Normalerweise macht Kunstexpertin Victoria Bellstein einen großen Bogen um Vampire. Als sie jedoch einem Freund ihres Chefs den Gefallen tut, ein Kunstwerk zu begutachten, kommt sie gerade dieser von ihr gemiedenen Spezies einen Schritt zu nah. Ohne es geplant zu haben, findet sie sich plötzlich in der Aufklärung eines Rätsels gefangen, das den unwiderstehlichen, aber wenig gesprächigen Wikinger-Vampir Kylan Ingvarsson umgibt.

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Ela van de Maan

Ela van de Maan
Ela van de Maan wurde im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts im vorangegangenen Jahrtausend in einer Kleinstadt in Süddeutschland geboren. Seit sie lesen kann, wollte sie auch schreiben. Ihre größte Leidenschaft waren Fantasy und Abenteuerromane, die in ihrer eigenen Traumwelt immer neue Geschichten nach sich zogen. Irgendwann wurde der Geschichtenstapel in ihrem Kopf zu hoch und sie begann sie aufzuschreiben ... Ela van de Maan ist Mitglied in der DELIA - Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren und -autorinnen und im PAN - Phantastik-Autoren-Netzwerk.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Die Sichel des zunehmenden Mondes glitzerte auf dem ruhigen Wasser. Er beachtete sie nicht. Viel zu oft hatte er sie gesehen – viel zu oft für ein einziges Leben.
   Er studierte die Schiffe, die im Hafen lagen. Ihre Bauweise hatte sich im Laufe der Zeit so sehr verändert, dass sie kaum mehr etwas mit den Booten gemeinsam hatten, mit denen er durch Sturm und Unwetter über den Atlantik gesegelt war. Sie waren ihm fremd geworden. Sie versprachen weder Abenteuer noch Gefahr. Zumindest nicht für ihn.
   Seine Gedanken wanderten zurück in die Zeit, in der sein Leben noch endlich gewesen war. Als er noch den unbändigen Drang verspürt hatte, darum zu kämpfen, sich mit aller Kraft zu bemühen, es nicht vorzeitig enden zu lassen und dennoch zu wissen, dass es irgendwann ein Ende finden würde.
   Heute war der Kampf ums Überleben für ihn zu einem langweiligen Spiel geworden. Eigentlich kämpfte er nur, um zu beweisen, dass er der Stärkere war. Aber in seinem tiefsten Inneren hoffte er, endlich auf den Gegner zu treffen, der sein jämmerliches Dasein beenden würde.
   Mit einem letzten verachtenden Blick auf die neuzeitlichen Errungenschaften der Schifffahrt kehrte er dem Hafen den Rücken zu und verschwand in der nächsten Gasse, wo er den erbärmlichen Gestank des verdreckten Wassers nicht mehr ertragen musste.

Kapitel 1

Beeindruckt betrachtete ich das Bild an der Wand. Ein Monet! Noch dazu ein unbekannter! Und er hing in dem schmuddligen Hinterzimmerbüro eines billigen Puffs im Rotlichtviertel von Marseille. Die Kunstwelt würde Zeter und Mordio schreien, wenn sie das wüsste.
   Ich wartete ungeduldig auf den Besitzer, einen alten Freund meines Chefs Arran McRae – wobei mit alt auch tatsächlich alt im wörtlichen Sinne gemeint war. Kylan Ingvarsson war gut und gern tausend Jahre alt. Er war einer der Wikinger, die mit Leif Eriksson unterwegs gewesen waren und lange vor Kolumbus die neue Welt entdeckt hatten.
   Aber alles, was ich sonst noch von ihm wusste, zeichnete ihn nicht gerade als weit gereisten, weltgewandten Bildungsbürger aus. Er bewegte sich eher im Dunstkreis der organisierten Kriminalität.
   Meinen Informationen nach hatte er alles auf dem Kerbholz, was man in tausend Jahren anstellen konnte. Zudem war er ein fürchterlicher Weiberheld. Wieso Arran ihn zu seinen besten Freunden zählte, war mir ein Rätsel, konnte mir aber auch egal sein. Schließlich war ich nicht hier, um die Charakterfestigkeit eines toten Kerls zu beurteilen. Ich verschwendete meine kostbare Zeit in dieser Kaschemme lediglich auf Wunsch meines Chefs und in meiner Eigenschaft als Kunstexpertin.
   Wohl war mir allerdings nicht dabei, hier herumzusitzen. Arran hatte mir eindringlich geraten, nicht allzu lange in Kylans Nähe zu verweilen, weil seine zahllosen Feinde ihm immer wieder an den Kragen wollten. Nur auf welchen Zeitraum sich »nicht allzu lange« genau bezog, hatte er dummerweise nicht ausgeführt. Mir war die Viertelstunde, die ich bereits auf den Badguy in diesem schäbigen Loch wartete, schon viel zu lange.
   Unentschlossen zündete ich mir eine Zigarette an und wanderte herum. Das Ambiente in dem schummrig beleuchteten Hinterhaus war nicht gerade beruhigend. Die Reste der rotbraunen Siebzigerjahretapeten hingen in Fetzen von den Wänden, und der ehemals rote Teppich wies seltsame große Flecken auf, die in dem schaurigen Licht wie eingetrocknete Blutlachen wirkten. Man hätte meinen können, hinter jeder der abgenutzten Holztüren lauerte jemand sprungbereit, um sein nächstes Opfer zu überwältigen.
   Unruhig blickte ich mich um. Die Härchen an meinen Armen stellten sich der Reihe nach auf. Ich fröstelte. Was sollte ich tun? Sollte ich warten, ob sich der Wikinger vielleicht doch noch bequemte, innerhalb eines akzeptablen Zeitrahmens hier aufzutauchen oder augenblicklich und grußlos diesen uninspirierenden Ort verlassen?
   Hin- und hergerissen und verärgert über meine ungewohnte Nervosität, machte ich mich auf den Weg in Richtung Büro und gab Kylan im Stillen noch fünf Minuten. Danach würde ich die Rückfahrt ins Hotel antreten.
   Gänzlich in Gedanken versunken öffnete ich die Bürotür und ließ meinen Blick durch den Raum gleiten.
   Wie vom Blitz getroffen hielt ich inne.
   Mit leicht gesenktem Kopf lehnte er in seinem alten schwarzen Ledersessel, hinter dem schweren, hölzernen Schreibtisch und sah mich gelangweilt von unten herauf an.
   Diese Augen! Ein arktisches Blaugrün wie das Meer im Norden, wenn es sich langsam ansteigend der Küste nähert. Blutunterlaufen.
   Seine Fangzähne waren noch leicht ausgefahren, und sein halblanges blondes Haar hing zerzaust auf seine Schultern hinab. Offensichtlich hatte er sehr engagiert zu Abend gegessen.
   Ich bemerkte, wie ich den Atem anhielt. Der Zigarettenrauch kratzte in meinen Bronchien. Der Raum schwankte. Mein Verstand setzte aus. Scheiß Wikinger!
   Sein Blick wurde herausfordernd. »Du bist Victoria?«, fragte er mit einem zynischen Zug um die Mundwinkel.
   »Was dagegen?« Ich blinzelte, um wieder zu mir zu kommen.
   »Ich bin nur verwundert. Ich dachte, man müsste älter sein, um genügend von Kunst zu verstehen.« Er legte den Kopf zur Seite, um mich ungeniert von oben bis unten zu mustern.
   Ich hob mein Kinn und blickte ihn herablassend an. »Ich habe mein Studium beendet und einige Jahre Berufserfahrung. Wenn es dich beruhigt, ich bin fast dreißig, auch wenn ich jünger aussehe.« Was bildete sich der Kerl ein, meinen Fachverstand infrage zu stellen, nur weil mein Aussehen nicht mit meinem tatsächlichen Alter Schritt hielt!
   »Du riechst gut!«
   Kylans freche Anmache verdeutlichte mir schlagartig, welcher Spezies er angehörte und warum ich überhaupt nicht hier sein wollte. Ich schnaubte. Sollte ich jemals wieder mit diesem Kerl zu tun haben, würde ich mir einen Kranz Knoblauch um den Hals hängen, oder noch besser – in einem Topf Zaziki baden! »Das wird an meinem neuen Parfum liegen. Aber ich gehe doch recht in der Annahme, dass du mich nicht hierher gebeten hast, um mir Komplimente zu machen?« Ich straffte die Schultern und machte ein paar Schritte in Richtung Raummitte.
   »Nein«, stieß er in einem gekünstelten Seufzer der Verzweiflung hervor, »aber ich ärgere mich, dass ich schon satt bin.«
   »Tja, besser so. Ich hätte als Dinner ohnehin nicht zur Verfügung gestanden.« Ich musste mich bemühen, mir einzureden, dass er anfing, mich zu nerven. Bloß keine Verwicklungen!
   Kylan lehnte sich zurück und warf mir einen weiteren provokativen Blick zu. »Bist du dir sicher? Wie viel zahlt Arran dir denn? Ich zahle das Doppelte«, bot er mit selbstgefälliger Miene an.
   Ich biss mir auf die Lippen. So ein Arsch. »Siehst du hier irgendwo ein Schild »for rent«?«
   Er grinste.
   Ich nicht. Ausnahmsweise. Doch ob ich es wollte oder nicht, irgendetwas kribbelte in mir. Der Blitz, der mich bei seinem Anblick getroffen hatte, wanderte immer noch durch meinen Körper. Langsam fand er auch die Zonen, die ich nicht immer im Griff hatte. Ich musste hier so schnell wie möglich wieder raus.
   »Ist ja auch egal. Ich steh sowieso nicht auf ältere Frauen«, bemerkte er spöttisch und rückte ein Stück näher an den Schreibtisch heran, um beiläufig die Papiere, die dort lagen, zur Seite zu schieben.
   »Älter?«, fragte ich ungläubig nach. »Sorry, aber ich bin es nicht, die bereits die Tausendermarke überschritten hat.« Fast hätte ich nun doch gegrinst.
   Kylan erhob sich aus seinem Sessel, schritt um den Schreibtisch herum und baute sich in voller Pracht und Größe vor mir auf. »Ja, aber dieser Luxusbody …« Er deutete grinsend auf seinen muskelbepackten Oberkörper, der durch das dünne, enge, ausgewaschene graue T-Shirt nur unzureichend verhüllt war. » … ist für alle Ewigkeit im Stadium eines Siebenundzwanzigjährigen eingefroren.«
   Ja, und dein Verstand noch viel früher, dachte ich, aber ich behielt es für mich.
   Ein hübsches junges Mädchen kam lächelnd zur Tür herein und brachte ein Tablett mit Getränken.
   »Das ist Raphaela, meine Assistentin«, sagte Kylan und wandte sich wieder seinem abgewetzten Sessel zu. »Ihr habt ja schon miteinander telefoniert. Wenn du bei deinem Aufenthalt hier in der Stadt irgendetwas brauchst, kannst du dich gern an sie wenden.«
   Ich nickte, aber ich würde seine Großzügigkeit nicht in Anspruch nehmen müssen, da ich beabsichtigte, so schnell es ging, wieder von hier zu verschwinden. Zumal Marseille auch nicht gerade zu meinen Lieblingsstädten zählte, obwohl sie am Mittelmeer lag. »Wir sollten zum geschäftlichen Teil kommen. Ich nehme an, dass es sich bei dem Bild, das ich begutachten soll, um den Monet handelt, der hier hängt.«
   Ich deutete auf das Bild. Es war ein für Monet typisches Motiv seines Jardin d’Eau – seines Wassergartens –, den er in seinem Anwesen in einem Dorf nordwestlich von Paris nach japanischem Vorbild angelegt hatte, und den er auf unzähligen seiner Werke verewigt hatte.
   Ehrfurchtsvoll ging ich auf das wertvolle Gemälde zu, das mit seiner zart gefärbten Wasserlandschaft in diesem dunklen Raum so fehl am Platz wirkte wie eine Seerose in der Wüste.
   Kylan nickte und gesellte sich, die Hände lässig in den Hosentaschen vergraben, an meine Seite. Ich war mir nicht sicher, ob er mich beobachtete oder meinen Blicken auf dem Bild folgte. Seine Nähe ließ den Blitz, der mich bei seinem Anblick getroffen hatte, nicht zur Ruhe kommen. Ich musste alle Konzentration aufbringen, um diese – nicht unbedingt unangenehme – Unruhe auszublenden.
   Aufmerksam und kritisch überprüfte ich die Farbnuancen der einzelnen Schattierungen, die Details in den Blüten der Seerosen, jeden noch so vermeintlich unbedeutenden Pinselstrich. Alles wirkte absolut schlüssig. Die Farbveränderungen, die sich über die Jahre eingeschlichen hatten, passten ebenfalls perfekt zu der anzunehmenden Datierung des Bildes. Ich konnte keine Unstimmigkeiten erkennen. »Ich bin mir sicher, das Bild ist echt.« Ich wusste es – wie immer – auch ohne Laboruntersuchung und spektroskopische Bestimmung des Alters. Und ich lag nie daneben.
   Kylan ließ diese Verkündung kalt. Jeder Mensch wäre begeistert umhergetanzt, wenn ihm eröffnet worden wäre, dass sich ein nahezu unbezahlbares Gemälde in seinem Besitz befände. Von einem Vampir seines Schlages konnte man derartige Gefühlsausbrüche wohl nicht erwarten.
   Er zuckte nur mit den Schultern. »Davon bin ich ausgegangen. Sven hat mal bei ihm Unterricht genommen, das Weichei!« Er betrachtete mit hochgezogenen Augenbrauen die wunderschönen pastellfarbenen Blüten.
   »Und was wolltest du von mir wissen?«
   »Was an dem Bild so besonders ist, dass er es mir vererbt hat!« Er sah mich an, als hätte ich ihn gefragt, ob er jemals den großen Wasserfall am Ende der Welt zu Gesicht bekommen hätte, vor dem sich alle Wikinger so gefürchtet hatten, hineinzustürzen.
   Ich atmete erst einmal tief durch. »Gehe ich recht in der Annahme, dass dieser Sven ein Vampir war?«
   Kylan nickte. »Er wurde letzte Woche hier in Marseille zu Staub gemacht. Weiß der Teufel, was er hier wollte. Einen Tag später brachte mir einer seiner Leute das Bild, und ich habe keine Ahnung, warum. Es ist noch nicht einmal eine nackte Frau darauf.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung und starrte das Gemälde an, als wäre es eine Zumutung.
   Ich schüttelte den Kopf. Ein echter Monet – und dieser ungebildete Wikinger beanstandete die Motivwahl! »Es ist schätzungsweise in diesem Zustand gute zwanzig Millionen Euro wert.«
   »Geld brauche ich keines. Das kann ich mir selbst drucken.«
   Nun, daran zweifelte ich keine Sekunde.
   Eine Weile standen wir da und betrachteten ratlos das kostbare Stück Kunstgeschichte.
   »Weißt du Kylan«, sagte ich, »du könntest das Gemälde trotzdem an ein Museum verkaufen oder zumindest verleihen. Damit würdest du der Kunstwelt einen deutlich größeren Dienst erweisen, als wenn du es hier vergammeln lässt. Solch wertvolle Stücke gehören in klimatisierte Räume.«
   Er schüttelte den Kopf. »Ich will wissen, was sich der Kerl dabei gedacht hat, mir das Bild zu vererben!«
   Ohne nackte Frau darauf, hatte er vermutlich noch anfügen wollen. Ich hatte genug und nahm meine Tasche. »Wenn du es dir doch noch anders überlegst, kann ich dir gute Kontakte vermitteln. Aber überlege nicht zu lange. In dieser feuchten Umgebung wird es sehr schnell unwiderruflichen Schaden nehmen. Ich bin dann mal weg.«
   Er wirkte überrascht. Hatte er erwartet, dass ich noch bis zum Frühstück blieb? Den Gefallen konnte ich ihm beim besten Willen nicht tun. Womöglich würde ich mich noch zu unüberlegten Handlungen hinreißen lassen! Diese Augen, dieser Körper – einfach nicht daran denken!
   Der Typ war ein Blutsauger. Der einzige Blutsauger, dem ich vertraute, war mein Chef und der war unter seinesgleichen in jeder Hinsicht eine Ausnahme.

Aufgewühlt fuhr ich in mein Hotel zurück. Ich versuchte, jeden Gedanken an Kylan zu vermeiden, aber das Gemälde ging mir nicht aus dem Kopf. Ein unbekannter Monet – der Wahnsinn! Irgendwie musste ich Kylan dazu bringen, das Bild zu verkaufen. Ich konnte doch nicht abreisen und diesen Kunstschatz verkommen lassen! Abgesehen davon würde es mich bei meiner Reputation in der Kunstwelt wieder einen großen Schritt weiterbringen. Ich musste schließlich auch an meine Berufsehre denken.
   Verärgert zog ich die Schuhe aus und versuchte, die Reste des Blitzes aus meinem kleinen Zeh zu schütteln, in dem es immer noch kribbelte.
   Ich musste noch einmal mit Kylan reden. Vielleicht würde er das Bild zumindest an Arran weitergeben – sozusagen unter alten Freunden. Er wusste ja, wie leidenschaftlich mein Chef Kunst sammelte.
   Unschlüssig sah ich in den Spiegel und zupfte mir die Frisur zurecht. Ja, ich musste das Bild retten. Unbedingt. Selbst wenn es bedeutete, mich noch einmal in die Nähe dieses unwiderstehlichen Wikingers zu begeben.

Es geht nur um das Bild, wiederholte ich mantraartig, als ich eine Stunde später erneut vor Kylans gewerblicher Hauptniederlassung im Marseiller Hafen stand. Er hatte äußerst erfreut geklungen, als ich ihn am Telefon bat, sich meinen Vorschlag zumindest anzuhören. Allein diese unverhohlene Freude machte mich schon nervös.
   Ich drückte auf den abgenutzten Klingelknopf am Seiteneingang. Der Klub war noch nicht geöffnet und niemand zeigte sich weit und breit, um mich einzulassen. Wo waren bloß alle? Ich war angemeldet! Enttäuscht rüttelte ich am Türknauf. Die Tür schwang langsam mit einem knarrenden Laut auf.
   Ich hielt inne und horchte.
   Niemand war zu hören oder zu sehen. Ob ich einfach so eintreten sollte? Ein unangenehmes Gefühl schlich mir den Nacken hinauf. Ich versuchte, es abzuschütteln und atmete tief durch. Hatte ich Angst? Ein Gefühl dieser Art war mir bisher eher fremd gewesen. Im Gegenteil, ich musste mir schon als Kind immer Vorhaltungen machen lassen, dass ich mir zu wenig Gedanken über potenzielle Gefahren machte.
   Ein ungewohnter Schauder ließ mich frösteln, und ich trat instinktiv einen Schritt zurück.
   War ich womöglich wegen Kylan derart aufgeregt, dass meine Körperfunktionen außer Kontrolle gerieten? Dieses Gefühl war mir sogar noch fremder. Männer waren zwar interessante Geschöpfe, mit denen ich mir gern die Langeweile vertrieb, aber nicht mehr. Ekstatische Reaktionen, sofern sich meine Gefühlsäußerungen überhaupt so bezeichnen ließen, verursachten bei mir nur die Entdeckungen unwiederbringlicher Relikte der Vergangenheit. Aber – irgendwie traf das sowohl auf Kylan als auch den Monet zu. Vielleicht erklärte dieses Doppel meine körperlichen Überreaktionen.
   Mit wild pochendem Herzen schritt ich den schummrigen Gang hinunter und blieb vor Kylans Bürotür stehen. Sie war angelehnt.
   Ich klopfte trotzdem.
   Niemand antwortete.
   Ich klopfte lauter.
   Weit und breit war nichts zu hören.
   Ich sah mich noch einmal um, in der Hoffnung, dass irgendein Angestellter oder womöglich Kylan um die Ecke käme. Doch das ganze Haus schien wie verlassen. Ich überlegte einen Moment, wieder zu gehen, aber ich entschloss mich, im Büro zu warten. Ich holte mein Handy aus der Tasche, während ich eintrat. Gerade wollte ich Raphaelas Nummer wählen, um sie zu informieren, dass ich hier wäre, als mein Blick in den Raum fiel.
   Nur mit Mühe unterdrückte ich einen Aufschrei. Das Büro bot ein Bild der Verwüstung. Überall lagen Papiere und Schreibtischgegenstände herum. Dazwischen Leinwandfetzen.
   Der Monet! Das Bild war komplett zerrissen und die Reste mit roten Farbspritzern entstellt über den ganzen Fußboden verstreut.
   Es musste Blut sein.
   Aber von wem?
   Der schwarze Sessel hinter dem Schreibtisch war zur Wand gedreht. Aus der Rückenlehne stach die Spitze einer Metallklinge heraus. Mit einer schrecklichen Ahnung lief ich darauf zu und drehte ihn vorsichtig um. Kylan hing wie in Stein gemeißelt in dem schwarzen Leder. Sein Kopf lag auf seine Brust gesenkt und aus seiner Seite ragte der armlange Schaft einer mittelalterlichen Wurflanze.
   Aus der Einstichstelle floss Blut über den Sessel herab und bildete auf dem Boden bereits eine Pfütze.
   Eiseskälte legte sich über mich. Zitternd holte ich erneut mein Handy hervor und versuchte, die richtige Kurzwahl zu treffen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis endlich jemand abhob. »Arran, bist du es? Wie sieht ein toter Vampir aus?«, keuchte ich ins Telefon.
   »Victoria? Wo bist du?«
   »Sag schon endlich, ist er tot?«
   »Wer? Kylan? Was ist passiert?«
   »Das weiß ich doch nicht«, kreischte ich.
   »Also, wenn er tot wäre, würde er nach nichts mehr aussehen, dann wäre er ein Haufen Staub«, erklärte Arran relativ gefasst.
   »Du meinst, wenn ich diese Lanze herausziehe, dann lebt er wieder?«
   »Welche Lanze? Victoria, such sofort einen seiner Angestellten und unternimm ja nichts sel …«
   Mehr hörte ich nicht mehr. Ich konnte den Anblick dieser elendigen Lanze in diesem wunderschönen muskulösen Körper nicht ertragen. Geschweige denn das viele Blut, das da herausfloss. Ich packte den Holzstiel und zog ruckartig die Klinge heraus.
   Augenblicklich riss der Wikinger die Augen auf und sah mich mit einem verstörend wirren Blick an. Bevor ich mich aus dem Staub machen konnte, war er aufgesprungen, hatte mich auf den Schreibtisch geworfen und mit einem Handstrich meine Bluse zerfetzt. Ich schrie ihn aus Leibeskräften an, als er sich über meinen Hals beugte, schlug um mich und zerkratzte mit meinen Fingernägeln seine Arme. Er schien es nicht einmal zu bemerken.
   Plötzlich tauchte eine Faust über meinem Kopf auf und traf ihn wie ein Vorschlaghammer mitten ins Gesicht. Knochen knackten und Blut lief aus seiner Oberlippe. Er brüllte auf und versuchte, den Angreifer abzuwehren. Ich nutzte die Chance, mich unter ihm hervorzuwinden. Zwei Hände zogen mich schnell zur Seite. Raphaela, was für ein Glück! Kylan kämpfte immer noch gegen einen ebenso großen wie kräftigen dunkelhaarigen Vampir, der ihn in Schach zu halten wusste.
   Ich stutzte. Bei diesem Anblick drängte sich mir unweigerlich die Frage auf, wieso zum Teufel alle Vampire, die ich kannte, immer groß und gut gebaut waren, wie alte griechische Statuen? War das für diese Lebensform spezifisch, oder verwandelten sich schlichtweg nur Kerle, die gut aussahen? Ich beobachtete den Kampf, während ich meine Haare wieder in Ordnung brachte.
   Raphaela machte sich an einem Schrank zu schaffen, der sich als Kühlschrank entpuppte, und entnahm ihm einige Beutel Blutkonserven. »Die haben wir immer für Notfälle hier«, erklärte sie entschuldigend, während sie Kylan einen der Beutel unter die Nase hielt. Sofort hieb er seine Zähne hinein und sog angewidert den Inhalt heraus. Unverhohlen schielte er dabei immer wieder in Richtung meines Halses.
   Das erinnerte mich wieder daran, dass es Zeit war zu gehen. »Kann mir jemand einen Mantel leihen? So kann ich unmöglich auf die Straße.«
   Raphaela nickte, während ein Grinsen über mein derangiertes Äußeres ihr freundliches Dauerlächeln ablöste. Sie übergab dem dunkelhaarigen Vampir die restlichen Beutel und führte mich hinaus zur Garderobe. »Das ist übrigens mein Bruder Raphael«, erklärte sie, als sie meinen verstohlenen Blick zurück bemerkte.
   »Oh, aber du bist kein Vampir.«
   »Nein. Raphael wollte nie, dass ich einer werde. Er findet immer noch, ich sollte mir einen anständigen Mann suchen und endlich eine Familie gründen. Aber ich kann ihn doch nicht allein lassen!«
   Ich runzelte die Stirn. Raphael sah nicht gerade aus, als brauchte er die Hilfe seiner kleinen Schwester.
   »Weißt du, er hat ja nur mich«, fuhr sie wieder in einem Ton fort, als müsste sie sich entschuldigen. »In den letzten achthundert Jahren sind wir immer zusammen gewesen. Ich werde mich nicht von ihm trennen …«
   Ich wurde hellhörig. Seit achthundert Jahren? Wenn sie als Mensch achthundert Jahre alt war, konnte das nur heißen, dass sie einen Vampir als Geliebten hatte. »Bist du mit Kylan zusammen?«
   Sie sah mich völlig überrascht an. »Um Himmels willen, das würde Raphael niemals zulassen! Er würde nie einen Vampir als meinen Geliebten dulden. Und Kylan schon gar nicht!«
   »Ja aber, wie bist du dann so alt geworden?«
   Sie sah noch überraschter drein. »Mein Bruder sorgt dafür, dass ich nicht altere. Was dachtest du denn?«
   Ups … na ja. Bei Blutsaugern sollte man sich über nichts wundern, pflegte meine Großmutter immer zu sagen. Und vor achthundert Jahren hat man das vielleicht auch nicht so eng gesehen. »Ich lasse dir den Mantel zurückbringen. Danke fürs Ausleihen. Und sag deinem Bruder noch recht herzlichen Dank dafür, dass er meinen Hals gerettet hat«, rief ich ihr auf dem Sprung zum Taxi zu und zog den Gürtel noch etwas enger, damit der Mantel auch wirklich alle Spuren des ungleichen Gefechts verdeckte.
   Sie stand nur da und winkte mir nach, als würde sie ihr Kaffeekränzchen verabschieden.
   Ich schüttelte den Kopf. Auch wenn ich so einiges über die vor den Menschen verborgene Welt und ihren Wesen wusste, manchmal wunderte ich mich doch ein bisschen darüber.

Kapitel 2

Als ich den Mantel in meinem Hotelzimmer über einen Stuhl geworfen hatte und den tatsächlichen Schaden an meinen Kleidern überprüfte, kam Wut in mir auf.
   Dieser scheiß Wikinger!
   Er war unbeherrscht, genusssüchtig, blutrünstig und noch vieles mehr! Ich könnte bestimmt tausend Gründe finden, warum ich nicht mehr an ihn denken wollte. Aber dennoch ließ mich die Frage nicht los, was eigentlich passiert war, und wer zum Teufel ihn nach Hel befördern wollte und dabei nicht einmal davor zurückgescheut war, auch noch das wertvolle Gemälde zu zerstören.
   Ich schälte mich aus den zerrissenen, blutverschmierten Kleidungsstücken und untersuchte meine Haut nach Verletzungen. Zum Glück war das Blut nicht meines gewesen. Ich hatte nicht einmal einen Kratzer abbekommen.
   Mein Telefon brummte in der Manteltasche.
   »Victoria, warum bist du nicht rangegangen?« Arran klang völlig außer sich, als ich endlich abhob. »Bist du okay?«
   »Ja, außer dass dieser Wahnsinnige meine Designerklamotten zu Putzlumpen verarbeitet hat, ist nichts passiert. Stell dir vor«, erzählte ich, ohne Luft zu holen, »er hatte einen echten Monet an der Wand! Als ich zurückgekommen bin, um ihn zu überreden das Bild zu verkaufen, war der Monet zerfetzt und Kylan hatte eine Lanze in der Brust. Was hat der denn für unkultivierte Feinde? Wer zerstört schon mutwillig solch einen Kunstgegenstand, wenn er doch nur den Besitzer beseitigen will!«
   Arran schwieg. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie er die Augen verdrehte. Mir war klar, dass ihm mehr an seinem Freund lag, als an einem Bild und war es noch so wertvoll. Aber er hatte auch genügend davon. Die Sammlung, die er in den letzten dreihundert Jahren angehäuft hatte, ließ so manches Museum vor Neid erblassen. Trotzdem. Es mussten wahre Barbaren gewesen sein!
   »Flieg bitte, so schnell es geht, nach Hause, Victoria. Und halte dich auf keinen Fall mehr in Kylans Nähe auf.«
   Ich hatte auch nicht vor, noch einmal in die Nähe dieses Wikingers zu kommen. Das war mir eindeutig zu heiß – egal, aus welcher Perspektive ich es betrachtete. »Mein Flug geht nach wie vor morgen früh. Ich bleibe zwei Wochen bei meinen Eltern. Das wird eine Überraschung!«
   »Okay«, erwiderte Arran erleichtert, »gib Bescheid, wann genau du wieder nach Schottland kommst, damit wir dich abholen können. Bis dann.«
   Meine Stimmung besserte sich, bei dem Gedanken, meine Eltern mit einem Besuch zu überraschen. Endlich konnte ich die Gelegenheit nutzen, zumindest für zwei Wochen dieser Dauerverliebtheit zwischen meiner Freundin Julie und Arran zu entrinnen. Die beiden waren kaum auszuhalten! Entweder sie klebten aneinander oder sie schmachteten sich an, dass ich mich auch noch dafür fremdschämen musste, wenn Hotelgäste in der Nähe waren. Etwas Peinlicheres als die beiden, gab es kaum. Ich wusste schon, warum ich mich nie verlieben würde. Wozu auch? Liebe war nur ein großer Betrug! Nichts als ein Trick der Natur, um die fortpflanzungsfähigen Lebewesen dazu zu bringen, sich zu paaren und zu vermehren. Wieso es dabei allerdings auch Vampire traf, war mir noch etwas unklar, denn sie wurden geschaffen und nicht geboren – aber wie hieß es so schön: keine Regel ohne Ausnahme. Ich jedenfalls bekam das mit der Paarung gut ohne diese lästige Gefühlsduselei hin, und das mit der Fortpflanzung konnte ruhig noch ein paar Jahrhunderte warten.
   Das Brummen des verflixten Telefons beendete erneut meine Gedankengänge.
   »Hi, Victoria. Ich dachte, ich sollte mich entschuldigen.« Der rauchige Unterton in Kylans Stimme ermunterte den vermaledeiten Blitz nochmals, auf Wanderschaft zu gehen. Ich rieb mir ungehalten das Bein, als er auch noch versuchte, über das Knie in wesentlich empfindlichere Gefilde vorzudringen.
   »Angenommen – und jetzt lass mich weiterpacken.«
   »Hey, Raphaela hat mir erzählt, ich wäre dir ein paar Kleidungsstücke schuldig?«
   »Kein Problem, ich setze sie mit auf die Spesenabrechnung.« Hoffentlich konnte ich ihn bald abwimmeln. Allein seine Stimme machte mich schon verrückt. Ständig hatte ich sein Bild vor Augen.
   »Darf ich dich wenigstens als kleine Vorabentschädigung zum Essen einladen?«
   »Essen? Du oder ich?«
   Er lachte. »Was hättest du denn gern?«
   »Ich habe nicht gesagt, dass ich mich von dir zum Essen begleiten lassen würde«, versuchte ich, ihn davon zu überzeugen, dass er nicht bei mir landen konnte.
   »Du hast aber auch nicht gesagt, dass du es nicht tun würdest.« Seine Stimme wurde noch tiefer und verführerischer.
   Verflixt und zugenäht, ich war wirklich in Schwierigkeiten. Okay, vielleicht ein klitzekleines Abendessen? Allein schmeckte es doch nur halb so gut. »Gut, aber ich warne dich. Solltest du noch einmal versuchen, mich zu beißen, trete ich dir ins Gemächt, dass du die nächsten tausend Jahre eine Oktave höher singst.« Ich versuchte, meiner Stimme einen drohenden Unterton zu verleihen. Leider erfolglos.
   Kylan lachte. »Das wäre mal was Neues, wo ich doch so gern singe. Wann und wo?«, fragte er schnell, bevor ich es mir noch einmal überlegen konnte.
   »Von mir aus sofort, aber nur hier im Hotelrestaurant.« Zumindest wollte ich nicht riskieren, mit ihm in ein Auto zu steigen und weiß Gott wohin zu fahren. Der enge Raum würde meine Widerstandskraft auf eine arge Probe stellen. Allerdings, wenn ich es mir genauer überlegte, war hier mein Hotelzimmer in der Nähe. Vielleicht wäre es doch besser …
   »Bin gleich da.« Und schwups hatte er aufgelegt.
   Kopfschüttelnd steckte ich das Telefon in meine Tasche und suchte mir geschwind ein neues Outfit zusammen. Ein äußerst verräterisches Kribbeln wanderte über meine Haut und ließ mich erschaudern. Was hatte ich mir da nur wieder eingebrockt?

Ich war kaum fertig angezogen, da klopfte es schon an der Tür. Das war aber schnell gegangen! Wahrscheinlich hatte Kylan bereits vor dem Hotel gewartet, in der Überzeugung, dass er mich ohnehin rumkriegen würde.
   Es klopfte erneut, aber wesentlich ungeduldiger.
   Wie konnte es ein Wesen, das alle Zeit der Welt hatte, nur so eilig haben? Hatte er Angst, der Alterungsprozess würde meine Appetitlichkeit dahinraffen, wenn er nur eine Minute länger warten musste? Er würde ohnehin nichts von mir abbekommen. Ich steckte betont langsam meine Haare wieder hoch und betrachtete mein Werk ausgiebig im Spiegel.
   Es hämmerte geradezu an der Tür. Der Kerl schien überhaupt keine Geduld zu haben. In den tausend Jahren seines Daseins hätte er doch lernen müssen, dass man auf schöne Frauen grundsätzlich warten musste.
   Ich sprühte mich noch schnell mit einer Ladung meines Lieblingsparfums ein, um von mir abzulenken und drückte kopfschüttelnd die Klinke nach unten.
   Energisch wurde sie aufgestoßen.
   Vor mir stand eine kleine, pseudo-unschuldig dreinblickende Sechzehnjährige, getarnt mit einem Sechzigerjahre-Außenwellebob und einem fleckigen rosafarbenen Hängerkleidchen. Für diese Kröte hätte ich sicher nicht freiwillig meine Stylingroutine unterbrochen, wenn ich vorher geahnte hätte, wer vor der Tür stand.
   »Bist du Victoria?«, fragte sie schnippisch.
   »Wer will das wissen?«
   »Ich.« Sie verzog ihren übertrieben blutrot geschminkten Mund zu einem überlegenen Grinsen.
   »Und wer bist du?«, fragte ich und untersuchte meine Fingernägel auf eventuelle Lackschäden durch den Einsatz an Kylans Armen.
   »Sagen wir mal – eine alte Freundin von Kylan.«
   Auweia! Alt war nicht gut und Freundin genauso wenig. Meine Sinne schalteten schlagartig auf »Hab Acht!«. Wieso hatte ich es nicht gleich bemerkt. »Okay, ich will nichts von ihm, falls du danach fragen wolltest.« Ein kalter Windhauch in meinem Nacken sagte mir, dass mit dieser Kröte nicht zu spaßen war.
   »Tja, stell dir vor, das interessiert mich nicht.« Sie grinste gehässig und stellte einen Fuß in die Schwelle, um zu verhindern, dass ich ihr die Tür vor der Nase zuschlug. »Du hast mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Rück die Karte raus.«
   »Welche Karte?«, fragte ich und drehte den Kopf zur Seite, um Luft zu holen. Der modrige Geruch, der sie begleitete, passte so richtig zu ihrer rosafleckigen Erscheinung.
   »Du weißt genau, was ich meine. Er muss dir die Karte gegeben haben, als du bei ihm im Büro warst.«
   »Ich weiß nichts von einer Karte. Warum fragst du ihn nicht selbst?« Langsam wurde ich sauer.
   »Das habe ich bereits. Er wollte sich nicht daran erinnern. Und in dem Bild war sie auch nicht.«
   Sie war es also! Sie war das barbarische Miststück, das den Monet zerstört hatte! Galle stieg in mir hoch. Doch bevor ich sie anschnauzen konnte, hatte ich ein spitzes, langes Messer an der Brust.
   »Du kommst mit«, zischte sie bösartig, »vielleicht fällt dir ja noch ein, wo die Karte ist.«
   Die Spitze bohrte sich ein bisschen tiefer. Noch einen halben Millimeter und es würde Blut fließen. Ich blickte den Gang hinunter. Weit und breit war niemand zu sehen. Sie drückte erneut mit der Messerspitze gegen mein Brustbein. Ich hob die Hände. In der Hoffnung, Kylan würde noch rechtzeitig auftauchen, ging ich langsam rückwärts den Flur entlang zum Aufzug. Natürlich konnte man sich auf den Wikinger nicht verlassen. Wir schafften es, bis in die Tiefgarage zu fahren, ohne auch nur einem einzigen halbwegs lebendigen Wesen zu begegnen.
   Ich war angeschmiert.
   Sie drückte mich auf den Rücksitz eines alten Autos, das keine Türöffner an der Innenseite hatte, und hinter den Vordersitzen verglast war wie in einem schlechten Sechzigerjahrefilm, passend zu ihrem Styling. Mit einem Satz sprang sie auf den Fahrersitz und gab noch Gas, während sie die Vordertür zuschlug. Ihr Fahrstil hatte etwas von James Bond auf der Flucht vor Kakerlaken. Sie raste kreuz und quer durch die viel befahrenen Straßen, sodass ich Mühe hatte, mich im Sitz zu halten, und quittierte die Hupkonzerte lediglich mit einer unfeinen Geste. Ohne die Geschwindigkeit zu drosseln, bog sie mit quietschenden Reifen quer driftend in eine enge dunkle Gasse ein, die ihr keine Möglichkeit zum Ausweichen gegeben hätte, wenn ein Hindernis aufgetaucht wäre. Plötzlich trat sie so abrupt in die Bremsen, dass ich mit der Schulter gegen die Glaswand knallte. Zum Glück hatte ich meinen Kopf noch abwenden können. Ich hasste Beulen, man konnte sie so schlecht überschminken.
   In der finstersten Ecke eines Hinterhofes kamen wir vor einer Hauswand zum Stehen. Sie sprang aus dem Auto und riss die Tür zum Fond auf. Der Gestank der Bremsen, der sich sofort ins Wageninnere drängte, war fast noch ekelhafter als ihr eigener. Ich krallte mich auf der anderen Seite der Rückbank fest, aber das erneut gezückte Messer an meinem Hals überzeugte mich doch, auszusteigen. Halbherzig gab ich mich dem Versuch hin, es ihr aus der Hand zu schlagen.
   Meine Finger bluteten.
   Sie schnupperte sofort. »Hm, du riechst aber süß! Was ist das?« Sie lächelte.
   Ich drehte meinen Kopf zur Seite.
   »So etwas ist mir schon lange nicht mehr unter die Nase gekommen. Was versteckst du denn unter deinem ekelhaft künstlichen Parfum?«, fragte sie mit einem dämonischen Grinsen auf dem Gesicht. »Armer Kylan! Ist er dir verfallen? Nein? Wir werden bestimmt noch viel Spaß miteinander haben.« Sie verengte ihre Augen zu Schlitzen und schien mich am liebsten sofort mit ihren Blicken töten zu wollen.
   Als ich nur gleichgültig mit den Schultern zuckte, schubste sie mich in einen Kellereingang und zerrte mich durch ein schmales Loch in der Wand. Ich ahnte, wohin sie wollte. Es gab alte Keller unter Marseille und weitverzweigte Gänge, in denen man tagelang herumirren konnte. Der modrige Gestank, von dem sie sicher ihr unangenehmes Eau de Toilette hatte, verschlug mir den Atem.
   Sie zwang mich, weiterzugehen. Es war stockfinster. Meine Augen stellten sich von Haus aus nur langsam auf Nachtsicht um. Ohne jeglichen Lichtschimmer hatte ich keine Chance, irgendetwas zu erkennen. Ich stolperte auf dem unebenen Boden und versuchte, mich zu orientieren. In dem Kellergestank konnte ich noch schwach den Geruch von Salzwasser wahrnehmen. Die Gänge mussten mit dem Meer verbunden sein. Das beruhigte mich. Diesen Ausgang würde ich sicher finden, falls sie versuchen sollte, mich hier auszusetzen.
   Sie zerrte mich durch ein großes Loch in der Wand in einen kalten, feuchten Raum, der nur von einer einzigen halb abgebrannten Kerze erhellt wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite des Mauerdurchbruchs hing eine alte, angefaulte Holztür noch gerade so in ihren Angeln. Rund um die Wände waren Ringe eingemauert, an denen schon lange keine Vorräte mehr gehangen hatten. Rost fraß sich in das alte Eisen und lief in dunklen Spuren auf den kahlen Steinboden hinab. Meine Entführerin umfasste blitzschnell meine Handgelenke und hatte mich, noch ehe ich blinzeln konnte, mit Handschellen daran gekettet. Ich riss meine Hände hin und her und ärgerte mich, dass ich nicht vehementer versucht hatte, mich zu befreien. Nun war es zu spät.
   Der Vamp schob mir einen wackligen Holzstuhl unter den Hintern und drückte mich nach unten, um darauf Platz zu nehmen.
   »Ich will ja kein Unvampir sein«, bemerkte sie und grinste. »Wer weiß, wie lange wir warten müssen, bis dieser unzuverlässige Wikinger hier auftaucht.« Sie beugte sich zu mir herab. »Zumindest hoffe ich für dich, dass er hier auftaucht. Ihr zarten Wesen seid ja alle so zerbrechlich«, flüsterte sie an meinem Ohr.
   Ich kochte. Dieses Miststück würde sich nie zu meinem engeren Freundeskreis zählen können, soviel war schon mal sicher.
   Mit stolzgeschwellter Brust begann sie, in dem Raum auf und ab zu gehen. Immer die gleiche Schrittzahl hin und her. Immer im gleichen Takt. Wie eine Standuhr. Tip, tap, tip, tap. Offensichtlich wollte sie mich nervös machen. Sie konnte mich mal. Nervös machte mich fast nichts. Nichts, außer großen, gut gebauten blonden Männern mit unglaublich strahlenden Augen, in denen ich das Meer zu sehen glaubte. Und um die machte ich normalerweise einen großen Bogen.
   Kylans Freundin sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich hielt ihrem Blick stand. Schließlich zuckte sie gelangweilt mit den Schultern und verschwand endlich hinter der knarrenden Holztür.
   Ich starrte wütend auf meine Schuhspitzen. Die Pumps wären spitz genug, um ihr beim nächsten Auftritt in den Hintern zu treten. Nur wäre das vermutlich nicht allzu weise, denn sie schien etwas unberechenbar und streitsüchtig zu sein. Da könnte es durchaus passieren, dass ich den Kürzeren zog. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiterhin auf die Schuhe zu starren und mich an allen möglichen Fantasien zu ergötzen, wie ich mich für den ruinierten Abend rächen würde, wenn ich es könnte.
   Eine hastige Bewegung in der Öffnung, durch die wir in den Raum geschlüpft waren, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Just in dem Moment flog die Holztür gegenüber aus den Angeln und Vampinchen stand breitbeinig mit einem Langschwert bewaffnet im Raum.
   Ich schielte auf ihren Gegner. Kylan, welch ein Glück!
   Er hielt eine große Eisenstange abwehrbereit in der rechten Hand. Blitzschnell sprang sie auf ihn zu und hieb wie eine Besessene auf ihn ein. Er aber wich geschickt aus und hielt sich mit der Stange das Schwert vom Leib.
   »Yeva, hör mir zu. Was immer du suchst, Victoria hat es nicht«, versuchte er, sie zwischen zwei Angriffen zu beschwichtigen.
   »Ahh«, kreischte sie und hieb weiter rasend auf die Stange ein, dass die Funken nur so flogen. »Du weißt, was ich suche und es ist mir egal, wer es hat. Ich will es haben!«
   Es fehlte noch, dass sie bei den Worten trotzig mit dem Fuß aufstampfte. So ein verzogenes Gör!
   Kylan kämpfte halbherzig gegen ihre Schläge an und redete mit Engelszungen auf sie ein, mich wieder laufen zu lassen.
   Sie lachte nur boshaft.
   Der Kampf schien nicht enden zu wollen. Langsam begann meine Sitzfläche, einzuschlafen. Warum zur Hölle versohlte Kylan dem kleinen Luder nicht endlich den Hintern?
   Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen, nahm blitzschnell das Schwert zur Seite und hielt es an meinen Hals.
   »Weißt du, Kylan, wenn sie ohnehin nichts weiß«, stellte sie in einem unheilvoll ruhigen Ton fest, »ist sie eigentlich wertlos.«
   Ich musste schlucken. Offensichtlich gab es doch noch etwas Anderes, das mich nervös machte.
   Kylan ließ ganz langsam die Eisenstange sinken und hob beschwichtigend seine Hände. »Yeva, lass sie in Ruhe. Sie hat dir nichts getan.«
   »Nein, aber dir scheint deutlich mehr an ihr zu liegen als an mir.« Das Schwert ritzte ein kleines bisschen an meinem Hals. Ich hoffte inständig, dass kein Blut zu fließen begann.
   »Aber mhm«, sie beugte sich demonstrativ in Richtung meines Halses und tat, als würde sie einen besonderen Duft genießen, ohne jedoch Kylan auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. »Ich kann dich verstehen, dass du da schwach wirst, mein großer Wikinger. Soll ich noch ein bisschen tiefer stechen, damit du es so richtig genießen kannst?« Ihr giftiges Kichern ließ meine Nackenhaare schlagartig aufrecht stehen.
   Sie war eindeutig wahnsinnig. Ein wahnsinniger, eifersüchtiger, weiblicher Vampir! Der Supergau!
   »Hör auf! Sag, was du von mir willst, aber bei Odin, lass Victoria aus dem Spiel.«
   Kylan klang beinah verzweifelt, wenngleich ich ihm eine derartige Gefühlsregung überhaupt nicht zutraute.
   Yeva richtet sich auf und starrte ihn mit einem hasserfüllten Blick an. »Bist du verliebt, Kylan?«, fragte sie mit einem Unterton in der Stimme, mit dem man Glas hätte schneiden können. »Bist wohl verliebt in dieses Goldlöckchen, das seine unanständig üppigen Kurven in diesen engen Kleidern nicht im Zaum halten kann?« Mit einer schnellen, präzisen Bewegung ihres Schwertes trennte sie die oberen Knöpfe meiner Bluse ab. Die zarte Spitze meines BHs konnte den Inhalt gerade noch daran hindern, herauszufallen.
   Kylan schüttelte den Kopf und vermied es, mich anzusehen.
   »Warum macht es dich dann nervös, eine Klinge an ihrem Hals zu sehen? Komm, ich teile sie auch mit dir.« Sie ritzte blitzschnell noch einmal an meinem Hals. Ihre unglaubliche Geschwindigkeit machte es mir unmöglich, rechtzeitig zu reagieren und auszuweichen. Ich konnte gerade noch einen Aufschrei unterdrücken, bevor ich spürte, wie sich ein kleines, warmes Rinnsal einen Weg in meinen Ausschnitt bahnte. Dieses verdammte untote Miststück! Das würde ich ihr heimzahlen – doppelt und dreifach! Wenn ich eines nicht gebrauchen konnte, dann war es eine blutende Schnittwunde in der Nähe von aufgebrachten Vampiren.
   Ich beobachtete, wie Kylan darauf reagierte. Seine Zähne waren bereits durch den Kampf ausgefahren. Ich war mir sicher, dass nicht mehr viel fehlte, bis er einen Satz in meine Richtung machen und der Einladung dieses Miststücks folgen würde. So gut es ging, bemühte ich mich cool zu bleiben und mir nichts anmerken zu lassen. Der Schnitt brannte wie die Hölle, und das blutige Rinnsal kitzelte sich langsam in Richtung meines Bauchnabels. Es war eine überaus unangenehme Kombination von Empfindungen.
   Kylan blieb stehen, wo er war, und starrte Yeva an. Er machte sehr wohl den Eindruck, als müsste er gewaltsam den Drang unterdrücken, seinen Blick zu mir schweifen zu lassen. Ich hoffte auf seine Selbstbeherrschung. Schließlich zählte er ja schon beinah zu den alten Vampiren.
   Erneut machte Yeva eine einladende Geste in Richtung meines Halses. Kylan ignorierte sie.
   Sie schnaubte wie ein Feuerdrache. Ich wartete nur noch darauf, dass kleine Rauchwölkchen aus ihrer Nase kamen. Man konnte die Spannung zwischen den beiden buchstäblich knistern hören. Der Hass, mit dem sie sich begegneten, hätte für einen Völkermord gereicht.
   Ohne Vorwarnung schnellte Yevas Schwert nach vorn und traf Kylan mitten ins Herz.
   Ich brachte vor Entsetzen keinen Ton hervor.
   Kylan taumelte zurück und versuchte, sich mit aller Kraft an der Wand aufrecht zu halten. Sein fassungsloser Blick wanderte von Yeva zu mir und wieder zurück.
   Zum Teufel noch mal! Warum war ich hier nur zum Nichtstun verdammt? Ich trat mit dem Fuß in Yevas Richtung und riss an den Handschellen hin und her.
   Kylan versuchte, sich das Schwert aus der Brust zu ziehen, aber seine Handflächen rutschten an der beidseitig geschliffenen Klinge ab, bis sie völlig zerschnitten waren und fast noch mehr bluteten als der Einstich. Das Miststück hatte ins Schwarze getroffen.
   Yeva grinste, als sie sah, wie ihn die Kräfte verließen. Langsam rutschte er immer weiter in Richtung Boden, während die Schwertspitze, die aus seinem Rücken herausragte, mit einem garstig kratzenden Geräusch am Felsen entlangschrammte. Blut spritzte im Rhythmus seines Herzschlags aus der Wunde und zeichnete unheilvolle Muster an die Wand.
   Die wahnsinnige Vampirin lachte hämisch. »Du wolltest es nicht anders. Es wird nur einer von euch diesen Raum verlassen. Glaubst du wirklich, ich würde zulassen, dass du eine andere begehrst? Ich bin alles, was du zu wollen hast. Ich bin deine Schöpferin!«
   Ihr irres Gelächter hallte in meinen Ohren wider. Panisch versuchte ich, mich von den Handschellen zu befreien. Ich zog und riss daran, bis meine Handgelenke schmerzten, aber ich gab dennoch nicht auf.
   Sie lachte weiter.
   Ich sah, wie Kylan immer schwächer wurde. Mein Herz pochte zum Zerspringen.
   Yeva warf mir einen mitleidigen Blick zu. »Ach mein armes Täubchen. Hattest wohl gehofft, dir einen großen, starken Vampir angeln zu können? Da musst du dir wohl einen anderen suchen. Es sei denn, du willst dich opfern und rettest ihn – für mich.«
   Mit einem Ruck riss sie meine Handschellen entzwei und war aus dem Raum verschwunden, ehe ich meine Arme nach vorn strecken konnte.
   Was zur Hölle hatte dieses ekelhafte Biest mit opfern gemeint? Ohne genauer darüber nachzudenken, stürzte ich zu Kylan hinüber. Sein Gesicht nahm zusehends eine ungesunde Farbe an, und ich hatte fast den Eindruck, als würde die eine oder andere Stelle bereits staubig werden. Entschlossen setzte ich die Spitze meines Pumps zwischen seine Beine. Er blinzelte. »Keine Sorge, Kylan, das ist nur zur Sicherheit, damit du nicht gleich wieder auf dumme Gedanken kommst.«
   »Das … wird nichts helfen«, krächzte er schwach. »Lauf weg!«
   Ich griff nach dem Schwertgriff. »Das werde ich nicht tun«, presste ich zwischen den Zähnen hervor. »Meine Klamotten sind sowieso schon wieder ruiniert. Stell dich schon mal auf eine gesalzene Rechnung ein. Die waren von Armani.«
   Mit einem Ruck zog ich das Schwert aus Kylans Brust.
   Ich konnte gerade noch erkennen, wie sein Blick diesen wirren Ausdruck annahm und er in die Höhe schnellte.
   Der Steinboden kam näher, und ich schlug hart mit dem Kopf auf.

Kapitel 3

Mein Kopf brummte wie ein Schwarm Bienen. Schwere Schritte hallten in meinen Ohren. Hin und her, hin und her.
   Wer lief denn jetzt schon wieder Amok? Und wo zur Hölle war ich eigentlich? Ich blinzelte. Ein großer Schatten bewegte sich im Kerzenlicht an der Wand im Takt zu den Schritten. Plötzlich blieb er stehen, drehte sich um und kam näher.
   »Victoria? Bist du wach?« Kylan bemühte sich offenbar um ein Flüstern.
   »Ja … wo bin ich?« Mühsam drehte ich meinen Kopf in seine Richtung und stellte fest, dass er wieder normal aussah und auch seine blutigen Klamotten gewechselt hatte.
   »In einem Motel. Was hast du dir dabei gedacht, mir das Schwert herauszuziehen?«, fuhr er mich sofort an.
   Ich verzog schmerzhaft das Gesicht. Flüstern hätte durchaus gereicht. Ich sah mich um. »Für ein Motel hat es aber reichlich wenig Fenster.«
   »Unterirdisch. Für unseresgleichen.«
   Das leuchtete ein, aber musste es deshalb gleich so schmucklos und undekoriert sein? Man hätte zumindest ein nettes Bild an die Wand hängen können.
   »Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht mir zu helfen? Du hast gewusst, was passieren würde«, fuhr er mich erneut an.
   »So beeindruckend war’s wohl nicht«, schmollte ich in Richtung Zimmerdecke und versuchte herauszufinden, was ich eigentlich noch am Leib trug. Es war tatsächlich nicht allzu viel. Lediglich ein T-Shirt, das in etwa seine Größe hatte und auch noch absolut verführerisch roch und meinen Slip. Der war offensichtlich noch ganz.
   »Was?« Er kam näher und versuchte in mein Blickfeld zu gelangen.
   »Na, so toll kann deine Performance nicht gewesen sein, ich hab nichts davon mitbekommen.« Ich versuchte, ihn herausfordernd anzusehen, aber das Brummen in meinem Kopf ließ mich viel zu oft blinzeln.
   »Du denkst …? Wofür hältst du mich? Du warst bewusstlos, ich bin doch kein Tier!«
   Oops, da hatte ich wohl jemanden auf dem falschen Fuß erwischt. Er wandte sich beleidigt ab. Schade, dieser wütende Gesichtsausdruck hatte ihm gut gestanden. Er sah so unwiderstehlich aus, wenn seine Augen funkelten und er seine Augenbrauen zusammenzog.
   »Was regst du dich eigentlich so auf?«, fragte ich patzig nach – vielleicht auch ein kleines bisschen in der Hoffnung, er würde mich noch einmal anfunkeln wollen.
   »Du hättest sterben können! Wenn ich noch ein paar Jahrhunderte jünger gewesen wäre, hätte ich mich sicher nicht beherrschen und dich in Sicherheit bringen können, bevor ich mir Blut besorgt hätte. Da wärst du jetzt tot!«
   Seinem aufgebrachten Gesichtsausdruck zufolge schien er sich tatsächlich Sorgen gemacht zu haben.
   Ich runzelte vorsichtig die Stirn, doch das Brummen im Kopf verstärkte sich trotzdem um ein Vielfaches. »Weißt du, Kylan, wenn man alles unterlässt, wobei man sterben könnte, dann sitzt man zu Hause, bis einem schließlich die Decke auf den Kopf fällt, und dann ist man auch tot.« Apropos Kopf … dieses elendige Brummen. Ich konnte kaum klar denken, geschweige denn eine einigermaßen erbauliche Konversation führen. »Außerdem«, sagte ich, um auf das Thema zurückzukommen, »hast du zuerst mit dem Sterben angefangen.«
   Er schnaubte verächtlich. »Ich hätte mir selbst geholfen.«
   »Ja, ja, wer’s glaubt.« Ich lächelte milde. »Warum hast du diese nervige Göre eigentlich nicht in ihre Schranken gewiesen?«
   Er starrte mich ungläubig an. »Sie ist viel älter als ich und … ich kann ihr nicht schaden – sie ist schließlich meine Schöpferin.« Er schien beinah erbost darüber zu sein, dass ich solch eine Frage gestellt hatte.
   Ich fasste mir stöhnend an meinen schmerzenden Kopf. »Das heißt also, sie kann dich nach Belieben mit diversen spitzen Gegenständen durchbohren, aber du darfst dich nicht wehren?«
   »Ich kann mich nicht wehren. Mein Blut weigert sich, ihr etwas anzutun.« Er wurde wieder lauter, als es nötig gewesen wäre. Ich war ja nicht auf die Ohren gefallen.
   »O Mann, Kylan! Das kann nicht dein Ernst sein. Dein Blut weigert sich? Was ist denn das für ein Schwachsinn? Ich glaube eher, dass du ihr nichts tun kannst, weil sie dich immerzu mit ihren großen, unschuldigen Augen anblinzelt.«
   Ich richtete mich mühsam auf dem Bett auf und beobachtete ihn genau. Er hatte wieder diesen funkelnden, bösen Blick in seinen herrlichen blauen Augen.
   »Hast du dir eigentlich schon jemals die Mühe gemacht, nähere Informationen über unsere Spezies einzuholen?«
   »Wozu? Der einzige Vertreter eurer Spezies, mit dem ich je zu tun haben wollte, ist Arran. Und der ist anders als der Rest von euch Blutsaugern.«
   Er schnaubte verächtlich.
   »Und von dem habe ich auch noch nie so einen Schwachsinn gehört«, fügte ich hinzu und legte mich wieder zurück auf mein Bett, um mit dem Kissen meinen Kopf zu kühlen. »Du hast hier nicht zufällig irgendwo Eis? Das würde meine Lage erheblich verbessern.« Ich drückte mir meinen Handrücken auf die Stirn und das Kissen gegen meinen verbeulten Hinterkopf. Es half nicht viel.
   Entgeistert sah er auf mich herunter. »Hast du Schmerzen?«
   O Mann, was für ein Licht! Ich war mit dem Kopf auf den Boden geknallt, hatte eine riesige Beule, und der Held fragte mich, ob ich Schmerzen hätte. Er war eindeutig schon zu lange Vampir. Ich nickte nur und schloss demonstrativ die Augen.
   Kylan eilte zur Tür hinaus, rief etwas Unverständliches den Gang hinunter und hämmerte ungeduldig an die gegenüberliegende Wand. Kurz darauf war er mit einem Beutel Eiswürfel wieder da. Ich legte ihn erleichtert auf die schmerzende Stelle am Hinterkopf.
   »Da es dich ja so brennend interessiert, warum ich dir das Schwert aus der Brust gezogen habe, Kylan«, erklärte ich beiläufig, »ich wollte nicht Arran anrufen und ihm mitteilen müssen, dass einer seiner besten Freunde meinetwegen das Zeitliche segnen musste.«
   Er beäugte mich misstrauisch von der Seite, sagte aber nichts darauf. Stumm ließ er sich in einen zerschlissenen, staubigen Sessel in der Ecke fallen und schien vor sich hin zu grübeln.
   Worüber er wohl gerade nachdachte? Ich nutzte die Gelegenheit, um ihn aus den Augenwinkeln zu betrachten. Er sah auf den ersten Blick wirklich so jung aus, wie er zu Lebzeiten gewesen sein mochte. Aber wenn er nachdachte, hatte er einen Ausdruck in den Augen, der ihn deutlich älter erscheinen ließ. Er wirkte irgendwie abgeklärt, desillusioniert, vielleicht sogar müde. Die lange Zeit seines Daseins hatte trotz seines unveränderlichen Äußeren seine Spuren hinterlassen.
   Über seiner linken Augenbraue nahm ich eine lange, fast verblasste Narbe wahr, die sich seitlich bis über die Wange zog. Das musste wohl die Ursache dafür sein, dass er sein linkes Auge nie soweit öffnete, wie das rechte, was seinem Blick einen verwegenen Ausdruck verlieh. Ich vertiefte mich in seinem Anblick und versuchte zu ergründen, was in ihm vorging. Hin und wieder zuckte das linke Auge leicht. War das ein Zeichen einer Gefühlsregung? Oder einfach nur die Fehlfunktion eines verletzten Nervs? Die Narbe musste noch zu seinen Lebzeiten entstanden sein, sonst wäre nach kürzester Zeit nichts mehr zu sehen gewesen. Konnte er sich noch an den Kampf erinnern, bei dem er sie sich zugezogen hatte?
   Er hatte den Kopf auf seine Hand gestützt und seinen Blick starr in Richtung Raummitte gerichtet. Sein Auge zuckte erneut.
   Ob er bemerkte, dass ich ihn beobachtete?
   Plötzlich warf er mir einen Blick zu, der mir deutlich machte, dass er es sehr wohl bemerkt hatte. Er erkundigte sich barsch, ob ich etwas zu trinken oder essen haben wollte und verschwand ohne weitere Erklärungen.

*

Kylan rannte in Richtung Hafenbecken. Jeder, der zufällig seinen Weg kreuzte, wurde rücksichtslos zur Seite gerempelt, wenn er sich nicht schnell genug durch einen beherzten Sprung retten konnte. Niemand wagte es, auch nur einen einzigen Laut des Unmuts von sich zu geben. Die Gefahr, die von dem Vampir ausging, war sogar für diejenigen spürbar, die nicht ahnten, welcher Art von Wesen er angehörte.
   Er war außer sich. Victoria hatte in ihm ein Chaos ausgelöst, wie er es bisher noch nicht erlebt hatte. Am liebsten wäre er ins Wasser gesprungen und bis nach Korsika geschwommen. Er hätte zu gern mit Napoleon getauscht und wäre sicher nie wieder nach Frankreich zurückgekehrt, wenn er dadurch der Begegnung mit dieser Frau entgangen wäre.
   Er fand sich am Rand des Hafenbeckens wieder. Plötzlich erschienen ihm die Schiffe nicht mehr so langweilig. Er könnte anheuern und sich für die nächsten Jahre auf See begeben. Das würde seine Gedanken sicher ordnen. Diese Frau war nicht für ihn geschaffen. Sie besaß eine Anziehungskraft, die er nur schwer ignorieren konnte. Sie verachtete ihn für das, was er war. Blutsauger – die Abscheu in ihrer Stimme hallte immer noch in seinen Ohren wider. Dabei hatte sie noch nicht einmal Angst vor ihm. Er wusste nicht, womit er weniger umgehen konnte. Dass er verachtet wurde, war er gewohnt. Aber dass er nicht gefürchtet wurde … Wer war sie, dass sie seine Kraft und seine Macht ignorierte? Er könnte sie mit Leichtigkeit töten. War ihr das nicht bewusst? Genauso könnte er sie, wie alle anderen schönen Frauen, die in den Jahrhunderten seinen Weg gekreuzt hatten, zu seiner willenlosen Gespielin machen, bis er ihrer überdrüssig war.
   Er ballte die Fäuste. Warum zum Teufel hatte sie ihm schon zum zweiten Mal das Leben gerettet? Er hätte endlich seine Ruhe haben können. Er war dieses Daseins so überdrüssig! Und durch die Hand seines Schöpfers eliminiert zu werden, war nicht einmal ein schändlicher Abgang für seine Art.
   Er rannte unruhig am Kai entlang und trat ein paar Mal gegen einen Steinpfosten, bis dieser sich in unzählige kleine Brocken zerlegt hatte. Von Weitem hörte er eine Turmuhr elfmal schlagen. Was sollte er tun?
   Wie viele Male hatte er in den tausend Jahren schon verflucht, dass er seiner Existenz nicht selbst den Garaus machen konnte. Dieses ewig gleiche Dasein, Tag ein, Tag aus. Nichts an ihm veränderte sich. Nur die Welt um ihn herum änderte ihr zerkratztes Gesicht und brachte doch nur neue Spielarten des alten Wahnsinns hervor. Er war bis in alle Ewigkeit dazu verdammt, sich anzupassen, um nicht aufzufallen, nur um zu überleben. Dabei wollte er noch nicht einmal überleben.
   Er stutzte und hielt schlagartig inne. Vielleicht hatte er noch einmal die Chance, dieser Existenz zu entkommen. Schließlich schien Yeva ihn neuerdings gezielt zu verfolgen. Nur warum eigentlich? Was zum Teufel wollte sie von ihm?

*

Ich döste vor mich hin und versuchte, meinen lädierten Kopf zu schonen. Die Eiswürfel taten ihren Dienst, und die Kopfschmerzen ließen langsam nach. Dafür kamen aber die Gedanken an Kylan zurück. Am liebsten hätte ich Fangzähne ausgefahren, um sie in seinem durchtrainierten Körper zu versenken. Zum Glück hatte ich keine. Das konnte noch heiter werden. Am besten war, wenn ich schnell die Kurve kratzte, bevor ich mich ernsthafter für ihn interessierte. Was sollte ich mit einem tausend Jahre alten Wikinger anfangen? Gut, ein paar Sachen wüsste ich schon. Aber der Kerl war ein Vampir! Und eine Beziehung mit einem Vampir kam nicht infrage, niemals!
   Polternd kam dieser wie frisch beschworen zurück. Er hielt einen Fetzen Leinwand in der einen Hand und einige volle Tüten in der anderen, die er, in Gedanken versunken, geradewegs auf das Bett fallen ließ.
   »Hey, hast du da Ziegelsteine drin? Nimm das Zeug weg, das ist schwer!«
   »Oh, entschuldige«, murmelte er und machte sich daran, die Tüten schleunigst auf den Tisch zu stellen.
   »Da sind ein paar Flaschen Wasser und das japanische Essen drin, das du haben wolltest. Und was zum Anziehen. Nur die seltsamen Zigaretten habe ich nicht bekommen, aber dafür die Kaugummis hier. Rauchen schadet sowieso nur.«
   Wie bitte? Keine Zigarillos? Was soll ich mit den blöden Kaugummis? Ich musste mir keine Sucht abgewöhnen, sondern meinen Händen etwas zu tun geben. Ich war hier mit dem attraktivsten Kerl gefangen, dem ich seit Langem begegnet war, und hatte nichts, um mich festzuhalten. Womöglich fing ich noch an, an meinen Fingernägeln zu kauen. Das ging gar nicht. Und außerdem ließ mein Parfum nach. Ich sollte besser aufpassen, ihm nicht unter die Nase zu kommen. Nicht, dass er anfing, an meinem Hals zu schnuppern.
   Mühsam kroch ich aus dem Bett und besah mir seine Ausbeute. Zumindest hatte er Geschmack bewiesen und nicht einfach blind in meinen Kleiderschrank gegriffen. Und er schien lediglich die Unterwäsche aus der Schublade genommen zu haben, die oben auf lag. Ich hätte eher von ihm erwartet, dass er sich erst einmal durch sämtliche Dessous wühlen würde. Vielleicht übte ich doch nicht die Anziehungskraft auf ihn aus, die Yeva ihm unterstellt hatte. Schnell zog ich mir meine Sachen über und packte das Essen aus, während Kylan immer noch nachdenklich auf den Überrest des Bildes starrte, das er in der Hand hielt.
   Das Bild! Na klar! Wenn ich etwas klarer im Kopf gewesen wäre, hätte ich ihn danach geschickt. »Hast du alle Teile bei dir?«
   Er nickte und hielt mir stumm eine Tüte entgegen.
   Ich schob das Essen zur Seite und nahm ein Stück Leinwand heraus. »Irgendwie muss doch die Sache damit zusammenhängen!« Ich legte ein Teil an das andere und versuchte, das Bild wieder einigermaßen zu vervollständigen.
   Das Motiv zeigte nichts Ungewöhnliches, es war einfach eine schöne ruhige Landschaft im Stil des Impressionismus, wie es Monet eigen war. Zumindest wäre es so gewesen, wenn kein Blut daran kleben würde. So wie es jetzt aussah, könnte man es höchstens noch als Cover für einen Kriminalroman verwenden. Ich versuchte, das ursprüngliche Motiv so genau wie möglich zu analysieren. Doch ganz gleich wie man die Leinwand drehte und wendete, es erschienen weder auf der Vorder- noch auf der Rückseite ungewöhnliche Formen oder Botschaften.
   Ratlos nahm ich den Karton mit dem Sushi zur Hand und überlegte, während ich vor mich hin aß, was es damit auf sich haben könnte. »Also denken wir einmal scharf nach«, wandte ich mich an Kylan, der mich regungslos beobachtete. »Sven wurde ermordet und hat dir den Monet vermacht. Weißt du zufällig, ob hinter dem Mord auch deine Yeva stecken könnte?«
   Er zuckte mit den Schultern.
   »Wäre es denn möglich?«
   »Ja möglich, sie war auch seine Schöpferin. Er hätte sich zumindest nicht wehren können«, erklärte er brummig.
   »Wie viele Vampire hat sie denn noch gemacht?« Diese kleine Schlampe!
   Er zuckte wieder mit den Schultern. »Viele, nehme ich an. Sie hat immer schon Gefallen daran gefunden, ihre Macht auszuspielen.«
   »Gut, aber sie war nicht auf den Monet aus. Sonst hätte sie ihn dir abgenommen und nicht zerstört.«
   Er nickte.
   »Dann stellen sich zwei Fragen. Warum hat Sven das Bild ausgerechnet dir vererbt, und wonach sucht Yeva?«
   Kylan sah mich ratlos an. Der Blick war fast noch süßer, als der verärgerte. O Wikinger, ich sehe mich fallen – so ein Mist! »Denken wir einmal andersherum. Was könnte Sven besessen haben, das Yeva haben will?«, grübelte ich laut, um mich abzulenken. »Und vor allem, was könnte man in einem Bild verstecken?« Ich nahm einen der Fetzen zur Hand, von dem etwas von der Ölfarbe abgesprungen war, und hielt ihn näher an den Kerzenleuchter. An der freigelegten Stelle war eine schwache Linie zu sehen. Ich legte das Teil wieder an die anderen, aber die Linie ergab keinen Sinn, wenn man davon ausging, dass sie als grobe Vorzeichnung des Motivs gedient haben könnte. Ich versuchte, mit dem Fingernagel mehr von der Farbe abzukratzen.
   Kylan kam neugierig näher. »Hast du was gefunden?«
   »Möglich. Hast du ein Skalpell?«
   Er zog die Augenbrauen hoch. »Sehe ich aus wie ein Arzt?«
   »O Mann, Kylan! Ein Messer tut’s auch. Könntest du vielleicht so nett sein und mir irgendetwas in der Richtung organisieren, damit ich feststellen kann, ob ich etwas gefunden habe?«, säuselte ich süßlich und klimperte dabei mit den Wimpern.
   Er machte auf dem Absatz kehrt und griff in seine Jacke, die an einem Haken an der Tür hing.
   Kein Mann vieler Worte! Dann konnte man davon ausgehen, dass er auch im Bett nicht allzu viel quatschte. Perfekt. Ich konnte quasselnde Männer ohnehin nicht leiden.
   Kylan ließ einen glänzenden Dolch vor meiner Nase aufblitzen.
   Fasziniert ließ ich meinen Blick über die beidseitig scharf geschliffene Klinge und den ungewöhnlich gestalteten Handschutz und Knauf wandern. Beide Teile waren mit uralten Drachensymbolen verziert, in die glänzende Smaragde als Augen der Bestien eingearbeitet waren. Es war kein typischer Wikingerdolch, wie man ihn aus den historischen Funden kannte. Aber der Dolch war eindeutig so alt wie Kylan selbst. Er passte perfekt zu ihm.
   »Ich brauche ihn aber wieder am Stück«, kommentierte er meinen ehrfürchtigen Blick auf die wertvolle Waffe.
   So ein Blödmann!
   Kopfschüttelnd wandte ich mich der Leinwand zu. Vorsichtig begann ich, Farbe an der Stelle abzuheben, an der ich die Linie entdeckt hatte. Sie zog sich weiter unter einer Fläche durch, die eigentlich nicht unterbrochen sein sollte. Was für mich hieß, dass sich unter dem sichtbaren Motiv ein anderes befand. Es konnte sich um eine Skizze zu einem weiteren Bild handeln, möglicherweise auch um eine Botschaft oder aber es war nur irgendein Gekritzel, das übermalt worden war. Hoch konzentriert arbeitete ich mich Stück für Stück voran. Teil um Teil. Es dauerte. Es war mühsam. Meine Neugier stieg, je mehr ich freilegte. Kylan stand wie in Stein gemeißelt neben mir und beobachtete mein Vorankommen. Langsam war die Linie als Umriss zu erkennen. Aber wovon? Es sah völlig ausgefranst aus.
   »Island! Das muss eine Karte von Island sein«, raunte Kylan.
   In dem Umriss waren Markierungen zu erkennen und ein Kreuz, das von alten Runen umgeben war. Ich versuchte, die Stellen so sauber wie möglich freizulegen, aber etwas von der Ölfarbe blieb trotzdem hängen. Was war das? Eine Schatzkarte? »Kannst du lesen, was da steht?«
   Er grübelte eine Weile. »Hm, keine Ahnung«, brummte er schließlich.
   »O Mann, Kylan! Das kann nicht dein Ernst sein?«
   Er sah mich gleichgültig an und zuckte mit den Schultern. »Mit dem Lesen hab ich mich damals nicht so sehr befasst.«
   Ich seufzte. Womit sich Kylan damals befasst hatte, konnte ich mir bildlich vorstellen.
   Ich widmete mich erst einmal wieder meinem Essen. Er ließ sich in den alten Sessel fallen, wobei ich mich wunderte, dass der nicht unter ihm zusammenbrach. Fast zwei Meter pure Muskelmasse musste doch ein ziemliches Gewicht erzeugen. Offensichtlich war das Teil stabiler als es aussah. Er machte ein ernstes Gesicht und stützte das Kinn auf seine Hand. Ich hätte viel dafür gegeben, seine Gedanken lesen zu können.

*

Kylan war jetzt erst recht sauer. So richtig sauer. Was hatte er da nur am Hals? Warum musste sich dieser Idiot von Sven plötzlich in seiner Nähe heimisch fühlen und sich auch noch umbringen lassen. Er hatte Sven bestimmt hundert Mal verboten, über Island, über die Familie, über die Wikinger, einfach über die Zeit damals zu sprechen. Kylan wollte nichts davon hören. Kein Sterbenswörtchen.
   Und was hatte er davon? Er hatte eine zerfetzte Karte von Island auf dem Tisch liegen, die zudem auch noch mit seinem Blut besudelt war, und er hatte keinen blassen Schimmer, was Sven ihm damit sagen wollte. Was aber noch viel mehr an seinem Ego kratzte, war, dass er sich vor der attraktivsten Frau, die ihm seit Langem über den Weg gelaufen war, auch noch gehörig blamierte, weil er zugeben musste, dass er die Schrift seines Zeitalters nicht lesen konnte.
   Wenn Sven nicht schon zu Staub zerfallen wäre, hätte er höchstpersönlich dafür gesorgt.

*

Kylan hatte wieder einen seiner faszinierenden Blicke aufgesetzt. Sein linkes Auge zuckte fast unmerklich in ungleichen Abständen. Vielleicht handelte es sich doch um ein Zeichen von Gefühlsregungen? Bestimmt grübelte er über den Sinn der Inschrift auf der Karte nach. Ich könnte ihn stundenlang beim Nachdenken beobachten. Eigentlich sollte ich auch darüber nachdenken, was die Runen bedeuteten. Aber das war nicht so einfach, wenn man ständig von dem Anblick eines Adonis in Wikingergestalt daran gehindert wurde. Ich stellte die leere Sushischachtel zur Seite. »Sag mal, Kylan, haben wir hier eigentlich ein Netz?«
   Er sah irritiert auf.
   »Internet«, erklärte ich. »Mein Smartphone funktioniert hier nicht. Wir sind hier wohl unter den Straßen von Marseille, irgendwo in den Hügeln?«
   Er nickte. Und schwieg.
   »Was jetzt, haben wir Internet oder nicht?«
   Er zuckte ratlos mit den Schultern.
   Okay, ich mochte zwar keine quasselnden Typen, aber etwas mehr als Gesten wären manchmal auch nicht schlecht. »Aber du weißt schon, was Internet ist, oder?« Ganz sicher war ich mir nicht. In seiner tausendjährigen Existenz war ihm sicherlich so viel Neues begegnet, dass ihn womöglich nicht mehr alles interessierte.
   »Ja, Raphaela hängt da ständig rum und sucht irgendwas. Meistens Kleider.«
   »Siehst du, und wir könnten nach der Übersetzung der Runen suchen. Wenn es jemand weiß, steht es auch im Internet.«
   Ich sah mich im Raum um. Es gab nicht einmal ein Telefon, und die Kerzenbeleuchtung hatte auch keinen romantischen Hintergrund. Es gab schlicht keinen Strom hier. »Das Motel ist wohl ziemlich alt, wie?«
   »Hm«, murmelte er. »Ich wohn hier, wenn’s nicht anders geht. Vierhundert Jahre wird’s das schon geben.«
   Das erklärte den Zustand der Möbel. Die waren wohl alles noch Originale aus der Eröffnungszeit. Ich seufzte. Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. »Wenn du hier Stammgast bist, ist das sicher bekannt! Denkst du nicht, Yeva könnte dich hier aufspüren? Sie wird nicht tatenlos zusehen, dass ihr Plan gescheitert ist?«
   Er zuckte nur mit den Schultern. Langsam nervte es mich.
   »Sie kann mich sowieso überall finden, wenn sie will.«
   »Was?«
   Er hob abwehrend die Hand. »Sie kommt hier nicht rein. Der Besitzer ist mir was schuldig. Er hat seine Wachhunde vor der Tür. An denen kommt selbst sie nicht vorbei.«
   Wachhunde? Wie die wohl aussahen? »Das heißt aber auch, wir kommen hier nicht raus, weil sie schon vor der Tür warten könnte?« Ein seltsam flaues Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus.
   Er schüttelte den Kopf.
   »Wie? Und was sollen wir jetzt machen? Ich will hier nicht bis an mein Lebensende rumhocken!«
   »Nein, so war das nicht gemeint. Wir kommen schon wieder raus. Es gibt viele Ausgänge und ich spüre im Umkreis von zwanzig Kilometern, in welche Richtung sie sich bewegt. Wir haben genügend Vorsprung, wenn wir wegwollen.« Er lehnte sich gemächlich im Sessel zurück.
   Wenn wir wegwollen? Was sollten wir denn sonst wollen? »Kylan, du denkst schon daran, dass ich kein Vampir bin und von daher diverse menschliche Bedürfnisse habe, wozu auch frische Luft und Sonne gehören? Ganz zu schweigen davon, dass ich nur ungern das improvisierte Gemeinschaftsklo am Ende des Gangs auf Dauer nutzen möchte.« Er machte wieder sein herrlich ratloses Gesicht. Langsam allerdings fragte ich mich, ob er vielleicht nicht doch etwas unterbelichtet war. »Also, ich mache den Vorschlag, du checkst jetzt, ob deine rachsüchtige Schöpferin irgendwo in der Nähe ist und wir suchen das Weite und eine luxuriösere Herberge. Außerdem sehen wir uns in dem Haus von Sven um, ob wir noch etwas finden, das uns weiterbringt. Wäre das machbar?«
   Er nickte und stand auf. »Aber ich gehe allein zu Svens Haus. Yeva könnte dort auftauchen. Ich möchte nicht, dass du erneut in Gefahr gerätst. Du kannst dich ja noch mal hinlegen, wenn du willst.«
   Mir gefiel der Gedanke nicht, noch mehr Zeit in dieser abgewetzten Herberge zu verbringen. Und dass Kylan möglicherweise allein Yeva gegenübertreten wollte, gefiel mir auch nicht. Aber er ließ sich nicht umstimmen. Ich drängte ihn, mir zumindest die Adresse des Hauses zu geben, damit ich wusste, wo ich ihn zur Not suchen konnte.
   Ruhelos versuchte ich, meine Wartezeit mit dem Analysieren der Karte und der Runen zu überbrücken. Leider ohne großen Erfolg. Es konnte alles bedeuten oder auch nichts. Schließlich gönnte ich meinem brummenden Kopf eine Pause und legte mich etwas aufs Ohr.

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