Beth Preston hat erst vor Kurzem ihren Job als Krankenschwester auf der Sterbestation des St. Johns Krankenhauses in Los Angeles angetreten. Schon bei ihrer ersten Nachtschicht macht sie eine unheimliche Beobachtung, die sie fast umbringt. Wenig später sind düstere Gestalten hinter ihr her und ausgerechnet der attraktive Mann, der sie in der Klinik fast getötet hätte, rettet ihr das Leben. Kyle McLean ist ein Azrae – ein Todesengel, der die unheilbar Kranken auf die andere Seite begleitet. Irgendetwas scheint ihn mit Beth zu verbinden, denn er fühlt sich vom ersten Moment an dafür verantwortlich, die anziehende Frau zu beschützen. Sein Cousin Proud ist zunächst wenig begeistert, doch nachdem die Grigori – die Wächterengel – versuchen, Beth in ihre Gewalt zu bringen, wird auch ihm klar, dass in Beth mehr steckt als zunächst gedacht. Beth ist eine Nephilim – und die Engel wollen ihr Blut.

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ISBN: 978-9963-52-851-6

Seiten: 343

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Tanya Carpenter

Tanya Carpenter
Tanya Carpenter wurde am 17. März 1975 in Mittelhessen geboren, wo sie auch heute noch in ländlichem Idyll lebt und arbeitet. Die Liebe zu Büchern und vor allem zum Schreiben entdeckte sie bereits als Kind und hat diese nie verloren.   Die vielseitige Autorin ist inzwischen in nahezu allen Genre der Belletristik zu Hause. Neben den Vampiren sticht vor allem die Erotik in ihren Romanen hervor. Neben dem Bookshouse-Verlag schreibt sie außerdem Romane für Droemer Knaur, Cora, Fabylon, Arunya-Verlag, Ashera-Verlag und Edel. Ferner ist sie regelmäßig in Anthologien vertreten, schreibt Rezensionen für das Wolf Magazin von Elli H. Radinger und arbeitet als freie Lektorin im TeutonicTextTeam.   Hauptberuflich verdient Tanya Carpenter ihr Geld als Chef-Assistenz im Vertriebsinnendienst eines globalen Industrie-Unternehmen. Ihre Freizeit verbringt sie neben dem Schreiben gern mit ihren Australian Shepherds Spike und Damon oder ihrer Appaloosa-Stute Sha’Re-Luna. Sie ist gern in freier Natur unterwegs, interessiert sich für Mystik, Magie und alte Kulturen, liebt Musik, italienische Küche, schottischen Whisky und französischen Rotwein. In den Wintermonaten genießt sie gemütliche Leseabende vor dem Kamin. Vertreten wird die Autorin von der Agentur Ashera.

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Vorwort

Einst kamen sie in diese Welt, um Leid und Frevel aus ihr zu tilgen, als Sühne für ihre Schuld.
   Vier Engelkasten, jede mit ihrer ureigensten Aufgabe betraut.
   Da waren die Grigori – Wächterengel. Geboren, jene zu strafen, deren Herz voll Zorn, Hass und Habgier gegen ihre Nächsten ist. Sie werfen die Seelen der Schuldigen geradewegs in den Höllenschlund.
   Ihnen nach kamen die Azrae – Todesengel. Sie erlösen die unheilbar Kranken von ihrem Leid, reinigen die Erde von Seuchen und geleiten die Seelen auf die andere Seite.
   Es folgten die Cherubim – Schutzengel, die sich in reißende Bestien verwandeln, um jene zu bewahren, die ihnen anvertraut sind.
   Zuletzt erschienen die Djin – Seelensammler, die all jenen den Weg weisen, die vor ihrer Zeit aus dem Leben gerissen wurden.
   Über allen wachen vom Himmel herab die Seraphim – Racheengel, die vor den Toren des Garten Eden stehen, damit kein anderer Engel ihn je wieder wird betreten. Denn den Gefallenen ist der Zutritt ins Paradies auf ewig verwehrt. Zur Strafe für ihre Sünden sollen sie dienen den Menschen bis hin zum Tag des Jüngsten Gerichts – ohne Hoffnung auf Gnade oder Vergebung.
   So steht es geschrieben in der Vergessenen Schrift. Nur eine Hoffnung bleibt. Denn einst soll geboren werden der Nephilim. Wenn die Gefallenen ihre Schuld verbüßt, wird er allein ihre Schwächen heilen, wird die Engel befreien und die Tore öffnen mit seinem Blut.
   Jedoch diese Hoffnung schwindet.
   Mit den Jahrhunderten wandelten sich die Engel auf Erden. Wurden die Wächter vergiftet von den schwarzen Seelen ihrer Opfer. Lockten die Djin jene, die schwachen Glaubens waren, in den Tod. Berauschten sich die Azrae an heilem Blut. Und vergaßen die Cherubim ihre Pflichten.
   Sie traten hervor aus dem Geheimen und mischten sich unter die Lebenden, bis die Menschen begannen mit Argwohn von Vampiren und Werwesen zu sprechen. Von bösen Geistern und Dämonen, die den Menschen das Blut aussaugen, sie in Stücke reißen oder ihre Seelen rauben. Zitternd vor der dunklen Macht und gleichwohl angezogen von ihrer Verheißung, ohne je wirklich daran zu glauben.
   So war es, und so sollte es bleiben, und der Nephilim geriet in Vergessenheit. Bis heute …

Kapitel 1

Auf der Station war alles still. Beth überprüfte die Monitore der Intensivfälle, deren monotones Summen und regelmäßiges Piepen die einzigen Geräusche im Schwesternzimmer waren. Da alles unauffällig schien, machte sie sich zu einem Rundgang durch die Zimmer auf, um nach den Patienten zu sehen, die nicht an einen Kontrollapparat angeschlossen waren.
   Eine schwermütige Stimmung befiel sie. Beth war erst seit zwei Monaten im Saint Johns als Nachtschwester auf der Sterbestation, doch schon jetzt gestand sie sich ein, dass dies nicht die Art von Job war, die sie sich darunter vorgestellt hatte. Sie war davon ausgegangen, dass es einfacher wäre, ihr leichter fallen würde. Dass sie ein Gefühl von Wärme und Zufriedenheit empfinden würde, weil dies eine großartige Aufgabe war, für die sie stets Bewunderung empfunden hatte. Todkranke Menschen zu betreuen und ihnen ihre letzten Tage oder Wochen so angenehm wie möglich zu gestalten, war ihr als ein Akt vollkommener Nächstenliebe erschienen. Sinnvoller noch als die Betreuung derer, die bald wieder genesen würden. Der Gedanke, Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten und ihnen ein friedliches Dahinscheiden zu ermöglichen, hatte sie mit Stolz erfüllt. Wer wollte nicht am Ende seines Weges wissen, dass jemand da war, der einem beistand?
   Die Wahrheit war eine andere. Das Leid der Patienten ging ihr täglich nahe. Sie konnte sich nicht davon abschirmen. Hier nicht und auch nicht, wenn sie die Klinik verließ. Es waren nicht allein die Krankheiten selbst oder die Schmerzen, die damit einhergingen. Vielmehr setzten ihr die Angst und die Verzweiflung in den Gesichtern zu, die aus dem Wissen herrührten, dass das Leben unweigerlich zu Ende ging. Die Trauer und Enttäuschung bei denen, die allein gelassen wurden. Oder die völlige Resignation, die umso schneller in stumpfes Siechtum mündete und den Tod zur Erlösung werden ließ.
   Zu viele wurden von ihren Familienangehörigen hierher abgeschoben und sich selbst und dem Klinikpersonal überlassen, weil sich die feine Verwandtschaft nicht mit dem langsamen Sterben belasten wollte. Ein Kranker im Endstadium war eben oft kein schöner Anblick, daher versuchten viele, die Konfrontation damit zu umgehen. Wohl auch in dem Bewusstsein, dass es ihnen einmal nicht besser gehen könnte, und so was schob man natürlich gern weit von sich, so lange man konnte.
   Gegen die körperliche Pein der Sterbenden gab es Medikamente, doch das seelische Leid der Alleingelassenen konnte sie kaum lindern, und das setzte ihr zu – jeden einzelnen Tag.
   Leise öffnete sie die Tür von Mrs Rainborrows Zimmer. Die alte Dame stand unter Morphium, damit sie die Qualen des Bauchspeicheldrüsenkarzinoms nicht spürte. Sie wusste, dass sie die Klinik nicht mehr lebend verlassen würde, klammerte sich aber an die Hoffnung, dass ihre Tochter rechtzeitig von ihrem Südseeurlaub zurückkam, um sich von ihr zu verabschieden.
   Beth biss sich auf die Lippen. Wenn sie eine Mutter gehabt hätte, wäre sie niemals fähig gewesen, sich am Südseestrand zu sonnen, in dem Wissen, dass ihre Ma, von einer tödlichen Krankheit gepeinigt, zwischenzeitlich vielleicht starb. Wie konnten Menschen so sein?
   Beth hatte ihre Mutter nie gekannt. Ebenso wenig wie ihren Vater. Sie war ein Findelkind, ausgesetzt mit fünf Jahren vor dem Waisenhaus in Phoenix, ohne Erinnerung an die Zeit davor oder den Grund, warum sie plötzlich allein in der Welt war. Sie blieb bis zu ihrem zehnten Lebensjahr im Heim. Ab da begann man, sie in Pflegefamilien unterzubringen. Sie hatte in ihrer Kindheit und Jugend viel Leid gesehen und genug davon am eigenen Leib gespürt. Immer Außenseiter, immer allein, immer von allen verhöhnt und verspottet, weil sie keine Familie, keine Wurzeln besaß. Von den wechselnden Pflegeeltern oft geschlagen oder für niedere Arbeiten missbraucht. Manchmal war es ihnen auch nur um die staatlichen Gelder gegangen, die sie für die Kinder einstrichen. Und um billige Arbeitskräfte. Beth hatte all das still ertragen und sich immer an die Hoffnung geklammert, dass es eines Tages besser werden würde. Sie hatte sich schon damals fest vorgenommen, etwas aus ihrem Leben zu machen und es zu nutzen, um anderen zu helfen.
   Aus diesem Grund war sie Krankenschwester geworden. Sie wollte etwas Gutes tun, die Welt ein kleines bisschen besser machen. In der Hoffnung, dass ihr irgendwann vielleicht auch ein wenig Glück beschieden war und sie eine Familie haben durfte, in der Liebe, Respekt und Vertrauen die Säulen bildeten.
   Mrs Rainborrow atmete ruhig und schlief friedlich. Sorgsam deckte Beth sie zu, streichelte über das runzlige Gesicht. Die alte Dame lächelte im Schlaf. Sicher dachte sie im Traum, dass ihre Tochter bei ihr war.
   »Wenn es soweit ist, werde ich bei Ihnen sein«, versprach sie der Schlafenden, wissend, dass es nicht dasselbe sein würde.
   Bei Mr Fox stellte sie den Tropf neu ein und setzte ihm die Sauerstoffmaske wieder auf, weil er über Atemnot klagte. Es war mehr die Angst vor dem Tod und dem danach, denn die Sauerstoffsättigung im Blut war vollkommen im Normbereich. Dennoch klagte er schon seit Tagen über nächtliche Erstickungsanfälle.
   »Wird es besser?«, erkundigte sie sich fürsorglich und erntete ein dankbares Lächeln. Zu sprechen wagte Mr Fox nicht, aber er nahm ihre Hand und drückte sie. Beth blieb noch so lange bei ihm, bis er wieder eingeschlafen war, ehe sie ihren Rundgang fortsetzte, obwohl sie heute Nacht zum ersten Mal allein auf der Station war. Wenn einer der Alarmknöpfe anging, hörte sie das auch in den Zimmern. Für ein paar Minuten Menschlichkeit musste einfach Zeit sein.
   Als sie zum Schwesternzimmer zurückkehrte, von dem aus sie die beiden Räume im Blick hatte, in denen die Patienten untergebracht wurden, denen man nur noch wenige Tage gab, stutzte sie. Neben dem Bett von Mr Llewelyn stand ein fremder Mann.
   Beth war schon drauf und dran, den späten Besucher darauf hinzuweisen, dass er am Tag zu den regulären Besuchszeiten wiederkommen solle, weil Fremde nachts keinen Zutritt zu den Krankenzimmern hatten. Doch dann sah sie den Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes und überlegte es sich anders. Mr Llewelyn hatte seit seiner Einlieferung keinen Besuch gehabt. Laut ihrer Kollegin wohnte sein Sohn in Europa und war geschäftlich derart eingebunden, dass er nicht herkommen konnte, obwohl klar war, dass seinem Vater bestenfalls noch ein Monat blieb. Krebs im Endstadium. Lunge, Leber und Milz waren bereits voller Metastasen. Der Mann, der sich über ihn beugte und ihm zärtlich über den Kopf strich, war etwa Mitte dreißig. Es konnte also gut sein, dass dies sein Sohn war. Wer sonst sollte mitten in der Nacht zu einem Sterbenden kommen und derart liebevoll mit ihm umgehen? Er hatte wohl alle Hebel in Bewegung gesetzt, um seinen Vater noch einmal zu sehen, bevor er starb. Da konnte sie sicher eine Ausnahme machen, was die Einhaltung der Besuchszeiten anging. Vermutlich war es mit einem der Ärzte abgesprochen, und man hatte lediglich vergessen, sie zu informieren.
   Aus dem Zimmer drangen leise Worte zu ihr heraus, die sie zwar nicht verstand, die sie aber tief berührten, weil so viel Wärme und Trost in der Stimme mitschwangen. Langsam näherte sie sich den beiden Männern. Sie wusste nicht genau, was sie Mr Llewelyns Sohn sagen sollte, doch über ein paar mitfühlende Worte würde er sich bestimmt freuen.
   Beth war nur noch zwei Schritte von der Tür entfernt, als sich der junge Mann über den bewusstlosen Körper beugte. Er hatte kurzes braunes Haar, ein markantes Gesicht und sanfte Augen. Deren Farbe konnte sie im Dunkel des Zimmers nicht erkennen, wohl aber die Zuneigung darin. Er lächelte und nickte seinem Vater beruhigend zu.
   Beth rechnete damit, dass er ihn auf die Stirn küsste, doch stattdessen drehte er den Kopf des Sterbenden zur Seite, streichelte über seine Wange und die freigelegte Kehle. Die Geste erschien ihr so sonderbar, dass sie irritiert innehielt und die Stirn runzelte.
   Das Gesicht des Besuchers veränderte sich plötzlich auf unheimliche Weise. Die Adern an seinen Wangen und um seine Augen traten hervor, seine Züge verhärteten sich und sein Blick bekam ein wildes Flackern – wie ein Raubtier, Sekunden bevor es sich auf seine Beute stürzt. Plötzlich bleckte der Fremde die Zähne und entblößte scharfe Fänge. Beth entfuhr ein Schrei, ruckartig wandte der Mann ihr den Kopf zu.
   Das Glühen seiner Iris und die hungrige Gier darin ließen ihr den Atem stocken.
   Ohne nachzudenken, machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte den Flur entlang. Sie wagte es nicht, über ihre Schulter zurückzublicken, ob er sie verfolgte. Ihr Herz klopfte so heftig in ihrer Brust, dass Beth fürchtete, es könnte jeden Moment zerspringen. Ihre Schritte hallten hohl auf dem leeren Gang.
   Ich muss den Alarm auslösen. Ich muss die Polizei verständigen, ging es ihr durch den Kopf, doch ihr natürlicher Fluchtinstinkt war stärker. Wenn sie die andere Station erreichte, wäre sie vielleicht in Sicherheit. Dort hatte Roy Collum heute Nacht Dienst. Aber würde er dieses unheimliche Wesen aufhalten können? Was war das? Kein Mensch, soviel stand fest. Sie glaubte nicht an das Übersinnliche, außer vielleicht an einen Gottvater im Himmel, aber dieses Geschöpf hier schien direkt der Hölle entsprungen. Es würde sie töten, wenn es sie in die Finger bekam.
   Sie hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, als es sie von den Füßen riss und sie an die gegenüberliegende Wand geschleudert wurde. Schmerz explodierte in ihrem Rücken, presste die Luft mit einem Keuchen aus ihren Lungen, sodass sie nicht einmal mehr schreien konnte. Sekundenbruchteile später umklammerte eine Klauenhand ihre Kehle und machte jeden weiteren Versuch zu atmen unmöglich. Vor ihren Augen tanzten schwarze Punkte. Sie schlug nach dem Arm ihres Angreifers, fühlte die gestählten Sehnen unter der Haut und verlor in diesem Moment jede Hoffnung, entkommen zu können.
   »Sie hätten das nicht sehen dürfen«, flüsterte eine überraschend ruhige und sehr tiefe Stimme dicht an ihrem Ohr.
   Warmer Atem glitt durch ihr Haar, ließ sie erschaudern. Ein Strudel widersprüchlicher Emotionen tobte durch sie hindurch. Sie empfand grenzenlose Panik, weil sie glaubte, sterben zu müssen. Gleichzeitig wirkte die Stimme so besänftigend und einschläfernd, dass sie der Versuchung des Todes zu erliegen drohte. »Ich … ich …«, stammelte sie. Jedes Wort brannte in ihrer engen Kehle. Ihr schossen Tränen der Angst und der Anstrengung in die Augen.
   »Schwören Sie, dass Sie keiner Menschenseele je ein Wort davon sagen werden, was Sie gesehen haben«, verlangte der Fremde.
   In ihrem Kopf drehte sich alles. Hatte er das wirklich gesagt? Gab es noch eine Chance für sie? Aber sie hatte ihn gesehen. Er würde sie niemals am Leben lassen und riskieren, dass sie zur Polizei ging.
   »Schwören Sie«, verlangte er erneut eindringlich und drückte sie fester gegen die Wand, schob seine Finger gegen ihr Kinn, sodass sie den Kopf heben und ihn ansehen musste. Seine Iriden changierten in Gold- und Brauntönen bis fast hin zu Schwarz, was seine düstere Ausstrahlung noch verstärkte. Sie waren hypnotisch wie die einer Schlange. Seine Pupillen schienen sich ständig zu verändern, was sie von jeglichem anderen Gedanken ablenkte. Es gab nur seine Worte.
   Beth hätte alles getan, wenn nur der Schraubstock um ihre Kehle endlich verschwunden wäre. Sie bemühte sich, eine Antwort durch die enge Luftröhre zu pressen, doch außer einem krampfartigen Hustenanfall kam nichts über ihre Lippen. Schließlich nickte sie, in der Hoffnung, es würde ihm genügen. Falls er es überhaupt als Nicken erkannte, da sie das Gefühl hatte, ihren Kopf kaum mehr bewegen zu können.
   Der Mann kam noch näher, presste sie gegen den harten Beton. Die Kraft, die von ihm ausging, war unglaublich. Eine Aura, die in jede Zelle ihres Körpers drang und ein Vibrieren darin hinterließ, als stünde sie unter Strom.
   War das real? Oder kam es ihr aufgrund des Sauerstoffmangels im Gehirn nur so vor? Durch den Schleier aus Tränen und wild wirbelnden Punkten konnte sie schwach sein Gesicht erkennen, das sich Millimeter von ihrem entfernt befand. Noch immer funkelten die Raubtieraugen, aber der Rest erschien ihr wieder vollkommen menschlich. Attraktiv sogar, wenn sie nicht gerade um ihr Leben gefürchtet hätte.
   Sein Atem strich erneut über ihre Wange. Er roch nach Sandelholz, Erde und wilden Kräutern. Eine betörende Mischung, die sie unter anderen Umständen verlockend empfunden hätte.
   »Ich werde Sie jetzt loslassen. Wenn Sie Ihren Schwur brechen, sind Sie tot. Haben Sie das verstanden?«
   Es schwang keine Drohung in der Stimme mit. Er sagte es so ruhig, als würden sie über das Wetter plaudern. Dennoch blieb kein Raum für Zweifel, dass er jedes seiner Worte ernst meinte und nicht zögern würde, ihnen Taten folgen zu lassen.
   Beth wusste nicht, ob ihr ein weiteres Nicken gelang. Doch plötzlich war der Druck an ihrem Hals verschwunden. Der Schwindel wurde übermächtig, alles drehte sich um sie, und während sie sich noch fragte, ob es das Licht des Jenseits war, in das sie blickte, wurde ihr bewusst, dass sie auf dem Boden lag und in die Halogenbeleuchtung an der Decke starrte. Sie japste nach Atem, hustete, würgte, schaffte es gerade noch, sich auf die Seite zu drehen, ehe ein Schwall Galle aus ihrem Mund schoss. Aber sie war am Leben.
   Als sie eine gefühlte Ewigkeit später endlich dazu in der Lage war, sich umzusehen, war von dem Mann weit und breit nichts zu sehen.
   Sie kam mit zitternden Knien wieder auf die Beine, musste sich einen Moment an der Wand abstützen, um stehen zu bleiben. Der Gedanke, auf ihre Station zurückzugehen, rief eisige Panik in ihr wach. Was, wenn er dorthin zurückgekehrt war, um zu vollenden, was er begonnen hatte? Sie drehte sich schon um, wollte zu Roy auf die Gegenstation, aber dann kam ihr die Drohung des Fremden wieder in den Sinn. Was sollte sie sagen, warum sie ihre Station verlassen hatte und nicht mehr dorthin zurückwollte? Es gab keinen plausiblen Grund, wenn sie nicht die Wahrheit sagte.
   Ein hysterisches Lachen stieg in ihrer Kehle empor. Welche Wahrheit? Ihr würde niemand glauben, dass sich ein Mann vor ihren Augen in eine Bestie mit blutunterlaufenen Augen und Reißzähnen verwandelt hatte. Dann konnte sie sich gleich von ihrem Job verabschieden und nach Phoenix zurückgehen.
   Beth verharrte unentschlossen im Flur und blickte zwischen den beiden Türen hin und her. Ihr Herz klopfte wie wild und ihre Kehle schmerzte, als hätte sie Säure getrunken. Nachdem sie sich für eine Seite entschieden hatte, ging sie mit langsamen Schritten zu ihrer Station zurück. Beim Öffnen der Durchgangstür bekam sie eine Gänsehaut. Die Luft knisterte förmlich vor Spannung. Eine düstere Präsenz von Gefahr, die sie lähmte. Beth musste sich zwingen, weiterzugehen. Am liebsten wäre sie dem Zimmer von Mr Llewelyn ferngeblieben, doch ihr Pflichtbewusstsein war stärker als ihre Angst. Sie musste wissen, dass es ihm gut ging.
   Das Zimmer war dunkel. Die Gestalt auf dem Bett bewegte sich nicht. Beth blieb im Türrahmen stehen und rang mit ihrer Angst, bis sich endlich die Bettdecke in einem tiefen Atemzug hob und senkte. Keuchend stieß sie die Luft aus vor Erleichterung. Ein Blick durch den Raum bestätigte, dass außer ihr und dem Patienten niemand mehr dort war.
   Sie schluckte die Panik hinunter und trat an Mr Llewelyn heran. Er war wach – und er lächelte.
   »Ich habe einen Engel gesehen, Schwester Beth. Einen Engel, der mich holen wollte.« Sein Ausdruck wurde wehmütig. »Aber er ist wieder gegangen.«
   Sie schauderte. Ein Engel war dieses Geschöpf ganz sicher nicht gewesen. »Sie … Sie haben geträumt, Mr Llewelyn«, sagte sie leise und schob das Kissen unter seinem Kopf zurecht. »Möchten Sie etwas zu trinken?«
   Er nickte dankbar. Beth hielt ihm die Schnabeltasse, bis er seinen Durst gestillt hatte. Anschließend überprüfte sie noch einmal seinen Tropf, strich ihm übers schüttere Haar und verließ den Raum.
   »Hoffentlich … kommt er bald wieder … der Engel …«, hörte sie ihn leise sagen, als sie an der Tür war.
   Beth erstarrte mit dem Gefühl, in einen Abgrund zu fallen. Das Letzte, was sie wollte, war, diesem Wesen jemals wieder über den Weg zu laufen.

*

Ein Streichholz flammte in der Dunkelheit auf und entzündete eine Zigarette, die sich Kyle in den Mundwinkel schob.
   »Verdammte Scheiße«, fluchte er leise. Seine Hände zitterten immer noch. Er machte den Job schon so lange, aber ein derartiger Schnitzer war ihm noch nie unterlaufen. Warum hatte er sie nicht gesehen? Ihre Gegenwart nicht gespürt, lange, bevor sie ihn hatte wahrnehmen können? Diese Schwester hatte auf einmal vor ihm gestanden, wie aus dem Nichts. Kein Mensch durfte einen Azrae töten sehen. Jedenfalls nicht, wenn er danach am Leben blieb.
   »Fuck!«
   Er trat gegen einen leeren Blechmülleimer und warf die halb gerauchte Zigarette auf die Straße.
   Es war nicht die Tatsache, dass sie ihn gesehen hatte, die ihn zittern ließ. Eher das, was danach gekommen war. Dieser Augenblick, in dem ihr Leben in seiner Hand gelegen und er es verschont hatte, statt zu tun, was getan werden musste. »Als ob ein Fehler pro Nacht nicht genug wäre.« Für ihn waren es gleich drei. Er hatte seine Aufgabe nicht erfüllt, er hatte sich von einem Menschen beobachten lassen, und er hatte diesen Menschen am Leben gelassen.
   Seine Gedanken gingen zurück zu dem Klinikflur, in dem er die Krankenschwester gegen die Wand gedrückt hatte und nur Millisekunden davon entfernt gewesen war, ihr das Blut auszusaugen, damit sie niemandem ein Sterbenswörtchen verraten konnte. Es hätte ihr keine Schmerzen bereitet, nachdem ihr Verstand unter seiner Kontrolle gewesen war. Ein sanfter Tod, ein friedliches Hinübergleiten in den ewigen Schlaf. Azrae quälten nicht, sie erlösten.
   Doch gerade, als er den Biss setzen wollte, war etwas geschehen. Da war eine Verbindung gewesen. Wie ein Stromschlag. Er hatte sie im Bruchteil einer Sekunde mit anderen Augen gesehen. Schön – verletzlich – jung. Aber waren das nicht die meisten? Schön – und vor allem verletzlich. Was war ein Mensch schon gegen einen Todesengel?
   Trotzdem – er hatte sie nicht töten können. Sein Verstand verlangte es, sein Herz verbot es. Sie war anders. Sie würde ihn nicht verraten! Oder machte er sich etwas vor?
   Was war nur los mit ihm? Er musste auf jeden Fall noch mal zurück zu dem Todgeweihten. Er war es ihm schuldig, hatte das Versprechen bereits gegeben und es war angenommen worden. Damit stand er in der Pflicht. Wenn die Grigori davon erfuhren, dass er versagt hatte, wäre das ein gefundenes Fressen für die. Ein Grund mehr, Jagd auf ihre verhassten Azrae-Brüder zu machen und auf ihn besonders. Manchmal musste er Proud wirklich recht geben. Das Leben war einfacher gewesen, als er noch nicht seiner Bestimmung gefolgt war, sondern die ausschweifenden Zusammenkünfte der Loge genossen hatte. Ohne Gewissen, ohne Reue und ohne Rücksicht auf eine einfache Sterbliche.
   Hatte seine Manipulation bei der jungen Frau gewirkt?
   Natürlich hatte sie das, warum stellte er das überhaupt infrage? Menschen waren wehrlos dagegen. Dafür brauchte es kein Blut, nur den vielfach stärkeren Willen und die medialen Fähigkeiten, die seiner Rasse angeboren waren. Er hätte sie vergessen lassen können. Mit wenigen Tropfen seines Blutes und dem klaren Befehl, sich niemals an ihn und alles, was mit ihm zu tun hatte, zu erinnern. Stattdessen hatte er sie schwören lassen, zu schweigen, hatte diesen Schwur so tief in ihr Herz gepflanzt, dass sie sogar unter Zwang nicht davon würde sprechen können, selbst wenn sie es wollte. Wie leichtsinnig konnte man sein? Die Erinnerung war nicht fort, war nur unterdrückt, damit sie schwieg. Würde das reichen?
   Er ertappte sich dabei, zu wünschen, dass sie sich erinnerte. An ihn. Sie sollte ihn nicht vergessen. Sie sollte an ihn denken … »Idiot! Und woran wird sie denken? An ein Monster.« Er lachte bitter. So benahm sich nicht mal der blutigste Anfänger, und er machte den Job seit mehr als fünfhundert Jahren.
   Über ihm durchschnitt ein Rauschen den Nachthimmel. Instinktiv duckte sich Kyle und zog sich einem Schatten gleich in einen Hauseingang zurück. Seine Bewegungen zu schnell, als dass ein Mensch seinen Weg mit dem Blick hätte verfolgen können. Diejenigen, vor denen er sich versteckte allerdings sehr wohl, daher war der Instinkt praktisch nutzlos. Er suchte die Dunkelheit zwischen den Hausdächern und in den Wipfeln der Bäume, die die Straße säumten, ab. Nichts. Erst ein dunkler Ruf lenkte seine Aufmerksamkeit auf den riesigen Nachtvogel, der auf einem der hoch gelegenen Äste saß. Der Uhu hatte sich wohl verirrt. Für gewöhnlich fand man diese großen Greifvögel nicht im Stadtzentrum von L.A.
   Das Tier starrte Kyle aus riesigen gelben Augen an, fast als wollte es ihn hypnotisieren. Dann wiederholte der Uhu den Ruf, spreizte die Schwingen und glitt mit demselben Rauschen, das ihn eben in Alarmbereitschaft versetzt hatte, die Straße hinunter und aus Kyles Sicht. Er atmete auf. Es war keine wirkliche Angst, nur eine gewisse Vorsicht. Auch die Azrae hatten ihre Feinde.
   Seine Rasse tötete nur bei Nacht, denn sie brachten den Schlaf der Erlösung. In diesen Stunden war gleichzeitig die Gefahr am größten, den Grigori zu begegnen, denn diese waren ausschließlich nach Einbruch der Dunkelheit aktiv.
   Ihre vermeintlichen Brüder besaßen eine Schwäche, die den Azrae fremd war – sie konnten im Sonnenlicht nicht überleben und waren an die Nacht gebunden. Für alles, was bei Tage zu erledigen war, hatten sie ihre Blutsklaven. Menschen, die sie mittels ihres Lebenssaftes und der Gedankenmanipulation unter ihren Willen zwangen und selbst über Hunderte von Meilen hinweg wie Roboter steuern konnten, wenn es erforderlich war.
   Die mentale Macht der Azrae war den Grigori gegenüber unterlegen. Ihre geistige Verbindung funktionierte nur unter den Mitgliedern einer Azrae-Familie oder bei Menschen innerhalb des Sichtradius. Sie konnten mit ihrem Blut Gedanken aus dem Geist eines Sterblichen löschen oder ihnen falsche Erinnerungen einpflanzen, aber programmieren konnten sie sie nicht. Dafür machte ihnen das Sonnenlicht nur dann etwas aus, wenn sie sich ihm langfristig aussetzten oder der rote Himmelskörper ungehindert seine feurigen Strahlen zur Erde sandte, was in L.A. dank des Smogs ausgesprochen selten der Fall war. So war es für sie leichter, in die Welt der Menschen einzutauchen und ein gewöhnliches Leben zu führen.
   Schlaf brauchte ein Azrae nur zur Regeneration, wenn er verletzt worden war oder man seine Energiequelle angezapft hatte. Ein Grigori musste regelmäßig ruhen, sonst schwanden seine Kräfte. Sie brauchten Kälte und Dunkelheit, Kyle und seinesgleichen hingegen schliefen einfach in bequemen Betten. Jede Art hatte ihre Vorzüge und ihre Schwächen. Das sorgte für ein Gleichgewicht – aber es schürte auch die Feindschaft.
   Aus Sicht der Azrae war es eine unnötige Fehde, die zwischen ihren Arten loderte. Geboren aus der Eifersucht, dass sie das Sonnenlicht nicht zu meiden brauchten und ein Leben unter den Menschen führten. Manche sagten auch, die Seelen der Grigori seien von ihrer Aufgabe in der Menschenwelt vergiftet worden. Ganz so abwegig fand Kyle den Gedanken nicht. Und nicht zuletzt waren die Wächter die Hüter der Höllentore, was vielleicht ebenfalls auf ihr Wesen abfärbte.
   Er war an dem großen Haus angekommen, das er zusammen mit seinem Cousin Proud bewohnte. Im Gegensatz zu ihm genoss Proud lieber die süßen Vorzüge seiner Natur und scherte sich nicht weiter um ihre eigentliche Aufgabe. Er versuchte, Diskussionen darüber eher zu meiden, da sie bei seinem Cousin ohnehin auf taube Ohren stießen. Immerhin respektierten sie einander und den Weg, den der jeweils andere eingeschlagen hatte.
   An den meisten Abenden erklang um diese Zeit von drinnen Musik und menschliches Stimmengewirr. Die Loge traf sich häufig im Hause McLean. Ein exquisiter Klub wohlbetuchter, meist junger Bluttrinker, dem auch Kyle viele Jahre angehört hatte. Sie feierten ihre berühmt-berüchtigten Partys, auf denen der Alkohol in Strömen floss und auch diverse andere Gelüste gestillt wurden – einvernehmlich, schadlos für die Sterblichen und mit süßen Träumen anstelle von Erinnerungen, wenn diese wieder nach Hause gingen.
   Heute Nacht war alles still.
   Gilles, ihr Butler, empfing Kyle wie immer mit ausdrucksloser Miene. Er war ein Mensch, wusste um Kyles und Prouds Natur, war aber hundertprozentig loyal.
   »Ihr Cousin ist im Salon«, erklärte er nahezu emotionslos, während er Kyles Jacke entgegennahm. Gilles stammte aus London, hatte dort das renommierte British Butler Institute mit den höchsten Auszeichnungen absolviert und bestanden. Proud hatte ihn vor drei Jahrzehnten während eines Kurztrips in der britischen Metropole entdeckt, wo sie beide einer Seance beiwohnten, und ihn kurzerhand mit nach L.A. genommen. Seitdem gehörte er fest zum Haushalt und führte diesen mit eiserner Disziplin. Das adlige Flair, das er in die Villa brachte, wusste Proud ebenso zu schätzen wie Kyle, wenn auch aus anderen Gründen.
   »Ist der verrückte Kerl allein?«, fragte er.
   Die einzige Antwort war ein kaum merkliches Heben der buschigen grauen Brauen. Mehr war auch nicht nötig.
   Kyle verdrehte die Augen. »Verstehe. Wie viele?«
   Gilles räusperte sich kurz. »Heute Abend nur zwei, Sir. Mr Proud scheint nicht so hungrig wie üblich.«
   Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Konnte der Kerl nicht einen einzigen Abend ohne Zwischensnack auskommen? Mit energischen Schritten betrat er den kleinen Salon, in den er sich für gewöhnlich gern zurückzog, während der Rest des Hauses zum Privatklub mutierte. Sein Cousin hatte sich gerade halb über eine blonde Frau gebeugt, deren überzogenes Make-up eine korrekte Einschätzung ihres Alters unmöglich machte. Sie rekelte sich lasziv auf dem Sofa und schob ihre Hand in Prouds offenes Hemd. Am Boden lag eine Brünette mit entblößtem Busen. Über ihrer linken Brust waren zwei winzige Einstiche zu erkennen – Bisswunden.
   Er räusperte sich ungehalten, woraufhin Proud träge den Kopf drehte und ihn mit verschleiertem Blick musterte, als hätte er Drogen genommen. Doch bei einem Vampir rührte dieser Zustand eher von großen Mengen frischen, gesunden Blutes. Hoffentlich hatte er nicht zu viel getrunken. Die Dunkelhaarige atmete allerdings noch, also konnte es so schlimm nicht sein.
   »Kyle! Na so eine Überraschung«, begrüßte Proud ihn mit schleppender Stimme. »Ich hatte noch nicht mit dir gerechnet. Wolltest du nicht heute Nacht deinem Samariterdienst nachgehen?« Er drückte der Blondine einen besitzergreifenden Kuss auf die Lippen.
   Als er sich von ihr löste, sah Kyle die Blutstropfen, die ihren Mund rot färbten. »Wir reden später weiter«, hörte er seinen Cousin flüstern.
   Beim Aufstehen schwankte er für einen Moment, schüttelte energisch den Kopf, kniff die Augen zusammen und runzelte die Stirn.
   »Wenn du wieder laufen kannst, ohne über deine eigenen Füße zu stolpern …«
   »Geht schon, geht schon«, versicherte Proud und streckte sich ausgiebig. Danach schien er tatsächlich wieder nahezu vollständige Kontrolle über seine Gliedmaßen zu besitzen. »Nach dir, Cousin.« Er deutete mit charmantem Lächeln auf die Tür zum Nebenraum, einem kleinen Büro.
   Während sich Kyle ein Glas Wasser einschenkte und in einem der beiden hohen Chefsessel Platz nahm, goss sich Proud einen Whisky ein und ließ sich in den anderen fallen, als wäre er vollkommen erschöpft.
   »Also Kumpel, was gibt es so Wichtiges, dass du schon wieder zurück bist? Wieder ein Grigori, der sich nicht zu benehmen weiß? Dann lass uns ihm Manieren beibringen.«
   Kyles Kehle entrang sich ein Knurren, das Proud zumindest veranlasste, für den Bruchteil einer Sekunde zu stocken und den Ernst der Lage zu erkennen.
   »Ah. Okay. Keine Lappalie diesmal.« Er klang nun völlig nüchtern. »Was ist es dann?«
   Kyle holte tief Luft. »Eine junge Frau hat mich beobachtet, als ich gerade zum Biss ansetzen wollte.«
   Prouds Nasenflügel blähten sich kaum merklich. Er wurde hellhörig und hob skeptisch die Brauen. Betont langsam stand er auf, ging zum Sideboard zurück, um sich einen zweiten Whisky einzuschenken. »Verstehe. Na ja, ein Menschenleben mehr oder weniger fällt bei der aktuellen Verbrechensrate nicht weiter ins Gewicht. Muss die Leiche noch beseitigt werden oder hast du das selbst erledigt?«
   »Ich habe sie leben lassen.«
   Totenstille! Der Ausdruck in Prouds Gesicht schwankte zwischen Ungläubigkeit und Belustigung.
   »Du hast was?«, platzte es schließlich aus ihm heraus. Er stemmte eine Hand in die Hüfte und lachte lauthals los. »Das ist nicht dein Ernst.«
   Kyle wusste nicht, was ihn mehr ärgerte. Sein Versagen oder dass sich Proud so sehr darüber amüsierte. »Das ist nicht witzig!«
   Sein Cousin fand es offenbar zum Totlachen. »Doch, Kyle. Das ist sogar sehr witzig. Ich glaube es nicht. Mein perfekter Erlöser-Kumpel, der sich dem ehrenvollen Weg unserer Ahnen verbunden fühlt und nie einen Fehler macht, lässt sich von einer Sterblichen erwischen und ist zu feige, sie dafür um die Ecke zu bringen. Köstlich.« Er prostete ihm zu, setzte das Glas an seine Lippen.
   »Proud!«
   Kyles Stimme machte deutlich, dass er keinerlei Humor in dieser Sache hatte.
   Proud stellte sein Lachen schlagartig ein, senkte den Drink wieder und setzte ebenfalls eine ernste Miene auf. »Okay, du hast also ein Problem. Und was nun? Soll ich mich darum kümmern oder willst du bloß meinen Rat?«
   Er verzog den Mund. »Danke, weder noch. Deine Art, Dinge zu lösen, kenne ich. Und wenn ich einen Rat brauchte, wärest du sicher der Letzte, den ich fragen würde, es sei denn, ich bin auf der Suche nach noch mehr Ärger.«
   Sein Cousin war darüber nicht beleidigt. Der Standpunkt war nicht neu.
   »Was ist es dann?«
   »Mit ihr stimmt etwas nicht.«
   Proud zuckte die Schultern und kippte den Whisky hinunter wie Limonade. »Das muss wohl so sein, denn sie lebt noch, obwohl sie eigentlich tot sein sollte.«
   »Willst du überhaupt nicht wissen, weshalb sie noch lebt?«
   In geheucheltem Interesse hob sein Vetter erneut die Augenbrauen.
   »Ich wollte sie töten. Ich kenne schließlich die Regeln. Und es wimmelt in der Stadt vor Grigori, die nur darauf warten, uns für einen Fehltritt zur Rechenschaft zu ziehen.«
   »Mhm! Aus genau diesem Grund überlasse ich den Job lieber anderen, als mich in die Schusslinie zu bringen.«
   Kyle verzog die Lippen zu einem zynischen Lächeln. »Nein, du wählst lieber angenehmere Zerstreuung, um dich auf ihrer Todesliste weiter nach oben zu spielen.«
   »Immerhin habe ich wenigstens Spaß dabei. Aber du wolltest mir gerade erklären, warum deine kleine Sterbliche noch nicht das Zeitliche gesegnet hat.«
   Kyle senkte den Blick. Richtig fassen konnte er es selbst noch nicht. »Da war etwas in ihrem Blick. Ihre Seele ist anders. Menschlich, ja, aber auch … ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Sie hat etwas in mir berührt.«
   Proud lachte hämisch. »Bist du sicher, dass sie dich nicht bloß antörnt und du sie eigentlich lieber vögeln wolltest, ehe du ihr den Lebenssaft aus den Adern saugst? Ehrlich, Kyle, das Gefühl kenne ich. Es überkommt mich beinah jeden Tag.« Grinsend schüttete er sich den nächsten Whisky ein.
   Manchmal war Proud wirklich zum Kotzen. »Mit dir kann man einfach nicht reden. Außer deiner Vergnügungssucht scheinst du nichts mehr im Kopf zu haben. Langsam glaube ich wirklich, dass an dem Spruch was dran ist, sich das Hirn aus dem Kopf zu vögeln.«
   In gespieltem Entsetzen hob Proud kapitulierend die Hände. »Aber, aber, wer wird denn gleich verletzend sein? Du hast also was gespürt, als du ihr in die Augen geschaut hast, okay. Du kannst es nicht benennen, aber es war da. Und es hat dich davon abgehalten, sie umzubringen.«
   »Ja.«
   »Kleiner Tipp von mir?«
   Als er keinen Widerspruch einlegte, verzog Proud zynisch das Gesicht.
   »Ignorier das Gefühl und mach sie kalt. Vielleicht ist dir einfach die letzte Blutmahlzeit nicht bekommen. Bei dem Haufen Chemie, den diese Halbleichen, von denen du dich ernährst, in ihren Venen haben, wundert mich das nicht. Ab und zu solltest du wirklich sauberes Blut trinken. Das entgiftet. Du kannst das Mädchen jedenfalls nicht verschonen, denn die Grigori kriegen Wind davon, das ist so sicher wie das beschissene Amen in der Kirche.«
   Kyle holte tief Luft. »Ich hätte wissen müssen, dass es keinen Sinn macht, mit dir zu reden. Ich kann sie nicht töten. Ich weiß, was ich gefühlt habe. Diese Stimme in mir, dass ich sie nicht töten darf, war keine Einbildung. Sie wird mich nicht verraten, dafür habe ich gesorgt.«
   »Du hast ihre Erinnerung gelöscht?«
   Er schüttelte schuldbewusst den Kopf. »Nur unterdrückt. Aber das macht kaum einen Unterschied.«
   Proud pfiff leise durch die Zähne. Sie wussten, dass es sehr wohl einen Unterschied machte, wenn es ungünstig lief. Doch schließlich zuckte er die Achseln. »Tu, was du willst, aber vergiss nicht, dass die Grigori überall ihre Spione haben. Selbst wenn sie schweigt, wird es dir nicht lange nutzen. Denk an meine Worte, du wirst schon sehen, was du von deiner bescheuerten Gefühlsduselei hast.«

Kapitel 2

Die Bilder der Nacht wollten nicht von ihr weichen. Beth hatte versucht, sich einzureden, dass es nur ein böser Traum sein konnte. Dass sie übermüdet gewesen und eingeschlafen war. Es gab keine Monster! Keine Vampire! Was sie da gesehen hatte – oder glaubte, gesehen zu haben – konnte nicht echt sein.
   Sie betete sich diese Affirmationen wieder und wieder vor, ohne sie glauben zu können. Sie wusste, was sie gesehen hatte. Die Angst und der Schmerz konnten keine Illusion gewesen sein. An ihrer Kehle waren zwar trotz des festen Griffes dieses Mannes keine Spuren zu sehen, aber sie fühlte in der Nacht, wenn sie allein in ihrer Wohnung war, immer noch seine Hände, die ihr die Luft abdrückten. Hörte seine Stimme, die ihr unmissverständlich klarmachte, dass ihr Leben verwirkt war, sobald sie auch nur ein Sterbenswort darüber verlauten ließ. Sie hatte zwar keine Ahnung, wie er das herausfinden könnte oder welche Konsequenzen es für ihn hätte, weil sie ohnehin keine Täterbeschreibung von ihm liefern konnte, die ihr irgendjemand abgenommen hätte, aber lieber biss sie sich die Zunge ab, als darüber zu reden. Sicher war sicher.
   Eigentlich hätte sie sich also außer Gefahr wähnen können, denn er hatte ihr versprochen, dass ihr nichts geschah, wenn sie schwieg. Doch Beth wurde das bedrängende Gefühl nicht mehr los, verfolgt, beobachtet und bedroht zu werden. Jeder Schatten löste einen Knoten in ihrem Magen aus. Jedes Geräusch auf dem Nachhauseweg brachte sie ins Stocken, jagte Eis durch ihre Venen und ließ sie zittern. Schon mehr als einmal hatte sich das Gesicht eines Mannes auf der Straße in eine ähnlich verzerrte Fratze verwandelt, wie sie sie in Mr Llewelyns Zimmer gesehen hatte. Ihr unterliefen Fehler, weil sie fahrig wurde, zu sehr darauf bedacht, ihre Umwelt im Auge zu behalten, statt mit ihrer Konzentration bei der Arbeit zu bleiben. So wurde sie zur Gefahr für die Patienten und, wenn es sich häufte und auffiel, auch für sich. Sie konnte ihren Job verlieren, wenn durch ihre Schuld jemand zu Schaden kam.
   »Beth, was machst du da? Die Dosis ist doch viel zu hoch.«
   Sie zuckte zusammen, als Margret ihr erschrocken den Tablettenblister aus der Hand nahm und mehr als die Hälfte der Pillen, die sie für den Patienten herausgedrückt hatte, wieder aus dem kleinen Plastikbecher fischte.
   »Willst du ihn umbringen? Aktive Sterbehilfe ist eine Straftat.«
   Heiße Röte schoss ihr in die Wangen. »Entschuldige … das … das war ein Versehen. Ich … bin wohl mit den Gedanken nicht bei der Sache gewesen.«
   Ihre Kollegin schüttelte tadelnd den Kopf. »Das sehe ich. Beth, das geht nicht. Hier steht verdammt viel auf dem Spiel. Gerade auf unserer Station hat man schnell einen Ruf weg, wenn so was passiert.«
   Sie biss sich auf die Lippen. Welche Schwester dachte nicht manchmal drüber nach, das unwürdige Leid der Todgeweihten zu beenden. Die größte Versuchung in ihrem Job, der sie um jeden Preis widerstehen mussten. »Es war wirklich nur ein Versehen«, beteuerte sie unnötigerweise.
   Margret sah sie von der Seite an, in ihrem Blick Zweifel und Mitgefühl. »Du bist irgendwie komisch seit deiner Nachtschicht.«
   Beth schluckte und zuckte unter einem kalten Schauder zusammen. Nicht daran denken – kein Wort sagen. »Ach, das ist purer Zufall«, winkte sie ab. »Ich … fühle mich nur die letzten Tage nicht so gut. Ich habe ständig Kopfweh. Vielleicht brüte ich was aus.« Die flachste Ausrede, die einem einfallen konnte, aber immerhin glaubwürdig.
   Margret war ein eher mütterlicher Typ. Mit besorgter Miene sah sie Beth ins Gesicht und befühlte ihre Stirn. »Du siehst auch recht blass aus. Vielleicht solltest du nach Hause gehen und dich ausschlafen, ehe du richtig krank wirst oder hier noch jemanden ansteckst. Mhm?«
   Es war ein beklemmendes Gefühl, sich mit einer Lüge sozusagen Urlaub zu erschmuggeln, nur war es ja keine Absicht und sie fühlte sich wirklich wie zerschlagen. Wenn sie bloß eine Nacht mal wieder durchschlafen könnte. Ohne Panikattacken und Albträume. Mit einem milden Schlafmittel konnte sie vielleicht zur Ruhe kommen. »Es macht dir wirklich nichts aus? Ich meine, dann bist du doch allein, bis dich die Nachtschicht ablöst, und es ist so viel zu tun.«
   Ihre ältere Kollegin tätschelte ihr liebevoll die Wange. »Beth, Kindchen, ich habe schon Einzelschichten bewältigt, da hast du noch die Schulbank gedrückt. Ich schaff das. Fahr heim. Vielleicht geht es dir morgen schon wieder besser.«
   Beth atmete innerlich auf. Sie konnte die Erleichterung darüber, der Station und all den düsteren Erinnerungen, die sie seit jener Nacht für sie bereithielt, zu entkommen, nicht verleugnen. »Gut, dann sage ich noch Dr Landon Bescheid.« Der zweite Chefarzt hatte heute Abend die Oberhand über die Klinik und das diensthabende Personal, da sich Professor Swan, erster Chefarzt und Klinikleiter, auf einer Fortbildung befand.
   »Ich übernehme das. Er ist sowieso noch im OP. Mach dir keine Sorgen, er versteht so was. Das liebe ich an diesem Krankenhaus, dass wir alle Mensch geblieben sind.« Sie hob grinsend den Blick zum Himmel.
   »Okay, ich gebe mich geschlagen. Danke Margret. Du hast was gut bei mir.«
   Die Schwester drohte spielerisch mit dem Zeigefinger. »Vorsicht, so was vergesse ich nicht.«

Zwanzig Minuten später verließ Beth das Saint Johns. Jetzt, Ende November, war es um diese Zeit schon dunkel draußen. Die Lampen auf dem Parkplatz waren teilweise kaputt, was immer wieder größere Schattenflecken hervorrief. Jedes Mal, wenn sie aus einem Lichtkegel in eine solche Dämmerpassage trat, sträubten sich ihre Nackenhaare, und das lag nicht allein an der ungewöhnlichen Kälte, die sich seit einigen Tagen ausbreitete. Der Sonnenstaat Kalifornien machte seinem Namen in diesem Jahr keine Ehre. Sie musste sich zwingen, nicht ständig über die Schulter zu blicken und beim Rascheln in den Büschen einfach weiterzugehen. Es waren nur Mäuse oder sonstige Nagetiere. Kein Monster, das sie anspringen wollte. Völlig sicher war sie sich dennoch nicht.
   Niemand sonst war um diese Zeit hier unterwegs. Die Besucher waren längst fort, das diensthabende Personal auf Station, die nächste Schicht noch nicht da. Ideale Bedingungen für einen Serienverbrecher – oder Schlimmeres.
   Unwillkürlich beschleunigte sie ihre Schritte. Als sie ihren blauen Minicooper sah, rannte sie die letzten Meter. Ihre Hand zitterte so stark, dass sie kaum das Schlüsselloch traf. Dabei lauschte sie in die Umgebung, ihre Anspannung ließ das Blut in ihren Ohren rauschen. Endlich öffnete sich die Zentralverriegelung. Beth warf ihre Tasche auf den Rücksitz, glitt auf den Fahrersitz, zog die Tür hinter sich zu und aktivierte sofort wieder den Verschlussmechanismus. Erst dann fühlte sie sich einigermaßen sicher und wagte es, aufzuatmen. Ihr Herz raste. Sekundenlang lehnte sie sich im Sitz zurück, schloss die Augen und wartete, dass der Schwindel nachließ. Als sie sie wieder öffnete, meinte sie, einen Schatten hinter einen Busch tauchen zu sehen, war sich jedoch nicht sicher. Ihre Kehle wurde trocken. Schnell startete sie die Zündung, schaltete das Licht ein und lenkte ihr Fahrzeug vom Parkplatz hinunter. Der Gedanke, gleich ein ähnliches Spiel von der öffentlichen Tiefgarage bis zu ihrer Wohnung vor sich zu haben, bereitete ihr Magenschmerzen, doch es half nichts. In L.A. waren Wohnungen mit direkter Garage unbezahlbar für eine Krankenschwester. Sie konnte von Glück sagen, dass zu ihrer Wohnung überhaupt ein gesicherter Parkplatz gehörte und sie nicht weit entfernt parken und auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen musste. Beth konzentrierte sich auf den spätabendlichen Verkehr. Hier war immer die Hölle los, egal zu welcher Uhrzeit. Beth versuchte sich mit der Frage abzulenken, wie viele Hollywood-Stars wohl gerade auf dem Bürgersteig an ihr vorbeiliefen, ohne, dass sie sie erkannte. Es half, die Zeit zu überbrücken, bis die Einfahrt zur Tiefgarage links von ihr auftauchte.
   Sie hasste es, hier zu parken. Die Verbrechensrate in dieser Stadt war hoch, eine Frau – allein im schummrigen Licht einer Tiefgarage – ein leichtes Opfer. Dummerweise waren die Parkplätze in L.A. spärlicher gesät als in Phoenix. Direkt vor dem Haus war das Parken verboten. Wenn man auf den umliegenden Geschäftsparkplätzen parkte, wurde man abgeschleppt. Außerdem hatte die Hausverwaltung des Mietshauses, in dem Beth’ Wohnung lag, Stellplätze in der Tiefgarage gepachtet und berechnete die monatliche Gebühr dafür bei der Miete gleich mit. Ihr blieb daher keine andere Wahl, als sich mit der Situation zu arrangieren.
   Beth parkte immer in der ersten Etage, damit der Weg nicht so weit war. Das Treppenhaus der Garage hatte ihr schon vor dem Vorfall in der Klinik Angst gemacht, jetzt umso mehr. Es war totenstill, sobald man es betrat, und das Licht diffus. Einmal war sie einem Obdachlosen darin begegnet. Der Typ hatte sie verschlafen angeblinzelt und ein zahnloses Lächeln gezeigt – müde und verbraucht. Absolut harmlos. Dennoch überlief es sie noch kalt, wenn sie daran zurückdachte und der zahnlose Mund vor ihrem inneren Auge zu einem mit Hauern bewehrten Maul mutierte.
   Sie erreichte ihren Parkplatz, der Motor erstarb. Sie musste aussteigen, aber etwas hielt sie in ihrem Sitz fest. Das gleiche Spiel wie jeden Abend seit über einer Woche. Beth wartete. Es konnte eine halbe Ewigkeit dauern, bis jemand anderer hier auftauchte, aber sie wollte einfach nicht allein bis zur Straße laufen. Dann wäre sie hilflos, falls der Kerl sie aufgespürt hatte. Sie war wählerisch, was einen potenziellen Sicherheitsfaktor anging. Eine junge Frau war zu schwach, ein Halbstarker nicht vertrauenerweckend, ein grobschlächtiger Mann womöglich eine nicht minder große Gefahr. Männer im mittleren Alter, unauffällig gekleidet, waren ihr am liebsten. Sie hielt sich trotzdem im Hintergrund, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, aber in deren Windschatten konnte sie mit einigermaßen gutem Gefühl nach draußen huschen. Für den Notfall schloss sie stets die rechte Hand fest um das Reizgas in ihrer Handtasche.
   Sobald sie in der Menschenmenge auf dem Gehsteig verschwand, fühlte sie sich sicher genug, und bis zu ihrer Wohnung waren es nur knapp zehn Minuten zu Fuß.
   Heute Nacht dauerte es länger als gewöhnlich, bis jemand auftauchte, der sie dazu veranlasste, nach ihrer Tasche auf dem Rücksitz zu angeln. Gerade wollte sie die Zentralverriegelung öffnen und dem etwa vierzigjährigen Arbeiter folgen, der, soweit sie wusste, nur vier Häuser neben ihr eine Wohnung gemietet hatte, als sich eine weitere Person ihrem Nachbarn näherte. Eine junge Frau in schwarzem Ledermantel. Trotz der spärlichen Lichtverhältnisse in der Garage trug sie eine Sonnenbrille. Ihre Schritte waren energisch. Beth sah, wie sich ihre Lippen bewegten, als sie dem Mann etwas zurief. Dieser hatte die Frau offenbar bisher nicht bemerkt, stockte und drehte sich fragend zu ihr um. Vielleicht war sie fremd hier. Oder sie brauchte Hilfe, weil sie eine Panne hatte. Ein wölfisches Lächeln stahl sich auf das Gesicht des Mannes, das die Frau in sinistrer Weise erwiderte. Kannten sich die beiden etwa, oder …?
   Beth kam zu keinen weiteren Überlegungen. Die letzten Meter Distanz überwand die Fremde mit der Geschwindigkeit eines Zeitraffers. Ihr ausgestreckter Arm legte sich um den Nacken des Mannes, während sie ihn förmlich ansprang, als wäre sie ein Tier. Die Szenerie ließ ihr den Atem stocken. Im ersten Moment hätte man noch denken können, dass dies ein Treffen mit recht speziellem erotischem Charakter war. Die Schenkel der Frau waren nackt und sehr dünn. Sie umklammerten die Hüften des Mannes wie ein Schraubstock. Doch sie küsste ihn nicht, und er zeigte auch keine Freude ob dieser impulsiven Annäherung. Stattdessen weiteten sich seine Augen, er riss den Mund auf, doch kein Laut drang hervor. Oder hörte Beth es durch die Verglasung ihres Wagens einfach nicht? Wenn dem so sein sollte, war sie froh darüber. Quoll da etwa Blut über die wulstigen Lippen? Sie konnte es in dem diffusen Licht nicht richtig ausmachen. Ihr Nachbar verdrehte die Augen, griff unkoordiniert nach dem ungewöhnlichen Parasit auf seiner Brust, während das Spinnenweib ihn fest im Griff hatte und das Gesicht gegen seine Kehle gedrückt hielt. Das konnte nicht sein! Es war dem Geschehen im Krankenzimmer so ähnlich, dass Beth geneigt gewesen wäre, an einen Albtraum zu glauben, wenn ihr Herz weniger schmerzhaft in ihrer Brust gewummert hätte.
   Nur keinen Laut von sich geben! Keine Bewegung! Nicht mal denken! Wenn diese Frau sie sah, war sie womöglich ebenfalls tot. Beth konnte ihr Gesicht nicht erkennen, daher wusste sie nicht, ob es eine ähnlich verzerrte Fratze war wie bei dem Mann in Mr Llewelyns Zimmer, war sich aber fast sicher, dass es so wäre.
   Langsam ging der Mann in die Knie, die Frau haftete an ihm wie mit Saugnäpfen befestigt. Mehr noch, sie schien ihn festzuhalten und wie eine Marionette langsam abzusenken, was völlig unmöglich war, da sie ja gänzlich seinen Körper umklammerte und keinerlei Bodenkontakt besaß.
   Das Paar verschwand hinter einem Kombi und entzog sich somit Beth’ Blicken. Geschockt und gelähmt verharrte sie in ihrem Auto, starrte stur auf die Stelle, an der sie die beiden zuletzt gesehen hatte und wartete, dass einer – oder vielleicht auch beide – wieder auftauchen würden. Nichts geschah.
   Die Minuten verrannen qualvoll langsam. Sie hätte nachsehen können, aber wenn sie ausstieg, gab sie sich zu erkennen und verlor ihre schützende Zuflucht.
   Ich bin Krankenschwester. Ich hätte ihm helfen müssen.
   War ein flüchtiger Nachbar mehr wert als ihr eigenes Leben? Welch ein schäbiger Gedanke.
   Sie konnte die Polizei rufen.
   Sag kein Wort! Zu niemandem!
   Würden die ihr überhaupt glauben? Sie glaubte ja selbst nicht, was sie da anscheinend gerade beobachtet hatte. Ja, was eigentlich? Einen Mord? Ohne Tatwaffe?
   Steig aus! Sieh nach!
   Sie zeigte ihrem Gewissen einen Vogel.
   Fast eine halbe Stunde verging. Die Garage blieb leer, als wären die beiden anderen überhaupt nicht hier gewesen. Beth reckte den Hals, was sie an sich schon für ausgesprochen mutig hielt, denn immerhin verlor sie damit ihre Unsichtbarkeit. Aber sie konnte den Bereich hinter dem Kombi von ihrem Platz aus nicht sehen.
   Weitere Minuten verstrichen, dann hielt sie es nicht mehr aus. Ihre Knie waren wie Pudding, während sie sich aus ihrem Wagen schob, möglichst lautlos die Tür zudrückte und auf Zehenspitzen zwischen den Autoreihen hindurchschlich, bis sie den Kombi umrundete. Auf dem Boden vor ihr lag … nichts!
   Keine Leiche, kein Liebespaar in Action, nicht einmal ein Tropfen Blut. Da war nichts.
   »Ich halluziniere.« Die Erkenntnis war so ernüchternd wie eine kalte Dusche. Wie bescheuert musste man sein! »Demnächst liefern sie mich ein und sperren mich in eine Gummizelle. Ein Glück, dass ich die Polizei nicht angerufen hab.«
   Der Zorn auf sich selbst verlieh ihr wieder ein wenig Mut. Sie wartete nicht länger, sondern ging allein den Weg zur Straße hinauf. Die Luft draußen war kälter, aber auch deutlich frischer. Sie grübelte über ihren Verstand und was er ihr vorspiegelte. Erwog kurz, ob sie sich dem Psychologen der Klinik anvertrauen sollte. Er hatte Schweigepflicht, auch ihrem Chef gegenüber. Aber mit so einer Story kam sicher keiner außer ihr daher. Besser nicht.
   Als sie ihre Wohnung erreichte, zitterte Beth nicht mehr. Sie schloss die Tür hinter sich, lehnte sich gegen das Türblatt und genoss für einen Moment die Stille. Hier fühlte sie sich einigermaßen sicher.
   Was hatte sie in der Tiefgarage gesehen? Wäre es das, wofür sie es zunächst gehalten hatte, hätte es Spuren geben müssen, oder nicht? Wesentlich wahrscheinlicher war: ein Liebespaar! Das lag auf der Hand, so wie sie ihn angesprungen hatte. Halb nackt unter ihrem Mantel. Großer Gott, hatte sie die beiden etwa beim Sex beobachtet? Noch im Nachhinein schoss ihr die Schamesröte in die Wangen.
   Mit einem Keuchen stieß sie sich von der Tür ab, warf ihren Schlüssel auf die Kommode im Flur und ging in die Küche, um sich Wasser für einen Tee aufzusetzen. Während der Kocher zischend seine Arbeit tat, blickte sie aus dem Fenster hinunter auf die Straße, die hell erleuchtet von den weihnachtlichen Schaufensterdekorationen und den vorbeifahrenden Autos war. Noch ein Monat bis Heiligabend, aber alles erstrahlte schon in kitschigem Glanz und Glimmer. Dieses Jahr schien es schlimmer denn je, vielleicht, weil die ungewohnte Kälte Winterstimmung verbreitete. Sie brauchte weder das eine noch das andere.
   Da draußen waren so viele Menschen, aber sie fühlte sich allein. Sie kannte außer ihren Kollegen niemanden hier. Es gab keine Freunde in Los Angeles.
   Das war in Phoenix nicht viel anders gewesen. Und Familie kannte sie sowieso nur vom Hörensagen.
   Wie schön wäre es, jemanden zu haben, dem sie sich anvertrauen konnte. Über das Erlebte reden und so einen Teil des Schreckens loswerden. Der vielleicht sogar eine rationale Erklärung dafür geben oder es zumindest irgendwie abmildern würde. Und wenn nicht, sie einfach tröstend in die Arme nahm.
   Beth seufzte. All das gab es nicht, hatte es nie gegeben, würde es vielleicht auch nicht geben.
   Sie betrachtete ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. Da sie – wie fast immer – kein Licht eingeschaltet hatte und sich mit dem Schimmer von draußen begnügte, konnte sie sich gut erkennen. Hässlich war sie nicht. Blond, blaue Augen, ein herzförmiges Gesicht und stimmige Proportionen. Dennoch tat sie sich schwer mit dem anderen Geschlecht. Männer – von den todkranken Patienten einmal abgesehen – machten ihr Angst. Wenn jemand ihr Interesse weckte, bekam sie kaum noch einen Ton heraus. Nicht gerade förderlich.
   Hatte er deshalb so bedrohlich auf sie gewirkt? Dieser Fremde im Krankenhaus? Hatte sie überreagiert? Nein, er hatte ihr gedroht! Er hatte versucht, sie einzuschüchtern, was ihm auch gelungen war.
   Sie blickte wieder auf die Straße hinunter, und da sah sie ihn. Einen Mann mit Schlapphut und hellem Trenchcoat, der auffallend unauffällig an einer Straßenlaterne lehnte und zu ihrer Wohnung heraufstarrte.
   Instinktiv wich sie vom Fenster zurück. Ihr Herz pochte, und alle Nerven waren in Alarmbereitschaft. Wurde sie verfolgt? Beschattet? Er sah dem Fremden aus der Klinik nicht ähnlich. Vorsichtig trat sie wieder an die Scheibe heran und spähte nach unten. Der Mann stand immer noch dort, gerade hielt er ein Handy an sein Ohr und schien mit jemandem zu telefonieren. Ein weiteres Mal glitt sein Blick zu ihr herauf, nur für einen Moment, dann drehte er sich um und ging die Straße hinunter.
   »Ich werde wirklich paranoid.« Beth schüttelte den Kopf. Jetzt ließ sie sich schon von simplen Passanten verunsichern. Das ging so nicht weiter. Morgen würde sie wieder arbeiten gehen. Vielleicht halfen ihr ein paar Tabletten, um ihre Nerven zu beruhigen. Der nächtliche Angreifer war nicht mehr da gewesen und es gab keine Anzeichen, warum er noch mal auftauchen sollte. Sie musste ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Dafür war sie schließlich hierhergekommen, oder nicht? Sie konnte und sie wollte nicht so weitermachen wie in Phoenix, wo sie nur das scheue Mädchen ohne Vergangenheit gewesen war. Das wollte sie nie wieder sein.

Kapitel 3

Es war nicht Kyles Art, vor einer Aufgabe davonzulaufen oder sich zu verkriechen. Er hatte Respekt vor den Grigori und ihrer Macht, aber er ließ sich nicht von ihnen einschüchtern. Außerdem musste er seine Pflicht gegenüber dem Todgeweihten erfüllen, denn er hatte es ihm bereits versprochen.
   Prouds Worte ließen ihn nicht los, als er das Saint Johns betrat. Was, wenn er dieser Krankenschwester erneut über den Weg lief? Ob sie mit jemandem über diese Nacht gesprochen hatte? Oder die Erinnerungen trotz seiner Suggestion aus ihrem Unterbewusstsein an die Oberfläche drängten? Eigentlich undenkbar, nur eine leise Stimme des Zweifels wollte in ihm nicht zum Schweigen kommen.
   Er konnte sie nicht töten. Das brachte er einfach nicht über sich. Er wusste nicht, warum, aber auf eine unerklärliche Art und Weise fühlte er sich ihr verbunden.
   Erleichtert stellte er auf der Station fest, dass die blonde Schönheit keinen Dienst hatte. Die ältere Schwester, die Notizen in den Krankenakten vornahm und dabei kaum einen Blick auf die Krankenzimmer warf, war ihm bereits vertraut. Er kannte ihre Angewohnheiten und wusste, wie er ungesehen in das Zimmer des Sterbenden gelangen und seine Aufgabe beenden konnte, ohne von ihr bemerkt zu werden.
   Als sie zum Medikamentenschrank hinüberging, um die Pillen für den nächsten Morgen vorzubereiten, huschte er zu Peter Llewelyn und verschmolz mit den Schatten. Diesmal würde er keinen Fehler begehen und sich garantiert nicht erwischen lassen.
   Ein seliges Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Mannes aus, als er Kyle erkannte. »Du bist … zurückgekommen.«
   Kyle erwiderte das Lächeln, auch wenn das, was er nun tun würde, noch immer einen leisen Schmerz in ihm zurückließ, egal, wie oft er diese Aufgabe schon erfüllt hatte. Es war Erlösung, ja, aber es war auch das Ende eines Lebens. Unwiederbringlich und endgültig. »Natürlich, mein Freund«, wisperte er leise. »Wie ich es dir versprochen habe.« Er nahm die Finger des Alten, die sich in seiner Hand wie trockene, zerbrechliche Zweige anfühlten, und drückte sie sanft. »Es ist Zeit, ins Licht zu gehen, Peter. Bist du bereit?«
   Peter Llewelyn nickte ohne eine Sekunde des Zögerns. »Ich warte schon so lange. Endlich sehe ich meine Edith wieder. Und es hört auf, so wehzutun.«
   Kyle schloss die Augen. »Ja, sie wartet drüben auf dich.« Er sah das Bild einer jungen Brünetten – Edith, wie Peter sie kennengelernt hatte. Vor so vielen Jahren. Auf der anderen Seite sah sie genauso aus. Kyle hatte sie nicht hinübergeleitet, aber er kannte ihre Seele dennoch. »Schließ die Augen«, flüsterte er und strich Peter übers schüttere Haar. Er fühlte den Schmerz in dessen Körper, die Schwäche und das schleichende Gift des Karzinoms. Seine Fänge traten hervor, er hörte nur noch den Puls der Halsschlagader, ließ sich völlig davon vereinnahmen. Die dürren Finger drückten die seinen sanft zur Bestätigung. Auf dem Flur draußen war alles still, die Schwester gerade in einem der anderen Zimmer. Jetzt!
   Wie bei jedem Überleitungsprozess wurde Kyle in persona zum Tor. Das Leuchten, das von seinen Augen ausging, tauchte die Szenerie in ein unwirkliches Licht und veränderte auch seine eigene Sicht in eine Mischung aus Schwarz und Gold. Während sich die Finsternis des nahenden Todes im Raum ausbreitete und das Geschehen nach außen abschirmte, glomm gleichzeitig das Strahlen der Ewigkeit tief in seinem Inneren und durchdrang jede Pore. Es wirkte fast so, als schwebte ein riesiger Heiligenschein über ihm und dem Sterbenden. Ein Licht in der Dunkelheit, das den Weg der Erlösung wies.
   Peter Llewelyn hatte seine Lider geschlossen. Der irdene Körper zählte nicht länger. Den letzten Pfad, der zu beschreiten war, den sah allein die Seele. Ein friedliches Lächeln lag auf seinen Lippen, und er bot seine Kehle ohne Angst dar.
   Langsam näherte sich Kyle der dünnen, faltigen Haut. Sie würde nachgeben wie Pergament, das Blut der Todkranken war bitter, aber das schreckte seinesgleichen nicht. Friede breitete sich in seinem Inneren aus, wenn er eine reine Seele auf die andere Seite schickte. Kyle verstand einfach nicht, warum sich Proud davon abgewandt hatte und auch nicht den geringsten Wunsch zeigte, ihre Bestimmung wieder anzunehmen. Die Befriedigung, das Richtige zu tun, war mit nichts aufzuwiegen.
   Er konnte das Licht bereits fühlen – warm und hell, ohne, dass es die Augen blendete. Es erfüllte ihn, hüllte auch Peter in sich ein und rief mit sanfter Stimme seinen Namen. Der Himmel war bereit.
   Just in dem Moment, in dem er zubeißen wollte, veränderte sich die Atmosphäre im Raum und ließ ihn abermals innehalten. Das magische Leuchten verlor an Kraft, Dunkelheit schob sich darüber. Er konnte gerade noch das Knurren in seiner Kehle zurückdrängen, das sich bei dem Gefühl akuter Gefahr an die Oberfläche schieben wollte. Die Frage nach der Ursache erübrigte sich, denn diese Essenz kannte Kyle ebenso gut wie die seiner eigenen Art. Grigori!
   Was wollten die Wächter hier? Jetzt? Waren sie seinetwegen gekommen? Seines Versagens wegen? Oder war es Zufall? Er zögerte – eine Sekunde, zwei.
   Nein, ich darf ihn kein zweites Mal warten lassen.
   Peter Llewelyn hatte lange genug durchgehalten. Es war Zeit für ihn, loszulassen und Erlösung zu finden.
   Entschlossen ignorierte Kyle die Nähe der Grigori und die Gefahr, in die es ihn brachte. Sie würden ihn nicht angreifen, während er einen Sterbenden durch die Nebel führte. Das wäre gegen das Gesetz, und dieses war gerade den Wächtern heilig.
   Einen Deut zu hastig versenkte er seine Fänge, hörte Peter leise stöhnen, sein Körper spannte sich an. Doch er gab rasch nach, kämpfte nicht dagegen an und nahm diesen letzten Schmerz als Preis für die Gnade der Heimkehr in Gottes Schoß.
   Das Seufzen, mit dem gleichzeitig die Finsternis wieder zurückwich, stammte nicht von ihm. Erleichtert registrierte Kyle, dass der Grigori genug Respekt besaß, um den Übergang nicht zu stören.
   Zäh rann das Blut durch Kyles Kehle. Nicht nur der siechende Tod machte es bitter, die Medikamente vergifteten es, verwandelten es auch für einen Azrae in einen nicht ungefährlichen Cocktail, der zwar nicht tödlich, jedoch bewusstseinsverändernd wirkte. Er fühlte Kälte, feine Nadelstiche auf der Haut und einen sachten Schwindel hinter seiner Stirn.
   Ich muss die Konzentration behalten! Vor allem, wenn die da draußen sind.
   Er durfte die Verbindung zur anderen Seite nicht verlieren. Erst, wenn Peter den Kontakt fand und sich mit einer anderen Seele, die drüben auf ihn wartete, verband, war seine Passage sicher. Kyle taumelte, hielt den alten, gebrechlichen Körper fest in seinen Armen und visualisierte die Nebel zwischen den Welten und das Licht, das ihn wärmend durchdrang. Leise näherten sich die Geister. Die wispernden Stimmen der wartenden Menge – Hüter, Begleiter – die längst schon wieder dem kollektiven Geist zugeführt worden waren und allein für diese Aufgabe eine kurze Zeit an die Grenze zurückgeschickt wurden, um einen lieben Gefährten abzuholen, damit sich dieser auf dem Weg nicht fürchten musste.
   Kyle fühlte, wie Edith durch ihn hindurchgriff und Peters Seele einen Anker bot. Der magische Moment des Übergangs. Es dauerte nur einen Herzschlag lang – der letzte, den Peters sterbliche Hülle tat. Dann war er frei. Ein junger Mann lächelte Kyle vom Fuße eines grünen Hügels aus zu, ehe er mit seiner Gefährtin selbigen hinaufrannte. Wie zwei Jugendliche in einem übermütigen Wettlauf. Das Letzte, was er von ihnen sah, waren die vor Freude hochgerissenen Arme, ehe sie über den Kamm des Hügels entschwanden. Die beiden Seelen waren fort, die Verbindung zur anderen Seite riss ab, und nur der schrille Ton der Nulllinie erfüllte den Raum. Als die Schwester den Raum betrat, um nach dem Patienten zu sehen, waren die Bisswunden versiegelt und Kyle längst von der Station verschwunden. Wie ein Schatten, den niemand sah.
   Sein Körper transformierte das kranke Blut, reinigte es, machte es für seinen Organismus verwertbar. Es bestand kein allzu großer Unterschied zwischen dem Geleit für einen Sterbenden und dem Töten eines Menschen, dessen Zeit eigentlich noch nicht gekommen war. Nur die Qualität des Blutes war eine andere, ihre Wirkung auf einen Azrae. Natürlich hatte es eine spontan aus dem Leben gerissene Seele stets schwerer, den Weg auf die andere Seite zu finden. Manche verloren sich dabei. Ein Grund mehr für Kyle, Vorsicht walten zu lassen, wenn er von jungen, gesunden Menschen trank – und es seltener zu tun. Proud kannte diese Skrupel nicht, und es war ihm auch egal, was aus den Seelen wurde. Zuweilen fragte sich Kyle, ob er nicht irgendwann die Rechnung dafür präsentiert bekam. Manche Seelen vergaben nicht. Und die Grigori vergaßen nicht.
   Er machte sich Sorgen um Proud. Ja, die Zeiten hatten sich gewandelt, er war nicht der Einzige, der sich von dem alten Kodex gelöst und von ihrer ursprünglichen Aufgabe losgesagt hatte. Menschen starben auch ohne ihr Zutun, die Seuchen von einst verloren ihren Schrecken oder starben aus. Es gab Zeiten, da kam es auch Kyle so vor, als hätte der Himmel sie lange vergessen. Die Grigori lebten heute ebenfalls ein anderes Leben als zu Beginn ihres Wirkens auf Erden, nicht nur die Azrae. Doch forderte nicht alles früher oder später seine Konsequenz? Über ein Jahrhundert lang hatte er sich ebenso wenig darum geschert wie sein Cousin, doch dann war ihm klar geworden, dass sie nicht vergessen durften. Nicht der Gleichgültigkeit und dem Hochmut anheimfallen. Es würde sich sonst rächen. Irgendwie. Prophezeiungen und Legenden gab es schließlich genug. Dass Proud nur selten tötete, linderte seine Ängste nicht, denn jeder Tote, der zu früh aus dem Leben gerissen wurde, mehrte die Schuld, für die man irgendwann büßen musste. Und wer konnte schon sicher sagen, ob nicht auch der kleine Trunk Lebensjahre stahl, die ihnen am Ende des Weges in Rechnung gestellt wurden? Ihn schauderte bei diesen Gedanken.
   Draußen vor der Klinik hob Kyle den Blick zum Himmel. Keine geisterhaften Wesen, sichtbare Seelen oder dergleichen. Nur der übliche Los Angeles Smog, der wie eine Glocke über der Stadt lag. Auch die Grigori waren verschwunden. Vielleicht hatte er sie nur im Vorbeigehen wahrgenommen, während sie wie er ihrer Bestimmung nachgingen.
   Er schob die Hände in die Jackentaschen und trat den Heimweg an. Er liebte es, in das Leben der Stadt einzutauchen – ihre Menschen, ihren Verkehr, ihre Aura. Das war mit dem Auto oder der U-Bahn einfach nicht möglich. Anders als bei den meisten Menschen gab es für ihn selten Grund zur Eile. Es warteten weder Termine noch sonstige Verpflichtungen auf ihn. Dahin gehend war das Leben eines Azrae durchaus Luxus.
   Die Kälte, die seit einigen Tagen deutlich zunahm, war ungewöhnlich für L.A. Damit war man hier nicht vertraut. Viele trugen immer noch zu dünne Kleidung, froren, aber machten gute Miene zum bösen Spiel. Die Meteorologen scherzten zuweilen, eine plausible Erklärung gaben sie allerdings nicht ab. Eine Laune der Natur. Oder die Stadt brütete etwas aus. Wenn der erste Schnee fiele, würde auch Kyle anfangen, sich Sorgen zu machen. Es gab Schriften, die von etwas Derartigem sprachen. Er kannte sie nicht, hatte nur davon gehört. Was wäre, wenn es mehr als nur leere Worte auf uraltem Papier waren?
   Dem Vorweihnachtsgeschäft tat das veränderte Wetter offenbar gut, denn man sah mehr Menschen mit Geschenken durch die Straßen laufen, obwohl bis zum Heiligen Fest noch ein paar Wochen hin waren. Auch die Anzahl und Größe der Geschenke wirkte gestiegen im Vergleich zu den letzten Jahren. Der Einzelhandel rieb sich die Hände. Es waren schon längere Öffnungszeiten umgesetzt, einige Zentren ließen ihre Türen durchgängig offen. Ein Bonus, den auch viele Obdachlose nutzten, denn sie waren selten für die derzeitigen Temperaturen gerüstet.
   Eine Weile blieb Kyle in einer dunklen Seitengasse stehen, wo er sich eine Zigarette anzündete und einfach nur den Männern und Frauen zusah, die in die Geschäfte strebten oder wieder herauskamen, sich zum Abendessen vor den Restaurants trafen oder auf einen Drink in eine der Bars verschwanden. Sein Blick fiel auf einen heruntergekommenen Mann, der ein Bein nachzog und eine dünne Rolle unter seinem Arm trug. Der Schweißgeruch waberte bis zu ihm herüber. Vermischt mit dem Gestank von Eiter aus einer infizierten Wunde. Vielleicht war er von einem streunenden Hund gebissen worden. Oder hatte sich an Unrat verletzt.
   Es kam selten vor, dass Kyle nach einem Geleit noch Hunger verspürte, doch heute Nacht war es so. Von dem Penner ging eine Anziehungskraft aus, ein Gefühl, dass er ohnehin die kommenden Nächte nicht überleben würde – ob vor Kälte oder weil die Sepsis in seinem Bein voranschritt. Warum warten, bis er sterbend in der Gosse lag? Er konnte es ihm einfach machen. Noch schmeckte sein Blut nicht bitter. Vielleicht ein wenig nach Alkohol, aber das störte Kyle nicht. Es war ein Kompromiss, den er eingehen konnte. Kein Todkranker, nur jemand, der es bald sein würde. Süßes Blut – seit Langem mal wieder. Warum nicht?
   Sein Verstand hätte Nein sagen sollen, doch er sagte Ja. Etwas hatte sich verändert, seit er dieser Krankenschwester begegnet war. Er musste es schleunigst wieder in den Griff bekommen. Nur nicht heute Nacht.
   Kyle warf die Zigarette zu Boden und trat sie aus. Er ließ den Mann nicht aus den Augen, folgte ihm vorsichtig, immer darauf bedacht, nicht frühzeitig von ihm bemerkt zu werden und auch keinen Verdacht bei den anderen Passanten zu erregen.
   Sie verließen die belebte Einkaufsmeile, schließlich humpelte sein Opfer die Treppen einer U-Bahn-Station hinunter. Viele von seiner Sorte suchten sich dort ein geschütztes Nachtlager, jedenfalls solange man sie ließ und nicht gleich wieder verjagte. Das Sicherheitspersonal wurde dahin gehend immer grober und rigoroser. Die Touristen sollten sich nicht belästigt fühlen.
   Der Kerl hielt nicht an den Nischen an und genauso wenig am Bahnsteig. Er wartete, bis die nächste Bahn die Station passierte, blickte sich hastig um und sprang auf die Gleise.
   Der Kerl war verrückt. Was hatte er vor? Einerseits machte Kyle das Verhalten skeptisch, andererseits konnte er in den dunklen Wartungsschächten, die von den Tunneln abzweigten, vollkommen ungestört über sein Opfer herfallen und es leer trinken. Er musste sich nicht einmal um die Beseitigung der Leiche kümmern. Bis man den Penner fand, wären alle Spuren von selbst verschwunden, und bei diesen Leuten machten sich die Behörden auch kaum Mühe mit der Ermittlung der Todesursache.
   Nachdem er sich vergewissert hatte, dass er ebenfalls unbeobachtet war, folgte Kyle dem Mann eilig. Seine Fähigkeit, im Dunkeln zu sehen, kam ihm hier zugute. Er sah ihn einige Meter vor sich an der Wand entlangtasten, bis er die Tür zum Wartungsschacht gefunden hatte. Offenbar kein unbekanntes Quartier, denn er stieß sie mühelos auf, demnach war sie schon länger nicht mehr verriegelt.
   Hinter sich hörte Kyle die nächste Bahn in die Station fahren. Die Schienen unter seinen Füßen vibrierten, das Quietschen der Bremsen überlagerte für einen Augenblick alle anderen Geräusche. Unwahrscheinlich, dass der Obdachlose hörte, wie Kyle ihm in den Schacht folgte.
   Ein kleiner Raum direkt hinter der Eisentür war leer. Auf der gegenüberliegenden Seite gab es einen schmalen Durchlass. Kyle zögerte nicht lange. Hier drinnen war der Gestank des Mannes kaum noch zu ertragen. Fast hätte er seine Wahl bereut, aber man sollte nicht zimperlich sein, wenn man sein Gewissen reinhalten wollte. Neben dem Eigengeruch seines Opfers lagen noch weitere Gerüche in der Luft. Nach Erbrochenem, billigem Alkohol, Urin und Fäkalien. Der Schlafplatz war wohl gleichzeitig die Toilette. Da blieb die Frage, wo er sich die Wunde infiziert hatte, nicht lange unbeantwortet. Leises Trippeln von Rattenfüßen hinter den Mauern verriet die Haustiere, die hier gehalten wurden, und die sicher ebenfalls ihren Teil zu dem vorherrschenden Odem dieses Ortes beitrugen. Kyle hasste Ratten!
   Am Ende des Durchlasses sah er unruhiges, schwaches Licht. Kerzenstummel aus den Einkaufszentren, die sich leicht stibitzen ließen. Ab jetzt gab es keinen Grund mehr, leise zu sein. Im schlimmsten Fall hatten hier mehrere Obdachlose ihr Lager aufgeschlagen, dann konnte er entweder auch die töten oder er musste ihr Gedächtnis löschen. Vielleicht ließen sie sich auch einfach zum Schweigen bringen, wie diese süße blonde Krankenschwester?
   Verdammt, warum bekam er sie nicht mehr aus dem Kopf? Er durfte sich nicht ablenken lassen.
   Als er die Kammer betrat, in der auf dem Boden die dünne Isomatte als Matratze ausgerollt war, brauchte Kyle nur eine Sekunde, um die Situation zu erfassen. Der Typ saß im Schneidersitz auf seinem Lager, er sah Kyle nicht, starrte stumpfsinnig vor sich hin wie unter Drogen – oder einer Gedankenkontrolle. »Verflucht!« Er war direkt in eine Falle getappt.
   »Bravo! Nur einen Tick zu spät!« Die hämische Stimme begleitete müßigen Applaus.
   Kyle wirbelte zu dem Sprecher herum, der hinter den Überresten einer alten Zwischenwand hervortrat, die vermutlich bei einem der vielen Erdbeben zerbröckelt war. Ein Grigori! Und seine Augen glühten bereits.
   Ein eisiger Schauder lief Kyle über den Rücken, doch er durfte keine Angst zeigen. Grigori waren listig, hinterhältig und neidvoll, aber selten besonders mutig. »Was soll das? Warum hast du mich hierher gelockt?«
   Der Wächter baute sich unbeeindruckt vor Kyle auf. Er war groß, breitschultrig, von eher grober Statur und mit einer hässlichen Narbe quer über dem linken Auge. Der lange Ledermantel fiel bis fast auf den Boden, darunter trug er verwaschene Jeans und ein Mesh-Shirt. Der Typ hatte eindeutig zu viele schlechte Vampirfilme gesehen.
   Seine menschliche Marionette beachtete er überhaupt nicht. Sie hatte ihren Zweck erfüllt und war somit wertlos geworden. Töten durfte er ihn aber auch nicht so ohne Weiteres.
   »Du hast einen Fehler begangen, Azrae«, tadelte er. »Mehr als einen. Man zeigt sich keinem Übergänger, ohne ihn zu geleiten. Man lässt sich dabei niemals von einem Sterblichen beobachten, und falls ein solches Missgeschick doch einmal geschieht, so lässt man diesen Menschen nicht am Leben. Das besagen die Regeln. Du hast alle drei gebrochen. Damit steht es uns zu, dich zu bestrafen.« Die Vorfreude war dem Kerl im Gesicht abzulesen. Sein wölfisches Grinsen entblößte lange Fangzähne.
   Kyles Augen wurden schmal. »Wir töten die Todgeweihten. Die Sterbliche ist keine Gefahr, ich habe ihre Erinnerung gelöscht. Und der Übergänger ist heute Nacht auf die andere Seite gegangen. Keiner von beiden hat über mich gesprochen. Es liegt also kein Verstoß vor. Oder siehst du hier irgendwo einen Seraphim? Wenn jemand über mich Gericht hält, dann sie, nicht ein Grigori.«
   Ein hässliches Lachen ertönte. »Das sehe ich anders. Ich kenne das Geheimnis deiner kleinen Krankenschwester, Azrae. Hast du wirklich gedacht, du könntest es vor uns verbergen?«
   Hinter Kyles Stirn jagten sich die Gedanken. Proud hatte ihn ebenfalls gewarnt. War er doch zu unvorsichtig gewesen? Hatte die Kleine ihn verraten? Vielleicht unabsichtlich? Oder waren sie noch von jemand anderem beobachtet worden?
   Der Grigori machte einen Schritt auf ihn zu und unterbrach seine Überlegungen. Es kostete ihn Überwindung, nicht zurückzuweichen. Er musterte sein Gegenüber, versuchte ihn einzuschätzen. Alter, Stärken, Schwächen. Nicht einfach bei einem Grigori. Aber die Ältesten hätten so einen Trick wie diesen hier nicht nötig gehabt. Sie warteten einfach auf eine günstige Gelegenheit und töteten schnell und lautlos. Der Drang, dem Azrae in die Augen sehen und ihn verhöhnen zu wollen, sprach eher für einen relativ jungen Grigori, der sich überschätzte. Sich vielleicht beweisen wollte, indem er einen Azrae tötete. Das machte ihn allerdings nicht minder gefährlich.
   Kyle schätzte seine Chancen ab. Die Kammer war eng, der Obdachlose ein zusätzliches Hindernis. Auch wenn er ihn vorhin noch hatte töten wollen, war ihm daran gelegen, dass er nicht unschuldig zwischen die Fronten geriet.
   Den Moment der Unaufmerksamkeit nutzte der Grigori, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Die Distanz zwischen ihnen betrug keine zwei Meter, der Aufprall des massigen Körpers riss Kyle von den Füßen. Er wollte überhaupt nicht wissen, in was für eine glitschige Masse er da fiel, der Gestank ließ ihn würgen. Sie rollten über den Boden, rangen darum, die Oberhand zu gewinnen, während der Obdachlose weiterhin mit starrem Blick auf seinem Lager saß, als ginge ihn das alles nichts an.
   Der Grigori war so kräftig, wie er aussah. Kyle hatte Mühe, dagegenzuhalten. Dazu kam, dass er noch immer leichte Nachwirkungen der Medikamente verspürte, die er mit Peter Llewelyns Blut aufgenommen hatte. Das Gesicht des Wächters war gefährlich nahe. Wenn es ihm gelang, sich in Kyles Kehle festzubeißen, schwanden seine Chancen drastisch. Mit einer Hand drückte er ihm die Luft ab, die andere presste ihn so fest auf den Boden nieder, dass er die Knochen knirschen hörte. Im Gesicht seines Angreifers traten die Adern deutlich schwarz hervor, lechzten schon nach seinem Blut. Auch Kyle spürte den Bluthunger in sich aufsteigen, was dem anderen nicht entging.
   »Ja, Azrae. Nur zu. Trau dich und reiß mir die Kehle auf. Es wird mein Triumph sein, wenn du mir gierig das Blut aussaugst. Wir hatten schon lange keine Schnitter mehr.«
   Der Drang wurde übermächtig, doch Kyle wusste genau, er durfte nicht. Niemals! Nie mehr wieder! Doch er brauchte dieses Blut so sehr, wenn er nicht unterliegen wollte.
   Er fühlte, wie seine Muskeln zu zittern begannen, während er seinem Gegenüber nicht die geringste Anstrengung anmerkte. Er musste den Kerl ausknocken, und zwar sofort. Sonst würde er sterben … oder doch der Versuchung erliegen.
   Es war riskant, aber für einen Sekundenbruchteil tat er so, als würde er aufgeben. Seine Muskelspannung ließ nach. Der Grigori bleckte triumphierend die Zähne und setzte zum Biss an, da ruckte Kyle mit dem Kopf nach oben und schlug dem anderen so hart ins Gesicht, dass er Sternchen sah. Er hörte den Wächter aufheulen, denn er hatte ihm das Nasenbein gebrochen und einige Zähne ausgeschlagen. Als der Typ ihn losließ, um die Hände vors Gesicht zu reißen, nutzte Kyle seine Chance. Er konnte es nicht darauf ankommen lassen, den anderen so niederzuschlagen, dass er flüchten konnte. Das hätte auch keinen Sinn gemacht, denn dann würden sie in wenigen Tagen wieder irgendwo voreinanderstehen. Vielleicht sogar mit Verstärkung. Also fackelte er nicht lange und stieß seine Hand direkt in den Brustkorb des Grigori. Das Brustbein zerbrach, Knochensplitter stachen ihm durch die Haut, aber das ignorierte er. Die Gegenwehr, als der andere begriff, was Kyle vorhatte, war heftig, doch da war es bereits zu spät, seine Hand hielt das Herz umklammert und ließ trotz der Faustschläge nicht los. Kyle zog die Knie an und katapultierte den wuchtigen Körper von sich hinunter. Es gab ein schmatzendes Geräusch, gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Das Herz in seiner Hand zerbarst und feiner Blutregen sprühte durch die Kammer, fiel auf sein Gesicht und die Isomatte des Obdachlosen. Mit dem Tod des Grigori klärte sich dessen Blick. Es gab keine Alternative mehr, denn der Mann fing sofort zu schreien an und war für eine Manipulation sowieso nicht mehr zugänglich, nachdem er Sekunden zuvor noch unter dem Bann eines anderen Vampirs gestanden hatte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihn zu töten.
   Mit einer schnellen Bewegung war er hinter ihm, packte seinen Kopf und drehte ihn entschlossen. Knackend brach das Genick. Ein schneller und gnädiger Tod. Sein Blut hätte Kyle in diesem Moment ohnehin nicht mehr trinken wollen. »Tut mir leid, mein Freund.« Er bettete den Körper sanft auf die Isomatte und zog die zerschlissene Decke darüber. Es dauerte einen Moment, bis sich die Seele löste. Ein plötzlicher, gewaltsamer Tod hielt die Seele im Körper fest. Jedenfalls, wenn ein Azrae der Mörder war. Bei den Grigori war es ohnehin nicht vorgesehen, die Seele in die Anderswelt zu geleiten. Kyle wartete geduldig, bis sich der Mann aus seinem Körper löste. Ein wehmütiger Schmerz ergriff von ihm Besitz, als er sah, wie stark und schön er einmal gewesen war. Welches Schicksal mochte ihn auf die Straße verschlagen haben? Er würde es nie erfahren.
   Das Licht erfüllte die Kammer, doch drüben war niemand, der ihn abholte, weil sein Tod nicht vorgesehen war.
   »Hab keine Angst. Es ist alles gut.« Er fühlte das Zögern, die Unsicherheit. Aber die friedvolle Wärme zog jede reine Seele an. Er hatte nicht darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn dieser Mann zu Lebzeiten Verbrechen begangen hätte. Doch nachdem er die erste Scheu überwunden hatte, wandte er sich den Nebeln zu und dem Strahlen, das aus ihrer Mitte entsprang. Wie ein sanfter Wind fuhr seine Seele durch Kyle hindurch. Dann war er fort, und was blieb, war nur die leere Hülle. Und die Notwendigkeit, sich mit den anderen Fakten auseinanderzusetzen, die dieser Abend mit sich gebracht hatte.
   »Verdammt!« Kyle blickte auf den Grigori, der allmählich grau und fahl wurde. In ein paar Stunden würde er wie eine alte ägyptische Mumie aussehen. Dennoch konnte er ihn nicht hier liegen lassen. Die Merkmale seiner Art waren zu auffällig. Er blickte sich in der Kammer um, fand schließlich ein Feuerzeug und zwei Flaschen billigen Alkohol. Das musste eben genügen. Er entleerte den Schnaps über dem Grigori und steckte ihn in Brand. Gedankenverloren sah er den Flammen zu, wie sie alle Spuren beseitigten. Erst, als er sicher war, dass man keine Rückschlüsse mehr ziehen konnte, löschte er die Flammen mit der Decke des Obdachlosen, ehe er sie wieder über seinen Leichnam breitete. Was sich die Behörden zusammenreimen würden, wenn man die Kammer mit einer verwesenden und einer verbrannten Leiche fand, kümmerte ihn nicht.
   Der Angriff des Grigori war ärgerlich gewesen, vor allem aber hatte er ihn unvorbereitet getroffen. Er war nicht darauf gefasst gewesen, dass die Wächter von dem Vorfall im Krankenhaus Wind bekommen hatten, weil er sich absolut sicher gewesen war, von niemandem außer dem Sterbenden und dieser Krankenschwester gesehen worden zu sein. Peter Llewelyn hatte ihn auf keinen Fall an die Grigori verraten. War es wirklich diese Kleine gewesen? Aber warum? Sie hatte nicht den Eindruck gemacht, unter dem Einfluss eines Wächters gestanden zu haben. Er hatte ihre Gedanken manipuliert. Es war also praktisch unmöglich, dass sie jemandem etwas gesagt hatte. Sie dürfte sich ihrer Erinnerungen ja nicht einmal sicher sein. Er musste herausfinden, was da passiert war. Musste noch mal zu ihr. Töten wollte er sie immer noch nicht. Der Gedanke besaß etwas Abschreckendes. Doch welche Wahl hatte er, wenn sie tatsächlich unter dem Einfluss der Grigori stand?

Kapitel 4

»Hey, du bist ja schon wieder hier? Sicher, dass du die Schicht schaffst?«
   Es war Beth klar gewesen, dass Mar-
   gret skeptisch reagieren würde, wenn sie gleich am nächsten Tag wieder zum Dienst erschien. Zumal heute der Spätdienst in die Frühschicht wechselte. Aber zu Hause fiel ihr die Decke auf den Kopf und sie grübelte nur noch mehr als hier. Außerdem hatte sie die halbe Nacht von dem Pärchen aus der Tiefgarage geträumt. Ihre Nerven spielten verrückt.
   Die Arbeit würde ihr guttun, und danach wollte sie auf jeden Fall noch in eine der Bars, die derzeit so angesagt unter ihren Kollegen waren. Irgendwo würde sich doch wohl auch für sie jemand zum Kennenlernen finden lassen, wenn sie sich nicht in ihren vier Wänden verschanzte. »Ich hab mir gestern Abend ein paar Kopfschmerztabletten eingeworfen und bin früh zu Bett. Es geht mir heute blendend, wirklich.«
   »Das ist gut. Wir haben einen Neuzugang.«
   Beth runzelte die Stirn. »Aber die Station war doch voll belegt.«
   Margret machte ein trauriges Gesicht. »Seit letzter Nacht nicht mehr. Mr Llewelyn ist gegen ein Uhr friedlich eingeschlafen. Als Karla in sein Zimmer kam, war es schon zu spät. Die Wiederbelebungsversuche schlugen nicht mehr an.«
   In Beth’ Kehle bildete sich ein Kloß. Ausgerechnet der Patient, in dessen Zimmer sie dieses Wesen gesehen hatte. »War denn …, ich meine …, hat Karla was gesagt …, ob er noch Besuch hatte?«
   Margret schüttelte den Kopf und musste lachen. »Kindchen, das ist nicht dein Ernst, oder? Als ob dieser arrogante Schnösel von Sohn so viel Herz und Anstand besessen hätte. Weißt du, was er getan hat? Als Professor Swan ihn heute Morgen informiert hat, wollte er wissen, ob wir nicht vielleicht Verwendung für die Leiche hätten. Als Übungsobjekt für die Studenten. Beerdigungen wären immer so teuer. Kann man so was begreifen? Also mir fehlen da ganz ehrlich die Worte.«
   Die fehlten Beth auch, aber sie war zumindest erleichtert, dass niemand mehr bei dem Patienten gesehen worden war. Obwohl das natürlich nichts heißen musste. Für einen Mord meldete man sich schließlich nicht an.
   »Guten Morgen, die Damen.« Professor Swan begrüßte die beiden Krankenschwestern in seinem gewohnt energischen Tonfall. »Ah, Miss Preston. Wieder fit? Na Gott sei Dank. Wir haben viel zu tun.«
   Er legte einen Stapel mit Akten auf den Tisch des Schwesternzimmers. Beth blickte flüchtig drauf und sah, dass die oberste zu Mr Llewelyn gehörte. Vermutlich hatte Professor Swan seinen Abschlussbericht bereits verfasst. Er war bei solchen Dingen immer schnell. Ob es eine Obduktion gegeben hatte? Sie war versucht, einen Blick hineinzuwerfen, aber erst einmal war Visite angesagt.
   In Mr Llewelyns Zimmer lag nun ein junger Mann mit Leukämie, der bereits drei Chemotherapien hinter sich hatte. Alle ohne Erfolg. Eine vierte lehnte Ron Parker kategorisch ab.
   Es war ein komisches Gefühl, das Zimmer ohne Mr Llewelyn zu betreten. Vor seinem Tod hatte es Beth weniger ausgemacht, trotz der Erinnerung an den Fremden. Aber jetzt wurde sie das Gefühl nicht los, dass der Mann wiedergekommen war. Sie schien seine bedrohliche Präsenz, die auf dem Flur jede Zelle ihres Körpers geflutet hatte, in jedem Winkel des Raumes zu spüren.
   »Miss Preston?«
   Erschrocken blickte sie auf, als Professor Swan sie überspitzt ansprach. »Ja … ja? Entschuldigen Sie, ich war gerade …«
   »Mit Ihren Gedanken woanders. Das habe ich durchaus bemerkt. Es wäre schön, wenn Sie uns nicht nur mit Ihrer körperlichen, sondern auch mit Ihrer geistigen Gegenwart beglücken könnten. Im Interesse der Patienten. Also noch mal.«
   Er diktierte erneut die Medikamente, die er bei Ron Parker für angebracht hielt, um ihn stabil und möglichst schmerzfrei zu halten. Beth schrieb mit und bemühte sich dabei, nicht ein weiteres Mal die Konzentration zu verlieren. Bei Mrs Rainborrow wurde die Morphium-Dosis ein weiteres Mal erhöht. Beth schluckte. Damit würde die alte Dame das Bewusstsein vollends verlieren und künstlich ernährt werden müssen. Es versetzte ihr einen Stich, dass sich die Tochter der Patientin noch immer nicht darum scherte, wie viel Zeit ihrer Mutter noch blieb.
   Nach der Visite teilte Beth zusammen mit Margret die Medikamente nach den neuen Dosierungen aus, richtete die Betten, wusch die Patienten, wechselte Infusionen. Danach kam auch schon das Frühstück, und kaum dass sie es wieder abgeräumt hatten, musste sie auch schon Mr Parker zu einer Routineuntersuchung bringen. Es war bereits halb elf, als sie endlich für ein kurzes Frühstück zu Margret ins Schwesternzimmer zurückkehrte. Beiläufig griff sie sich den Stapel mit Patientenakten und blätterte sie durch. Es war nicht unüblich, sich die Arztberichte anzusehen, bevor sie die Akten wieder einsortierten. Aber bei Mr Llewelyns Akte war das natürlich nicht länger nötig. Dennoch nahm sie sich gerade für diese besonders viel Zeit. Margret bemerkte es gottlob nicht. Sie war in die Lektüre der Tageszeitung vertieft.
   Als Todeszeitpunkt hatte Professor Swan 0.53 Uhr eingetragen. Todesursache war Herz-Kreislaufversagen. Zurückzuführen auf den fortgeschrittenen Krankheitsverlauf und die bedauerlichen Nebenwirkungen der Medikamente, die aber leider unumgänglich gewesen waren.
   Immerhin keine Blutarmut. Es war albern, aber irgendwie hatte Beth genau das erwartet. Eine leergesaugte Leiche. Der mysteriöse Typ hatte sie unangenehm an einen Vampir erinnert, aber natürlich war das Unsinn. Sie mochten zwar nahe Hollywood leben, aber die Science-Fiction sollte sie doch lieber im Special Effects-Studio lassen. Sie machte sich sonst lächerlich.
   »Das gibt es ja nicht«, rief Margret aus und ließ ihre Kaffeetasse so fest auf dem Tisch aufschlagen, dass einige Tropfen des schwarzen Gebräus überschwappten.
   Hastig brachte Beth die Krankenakten davor in Sicherheit und legte sie auf den Medikamentenschrank zurück. »Was ist denn? Zeitungsente?«, heuchelte sie Interesse.
   »Tze! Wenn es eine wäre.« Sie schüttelte fassungslos den Kopf und schob Beth die Zeitung rüber, wobei sie ihren dicken Zeigefinger in den Hauptartikel bohrte.
   »Da ist schon wieder einer um die Ecke gebracht worden. Zeugen sucht die Polizei. Na, da werden die genauso wenig jemand finden, wie bei den anderen. Wird echt immer schlimmer in dieser Stadt. Aber der da, der hat es meiner Meinung nach zumindest verdient, wenn du mich fragst. So ein Mistkerl. Um solchen Abschaum ist es nicht schade, dem Mörder würd ich glatt nen Orden verleihen.«
   Geschockt betrachtete Beth das Bild, das in der Mitte des Artikels prangte. Der Mann war kein Unbekannter für sie. Ihr lief es eiskalt über den Rücken, als ihr bewusst wurde, dass sie letzte Nacht womöglich tatsächlich einen Mord beobachtet hatte.
   »Was … was ist denn … da passiert?«
   »Na, lies doch selbst, Kindchen. Den hat wer übel zugerichtet. Die Presse darf die Tatort-Fotos nicht abdrucken.« Margret lachte hämisch. »Dabei war das nur gerechte Vergeltung bei dem, was der auf dem Kerbholz hatte.«
   Beth überflog den Artikel.
   »Der Typ war ein Psychopath. Gut, um jeden weniger. Sieht man ihm gar nicht an, dass er ein Serienkiller ist. Na ja, war. Aber das sind ja immer die Schlimmsten. Machen nach außen einen auf unschuldig und harmlos, die freundlichen Nachbarn und so. Aber die Polizei hat bei dem in der Wohnung eine Tiefkühltruhe mit mindestens drei zerstückelten Frauenleichen gefunden. Der hat sie gegessen, stell dir das mal vor«, weihte Margret sie genüsslich in die Details ein.
   Beth wurde schlecht, während ihre Kollegin just in diesem Moment die Stirn runzelte.
   »Sag mal … ist das nicht die Gegend, in der deine Wohnung liegt?«
   »Entschuldige. Ich glaube, ich muss …«
   Mehr bekam sie nicht heraus. Hastig hielt sie sich die Hand vor den Mund und rannte aus dem Stationszimmer direkt zur Toilette. Ein heißer Schwall Magensäure schoss aus ihrem Mund und ergoss sich ins weiße Porzellan. Sie wusste nicht, was schlimmer war. Die Tatsache, dass sie mit einem Kannibalen beinah Tür an Tür gewohnt hatte, oder dass sie gesehen hatte, wie er umgebracht wurde. Hatte sie das überhaupt gesehen? Laut Zeitungsbericht hieß es, er sei regelrecht zerfetzt worden. Aber so oder so, sie hatte etwas beobachtet. War eine der letzten Personen, die ihn lebend gesehen hatte. Sie musste zur Polizei, oder nicht? Aber was sollte sie denen sagen? Und würden die sie nicht mit Fragen löchern, bis sie am Ende auch etwas über Mr Llewelyn und den unheimlichen Besucher erzählte?
   »Beth?« Margret stand draußen vor der Tür. »Beth, ist alles in Ordnung? Bist du sicher, dass du nicht vielleicht doch besser ein paar Tage zu Hause bleibst? Kindchen, du wirkst gar nicht gesund, wenn ich ehrlich bin.«
   Sie hatte nicht die Kraft, zu antworten, sank schwächelnd zur Seite und presste ihre glühende Wange gegen die kalten Fliesen.

Auf Anraten von Professor Swan, den Margret gegen Beth’ Willen geholt hatte, damit er sie untersuchte, hatte Beth die Schicht abgebrochen und sich doch erst einmal freigenommen. Nur ein paar Tage, um den Kopf wieder klar zu bekommen. Dafür gab es das ein oder andere Mittel, an das sie dank ihres Berufes recht gut rankam. Die Psychopharmaka, die Professor Swan ihr mitgegeben hatte, waren für ihren Geschmack zu heftig. Die würde sie für den Notfall aufheben.
   Auch so quälte sie bereits das schlechte Gewissen, als sie die selbst ausgewählten Tabletten in ihre Handfläche schüttete. Sie machte eine Faust darum, blickte fragend zu ihrem Spiegelbild. »Soll ich wirklich?«
   Die Frage war rhetorisch, eine Antwort erwartete sie nicht, bekam sie aber dennoch, denn ihr Gesicht wirkte blass, die Augen lagen tief in den Höhlen. Noch immer flackerte ihr Blick unstet vor Panik, denn auch wenn sich alles in ihr dagegen gesträubt hatte, war sie wieder in das Parkhaus gefahren, in dem sie letzte Nacht vielleicht einen Mord beobachtet hatte. Anders als sonst war sie jedoch so lange an den Reihen entlanggefahren, bis sie einen Platz neben einer Ausgangstür gefunden hatte. Den Weg bis zu ihrer Wohnung war sie nur gerannt und hatte dabei das Gefühl, kurz vor einem Kreislaufzusammenbruch zu stehen. Jetzt glänzte ihre Haut wächsern, fühlte sich taub und klamm an. Alles in allem nahm sie sich die Lüge ab, krank zu sein.
   »Du bist es ja auch. Nur anders. Und die Tabletten helfen dir«, sprach sie sich Mut zu. Bevor sie es sich noch einmal überlegte, warf sie vier von den Dingern in ihren Mund und spülte mit einem halben Glas Leitungswasser nach. Das Zeug schmeckte bitter, sie verzog das Gesicht. Eine ziemlich hohe Einstiegsdosis, die sie da gewählt hatte, aber sie musste unbedingt schlafen. Zur Ruhe kommen. Ihrem Körper Erholung verschaffen. Nicht an das Paar in der Tiefgarage denken oder daran, was der Mann vorher für Verbrechen begangen hatte. Auch nicht mehr an Mr Llewelyn und seinen geheimen Besucher, der ihr womöglich doch noch irgendwann auflauerte, wenn sie am wenigsten damit …
   Ein lautes Geräusch aus ihrem Wohnzimmer ließ Beth zusammenfahren und rückwärts gegen den Waschtisch taumeln, den sie dabei komplett leer fegte. Ihr Herz hämmerte ihr in den Ohren. Was war das gewesen?
   Nach dem Geräusch war alles wieder still. Totenstill. Die Sekunden verstrichen, Beth lauschte angestrengt, aber sie hörte nicht einmal den Verkehr unten auf der Straße.
   Sieh nach. Du musst nachsehen.
   Doch sie konnte sich nicht bewegen. Die Tür zum Badezimmer bewegte sich leicht. War das Einbildung? Beth rechnete jede Sekunde damit, dass dieser unheimliche Mann im Türrahmen erschien. Was sollte sie tun? Woher wusste er, wo sie wohnte? Hatte er sie verfolgt? Das Gefühl der letzten Tage, diese Angst im Nacken. Nicht nur eine Wahnvorstellung, sondern eine echte Bedrohung?
   Grüne Augen starrten sie unvermittelt an – beinah ein wenig vorwurfsvoll. »Mau?«
   Beth atmete keuchend aus und schalt sich eine Närrin. Ihre Knie waren so weich, dass sie zu Boden ging, was ihr Kater sofort als Aufforderung verstand, zu ihr zu kommen und sich schmusen zu lassen. Sie streckte ihre Hand nach dem Tier aus, doch die Welt begann, sich um sie zu drehen. Ihr Kopf wurde schwer, der Blick trüb. Sie war so müde.
   »Diese verdammten Tabletten.« Ihre Zunge war so träge, dass sie die Worte kaum artikulieren konnte. Schwankend stand Beth auf und schlurfte in ihr Schlafzimmer hinüber, die schwarze Samtpfote auf den Fersen.
   Das Tier sprang vor ihr aufs Bett, blickte sie auffordernd an, doch der Nebel in ihrem Verstand wurde rasch dichter, sodass sie ihrem Stubentiger die gewollten Streicheleinheiten nicht geben konnte. »Cesar, geh«, bat sie kraftlos, versuchte ihn wegzuschieben, verfehlte ihn aber. Sie fiel mit dem Gesicht voran auf die Matratze, zog sich mühsam ans Kopfende und schob ein Bein unter die Decke. Zu mehr kam sie nicht, ehe der Schlaf sie übermannte.

Kapitel 5

»Wuh! Wie siehst du denn aus?«
   Auf Prouds Begrüßung hätte Kyle durchaus verzichten können. Er war die
   ganze Nacht durch die Stadt gelaufen und hatte sich den Kopf zermartert, wie er vorgehen sollte. Sein Schädel brummte zum Zerplatzen, weil dieser verdammte Grigori einen recht massiven Knochenbau besessen hatte. Außerdem zehrten zwei Übergänge in einer Nacht drastisch an seinen Kräften. Blut hatte er schließlich nur von einem dafür bekommen.
   Ohne seinem Cousin zu antworten, ging er zu der kleinen Bar hinüber und schenkte sich einen doppelten Whisky ein, den er in einem Zug hinunterstürzte.
   »Schlechte Nacht gehabt?«, bohrte Proud nach.
   »Kann man so sagen.«
   An seinem katzenhaften Grinsen war deutlich abzulesen, dass Proud an Details interessiert war, wobei er erwartete, dass fragen erst gar nicht nötig war.
   »Ich hatte einen kleinen Zusammenstoß mit einem Grigori.«
   Sein Cousin schürzte die Lippen. »Ich nehme an, das lag nicht allein daran, dass der Langeweile hatte, oder?«
   Kyles Blick reichte als Antwort.
   Selbstzufrieden zuckte Proud die Achseln. »Ich habe gleich gesagt, du hättest die Kleine töten sollen.«
   Um nicht ausfällig zu werden, verzichtete Kyle auf eine Erwiderung.
   »Und was hast du jetzt vor? Nicht wegen des Grigori. Der wird wohl bereits Geschichte sein. Aber wenn diese hübsche Krankenschwester ein Problem darstellt, solltest du dringend etwas dagegen tun.«
   »Ich kann sie nicht töten.«
   Ungläubig runzelte Proud die Stirn. »Warum nicht? Sie ist bloß ein Mensch. Wenn es deine Pietät nicht zulässt, weil sie im selben Krankenhaus arbeitet wie du zuweilen, übernehme ich das gern für dich, Kumpel.«
   Mit einem zischenden Laut machte Kyle klar, was er von dem Angebot hielt. In solchen Dingen waren sie selten einer Meinung. Proud war der Pragmatische, der etwas einfach erledigte. Kyle hingegen besaß dafür zu viel Gewissen – oder wie sein Cousin behauptete: Er war zu sentimental für diese Welt. »Ich werde das auf jeden Fall regeln, keine Sorge. Aber auf meine Weise.«
   Proud öffnete den Mund zu einer Erwiderung, schloss ihn aber gleich wieder, als Gilles eintrat. Nie war sein Timing besser gewesen.
   Ihr Butler trug einen akkuraten schwarzen Nadelstreifenanzug nebst Fliege, Zylinder, weißem Hemd mit gestärktem Kragen und ebenso weißen Handschuhen. »Sirs, ich habe die Dekoration für den heutigen Abend abgeschlossen und die Bar aufgefüllt. Wenn Sie mich nicht mehr brauchen, wäre ich sehr erfreut, heute meinen freien Tag für diese Woche zu nehmen.«
   Sein Aufzug machte mehr als deutlich, dass er nicht mit einer Ablehnung dieses Ersuchens rechnete und auch nicht gewillt sein würde, eine solche hinzunehmen.
   Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte Kyle zu seinem Cousin. »Deko? Heute?«
   Leicht verärgert versuchte Proud, abzuwiegeln. Offenbar passte es ihm überhaupt nicht, dass Gilles die Überraschung schon verraten hatte. »Nichts Wildes. Ich hab ein paar gute Freunde eingeladen. Konnte ja nicht ahnen, dass du heute noch was anderes vorhast.«
   Gilles’ sekundenlang verblüfftem Gesichtsausdruck entnahm Kyle, dass Prouds Umschreibung eine maßlose Untertreibung war. Ihm schwante nichts Gutes. Egal, es spielte keine Rolle, denn in der Tat hatte er für heute etwas anderes geplant, was er nicht aufzuschieben gedachte. »Na, dann wünsche ich dir viel Spaß, mein Freund.« Er blickte Gilles an. »Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Im Ford Amphitheater startet heute eine neue Cabaret Show. Ich denke, die dürfte ganz nach Ihrem Geschmack sein.«
   Die gewohnt dezente Interessensbekundung des Butlers durch ein leichtes Neigen des Kopfes und ein kaum wahrnehmbares Lächeln sah Kyle mit angemessener Schadenfreude, weil er genau wusste, dass sich Proud darüber ärgerte.

Das Problem mit der Krankenschwester ließ sich nicht so leicht klären, wie Kyle es gern gehabt hätte. Auf der Station war sie nicht, er kannte weder ihren Namen noch ihren Dienstplan. Lange aufschieben konnte er die Angelegenheit jedoch nicht, wenn die Gefahr bestand, dass sie für die Grigori arbeitete. Egal, ob willentlich oder manipuliert. Ohne einen konkreten Anhaltspunkt blieben ihm nur zwei Möglichkeiten. Seinen Charme spielen lassen und eine ihrer Kolleginnen mittels Beschreibung ihres Äußeren ausfragen, was definitiv ein weiteres Risiko gewesen wäre. Oder sich ihren Duft in Erinnerung rufen und ihrer Spur von der Klinik bis nach Hause folgen. Er entschied sich für letzteres und hoffte, dass sie nicht kurzfristig Urlaub genommen und die Stadt verlassen hatte. Aber dann bliebe immer noch die Befragung der anderen Schwestern.
   Der Geruch der jungen Frau war ihm so klar im Gedächtnis geblieben, als hätte ihn jemand dort eingebrannt. Ungewöhnlich und sicher einer der Gründe, warum sich alles in ihm sperrte, sie zu töten. Sie war … faszinierend. Interessant. Und eine Gefahr. Kyle schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu klären und sich wieder zu konzentrieren. Ihr Duft tränkte noch immer die Station, sie war vor nicht allzu langer Zeit hier gewesen. Urlaub war damit unwahrscheinlich. Er folgte der Spur nach draußen auf den Parkplatz, wo er stockte. Ihre Note überlagerte sich selbst an einer bestimmten Stelle. Vermutlich parkte sie hier ihren Wagen. Er witterte Unruhe, Schock, Angst – aber nicht nur aus der Nacht, in der sie einander begegnet waren. Diese lag auch schon zu lange zurück. Die Emotionen, die ihn hier überfluteten, waren frischer. Erinnerte sie sich doch mehr, als er dachte? Bereitete es ihr Albträume? Oder war noch etwas anderes vorgefallen, das sie so aus der Bahn warf? Nachdenklich verweilte Kyle einen Moment, lauschte in die Umgebung, ob Grigori in der Nähe waren. Nein, alles lag ruhig da.
   Die Kleine hatte einen überraschend langen Weg nach Hause. Durch die halbe Stadt bis an die Grenze zu den Vororten, in denen eine recht gemischte Gesellschaftsschicht lebte. Er fand ihren Wagen in einer Tiefgarage, spielte mit dem Gedanken, ihn aufzubrechen, um zu sehen, was sich über sie herausfinden ließ, doch seine Aufmerksamkeit wurde schlagartig abgelenkt. Er fühlte die Gegenwart der Grigori. Gerade noch rechtzeitig konnte er hinter einer Säule in Deckung gehen, ehe ein Mann und eine Frau zwischen den Autoreihen auftauchten. Die beiden bemerkten ihn nicht, weil sie in ein Gespräch vertieft waren.
   »… schon lange überfällig. Seine Bosheit war köstlich. Schade nur, dass er in Wahrheit so ein Waschlappen war. Sein Herz ist viel zu schnell stehen geblieben. Da wäre noch ordentlich Blut in seinen Venen übrig gewesen.«
   Es war die Frau, die sich offenbar über ihr letztes Opfer amüsierte.
   »Sei doch froh«, erwiderte ihr Begleiter. »War weniger auffällig, als die Bullen ihn gefunden haben. Bei einem zerfetzten Leichnam macht es sich nicht gut, wenn er nicht mehr blutet.«
   Die Grigori kicherte. »Da hast du natürlich recht. Aber ich hätte trotzdem gern noch ein wenig mehr von ihm gehabt. Dann wäre er auch leichter gewesen. Ich habe ihn immerhin ein ganzes Stück weit tragen müssen, damit man keine Spuren findet.«
   Sie verließen die Tiefgarage durch einen der Seitenausgänge. Kyle atmete auf. Er hatte während seiner unruhigen Stadtwanderung in den Morgenzeitungen flüchtig von dem Fund der Leiche eines potenziellen Massenmörders gelesen. Der Kannibale von L.A., den scheinbar dasselbe Schicksal ereilt hatte wie seine Opfer. Zumindest teilweise. Der Verdacht war naheliegend gewesen, dass die Grigori darin verwickelt waren, schließlich war genau das ihr Job. Die Welt von Verbrechern zu säubern. Man mochte ihnen nachsagen, was man wollte, aber diese Aufgabe erfüllten sie noch immer recht gut. Beunruhigend daran fand er nur, dass der Kerl offenbar hier in der Gegend gelebt hatte, in der auch diese Krankenschwester zu Hause war und diese beiden Grigori ihr Jagdgebiet zu haben schienen. Gab es da einen Zusammenhang? Die Vorstellung behagte ihm nicht.

*

Träge kämpfte sich Beth aus ihrem Delirium. Ihr Schädel fühlte sich dumpf an, wie mit Watte gefüllt.
   Verdammte Tabletten.
   Ein pelziger Geschmack lag auf ihrer Zunge. Die Arme und Beine wollten nur bedingt gehorchen, als sie sich auf die Seite drehte und versuchte, sich aufrecht auf die Bettkante zu setzen.
   Cesar kam sofort angelaufen, um ihr an den Beinen entlangzustreichen. Er maunzte fordernd, scheinbar hatte er bereits geraume Zeit gewartet, dass sein Frauchen endlich aufwachte. Beth holte tief Luft, was sich als schweißtreibende Anstrengung erwies, obwohl ihr ein Schauder über den Rücken lief, da es in ihrer Wohnung kalt wie in einer Leichenhalle war.
   Sie tastete über den Nachttischschrank, bis sie ihren Wecker fand. Der Blick auf das Display, auf dem neben der Uhrzeit auch das Datum eingeblendet wurde, ließ sie ungläubig blinzeln. »O Gott! Ich war ja mehr als einen ganzen Tag weggetreten.« Kein Wunder, dass sich Cesar lautstark beschwerte.
   Nachdem sie es im dritten Anlauf schaffte, auf die Füße zu kommen, taumelte Beth in die Küche, in der sie ihrem Kater erst einmal seinen Napf füllte. Zufrieden schnurrend machte er sich über sein Futter her, während sie ins Bad ging und sich unter die eiskalte Dusche stellte, damit ihre Lebensgeister wieder in Schwung kamen. Es war später Nachmittag, fast schon Abend. Draußen versank die Stadt in Dunkelheit, wenn man von der Weihnachtsbeleuchtung absah, die täglich zuzunehmen schien. Auf dem Rückweg in ihr Schlafzimmer machte Beth einen Abstecher in die Küche, um die Kaffeemaschine anzuschalten. Cesar leckte sich genüsslich die Barthaare sauber und begann sich zu putzen. Sie blickte auf das Außenthermometer, das minus elf Grad zeigte. »Von wegen, in Kalifornien ist es immer warm und sonnig.«
   Kein Wunder, dass sie fror. Sie drehte die Heizung auf vier. In ihrem Schlafzimmer stellte sie sich vor den Kleiderschrank und überlegte, was sie anziehen sollte. Nach draußen ging sie heute sicher nicht mehr, und in der Wohnung würde es gleich wärmer werden. Sie entschied sich für einen dünnen blauen Baumwollpulli und schwarze Jeans. Gerade, als sie in ihre grauen Lieblingssocken schlüpfte, rannte Cesar wie von der Tarantel gestochen an ihr vorbei, sprang über das Sideboard bis auf den Kleiderschrank, auf dem er fauchend einen Buckel machte und knurrte wie ein wildgewordener Löwe. In der nächsten Sekunde klingelte es an der Haustür.
   Irritiert sah Beth von ihrem Stubentiger zum Eingang, konnte sich keinen Reim auf das merkwürdige Verhalten des Katers machen und ging kopfschüttelnd los, um ihrem Besuch die Tür zu öffnen. Für den Briefträger war es eindeutig zu spät, aber vielleicht wollte sich ein Nachbar nach ihr erkundigen, weil man seit gestern Mittag kein Lebenszeichen mehr von ihr gehört oder gesehen hatte. Oder einer der Kollegen schaute nach seiner Schicht vorbei.
   Der Blick in den Garderobenspiegel brachte sie zwar kurz ins Wanken, ob sie sich mit diesen dunklen Augenringen wirklich der Außenwelt zeigen wollte, doch es wäre unhöflich gewesen, jemanden durch die geschlossene Tür abzuwimmeln. Arglos öffnete sie und bereute es im selben Moment.
   Ein Schrei blieb ihr in der Kehle stecken, weil eine große Männerhand ihr den Mund zuhielt. Mit derselben Wucht, mit der sie gegen ihre Flurwand gedrückt wurde, fiel auch das Türblatt wieder ins Schloss und sperrte sie mit ihrem größten Albtraum in ihrer Wohnung ein.
   Bitte, bitte lass es nur eine Sinnestäuschung im Tablettenrausch sein, flehte sie im Stillen, aber der Schmerz in ihrem Rücken sprach etwas anderes.
   »Warum hast du das getan?« Es war der Typ aus dem Krankenhaus, und er war eindeutig wütend.
   »Was? Was soll ich getan haben?«, fragte sie, nachdem er ihren Mund wieder freigegeben hatte und sie stattdessen mit beiden Händen förmlich an der Wand festnagelte. Panik wallte in ihr auf. Seine blutunterlaufenen Augen leuchteten dämonisch und seine Fänge waren gebleckt wie die eines Raubtieres.
   »Warum hast du mich verraten? Ausgerechnet an sie. Was weißt du von ihnen? Von uns?«
   Seine Worte gaben für Beth nicht den geringsten Sinn. Das alles konnte nur ein schreckliches Missverständnis sein. Sie wollte nicht wegen eines Irrtums sterben. »Ich … ich hab keine Ahnung, wovon Sie reden. Ich habe zu niemandem ein Wort gesagt. Ehrlich nicht.« Ihr Herz zersprang beinah in ihrer Brust. Er wirkte noch furchterregender auf sie als beim ersten Mal.
   »Aber du erinnerst dich«, stellte er fest und machte große Augen.
   Es schien ihn zu überraschen, was sie wiederum irritierte, denn wenn er glaubte, dass sie irgendetwas verraten hatte, war es doch eine logische Schlussfolgerung, dass sie sich erinnern musste. Und überhaupt, warum hätte sie sich nicht erinnern sollen? Sie schüttelte den Kopf, weil das alles viel zu abstrus und verwirrend war. »Ja. Ja, ich erinnere mich. Gerade deshalb wäre ich niemals auf den Gedanken gekommen, jemandem etwas zu erzählen, nachdem Sie mir im Krankenhaus gedroht haben. Hören Sie, ich will nicht sterben. Und wer sollte mir auch glauben?« Vor allem seine Drohung war ein überaus überzeugendes Argument gewesen. Groteskerweise spürte sie, wie ihre Angst wich. Er wollte sie nicht töten. Damals nicht und heute noch weniger. Sonst hätte er sich dieses Frage-Antwort-Spiel sparen können. Was wollte er dann? Und wieso dachte er, sie hätte ihn verraten. An wen?
   Beth, du bist verrückt, wenn du ihn jetzt danach fragst. Du bist schon verrückt, überhaupt darüber nachzudenken.
   »Du hättest dich nicht erinnern dürfen.« Seine Stimme war ein Flüstern. »Jedenfalls nicht so. Nicht derart bewusst. Was ist da schiefgelaufen?«
   Er lockerte den Griff um ihre Arme und trat einen Schritt zurück. Gleichzeitig entspannten sich seine Züge, bis das Raubtierhafte völlig verschwunden war, inklusive der Reißzähne und der glühenden Augen. Er sah wieder aus wie ein normaler Mann – wie ein überaus attraktiver Mann. Das war vollkommen irrational und widersprach jeglichen Naturgesetzen. Sie musste einfach noch im Delirium sein. Anders ließ sich das nicht erklären.
   Unvermittelt drehte er den Kopf nach links, und Beth folgte der Geste. Cesar schielte um die Ecke, gab aber sofort wieder mit einem bösartigen Brummen Fersengeld.
   »Tiere mögen uns nicht besonders. Sie spüren, was wir sind«, erklärte ihr seltsamer Besucher.
   Sie schluckte. Die Situation war bizarr. »Was … sind Sie denn?«
   Es blitzte noch einmal kurz in seinen Augen, aber sie war sich nicht sicher, ob sie es sich nur einbildete.
   »Ich bin Kyle. Kyle McLean«, sagte er, was ihre Frage nur bedingt beantwortete.
   Gerade noch hatte er sie wie ein wildes Tier angefallen und jetzt reichte er ihr höflich die Hand. Beth ergriff sie dennoch, weil ihr überhaupt nicht in den Sinn kam, es nicht zu tun. »Beth Preston. Ich hoffe, Sie wollen mich nicht mehr töten?«
   Er neigte den Kopf zur Seite, musterte sie, sein Blick ging ihr durch und durch. Sie hatte noch nie so dunkle braune Augen gesehen. Sie strahlten, wie von einem überirdischen Licht erfüllt.
   »Ich glaube nicht, nein.«
   Er glaubte – wie beruhigend.
   »Aber ich habe Fragen. Seit du mich im Krankenhaus beobachtet hast, sind seltsame Dinge geschehen.«
   Sie hätte beinah laut aufgelacht. »Seltsame Dinge? Na, was sollte ich dann wohl sagen?«
   Eine Spur Misstrauen kehrte in seine Mimik zurück. »Wie meinst du das?«
   Das war doch nicht sein Ernst. »Wie ich das meine? Soll ich es nicht seltsam finden, wenn sich jemand vor meinen Augen zwischen Beauty und Beast hin und her verwandelt und mich in meiner eigenen Wohnung überfällt?«
   Er wirkte verlegen, blickte zu Boden. »Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht beunruhigen.«
   Wenn das stimmen sollte, hatte er eine komische Art mit anderen Leuten umzugehen. Beth wollte darauf nicht weiter eingehen. Ihr Instinkt witterte die Chance, diesen ganzen makabren Albtraum hinter sich zu lassen, der in jener Nacht begonnen hatte, wenn sie mit diesem Mann reden konnte und sich vielleicht eine Erklärung für die Ereignisse finden ließ, die seitdem in ihrem Leben passierten. Angst war ein Gefühl, das sie viel zu gut in ihrem Leben kannte und dem sie lieber aus dem Weg ging. Wenn sich die Gelegenheit dazu jetzt bot, würde sie sie ohne Zögern mit beiden Händen ergreifen. »Haben Sie Mr Llewelyn getötet?«
   Für einen Moment war sie nicht sicher, ob er antworten würde.
   »Ich habe ihn hinübergeleitet. Das ist meine Aufgabe. Und es war sein Wunsch. Er hatte lange genug gelitten und gewartet.«
   Sie schluckte, konnte ihm nicht in die Augen sehen und wusste auch nicht, was sie darauf erwidern sollte. In der Küche gab die Kaffeemaschine einen kurzen Signalton von sich, mit dem sie kundtat, dass das Aufwärmprogramm beendet war. »Möchten Sie einen Cappuccino? Oder einen Latte macchiato? Ich hab eben die Maschine hochgefahren.«
   Ihr schoss der Gedanke durch den Kopf, dass sie gemütlich zusammen Kaffee tranken und er sie im Anschluss ausgesprochen sanft und freundlich tötete. Sie zuckte zusammen und schüttelte den Kopf, um diese verstörenden Bilder loszuwerden.
   »Gern.«
   Er folgte ihr dicht auf den Fersen. Sie steuerte den Schrank mit den Kaffeebechern an, aber noch ehe sie ihn öffnen konnte, zerbarst das Glas des Küchenfensters in tausend Scherben und ein unheimlicher Nachtvogel flatterte herein, der sich Sekundenbruchteile später als schwarz gekleideter Mann entpuppte. Er warf Beth einen Blick zu, stürzte sich mit einem kehligen Knurren auf sie, doch Kyle fuhr dazwischen und lenkte die Aufmerksamkeit des Angreifers auf sich.
   Die beiden Männer gingen wie wütende Raubkatzen aufeinander los, der Küchentisch nebst Stühlen kippte um. Beth zog sich in die hinterste Ecke zurück und konnte nur ebenso hilflos wie schockiert zusehen, was da gerade geschah. Zwei Monster aus einem schlechten Film, die in ihr die Frage aufwarfen, ob sie vielleicht doch noch immer betäubt von den Tabletten in ihrem Bett lag, denn das hier war so weit von der Realität entfernt wie nur irgend möglich. Der ungebetene Gast hielt sich gerade an ihrer Zimmerdecke fest wie Spiderman, nur, um von dort pfeilartig auf Kyle hinunterzuschießen, der diesen Angriff anscheinend bereits erwartet hatte, denn er konterte geschickt mit einem Ausfallschritt und schlug dem Angreifer von hinten die Fäuste in den Rücken. Der Mann ging keuchend zu Boden, sprang aber sofort wieder auf die Füße.
   Beth stand wie gelähmt daneben, unfähig zu denken oder gar zu handeln. Kyle kam auf sie zu, packte sie am Arm, doch statt zu versuchen, die Wohnungstür zu erreichen, zog er sie zum offenen Fenster.
   »Der Kaffee muss leider warten.«
   Kaffee? Was kümmerte sie der Kaffee? Da waren zwei fremde Männer in ihrer Wohnung, die sich gegenseitig umbringen wollten und der eine von denen machte gerade Anstalten, mit ihr aus dem Fenster zu springen. Aus dem fünften Stockwerk!
   »Nein«, protestierte sie, aber da befanden sie sich schon im freien Fall.
   Gott, ich werde sterben!
   Der Wind pfiff ihr um die Ohren, es schien Ewigkeiten zu dauern, obwohl es sicher nur Sekunden sein konnten. Beth fühlte ihr eigenes Gewicht um ein Vielfaches erhöht. Die Vorstellung, was der Aufprall mit ihrem Körper anrichten würde, war grauenvoll.
   Kyle fasste sie in der Luft um die Taille und zog sie fest an sich. Was zur Hölle machte er, und wieso blieb er so ruhig? Er drehte sich nicht minder geschickt wie eine Katze, mehr noch, er schien beinah zu schweben. Genau in dem Moment, in dem Beth mit einem tödlichen Aufprall auf dem Pflaster des Hinterhofes rechnete, landeten sie überraschend sanft auf dem Boden. Für Verblüffung blieb jedoch keine Zeit.
   »Komm mit. Lauf, so schnell du kannst und dreh dich nicht um, egal, was passiert«, rief er ihr zu und riss sie einfach mit sich. Sie waren gerade mal an der nächsten Häuserecke, als sie hörte, wie der andere Kerl ebenfalls auf dem Asphalt landete. Auch er war augenscheinlich aus dem Fenster gesprungen und vielleicht zuvor auch vom Boden bis in den fünften Stock hinauf. Das war schier unmöglich. Oder doch nicht?
   »Wie geht das? Wie kann das sein? Wir müssten tot sein.«
   »Wenn du nicht tust, was ich dir sage, werden wir das auch bald sein. Typen wie der fackeln nicht lange. Ich erklär dir alles später, aber jetzt vertrau mir und lauf.«
   Sie versuchte, über die Schulter zurückzublicken, konnte aber niemanden mehr hinter sich entdecken. »Ich glaube, er ist weg.«
   »Nein, ist er nicht«, widersprach Kyle entschieden. »Er folgt uns über die Dächer, dort ist er schneller. Aber du kannst vermutlich nicht mal locker fünf bis zehn Meter in einem Sprung überwinden?«
   Die Frage war nicht ernst gemeint, also sparte sie sich die Antwort. Natürlich konnte sie das nicht. Niemand konnte das. Doch als sie den Kopf in den Nacken legte, erhaschte sie tatsächlich einen Blick auf ein schattenhaftes Wesen, das die Abstände zwischen den Häusern im Flug zu überwinden schien. Ihre Neugier wurde sofort bestraft. Sie verfehlte die Kante des Bordsteins, knickte um, schrie auf vor Schmerz und verlor das Gleichgewicht. Ihre Hand entglitt den Fingern ihres Begleiters und sie landete unsanft auf dem Boden. Noch ehe sie sich entschuldigen oder aufrappeln konnte, fegte etwas über sie hinweg. Es war so kalt und beängstigend, dass sie instinktiv in Deckung ging. Gleich darauf folgte ein ähnlicher Schemen, doch diesmal war es Kyle, und als Beth den Kopf hob, sah sie ihn verkeilt mit dem Typen aus ihrer Wohnung über den Boden rollen. Beide hatten diese entstellten Gesichter und die langen Reißzähne. Auf allen vieren kroch sie rückwärts, bis sie eine Häuserwand im Rücken hatte. Sie blickte sich um, wollte um Hilfe schreien, aber die Seitengasse war menschenleer, die Entfernung zur belebteren Hauptstraße mit den Geschäften und Passanten zu groß. Niemand hätte sie gehört, wenn sie schrie. Sie waren hier allein.
   Mit dem Brüllen eines wütenden Stieres ging Kyle auf den Angreifer los, der auszuweichen versuchte, was ihm jedoch misslang. Er erwischte ihn im Sprung, riss ihn zu Boden und stieß seine bloße Hand in den Brustkorb. Zumindest sah es so aus. Sie sah, wie er etwas wegschleuderte, registrierte, dass der andere reglos liegen blieb, aber verstehen konnte – und wollte – sie das nicht. Kyle sank keuchend neben dem Angreifer nieder.
   Beth blickte unsicher zwischen der vermeintlich rettenden Hauptstraße und ihrem Begleiter hin und her. Es war fraglich, ob sie es bis zu den Lichtern dort vorn schaffen würde. Sie hatte gesehen, wie schnell er war. Aber noch etwas anderes hielt sie ab. Er hatte sein Leben für sie riskiert. Und er bot ihr Antworten auf Fragen, die sie niemanden sonst stellen konnte.
   Mit butterweichen Knien stand sie auf und wankte auf ihn zu. Sie umschlang ihren Körper schützend mit den Armen und starrte angewidert auf das tote Ding. Noch immer sahen die Züge nicht menschlich aus, auch wenn das Glühen in den Augen erloschen war und das Gesicht merkwürdig eingefallen wirkte.
   »Er trocknet ein wie eine Mumie«, erklärte Kyle mit schleppender Stimme.
   Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Das widersprach allem, was sie während ihrer medizinischen Ausbildung gelernt hatte. »Bist … bist du okay?«
   »Geht schon«, presste er hervor. »Zwei von der Sorte innerhalb von vierundzwanzig Stunden sind ein bisschen viel, wenn man nicht in Übung ist.«
   Sie konnte seinen Ausführungen nicht folgen, glaubte aber auch nicht, dass das momentan eine Rolle spielte. In der Brust des Toten klaffte ein Loch. Als ob ihm jemand das Herz … »O mein Gott!« Hastig wandte sie sich ab und übergab sich in den Rinnstein. Da sie seit über einem Tag nichts mehr gegessen hatte, kam außer bitterer Galle nichts. Ihre Kehle brannte, die Muskeln verkrampften sich so fest, dass sie kaum noch atmen konnte.
   »Es ist die einzige Möglichkeit. Sonst stehen sie wieder auf. Genau wie wir.«
   Sie wirbelte zu ihm herum, fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen, die so taub waren, dass sie es gar nicht spürte. »Was … was seid ihr?«
   »Wir sind Engel, aber ihr Menschen bezeichnet uns meist als Vampire. Wir trinken Blut, und wir sind … fast unsterblich.«
   Es rauschte in ihren Ohren und der Puls hämmerte in ihren Schläfen, sodass Beth glaubte, jeden Moment das Bewusstsein zu verlieren. Das war ein einziger Horrorfilm in Endlosschleife, in dem sie gefangen war. »Und was … wollt ihr von mir?« Ihr war kalt, Schüttelfrost erfasste ihren Körper, sie ahnte, dass sie unter Schock stand, doch es drang nicht in ihren Verstand vor.
   »Ich bin ein Azrae. Ein Todesengel. Meine Art erlöst die unheilbar Kranken. Ich wollte nichts von dir, außer erfahren, was du mit unseren Feinden zu schaffen hast, weil mich gestern einer von denen angegriffen und angedeutet hat, dass er durch dich über mein Versagen bei Peter Llewelyn Bescheid wusste. Der hier war ein Grigori. Ein Wächterengel. Sie töten auf ähnliche Weise wie wir, doch ihre Opfer sind Verbrecher. Ich dachte bis eben, dass du unter ihrem Einfluss stehst, aber dann wäre er kaum auf diese Weise in deine Wohnung eingedrungen. Da du also offenbar bisher rein gar nichts mit ihnen zu tun hattest und mich somit auch nicht an sie verraten konntest, wüsste ich verdammt gern, was er von dir wollte. Eines steht jedenfalls fest: Aus irgendeinem Grund stehst du auf deren Abschussliste. Du bist in deiner Wohnung nicht mehr sicher. Solange wir nicht herausfinden, weshalb, kannst du dorthin nicht zurück.«
   Sie riss erschrocken die Augen auf. »Aber … aber … wo soll ich denn sonst hin? Ich …«
   »Du kommst erst einmal mit mir. Ich habe das ungute Gefühl, dass diesem Kerl hier noch weitere folgen, aber ich kenne einen Ort, an dem du vorläufig sicher bist. Vorher …«, er blickte auf den Leichnam, der in der Tat zusehends zusammenschrumpfte, » … muss ich mich aber noch um den hier kümmern. Rühr dich nicht von der Stelle, bis ich wieder da bin, verstanden? Ich werde nicht lange weg sein.« Mit diesen Worten schulterte er den Toten und war mit einem Satz auf dem Dach des nächststehenden Hauses.
   Das ist verrückt. Das ist völlig unmöglich. Ich hätte diese Tabletten einfach nicht nehmen sollen.

Kapitel 6

Die Ereignisse seit ihrer ersten Begegnung mit Kyle überstiegen allmählich Beth’ Verstand. Der heutige Angriff lähmte ihr rationales Denken, sonst wäre sie bestimmt nicht mit ihm gegangen, nachdem er ihr erklärt hatte, dass er – genau wie der Typ, der sie angegriffen hatte – eine Art Vampir war.
   »Du bist in Gefahr. Ich bring dich an einen sicheren Ort.«
   Was war noch sicher? Bis eben hatte sie ihre Wohnung für ausreichend sicher befunden, aber jetzt?
   Vor den Mauern eines herrschaftlich anmutenden Anwesens blieb ihr Begleiter stehen und gab einen zehnstelligen Zahlencode in ein Display ein. Lautlos schwang die schwere Eisentür auf, dahinter erstreckte sich ein mit weißem Kies ausgelegter Weg, der vor einer viktorianischen Villa endete. Von drinnen erklangen Musik und Stimmengewirr.
   »Shit! Die Party! Daran hatte ich nicht gedacht.«
   Sie blickte Kyle fragend an.
   Er lächelte gequält. »Ich wohne hier mit meinem Cousin. Er hat für heute einige Freunde eingeladen. Ist vielleicht nicht optimal, aber auf jeden Fall bist du hier sicher vor den Grigori. Unser Anwesen können sie nicht betreten.«
   Er sagte das, als wäre es selbsterklärend, wobei sie sich fragte, was genau jemanden wie diesen Irren aus ihrer Wohnung fernhalten konnte. Die Höhe der Mauer war es wohl kaum, nachdem sie gesehen hatte, über welche Sprunggewalt der Kerl – und Kyle ebenfalls – verfügte. Sie schauderte kurz, als sie an den leblosen Körper mit der klaffenden Brustwunde dachte. Kyle hatte ihr nichts über die Entsorgung der Leiche erzählt. Sie wollte es auch gar nicht wissen.
   Vor der Haustür der Villa hielt ihr Retter kurz inne und wandte sich zu ihr um. »Erschrick bitte nicht. Ich kann dir nicht sagen, was genau uns da drin erwartet. Prouds Partys sind manchmal recht speziell, aber ich versichere dir, dass es nichts gibt, wovor du dich hier fürchten musst und dass dir niemand etwas tun wird.«
   Seine Worte verunsicherten sie nur noch mehr. Wenn sie eine Wahl gehabt hätte … Doch im Augenblick fiel ihr keine Alternative ein.
   Nach dem Öffnen der Tür schlugen ihr harte Beats entgegen. Der Hausflur war dunkel, dafür kam aus einem der anderen Räume flackerndes Licht. Durch die geöffnete Tür sah sie eine leichtbekleidete Frau vorbeitanzen und fragte sich augenblicklich, ob sie vom Regen in die Traufe geriet. Der Drang, auf der Ferse umzudrehen und die Flucht zu ergreifen, meldete sich. Beth widerstand ihm mühsam.
   An Kyles Seite betrat sie den eigentlichen Partyraum mit der bangen Frage, was sie hier erwarten mochte. Zunächst sah alles nach einer normalen, wenn auch ausgearteten Feier aus, wie man sie von Teenagern mit sturmfreier Bude kannte. Wenige Schritte später wurde jedoch deutlich, dass das hier etwas ganz Anderes war. Es verschlug ihr den Atem, ließ sie straucheln und setzte dem Gefühl drohenden Wahnsinns in ihr noch die Krone auf.
   Beth wusste nicht, was sie von der Szenerie halten sollte, die sich ihr bot. Sie hatte nie zuvor soviel Prunk gesehen, aber auch noch nie soviel Lasterhaftigkeit. Überall standen Männer und Frauen zusammen, teils leicht bekleidet oder halb ausgezogen, küssend, zärtelnd oder bereits so intim, dass ihr die Schamesröte in die Wangen schoss. Sie wusste nicht, wohin sie blicken sollte. Kyle legte beschützend seinen Arm um sie und führte sie tiefer in diese Sündenhöhle. Widerstrebend folgte sie ihm, auch wenn sich alles in ihr sträubte und ihre Füße nur schleppend vorwärts wollten.
   Als er eine Sitzgruppe in einer Nische des Raumes ansteuerte, lief es Beth eiskalt über den Rücken. Es war schwer, das Bild einzuordnen, das sich in ihre Netzhaut brannte, doch nach ihren Erfahrungen der letzten Tage löste es eine dunkle Ahnung in ihr aus, die sie lieber nicht näher erörtern wollte.
   Ein muskulöser Männertorso bewegte sich in recht eindeutiger Manier über einem vollbusigen, nackten Frauenkörper. Sie sah rabenschwarzes Haar, glatte, weiche Haut und sie roch das scharfe Aroma menschlicher Erregung. Der Mann hatte sein Gesicht an der Kehle seiner Gespielin vergraben, die mit geschlossen Augen und leicht geöffneten Lippen leise stöhnte, ansonsten aber völlig passiv auf dem dunkelblauen Ledersofa lag. Es hatte soviel Ähnlichkeit mit der Spinnenfrau, die Beth’ kriminellen Nachbarn in der Tiefgarage attackiert hatte, dass Übelkeit in ihr aufstieg, auch wenn hier die Rollen vertauscht wurden und das Geschehen offenbar in gegenseitigem Einverständnis erfolgte.
   Als der Kerl den Kopf hob und in ihre Richtung blickte, zuckte Beth instinktiv zurück und stieß einen spitzen Schrei aus. Hätte Kyle sie nicht festgehalten, wäre sie umgehend davongelaufen.
   Von den sinnlichen Lippen des Mannes, der eine unleugbar faszinierende Aura besaß, troff dunkles Blut zu Boden. Seine Augen leuchteten wild in hellem Grau. Er wirkte wie im Rausch, wilder als ihr Angreifer in der Wohnung, was sich noch verstärkte, als er mit trägen Bewegungen vom Sofa aufstand und auf sie zukam. Er neigte den Kopf, musterte sie mit unverhohlener Neugier und ebenso deutlichem Verlangen. Es schüttelte sie, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Nur mühsam konnte sie ihre Panik niederringen.
   »Beth, das ist mein Cousin Proud. Proud, Miss Beth Preston. Sie steht unter meinem Schutz.«
   Proud! Kein Name hätte zu diesem Geschöpf besser gepasst. Er strahlte eine derart selbstverständliche Arroganz und Lässigkeit aus, dass kein Zweifel daran bestand, wie stolz dieser Mann war, und das zu Recht. Seine Überlegenheit strömte aus jeder Pore. Es besaß etwas Abfälliges, ohne dass Beth Widerwillen empfunden hätte. Tatsächlich verlor sich ihre Angst sogar, als er ihr tief in die Augen blickte. Eine Verbindung entstand zwischen ihnen, er zog sie magisch an. Die Essenz von ungezähmter Wildheit, von Magie und Macht war unwiderstehlich. Ihr stockte der Atem, als er sich vorbeugte und sie genüsslich von Kopf bis Fuß musterte, ehe er sich Kyle zuwandte.
   »Ah, der verlorene Sohn kehrt zurück.« Prouds Stimme klang schleppend. »Dass du dich doch noch dazu entschlossen hast, mal wieder einer Party beizuwohnen, hätte ich fast nicht zu hoffen gewagt. Und du bringst eine echte Schönheit mit. Irre ich mich, oder ist das die niedliche, kleine Krankenschwester, der du eigentlich längst die Kehle hättest aufreißen müssen? Also ehrlich, jetzt kann ich verstehen, warum du es nicht getan hast. Mir fallen auch eine Menge Dinge ein, die ich lieber mit ihr täte.«
   Sein Lächeln war anzüglich. Er umarmte Kyle überschwänglich und klopfte ihm gönnerhaft auf den Rücken, was diesem sichtlich unangenehm war. »Es überrascht mich wirklich, dass er heute hier ist, wissen Sie. Und dann auch noch mit Ihnen. Kyle ist sonst der Vorzeigejunge von uns beiden. Der gute, anständige Todesengel, der unsere Bestimmung wiederentdeckt hat. Bah, wie langweilig.« Er griff nach einem Glas und stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter. Sein Lächeln besaß etwas Wölfisches. Proud ergriff ihre Hand und blickte Beth in die Augen. Dabei überkam sie ein Gefühl, als würde er bis in den hintersten Winkel ihrer Seele vordringen. Sie wusste nicht, was sie tun oder ihm antworten sollte. Ihre Haut prickelte, als stünde sie kurz vor einem Kreislaufzusammenbruch, aber sie fühlte sich so wach und lebendig wie nie zuvor in ihrem Leben. Ein beängstigendes Gefühl.
   Seine grauen Augen schienen so unruhig wie das Meer vor einem Sturm und hatten eine ähnliche Farbe angenommen. Er lächelte und stellte deutlich seine Fangzähne zur Schau. Bei Kyle fielen diese kaum auf, doch bei Proud fragte sich Beth, wie irgendjemand die Gefahr, die von ihnen und ihrem Besitzer ausging, übersehen konnte. In Prouds Blick lag eine solche Gier, dass alles in ihr nach Flucht schrie.
   »Wissen Sie, Beth, wir sind eigentlich Raubtiere, die jemand vor langer Zeit versucht hat, an die Kette zu legen. Aber wie das so mit Ketten ist, irgendwann rosten sie durch. Die einen bleiben dennoch gefangen, die anderen nehmen sich die Freiheit zurück. Jeder muss seine Wahl eben selbst treffen.« Die Frage, was für eine Wahl er getroffen hatte, lag auf der Hand. Himmel, warum erzählte er ihr das? Was wollte er damit erreichen? Und was bedeutete es überhaupt?
   Kyle räusperte sich. Die unerträgliche Anspannung stob davon wie ein aufgeschreckter Vogel, und Proud lachte aus vollem Hals, als hätte er nur einen Scherz gemacht. »Kommt!« Er drehte sich um und schwankte zur Bar hinüber. »Kommt und trinkt und amüsiert euch. Dafür sind wir schließlich alle hier.«
   Beth sah ihm hinterher. Er erinnerte sie in der Tat an ein Raubtier – ein Mann wie ein Panther. Schön, gefährlich … und sich dessen bewusst.
   »Er hinterlässt bei jeder Frau einen … äh … bleibenden Eindruck.«
   Ertappt blickte sie zu Kyle empor, aber der grinste nur.
   »Nimm ihn nicht so ernst. Und lass dich nicht erschrecken. Im Grunde ist er harmlos.«
   »Ach.« Sie hob überrascht die Brauen. Schwer vorstellbar nach dem, was sie bisher gesehen hatte. Man sollte wohl keine Vorurteile haben.
   »Na ja, genau genommen …, er ist eben mein Cousin. Und ich liebe ihn.«
   Sie war zwar nie gut gewesen im Zwischen-den-Zeilen-lesen, aber das verstand auch Beth. Ihr Mund öffnete sich zu einer Antwort, ehe sie beschloss, dass alles, was sie sagte, das Falsche wäre.
   Proud ersparte ihr jedes Wort, indem er mit drei gefüllten Gläsern zurückkehrte.
   »Ein Manhattan für die Lady.« Mit anzüglichem Grinsen reichte er ihr den Cocktail. »Keine Sorge, ich habe ihn extra mild gemixt.«
   Es lief ihr eiskalt den Rücken hinunter. Als hätte er ihre Gedanken gelesen. Mit genau dieser Begründung hatte sie den Drink ablehnen wollen. Alkohol in dieser Gesellschaft erschien ihr gefährlich, auch wenn Kyle auf sie aufpasste.
   Widerwillig nahm sie das Glas in die Hand. Sie musste ja nicht trinken.
   »Sie werden mir doch nicht abschlagen, mit der neuen Flamme meines allerliebsten Cousins Bruderschaft zu trinken?« Sein gespielter Schmollmund wirkte fast glaubhaft, wenn da nur dieses gefährliche Glitzern in den schiefergrauen Iriden nicht gewesen wäre.
   Sie kam sich vor wie das Kaninchen vor der Schlange. Ein Hilfe suchender Blick zu Kyle, aber was erwartete sie? Sie kannten sich kaum. Warum war sie überhaupt mit hierhergekommen? Sie musste völlig den Verstand verloren haben, seit dieser Albtraum begonnen hatte.
   Doch hier ging es nur um einen Drink, oder? Sie schluckte, hatte weniger Angst vor dem Alkohol als vielmehr vor dem Kuss. Sie traute diesem schwarzhaarigen Dämon nicht zu, sich mit einem harmlosen Küsschen auf die Wange zu begnügen.
   Seine Haut war kalt, als sie die Arme überkreuzten. Der Alkohol brannte auf ihren Lippen. Von wegen mild. Sie schluckte ihn tapfer hinunter, obwohl er ihr sofort zu Kopf stieg. Sie trank sonst nie. Prouds Lippen näherten sich ihren.
   Beth bot all ihre Willenskraft auf, um nicht zurückzuweichen. Dabei musste sie zugeben, dass Proud absolut attraktiv war und der Gedanke, seine Lippen auf ihren zu spüren, ein unerwünschtes Prickeln in ihrem Schoß auslöste. Sein Mund war weich, überraschend warm, schmeckte nach süßem Wermut.
   »Buh!«
   Sie zuckte zurück. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Der Kuss hatte nur eine Sekunde gedauert, aber Proud hatte mit ihr gespielt, wie sein Grinsen verriet.
    Ihre Wangen brannten vor Scham. Umso mehr als er sich wieder seiner Party zuwandte, als wäre nichts gewesen und sie anscheinend von einer Sekunde zur anderen völlig vergaß.
   Sie hörte Kyle etwas murmeln, dass nicht gerade schmeichelhaft klang. In ihrem Kopf drehte sich alles, sie konnte sich kaum konzentrieren.
   Bitte nicht zusammenbrechen. Diese Peinlichkeit darf dir auf keinen Fall passieren.
   Ihr war heiß und kalt zugleich. Sie kannte solche Reaktionen, meist infolge traumatischer Erlebnisse, wenn das Gehirn eine Art Schutzfunktion aufbauen wollte.
   Damit sind wir wohl leider ein bisschen zu spät dran. Eine Ohnmacht wäre in meiner Wohnung ein Segen gewesen, jetzt kann ich nicht einmal mehr an Einbildung glauben, wenn ich dort wieder zu mir käme.
   Das war alles zu echt, zu intensiv, zu schockierend.
   Kyles Cousin tanzte sich lässig wieder in ihre Richtung und grinste breit. »Ich kann es nicht ertragen, wenn sich meine Gäste langweilen«, meinte er lakonisch.
   Bevor sie verstand, worauf er damit anspielte, hatte er sie auch schon an den Händen gefasst und zog sie auf die Tanzfläche. Ihr Blick zu Kyle wurde mit einem Achselzucken beantwortet. Offenbar sah er nicht die Notwendigkeit, einzugreifen. Proud ergriff ihr Kinn und drehte ihren Kopf wieder in seine Richtung. Sein Blick war vorwurfsvoll. »Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit, wenn ich mit dir tanze, Beth.«
   Sie zuckte zusammen und empfand ein völlig irrationales Gefühl von Schuldbewusstsein ihm gegenüber, was er lächelnd quittierte.
   »Du hast für ordentlich Wirbel gesorgt, ist dir das überhaupt klar?«
   »Ich … ich …« Zuletzt war sie als Schulmädchen derart unsicher gewesen. Es war sogar schlimmer als während der Zeit im Waisenhaus. Dieser Kerl berührte alte Wunden in ihr. Erinnerungen an Schwäche, Hilflosigkeit, Angst …
   »Mein Cousin macht einen guten Job im St. Johns. Er ist ein Heiliger.«
   Aus seinem Mund klang das Wort abfällig. Beth schluckte hart. Ihr Mund wirkte trocken, ihre Zunge wie taub. Als hätte sie eine Narkose beim Dentisten bekommen. »Wenn … wenn Sie das so sehen … wa …warum kommen Sie nicht nach St. Johns?«
   Er lachte amüsiert. »Ist das dein Ernst? Gott, du hast wirklich keine Ahnung davon, wo du dich hier befindest? In welche Gesellschaft du dich freiwillig begeben hast? Hat Kyle nicht so viel Verstand besessen, dich aufzuklären, ehe er dich in unser Haus bringt?« Die Fassungslosigkeit, mit der er den Kopf schüttelte, schien nicht gespielt. »Wie ich schon sagte, wir sind Raubtiere, keine zahmen Schoßhündchen, die brav den Befehlen ihres Herren folgen. Ich hab keinen Bedarf mehr daran, den heiligen Samariter zu spielen und stinkenden, siechenden Menschen ihren letzten Leidensweg zu verkürzen. Das hab ich Jahrhunderte getan, Beth. Ekelhaft. Die Menschheit rottet sich selbst aus, na und? Wir können so viele Seuchen und Krankheiten unter Kontrolle halten, wie wir wollen, irgendwelche Idioten schaffen es ja doch jeden Tag, in ihren neumodischen Labors mindestens zehn neue zu züchten. Soll ich für solche Dummköpfe weiterhin darben und auf meinen Spaß verzichten? Mich uralten Regeln unterwerfen, um die sich heute nicht einmal mehr ihr Erschaffer schert? Nein, danke. Da kann ich mir was Besseres vorstellen.«
   Es blitzte lüstern in seinen Augen. »Krankes Blut hat keine Wirkung auf uns. Keine schadhafte, aber auch keine berauschende. Von krankem Blut werden wir nicht high, Süße. Darum mag ich es nicht mehr. Es nährt uns, stillt unseren Hunger, aber es lässt uns nicht die Kontrolle verlieren. Bestenfalls lähmen uns die Chemikalien, mit denen es getränkt ist. Auf so was verzichte ich lieber.« Er lehnte sich näher zu ihr, presste sie an seinen Körper und senkte die Lider, während er mit rauchiger Stimme in ihr Ohr flüsterte. »Mit jungem, gesundem Blut ist das völlig anders. Wenn wir es trinken, wirkt es wie eine Droge. Im Blutrausch verlieren wir jegliche Hemmungen. Das ist es, was ich will. Wonach ich giere. Ich bin ein Gourmet – heißes Blut und wilder Sex sind köstlich. Hat mein Cousin dir das gesagt, bevor er dich mit in die Höhle des Löwen nahm? Bist du sicher, dass du hier sein willst? Dass dir hier keine Gefahr droht, bloß weil er sagt, du stündest unter seinem Schutz?«
   Seine Haltung war herausfordernd. Während Beth noch mit den Gefühlen kämpfte, die seine Worte in ihr auslösten und nach einer Antwort suchte, wirbelte er sie in einer viel zu schnellen Drehung über die Tanzfläche und trieb das Spiel weiter.
   »Was soll ich dir über uns erzählen, Beth, damit du weißt, in welcher Gefahr du gerade schwebst? Dass wir den Verstand verlieren, wenn wir Blut trinken? Dass wir zu reißenden Bestien werden? In einen Drogenrausch verfallen?« Er schmunzelte, als wären das alles die üblichen Lügen und Ausreden, die man seiner Art nachsagte. Sie zitterte in seinen Armen unter dem bohrenden Blick und dem beunruhigenden Bild, das er von seiner Art malte. Nichts wäre ihr lieber gewesen, als dass er nur einen bösen Schabernack mit ihr spielte und die unterschwellige Drohung sogleich wieder beiseite wischte, doch dies tat er keineswegs.
   »Ja!«, sagte er stattdessen mir rauchiger Stimme. »Genauso ist es. So sind wir. So wirkt euer süßes, unschuldiges Blut auf uns. Es ist das geilste Gefühl auf der Welt. Ich würde es um keinen Preis missen wollen.«
   Er blieb so abrupt stehen, dass sie ins Stolpern geriet und sich an ihm festhalten musste. Sein Gesicht war augenblicklich nah an ihrem Ohr, sein Atem ließ sie erschaudern.
   »Das Tanzen scheint dir nicht zu bekommen, Beth. Vielleicht nimmst du lieber noch einen Drink an der Bar und hältst mit meinem Cousin Händchen. Das ist … ungefährlicher.«

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