer eines Autos zu setzen, und sie hasste die Daumenschrauben über alles, die in König Williams gutem alten England jedem Säugling in die Wiege gelegt und durch hirnrissige Gesetze glorifiziert wurden. Schmerzen fügte sich nur derjenige zu, der an diesen Schrauben zerrte, und so fanden die meisten ihren Seelenfrieden darin, nichts zu hinterfragen. Mindy betonte stets, dass daher immer dümmere Menschen an die Hebel gelangten, immer mehr über andere wussten und somit rechtzeitig einen Riegel vor alles schieben konnten, das ihre Dummheit bloßstellen und sie ihrer Macht berauben konnte. Sie leistete ihren Teil an Widerstand, indem sie für Absecon arbeitete.
   Wie ich.
   Nach Lucas’ Tod hatte sie mir genau den Beistand zukommen lassen, den ich ertragen konnte: schweigsam oder mit ruppig klingenden Bemerkungen. Alles andere hätte mir nicht geholfen, die Wunde zu schließen, die in meinem Inneren entstanden war. Da sich dort bereits einige Verletzungen befanden, verspürte ich kein Verlangen danach, wochenlang zu bluten.
   Wir hatten versucht, möglichst viel über die Auswirkungen der illegalen Geschäftsbeziehungen zwischen Gewandelten und der Londoner Polizei herauszufinden, nachdem diese mich beinahe das Leben gekostet hätten. Zwar wussten wir, dass der Vampirrat der Stadt regelmäßig Hände mit ranghohen Beamten schüttelte, doch dies diente dem friedlichen Zusammenleben beider Spezies. Bei den Korruptionen durch Sergius Bonnier waren dagegen Macht und Rache die Zugpferde gewesen, und beide trugen Scheuklappen, die sie keine Hindernisse sehen und somit über Tote gehen ließen.
   Mindy zählte wie Lucas zu den ersten Aktivisten Absecons. Ich vertraute ihr vollkommen, was mich selbst am meisten erstaunte. Nach allem, was geschehen war, hätte ich niemals gedacht, überhaupt wieder einem Menschen vertrauen zu können. Daher hatte ich ihr von Lily erzählt … und von Nicolae.
   Bei dem Gedanken an Nic erwärmte sich diese kleine Stelle zwischen meinem Bauch und meiner Brust. Ich fühlte mich ein wenig besser, als ich an sein Gesicht mit den dunklen Haaren dachte, die sich bei Feuchtigkeit kringelten, und an die Falte auf seiner Stirn, die sich so selten glättete.
   Mindy hatte es ruhig aufgenommen, dass ich eine Beziehung mit einem Gewandelten begonnen hatte, der kurz zuvor unser Klient gewesen war – und lediglich angemerkt, dass meine so entstandenen Verbindungen zum Vampirrat nützlich sein konnten.
   Ich war nicht ganz ihrer Meinung. Zwar arbeitete Nic für Lorcan Murray, den Obersten des Rats, aber das bedeutete nicht, dass er viel zu sagen oder gar Einblick in brisante Interna hatte. Er stand schlicht und einfach in Lorcans Schuld und leistete seine Dienste, um sie zu begleichen. Lily dagegen lebte seit ihrer Wandlung in Murrays vornehmem, edwardianischem Haus und erfreute sich einer Narrenfreiheit, um die ich sie beneidete.
   Der Wind wurde stärker und trieb eine weißgraue Blüte über die Grabplakette »Lucas Delmore, 1973 bis 2025«. Ich grinste bei diesem Anblick, weil ich mir vorstellen musste, wie er über diese Scheißromantik toben würde. Es tat gut, und vor allem vertrieb es einen Teil der Schuldgefühle.
   Ich hatte vor wenigen Wochen die Aktion geleitet, die so wahnsinnig schief gegangen war. Zwar hatte niemand ahnen können, dass ich in das Kreuzfeuer eines Vampirkrieges geraten würde, aber manchmal sagte ich mir, dass andere – erfahrenere Mitglieder von Absecon – vielleicht eine bessere Lösung gefunden hätten. Eine, bei der Lucas nicht zu meiner Rettung hätte kommen und das mit seinem Leben bezahlen müssen.
   »Falls dir gerade irgendwelcher Unsinn von Schuld oder anderem Mist durch den Kopf geht, schlage ich vor, dass wir ein Bier trinken gehen.« Mindy wandte sich ab und hielt auf den Ausgang zu. Ihr kurzer schwarzer Zopf wippte hinter ihr her.
   Ich verfluchte ihre Menschenkenntnis, wartete einen Moment, bis ich mich wieder komplett unter Kontrolle hatte, und legte den Kopf in den Nacken. Der Regen auf meiner Haut fühlte sich gut an, weich und vertraut, und fast wären meine Gedanken wieder zu Nic abgeschweift. Ich sah ein letztes Mal auf die Grabplakette. »Da musst du erst sterben, um mich gefühlsduselig zu erleben«, zischte ich, zog die Kapuze über den Kopf und machte mich auf den Weg.
   Mindy hockte bereits hinter dem Steuer und wartete mit laufendem Motor. Sie hatte beide Beine auf das Lenkrad gelegt und starrte auf ihr Minipad. Schlammtropfen sickerten von den schweren Schuhen hinab.
   Ich ließ mich neben sie fallen und betrachtete den fadenscheinigen Stoff, mit dem die Decke bespannt und der über und über mit Formeln bekritzelt war, die mir nichts sagten. »Manchmal würde ich wetten, dass selbst deine angebliche Original-ID gefälscht ist und du noch keine achtunddreißig bist.«
   »Wer weiß.« Mindy zuckte die Schultern, nahm die Beine hinunter, hielt den Daumen vor das Scanfeld zu ihrer Rechten und startete den Motor. »Nachricht von Claudia. Wir müssen das Bier leider verschieben.«
   »Großartig.« Unwillkürlich tastete ich nach dem Messer an meiner Hüfte. Wenn sich die Zentrale meldete, befand ich mich automatisch in Alarmbereitschaft.
   Seitdem unter den Gewandelten bekannt geworden war, dass wir gegen die V-Paragrafen – so nannte man jene Gesetzeserweiterungen, die sich mit den Vampiren befassten – arbeiteten, ließen immer mehr von ihnen ihr Misstrauen fallen und wandten sich an uns. Sie suchten Hilfe, um das Land zu verlassen, denn auf dem Kontinent besaßen sie mehr Rechte als hier. Wir nahmen sie als Klienten an, wenn sie unsere Überprüfungen bestanden und bewiesen, dass sie keine Gefahr darstellten. Bei allem Gerechtigkeitssinn waren wir keine blinden Lobbyisten, die vor lauter Enthusiasmus alles liebten, was zwei spitze Eckzähne besaß. Nein, viele Absecon-Mitglieder hegten nicht mal Sympathien für die Gewandelten. Ihnen drehte sich lediglich der Magen um, wenn sie an die Kabinettsbeschlüsse von 2019 dachten. Niemand sollte durch schwammig formulierte Gesetze ungestraft getötet werden dürfen, nicht mal jemand, der bereits gestorben war.
   Dennoch blieben wir im Untergrund, selbst die Vampire behandelten ihr Wissen über Absecon vorsichtig. Reiner Eigennutz. Sie schützten sich am besten, indem sie nur in Ausnahmefällen über uns redeten. Wenn das eigene Dasein infrage gestellt wurde, war sich jeder sehr schnell selbst der Nächste.
   Da Claudia uns außerplanmäßig in die Zentrale beorderte, musste es sich um mehr handeln als um eine Anfrage, sonst hätte sie jemand anderes kontaktiert. Mindy war IT-Freak und ging nicht in den Außeneinsatz, und ich vorläufig ebenfalls nicht mehr. Hatte die Organisation womöglich entschieden, dass meine Schonfrist vorbei war? Der Gedanke daran, noch einmal einen Gewandelten nachts zur Küste bringen zu müssen, machte mich unruhig. Nein, wenn Absecon wollte, dass ich wieder im kalten Wasser schwamm, hätten sie mich benachrichtigt, nicht Mindy. Was auch immer es war, wir würden es früh genug erfahren.
   Ich entspannte mich und schnallte mich an. Mir genügten die Gefahren, denen ich mich freiwillig aussetzte, da wollte ich zumindest für einen etwaigen Unfall gut gewappnet sein.
   Mindy gab Gas und wählte einen Weg, der uns aus der Stadt hinausführte. Sie wirkte hoch konzentriert und blinzelte mehrmals, als sie mich ansah. Beinahe so, als hätte Claudias Nachricht sie an die Kontaktlinsen erinnert, die sie zum Schutz gegen den Blick der Gewandelten trug.
   Erneut musste ich an Lucas denken. Er hatte die Dinger gehasst und permanent ignoriert, dass es sie gab. Mindy dagegen ging niemals ohne aus dem Haus. Ich konnte sie gut verstehen – ich würde es momentan genauso machen, wenn der Vampirblick denselben Einfluss auf mich hätte wie auf andere Menschen. Er verursachte Kopfschmerzen und Übelkeit, beides in extrem hohen Dosen, wenn man ihm zu lange ausgesetzt war. Es waren Fälle bekannt, in denen sich Menschen die Haut mit bloßen Fingern hinuntergeschält hatten, weil sie das Zerren und Reißen darunter nicht mehr ertrugen. Eine Frau auf der Isle of Man hatte sich die Haare büschelweise ausgerissen. Vampire waren auf eine Weise mächtig, die wir nicht erklären konnten, und das allein genügte, um sie an die Topposition vieler Abschusslisten zu setzen.
   Wir ließen Brent hinter uns. Nach und nach wurden die Lücken zwischen den Wohnreihen größer, machten Platz für braune brachliegende Flächen, hässliche Industriebauten und Müll. Der Verkehr nahm zu, als wir auf die M25 bogen und uns gen Süden hielten. Wir wählten die Abfahrt, die ich für die hässlichste in ganz England hielt, und parkten eine Dreiviertelstunde später auf dem Platz, wo neben wenigen Wagen Transportanhänger mit Länderplacs aus ganz Europa standen. Kaum eine der großen Bodenplatten war noch intakt, aus vielen Brüchen und Rissen ragte Unkraut in die Höhe.
   Der Gebäudekomplex vor uns passte mit seiner Graffitifassade perfekt ins Bild. Faustgroße Steinbrocken hatten sich aus den Mauern gelöst und waren auf dem Boden zerschellt. Eine tote Taube war von kleinen Betonstücken bedeckt, sodass es aussah, als wäre sie von ihnen erschlagen worden. Sah man genauer hin, war es allerdings wahrscheinlicher, dass ein streunendes Tier sie erwischt und nicht aufgefressen hatte.
   Ich stieg aus und balancierte an einem größeren Loch im Boden vorbei. Mit dem Rattern des Fernverkehrs begrüßte uns das typische Aroma des Areals. Dreck und Verfall rochen in der Basis stets gleich, hier gesellten sich Abgase und ranziges Öl dazu. Trotzdem war ich froh, dass unsere Zentrale sich so weit außerhalb befand. Die Stadt kümmerte sich kaum um die Randbezirke und überließ sie in den meisten Fällen Dealern, Nutten und Tieren. Es war zu teuer, Überwachungskameras zu installieren, und so verirrte sich nur hin und wieder eine arme Seele hierher, um eine Routinekontrolle durchzuführen.
   Ich kickte eine verrostete Dose beiseite und lief schneller. Der Lärm des rollenden Metalls lockte einen Hund unter einem der Waggons hervor. Er war so dürr, dass die zotteligen Beine viel zu groß für den Körper wirkten. Trotzdem behielt ich ihn im Auge. Es wäre ein Fehler, sich von seinem Äußeren täuschen zu lassen. Er hatte eindeutig Hunger und würde sich demnächst zum Sterben in eine Ecke verziehen, wenn er nicht vorher genug zu fressen fand. Und wie jeder, der gegen den Tod kämpfte, würde er seine letzten Kräfte mobilisieren, um zu bekommen, was er wollte: eine Verlängerung des Tickets, mit dem er durch diese Welt trudelte. Kein Lebewesen kämpfte so hart und unnachgiebig wie jenes, dem die Sense bereits im Nacken saß.
   Mindy schloss zu mir auf, und der Köter trollte sich. Offenbar war er nicht hungrig genug, um zu ignorieren, dass wir in der Überzahl waren.
   Das Innere der Absecon-Zentrale hätte sich nicht deutlicher von der Umgebung unterscheiden können. Nachdem wir die elektronischen Sperren der Tür gelöst hatten, standen wir im Eingangsbereich mit seinen unzähligen Terminals. Screens schillerten im Ruhemodus oder zeigten uns Szenerien der Stadt, wo sich Abescon in offizielle Überwachungskanäle eingeklinkt hatte. Die Wände waren dicht mit einem Metallgitter überzogen, von dem unsere Fachleute behaupteten, dass es mindestens dem Stand des SIS entsprach und gegen das jeder faradaysche Käfig ein Flickenmuster war. Mit Rauschgeneratoren gekoppelte Transcoder spannten ein weiteres Netz und machten uns so unsichtbar, dass jede Sicherheitsbehörde einen Wutanfall bekommen hätte. Nach dem kurzen Aufenthalt auf dem Parkplatz schien die Luft kaum einen Geruch zu besitzen, nur ein Hauch von Parfüm und Kaffee waberte zu mir herüber.
   Aktuell saß lediglich ein Kollege vor den Screens. Ich nickte ihm zu und ging schnell weiter. Immerhin waren wir nicht hier, um zu plaudern.
   Das Überwachungspodest in der Mitte des Hauptraumes war ebenfalls verwaist. Claudia stand im hinteren Teil des Raumes und unterhielt sich mit Colin Hobbs, einem unserer Techniker. Sie hoben zeitgleich die Köpfe, als wir näher kamen. Claudia war in den zurückliegenden Wochen fülliger geworden, und ich vermutete, dass sie auf ihre Weise ebenso um Lucas trauerte wie ich.
   »Was ist los?«, fragte ich.
   Sie strahlte jene Ruhe aus, die dafür sorgte, dass niemand ihre Position in der Organisation anzweifelte. Die meisten von uns führten ein normales Leben mit einem offiziellen Job und zweigten so viel Zeit für ihre Arbeit bei Absecon ab, wie ihnen möglich war. Claudia dagegen setzte sich – dank einer großzügigen Pension – durchgehend für die Rechte der Gewandelten ein. Sie verbrachte einen Großteil ihrer Tage und Nächte hier und koordinierte Überwachungen sowie Abläufe von Operationen. Auch jetzt musste sie bereits etliche Stunden hier sein; das Make-up um ihre blaugrauen Augen war beinahe vollständig verblasst.
   »Die Unruhen in Schottland haben sich heute Morgen weiter zugespitzt, momentan gibt es Alarmbereitschaft in Aberdeen und auf Lewis.« Wie immer kam sie augenblicklich zum Punkt. Ihre Worte erzeugten einen Eisklumpen in meinem Magen. »Amanda, gibt es Neues aus den Ratsstädten?«
   Mindy schüttelte den Kopf. »Nicht seit meinem letzten Check.«
   Sie hatte in den vergangenen Tagen Kontakt zu unseren Leuten im Norden gehalten, um herauszufinden, ob die Vampirräte dort gegen die aktuellen Entwicklungen vorgingen. Entwicklungen in den eigenen Reihen, wo die Rufe nach Veränderung immer lauter wurden. Es hatte bereits kleinere Eskalationen gegeben, die jedoch rasch unter Kontrolle gebracht worden waren. Unsere Landesbehörden nutzten nach außen hin die Politik der Ignoranz und gaukelten der menschlichen Bevölkerung vor, dass es keinen Grund zur Sorge gäbe. Doch wir alle in diesem Gebäude wussten, dass die Mühlen hinter den Kulissen heftig mahlten. Niemand wollte einen offiziellen Krieg unter den Gewandelten riskieren, denn der würde früher oder später die Menschen einbeziehen, solange es keine räumliche Trennung gab. Sollten die Unruhen eskalieren, würde sich rasch herausstellen, dass wir trotz unseres HighTech-Equipments und aller Verteidigungsmaßnahmen die schwächere Rasse waren.
   Dabei waren die Reaktionen der Gewandelten keine Überraschung. Seitdem sie sich der Öffentlichkeit zu erkennen gegeben hatten, mussten sie sich mit Zwängen auseinandersetzen, die als Vorsichts- und Schutzmaßnahmen aus dem Boden gestampft worden waren. Generelle Ausreisestopps und Peilsender in Ausnahmefällen waren erst der Anfang. V-Paragrafen, die von Notwehr redeten und den Menschen eine Ausrede boten, um Gewandelte töten zu können, hatten das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich konnte das sehr gut verstehen, fragte mich allerdings, wie wir die obersten Vampire der betroffenen Gebiete einzuordnen hatten. Bislang kannte ich lediglich den Londoner Rat unter der Leitung von Lorcan Murray, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass er bei öffentlichen Ausschweifungen allzu lange zusehen würde. Nein, Lorcan würde über Leichen gehen, um die Straßen sauber zu halten. Seitdem Nic für ihn arbeitete, konnte ich den Ratsvampir besser einschätzen als zuvor – nicht, weil Nic über dessen Belange redete, sondern weil ich lernte, seine Reaktionen zu deuten.
   Claudia riss mich aus meinen Gedanken. »Madison, ich weiß, dass dein Draht zum Rat sehr dünn ist. Aber du solltest deinen Kontakt auf Dauerfeuer stellen.«
   Ich presste die Lippen aufeinander. Mein Kontakt war ein Dauerfeuer. Lily, Nics Vampirkind, war im Allgemeinen das, was man eine übersprudelnde Persönlichkeit nannte. Sie lebte erst seit Kurzem als Gewandelte. Uns verband Freundschaft, seitdem ich sie von mir hatte trinken lassen. Zwar besaß Lily keinen Einblick in Ratsentscheidungen, aber sie hatte das unbestreitbare Talent, an Informationen zu gelangen, die nicht für ihre Ohren bestimmt waren.
   »Sie wird sich melden, sobald etwas Neues geschieht«, sagte ich und hörte selbst, wie düster ich klang. Wenn sich die Situation im Norden verschärfte, wollte ich genau wissen, was los war. Wie schlimm es war. Nic war dort, und ich machte mir Sorgen um ihn.
   Claudia nickte und wandte sich nochmals an Mindy. »Kannst du bleiben?«
   Sie grinste und warf mir ihre Autoschlüssel zu. »Hier, ich chatte noch ein wenig mit unseren Kilt tragenden Kollegen und finde heraus, welche Jungs uns genau Ärger machen, damit wir sie auf die Rote Liste packen können. Ich lass mich später zu dir bringen und hol die Kiste ab.«
   Ich fing die Schlüssel und wollte mich verabschieden, als mein Pad vibrierte. Ich zog es aus der Tasche und gab Claudia einen Wink. Dies war die sprichwörtliche Faust aufs Auge.
   Ich gab den Code für die Umleitung auf den verschlüsselten Kanal ein und nahm das Gespräch an. »Was gibts?« Mein Herz schlug schneller, aber ich sprach ruhig.
   »Ich hätte wirklich nicht zuhören sollen, aber sie sind genau an meinem Zimmer vorbeigegangen.« Lily klang fast schuldbewusst.
   Ich nahm es ihr allerdings nicht ab. Zudem verkniff ich mir die Bemerkung, dass man kaum von Zuhören reden konnte, wenn sie nur vorbeigegangen waren. »Und du hast was gehört?«
   »Lorcan und Nic bleiben länger in Aberdeen als geplant. Was auch immer Schottlands Problem ist, dort ist es besonders schlimm.«
   »Wie kommst du darauf?«
   »Lorcan hat Verstärkung angefordert.«
   »Wen?«
   »Aiden und Scott.«
   Den verträumten Tonfall beim ersten Namen überhörte ich, denn der zweite interessierte mich viel mehr. Immerhin verdächtigte ich Scott Huster, etwas mit dem Verschwinden meiner Mutter zu tun zu haben.
   Ich hatte das Gesicht des Gewandelten, der in unser Haus eingedrungen war und sie mitnahm, niemals vergessen und an Orten danach Ausschau gehalten, die ich nicht mal in meiner rebellischen Teeniephase cool gefunden hätte. Umso größer war mein Schock, als ich Scott als Ratsmitglied im Haus von Lorcan Murray angetroffen und wiedererkannt hatte. Er und ich hatten eine alte und sehr lange Rechnung zu begleichen, und eines Tages würde er davon erfahren. In Lorcans Abwesenheit hielt er sich in dessen Haus auf, um die Fäden der Londoner Vampirgesellschaft zusammenzuhalten. Doch selbst darauf konnte ich mich nicht vollständig konzentrieren, denn die Tatsache, dass Lorcan weitere Ratsvampire gen Norden beorderte, bedeutete nichts Gutes. Mehr Aufstände. Und mehr Gefahren für Nic.
   »Wann brechen sie auf?«
   »Sie sind schon los!« Lily klang noch immer so aufgeregt, dass ich mir vorstellen konnte, wie sie durch die Gänge von Lorcans Anwesen lief.
   Damit war alles gesagt, was ich hören musste. Mit Scott und Lorcan außerhalb der Stadt fühlte ich mich sicher genug, um mich im Haus des Ratsoberen umzusehen. Zudem hielt ich es trotz Sicherheitskanal für ratsam, dieses Gespräch mit Lily persönlich weiterzuführen. »Ich komme vorbei. Sobald ich in die Park Street einbiege, rufe ich durch. Sieh zu, dass du mich irgendwie in das Haus schleust, ohne dass mich jemand sieht.«
   Eine Pause am anderen Ende, dann gab Lily ein Geräusch von sich, das Zweifel und Zustimmung zugleich war. »Ich weiß, ich habe es dir versprochen, Maddie. Aber wir müssen wirklich vorsichtig sein. Das, was in Schottland passiert, muss ein sehr, sehr heißes Eisen sein, und wenn …«
   »Genau deswegen muss ich mehr wissen«, sagte ich und beendete das Gespräch.
   Mindy war bereits verschwunden, doch Claudia stand wieder auf ihrem Posten in der Mitte des Raumes.
   »Ich fahre zu Lorcan Murrays Haus und sehe mich dort um«, sagte ich. »Sein Stellvertreter ist soeben mit einem weiteren Mann nach Aberdeen aufgebrochen. Es scheint, als wird die Bombe dort bald platzen, wenn es denn eine gibt.«
   »Hast du deine Waffe bei dir?« Sie dachte wie immer praktisch und wusste, dass ich Umwege vermied, wann immer es ging.
   Ich schüttelte den Kopf und bekam kurz darauf eine Norica ausgehändigt – dasselbe Modell, mit dem ich schießen gelernt hatte. Ich wog sie kurz, kontrollierte das Magazin – Natriumchloridpatronen – und verstaute sie unter meiner Jacke. Damit war alles gesagt, und ich machte mich auf den Weg.
   Auf der Fahrt kämpfte meine Aufregung über diese unerwartete Möglichkeit gegen jene Gedanken, die sich um Nic drehten. Was genau trieb er in Aberdeen? In welche Situationen schickte Lorcan ihn, und wie sehr richteten sich die Aggressionen, die gegen Ratsmitglieder abzielten, auch auf deren Mitarbeiter?
   Jede weitere Frage machte mich unruhiger, als ich es ohnehin bereits war. Obwohl ich lange auf die Chance gewartet hatte, mich endlich in Lorcans Haus umsehen zu können, würde ich auf den Besuch und die Möglichkeit zu schnüffeln verzichten, wenn Nic dafür wieder an meiner Seite wäre.

Kapitel 2
Aberdeen

David tobte. Nicht äußerlich und sichtbar für andere, die derartige Gefühlsausbrüche möglicherweise für eine Schwäche halten konnten. Nein, der Aufruhr spielte sich in seinem Inneren ab und fraß sich wie Säure durch die Eingeweide. Mit so stark gerunzelter Stirn, dass sich seine Sicht trübte, starrte er auf das glitzernde Wasser im Hafenbecken. Im Hintergrund erhob sich die verhaltene Skyline der Stadt und sorgte dafür, dass er sich allein fühlte. Erst recht in Anbetracht des halb verkohlten Schiffswracks, das im Schwimmdock lagerte. Es hatte sich um ein kleines, älteres Frachtschiff gehandelt. Das Feuer war in der Nacht ausgebrochen, die automatischen Löschsysteme hatten versagt und die Überwachungsscreens die Täter in aller Deutlichkeit festgehalten.
   Gewandelte.
   Es schien sie nicht zu stören, dass ihre Gesichter klar und deutlich aufgezeichnet worden waren. Im Gegenteil, sie brüllten ihre Wut heraus und steckten das Schiff mit programmierten Pyroracks in Brand. Er hatte tief in die Tasche greifen und all seine Überredungskunst aufbringen müssen, um den Schaden einzugrenzen und den zuständigen Behörden zu verdeutlichen, dass es für beide Seiten negativ ausfallen würde, sollte sich diese Nachricht verbreiten.
   Er seufzte und strich sich mit beiden Händen das schulterlange, dunkle Haar zurück. Nicht nur, dass stets ein neues Problem aufzukommen schien, wenn er eines löste – auch seine Ratskollegen ließen ihn nach und nach im Stich. Stephen war seit einem Tag verschwunden und nicht zu erreichen, und Anna hatte den Wunsch geäußert, ihr Amt vollkommen niederzulegen. Es war nur der letzte Schritt, denn dass sie sich seit fast einem Jahr nicht mehr in der Stadt hatte blicken lassen, sondern auf einem Bauernhof in den nördlichen Highlands lebte, war ein offenes Geheimnis.
   Feiner Regen setzte ein. David schlug den Kragen seiner Sportjacke hoch und hielt das Gesicht gen Himmel. Seit über fünfzig Jahren stand er dem Rat vor, der nicht nur für Aberdeen, sondern beinahe für den gesamten Nordosten des Landes zuständig war. Niemals zuvor hatte es ähnliche Unruhen gegeben, niemals zuvor hatten Gewandelte es gewagt, ihre Oberen herauszufordern. Und das war allein seine Schuld. Er hatte die Zügel jahrelang locker gelassen, und jetzt, wo er sie straffen wollte, musste er feststellen, dass sich am anderen Ende nichts mehr befand. Er hatte lange mit sich gerungen, bis er sich eingestand, dass er die Situation nicht mehr ohne Hilfe lösen konnte.
   Nach der Abspaltung Schottlands vom Vereinigten Königreich war es zunächst stiller geworden in den Städten. Beinahe so, als hätte das Volk mit seiner Entscheidung, dem König den Rücken zu kehren, sich auch von Fortschritt und den Schmelztiegeln aus Hektik und Umbrüchen verabschiedet. Die Uhren tickten langsamer als zuvor, und die Hiobsbotschaften aus London hatten hier, nördlich der Grenzposten, die sich nahe dem ehemaligen Hadrianswall niedergelassen hatten, weniger Durchschlagskraft. Zwar waren allen Gewandelten die Folgen und Restriktionen bewusst, die mit ihrem Schritt in die Öffentlichkeit geschaffen worden waren, doch anders als im Süden hatten die meisten mit einem Schulterzucken reagiert. Schottland war dünner besiedelt, die Rückzugsorte zahlreicher und die Menschen entweder vorsichtiger oder gleichgültiger. Es gab deutlich weniger Morde an Gewandelten als jenseits der Grenze. Viele sahen den Grund im Schritt von der Monarchie zur Republik. David zweifelte daran. Stuart Redman als Erster Minister war nichts weiter als eine Marionette des englischen Königs. Obwohl sich Ihre Majestät herzlich wenig für das Land interessierte, das sich in die Unabhängigkeit gewählt hatte, fand hinter den Kulissen nichts ohne seine Zustimmung statt.
   Die Verbindungen innerhalb der Gesellschaft der Gewandelten waren ebenfalls nicht abgerissen. Und so zog die Unzufriedenheit aus London gen Norden, wie eine Pandemie, deren Auswirkungen niemand vorhersehen konnte.
   David nahm ein Stück verbogenes Eisen vom Boden und schleuderte es ins Wasser. Silbertropfen flirrten durch die Luft und gönnten ihm einen winzigen Moment der Faszination.
   Er hatte zu lange gehofft, dass sich alles wieder einrenken würde. Doch das Gesicht seiner Stadt sprach eine andere Sprache. Aberdeen zerfiel. Menschen zogen fort, Gewandelte zerstörten die leeren Hüllen der Häuser. Es brauchte mehr als einen entschlossenen Mann, um das wieder in den Griff zu bekommen.
   Die sanfte Vibration des Pads riss ihn aus seinen Gedanken. »Ja?«
   »Mister Silva, Lorcan Murray und seine Leute sind von der Kontrolle zurück.«
   Er seufzte und stahl sich einen letzten Moment der Stille. In der Ferne explodierte etwas in den Straßen.
   »Ich bin in Kürze da.« Er wandte sich um und hielt auf seinen Wagen zu.
   Es brauchte mehr als einen entschlossenen Mann – es brauchte jemanden, der bereit war, zu töten.

London

Sollte ich auch nur den Hauch einer nostalgischen Ader besitzen, so zeigte er sich in meinem vollkommenen Unverständnis darüber, wie unpersönlich Scott Husters Zimmer war. Dabei bot es mit den hohen Decken, Bodenfenstern und Stuckverzierungen beste Voraussetzungen für ein wenig Wohngefühl. Alles, was nach Husters Abreise geblieben war, lag auf einem Ledersessel in der Ecke und wirkte ausnahmslos grau. Sogar im angrenzenden Bad, in dem die Wände mit grauweißem Marmor verkleidet waren, gab es keinen Hinweis auf Farben oder Persönliches. Auf Leben.
   Scott nahm es mit seinem Dasein als Gewandelter anscheinend sehr genau, dabei konnte er fast als Mensch durchgehen mit seinen blonden Haaren und den stahlblauen Augen. Er wirkte stets sehr ernst, doch ich konnte mir vorstellen, wie sehr diese Augen strahlten, wenn er lachte. Was er sicher nicht in der Öffentlichkeit tat. Vampire achteten darauf, sich bedeckt zu halten und so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Wer genauer hinsah und wusste, wonach er suchte, erkannte das Leuchten ihrer Pupillen. Einen unwissenden Menschen konnten sie jedoch täuschen.
   Ich begann, die Schubladen der Kommode zu durchsuchen. Lily lief hin und her und machte mich damit unnötig nervös. »Warum konzentrierst du dich nicht auf den Gang und warnst mich rechtzeitig, falls jemand kommt?« Ich scheuchte sie mit einer Handbewegung in Richtung Tür.
   Lily blieb stehen, wippte auf die Zehenspitzen vor und sprang dann mit einer verblüffenden Drehung zur Tür, um das zu tun, was ich sagte. Ihr cremefarbenes Seidenkleid flatterte auf wie eine Blüte. »Ich weiß wirklich nicht, ob das hier so eine gute Idee ist, Maddie.« Sie zupfte an ihren Haaren herum, die halb so lang waren wie meine Finger.
   So nervös kannte ich sie nicht. Entweder hatte sie wirklich verdammt viel Respekt vor Scott Huster, oder aber sie rutschte allmählich tiefer in die Hierarchien der Vampirgesellschaft und wusste, was ihr blühte, wenn sie ungefragt im Zimmer eines Ratsmitglieds herumschnüffelte.
   »Die Idee hätte nicht besser sein können.« Ich gab mir wenig Mühe, sie zu beruhigen – da musste sie nun durch –, und tastete mich durch Scotts Unterlagen. Es juckte mir in den Fingern, einen Teil der Papiere aus der Schublade mitzunehmen und in Ruhe zu lesen, doch dafür reichte die Zeit nicht. Ich musste mich auf andere Dinge konzentrieren, auf Hinweise, die leichter zu finden waren. Schweren Herzens schob ich die Schublade wieder zu und machte mich an die nächste. Weniger Papiere, dafür ausrangierte Gadgets, alte Pads und … ich schob eine Platine beiseite und griff nach dem Gegenstand, der meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Nachdenklich drehte ich ihn zwischen den Fingern. Es war ein Ring, schwer und mit großen Steinen besetzt, doch eindeutig zu schmal für eine Männerhand. Silber und Steine sahen echt aus. Ich beäugte den Ring näher, fand aber keine Gravur. »Irgendeine Ahnung, wem der gehören könnte?« Ich hielt ihn Lily entgegen.
   Sie trat näher, fasste ihn allerdings nicht an. »Nein, keine Ahnung. Er geht sicher mit Frauen aus, aber er bringt nie eine hierher.«
   Keine, die ihm wichtig genug war.
   Meine Finger schlossen sich um das Schmuckstück. Ob meine Mutter es getragen hatte? Es war nicht ihr Stil, zu pompös und auffällig, aber möglicherweise hatte sie sich nicht nur äußerlich verändert, seitdem sie aus der Familie gerissen und irgendwo auf dieser Welt in eine andere Existenz gedrängt worden war. Ich wusste nicht mal, ob sie sich noch in Großbritannien befand. Das war jedoch kein Grund, um die Suche abzubrechen.
   Mit einem Schulterzucken legte ich den Ring zurück und machte weiter. Nach zehn Minuten hatte ich alles gesehen, nichts gefunden und Lily dazu gebracht, an ihren Fingernägeln zu kauen. Ich war enttäuscht, aber nicht sonderlich überrascht. Worauf hatte ich auch gehofft? Ein gemeinsames Foto von Scott und meiner Mutter, das meinen Verdacht bestätigen und mir endlich den Freifahrtschein geben würde, dem Mann an die Kehle zu gehen und ihn zu einem Geständnis zu zwingen?
   Eine dumme und zudem utopische Vorstellung. Scott war Mitglied des Londoner Vampirrats und beinahe zweihundert Jahre alt. Er würde mich ohne mit der Wimper zu zucken gegen die Wand schleudern, sollte ich ihm auf irgendeine Weise zu nahe treten.
   »Bist du fertig? Dann lass uns hier weg.« Lily packte mich am Handgelenk und zerrte mich über den breiten Flur bis zur Treppe. Wir huschten in den ersten Stock, wo sie ein Zimmer bewohnte, seitdem Nic in Lorcan Murrays Diensten stand. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Lorcans weiches Herz dafür verantwortlich war. Wahrscheinlich wollte er sie im Blick behalten, aber Lily verstand sich erstaunlich gut mit ihm. Nun, jeder hatte seine Schwachstellen.
   Bei dem Gedanken biss ich die Zähne zusammen, ignorierte Lilys überdimensionales Bett sowie das weiche Ledersofa und lehnte mich mit verschränkten Armen an die Wand. Von meiner Schwachstelle hatte ich seit zwei Tagen nichts gehört. Ich wusste nicht, was Nic oben im Norden genau trieb, sondern nur, dass er Lorcan begleitete, der sich mit dortigen Ratsmitgliedern traf. Die Aufstände machten den Gewandelten nicht nur in Schottland Sorgen. Ihr System schwankte, und das in einer Welt, die es täglich mit Misstrauen bombardierte. Während es von außen mit Zwängen gepeinigt wurde, zerriss es sich selbst von innen.
   Lily streifte die Schuhe ab und ließ sie achtlos zu Boden fallen. »Eigentlich wollte ich dich nicht beunruhigen. Aber Scott meinte zu Aiden, dass dort oben der Teufel los sei. Ursprünglich wollten Lorcan und Nicolae heute abreisen, aber in der Dämmerung hat es wohl eine Art Demonstration gegeben, hauptsächlich junge Gewandelte oder welche, die in den Straßen leben. Die Polizei hat sich bereits zurückgezogen.« Sie ließ sich auf das Bett fallen.
   Ich überdachte die Situation und die möglichen Reaktionen der Regierung. Keine davon sah wirklich gut aus. Entglitt den Entscheidungsträgern beider Seiten auch nur ein Hauch Kontrolle, konnte es tatsächlich gefährlich werden. Für alle.
   »Wenn es so weitergeht, dauert es nicht mehr lange, bis sich die ISA einmischt.«
   Ich dachte an die letzten Einsätze der Independent Safeguarding Authority gegen die Gewandelten. Die Behörde hatte ihren Zuständigkeitsbereich nur zögernd erweitert und sich erst mit der neuen Thematik befasst, nachdem das Kabinett interveniert hatte. Mittlerweile nahm sie ihren Beitrag zur Sicherheit der Menschen so ernst, dass ihre Einsätze immer mehr an Kriegsvorbereitungen erinnerten. Wenn sich Hexenkessel wie derzeit in Aberdeen herausbildeten, konnte ich ihnen das kaum verdenken. Dennoch brachte es Nic und auch Lorcan gleich in zweierlei Hinsicht in Gefahr. Menschen neigen in Extremsituationen nun mal dazu, jeden und alles in Schubladen zu stecken, um möglichst schnell zu reagieren, und da mein Freund und sein Boss ebenfalls Gewandelte waren, zählten sie in einem vampirischen Aufstand nicht zu den Freunden der ISA. Zudem konnte ich die Gewandelten nicht einschätzen, die derzeit in Aberdeen für ihre Rechte die Zähne fletschten. Würden sie sich noch von der alten Ordnung beschwichtigen lassen, die sie zu stürzen versuchten, und einem Ratsmitglied den nötigen Respekt entgegenbringen?
   Die Gewandelten unserer Gesellschaft gliederten sich streng hierarchisch. Eine Notwendigkeit, die mit vielen Regeln verknüpft war und auch vor Todesstrafen keinen Halt machte. Auf den ersten Blick mochte das barbarisch erscheinen. Wenn man jedoch genauer darüber nachdachte, wurde bewusst, wie notwendig diese Regeln waren. Und wie immer waren diejenigen, die solche Gesetze aufstellten, nicht nur am mächtigsten, sondern lebten auch am gefährlichsten. Sie und alle in ihrem Umkreis.
   Verdammt! Ich schlug gegen die Wand. Der dumpfe Ton brachte Lily dazu, aufzuspringen und durch das Zimmer zu laufen wie ein Raubtier. Genau genommen war sie das ja auch.
   »Lorcan würde davon Wind bekommen, nicht wahr? Wenn … sie Gegenmaßnahmen planen würden?« Sie sah mich an, die Bitte in ihrem Blick war kaum zu übersehen.
   Ich zuckte die Schultern. Was brachte es schon, sie anzulügen? »Schwer zu sagen. Ich weiß nicht, wo er noch überall Freunde hat außer in den oberen Etagen der Polizei.«
   »Und Absecon?«
   »Lily. Abgesehen davon, dass ich es dir wohl kaum erzählen würde, wissen wir viel, aber an alle Informationen kommen wir nicht heran. Wenn das so wäre, hätten wir ein einfacheres Leben, glaub mir. Ihr übrigens auch.«
   Sie schnaubte und nickte zugleich. Ihre Schultern sackten hinab, als hätte sie begriffen, dass sie von London aus nichts tun konnte. »Du machst dir Sorgen um ihn, nicht wahr?« Ihre Stimme war weich und zerrte an meiner Selbstbeherrschung.
   Ich mochte es nicht, wenn man mir so nah kam, also winkte ich ab. »Er wird wissen, was er tut.«
   Sie lief schneller. »Also ich mache mir Sorgen um ihn. Und Lorcan. Sie sind zu Gast beim Rat der Stadt, aber trotzdem brauchen sie Verstärkung? Das wirkt nicht, als rechnen sie sich große Chancen aus.« Lily hielt inne. »Und jetzt ist Aiden auf dem Weg dorthin. Um ihn mache ich mir auch Sorgen«, sagte sie leise.
   Trotz allem tat sie mir leid. Seit der Wandlung bildeten jene Männer die Eckpunkte ihres Lebens, die sich nun im Hexenkessel aufhielten: Nic, der ihr biologischer Onkel und ihr vampirischer Erzeuger war, Lorcan, der sie quasi adoptiert hatte und Aiden Greer, das jüngste Ratsmitglied, in das sie sich Hals über Kopf verguckt hatte. Lorcan und Aiden ließen mich kalt, lediglich ihre Funktion als ranghohe Gewandelte erkannte ich als nützlich an. Nic dagegen löste etwas in mir aus, das ich im Alltag zu ignorieren versuchte. Derzeit waren es ein schwerer Druck auf der Brust sowie eine Unruhe, die zu Sorge wurde, wenn ich mich darauf konzentrierte. Ich hatte in den vergangenen Jahren beinahe vergessen, wie sich so etwas anfühlte. Die Sorge um meine Mutter war anders, eine Mischung aus Gewohnheit und dem Wunsch, durchzuhalten. Sie war fest und solide, das Gefühl für Nic dagegen loderte wie Feuer.
   »Ich habe seit zwei Tagen nichts von Nic gehört«, sagte ich leise. »Vorher haben wir jeden Tag geredet, aber nun erreiche ich ihn einfach nicht mehr.« Das war alles, was ich ihr und auch mir zugestehen wollte. Es half nicht weiter, wenn ich all meine Gefühle nach außen kehrte.
   Eine federleichte Berührung an meinem Arm, dann war Lily schon wieder auf dem Weg zum Fenster. »Er will dich nicht beunruhigen«, sagte sie und starrte hinaus. »Das hat er schon getan, als ich noch ein Kind war. Immer, wenn etwas nicht stimmte, hat er geschwiegen wie ein Grab. Er denkt, er würde uns damit schützen und sieht nicht ein, dass es manchmal nach hinten losgeht.«
   Ich ahnte, woran sie dachte. Sie hatte bereits als Mensch gewusst, dass ihr Onkel ein Vampir war, nicht aber, wie gefährlich das Umfeld war, in dem er sich bewegte. Das hatte sie auf ein bedrohliches Pflaster stolpern lassen, auf dem sie schließlich von Vampiren überfallen und beinahe getötet worden war. Nic hatte gerade noch rechtzeitig eingreifen und sie durch die Wandlung vor dem endgültigen Tod retten können. Er war davon überzeugt, dass Unwissenheit schützen konnte, und hielt an diesem Grundsatz fest. Dabei übersah er, wie durchlässig die Grenze zwischen Schweigen und einer Lüge war.
   Ich war allerdings nicht bereit, mich erneut durch Zweifel und Unsicherheiten zu kämpfen. Zudem hatte ich geglaubt, Nic und ich hätten das hinter uns.
   »Denken wir mal logisch, Lily. Womöglich bleibt ihm gerade einfach keine Zeit für Plaudereien. Ebenso Lorcan.«
   »Für Scott hatte er jedenfalls Zeit.« Sie biss sich auf die Lippe.
   »Wenn es darum geht, Verstärkung anzufordern, ist das nachvollziehbar.«
   »Maddie, Lorcan und Scott haben über eine Stunde geredet. Ich habe …« Sie sah zerknirscht aus.
   »Du hast gelauscht, das ist okay. Weiter.«
   »Es ging um die Aufstände, ja, aber nicht ausschließlich. Sie haben über London geredet, über Geschäftliches. Langweiliges Zeug. Aber dann hat Lorcan Nic erwähnt und gemeint, dass er sich gut geschlagen hätte, und dass er sich seit einigen Stunden ausruhen würde. Er hat auch nach mir gefragt.«
   Das tat weh. Wenn Nic einige Stunden für sich hatte, warum meldete er sich dann nicht bei mir? Er musste doch wissen, dass ich mir Gedanken machte, auch wenn ich ihm das nur selten sagte. Schlaf brauchte er nicht, es sei denn, er war verletzt. Womöglich gab es Dinge, die er vor mir geheim halten wollte. Ich wusste nicht, welche Vorstellung mir mehr Bauchschmerzen bereitete.
   Mit einem Mal wollte ich weg. Ich konnte nicht länger in diesem Haus bleiben, wo die Untätigkeit mir ins Gesicht lachte. Energisch stieß ich mich von der Wand ab und war im nächsten Moment auch schon an der Tür. »Ich muss los.«
   Allein Lilys vampirische Reflexe ließen sie augenblicklich aufholen. »Was hast du vor?«
   »Nichts.«
   Sie fasste mich am Arm, zart, aber die Kraft dahinter war beeindruckend. »Ich glaube dir kein Wort.« Sie wollte noch etwas sagen, ließ mich dann aber los und sah den Gang hinab.
   Es war zu spät, um sich zu verstecken. Kurz darauf bog ein Mann um die Ecke. Er war schmal und zierlich gebaut, mit fein geschnittenen, asiatischen Gesichtszügen. Sein schwarzes Haar schimmerte mit dem Stoff des Anzugs um die Wette.
   »Ich wusste nicht, dass wir Gäste haben, Lily.« Der Tonfall war freundlich, sogar ein wenig amüsiert, die Zurechtweisung dahinter aber nicht zu überhören.
   Lily erstarrte. Jun Kato war der Zweitälteste des Vampirrates und Lorcans engster Vertrauter. Er hielt die Stellung, während sein alter Freund in Schottland weilte. Bei Absecon hatte jemand das Gerücht aufgeschnappt, dass über einhundertdreißig Wandlungen allein auf Katos Konto gingen. Ich machte nicht den Fehler, diesen Mann zu unterschätzen, der ein Stück kleiner war als ich, und senkte den Kopf. Nicht, um Juns Vampirblick auszuweichen – der gesamte Rat wusste um meine Immunität –, sondern, um meinen Respekt zu bekunden.
   »Ich wollte Madison nur zeigen, wie ich wohne«, sagte Lily und starrte zu Boden. »Sie gehört doch irgendwie zu uns.«
   Ich widersprach ihr nur stumm, um ihr nicht in den Rücken zu fallen.
   Jun ließ sich nicht erweichen. »Lorcan war sehr deutlich, was seine Privatsphäre betrifft. Ich möchte Sie daher bitten, das Haus zu verlassen, Miss Turner. Sie können jederzeit wiederkommen, falls man Sie einlädt. Den Weg finden Sie doch allein?«
   Ich nickte, tauschte einen raschen Blick mit Lily und ging an Jun vorbei Richtung Treppe. Es gab nichts zu sagen, und meine Gedanken eilten mir bereits voraus. Immerzu kreisten sie um Nic, und ich stellte mir vor, wie er schwer verletzt in einer Ecke seines Zimmers hockte und darauf wartete, dass sich sein Körper mit der Hilfe fremden Blutes regenerierte. Noch ehe ich die Haustür erreichte, hatte ich meinen Entschluss getroffen.

Kapitel 3
Aberdeen

»Du gehst sehr lange in diese Richtung und biegst links ab. Dort hält der Bus, der dich zum Flughafen bringt. Oder fährst du lieber Zug?« Der
   Mann trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf den Eingang des Gebäudes frei.
   Das Metallschild darüber war ebenso von Rost zerfressen wie die Schienen daneben, aber die Tür war mit zwei schweren Riegeln gesichert, die erst vor Kurzem dort angebracht worden waren. In der Ferne ratterte ein Zug vorbei, doch es genügte nicht, um die Aufmerksamkeit von dem feinen Blutgeruch abzulenken, der die Luft tränkte.
   Unter normalen Umständen hätte Nicolae seinen Gegenüber nicht ernst genommen, der sich vor ihm aufplusterte und es doch nicht schaffte, Muskeln an den dürren Armen zu zeigen. Momentan achtete er jedoch auf jedes Detail, denn der Kerl führte zwei Waffen mit sich, die ihm gefährlich werden konnten: Fanatismus sowie eine Gruppe Anhänger, die sich hinter ihm drängte. Manche hatten die Lippen zurückgezogen und präsentierten ihre Fänge.
   Nicolae behielt sie im Auge, konzentrierte sich aber auf den Kerl vor sich. Es musste einen Grund geben, dass sie ihn zu ihrem Anführer gewählt hatten, und wenn es nur sein großes Mundwerk war. So wie die Truppe aussah, lebte sie auf der Straße. Ihre Mitglieder zählten zu jenen, die nach der Wandlung niemals in ihrer neuen Gesellschaft Fuß gefasst hatten. Möglicherweise hatten sie es erst gar nicht versucht. Dreck und Dunkelheit waren ihre Gefährten geworden und klebten in ihren Gesichtern und an den zerrissenen Klamotten. Sie lebten mit ihnen, jagten in ihnen und entwickelten mit jeder Ratte, in die sie ihre Zähne schlugen, einen größeren Hass auf alles, was ihnen von oben aufgedrängt wurde. Dass die Maßnahmen der Vampirräte dazu dienten, sie zu schützen, sahen sie nicht. Stattdessen züchteten sie Neid und Hass, bis sie glaubten, die Schuld für ihr jämmerliches Leben bei anderen zu finden.
   Sie rochen, wie sie lebten: nach Blut und Armut. Nicolae presste die Lippen aufeinander und sah dem Dürren in die Augen. Mit Argumenten würde er nicht weiterkommen – diese Männer waren nicht hier, um zu reden. Oder gar zu verstehen. »Weder noch. Wenn du etwas zu sagen hast, dann sag es. Ansonsten geh mir aus dem Weg.« Seine Worte würden nichts bezwecken, aber selbst der armseligste Vampir verdiente eine Warnung.
   Der Dürre schnaubte. Rötliche Blasen zerplatzten an seinen Nasenlöchern. »Kein Zweifel, du bist der Schoßhund von Lorcan Murray. Wie lange dauert denn dein Auslauf heute?«
   Er hatte kaum zu Ende gesprochen, als Nicolae ihn von den anderen wegzerrte. »Genau bis jetzt.« Er packte den Kopf des Mannes und riss ihn mit einem harten Ruck zur Seite.
   Es knirschte, das Genick brach, und der leblose Körper sackte zu Boden. Er war noch nicht aufgeprallt, als die Umgebung in Bewegung geriet. Plötzlich war die Luft erfüllt von gekrümmten Fingern und weit aufgerissenen Mündern. Der vorderste Angreifer, ein Rothaariger mit grobem Gesicht, fauchte. Seine Augen glühten, als er Nicolae ins Visier nahm. Er sprang, während die anderen ausfächerten, um ihren Gegner einzukesseln.
   Nicolae blieben Sekundenbruchteile, um zu reagieren. Er wich zurück, packte den Roten, ließ sich mit ihm fallen und nutzte den Schwung, um sich zu drehen. Dabei griff er unter seine Jacke und riss das Messer hervor. Die Stahlklinge fraß sich durch den Hals des anderen und hinterließ eine dünne Linie. Sie wurde breiter, als der Vampir röchelte und eine Hand hob, doch er konnte nichts mehr ausrichten, und er wusste es genau. Das fremde Blut verließ seinen Körper so schnell, wie er es zuvor aufgenommen hatte.
   Ein heftiger Schlag dröhnte gegen Nicolaes Hinterkopf. Zwei Männer packten ihn an den Schultern. Während der eine weitere Schläge auf ihn einprasseln ließ, folgte der andere seinen Instinkten, riss den Mund auf und zerrte ihn zu sich heran. Ein Fehler. Viel Spielraum hatte Nicolae nicht, aber eine winzige Drehung genügte, und seine Schulter krachte so hart gegen das Kinn seines Angreifers, dass er Zähne brechen hörte. Helle Splitter fielen zu Boden, und der Vampir zog sich mit einem Geheul zurück.
   Der nächste Hieb explodierte in seiner Magengrube. Er sackte in die Knie und schützte den Kopf mit beiden Armen. Jemand bog sie zurück, schlug auf Nicolaes Rücken und Nacken ein. Der Schmerz verwandelte sich in grelles Reißen, und ein Lendenwirbel brach. Nicolae stöhnte auf, als sich Krallen tief in seine Schulter gruben.
   Er griff blindlings zu, bekam einen Arm zu fassen und brach ihn, um Zeit zu gewinnen. Mit zusammengebissenen Zähnen stolperte er mehr vorwärts, als dass er sprang, doch das Messer fand sein Ziel trotzdem. Nicolae riss es zurück und sah erst dann, dass er die Wange eines Mannes erwischt hatte. Nicht tödlich, nicht mal hinderlich. Er musste schneller werden. Drei Angreifer waren noch übrig, aber es waren junge Gewandelte, schwach und ohne Kampferfahrung. Der Kräftigste von ihnen war gleichzeitig der Schnellste und schaffte es, ihm das Messer aus der Hand zu schlagen. Es traf zwischen den Steinen und alten Metallstücken am Boden auf, die Klinge ragte schräg in die Höhe. Nicolae legte die Hände zusammen und hebelte sie gegen das Gesicht des Mannes. Er ließ los, einen Augenblick zu benommen, um zu reagieren.
   Einen Augenblick zu lang. Nicolae schleuderte ihn zu Boden. Mit einem Knirschen bohrte sich die Klinge in seine Schläfe. Er zuckte, dann lag er still.
   Die letzten beiden Männer machten es ihm einfach, entweder aus Schwäche, Mangel an Erfahrung oder weil der Tod ihrer Kollegen sie zu sehr einschüchterte. Kurz darauf war es still an den Bahnschienen bis auf Vogelgesang, der rasch wieder einsetzte, sowie die Geräusche, die aus der Ferne herüber drangen.
   Nicolae gönnte sich eine Weile, um Kraft zu schöpfen, säuberte das Messer an der Kleidung eines der Toten und analysierte seine Verletzungen. Wäre er ein Mensch, würde er mit starken Schmerzen zu kämpfen haben. Nein, verbesserte er sich. Wäre er ein Mensch, läge er nun ohnmächtig neben denen, die ihn davon hatten abhalten wollen, das Gebäude vor ihm zu betreten.
   Neben dem Lendenwirbelbruch hatte er zahlreiche blaue Flecken sowie kleinere Fleischwunden davongetragen. In wenigen Tagen und mit etwas Blut würde er sich regeneriert haben. Seinen Auftrag würde er noch ausführen, aber dann brauchte er dringend Ruhe. Rasch sah er sich um, doch er war allein. Er würde das Gebäude checken und Lorcan anschließend benachrichtigen, um Leute anzufordern, die sich um die Toten kümmerten, ehe Menschen aufmerksam wurden.
   Zuerst jedoch das Wichtige. Nicolae steckte das Messer ein und hielt auf das Gebäude zu. Jeder Schritt schmerzte, doch das war unwichtig.
   Die Tür war verschlossen, es gab keine Fenster. Nach drei Schlägen lockerten sich die Riegel, nach weiteren brachen sie. Nicolae stieß die Tür auf und trat aus der Dämmerung in die Dunkelheit.
   Ein altbekannter Geruch empfing ihn, so übermächtig stark, dass ihm schwindlig wurde. Sein Körper sprang sofort darauf an und gierte nach dem Blut, das so verschwenderisch vergossen worden war. Nicolae presste die Lippen aufeinander und ging weiter. Er war nicht hier, um zu trinken, obwohl er es nach dem Kampf bitter nötig hatte.
   Bis auf die allgegenwärtigen Ratten bewegte sich nichts. Nicolae wusste bereits, dass er zu spät kam, noch ehe er den angrenzenden Raum betrat.
   Sie hatten ihn ausbluten lassen. Der Mann lag auf dem nackten Boden. Ketten liefen von den Eisenmanschetten um seine Hand- und Fußgelenke zu Ringen, die in der Wand eingelassen waren. Man hatte ihm zahlreiche Schnitte zugefügt, vor allem an der Kehle, der Brust und den Armen. Der Boden war mit einer Blutschicht bedeckt, die an den Rändern bereits getrocknet war. Ein rotes Meer der Vergänglichkeit.
   Nicolae trat näher und starrte in das Gesicht, auf die weißgrauen Züge mit den kaum sichtbaren Lippen. »Verdammt!« Er schlug gegen die Mauer, wandte sich um und verließ den Raum. Er konnte nichts mehr tun.
   Stephen Bower, Mitglied des Aberdeener Vampirrates, war tot.

*

Boyds Finger trommelten einen unsteten Rhythmus in die Luft. Zu langsam, viel zu langsam. Er versuchte, ihn dem Schlagen seines Herzens anzupassen, doch vergeblich. Seine Gelenke schmerzten und er kam aus dem Takt. Es machte ihn wütend. Am liebsten hätte er geflucht, doch er traute sich nicht. Selbst jetzt, bei der Entfernung, die zwischen ihm und dem Gewandelten lag, der soeben seine eigenen Leute um die Ecke gebracht hatte, wagte er kein Geräusch.
   Der tragbare Scanscreen an seinem Ärmel hörte auf zu vibrieren, was schlicht bedeutete, dass der Kerl den Überwachungsradius verließ. Boyd warf einen letzten Blick darauf und deaktivierte die Verbindung. Die Übertragung erlosch und der Screen wurde durchsichtig, beinahe unsichtbar vor dem Hintergrund der Jacke.
   Die Freude über sein neues Geschenk währte nur kurz, dann biss das Drecksbiest in seinem Körper erneut zu. Boyds Hände begannen zu zittern, das Shirt klebte von einer Sekunde auf die andere am Rücken. Die Stelle am Hinterkopf pochte, und er musste sich zusammenreißen, um nicht dagegen zu schlagen.
   »Und?« JT hörte auf, die Straße mit einem Stock zu bearbeiten. Er sah so beschissen aus, wie sich Boyd fühlte. Bleich wie ein Vampir, dazu ungesund dürr in seinem viel zu großen Hoodie.
   »Was und?« Boyds Kopf begann, wahnsinnig zu schmerzen, als sandte die pochende Stelle über dem Nacken ein Netz aus, das sich in seine Haut fraß.
   JT warf den Stock weg. »Können wir mit den Informationen was anfangen? Oder benutzt du das Scheißding nur, um dich wie James Bond zu fühlen?« Er zeigte auf Boyds Jacke. »Sie kommen morgen. Eventuell rücken sie was extra raus, wenn die Geschichte sie interessiert.«
   »Ich weiß, Mann.« Boyd hatte keine Ahnung, ob sie die Informationen gebrauchen konnten, aber er hoffte es. Je mehr, desto besser. »Wie viel haben wir noch?«
   JT schüttelte den Kopf. Eine verknotete graublonde Haarsträhne rutschte aus der Kapuze und fiel ihm weit über die Schulter. »Nicht genug für eine zweite Dosis heute.«
   »Alter, ich muss gleich zur Arbeit! Du kannst dich hinlegen und schlafen bis zum Treffen, aber ich muss fit sein.« Boyd wischte sich den Schweiß von der Stirn und kämpfte gegen den Juckreiz an. Wenn er einmal zu kratzen begann, konnte er nicht wieder aufhören. Die Schicht heute würde hart werden, aber morgen legte das Boot an, brachte einen Stapel Geld mit sich und löste all seine Sorgen in Luft auf. Vorläufig.
   Seine und Jennies.
   JT seufzte, sah sich um und zog das Päckchen mit den restlichen weißen Kristallen aus der Tasche. Boyd fragte sich, wie er gleichzeitig so gutmütig sein und so lange auf der Straße überleben konnte, aber das war nicht seine Sache. JT schlug sich als Kleindealer für Snowhite durch und verdiente kaum genug, um sich selbst mit dem Stoff zu versorgen. Trotzdem hing er mit Boyd herum, vermutlich, weil er die einzig stabile Komponente in seinem Leben bildete – oder weil sich JT allein zu Tode fürchtete, wenn es um das Boot ging.
   Boyd war stolz, dass er trotz allem ein halbwegs geregeltes Leben führte. Er hatte einen Job als Kerl für alles im Celsior33 – dem Nobelschuppen, der zugleich sein Untergang und seine Erlösung darstellte. Hier war er zum ersten Mal mit Snow in Kontakt gekommen, hatte die Euphorie erlebt, die Energie und die Überzeugung, endlich die Welt verändern zu können. Viel zu spät hatte er gemerkt, dass er an der Droge klebte wie eine Motte am Licht. Doch nun bot das 33 ihm die Chance, den Schmerzen und Depressionen zu entfliehen, denn der Besitzer zahlte bar auf die Hand. Die Hälfte nutzte Boyd für sich, die andere für Jennie. Sie war bereits auf Black Purple hängen geblieben, als er sie kennenlernte, und brauchte es, um den Tag zu überstehen. Dennoch hatte er sich Hals über Kopf in sie verliebt. Bei jedem Treffen brach sie ihm aufs Neue das Herz, nur um es wieder zusammenzusetzen und schneller schlagen zu lassen. Egal, wie betäubt er war, Jennie spürte er, tief in sich drinnen.
   Als er sie im Oktober auf dem Dach gesehen hatte, die Arme ausgebreitet und bereit für den Abgrund, fühlte es sich an, als wäre er bereits an ihrer Stelle gesprungen. Im letzten Moment konnte er sie herumreißen, und als sie weinend und schreiend in seinen Armen lag, hatte er sich geschworen, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um ihr zu helfen. Denn wenn sie nicht mehr da war, würde er ebenfalls draufgehen. Daher zögerte er nicht lang, als JT jemanden für einen besonderen Deal suchte. Obwohl es ihn wunderte, dass sein Kumpel das Ding nicht allein durchziehen wollte, sondern bereit war, den Gewinn zu teilen, begleitete er ihn zum Treffpunkt am Hafen – und begriff, warum sich JT derart in die Hosen machte.
   Die Auftraggeber waren Gewandelte. Verdammt wahnsinnige Gewandelte.
   Zunächst hatte Boyd abhauen wollen, aber bei dem Gedanken an Jennies dürren Körper war ihm keine Wahl geblieben, als den Deal seines Lebens an Land zu ziehen. Die Arbeit an sich war nicht schwer und funktionierte gut, wenn er nicht daran dachte, was geschah, nachdem das Boot wieder ablegte. Nur nicht nachdenken. Leider erfolgten die Aufträge unregelmäßig, und dieses Mal wurde das Snowhite wirklich knapp.
   »Gib schon her!« Boyd riss JT das Tütchen aus der Hand, öffnete es vorsichtig und tupfte den kleinen Finger hinein. Kurz darauf fraß sich die köstliche Kälte durch seine Mundschleimhaut, und er atmete tief durch. »Schon besser, Mann.«
   JT stand auf und nahm das Snow wieder an sich. »Wird schwerer mit den Aufträgen.« Er sah sich nochmals um, ein hagerer Kerl mit eingefallenen Wangen und einem fliehenden Kinn. »Wenn die Vamps weiter so randalieren, kommen nicht mehr viele Leute hierher.«
   »Irgendwen werden wir schon finden.« Boyd schluckte einige Male, obwohl sein Mund bereits so trocken war wie seine Taschen leer – eine der ungeliebten Nebenwirkungen. Das Zungenpiercing klackte gegen seine Zähne. »Erst mal sehen, was sie wollen.«
   »Was sollen sie schon wollen?« JT sah plötzlich ängstlich aus. »Dasselbe wie immer. Hast du mal überlegt, was sie tun werden, wenn wir nicht liefern können?«
   Boyd schluckte erneut. Nein, hatte er nicht, und er wollte auch nicht damit anfangen. »Irgendwen werden wir schon finden.« Er schlug JT gegen die Schulter und machte sich auf den Weg. »Bis morgen am Strand.«
   JT reagierte nicht.

*

In Lorcans Gesicht rührte sich kein Muskel, als er die Nachricht las und das Pad dem Mann reichte, der hinter ihm stand. »Triff dich mit Cole. Sorgt dafür, dass dort aufgeräumt wird.«
   Der Mann nickte, schlug den Kragen hoch und verließ den Raum.
   Lorcan verschränkte die Hände hinter dem Rücken und wandte sich dem Versammlungstisch zu. Lediglich ein Mann saß dort, David Silva, der oberste Ratsherr der Stadt. Sein Blick war leer und wütend zugleich, und er rieb sich mit einer Hand so energisch über die Stirn, dass sich Strähnen der dunklen Haare aus dem Zopf lösten. Die Muskeln unter dem dünnen Hemd zuckten, als Silva die Hände zu Fäusten ballte. Er schien zu ahnen, was er gleich hören würde.
   Lorcan trat näher, setzte sich aber nicht. Er verabscheute Untätigkeit oder Passivität in jedweder Hinsicht. Außer bei Vollversammlungen des Rates zog er es vor, stehen zu bleiben und durch den Raum zu laufen. Es war seine Methode, um Emotionen abzubauen, die er allgemein nicht zeigte und auch weitgehend ignorierte. Sie konnten hinderlich sein und das Urteilsvermögen trüben. Das hatte er bereits im siebzehnten Jahrhundert gelernt, als er im zarten Alter von zweiundzwanzig Jahren nach Boston gegangen war, um einen Pferde- und Kutschenverleih zu eröffnen. Das Geschäft brachte ihm bei, was Rückschläge waren, doch nicht so sehr wie das Leben: Seine Frau starb an Schwindsucht, die beiden Töchter standen plötzlich ohne Mutter da. Es war die logischste Entscheidung, schnell erneut zu heiraten, auch wenn keine Liebe im Spiel war. So fand er Carol. Als seine Töchter bei einem Überfall ums Leben kamen, gab es keine Notwendigkeit mehr, Carol in seinem Leben zu halten. Er verstieß sie und widmete sich voll und ganz seinem Geschäft.
   So handelte er bis heute: rational, logisch, effizient. Wenig Gefühle. Allerhöchstens ein Hauch Wut.
   Die Situation in Aberdeen wurde zunehmend unangenehmer: Stephen Bower war tot. Obwohl Lorcan es für möglich gehalten hatte, erstaunte es ihn. Niedere Gewandelte hatten gewagt, einen Ratsherrn Aberdeens nicht nur anzugreifen, sondern auch zu ermorden. Das bewies, wie brenzlig die Lage war und was alles im Verborgenen schwelte. Die Ausschreitungen waren eine Sache, offene Angriffe auf die Oberen eine andere. Die Grenzen waren nicht nur gedehnt, sondern überschritten worden. Sie mussten den Schaden beheben und die Regeln neu etablieren, und zwar mit Mitteln, die in den Köpfen der Verantwortlichen Gehör fanden.
   »Bower ist tot«, sagte er. »Cole hat ihn gefunden und eine Handvoll Niedere getötet, die wahrscheinlich damit zu tun hatten. Du kannst deine Männer zurückbeordern.«
   Silvas Faust krachte auf den Tisch, dann noch einmal. Er sprang auf, ging zum Fenster und musterte die silbergrauen Granitgebäude seiner Stadt. Die Straßen vor dem Haus waren leer, aber das konnte sich schlagartig ändern, spätestens, wenn die Dämmerung der Nacht wich. »Sie sind zu weit gegangen.« Seine Stimme bebte vor Zorn.
   »Sie werden noch weitergehen.« Lorcan trat neben ihn. »Die vergangenen Wochen haben sie mutig gemacht. Sie sehen, dass ihr Rat beschäftigt ist, mit den Demonstrationen und damit, die Kluft nach außen hin nicht zu groß werden zu lassen. Und um ehrlich zu sein, David: Sie sehen die Schwäche in deinem Rat. Ihr seid nun wie lange nicht vollzählig?«
   Silva wandte sich zu Lorcan um, schwieg aber. Sie beide wussten die Antwort.
   »Du hättest Anna Beauchamp zwingen müssen, zurückzukehren, damit ihr als Einheit auftretet«, sagte Lorcan. »Aber den Schaden können wir nicht mehr beheben, sondern sollten die Straßen im Auge behalten. Wir wissen nicht, was geschieht, wenn es zu weiteren Eskalationen kommt. Die Behörden könnten die Stadt zum Sperrgebiet erklären oder sie mit Spezialeinheiten räumen. Sie haben sich nur so lange zurückgehalten, weil sie noch nicht wissen, wie sie reagieren sollen. In jedem Fall sieht es brenzlig für uns alle aus. Und damit meine ich nicht nur Schottland.«
   Silva nickte. »Die Behörden halten dicht, und wir stehen in Dauerkontakt mit dem Generaldirektor der SCDEA. Noch beobachtet er lediglich und hält seine Berichte sauber.«
   Lorcan starrte über die Dächer. Die Scottish Crime and Drug Enforcement Agency würde nicht viel länger wegsehen können, selbst wenn die Gelder des Rates noch energischer flossen. Sie berichtete der Scottish Police Services Authority, und dieser Strang war stärker als jener, der aus Transaktionen auf versteckte Konten bestand. Sobald diese doppelte Loyalität zu kompliziert wurde und sich Gefahr für die Ränge in der Organisation abzeichnete, würde das Geld augenblicklich seinen Reiz verlieren. »Wir können uns nicht mehr darauf verlassen. Wir müssen handeln, ehe hier alles einstürzt.«
   Silva lehnte sich mit dem Rücken an das Fenster. Seine Lippen kräuselten sich. »Die Verantwortlichen werden sterben. Mehr können wir nicht tun, Lorcan.«
   »Doch, das könnt ihr.«
   Ihre Blicke verhakten sich ineinander, dann schüttelte Silva den Kopf. »Was stellst du dir vor? Ich kann kein Blutbad unter meinen Leuten anrichten.«
   »Es bleibt nichts anderes übrig. Dir rennt die Zeit davon, David. Du wirst niemals herausfinden, welche Niederen noch involviert sind, wie viele von ihnen in der Nacht auf die Straßen gehen oder einfach nur gegen den Rat hetzen. Das Geschwür wuchert, und du kannst es lediglich bekämpfen, indem du die Basis säuberst und alle tötest, die in den Straßen leben. In den Schatten. Egal, wie viele es sind.«
   Silva legte eine Faust an die Stirn, als würde er über die Worte nachdenken. Dann sprang er vor, packte einen Stuhl und wirbelte ihn quer durch das Zimmer. Er prallte von einer Wand ab und zerbrach. »Verdammt!«
   Lorcan verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete ihn, ohne eine Miene zu verziehen.
   Silva trat gegen einen weiteren Stuhl sowie den Tisch. Sein schottischer Akzent, sonst nur schwach ausgeprägt, verstärkte sich, als er eine Reihe von Flüchen ausstieß. Schließlich wandte er sich Lorcan zu. In seinen Augen loderte Wut. »Das ist nicht so einfach. Vielmehr … das ist nicht alles.«
   Etwas an seinem Tonfall ließ Lorcan aufhorchen. »Was stimmt nicht?«
   Silva stellte den Stuhl wieder auf und ließ sich darauf fallen. »Es sind nur … Vermutungen. Wir gehen ihnen nach, sind aber noch nicht sicher.«
   »Weiter.«
   Silva zögerte. »Wir glauben, dass Menschen verschwinden, und zwar seitdem die Unruhen eskaliert sind.«
   »Von wie vielen reden wir?« Lorcan fragte nicht, warum der Rat diesen Verdacht hegte. Wenn Silva es zur Sprache brachte, war es bereits als Problem eingestuft worden.
   »Nicht die Anzahl macht uns Sorgen, sondern die Regelmäßigkeit, da sie zur Auffälligkeit werden könnte. An der allgemeinen Situation gemessen sind es nicht viele. Obdachlose, Nutten, Rucksacktouristen.«
   »Wie verlässlich sind die Informationen? Gerade bei Durchreisenden?«
   »Wir haben jede einzelne geprüft. Leider behalten unsere Kontaktleute recht, was die Vermissten angeht.«
   »Alle verschwunden oder getötet?«
   »Bisher haben wir keinen von ihnen gefunden, und selbst wenn sie in den Akten der Menschen landen, ist eine Suche erfolglos. Moira und Ian sind dran.« Silva seufzte und kratzte mit den Fingernägeln Rillen in die Tischplatte. »Es sieht nach einem Muster aus. Gewandelte, die Aufstände nutzen, um ungestraft zu morden.«
   Lorcan nickte. »Ein Grund mehr, um aufzuräumen.«
   Silva zögerte erneut, dieses Mal länger. »Vielleicht hast du recht. Stephens Tod hat nicht die erste Lücke in unsere Ränge gerissen. Ich hätte es womöglich verhindern können.«
   Lorcan musterte den Mann, den er bereits seit über hundert Jahren kannte. Die Gewandelten in Schottland hatten sich stets durch Zurückhaltung ausgezeichnet. Selbst Edinburgh war zufrieden gewesen mit dem Schattendasein, das über lange Zeit hinweg die einzige Möglichkeit gewesen war, um zu überleben. Die Vampire in Metropolen wie London und Birmingham hatten dagegen an die Öffentlichkeit gedrängt. Die Gewandelten Schottlands schlossen sich schließlich an, um sich nicht gleichzeitig von den Menschen und ihren Artgenossen abgekapselt zu fühlen. Und eben diese Unsicherheit, diese Zurückhaltung, war noch immer zu spüren. David Silva war ein guter Ratsherr, doch er versuchte zu sehr, alle zufriedenzustellen.
   »Ich weiß, dass deine Reihen weiter auseinanderbrechen werden, David. Es sei denn, du wirst endlich aktiv.« Es brachte nichts, diese Tatsache zu beschönigen.
   Silva nickte. »Weißt du noch, was du mir gesagt hast, als ich zum ersten Mal in diesen Raum getreten bin? Ein Rat, der nicht vollzählig ist, wirkt wie ein Leuchtfeuer und eine Lawine zugleich. Man kann es weder verbergen noch Gerede aufhalten.« Er lachte trocken. »Vielleicht wärst du besser geeignet als ich.«
   Ein Muskel auf Lorcans Wange zuckte, direkt unter der Narbe zwischen Nase und linkem Mundwinkel – eine Erinnerung an den Kampf mit einer Gruppe jüngerer Vampire, die seinen Status nicht anerkennen wollten. Sie hatten für ihn gearbeitet, trotzdem hatte er nicht gezögert, sie zu beseitigen. Er hatte nicht zweiundvierzig Jahre lang als Mensch gelebt und es als Geschäftsmann zu Erfolg gebracht sowie als Gewandelter die Pest und den großen Brand von London überstanden, um sich auf der Straße töten zu lassen.
   Keine Emotionen.
   »Fragst du mich soeben, ob ich dem Rat beitrete?«
   Silva schüttelte den Kopf. »Ich frage dich, ob du ihn leitest, zusammen mit mir. Vorübergehend. Als Ehrenmitglied.« Er leckte sich über die Lippen. »Du führst diesen Kampf länger als ich.«
   Lorcan musste nicht lange nachdenken. Er wollte sich diese Bürde nicht aufhalsen, denn es gab genug in London zu tun. Es war jedoch notwendig. Wenn sie eine Stadt verloren, würde die nächste folgen. Zudem war London nicht ohne Schutz. Sein alter Freund Jun würde die Stellung dort halten. »Ich nehme an. Aber dann gelten meine Regeln.« Er sah Silva in die Augen.
   Der hielt den Blick. »Bitte bedenke, dass wir nicht wissen, wer die Verantwortlichen sind. Vielleicht leben all diese Menschen noch und werden irgendwo festgehalten. Oder das Problem geht nicht von der Straße aus. Wir dürfen nicht riskieren, eine Spur zu vernichten.«
   Lorcan analysierte die neuen Informationen. »Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Leute ins Zentrum der Aufstände zu schicken.«
   Silva rieb sich über die Stirn. »Wie genau stellst du dir das vor?«
   »So unauffällig wie möglich. Deine Männer gehen weiterhin gegen die Aufständischen vor, Scott und Aiden werden sie unterstützen. Cole wird sich um die Aufklärung der verschwundenen Menschen kümmern.«
   »Ich dachte, er ist dein Leibwächter?«
   »Betrachte ihn als Wildcard. Er zählt nicht zum Rat und steht erst seit Kurzem in meinen Diensten. Hier wird niemand sein Gesicht kennen, aber er ist nützlich. Und integer.«
   »Du traust ihm?«
   Lorcan gestattete sich ein schmales Lächeln. »Er hat mir Gehorsam geschworen. Und er weiß genau, dass ich seine Schwachstellen kenne. Eine davon lebt in meinem Haus und die andere wäre innerhalb von Minuten tot, wenn ich es befehle. Nein, Cole würde niemals wagen, den Rat zu hintergehen.«
   Silva überlegte, dann stand er auf. »Also gut, ich benachrichtige Moira. Sobald Cole zurück ist, wird sie sich mit ihm treffen und ihm zeigen, wie er am ehesten in den Untergrund gelangt.« Er hob die Augenbrauen. »Ich hoffe, er kommt dort klar.«
   »Glaub mir, er hat keine andere Wahl.«

Kapitel 4
London

Die Chamäleonfigur aus Hartgummi quietschte, als Bob sie auf der Tischplatte hin- und herschob. Da ich sowieso nichts tun konnte außer warten, starrte ich auf das Ding mit seinen hängenden Augen in Blutrot und Neongrün. Ich hatte selten etwas so Hässliches gesehen. Es war das erste Geschenk zur Geburt von Bobs jüngstem Sohn gewesen, und seitdem verunstaltete es seinen Schreibtisch. In der Redaktion liefen Wetten darüber, wer der Schenkende war, ob er unter Geschmacksverirrung litt oder schlicht gehässig sein wollte. Trotz vieler Nachfragen rückte mein Chef nicht mit der Sprache raus. Er war eben nicht dumm.
   Schließlich hob er den Kopf. Hätte ich es nicht besser gewusst, würde ich glauben, dass er gleich aufspringen und mir eine Ohrfeige verpassen würde. »Wie lange arbeitest du nun hier?«
   Wir wussten es beide, also schwieg ich.
   Bob hatte mit nichts anderem gerechnet. »Und auf einmal willst du mir erzählen, du hättest Verwandte in Schottland?«
   »Entfernte Verwandte.« Ich redete rasch weiter, ehe er entschied, meine knappe Antwort als Herausforderung zu betrachten. »Hör mal Bob, es geht nur um ein paar Tage.«
   »Du sagst es, und genau das ist das Problem. Wie hoch ist der momentane Krankenstand unter den Kollegen, Maddie? Sag du es mir, denn es fällt mir gerade nicht ein.« Sein Unterkiefer schob sich erst zu einer Seite, dann zur anderen. Kein gutes Zeichen.
   Allerdings kannte ich den Krankenstand wirklich, und ich kannte meinen Chef. Was bedeutete, dass ich nicht unvorbereitet in dieses Gespräch gegangen war. »Das ist alles bereits geklärt. Holly übernimmt, und ich hole die Schichten bis übernächsten Monat wieder auf.«
   »Hm. Und du weißt das alles bereits seit über einer Woche?«
   Ich stutzte. »Nein, wie kommst du darauf? Ich habe es gestern erfahren, sonst hätte ich dir eher Bescheid gegeben.«
   »Ah. Und wie willst du ohne Genehmigung einreisen?«
   Verdammt, daran hatte ich nicht gedacht. Seit knapp sechs Jahren waren die Grenzen geschlossen und die Überquerung nur möglich, wenn man sie zwei Wochen zuvor anmeldete. Ich machte mir diesbezüglich keine Sorgen, da Absecon seine Mittel, Wege und vor allem Spezialisten hatte, um mich an mein Ziel zu bringen, aber das hatte ich im Zuge meiner hübschen, kleinen Geschichte der selbstmordgefährdeten Großcousine vollkommen vergessen. Das war untypisch für mich, allerdings musste ich mir auch sonst nur selten Sorgen um einen Gewandelten machen, der über fünfhundert Meilen entfernt in Dinge verwickelt war, die mir Bauchschmerzen bereiteten.
   Kaum dachte ich an Nic, begann mein Magen zu rumoren. Was steckte hinter seinem Schweigen? Ging es ihm so schlecht, dass er tagsüber ruhte, nur um sich nachts mit Dingen zu beschäftigen, die ihm gefährlich werden konnten? Eine Sekunde lang hasste ich Lorcan, der die Schuld trug, wenn Nic in Gefahr schwebte, bis mir bewusst wurde, wie unsinnig das war. Zwar kannte ich die Gesellschaftsstruktur der Gewandelten, das bedeutete jedoch noch lange nicht, dass ich sie verstand oder beurteilen konnte.
   »Madison?« Bob schnipste ungeduldig mit den Fingern.
   Ich zwang mich in die Gegenwart zurück. Wenn ich bereits jetzt derart unaufmerksam war, konnte ich gleich an die Küste fahren, um von einer Klippe zu hüpfen. Was hatte Lucas mir stets eingebläut? Konzentration und Geistesgegenwart trainierte man am besten, indem man nur dann eine Pause einlegte, wenn man schlief. »Sorry, mir geht noch so viel im Kopf herum.« Ich zwang ein Lächeln auf meine Lippen. »Unter anderem besagte Einreisegenehmigung, die meinem Konto nicht gerade guttut.«
   Er hob die Augenbrauen. »Illegal? Du weißt, wie viel Ärger das geben kann? Woher bekommst du sie? Nein, sag es mir lieber nicht. Wehe, du ziehst den Sender mit darein.«
   »Werde ich nicht, keine Sorge. Aber ich könnte Informationen aus dem Norden mit zurückbringen. Über die Aufstände zum Beispiel.«
   Ich erwähnte es nur, weil ich wusste, dass Bob niemals nach dem Stock greifen würde, mit dem ich da wedelte. Das Letzte, was ich wollte, war, die Öffentlichkeit weiter gegen die Gewandelten aufzuhetzen. Es gab bereits zu viel Wut und Hass dort draußen. Mehr davon bedeutete Gefahr für alle Vampire, also auch für Nic. Ich würde den Teufel tun und ihn unnötig in Gefahr bringen.
   Wenn er das nicht eh schon war. Meine Gedanken sprangen zu dem, was Lily gesagt hatte, und ich drängte sie energisch zurück.
   Bob musterte mich düster. Mittlerweile bearbeitete er das Chamäleon mit den Fingernägeln. Das Thema Aberdeen war noch zu heiß, um es im Commonwealth zu verbreiten, das wagte selbst er nicht. Zwar ruderten wir bei Radio Voice Up manchmal so gefährlich nah um die Klippen des Erlaubten herum, dass die schwächeren Gemüter der Kollegen Verfolgungswahn entwickelten, wenn sie nach Hause gingen, aber wir achteten penibel darauf, die Grauzone der Berichterstattung niemals zu verlassen. Die Gewandelten durch einen Fingerzeig auf ihre Probleme in Schottland zu reizen, wäre unvorteilhaft, schlimmer aber wäre es, einen Mob zu erschaffen, indem wir die Menschen auf etwas aufmerksam machten, das sie fürchteten. Angst war ein weit stärkerer Antrieb als Mut.
   Obwohl er es mir nicht leicht machte, schwieg ich und wartete auf Bobs Antwort. Am liebsten hätte ich mir das Chamäleon geschnappt und aus dem Fenster geworfen.
   Endlich schnalzte er mit der Zunge. »Es gibt dort oben diese Firma, die FlexCord-Sprünge aus dem Heli anbietet. In den Grampians. Wenn du dich umbringen willst, dann solltest du das zumindest vor hübscher Kulisse tun.«
   Ich verdrehte die Augen. Manchmal war er ein echter Dramatiker. »Komm schon. Ich renne sicher nicht um Mitternacht durch die Stadt und erzähle allen, dass ich von der Presse bin. Aber es kann nicht schaden, wenn wir einschätzen können, was auf uns zukommt, oder?« Ich strich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr und legte so viel Überzeugung wie nötig in meinen Blick.
   Bob seufzte und ließ das Gummitier fallen. »Holly übernimmt, sagst du?«
   Ich hob einen Mundwinkel, nickte, drehte mich um und winkte. »Wir sehen uns nächste Woche.«

Obwohl ich eine Nachricht über das Shadenet geschickt hatte und die äußere Tür nur passieren konnte, nachdem ich meine Hand auf das Scanfeld legte, entriegelte Hades den eigentlichen Eingang zum Labor erst, nachdem er die Daten der Überwachungskamera gecheckt und verifiziert hatte. Nach dem Vorfall mit Alex war er aus den Hinterräumen des Labors an der Ecke Greek und Manette ausgezogen und hatte sich etwas Neues in South Bank gesucht. Anders als in Soho befanden sich die Räume nicht unter der Erde, waren aber dafür so hermetisch abgeriegelt, als würde man einen Hochsicherheitstrakt betreten.
   »Mach schon auf.«
   Endlich summte es, und die Tür glitt zur Seite. »Madison! Bist du allein?« Hades Stimme zischte durch den Gang, ehe ich ihn überhaupt zu sehen bekam.
   »Nein. Ich habe die gesamte Redaktion mitgebracht.« Ich schob mich an ihm vorbei, was angesichts seiner Körperfülle nicht so einfach war. Er sah bleich aus. Jetzt im Winter verließ er diese Räume nur selten, und auch sonst vergrub er sich stärker als zuvor und mehr in seine Forschungen und anderen Dinge, die ich nicht kannte. »Es geht um meine Dosis.«
   Hades folgte mir, als ich auf sein Labor zuhielt. Auf drei großen Screens flackerten Formeln und Abbildungen, die mir nichts sagten, eine Zentrifuge summte leise in der Ecke.
   Das weiße Licht verstärkte Hades’ Blässe, der Kittel tat sein Übriges. Die dunklen, zerzausten Haare und die glänzende Stirn machten den Eindruck nicht besser. Den linken Arm hielt er angewinkelt am Körper. Seit dem Angriff vor Kurzem litt er dort Schmerzen. Ich hatte Schuldgefühle, wann immer ich es bemerkte, und versteifte mich ein wenig.
   Er ging zu seinem Kontrollpanel. »Worum geht’s? Das HP hat Zeit bis morgen.«
   Er versorgte mich weiterhin mit Hosporga, obwohl er Gewandelte aus seinem Leben streichen wollte und wusste, dass ich mit Nic zusammen war. Aber er behandelte mich, seitdem ich am Herzen operiert worden war, und ich vermutete, dass er sich verantwortlich fühlte. Niemand wusste, was geschah, wenn das HP meine Herzklappe nicht mehr unterstützte. Weil es zu den inoffiziellen Medis zählte und ich ausschließlich durch Hades daran gelangte, hatte ich keine Ahnung, was langfristige Entzugserscheinungen anging. Er wusste es ebenfalls nicht, und keiner von uns war wild darauf, es auszuprobieren.
   »Ich weiß. Aber ich muss für eine Weile nach Schottland.«
   Er hob die Brauen. »Wozu?«
   »Familienangelegenheiten.«
   Es kam zu schnell heraus, und er merkte es. »Wenn du meinst.« Ein kurzer Summton, und die Lade neben uns glitt auf. Hades deutete auf die Liege. »Setz dich.«
   Ich gehorchte, während er den Medikolben fertig machte und mir das HP in den Arm jagte. Es brannte, doch ich zuckte nicht einmal. Stattdessen drehte und wendete ich mein schlechtes Gewissen und kam zu dem Schluss, dass es zu groß wurde, um es weiter mit mir herumzutragen. Ganz auflösen konnte ich es nicht, aber möglicherweise ein Stück abbauen. »Okay, ich habe keine Familie in Schottland. Erzähl das bloß nicht meinem Chef. Aber ich brauche eine Ersatzdosis. Oder zwei, je nachdem, wie lange ich bleibe.«
   Er platzierte den Kolben in der Sterilisationskammer und aktivierte sie. »Ich hab gehört, es gibt dort oben ziemliche Probleme. Mit Gewandelten.«
   Ich zuckte die Schultern und befand, dass sich mein Gewissen genug geplagt hatte. Zeit, den Spieß umzudrehen. »Ja leider. Da fällt mir ein: Hast du schon etwas herausgefunden?«
   Ich hatte Hades von dem Effekt erzählt, den Nics Blut auf mich gehabt hatte, während wir uns in Bempton vor unseren Verfolgern versteckten. Plötzlich hatte ich mich gefühlt, als würden sämtliche Sinne auf Hochtouren laufen – oder eine Überdosis HP durch meinen Körper pulsieren. Ich vermutete daher, dass es entweder mit der Herzklappe zusammenhing, die man mir vor ein paar Jahren eingesetzt hatte, oder mit den Medis, die seitdem in meinem Blut kreisten.
   Hades schüttelte den Kopf und gab irgendetwas auf seinem Pad ein. »Nein, noch nichts. Nur …« Er zögerte. »Vielleicht solltest du dich generell von den Blutsaugern fernhalten.«
   Ein seltsamer Unterton schwang in seinen Worten mit und ließ mich aufhorchen. »Was meinst du?«
   Er tippte schneller, blickte auf und sah mich an, als sähe er mich zum ersten Mal. »Nichts. Ich … vergiss es. Ich denke nur, du solltest vorsichtig sein. Wegen allem. Der Sache neulich, deiner Mutter …« Er fuhr sich über die Stirn, wandte sich ab und löste die Sperre einer weiteren Lade.
   Ich fand es seltsam, dass er ausgerechnet jetzt meine Mutter erwähnte, aber andererseits passte es zu ihm. Er war schon immer ein sehr vorsichtiger Mensch gewesen, aber in letzter Zeit schlich er an der Grenze zur Paranoia herum. »Keine Sorge, ich bin nicht dort, um mich in die nächste Demo zu werfen.«
   Er öffnete den Mund, doch dann schüttelte er den Kopf, als hätte er es sich anders überlegt, und drückte mir zwei Päckchen in die Hand. »Hier. Autoinjekt. Das sollte reichen.«
   Ich verstaute sie in der Innenseite meines Gürtels. »Danke.« Eigentlich wollte ich noch etwas sagen, ihn beruhigen oder einfach reden, um ihn nicht völlig in seine Welt der Zurückgezogenheit abdriften zu lassen. Doch es kam mir vor, als könnte er es kaum erwarten, dass ich mich verabschiedete.
   Kurz darauf trat ich in den Londoner Nieselregen und betrachtete nachdenklich die schwarze Metalltür, die hinter mir zufiel. Ich wurde das seltsame Gefühl nicht los, dass wir soeben Pingpong gespielt hatten, wenn es darum ging, das Thema zu wechseln.

Kapitel 5
London

»Keine Sorge, ich bin nicht hier, um deine Mutter zu spielen oder dir zu sagen, dass du vorsichtig sein sollst. Ich will sichergehen, dass du keinen Scheiß
   baust, der uns Ärger machen kann.« Mindy trat hinter mir in mein Schlafzimmer, sah sich um und ließ sich auf den Sessel in der Ecke fallen. Unter ihren Augen schimmerte es dunkel, und ihre schulterlangen Haare hätten sicher nichts gegen eine Bürste gehabt. Höchstwahrscheinlich hatte sie in der vergangenen Nacht kein Auge zugetan. Mindy wurde unruhig, wenn sie mehr als fünf oder sechs Stunden in keinem Datensystem unterwegs war. »Hast du etwa schon gepackt?«
   »Ich bin so weit fertig.« Ich deutete auf meine Sporttasche, das einzige Indiz dafür, dass ich die Stadt am nächsten Tag verlassen würde. Eigentlich war es nicht meine Art, schon vor Reiseantritt unruhig zu werden, doch dieses Mal ging es um so viel. Ich würde nicht noch einmal einer Person, die mir etwas bedeutete, erlauben, aus meinem Leben zu verschwinden.
   Bis auf die Tasche sah das Zimmer aus wie immer, was hauptsächlich daran lag, dass ich mir nicht so viel aus Klamotten machte. Ich besaß lieber das Nötigste als zu viel, und so hatte ich alles innerhalb weniger Minuten zusammengetragen. Das Wichtigste war sowieso der erweiterte ID-Zusatz, der meine Einreisegenehmigung aktivierte. Eine Sicherheitsmaßnahme, die wir zum Glück bisher nie hatten anwenden müssen. Stattdessen nutzten wir den für Absecon üblichen Weg der Seepassage. Ich würde im Schutz der Nacht mit einem kleinen, nicht registrierten Boot die Ostküste umfahren und in Balmedie, nördlich von Aberdeen, an Land gehen. Falls der Übergang dort bewacht wurde, gab es einen weiteren kurz vor Peterhead. An beiden wartete ein Kontaktmann auf mich.
   Claudia und die anderen Entscheidungsköpfe bei Absecon waren zunächst nicht sehr begeistert von meinem Vorschlag gewesen, mir die Sache in Aberdeen näher anzusehen. Sie konnten aber nicht leugnen, dass ich wichtige Informationen beschaffen konnte – vor allem, weil ich mit meinem Draht über Nic zu Lorcan sowie meiner Immunität gegen den Vampirblick gleich zwei Joker besaß. Letztlich war es niemals möglich, alle Gefahren auszuschließen. Allerdings hatte ich nicht vor, mich in das Zentrum der Unruhen zu stürzen. Ich wollte lediglich Nic finden.
   Neben den offiziellen Dokumenten hatte ich die Norica sowie NaCl-Munition eingesteckt. Seit dem Vorfall in Südengland hatte man mir uneingeschränkten Zugriff auf die Patronen gewährt.
   Es raschelte leise, als Mindy in ihre Jacke griff. »Hier. Für dich.«
   Überrascht starrte ich auf das schwarze flache Päckchen in meiner Hand. An der Seite schimmerte ein Scanfeld. Ich berührte es mit dem Zeigefinger und wurde mit einem leisen Klacken belohnt, als der Mechanismus bestätigte. Dann starrte ich auf eine zierliche Ampulle, sicher eingebettet in Schaumstoff. Ich nahm sie heraus und hielt sie gegen das Licht. Die Flüssigkeit darin schimmerte dunkelrot. »Was ist das?«
   Mindy zog sich den Hocker heran, legte die Füße darauf und rutschte tiefer. »Ein kleiner Gruß aus Lalitas Küche. Leider war eine größere Menge in der kurzen Zeit nicht drin.«
   Ich hob die Augenbrauen. Lalita Rao war Biochemikerin und, wenn man ihren Aussagen glaubte, mit dem Gedanken an Blut aufgewachsen. Nicht, weil sie zu den Gewandelten zählte, sondern weil ihr Bruder an APC-Resistenz litt, einer Störung der Blutgerinnung, die in erhöhtem Maß zu Thrombosen führte. Wie sie zu Absecon gestoßen war, wusste ich nicht, es spielte auch keine Rolle. Wenn die Zentrale überzeugt war, jemandem vertrauen zu können, genügte es. Lalita leitete ein Team, das sich mit den biologischen Besonderheiten der Gewandelten befasste, und nun hatte sie mir für meine Reise ein besonderes Geschenk eingepackt.
   »Stammt es von einem Gewandelten?« Ich schüttelte die Ampulle leicht.
   »Nein. Das Blut aus ihren Körpern stirbt zu schnell ab. Das hier dagegen ist synthetisch, allerdings auf der Basis von Gewandeltenblut hergestellt. Die Erythrozyten sind abgewandelt und nicht mehr bikonkav. Auch die Zusammensetzung der Glykoproteine an der Zelloberfläche ist eine andere als gewöhnlich.«
   Ich winkte ab, weil ich bereits jetzt nicht begriff. »Okay, was genau bewirkt es?«
   Mindy schwieg und grinste auf jene Weise, bei der sich die Lippen äußerst langsam verzogen, die Augen aber verengten. Bei anderen wirkte es süffisant, bei ihr abgeklärt und zufrieden zugleich. »Weißt du Maddie …« Sie streckte sich. »Ich habe nicht vergessen, was du mir über die Höhle in Bempton erzählt hast. Und damit meine ich nicht, dass du mit Nicolae Cole auf dem Felsboden gelandet bist.« Sie hob den Kopf und wartete darauf, dass ich begriff.
   Ich sah zu ihr, dann wieder zu der Ampulle. »Lalita denkt, dass es denselben Effekt haben wird wie das Vampirblut?« Absecon interessierte sich sehr für alles, das mit mir und meiner Resistenz zu tun hatte. Verständlich. Wenn Lalitas künstliches Blut so wirkte, wie sie sich erhoffte, würde mir das in manchen Situationen einen Vorteil verschaffen können.
   Mindy breitete die Arme aus. »So ist es. Sie hat zwei Nächte durchgemacht und es heute Morgen fertiggestellt. Bisher hatten wir keine Möglichkeit, es zu testen.«
   »Und woher weiß ich, ob es funktioniert?«
   »Indem du es schluckst und uns Bescheid gibst. Das Schloss ist auf deine Fingerabdrücke geeicht, und das Paket ist so schmal, dass du es am Körper verstecken kannst.«
   Ich legte die Ampulle zurück, schloss den Behälter und platzierte ihn auf meinen Nachttisch. Zwar war ich bereit, das Versuchskaninchen zu spielen, aber nicht vor den Augen anderer. »Danke. Ich melde mich bei Lalita, wenn ich weiß, ob es wirkt.«
   »Nicht so eilig. Weihnachten ist noch nicht vorbei.« Sie schob eine Hand in die Tasche ihrer engen, abgetragenen Jeans und hatte Mühe, sie wieder hervorzuziehen. Zwischen den Fingern blitzte es silbrig: eine winzige, flache Dose. Mindy klappte sie auf. Darin befand sich etwas, das auf den ersten Blick wie ein kleines Skalpell aussah, das sich am unteren Ende verdickte.
   Ich runzelte die Stirn. »Und was ist das?
   »Ein TrackPlant. Sobald du Haut mit diesem Schätzchen ritzt, transportiert es einen Chip direkt zwischen Dermis und Subkutis. Wenn das passiert, wird der Sender aktiv und durch die Nervenimpulse am Leben gehalten, egal, wie hoch die Körpertemperatur ist. Es funktioniert also auch bei Gewandelten und das ungefähr zwei Wochen lang.«
   »Es ist ein Peilsender?« Ich kannte einige Modelle, die man in Körper implantieren konnte, aber sie waren deutlich massiger als dieser. Er war nicht größer als mein kleiner Fingernagel und so dünn, dass ich ihn wahrscheinlich ohne Hilfsmittel nur schwer greifen konnte.
   »Und zwar ein verdammt leistungsstarker. Seine Mantelung besteht aus bioartifiziellem Gewebe. Sobald er im Körper ist, spürst du nichts mehr. Also pass verdammt noch mal auf ihn auf. Ich habe lange daran gearbeitet, und das Teil ist schweineteuer.«
   Ich nickte, obwohl Geld in meinem Feld gerade absolut nicht zum Zug kommen konnte. »Wie genau arbeitet es?«
   »Ziemlich genau. Wir haben das System auf der Basis von eLORAN weiterentwickelt, es überträgt seine eigenen Korrekturdaten mit der geringsten Verzögerung, die ein Trackdevice überhaupt liefern kann. Es ist weitgehend wetterunabhängig, aber wenn es hart auf hart kommt, berechnet es einen Radius von maximal zehn Fuß.«
   Ich war beeindruckt. »Seine Reichweite?«
   Mindys Grinsen wurde breiter. Antwort genug. Sie schloss das Döschen wieder und warf es mir mit einer Unbekümmertheit zu, die jedem Wissenschaftler oder Sponsor einen Herzinfarkt beschert hätte. Ich fing es auf und betrachtete es kurz, ehe ich es zu der Ampulle legte. Noch wusste ich nicht, wozu und vor allem wann ich es brauchen würde, aber ich wäre dumm, ohne Absicherungen wie diese in eine Krisenregion zu reisen.
   »Wie empfange ich das Signal?«
   »Ich habe eine Retardsektion auf unserem Kanal eingerichtet. Du siehst es, wenn du ihn aufrufst.«
   »Du hast keine wirklichen Hobbys, oder?« Mindys unbekümmerte Art färbte auf mich ab. Möglicherweise wurde ich allmählich auch einfach nervös. Nicht nur, weil Aberdeen momentan keine Flaniermeile war, sondern auch, weil ich noch immer nicht wusste, wo genau sich Nic herumtrieb. Die letzte Nachricht war so nichtssagend gewesen, dass mein Hirn die wildesten Theorien entwickelte, angefangen mit der Annahme, dass er wenig Zeit hatte, bis hin zu der Befürchtung, dass er mich auf Abstand halten wollte, damit ich nicht so sehr trauerte, sollte er nicht zurückkehren.
   Mindy winkte ab. »Mein gesamtes Leben ist ein Hobby. Warte, bis du den Rest siehst, sobald du wieder da bist. Hast du mittlerweile was von Cole gehört?«
   Der abrupte Themenwechsel war typisch für sie, erwischte mich aber kalt. Hölle, ich musste endlich damit aufhören, mir auszumalen, was mit Nic sein könnte. Sollte ich in Schottland derart unaufmerksam sein, konnte ich mir gleich die Kehle aufschlitzen und den demonstrierenden Gewandelten einen Snack anbieten.
   Ich löste meinen Zopf so energisch, dass einzelne Haare zu Boden sanken, und band ihn neu. Augenblicklich entkamen einige der glatten Strähnen und kitzelten meinen Hals. »Ja, aber um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, was ich davon halten soll.«
   Mindys Augen verengten sich. »Wie meinst du das?« Ihr Akzent kam stärker durch.
   Ich überlegte, zuckte die Schultern und kramte mein Minipad hervor. Es gab keinen Grund, warum sie die Nachricht nicht sehen sollte, immerhin war es das Unpersönlichste, das ich in letzter Zeit von Nic gehört oder gelesen hatte.
   Mindy starrte auf die Nachricht, schloss sie und öffnete sie nochmals, runzelte die Stirn und gab eine Reihe von Befehlen ein. Schließlich nahm sie ihre Tasche, kramte darin herum und zog ihr Pad heraus.
   Ich trat näher. »Was bitte treibst du da?«
   Sie blickte nicht auf. Für Mindy war ich nun jemand, der zur Welt außerhalb ihrer Gedanken gehörte, die nichts anderes war als ein Störfaktor. Sie befand sich längst mitten in jener Umgebung, in der sie sich manchmal mehr zu Hause fühlte als im realen London.
   »Du hast eine Verzögerung in der Übertragung«, murmelte sie und gab den Code für den Kanal ein, den wir bei Absecon nutzten und der uns eine kleine schwarze Ecke im Shadenet bot. Kurz darauf flimmerte eine Zahlenabfolge über das Pad.
   Ich versuchte erst gar nicht, zu verstehen, was genau das war, und ich bat Mindy nicht darum, es mir zu erklären. Auf diesem Tanzboden bewegte sie sich am besten allein.
   Sie schob sich eine Haarsträhne in den Mund und kaute darauf herum. »Da steckt noch etwas dahinter, eine Umleitung zu einem Kanal im Net, der ähnlich geschützt ist wie unserer. Der Herr ist nicht wortkarg, sondern gar nicht mal so dumm«, murmelte sie.
   Nun blinzelte ich genauer über ihre Schulter und versuchte, zu ignorieren, wie aufgeregt ich war. Wenn Nic seine wahre Nachricht verschlüsselt hatte, konnte das nur bedeuten, dass die Zustände in Aberdeen schlimmer waren, als wir dachten – oder aber, dass er mir gegen Lorcans Wunsch inoffizielle Dinge mitteilte. Beides gefiel mir wenig. Was, wenn ich ihn niemals wiedersehen würde? Das Leben eines Gewandelten im Einflussbereich des Rates war nicht ungefährlich, und als Lorcans Leibwächter befand sich Nic in der ersten Reihe, wenn es darum ging, russisches Roulette zu spielen. Lily hatte es vor seiner Abreise mit der Unbedarftheit einer jungen Vampirin angesprochen, als sie Lorcan gefragt hatte, wer denn für Nics Unversehrtheit einstand. Sie hatte die deutlichste Antwort von allen erhalten: Schweigen.
   Ich ballte die Hände zu Fäusten und starrte auf Mindys Finger, bis sie zu Weiß verschwammen. Es war so leicht, Nics Gesicht zu sehen, wenn ich die Augen schloss: die dunklen Haare, das Funkeln in den grünen Augen oder die Stirn, die sich viel zu selten glättete. In den vergangenen Tagen hatte ich es verdrängt, um nicht Gefahr zu laufen, mir Sorgen zu machen, doch nun versuchte ich das nicht länger. Ich wollte bei ihm sein, und wenn es nur in Gedanken war.
   Mindy schnalzte mit der Zunge, ehe ich mich vor mir selbst komplett zur Idiotin machte. »Da haben wir es.« Weitere rasche Handbewegungen, und sie reichte mir ihr Pad.
   Meine Finger waren kalt. Ich las Nics Nachricht zweimal, ehe ich sie richtig begriff, jedes einzelne Wort und vor allem die Bedeutung dazwischen, die um so vieles schwerer wog. Er hatte mir seinen und Lorcans genauen Aufenthaltsort mitgeteilt – schon allein das könnte ihn den Kopf kosten – sowie die Ausmaße der Ausschreitungen angerissen. Zudem verriet er mir die Namen der Angehörigen des Aberdeener Vampirrates. Gut, damit würde mein Kopf ebenfalls rollen, Absecon hin oder her. Ich fragte mich, was er damit bezweckte, und als ich die letzte Zeile las, fand ich die Antwort.
   Schlagartig zog sich mein Magen zusammen. Es fühlte sich an, als hätte er sich in einen Eisklumpen verwandelt, der mit jeder Sekunde wuchs.
   Falls wir uns nicht mehr sehen – pass auf dich auf, Maddie.
   Im ersten Moment war ich wütend. Was dachte er sich eigentlich? Glaubte er wirklich, sich mit ein paar lapidaren Worten verabschieden zu können? Erst, als sich die Wut kurz zurückzog, blieb in meinem Kopf Platz für Logik, und ich verstand, was Nic meinte. Warum er sich überhaupt für das Wagnis entschieden hatte, eine verschlüsselte Nachricht zu schicken. Er glaubte, dass sich die Situation weiter verschärfen und er nicht mehr lebend da rauskommen würde. Daher hatte er mir die Namen des Rates genannt, als eine Art Schutz, den ich möglicherweise nutzen konnte, sollte ich mich auf den Weg nach Schottland machen. Dann, wenn die Unruhen mit Blut zum Schweigen gebracht worden waren.
   Mit seinem Blut.
   Er glaubte, dass es sicherer in der Stadt sein würde, bis ich eintraf, sonst hätte er mich niemals informiert. Wenn jemand es verstand, seine Gründe für sich zu behalten, dann Nicolae Cole. Er tat alles, um jene, die ihm etwas bedeuteten, in Sicherheit zu wissen, selbst wenn er dafür mit Schweigen oder Lügen bezahlte. Aber genau hier lag sein Fehler: Er kannte mich gut genug, um zu ahnen, dass ich alles daran setzen würde, ihn zu finden, sobald ich die Nachricht entschlüsselt hatte. Doch er erwartete mich frühestens in zwei Wochen, den Vorschriften für den Antrag einer Einreisegenehmigung sei Dank.
   Dabei hatte er die Rechnung jedoch ohne Absecon gemacht.
   Ich zog einen Mundwinkel in die Höhe. Es fühlte sich falsch und kalt an, doch die Entschlossenheit, die es erzeugte, verdrängte einen Teil der Wut.
   Nic wusste, was wir taten, aber nicht, wie weit unsere Kontakte reichten und welche Gesetze wir umgehen konnten. Nicht nur die Gewandelten umgaben sich mit einer hohen Dunkelziffer. Im Grunde war die gesamte britische Gesellschaft ein Teppich, der zu schwer war, um ihn vollständig anzuheben.
   Ich löschte die Nachricht und sah Mindy an. »Ich fahre schon heute.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ich zum Nachttisch, nahm das Döschen sowie die dunkle Mappe und verstaute beides in meiner Tasche. Als ich mich umdrehte, bearbeitete Mindy ihr Pad. »Was tust du da?« Ich traute ihr, wenn auch nicht so sehr, wie ich Lucas getraut hatte, aber meine Reaktion war nicht so überlegt, wie sie sein sollte und wie Absecon es verlangte. Ich konnte verstehen, wenn sie sich gezwungen sah, Claudia über meinen kleinen Alleingang zu informieren.
   Mindy hob flüchtig den Kopf. »Ich kläre, ob die Kollegen dich heute schon auf das Boot setzen können.« Auf meinen verwunderten Blick lachte sie trocken auf. »Komm schon Madison, ich wusste, was passiert, als ich die Nachricht gelesen habe. Ich sage dir jetzt nicht, dass du dämlich handelst und deine Hormone dringend unter Kontrolle bekommen musst, und ich habe keine Lust, dich zu überreden, zu warten. Vorsichtig zu sein. Der ganze Kram eben. Wenn du Mist baust, musst du selbst klarkommen.«
   Ich nickte, langsam, weil ich erst einmal begreifen musste, was sie wirklich sagte. Sie würde mir den Rücken decken. Nicht zum ersten Mal dankte ich ihr im Stillen, dass sie ihre eigene Vorstellung davon hatte, wie die Welt laufen sollte und wie nicht.
   »Okay«, murmelte ich und schnappte mir meine Tasche. »Danke.«
   »Warte.« Mindy seufzte abgrundtief und zog etwas aus ihrem Stiefel. »Hier.« Sie drückte mir einen Taser in die Hand.
   Ich wollte schon ablehnen – generell fühlte ich mich mit der Norica wohler oder mit einem Messer, falls mir jemand zu nahe kam –, als ich bemerkte, wie ungewohnt die Waffe in der Hand lag. Unterhalb des Abzugs befanden sich zwei schmale Ausbuchtungen, die dort nicht hingehörten. »Was ist das?«
   »NaCl-Kammern. Sie füllen die Projektile bis zu fünfmal auf und entladen sich, solange dein Ziel durch die Elektroimpulse abgelenkt ist.«
   Nett. »Du hast deinen Taser für Gewandelte modifiziert?«
   Schulterzucken. »Ich hatte ein freies Wochenende. Und nun steck das Ding ein, ehe ich es dir wieder abnehme.« Damit war alles gesagt.
   Ich verstaute den Schocker und wir machten uns auf den Weg zu Tür. Meine Instinkte sprangen nicht an, als ich sie öffnete, und ich sah den Schatten zu spät.
   Mindy war einen Sekundenbruchteil schneller als ich und richtete ihre Waffe bereits aus, als ich endlich das Gesicht vor mir erkannte.
   »Verdammt, Lily!« Mit der Linken drückte ich Mindys Arm hinunter, während ich Nics Schützling mit der anderen in die Wohnung zerrte.
   Lily sah uns mit großen Augen an. Sie war komplett in Schwarz gekleidet und hatte eine Tasche bei sich, die meiner ähnelte.
   »Was willst du hier?«
   Ein Blick traf Mindy, ehe sie mich von oben bis unten musterte. Ein breites Lächeln ließ mich kurz vergessen, dass sie eine Gewandelte und keine junge Frau auf dem Weg zur nächsten Party war.
   »Eigentlich wollte ich bei dir übernachten. Du glaubst ja wohl nicht, dass ich dich allein fahren lasse?«

Kapitel 6
Insel Balta

Auf der Straße herrschte Ausnahmezustand. Körper drängelten, Münder waren aufgerissen, Ziegelsteine trafen auf Mauern, verbarrikadierte Fenster oder Türen. Von der Polizei oder gar der SCDEA war nichts zu sehen. Ein Mann scherte aus der Masse aus und hob die Hand, womöglich hatte er die Cam entdeckt. Die Finger krümmten sich, als wollten sie den Zuschauer herausfordern.
   Die vollkommene Lautlosigkeit bildete einen geisterhaften Kontrast zu den Bewegungen und den vor Hass und Entschlossenheit verzerrten Gesichtern.
   Josen presste die Lippen aufeinander und beendete die Übertragung mit einer knappen Handbewegung. Er hatte genug gesehen, um die Lage auf dem Festland einschätzen zu können, und sie ließ ihn zwiegespalten zurück. Obwohl die 3-D-Technik seines Screens ihm suggerierte, mitten im Geschehen zu sein, fühlte er sich weit weg davon. Es war seine Welt, und doch war sie es wieder nicht. Er hatte ihr vor langer Zeit den Rücken gekehrt sowie Wege und Mittel gefunden, um ein Refugium zu schaffen, das genau an der richtigen Stelle lag: nicht zu weit weg und doch weit genug. Es gab Verbindungen zur restlichen Welt, allerdings waren sie locker, und er bestimmte, wann er sie straffte und wann nicht. Niemand außer ihm hatte Einfluss darauf, er allein besaß die Macht, zu bestimmen. Die Macht hinter den Schatten.
   Josen strich sein Haar zurück. Es ging im Nacken bis zu den Schultern, graue Strähnen durchzogen das Braun. Er war kein junger Mann gewesen, als man ihn gewandelt hatte. In seiner Lebensspanne hatte er viele sterben, aber auch wieder auferstehen sehen. Nicht nur Menschen, sondern ganze Länder oder Nationen. Stolz und Hoffnungen.
   Josen öffnete die Türen seiner Kristallvitrine. Es war falsch, anzunehmen, dass die Hoffnung zuletzt starb. In der Tat hatte er das in den vergangenen Jahrhunderten nur selten erlebt. Was ein Lebewesen, besonders einen Menschen, dagegen dazu trieb, bis zum Tod zu kämpfen, war niederer Instinkt, nicht mehr und nicht weniger. In diesem Widerspruch, diesem Graben zwischen Kampfeswillen und Desillusion, wurde die Verzweiflung geboren, fahle Tochter mächtiger Gefühle. Sie umlagerte diese Insel wie Nebel, und schon bald würde sie sich in Luft auflösen, nachdem sie zu Fetzen zerrissen worden war.
   Auf dem Regal in Augenhöhe standen drei Flaschen, säuberlich aufgereiht. Josen griff nach der mittleren und schenkte zwei Fingerbreit in eines der Gläser auf dem Tablett daneben ein. Er nahm das Glas und ließ den Whisky kreisen. Zunächst starrte er auf die dunkelgoldene Flüssigkeit, dann schloss er die Augen und atmete das Torfaroma ein. Es brachte Erinnerungen mit sich, an die Zeit als Mensch in Moray, an Sonne und das Meer. Aber auch an Blut, Angst und Schweiß, an die Schlacht in Northumberland, in der die schottische Invasionsarmee unter der Führung von König James den Truppen des Dukes of Norfolk nicht hatte standhalten können. Die Bilder waren klar, so klar, dass sich Josen manchmal fragte, ob sie noch echt oder nur ein Produkt seiner Fantasie waren. Er würde es wohl nie erfahren.
   Er atmete ein weiteres Mal ein und glaubte, das kräftige Malz zu schmecken, zusammen mit einem Hauch Salz. Mit dem Whisky in der Hand trat er an das Fenster. Es war beinahe dunkel, und der Wind zerrte an den Gräsern und wenigen Bäumen, die hier draußen nicht wagten, zu ihrer vollen Größe heranzuwachsen. In der Nähe rauschte das Meer, der einzige Gefährte, der neben Josen in all der Zeit überdauert hatte. Der Gedanke, dass es noch da sein würde, wenn er längst gegangen war, erschien ihm tröstlich. Es würde sich weder zähmen lassen noch nachgeben – anders als die Männer, die er kurz zuvor in der Übertragung gesehen hatte.
   Sie hatten keine Wahl. Der Vampirrat war mächtig, und auch wenn er derzeit schwankte, so würde er sich nicht von seinem Nachwuchs in die Knie zwingen lassen. Silva würde dafür sorgen, dass sie ihre Gesichter wahren konnten – und ihre Macht. Letztlich ging es immer darum. Die Macht des Geldes, des Ranges und die Macht im Verborgenen, und wie schon seit Anbeginn ihrer Existenz setzten sie vor allem auf letztere. Es war abzusehen gewesen, dass es irgendwann so kommen würde, dass sich die jungen Gewandelten gegen den Rat und seine antiquierten Vorstellungen auflehnten. Zunächst hatten sich die Unruhen in England manifestiert, und die Schotten hatten weggesehen, weil sie nichts mehr mit ihrem Nachbarn zu tun haben wollten.
   Die Empörung brodelte jedoch in ihnen weiter, und letztlich hatten die Vampire im Süden recht. Warum sollten sie nach den Vorstellungen der Menschen leben, die von Angst und falschen Klischeevorstellungen getrieben wurden? Es steckte wenig Sinn dahinter und stammte aus Zeiten, als die Gewandelten noch nicht wussten, wie zahlreich sie waren. Die Vorsicht hatte sie gezwungen, in der Dunkelheit zu leben. Doch das war lange her, die Welt hatte sich verändert. Lediglich die Räte hielten an ihren antiken Regeln fest und sahen nicht, wie sie ihr Volk in die Knechtschaft trieben.
   Josen hatte entschieden, frei von alldem zu sein. Weder er noch sein Sohn sollten unter der Herrschaft der Menschen zittern müssen. Hier, auf Balta, hatte der Rat keine Stimme.
   Er lächelte. An diesem Spiel um Gehorsam und Hierarchie nahm er nicht mehr teil, seitdem er den Ansichten des Rats gegenüberstand, also hatte er sich zurückgezogen. Sein Alter hatte ihm die Tür geöffnet, sein Geld den Weg gepflastert. Balta gehörte ihm. Die Insel war lange unbewohnt und hatte sich zuletzt im Besitz des Militärs befunden. Er musste eine stattliche Summe hinlegen, um andere fernzuhalten, doch das war es wert. Nun sorgten gerade jene Militärs, die Balta einst verwaltet hatten, dafür, dass sich niemand unbefugt näherte. Erst, wenn Josen oder sein Sohn das Einverständnis gab, durfte ein Boot die Sperrzone durchqueren und am Ufer anlegen. Alles, was es dazu brauchte, war ein breiter Fluss an Geld, der niemals versiegte.
   In den vergangenen zweihundert Jahren hatte Josen so viel Gewinn gemacht, dass er ganz Shetland kaufen könnte, wenn er wollte. Das würde jedoch seiner Philosophie widersprechen. Er hatte sich von der Welt verabschiedet und seinem Leben damit einen letzten Silberfaden hinzugefügt. Diesen würde er genießen, solange er konnte. Wenn er an Tagen wie diesem aus dem Fenster blickte und wusste, dass sein Junge jeden Augenblick nach Hause kommen würde, war es das wert.
   Josen stellte das Glas ab, strich die glänzende Weste unter dem Sakko glatt und ging in den Aufenthaltsraum. Im Kamin brannte ein Feuer, ohne Schutzvorrichtung und mit Torf gefüttert, so wie er es mochte. Wie es schon immer gewesen war. Der Geruch nach Rauch und Moor lag in der Luft. Über dem Ledersofa hing sein liebstes Bild. Es zeigte Liam, jung und gesund. Lebendig. Er hatte es ein Jahr vor den Pocken anfertigen lassen, die Liams Äußeres in das eines Monsters verwandelt und ihn schließlich in den Tod gerissen hatten.
   Beinahe zärtlich betrachtete Josen die einzelnen Linien und versuchte, sich vorzustellen, wie der Maler den Pinsel geführt hatte, während sein Sohn Modell saß. Er erinnerte sich noch genau an den Maestro, Tomaso Minari, einen jungen Lockenkopf mit wüstem Blick, aber feinen Händen. Zweifellos talentiert, jedoch zu verliebt in das dekadente Leben, um nicht immer wieder am Hungertuch zu nagen. Zu jener Zeit war die Porträtmalerei groß in Mode, Namen wie da Messina oder Botticelli in jeder Munde. Die italienische Technik fing nicht nur das Äußere, sondern auch das Wesen der Menschen ein.
   Liams Wesen war leicht zu erkennen an dem wachen Blick sowie dem Mund, der aussah, als würde er ihn jeden Moment öffnen. Er war unruhig gewesen, voller Ungeduld auf das Leben und alles, was es für ihn bereithielt. Es war eine Schande, dass ein solcher Mensch an einer Infektionskrankheit sterben musste.
   Ein Geräusch weckte Josens Aufmerksamkeit. Es kam von draußen, halb verschluckt vom Toben des Meeres. Gelächter und Schritte, Steine, die von Stiefeln zermalmt wurden. Josen lächelte. Sein Sohn kehrte mit seinen Freunden zurück. Dieses Mal hatte die Jagd nicht so lange gedauert wie erwartet.
   Er ging mit langsamen Schritten zur Eingangshalle. Die Tür flog auf, ehe er sie erreichte. Drei Männer traten ein und brachten den Geruch der See und vor allem von Blut mit sich. Der vorderste grinste, als er Josen sah, und schüttelte sich die Nässe aus den schulterlangen hellen Haaren. Sie glänzten ebenso wie die Fasern der Outdoorkleidung, die sich bereits selbst vom Schmutz gesäubert hatte und sich eng an die Körper ihrer Träger schmiegte. Einen Menschen hielt sie warm, für einen Gewandelten war es lediglich wichtig, dass sie ihn nicht behinderte. Dafür betonten sie Rorys schmale, aber durchtrainierte Muskulatur.
   »Wir hatten sie in unter zwei Stunden.« Rory grinste.
   Josen nickte und kam nicht umhin, ihn mit Liam zu vergleichen. Nach all den Jahren war es für ihn noch immer ein Wunder. Keiner der Männer, die er wandelte und damit zu seinen Söhnen machte, hatte Liam so ähnlich gesehen wie Rory: dieselben hellen Augen, dieselbe Nase mit der abgerundeten Spitze, dieselbe in die Breite gezogene Oberlippe. Die Sanftheit, die Rory ausstrahlte, grenzte beinahe an Ironie. Selbst sein Haar trug er wie Liam. Immer, wenn er es sich mit einem Hauch von Ungeduld aus der Stirn schüttelte, versetzte er Josen einen Moment lang in die Vergangenheit, in der sein echter Sohn, sein Fleisch und Blut, noch lebte. Er hatte andere Söhne gehabt seit Liams Tod, junge Männer, die er nach ihrem Äußeren erwählt hatte, um sich selbst eine Illusion zu schaffen. Viele von ihnen hatten es nicht geschafft, waren nicht mit der Existenz in der Nacht zurechtgekommen oder hatten versucht, sich über sein Wort hinwegzusetzen. So sehr er versucht hatte, sie zu lieben – es gab Dinge, die er nicht tolerieren konnte. Dazu zählte, die Insel zu verlassen und damit den Schutz der Vergessenheit und des Geldes.
   Rory Cavendish hatte das begriffen. Solange er nach Josens Regeln spielte, besaß er alle Freiheiten der Welt, und das genügte ihm.
   Josen straffte sich und klopfte Rory auf die Schulter. »Glückwunsch, mein Sohn.« Die beiden Männer im Hintergrund, Rorys Jagdkollegen, ignorierte er. Sie wohnten im Anbau an der Rückseite des Hauses. So unterschiedlich ihr Äußeres und ihre Charaktere waren, für Josen bildeten sie eine Einheit, und zwar jene, die seinem Sohn zur Seite stand. Mehr musste er nicht wissen.
   Rory lächelte, ein Engel mit Lippen aus Blut. »Eine ist bis zu den Klippen gekommen. Genau das hat mir gefallen, dieses Licht in ihren Augen. Sie hat wirklich geglaubt, es zu schaffen.« Er schnippte mit den Fingern. »Ein wunderschöner Kick.«
   Josen lächelte. Solange Rory zufrieden war, konnten die Menschen, die er auf seine Insel brachte, denken, was sie wollten. Manche waren echte Kämpfernaturen, andere nahezu paralysiert und weigerten sich, zu rennen, nachdem sie aufwachten, sodass man mit einigen gezielten Schüssen nachhelfen musste.
   Letztlich gab es jene, die reden wollten und glaubten, eine bereits beschlossene Sache durch klug gesetzte Worte aufhalten zu können. Sie begriffen nicht, dass ihr Aufenthalt auf Balta kein Zufall, sondern geplant war, und meist starben sie schneller als alle anderen.
   Josen hob den Kopf und sah die beiden Männer an, die neben der Tür warteten. Der eine rothaarig, gedrungen und mit bebenden Nasenflügeln, der andere hochgewachsen und gut aussehend, obwohl die Freude am Töten in seinen Augen funkelte.
   »Ihr könnt gehen. Ich habe etwas mit meinem Sohn unter vier Augen zu besprechen.« Josen hob eine Hand, und der schwere Siegelring blitzte auf.
   Sie nickten und zogen sich zurück, während Rory verwundert die Stirn runzelte. »Das klingt ernst. Was ist los?«
   Josen deutete auf die Tür zum Salon und ging vor. Rory folgte lautlos, ließ sich in einen Sessel fallen, streckte die langen Beine aus und sah Josen an. »Was ist so dringend?«
   »Die Unruhen auf dem Festland eskalieren.« Josen zog es vor, stehen zu bleiben, wie immer, wenn er über unangenehme Themen redete. »Die Presse berichtet nicht über alles, aber es lässt sich unschwer abschätzen, wie ernst es ist.«
   Rory zuckte die Schultern. »Das sollte uns nicht weiter stören. Warum zerbrichst du dir den Kopf über solche Dinge? Wir sind weit weg von Aberdeen.«
   Josen antwortete nicht sofort. Da war es wieder, dieses Gefühl der Bedrohung, das ihm zuwisperte, auch Rory verlieren zu können, so wie die anderen zuvor. So wie Liam. Er würde eine Weile trauern und sich anschließend auf die Suche nach einem Ersatz machen, nach dem nächsten Sohn. Durch Geld verschaffte man sich rasch zusätzliche Augen und Arme. Doch etwas sagte ihm, dass die Lücke, die Rorys Tod reißen würde, größer sein konnte als manch andere. »Du musst vorsichtig sein«, sagte er schließlich und sah seinem Sohn hart in die Augen. Mit den Jahren war er zwar ruhig geworden, aber Autorität verlernte man nicht. »Es ist sinnvoll, wenn du erst einmal nicht dorthin fährst. Lass deine Männer die Arbeit erledigen.«
   Rory rieb sich über das glatte Kinn. »Ich soll Doug und Kenny den ganzen Spaß lassen?«
   »Du sollst ihnen das Risiko lassen. Die Unruhen haben eine Grenze überschritten, Rory. Die Gewandelten in der Stadt richten sich gegen alles und jeden, mit dem sie nicht schon einmal in einer schmutzigen Gasse Blut getauscht haben. Bisher war das alles ein hervorragender Deckmantel, um euch Nachschub zu besorgen, doch das ist nun vorbei.«
   Rory schüttelte den Kopf. »Nein, ist es nicht. Die Suche ist doch der halbe Spaß, Josen.« Er blinzelte. »Dad.«
   Josen wusste, wann man versuchte, ihn zu beeinflussen, dennoch nahm er es Rory nicht übel. »Der Spaß könnte dich den Hals kosten, Junge.«
   Das Lächeln kehrte auf Rorys Lippen zurück und ließ sie noch schmaler wirken. Kurz flackerte es in seinen Augen. »Keine Sorge, ich passe auf mich auf. Davon abgesehen ist es doch gerade jetzt interessant dort, findest du nicht?« Ein Unterton schwebte zwischen den Silben und lauerte auf Erkenntnis.
   Mühelos fing Josen ihn auf. Er zupfte an der feinen Kette, die zu seiner Westentasche führte. »Wovon redest du?«
   Die Kerben neben Rorys Mundwinkeln vertieften sich. »Doug hat es aufgeschnappt. Der Rat der Stadt hat hohen Besuch aus London. Ein Ratsherr namens Lorcan Murray.«
   Josen ließ seine Hand sinken. »Lorcan.«
   »Du kennst ihn?«
   »Ich kannte ihn. Es ist lange her, kurz nachdem die Pest in der Stadt wütete, weit vor dem, was man heute Industrielle Revolution nennt.« Er sprach langsamer, während die Worte in seinem Kopf Bilder erzeugten, die er gern länger betrachtet hätte. Es war wie mit dem Duft des Whiskys: Seine Erinnerungen waren stark, stärker als die Gegenwart, als gestattete die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit den Ereignissen nicht, Wurzeln im Gedächtnis zu schlagen.
   Rory nickte, doch es wirkte ungeduldig. Ihm war anzusehen, wie wenig ihn diese Geschichten interessierten. Er sprang auf und berührte Josen an der Schulter. »Jetzt, wo der Rat Verstärkung von den Engländern hat, sorgt er schon für Ordnung. Mir passiert nichts. Und nun entschuldige mich, ich muss los.« Er drehte sich um und verließ den Raum mit kräftigen Schritten. Kurz darauf fiel die Haupttür ins Schloss.
   Zurück blieben Josen und das Kaminfeuer, das sich weitaus lebendiger zeigte als er. Lange starrte er ins Nichts, verarbeitete Informationen und das Gespräch. Er wusste, dass er Rory an die Insel fesseln konnte, aber das brachte er nicht übers Herz. Sein Sohn hatte stets so viel Freiheit besessen, wie er wollte, und nun war es zu spät, damit zu beginnen, ihn einzusperren. Rory würde es ihm nie verzeihen.
   Als die Flammen herabgebrannt waren, stand er auf und ging zum Fenster, wo noch das Glas Whisky stand. Das Aroma war abgeflacht, die Flüssigkeit nur noch ein Abglanz einstigen Werts. Eine Täuschung.
   Lorcan Murray in Aberdeen.
   Der Engländer war mächtig, doch er zog an den falschen Hebeln. Er stand stets im Zentrum des Geschehens und würde nicht eher ruhen, bis der Tornado, der durch das Land tobte, wieder abflachte. Dabei bedachte er nicht, dass selbst das Auge des Sturms nicht sicher war, wenn sich die Verhältnisse nur eine Winzigkeit verschoben.
   Josen hatte den Kontakt zu Lorcan abgebrochen, um nicht mitgerissen zu werden, und damit auch ihn sowie seine Leute hinters Licht geführt. Für Lorcan war er tot, und so sollte es auch bleiben.
   Er schüttete den Inhalt des Glases in eine der Pflanzen neben dem Fenster. Noch ehe er es absetzte, spürte er die Präsenz hinter sich.
   »Warum sagst du ihm nicht, dass er mit der nächsten Jagd warten soll? Zumindest, bis sich die Stadt ein wenig beruhigt hat.« Ihre Stimme war sanft und umschmeichelte ihn mehr als das Feuer es hätte tun können.
   Josen drehte seinen Siegelring. »Es ist seine größte Freude. Ich habe ihn selten so aufgeweckt erlebt wie in den vergangenen Wochen. Ich kann das nicht zerstören – ich habe dir erzählt, wie apathisch er in den Tagen nach seiner Wandlung war.«
   Zarte Finger legten sich auf seine Schultern und bewegten sich in Kreisen. »Dann musst du seinen Begleitern vertrauen, Josen Nash. Sie werden ihn bis zum Tode schützen.«
   Bis zum Tode.
   Josen drehte sich um, nahm ihre Hände in seine und hauchte einen Kuss auf die Elfenbeinhaut. »Selbst wenn sie ihn bis dort begleiten – aufhalten können sie das Ende nicht.«
   Ella lächelte. Sie hatte Rouge aufgelegt und wirkte in dem dunkelgrünen Kleid und mit den zwei Smaragden, die zu schwer für ihre Finger schienen, elegant und selbstbewusst. Josen wusste kaum etwas über ihre Vergangenheit, doch er spürte, dass ihr Vampirdasein im Vergleich zu seinem äußerst jung war. Ella hatte ihm verraten, wie sehr sich ihr Leben mit der Wandlung verändert hatte: Sie war der Zurückgezogenheit entkommen und hatte einen neuen Platz in der Welt gefunden. Endlich sieht man mich, hatte sie gesagt, mit ihrem unverkennbar englischen Akzent.
   Josen war ihr bei einem seiner seltenen Aufenthalte auf dem Festland begegnet. Es erstaunte ihn noch immer, dass sie seine Einladung, Balta zu besuchen, angenommen hatte. Seit einigen Tagen versüßte ihre Gesellschaft ihm die Zeit. Er hegte keine romantischen Gefühle für Ella, aber er genoss ihre Gesellschaft und die Gespräche, in denen er ihr sogar seine Sorgen anvertraute.
   Ella strich sanft über seine Wange. »Wäre es dir recht, ich würde mich ihnen anschließen?«
   Obwohl Josen am liebsten bejaht hätte, brüllten die alten Sitten, nach denen er so lange gelebt hatte, ihm zu, dass er verneinen musste. Eine Frau gehörte nicht in den Krieg.
   Schweren Herzens schüttelte er den Kopf. Seine Gedanken wanderten zu Rory, begleiteten ihn zu dem Boot an der Westküste der Insel und über das Meer. Es würde ihm nicht gefallen, noch einmal einen Sohn erschaffen zu müssen.

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