Die Schatten der Vergangenheit, die Sara in dem kleinen Ort Roseend eingeholt haben, sind längst in den Hintergrund getreten. Zwischen ihr und Jack besteht eine Verbindung, die weit über das menschliche Empfinden hinausgeht. Beide gehören einem Rudel von Werwölfen an. Während Jack den obersten Rang als Rudelführer inne hat, steht Sara als ebenbürtige Partnerin an seiner Seite. Das beschauliche Leben in Roseend wird bis auf die Grundfesten erschüttert, als sich Menschen wie auch Werwölfe zu verändern beginnen. Erst, als es fast zu spät ist, erkennt Sara die wirkliche Gefahr. Wird es ihr gelingen, ihr Rudel und ihr geliebtes Zuhause vor der drohenden Vernichtung zu retten?

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ISBN: 978-9963-53-008-3

Seiten: 204

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Christa Kuczinski

Christa Kuczinski
Christa Kuczinski, geboren 1971, verbrachte ihre Kindheit an der Mosel. Nach zwanzig Jahren „auswärts“ ist sie im September 2018 mit ihrem Mann und den beiden Söhnen in ihre gemeinsame Heimatregion an die Mosel zurückgekehrt. Im Jahr 2009 begann sie ernsthaft mit dem Schreiben. Die „Roseend“-Trilogie ist ihr erstes großes Projekt. Im Jahr 2016 veröffentlichte sie einen weiteren Fantasy-Jugendroman: Aberness (Verlagshaus el Gato). 2017 ihren ersten Fantasyroman als Selbstpublisher. Ava - Der Tag der Libelle - Teil 1. 2018 den zweiten Teil der Ava Trilogie - Die Nacht der Libelle -, im Frühjahr 2019 erscheint: Ava - Der Flug der Libelle - Teil 3.

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Leseprobe

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Kapitel 1

Saras Blicke schweiften zum gegenüberliegenden Cottage. Sie verengte die Augen zu Schlitzen und dachte nach. Die leise Musik, die durch das geöffnete Fenster bis zu ihr drang, nahm sie kaum wahr.
   Seit einigen Wochen war Saras ehemaliges Zuhause wieder bewohnt. Sie konzentrierte sich völlig auf den jungen Mann, der auf der obersten Treppenstufe des Cottages saß und ganz in seine Musik versunken zu sein schien. Diesen Anblick kannte Sara. Bei gutem Wetter saß ihr Nachbar, wenn er nicht gerade unterwegs war, jeden Tag dort und spielte unermüdlich auf seiner Gitarre. Sie hatte oftmals den Eindruck, dass er von seiner Außenwelt nichts mehr wahrnehmen würde, so entrückt wirkte sein Gesicht. Mehrmals hatte sie sich ausgemalt, wie er wohl reagieren würde, wenn sie ihn laut bei seinem Namen riefe. Doch bis jetzt hatte sie es nicht gewagt, ihre Idee in die Tat umzusetzen; zu hinterlistig kam es ihr vor, ihn in seiner Konzentration zu stören.
   Den Blick weiterhin auf ihn gerichtet, musterte sie ihn. Eigentlich gab es keinen Grund, misstrauisch zu sein, trotzdem beschlich sie ein nicht eindeutiges Gefühl der Beunruhigung, wann immer sie ihn sah. Laurence war ein normaler, junger Mann, der zufällig in ihrem Bezirk gelandet war. Bevor Jack auf ihn aufmerksam wurde, zog er durch die Straßen von Bellwick und packte an jeder nur erdenklichen Straßenecke seine Gitarre aus, um die Menschen, die seinen Weg kreuzten, mit seiner Musik zu verzaubern. Eines musste Sara ihm lassen; seine Melodien klangen so bewegend, dass sie keinen, der sie zu hören bekam, kaltließen.
   Damals war Jack offen auf ihn zugegangen und hatte Laurence in harmlos anmutende Gespräche verwickelt, um mehr über ihn zu erfahren. Er erkannte schnell, dass es sich hier um einen weiteren Werwolf handelte. Da Laurence nicht vorhatte, in der nächsten Zeit ihren Bezirk zu verlassen und keinen gefährlichen Eindruck machte, kam Jack zu dem Entschluss, Laurence anzubieten, für die Dauer seines Aufenthaltes nach Roseend zu ziehen. Ein streunender, fremder Werwolf ohne die Kontrolle eines Rudels behagte keinem der ansässigen Werwölfe.
   Roseend vermittelte nach außen hin den Eindruck eines kleinen, unscheinbaren Dorfes, in das sich einige wenige Menschen, fern jeglichen Trubels zurückgezogen hatten. Die kleinen, mit Efeu bewachsenen Cottages und die verschlungenen Kieswege, die die Wohnstätten der Bewohner miteinander verbanden, boten ein romantisch angehauchtes Bild, wie man es von Postkarten her kannte.
   Für die ansässigen Werwölfe war es ein besonderer Ort, denn hier konnten sie unter sich sein. Sie genossen die Freiheit, sich nicht verstellen zu müssen. Das war eine große Erleichterung und ein wichtiger Aspekt in ihrem Leben. Der Hang zur Friedfertigkeit, der sie alle verband, sowie das enge Zusammenleben, gaben ihnen eine Sicherheit und Stärke, die eine große Macht bedeutete. So war es nicht weiter erstaunlich, dass die Werwölfe jeden Fremden skeptisch betrachteten und sehr genau abwogen, wen sie bei sich aufnahmen.
   Sara erinnerte sich an ihr Gespräch mit Laurence vor einigen Tagen. Sie war damit beschäftigt, ihren Einkauf aus dem Auto zu hieven und ins Cottage zu tragen, als er plötzlich neben ihr stand und seine Hilfe anbot. Sie verkniff sich, ihn darauf hinzuweisen, dass man sich nicht anschleichen sollte und schon gar nicht, wenn es sich, wie in ihrem Fall, um eine Werwölfin handelte. Immerhin war auch er ein Wolfswesen und sollte es besser wissen. Stattdessen ließ sie seine Hilfe aus Gastfreundschaft zu. Als sie ihren Einkauf sicher verstaut hatte, ihr Nachbar jedoch keine Anstalten machte, zu gehen, lud sie ihn widerwillig auf eine Cola ein. »Sag mal, was hält dich eigentlich in dieser Gegend? So abgelegen, wie wir hier leben, bietet es doch keinerlei Reiz für dich. Man könnte fast sagen, hier liegt der Werwolf begraben«, fragte Sara beiläufig und nippte an ihrem Getränk.
   Sie mussten über Saras Witz lachen.
   »Ich stamme aus dem Norden und gehöre keinem Rudel an«, erwiderte Laurence mit nunmehr ernstem Gesicht. Er stockte kurz. »Nein, dafür gibt es keinen besonderen Grund«, ging er erklärend auf Saras fragenden Gesichtsausdruck ein und betrachtete sie intensiv. »Ich musiziere schon seit meiner Kindheit, und mir genügt es schon lange nicht mehr, dass nur eine Handvoll Leute meine Musik zu hören bekommt. Ich bin niemand, der es längere Zeit an einem Ort aushält und deshalb bin ich mal hier und mal dort.«
   Sara hob die Brauen und blickte ihn ratlos an. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Werwolf allein und ohne einen Rückzugsort glücklich sein konnte. Ob aus freier Entscheidung oder erzwungen, für sie machten beide Möglichkeiten keinen Sinn. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sie selbst lange Zeit auf sich allein gestellt gewesen war und dies immer als eine Belastung empfunden hatte. »Tja, ich danke dir für deine Hilfe. Es war nett, mit dir zu plaudern.« Sie war sich bewusst, dass diese abrupte Verabschiedung mehr als unhöflich war, doch ihr waren Laurence’ interessierte Blicke keinesfalls verborgen geblieben und dies gefiel ihr nicht. Sie griff nach den leeren Gläsern, dabei streiften ihre Finger seine Hand. Unangenehm berührt zog sie sie hastig zurück und bemerkte, wie einen Moment lang ein gefährlicher Funke in seinen Augen aufflackerte.
   »Bis demnächst mal, es war auch nett, mit dir zu plaudern.« Mit verkniffenem Gesicht stand Laurence auf, machte kehrt und verließ das Haus.
   Als sich Sara an diese Begegnung zurückerinnerte, beschlich sie ein ungutes Gefühl. Sie glaubte nicht, dass ihr Nachbar wirklich Interesse an ihr haben könnte, doch irgendetwas störte sie an ihm. Und es war sicherlich nicht sein Aussehen. Obwohl er scheinbar eine Vorliebe für seine braune Lederjacke mit dem lächerlichen rot karierten Kragen besaß, da er sie immer anhatte, wenn Sara ihn sah. Wie viele Werwölfe trug Laurence sein helles Haar schulterlang, sein Körper war für Saras Geschmack etwas zu dürr und hager und doch muskulös genug, um auf den zweiten Blick erahnen zu können, dass er Kraft besaß, und dass man sich besser nicht mit ihm anlegen sollte. Sein Gesicht war zwar ebenmäßig, aber es entsprach keineswegs dem gängigen Schönheitsideal, nichts, was ihr dieses Unwohlsein in seiner Nähe erklären könnte, und doch …


   An diesem Abend wartete sie schon ungeduldig auf Jack, der mehrmals in der Woche bei seinem Bruder Marc im Bodybuildingcenter aushalf. Normalerweise arbeitete Sara bei Marcs Frau Miranda in einem kleinen Dessousgeschäft, doch für heute hatte sie sich freigenommen, da sie auf Minas sechzigstem Geburtstag eingeladen waren. Ihre Freundin wollte dies gebührend feiern. Sara hatte ihr versprochen, einige Salate vorzubereiten. Diese standen mittlerweile fertig und abgedeckt in ihrer Küche.
   Inzwischen blickte Sara zum wiederholten Male auf die Uhr. In genau einer halben Stunde würde die Party beginnen, und noch immer war nichts von Jack zu sehen. Gereizt trat Sara vom Fenster zurück und entschied sich, schon einmal duschen zu gehen.
   Als sie das kleine Bad betrat und ihr Blick auf den großen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand fiel, musste sie schmunzeln. Ich liebe dich, Jack!, prangte auf dem Spiegel im Farbton einer ihrer Lippenstifte.
   Solltest du noch einmal meinen Lippenstift benutzen, nutzt dir diese Erkenntnis auch nichts mehr!, schrieb sie aus einem Impuls heraus mit ihrem Kajalstift darunter.
   Gut gelaunt ließ sie kurz darauf das heiße Wasser über ihren Körper rieseln. Sie genoss den Anblick der Nebelschwaden, die die kleine Kabine einhüllten, als sie hörte, wie die Badezimmertür geöffnet wurde und ein belustigtes Lachen erklang. Sara lächelte; allem Anschein nach hatte Jack ihre Notiz gelesen. Ihren guten Ohren entging nicht, dass sich Jack ebenfalls ausgezogen hatte und scheinbar beabsichtigte, zu ihr unter die Dusche zu kommen. Ein kalter Luftzug traf ihren Rücken, der sogleich von warmer Haut, die sich an sie schmiegte, abgelöst wurde. Jacks kräftige Arme legten sich um ihren Körper und zogen sie in seine Umarmung.
   »Was würdest du mir denn antun, wenn ich deinen Lippenstift noch einmal benutze? Du bedrohst doch nicht etwa deinen dich liebenden Mann?«, raunte er ihr mit heiserer Stimme ins Ohr.
   Mit einer geschmeidigen Drehung stand sie ihm gegenüber. Spielerisch strich sie über seine muskulöse Brust. »Keinesfalls, wenn ich es mir recht überlege, warum sollte ich erst auf eine neue Schandtat von dir warten, ich bestrafe dich gleich jetzt«, flüsterte sie. Mit verschmitztem Lächeln setzte sie ihr Vorhaben in die Tat um, während sich in Jacks ursprünglich tief blauen Augen bereits ein intensiver Goldton zeigte.
   Als Sara einige Zeit später aus der Dusche stieg, hatte Jack schon längst das Feld geräumt. So hatte sie genug Raum, um sich in dem winzigen Bad in Ruhe anzuziehen. Während sie in ihre Hose stieg, fiel ihr Blick auf den Spiegel, der für eine Begutachtung ihres Äußeren nun völlig ungeeignet war. Und diese Erkenntnis hatte nicht nur damit zu tun, dass er inzwischen komplett beschlagen war.
   Fasziniert beobachte sie, wie sich der feine Nebel vom Glas löste und einen neu hinzugekommenen Satz enthüllte. Du hast recht, ich werde es immer wieder tun und trage die Konsequenzen, stand nun unter ihrer Drohung.
   Grinsend griff Sara nach ihrer gelben Bluse, die zusammengefaltet auf dem Hocker bereitlag. Heute Abend würde sie diese und eine dazu passende, dünne Stoffhose tragen.
   Das Wetter war jetzt im Spätherbst noch immer außergewöhnlich warm und ließ leichte Kleidung zu. Ihr feuchtes schwarzes Haar hielt sie mit einer silbernen Spange zurück. Schulterzuckend nahm sie den ramponierten Lippenstift in die Hand. Ach was, wozu Farbe auftragen? Bevor sie überhaupt bei Mina ankäme, würde davon nichts mehr zu sehen sein.

Sara hörte schon von Weitem fröhliches Stimmengewirr aus Minas Garten. Jack balancierte jeweils eine Schüssel Salat in seinen Händen, während sie ein schön verpacktes Geschenk trug.
   Mina hielt schon ungeduldig nach ihnen Ausschau. Sie erkannte offenbar an Saras Blick, dass sie Minas Reaktion auf ihr Geschenk kaum erwarten konnte. Liebevoll umarmten sie sich, während Jack mit einem Blick auf die Salate hilflos danebenstand.
   Jack verlor die Geduld und räusperte sich übertrieben. »Würdet ihr mir bitte die Schüsseln abnehmen? Erstens möchte ich Mina ebenfalls gratulieren und zweitens, wie sieht es denn aus, wenn der Rudelführer Salathalter spielt?«
   Übermütig kichernd befreiten sie ihn von seiner Last. Doch nun war es Mina, die nicht mehr in der Lage war, Jacks Umarmung zu erwidern. Lachend verschwanden Sara und Mina am Buffet, das weiter hinten in dem weitläufigen Garten aufgestellt war.

*

Jack schmunzelte, als er einen Blick über die Gäste gleiten ließ. Die Anwesenden waren über das Grundstück verteilt und genossen den schönen goldenen Oktober.
   Auf den ersten Blick sah es aus wie ein gewöhnliches Nachbarschaftstreffen. Ihre Freunde standen oder saßen mit ihren Picknicktellern beisammen und plauderten. Dass hier nur Werwölfe beisammen waren, hätte ein normaler Mensch nicht im Traum vermutet.
   Vielleicht wäre einem aufmerksamen Beobachter irgendwann aufgefallen, dass alle eine gewisse unterschwellige, athletische Spannung ausstrahlten. Von der übergewichtigen Schwerfälligkeit mancher Menschen war hier keine Spur zu erkennen. Auch die älteren Gäste, von denen einige etwas rundlichere Formen hatten, strahlten eine sportliche Präsenz und Dynamik aus, die sie jünger wirken ließ, als es ihrem Alter entsprach.
   Jafa, Minas Mann, war in eine Unterhaltung mit Michael vertieft, einem Schriftsteller, der die Ruhe in Roseend genoss und vor einem Jahr sein erstes Buch herausgebracht hatte. Laurence gesellte sich zu den beiden, natürlich mit seiner Gitarre. Ein Stück weiter stand Jennifer, die in Mitchen lebte. Neben ihr Marcel, Saras Bruder, der extra zu Minas Geburtstag aus Surrey angereist war. Er war der Einzige in der Runde, der kein Wolfswesen war.
   Sie waren verwundert gewesen, als sie erfahren hatten, dass Marcel bei Jennifer übernachten würde, da Saras ehemaliges Cottage neu vermietet war und als freies Gästehaus nicht mehr zur Verfügung stand. Jack erinnerte sich daran, dass im letzten Sommer, als Sara und ihr Bruder das erste Mal seit Jahren in Roseend zusammentrafen, Jennifer ein reges Interesse an Marcel gezeigt hatte.
   Noch weitere Werwölfe, die allerdings aus den umliegenden Orten stammten, waren Gäste bei Mina und Jafa und nickten ihm zur Begrüßung kurz zu.
   Jack ging zu seiner Frau, die gerade beobachtete, wie Mina voller Vorfreude das Schmuckband der Geschenkverpackung löste. Neugierig schaute er ihr über die Schulter.
   Als sie endlich die kleine Schachtel geöffnet hatte, kam ein neues Handy zum Vorschein. Mina blickte gerührt zu Sara, die neben ihr stand und sie keine Sekunde aus den Augen ließ.
   »Das ist wirklich ein wunderbares Geschenk. Du hast nicht vergessen, dass ich im letzten Sommer davon gesprochen habe, mir endlich eines kaufen zu wollen. Immerhin scheinen alle, die etwas auf sich halten, ein Handy zu besitzen. Aber Jafa war einfach nicht zu überreden. Er meinte, ein normales Telefon würde für unsere Bedürfnisse ausreichen«, sagte sie begeistert über die gelungene Überraschung.
   Bei der Erwähnung ihres Mannes funkelten ihre Augen so vor Schadenfreude, dass Jack und Sara herzhaft lachen mussten. Wenn sich Frauen erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatten, standen die Männer auf verlorenem Posten. Sie fanden immer Mittel und Wege, ihren Willen durchzusetzen.
   Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie die zwei ihre Köpfe zusammengesteckt hatten, um einen Weg zu finden, der sie zum Ziel führen würde. Er war schon auf Jafas Gesichtsausdruck gespannt, wenn er mitbekommen würde, dass er von Sara und Mina ausgetrickst worden war.

*

Eine ausgelassene Stimmung lag über den Gästen, als Laurence sein Instrument auspackte und zu spielen anfing.
   Niemand schien darüber verwundert zu sein, da er niemals ohne seine Gitarre anzutreffen war. Als die ersten leisen Klänge durch den Garten zogen, verstummten für einen Moment die Gespräche. Alle lauschten der Musik. Laurence ließ seine Finger spielerisch über die Saiten gleiten und entlockte ihnen zarte Klänge, die niemand bei einer Gitarre für möglich gehalten hätte. Eine merkwürdige, traumhafte Atmosphäre entstand unter den Anwesenden, die fast greifbar war. Doch scheinbar spürte nur Sara einen unangenehmen Widerhall, den sie nicht zu benennen wusste. Sie musste sich täuschen, vielleicht lag ihr die Musik einfach nicht, da sich bei niemandem sonst eine ähnliche Regung erkennen ließ.
   Als die Gespräche wieder einsetzten, tanzte die Melodie weiterhin zart wie ein Hauch durch den Garten. Von zu Anfang langsamen, sanften Klängen, steigerten sich nun Geschwindigkeit und Intensität der Melodie. Wie Sara mit einem Blick auf Laurence erkennen konnte, war er völlig in seine Musik vertieft und registrierte nichts mehr von dem, was um ihn herum geschah.
   Warum machte er nicht mehr aus seinem Talent? So gut, wie er spielte, standen ihm doch alle Türen in der Musikszene offen, überlegte Sara gerade, als sie jäh aus ihren Gedanken gerissen wurde.
   Ihr Blick richtete sich alarmiert auf den Teil des Gartens, wo Jafa und Michael beisammenstanden. Eben noch in ein ruhiges Gespräch vertieft, hatten sie begonnen, sich lautstark miteinander zu streiten.
   »Solltest du jemals ein Buch über diesen Ort schreiben, dann halte mich da raus. Was für eine blöde Idee ist das überhaupt? Wer will schon erfahren, wie wir hier leben? Außerdem ist es dir ohnehin nicht erlaubt, den Namen Roseend zu benutzen, ganz zu schweigen von Ähnlichkeiten, die auf unseren Aufenthaltsort hinweisen. Wozu also das Ganze?«, machte Jafa seinem Unmut Luft.
   »Was ist denn in dich gefahren? Erst gestern sagtest du mir, es würde dir nichts ausmachen, als Vorbild für eine meiner Romanfiguren herzuhalten. Außerdem ist das ganz allein meine Entscheidung, dich lasse ich am besten ganz außen vor, so blöd, wie du mir kommst«, polterte sein Gegenüber nicht weniger erregt.
   Sara lauschte irritiert dem Wortwechsel der beiden.
   So wütend hatte sie Jafa noch nie erlebt, und Michael, den sie als absolut ruhigen und umsichtigen Mann kannte, verblüffte sie besonders.
   Mittlerweile richteten sich alle Blicke auf die Streitenden.
   Unsicher sah sich Sara nach Jack um, der gerade bei ihrem Bruder stand und ebenfalls Jafa und Michael beobachtete, während Marcel mit einem verwirrten Gesichtsausdruck von einem zum anderen blickte.
   Als hätte er Saras Blick gespürt, blickte Jack kurz zu ihr herüber. Überrascht starrte sie ihn an. Seine Augen hatten sich verändert, ursprünglich blau, färbten sie sich jetzt golden.
   Ungläubig über die Wut, die sie in seinen Augen erkennen konnte, glitt ihr Blick entgeistert über die restlichen anwesenden Werwölfe. Sie alle hatten stechende Augen und lauerten geradezu auf einen passenden Moment, um in den Streit eingreifen zu können. Sara beschlich eine Vorahnung. Die menschliche Seite begann, die Kontrolle über ihr wildes Erbe zu verlieren. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, dann würden sich ihre menschlichen Fesseln gelöst haben und die Instinkte des Wolfes würden die Oberhand übernehmen.
   Da in dieser Nacht kein Vollmond wäre, bestünde zumindest nicht die Gefahr, dass sie sich verwandeln würden, doch die Aggressivität, die mittlerweile von ihnen ausstrahlte, behagte ihr überhaupt nicht. Alle Werwölfe in diesem Bezirk wussten sich unter Kontrolle zu halten, nicht umsonst galt gerade Roseend als Zufluchtsort für Werwölfe, die Gewalt zutiefst verachteten.
   Sie war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob Jack der prekären Situation gewachsen war, die wie aus dem Nichts entstanden zu sein schien. Denn auch er strahlte eine Kampfbereitschaft aus, die Sara selbst aus dieser Entfernung spüren konnte.
   Verwirrt nahm sie die düsteren Empfindungen der Anwesenden wahr, die sich wie ein unsichtbarer Schleier über den Garten gelegt hatte.
   Sie schlängelte sich zwischen den Gästen hindurch, schob dabei Marcel zur Seite, der ihr verunsichert im Weg stand, und trat beherzt zwischen Jafa und Michael. »Lasst es gut sein. Heute ist Minas Geburtstag, da wollt ihr doch sicher keinen Streit vom Zaun brechen«, sprach sie leise auf die beiden ein. »Jafa, geh mal rüber zu deiner Frau. Sie will dir etwas zeigen. Michael, wie sieht es aus? Du hast noch nicht mit mir auf Minas sechzigsten angestoßen. Holen wir das jetzt nach oder muss ich für uns beide einen trinken?«, wandte sie sich in ruhigem, festen Tonfall an Michael, bemüht, ein Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken.
   Sara konnte geradezu spüren, wie sich die Männer langsam beruhigten, und entspannte sich etwas. Verunsichert wandte sich Jafa ab und ging zu Mina, die noch immer am Buffet stand und ihm forschend entgegensah, während Michael sie, angesichts des gerade Geschehenen, erstaunt ansah. Sara überspielte das unangenehme Schweigen zwischen ihnen, indem sie so tat, als ob nichts geschehen wäre. »Bring uns doch schon mal zwei Bier, ich komme gleich zu dir hinüber.«
   Erleichtert darüber, dass Michaels Augen wieder ihren gewohnten haselnussbraunen Ton angenommen hatten, blickte Sara in die Runde. Alle hatten sich scheinbar inzwischen beruhigt, niemand strahlte mehr die Wut und Gewaltbereitschaft aus, die noch vor Kurzem zu eskalieren drohte. Mit noch immer leicht zitternden Knien ging sie zu Jack, der sie beruhigend in den Arm nahm.
   »Es sieht so aus, als ob sich der kleine Streit in nichts aufgelöst hat. Ich wusste gar nicht, dass Michael so wütend werden kann«, raunte er ihr zu und drückte ihr zärtlich einen warmen sinnlichen Kuss auf die Lippen.
   Sara stutzte. Jacks harmlose Entgegnung ließ eine Banalität der Situation vermuten, die sie nicht nachempfinden konnte. Offenbar sah sie Gespenster. Wie kam sie nur auf die Idee, dass sich hier jemand ernsthaft einem Kampf aussetzen würde? Dennoch blieb eine gewisse Unruhe, die sie sich nicht erklären konnte.
   Obwohl alle, die meiste Zeit in Menschengestalt, auch immer das Erbgut eines Wolfes in sich trugen, kam dieser nur selten spontan an die Oberfläche. Kleine Empfindlichkeiten, die einen Mittelweg zwischen Mensch und Wolf erforderten, waren eigentlich nicht weiter ungewöhnlich. Die Wolfswesen waren daran gewöhnt, zwischen ihren Persönlichkeitsteilen auszubalancieren. Doch eine solch potenziell gefährliche Situation hatte Sara unter den Einwohnern von Roseend noch nie erlebt. Beruhigt erkannte sie, dass sich mittlerweile auch alle anderen wieder völlig normal verhielten.
   Laurence hatte seine Gitarre gegen einen Baum gelehnt und unterhielt sich angeregt mit Jennifer, während Marcel an ihrer Seite stand und dem Gespräch folgte.
   Den restlichen Abend über war von der Unstimmigkeit zwischen Jafa und Michael nichts mehr zu spüren, alle amüsierten sich, bis sie zu später Stunde aufbrachen. Als Jack nach der Heimkehr von Minas Party die Tür zu ihrem Cottage hinter sich schließen wollte, hob er kurz die Hand. Laurence erwiderte den Gruß, bevor auch er in seinem Cottage verschwand.
   Zufrieden über ihr überaus gelungenes Geburtstagsgeschenk für Mina, kuschelte sich Sara in Jacks Arme, während seine Hand suchend unter ihr T-Shirt glitt, es nach oben schob und seine Fingerspitzen die Konturen ihrer Haut nachfuhren. Als seine Handfläche eine ihrer Brüste bedeckte, stöhnte Sara leise auf. Begierig drängte sie ihren Körper an seinen und konnte spüren, dass auch er von ihrer Leidenschaft mitgerissen wurde. Ein Blick in seine goldglühenden Augen genügte, um zu erkennen, dass dieser an sich schöne Abend noch nicht zu Ende war.

Kapitel 2

Am nächsten Morgen erwachte Sara vom Geruch würzigen Tees, der verführerisch durch das Schlafzimmer zog. Mit einem Lächeln auf den Lippen blieb sie noch einen Moment liegen und genoss die vermeintliche Ruhe. Sie hörte Jack in der Küche hantieren. Wie so oft war er schon vor Sonnenaufgang wach und bereitete das gemeinsame Frühstück vor.
   Saras Blicke schweiften träge durch den Raum. Dem Bett gegenüber stand eine alte, etwas abgenutzte, aber umso schönere Holzkommode, auf der sich Bilder von ihr und Jack befanden. Jedes Foto strahlte die tiefen Gefühle aus, die sie füreinander empfanden. Über allem prangte ein großes Aquarell. Es war Saras Lieblingsbild und zeigte das Haus ihrer Kindheit mit ihr als Wolf im Vordergrund. Dass es gerade hier aufgehangen wurde, war Jacks Idee gewesen und hatte sich als angemessener Platz für die Erinnerung erwiesen, die sie mit diesem Bild verband.
   Sara wurde von einer unerwarteten Welle der Übelkeit überrollt. Noch rechtzeitig schaffte sie es ins Bad. Vielleicht hätte sie gestern nicht so viel von dem köstlichen Krabbensalat essen sollen, dachte sie, während sie sich ihr Gesicht wusch. Ein Blick in den Spiegel, soweit das mit den vielen unterhaltsamen Nachrichten, die sie und Jack dort hinterlassen hatten, möglich war, zeigte ihr, dass sie etwas blass um die Nase und mit noch schläfrigen Augen nicht gerade das Bild einer agilen Frau abgab.
   »Sara, wenn du pünktlich zur Arbeit kommen willst, solltest du langsam in die Gänge kommen«, drang Jacks Stimme zu ihr.
   »Einen Moment, ich bin gleich so weit.« Sara schlüpfte in ihr Kostüm, das sie schon am Vorabend bereitgelegt hatte, fuhr sich mit der Bürste durch ihr Haar und griff sich ein Haarband, bevor sie das Bad verließ.
   Jack goss gerade den Tee ein, als sie die Küche betrat. Er wandte sich ihr mit einem liebevollen Lächeln zu, bevor er sich auf einen Hocker sinken ließ und Saras Tasse auf ihren Platz schob. »Ohne mich würdest du chronisch zu spät zur Arbeit kommen«, feixte er gut gelaunt.
   Sara hob die Brauen und zeigte ihm damit, was sie von seiner Aussage hielt. Während sie ihren heißen Tee trank, beobachtete sie Jack aus den Augenwinkeln. Zwar trug er saubere Jeans und ein gebügeltes Hemd, aber er hatte augenscheinlich etwas vergessen. Sein dichtes schwarzes Haar stand ihm wirr zu Berge und brauchte dringend einen frischen Schnitt.
   So wie er vor ihr saß und in ein knuspriges Brötchen biss, sah er mehr denn je wie ein kleiner Junge aus und so gar nicht wie ein Rudelführer.
   Bei diesem Gedanken musste Sara kichern. Erstaunt musterte Jack sie neugierig. Nur mit Mühe brachte sie ihren Lachanfall unter Kontrolle und zeigte ihm mit einer Geste, was sie so erheiterte. Kopfschüttelnd, doch mit einem breiten Grinsen fuhr sich Jack durchs wirre Haar, wohl wissend, dass es nichts nützen würde.
   »So besser?«, fragte er verschmitzt.
   Noch immer lachend stand Sara auf, stellte ihre Tasse in die Spüle und drückte Jack einen Kuss auf die silberne Strähne, die ihm eigenwillig in die Stirn fiel. »Keine Chance, ich mache dir noch heute einen Termin beim Friseur«, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Als Sara eine halbe Stunde später das Dessousgeschäft betrat, grinste sie noch immer. Miranda schloss die Kasse auf. Sie war Marcs Frau und somit Jacks Schwägerin. Für Sara war sie nicht nur Chefin, sondern längst eine gute Freundin geworden.
   Sie blickte auf und bemerkte Saras amüsierten Gesichtsausdruck. »Was ist denn am frühen Morgen schon so lustig? Normalerweise muss ich dich um diese Uhrzeit immer ermahnen, unsere Kunden mit deinem griesgrämigen Morgengesicht nicht zu vergraulen«, fragte sie neugierig.
   Sara ging erst gar nicht auf Mirandas Geplänkel ein. »Ich habe für Jack einen Friseurtermin gemacht und stelle mir gerade vor, wie begeistert er darüber ist«, erklärte sie mit einem verschwörerischen Zwinkern.
   Die bedeutungsschwangere Stille, die daraufhin eintrat, hielt sich nur einen Moment, denn nun lachte auch Miranda lauthals los.
   Vergnügt stellte sich Sara Jacks mürrisches Gesicht vor, wie er auf dem Stuhl sitzen und mit dem Friseur um jede einzelne Strähne feilschen würde. Wie nur die engsten Freunde wussten, hasste Jack es, seine Haare geschnitten zu bekommen, und dieser Umstand erregte immer wieder großes Vergnügen. Vor allem bei Sara und Miranda, wenn es ihnen darum ging, Witze über ihre Männer zu reißen. Jack bot mit seiner Friseurphobie eine besonders gute Zielscheibe für ihre Späße.
   An diesem Morgen war es still in den Straßen von Bellwick. Die Menschen gingen ihrer Arbeit nach oder lagen noch in den Federn. Erst gegen Mittag füllten sich langsam die Läden. Sara hatte alle Hände voll zu tun, ihre Kunden zu bedienen. Die meisten Frauen, die das Geschäft aufsuchten, hatten eine genaue Vorstellung davon, was sie wollten. Die wenigen Männer jedoch, die sich in Mirandas Geschäft verirrten, hatten oftmals keine Idee, was genau sie suchten und größtenteils auch keine Ahnung von den Größen, die ihre Frauen trugen. Bei diesen dauerte eine Beratung schon mal etwas länger und konnte sich zuweilen nervenaufreibend gestalten.
   Sara hatte einen Kunden der zweiten Kategorie bedient, als sie von einer Bewegung vor dem Fenster abgelenkt wurde. Sie erkannte Laurence, der in seiner markanten Lederjacke und der Gitarre, die er in einer Hülle verpackt quer über dem Rücken trug, die Straße entlangging. Er wollte sich scheinbar auf dem großen Marktplatz niederlassen, der das Zentrum von Bellwick bildete. Kopfschüttelnd wandte sich Sara ab. Was machte ihm bloß so viel Spaß, seine Zeit in Bellwick zu verbringen, nur um den Menschen seine Musik vorzuspielen, dachte sie, bevor sie ihren Nachbarn endgültig aus ihren Gedanken verbannte.
   In ihrer Pause traf sich Sara mit Jack, der, wie seine kurzen Haare zeigten, seinen Friseurbesuch bereits hinter sich gebracht hatte.
   Sie schlenderten über den Marktplatz, während sich Saras Blick auf den Boden vor ihr richtete. Die naturbelassenen Pflastersteine, die sich in immer größer werdenden Spiralen über die ganze Fläche zogen, waren immer wieder eine Gefahr für ihre Absätze, so wie zurzeit. Sie atmete auf, als sie das gegenüberliegende Bistro erreichten, das ein beliebtes Ziel für ein Treffen in der Mittagspause war, wenn sie sich gelegentlich in Bellwick verabredeten.
   Das romantische Flair des Platzes, der noch aus der viktorianischen Zeit stammte, stand, wie alle Häuser im Stadtkern, im krassen Gegensatz zum modernen Medion. Doch das Bewusstsein der Einwohner, sich die Schönheit der Stadt durch aufwendige Restaurierungsarbeiten zu erhalten, war allgegenwärtig.
   Jack dirigierte Sara an einen freien Tisch am Panoramafenster, sodass sie das Kommen und Gehen auf dem Marktplatz beobachten konnten. Entspannt saßen sie vor ihrem Essen, als auf der anderen Seite ein Tumult ausbrach. Drei junge Männer stritten sich lautstark miteinander, wobei der Streit immer heftiger wurde und die Blicke der Leute auf sich zog.
   Sara beobachtete, wie einer dem anderen die Faust in den Magen rammte, sodass dieser hart gegen einen der wuchtigen Blumenkübel stürzte, die hier und da den Platz auflockerten, während der Dritte nun seinerseits mit dem Fuß zutrat.
   Erschrocken hielt sie die Luft an. Gerade wollte sie sich an Jack wenden, als der auch schon aufsprang und durch die Tür nach draußen lief. Wie erstarrt blieb sie sitzen und beobachtete aus sicherer Entfernung wie Jack versuchte, den Streit zu schlichten. Mit Schreck verfolgte sie, wie einer der Männer seine Hand hob, um auf Jack einzuschlagen.
   Doch nicht umsonst verfügte er über eine schnelle Reaktionsgabe. Der Angriff wurde schon im Ansatz von ihm abgefangen. Mit wütendem Gesicht, die Hand des Angreifers noch immer umklammert, redete er auf ihn ein, während sich um sie herum eine neugierige Menschentraube bildete. Sara sprang ebenfalls auf und hastete auf den Platz. Während sie sich zwischen den Schaulustigen hindurchschlängelte, erhaschte sie immer wieder einen Blick auf die vier Männer. Einige Hinzukommende halfen dem auf dem Boden liegenden Verletzten auf, während sich andere in den Streit einmischten und ebenfalls versuchten, die Streithähne auseinanderzuhalten. Als zwei Polizisten auftauchten, schlängelte sich Jack unauffällig zwischen den Leuten hindurch und zog Sara hinter sich her, die fast schon bis zu ihm durchgedrungen war.
   An ihrem Tisch zurück sank Sara auf ihren Stuhl. »Was ist denn da draußen passiert?«, fragte sie, noch immer verstört über den heftigen Vorfall.
   Jack ließ sich ebenfalls auf seinen Stuhl sinken und schüttelte noch immer verständnislos den Kopf. »Zwei der Männer sind scheinbar Nachbarn. Ausgerechnet mitten auf dem Marktplatz kam einer auf die blöde Idee, dem anderen vorzuwerfen, er hätte an seiner Grundstücksgrenze seine Hecke zu hoch wachsen lassen. Bis jetzt war das wohl nie ein Problem zwischen ihnen gewesen. Der Dritte ist ein Freund der beiden. Schon merkwürdig, dass dieser sich in Form eines Fußtrittes für seine Freundschaft bedankt. Es gibt selbst in Bellwick Verrückte …«
   Sara schwieg. Sie starrte durch das Fenster auf den sich leerenden Platz. Mittlerweile ging jeder der Passanten wieder seiner Wege und nichts ließ auf die hier kürzlich stattgefundene Auseinandersetzung schließen. Ihr fiel noch etwas auf: Laurence, den sie noch zu Beginn der Auseinandersetzung auf dem Marktplatz gesehen hatte, war verschwunden. »Sag mal, warum hat Laurence eigentlich nicht eingegriffen? Der war den Dreien doch am nächsten?«, fragte sie, ohne den Blick von draußen abzuwenden.
   »Ehrlich gesagt hab ich nicht auf ihn geachtet. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er überhaupt da war«, murmelte Jack und blickte nun ebenfalls irritiert aus dem Fenster, auf der Suche nach dem Werwolf.
   »Klar war er da, ich habe ihn ja gesehen«, erwiderte Sara. Oder hatte sie ihn mit jemand verwechselt? Sie erinnerte sich zwar daran, dass er in Richtung Zentrum unterwegs gewesen war, aber an mehr auch nicht. Verunsichert beschloss sie, das Thema Laurence fallen zu lassen.
   Als sie sich nach ihrer Mittagspause liebevoll von Jack verabschiedete, war sie mit ihren Gedanken bereits wieder bei der Arbeit. Den kurzen Weg ins Geschäft hatte sie mittlerweile schon unzählige Male zurückgelegt. Sie wusste sehr genau, wem sie zu dieser Zeit begegnen könnte. Doch sie war noch zu aufgewühlt von dem Streit und in Gedanken vertieft, sodass sie kaum darauf achtete, als eine ältere aufgetakelte Frau in einem schreiend roten Kostüm eines der an die Straße angrenzenden Häuser verließ, und einen übergewichtigen, mit einer lächerlichen rosafarbenen Schleife verunstalteten weißen Pudel hinter sich herzog. Normalerweise machte Sara immer einen weiten Bogen um das Gespann, doch dafür war es heute eindeutig zu spät.
   Ihre Schritte beschleunigten sich in der Hoffnung, unbemerkt an ihnen vorbeizukommen. Fast wäre es ihr gelungen, als ihr der stechende Geruch eines billigen Parfüms in die Nase stieg, der sie zum Niesen brachte. Der malträtierte Kopf des Hundes, der bisher interessiert am Rinnstein schnupperte, schoss nach oben und fixierte sie aus dunklen Knopfaugen. Die kleine rosafarbene Zunge, die gerade noch von seinem Besitzer vergessen aus seinem Mäulchen hing, zog sich zurück und machte einer Reihe kleiner, spitzer Zähne Platz.
   Sara stöhnte leise auf, sie wusste nur zu gut, was kommen würde und bemühte sich um einen nichtssagenden Gesichtsausdruck. Als sie weiter auf Frauchen und Hund zu ging, wurde aus dem anfänglichen Knurren ein lautes Bellen. Dem Tier stellten sich die Nackenhaare auf und es versuchte, sich aus dem Halsband zu winden.
   Die alte Matrone schaute verdutzt auf ihren Liebling und sprach beruhigend auf ihn ein, doch der gebärdete sich wie ein wütender Derwisch und ließ Sara nicht aus den Augen.
   Als sich jedoch immer mehr Menschen zu ihnen umblickten, machte Sara dem Schauspiel ein Ende. Darauf bedacht, ihm nicht zu nahe zu kommen, beugte sie unauffällig den Kopf und zog dabei unmerklich die Oberlippe nach oben. Ein warnender Laut von ihr bewirkte ein wahres Wunder. Anstatt sie weiterhin angreifen zu wollen, warf sich der Pudel auf den Rücken und winselte zum Erbarmen. Sein Frauchen zerrte daraufhin entschlossen an der gespannten Leine und riss ihn bestürzt in die Arme.
   An diesem Punkt angekommen, war Sara auch schon an ihnen vorbei. »Gerade die Kleinen sollten es eigentlich besser wissen«, brummelte sie mit einem missbilligenden Kopfschütteln.
   Am Abend verhielt sich Jack ungewöhnlich gereizt.
   »Nichts, ich bin einfach nicht so gut drauf«, beantwortete er ihre Frage, was denn los sei, mit einem Brummen.
   Diese Antwort erstaunte Sara. Auf der Fahrt nach Roseend war Jack noch bestens gelaunt gewesen. Erst, als sie zu Hause ankamen, wurde er mehr und mehr ungehalten, obwohl sie keinen Grund für sein merkwürdiges Verhalten feststellen konnte. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob er selbst einen wusste. Um ihn abzulenken, überredete sie ihn zu einem Spaziergang an den See. Noch war das Wetter angenehm mild, und das wollte sie so lange es ging genießen. Sobald sie aus dem Cottage traten, fiel Saras Blick auf Laurence, der wieder einmal auf der Stufe seines Cottages saß und eine Reihe von schnellen Akkorden spielte. Sein Anblick machte sie, wie so oft in der letzten Zeit, nervös. Doch schon waren sie an ihm vorbei, in Richtung des Sees, der inzwischen ihr Lieblingsplatz geworden war.

*

Laurence’ Blicke folgten ihnen. Für einen Moment setzte er mit seiner Musik aus, seine Finger verharrten über den Gitarrensaiten. Sara war wirklich eine außergewöhnliche Frau und wunderschön obendrein. Sie besaß eine seltsame Ausstrahlung, die ihm noch immer Rätsel aufgab. Als er ihr vor wenigen Wochen zum ersten Mal begegnet war, hatte er diese unterschwellige Kraft sofort gespürt, es jedoch auf den Umstand zurückgeführt, dass es sich bei Sara um die Partnerin des hiesigen Rudelführers handelte. Das bloße Wissen, Macht über andere ausüben zu können, veränderte nicht nur die Einstellung desjenigen, der sie besaß. Sie äußerte sich auch im Auftreten, Verhalten und in der Entscheidungsfindung. Doch nichts von alldem schien auf Sara zuzutreffen. Wenn er nicht nach seinem Einzug von Jafa darauf hingewiesen worden wäre, dass Sara aufgrund ihrer Partnerwahl eine hohe Stellung in Roseend innehatte, wäre er niemals auf die Idee gekommen, in ihr mehr als eine normale Werwölfin zu sehen. Er revidierte diesen Gedanken. In der Vergangenheit war er vielen weiblichen Wolfswesen begegnet, doch keine von ihnen hatte ihn wirklich interessiert, oder seine Aufmerksamkeit auf längere Zeit fesseln können. Sara wiederum ging ihm nicht aus dem Kopf. Wann immer er sie zu Gesicht bekam, spürte er eine unterschwellige, prickelnde Gefahr, die von ihr auszugehen schien, die er jedoch nicht zu benennen wusste. Trotzdem oder gerade deshalb hätte er sie gern aus der Sache herausgehalten, aber das würde wohl nicht gehen, dachte er, bevor seine Finger wieder über die Saiten strichen und er die begonnene Melodie beendete.

*

Sie schlenderten an Michaels Cottage vorbei, überlegten, ob sie ihm einen kurzen Besuch abstatten sollten, und entschieden sich dagegen. Seit der Enthüllung über die mehr als niederträchtigen Charakterzüge seiner Exfrau Sophie, die Sara vor Kurzem durch ihr beispielloses Verhalten in eine äußerst gefährliche Lage gebracht hatte, sah man Michael nur noch zu Anlässen wie einem Geburtstag oder einer Versammlung der Werwölfe.
   Soweit sie wussten, war er mal wieder mit einem neuen Buchprojekt beschäftigt. Über eine Störung würde er in diesem Fall nicht gerade begeistert reagieren.
   Sich an den Händen haltend schlenderten sie über die Wiesen und genossen die Stille, die nur hier und da vom Rascheln eines umherschleichenden Tieres unterbrochen wurde. Bald näherten sie sich ihrem Ziel. Der See, auf dessen Oberfläche sich das Abendlicht spiegelte, glitzerte überaus einladend.
   Auf dem Steg, der bis in die Mitte des Sees reichte, blieb Sara stehen. Jack blickte sie fragend an und wartete auf eine Erklärung ihres Verhaltens, doch Sara ignorierte ihn. Mit einem Lächeln legte sie Stück für Stück ihrer Kleidung ab.
   Jacks Augen verrieten ihr, was ihm gerade durch den Kopf ging; auch wenn es noch angenehm warm ist, wird sie doch nicht …
   Sara lief an ihm vorbei und sprang schwungvoll ins kalte Wasser. Prustend tauchte sie wieder auf, umrundete den See, um, wieder am Steg angekommen, nach Jacks dargebotener Hand zu greifen und sich von ihm hochziehen zu lassen.
   Er ließ ihre Hand nicht los, als sein Blick begehrlich an ihrem Körper hinabglitt und den vorwitzigen Wassertropfen folgte, die sich ungehindert ihren Weg zwischen ihren Brüsten entlangbahnten. Sara genoss seine Blicke und seine Reaktion, grinste verwegen und malte sich aus, wie er sie in der Kühle des Abends effektiv wärmen könnte.
   Jacks Augen funkelten verdächtig, als er plötzlich seinen Griff löste, sich von ihr abwandte und mit seinem Körper abschirmte.
   Verwundert folgte Sara seinem Blick und erkannte Michael, der ihnen anscheinend gefolgt war. Gerade betrat er schwer atmend den Steg und blieb vor ihnen stehen. Als er Sara, die hinter Jacks Rücken hervorlugte, sah, versuchte er den Umstand zu ignorieren, dass sie nichts am Leib trug.
   »Jack, in Bellwick gab es eine Schlägerei, genauer gesagt im Center deines Bruders«, stieß er hastig hervor.
   Erst jetzt wurde sie sich ihres Aufzugs bewusst und griff verlegen nach ihrem T-Shirt. Sie beeilte sich, es überzuziehen, doch mit feuchter Haut hatte sie mit ihrer Jeans schon mehr Mühe. Sie hätte sich nicht mit ihrer Kleidung abmühen müssen; weder Michael noch Jack würdigten sie eines Blickes, beide waren in ein Gespräch vertieft.
   Michael erzählte Jack, was er über den Vorfall wusste. Noch immer mit ihrer widerspenstigen Jeans beschäftigt, hörte Sara nur Gesprächsfetzen.
   »Ja, Marc war mittendrin. Soweit ich weiß, ist er noch im Bodybuildingcenter.«
   »Wann ist es passiert? Ich fahre gleich los und schaue nach ihm«, sagte Jack.
   Als Sara es endlich geschafft hatte, sich in ihre Jeans zu zwängen und zu den Männern trat, machten sie sich gemeinsam auf den Rückweg.
   Wirklich erfreulich, dass sie sie wenigstens nicht vergessen und allein zurückgelassen hatten, dachte sie mit einem Anflug von Zynismus.
   »Miranda rief mich an, sie war völlig außer sich. Als sie Marc abholen wollte, hörte sie schon im Eingang den Krawall. Mehrere Leute waren darin verwickelt, darunter auch Marc, der gerade einen Hocker anhob, um ihn einem anderen über den Schädel zu ziehen. Miranda konnte verhindern, dass er seine Absicht in die Tat umsetzte, allerdings zeugte ein schon am Boden liegender zertrümmerter Hocker und diverses beschädigtes Mobiliar davon, dass sie zu spät gekommen war. Erst, als sie mit der Polizei drohte, beruhigten sich die Männer. Sie ist erstaunt, dass Marc anstatt den Streit zu schlichten, mit daran beteiligt war. So kennt Miranda ihren Mann nicht. Und wir auch nicht«, fügte Michael nachdenklich hinzu.
   Jack schüttelte verwundert den Kopf und auch Sara machte sich Gedanken. Sie kannte Marc als einen umsichtigen Mann, der sich normalerweise niemals auf eine Provokation einlassen würde. Doch heute hatte er scheinbar seine Intuition mehr als ignoriert. Obwohl Sara eigentlich vorhatte, Jack und Michael zu begleiten, entschied sie sich am Ende dagegen. An ihrem Cottage hatte sich mittlerweile auch Jafa eingefunden. Aus welchen Kanälen er so schnell die Nachricht überbracht bekommen hatte, war ihr schleierhaft. Drei aufgeregte Männer zu Marcs Unterstützung sollten wahrlich genügen.

*

Jack betrat das Center, gefolgt von Michael und Jafa. Ihnen bot sich ein Bild der Verwüstung. Zwischen gesplitterten Hockern, die, wie die Überreste bewiesen, einen Wurf durch die Scheibe der Trennwand nicht standgehalten hatten, saßen drei Männer und prosteten sich mit einem Bier zu. Marc stand hinter der Bar und schien mit einer klaffenden Wunde oberhalb der Augenbraue noch glimpflich davongekommen zu sein. Allerdings wirkte er nicht ganz so zufrieden wie die anderen Männer, die zwar allesamt lädiert, jedoch friedlich zusammensaßen. Jack erkannte den Grund sehr schnell. Hinter Marc stand Miranda mit einer Kehrschaufel in der Hand und schimpfte leise vor sich hin.
   »Kann mir einmal einer sagen, was hier los war?« Jacks Frage ließ die Anwesenden zusammenfahren und verfehlte nicht ihre Wirkung.
   Beschämt blickten sich die Männer an.
   »Schon auf der Straße habe ich den Lärm durch die geöffneten Fenster hören können! Die Jungs haben das Center mit einem Spielplatz verwechselt, das ist passiert«, ertönte Mirandas schneidende Stimme aus dem Hintergrund, noch bevor einer von ihnen etwas sagen konnte. Mit vorwurfsvollem Gesichtsausdruck stach sie mit dem Zeigefinger in Marcs Richtung. »Und dieser hier hat munter mitgemischt …«
   Jack musste schmunzeln. Niemand war ernsthaft verletzt, die Einrichtung würde die Versicherung bezahlen und sein Bruder schaute so zerknirscht wie schon lange nicht mehr.
   Was auch kein Wunder war, seine Frau würde ihn das so schnell nicht vergessen lassen. Jack konnte sich denken, dass für Marc schwere Zeiten anbrechen würden.
   Wer genau den Streit begonnen hatte, wusste niemand mehr zu sagen. Im Grunde genommen ging es um eine Kleinigkeit. Einer wollte ein Trainingsgerät benutzen, das der andere seiner Meinung nach zu lange in Beschlag genommen hatte. Ein Wort gab das andere und schon waren sie mitten in einem schönen Streit, der in Handgreiflichkeiten übergegangen war. Marc wollte zu Anfang schlichten, wie er mit einem Seitenblick auf seine noch immer wütende Frau besonders betonte. Doch als auch er verbal angegriffen wurde, musste er sich natürlich wehren.
   Alle Männer nickten zustimmend, doch das hätten sie besser bleiben lassen. »Na, dann könnt ihr ja auch alles sauber machen«, tobte Miranda und verteilte die Aufräumarbeiten.
   Niemand wagte, sich zu widersetzen. Alle, selbst Michael, Jafa und Jack packten mit an, obwohl sie nichts mit der Sache zu tun gehabt hatten.
   »Da will man nur helfen und das wird auch noch wortwörtlich genommen, typisch Frau«, murmelte Jack.

*

Sara blickte zum wiederholten Mal beunruhigt auf die Uhr. Vor mehr als zwei Stunden waren die Männer aufgebrochen. So lange konnte es doch nicht dauern. Wenn es schlimm gewesen wäre, hätte Jack sie doch sicherlich angerufen.
   Als er Stunden später endlich zu Hause eintraf, empfing sie ihn zuerst sauer. Nachdem sie jedoch hörte, dass Miranda mit Erfolg alle Männer wie ein Feldwebel dirigiert hatte, musste sie lachen und revidierte ihren Gedanken von vorher – nein, wenn Miranda einmal wütend war, reichten selbst drei Männer nicht aus, um sie zu beruhigen!

Am nächsten Morgen drehte sich Sara noch einmal genüsslich auf die andere Seite. Für heute hatte sie sich Urlaub genommen, da ihr Bruder Marcel noch zur Verabschiedung vorbeikommen wollte. Seit einer Woche wohnte er bei Jennifer in Mitchen und sie hatte ihn während dieser Zeit nur einmal, auf Minas Party, zu Gesicht bekommen. Das bedeutete in ihren Augen nur eines: Es schien ihm mit Jennifer ernst zu sein. Was, außer der Liebe zu einer anderen Frau, hätte ihn davon abgehalten, Sara zu besuchen, wenn er schon so selten in ihrer Nähe war.
   Als sie ihm später die Tür öffnete, erkannte sie an seinem reuigen Gesichtsausdruck, dass auch ihm bewusst war, dass er seine Schwester sträflich vernachlässigt hatte. Amüsiert lächelnd umarmte sie ihn liebevoll, um ihn gleich darauf in Richtung Küche zu lenken, wo sie schon den Frühstückstisch vorbereitet hatte.
   Marcel sah ihr sehr ähnlich und war genauso dunkelhaarig wie sie. Er ließ seinen Blick über die frischen Brötchen gleiten und erkannte, mit wie viel Liebe sie alles angerichtet hatte. Nun kam das charakteristische Grübchen zum Vorschein, das sie ebenfalls gemeinsam hatten und das Jack an ihr so liebte. Bei einer heißen Tasse Tee zwischen Marmelade und Aufschnitt begannen sie ein angeregtes Gespräch.
   »Ja, ich weiß, ich sollte mich viel öfter melden. Aber immer, wenn ich es mir vornehme, kommt irgendwas dazwischen«, entschuldigte sich Marcel, während er genüsslich ein Brötchen verschlang.
   Sara lehnte sich gegen die Stuhllehne. »Kann es sein, dass »dazwischen« auch einen Namen hat?«, erwiderte sie mit einem breiten Grinsen.
   Marcel lachte verlegen auf und kaute ausgiebig an seinem Brötchen herum, bevor er seine Schwester verschmitzt ansah. »Was hast du dir denn da schon wieder zurechtgelegt? Ich weiß, dass du gern eine Frau an meiner Seite wüsstest. Du hast Jack auch nicht von heute auf morgen gefunden. Wenn du auf Jennifer anspielst: Klar, wir mögen uns, doch mehr ist es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Wir haben festgestellt, dass wir uns angeregt über Themen, die uns beide interessieren, unterhalten können, und das ist schon etwas Besonderes.«
   Sara erkannte den schwärmerischen Ausdruck in seinen Augen, deshalb lächelte sie und biss ihrerseits genüsslich in ihr Brötchen. Ihr fiel etwas ein, dass sie Marcel schon längst fragen wollte. Der Umstand, dass er kein Werwolf war, machte die Antwort von ihm umso interessanter. »Sag mal, auf Minas Geburtstagparty, ist dir da irgendwas Ungewöhnliches aufgefallen? Ich meine, an den Leuten die da waren?«
   Marcel hatte offenbar nicht mit einer solchen Frage gerechnet und schien sich nicht sicher, was Sara meinte. Er runzelte die Stirn. »Hm, eigentlich nicht. Es waren sehr nette Leute anwesend. Ich vermute, dass es sich zum größtenteils um Werwölfe handelte?«, gab er seinen Eindruck von der Party, nach einem Moment des Überlegens wieder. Er zog fragend die Augenbrauen hoch. »Allerdings gab es da einen Moment, der mir richtig unheimlich vorkam. Das war, als du dich zwischen Michael und Jafa gestellt und auf sie eingeredet hast. Ich hab nicht allzu viel hören können, aber die zwei waren ganz schön hitzig bei der Sache. Was mich jedoch am meisten irritierte, war die seltsame Stimmung, die auf einmal über allem lag. Selbst Jennifer, die wirklich eine ganz Sanfte ist, verhielt sich für einen Moment merkwürdig. Die ganze Zeit starrte sie auf die beiden, ohne zu merken, dass sie meinen Arm umklammerte, als wäre sie auf irgendeine Weise in die Auseinandersetzung involviert. Und die anderen sahen auch nicht unbeteiligt aus«, fügte er leise hinzu.
   Sara nickte und spielte weiter mit einem Faden, der aus ihrem Pullover lugte. Als sich das Schweigen in die Länge zog, blickte sie auf. »Ja, so was Ähnliches habe ich vermutet. Mir kam es auch so vor, als ob alle Werwölfe mit einem Mal ihre ganze Konzentration auf Michael und Jafa gerichtet hatten. Leider sah es nicht so aus, als ob sie zum Schlichten bereit gewesen wären«, ging sie auf Marcels fragenden Blick ein.
   Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sich etwas in diese Richtung gedacht hatte. »Mensch, wenn du es auch bemerkt hast, warum hast du nicht mit Jack darüber gesprochen?«, fragte er neugierig.
   »Wie du gerade sagtest, ich habe es bemerkt. Jack und den anderen war nicht bewusst, wie sie reagierten. Das wiederum wirft die Frage auf, warum ich nicht dasselbe empfunden habe. Immerhin konnte ich die gleichen Reaktionen bei allen Werwölfen erkennen, nur nicht bei mir.«
   Marcel, der offensichtlich erst jetzt erkannte, worum es ihr wirklich ging, legte ihr seine Hand auf die Schulter. »Sara, jetzt miss der ganzen Sache doch nicht so viel Bedeutung bei. Vermutlich war es reiner Zufall und hat absolut nichts mit dem Umstand zu tun, dass du etwas anders bist, als die übrigen Werwölfe. Vergiss die Angelegenheit und gut ist es.«
   Da sie nicht wollte, dass sich Marcel um sie sorgte, denn das hatte er in der Vergangenheit oft genug tun müssen, rang sie sich ein Lächeln ab. »Du hast bestimmt recht, lassen wir das«, stimmt sie ihm zu.
   Im Nachhinein war sie froh, dass sie sich Zeit für ihren Bruder genommen hatte. Es waren ein paar schöne Stunden, die sie an diesem Tag mit ihm verbrachte. Bevor er zurück nach Surrey fuhr, einigten sie sich auf einen wöchentlichen Anruf, um in Kontakt zu bleiben.

Kapitel 3

Langsam schlich sich der kühle Herbst ein. Das milde Wetter, das außergewöhnlich lange angehalten hatte, war einer kalten und feuchten Witterung gewichen. Die Bäume färbten sich bunt und oftmals regnete es den ganzen Tag so, als gälte es, die verlorene Zeit wieder aufzuholen.
   Sara fühlte sich oft unwohl und müde. Ihr ursprünglicher Gedanke, dass sie sich eine Magenverstimmung eingefangen haben könnte, ließ sich nun nicht mehr aufrechterhalten. Seit Kurzem wusste sie, dass sie schwanger war. Eigentlich hätte sie Jack längst von ihrem Zustand erzählen sollen, doch sie wollte den richtigen Augenblick abpassen. Diesen schien es in letzter Zeit allerdings nicht zu geben. Nach anfänglichen Unstimmigkeiten und kleinen Reibereien häuften sich inzwischen die Streitigkeiten in ihrem Bezirk. Und nicht nur dort, denn mittlerweile waren viele Teile ihres Territoriums davon betroffen. Auch innerhalb des Rudels kam es jetzt oftmals zu Streitigkeiten, die jedoch immer nur kurz aufflammten. Jack hatte alle Hände voll damit zu tun, seinen Werwölfen immer wieder einzuschärfen, sich nicht in die Auseinandersetzungen anderer hineinziehen zu lassen.
   Sara hoffte auf ein ruhiges Wochenende mit Jack und verließ gut gelaunt das Geschäft. Heute Abend, so hatte sie es sich vorgenommen, würde sie ihm erzählen, dass er Vater werden würde. Zu diesem besonderen Anlass machte sie einen Abstecher in den Feinkostladen um die Ecke, in dem sie sich die Zutaten für ein schönes Menü zusammenstellen wollte. Dazu suchte sie einen guten Weißwein für Jack und malte sich aus, wie sie bei Kerzenschein den Abend genießen und zu späterer Stunde einen Ausflug auf ihre Lichtung machen würden. Beschwingt verließ sie mit einer großen Schachtel voller Delikatessen den Laden und ging die Straße hinauf zu ihrem Auto.
   Auf dem Parkplatz standen um diese Zeit nur noch wenige Wagen, doch Sara war zu sehr in Gedanken, um auf die Fahrzeuge zu achten. Deshalb war sie erschrocken und überrascht, als sie hinter sich ein scharfes Bremsen hörte. Als ein Auto so knapp an ihr vorbeiraste, dass sie vor Schreck ihre Schachtel fallen ließ, war es mit ihrer guten Laune schlagartig vorbei. Spann der, so nah an ihr vorbei zu fahren? Hier gab es doch wirklich genug Platz …
   Kopfschüttelnd sammelte sie die verstreuten Lebensmittel auf und war froh, dass die Weinflasche noch immer sicher verpackt in ihrer Styroporschachtel lag.
   Unvermutet legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Sie zuckte zusammen und richtete sich auf.
   Laurence stand hinter ihr und sah sie verlegen an. »Sag mal, musst du mich so erschrecken?«, fauchte sie ihn gereizt an, als ob er an allem Schuld wäre. »Erst das bescheuerte Auto und jetzt auch noch ein …«, Sara stockte, ihren ursprünglichen Gedanken unterdrückend, ihren Nachbarn mit demselben Wort, das sie auch schon für das Auto benutzt hatte, zu betiteln. »Du«, fügte sie schnell hinzu.
   »Ich dachte, du würdest mich hören, deine Ohren sollten meine Schritte eigentlich wahrnehmen«, beteuerte Laurence mit schuldbewusstem Gesichtsausdruck.
   Sara schnaubte und verdrehte die Augen. Es war schon das zweite Mal, dass es ihm gelungen war, sie so zu überraschen, und darüber war sie alles andere als glücklich.
   Laurence, der an Saras ablehnender Haltung offenbar ihre Begeisterung über sein Auftauchen ableitete, ignorierte es. »Sag mal, hast du hier noch was zu erledigen? Wenn nicht, könnte ich bei dir mit nach Roseend fahren?«
   Sara war gereizt und genoss die Aussicht eines verbalen Seitenhiebes. »Heute Nacht ist Vollmond, du könntest doch noch etwas abwarten und dann nach Hause laufen …« Kaum hatte sie es ausgesprochen, tat es ihr auch schon leid. Immerhin war er ja nicht für den Schreck, den sie durch das Auto bekommen hatte, verantwortlich. »Na klar, steig ein«, fügte sie etwas milder gestimmt hinzu.
   »Daran habe ich auch schon gedacht. Allerdings würde ich meine Gitarre ungern hier irgendwo deponieren oder sie dir mitgeben, während ich hier irgendwo die Nacht abwarte, um als Wolf nach Hause zu laufen. Wäre doch wirklich bescheuert«, sagte er mit einem belustigten Unterton in der Stimme und machte es sich auf der Beifahrerseite bequem.
   Sie lachte auf. »Stimmt, das den anderen Werwölfen zu erzählen, wäre wiederum witzig.«
   Während sie vom Parkplatz fuhr und sich in den um diese Zeit mäßigen Verkehr einordnete, streifte sie ihn mit einem neugierigen Blick. »Wieso läufst du eigentlich den ganzen Tag mit deiner Gitarre herum? Wird es dir nicht langsam zu kalt da draußen? Entweder frieren dir die Finger ab oder deiner Gitarre die Saiten ein«, witzelte sie. »Die Leute, die deine Musik hören, wissen sie doch nicht zu schätzen«, fügte sie wieder ernst hinzu.
   »O doch, sie bemerken sie, auch wenn sie es noch nicht wissen …«, entgegnete ihr Nachbar mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme. Sara schüttelte unmerklich den Kopf, während sie auf den Verkehr vor sich achtete. Der Typ war völlig durchgeknallt.
   Während der Fahrt nach Roseend sprachen sie kein Wort. Eine ungemütliche Stille breitete sich zwischen ihnen aus, doch Sara hatte einfach keine Lust, höfliche Konversation zu betreiben und schwieg hartnäckig.
   An ihrem Cottage angekommen, verabschiedete sie sich von Laurence und parkte ihr Auto ein. Schon an der Tür hörte sie das Klingeln des Telefons. Hastig warf sie im Vorbeilaufen den Autoschlüssel auf die Kommode im Flur und griff atemlos nach dem Hörer. »Hallo?«
   »Sara, ich bins, Jack. Ich hatte wirklich gehofft, heute pünktlich nach Hause zu kommen, aber mir ist etwas Unerwartetes dazwischengekommen. Hier um die Ecke gab es eine üble Schlägerei. Zum Glück war keiner von uns Werwölfen daran beteiligt. Die Polizei ist hier und lässt niemanden durch, bevor sie nicht mit allen, die sich in unmittelbarer Nähe aufgehalten haben, gesprochen hat. Es war Pech, dass ich zum falschen Zeitpunkt dort vorbeigekommen bin.«
   Sara hörte ihn am anderen Ende gereizt aufschnaufen. »Macht doch nichts, dann essen wir eben später«, wiegelte sie mit einem Blick auf die Uhr ab. »Wenn du noch länger brauchst, mache ich schon einmal einen kleinen Abstecher auf unsere Lichtung. Du kannst ja später nachkommen.«
   »Sei vorsichtig und bleibe in der Nähe von Roseend«, ermahnte er sie eindringlich, bevor er das Gespräch beendete.
   Sara lächelte vor sich hin. »Sieh du lieber zu, dass du aus der Stadt verschwunden bist, bevor es Nacht wird!« Merkwürdig, dass er das immer wieder sagte, wenn sie, was selten genug vorkam, allein zur Vollmondzeit ihre Runden drehte. Er hatte offenbar vergessen, dass es eine Zeit gegeben hatte, an der sie auf sich allein gestellt war.
   Wenige Stunden später verstärkte sich ihre innere Unruhe. Ein Blick aus dem Fenster genügte, um ihr die Entscheidung zu erleichtern, wann sie sich auf den Weg machen sollte.
   Mittlerweile wurde es dämmrig. Bis der noch sehr matte Schein des Mondes, der sich langsam aber stetig vorarbeitete, vollständig am Himmel erschien, würde noch etwas Zeit vergehen. Doch Sara hatte keine Lust, länger zu warten und beschloss, schon jetzt loszuziehen.
   Als sie durch die Hintertür des Cottages schlüpfte, meinte sie, rechts von ihr einen Schatten zu erkennen. Doch als sie ihren Blick suchend umherschweifen ließ und mit gespitzten Ohren lauschte, glaubte sie, sich getäuscht zu haben. Übermütig sauste sie durch Laurence’ Garten, umrundete das Cottage und schlüpfte durch die Lücke in der Hecke hindurch in Richtung Wald. Wie immer fielen während des befreienden Laufs alle Sorgen von ihr ab. Es zählten nur noch das Gesetz der Natur und ihre wölfischen Instinkte, die inzwischen die Oberhand gewonnen hatten.
   Ihre geschmeidigen Muskeln spielten perfekt ineinander, als sie durch den düsteren Wald huschte. Tief sog sie den modrigen, vollen Geruch des Waldes ein und schnupperte nach einer frischen Fährte, die ihren Weg kreuzte. Für eine kurze Zeit vergaß sie ihr Ziel und brach, einer frischen Tierfährte folgend, durch das Unterholz. Spielerisch jagte sie ein Kaninchen, das aufgeschreckt durch häufigen Richtungswechsel zu entkommen versuchte. Sie genoss die unbändige Freiheit, die ein Privileg des Wolfseins war, und stromerte ausgiebig durch den Wald. Als der Mond hoch und voll am Himmel stand, machte sie sich auf den Weg zu ihrem vereinbarten Treffpunkt. Sie bog nach links ab und lief im gestreckten Lauf einen Wildpfad entlang, der auf die Lichtung führte.
   Kurz vor ihrem Ziel bremste sie ihre Geschwindigkeit und betrat im Schritttempo die mondlichtüberflutete Lichtung. Mit gespitzten Ohren horchte sie auf die Laute in ihrer Umgebung. Hatte es nicht gerade hinter ihr im Unterholz geknackt? Normalerweise wusste sie bei allen Geräuschen – und mochten sie noch so leise sein -, um welches Wildtier es sich handelte. Doch dieses konnte sie nicht einordnen. Mit aufgerichteten Ohren lauschte sie in die Dunkelheit, während sie in geduckter Haltung zur Mitte der Lichtung schlich. Sie musste sich getäuscht haben, außer ihr war niemand zu sehen. Als sich Sara niederließ und die Augen schloss, spürte sie die verlockende Macht des Mondes, die nun mit ganzer Macht durch ihren Körper strömte und ihn erbeben ließ.
   Doch dieses Mal sang sie nicht mit der Wildheit, die sonst typisch für sie war, sondern leise und zart. Die Töne wurden höher, spitzten sich zu, um dann langsam zu verebben.
   Wie so oft erschienen die Schatten mehrerer Wölfe am Waldrand. Sie erkannte die kleine braune Wölfin, die zaghaft die Lichtung betrat, dicht gefolgt von ihrem Partner, dessen Fellfarbe der ihren ähnlich war. Beide Tiere gesellten sich zu Sara und stimmten in ihr Lied ein. Niemand beschleunigte das Tempo, sie alle sangen im Gleichklang den Mond an. Sara sah aus den Augenwinkeln, wie ein mächtiger silberner Wolf am Rande der Lichtung auftauchte. Doch er kam nicht näher, sondern verharrte an seinem Platz, bevor er sich auf den Hinterpfoten niederließ.

*

Jack beobachtete die kleine, zierliche schwarze Wölfin, fasziniert von dem Bild, das sich ihm darbot. In weiches Licht getaucht, saßen die drei Wölfe einträchtig nebeneinander. Ein solcher Anblick war nichts Ungewöhnliches; das Zusammentreffen der Einwohner von Roseend in einer Vollmondnacht, auf dieser, von ihnen bevorzugten Lichtung, kannte er zur Genüge. Doch was er noch nie zuvor gesehen hatte, war der goldene Schimmer, der seine Partnerin nicht nur umgab, sondern regelrecht von ihr auszugehen schien.
   Dieser Umstand, der keinem der anwesenden Wölfe entgangen war, außer der Betroffenen selbst, verriet ein verheißungsvolles Geheimnis, das Jacks Herzschlag beschleunigte. Ursprünglich wollte er sich zu den anderen gesellen, doch jetzt genoss er den besonderen Anblick, der ihm so unerwartet geboten wurde.
   Als Jafa und Mina die Lichtung verließen, trat er aus dem Schatten eines Baumes auf die schwarze Wölfin zu, die übermütig um ihn herumtänzelte.
   Voller Lebensfreude stupsten sie sich immer wieder gegenseitig liebevoll mit ihren Schnauzen an. Gemeinsam durchstreiften sie den Wald, liefen über die feuchten Wiesen, besuchten den See und umrundeten Roseend, bevor sie durch die angelehnte Hintertür ihres Heims schlüpften. In ihrem Cottage verwandelten sie sich zurück und ließen mit ihrer Wolfsgestalt, auch einen Teil ihrer wölfischen Instinkte zurück.
   Jack stand nackt im Flur und musterte Sara, die ebenfalls unbekleidet war. Keiner von ihnen sprach ein Wort, diesen Moment der innigen Verbindung wollten sie, solange es ging, festhalten. Der Übergang vom Wolf zu einem Menschen war ein magischer Moment, der jetzt eine noch tiefere Bedeutung gewonnen hatte als je zuvor. Langsam ging Jack auf Sara zu und umarmte sie. Voller Zuneigung schmiegte sich Sara an ihn. Jack strich über ihren Rücken und umschlang ihre schmalen Hüften, während Sara Jack ihrerseits umarmte. So blieben sie einige Zeit stehen und genossen die Nähe ihrer Körper, bis sich ihre Lippen zu einem Kuss trafen. Ohne sich voneinander zu lösen, gingen sie in Richtung Schlafzimmer. Dort glitt Sara unter seinem Arm hindurch und reichte ihm im gedämpften Licht der Nachttischlampe ein Glas Wein, während sie sich mit einem Orangensaft begnügte.
   Jack nippte an seinem Wein und musterte sie währenddessen aufmerksam. Sein Blick glitt von ihren Schultern, über ihr Schlüsselbein, bis zu den Brüsten, die ihm etwas üppiger als früher vorkamen. Wanderte weiter über ihre schmalen Hüften und blieb für einen Moment an ihrem Bauchnabel haften, bevor er seine Aufmerksamkeit ihrem noch flachen Bauch zuwandte.
   Er musste lächeln, wodurch Sara ihn irritiert anblickte. Dass ihr Anblick auch ihn erregte, ließ sich nicht mehr verbergen. Mit einer geschmeidigen Bewegung nahm sie ihm das Glas aus der Hand und legte ihre Handfläche auf seinen Brustkorb, sodass er auf den Rücken zu liegen kam. Über ihn gebeugt bedeckte sie seinen Hals mit hungrigen Küssen und ließ sich langsam auf ihm nieder.

*

Laurence, der gerade aus der feuchten Wiese auftauchte und neben dem Kiesweg stehen geblieben war, beobachtete, wie sich zwei Silhouetten für einen Moment an einem der Fenster abzeichneten.
   Ein leises Grollen stieg in seiner Kehle auf, das er jedoch sogleich unterdrückte.
   Heute war er unvermutet Zeuge eines Geheimnisses geworden, das mit Sicherheit nicht für seine Augen bestimmt gewesen war. Doch Saras Zustand erklärte, warum sie von einer seltsamen Magie umgeben schien, über die er sich bereits seit Längerem den Kopf zerbrochen hatte. Eine Schwangere in den Reihen der Werwölfe würde das Rudel nicht nur stärken, sondern auch besonders vorsichtig werden lassen. Ein Umstand, der ihm nicht entgegenkam. Andererseits würde der Fokus aller Rudelmitglieder auf Sara und dem ungeborenen Kind liegen. Ein Gefühl von Eifersucht wallte auf, vermischte sich mit dem Bedürfnis, Sara und das Kind für sich zu beanspruchen und wurde von dem Wunsch abgelöst, dieses Rudel bis auf den letzten Mann, auf die letzte Frau und das letzte Kind zu vernichten. Ein unterdrücktes, hasserfülltes Grollen ließ ihn erbeben, gerade noch rechtzeitig bohrte sich seine Schnauze in die feuchte Erde. Seine Reißzähne gruben sich in ein Grasbüschel, das er mitsamt einem Brocken Erde aus dem Boden riss.
   Er schüttelte sein Fell, machte kehrt und sprang mit einem geschmeidigen Satz über den niedrigen Zaun, der sein Grundstück eingrenzte. Es wäre für ihn kein Problem gewesen, sich in dieser Vollmondnacht den anderen Wölfen aus Roseend anzuschließen, doch dieses Bedürfnis verspürte er nicht.

*

Sara kuschelte sich zufrieden in Jacks Arme.
   »Wann wolltest du mir eigentlich erzählen, dass wir Eltern werden?«
   Erstaunt richtete sie sich auf und musterte sein Gesicht, das sie verschmitzt angrinste. »Woher weißt du es, ich habe es noch niemandem gesagt. Ich wollte es dir heute erzählen«, stammelte sie.
   »Du hast es mir heute erzählt. Als ich dich auf der Lichtung sah, leuchtete deine Aura heller als der Mond. Da war mir klar, dass du schwanger bist«, verriet er ihr mit einem Augenzwinkern.
   Sara war mehr als erstaunt über diese Antwort. In der Vergangenheit hatte sie keinerlei Kontakt zu weiblichen Werwölfen gehabt und wusste nichts davon, dass die Aura eines Wolfes in bestimmten Situationen nicht nur angedeutet, sondern besonders intensiv zum Vorschein kommt. Natürlich kannte sie das leichte Flimmern, das jeden in seiner Wolfsgestalt umgab, doch darüber hatte sie sich nie Gedanken gemacht, es war für sie ein gewohnter Anblick.
   Dass jedoch auch eine Schwangerschaft über die Aura der Betreffenden erkennbar sein würde, hatte sie nicht geahnt.
   Ihr Blick blieb an Jacks Augen hängen. Winzige goldene Punkte tanzten in ihnen. Ein zärtliches Lächeln umspielte seine Lippen. So einladend, dass Sara nicht anders konnte, als ihn zu küssen. Sie brauchte ihn nicht zu fragen, wie er zu ihrer Schwangerschaft stand, die Antwort darauf konnte sie in seinen Augen lesen.
   »Nun, da du es ja schon allein herausgefunden hast, was wünschst du dir? Soll es ein Mädchen oder ein Junge werden?«
   »Natürlich muss es ein Junge werden. Immerhin brauche ich einen Stammhalter, der in meine Fußstapfen tritt …«, sagte er mit ernstem Gesicht und im Brustton der Überzeugung.
   Ein kräftiger Stoß gegen seinen Brustkorb ließ ihn schlagartig verstummen. Sie richtete sich entrüstet auf.
   Jack brach bei ihrem wütenden Anblick in schallendes Gelächter aus und zog sie wieder zu sich hinunter. »Denkst du wirklich, dass ich mir darüber Gedanken mache, mein Schatz? Ehrlich gesagt ist mir das Geschlecht völlig egal. Ich bin einfach nur glücklich, dass wir ein Baby bekommen!«
   Beruhigt lehnte sich Sara zurück ins weiche Kissen und blickte sinnierend zur Decke. »Das will ich dir auch geraten haben. Es wäre schön, wenn es deine blauen Augen bekäme«, murmelte sie verzückt.
   »Ich würde mich auch über dunkle Augen freuen. Ich bin mir sicher, dass unser Kind schwarze Haare haben wird«, raunte ihr Jack zärtlich zu.
   Sie kicherte bei seinen Worten. »Das wiederum dürfte wohl kein Geheimnis sein«, murmelte sie, mittlerweile müde geworden.
   Sara wurde auf einer Woge reiner Liebe zu ihm und dem Baby davongetragen und lächelte auch noch, als ihr die Augen zufielen.

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