Fast fünfzehn Jahre lang wurde Jason in der Hölle gefoltert und gedemütigt, bis er ein Bündnis mit dem Dämon Samael schließt. Gebrochen kehrt er auf die Erde zurück, um im Auftrag des Dämons Gefallene zu töten. Da begegnet er Debbie, durch die er Zugang zu Raven bekommen könnte. Raven ist sein Freund aus Kindertagen und er trägt Schuld an seinem Sturz in die Hölle. Jason sieht die Zeit für seine Rache gekommen, wäre da nicht Debbie, zu der er sich magisch hingezogen fühlt. Wird sie ihm glauben, dass er nicht nur wegen Raven an ihr Interesse gezeigt hat?

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ISBN: 978-9963-52-975-9

Seiten: 304

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Sara Hill

Sara Hill
Sara Hill wurde am 05.02.1971 geboren und lebt mit ihrem Mann, zwei Söhnen und einer Vielzahl von Haustieren in einer kleinen beschaulichen Ortschaft in der Nähe von Nürnberg.

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Leseprobe

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Kapitel 1
33 Jahre zuvor

»Emily, es dauert nicht mehr lange, bis wir die Hütte erreichen.« Arel sah zu seiner hochschwangeren Frau auf dem Beifahrersitz, die hechelnd eine
   Wehe weg atmete. Sein Pulsschlag verdoppelte sich, als er in ihr vor Schmerz verzerrtes Gesicht sah. Obwohl das Innere des Wagens nur spärlich beleuchtet war, konnte er sie deutlich sehen. Seine Augen waren imstande, auch in tiefster Dunkelheit etwas zu erkennen.
   Ihre schwarzbraunen Locken klebten an der schweißnassen Stirn. Bald würde sein Sohn das Licht der Welt erblicken.
   Eigentlich wäre es besser anzuhalten, doch er musste die Holzbaracke um jeden Preis erreichen. Den Fluch auf seinen Lippen sprach er nicht laut aus, beschleunigte stattdessen. Das Auto raste die einsame Landstraße entlang, die durch dichte Wälder führte. Nur mit Mühe erlangte Arel seine Fassung wieder. Er zwang sich, langsamer zu fahren, denn aus den Augenwinkeln sah er, wie sich Emily ängstlich an den Sitz klammerte. Zusätzlicher Stress war nicht gut für sie.
   In den Jahrtausenden, die er auf Erden wandelte, hatte ihn nichts so sehr erschüttert wie die Tatsache, dass seine Geliebte bald sterben würde.
   Schon seit Stunden fuhren sie durch die menschenleere Landschaft. Inzwischen war es Nacht geworden, die Bäume mit der Dunkelheit verschmolzen. Nur wenn die Lichtkegel der Autoscheinwerfer an dem Buschwerk entlangglitten, zeigte es sein saftiges Grün für einen Augenblick. Ansonsten sah Arel alles wie durch ein Nachtsichtgerät.
   Er hatte gehofft, noch vor dem Einsetzen der Wehen zur Hütte zu gelangen, doch sein Sohn wollte nicht mehr warten.
   »Wenn es nicht mehr geht, sag es.« Er nahm Emilys Hand, die feucht in seiner lag. Sie drehte ihren Kopf zu ihm und lächelte. Es war das gleiche sanftmütige Lächeln, mit dem sie ihn bei ihrer ersten Begegnung angesehen hatte.
   »Keine Sorge, es ist noch nicht so weit.« Ihre Stimme klang dünn.
   Wut brodelte heiß wie Lava durch seinen Körper, brannte in seinen Adern.
   »Es tut mir so leid, was ich dir angetan habe.« Er richtete seinen Blick nach vorn, biss die Zähne so fest zusammen, dass seine Kiefer schmerzten, und versuchte, so jedes Anzeichen der aufwallenden Gefühle aus seinem Gesicht zu verbannen. Obwohl er seiner Herkunft den Rücken zugewandt hatte, konnte er der Konditionierung nicht entkommen, sie saß zu tief. Seinesgleichen stand es nicht zu, Emotionen zu haben, geschweige denn zu zeigen.
   »Was soll das heißen, du bereust, dass ich ein Kind von dir erwarte?« Emily versuchte, ihre Hand aus seiner zu befreien, doch er ließ es nicht zu und sie gab bald auf, sie wurde merklich schwächer.
   »Nein, aber mein Kind wird dich umbringen«, flüsterte er, aus Angst, wenn er es laut aussprach, würden die unterdrücken Emotionen wie ein Orkan über ihn hinwegfegen und ihn um den Verstand bringen. Er musste den Damm, der sie zurückhielt, aufrechterhalten.
   »Das Wichtigste ist unser Sohn«, entgegnete Emily entschlossen. Arel führte ihre Hand an seinen Mund. Zart strich er mit den Lippen darüber und schmeckte ihre warme Haut. Diese kleine Berührung sorgte dafür, dass er ruhiger wurde.
   »Du weiß, dass dies hier nicht das Ende ist«, sagte sie sanft und Arel spürte einen Stich in seinem Herzen, als durchbohrte es eine Schwertklinge. Obwohl Emily ihren Tod vor Augen hatte, versuchte sie, ihm Trost zu spenden.
   »Niemand weiß das besser als ich und trotzdem.« Zielstrebig bog er in einen schmalen Waldweg und schaltete sicherheitshalber die Scheinwerfer aus, obwohl er wusste, dass es die Verfolger nicht aufhalten würde. Das Auto holperte über den Waldweg, Emily hielt die Luft an, presste die Lippen aufeinander, die zu einem schmalen Strich wurden, und bohrte die Fingernägel in seine Hand.
   »Deine Wehen werden stärker.«
   »Fahr einfach«, zischte Emily zwischen zwei Atemstößen.

Endlich sah Arel die Hütte vor sich. Er hielt an, rannte um den Wagen und hob seine Frau heraus. In der Holzbaracke, die aus einem einzigen Raum bestand, legte er sie auf das Bett. Emily zitterte, obwohl er sie zugedeckt hatte.
   »Du frierst.« Er entfachte ein Feuer im Ofen gegenüber, setzte Wasser auf und entzündete die Sturmlampe, die er auf eine Kommode stellte. Dann holte er die Sporttasche aus dem Kofferraum, der er Handtücher unterschiedlicher Größe entnahm. Die Geschäftigkeit hielt ihn davon ab, sich den Emotionen stellen zu müssen, die unter seiner Haut brodelten.
   Erst bedeckte er den groben Holztisch mit einem Badetuch, um anschließend saubere Tücher darauf bereitzulegen. Von einem schnitt er mit seinem Messer zwei schmale Streifen ab.
   »Arel, ich kann es nicht mehr aufhalten«, rief Emily und presste. In wenigen Schritten war er bei ihr und lüftete die Decke. Da sie ein Kleid trug, brauchte er nur ihren Slip zu zerreißen. Sein Herz trommelte gegen die Rippen, er sah schon das Köpfchen seines Sohnes.
   »Das machst du gut, Süße, kräftig pressen.« Arel drückte die Knie auseinander.
   »Es tut so verdammt weh.« Tränen liefen über Emilys blasses Gesicht. Das Bettlaken war rot gefärbt, sie verlor verflucht viel Blut. Er wusste, dass dies ein schlechtes Zeichen war. In den unzähligen Jahren, die er auf Erden wandelte, hatte er schon häufiger einer Menschengeburt beigewohnt. Seine Kehle schnürte sich zu, als würde ein Gürtel enger gezogen werden. Er war ein mächtiges Wesen, zur Hilflosigkeit verdammt.
   Emily kreischte, bäumte sich auf, das Baby glitt aus ihr in seine Hände und schrie. Es war ein Junge.
   Arel legte ihn vorsichtig auf die Brust seiner Frau, die schwer atmete. Augenblicklich wurde das Kinderschreien zu einem Wimmern, dem folgte ein zufriedenes Schmatzen. Erschöpft schloss Emily die Augen. Arel band die Nabelschnur an zwei Stellen ab, nahm das Messer und durchschnitt sie. Anschließend deckte er Mutter und Sohn zu, zog den Topf an den Rand des Ofens, um ein Tuch darin zu baden. Es machte ihn nichts aus, dass das Wasser noch immer kochte, er konnte sich nicht verbrühen.
   Als er das Tuch ausgewrungen und es sich auf Körpertemperatur abgekühlt hatte, hob er seinen Sohn hoch, der wimmerte.
   »Nein, nicht«, murmelte Emily schwach.
   »Du hast ihn gleich wieder, ich mach ihn nur sauber.« Er reinigte die Nasenlöcher und befreite den winzigen Leib von den Resten der Geburt. Sanft wickelte er den Jungen in ein Tuch und wiegte ihn, während er zu seiner Frau ging.
   »Er kommt ganz nach seiner Mutter«, sagte Arel, als er den Kleinen in ihre Arme legte. Er lüftete die Decke, die Plazenta hatte sich nicht gelöst. In seinen Augen spürte er ein verräterisches Brennen, seine Gefühle wollten mit aller Macht an die Oberfläche. Fürsorglich zog er die Wolldecke wieder über Emilys Schultern.
   »Ich hoffe, er bekommt die Augen seines Vaters.« Sie blickte auf und lächelte, wie nur eine frischgebackene Mutter lächeln konnte, was ihn hart schlucken ließ.
   »Du bist so wunderschön.« Arel beugte sich zu ihr, legte seine Lippen auf ihre und küsste sie. Obwohl er ein Krieger war, der in der größten Schlacht gekämpft hatte, die die Menschheit kannte, schlug sein Herz in diesem Moment Purzelbäume wie das eines Teenagers vor dem ersten Date. Er liebte diese Frau mehr als sein Leben.
   Um an ihrer Seite bleiben zu können, hatte er mit seiner Vergangenheit gebrochen und alles hinter sich gelassen. Doch jetzt holte sie ihn wieder ein. Er spürte es mit jeder Faser seines Körpers. Sie würden bald hier sein. Die Geburt eines Halbbluts war nichts, was man geheim halten konnte. Durch die abgelegene und durch Bannsprüche geschützte Hütte hatte er nur einen kleinen Vorsprung herausgearbeitet.
   Seine Lippen wollten sich nicht von Emilys lösen, trotzdem tat er es. Ihr Gesicht war inzwischen fast so weiß wie das Handtuch, in das er seinen Sohn gewickelt hatte. Der typische kupferartige Geruch von Blut erfüllte den Raum.
   »Ich bereue nichts«, hauchte Emily. »Ich bereue es nicht, dem verletzten Mann geholfen zu haben, der in der Tiefgarage des Krankenhauses lag. Dass ich ihn mit nach Hause genommen und gepflegt habe. Als seine Wunden in Rekordzeit heilten, wusste ich, dass er mein Leben verändern würde. Das hast du.« Emily strich eine lange Strähne aus Arels Gesicht, ihre Hand verweilte auf seiner Wange. »Dafür danke ich dir. Du hast mich glücklich gemacht und mir meinen wundervollen Sohn geschenkt. Weine nicht um mich, ich bin doch nur ein Mensch.«
   Erst in diesem Moment spürte Arel warme Nässe auf seinen Wangen. Bisher hatte er um niemanden geweint, doch jetzt ließ er seinen Tränen freien Lauf.
   Ihre Hand sank auf die Matratze, ihre Glieder erschlafften. Trauer kroch wie eine eisige Schlange seine Glieder hoch, lähmte ihn, wand sich um seine Brust und drohte, sie zu zerquetschen. Am liebsten hätte er seinen Schmerz hinausgebrüllt, doch das schlafende Kind hielt ihn davon ab. Er betrachtete den kleinen Leib, der sich an den toten Körper schmiegte. Er sollte das Kind lieben, da es Emilys Vermächtnis war, doch er fühlte nichts. Er konnte es nicht, denn es hatte ihm das Wertvollste genommen. Emily.
   Unter Arel bebte die Erde. Das riss ihn aus seiner Lethargie – sie waren da.
   »Wir werden uns wiedersehen.« Damit küsste er Emily und nahm den Säugling aus ihren Armen, der erschrocken zitterte und wimmernd protestierte.
   »Keine Sorge, du wirst nicht sterben, Emily würde nicht zulassen, dass dir etwas passiert.« Auf einem Arm schaukelte er den Jungen, während er die Sporttasche mit Tüchern auspolsterte. Er bettete ihn darauf. Das Beben wurde stärker, die Hütte ächzte unter der Erschütterung. Brocken lösten sich aus der Dachkonstruktion und krachten auf den Boden. Arel hob die Tasche samt Baby hoch. Das Holz der Wände wurde auseinandergerissen und splitterte in alle Richtungen.
   »Ihr macht mir keine Angst, ihr verdammten Bastarde«, zischte Arel. Das Blut in seinen Adern kochte, Wut nahm den Platz der Trauer ein. Er legte seine Hand auf die Brust des Säuglings.
   Der Boden unter ihm wankte wie Planken eines Schiffes, das sich durch einen Orkan kämpfte. Arels Handfläche glühte, er löschte den Namen seines Sohnes und band damit dessen Kräfte. Nur er war in der Lage, dies zu tun. Der Junge würde so sein wie jedes andere Menschenkind auch. Der Säugling reagierte mit lautem Kreischen auf den Schmerz, doch das ging im Tosen des Sturms unter, der an der Hütte zerrte und sie Stück für Stück auseinanderriss. Für seine Widersacher verschwand der Kleine vom Radar.
   Arel überprüfte, ob der Brief, den er vorbereitet hatte, noch im Seitenfach der Tasche war. Er suchte einen festen Stand, sammelte die Magie, die ihm noch geblieben war, drückte die Tasche an seinen Körper und flüsterte Zauberworte in seiner Muttersprache. Von einem Moment auf den anderen war die Tasche samt Inhalt verschwunden. Er hatte das Kind zu dem einzigen Menschen geschickt, der es schützen konnte: Pater Bloom.
   Sich selbst würde er nicht retten können, dazu waren ihm seine Verfolger zu dicht auf den Fersen. Außerdem reichten seine Kräfte nicht mehr und er wollte Emily keinesfalls verlassen. Aber auf diese Weise würde er sie wenigstens von seinem Sohn ablenken, konnte er die Brut vielleicht sogar glauben machen, dass der Säugling bei der Geburt gestorben war.
   Arel kämpfte sich zu Emily. Holzstücke flogen wie Geschosse umher und prallten gegen seinen Körper, doch er ging unbeirrt weiter. Bei seiner Frau angekommen, nahm er neben ihr Platz, zog sie auf seinen Schoß und drückte ihren toten Leib an seine Brust. Um das Haus tobte ein Tornado, der die Reste der Hütte mit sich riss. Ein Licht blendete Arel, der tosende Wind zerrte an seinem Haar. Vor der gleißenden Helligkeit, die grell leuchtet wie Flutlichtscheinwerfer, musste er die Augen schützen.
   »Bruder, erwarte deine Strafe«, donnerte eine Stimme. Arel hatte das Gefühl, jemand schnitt ihm bei lebendigem Leibe die Eingeweide heraus.
   Er schrie vor Schmerzen, drückte den leblosen Körper seiner Frau so fest an seinen, dass ihre Knochen brachen. Im nächsten Moment verschlang ihn Dunkelheit, der Stille folgte.

Kapitel 2
Boston, Gegenwart

Bereits eine halbe Stunde parkte Jason in der Marlborough und beobachtete das Backsteingebäude gegenüber, das von zwei breiteren gesäumt wurde. Obwohl die Häuser in der langen Straße unterschiedlich groß waren, reihten sie sich aneinander wie auf eine Schnur gefädelte Perlen.
   Die dichte Blätterkrone des Ahornbaums, unter dem er stand, schirmte das Licht der Laterne ab, sodass er im Inneren des Wagens mit der Dunkelheit verschmolz.
   Nicht viele Fußgänger waren zu dieser nächtlichen Stunde unterwegs. Ein Mann führte seinen mit einem glitzernden Halsband geschmückten Pudel Gassi. Jason hätte es nicht gewundert, wenn echte Edelsteine das Halsband schmückten, denn die Gegend stank förmlich nach Geld. Der dumme Köter kläffte, zerrte an seiner Leine, wollte über die Straße, sah dabei zu Jason und wedelte freudig mit dem Schwanz. Genervt murmelte Jason einen Fluch, denn es war ein Fluch.
   Endlich flammte im Erkerfenster der Wohnung im dritten Stock Licht auf. Donel Saintly, seine Zielperson, war zu Hause. Zwei Tage hatte er Saintly beobachtet und dabei herausgefunden, dass es einen direkten Zugang von der Tiefgarage zu den Apartments gab.
   Heute war Neumond, es konnte losgehen. Während Jason wartete, bis der Mann mit dem bellenden Hund, der noch immer in seine Richtung zerrte, endlich um die nächste Ecke gebogen war, band er sein hellblondes Haar zu einem Zopf. Anschließend setzte er ein Basecap auf, das das Logo eines Lieferdienstes zierte. Die passende Uniform, die er trug, komplettierte seine Tarnung. Er nahm ein kleines Päckchen, stieg aus und überquerte die Straße.
   Das schwarze Metallgartentürchen quietschte, als er es öffnete. Es kribbelte unter der Haut. Obwohl das Adrenalin in Erwartung dessen, was er gleich tun würde, literweise durch die Adern schoss, atmete er kontrolliert weiter und klingelte.
   »Ja?«, sagte eine männliche Stimme.
   »Ich hab ein Päckchen.« Jason zog sich das Basecap tief ins Gesicht, damit die Kamera über den Klingelknöpfen es nicht erfassen konnte, denn sein ebenmäßiges Antlitz hätte Saintly vielleicht misstrauisch gemacht.
   »Es ist ziemlich spät.«
   »Hören Sie, Mister, der Absender hat in Auftrag gegeben, dass wir das Paket um diese Zeit liefern sollen«, sagte Jason mit gespielter Ungeduld in der Stimme.
   »Wer ist der Absender?«, fragte Saintly. Er hatte angebissen.
   »Ein Mister Antonio Certosino. Wollen Sie das Paket nun oder nicht? Ich kann auch gehen und Sie holen es morgen selbst ab.«
   »Okay, okay, ich lasse Sie rein und schicke Ihnen den Aufzug.«
   Jason lächelte, denn er hatte gewusst, dass Saintly bei diesem Namen nachgeben würde. Certosino war seine vorige Zielperson gewesen.
   Im Eingangsbereich des dreistöckigen Gebäudes gab es glücklicherweise keinen Portier. Wandlampen tauchten den marmorgefliesten Korridor in sanftes Licht. Im langen Spiegel, den Jason passierte, sah er in graue Augen, die kein Erbarmen mehr kannten. Mitgefühl hatten sie ihm gründlich ausgetrieben, aber dafür seine blockierten Kräfte aktiviert, indem sie ihm das Herz herausgeschnitten hatten, auf dem sein Engelsname eingebrannt worden war. Wer ihn auch immer mit diesem Namen gebrandmarkt hatte, machte ihn dadurch zu einem normalen Menschen. Als Kind wäre er sogar fast an den Folgen eines Autounfalls gestorben. Seine Folterer wollten ihn aber nicht töten und sorgten dafür, dass ein neues Herz nachwuchs. Er berührte die Stellen, an der sich noch immer die Narbe befand. Nun stellte er seine Kräfte in den Dienst des Bösen. Sie ließen ihn keine andere Wahl, sie hatte ihn zu ihrer Waffe gemacht. Doch andererseits, was hatte seinesgleichen für ihn getan? Nicht den kleinsten Finger zu seiner Rettung gerührt. Im Gegenteil, sie würden einen Bastard wie ihn töten, wenn er ihnen nicht zuvorkam. Jasons Kiefer malmten.
   Als er den Fahrstuhl erreichte, öffneten sich die Türen. Während er nach oben fuhr, zog er eine Glock sowie Schalldämpfer aus dem Päckchen. Den Karton warf er weg, schraubte den Schalldämpfer auf und überprüfte das Magazin, indem er es herauszog und wieder einrasten ließ. Die Türen gingen erneut auf und er sah sich Saintly gegenüber, denn der Fahrstuhl führte direkt in die Wohnung. Der Mann, der einem Modemagazin entstiegen sein könnte, riss die Augen auf, denn der Lauf der Waffe war auf seine Stirn gerichtet.
   »Zurück«, zischte Jason.
   »Was soll das?« Saintly ging rückwärts, während Jason ihm in das helle Wohnzimmer folgte. Hinter ihm schlossen sich die Aufzugtüren.
   »Junge, du kannst mich damit nicht töten«, sagte Saintly ruhig, fast überheblich. Jason spürte Zorn, der sein Blut zum Sieden brachte. Diese unsterblichen Bastarde waren so von sich selbst überzeugt. Ein Tag in der Hölle würde sie eines Besseren belehren. Er verdrängte die Gedanken und ließ nicht zu, dass Wut die Kontrolle übernahm.
   »Stehenbleiben!« Sie hatten einen der zwei Beistelltische erreicht, die das helle Sofa zu beiden Seiten säumten. »Ich weiß, aber die Kugeln sind in Dämonenblut getränkt. Wenn ich dir eine davon in den Kopf jage, wird es höllisch wehtun.« Jason lächelte, in den Augen seines Gegenübers sah er Unsicherheit.
   »Was willst du?« Nervös fuhr sich Saintly mit der Zunge über die Unterlippe. Angewidert nahm Jason Schweißgeruch wahr. Vor ihm stand doch nur ein Mensch, auch wenn er unsterblich war, und dieser Mensch hatte Angst. Saintly schürzte erneut seine Lippen.
   »Was ist mit Antonio?« Jegliche Überheblichkeit war aus seiner Stimme verschwunden.
   »Was glaubst du?« Jason legte den Kopf schief.
   »Du tötest die Unseren. Du bist ein Seher, du kannst unsere wahren Namen erkennen.« Saintlys Gesicht wurde so weiß wie die Wände seines Apartments.
   »Samael braucht die Energie von Gefallenen, um seine Ketten sprengen zu können, die ihm von Baal angelegt wurden.« Jason nahm das Cap ab und warf es auf das Sofa.
   »Zur Hölle, du bist von unserem Blut, wie kannst du für Samael arbeiten? Was denkst du, warum Luzifer ihm die Fesseln nicht schon lange abgenommen hat, nachdem er Baal selbst in Ketten legte? Weil Samael gefährlich ist.« Saintly spie ihm die Worte fast ins Gesicht.
   »Samael ist der, der mich aus dem Loch befreit hat, in dem ich steckte. Von euch oder denen «, Jason deutete mit dem Lauf der Waffe in Richtung Zimmerdecke, »hat mir niemand geholfen.«
   »Ich weiß nicht, in was du da geraten bist, aber dies hier ist keinesfalls der richtige Weg, mein Sohn«, sagte Saintly bemüht gefasst, doch sein Herz, das für Jason hörbar gegen die Rippen donnerte, zeigte, dass er alles andere als ruhig war.
   »Bring es zu Ende«, flüsterte Samaels Stimme in seinem Kopf. Jeder Muskel spannte sich an, Adrenalin prickelte durch seine Venen. In diesem Moment griff Saintly nach der Waffe, doch Jason war schneller. Er drückte ab, die Kugel durchschlug Saintlys Schulter. Der Mann krachte rückwärts auf den Beistelltisch, der unter ihm zusammenbrach. Stöhnend rollte er zur Seite und blieb auf dem Rücken liegen. Er drückte mit seiner Hand die Wunde in seiner Schulter ab, aus der Blut quoll, das auf den weißen Teppich tropfte. Es sah aus wie die Blutspur eines verletzten Tieres im Schnee.
   »Wenn du auch nur mit der Wimper zuckst, zerfetzt die nächste Kugel deine Eingeweide.« Jason richtete seine Waffe auf Saintlys Bauch.
   »Jetzt«, flüsterte Samael.
   Mit einem Schritt war Jason bei dem Mann und riss dessen Hemd auf, die Knöpfe flogen in alle Richtungen. Auf der freigelegten Brust erschien ein Zeichen, das einer von Kleinkinderhand geschriebenen Vier ähnelte, Saintlys wahrer Name. Nur Engel und deren Abkömmlinge, die die Gabe des Sehens besaßen, waren in der Lage, die von Gott gegebenen Namen anderer Engel zu erkennen. Daher brauchte Samael Jason. Die unsterblichen Verbannten in Menschengestalt konnten nur getötet werden, wenn man ihren wahren Namen enthüllte.
   Vor Jasons innerem Auge zerplatzten die Glühbirnen der Lampen im Zimmer, was sie im nächsten Augenblick wirklich taten. Splitter flogen umher und Saintly schützte sein Gesicht. Nur noch die Laterne vor dem Haus spendete Licht, das durch die raumhohen Erkerfenster schien und bis zu Jason reichte. Der Rest lag in Dunkelheit.
   Hinter ihm entstieg Samael den Schatten. Jason brauchte sich nicht umzudrehen, denn die Präsenz des Dämons war deutlich spürbar. Im Zimmer wurde es eisig und Jasons Nackenhärchen stellten sich auf, trotzdem verzog er keine Miene. Als Samael, der wie ein zum Leben erweckter Schattenumriss eines Mannes aussah, neben ihm stehen blieb, konnte auch Saintly ihn wahrnehmen. Die Augen des Mannes wurden groß, Schweiß perlte von seiner Stirn, der im Lichtschein der Straßenlaterne glitzerte.
   »Lange nicht mehr gesehen, alter Kampfgefährte«, sagte Samael.
   »Wie hast du einen unseres Bluts dazu gebracht, dir zu dienen?« Keuchend stützte sich Saintly an der Couch ab und kam auf die Beine, dabei hinterließ er blutige Handabdrücke. Jason hatte ihn im Visier, folgte jeder seiner Bewegungen. Samael und Saintly standen sich gegenüber, der Schatten war gut einen Kopf größer als der hochgewachsene Mann.
   »Ts ts, das schmerzt mich, dass du solche Unterschiede machst. Vergiss nicht, auch ich bin von diesem Blut. Der Junge hat lange Zeit Widerstand geleistet, aber irgendwann konnte ich ihn überzeugen, dass es von Vorteil für ihn wäre, wenn er für mich arbeitet, und jetzt, da Baal selbst mit seiner Gefangenschaft beschäftigt ist, ist endlich meine Zeit gekommen.«
   Der Dämon berührte Jasons Schulter. Es fühlte sich an, als würde er von Trockeneis verbrannt. Jason presste die Kiefer zusammen und unterdrückte jede Reaktion.
   »Also, tu, wozu du hier bist.« Samael ließ die Schulter los. Jason nickte, er sah zu Saintly und sprach dessen Namen aus. Für einen Sterblichen würde es sich anhören wie Fingernägel, die über Schiefer kratzten, für Wesen seines Blutes wie das helle Klingen tausender Triangeln. Das schrille Geräusch brachte sämtliche Fensterscheiben im Raum zum Zerbersten. Das Zeichen auf Saintlys Brust glühte. Der Mann taumelte mit schmerzverzerrtem Gesicht zurück.
   »Tu es nicht, du wirst alle ins Verderben stürzen«, keuchte Saintly, doch Jason ignorierte ihn und öffnete das Zeichen. Der gefallene Engel sank schreiend auf die Knie, Lichtstrahlen schossen aus seinem Körper, die Samael absorbierte, als wäre er ein schwarzes Loch.
   Es dauerte den Bruchteil einer Sekunde, bis von Saintly nur noch ein mumifizierter Körper übrig geblieben war, der zu Boden sank. Auf der Brust, die altem Leder glich, hatte sich das Namenszeichen eingebrannt. Gestank von verschmortem Fleisch durchzog den Raum. In der Ferne heulte die Sirene eines Polizeiwagens.
   »Der Nächste heißt Gehiel Church, er führt eine Buchhandlung Bankstreet Ecke 4th, West New York. Enttäusche mich nicht.« Samael kehrte in den Schatten zurück.
   Dann spürte Jason seine Präsenz nicht mehr, der Geist des Dämons war wieder in dessen Körper zurückgekehrt. Aufgrund der Fesseln konnte Samael seinen Leib nur für kurze Zeit verlassen und auch keine menschliche Hülle übernehmen.
   Das wollte Samael ändern und Jason half ihm dabei, wenn auch nicht ganz freiwillig.
   Er ballte die Faust, die andere Hand umklammerte den Griff der Waffe.
   Bilder blitzten in seinem Kopf auf. Haken, die sein Fleisch durchstachen, Ketten, die jede Flucht unmöglich machten, eine Blutlache unter seinen Füßen. Der Geruch nach Verwesung stieg ihm in die Nase.
   Jason schmeckte Galle, Schweiß sammelte sich zwischen seinen Schulterblättern. Er zitterte wie ein Junkie auf Entzug und taumelte nach hinten. Sein Herz sprang gegen den Rippenkäfig, der es gefangen hielt. Obwohl er nach Atem rang, hatte er das Gefühl, unter Wasser gezogen zu werden und zu ersticken.
   Das Geheul der Polizeisirenen kam näher. Jason holte tief Luft, die er langsam entweichen ließ, und zwang die Bilder in das Loch zurück, aus dem sie gekrochen waren. Er musste sich in Griff bekommen, denn es war an der Zeit zu verschwinden.

Kapitel 3

Also, mir wäre das zu rosa.« Debbie betrachtete das Kleidchen, das Amanda in die Höhe hielt, und runzelte die Stirn. Sie drückte den Bildschirm ihres
   Laptops etwas nach unten, um das neu designte Stück besser sehen zu können. »Außerdem ist da zu viel Spitze dran.«
   »Ich sollte niemand nach seinem Urteil fragen, dessen bevorzugte Farbe Schwarz ist«, sagte Amanda und lächelte. »Daher werde ich eine Expertin hinzuziehen. Lilly-Schätzchen, du müsstest mir mal helfen.«
   »Ja.« Lilly schob sich aus dem Zimmer, das dem langen Esstisch schräg gegenüberlag. Saphirblaue Augen, die Debbie jedes Mal erneut in Staunen versetzten, blickten erwartungsvoll. Keine Frage, diese unglaubliche Augenfarbe hatte Lilly von ihrem Dad. Debbie hoffte, dass es nur äußerliche Merkmale waren, die das Mädchen von ihrem Vater geerbt hatte. Denn Raven war kein gewöhnlicher Mensch, sondern ein Halbdämon mit erstaunlichen Kräften. Nicht auszudenken, wenn eine Vierjährige einen normalen Erwachsenen auf die Matte legen könnte. Zum Glück hatte Lilly bisher noch keine übernatürlichen Kräfte gezeigt.
   Aber auch von Amandas Seite waren die Erbanlagen nicht ohne, stammte sie doch von Lilith ab, die sich durch eine List göttliche Macht angeeignet hatte und dadurch selbst zu einer Art Göttin geworden war. Eine Vierjährige mit göttlicher Macht, das fehlte noch. Doch zur Beruhigung aller war sie wie jedes andere Mädchen ihres Alters auch. Die Kleine liebte hübsche Kleidchen und Glitzerkram, was das Prinzessinnendiadem, das zwischen ihren kastanienroten Locken glitzerte, bewies.
   »Darf ich zu dir?«
   »Natürlich, Süße.« Debbie rutschte mit ihrem Stuhl ein Stück zurück und half Lilly, auf ihren Schoß zu klettern.
   »Also, was sagst du?«
   Lilly neigte den Kopf, wobei ihre Locken wackelten. »Ich finde es wunderschön, Mom. Bekomme ich es?«
   Amanda legte das Kleid neben die Nähmaschine, die vor ihr stand, und strich sich eine Strähne ihres ebenfalls kastanienroten Haares hinter das Ohr.
   »Du hast doch erst eins bekommen, nämlich das, das du trägst. Du weißt doch, dass ich die Kleidchen für Linda nähe, die sie in ihrer Boutique verkauft. Verstehst du das?«
   »Ja, Mom.« Lilly sah betreten zu Boden, um sich gleich wieder aufzurichten. »Aber so kann sich ein anderes Mädchen über das hübsche Kleid freuen«, sagte sie in einem optimistischeren Ton.
   »Das ist meine Kleine.« Amanda lächelte stolz und blickte zu Debbie. »Zwei von drei haben das Kleid für schön befunden.«
   Debbie schob Lillys Locken zur Seite, um Amanda besser ins Gesicht sehen zu können.
   »Ich hab ja nicht gesagt, dass es hässlich ist. Es ist nur nicht nach meinem Geschmack. Die Kunden deiner Freundin werden es ihr mit Sicherheit aus den Händen reißen«, sagte Debbie mit gespielter Empörung in der Stimme.
   »Falls ich einmal eine Kollektion von Gothicmode entwerfen will, werde ich mich an dich wenden«, sagte Amanda und lachte, während sie lose Fäden abschnitt.
   Über den ganzen Esstisch verteilt, der gut zwanzig Leuten Platz bot, lagen Stoffe, die Mädchenträumen entsprungen sein konnten. Nur der Teil, auf dem der Laptop sowie Amandas Nähmaschine standen, war stofffreie Zone.
   »Da hätte ich schon ein paar Ideen. Die sind aber nicht jugendfrei.« Debbie kicherte und Amanda stimmte mit ein, als im Erdgeschoss des Fabrikgebäudes, in dem sich das Loft befand, der Motor einer Suzuki aufheulte.
   »Daddy ist zurück.« Lilly rutschte von Debbies Schoß. So schnell sie ihre kurzen Beine trugen, rannte sie zum Aufzug, der zu ihnen nach oben fuhr.
   Zuerst sah man Ravens schwarzes Haar, ein genervtes Gesicht und zu guter Letzt einen ziemlich verschmutzten Kerl, von dessen Mantel teerartiger Schleim tropfte. Energisch schob er das Gitter auf.
   »Bäh, Daddy, du stinkst.« Lilly hielt ihre Nase zu und hüpfte zwei Schritte zurück.
   »Was für einen betörenden Duft du entdeckt hast, mein Schatz.« Amanda stand auf. An ihrem hellblauen Strickpullover klebten Reste von Nähgarnfäden in verschiedenen Rosatönen.
   »Was immer du sagen willst, verkneife es dir.« Raven deutete auf Debbie. Schuldbewusst strich sie über ihr Totenkopfshirt und zupfte Fussel von der Cargohose. »Was ist passiert?«, fragte sie nebenbei.
   »Du hättest mir sagen können, dass Foetor, wenn man sie …« Raven schaute zu Lilly, die verzückt beobachtete, wie der stinkende Moder auf dem Boden tropfte. »… äh, eliminiert, bumm machen und mit übel riechendem Schleim um sich spritzen«, grummelte Raven.
   »Hallo, das wusste ich selbst nicht. In keiner Quelle stand etwas darüber. Sieh her.« Energisch klappte Debbie das Display hoch, um die die Dateien herauszusuchen. Wie sie es hasste, wenn Raven ihr den schwarzen Peter zuschob.
   Hitze schoss in ihre Wangen.
   »Was ist eli… elimianiert?«, fragte Lilly.
   »Das ist, wenn man jemanden aus dem Spiel nimmt«, sagte Raven in einem sanften Ton, der so gar nicht zum angriffslustigen Funkeln in seinen Augen passte, die Debbie fixierten. Als er einen Schritt in ihre Richtung machte, wappnete sie sich innerlich für die nächste Runde, doch er kam nicht weit.
   »Nix da, du tropfst mir nicht noch mehr von dem schönen Parkett voll.« Amanda trat ihrem Mann in den Weg. »Ab ins Bad und duschen«, befahl sie und deutete zur Tür drei Meter neben dem Aufzug.
   »Hilfst du mir dabei, den Rücken zu schrubben?« Raven wackelte anzüglich mit den dunklen Brauen, seine Mundwinkel zuckten nach oben. Wie sich die Stimmung des Herrn doch von einer Sekunde auf die andere ändern konnte. Debbie schüttelte ihren Kopf und blies sich eine vorwitzige Strähne aus der Stirn.
   »Keine Chance.« Amanda stemmte die Hände in die Taille wie ein Drill Sergeant.
   »Ich liebe es, wenn du dominant bist«, spöttelte Raven und ging zum Bad.
   »Dann wirst du sicherlich nach dem Duschen den Boden mit der Zahnbürste schrubben, nur weil ich es dir befehle«, rief ihm Amanda hinterher. Sie seufzte und ging zur offenen Küche. Dort holte sie einen Eimer unter der Spüle hervor, in den sie Wasser laufen ließ. Aus dem Hochschrank nahm sie einen Mob.
   »Ich dachte, der Held soll seinen Dreck selbst wegmachen«, sagte Debbie zum Treiben ihrer Freundin.
   »Ich befürchte nur, wenn das Zeug nicht bald weg ist, frisst sich der Gestank in den Boden. Ganz zu schweigen, dass meine Stoffe den Geruch annehmen könnten.« Amanda kippte einen ordentlichen Schuss Putzmittel ins Wischwasser, anschließend zog sie sich Gummihandschuhe über.
   »Ich lass frische Luft rein. Sogar in den Abwasserkanälen riecht es besser als das Zeug.« Debbie trat zu der Schalttafel hinter ihr und betätigte die Knöpfe, die sämtliche Oberlichtscheiben öffneten. Frische Luft strömte in das Loft, die gepaart mit dem Zitronenduft des Putzmittels den Dämonenmief allmählich überlagerte.
   In diesem Moment piepte der Computer lautstark und kündigte so Besuch an. Debbie setzte sich auf dem Stuhl vor ihrem Laptop, um zu checken, wen die Überwachungskamera filmte, die neben dem Rolltor angebracht war. Durch die Eingabe eines Codeworts fuhr das Tor nach oben.
   »Es ist Russel«, sagte sie zu Amanda, die mit Putzen fertig war und den Eimer in Richtung Bad trug.
   »Ich entsorge das stinkende Gebräu. Bin gleich wieder da.« Damit verschwand Amanda im Badezimmer, während Lilly aufgeregt wie eine Heuschrecke vor dem Aufzug herumhüpfte, der nach unten fuhr.
   »Hallo, Russel.« Die Kleine begrüßte den Polizisten, kaum dass sein Gesicht zu sehen war.
   »Einen guten Tag, Lilly«, sagte Russel freundlich. »Du bist ja mächtig groß geworden.« Er stieg aus dem Fahrstuhl.
   Lilly breitete ihre Arme aus, worauf Russel sie hochhob und sich lachend mit ihr drehte. Anschließend ging er zum Esstisch.
   »Na, was macht der Job?«, fragt er vergnügt.
   »Du weißt doch, ich arbeite für einen Sklaventreiber.« Debbie stöhnte und wischte theatralisch den imaginären Schweiß von der Stirn.
   »Sklaventreiber, so redest du also hinter meinem Rücken über mich.« Raven trat nur mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad, Amanda folgte ihm.
   »Hab ich bei etwas gestört?«, fragte Russel Debbie, die nur vielsagend grinste.
   »Nein, mein Freund, hast du nicht«, antwortete Raven für sie. »Ich gehe mich anziehen, dann kannst du mir sagen, warum du hier bist.«
   »Vielleicht möchte Russel uns einfach nur einen Besuch abstatten, mit uns ein Pläuschchen halten«, sagte Amanda augenzwinkernd.
   »Wann kommt er nur einfach so vorbei?«, erwiderte Raven, bevor er ins Schlafzimmer ging, das der Küche gegenüberlag.
   »Ich fürchte, dein Mann hat recht«, sagte Russel mit schuldbewusstem Gesichtsausdruck.
   »Wir sind immer froh, wenn du zu uns kommst, egal warum. Möchtest du Kaffee?«
   »Das fragst du einen Polizisten?« Russel lächelte breit.
   »Was für eine dumme Frage, natürlich.« Sie tippte sich mit der Handfläche an die Stirn.
   Währenddessen nahm Russel am Esstisch Platz und Lilly, die wie eine Klette an ihm hing, kletterte auf seinen Schoß.
   »Ich kann bis zwanzig zählen«, sagte sie und ohne eine Antwort abzuwarten, fing sie an. »Eins, zwei, drei …«
   Im Hintergrund summte der Vollautomat. Der Duft nach Kaffee vermischte sich mit dem Zitronenaroma des Putzmittels, was den Dämonengestank weiter verdrängte, doch nicht zur Gänze. Debbie vermutete, dass Russel wahrscheinlich zu höflich war, um über den Mief ein Wort zu verlieren.
   »Hier, wie du ihn möchtest, ohne Milch und mit drei Löffeln Zucker.« Amanda schob die Stoffe zur Seite und stellte die Tasse vor Russel. »Für dich auch einen?«, fragte sie Debbie.
   »Süße, setz dich, ich kann mir selbst einen machen.« Debbie stand auf und ging zur Küche. Aus dem Hängeschrank neben dem Herd holte sie eine Tasse.
   Amanda nahm sie ihr ab. »Ich denke, du wirst am Computer gebraucht.
   »… zehn, elf, zwölf, dreizehn …«, fuhr Lilly unbeirrt fort.
   »Danke.« Debbie drücke ihre Freundin, deren Haar immer ein wenig nach Kokosshampoo roch. In den vergangenen sechs Jahren war Amanda wie eine Schwester für sie geworden. Manchmal wusste sie nicht, warum das Schicksal ihr diese neue Familie vergönnte. Es wäre gerechter, wenn sie in der Hölle schmoren würde. In ihrem Hals spürte sie einen Kloß, der so groß wie ein Straußenei war. Sie schluckte gegen das Gefühl an und ging zu ihrem Platz zurück.
   »… zwanzig«, rief Lilly.
   »Wirklich beachtlich.« Russel tätschelte ihren Lockenkopf.
   »Also, was kann ich für dich tun?« Raven trat bekleidet mit seinem üblichen Outfit, schwarze Hose und Shirt, aus dem Schlafzimmer.
   »Lilly, willst du deiner Mom helfen?« Damit hob Russel das Mädchen von seinem Schoß.
   »Hast du das gehört, ich hab bis zwanzig gezählt«, rief Lilly, als sie zu Amanda rannte.
   Russel zog sein Handy aus der Jackettasche. Raven blieb neben ihm stehen.
   »Diese Bilder habe ich von einem Kollegen aus Boston zugeschickt bekommen.« Der Polizist reichte ihm das Smartphone.
   »Hier, Debbie.« Amanda stellte eine Tasse dampfenden Kaffee neben den Laptop. »Ich glaube, Lilly und ich werden euch allein lassen. Komm, Kleines, ich lese dir etwas vor.«
   »Bitte, bitte die Hasengeschichte.« Lilly rannte in ihr Kinderzimmer.

*

Als Amanda die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, reichte Raven das Handy an Debbie weiter. Obwohl sie schon einiges in ihrem Leben gesehen hatte, wich ihr das Blut aus dem Gesicht. Es zeigte eine Leiche, die wie eine ägyptische Mumie aussah, doch sie trug moderne Kleidung. Es gab noch weitere Fotos vom Tatort sowie des Toten.
   »Meinem Kollegen zufolge ist der Mann am Tag zuvor noch gesund und munter gesehen worden«, sagte Russel.
   »Wieso wurdest du hinzugezogen, wenn der Tatort in Boston ist?«, fragte Raven.
   »Weil sich rumgesprochen hat, dass ich bei mysteriösen Fällen weiterhelfen kann.« Der Polizist fuhr durch sein angegrautes Haar und verdrehte dabei die Augen. »Sie nennen mich schon Spookie Harper.« Er trank von seinem Kaffee.
   Debbie schickte die Bilder per Bluetooth an ihren Computer. Sie betrachteten die Aufnahmen am Bildschirm. Irgendetwas schien in die Brust eingebrannt worden zu sein. Als sie näher heranzoomte, zeigte sie auf ein Zeichen, das nach einer krakligen Vier aussah.
   »Wisst ihr etwas über das Zeichen, das auf der Brust zu sehen ist?« Debbie gab Russel das Handy zurück. Dessen Brauen wanderten in Richtung Haaransatz, er zuckte mit den Schultern. »Das ist der Grund, warum sie es mir geschickt haben. Sie wollen, dass ich meine Quellen für komisches Zeug anzapfe und hier bin ich. Ich würde meinen behaarten Hintern darauf verwetten, dass die Sache mit Dämonen zu tun hat.« Er reichte Raven noch mal das Smartphone.
   »Ich hab so was noch nie gesehen«, sagte Raven kopfschüttelnd.
   »Vielleicht kann uns Gehiel weiterhelfen. Er hat eine gutsortierte Buchhandlung voller Schriftstücke, in denen komisches Zeug steht«, sagte Debbie, während sie die Bilder vom Laptop an ihr Smartphone sendete.

Kapitel 4

Jason stand hinter einem mit alten Büchern vollgestopften Regal und beobachtete die junge Frau an der Kasse. Staubflocken tanzten in den Sonnenstrahlen, die den heruntergelassenen Lamellenrollos zum Trotz vereinzelt ihren Weg zum Bereich vor dem Tresen fanden. Er hatte ein Buch über seltene Kräuter herausgezogen, das er vorgab zu lesen.
   Die Frau, die einem Manga entstiegen sein könnte, stützte sich mit den Ellenbogen am Tresen ab, wickelte eine lila Haarsträhne um den Zeigefinger und machte Kaugummiblasen, während sie einen Comic las. Von seiner Zielperson, dem Ladenbesitzer, konnte er keine Spur entdecken. Die Verkäuferin blätterte um, hob dabei den Kopf und blickte zu ihm. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, die Wangen wurden rosig. Hastig blickte sie wieder auf ihre Lektüre. Offensichtlich gefiel er ihr und sie versuchte, zu flirten.
   Das war das Letzte, was er gebrauchen konnte. Genervt klappte er das Buch zu und schob es ins Regal zurück. Er musste zu anderen Mitteln greifen. Als er zur Kasse gehen wollte, ertönte das Glöckchen über der Ladentür. Jason zog sich hinter das Regal zurück. Eine Frau betrat die Buchhandlung.
   »Hi, Jazz«, sagte sie, während die Tür ins Schloss fiel. Ein kleines Mädchen begleitete sie, dessen kastanienbraune Locken bei jedem Schritt wippten.
   Die Verkäuferin richtete sich auf. »Debbie, ich freu mich, dich zu sehen.«
   Jasminduft erfüllte den Raum und verdrängte den staubigen Mief, der an den alten Büchern hing. Das zarte Aroma berührte sanft Jasons Nase, lockte ihn wie die Stimme von Sirenen die Seemänner, sprach Regionen seines Körpers an, die nicht angesprochen werden durften. Sie zog ihn fast magisch an. Er war die Motte, sie das Licht, das das Paradies versprach. In diesem Moment spürte er, wie sich eine dämonische Präsenz in seinen Kopf einklinkte. Offensichtlich hatte seine körperliche Reaktion, die der sinnliche Duft in ihm auslöste, Samaels Interesse geweckt. Sobald der Dämon mit ihm verbunden war, konnte er alles wahrnehmen, was Jason wahrnahm, es hören, riechen und auch sehen. Er wusste es selbst nicht, warum, aber er wollte nicht, dass Samael die Frau sah, daher zog er seinen mentalen Schutzwall hoch. Der Dämon kratzte an seinem Schild, er hatte das Gefühl, dass sein Wall Schicht für Schicht mit grobem Sandpapier abgetragen wurde. Ein brennender Schmerz hämmerte in seinem Kopf, er presste die Lippen aufeinander und konzentrierte sich auf die Kundin, die den Tresen erreicht hatte. Dafür würde er später büßen müssen, so viel stand fest.
   »Ist Gehiel da?«, fragte die Frau, deren dunkles Haar im Licht der Sonnenstrahlen saphirblau schimmerte.
   »Nein, er ist unterwegs. Ich erwarte ihn erst in ein paar Tagen zurück.« Die Verkäuferin, die offenbar Jazz hieß, legte den Comic zur Seite.
   Das waren keine guten Nachrichten. Jason schluckte den Fluch herunter, der ihm auf der Zunge lag.
   »Na, wen haben wir denn da?«, sagte die Verkäuferin zu dem Mädchen, das von der Dunkelhaarigen hochgehoben und auf die Theke gesetzt wurde. Jason kam etwas aus seiner Deckung, damit er die beiden besser sehen konnte. Die pochenden Kopfschmerzen, die Samaels Attacken auslösten, traten in den Hintergrund. Wenn das Mutter und Kind waren, kam die Kleine mit Sicherheit nach dem Vater. Unter dem Jasminaroma schwang ein anderer Geruch mit, der ihm vertraut vorkam. Irgendwoher kannte er ihn, doch er konnte sich nicht erinnern.
   »Das ist Lilly, Ravens Tochter«, sagte die Frau.
   Jason presste die Kiefer aufeinander, jeder Muskel in seinem Körper spannte sich an. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Stromschlag. Daher kannte er den Geruch, es war Ravens verfluchter Dämonengestank, der den beiden anhaftete. Seine Hand ging zur Waffe, die unter seiner Bikerjacke in einem Schulterholster steckte, doch er hielt inne. Das war ein verdammtes Kind. Er war tief gesunken, aber so tief nun auch wieder nicht.
   Raven hatte also eine Tochter. Er musterte die Kleine, die ein rosa Prinzessinnenkleid trug und wie ein ganz normales Mädchen aussah. Dann betrachtete er die Frau daneben. War sie Ravens Gefährtin? Sein Blick schweifte von den schweren Stiefeln, die sie trug, die Cargohose hinauf und blieb am durchaus knackigem Gesäß hängen. Könnte gut sein. Raven hatte schon immer einen guten Geschmack besessen, wenn es um Frauen ging.
   »Lilly, du hast aber ein hübsches Kleid an«, sagte die Verkäuferin bewundernd.
   »Hat meine Mom genäht«, sagte die Kleine stolz. »Debbie mag die Farbe nicht.« Sie verschränkte die Arme und sah mit zusammengezogenen Brauen zu ihrer Begleitung auf.
   »Das ist nicht wahr, Lilly, ich mag die Farbe, solange ich sie nicht tragen muss«, sagte die Dunkelhaarige amüsiert. Ihr für eine Frau tiefes Lachen vibrierte auf seiner Haut.
   »Debbie.« Leise wiederholte Jason ihren Namen. Sie war nicht die Mutter der Kleinen. Dieser Gedanke sorgte dafür, dass sich ein Gefühl der Erleichterung in ihm breitmachte.
   »Also, ich finde die Farbe sehr schön«, sagte die Verkäuferin.
   »Dass jemand mit lila Haaren Pink schön findet, war ja zu erwarten«, sagte Debbie vergnügt.
   »Aber mal was anderes.« Sie umfasste die Taille des Kindes. »Lilly-Schätzchen, ich heb dich runter, dahinten sind hübsche Bücher für Kinder, die kannst du dir ansehen.«
   »Darf ich mir eines aussuchen?« Lilly hüpfte zu dem Regal neben der Kasse.
   »Wenn du brav bist, mal schauen.«
   Wieder flüsterte Jason ihren Namen.
   Sie schenkte nun der Verkäuferin ihre Aufmerksamkeit. »Kannst du Gehiel vielleicht erreichen?«
   Jason war ganz Ohr. Er trat noch einen Schritt aus seiner Deckung hervor.
   »Ich kann dir seine Handynummer auf dein Smartphone schicken.« Sofort fasste die Verkäuferin unter die Theke und holte ein mit Glitzersteinchen verziertes Handy hervor.
   »Das wäre super.« Debbie, Jason mochte den Namen, zückte ihres ebenfalls, es zwitscherte. »Angekommen.«
   »Sag mal, kennst du das Piercingstudio Broadway Ecke Bleecker?« Die Verkäuferin verstaute das Mobiltelefon wieder unter dem Tresen, auch Debbie steckte ihres in die Jackentasche zurück.
   »Die sind gut, wieso? Die haben mir die beiden Stecker gestochen.« Debbie deutete auf ihr rechtes Ohr.
   »Ich möchte nämlich ein Zungenpiercing.« Die Verkäuferin zog einen Kaugummifaden aus dem Mund und wickelte ihn um den Zeigefinger. »Du hattest doch mal eines?«
   »Ja, aber nachdem ein Verdächtiger versucht hatte, es mir rauszureißen, verzichte ich auf zu viel Schmuck. Die Zeiten sind vorbei, in denen nahezu jedes Körperteil von mir durchstochen war.« Debbie lachte.
   Jason mochte ihr Lachen und die Vorstellung, ihren Körper nach vielleicht immer noch vorhandenen Piercings abzusuchen.
   »Du wirst halt alt, bald trägst du Gesundheitssandalen und einen Dutt«, sagte ihr Gegenüber und grinste, worauf von Debbie ein Geräusch kam, als würde sie die Zunge herausstrecken.
   »Wir werden alle älter, Raven hat auch seinen heiß geliebten Chevy gegen einen spießigen SUV ausgetauscht.«
   »Jetzt mal was anderes, gehst du heute auch auf das Dark-Romance-Konzert im Psycho?« Die Verkäuferin schob den Kaugummi in den Mund zurück.
   Debbie stützte ihre Ellenbogen auf der Theke ab und spielte mit einem der Zauberstabkugelschreiber, die in einem Karton neben der Kasse lagen.
   »Ich weiß noch nicht.«
   »Sei doch nicht so langweilig, komm doch auch, sonst halte ich dich wirklich für eine Oma.«
   »Ich weiß, was du bist.«
   Jason zuckte zusammen und sah nach unten. Vor ihm stand die Kleine, Ravens Tochter, die ihn anstrahlte.
   »Du bist ein Engel«, flüsterte sie. »Aber ich sag es keinem.« Das Mädchen legte einen Finger auf die Lippen. Jason straffte die Schultern und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, wusste aber nicht genau was. Er fühlte sich unbehaglich und hatte keine Ahnung, wie er reagieren sollte. Hätte man ihn in eine Grube mit hungrigen Dämonen geworfen, hätte er es gewusst, aber ein Kind überforderte ihn komplett. War ihr Wissen eine Gefahr für ihn oder hatte sie nur einfach viel Fantasie?
   »Ich, äh, also …«
   »Lilly, du sollst doch nicht mit Fremden reden.« Debbie tauchte hinter der Kleinen auf und nahm deren Hand.
   »Entschuldige, ich hoffe, sie hat dich nicht gestört«, sagte sie an Jason gewandt. Als er in ihre bernsteinfarbenen Augen blickte, durchströmte ihn das Gefühl, eine verwandte Seele darin zu erkennen.

*

Das Erste, was Debbie an ihrem Gegenüber auffiel, waren die Augen: Nebel, in dem goldene Sterne schimmerten. Das Zweite sein nahezu perfektes Gesicht. Der Typ könnte einem Bild der Künstlerin Victoria Frances entsprungen sein. Auch die Melancholie in seinem Blick passte zu den Werken der Malerin. Irgendwas an ihm kam ihr vertraut vor. Kannte sie ihn von einer Party? Sie musterte die trotz der blonden Haare erstaunlich dunklen Wimpern, die das Silber der Iriskreise sehr intensiv wirken ließen. Wenn sie ihn kannte, würde sie sich doch an ein solches Gesicht erinnern. Es war einfach nur schön, das würde man doch nicht vergessen, oder? Andererseits machte sie so viel Perfektion misstrauisch, denn Dämonen neigten zur Perfektion.
   »Nein, sie hat mich ganz und gar nicht gestört.« Seine samtige Stimme glitt wie warmer Honig über ihre Haut und sorgte dafür, dass sich ihre feinen Nackenhärchen aufstellten.
   Er betrachtete sie ausgiebig und nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen gefiel ihm, was er sah. Debbie wollte unbewegt und cool wie ein Felsen bleiben, doch ihr Körper spielte nicht mit, sie bekam wirklich weiche Knie. Sie konnte es selbst nicht fassen. In ihrem Magen hüpfte irgendwelches Krabbelgetier umher. Das war ihr schon lange nicht mehr passiert, dass sie auf einen Typen so reagierte.
   Ihre Kehle war trockener als eine Wüste. Sie fuhr mit der Zunge über die Unterlippe. Sein Blick blieb an ihrem Mund hängen, was die Tierchen in ihrem Magen dazu brachte, in wilder Anarchie herumzuwuseln.
   »Gehst du auf das Konzert?« Seine hellen Augen suchten ihren Blick.
   »Konzert?«, hauchte Debbie. Sie hatte das Gefühl, dass sich ein rosa Wattebausch in ihrem Kopf ausdehnte und jegliche Fähigkeit zu denken absorbierte.
   »Natürlich.« Jazz kam ihr zur Hilfe, die neben sie trat und den Arm um ihre Taille legte.
   »Es beginnt um einundzwanzig Uhr. Auf dem Flyer steht die Adresse.« Damit drückte Jazz dem Fremden einen kleinen Zettel in die Hand. »Wie heißt du eigentlich?«
   »Jason.« Er ließ Debbie nicht aus den Augen.
   »Können wir gehen?« Lilly meldete sich zu Wort und Debbie war wieder auf der Erde zurück.
   »Ja, du hast recht, wir müssen noch für deine Mom die Stoffe abholen.«
   »Hat mich gefreut, dich kennenzulernen«, sagte Jason und reichte ihr seine Hand. Debbie ergriff sie. In diesem Moment trafen sie Miniblitze, die ihren Arm entlang prickelten, an ihrer empfindlichsten Stelle vorbei und über die Zehen in den Boden fuhren.
   »Wir werden auf dem Konzert sein, bestimmt«, sagte Jazz eifrig.
   Debbie sah zu ihrer Hand, die noch immer Jasons hielt. Hastig ließ sie los.
   »Ich muss wirklich weg«, murmelte sie. Die Hitze stieg ihr in die Wangen. So was Blödes, sie mutierte völlig zu einem Teenager. Wo war ihre legendäre Coolness geblieben? Immerhin jagte sie Dämonen, da würde sie sich von so einem dahergelaufenen Schönling nicht einschüchtern lassen.
   »Wir sehen uns auf dem Konzert«, sagte Jason und verließ den Laden.
   Debbie starrte ihm hinterher. »Was ist da eben passiert?« Sie sah zu Jazz, die sie angrinste.
   »Ein echt scharfer Typ hat dich angemacht.«
   »Komm, Kleines.« Debbie nahm Lillys Hand und schritt zur Tür.
   »Ich werde so gegen sieben bei dir sein, dann suchen wir Klamotten aus«, rief ihr Jazz hinterher, als sie aus dem Laden traten.
   »Tu, was du nicht lassen kannst«, sagte Debbie, ohne sich umzudrehen. »Holen wir uns ein Eis, ich brauche was zum Abkühlen.« Sie sah zu Lilly.
   »O ja.« Begeistert hüpfte das Mädchen auf und ab.

*

Jason war auf dem Weg zu seiner Kawasaki, die eine Straße weiter parkte. Er hatte das Gefühl, dass sein Hirn lichterloh brannte und kurz vor einer Explosion stand. Inzwischen hackte Samael unerbittlich mit heißen Klauen auf den Wall ein. Als Jason die Schilde senkte, wurde die Feuersbrunst in seinem Kopf von einem Augenblick auf den anderen zu einem leichten Glimmen.
   »Du hast mich ausgesperrt«, zischte der Dämon in seinem Verstand.
   »Ich hatte da eine private Sache, die dich nichts angeht«, sagte Jason in seinen Gedanken.
   »Diese Frau, die in den Laden gekommen ist. Für solche Ablenkungen ist keine Zeit, du hast einen Auftrag zu erledigen«, knurrte Samael.
   »Seit Monaten arbeite ich für dich, hatte bisher keinen Moment für mich. Ich bin auch nur ein Mann. Außerdem wird Church erst wieder in ein paar Tagen zurück sein.«
   »Gut, ich gebe dir bis zu Churchs Rückkehr die Zeit, dich um deine Angelegenheiten oder was auch immer zu kümmern. Aber denk daran, wenn du mich hintergehst, wirst du ganz schnell wieder in dem Loch landen, aus dem ich dich geholt habe.«
   Um Jason wurde es dunkel, als hätte jemand die Sonne ausgeknipst. Ein gleißend heller Spot flammte auf, der auf ihn gerichtet war.
   Er hatte das Gefühl, bei lebendigem Leibe gehäutet zu werden. Es gab keine Region an seinem Körper, die nicht schmerzhaft pochte. Er sah an sich hinunter. Aus tiefen Wunden, die seinen nackten Körper übersäten, pulsierte im Takt seines hämmernden Herzens Blut. Der Geruch von Schweiß und Fäkalien schlug ihm entgegen. Jason schnappte nach Luft, die seine Lungen nicht erreichte. Ein Zittern durchlief seinen Leib. Wie ein Ertrinkender rang er keuchend nach Sauerstoff. Ihm wurde schwindlig, er wankte gegen eine Mauer.
   »Mister, ist Ihnen nicht gut?«, sagte eine Stimme, die aus der Dunkelheit zu ihm drang.
   »He, Mister.« Eine Hand umfasste seine Schulter und schüttelte ihn leicht. Im nächsten Augenblick sah er einen älteren Herrn, der ihn besorgt anblickte, und vernahm Straßenlärm. Er war in New York. Tief holte er Luft, die seine Lungen durchströmte. Erleichtert stellte er fest, dass er die Anwesenheit des Dämons nicht mehr fühlte. Samael hatte sich zurückgezogen.
   »Es geht wieder, danke.« Jason straffte seine Schultern.
   »Wirklich? Sie sehen blass aus.« Der Mann zog skeptisch eine graue Braue hoch.
   »Ja, es geht mir besser, wirklich.« Jason setzte seinen Weg fort und ballte die Hände so stark zu Fäusten, dass sich seine Nägel in die Handfläche gruben.
   Er würde die freie Zeit nutzen, um mehr über Raven herauszufinden.
   Mit dem dämonischen Hurensohn hatte er noch eine Rechnung offen und Debbie stand mit ihm in Verbindung. Dadurch wurde sie zu seinem Ziel. Er stieg auf sein Bike und nahm den Helm, setzte ihn jedoch nicht auf.
   »Debbie«, flüsterte er. Ihr Jasminduft war immer noch präsent, es kribbelte in seinen Venen. Er sah ihre vollen Lippen vor sich. Wie würden sie schmecken? Warum zog sie ihn so unglaublich an? Eine Taube landete auf seiner Schulter und zupfte an seinem Haar herum, als wollte sie ihn trösten. Er scheuchte das verflixte Vieh weg.
   Jason holte tief Luft, die er zischend entweichen ließ. Debbie war nur eine weitere Zielperson. Er war Profi genug, um sich nicht von verfluchten Gefühlen lenken zu lassen. Damit setzte er den Helm auf, drehte den Schlüssel im Zündschloss um, klappte den Ständer hoch und gab Gas.

Kapitel 5

Debbie schob das Gitter hoch und Lilly rannte aus dem Aufzug.
   »Mommy, wir sind wieder da«, rief sie. Amanda trat aus dem Bad.
   »Hey, Schätzchen, wie sieht denn dein Mund aus?«
   »Wir haben Eis gegessen«, sagte die Kleine strahlend.
   »Komm zu mir, ich wasch dein Gesicht.« Amanda winkte ihre Tochter zu sich, die sofort zu ihrer Mutter eilte.
   Debbie hob unterdessen die zwei in Folie gehüllten Stoffballen hoch, die an der Aufzugwand lehnten, und schleppte sie zum Esstisch. »Ich hab die Stoffe dabei.«
   »Danke dir, meine Süße«, rief Amanda aus dem Bad.
   »Wo ist Raven?«
   »Unterwegs nach Boston, er sieht sich den Tatort an.« Amanda verließ hinter Lilly das Bad.
   »Da braucht er über sieben Stunden hin und zurück.« Debbie nahm auf der Couch Platz.
   »Bei seinem Fahrstil eher sechs.« Amanda lachte.
   Zwar hatte Debbie die witzige Bemerkung über Ravens Fahrkünste zur Kenntnis genommen und wäre unter normalen Umständen gleich in die liebevolle Lästerei eingestiegen, doch der Mann aus der Buchhandlung, Jason, geisterte durch ihre Gedanken. Sie verzog keine Miene, sondern sah stattdessen auf ihre ineinander verschränkten Finger. Sollte sie zu dem Konzert gehen? Wenn sie nur an diesen Typen dachte, geriet das Krabbelgetier in ihrem Magen in Wallung. Doch es war irgendetwas an ihm, was sie zögern ließ.
   Amanda setzte sich neben sie.
   »Was ist los?« Sie stupste Debbie mit dem Ellenbogen an.
   »Ein scharfer Typ hat sie angemacht«, wiederholte Lilly Jazz’ Worte. Amanda zog die Brauen hoch. Debbie fühlte Hitze in ihr Gesicht steigen und spähte vorsichtig zu ihrer Freundin.
   »Wer hat dir beigebracht, so zu reden, junge Dame.« Ein Schmunzeln umspielte deren Lippen.
   »Die Frau mit dem lila Haar hat das gesagt.« Lilly sah betreten zu Boden.
   »So was will ich nicht mehr hören«, sagte Amanda streng, doch aus ihren Augen blitzte der Schalk. »Schätzchen, geh doch in dein Zimmer, ich muss mit Debbie was besprechen.«
   »Okay, Mom.« Kleinlaut schlurfte Lilly davon.
   »Jetzt erzähl mir alles über den scharfen Typen.« Amanda blickte erwartungsvoll.
   »Da gibt es nicht viel zu berichten. Lilly quatschte ihn an und Jazz, die in der Buchhandlung arbeitet, hat ihm versprochen, dass wir ihn heute Abend auf dem Dark-Romance-Konzert treffen. Aber ich werde nicht hingehen.« Debbie legte beide Hände auf ihren Bauch, um die Krabbeltierchen darin zu beruhigen, die protestierten. Ihre Entscheidung war gefallen.
   »Warum wirst du nicht hingehen?« Amanda nahm ihre Hand.
   »Weil er einfach zu gut aussieht. Der vorige Kerl, der so verteufelt gut aussah, hat sich als Dämon entpuppt, der meine Eltern und mich als Versteck für Höllenflüchtlinge missbrauchen wollte.« Dies brachte die Tierchen in Debbies Magen zum Stillstand, ihre Augen brannten.
   »Aber nicht jeder, der gut aussieht, muss zwangsläufig ein Dämon sein.«
   »Schau mich doch an. Ich bin kein Model und er sieht aus, wie eine zum Leben erwachte griechische Statue. Was will er von mir? Nicht falsch verstehen, ich bin mit meinem Aussehen absolut zufrieden, nur passe ich nicht ins Beuteschema solcher Typen.« Debbie sah ihrer Freundin nicht in die Augen, sondern betrachtete ausgiebig ihren Oberschenkel.
   »Was für ein Quatsch. Der ist höchstens nicht gut genug für dich.« Amanda legte ihre Hand auf Debbies Wange und brachte sie dazu, sie anzusehen. Sanft strich sie ihr mit der anderen die dunklen Strähnen hinter das Ohr. »Weißt du was? Ich will mir diesen supertollen Kerl ansehen. Ich werde heute Abend mitkommen.«
   »Du gehst in einen Goth-Klub?« Debbie straffte die Schultern.
   »Na klar.« Amanda lächelte aufmunternd und ließ ihre Hände in den Schoß sinken.
   »Also gut, schon allein, weil ich dein Gesicht sehen möchte, wenn du so einen Klub betrittst, sag ich Ja.« Debbie grinste zwar, aber die Zweifel wollten nicht gehen. Zu viel hatte sie in ihrem Leben schon gesehen, um keine Zweifel zu haben.
   »Dann komm ich vorher zu dir, damit wir ein supersexy Outfit für dich finden. Ich muss nur noch meinen Dad zum Babysitten überreden.«
   »Meine Freundin Jazz wird so um sieben bei mir sein.« Debbie erhob sich.
   »Na dann, bis um sieben.« Amanda stand ebenfalls auf, nahm sie in die Arme und drückte ganz fest.
   »Bis später.« Debbie ging zum Aufzug. »Denk dran, Pastelltöne sind dort nicht so angesagt.« Sie zog das Gitter herunter und drückte den Aufzugknopf.
   »Ich werde schon irgendwas Dunkles finden. Im Notfall nehme ich was von Raven.«
   »Da musst du aber erst reinwachsen«, sagte Debbie und Amanda verschwand aus ihrem Sichtfeld.

Debbie stand bereits eine geschlagene halbe Stunde in ihren besten Spitzdessous vor dem Badezimmerspiegel. Das kurze Haar wollte sich einfach nicht bändigen lassen. Am Hinterkopf stand es in alle Richtungen ab, die langen Ponysträhnen verdeckten den größten Teil ihres Gesichts. Normalerweise gefiel ihr dieser Look, doch heute fand sie alles nur noch doof – sie hätte lieber langes, wallendes Haar besessen. Bisher war ihr nicht aufgefallen, wie viel Ähnlichkeit ihre Frisur mit der wilden Mähne des The-Cure-Sängers hatte.
   Es klingelte, worauf sie ihren schwarzen Seidenmorgenmantel überstreifte und zur Tür ging. Amanda strahlte sie an.
   »Alles ist zum Kotzen. Sieh dir nur mein Haar an«, jammerte Debbie und stürmte ins Bad zurück. Ihre Freundin folgte ihr.
   »Du hast gar nichts über meine Klamotten gesagt.«
   Debbie drehte sich um und begutachtete Amanda, die doch tatsächlich ein schwarzes Shirt sowie eine dunkle Jeans in ihren Sachen gefunden hatte.
   »Die Lederjacke und die Bikerstiefel sind mal richtig cool«, sagte Debbie.
   »Raven hatte recht, als er sagte, dass ich diese Sachen unbedingt brauche. Nur war seine Intention bestimmt nicht, dass ich damit richtig für einen Gothic-Schuppen gekleidet bin.« Amanda kicherte leise.
   »So, und jetzt lass uns um dich kümmern.« Sie ging ins Schlafzimmer, das eigentlich nur eine durch Trockenbauwände abgetrennte Ecke des Einzimmerapartments war. Debbie folgte ihr.
   »Lass uns mal sehen.« Amanda begutachtete die Klamotten, die verteilt auf zwei schwarz lackierten Garderobenständern hingen.
   Es klingelte erneut und Debbie ließ Jazz herein, die wie eine lebendig gewordene Mangafigur aussah. Sie trug ein schwarz-violettes Minikleid im Schulmädchenlook, dazu halterlose Strümpfe und Lack-High-Heels, die man auch als Mordwaffe hätte einsetzen können.
   »Hi, da bin ich«, sagte sie freudestrahlend.
   »Amanda geht auch mit, sie ist im Schlafzimmer«, sagte Debbie.
   »Ravens Amanda, wirklich?«, rief Jazz begeistert, schob sich an ihr vorbei, durchquerte den Raum und verschwand im Schlafzimmer. Debbie blieb mit verschränkten Armen im türlosen Rahmen stehen.
   »Hi, ich bin Jazz. Ich hab ja schon so viel über dich gehört. Mit Raven hast du dir ja wirklich ein richtiges Sahnestück von Mann geangelt. Hochachtung, Schwester, ich hätte ja nicht gedacht, dass sich dieser Hengst jemals zähmen lässt und eure Tochter Lilly, das ist ja eine ganz Süße.«
   Jazz schüttelte überschwänglich Amandas Hand.
   »Ich freu mich auch, dich kennenzulernen«, sagte diese und schmunzelte.
   »So, und jetzt zu unserer Debbie. Ich sag dir, dieser Typ heute im Laden, der ist so heiß, dass es zischt.« Jazz gab Amandas Hand frei und tat bei dem Wort zischt so, als hätte sie ihre Finger verbrannt.
   »Nun wollen wir mal sehen, was deine Kleiderstangen so hergeben.« Voller Eifer wühlte sie sich durch Debbies Klamotten, schob die Bügel von einer Seite zur anderen. Ab und zu begutachtete sie ein Stück näher, gab einen bissigen Kommentar ab und ging zum nächsten über.
   Amanda sank gegenüber auf das Bett. »Redet sie immer ohne Punkt und Komma?« Sie sah zu Debbie, die nach wie vor im Türrahmen stand.
   »Sie ist halt kommunikativ.«
   Beide lachten.
   »He, was gibt’s da zu gackern, ihr Hühner? Wir haben eine Mission, die unsere ganze Konzentration erfordert. Wir müssen aus Debbie eine sexy Bitch machen«, sagte Jazz, ohne die beiden anzuschauen.
   »Was haben wir denn da?« Amanda rutschte zum schmiedeeisernen Kopfteil des Bettes und rüttelte an den Handschellen, die dort hingen. »Echt jetzt, du lässt wirklich kein Klischee aus.« Sie grinste.
   »Ist eigentlich mehr zur Zierde, ich finde den Schlüssel nicht mehr.«
   In diesem Augenblicke tauchte Jazz aus den Tiefen der Garderobenständer auf und hielt triumphierend ein schwarzes Lederminikleid in die Höhe, von dem Debbie nicht einmal mehr gewusst hatte, dass sie es besaß.
   »Zieh das an«, sagte Jazz.
   »Ich weiß nicht.« Mit spitzen Fingern nahm Debbie den Haken des Kleiderbügels und sah hilfesuchend zu Amanda.
   »Das ist wirklich superheiß«, sagte diese.
   »Na gut.« Debbie blies eine lange Strähne aus dem Gesicht, ging ins Bad und schloss die Tür. Sie schlüpfte aus dem Morgenmantel, den sie über den Rand der Wanne warf, anschließend zwängte sie sich in das schmal geschnittene Lederetuikleid und stellte erfreut fest, dass es noch passte. Sie stütze beide Hände am Waschbecken ab und betrachtete ihr Spiegelbild.
   »Wieso machst du so einen Aufstand wegen eines Typs?«, fragte sie ihr Gegenüber. »Weil du langsam Spinnweben zwischen den Beinen bekommst«, antwortete sie sich selbst. Warum eigentlich nicht? Warum sollte sie diese Chance nicht nutzen? Wenn nur ein One-Night-Stand dabei rauskam, umso besser, nur Sex, keine Verpflichtung. Sie war schließlich keine Nonne. Gottesbräute hatten üblicherweise keinen mit Tattoos übersäten Körper und sie hatte nicht gelobt, im Zölibat zu leben.
   Entschlossen kämpfte sie mit ihrem Haar, bis die Frisur sie einigermaßen zufriedenstellte und das Make-up kam an die Reihe.
   »Also, hier bin ich.« Sie trat aus dem Bad. Ihre Freundinnen, die auf dem Kunstledersofa gegenübersaßen, klatschten Beifall.
   »So ein ähnliches Kleid hatte doch Miley Cyrus bei irgendeiner Preisverleihung getragen. Es steht dir«, sagte Jazz.
   »Das rauchige Make-up betont die Bernsteinfarbe deiner Augen. Sieht wirklich super aus, wie die eines Tigers«, sagte Amanda.
   »Der tiefe Ausschnitt rückt deine Möpse ins richtige Licht. Vielleicht noch ein bisschen … warte …« Jazz sprang auf, stieg über die Truhe, die als Couchtisch fungiert, war mit zwei Schritten bei Debbie und drückte ihren Busen hoch.
   »He«, sagte Debbie, doch ihre Freundin reagierte nicht darauf, sondern schob Debbies Brüste hin und her.
   »So, jetzt ist es perfekt. Was man hat, soll man ansprechend präsentieren. Nun noch High Heels«, sagte Jazz und schritt in Richtung Schlafzimmer, doch Debbie kam ihr zuvor und holte ihre kniehohen Schnürstiefel, die zwar über zehn Zentimeter hohe, aber auch sehr klobige Absätze verfügten. Doch in diesen Stiefeln würde sie einen besseren Halt haben, wenn es darauf ankam. Eines hatte sie während der Zusammenarbeit mit Raven gelernt, man sollte immer in der Lage sein zu kämpfen.
   »Sohlen und Absätze sind aber sehr massiv«, sagte Jazz mit hörbarer Ablehnung in der Stimme.
   »Doch wo du damit hintrittst, da wächst kein Gras mehr«, sagte Debbie, ließ sich aufs Sofa plumpsen und zog die Stiefel an. Anschließend nahm sie noch ihren Samtbolero vom Bügel, den sie überstreifte. Sie griff nach einer kleinen Handtasche, in der gerade so ihre wichtigsten Utensilien passten.

Das Taxi hielt vor dem Klub, der in einem abgelegenen Industriegebiet lag. Debbie stieg aus, hinter ihr Amanda, der Jazz folgte. Jazz übernahm sogleich die Führung und schritt an der Menschenschlange vorbei in Richtung Einlass.
   »Hi, Sam«, sagte Jazz, worauf der Angesprochene zur Seite trat.
   »Habt ihr Eintrittskarten?«, fragte die Blondine im Securityoutfit neben ihm.
   »Das geht schon in Ordnung, Stacy.« Sam bremste deren Kontrolleifer.
   »Sie ist neu«, sagte er an Jazz gewandt. »Es ist eigentlich erst in einer halben Stunde Einlass, aber für euch mache ich eine Ausnahme.«
   »Sam.« Debbie nickte ihm zu, als sie ihn passierte, darauf bedacht, schnell an ihm vorbeizukommen, doch er hielt sie fest. Innerlich stöhnte sie auf. Das war ja zu erwarten gewesen.
   »Hab dich schon lange nicht mehr hier gesehen. Du siehst heute Hammer aus.« Er zog sie zu sich, küsste sie und gab sie frei.
   An Debbies Körper standen alle Härchen zu Berge, sogar die rasierten. Er roch immer noch so gut wie damals als … Nein, es wäre kontraproduktiv diesen Gedanken zu verfolgen.
   »Wer ist das?« Sam zwinkerte Amanda zu.
   »Eine Freundin, wohlgemerkt eine verheiratete Freundin«, antwortete Debbie. »Komm.« Sie schob Amanda die Treppe hoch zum Eingang.
   »Ich glaube, Sam steht nach all den Jahren immer noch auf dich«, sagte Jazz.
   »Du hattest was mit diesem Conan?« Amanda drehte sich um, musterte Sam und blickte grinsend zu Debbie. »Nicht schlecht.«
   »Seine Unterarme sind dicker als meine Schenkel. Ich würde mal zu gern seinen Waschbrettbauch sehen.« Jazz kicherte. »Aber leider bin ich nicht sein Typ, er bevorzugt den sportlichen.«
   »Es ist lange vorbei und jetzt lasst uns reingehen.« Debbie riss die Tür auf.
   »Er war der Grund für ihr zweites Tattoo«, sagte Jazz, die hinter ihr den Klub betrat.
   »Wirklich, davon musst du mir erzählen. Obwohl ich …« Amanda machte zwei Schritte nach vorn. »Also, dieses Psychiatrieambiente hat was. Sieht aus wie eine Mischung aus Frankensteins Labor und verrücktem Krankenhaus.«
   Der Geruch von abgestandenem Alkohol schwirrte durch die Halle. Debbie steuerte nach rechts auf die Sitznischen zu, die gegenüber der Bühne lagen. Sie fuhr das Geländer entlang, das die Tanzfläche im Halbkreis umzäunte, fühlte das kühle Metall unter ihren Fingern. Noch war die Fläche vor der Bühne leer und dank Sam hatte sie bei den Sitzplätzen die freie Auswahl. Nur eine Handvoll der Wandnischen waren besetzt.
   Der krankenhausgrüne Kunstlederbezug knirschte, als sie sich setzten. Vor ihnen war eine Treppe, die zur Tanzfläche führte.
   Debbie betrachtete die Bühne gegenüber, die sie von ihrem Platz aus sogar gut im Blick haben würde, wenn sich das Areal dazwischen mit Menschen füllte, da es fünf Stufen tiefer lag. Auf der Bühne spielte ein unbekannter Typ, wahrscheinlich ein Roadie, Gitarre.
   Ihr Blick schweifte zu dem Platz über der Bar, an dem normalerweise der DJ stand. Offensichtlich feilte dort gerade ein Tontechniker an den Einstellungen des Mischpults. Denn er gab dem Roadie über ein Mikrofon Anweisungen, was er spielen sollte.
   »Na, Mädels, was wollt ihr?« Tina, die in dem Laden schon lange bediente, trat an ihren Tisch.
   »Das neue Schwesternkostüm ist richtig heiß«, sagte Jazz.
   »Die Klamotten werden immer kürzer und ich älter.« Tina zupfte am Saum ihres Rocks herum. »Kann ja schon froh sein, dass das Ding noch den Hintern bedeckt. Also, womit kann ich euch etwas Gutes tun?« Sie zog Block und Kugelschreiber aus ihrem Gürteltäschchen, auf dem ein rotes Kreuz prangte.
   »Ein Bier, bitte«, sagte Debbie.
   »Na klar, Süße, was sonst?«, sagte Tina augenzwinkernd. »Wo ist eigentlich Raven, hab ihn schon eine Ewigkeit nicht mehr hier gesehen. Der ist doch jetzt unter der Haube. Wirklich schade, wieder hat die Frauenwelt einen sexy Kerl an die Ehe verloren«, plapperte die Bedienung fröhlich weiter.
   Debbie sah zu Amanda, die zusammenzuckte, als wäre sie von etwas gestochen worden.
   »Das ist die Frau, die sich diesen sexy Kerl geangelt hat«, sagte Jazz stolz, nahm Amandas Hand und hielt sie in Siegespose hoch. Wie vom Blitz getroffen zuckte Debbie zusammen. Adrenalin rauschte durch ihre Adern. Am liebsten hätte sie Jazz ordentlich gegen das Schienbein getreten.
   »So, du bist die Glückliche, da gratuliere ich dir herzlich. Was möchtest du, ich gebe dir was aus.« Tina betrachtete Amanda von oben bis unten, sie scannte sie regelrecht. Amandas Wangen nahmen die Farbe eines gekochten Hummers an, sichtlich nervös rutschte sie auf ihrem Platz hin und her.
   »Wasser?«, sagte sie leise.
   »Nee jetzt, wir wollen heute einen drauf machen. Bring ihr einen Frankenstein und für mich auch«, sagte Jazz.
   »Ist das okay?«, fragte Tina.
   »Wenn du lieber Wasser möchtest, ist das auch in Ordnung.« Debbie legte ihre Hand auf Amandas, die jedoch stolz ihr Kinn vorreckte.
   »Nein, ich möchte diesen Frankenstein probieren«, sagte sie um Einiges selbstbewusster.
   »Super, eure Bestellung kommt gleich.« Damit eilte Tina in Richtung Bar.
   Debbie beugte sich zu Jazz. »Raven wird es bestimmt nicht begeistern, wenn du überall rumposaunst, dass das hier seine Frau ist. Sein Job erfordert Diskretion.«
   »Tut mir leid«, murmelte diese geknickt.
   »Das ist doch nicht so schlimm. Ich bin doch kein Promi, der inkognito unterwegs ist. Wir wollen doch Spaß haben, ihr zwei.« Amanda versuchte, zur Entspannung der Situation beizutragen, und drückte kurz Debbies Hand.
   »Hier sind eure Drinks.« Nach ein paar sehr schweigsamen Minuten kam Tina zurück, stellte das Tablett ab, reichte Debbie eine Bierflasche und schob zwei Cocktailgläser mit giftgrünem Inhalt und viel Zierrat am Rand zu Amanda und Jazz.
   »Lasst es euch schmecken und viel Spaß, die Band soll sehr gut sein.« Tina ging, ohne die Antwort abzuwarten, weiter.
   Debbie setzte die Flasche an die Lippen und trank einen kräftigen Schluck, um ihren Ärger über Jazz hinunterzuspülen. Sie war schon lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es besser war, nicht aufzufallen.
   Obwohl sich die Dämonenaktivitäten zurzeit in Grenzen hielten. Raven und sie mussten immer öfter als Privatdetektive arbeiten, die untreue Ehepartner und dergleichen beschatteten.
   Debbie stellte die Flasche ab und ließ ihren Blick über die Tanzfläche schweifen, die langsam voll wurde.
   »Das Zeug schmeckt wirklich gut«, sagte Amanda.
   »Nicht wahr, besser als Wasser«, sagte Jazz triumphierend. »Übrigens, Debbie, hast du Gehiel erreicht?«, wollte sie wissen.
   Debbie drehte sich zu ihr, zuckte mit den Schultern. »Leider noch nicht. Er hat sein Smartphone ausgeschaltet. Ich hab ihm eine SMS geschickt und hoffe, dass er sich bald rührt.«
   »Also, was ist mit der Tattoo-Geschichte.« Amanda rutschte näher zu Jazz. Debbie seufzte leise. Sie griff nach ihrer Flasche und nahm einen weiteren Schluck. Nur so würde sie diesen Abend wahrscheinlich überstehen, volltrunken.
   »Sam ist als Kumpel total in Ordnung, aber er ist nicht besonders treu. Die Trennung der beiden war nicht wirklich schön gewesen. Um niemals ihren Vorsatz zu vergessen, dass man unter gar keinen Umständen etwas mit einem guten Freund anfängt, hatte sie das Herz mit dem Dolch drin auf ihren Oberarm stechen lassen. Was daraus wurde, siehst du, mittlerweile reiht sich ein Tattoo ans andere.« Jazz nippte von ihrem Cocktail.
   Debbie fügte nicht hinzu, dass dieser Vorsatz nur kurz hielt und sie mit Sam über Jahre eine On-Off-Sache laufen hatte.
   »Sag bloß, jedes deiner Tattoos steht für eine verflossene Liebe? Da hast du mir was anderes erzählt.« Amanda bekam große Augen.
   Debbie schüttelte den Kopf. »Nur ein paar davon. Viele habe ich mir aus anderen Gründen stechen lassen.« Sie setzte die Flasche an die Lippen und spülte mit einem kräftigen Schluck den bitteren Geschmack hinunter, der ihr plötzlich auf der Zunge lag. Warum ihr das erste Tattoo gestochen worden war, behielt sie für sich, denn über diesen Teil ihres Lebens wollte sie nicht reden. Ja, nicht einmal darüber nachdenken.

Kapitel 6

Raven stand in der Bostoner Wohnung, die er von den Tatortfotos kannte. Er brauchte kein Licht, der fahle Schein der Laterne vor dem Haus reichte ihm vollkommen, um alles zu erkennen. Der Geruch von Blut lag in der Luft. Auf dem Teppich war ein roter Fleck und blutige Handabdrücke waren auf dem Sofa. Doch er witterte noch etwas. Einen Duft, den er kannte, aber nicht zuordnen konnte. Er ging an der Stelle in die Hocke, an der die mumifizierte Leiche gelegen haben musste. Eines war sicher, es roch nicht nach Dämonen. Wer oder was immer den Mann umgebracht hatte, war keine Kreatur der Hölle gewesen. Doch was war der Mörder dann?

*

Die melodischen Klänge von E-Gitarren erfüllten den Klub. Bassist und Schlagzeuger brachten den Boden regelrecht zum Vibrieren. Die tiefe Stimme des Sängers strich sanft über Debbies Körper. Mittlerweile war sie beim dritten Bier und Amanda beim zweiten Cocktail angelangt.
   Jazz trieb sich auf der Tanzfläche herum.
   »Die Band ist wirklich gut«, sagte Amanda.
   »Ja, ich hab das Album zu Hause.« Debbie zupfte das Etikett von ihrer Bierflasche. Enttäuschung machte sich in ihr breit, der heiße Typ war nicht aufgetaucht. Den ganzen Abend hatte sie den Eingang beobachtet. Sie seufzte leise.
   »Hast du Lust, auf die Tanzfläche zu gehen?« Amanda legte die Hand auf Debbies Arm, die lehnte sich zurück.
   »Nicht wirklich. Ist heute nicht mein Abend.« Sie konnte die Enttäuschung aus ihrer Stimme nicht heraushalten.
   »Vielleicht ist er aufgehalten worden.«
   »Es war einfach eine blöde Idee.« Debbie starrte auf die Flasche. Amanda zwang sie mit sanfter Gewalt, sie anzusehen.
   »Willst du damit sagen, dass mit mir auszugehen, eine blöde Idee war?« Sie zog streng die Brauen zusammen, doch ihre Lippen umspielte ein Grinsen.
   »Natürlich nicht.« Versöhnlich küsste Debbie ihre Freundin auf die Wange. »Kein Typ ist es Wert, Trübsal zu blasen. Lass uns runter zur Tanzfläche.« Sie nahm Amandas Hand und rutschte nach vorn, als sie gegen Beine stieß, die in einer schwarzen Jeans steckten.
   Debbie machte einen Ruck nach hinten und spürte Amanda im Rücken. Ihr Blick glitt den Männerkörper hoch, der vor ihr stand, bis sie beim engelsgleichen Gesicht ankam, das von langen, blonden Strähnen eingerahmt wurde. Sogleich geriet die Insektenarmee in ihrem Magen in Wallung.
   »Ist er das?«, hauchte Amanda in ihr Ohr.
   »Willst du schon gehen?«, fragte Jason.
   »Äh … nein«, stammelte Debbie, doch sie straffte sich. Sie war eine erwachsene Frau und der Typ kochte auch nur mit Wasser.
   »Meine Freundin und ich wollten tanzen«, ergänzte sie ihr Gestammel mit fester Stimme, worauf Jason lächelte. Was wiederum für ein wildes Durcheinander sorgte, bald würde sie zu einer großen Fliegenklatsche greifen müssen, um dem Gewusel Einhalt zu gebieten.
   »Dann will ich euch nicht aufhalten.« Jason nahm ihr gegenüber Platz.
   Debbie wollte ihn einfach sitzen lassen, voller Anmut und erhobenen Hauptes zur Tanzfläche schreiten, doch ihre Beine spielten nicht mit. Die dummen Stelzen nahmen langsam die Konsistenz von Pudding an.
   »Ich bin Jason«, sagte er an Amanda gewandt.
   »Hab schon viel von dir gehört. Ich heiße Amanda.«
   »Ich hoffe, nur das Beste.« Jason sah amüsiert zu Debbie, deren Wangen glühten. Das ärgerte sie ebenso wie ihre feinen Nackenhärchen, die sich unter seinem Blick aufstellten. Jede noch so kleine Regung in seinem Gesicht, wenn er lächelte oder sie nur intensiv ansah, rief bei ihr sofort eine körperliche Reaktion hervor. Das war der eindeutige Beweis dafür, dass ihre Sex-Abstinenz schon viel zu lange dauerte. Sie hatte die Libido einer Nonne, die nach Jahrzehnten der Enthaltsamkeit von heute auf Morgen beschloss, nicht mehr im Zölibat zu leben und all den entgangenen Sex an einem Abend nachholen wollte. Was Debbie jedoch am besorgniserregendsten fand: Wieder überkam sie dieses vertraute Gefühl. Sie kramte in ihrem Hirn. Hatte sie mit dem Kerl schon mal was gehabt? Vielleicht auf dieser Danceveranstaltung voriges Jahr? Da war sie ziemlich abgefüllt gewesen und erinnerte sich nur noch vage. Unter anderem deswegen hatte sie ihre Trinkgewohnheiten geändert. Doch ihn danach zu fragen, wäre unglaublich peinlich.
   »Ich glaub, ich gehe nach Hause«, sagte Amanda und nahm die Lederjacke, die neben ihr lag.
   »Aber wir wollten doch näher zur Band. Die spielen bestimmt noch eine halbe Stunde, nachdem sie so spät angefangen haben. Es ist doch grad mal Mitternacht«, sagte Debbie hilflos.
   »Lilly wird um sechs auf der Matte stehen, egal, wie kurz für mich die Nacht war. Lass mich vor.« Amanda stupste sie an, um sie zum Aufstehen zu bewegen.
   »Du bist also Lillys Mom. Die Kleine ist wirklich sehr hübsch. Wie ihre Mutter.« Jason schenkte seine Aufmerksamkeit nun Amanda. Debbie starrte ihn fassungslos an. Flirtete der Kerl vor ihren Augen mit ihrer besten Freundin? Leben kehrte in die Puddingbeine zurück. Sie sprang auf, als hätte ihr Sitz Feuer gefangen. Amanda erhob sich ebenfalls.
   »Hat mich gefreut, dich kennenzulernen«, sagte sie zu Jason, der ihr versicherte, dass es auch für ihn ein Vergnügen gewesen wäre, und sah zu Debbie.
   »Bleib hier, ich werde mir draußen per Handy ein Taxi rufen.«
   »Ich komme mit.« Debbie hakte sich bei ihrer Freundin unter und zog sie durch die Menschen, die auf der Galerie standen. Es war fast so etwas wie eine Flucht.
   Draußen vor der Tür blieben sie stehen.
   »Geh wieder rein. Jazz hat recht, dieser Jason ist ein scharfes Schnittchen, den solltest du dir nicht entgehen lassen.« Amanda knuffe Debbies Oberarm.
   »Nein, ich werde mit dir heimfahren. Ich will ihn nie wieder sehen. Ich meine, was soll das? Er flirtet mit dir, während ich danebensitze.« Debbie verschränkte ihre Arme. Heißer Zorn rauschte durch ihre Adern.
   Amanda umfasste ihre Schultern. »Du suchst nur das Haar in der Suppe. Er war doch nur nett. Wenn du gesehen hättest, wie er dich angesehen hat, würdest du nicht an ihm zweifeln. Er hatte nur Augen für dich.«
   Debbie ließ die Arme sinken. »Wirklich?« Am ganzen Körper prickelte ihre Haut.
   »Aber sicher, geh wieder rein. Morgen will ich jede Einzelheit hören.« Amanda schob sie zur Tür. Bevor Debbie reinging, drückte sie ihre Freundin ganz fest.
   »Natürlich«, flüsterte sie ihr ins Ohr und ging in die Höhle des Löwen zurück.

*

Amanda schlüpfte in ihre Jacke, es war kühl geworden. Sie zog ihr Handy aus der Innentasche.
   Die Frau am anderen Ende der Leitung versicherte ihr, dass das Taxi in zwanzig Minuten da wäre und Amanda beschloss entgegenzulaufen.
   »Bis zum nächsten Mal, hübsche Freundin von Debbie«, verabschiedete Sam sie, der nach wie vor auf seinem Posten stand.
   Mit jedem Schritt ließ Amanda das Gelächter und Gemurmel der Leute, die vor dem Klub rauchten oder auch nur frische Luft schnappten, hinter sich. Erst jetzt stellte sie fest, dass ihr Gehör unter der Lautstärke der Musik gelitten hatte. Alle Geräusche drangen wie durch Watte gefiltert zu ihr. Sie sog die frische Nachtluft in ihre Lungen.
   »Hast du mal Feuer?«, fragte eine männliche Stimme hinter ihr. Sie drehte sich um und stand einem Kerl von geschätzt fünfundzwanzig gegenüber, der einen langen Ledermantel trug. Die dunkel geschminkten Augen wirkten irgendwie lächerlich. Als er seinen Mund öffnete, sah sie im Licht der Lagerhausbeleuchtung doch wirklich spitze Eckzähne. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder davonrennen sollte.
   »Ich rauche nicht.« Sie wollte weitergehen, doch der Typ hielt sie am Arm fest. Sie trat ihm gegen das Schienbein. Er jaulte auf, ließ sie los. Amanda rannte los, in Richtung Klub. Ihr hämmerndes Herz gab den Rhythmus vor. Doch der Kerl holte sie ein und brachte sie zu Fall. Ihr blieb die Luft weg, als sie mit den Knien und Händen voran der Länge nach auf den Boden krachte. Er packte ihr Haar und riss sie daran hoch. Tränen schossen ihr in die Augen. Brutal zerrte er sie in den Schatten. Amandas Zähne prallten schmerzhaft aufeinander, als er sie gegen eine Wand schubste. Er drückte ihre Arme nach oben, hielt sie mit seinem Körper gefangen, schob seinen Schenkel zwischen ihre Beine.
   Eisige Panik griff nach ihr und legte sich um ihren Brustkorb wie eine Kette, die immer enger gezogen wurde. Ihre Knie und Handflächen brannten.
   »Was willst du von mir?«, keuchte sie und hielt verzweifelt nach Passanten Ausschau. Ihr Herz verdoppelte seinen Schlag. Was konnte sie tun?
   »Ich bin ein Kind der Nacht und brauche dein Blut«, lispelte der Mann, weil er mit den Zähnen nicht richtig sprechen konnte. Das war so absurd komisch, dass Amanda fast hysterisch aufgelacht hätte. Sie hatte Dämonenattacken überlebt und würde wegen eines Aushilfsvampirs sterben? Er senkte seinen Kopf, kam mit seinen Lippen den ihren näher. Blitzschnell biss sie ihn in die Unterlippe. Der Kerl schrie auf. Blut quoll hervor und lief über sein Kinn.
   »Du verdammte Schlampe, ich werd’s dir zeigen!« Der Mann hielt ihr plötzlich ein Messer an die Kehle. Sie schluckte und kämpfte gegen den Drang an, zu heulen.
   »Nein, bitte nicht, ich habe eine kleine Tochter.« Heiße Tränen liefen über ihre Wangen.
   »Wir Kinder der Nacht kennen kein Erbarmen«, zischte der Mann. Einen Wimpernschlag später wurde er hochgerissen, segelte durch Luft und landete krachend in einem Stapel alter Kartons neben einem Müllcontainer.
   »Ich auch nicht«, hörte Amanda eine vertraute Stimme sagen. Raven.
   Schon sah sie sein Gesicht vor sich.
   »Alles in Ordnung? Hat der durchgeknallte Bastard dir was getan?« Er tastete sie ab. Amanda schob ihn weg und rieb vorsichtig die Steinchen, die an ihren aufgeschürften Handflächen klebten, an der Hose ab.
   »Meine Knie und Hände tun etwas weh, aber sonst ist alles in Ordnung.«
   Raven nahm ihre Hände in seine und fluchte, als er die Schürfwunden sah. Hinter ihm kämpfte sich der Möchtegernvampir aus den Kartons, zwischen denen er gelandet war.
   Blitzschnell war Raven bei dem Mann, packte ihn mit einer Hand an der Kehle und hob ihn hoch, sodass dessen Füße in der Luft baumelten.
   »Was stimmt nicht mit dir?«, knurrte er mit dunkler Stimme, die nicht menschlich klang. Bestimmt waren seine Augen schwarz geworden. Der Mann zappelte panisch herum. Amanda humpelte zu Raven.
   »Überlass den kleinen Spinner der Polizei.« Sanft legte sie ihm die Hand auf die Schulter.
   »Wenn du dich noch mal an einer Frau oder überhaupt irgendjemanden vergreifst, reiße ich dir dein Rückgrat heraus. Hast du verstanden?«, knurrte Raven.
   »Ja«, röchelte der Mann.
   »Gut.« Raven holte mit der freien Hand Handschellen aus seiner Jackentasche und packte den Mann in den Müllcontainer. Er legte einen Metallring um das Handgelenk des Pseudovampirs, den anderen befestigte er am Container und rief Harper an.
   »Die Bullen werden dich abholen und an deiner Stelle würde ich hier ruhig warten. Obwohl …« Raven verpasste dem Mann einen Kinnhaken, der ihn ins Land der Träume schickte, und schmiss scheppernd den Deckel zu.
   »Müll zu Müll.« Er wandte sich Amanda zu. »Lass uns nach Hause fahren.« Er umfasste ihren Oberarm und zog sie zur Straße.
   »Wo ist eigentlich Debbie? Dein Dad sagte mir, du bist mit ihr unterwegs.«
   »Im Klub.«
   Abrupt blieb Raven stehen. »Sie lässt dich allein hier rumlaufen?« Ein leises Knurren drang aus seiner Kehle.
   Er steuerte auf den Klub zu, nach wie vor hielt er Amanda fest.
   »Nein, du wirst sie in Ruhe lassen.« Sie zwang ihn zum Stehenbleiben.
   »Sie hätte bei dir bleiben sollen«, rief er. Seine schwarzen Augen funkelten gefährlich.
   Amanda nahm mit beiden Händen sein Gesicht und zog Ravens Kopf zu sich. Erleichtert stellte sie fest, dass seine blauen Iriskreise aus dem Schwarz auftauchten. »Sie wollte mich begleiten, doch ich bestand darauf, dass sie im Klub bleibt. Sie hat einen netten Typen kennengelernt.«
   Raven wurde steif und Amanda ließ die Hände sinken. »Wegen eines Kerls«, schnaubte er, packte sie und setzte seinen Weg fort.
   »Wenn du dort reingehst und ihr das verdirbst, wirst du die nächste Zeit auf dem Sofa schlafen«, rief Amanda.
   Diese Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht. Raven blieb stehen und wandte sich ihr zu. »Das glaub ich dir nicht«, sagte er und sah sie an wie ein Löwe die Gazelle. Amanda stemmte die Arme in die Hüften. Kochende Wut schoss durch ihren Körper und fuhr in ihre glühenden Wangen. Sie war sauer – und wie sauer sie war.
   »Und ob du mir das glauben kannst, mein Lieber. Immer wenn Debbie was mit einem Mann anfängt, führst du dich auf wie ein überbesorgter Riesenarsch von großem Bruder. Sie ist erwachsen und hat auch ein Recht auf Glück. Ich hätte vor dem Klub auf das Taxi warten sollen. Das war dumm von mir. Debbie trifft keine Schuld«, fauchte Amanda. Raven nahm ihr Handgelenk und brachte zwischen ihnen und dem Container, in dem der bewusstlose Pseudovampir lag, mehr Abstand.
   Dann presste er sie gegen eine Hauswand.
   »Denkst du, du könntest das aushalten? So ganz allein im Schlafzimmer?«, fragte er rau.
   Seine Stimme vibrierte in ihrem Magen. Er senkte den Kopf, heißer Atem streifte ihr Ohr.
   »Ja.« Das Wort kam mehr als ein Hauchen heraus, keinesfalls mit der anvisierten festen Stimme, die wilde Entschlossenheit demonstrierte.
   »Das hört sich nicht sehr überzeugend an.« Er schob ihr die Jacke von der Schulter, seine Lippen berührten sanft ihren Hals.
   Amanda erschauderte unter den zarten Liebkosungen. Zielsicher fuhren seine Hände unter ihr Shirt. Sie keuchte leise auf, als er den Bügel des BHs erreichte und mit den Fingern entlangstrich. »Ich werde es durchziehen«, sagte sie mit zitternder Stimme.
   »Nicht überzeugend«, murmelte Raven an ihren Hals. In diesem Moment leuchteten Autoscheinwerfer auf, denen Motorengeräusche folgten.
   Raven zog Amandas Jacke hoch.
   »Wir setzen das zu Hause fort.« Er hob sie hoch.
   Sie schlang die Arme um seinen Hals, denn sie wusste, was kam. Mit einem Satz war er auf dem Flachdach des Lagerhauses, an dessen Wand sie rumgemacht hatten. Ihre Haut kribbelte. Daran würde sie sich nie gewöhnen.

Kapitel 7

Als Debbie in den Klub zurückkehrte, schlugen ihr Schweißgeruch und Hitze entgegen. Ein paar Leute tanzten vor der Bühne wild herum, fast könnte man meinen, sie wollten Dämonen beschwören. Die anderen Zuschauer hielten angemessen Abstand.
   Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend ging sie zu ihrem Platz zurück, unentschlossen, was sie besser fände, wenn Jason noch da oder schon gegangen wäre. Sie schob ein Pärchen, das mitten im Weg herumknutschte, zur Seite und erkannte sein helles Haar. Er hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Tina stand am Tisch, spielte mit ihrem Gürteltäschchen und schäkerte mit ihm. Sie kicherte dabei, fuhr wie zufällig über ihren Hals. Kurz gesagt: Sie bot alles auf, was die Regeln der Flirtkunst hergaben. Debbie blieb stehen, sie hatte das Gefühl, mit Eiswasser überschüttet worden zu sein. Ein Gehört-Mir-Gefühl ergriff von ihr Besitz, das Verlangen, Tina in den kleinen Hintern zu treten, wurde fast übermächtig. Das war nicht gut. Sie kannte den Typen doch kaum, Eifersucht war hier fehl am Platz und auch nicht ihr Stil.
   Sie überlegte, ob sie gehen sollte, doch sie hatte Tasche und Bolero auf der Sitzbank liegen lassen.
   Die Jacke war nicht so wichtig, aber die Tasche umso mehr. Stolz straffte sie ihre Schultern und zog ihren Rock glatt, als Arme sie von hinten umfassten.
   »Ich hab Feierabend«, sagte Sam in ihr Ohr, sein Atem streifte ihren Nacken, worauf sämtliche Härchen strammstanden. »Wollen wir an einen ruhigeren Ort gehen?«, gurrte er.
   Jetzt saß Debbie in der Bredouille, wenn sie ihre Tasche und Jacke holte, um zu gehen, würde sie Sam heute mit Sicherheit nicht mehr loswerden und wie jedes Mal mit ihm in der Kiste landen. Daher hatte sie den Klub in vergangener Zeit gemieden.
   »Ich bin mit jemandem da«, sagte sie, schob seine Arme weg und setzte ihren Weg fort.
   »So, ich hab dich gar nicht mit einem Typen kommen sehen«, sagte Sam, der ihr folgte.
   »Wir haben uns hier getroffen.« Debbie erreichte die Sitznische. Jason sah an Tina vorbei zu ihr und lächelte dieses unverschämt sexy Lächeln. Das große Kribbeln in ihrem Magen ging wieder los. Nervös nahm sie Platz und legte die Hände auf den Tisch. Jason strich mit seinem Daumen zart darüber. Diese sanfte Geste sorgte dafür, dass Schmetterlinge in ihrem Bauch Loopings flogen.
   »Da bist du ja wieder«, sagte er augenzwinkernd. Schmetterlingsflügel streiften Debbies Herz. Der verfluchte Kerl war sich seiner Wirkung auf Frauen genau bewusst. Was jedoch das wirklich Ärgerliche daran war: dass sie sich dieser Wirkung nicht entziehen konnte. Er zog sie an wie Flutlicht Nachtfalter.
   »Wie ich sehe, bist du nicht einsam gewesen.« Sie sah mit zusammengezogenen Brauen zu Tina, die Stift und Block aus ihrem Täschchen holte.
   »Ein Bier, kommt sofort«, sagte Tina im geschäftsmäßigen Ton und kritzelte etwas auf ihren Block.
   »Das Wort Bier wirst du dir doch merken können«, zischte Debbie, worauf Tina, ein »Tsss« von sich gab, auf den Absätzen herumfuhr und davonstakste.
   »Ich bin Sam und du heißt …?« Sam musterte seinen Nebenbuhler.
   »Das kann dir egal sein«, sagte Jason, ohne Debbie aus den Augen zu lassen, und legte besitzergreifend seine Hände auf ihre. Offensichtlich tat er das, um Sam zu reizen. Genervt senkte Debbie die Lider, zog ihre Hände zurück und rieb ihre Nasenwurzel. Konnte es heute noch schlimmer kommen?
   »Verdammt, Arschloch, wir können das auch draußen regeln«, brüllte Sam. Debbie öffnete die Augen. Ja, es konnte.
   Ihr Exfreund baute sich in voller und sehr beeindruckender Größe vor Jason auf.
   »Nein, Sam, hier gibt es nichts zu regeln und jetzt schieb ab, wir wollen allein sein«, sagte sie scharf.
   Sams Halsschlagader pochte und sein Kopf wurde röter als das Sonnensymbol auf der japanischen Flagge. Er packte Jason an der Lederjacke und zog ihn hoch. Die Leute, die um sie standen, machten für die Streithähne Platz. Einige begannen mit Anfeuerungsrufen, was nicht hilfreich war. Idioten! Debbie sprang auf und wollte eingreifen.
   Doch schneller, als es ihre Augen wahrnehmen konnten, hatte sich Jason befreit und Sams Arm auf den Rücken gedreht. Wenn er ihn noch etwas weiterdrehte, würde er ihn brechen. Sam zappelte wie ein Fisch am Haken und versuchte, dem Griff zu entkommen.
   »Je heftiger du dich wehrst, umso mehr Schmerzen wirst du haben«, sagte Jason. »Und jetzt hinknien.«
   Sam blieb stur stehen, doch Jason bewegte den Arm seines Gegners ein winziges Stück, worauf dieser aufstöhnte und freiwillig in die Knie ging.
   »Am besten ist für dich, du schnappst etwas frische Luft, um dich abzukühlen«, sagte Jason völlig ruhig, ohne irgendein Gefühl in der Stimme. Es bereitete ihm keine Mühe, den bulligen Mann unter Kontrolle zu halten. Fast könnte man meinen, es wäre nur ein kleines Hündchen, kein Kerl von fast hundert Kilo reiner Muskelkraft.
   »Ist gut, du kannst loslassen«, sagte Sam mit gepresster Stimme, worauf Jason ihn freigab.
   Sam stand auf und funkelte sein Gegenüber an. Debbies Puls nahm Fahrt auf. Sie hatte die Befürchtung, dass das ganze Theater von vorn losging, doch Sam stürmte davon.
   »Dein Bier.« Tina hielt Jason eine Flasche hin.
   »Danke dir.« Er grinste und setzte sich.
   Debbie nahm ebenfalls Platz. Noch immer pochte ihre Halsschlagader. Was war da gerade passiert? Sie musterte Jason. Er war so groß wie Sam, aber um einiges schmaler. Von seinem Oberkörper konnte sie nicht viel unter der Jacke aus schwerem Leder erkennen, doch mit Sicherheit war er trainiert. »Bist du Elitekämpfer?«
   Jason zog vielsagend die Brauen hoch, antwortete jedoch nichts, sondern setzte die Flasche an seine Lippen und trank.
   »Oder Kampfsportler? Kopfgeldjäger?« Debbie verschränkte die Arme.
   »Was machst du so?« Er stellte die Gegenfrage, die übliche Vorgehensweise, wenn man nicht antworten wollte.
   »Ich mache einen Job, der mich solche Spielchen, wie Fragen mit Gegenfragen zu kontern, durchschauen lässt.«
   »Bist du bei der Polizei?« Jason legte die Ellenbogen auf die Rückenlehne. Die Jacke gab mehr von seinem Oberkörper preis, unter dem eng anliegenden Shirt zeichneten sich deutlich gut definierte Muskeln ab. Debbie merkte, dass ihr Blick zu lange daran hing, um als nur oberflächlich interessiert durchzugehen. Sie hob ihren Kopf, sein Blick traf auf ihren. Amüsiert prostete er ihr zu und trank.
   »Nein. Und du, bist du bei den Bullen?« Sie zog eine Braue hoch. »Wir können das noch die ganze Nacht machen.«
   »Da wüsste ich was Besseres.« Jason hatte ein Schmunzeln auf den Lippen, das ihr Herz dahinschmelzen ließ wie Eis in der Sauna.
   Debbie straffte sich, schlug die Beine übereinander und hoffte, so nicht wie geschmolzenes, sondern wie arktisches Eis zu wirken. »Das wäre?« Sie verzog keine Miene.
   »Hier erst einmal verschwinden.« Jason trank sein Bier aus.
   »Wohin?« Debbie wippte mit ihrem Fuß. Jeder, der sie gut kannte, wusste, dass dies ein Zeichen von Nervosität war oder Zorn, je nachdem.
   Er stellte die Flasche ab, warf einen Hunderter auf den Tisch und stand auf.
   Sofort eilte Tina herbei und nahm den Schein. »Du bekommst noch Wechselgeld.«
   »Ich zahle auch Debbies Getränke und die ihrer Freundinnen. Ich hoffe, das reicht.«
   »Das ist mehr als genug.« Tina steckte den Hunderter in ihr Täschchen und suchte Scheine heraus, die sie ihm hinhielt.
   »Der Rest ist für dich.« Jason winkte ab.
   »Danke schön«, säuselte Tina und nahm Gläser und Flaschen mit.
   »Können wir gehen?« Er reichte Debbie seine Hand, die sie jedoch nicht ergriff. Sie nahm ihre Jacke und Tasche und folgte ihm zu Tür.
   »Ich kann meine Sachen selbst zahlen«, sagte sie zu seiner Rückseite.
   Jason drehte leicht den Kopf in ihre Richtung. »Dann zahlst du das nächste Mal.«
   Als sie die Tür erreichten, hielt Jason sie auf. Doch Debbie blieb stehen und blickte zur Bar.
   Dort saß Sam mit einer Whiskyflasche im Arm. Er sah wie ein Häufchen Elend aus und tat ihr richtig leid. Sie war keine dieser Bitches, die es toll fanden, wenn sich Männer um sie schlugen. Im Gegenteil, sie hasste diese dummen Hühner.
   »Was ist?«, fragte Jason.
   »Geh schon mal raus, ich komm gleich.« Debbie drehte sich zu Sam. Vielleicht sollte sie zu ihm gehen? Gerade als sie diesen Gedanken in die Tat umsetzen wollte, tauchte Jazz neben Sam auf. Sie gab Debbie mit Kopf und Händen Zeichen, dass sie gehen sollte.
   Die Worte »Ich kümmere mich um ihn, hau ab und ruf mich morgen an«, formte sie tonlos mit den Lippen und gestikulierte.
   Debbie nickte ihrer Freundin zu und trat nach draußen. Es war frisch geworden, langsam aber sicher ging der Spätsommer in den Herbst über. Eine kühle Brise strich über ihre nackten Arme. Sie erschauderte. Nachdem sie ihren Bolero angezogen hatte, hängte sie den Gurt ihrer Tasche quer über den Oberkörper.
   »Was jetzt?«, fragte sie und schritt die Stufen hinunter. Jason stand am Fuß der Treppe.
   Statt etwas zu sagen, nahm er ihre Hand. Vor einem blutroten Motorrad blieb er stehen.
   »Wow«, entfuhr es Debbie.
   »Was ist? Stehst du nicht auf Bikes?«
   Sie sah Jason an. »Das ist eine Kawasaki Ninja Tausend ZX-Zehn R, neunhundertachtundneunzig Kubik, Sechs-Gang-Getriebe, Spitze hundertfünfundachtzig Meilen. Die wäre was für Raven.«
   »Raven?«
   »Mein Partner, er steht auf solche Monster, ich bevorzuge kleinere Maschinen.«
   »Wie darf ich mir eure Partnerschaft so vorstellen? Ist er dein Freund?«
   Debbie lachte laut auf.
   »Nein, nein.« Sie hob abwehrend die Hände und holte tief Atem, um sich wieder in Griff zu bekommen. Ein Lachanfall war ja so was von unsexy.
   »War die Frage denn so lustig?« Jason sah sie an, als wäre sie gerade einem Raumschiff entstiegen.
   »Ehrlich, schon die Vorstellung, mit diesem Neandertaler was anzufangen, löst Lachkrämpfe bei mir aus. Er ist für mich wie ein großer, manchmal ungeheuer nerviger Bruder und mein beruflicher Partner«, sagte sie mit Lachtränen in den Augen. Vorsichtig tupfte sie mit dem Finger die Feuchtigkeit weg.
   »Also, hast du einen Lieblingsplatz in New York?«, fragte Jason.
   »Die Gothic Bridge im Central Park.«
   »Kenn ich, steig auf.« Er stieg auf die Maschine und nahm seinen Helm vom Lenker, den er ihr hinhielt.
   »Wird zwar etwas zu groß sein, aber es ist besser, du trägst ihn«, sagte er.
   Debbie zögerte.
   »Was ist?«, fragte er.
   »Ich bin höchst ungern als Beifahrer unterwegs, außerdem hab ich nicht die richtigen Klamotten an.« Sie streifte mit beiden Händen über ihr Kleid.
   »Ich fahr vorsichtig, versprochen.« Er sah sie mit einem Hundeblick an, dem sie nicht widerstehen konnte, der ihr zu Kopf stieg wie zu schnell getrunkener Sekt und im Magen kribbelte. Eine Etage tiefer, zwischen ihren Beinen, prickelte es ebenfalls.
   »Also gut.« Sie nahm den Helm, setzte ihn auf und schloss die Schnalle unter dem Kinn. Anschließend stieg sie etwas umständlich, weil es mit dem Kleid nicht besser ging, auf den Beifahrersitz.
   »Willst du meine Jacke?«, fragte Jason.
   »Nein, das geht schon.« Debbie rutschte hin und her, bis sie eine zufriedenstellende Sitzposition gefunden hatte. Währenddessen band Jason sein langes Haar mittels eines Gummibandes zu einem Zopf, den er unter die Jacke schob, die er schloss.
   »Fertig?« Er ließ den Motor an. Die Maschine brüllte auf und vibrierte unter Debbies Hintern. Um an den Lenker zu kommen, beugte sich Jason nach vorn. Sie folgte seiner Bewegung, ihren Oberkörper an seinen Rücken, umfasste seine Brust mit beiden Armen, ihre Schenkel presste sie an seine Hüfte. Diese Nähe zu ihm war ungeheuer sinnlich und vertraut. Als er noch mit seinen Fingern über ihren bloßen Oberschenkel streifte, wurde das Prickeln zwischen ihren Beinen zu einem Pochen. Obwohl ihr Verstand tausend Gründe auffuhr, warum sie die Finger von ihm lassen sollte, wollte ihr Körper ihn und das am liebsten gleich.
   »Kann losgehen«, rief sie.
   Jason nickte, klappte den Ständer hoch und gab Gas. Debbies Magen machte einen Satz, als sie für eine Schrecksekunde nach hinten gezogen wurde. Sie fuhr wirklich lieber selbst.

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