Liah hat die Nase gestrichen voll. Ein Ungeheuer besetzt seit Kurzem ihr Heim. Ihre beste Freundin Aeri will keine lebensnotwendige Hilfe annehmen und ihr geliebter Tristan ist immer noch mausetot. Kurzerhand beschließt sie, dass sich etwas ändern muss. Als Erstes will sie Tristan ins Leben zurückholen. Eine Elementarmagierin darf einmal im Leben bei der Seelengängerin um die Seele eines geliebten Menschen bitten. Dumm nur, dass Liah keine Magierin mehr ist. Seit Tristans Tod verwandelt sie sich immer weiter in eine Elementarhexe – die fiese Variante einer herzensguten Magierin. Doch Liah wäre nicht Liah, wenn sie nicht dagegen ankämpfen würde. Sie macht sich auf, um Tristan zu retten und ihre Seele zu heilen. Eine Sache weiß sie allerdings nicht: Ihre Entscheidung könnte die Welt zerstören. Ein Band zwischen zwei Liebenden. Ein Band, das töten wird!

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ISBN: 978-9963-53-198-1

Seiten: 336

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Liane Mars

Liane Mars
Liane Mars ist das Pseudonym einer sauerländischen Leseratte mit dem Hang, selbst in die Tasten zu hauen. Sie ist Jahrgang 1984, wird aber noch immer von Erwachsenen geduzt. Ihre erste Berührung mit einem Verlag hatte sie, als sie zur „Verlagskauffrau“ ausgebildet wurde – sie war allerdings der letzte Jahrgang dieses jetzt ausgestorbenen Berufszweiges. Flugs wechselte sie über den Studiengang „Medienwissenschaften“ zu den neuen Medien, dem Radio. Derzeit lebt sie zusammen mit ihrem Mann und zwei Wellensittichen in Schwerte. Gern können Sie Kontakt mit ihr aufnehmen, am besten über info@liane-mars.de.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Spontane Experimente brachten Ärger –zumindest, wenn ich sie durchführte. Sie verursachten nämlich im Allgemeinen nicht nur für mich riesengroße Probleme, sondern auch für meine Freunde und Bekannten, vielleicht sogar für die ganze Welt.
   Die Sache war nur, dass mich Versuche magisch anzogen. Sobald ich jedoch morgens mit einer Idee für einen neuen Test aufwachte, sollten alle anderen um mich herum im Bett bleiben. Der Tag konnte nur in einer Katastrophe enden.
   An diesem Morgen hatte ich genau diesen Gedanken, dieses Aufflackern hinten in meinem Gehirn, dicht gefolgt von einem zweiten Geistesblitz. »Genial!« Nein, das war es meistens nicht. Hinterher erkannte ich das auch, in den ersten, sich so gut anfühlenden Sekunden mentaler Genialität hielt ich mich allerdings für ausgesprochen ausgefuchst.
   War ich nicht. Das sollte ich mir dringend merken.
   Ehe ich darüber nachgedacht hatte, war ich aus dem Haus und hinüber zum Pflanzenfeld gehüpft. Ich trug nur mein zerschlissenes Nachthemd und die gute Laune wie einen Schild vor mir her. Ich hatte eine Idee, die Berge versetzen und Freundinnen retten konnte. Welch ein Morgen.
   Die Sonne sandte ihre ersten Strahlen über den Himmel und ein bisschen Nebel waberte um mich herum. Ansonsten war es vollkommen still, denn unser Dorf schlief noch. So, wie es sich für diese Uhrzeit eigentlich gehörte.
   Tulu, mein letzter, treuer Feuergeist, schwebte verwirrt neben meinem Kopf her, fragend eine wirre Abfolge von Blinksignalen morsend. Ich verstand nicht, was er von mir wollte, und ignorierte ihn.
   Die Idee war wichtiger.
   Unser Dorf war nach wie vor ziemlich klein. Vor vielen, vielen Jahren waren wir als gestrandete Gruppe verfolgter Magiewesen hier angekommen. Seitdem wir uns niedergelassen hatten, hatte es exakt fünf Geburten und sieben Todesfälle gegeben. Da brauchte man kein Rechengenie zu sein, um die Abwärtsspirale zu erkennen.
   Aber bei allen Höllengeistern: Meine Freundin Aeri würde gewiss nicht Teil dieser Spirale werden.
   Meine Füße machten kaum Geräusche auf dem noch feuchten Gras. Ich sprang lautlos über den etwa hüfthohen Zaun, der unser Gemüsefeld vom Dorf abtrennte, und schlich von Trudifrucht zu Trudifrucht, drehte, wendete, analysierte jede Einzelne, bis ich die Ideale gefunden hatte.
   Sie war dick, rund, haarig und schimmerte in einem ekelhaften Grünbraunorange, wobei sie an den verschiedensten Stellen durchscheinend war. So konnte man bequem in ihr Innerstes blicken. Darin schwappte eine geleeartige Flüssigkeit. Die schmeckte so bitter, dass ich nicht verstand, wie sie jemand zum Frühstück trinken konnte. Aber gut. Ich wollte die Frucht ja nicht leer trinken, sondern sie zweckentfremden.
   Schnaufend machte ich mich daran, ihre Lianen von den anderen Trudifrüchten zu lösen. Sie klammerte sich vehement an ihren Kumpeln fest, doch nach ein, zwei entschlossenen Schnitten mit dem halbstumpfen Messer hatte ich sie ihren Freunden entrissen. Ich rollte sie unter dem Zaun her, zufrieden die Beute betrachtend. Ja. Sie war in etwa so rund wie der momentane Bauchumfang meiner besten Freundin Aeri. Perfekt.
   Aeri war schwanger, seit etwa … drei Jahren? Vier? War im Endeffekt egal, denn eins war klar: Sie war schon viel zu lange schwanger, als dass es gesund sein konnte, selbst für ein Magiewesen. Ich kannte eine Shadunfrau, die zwei Jahre ihr Kind ausgetragen hatte, was schon rekordverdächtig war. Aeri setzte da noch einen drauf.
   Hier begann das Experiment.
   Gerade tuckerte die Sonne über den Horizont. Sie zeigte mir damit die ideale Stelle, um die Trudifrucht zu platzieren: Das Feld vor unserem gigantischen Elementarbaum war das sonnigste und gleichzeitig das abgeschiedenste.
   Da die meisten Leute aus dem Dorf viel zu ehrfürchtig vor der majestätischen Kraft des Baumes waren, als dass sie ohne Grund in seine Nähe gekommen wären, war hier eigentlich nie jemand. Nur ich kam regelmäßig vorbei, was natürlich genau richtig für mein Vorhaben war.
   Schon bald lag die Trudifrucht an der hellsten Stelle. Ich hockte mich zufrieden einige wenige Meter von ihr entfernt ins Gras, um dabei zuzusehen, wie die geleeartige Flüssigkeit im Inneren zur Ruhe kam. In dem Moment war ich mir sicher, dass meine Idee absolut einzigartig und genial war.

Es vergingen vier äußerst unspektakuläre Tage, in denen ich die Trudifrucht bewachte und ihr beim Blubbern zusah. Diese Früchte waren eigentlich Schattengewächse, die sich nur in kühleren Gegenden wohlfühlten. An dieser Stelle lag sie den kompletten Tag in voller Sonnenbestrahlung.
   Schon bald vernahm ich den lieblichen Klang unheilvollen Brodelns in ihrem Inneren. Die Flüssigkeit begann, vor sich hinzuköcheln. Genau, wie ich es geplant hatte.
   Tulu musterte mich in all der Zeit zweifelnd, ließ mich aber machen. Wurde ich ins Dorf gerufen, um nach irgendwelchen Banalitäten zu gucken – hallo? Ich hatte ein wichtiges Experiment zu beenden! –, sah er nach dem Rechten oder besser gesagt: sah er stumpf der Frucht beim Brodeln zu. Für ihn war mein Tun wie so oft ein völliges Rätsel.
   Ich blieb Tag und Nacht, während der Elementarbaum hinter mir unruhig die Blätter schüttelte. Er mochte meine Anwesenheit nicht, doch ich ignorierte sein Geraschel und bedrohliches Aufplustern.
   In all der Zeit besuchten mich eigentlich nur Aeri und Brahn, meine beiden letzten Freunde.
   Aeri wurde es schon bald zu warm und sie verzog sich watschelnd in ihre wunderschöne Hütte, während mich Brahn mit unwillkommenen Fragen löcherte. Ihm war natürlich klar, dass ich gerade ein Experiment durchführte, und das gefiel ihm gar nicht. Weil ich jedoch schwieg, trollte er sich bald wieder und ließ mich allein mit meinen Gedanken und der Trudifrucht, bis es endlich so weit war.
   Die geleeartige Flüssigkeit im Inneren der Frucht hatte zu kochen begonnen und brodelte so heftig, dass die Schale leicht auf und ab hüpfte. Perfekt.
   Geschwind wie ein Vogel im Sturzflug rannte ich ins Dorf, hämmerte wie eine Irre an Aeris Haustür und schnappte mir ihr Handgelenk, kaum dass sie geöffnet hatte. Sie schaffte es gerade noch, nach ihrem Mann Keelin zu rufen, da hatte ich sie auch schon die Stufen hinunter und rüber zur Wiese bugsiert.
   Keelin kam keuchend hinterher, die Augen besorgt aufgerissen. Er ahnte Schlimmes, sobald ich im Spiel war. Seine hochschwangere Frau mit mir allein zu lassen, kam für ihn nicht infrage.
   Weil die Frucht noch einige wenige Minuten Zeit brauchte, nötigte ich meine Freunde, sich unter den Elementarbaum zu setzen. Der hatte nichts gegen Aeri und akzeptierte unsere Anwesenheit. Wäre er mit mir allein gewesen, hätte er mir wahrscheinlich den größten Ast auf den Kopf gedonnert, den er finden konnte.
   Aber gut. Das war eine andere Geschichte.
   Da saßen wir also und warteten. Weil ich Fragen einfach ignorierte, lenkten sich meine Freunde bald mit anderen Dingen ab. Aeri spielte mit ihren Geistern »fang die Blätter«, Keelin zeichnete irgendwelche Kritzel auf eine Karte voller anderer Kritzel. Er zeigte damit, dass in ihm der vollkommene, verantwortungsbewusste Anführer steckte, der nicht eher ruhte, bis alles bis ins Kleinste organisiert war.
   Wie ätzend.
   »Und was genau machen wir hier?«, murrte Keelin, ohne aufzusehen, während er irgendwas auf einem anderen Zettel vermerkte.
   Für einen verantwortungsbewussten Anführer fand ich ihn ganz schön ungeduldig. Ich warf ihm einen genervten Blick zu. Wozu sich mit ihm anlegen? Mein Projekt ging ohnehin zu Ende. »Das wirst du gleich sehen«, erwiderte ich, gebannt die Trudifrucht anstarrend.
   Das wiederum alarmierte Aeri. Sie setzte sich abrupt auf und runzelte die Stirn. »Als du uns das letzte Mal nicht sagen wolltest, was du planst, hast du erst den Elementarbaum um ein Haar ermordet und danach einen Teil des Dorfes zerlegt!« Ihre Augenbrauen verschwanden hinter ihrer bunten Ponypracht.
   Kurz brodelte Neid in mir auf wie das Gelee in der Trudifrucht. Ich wollte auch wieder so eine farbenfrohe Mähne haben. »Ach, das …«, erwiderte ich ausweichend. Ich hatte keine Lust, über mein letztes, fehlgeschlagenes Experiment zu lamentieren. Gut. Ich hatte tatsächlich den Elementarbaum, das Herz unserer Festung, um ein winziges Bisschen für immer ins Geisterreich befördert.
   Zu meiner Verteidigung: Ich hatte einen Grund gehabt. Zugegeben, einen Dämlichen, aber immerhin. Ich hatte nämlich gucken wollen, was sich unter dem Elementarbaum befand – um ein Gerücht zu überprüfen. Tief in der Erde sollte das Tor zum Totenreich liegen. Das Ganze …
   Aaaah! Die Frucht hüpfte aufgeregter. Das mit dem Elementarbaum musste ich ein anderes Mal weiterdenken. Zunächst galt es, das Experiment zu beenden – mit einem gehörigen Schuss Drama, verstand sich.
   Während mir Tulu signalisierte, dass es jede Sekunde so weit sein würde, richtete ich mich zur vollen Größe auf und ließ Keelins Blätter mit einem Handwink in Flammen aufgehen.
   Das war schön überdramatisch und sicherte mir Keelins vollkommene Aufmerksamkeit.
   Mein Anführer schrie wütend auf, ich jedoch deutete erhaben auf die Frucht.
   »Meine Lieben«, hob ich feierlich an. »Wir sind heute hier zusammengekommen, um über Aeris Schwangerschaft zu sprechen.«
   Keelin klappte mitten in einem besonders heftigen Fluch den Mund wieder zu und starrte mich aus rot glühenden Augen an. Ihm war klar geworden, dass ihm nicht gefallen würde, was ich hier plante.
   Auch Aeri versteifte sich und angelte ängstlich nach der Hand ihres Mannes.
   Ich grinste zufrieden in mich hinein. Aufmerksamkeit gesichert. Gut. Sehr gut. Dann konnte es ja weitergehen. »Wie du weißt, liebe Aeri, geht deine Schwangerschaft dem Ende zu. Auf die eine oder andere Art.« Den letzten Satz ließ ich drohend über den Köpfen meiner Patienten hängen. Normalerweise quälte ich meine Schutzbefohlenen nicht, aber an dieser Stelle war es nötig. Sture Patienten verdienten radikale Methoden. Jetzt kam der Zeitpunkt meiner wohldurchdachten, durchaus einstudierten Rede. »Ich bin der Meinung, dass du eine natürliche Geburt angesichts deines Gesundheitszustandes nicht überleben kannst. Nach einer offenbar nie endenden Schwangerschaft von mehr als drei Jahren sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir eingreifen müssen. Ich weiß, du willst eine natürliche Geburt mit all dem gequirlten, gefühlsdusligen Drumherum. Ich sage dir: Das wirst du nicht überleben. Hier meine Argumente: Du hast in den vergangenen Wochen radikal abgenommen und erinnerst mich an ein dürres Gestrüpp. Und Gestrüppe sind im Allgemeinen nicht mehr in der Lage, eine über Tage dauernde Tortur zu überstehen. Und eine Tortur wird diese Geburt, das darfst du mir …«
   Keelin versuchte verzweifelt, mich mit einem dazwischengerufenen »Liah, hör auf!« zu stoppen, aber ich lamentierte mit erhobener Stimme weiter, während Aeri immer blasser wurde.
   »… glauben. Da ihr zwei unterschiedliche Magiearten besitzt, wird das Kind mit einer Mischung aus beiden zur Welt kommen. Das wird für eine Geburt die Hölle auf Erden sein. Im besten Fall hört dein Herz wegen der Überbelastung einfach auf zu schlagen, im schlimmsten Fall wirst du …« Und hier kam die Trudifrucht zum Einsatz. Dramatisch holte ich mit dem Zeigefinger aus und deutete auf die bebende Frucht in der brütenden Sonne.
   Der gewaltige Körper dehnte sich mit einem Mal, schien sich zurückzuziehen, pulste dann wieder nach außen, während die harte Schale stöhnte und knackte.
   Ich dachte an fiese Wehen und glaubte, auch auf Keelins und Aeris Gesicht Begreifen zu erkennen. In Gedanken klopfte ich mir auf die Schulter.
   Abermals zog sich die Frucht zusammen, schien ein bisschen zu schrumpfen und sonderte dabei fürchterliche Geräusche ab. Sekunden später überdehnte sie sich, ein Riss entstand vom Stängel ausgehend. Der zog sich über die gesamte Querseite. Ein letztes Knarren, ein letztes Brodeln, dann zersprang die Frucht mit einem gewaltigen Bersten in tausend Stücke. Der rote Fruchtsaft hüpfte in einem schauerlichen Schwall wie eine Fontäne heraus.
   Zeit für den Schlussakt.
   »… platzen«, setzte ich dramatisch hinterher.
   Aeri und Keelin starrten entsetzt die Frucht an, die zerstört ihr Gebrodel beendete. Ich rieb mir zufrieden die Hände.
   Mehrere Sekunden sagte niemand ein Wort. Meinen Patienten hatte es die Sprache verschlagen und ich wollte sie nicht beim Denken stören.
   Aeris Geister schwebten derweil traurig über der toten Frucht und taten so, als wäre ein Lebewesen von uns gegangen. Eine perfekte Inszenierung.
   Doch viel Zeit, mich in meinem Ruhm zu sonnen, hatte ich nicht. Keelin begann, herumzubrüllen. Was er sagte, war unidentifizierbar. Der Ton ließ allerdings keinen Zweifel zu: Keelin zeigte sich alles andere als glücklich über die Demonstration. Mit Wut konnte ich jedoch umgehen. Die prallte an mir ab wie die Attacke einer Pusteblume. Aeri hatte derweil angefangen zu weinen, was mir natürlich leidtat.
   »Wenn deine Frau überleben soll, musst du auf mich hören«, erklärte ich, als Keelins Kreischen heiserer wurde.
   Mein sanfter Ton war wohl ausschlaggebend, denn Keelin verstummte abrupt.
   »Wir müssen das Kind aus ihr herausschneiden. Es wird nicht von selbst kommen. Stattdessen wird es bald alles Leben aus Aeri herausgesaugt haben wie ein kleiner Blutsauger. Und wenn sie zu erschöpft ist – und das wird sie in wenigen Tagen oder Wochen sein –, dann wird sie weder eine Geburt noch eine Operation überleben. Also denkt drüber nach. Viel Zeit ist nicht mehr.«
   Damit stand ich auf und ließ das fassungslose Paar unter dem nervös mit den Blättern raschelnden Elementarbaum zurück. Der Gigant wurde seit dem »Guck unter dem Elementarbaum nach«-Experiment immer fahrig in meiner Nähe. Kein Wunder, denn ich hatte ihn ja fast umgebracht.
   Ich hatte nämlich gehört, dass unter einem Elementarbaum das Tor zum Reich der Toten lag. Lag es nicht. Und es war auch keine gute Idee, nachzugucken. Davon gingen Weltenbäume, Dörfer und Festungen kaputt.
   Tulu ließ sich nervös blinkend auf meiner Schulter nieder. Der kleine Feuergeist hatte mich in das winzige Herz geschlossen, nachdem ich ihm unter Aufgebot aller Kräfte das Leben gerettet hatte.
   Zwar hatte ich keine Ahnung, ob Geister überhaupt zu sterben vermochten, aber sie konnten definitiv aufhören zu sein, und das hatte Tulu geblüht.
   Zum Glück für mich hatte er nie kapiert, dass ich Schuld an seiner Verletzung hatte. Da ich seine Freundschaft jedoch sehr schätzte, brachte ich es nicht über mich, ihm das zu verdeutlichen.
   Die anderen Geister waren allerdings schlauer. Sie mieden mich wie die Augenschwellkrankheit oder, um es noch anschaulicher zu erklären, wie der gesamte Rest des Dorfes.
   Während ich darüber nachsinnierte, wie einsam jemand sein konnte, obwohl er inmitten einer großen Gruppe lebte, sah ich Brahn auf mich zu stapfen. Seinem Gesichtsausdruck nach hatte er den Ausgang meines Experimentes aus sicherer Entfernung beobachtet. So, wie er guckte, fand er es … hm, das könnte Abscheu in seinem Gesicht sein. Oder Entsetzen. Oder Schock. Auf jeden Fall pure Wut.
   Brahn war neben Keelin der größte Shadun in unserem Dorf. Shadun waren Magiewesen in Menschengestalt genau wie die Asannen oder die Mae oder die Feyann. Ich gehörte so wie Aeri zu der zuletzt genannten Art, allerdings gab es nur noch wenige von uns. So wie Brahn guckte, war Aeri bald die Letzte.
   Brahn hatte ähnlich wie Keelin blaue Augen und schulterlanges, teils in Zöpfen geflochtenes Haar. Äußerlich sah er auf den ersten Blick wie ein normaler Mensch aus, allerdings wie ein ziemlich großer und kräftiger. Wenn Shadun jedoch wütend waren, und dazu mussten sie sehr wütend sein, glühten ihre Augen wie rote Leuchtkäfer. Das war bei Brahn leider gerade der Fall.
   Nicht gut.
   Ich blieb stehen, um ihm noch die paar Meter zu geben, sich abzureagieren. Was natürlich fehlschlug.
   Er baute sich drohend vor mir auf. Bei dem Berg an Muskeln war das durchaus einschüchternd.
   Blitzschnell durchdachte ich mögliche angemessene Reaktionen auf seinen Gemütszustand. Das machte ich immer seit … der Sache. Ich war leider nicht in der Lage, sinnvoll und den Konventionen entsprechend auf eine bedrohliche oder ernste Situation zu reagieren. Ich sagte oder tat grundsätzlich das Falsche. Das war seit meiner Geburt so und hatte sich noch verschlimmert seit … der Sache.
   Aus dem Grund hatte ich für einige Standardsituationen passende Gesten oder Gesichtsausdrücke einstudiert (und wütende Leute beruhigen zu müssen, war bei mir leider Standard, ich kann es mir auch nicht erklären). Diese speziellen, meist süß aussehenden Ausweichgesten halfen mir und meinem Gesprächspartner, uns aufeinander einzustellen.
   Okay. Irgendwie klang das ziemlich schräg, selbst für mich, aber ich war eben eine äußerst … verwirrende und seltsame Persönlichkeit.
   Während ich noch versuchte, meine beste Ich-bitte-schon-mal-um-Verzeihung-Miene aufs Gesicht zu zaubern, brüllte mich Brahn bereits an, dass die Spucke flog.
   »Das war es, was du die ganze Zeit geplant hattest?«
   Ich nickte und wechselte blitzschnell zum Kindchen-Schema-Blick. Das nahm Brahn normalerweise sofort den Wind aus den Segeln. Männer waren, was das anging, gut zu manipulieren: Riesengroßen Augen konnten sie meist nicht böse sein. Leider war Brahn diesmal so sauer, dass er vor lauter Wut noch nicht mal registrierte, wie lieb ich guckte.
   »Bist du jetzt vollkommen von Sinnen?«
   Ach nein, das war mein Stichwort. Das Hirn setzte wieder aus, was es gern machte, sobald ich in die Ecke gedrängt wurde. Der Mund plapperte los, als hätte er keine Verbindung zum Verstand. Was Situationen meist eskalieren ließ.
   »O doch«, entgegnete ich wie aus weiter Ferne. »Ich hatte sogar alle Fünf beisammen: Wahnsinn, Irrsinn, Blödsinn, Schwachsinn und …« Weiter kam ich nicht, was gut war, denn der fünfte Sinn war mir entfallen.
   Brahn stampfte mich derweil durch pure Aggression in Grund und Boden – sinnbildlich gesprochen. Er wäre niemals körperlich gewalttätig gegenüber Frauen geworden, aber anbrüllen ging durchaus. Verdammt.
   Hatte ich erwähnt, dass Brahn einen extremen Beschützerinstinkt besaß? Der war noch ausgeprägter als Keelins: Sobald etwas oder jemand seine Freunde bedrohte, sah er rot. Seine Geduldsspanne war dabei in etwa so lang wie meine Aufmerksamkeitsspanne. Also winzig.
   In letzter Zeit hatte mir Brahn innerhalb von drei Wochen so viele mit zahlreichen Flüchen gespickte Standpauken vorgetragen wie sonst in zwei Jahren. Gut. Das konnte auch daran liegen, dass er immer deutlicher erkannte, dass ich ihm und all den anderen entglitt. Ein wirklich trauriger Gedanke, zumal ich früher zu dem erwählten Kreis gehört hatte, die er zwar regelmäßig angebrüllt, aber auch mit seinem Leben verteidigt hatte. Das war heute nicht mehr so. Mittlerweile war ich in seinen Augen die Bedrohung, was natürlich ein noch viel schrecklicherer Gedanke war.
   Ich klimperte mit den Augen, da es auf einmal so still um mich geworden war. Brahn war verstummt und starrte mich an, offenbar auf eine Antwort wartend.
   Bloß: Was hatte er denn gefragt? »Unsinn«, erklärte ich mit äußerst sanfter Stimme und zuckte mit den Schultern. Ha! War mir der fünfte Sinn doch noch eingefallen.
   Nicht nötig zu erwähnen, dass mich Brahn Sekunden später wieder anbrüllte.
   Ich ließ ihn einfach stehen und ging geradewegs auf meine Hütte zu. Die Wände bestanden aus normal geschnittenem Holz, aber das Dach war die Krone eines wahnsinnig schön gewachsenen Baumes im Inneren des Hauses. Ich hatte das Heim geliebt. Hatte. Denn heutzutage besaß es so seine Macken.
   Eigentlich hatte ich erwartet, dass Brahn mich ziehen lassen würde. Er wusste, dass man mit mir kein vernünftiges Gespräch führen konnte, wenn ich so seltsam neben mir stand. Zu meiner Überraschung folgte er mir.
   Tulu flackerte nervös und verkroch sich etwas unter meinen pechschwarzen Haaren. Kleine Geister mochten keine Shadun, warum, wusste heutzutage niemand mehr genau. Es galt jedoch: Was in der Magie steckte, steckte in der Magie. Deshalb mieden sich Geister und Shadun im Allgemeinen.
   Da wir jedoch allesamt Schiffbrüchige in unserer Festung vor den grausamen Machenschaften der Menschen waren (man beachte die Theatralik in diesem Satz), mussten sich die Geister notgedrungen mit den Shadun abfinden. Das klappte im Fall von Aeri und Keelin hervorragend, obwohl die junge Feyann ständig von Geistern belagert war. Bei Tulu war die Nachricht, dass Geister und Shadun mittlerweile Frieden geschlossen hatten, noch nicht angekommen. Er mochte Brahn nicht. Punkt.
   Wir gingen ein paar Schritte schweigend nebeneinander her, was Brahn und mir erstaunlich guttat. Seine dunkle Aura der Wut verpuffte ein bisschen, aber das, was ich stattdessen fühlte, gefiel mir noch viel weniger. Sorge und Mitleid.
   Ich hasste Mitleid.
   »Ich weiß, dass du Angst um Aeri hast«, sagte Brahn in einem möglichst sanften Ton, als würde er mit einem Kleinkind reden.
   Pah! Ich biss mir auf die Lippen, um keine fiese Bemerkung zu machen.
   »Aber fandest du deine Darbietung nicht etwas zu drastisch?«
   Ich wusste genau, dass hier nicht die Trudifrucht zur Debatte stand. Es ging darum, dass Aeri meinetwegen geweint hatte. Aeri war eben die Frau des Shadun-Anführers. Und wann immer sie in Gefahr war, und sei es auch nur auf der Gefühlsebene, drehten die übrigen Shadun am Rad. Das hätte ich zugegebenermaßen bedenken sollen, denn jetzt sahen mich die Shadun als Feind an, was meinen Status in diesem Dorf nicht verbesserte.
   Mir war also durchaus klar, worauf Brahn hinauswollte. Wir kannten uns bereits lange, hatten viele teils schreckliche, teils gefährliche Situationen gemeinsam überstanden, dass wir einfach verstanden, wie wir tickten.
   In letzter Zeit tickte ich jedoch nicht mehr richtig, beziehungsweise tickte immer öfter aus, was unsere Beziehung natürlich verkomplizierte.
   Diesmal entschied sich mein Mund zu einer entsprechend vernünftigen Reaktion. »Sie war zu drastisch. Zugegeben. Aeri wird jedoch sterben, und alles wird zusammenbrechen.«
   Das war das Dumme am Band der Magie: Sobald Aeri starb, starb auch ihr Lebenspartner. Keelin. Und der wiederum war unser Anführer, hielt diesen Haufen gestrandeter Magiewesen zusammen, vermittelte zwischen den schüchternen Asannen, den kriegerischen Shadun und den übersanften Mae. Er sorgte außerdem dafür, dass mich die gesamte Truppe nicht einfach steinigte, wofür ich ihm wirklich dankbar war.
   Zu meiner Überraschung legte mir Brahn unvermittelt die Hand auf die Schulter. Es war die erste Berührung, seit … seit bestimmt zwei Jahren.
   Ich war mindestens genauso verblüfft wie Tulu. Der wurde vor Schreck durchsichtig und flüchtete mit einem Quietschen auf die andere Seite meiner Schulter.
   »Wir schaffen das, Liah! Du, Aeri, Keelin und ich. Wir schaffen das, wenn wir zusammenhalten.«
   »Hast du heute eine Portion Drama gefrühstückt, oder was?« O nein! Da war wieder dieser fiese Biss, den ich nie verschwinden lassen konnte. Er war tief in mir verankert und schnellte so geschwind hervor, wie ein Hackelstümper sein Opfer ansprang. Verdammt.
   Brahn war die gemeinen Attacken jedoch gewohnt. Er wusste, dass ich mich damit vor tiefsinnigen Gesprächen retten wollte. Meine beste Abwehrwaffe verpuffte bei ihm wie ein Geisterpups. »Sehr witzig. Das war mein voller Ernst.«
   »Meiner auch.«
   »Du wirst sie retten, oder?«
   »Aeri? Vielleicht. Das Baby? Eher nicht.«
   »Das wird sie zerstören.«
   »Das Baby wird sie zerstören. Oder, wenn du aufgepasst hättest und meiner Lektion aufmerksamer gefolgt wärest: Sie wird einfach platzen. Von innen heraus.« Ich klatschte die Hände keinen Fingerbreit vor seiner Nase zusammen und ließ sie langsam auseinanderschweben, um die Detonation nachzuspielen.
   Mist. Schon wieder zu drastisch.
   Brahns Mine verdunkelte sich. Fast erwartete ich, Qualm aus seinen sich blähenden Nasenlöchern schweben zu sehen.
   Wir starrten uns an und ich spürte mehr denn je diese gewaltige Mauer, die sich zwischen uns aufgebaut hatte. Wann hatte ich sie unzerstörbar gemacht? Wann war sie so sehr zu einem Teil meines Selbst geworden, dass ich sie weder überblicken, geschweige denn überspringen konnte?
   Ehe Brahn etwas zu sagen vermochte, waren wir an meiner Hütte angekommen und ich bereit, hinter der Haustür zu verschwinden. Bloß: Das ging nicht, solange Brahn neben mir stand. Ich achtete seit zwei Jahren peinlich genau darauf, dass niemand ins Innere des Hauses blicken konnte oder mich besuchen kam.
   Normalerweise war das auch kein Problem: Wer wäre so wahnsinnig gewesen?
   Früher einmal hatte das Haus Nachbarn gehabt. Die waren jedoch ausgezogen, nachdem mehrere Feuerflammen aus der Krone meines Baumes geschossen waren. Teils hatte es sich dabei tatsächlich um fehlgeschlagene Experimente gehandelt, teils hatte ich es darauf angelegt: Je weiter weg die anderen von mir lebten, desto sicherer waren sie. Vor mir. Ein erschreckender Gedanke, den ich gewiss nicht weiterdenken würde.
   »War es das?«, fragte ich Brahn möglichst fies.
   Er musterte mich, hatte offenbar einiges zu sagen, verkniff es sich jedoch. Jedes Wort konnte ab jetzt unsere Freundschaft zerstören, falls sie überhaupt noch existierte. Daher zog sich Brahn zurück, wie immer, wenn es so weit war. Er liebte mich weiterhin auf eine seltsam verdrehte Art. Ich war für ihn wie eine kleine Schwester, die er verzweifelt retten wollte. Allerdings machte ich ihm diesen Job nicht gerade einfach.
   Brahn drehte sich auf dem Absatz um und stapfte in Richtung Dorfkern. Für ihn war es so leicht, zu den anderen zurückzukehren. Er war, wo immer er auftauchte, einer der Mittelpunkte des Geschehens, hatte sich durch seine ruhige, besonnene und so nervtötend selbstlose Art einen unfassbaren Schatz aufgebaut.
   Die Menschen achteten ihn, mich verachteten sie. Was natürlich ätzend war.
   Ich sah seinem dahinschwindenden Hintern zu, dann machte ich mich daran, die fünf Sicherheitsschlösser an der Tür zu öffnen. Ich verbarrikadierte mein Haus nicht ohne Grund.
   Die Schlösser klappten zurück, nachdem ich sie mithilfe der Magie davon überzeugt hatte, dass ich auch tatsächlich ich war. Vorsichtig öffnete ich die Tür und lugte hinein.
   Kein Untier. Gut.
   Besonnen setzte ich einen Fuß an den Rand des Bodens und balancierte an der Wand entlang, um die Tür schließen zu können. Tulu schwebte misstrauisch ein Stück ins Innere hinein, um zu gucken, ob die Luft rein war. Er blinkte fünf Mal, unser Zeichen, dass das Untier schlief.
   Noch besser.
   Leise ließ ich die Tür ins Schloss schnappen und überlegte, sie wieder zu verbarrikadieren. Ich war allerdings müde, magisch müde, was nichts Neues war. Es strengte an, sich die ganze Zeit kontrollieren zu müssen.
   Weil mich eh nie jemand besuchte, sparte ich mir die Kräfte und huschte stattdessen vorsichtig am Rand in Richtung Esstisch. Den hatte ich vor etwa zwei Monaten mühsam an der Wand festgenagelt, sodass er von dort wie ein Sprungbrett in den Raum ragte.
   Gerade zog ich mich auf die Tischplatte, da klopfte es an die Tür. Tulu und ich erstarrten, während das Geräusch wie ein Donnerschlag durch die gesamte Hütte hallte.
   Oh, bei allen Geistern …
   Ehe ich reagieren konnte, ging die Tür auf. Brahn machte einen entschlossenen Schritt hinein. »Liah! Es reicht! Wir müssen endlich …«
   Das »reden« ging in einem gewaltigen Schrei über. Seine Füße berührten nicht wie erwartet den Hüttenboden, sondern traten ins Leere. Den Boden meiner Hütte gab es nämlich nicht mehr, seit ich mein fehlgeschlagenes Experiment mit dem Elementarbaum im Inneren meiner Hütte fortgeführt hatte. Da sah das nämlich keiner.
   Brahn kippte in einer seltsam lustig aussehenden Bewegung nach vorn. Schon begann sein Sturz ins Bodenlose. Er schrie, kreischte, ruderte mit den Armen, als wollte er fliegen, panisch nach einem Halt suchend.
   Auch ich schrie, während Tulu ihm instinktiv hinterherhechtete. Der kleine Geist zerrte an seinem im Abwärtswind flatternden Hemd, im verzweifelten Versuch, den Sturz aufzuhalten. Was natürlich sinnlos war. Ich bewunderte Tulus Einsatz, schließlich war sein Rettungsversuch ziemlich mutig und selbstlos. Erst recht, weil Geister, wie erwähnt, Shadun nicht einmal mochten. Mit einem abgrundtiefen Seufzer, welch Wortwitz in dieser Situation, rief ich Tulu zurück und die Geister der etwas anderen Art zu mir.
   Ich war eigentlich eine Feyann. Eigentlich. Eine Feyann war im Allgemeinen eine Elementarmagierin, ein Magiewesen, das mithilfe der Naturgeister über die Elemente gebieten konnte. Sie zeichneten sich durch Selbstlosigkeit, einzigartige Freundlichkeit und absolute Nächstenliebe aus.
   Na, klang das nach mir? Nicht wirklich, und da fing mein Problem an. Ich war zwar vor nunmehr siebenundzwanzig Jahren als Elementarmagierin geboren worden – glaubte ich zumindest –, nur hatte ich mich nicht in die korrekte Richtung entwickelt. Natürlich hatte ich noch Reste einer Elementarmagierin in mir, allein Tulus Anwesenheit bewies das. Allerdings war ich in erster Linie … eine Elementarhexe, die fiese Variante einer Magierin. Die gebot nicht über die niedlichen, schnuckligen, freundlichen Elementargeister, sondern über die gemeinen, verruchten Hexengeister.
   Genau diese schossen wie angreifende Tiere aus der Erde, packten Brahn unsanft und rissen ihn gewaltsam nach oben. Ich hörte das Knacken seines Rückgrats. Hoffentlich hielten die Sehnen oder Nerven. Brahns Kreischen wurde noch eine Nuance ängstlicher, was eigentlich alles sagte: Die Aura eines Hexengeistes war schlimmer als ein hundertprozentig tödlicher Sturz in die Unendlichkeit.
   Die Hexengeister nutzten natürlich die Chance, mit Brahn zu spielen. Sie warfen ihn unsanft erst gegen die rechte, dann gegen die linke Wand. Letztlich schleuderten sie ihn in die gewaltigen Äste meines Dachbaumes. Es splitterte und krachte, während Brahns umgekehrter Sturz endete und er ächzend im Gestrüpp hing.
   Der Baum schwebte im Übrigen einfach über dem Abgrund. Warum er das tat, war mir völlig schleierhaft. Vieles in meinem …
   Moment. Keine Zeit, den Gedanken zu beenden. Einige Hexengeister wollten Brahn noch ein paar Rippenstöße mitgeben. Ich hinderte sie im letzten Augenblick daran, indem ich sie mit aller Kraft in die Wände zurückkatapultierte.
   Von unten hörte ich derweil ein gewaltiges Brummen. Ich seufzte innerlich. Verdammt. Das Untier war aufgewacht. Konnte dieser Tag denn noch schlimmer werden?
   Ja, er konnte.
   Mit einem Beben kletterte das Wesen, das in den Tiefen des Kraters lebte, zu uns empor. Meine etwas entfernter wohnenden Nachbarn dachten bis heute, dieses Brummen sei das freundliche Summen Hunderter zufriedener Geister, die ein Gutenachtlied anstimmten. Das hatte ich ihnen in einem Anflug äußerster Kreativität aufgetischt. In Wirklichkeit wurde das Geräusch von einem äußerst grusligen und fiesen Ungeheuer verursacht. Es sah aus wie eine weiße Nacktschnecke mit angeklappten Flügeln, allerdings hatte es statt der Fühler gewaltige, messerscharfe Hörner und eine Körpergröße von mindestens fünf Waris. Außerdem war es hässlich und schien grundsätzlich schlecht geschlafen zu haben, seiner Laune nach zu urteilen. Was das Fieseste war: Es hielt mich für ein Appetithäppchen.
   Ich rief Brahn ein »Halt dich fest!« zu und donnerte dem Untier kurzerhand die Wurzeln des schwebenden Baumes auf den Kopf. Das war die wirksamste Methode, seine zwanzig Krallen, mit denen er an der Wand hochkrabbelte wie eine Spinne, von eben jener zu lösen.
   Einige Wurzeln des Baumes knackten vernehmlich, während ich die luftigen Hexengeister zu einem weiteren Schlag animierte. Die hatten natürlich ihren Spaß, immerhin durften sie mit meiner Erlaubnis gemein sein. Das Untier heulte und brachte sich mit einem Sprung ins Loch in Sicherheit.
   Meine Geistertruppe raschelte noch ein bisschen drohend mit der Blätterkrone hinterher, dann zwang ich sie ins Nichts zurück.
   Der Baum schwebte wie selbstverständlich wieder an die Stelle, an der er seit zwei Jahren baumelte. Ich hatte da so eine Theorie, die ich jedoch nicht beweisen konnte.
   Kritisch betrachtete ich das Wurzelwerk, vermochte aber von meinem Tisch aus nichts Genaues zu erkennen.
   »Liah! Verdammt! Hol mich hier runter!«
   Ach, ja. Da war ja noch Brahn, der äußerst ungemütlich im Gestrüpp hing. Ich neigte mich auf dem knarrenden Tisch etwas vor, um einen Blick auf die Gestalt zu werfen. Brahn baumelte seltsam verdreht im Baum und schien sich nicht befreien zu können. Mannomann, da hatten ihn die Hexengeister ganz schön heftig in die Krone gepfeffert. »Ich hab keine Idee, wie ich das anstellen könnte«, erwiderte ich und wunderte mich, wie cool ich klang.
   Brahn dagegen wirkte etwas fassungslos. »Was redest du da? Schick eine Armee Geister, die mich hier herauspflückt und zu dir rüberschweben lässt!«
   Eigentlich hatte ich Brahn nicht sagen wollen, dass ich keine Macht mehr über die Elementargeister besaß. Ich schätzte, jetzt war der Moment gekommen, meinen Stolz über Bord zu werfen. Bevor ich das tat, blickte ich Tulu fragend an. »Kannst du helfen?«
   Der Kleine wurde wieder durchsichtig und schüttelte hektisch das, was ich als seinen Kopf definierte. Bei Geistern ließ sich das schlecht erkennen. Sie bestanden nur aus einer blassen Tropfenform. Tulu tat mir meistens den Gefallen, zumindest so was wie zwei Augen zu formen. So gestaltete er sich menschlicher. Gerade ließ er eben jene Pupillenpunkte wie ein durchgehendes Wari rollen.
   Okay. Von ihm war keine Hilfe zu erwarten. War vielleicht auch ein bisschen viel verlangt. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich gefühlt lebendig zu häuten. »Ich kann dir nicht helfen. Es sei denn, du willst noch mal eine Runde Boxen mit den Hexengeistern spielen!«
   Aus dem Baum antwortete mir Schweigen, denn Brahn musste diese Nachricht erst mal verdauen. Nach einer Weile rappelte und raschelte es, Äste knackten und Blätter rieselten sanft in die unendliche Schwärze. Brahn sortierte mühsam seine Gliedmaßen, stützte sich vorsichtig mit dem einen Fuß ab und angelte den anderen aus einem Gewirr von spitzen Holztrümmern. Er stöhnte, als er sein Bein belastete.
   Nachdem er halbwegs aus eigener Kraft im Baum hockte und nicht mehr wie ein aufgespießter Schmetterling aussah, blickten wir uns über die Entfernung von etwa sechs Schritten an. Wir sahen uns wohl zum ersten Mal seit Jahren realistisch: Brahn war mein Freund. Immer noch. Mein bester Freund. Er glaubte weiterhin an mich, obwohl er wusste, was ich wirklich war.
   Eine Elementarhexe.
   Es ließ sich nicht leugnen, selbst wenn Tulu das etwas anders sah. Vielleicht war er falsch gepolt oder so.
   Zwischen uns gähnte der Abgrund und doch fühlte ich mich Brahn in diesem Moment so nah wie schon lange nicht mehr. Eventuell war das auch der Grund, weshalb mir mit einem Mal die Tränen in die Augen schossen.
   »Ich kann dir nicht helfen«, schluchzte ich.
   Tulu jammerte neben mir vor sich hin. Zum ersten Mal in seinem Geisterleben sah er mich weinen. Leider neigte er bei Verzweiflung zu Feuergeistern eigenen Reaktionen: Er setzte mein ohnehin arg gebeuteltes Haar in Brand. Erschrocken quietschte er, während ich mir mechanisch das brennende Haar ausklopfte. Was machten schon zwei oder drei verkohlte Strähnen mehr oder weniger? Mein ehemals buntes Haar, das Markenzeichen jeder Elementarmagierin, war traurig schwarz geworden – seit … der Sache.
   Brahn lehnte sich erschöpft in seinen Ästen zurück und musterte mich besorgt, während ich vor mich hin flennte. Seltsamerweise wirkte er eher erleichtert als erschrocken. Vielleicht wartete er seit Längerem auf eine halbwegs normale Reaktion von mir, auf eine Gefühlsregung, die aus mir herauskam und nicht einstudiert war.
   »Die lieben Elementargeister hören nicht mehr auf dich«, stellte er trocken fest. Ich nickte. »Du bist also eine Elementarhexe.«
   Abermals brachte ich nur ein schwaches Nicken zustande.
   Brahn fuhr sich müde durchs Gesicht. »Ach, Liah! Warum sagst du denn nichts? Ich hätte dir vielleicht helfen können.«
   »Und wie? Du bist in etwa so magisch wie das Auftauchen von Schuppen auf meiner Kopfhaut!« Ich hatte es nur so dahingesagt und eigentlich nicht lustig gemeint, aber Brahn lachte trotzdem. Das war ein Laut, den ich lange nicht mehr gehört hatte. Er tat gut. Wie Sonnenstrahlen auf der Haut.
   »Ich hätte dich zumindest trösten können. Damit du nicht allein mit deinen Problemen bist.«
   Ich schniefte und nickte gleichzeitig. »Vielleicht.«
   Nachdem mir Brahn eine Weile beim Heulen zugesehen hatte, warf er schließlich einen misstrauischen Blick in die Tiefe. »Und was genau war das da?«
   »Meinst du Fips?«
   »Fips?«
   »Das Ungeheuer. Fips eben.«
   »Du hast das Ungeheuer Fips genannt?«
   »Na ja. Er ist so unfassbar hässlich und gruslig, dass er einen niedlichen Namen verdient hat. Leider haben meine Dompteurfähigkeiten nicht gereicht, dass er auf diesen Namen hört. Er will mich lieber fressen, als mir gehorchen.«
   »Liah, du hast echt nicht mehr alle Tassen im Schrank!«
   »Oh, glaub mir: Mittlerweile habe ich schon eine ganze Reihe der Tassen zurück ins Regal gestellt. Ich hab wieder ein Set für vier Personen zusammen. Die fünfte Person müsste allerdings aus einem verbeulten Zinkeimer trinken.«
   »So schlimm?«
   »Irgendwie schon, aber seitdem ich die Stimmen in meinem Kopf verbannt habe, geht es mir besser.«
   Brahn wurde noch eine Spur blasser, zumindest sah ich das helle Gesicht in der Dunkelheit besser als zuvor. Auch ohne Genaues erkennen zu können, wusste ich, dass er die Augenbrauen runzelte.
   »Du hast Stimmen gehört? Die mit dir geredet haben?«
   »Na ja. Die meisten haben geredet, eine hat gesummt. Aber als die Erste versucht hat, mit sich selbst im Kanon zu singen, hab ich beschlossen, dass ich was unternehmen muss.«
   »Du machst mich fertig«, hörte ich Brahn murmeln. »Und was hast du getan?«, sagte er dann lauter und irgendwie ergeben. Er ahnte wohl, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde.
   Ich hob die Hände und ließ mit meiner Magie kleine bunte Bläschen aus der Blätterkrone sinken. Dazu brauchte ich die Geister nicht, meine Magie schaffte das auch allein.
   Die Bläschen rotierten um sich selbst, während sie um Brahns Kopf herumwirbelten. Die meisten waren rot, gelb oder blau, einige wenige schwarz.
   Brahn fiel buchstäblich alles aus dem Gesicht. »Sind das Erinnerungsbläschen?«
   »Jap.«
   »Die sind verboten.«
   »Elementarhexen sind ebenfalls verboten, und trotzdem bin ich eine.«
   Er warf mir über den Abgrund hinweg einen scharfen Blick zu. »Es ist auch nicht erlaubt, einen Krater in sein Haus zu sprengen und Ungeheuer zu beherbergen. Was, wenn dir das Vieh entkommt und das Dorf überfällt?«
   »Fips kann nicht weg. Er ist magisch an den Schlund gebunden.«
   »Und wie tief geht dieser Schlund?«
   Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Fips hat was gegen Erkundungsgänge. Ist mir aber auch egal, denn das ist nicht der Schlund, den ich suche.«
   Bei Brahn fiel offenbar der Groschen. Er ließ sich mit einem erschöpften Seufzen in die Äste zurücksinken. »Daher weht der Wind. Du suchst immer noch nach dem Reich der Toten.«
   »Klar. Selbst wenn ich vergessen habe, wieso.«
   »Das weißt du nicht mehr?«
   Ich deutete auf eine der schwarzen Bläschen. »Ich hab die Erinnerung da hineingepackt, sonst hätte ich etwas finster Böses getan. Seitdem geht es mir besser. Ich hege nicht mehr den Wunsch, jemanden töten zu wollen.«
   Das Schweigen zwischen uns wurde greifbar. Es war eine so tiefe Fassungslosigkeit, die von Brahn wie ein fester Puls ausging, dass ich mich instinktiv vor seinen nächsten Worten duckte.
   Er brauchte eine Weile, um sie hervorzukramen. »Du hast Tristan vergessen?«
   Da war er. Der Name, den ich vergessen wollte. Der Name, der mir alles bedeutet hatte. Der Name, hinter dem so viel Schmerz, aber auch Liebe und Verlust steckte. Allein der Name reichte, um mein Herz in die Unendlichkeit zu dehnen. Es setzte sogar für ein paar Schläge aus und holperte anschließend nur unregelmäßig weiter.
   Hastig steckte ich mir beide Finger in die Ohren und begann, einen alten Kinderreim aufzusagen. »Nicht durchdrehen, nicht durchdrehen, nicht durchdrehen«, dachte ich unablässig parallel dazu.
   Brahn sah mir eine Weile schweigend bei meinem Gebrabbel zu, bis er mich schließlich unterbrach – schreiend. »Es tut mir leid, dass ich nicht erkannt habe, wie schlecht es dir geht. Ich dachte, du hättest dich zwischenzeitlich wieder eingekriegt von deinem Hexentrip. Entschuldige, dass ich so blind war.«
   Von unten antworte Fips – in doppelter Lautstärke.
   Wir erstarrten und blickten in die Tiefe. Ich hatte zwar nicht direkt Panik vor dem Untier, geheuer war es mir aber trotzdem nicht.
   »Pst«, zischte ich Brahn zu, nicht sehr viel leiser.
   »Okay«, flüsterte Brahn zurück. »Jetzt, wo du nicht mehr wie eine Schwachsinnige vor dich hinmurmelst, lass uns deine dramatische Situation zur Seite legen und uns überlegen, wie bei allen Nachtgeistern ich hier wieder wegkomme.«
   »Springen?«
   »Spinnst du?«
   »Muss ich darauf antworten?«
   »Okay. Geschenkt. Denk dir trotzdem was anderes aus.«
   Ich setzte mein intelligentestes Gesicht auf, trotzdem fiel mir nichts ein. Ich war so lange eine Magierin gewesen, dass es mir in Fleisch und Blut übergegangen war, mit meinen Elementargeistern alles Mögliche anzustellen. Sie waren wie ein dritter und vierter Arm gewesen. Ohne sie fühlte ich mich amputiert, nicht nur körperlich, sondern auch geistig.
   »Warum schwebt dieser Baum überhaupt?«, erkundigte sich Brahn irgendwann in die brütende Stille hinein.
   »Keine Ahnung. Das macht er seit dem Experiment. Meine Theorie ist, dass sich irgendwelche Luftgeister in seinen Wurzeln verstecken und ihren Kumpel so am Abstürzen hindern. Sie zeigen sich mir aber nie.«
   »Kannst du sie nicht bitten, mich rüberschweben zu lassen?«
   »Ich kann Elementargeister um nichts mehr bitten. Sie unterstützen mich, wenn ich jemanden heilen will. Das machen sie aber nicht mir, sondern dem Kranken zuliebe. Ansonsten … würden sie sich lieber von Fips verschlucken lassen, als mir zu helfen.«
   »Und die Hexengeister?«
   »Die wollen dir am liebsten alle Knochen brechen. Glaub mir: Du willst nicht wissen, was sie mit dir geplant hatten. Sie sind nur eine Alternative, solange du keinerlei Familienplanung hegst oder dein baldiges Ende geplant hast.«
   »Dann spring ich.«
   Noch ehe ich ihn irgendwie hindern konnte, machte Brahn einen gewaltigen Satz – ohne Anlauf und doppelten Boden. Er war ein Shadun, klar. Die konnten weit springen, solange sie verwandelt waren. War er aber nicht.
   Ich kreischte entsetzt, Brahn stimmte ein Kriegsgeheul an, Fips brüllte und Tulu quiekte. Brahn würde meinen in den Raum ragenden Tisch definitiv um wenige Handbreite verfehlen. Ich sprang nach vorn und hielt mich geistesgegenwärtig mit der anderen an der Tischkante fest. In letzter Sekunde verhakten sich unsere Hände.
   Der Ruck ging mir durch und durch, doch in purer Panik entwickelte man erstaunliche Kräfte. Brahn brauchte auch nur einige wenige Sekunden Halt, dann krallte er sich selbstständig an der Tischkante fest und zog sich schwer atmend neben mich.
   »Verdammt«, fluchte ich ungehalten. »Wer hat hier den Verstand verloren?«
   »Was denn? Hat doch geklappt.«
   »Schwachkopf.«
   Schweigend hockten wir uns an den Rand des vernehmlich knackenden Tisches. Wir ließen die Beine in die Düsternis baumeln.
   »Wir hätten auch Aeri holen können. Die hätte die Geister garantiert überreden können, dich sicher an den Rand zu bringen.«
   Eine Pause entstand. »Ja. Das wäre wohl die einfachste Variante gewesen. Aber wie sagst du immer so schön? Wenn schon Scheiße, dann Scheiße mit Schwung.«
   Ich kicherte leise. Da hatte er recht. So war es auch viel dramatischer gewesen, richtig schön nach meinem Geschmack.
   Noch während ich giggelte, knuffte mich Brahn in die Seite. »Du bist im Leben keine Elementarhexe, egal, was all die Geister oder die anderen Magiewesen sagen. Eine Elementarhexe hätte mich niemals mit solch einem heldenhaften, selbstlosen Sprung gerettet.«
   Mir klappte die Kinnlade hinunter. Verdammt! Das war ein Test gewesen! »Du … du …« Mir fiel ausnahmsweise nichts Passendes ein.
   »Ich vertraue dir, Liah. Immer. Uns fällt bestimmt was ein, wie wir dein ohnehin schon verdrehtes Hirn wieder richtig entwirren.«
   »Also wieder Re-Verschwurbeln?«
   »Genau.«
   Ich nickte, konnte mich jedoch nicht richtig freuen. Es war wirklich schön, dass Brahn mir vertraute. Nur: Ich vertraute mir leider nicht. Aber das verschwieg ich lieber.
   Wir ließen weiter unsere Füße über dem Abgrund baumeln und schwiegen in freundschaftlicher Einigkeit. So was ging auch nur mit Brahn. Andere wären schon lange ausgerastet. Sie hätten mich mit Fragen überhäuft, mich nach draußen gezerrt und vor Keelins Füße geworfen. Brahn nicht.
   Er ließ mir Zeit, mich wieder einzukriegen, bloß konnte er da lange warten. Um unliebsame Gedanken dieser Art abzuwenden, konzentrierte ich mich auf meine baumelnden Beine und das knarzende Brett unterm Hintern. Früher war es mal ein Tisch gewesen, heutzutage hatte es eine andere Funktion: Seit dem Tag X war es Schlafzimmer und Bett in einem.
   Das Innere des zum Schlund gewordenen Hauses war in meinem Kopf noch in Zimmer unterteilt. Die Räume waren eben Bretter, was machte das schon?
   Das Brett etwa einen Schritt weiter hinten in der Finsternis – man musste, um es zu erreichen, springen, was immer eine gewisse Lebensmüdigkeit erforderte – war der Küchen- und Wohnbereich. Wir saßen auf meinem Schlafzimmerbrett.
   Ich war mir ziemlich sicher, dass es unschicklich war, mit einem unverheirateten Mann im Schlafzimmer zu sitzen, noch dazu auf dem Bett. Ich sah jedoch keinen Sinn darin, Brahn aufzufordern, mir ins nächste »Zimmer« zu folgen. Ein Brett war so gut wie das andere.
   Da der Tag anstrengend war, döste ich im Sitzen weg, wachte aber wieder auf, weil sich Brahn bewegte. Er griff mit den Händen scheinbar ins Nichts und sah dabei ein bisschen so aus, als wollte er Fliegen aus der Luft fangen. Vielleicht war er doch verrückt geworden?
   Aber nein. Als ich sah, wonach er griff, blieb mir glatt das Herz stehen. »Brahn, hör auf«, rief ich und schlug nach seiner in der Luft angelnden Hand. Zu spät. Er hatte ein Erinnerungsbläschen gefangen und hielt es von mir weg, um es genauer zu beäugen.
   Es erhellte die Finsternis mit einem sanften gelborangefarbenen Schein, eine kleine Kugel etwa so groß wie Brahns Daumen. In seinem Inneren drehte sich ein winziges schwarzes Etwas.
   »Brahn«, fauchte ich deutlich drohender.
   Die Hexengeister antworteten auf meine veränderte Stimmung. Sie grummelten unheimlich im Inneren der Schlundwand. Wenigstens mischte sich Fips nicht ein.
   »Ich schwör dir bei allen Geistern des Höllenschlundes: Ich schubs dich hinunter, wenn du mir nicht augenblicklich das verdammte Erinnerungsbläschen gibst. Bei drei bist du Fips-Futter: eins, zwei …«
   Da Brahn mich kannte und ich nicht zu leeren Drohungen neigte, gab er mir hastig das Erinnerungsbläschen. Na also! Ich warf einen Blick darauf. Der schwarze Punkt war ein winziges Miniaturschloss. Meine alte Schule, der Beginn der langen Reise ins Nichts. Im ersten Moment wollte ich es wieder in die Luft schmeißen, aber irgendwie weigerte sich meine Hand. »Das ist meine alte Schule«, erklärte ich stattdessen.
   Mit den Bläschen war das so eine Sache: Man konnte sich nicht klar an Ereignisse erinnern, die man darin verbannt hatte. Sie waren wie in Nebel getaucht. Trotzdem wusste man, worum es ging. Details waren jedoch ein einziger Matsch.
   Brahn seufzte tief. »Ich weiß, dass du das nicht hören magst, aber wenn du nicht ganz bekloppt werden willst, musst du dich deiner Vergangenheit stellen!«
   Ich drehte die Kugel zwischen dem Zeigefinger und dem Daumen. Am Rücken war sie schwarz, ein Zeichen dafür, dass diese Erinnerung mich traurig machen würde. Ja, toll. Meine Begeisterung für das Bläschen sank.
   »Tristan hat es nicht verdient, vergessen zu werden«, setzte Brahn noch einen drauf – sein Markenzeichen -, weil ich nicht auf seine wortreiche und hübsch gesagte Ausführung meines Geisteszustandes einging.
   Diesmal reagierte ich, indem ich nach unten in den Schlund zeigte. »Höllenschlund. Du. Tod. Eins, zwei …, du erinnerst dich?«
   Brahn hob hastig die Arme zum Zeichen des Friedens. »Töte nicht den Boten, der dich retten will.« Er machte eine Kunstpause. »Seit wann bist du denn endgültig eine Elementarhexe?«
   »Seit drei Jahren, seit Tristans Tod.« Ha! Ich hatte es tatsächlich getan, ich hatte Tristans Namen erwähnt und siehe da: Ich lebte noch. »Ich weiß, ich hab so getan, als hätte ich mich nach meinem Hexentrip nach Tristans Tod wieder eingekriegt. Hab ich nicht. Aeri leiht mir ihre Geister, damit es nicht so auffällt, dass mir keine mehr folgen. Sie unterstützen mich, wenn ich Aeri unterrichte oder andere heilen will. Ist das erledigt, verziehen sie sich. In der Sekunde, in der ich nicht aufpasse, umschwirren mich stattdessen die Hexengeister.«
   »Klingt anstrengend.«
   »Es ist furchtbar, das kannst du mir glauben.«
   »Es darf niemand erfahren, Liah! Sie müssten dich töten!«
   Das war mir natürlich klar. Elementarhexen neigten leider zu bösen Taten. Fast alle töteten irgendwann, um sich einen Vorteil zu verschaffen – der Anfang vom Ende. Das Grundproblem war nämlich, dass sich die meisten Elementarhexen als Lebensziel setzten, die Weltherrschaft zu erreichen. Einige Hexen waren dabei erschreckend erfolgreich gewesen. Sie hatten Weltenkriege angezettelt und fast gewonnen. Viele konnten erst im letzten Moment gestoppt werden. Die ganz Verrückten unter ihnen versuchten sogar, die Welt zu zerstören. Ich sah da wenig Sinn drin. Man ging schließlich selbst drauf und konnte seinen fundamentalen Erfolg nicht mehr feiern. Den Super-Verrückten war das scheinbar egal.
   Wobei …, das war ein interessanter Gedanke. Er zeigte nämlich, dass ich eine nette Elementarhexe sein musste, immerhin hatte ich noch keine solche Anwandlung gehabt. Okay. Ich hatte zwischendurch das Dorf auseinandernehmen wollen, aber hey, ich hatte es nicht getan, obwohl ich nah dran gewesen war.
   Mir rann ein Schauder über den Rücken.
   Brahns Gedanken schienen in die gleiche Richtung zu gehen. »Du wärest nicht die erste Elementarhexe, die versucht, die Welt aus den Angeln zu heben.«
   »Das ist überhaupt nicht das Ziel. Ich suche nur nach dem Reich der Toten.«
   Wieder dieser tiefe Seufzer, der mir langsam gehörig auf den Nerv ging. »Du willst Tristan wieder zum Leben erwecken«, stellte Brahn fest.
   Ich brauchte nicht zu antworten. Die Wahrheit stand mir ins Gesicht geschrieben.
   »Glaubst du denn, dass du dadurch wieder zur Elementarmagierin wirst?«
   »Nö, ich will lediglich Tristan wiederhaben. Das würde schon reichen. Bei den Feyann gilt nämlich: Einmal Elementarhexe, immer Elementarhexe«, erklärte ich altklug.
   »Und beim Rest der Welt gilt: einmal tot, immer tot«, konterte Brahn im gleichen Ton.
   Wir machten uns in Sachen Klugscheißerei echt Konkurrenz.
   »Trotzdem suchst du nach Tristan, obwohl der nachweislich ziemlich tot ist.«
   Hm. Gutes Argument. »Es gibt das Reich der Toten, das ist amtlich«, hielt ich dagegen. »Es ist ebenfalls bewiesen, dass eine Elementarmagierin um eine Seele bitten kann, einmal in ihrem Leben. Dass eine Elementarhexe zu einer Magierin wurde, ist jedoch noch nie vorgekommen. Folglich ist es erfolgsversprechender, Tristan von den Toten zu erwecken, als wieder eine Elementarmagierin zu werden.«
   »Dann hast du aber ein Problem. Du bist keine Elementarmagierin mehr. Folglich kannst du um keine Seele bitten.«
   Buff. Da hatte er mich. Mir fegte eine eiskalte Brise ins Gesicht, die leider wörtlich zu nehmen war. Ein Hexengeist hatte meine Unaufmerksamkeit genutzt und war mir ins Gesicht geflogen. Der kalte Schauder, der mir über den Rücken rieselte, hatte allerdings keinen Geisterursprung. Das war die natürliche Reaktion auf schockierende Nachrichten. Ich öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen, aber beim besten Willen fiel mir nichts Passendes ein. Vor Schreck sackte mir alles Blut in die Füße und ich gleich hinterher. Ich wäre wohl vom Brett und ins Nichts gefallen, wenn Brahn nicht hastig zugegriffen und mich stabilisiert hätte.
   »Wenn aus einer Elementarmagierin eine Hexe werden kann, kann man das auch umkehren«, hörte ich Brahn wie aus weiter Ferne mit fester Stimme sagen. »Wir müssen nur herausfinden, wie das geht. Und dann kannst du um die Seele deines geliebten Tristan bitten. Zunächst müssen wir ergründen, was dich zu einer Hexe gemacht hat. Dafür brauchen wir deine Erinnerungen.«
   Er hielt mir entschlossen das Bläschen unter die Nase. »Deshalb werden wir jetzt in deine Erinnerungen eintauchen – ob es dir passt oder nicht. Denn eins ist klar: Als Elementarhexe hast du auf Dauer keine Zukunft. Nicht im Dorf und auch nicht in der Welt. Kapiert?«
   Ich nickte schwach. Ehe ich protestieren konnte, zerdrückte Brahn das Bläschen und die erste Erinnerung begann.

Kapitel 1
Erinnerungsbläschen 1.0

Ich lag in meinem Bett im Unterrichtsschloss der Feyann. Okay. Um ganz genau zu sein, lag ich unter dem Bett. Ich hasste es, brav im Bett zu liegen. Das war so gewöhnlich.
   Ich war sechzehn Jahre alt und hatte zwar bereits diese gigantische Narbe, die mein linkes Ohr in zwei Teile splittete (eines meiner vielen fehlgeschlagenen Experimente), aber noch keine vernarbte Augenbraue. Die holte ich mir erst bei dem Überfall.
   Als würde ich über mir fliegen, betrachtete ich meine schlafende Gestalt. Da es meine Erinnerung war, konnte ich bequem durch das Bett hindurchsehen.
   Ich war deutlich zierlicher als heutzutage. Meine Hüften hatten noch nicht diesen fraulichen Schwung. Die Haare hingegen waren ein eigener Kosmos, den keiner verstand. Sie knisterten vor Lebendigkeit, bunt und ungezähmt. Hunderte von Geistern huschten darin hin und her. Sie spielten mit den Strähnen und ließen sie in ihren eigenen Winden wehen. Manche flochten sie in der einen Sekunde zu kunstvollen Zöpfen, um sie in der nächsten wieder nass zu machen und neu zu formen.
   Als ich das Haar mit seinem Eigenleben betrachtete, wurde ich wehmütig. Ich liebte diese bunte Pracht und wollte sie zurück. Seitdem ich eine Elementarhexe geworden war, hatten meine Strähnen die Farbe verloren. Sie waren nur noch finster schwarz. Geister ließen sich auch nicht mehr blicken.
   Die Runen im Gesicht meines jüngeren Ichs hatten sich noch nicht zu einem Wasser- und einem Feuergeist geformt. Eigentlich bildeten sie nur wilde Kringel am Rande meines Gesichtes. Ab und zu leuchteten sie bunt. Das taten sie heutzutage natürlich nicht mehr – es sei denn, ich war besonders wütend. Dann schimmerten sie wie Feuer, was absolut unheimlich aussah.
   Ich betrachtete die Geister, die mich umschwirrten, etwas genauer und stellte fest: Sie hatten sich noch nicht auf mich gesetzt. Sobald das passierte, wurde man eins mit der Geisterwelt, und man erhielt seine vollen Kräfte. Bis dahin war man sozusagen Anwärter. Die Geister gehorchten einem nur, weil sie es wollten, und nicht, weil sie es mussten.
   Ich sah mir noch ein paar Augenblicke beim Atmen zu, ließ meinen Blick durch das Zimmer wandern. Es sah, typisch für mich, wie Kraut und Rüben aus. Bücher stapelten sich auf dem Boden, dem Stuhl, dem Tisch und auf dem Bett. Dazwischen lagen jede Menge der häufig unvollendeten Experimente, bestehend aus Gläsern, Tiegeln und Töpfen. In den meisten glänzten irgendwelche Pasten, die eigentlich heilen sollten, in vielen Fällen aber Pusteln oder Fieber auslösten. Im Brauen von Medizin war ich schon immer miserabel gewesen.
   Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich Bob, die lebendige blaue Paste sah. Bob war eines meiner komplett schiefgegangenen Tests. Ich hatte ausprobieren wollen, ob sich Feuergeister mit Kristallen verbinden konnten. Herausgekommen waren ein geschmolzener, hüpfender Brei und ein nicht mehr auffindbarer Feuergeist. Da sich die Paste verdächtig wie ein Elementargeist verhielt, nahm ich an, dass sich Feuergeist und Kristall verbunden hatten – und jetzt eben Bob waren. Bob liebte übrigens verbrannten Mais über alles. Er bekam ihn in rauen Mengen als Entschuldigung dafür, dass er für immer eine blaue Paste sein musste.
   Wie hatte ich nur jemals Bob vergessen können? Wobei mir entfallen war, ob er überhaupt noch lebte. Doch zurück zum Mobiliar. Über dem Bett in meinem Zimmer hing ein gewaltiges Mobile, bestehend aus Hunderten von bunten Blättern, Zweigen, Stofffetzen und Haarsträhnen verschiedenster Magiewesen. Ich hatte es für die Geister gemacht, damit sie in der für sie langweiligen Nacht was zum Spielen hatten. Wie es aussah, kam mein Geschenk gut an.
   Vor lauter Geistern war das sich drehende Ungetüm kaum zu sehen. Darunter hatte ich mehrere Kerzen angezündet. So waren die Feuergeister beschäftigt. Im Löschwasser daneben badeten die Wassergeister.
   Bei diesem Anblick runzelte ich die Stirn. Wann hatte ich das letzte Mal einfach nur eine Kleinigkeit für die Geister erschaffen, um ihnen eine Freude zu bereiten? Es war Jahre her. Sofort gelobte ich Besserung.
   Plötzlich kam Leben in die Geisterschar. Die Wesen stoben allesamt zum Fenster und starrten hinaus. Ich folgte ihnen und musste dabei über allerhand Krimskrams steigen. Das zweite Bett im Raum stand verwaist am Rande des Zimmers. Ich erinnerte mich, dass meine Zimmergenossin vor mir geflohen war. Sie sei zwar eine Feyann, hatte sie argumentiert, aber mit so vielen Geistern zu leben, sei ihr doch zu viel. Da könne man ja nie schlafen.
   Natürlich war das ein vorgeschobener Grund gewesen: Ein Leben mit mir war einfach anstrengend. Ich war ein Wasserfall, der alles mitriss; eine Sturmhose, die sammelte und die Dinge achtlos wieder wegwarf; ein Erdrutsch, der nicht aufzuhalten war.
   Über diesen Gedanken hinweg war ich am Fenster angekommen. Was ich sah, verschlug mir den Atem. Natürlich. Das Erinnerungsbläschen war schwarz gewesen, also zeigte es einen unheilvollen Moment in meinem Leben. Und diese Nacht war besonders schrecklich gewesen.
   Ein gewaltiger Fackelzug kam wie ein riesenhafter Schlundwurm auf mich zu. Von ihm gingen kaum Geräusche aus, höchstens mal ein Knacken, wenn ein Stiefel einen Ast zermalmte. Horchte ich genauer, konnte ich auch das leise Rappeln von Stahl auf Stahl hören.
   Die Menschen kamen, um die Feyann zu vernichten.
   Die Geister schwebten nervös am Fenster herum, waren eindeutig unsicher. Dann huschten sie ins Zimmer zurück und warfen sich auf mein anderes Ich. Sie wollten es wecken.
   In dieser Sekunde wurde ich in meinen damaligen Körper gezogen. Wie Erinnerungsbläschen funktionierten, verstand niemand genau. Mal war man Zuschauer und konnte Dinge betrachten – so wie ich zuvor das Zimmer –, obwohl das eigene Ich schlief. Dann wiederum wurde man plötzlich Teil der Vergangenheit. Man wurde zum Mitreisenden, der durch die Augen des anderen sah und auch dessen Gefühle teilte.
   Ich schlug also die Augen auf, mit einem Mal hellwach. Weil mich gleich fünf Luftgeister im Ohr kitzelten, kicherte ich so lange, bis sie von mir abließen. Sie zischten unter dem Bett hervor. Ich sah ihnen etwas verwirrt hinterher. Offensichtlich war es dunkelste Nacht. Seit wann weckten mich die Geister ohne Grund? Irgendetwas schien sie in helle Aufregung versetzt zu haben. Eine Schar von ihnen zupfte an meinem Haar und deutete an, unter dem Bett hervorkriechen zu sollen.
   Na, schön. »Ich komme schon«, brummelte ich und tat wie gewünscht. Dabei stieß ich mir wie jeden Morgen den Kopf an der Bettunterseite. Mein Ritual, um wach zu werden. Ich fluchte für eine Feyann ungehalten, stand verschlafen mitten im Raum und blinzelte in die Gegend.
   Mannomann. Es sah so aus, als hätten sich sämtliche Geister des Schlosses versammelt. Die Kleinen drängelten sich so dicht aneinander, dass ich nicht mal das Ende des Raumes erblicken konnte – und das Zimmer war gewiss nicht riesig.
   »Äh?«, brachte ich nur hervor, doch ehe ich fragen konnte, pressten sich einige Geister in meinen Rücken. Sie dirigierten mich so zum Fenster.
   Erst dachte ich, dass ein gewaltiger Lindwurm auf das Schloss zuschlängelte, doch als ich das Rappeln von Stahl und das Trommeln von Stiefeln hörte, wusste ich, dass die Menschen gekommen waren, um das Schloss zu überfallen.
   Ganz überraschend kam das nicht. Unter der Lehrerschaft wurde so etwas schon länger diskutiert, schließlich hörte man ja allerhand. Die Menschen hatten den menschenähnlichen Magiewesen den Krieg erklärt. Das erste Mae-Dorf war bereits vernichtet worden, die Mae auf der Flucht. Auch von den Asannen hörte man schlimme Dinge. Sie hatten sogar einen Brief geschrieben, um die Feyann zu warnen.
   Jetzt waren die Menschen tatsächlich gekommen.
   Ich muss alle informieren, war mein erster Gedanke. Es wird rein gar nichts nützen, war der zweite. Als ich einen Blick auf die gigantische Geisterschar in meinem Zimmer warf, wurde mir noch eine dritte Sache klar. Die Geister waren extra zu mir gekommen, um mich zu wecken – und nicht zu den anderen, zu den Lehrern oder den Schülern.
   Zu mir.
   Sie wussten genau, dass ich die Einzige war, die auf die Regeln pfeifen würde. Schüler durften bei Dunkelheit ihre Zimmer nicht verlassen. Bei den regelvernarrten Feyann hieß das, dass sie sich auch bei Gefahr an die Vorschrift halten würden.
   Ich nicht.
   Ich hatte mir schon so manche Strafe eingehandelt, weil ich nicht reagierte, wie eine Feyann sollte. Viele Lehrer sagten mir eine düstere Zukunft als Elementarhexe voraus. Wirklich konnten sie mir jedoch nichts anhaben: Ich war die mit Abstand begabteste Schülerin, die jemals durch diese Gänge geturnt war.
   Die Geister liebten meine ungestüme Art, kam sie doch ihrer Lebendigkeit am nächsten. Sie hielten sich genau wie ich an keine Regel, ließen sich durchs Leben treiben und hielten Stillstand für den Beginn der Verwesung.
   In dieser Sekunde reagierte ich also für eine Feyann ziemlich untypisch: Ich schnappte mir Bob (also hatte ich ihn schon mal mitgenommen, interessant!), meine geliebten Ringelsocken und den dicken Mantel. Beides zog ich mir im Hüpfen an, die Reisetasche nahm ich vom Haken an der Tür. Meine Mitschüler hatten sich stets lustig gemacht, dass ich eine Notfalltasche bereithielt. Bei meinen Experimenten war das aber bitter nötig. Falls ich mal mein Zimmer abfackeln sollte, musste es schnell gehen. Jetzt dankte ich den Geistern für die Eingebung.
   Nachdem ich mir die Ringelsocken bis zu den Knien hochgezogen und den Mantel über das Nachthemd gezogen hatte, schlüpfte ich in meine Wanderstiefel. Sekunden später war ich aus der Tür.
   Mein geplanter Warnruf blieb mir jedoch im Halse stecken.
   Die Menschen vor den Toren waren offenbar nicht die Einzigen. Sie hatten einen Spähertrupp vorausgeschickt, der sich bereits im Schloss befand. Fünf Männer verschwanden gerade in den Zimmern meiner Mitschüler. Die folgenden Schreie gingen mir bis ins Mark.
   Bevor ich reagieren konnte, hatte mich ein Mensch entdeckt. »Da ist eine wach«, schrie er.
   Hinter ihm hob ein Typ eine Armbrust. Ich warf mich in letzter Sekunde flach auf den Boden. Der Bolzen verfehlte mich nur um Geisterbreite und blieb zitternd in der Mauer stecken. Verdammt konnte der zielen!
   Aus dem Unterricht wusste ich, dass Armbrustbolzen-Nachladen seine Zeit dauerte. Das nutzte ich, um wieder auf die Beine zu kommen und um die nächste Ecke zu hechten. Zum Glück lag mein Zimmer am Ende der Abbiegung.
   Neben meinem Kopf verpufften die Geister. Sie hassten Gewalt und konnten den Tod nicht ertragen. In solchen Momenten huschten sie in ihre Welt zurück und kamen erst wieder, wenn Frieden eingekehrt war. Einige besonders mutige Exemplare blieben jedoch bei mir, formierten sich zu einer dichten Mauer hinter meinem Rücken und versuchten den Schützen dadurch zu verwirren.
   Abermals hallten Schreie durch die Gänge unseres Schlosses. Die Menschen begannen zu töten.
   Ich hämmerte derweil an jede Tür, an der ich vorbeikam, rief Warnungen und machte ein Getöse wie eine ganze Wari-Herde. Die ersten Lehrerinnen stürmten mir entgegen, die Gesichter vor Entsetzen weiß, noch in Nachthemd und Pantoffeln.
   »Die Menschen überfallen das Schloss«, rief ich ihnen entgegen.
   »Das wissen wir. Lauf, Liah, lauf«, erwiderten sie, umrundeten mich und stellten sich den Angreifern in den Weg. Unser Schloss war grundsätzlich unbewacht, was ich in dieser Situation wahnsinnig fand, aber seit Jahrhunderten Tradition war. Jetzt bedeutete das für uns den Untergang.
   Hinter mir ging die erste Lehrerin mit einem Schrei zu Boden. Ich drehte mich entsetzt um und wollte ihr zu Hilfe kommen, doch ein weiterer Lehrer riss mich zurück. »Du kannst ihr nicht helfen. Lauf und nimm die anderen mit.«
   Die anderen? Welche anderen? Die hielten sich weiter auf ihren Zimmern versteckt, das Gebot der Nachtruhe. Wie konnte sich eine Spezies bei solch einer Gefahr so dämlich verhalten?
   Ich sah mich um und wollte eine Zimmertür aufstoßen, um wen auch immer notfalls mit Gewalt hinter mir herzuziehen, da warf mich ein gewaltiger Feuerstoß zu Boden. Die Menschen schleuderten Brandbomben in unseren Gang.
   Allein die Druckwelle war so heftig, dass sie mich wie eine Fliege im Tornado erst gegen die eine Wand und dann gegen die andere donnerte. Zum Glück reagierten die Feuergeister schnell genug. Sie umhüllten mich, hielten so das schlimmste Feuer ab. Trotzdem brannten einige meiner Haarsträhnen, von meiner Augenbraue tropfte Blut.
   Ich hustete, kam aber wieder auf die Beine. Der erste Impuls war, zurück zu den Lehrern zu laufen, doch da stand keiner mehr. Hastig sah ich weg. Das wollte ich nicht sehen.
   Der Bolzen, der knapp an meinem Ohr vorbeisauste, verhinderte jeden weiteren Gedanken daran.
   Die Menschen stürmten in den Gang, die Armbrüste geladen, in den Händen Messer und Schwerter. Der Nächste zielte auf mich.
   Diesmal reagierte ich und verhielt mich damit zum ersten Mal in meinem Leben wie eine Elementarhexe. Die verteidigten sich nämlich im Notfall, was ich eigentlich richtig fand. Das Problem war nur, dass eine Elementarmagierin so nicht denken durfte. Ich jedoch war da anders und das allein zeigte ja schon ziemlich eindeutig, dass ich den dunklen Teil meiner Magie bereits in mir trug.
   Ich rief alle Erdgeister im Umkreis von zwei Schritten zu mir und befahl ihnen – ja, ich befahl! – einen Erdwall vor mir zu errichten. Erdgeister, die wahren Baumeister dieser Welt, rissen augenblicklich den Erdboden vor mir hoch und klappten ihn wie eine Mauer senkrecht vor mir auf.
   Fünf Bolzen prasselten hinein. Die Erdmauer hielt.
   Sofort wirbelte ich herum und hastete die angrenzende Treppe hinunter. Rauch kam mir entgegen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Schloss brannte. Wer war denn, bitte schön, so dämlich, ein Schloss anzuzünden, während sich seine eigenen Leute noch darin aufhielten?
   In Gedanken schüttelte ich den Kopf darüber, hätte ihn deswegen jedoch fast verloren. Eine Steinkugel, etwa so groß wie eine Männerfaust, sauste auf meine Stirn zu. Die Menschen hatten offenbar unten im Saal ein Minikatapult aufgebaut. Sie beschossen alles, was sich auf der Treppe blicken ließ.
   Ich entkam nur, weil ein Feuergeist so geistesgegenwärtig war, ein Loch in das Treppenholz zu brennen. Schreiend fiel ich in die Tiefe und krachte zum Glück nicht bis nach unten durch. Mein Fall endete im etwas vorgelagerten ersten Stock. Purer Zufall, dass mich das nicht umbrachte.
   Bob blubberte protestierend in meiner Hosentasche, immerhin war ich auf ihn gefallen.
   »Tschuldigung«, brachte ich keuchend hervor, dann musste ich mich abermals mit einem Hechtsprung vor den nächsten Geschossen in Sicherheit bringen.
   »Da drüben ist eine«, rief eine hektische Männerstimme.
   Ich schwor mir, den Typen zu finden und ihm den Kehlkopf herauszureißen, sollte ich das überleben. (Stimmt! Das musste ich noch dringend erledigen.) »Wohin?«, kreischte ich die Geister an. Die umschwirrten mich völlig kopflos und jammerten dabei fürchterlich. Ein besonders großer Wassergeist blähte sich auf, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Er deutete mit einem geformten Ärmchen nach oben. Das war der Moment, in dem mir bewusst wurde, wie verzweifelt meine Lage aussah. Geister formten niemals menschliche Extremitäten nach. Das war unter ihrer Würde. Dass ein Wassergeist eine Ausnahme machte, war äußerst beunruhigend.
   »Flieg vor«, befahl ich ihm und verdrängte den erschreckenden Gedanken. Mittlerweile sah ich vor lauter Rauch kaum noch die Hand vor Augen. Zum Glück folgten sämtliche Feuergeister dem einen Wassergeist, sodass sie mir den Weg durch die Finsternis erhellten.
   Wir liefen durch den ersten Stock. An dieser Stelle befanden sich die Unterrichtsräume, entsprechend war niemand hier. Über meinen Köpfen hörte ich die Rufe der Menschen und der verzweifelten Feyann. Um nicht verrückt zu werden, blendete ich das aus.
   Die Geister führten mich über eine steile Treppe hinauf in den dritten Stock. Hier wäre es fast um mich geschehen gewesen. Gleich fünf Menschen stürzten sich mit Piken und Schwertern bewaffnet auf mich.
   Ich warf ihnen instinktiv einen Schwall Wassergeister entgegen und ertränkte sie fast – was mir in dieser Sekunde herzlich egal war. Natürlich wusste ich, was aus einer Feyann wurde, die mithilfe der Geister tötete. Doch hier galt sie oder ich und da fiel mir die Entscheidung nicht schwer.
   Ich lief nur Augenblicke danach die steiler werdende Treppe hinauf. So langsam beschlichen mich Zweifel, ob der Geist überhaupt wusste, was er da tat. Hier ging es hoch aufs Dach und mindestens dreißig Mannslängen in die Tiefe. Kein guter Ort, um sich in Sicherheit zu bringen. Erst recht nicht, wenn hinter einem eindeutig die Fußtritte seiner Verfolger zu hören waren. Sie wussten genau, wo ich mich verstecken wollte.
   Mein Herz raste, sowohl vor Angst als auch vor Anstrengung, als ich die Tür zum Dach erreichte. Panisch streckte ich die Hand aus und drückte die Klinke hinunter, doch die Tür sprang nicht auf.
   Abgeschlossen. Verdammt.
   Feyann schlossen niemals ihre Türen ab!
   Dunkel erinnerte ich mich jedoch an eine Unterhaltung zwischen zwei Lehrern, die sich über nistende Schwarzschatten aufgeregt hatten. Diese flugfähigen Biester waren etwa so groß wie der Oberkörper eines Mannes, über und über mit Stacheln besetzt und neigten dazu, ihre Nester in Schlössern zu bauen. Dummerweise griffen sie jeden an, der sich ihnen näherte. Weil eben diese Schwarzschatten kürzlich unser Schloss als prima Nistplatz entdeckt hatten und die Viecher auch noch Klinken runterdrücken konnten, hatte man die Tür abgeschlossen.
   Wie viel Pech konnte man haben?
   Mein Verstand reagierte abermals instinktiv. »Spreng ein Loch in die Mauer«, schrie ich den nächsten Erdgeist an und duckte mich sofort. Der Erdgeist zögerte nur wenige Sekunden, dann riss er die gewaltigen Steinbrocken der Außenmauer auseinander. Kleine Steinchen und Schutt prasselten auf mich nieder. Ich machte mich winzig, um meinen Kopf zu schützen. Auch die Soldaten gingen in Deckung. Ich hörte ihr Husten bis hierher und schauderte. Sie waren höchstens noch zehn Schritte von mir entfernt.
   Da Erdgeister besser mit Erde als mit Stein umgehen konnten, war das Loch in der Mauer relativ klein. Für mich sollte es reichen. Ich warf mich kopfüber hindurch, schob mich wie eine Schlange hin- und her und riss mir dabei unsanft Hüfte und Schultern auf. Egal. Wenn ich Schwierigkeiten hatte, hier durchzukommen, war es für die Soldaten unmöglich.
   Jemand packte jedoch einen meiner Füße, zog ruckhaft, um mich auf die andere Seite zurückzuholen. Ich trat mit dem freien Fuß danach und schaffte es, mich zu lösen. Ehe der Mensch abermals zupacken konnte, hatte ich mich durch das Loch geschoben und krabbelte auf allen vieren fort. Mein Angreifer versuchte noch, mich mit seiner Pike zu erwischen, aber ich war bereits zu weit weg.
   »Haut ab«, rief ich in Panik, während mir der Wind die Haare ins Gesicht wehte. Ich hatte es wirklich bis auf das Dach geschafft. Nur … was jetzt? Von hier oben gab es lediglich den einen Durchgang, doch der wurde von den Soldaten versperrt. Die erweiterten mittlerweile mit ihren Piken das Loch in der Mauer. Steinchen prasselten herunter, die Erdgeister grollten nervös.
   Ich musste hier weg. Eindeutig.
   Mir rann der Schweiß wie ein Wasserfall die Stirn hinab, während ich gleichzeitig fror. Klarer Fall: Ich hatte einen Schock, allerdings keine Zeit, ihn zu behandeln. Stattdessen drehte ich mich langsam auf der Suche nach einer Lösung um mich selbst.
   Das Dach des Schlosses bestand aus fünf Teilen: einzelne Plattformen, die turmartig in die Höhe ragten und nicht miteinander verbunden waren. Auf jedem dieser Türme wuchsen unterschiedliche Pflanzen und Bäume. Auf der gegenüber wuchs zum Beispiel ein kompletter Wald. Das wäre praktisch gewesen. Das Nadelgehölz hätte ich sicherlich überreden können, die Nadeln auf meine Angreifer abzufeuern. Auf einer anderen Plattform züchteten wir Lianen und Schlingpflanzen. Auch die wären super zur Verteidigung gewesen.
   Doch auf dieser hier wuchsen nur Kräuter und Wildpflanzen. Es dürfte schwer werden, meine Angreifer mit einer Pusteblume außer Gefecht zu setzen. Es sei denn, ich konnte ihnen eine Allergie auf den Hals hetzen. Eher unwahrscheinlich.
   Ich war kurz vorm Verzweifeln, als der erste Soldat durch das Loch gekrochen kam. Erschrocken machte ich einen Satz von ihm fort. Weil ich ohnehin am Rennen war, lief ich gleich weiter.
   Die Instinkte übernahmen das Handeln.
   Noch im Laufen schleuderte ich meine komplette Magie in die Welt hinaus. Ich riss quasi mein gesamtes Dasein auf, um mit aller Kraft diesen einen Ruf zu verschicken. »Hilfe«, schrie ich auf magischer und realer Ebene. »Ihr Luftgeister! Kommt und …« Ich sprang einfach über den Rand des Daches, ein gewaltiger Satz ins Leere. Dabei dachte ich nicht großartig nach. »… fangt mich auf!«
   Die Geister in meiner Nähe hüpften mir erschrocken hinterher. Die Ersten krallten sich ausgerechnet in meinen Haaren fest und rupften sie mir büschelweise aus, die Schlaueren packten die Kleidung, mehrere erwischten meine rudernden Arme.
   Der rasante Sturz verlangsamte sich etwas, während der Wind an mir herumzerrte. Ich kam trotzdem unaufhaltsam dem Boden näher. Unten sah ich Soldaten, die mich mit großen Augen beobachteten. Sie hatten die Piken im Boden verankert, die spitzen Enden nach oben aufgestellt. Ich würde aufgespießt werden, wenn ich nicht bald flog.
   Ich hatte fast mit meinem Leben abgeschlossen, da spürte ich sie, die gewaltigste Armada an Geistern, die sich je zusammengetan hatte. Sie rasten von allen Seiten auf mich zu, kamen von hoch oben aus den Wolken und von tief unten aus der Erde. Kurz bevor ich die Piken erreicht hatte, prallten die Geister auf meinen Körper und schleuderten ihn wie ein Katapult in den Himmel.
   Mein Schrei wurde mir schlichtweg von den Lippen gerissen, während ich noch bemerkte, dass sich sämtliche Soldaten vor Schreck duckten. Sie vergaßen sogar, mit Pfeilen auf mich zu schießen.
   Ich schleuderte an der Plattform vorbei und an den verblüfften Soldaten vorüber. Die lehnten sich gerade über die Brüstung, um zu schauen, ob ich unten zerschellt war. War ich nicht. Stattdessen ging es für mich hoch in den Himmel. Mein Magen stülpte sich von innen nach außen, bittere Galle schoss mir in den Rachen. Gleichzeitig kreischte ich vor Freude und Erleichterung.
   Immer mehr Geister erreichten meinen wild trudelnden Körper und stabilisierten ihn. Irgendwann flog ich sogar wie ein Vogel waagerecht durch die Luft, Bauch nach unten, Kopf normal.
   Das aufgeregte Geschnatter der Geister war Musik in meinen Ohren, ihre Berührungen taten so gut wie die Streicheleinheiten eines lieben Freundes.
   »Danke«, brachte ich schließlich hervor, während sie mich vorsichtig in Richtung Sonne trugen.
   In meinem tiefsten Inneren war ich aber wohl wirklich eine böse Feyann. Ich sah das gewaltige Heer der Menschen. Als ich meine Magie zum Schloss lenkte, spürte ich nichts. Kein Echo der Magie, keine Antwort auf meinen Ruf.
   Die Feyann, die dort gelebt hatten, gab es nicht mehr. Sie waren ermordet worden durch die Hände dieser Männer.
   Meine Wut brodelte zum Glück für mich tief in mir drin, sodass die friedlichen Elementargeister nichts davon bemerkten. Sie hätten mich womöglich fallen gelassen.
   Bevor ich jedoch diesen Teil meines Selbst vollständig in mir versenken konnte, sandte ich noch einen letzten, kurzen Befehl an einen einzigen Feuergeist in meinem Zimmer.
   Der Kleine vernahm den Ruf und dachte sich nichts dabei. Er hüpfte fröhlich zu all den Tiegeln und Töpfen und warf sie mit meiner Erlaubnis um. Fasziniert sah er zu, wie sich die Dämpfe zu einer gewaltigen Blase zusammenschoben. Die sickerte rasend schnell erst durch den Türspalt und verteilte sich letztlich im ganzen Schloss.
   Ich ahnte, was nun kommen würde, achtete jedoch peinlich genau darauf, dem Feuergeist keinen direkten Befehl zu geben. Sobald ich das tat, würde ich zu einer Hexe werden, das war mir klar.
   Doch ich musste nichts sagen. Feuergeister steckten grundsätzlich alles an, was sich in ihrer Nähe befand. Sie meinten das überhaupt nicht böse. Es war einfach Teil ihrer Natur. Der Kleine hüpfte mehr zufällig in die Giftblase. Ein Zischen folgte, als das Gas mit seinem Körper in Berührung kam. Es gab eine gewaltige Stichflamme, die vom Zimmer aus durch alle Gemäuer raste.
   Sekunden später explodierte das gesamte Schloss.
   Die Geister um mich herum kreischten vor Schreck, als sie den Tod spürten. Einige verpufften, andere warfen mir fragende Gefühle zu, blieben jedoch bei mir. Mein Flug wurde wieder ruckeliger. Ich segelte unaufhaltsam der Erde zu, doch das war in Ordnung.
   Irgendwann musste ich ohnehin landen.
   Ich suchte mental nach dem kleinen Feuerteufel im Schloss. Erleichtert stellte ich fest, dass er überlebt hatte und nicht so recht verstand, dass er der Auslöser für all die Toten war.
   Gerade wollte ich ihm einen beruhigenden Gedanken zusenden, da setzten mich die Geister ziemlich unkoordiniert auf der Erde ab. Mit vollem Schwung krachte ich erst in ein Gebüsch, danach gegen einen Baumstamm.
   Um mich wurde es schwarz.

Kapitel 2
Dornenranken sind keine Haare

Hier endete die Erinnerung.
   Ich schluckte, wieder gefangen im Jahre älteren Körper. Er fühlte sich so viel schwerer und trauriger an als mein jugendliches Ich – und eigentlich war auch er viel zu erschöpft für einen siebenundzwanzigjährigen Körper.
   »Tristan und ich haben das Geistergeschwader gesehen«, sagte Brahn in die Stille hinein. Er war noch ein bisschen blass. In den Erinnerungen eines anderen zu baden, war meist nicht angenehm. »Sie sind über unsere Köpfe hinübergezischt und haben für einige Sekunden die Sonne verdunkelt. Als am Horizont diese gewaltige Stichflamme und danach die Rauchwolke auftauchte, wussten wir, dass die Schule der Feyann verloren war. Ich hätte nur nie gedacht, dass du damit was zu tun hattest.«
   »Die Feyann waren alle tot. Ich habe mich nur an ein paar Soldaten gerächt, wobei ich dem Geist niemals gesagt habe, er solle das Gas anzünden. Sonst hätte ich mich schon damals in eine Hexe verwandelt. Damals kam ich mit einem blauen Auge davon, aber der Wunsch nach Rache ist nie ganz weggegangen.«
   »Ziemlich untypisch für eine Feyann.«
   »Genau das ist das Problem.«
   Wir sahen uns einen Moment finster an.
   »Ich hätte mich auch an ihnen gerächt«, erklärte Brahn schließlich.
   »Du bist ein Shadun. Ihr seid Krieger. Ich bin eine Feyann, eine Heilerin. Wir sollten nicht töten, und dennoch steckt es in mir.«
   Wir kommentierten das nicht weiter. Wenn das Töten wirklich ein Teil meines Selbst war, gab es keine Heilung für mich.
   Brahn blieb noch eine Weile neben mir sitzen, verabschiedete sich aber irgendwann etwas verlegen. Er hatte mich zuvor gefragt, ob ich in seinem Haus leben wolle und ich hatte sein Angebot ausgeschlagen. Solange ich unter seinem Dach schlief, würde er gewiss kein Auge zutun –, was ich ihm einfach nicht antun wollte.
   Brahn balancierte derweil deutlich eleganter zur Tür als ich und verschwand mit einem »Bis morgen«. Ich nickte ihm zu, leicht angesäuert ob seiner Ballerinafähigkeiten. Erst recht, als ich mich daran erinnerte, dass er jede Menge Blessuren davongetragen hatte. Der Mann war echt zäh.
   Um mich abzulenken, legte ich mich auf das Brett, starrte in die Dunkelheit und dachte über meine Erinnerung nach. Über mir drehten sich die übrigen Erinnerungsbläschen, als wollten sie mich locken oder verhöhnen.
   War es wirklich klug, sich zu erinnern? Ich hatte sie schließlich nicht ohne Grund weggesperrt. Damals war ich kurz davor gewesen, zu einer richtig bösen Hexe zu mutieren. Ich wollte alle im Dorf umbringen, wollte die Menschen vernichten und alle Magiewesen, die Tristan nicht geholfen hatten. Ich wollte all das Übel, aber auch das vermeintlich Gute aus der Welt tilgen. Wer den Gedanken zu Ende brachte, kam nur zu einem Schluss: Ich war auf gutem Wege gewesen, die Welt vernichten zu wollen.
   Deshalb hatte ich die Erinnerungen weggesperrt.
   Die Zeit danach hatte mich ruhiger werden lassen. Für einen normalen Mar, also ein Magiewesen mit menschlichem Aussehen, war das immer noch heftig aufgedreht. Für mich war es, als hätte man mir Beruhigungstabletten gegeben. Eine Schubkarre voll.
   Die Trauer, die mich vorher gewürgt hatte, war verschwunden. Ich konnte besser über die Gründe nachdenken, die mich fast in den Wahnsinn getrieben hätten. Mein Hass auf alles und jeden verschwand. Ich ging nicht davon aus, dass er mit dieser Intensität zurückkehren würde.
   Brahn hatte allerdings recht. Tristan hatte es wirklich nicht verdient, vergessen zu werden.
   Tulu ließ sich sanft auf meinem Bauch nieder und weckte mich aus der Grübelei. Da das Brett zu kurz für meine Körperlänge war, ragten die Füße immer ein Stück in den Schlund hinaus. Tulu benutzte sie gern als Aussichtspunkt. Er blinkte mir beruhigend zu und hüpfte auf meinen großen Zeh, um von dort in den Abgrund zu stieren.
   »Kein Fips?«, frage ich. Tulu blinkte als Antwort zwei Mal, was nein hieß. Er war der einzige Geist, der wirklich in der Lage war, mit jemandem zu kommunizieren. Er war aber auch der einzige Geist, der einen Namen besaß – mal abgesehen von Bob.
   Apropos Bob. Ich setzte mich ruckartig auf. Dabei sah ich dem strauchelnden Tulu zu, der in die Tiefe trudelte und schimpfend wieder nach oben zischte. Er warf mir in seiner Geistersprache eine Reihe Schimpfwörter an den Kopf. Wie gut, dass ich ihn nicht verstehen konnte. Für einen Elementargeist war Tulu ziemlich … explosiv, aber das merkte ich niemals an. Ich war ja auch keine normale Feyann, da passte ein durchgedrehter Geist gut zu mir.
   Ich durchsuchte den Haufen Lumpen an meinem Kopfende und fand jede Menge abgenagter Knaulwurzeln und Gespensterginster, etwas Matsch und Ton, aber keinen Bob.
   Wo, bei allen Geistern, hatte ich Bob gelassen? Ich hatte ihn definitiv aus dem Schloss mitgenommen. Seufzend starrte ich nach oben. Dort drehten sich die Erinnerungsbläschen. Um herauszufinden, was mit Bob passiert war, musste ich das nächste Bläschen knacken, aber …
   Etwas bummerte gegen die Tür. Nicht schon wieder ein Gast! »Ich komme«, rief ich und sprang hektisch auf. »Bin noch nackt!« Ich riss mir die Kleider vom Leib. Tulu sah mir zweifelnd bei meinem seltsamen Tun zu. Er deutete mit einem Miniaturärmchen nach unten. Fips grollte bereits.
   Nackt, wie ich war, balancierte ich mehr schlecht als recht zur Tür und riss sie auf.
   Aeri musterte mich von oben bis unten mit einem verwirrten Blick. »Wie ich sehe, bist du immer noch nackt«, sagte sie trocken.
   »Jap.«
   »Willst du dir nichts anziehen?«
   »Nö.«
   Sie blinzelte überrascht. Meine Kleiderlosigkeit war natürlich Taktik. Nackte Menschen verwirrten im Allgemeinen die Angezogenen. Sie verursachten ein intensives Gefühl von Unwohlsein. Das führte dazu, dass Gespräche mit Nackten meist schnell beendet wurden. Bei Brahn oder Keelin hätte es gewiss geklappt, bei Aeri jedoch nicht.
   Die roch sofort Lunte. »Wir müssen über deine Nummer mit der Trudifrucht sprechen«, erklärte sie, meine nackten Tatsachen einfach ignorierend.
   Mist. Ich hatte vergessen, dass Aeri ohne Konventionen allein in einer Hütte aufgewachsen war. Dinge, die anderen peinlich waren, bemerkte sie nicht einmal. Ich schob mich mühsam durch die winzige Öffnung – bloß Aeri nichts zeigen – und zog hinter mir die Tür zu. »Okay. Schieß los.«
   »Außerdem müssten wir über das Ungeheuer sprechen, das du in deiner Hütte hältst. Und, wo wir schon mal dabei sind: Wir sollten uns überlegen, wie du wieder eine Elementarmagierin werden kannst, ohne die Welt zu zerstören.«
   In meinem Kopf entstand ein Bild, wie ich Brahn mit einer Axt den Schädel spaltete. Er hatte gepetzt, der Drecksack!
   »Keelin ist der Meinung, dass du bei uns einziehen solltest«, plapperte Aeri derweil munter weiter. »Dann bist du wenigstens unter Kontrolle und musst dein Bett nicht mit … Fips? So hieß er doch? … teilen. Ich halte davon nicht viel. Vielmehr glaube ich, dass du unterm Elementarbaum besser aufgehoben bist. Der stampft dich nämlich sofort in Grund und Boden, solltest du mal wieder was anstellen wollen. Und das finde ich, mit Verlaub, ziemlich beruhigend.«
   Bitte? Was war denn in die gefahren? Gut, vielleicht war das die Retourkutsche dafür, dass ich sie aufschneiden wollte. »Der Elementarbaum stampft mich bereits in Grund und Boden, wenn ich nur in seine Nähe komme.«
   »Ich habe mit ihm kommuniziert. Er wird dir nichts tun, solange du brav bist.«
   »Bin ich nicht immer brav?«
   »Muss ich darauf antworten?«
   Da gab ich auf und balancierte wieder in die Hütte zurück, um meine paar Habseligkeiten zu holen. Tulu wirkte ebenfalls erleichtert, aus Fips’ gefräßiger Reichweite zu kommen. Er kuschelte sich zum Dank in Aeris Haar und schwätzte eine Runde mit seinen Geisterkollegen. Offenbar war ich gerade abgemeldet.
   Da ich nur ein einziges Kleid besaß, das nicht in Flammen aufgegangen, von Explosionen geschwärzt oder von Hexengeistern zerlegt worden war, hatte ich ziemlich schnell gepackt. Leider war das Kleid blassrosa, was überhaupt nicht zu meinem sonst finsteren Äußeren passte. Ich kam mir damit irgendwie verkleidet vor. Die Schuhe hatte ich bereits vor Wochen bei einer von Fips zahlreichen Attacken verloren. Seitdem ging ich barfuß. Sollte ja gesund für die Füße sein.
   Aeri musterte mich kritisch, was in letzter Zeit offenbar zu einer blöden Angewohnheit geworden war. Sie sagte jedoch nichts. Stattdessen watschelte sie voraus, den Bauch vorgereckt, die Hände im Rücken abgestützt. Wahrlich, diese Geburt war definitiv überfällig.
   Da ich aber keinen weiteren Streit vom Zaun brechen wollte, folgte ich ihr schweigend, meine Erinnerungsbläschen in einer hübschen Formation hinter mir her fliegen lassend. Auch dazu sagte Aeri nichts. Provozieren ließ sie sich wirklich nicht, das musste man ihr lassen.
   Da es bereits später Abend war, wirkte das Dorf wie ausgestorben. In vielen der unterschiedlich gebauten Häuser brannten noch Kerzen, hauptsächlich waren nur die nachtaktiven Asannen unterwegs. Als sie mich erblickten, verdrückten sie sich schnell. Ich versuchte, es nicht persönlich zu nehmen. Aber verdammt, es war persönlich.
   Die meisten der Dorfhäuser waren aus Holz errichtet, einige wenige aus Stein oder Lehm. Es gab auch welche, die nur aus Schlingpflanzen oder aus ineinander verhakten Hecken zu bestehen schienen. Die mochte ich am Liebsten. Eigentlich liebte ich das gesamte Dorf. Es war schön lebendig und vielseitig wie eine eigene, kleine Welt. Der Hauptpfad, über den wir gingen, bestand hauptsächlich aus Moos, das ich vor etwa einem Jahr hatte wachsen lassen. Es hatte den harten Kies fast vollständig verdrängt und ließ das Dorf jetzt viel freundlicher aussehen. Die Vorgärten waren ein wunderschönes Spektakel aus Blumen, Bäumen und Gräsern. Hier fühlten sich die Geister, aber auch andere Magiewesen pudelwohl.
   Die meisten von uns waren sogenannte Mar, also Magiewesen, die sich in eine menschenähnliche Gestalt verwandelt hatten. Dazu gehörten die Shadun, die Asannen, die Feyann und die Mae, von deren Name die Bezeichnung Mar abstammte. Die Mae hatten sich nämlich als erste von ihrer magischen Gestalt gelöst und sich eine menschliche Erscheinung zugelegt.
   Wie die Mae in Wirklichkeit aussahen, wusste ich nicht. In ihrer Menschengestalt sahen sie schlank, groß und weißhaarig aus. Die Asannen wirkten dagegen pummlig. Sie besaßen viele bunte Tupfen im Gesicht und strahlten eine Ruhe und Gelassenheit aus, um die ich sie stets beneidete.
   So fröhlich diese Mar erschienen, so düster waren die Shadun. In ihrer wahren Gestalt waren sie nichts anderes als finsterer, nebliger Rauch in Tiergestalt. In ihrer Menschengestalt hatten die meisten schwarze Haare, dunkle Haut und blaue Augen.
   Es lebten aber auch reine Magiewesen bei uns. Sie sahen fast immer aus wie Tiere und kommunizierten in der gleichen Weise. Sie regelten alles über Körpersprache.
   Gerade sprang ein wie ein geflügeltes Meerschweinchen aussehendes Wesen aus einer Hecke und hüpfte mit gewohnter Lässigkeit auf Aeris Schulter. Meeha, die kleine, verrückte Waldgöttin.
   Wir mochten uns. Sie wusste, dass ich Aeri retten wollte, und ließ mich daher machen. Hätte ihr meine Demonstration missfallen, wären mir vermutlich bereits jede Menge Pusteln gewachsen. Meeha hatte nämlich herausgefunden, dass Waldgöttinnen so etwas konnten. Seitdem ging ich deutlich vorsichtiger mit ihr um.
   Sie zwinkerte mir kurz zu und buddelte sich übergangslos in Aeris Haarpracht, um dort ein Nickerchen zu halten. Für meine Freundin waren diese Kletterpartien so normal, dass sie das Tun der Waldgöttin nicht mal mehr bemerkte. Tulu verdrückte sich allerdings schnell.
   Er war ein kranker Geist, und Waldgöttinnen hatten wenig Verständnis für unvollkommene Geschöpfe. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da hatte Meeha Tulu umbringen wollen. Seitdem hatte mein kleiner Geist große Angst vor dem Wesen, das ständig seine Form und Farbe wechselte.
   Der Weg führte quer durch das Dorf zur großen Wiese. Hier grasten unsere Reittiere, die Waris. Die gewaltigen Hirsche hoben die Köpfe, als wir an ihnen vorbeigingen, senkten ihre Nasen danach aber wieder ins Gras. Nasur, das einzige Pferd, das bei uns lebte, kam jedoch herangetrottet. Er grub in meiner halb abgerissenen Tasche nach etwas Essbarem. Als er lediglich ein bisschen Glibber fand, schnaubte er empört und verdrückte sich. Zu Aeri ging das Tier nicht. Aus irgendeinem Grund mied Nasur die Feyann, was ich mir beim besten Willen nicht erklären konnte.
   Am Ende der Wiese stand der Elementarbaum, jenes Ungetüm, das alles überragte, selbst die gigantischen Mauern unserer Festung. Seit etwa zwei Jahren war dieser Baum immer lebendiger geworden. Das lag vermutlich an der Anwesenheit so vieler Magiewesen. Heutzutage raschelte er mit den Blättern als Willkommen oder winkte mit dem ein oder anderen Ast. Es hätte mich auch nicht gewundert, wenn er irgendwann gesprochen hätte, aber das war bislang ausgeblieben.
   Das hieß aber nicht, dass man kein Gespräch mit ihm führen konnte. »Hey, Elementarbaum«, rief ich begeistert. Ich schwöre, beim Klang meiner Stimme versteiften sich sämtliche Blätter. »Ich hab gehört, du gibst mir Obdach?«
   Der Baum knarzte und verbeugte sich ein klein wenig, was ich als Ja annahm.
   »Toll.« Ich strahlte übers ganze Gesicht. Zwar mochte ich eine Elementarhexe sein, aber ich liebte trotzdem die Natur und erst recht einen Baum, der aus Geistern und Magie bestand.
   Aeri wirkte erleichtert. Offenbar war sie unsicher gewesen, ob der Elementarbaum an ihrer Abmachung festhielt. Sie deutete auf zwei Decken, die über einer Wurzel hingen. »Ich bring dir morgen noch mehr Polster, damit du es gemütlich hast. Jetzt muss ich mich leider verabschieden. Mein Rücken bringt mich um.« Sie umarmte mich wie selbstverständlich, was bei ihrer Rundung eine Kunst war. »Benimm dich! Du bist hier Gast«, flüsterte sie mir dabei ins Ohr.
   Als sie sich zum Gehen wandte, rief ich ihr noch ein »Dein Rücken bringt dich nicht um. Es ist dein Baby«, hinterher, woraufhin die Stimmung kurzfristig kippte. Der Elementarbaum grollte empört und schlug mit einer Wurzel nach mir, Meeha zischelte mich böse an und Aeri warf mir blitzende Blicke zu. Ich brachte mich hastig vor den schlagenden Ästen in Sicherheit und schickte Aeri und Meeha ein liebliches Lächeln hinterher, um meine Worte abzumildern.
   Die beiden ignorierten mich und verschwanden aus meinem Blickfeld, während der Baum gerade einen Volltreffer landete.
   »Aua«, rief ich empört. »Hey, Kumpel! Töte nicht den Boten, der die Wahrheit verkündet.«
   Der Baum beruhigte sich wieder und ließ es danach zu, dass ich die Decken vor seinem gewaltigen Stamm ausbreitete.
   »Du könntest mir noch ein paar Blätter runterschmeißen zum Auspolstern«, überlegte ich laut. Sekunden später war ich von seinen Blättern begraben – bis zum Hals. »Sehr witzig«, grummelte ich und kämpfte mich aus dem Berg. »Meinst du nicht, wir sollten das Kriegsbeil begraben?«
   Als Antwort ließ er eine einzige Liane herab – die als Galgen geknotet war.
   Scheinbar war er noch sauer auf mich. Weltenbäume konnten echt nachtragend sein. Ich ignorierte seine Spitze, obwohl ich große Mühe hatte, mir ein Grinsen zu verkneifen, und stopfte stattdessen die Blätter zu einem hübschen Bett zusammen. Tulu hatte sich derweil zu den anderen Geistern im Baum gesellt, um mit ihnen eine Runde zu reden. Geister waren die größten Klatschtanten diesseits und jenseits der Welt.
   Während ich still vor mich hinarbeitete, bemerkte ich zwei Dinge: Ich wollte niemals wieder in den Höllenschlund zurück, der mal mein geliebtes Zuhause gewesen war. Und ich fühlte mich irgendwie deutlich besser als noch vor zwei Stunden. Mein jugendliches Ich hatte der geschundenen Seele gutgetan. Es erinnerte mich daran, wie glücklich und frei ich mich stets gefühlt hatte. Gut, nach dem Überfall auf das Schloss war ich für lange Zeit in eine äußerst düstere Phase gefallen, aber auch die hatte ich überstanden. Bis …
   Ach, Menno! Da setzte die Erinnerung wieder aus. Ein klares Zeichen dafür, dass ich sie in eines der verdammten Erinnerungsbläschen gepackt hatte.
   Ich warf der über meinem Kopf schwebenden Schar einen bösen Blick zu, hatte aber nicht die Kraft, mich noch einer Erinnerung zu stellen. Außerdem sollte man das niemals allein machen. Es war schlicht zu gefährlich, sich für immer zu verlieren.
   Mein Bett beschäftigte mich zum Glück eine ganze Weile. Als ich damit fertig war, zog ich zum ersten Mal seit mehreren Monaten das winzige Büchlein hervor, das ich magisch verkleinert als Kette um den Hals trug. Es war das einzige Lehrbuch, das ich hatte retten können. Eigentlich kannte ich es seit Jahren auswendig, aber es tat gut, es einfach nur in den Händen zu halten und durch die braunen vergilbten Blätter zu trödeln.
   Leider wurde es rasch dunkel, was die Lesefreude natürlich dämmte. Seufzend ließ ich das alte Buch sinken und haderte für wenige Millisekunden mit meinem Anstand, aber wie immer stand der auf verlorenem Posten. »Du hast doch nichts dagegen, wenn ich ein kleines Feuerchen mache? Hier liegt ja genug Gestrüpp rum«, erläuterte ich, während ich bereits ein Bündel einsamer Ästchen auf einen Haufen schob.
   Von oben senkte sich ein recht beeindruckender Ast, um mir Blätter raschelnd auf den Kopf zu hauen.
   »Aua! Ist ja gut«, schimpfte ich. Das würde eine schöne Beule geben. »Dann schick zumindest zwei, drei Feuergeister herunter.«
   Selbstverständlich kam keiner. Lediglich Tulu schwebte zu mir zurück, um mir ein bisschen Gesellschaft zu leisten. Viele der Shadun oder Mae hatten sich heftig darüber aufgeregt, dass ich einen Geist Tulu genannt hatte. Tuluh – wohlgemerkt mit h! – hieß in der Sprache der Shadun Quälgeist, was natürlich alle Weltverbesserer als Affront gegen die gesamte Geisterwelt ansahen. Ich sparte mir die Erklärung, dass Tulu in der alten Sprache der Feyann als kleiner Freund – also, Tu-Lu – übersetzt wurde. Tulu wusste es, das reicht mir. Sollten die anderen glauben, was sie wollten.
   Weil ich wegen der Dunkelheit nicht mehr viel sehen konnte, ließ ich mich auf dem Blätterbett nieder, verschränkte die Arme im Nacken und starrte hinauf in die Unendlichkeit des Astgeflechtes über mir. Die Geister waren vor mir in die höheren Regionen geflüchtet und tuschelten aufgeregt miteinander, während sie mich musterten.
   Ich winkte einigen besonders glotzenden Exemplaren zu, die daraufhin mit einem Quieken verschwanden. Im Prinzip auch keine nette Reaktion für die so anständigen Geister.
   Da ich nicht wirklich müde war, probierte ich es mit einer netten, kleinen Plauderei mit meinem schlecht gelaunten Elementarbaum. »Sag mal, Kumpel, hast du um die Mitte herum ein bisschen zugenommen? Dein Stamm hat da eine deutliche Ausbuchtung.«
   Augenblicklich holte der Baum wieder mit dem Ast aus, aber diesmal rollte ich in letzter Sekunde zur Seite. Der Elementarbaum verfehlte mich um Längen, aber das registrierte ich nur am Rande. Von oben hörte ich nämlich ein Kichern, ganz deutlich. Sowohl Baum als auch ich erstarrten.
   Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte hinauf ins Astgewirr. »Entweder, du bist seit Neuestem im Stimmbruch, in Wirklichkeit eine Frau oder da sitzt jemand in deiner Baumkrone!«
   Der Baum raschelte nervös, als wollte er den Kopf schütteln.
    »Du kannst gern zu mir runterkommen«, rief ich probehalber. Ich war unsicher, ob ich überhaupt etwas gesehen hatte. Umso überraschter war ich, als ein seltsames Wesen zu mir herunterturnte und sich neben mir ins Blätterbett setzte.
   Ich blinzelte es verblüfft an. Etwas Vergleichbares hatte ich noch nie gesehen. Das Wesen war so filigran wie ein Schmetterling, ging mir etwa bis zur Nasenspitze und sah eindeutig marisch aus. Es hatte gewaltige Augen, die fast das gesamte Gesicht einnahmen. Sie schillerten in allen Nuancen von Grün. Die im Vergleich dazu winzige Stupsnase war voller Sommersprossen, die noch obendrein ihr eigenes Licht absonderten. Doch das Verwirrendste waren die Haare. »Du hast da was auf dem Kopf«, erklärte ich vorsichtig und deutete mit dem Zeigefinger auf das Gewirr, das sich am Scheitel der Kleinen befand. Ich war mir ziemlich sicher, dass das Wesen weiblich war.
   Die Kleine strahlte und nickte. »Sind sie nicht hübsch?«
   Sprechen konnte es also, wobei es Unsinn erzählte. Als hübsch würde ich die Dornenranken auf ihrem Kopf nicht gerade bezeichnen.
   Sie legte einen Finger mit einem blattähnlichen Fingernagel auf die kirschroten Lippen. »Schau nur …« Sie vertraute mir offenbar ein Geheimnis an. Die Kleine warf die Dornenranken mit Schwung nach vorn und grub in ihnen herum, um sie dann vorsichtig zur Seite zu legen. Dadurch entstand ein Spalt und siehe da … mittendrin wuchsen gleich mehrere Glockenblumen. »Toll, oder?«
   Äh … mir waren Haare lieber, selbst wenn sie schwarz und finster aussahen. Wie es schien, hatte dieses Wesen nicht mehr alle Tassen im Schrank und noch dazu Unkraut auf dem Kopf. »Wunderbar«, erwiderte ich, weil es von mir erwartet wurde. »Und wie heißt der Rest von dir?«
   »Fairy von den Waldgängern der Pari.«
   Aha. Das sagte mir nichts. Ehe ich jedoch weiterfragen konnte, deutete sie abermals mit diesem verdammten Blätterfinger auf mich.
   »Viel spannender ist allerdings, wer oder was du bist. Ich rätsle schon eine ganze Weile. Da du mich ohnehin entdeckt hast, dachte ich mir: Ich frage mal.«
   Sie legte den Kopf schief, wodurch ihre Ranken verrutschten und die Glockenblumen wieder einhüllten. Ich war mir fast sicher, ein empörtes Kreischen gehört zu haben. Aber nicht ablenken lassen. Da stellte gerade jemand sehr unangenehme Fragen.
   »Ich bin Liah«, antwortete ich ausweichend.
   »Ich bin Fairy.«
   »Ich weiß.« Ja, das konnte ein Gespräch werden.
   »Genau. Ich bin Fairy von den Pari. Und du?«
   »Liah von den … äh … Elementen.«
   »Hexe oder Magierin?«
   »Such dir was aus. Ist alles im Angebot.«
   Anstatt ängstlich zurückzuweichen, lachte sie hell und warf den Kopf beziehungsweise die hüftlangen Dornenranken nach hinten. »Du gefällst mir, weil du was Besonderes bist. So wie die Glockenblumen. Sollte meine Urmutter herausfinden, dass ich sie dort wachsen lasse, würde sie mich auspeitschen. Deshalb: Wenn du mein Geheimnis nicht verrätst, ist deines bei mir ebenfalls sicher.«
   In Gedanken notierte ich mir, dass mein Leben im Vergleich zu ihrem wohl ein Zuckerschlecken war. Ich gestattete mir, sie zum ersten Mal zu mustern. Ihre Haut ähnelte der Rinde eines Baumes, ansonsten hatte sie den Körper eines Menschen. Kleidung trug sie augenscheinlich keine, wobei sie aber nicht nackt aussah. Blätter verdeckten die pikantesten Stellen. Die Frage war nur: War das die Kleidung oder ein Teil ihres Selbst? Sie war eindeutig ein Geschöpf des Waldes und gleichzeitig unfassbar, fast eklig niedlich. Ich war mir sicher, dass sie goldenen Sternenstaub pupsen würde.
   Wir tauschten noch eine Weile Merkwürdigkeiten aus, wobei ich feststellte, dass Fairy im Grund ihres Herzens eine schüchterne Seele war. Sie gab nur äußerst vorsichtig zu, unerlaubt im Elementarbaum zu sitzen. Auch hier erwähnte sie wieder die Urmutter und die Peitsche, was mich zum Schluss kommen ließ, dass ich ihre Erzeugerin niemals kennenlernen wollte. Durch das Gespräch fand ich endlich heraus, was im Wald hinter unserem Dorf lebte – nämlich die Pari. Doch wer oder was sie genau waren, war nicht aus Fairys Nase zu ziehen. Solange wir aber im Dorf blieben und auf großartige Erkundungstouren verzichteten, sah sie keine Bedrohung für uns. Das klang eher nicht so gut. Ich musste Brahn dringend raten, seine Streifzüge zu unterlassen.
   Während wir uns unterhielten, bastelte ich aus den Blättern und Lianen des Baumes ein Mobile. Ich steckte noch Nüsse, Kräuter und bunte Blumen samt Wurzeln dazu und knüpfte es über unseren Köpfen an einen Ast. Klar, gegen die wahre Natur konnte das Teil nicht anstinken, aber es machte die Geister sofort neugierig. Es war schließlich etwas, das sie nicht kannten.
   »Ich finde, du bist keine Elementarhexe«, erklärte Fairy überraschend und sah mir mit leuchtenden Augen zu. »Hexen erschaffen nichts, sie zerstören nur, sagt meine Urmutter.«
   Sie deutete dabei auf den kleinen Wirbelsturm aus goldenen Blättern, der seit Tristans Tod neben dem Elementarbaum tobte. Er markierte sein Grab, das einige Schritte von meinem Lager entfernt fast vollständig von Wurzeln verdeckt lag. Ich hatte diesen Sturm vor Jahren erschaffen und dank tatkräftiger Geisterhilfe am Leben erhalten. Obwohl die Geister mir nicht mehr gehorchten, waren sie der Tradition treu geblieben und hielten den Miniblätterorkan in Schwung, quasi als lebendiges Grabmal.
   »Ich habe gesehen, mit wie viel Liebe du diesen Sturm erschaffen und mit wie vielen Tränen du den Mann begraben hast. Eine Elementarhexe würde niemals den Tod eines Mar beweinen, sie würde ihn sofort rächen. Das hast du nicht getan. Und obwohl die Urmutter meint, du wärest eine Gefahr und müsstest vernichtet werden, glaube ich an dich.«
   Ich hatte aufmerksam zugehört, eingelullt von ihrer sanften Art zu sprechen – jetzt machten meine Gedanken eine Vollbremsung. Bitte was wollte ihre Urmutter?
   »Ich denke, die Geister meiden dich nur, weil du so voller Trauer bist. Sie gehen derart düsteren Empfindungen aus dem Weg«, plapperte Fairy weiter, ehe ich völlig verdattert darauf reagieren konnte.
   Eine interessante Überlegung, die ich gewiss mal überdenken würde, doch zuerst wollte ich zurück auf die Urmutter kommen. Fairy ließ mich jedoch nicht dazwischen. Himmel, die konnte noch besser quatschen als ich!
   »Wobei ich nicht davon ausgehe, dass du irgendwas erreichst, wenn du unter Weltenbäumen nachguckst oder Tiefenschlünde gräbst. Meiner Meinung nach musst du zur Seelengängerin.«
   Okay. Jetzt wurde es spannend.
   »Wie heißt eigentlich der Mann, den du da begraben hast?« Leider hüpften Fairys Gedanken so schnell wie meine. Sie verlor das Thema, weil sie wieder den sich drehenden Wirbelsturm fixierte.
   »Tristan.«
   »War er dein Freund? War er nett? War er dein Geliebter?«
   Ja, ja und ja, aber das sagte ich nicht laut. Stattdessen ließ ich mit einem lautlosen Befehl ein Erinnerungsbläschen zu mir herabsinken. »Willst du ihn kennenlernen?«
   Fairy nickte mit großen Augen.
   »Dann lade ich dich dazu ein, diese Erinnerung mit mir anzusehen.« Eigentlich war ich mir sicher, dass sie ablehnen würde, aber ihre Dornenranken klatschten vor Begeisterung zusammen. Sie strahlte mich an wie ein Glühwürmchen beim Hochzeitstanz.
   »Dann los.«

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