Nachdem sich Louisa und Dorian ihrer Tochter Zoe zuliebe mit ihren Mitstreitern Eric, Jayden und Michael zu einem Clan zusammengeschlossen haben, leben sie fernab ihrer Heimat unerkannt unter den Sterblichen. Unerklärliche Todesfälle erregen die Aufmerksamkeit der Polizei. Bei den Opfern handelt es sich um bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Vampire, und die Fitzgeralds geraten ins Visier von Vampirjägern. Ausgerechnet der eiskalte Jayden verliebt sich Hals über Kopf in eine von ihnen und bringt damit die ganze Gemeinschaft in Gefahr. Nicht nur von den Vampirjägern geht Gefahr aus. Auch Erics Besessenheit von Louisa nimmt unheilvolle Formen an. Und was führt der Vampirclubbesitzer Vincenzo im Schilde? Welches Interesse hat er an Louisa? Warum hat er Dorian nicht vor den Vampirjägern gewarnt?

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ISBN: 978-9963-52-817-2

Seiten: 356

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Sandra Florean

Sandra Florean
Sandra Florean wurde 1974 als echte Kieler Sprotte geboren und wohnt noch jetzt in der Nähe der Kieler Förde. Zum Schreiben schlug sie einen komplizierten Weg ein: Obwohl sie bereits als Jugendliche Geschichten und Gedichte zu Papier brachte, absolvierte sie erst die Fachhochschulreife mit Schwerpunkt Rechnungswesen und dann eine Ausbildung zur Schifffahrtskauffrau, um eine solide Grundlage zu haben. Seitdem arbeitet sie als Sekretärin in der Verwaltung. Dem Fantastischen blieb sie jedoch treu, sie schneidert historische und fantastische Gewandungen, zehn Jahre lang sogar nebenberuflich selbstständig mit einer kleinen Schneiderei. Noch heute trifft man sie regelmäßig in der fantastischen Szene in unterschiedlichen Kostümen an. Erst die „Nachtahn“-Reihe brachte sie zurück zum geschriebenen Wort. Seit ca. 2011 widmet sie sich ihren erdachten fantastischen Welten intensiver und veröffentlicht regelmäßig in unterschiedlichen Verlagen. Ihr Debüt „Mächtiges Blut“ ist im April 2014 erschienen, und Band 1 der „Nachtahn“-Reihe und wurde auf dem Literaturportal Lovelybooks zum besten deutschsprachigen Debüt 2014 gewählt.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1

»Signora Fitzgerald!«
   Ein Mann um die vierzig kam mit lockeren Schritten, die erkennen ließen, dass er regelmäßig
   joggte, den Gang auf uns zugelaufen. Seine Turnschuhe machten fast kein Geräusch auf dem karamellfarbenen Linoleumboden. »Tut mir leid, dass ich Ihnen hinterherrufe«, sagte er und hielt Louisa eine Hand hin. Eine Brise seines würzigen Aftershaves hüllte uns augenblicklich ein. »Franco Lutoni. Ich bin der Vater von Chiara, unsere Kinder …«
   »Ich weiß«, unterbrach Louisa ihn. »Sagen Sie doch Louisa zu mir. Meinen Mann Dorian kennen Sie noch?«
   Er nickte, und Louisa gab ihm die Hand. Kurz nur. Franco schien nichts zu bemerken. Meine Hand schüttelte er kräftig. Franco Lutoni war ein athletisch gebauter braun gebrannter Mann mit vollen dunklen Haaren, die an der Schläfe erste graue Schatten aufwiesen. Er blinzelte ein paar Mal mit seinen aufgeweckten, kleinen Augen. Es lag nicht an dem Zwielicht in dem Schulflur, sondern an Louisa, die ihn leicht mit ihrer Vampirmagie blendete.
   Wie sich herausstellte, hatte sie doch etwas von Richards Blut in sich behalten. Nicht viel, aber das Blut war stark und verlieh ihr neue Kräfte. Mit Jaydens Hilfe hatte Louisa es geschafft, ihre Tarnfähigkeit zu trainieren, die ihr half, uns hier ein neues Leben aufzubauen. Nichts hatte ihr mehr am Herzen gelegen, als Zoe ein normales Leben zu ermöglichen. Sie hatte unermüdlich daran gearbeitet und es tatsächlich geschafft.
   Nachdem wir Louisa, Zoe und Eric aus den Fängen meines verdorbenen Bruders befreit hatten, waren wir ein paar Jahre herumgereist. Unsere Tochter hatte von Anfang an heimlich mein Blut zu trinken bekommen. Es hatte sie nicht nur außergewöhnlich widerstandsfähig gemacht, was Kinderkrankheiten betraf, sondern ihr sogar ein wenig übernatürliche Fähigkeiten verliehen. Leider war sie auch unnatürlich schnell größer geworden, sodass wir nie lange an einem Ort bleiben konnten, ehe es jemandem auffiel. Nachdem ich das Blut abgesetzt hatte, verlangsamte sich ihre Entwicklung, und wir hatten uns eine längerfristige Bleibe gesucht.
   Sie lag auf Sizilien, ein gutes Stück von der Großstadt Palermo entfernt auf dem Land, wo wir keine direkten Nachbarn hatten. Es war Louisas Wunsch, in ein wärmeres Klima überzusiedeln, und wer war ich, es ihr zu verwehren?
   Nun hatten wir unseren ersten Elternabend in Zoes Schule hinter uns. Wie zur Einschulung hatten sich einige Köpfe nach uns umgedreht. Was sie sahen, war ein junges, glückliches Paar, das vielleicht ein bisschen mehr Geld für Garderobe ausgab als andere Eltern. Ich zumindest. Louisa hatte darauf bestanden, dass Zoe auf eine öffentliche Schule ging. Nicht auf eine dieser Privatschulen, wo nur verwöhnte reiche Gören hinkamen, wie sie es formulierte. Es wunderte mich, dass sie noch immer ein Problem damit hatte, dass wir wohlhabend waren.
   Ich konnte mich gut daran erinnern, wie ich um sie hatte kämpfen müssen, damit sie überhaupt mit mir ausging. So sehr hatte sie mein Reichtum abgeschreckt.
   Der Nachteil an dieser staatlichen Schule war, dass alle anderen eben nicht so vermögend waren und wir dadurch zwangsläufig auffielen. Etwas, worüber Louisa, obwohl sie immer versuchte, genau das zu vermeiden, nicht nachgedacht hatte. Die anderen Eltern waren gewöhnliche Leute. Das hatte ich überprüft. Wenn wir schon ein Leben unter ihnen führen wollten, wollte ich zumindest wissen, auf wen wir uns einließen. Da gab es Köche und Hausfrauen, Bauarbeiter und Fremdenführer, Imbissbesitzer und freischaffende Journalistinnen, Krankenschwestern und Carabinieri.
   Nach Louisas erneutem Absturz nach unserer Rückkehr von Richards Burg und unserer Versöhnung waren wir sofort ins Sommerhaus gefahren. Und das war die richtige Entscheidung. Louisa kam zur Ruhe, entspannte sich. Vor allem öffnete sie sich endlich. Sie sprach sich mit Eric aus, dem ich beinahe das Herz herausgerissen hätte, als er mir eines Tages eine ohnmächtige Louisa nach Hause gebracht hatte. Es war Jaydens Vampirschnaps, der sie umgehauen hatte, als die drei wie so oft zusammen tanzen waren. Nun war sie ein Vampir und schaffte es dennoch, sich ins Koma zu trinken! Hatte ich nicht geahnt, dass Louisa auf ihre unberechenbare Weise auf die schrecklichen Erlebnisse reagieren würde?
   Nachdem ich sie nicht gerade mitfühlend zur Rede gestellt hatte, ließ sie es endlich heraus. Wir alle halfen ihr, mit dem Erlebten klarzukommen. Es war ausgerechnet Jayden, der ihr Kraft gab. Ihm hatten wir es überhaupt erst zu verdanken, dass ich Louisa verwandeln musste. Doch das war Schnee von gestern. Er hatte sich als vertrauenswürdiges Mitglied unseres kleinen Familienbundes erwiesen. Ich hatte Louisa in diesen schwierigen Wochen oft mit ihm zusammensitzen sehen, durch ihr Schweigen verbunden.
   Als ich Louisa kennenlernte, hatte sie eine schlimme Zeit hinter sich, nachdem sie von einem allzu aufdringlichen Verehrer überfallen worden war. Es war ihr, gottlob, nicht allzu viel passiert, aber die Erinnerung daran hatte sie gequält. Sie hatte sich in den Alkohol geflüchtet. Dass ich sie in diese düstere, gewalttätige Welt der Vampire gezogen hatte, machte es nicht besser. Ich hatte einige ihrer Abstürze miterleben dürfen. Etwas, worauf ich gern verzichtet hätte.
   Seit ein paar Wochen hatten wir nun unser neues Domizil bezogen und alles verlief ruhig. Es war eine wundervolle Villa im alten römischen Stil, die Platz für uns alle bot. Jayden, Eric, die Klette, und mein guter Freund Michael waren noch immer bei uns und würden es auch bleiben. Ich hatte die Villa aufwendig umbauen, Spezialglas und natürlich die obligatorischen Sicherheitsmaßnahmen installieren lassen. Es waren mehrere Wohneinheiten eingerichtet mit verriegelbaren Zwischentüren, damit sich jeder zurückziehen konnte. Außerdem hatte ich das Kellerverlies mit Betthöhlen ausgestattet. Dennoch hielten wir uns meistens alle im geräumigen Wohn- und Esszimmer im Erdgeschoss auf. Wir hatten einen Pool draußen und einen Jacuzzi drinnen. Das Haus lag in einer Bucht mit kleinem Strand direkt am Mittelmeer. Es war traumhaft.
   Zoe unterrichteten wir auf unseren Reisen gemeinsam. Jeder von uns hatte mehrere Jahrzehnte, oder wie ich Jahrhunderte, hinter sich, in denen sich zwangsläufig einiges Wissen angehäuft hatte. Sie war ein kluges Kind und genoss jede Unterrichtsstunde. Das kam mit Sicherheit nicht von Eric, ihrem leiblicher Vater. Mein Spross Mary hatte ihn und meine Louisa vor langer Zeit in die Finger bekommen und sie gezwungen, miteinander zu schlafen. Eine Aktion, mit der sie mich hatte quälen wollen. Es war ihr gelungen, sie hatte sich jedoch nicht lange an meiner Qual ergötzen können.
   Heraus kam Zoe Eternity, die ich mehr liebte, als ich ein eigenes Kind hätte lieben können. Sie war mein Sonnenschein, der mich immer wieder aufs Neue tief berührte. Da Louisa nicht unschuldig daran war, dass ihr leiblicher Vater nun ebenfalls ein Vampir war, und weil sich Eric während ihrer Gefangenschaft bei Richard aufopferungsvoll um die beiden gekümmert hatte, durfte er bleiben. Eine Entscheidung, die ich bereits manches Mal bereut hatte.
   Eric hatte sich im Gegensatz zu Louisa und Zoe schwergetan, Italienisch zu lernen. Vokabeln pauken war einfach nichts für ihn. Er war eher von der tatkräftigen Sorte. Zum ersten Mal tat er mir ein bisschen leid. Jayden war teilweise in Italien aufgewachsen, als er noch sterblich war, und Michael und ich sprachen sowieso mehrere Sprachen. Wenn man alle Zeit der Welt hatte, fing man sogar an, freiwillig Vokabeln zu lernen. Das würde Eric auch noch begreifen. Im Moment verständigte er sich mit Händen und Füßen, was scheinbar funktionierte. Wie wir alle fühlte er sich hier wohl. Was bei ihm mit Sicherheit auch an den schönen italienischen Frauen lag.
   Nachdem Jayden begonnen hatte, mit Zoe ihre Fähigkeiten zu trainieren, hatte ich aufgehört, ihr mein Blut zu geben. Sie war sechseinhalb Jahre alt. Aussehen und denken tat sie wie eine Elfjährige. Sie war schon fast so groß wie Louisa, hatte jedoch breitere Schultern. Genau wie Louisa schwamm sie gern. Das Schwimmen hatte sie fast von selbst gelernt. Außerdem schlug sie mittlerweile sogar Michael im Schach und hatte angefangen, Klavier zu spielen. Wofür ich mehr als dankbar war. Ihr erstes Instrument war eine Geige gewesen. Mir stellten sich die Nackenhaare auf bei der Erinnerung an ihre vielen vergeblichen Versuche, dem fürchterlichen Instrument harmonische Klänge zu entlocken.
   Zoe hatte sich gut in die Klassengemeinschaft eingefunden, wie uns ihre Klassenlehrerin versicherte, und war ein beliebtes Kind. Keiner ahnte, dass sie mit Vampiren zusammenlebte. Für Zoe war es normal. Sie verriet sich nie. Nicht einmal aus Versehen. Ihre Fähigkeiten nutzte sie ebenfalls nie. Was das anging, war sie ein bisschen wie Louisa. Sie verdrängte es und wollte einfach Kind sein.
   »Louisa«, sagte Franco Lutoni. »Meine Chiara und Ihre Tochter haben sich offenbar angefreundet.«
   »Oh, wie schön«, erwiderte Louisa gerührt, obwohl sie das natürlich wusste. Zoe redete seit Tagen von nichts anderem. »Kommen Sie, Ihre Frau und Chiara uns doch mal besuchen, damit die beiden zusammen spielen und wir uns ein bisschen kennenlernen können.«
   »Ich bin allein mit Chiara«, sagte Franco. »Ihre Mutter und ich haben uns getrennt.«
   Er sah Louisa offen an, schien noch etwas sagen zu wollen, überlegte es sich aber anders und schwieg stirnrunzelnd. Louisa war nervös. Das war sie immer, wenn wir mit Sterblichen zu tun hatten. Wenn sie nervös war, verstärkten sich ihre Kräfte. Ich war mir nicht sicher, was Franco Lutoni sah, doch die Sterblichen reagierten immer ähnlich auf Louisa. Sie starrten sie umso mehr an und wirkten verwirrt. Nicht, weil sie ahnten, dass Louisa ein Vampir war, sondern weil meine hübsche Frau sie unwillentlich mit ihrem Blendwerk betörte.
   »Dann kommen Sie und Chiara eben allein zu uns«, schlug ich vor. »Morgen Nachmittag um vier, wie wäre das?«
   Franco nickte lächelnd. »Sehr gern. Da wird Chiara sich freuen.«
   Wir gaben uns erneut die Hände. Louisa strahlte. Wir hatten eine erste Verabredung für Zoe!
   »Und bringen Sie Badesachen mit. Zoe ist verrückt nach Wasser«, rief ich Franco hinterher.
   Er drehte sich um und hob die Hand. »Wie Chiara. Bis morgen!«

Auf dem Rückweg lächelte mich Louisa glücklich an. Sie war fürchterlich aufgeregt und ängstlich gewesen, als wir aufgebrochen waren. Dabei hatten wir es auf unseren Reisen oft probiert, waren jedes Mal länger am gleichen Ort geblieben. Keiner hatte je etwas bemerkt. Es war nur ein bisschen Blendwerk nötig. Entweder von Louisa, mir oder Jayden. Eric war zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, der konnte es nicht besonders gut. Michael brauchte es nicht. Er fiel unter den Sterblichen am wenigsten auf. Eigentlich war es Louisa, die am meisten auffiel. Ihre Augen waren zu hell, um natürlich auszusehen. Deshalb trug sie häufig eine Sonnenbrille. Ihre Haut war nun genauso bleich wie meine. Nur strahlender. Sie war glücklich, und das strahlte sie im wahrsten Sinne des Wortes aus.
   Wenn man genauer hinsah, ganz genau, sah man den Durst. Sie hatte den Blutdrang so gut unter Kontrolle wie ich, aber sie war trotzdem immer durstig. Egal, wie viel sie trank. Das bestätigte, was ich immer angenommen hatte. Gegen Instinkte kam man nicht an. Nicht als Mensch und erst recht nicht als Vampir. Louisa trank überwiegend von mir oder Jayden zusätzlich zu den Blutkonserven, die ich uns aus einem meiner Blutspendezentren liefern ließ. Ab und zu ging sie mit Jayden aus so wie vor ihrem fürchterlichen Absturz und trank frisches Blut. Aber nicht, um satt zu werden, sondern um sich daran zu berauschen. Ich würde sie öfter auf die Jagd mitnehmen müssen, damit sie sich mal wieder satt trinken konnte und dieser hungrige Blick nachließ. Wie bei vielen Dingen tat sich Louisa sehr schwer damit, Menschen zu beißen und ihr Blut zu trinken. Ich hatte es nie verstanden, aber sie verabscheute die Nähe, den Geruch und den Akt an sich. Bei Jayden und mir war es sonderbarerweise nicht so.
   »Das hat doch gut geklappt.« Sie nahm meine Hand.
   »Ich hab nichts anderes erwartet.« Ich zwinkerte ihr zu. »Alle erblicken nur eine bezaubernde Frau, wenn sie dich ansehen.«
   Sie lächelte und rutschte näher an mich heran, um sich an meine Schulter zu lehnen. »Und du meinst, dass sich keiner drüber wundert, dass mein Bruder und sein Freund bei uns wohnen?«
   Damit niemand sich über Zoes Ähnlichkeit zu Eric Gedanken machte, hatten wir bei der Einschulung behauptet, er wäre Louisas Bruder. Sie hatten beide dunkle Haare, genauer würde wohl keiner hinsehen. Jayden hatte ich kurzerhand als Erics Liebhaber vorgestellt, was einige enttäuschte Blicke in der Damenwelt ausgelöst hatte. Eric hatte auf dem Rückweg geschimpft wie ein Rohrspatz, weil ich ihm damit die Chancen vermasselt hatte. Jayden hatte leise vor sich hin gegrinst. Was genau ihn und Eric, die sich eine Wohneinheit teilten, taten, wenn sie allein waren, wollte ich überhaupt nicht wissen. Michael war, was er war. Ein guter Freund der Familie, der eine vorübergehende Bleibe bei uns gefunden hatte. Wir waren in Italien, in dem Land, in dem Familie großgeschrieben wurde – warum sollte sich da jemand drüber wundern?
   Wir fingen an, uns in die Welt der Sterblichen einzuleben. Louisa war glücklicherweise nicht so weit gegangen, sich in den Elternbeirat wählen zu lassen. Diese Verabredung war ein Anfang. Nicht der Leichteste, denn Franco Lutoni war der Polizist auf meiner Liste. Aber ich war nicht der Typ, der vor großen Herausforderungen zurückschreckte. Was konnte schon schiefgehen?

2

»Ein schönes Haus, ich kannte es bisher nur von außen«, sagte Franco, als wir auf die Terrasse traten. »Es hat lange leer gestanden.«
   Wir hatten eine kleine Hausführung gemacht. Louisa war mit den Kindern zum Strand gegangen. Sie spielten im Wasser und bespritzten sich gegenseitig. Auch auf die Entfernung hin konnte ich Louisa genau erkennen. Wie jedes Mal, wenn ich sie in diesem knappen Bikini sah, blieb mir die Luft weg.
   »Vielleicht war der Preis zu hoch«, sagte ich abwesend.
   »Für Sie nicht.« Es klang wie eine Feststellung.
   Ich wendete mich von der Betrachtung meiner Frau ab und meinem Gast zu. »Ich war der bessere Verhandlungspartner, sagen wir es mal so«, sagte ich und grinste, obwohl es nicht stimmte. Ich hatte den vollen Preis bezahlt, und es kümmerte mich nicht. Wir brauchten ein Heim, und dieses war groß genug, dass wir alle darin Platz finden konnten. Außerdem war es das Einzige, das Louisa wirklich gefiel. Sie hatte zwar auch meinen anderen Vorschlägen zugestimmt, doch bei diesem hier hatten ihre Augen gefunkelt. Deshalb hatte ich es sofort und ohne Preisverhandlung gekauft. Wir anderen waren es gewohnt, uns anzupassen. Louisa brauchte ein richtiges Zuhause, um zur Ruhe zu kommen.
   »Sie haben es lange umbauen lassen«, fuhr mein neugieriger Gast fort. »Von außen sieht man überhaupt nichts davon. Bis auf den Anbau. Darf ich fragen, was da drin ist?«
   »Sie dürfen. Das ist unsere Garage. Wir sind alle ein bisschen autoverrückt. Aber haben wir nicht alle unsere Laster? Welches ist Ihres?«
   »Ich glaube, ich trinke manchmal ein bisschen zu viel.«
   Ich lachte. »Da haben wir wohl was gemeinsam.«
   Wir schwiegen und ich sah wieder an den Strand hinunter. Er war weit genug weg, dass Franco nicht erkennen konnte, was ich deutlich sah.
   »Sie sehen überhaupt nicht aus wie ein Computerexperte. Tut mir leid, alte Polizistenangewohnheit«, fügte er entschuldigend hinzu, als ich ihm einen überraschten Blick zuwarf.
   Er hatte seine Hausaufgaben gemacht, das musste ich ihm lassen. Ich allerdings auch. Franco Lutoni war dreiundvierzig Jahre alt und ein aufstrebender Polizist in Palermo gewesen. Er hatte eine Ermittlung geleitet, bei der ein gewichtiges Mafiamitglied verhaftet und verurteilt werden konnte, und damit einige Lorbeeren geerntet. Dann verschwand seine viel jüngere Frau plötzlich spurlos. Chiara war zu dem Zeitpunkt drei Jahre alt. Es wurde vermutet, dass sie in die Fänge der Mafia geraten war. Sie wurde nie wieder gesehen. Franco ließ sich in die Provinz versetzen, wo er seine Tage hinter einem Schreibtisch verbrachte. Wie wir wollte er seine Tochter schützen. Sie aus dem Sumpf der Großstadt herausholen.
   Bis heute hatte er Unsummen für Privatdetektive ausgegeben, die versuchten, seine Frau aufzuspüren. Er war nie über ihren Verlust hinweggekommen, obwohl sie vor einem Jahr offiziell für tot erklärt und beerdigt worden war.
   »Und Sie nicht wie ein einfacher Provinzpolizist. Alte Hackerangewohnheit.«
   Er lachte ein leises angenehmes Lachen, und ich schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.
   »Unser größtes Vermögen stammt aus dem Nachlass meines Vaters«, erklärte ich ihm, was er mit Sicherheit bereits wusste. Ich wollte ihm zeigen, dass wir keine Geheimnisse hatten. Unsere fiktiven Identitäten waren wasserdicht, dafür hatte ich gesorgt. »Doch ich war auch nicht untätig und hab mir ein kleines Imperium aufgebaut. In meiner Heimat gehören mir mehrere kleine Firmen, die nach anfänglichen Schwierigkeiten mittlerweile guten Profit abwerfen. Ich würde mal sagen, ich hab ein Händchen für Totgeglaubte.« Ich schmunzelte über meine kleine Zweideutigkeit, mit der Franco jedoch nichts anfangen konnte.
   »Was hat Sie und Ihre Familie nach Sizilien verschlagen?«
   Ich wurde das Gefühl nicht los, verhört zu werden. »Meine Frau«, antwortete ich und sah wieder zum Strand. »Sie war das kalte Wetter leid. Soll ich Ihnen mal was sagen, Franco?«
   Ich sah ihn wieder an. Er runzelte die Stirn.
   »Das war die zweitbeste Entscheidung meines Lebens.«
   Franco grinste. Ein sehr sympathisches, wenn auch etwas verhaltenes, betrübtes Lächeln. »Und was war die beste Entscheidung?«
   »Dass ich sie geheiratet habe«, erwiderte ich, wieder in Louisas Betrachtung versunken. Ich sollte ihr verbieten, diese winzigen Stoffstücke zu tragen, wenn Gäste anwesend waren. Es lenkte mich einfach zu sehr ab.
   »Sie haben Glück, eine Frau wie Louisa zu haben.«
   O ja, das hatte ich. Er tat mir leid, dass er nicht so viel Glück mit seiner Frau gehabt hatte. Sie war zwölf Jahre jünger gewesen als er und mit Sicherheit mit einem Jüngeren durchgebrannt. Ich drehte mich zu ihm um. Er hatte einen wachsamen Blick, schien aber ein netter Kerl zu sein. Das Schicksal war grausam. »Es ist bestimmt nicht leicht, ein Kind allein großzuziehen.« Ich sah ihn bedeutungsvoll an. »Wenn ich jemals etwas für Sie tun kann … Was es auch ist, kommen Sie zu mir.«
   Ich hatte außerdem in Erfahrung gebracht, dass er mit seinem mickrigen Polizistengehalt nicht alle Rechnungen bezahlen konnte. Ich wusste, er wäre viel zu stolz, um von mir, einem Fremden, Geld anzunehmen, aber ich wollte ihm trotzdem signalisieren, dass er sich an uns wenden konnte – ehe er sich womöglich von der Mafia Geld lieh, die hier auf Sizilien überall ihre Finger im Spiel hatte. Ich sah an seinem Blick, dass er es verstanden hatte. Und dass er sich eher die Zunge abbeißen würde, als mich reichen Schnösel um etwas zu bitten. Wer wusste schon, was das Schicksal bringen würde.

»Es war sehr schön, dass Sie hier waren, Franco«, verabschiedete sich Louisa am Abend von unseren sterblichen Gästen. »Und vor allem sehr schön, dass du hier warst, Chiara. Ich hoffe, du kommst uns bald wieder besuchen?«
   Die Kinder nickten begeistert. Louisa warf mir einen kurzen fragenden Blick zu.
   »O ja«, sagte ich. »Das müssen wir unbedingt wiederholen, Franco.« Möglichst ohne mich, fügte ich in Gedanken hinzu.
   Franco lächelte und schüttelte mir die Hand. Er nahm seine Tochter bei der Hand und ging ein paar Schritte vom Haus weg, nur um sich noch einmal umzudrehen und uns zuzuwinken. Dabei fiel sein Blick auf etwas am Boden. »Sie haben Post bekommen«, sagte er und wies darauf.
   Ich hob den roten Briefumschlag auf, schob Louisa zurück ins Haus und lehnte mich seufzend von innen gegen die Tür. »Herrgott, wenn ich irgendetwas noch mehr hasse als Ärzte, sind es Polizisten«, stöhnte ich und schüttelte das Unbehagen ab, das mich seit dem Nachmittag fest im Griff hatte.
   Louisa lachte. Sie und die Kinder waren bis kurz vor dem Essen im Wasser gewesen. Wir hatten eine Pizza kommen lassen. Die Kinder waren so ausgehungert darüber hergefallen, dass Franco nicht auffiel, dass Louisa und ich nichts davon aßen. Sie trug noch immer diesen Bikini unter dem kurzen Bademantel. Ich nahm sie in die Arme. Zoe lief kichernd zu Erics und Jaydens Wohnung, um ihnen alles zu berichten.
   »Noch schlimmer ist es, dich in diesem Bikini sehen zu müssen, während ich mich mit einem von ihnen unterhalten muss.«
   Sie schlang die Arme um meinen Hals und betrachtete mich mit schief gelegtem Kopf. Seit ich während der Rettungsaktion bei Richard gebrannt hatte, sah sie mich öfter so an, als würde sie jedes Mal darüber staunen, dass ich wieder genau so aussah wie vorher.
   Da fiel mir der Umschlag ein, und ich zog ihn hinter ihrem Rücken hervor, ehe ich mich in ihrem Blick verlieren konnte. Sie ließ mich los und sah darauf. In goldenen Lettern war mein Name aufgedruckt. Ich riss ihn auf und holte eine Karte aus dickem rotem Karton heraus, die ich aufklappte.
   »Eine Einladung«, murmelte ich und überflog den Text. »Ruf bitte die anderen her.«
   Wir hatten schon bei unserer Ankunft bemerkt, dass es andere Vampire in der Gegend gab. Wahrscheinlich war es eine Frage der Zeit gewesen, bis wir mit ihnen zu tun bekommen würden. Diese Einladung hatte ich nicht erwartet.
   Die anderen kamen nacheinander ins Wohnzimmer. Eric trug Zoe auf dem Arm, die ihm noch immer aufgeregt von ihrem Besuch erzählte. Eigentlich war sie viel zu groß, um getragen zu werden. Auch er schien mit ihrer schnellen Entwicklung nicht mitzukommen. Wir redeten in ihrer Gegenwart offen über Vampirangelegenheiten. Es hatte keinen Sinn, es vor ihr verstecken zu wollen.
   »Wir haben eine Einladung der Squadra d’Immortale bekommen.« Ich hielt den Brief hoch. »Die Riege der Unsterblichen, würde ich mal grob übersetzen. Sie wollen uns ihre Aufwartung machen und laden uns in ein Restaurant ein. Ins Luce del Giorno – Tageslicht. Wie passend.«
   »Wann?«, fragte Jayden.
   »Morgen nach Sonnenuntergang.«
   »Was bedeutet das?«, wollte Eric wissen.
   »Kennst du die Gruppe, Jayden?«, fragte ich. Der Blonde schüttelte den Kopf. »Das heißt, wir müssen hingehen und uns präsentieren. Da sie uns nicht angesprochen haben, gehe ich mal davon aus, dass sie sich als die Schwächeren sehen. Deshalb auch das Treffen auf ihrem Terrain.«
   »Vielleicht ist es eine Falle?«, fragte Louisa. Sie hatte sich neben Eric und Zoe gesetzt und wirkte plötzlich sehr zerbrechlich.
   Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das glaub ich nicht. Es gab immer schon solche Vampirgruppen, die zwielichtige Klubs führten. Früher waren es Freakshows. In Paris gab es vor langer Zeit diesen Zirkus der Verdammten, eine Theatertruppe, die sich selbst spielte. Grotesk und widerwärtig.«
   »Ich kenne solche Gruppen«, sagte Jayden und warf einen Blick in die Runde. »In Mailand gibt es eine. Sie leiten eine Szenedisco, in der sie ihre Opfer suchen. Oder neue Vampire. Sie hatten mich auf ähnliche Weise eingeladen, als ich länger in der Gegend war. Die meisten solcher Verbindungen sind harmlos. Sie wollen in Ruhe leben und bemühen sich, unauffällig zu bleiben. Sie werden von dir gehört haben, Dorian. Deshalb die Einladung. Sie haben Angst vor dir.«
   »Na, dann wollen wir ihre Angst mal schüren.« Ich grinste voller Vorfreude auf ein schönes Gemetzel.
   »Wir können uns doch anhören, was sie zu sagen haben«, sagte Louisa und ließ meine Stimmung damit sofort wieder in den Keller sinken. »Wir müssen sie doch nicht gleich auslöschen, nur weil es sie gibt. Ich möchte gern wissen, wer sie sind.«
   Sie hatte es zurückhaltend und ruhig gesagt, als wollte sie meine Autorität nicht unterwandern. Jeder wusste, dass ich nicht gegen sie ankam. Ich sollte mir wirklich angewöhnen, vorher mit Louisa zu sprechen. Damit sie mich nicht jedes Mal bloßstellte, wenn ich mal den Chef spielen wollte. Was ich ohnehin ungern tat. Ich war es nicht gewohnt, über mehrere Leben zu bestimmen. Über deren Tod, ja, aber nicht über deren Leben. »Wir werden alle gehen und mal schauen, was sie von uns wollen.«

So machten wir es auch. Ich trug meinen obligatorischen schwarzen Anzug, und selbst Eric hatte sich einen zugelegt. Er und Jayden sahen mit den passenden Sonnenbrillen aus wie die Men in Black. Sehr effektvoll. Michael war ganz der Casanova. Es gab nicht viele Männer, die in dunkelroten Samtanzügen gut aussahen. Michael war einer davon. Louisa hatte ich ein blutrotes Korsagenkleid gekauft, das viel von ihrer bleichen Haut zeigte. Sie sollte unter uns Männern herausstechen. Jeder sollte sehen, was sie war und wie mächtig. Auch wenn sie es selbst nicht sah.
   »Ist es wirklich nötig, dass ich mich derart aufreizend anziehe?«, fragte sie, als sie die Treppe herunterkam. »Und diese hohen Pumps trage?« Sie blieb vor mir stehen und drehte sich zur Seite, um mir den schmalen Absatz zu zeigen.
   »O ja«, antwortete ich und sah an ihrer schlanken Wade herauf, die dadurch noch länger und graziler wirkte.
   »Unbedingt«, stimmten Michael und Eric mir wie aus einem Munde zu.
   Louisa funkelte uns an, drehte sich um und ging mit übertrieben laszivem Hüftschwung zur Tür, die Jayden für sie aufhielt. Auch wenn Jayden für gewöhnlich immun gegen ihre Reize war, ertappte ich ihn dabei, wie er ihr auf den Hintern starrte. Hastig verschwand er nach draußen.
   Wir fuhren gemeinsam in einem Auto. Dafür hatten wir extra einen Minivan in Luxusausstattung gekauft. Eigentlich zu groß für italienische Straßen, doch manchmal war es besser, wenn wir nicht getrennt fuhren. Vor allem, wenn wir Zoe dabeihatten. Wir mussten ein ganzes Stück fahren, vorbei an Slums und Müllhalden, in ein kleines Vergnügungsviertel am Rande von Palermo. In einem grau verputzten Gebäude, dessen Untergeschoss eine moderne verspiegelte Fassade hatte, fanden wir unser Ziel. Das Tageslicht. Obwohl »Geschlossen« auf dem Vorhängeschild an der Tür stand, war der Parkplatz voll und die Tür nicht verriegelt. Wir wurden von einem sterblichen Kellner, der uns die verspiegelte Glastür aufhielt, erwartet. Durch sie und die Fenster konnte man bequem nach draußen blicken. Vorüberschlendernde Touristen und sonstige Vergnügungssüchtige konnten jedoch keinen Blick ins Innere erhaschen. Außer sie drückten sich die Nase an der Scheibe platt. Das würde der Chef dieses Etablissements sicher nicht dulden.
   Eben dieser erwartete uns in einem geräumigen Separee mit grünen Polstersesseln, der sich im nachfolgenden Bereich des modern eingerichteten Restaurants hinter einem dicken Vorhang befand. Er war aufgestanden, als er uns kommen hörte. Eine blonde junge Vampirin stand neben ihm. Ich ließ Louisa den Vortritt. Obwohl sie im Auto nervös gewirkt hatte, war ihr Gesicht ausdruckslos. Mit erhobenem Kopf, durch die hochgesteckten Haare noch betont, ging sie an mir vorbei, die entblößten Schultern gestrafft. Auch die Blonde trug ein rotes Kleid. Sowohl sie als auch die Farbe ihres Kleides verblassten neben Louisa. Eric und Michael gingen mit Zoe hinter uns, Jayden, der uns alle überragte, bildete das Schlusslicht.
   »Es freut mich, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid«, begrüßte uns unser Gastgeber auf Englisch. »Mein Name ist Vincenzo, das ist meine Gefährtin Concetta. Ich heiße euch in meinem bescheidenen Heim willkommen. Bitte, nehmt Platz.«
   Vincenzo wies auf die Polstermöbel und wartete, bis wir saßen, ehe er sich setzte. Er sah uns nacheinander mit einem freundlichen kleinen Lächeln an, das sich nicht nur um seine Lippen zeigte. Er musste ungefähr fünfzig gewesen sein, als er verwandelt wurde. Seine kurzen schwarzen Haare waren grau meliert. Er hatte viele Lachfalten um die braunen, fast schwarzen Augen, die etwas schief in seinem Gesicht lagen und ihn müde aussehen ließen. Sein Gesicht war eckig, das Kinn rund. Seine Haut musste sonnengebräunt gewesen sein, als er noch ein Sterblicher war, denn er wirkte nicht so blass wie seine blutjunge Gefährtin. Concetta war schlank und eigentlich zu jung, um verwandelt worden zu sein. Sie hatte ein spitzes Gesicht und große blaue Augen, die die Angst nicht verbergen konnten.
   Ich stellte uns ebenfalls nacheinander vor. Nur mit Vornamen. In welcher Beziehung wir zueinanderstanden, hatte ihn nicht zu interessieren. »Das ist meine Frau Louisa.« Das Wort Frau betonte ich, damit er verstand, dass sie mehr war als eine Gefährtin. »Wer ich bin, weißt du wahrscheinlich.«
   »Ja, das stimmt«, sagte Vincenzo. »Du siehst genauso aus, wie die Legenden dich beschreiben.«
   Legenden? Meine Güte, war ich wirklich schon so alt?
   »Ich bin froh, dass andere Teile der Überlieferungen nicht stimmen«, fuhr er fort.
   »Welche?«
   »Dass du der Vampirkiller bist. Der tötet, ohne dass man ihm einen Grund dazu liefert.« Es sollte herausfordernd klingen. Tat es aber nicht.
   »Verlass dich nicht drauf«, sagte ich, lehnte mich in meinem Sessel zurück und streckte die Beine aus. »Was willst du?«
   Vincenzos scheinbar lockere und gelassene Haltung geriet ein wenig ins Wanken. Er räusperte sich. »Ich möchte dir zeigen, was wir hier tun. Und dir beweisen, dass wir keine Bedrohung für dich und deine Familie sind.«
   »Clan.«
   »Wie bitte?«
   Schon hatte ich ihn aus dem Konzept gebracht. »Da, wo ich herkomme, nennt man so etwas Clan. Wir sind der Clan Fitzgerald. Ihr seid keine Bedrohung für uns.« Ich hörte Michael neben mir kichern. Nur leise. Ja, ich hatte etwas dick aufgetragen. Das mit dem Fitzgerald-Clan war mir gerade eingefallen. Es klang gut. So sollten wir uns nennen. Louisas schlanke, kleine Hand legte sich auf meinen Oberschenkel. Ich hatte sie gebeten, zu schweigen und glücklicherweise hielt sie sich daran. Damit wollte sie mich unauffällig auffordern, mich zurückzuhalten. Keinem fiel es auf. Es war eine Geste unter Liebenden.
   »Ich bin neugierig. Was für ein Etablissement führst du hier, Vincenzo? Sag nicht, ein Restaurant für Vampire.«
   Mein Gegenüber atmete erleichtert aus. »Nein und ja«, antwortete er und fand sehr schnell zu seiner vorherigen Gelassenheit zurück. »Hier oben findet normaler Restaurantbetrieb statt. Für Interessierte, sagen wir es mal so, aber auch für normale Laufkundschaft. Die eigentliche Attraktion befindet sich jedoch unter diesen Räumen. Es ist einfacher, ich zeige es euch. Wenn ihr wollt?«
   Ich nickte, und wir erhoben uns.
   »Ich denke, die Kleine sollte lieber hier oben bleiben. Es ist nicht jugendfrei in den unteren Räumen.«
   Michael erklärte sich bereit, mit Zoe zu warten. Wir anderen folgten Vincenzo und seiner verunsicherten Vampirfreundin zur hinteren Wand des Raumes. Auch wenn Louisa selbst nicht überzeugt war von der Kraft, die in ihr schlummerte, konnte sie diese Macht mittlerweile bewusst ausstrahlen. Es war wie die dunkle Aura, die ich um mich schuf, wenn ich meine Gegner zusätzlich verängstigen wollte. Bei Louisa war sie strahlend, beinahe blendend und nicht finster. Sie wirkte eher so, dass sich ihr alle Männer zu Füßen werfen wollten – und deren Frauen sich klein und unbedeutend vorkamen. Je unsicherer sie war oder je unwohler sie sich fühlte, umso stärker war diese Ausstrahlung. Man bekam den Eindruck, als würde die Luft um sie herum flimmern. Es war ihr persönlicher Schutzschild. Dass sie andere Vampire und auch Sterbliche damit einschüchterte, war ihr überhaupt nicht bewusst.
   Ich sah zu ihr hinüber. Das blutrote Kleid bildete einen herrlichen Kontrast zu ihrer bleichen Haut und den dunklen Haaren. Um den Hals trug sie die Kette, die ich ihr einst geschenkt hatte, am Finger ihren Ehering. Als sie mir unter halb geöffneten Augen einen Blick von der Seite zuwarf und leise lächelte, verblasste ihre leuchtende Aura für einen Moment. Da war sie wieder, meine Louisa, aber nur kurz. Als sie den Blick wieder nach vorn richtete, strahlte sie umso stärker und jeder schien neben ihr zu verblassen.
   Unser Gastgeber blieb vor einem riesigen Gemälde mit Engelmotiven stehen, tastete hinter dem dicken goldenen Rahmen nach einem geheimen Schalter und ließ es zur Seite gleiten. Dahinter führte eine Treppe nach unten, deren Stufen mit rotem Teppich gepolstert und mit Lämpchen beleuchtet waren. Geheimtüren hinter Gemälden! Großartig. Der Mann gefiel mir.
   Nicht so großartig war das, was uns am Fuße der langen Treppe erwartete. Wir hätten Louisa ebenfalls lieber oben lassen sollen. Schon, nachdem das Gemälde zur Seite geglitten war, schlug mir der Geruch nach Rauch, Schweiß, Sex und Blut entgegen. Am unteren Ende der Treppe war er fast greifbar. Süß und verführerisch hing er in der Luft. Eric atmete seufzend aus. Ihm fiel es am schwersten, seinen Blutdurst in den Griff zu bekommen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er es überhaupt nicht versuchte. Er genoss das Vampirdasein in vollen Zügen. So wie es im Grunde sein sollte.
   Vor uns tat sich ein Saal mit einer hohen Decke auf. Es war mehr als ein ausgebauter Keller. Er glich eher einem Gewölbe, das sich bis unter die Nachbargebäude erstrecken musste. Der riesige Raum war durch mehrere Stützsäulen unterbrochen, die die hohe Decke trugen und ihn natürlich und zwanglos in unterschiedliche Bereiche einteilten. Es war Bar, Edel-Puff und Stripteaseklub in einem. Der Boden und die Wände waren schwarz, der lange, breite Bartresen rechts von uns ebenfalls. Dafür waren sämtliche Polstermöbel, Sessel, Liegen und Stühle rot. Und fast alle besetzt. Den Großteil machten Sterbliche aus, überwiegend Frauen, doch unter ihnen amüsierte sich auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl Vampire. Männliche und weibliche. Einige tranken völlig ungeniert von den sterblichen Frauen, die dabei kicherten und ihnen durch die Haare strichen. Von der Decke hingen mehrere goldene Kronleuchter, die gegen die drückende Schwärze der Wände ankämpften. Außerdem brannten überall verteilt dicke weiße Altarkerzen und tauchten alles in angenehm warmes, leicht flackerndes Licht.
   Vor uns tanzte eine Vampirin in schwarzem Lack auf einer erhöhten Bühne, bog ihren bleichen, gelenkigen Körper und entblößte ungeniert ihre unnatürlich langen Fangzähne. Zu unserer Linken gab es mehrere abgetrennte Bereiche. Rote Vorhänge schlossen neugierige Blicke aus. Mehr als eindeutige Laute kamen aus einigen von ihnen. Die Musik war verhältnismäßig leise und eine Mischung aus Rock und Folklore mit schweren, leicht mexikanischen Klängen, die wie sanfte Finger die Ohren zu liebkosen schienen. Die Atmosphäre war ein Versprechen und verhieß sinnliche Verführung und ekstatische Erlebnisse.
   Erics Augen glühten und auch Louisas Wangen waren eine Spur rosiger geworden. Sie kannten die wahre Welt der Vampire nicht. Die, die vornehmlich aus Lust und Blut bestand. Louisa war seit unserer Versöhnung sinnlicher denn je. Der Vampir kam in ihr durch. Der, der Blut trinken und seine Sinne auskosten wollte. Vielleicht lag es auch nur an dem Licht. Mich beeindruckte das wenig.
   »Das Tenebra – die Finsternis –, die eigentliche Attraktion des Tageslicht«, präsentierte Vincenzo mit einer umfassenden Armbewegung und stolz geschwellter Brust. »Hier können wir sein, was wir sind. Und werden dafür geliebt. Jeder der Sterblichen hier weiß über uns Bescheid. Solange er bei uns ist. Wieder oben ist alles aus dem Gedächtnis verschwunden. Bis auf den Wunsch, das Verlangen, wieder herzukommen. Hier können sowohl Sterbliche als auch Vampire alles erlangen, was sie sich wünschen. Außergewöhnliche Erlebnisse, Ekstasen, Blut, Sex mit Sterblichen, Vampiren, Männern, Frauen. Oder einfach nette Gespräche. Keiner wird zu irgendetwas gezwungen. Auch nicht hinter den Vorhängen oder in den anderen Räumen weiter hinten. Jeder bekommt, was er oder sie sich wünscht, und kann jederzeit seinen Aufenthalt hier beenden. Neue Mitglieder nehmen wir nur nach Empfehlung und eingehender Begutachtung auf. Alles, was hier unten geschieht, fällt unter den dicken Mantel der Verschwiegenheit. Wir hatten schon Senatoren und Filmstars hier. Keiner wird je davon erfahren.«
   Ich nickte. Vincenzo sah mich zustimmungsheischend an. Eric hinter mir murmelte etwas, was wie Ich werd hier Stammkunde klang. Louisa hatte missbilligend die Lippen aufeinandergedrückt.
   »Das ist ein Puff«, sagte sie mehr zu sich selbst und sah Vincenzo ernst an.
   »Aber, nein, Bellezza«, erwiderte dieser und lächelte charmant, sodass seine dunklen Augen fast in den vielen Lachfalten verschwanden. Dabei entblößte er gerade weiße Zähne und zwei mächtige Eckzähne. Etwas übertrieben für meinen Geschmack und mit Sicherheit unecht, aber bestimmt sehr effektvoll im Umgang mit faszinierten kleinen Sterblichen. »Das ist ein Ort der Lust, aber auch des Spaßes. Der Freude. Jeder kann sich hier auf seine Art vergnügen. Es darf nur niemand getötet werden. Das ist eine unserer eisernen Regeln, und sie wurde in über zweihundert Jahren noch nie gebrochen. Jeder, wirklich jeder, ist freiwillig hier. Wer gehen möchte, kann das tun. Falls dich das beruhigt.«
   Louisa schnaufte. Nein, das beruhigte sie nicht. Wir folgten Vincenzo und seiner tippelnden Freundin durch den Saal in einen privateren Raum, in dem uns einige Vampire erwarteten. Unsere Appetithäppchen, wie ich erkannte, nachdem wir uns gesetzt hatten. Damit, dass er uns von seinen Schützlingen trinken ließ, zeigte er ihnen und indirekt auch uns, dass er über ihnen stand. Er begab sie damit in unsere Hände. Jayden und Eric winkten sich je eine Frau heran, die sich sofort zu ihnen setzten, Vincenzo bot mir seinen Arm an. Seine Freundin Concetta lief zu Louisa und blieb unsicher vor ihr stehen. Louisa ignorierte die Vampirin und fixierte Vincenzo, als ich von ihm trank. Ich wollte viel trinken, um genügend Bilder zu sehen. Und um herauszufinden, was er konnte. Bisher hatte ich noch keine Fähigkeiten bei ihm gespürt. Er hatte auch nicht vor uns damit geprahlt. Es war immer besser, man wusste, was der andere draufhatte, bevor man sich mit ihm anlegte.
   Ich ließ von ihm ab. Er war harmlos. Etwas älter als Jayden, aber nicht annähernd so stark wie unser ernster Engel.
   »Ich will von dir trinken«, forderte Louisa mit fester Stimme und überraschte damit nicht nur unseren Gastgeber.
   Ich wusste, Jayden hatte ihr mehr über die Welt der Vampire, wie er sie kennengelernt hatte, erzählt. Wenn alle diese Vampirgruppen nach den gleichen Doktrinen lebten, hätte Vincenzo ihr sogar von sich aus sein Blut anbieten müssen. Und nicht das seines Anhängsels, der nicht viel mehr war als ein Frischling. Schwach, farblos, minderwertig. Louisa war stärker als alle hier im Raum. Außer mir natürlich. Sie war meine Königin, wenn man so wollte, und hatte nur das Beste verdient.
   Sie überraschte uns ein weiteres Mal, indem sie ihn mit einem Blick aus ihren hellen Augen vor ihrem Sessel in die Knie zwang, damit sie aus seinem Hals trinken konnte. Was hatte ich für eine kluge, selbstbewusste Frau! Wenn Vincenzo bisher nicht begriffen hatte, wo sein Platz war – jetzt wusste er es.
   Als sie ihn freigegeben hatte, setzte er sich in einen Sessel uns gegenüber und winkte sich selbst einen der Vampire heran, um sich zu stärken. Vielleicht aber auch, um sich zu beruhigen. Ich konnte genau erkennen, wie sich seine Brust unter dem roten Hemd schwer hob und senkte. Die meisten Vampire erregte es, wenn andere von ihnen tranken. Das konnte ich nicht beurteilen. Ich ließ ja nur Louisa von mir trinken. Sie erregte mich sowieso. Selbst jetzt. Sie schlug die Beine vorsichtig übereinander und ließ ihr oberes Bein mit dem wunderschönen roten Pumps leicht auf- und abwippen. Ich hätte mich wie Eric ihr gegenübersetzen sollen, schoss es mir in den Kopf, als ich seinen schmachtenden Blick sah. Eric hing mehr denn je an ihren Lippen. Bildlich gesprochen. Er war ihr Spross, da war eine gewisse Verbundenheit verständlich. Es passte mir dennoch nicht.
   Concetta war hinter Vincenzo getreten und musterte uns feindselig. Sie und Louisa würden keine Freundinnen werden.
   »Wie könnt ihr das alles vor der Polizei geheim halten? Gerade hier im Mafiagebiet?«, fragte Jayden. Er war derjenige, der sich in der modernen Welt der Vampire, aber vor allem in unserer Wahlheimat Italien am besten auskannte.
   »Wer die Mafia in der Hand hat, beherrscht auch die Polizei«, antwortete Vincenzo vielsagend. »Besser noch, wenn man die Frauen einflussreicher Polizisten und Politiker in der Hand hat. Viele dieser Ehefrauen stehen auf meiner Mitgliederliste.«
   »Wie schaffst du es, dass sich nicht herumspricht, dass ihr Vampire seid?«, fragte Louisa.
   Vincenzo tippte sich an die Schläfe. »Magie.« Er ließ seine dunklen Augen funkeln. »Ich habe jeden Einzelnen unter die Lupe genommen und jedem ein geheimes Codewort eingepflanzt. Sobald sie den Klub verlassen, verabschieden meine Türsteher sie mit eben diesem Wort. Sie erinnern sich nicht an Vampire und alles, was mit uns zusammenhängt. Sie wissen nur, dass sie einen ungemein befriedigenden und wundervollen Abend hier verbracht haben. Wenn sie wiederkommen und von unserem Empfangspersonal mit dem gleichen Stichwort begrüßt werden, fällt ihnen alles wieder ein.«
   »Aber wie bekommst du sie freiwillig hierher?«
   »Neugier, Bellezza.« Vincenzo lächelte. »Gute, alte Neugier. Frauen bringen ihre Freundinnen mit. Männer ihre Fußballkumpels. Gäste des Restaurants werden von unseren Mitarbeitern angesprochen, ob sie Interesse an einer Reise in die Welt der Lust und Sinnesfreuden haben. Jeder kann sich alles zwanglos und unverbindlich angucken. Uns hat es nie an Interessierten gemangelt. Die Leute sind seit jeher auf der Suche nach Aufregung und Abwechslung vom Alltag, neuen Erfahrungen. Sie sind fasziniert von der düsteren Atmosphäre. Sie reizt das Unbekannte, das Verbotene, das Lasterhafte.«
   »Wie behältst du deine Vampire im Griff?«, fragte ich.
   »Mit Zuckerbrot und Peitsche, wie man so schön sagt.« Zum ersten Mal sah Vincenzo wie ein Anführer aus und nicht wie jemand, der neue Mitglieder von seinem Klub überzeugen wollte. »Hier unten haben wir alles, was wir brauchen. Jeder hat seine persönlichen Räume zum Rückzug, wir haben jede Art von Amüsement und Beschäftigungsmöglichkeit. Und jederzeit ausreichend frisches Blut. Rausgehen darf jeder nur mit meiner Zustimmung und auch nicht allein. Die Jungen gehen anfangs nicht raus. Viele kommen aus der Gegend, haben Familie und Freunde und könnten wiedererkannt werden. Deshalb bleiben sie unten, bis genügend Zeit verstrichen ist. Die Sterblichen, die für uns arbeiten, sind tabu. Es darf nur von den Gästen getrunken werden. Wobei die Gäste sich den Vampir aussuchen und nicht anders herum. Die Gäste sind immerhin diejenigen, die bezahlen. Keiner verwandelt jemanden ohne meine Zustimmung. Wer sich meinen Anordnungen widersetzt, wird bestraft. Mit dem Einzigen, was hilft. Blutentzug und Einzelhaft. Wer jemanden tötet, wird ebenfalls getötet.«
   »Auge um Auge«, murmelte ich.
   Unser Gastgeber nickte zustimmend. »Wie ihr seht, leben wir in unserer kleinen Gemeinschaft in Frieden mit den Menschen und mit anderen Vampiren. Wir wollen keinen Ärger und kein Aufsehen. Deshalb habe ich euch eingeladen. Um euch die Hand zu reichen. Ich erkenne dich, Dorian, ohne Einschränkung als den Stärkeren an und werde dir und euch nicht in die Quere kommen. Meine Leute ebenfalls nicht. Es wäre schön, wenn wir zu einer friedlichen Koexistenz finden könnten. Ihr seid natürlich jederzeit als meine persönlichen Gäste willkommen. Ich muss jedoch darauf bestehen, dass auch ihr euch an meine Regeln haltet. Gerade, was die Unversehrtheit meiner Gäste und Schützlinge betrifft.«
   »Wenn alles tatsächlich so läuft, wie du es schilderst«, sagte ich, »haben wir kein Problem damit.«
   »Wundervoll«, rief unser Gastgeber und klatschte in die Hände. »Wenn ihr wollt, führe ich euch noch ein bisschen herum.«

*

Ich wusste nicht, warum ich von Vincenzo trinken wollte. Vielleicht, weil er ohne Zweifel attraktiv war? Er war nicht jung und makellos wie Dorian. Er war angenehm unperfekt mit den vielen Lachfalten und der kleinen Narbe am grau melierten Haaransatz. Er war größer, als er im Sitzen wirkte, und kräftig gebaut. Die obersten Knöpfe des roten Seidenhemdes standen offen und um den Hals trug er eine goldene Kette. Der Anhänger verschwand in den dichten schwarzen Haaren seiner Brust. Er war einer der Männer, die erst im fortgeschrittenen Alter ihre wahre Attraktivität entfalteten und die man sich unmöglich als jungen Spund vorstellen konnte.
   Ich wollte wissen, wie er sich anfühlen, wie er schmecken würde. Als er sich auf ein Knie herunterließ, damit ich aus seinem Hals trinken konnte, sah ich dunkle Bartstoppeln auf seinen Wangen. Es kratzte, als ich mit dem Kinn darüberstrich. Vincenzo roch, wie er aussah. Herb, dunkel, männlich. Gut. Er schmeckte sogar noch besser.
   Ich hatte gelernt, die Lebensbilder zu unterdrücken, wenn ich von jemandem trank. Ich konnte in den Augen der Leute viel mehr erkennen als früher. Ich fühlte, wenn es jemand ehrlich mit uns meinte. Oder nicht. Bei Vincenzo spürte ich mehr.
   Dorian war alt und gefährlich. Das wusste er, deshalb fürchtete er ihn. Auch wenn er es geschickt verbarg, hatte er eine Heidenangst vor ihm. Er schien zu ahnen, dass ich Dorian davon abgehalten hatte, ihn und seine Leute ohne vorherige Unterhaltung zu töten. Und dass ein Wort von mir genügen würde, und Dorian würde das nachholen. Auf der Stelle und mit Freuden. Dorian war es egal, ob sie uns gefährlich werden konnten oder nicht. Er hätte sie so oder so am liebsten tot gesehen.
   Es verwirrte Vincenzo, dass Dorian auf mich, einen jungen Vampir, hörte. Und dass ich stärker war als er selbst. Ich hatte keine Ahnung, was für Fähigkeiten Vincenzo hatte, aber ich wusste, ich könnte ihn ebenso mühelos töten wie den Armbrustschützen in Richards Burg, der mich angeschossen hatte. Dafür musste ich nicht einmal mehr in Rage geraten. Ich hatte es geübt. Mit Jayden und Dorian. Dorian blieb der Einzige, den ich niemals würde besiegen können. Selbst wenn ich es jemals vorgehabt hätte. Er war einfach zu stark.
   Dieses Treffen war nicht nur ein Zeichen der Unterwerfung und Anerkennung von Dorians Überlegenheit. Vincenzo wollte herausfinden, wer wir anderen waren und warum wir mit Dorian, dem Vampirkiller, zusammen waren. Ob wir ihm gefährlich werden konnten. Mit oder ohne Dorians Billigung.
   Auf den ersten Blick hatte für mich alles wie eine gewöhnliche Nacktbar ausgesehen – schmuddlig und anstößig. Die Einrichtung war geschmacklos, die schwarzen Wände ließen kaum Luft zum Atmen. Es roch nach frischem Blut, Sex und Tabak. Wahrscheinlich charakteristisch für solche Läden. Eric war hellauf begeistert.
   Vincenzo zeigte uns einige andere, privatere Räume, in denen es zivilisierter zuging. Sie waren alle ansprechend und in hellen Farben eingerichtet. Mit modernen Ledersofas und gepolsterten Betten und Tischchen mit Kerzen darauf. Jeder dieser Räume hatte ein Bad und sah sauber aus. In manchen entdeckte ich sogar persönliche Dinge; ein paar Kleidungsstücke, Haarbürsten, Bücher, eine Zeitschrift.
   »Hier können sowohl Menschen als auch Vampire mit allen Sinnen genießen«, erklärte uns Vincenzo. »Gerade die jungen Vampire halte ich so im Zaum. Wenn der Hunger kommt. Denn das haben wir ja alle erlebt, nicht wahr? Erst kommt der Durst, dann der Hunger. Hier können sie ihn stillen und keinem geschieht ein Leid.«
   Dorian hörte sich alles geduldig an, schien aber wenig interessiert an dem, was Vincenzo uns anpries. Als wir uns auf den Rückweg nach oben machten, vorbei an älteren sterblichen Frauen, die sich an junge, hübsche Vampire heranschmissen, damit die ihr Blut trinken konnten, lud Vincenzo mich und Dorian ein.
   »Es wäre eine große Ehre für mich und die Squadra d’Immortale, wenn ich euch als meine Gäste begrüßen könnte. Nehmt es als Zeichen meiner Dankbarkeit an und verbringt eine Nacht bei uns. Wir haben nicht oft so hohen Besuch in unseren bescheidenen Räumen.«
   Ich warf ihm einen Blick zu. Er hielt den Kopf gesenkt, als würde er sich in Demut vor uns verneigen, und sah uns abwartend an. Es war ihm ernst damit, dass er uns als hohen Besuch titulierte. Offenbar war das der Moment, in dem Dorian ihn entweder billigte oder …
   Dorian war stehen geblieben und sah den äußerlich viel älteren Mann an. »Das ist sehr freundlich. Aber ich habe kein Interesse an dieser Art der Vergnügung.«
   Vincenzo ließ nicht locker. »Deine Frau möglicherweise doch.« Er warf mir einen durchdringenden Blick zu. »Und die anderen Mitglieder deines Clans.«
   Dorian brummte nur und ging an ihm vorbei die Treppe hoch. Michael und Zoe saßen in dem Separee am Tisch. Zoe malte, und Michael unterhielt sich mit dem Kellner, der scheinbar sonst nichts zu tun hatte. Als wir nach oben kamen, sprang er auf und räumte hastig den benutzten Teller weg.
   »Was für ein hübscher Bursche«, raunte Michael mir zwinkernd zu, als er sich zu uns gesellte.
   Ich musste grinsen und griff nach Zoes Hand.
   »Denkt über mein Angebot nach.«
   »Das werden wir«, sagte Dorian überraschenderweise und zauberte damit ein erleichtertes Lächeln auf Vincenzos Züge.
   Erst da wurde mir klar, wie angespannt Vincenzo die ganze Zeit gewesen war. Und dass er bis eben gedacht hatte, wir würden ihn vernichten. Dabei hatte Dorian ihm nicht gedroht und sich zivilisiert und wohlmeinend benommen. Manchmal fragte ich mich, was für Geschichten über Dorian in der Welt der Vampire kursierten.
   Wir gingen, wie wir gekommen waren. Zusammen. Auch wenn ich ahnte, dass Eric und Jayden gern länger geblieben wären.
   »Was hat Vincenzo damit gemeint, dass nach dem Durst der Hunger kommt?«, fragte ich Dorian unterwegs.
   Jayden warf uns einen schnellen Blick im Rückspiegel zu. Eric und er saßen vorn, Michael und Zoe hinten uns gegenüber. Michael lachte leise und machte ein wissendes Gesicht.
   Dorian seufzte und beugte sich zu mir. Er flüsterte mir ins Ohr, damit Zoe nicht alles hören konnte. »Jeder Vampir verspürt, sobald der Blutdurst gebändigt ist oder manchmal auch schon währenddessen, ein anderes Verlangen. Das kann sich unterschiedlich äußern. Manche Vampire gehen bis an die Grenze ihrer Unverwundbarkeit. Andere haben das Verlangen, zu töten. Wieder andere haben mehr Lust. Auf Sex. Vielleicht auch auf andere Praktiken.«
   Ich wusste nicht so recht, was ich mit der Antwort anfangen sollte, denn auf mich traf keins der Dinge zu. Ich war stets durstig, aber ich hatte weder das Bedürfnis, mich zu malträtieren noch andere zu töten. Dass ich bei einem so gut aussehenden und aufregenden Mann wie Dorian mehr Lust hatte, lag bestimmt nicht daran, dass ich ein Vampir war. Unser Sex war von Anfang an umwerfend gewesen. »Was war es bei dir?«, fragte ich ihn.
   Dorian seufzte. Sein Atem kitzelte mich im Nacken. Wir kannten uns nun über sieben Jahre. Nach der Sache bei Richard waren wir keinen Tag mehr getrennt gewesen, und doch erregte mich seine Nähe noch wie am ersten Tag. Er sog meinen Duft ein, wie er es so oft schon getan hatte, und seufzte erneut. »Das Töten.« Seine leise Stimme klang rau und tiefer als sonst. Lustvoller. Als dachte er an etwas Schönes zurück.
   Mir lief ein kalter Schauder über den Rücken.
   Seit die anderen bei uns waren, wir zu einem Clan, einem Familienverbund geworden waren, zeigte Dorian immer öfter seine Vampirseite. So hatte ich ihn vorher nicht gekannt. Zu Anfang war ich überrascht, wie hart und unnachgiebig er sein konnte. Jayden hatte mir erzählt, dass Dorian Eric fast umgebracht hatte, nachdem ich diesen fürchterlichen Absturz hatte. Ich hatte Dorian daraufhin zur Rede gestellt, und er hatte mich so wütend und bedrohlich angefahren, dass ich einen Moment Angst vor ihm hatte. Es war nur ein kleiner Moment, denn ich wusste, er würde mir niemals etwas tun, aber er war da gewesen. Und Dorian hatte es gesehen. Entschuldigt hatte er sich dafür nicht.
   »Wirst du Vincenzos Einladung annehmen?«, fragte Jayden.
   »Weiß ich nicht«, erwiderte Dorian brummig, sah Zoe an und lächelte. »Ich bin lieber zu Hause – mit meinem kleinen Engel. Komm her und wärm deinen alten Vater ein bisschen.«
   Zoe hüpfte lachend zu ihm auf den Schoß und schmiegte sich an ihn. »Die Väter der anderen Kinder sehen alle viel älter aus als du«, sagte sie und grinste.
   Die beiden machten sich immer einen Spaß daraus, zu raten, wie alt andere Leute waren. Dann rechneten sie aus, wie viel älter Dorian war. Oder Michael. Oder Jayden. Dorian hatte manchmal einen seltsamen Humor, den Zoe teilte. Er bettete ihren Kopf an seinen Hals und strich ihr über die langen dunklen Haare. Sein Blick nahm einen verträumten Ausdruck an, wie jedes Mal, wenn er sie im Arm hielt. Er liebte sie wie seine eigene Tochter, obwohl sie Eric so ähnlich sah. Genau deshalb hasste Dorian ihn wohl auch so. Eric hatte mir etwas gegeben, was er mir nie würde geben können.

»Du hast heute wunderschön ausgesehen in dem Kleid«, raunte er mir zu, als wir einige Zeit später in unserem Himmelbett lagen.
   Er angelte einen roten Pumps von der schneeweißen Bettdecke. »Und in diesen Schuhen. Du solltest öfter so hohe Absätze tragen.«
   Ich lachte und sah ihn an. »Du traust Vincenzo nicht, oder?«
   Dorian seufzte und zog mich zu sich auf seine harte Brust. »Nein, aber er ist harmlos. Du hast nichts zu befürchten, wenn wir wieder hingehen.«
   Ich fuhr überrascht hoch. »Willst du seine Einladung annehmen?«
   »Nein. Aber du.« Dorian lächelte nur. Wissend und liebevoll. Er zog mich wieder an sich und küsste mich.
   »Vielleicht wird es dir guttun. Zur Entspannung. Oder …«
   »Oder was?«, fragte ich und machte mich los, um ihn ansehen zu können.
   »Wie viele Männer hast du gehabt, seit du ein Vampir bist?«
   »Was?« Ich wurde augenblicklich wütend. Diese Wut zu kontrollieren war das Erste, was ich hatte lernen müssen. Und das Schwierigste. Es gelang mir nicht immer. Wenn ich richtig in Rage geriet, geriet alles außer Kontrolle. Deshalb nahm es keiner auf die leichte Schulter, wenn ich böse wurde. Es war nun nicht so, dass mich alle mit Samthandschuhen anfassten, aber sie waren auf der Hut und riefen mich jedes Mal sofort zur Ruhe. Vor allem, wenn Dorian nicht in der Nähe war. Dorian war der Einzige, der sich in meinen Kopf einschleichen und mich zur Besinnung bringen konnte. Er tat es nicht oft, und ich merkte es immer. Erstaunlicherweise hatte auch Dorians Kraft mit den Jahren zugenommen. Auch ohne, dass er dafür haufenweise Vampire hatte töten müssen.
   »Beruhige dich, Louisa. Ich meine nur, vielleicht würde es dir guttun. Um deinen Hunger zu stillen.«
   »Ich hab nicht das Bedürfnis, mit anderen Männern zu schlafen.« Ich drückte die Wut mühsam hinunter.
   »Du musst da nichts tun, was du nicht willst.«
   Ich verstand nicht, warum er wollte, dass ich dahin ging. Er war rasend eifersüchtig, wenn es um Eric ging. Nun forderte er mich quasi auf, in diesen Vampirpuff zu gehen? Ich wusste nicht, ob ich nach Sex mit anderen hungerte. Mir war Sex nie besonders wichtig gewesen, warum sollte es gerade jetzt so sein? Obschon ich mir eingestehen musste, dass mich diese düstere, schmuddlige Vampirwelt faszinierte. Da saßen Sterbliche und Vampire zusammen, und die Sterblichen wussten genau, dass die anderen Vampire waren. Sie ließen sie von ihrem Blut trinken und hatten Spaß dabei. Es war aufregend, wenn auch auf eine widernatürliche, abartige Weise.
   »Schau es dir einfach mal an.« Er lächelte mich an.
   »Nur, wenn du mitkommst.«
   Dorians Lächeln erstarb.

3

Sam hatte ein unfehlbares Talent, an die falschen Kerle zu geraten. Das war bei ihrer Aufgabe bisher hilfreich gewesen. Heute Abend war Sam jedoch zum Spaß in dieser Disco und nicht darauf vorbereitet, auf einen Vampir zu treffen. Dass der Blonde einer war, merkte sie erst, als sie ihm unter das Hemd griff und seine kalte Haut und die unnatürlich harten Muskeln fühlte. Nachdem sie sich geküsst hatten. Verflucht, sie hatte einen Vampir geküsst! Und, zweimal verfluchte Kacke, das war der beste Kuss ihres Lebens gewesen. Schmale kühle Lippen so weich wie Pfirsichstreifen. Sie glaubte, noch seine Zunge in ihrem Mund zu spüren. Sinnlich, träge und genussvoll. Das konnte nicht wahr sein, dass der Mann, zu dem diese wundervollen Lippen gehörten, kein Mensch war!
   Der Vampir musterte sie interessiert. Er war sehr groß, das hatte sie angezogen. Mit ihren einem Meter achtundsiebzig plus der Zehnzentimeterabsätze war es nicht leicht, Männer zu finden, zu denen sie aufblicken konnte. Seine Haare waren um den Kopf herum kurz geschoren, das Deckhaar hing länger und wellig darüber und war von einem wunderschönen Hellblond, fast weiß. Dazu blaue Augen. Er sah aus wie der personifizierte Arier. Hitler hätte seine Freude an ihm gehabt. Sie tastete unauffällig nach dem kleinen Mechanismus an ihrem Armband, mit dem sie das Messer herausschnellen lassen konnte, das sie im Ärmel versteckt trug. Sie war überrascht, aber nicht unvorbereitet. Auch aufdringliche menschliche Verehrer konnte sie sich auf diese Weise vom Leib halten. Obwohl sie groß war und eine Narbe ihren schlanken Hals verunstaltete, war sie ein Blickfang. Lange blonde Haare, noch längere Beine, schmale Taille, eine, wie sie selbst fand, vernünftige Oberweite. Nicht zu viel, nicht zu wenig, aber perfekt geformt unter dem tief dekolletierten Top.
   Der Nazivampir leckte sich über die Lippen und bleckte die Zähne. »Hast du keine Angst?«
   Seine Stimme klang verführerisch und strich ihr wie zarte Finger über die Ohrmuscheln. Seine tief liegenden, herrlich blauen Augen blitzten kurz auf. Darauf fiel Sam nicht herein. Sie wusste, Vampire blendeten, manipulierten ihre Opfer mit ihrem Blick. Kein Vampir war so schön. Sie schafften es irgendwie, dass man das dachte. Man sah das, was sie wollten, dass man sah. Dahinter versteckte sich eine grauenerregende, gefühllose und vor allem todbringende Kreatur. »Nein«, sagte sie und ließ das Messer in ihre Hand gleiten.
   Es stimmte. Angst hatte sie keine. Nicht mehr. Ihr Pensum an Angst war ausgeschöpft. Sie wusste, sie hätte Angst haben müssen. Aber seit dem Tag vor knapp sechs Jahren verspürte sie keine Angst mehr.
   Es war der schrecklichste Tag in ihrem Leben gewesen. Der alles verändert hatte. Wirklich alles. Es war der Tag, an dem sie begriffen hatte, dass es noch eine andere Welt neben der ihr bekannten gab. Es war der Tag, an dem sie das erste Mal einen Vampir sah und das Grauen kennenlernte.
   Sie hatte ein Date mit einem Typen gehabt, der sie nur ins Bett hatte bekommen wollen. Sonst wäre sie an dem Abend nicht in dieser Bar gewesen. Sie war förmlich vor ihrem Verehrer geflohen und hatte eine Verschnaufpause und ein Bier gebraucht, ehe sie nach Hause gehen wollte. Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und ein Mann kam herein, der wie ein Filmstar aussah. Er war durchschnittlich groß, aber überdurchschnittlich gut aussehend mit strahlenden grünen Augen und einem teuren Designeranzug. Er verriegelte Türen und Fenster und fiel über die Barbesucher her.
   Als er sich den Ersten schnappte, ihm mit einer Hand so mühelos den Körper verdrehte und seine Zähne in seinen Hals stieß, hatte Sam das Gefühl, als würde die Welt, wie sie sie kannte, mit einem Schlag explodieren. Alles, was sie bisher zu wissen geglaubt hatte, war mit einem Mal bedeutungslos. Nichts würde mehr so sein, wie es war.
   Als diese Kreatur den Blick hob und sie in schwarze mordgierige Augen sah, wusste sie, dass sie den nächsten Tag nicht erleben würde. Dass dieses abgrundtief böse Wesen, das aus der Hölle gestiegen sein musste, sie alle töten würde. Nicht, um sich von ihnen zu ernähren. Sondern um seinen Hass, seine Mordlust damit zu befriedigen.
   Sams Verstand setzte aus. Das war ein Vampir. Ein Vampir. Ein Vampir! Eine fleischgewordene Legende. Es gab sie wirklich! Er war nicht schön und mysteriös und wollte sie auch nicht vor dem grapschenden Date retten. Er hatte keinen Schlafzimmerblick und keine sanften Lippen, in die sie sich verlieben konnte. Er würde ihr auch nicht die Hand reichen, um sie als Einzige zu verschonen. Er, dieser Auswurf der Hölle, war gekommen, um zu töten. Er zerfleischte einen nach dem anderen. Zerfetzte Kehlen und durchbiss Handgelenke, brach Hälse und Arme, zerrte Frauen die Kleider vom Körper und biss sich in ihren Brüsten fest.
   Als er seine Zähne in ihren Hals rammte, hatte das nichts Sinnlich-Erregendes. Er riss ihr brutal die Haut auf, knurrte wie ein Tier und hielt sie fest. Niemals wäre sie gegen diese unmenschliche Kraft angekommen. Sie hatte sich nicht gewehrt, sie war starr vor Schreck gewesen. Ihr schlimmster Albtraum war wahr geworden. Sie hatte wahrlich Todesangst verspürt.
   Wie durch ein Wunder kam sie mit dem Leben davon. Knapp, aber sie überlebte, obwohl sie sich manches Mal gewünscht hatte, es wäre nicht so. Niemand glaubte ihr, dass sie von einem Vampir angefallen worden war. Sie hatte Monate in psychiatrischen Kliniken verbracht, alle Psychopharmaka dieser Welt geschluckt. Bis sie endlich begriff, dass sie nur sagen musste, was die Ärzte hören wollten, damit sie sie in Ruhe ließen. Also gab sie zu, es sich ausgedacht zu haben. Wenig später durfte sie die Klapsmühle verlassen und fand sich in einer Welt wieder, die nicht anders wirkte. Bis man genauer hinsah.
   Das tat Sam. All die Jahre hatte sie es getan. Auch in der engen Toilettenkabine mit der Ausgeburt der Hölle vor sich. Sie versuchte, hinter seine Fassade zu blicken. Wollte die grauenerregende Fratze sehen, die er verbarg. Sie sah nur diesen verdammt attraktiven blonden Kerl. Mist! Langsam ließ sie den Arm sinken, den sie ihm noch immer um den Hals geschlungen hatte, und fuhr die zweite Klinge heraus. Blitzschnell griff sie danach und drückte sie ihm an die Kehle. Sie wusste, sie würde ihn damit nicht töten können, doch sie wollte sich nicht kampflos von ihm aussaugen lassen.
   Einen Vampir zu töten war schwer. Ihr war es bisher nicht gelungen. Sie war noch nicht lange bei den Rächern, einer Gruppe von hasserfüllten und kampferprobten oder einfach wahnsinnigen Opfern, die ihr Schicksal in die Hand nahmen. Vampirjäger, die hinter den schönen Schein dieser widernatürlichen Kreaturen blickten. Sam hatte ein erstaunliches Talent dafür entwickelt. Sie war beinahe immun gegen die mentale Beeinflussung, denn sie spürte, wenn jemand in ihren Kopf eindringen wollte. Sie hatte sich von zu vielen Psychiatern und Therapeuten bequatschen lassen. Ihr Kopf gehörte ihr. Und ihr Blut auch.
   Der Vampirnazi lachte. Mist, selbst von dem überheblichen Lachen bekam sie eine Gänsehaut. Jedoch nicht vor Angst.
   »Mit dem Messer willst du mich töten, Sterbliche?« Er legte den Kopf schief.
   Vorsichtig führte sie ihre andere Hand nach oben. In seinen Schritt. Drückte den kalten Stahl in seine harten und ebenso kalten Eier.
   »Ts ts ts. Pass auf, dass du dich nicht schneidest.«
   Ehe sich Sam versah, hatte er ihre Arme gepackt. Das Messer, das eben noch auf seine verfluchte Männlichkeit gerichtet war, schnitt dabei einmal über ihren Oberschenkel. Es brannte. Gleichzeitig spürte sie einen weiteren Schnitt am Hals, unterhalb des Kieferknochens. Er presste ihr die Arme über den Kopf an die kalte geflieste Wand. Das alles war so schnell gegangen, dass Sam ihn nur entsetzt anstarren konnte. Er stand so dicht vor ihr, dass sie sein Geruch einlullte. Er roch nach Bier, Duschgel und so intensiv nach Mann, dass sie leise stöhnte und ihre Hormone verfluchte.
   »Du willst also spielen«, raunte er ihr zu und neigte sich zu ihr herunter.
   Er leckte ihr das Blut aus dem oberflächlichen Schnitt an ihrem Hals. Ohne darüber nachzudenken, verpasste sie ihm eine Kopfnuss, die ihr mehr wehtat als ihm. Es fühlte sich an, als hätte sie den Kopf gegen eine Betonwand geschlagen. Sie wimmerte. Der Vampir richtete sich lachend wieder auf, hatte aber eine kleine Platzwunde an der Augenbraue, wie Sam mit Genugtuung feststellte. Er fuhr mit einem langen bleichen Finger darüber und leckte das Blut ab. Als sie wieder auf seine Augenbraue sah, war die Wunde verschwunden. Verheilt. Als wäre sie nie da gewesen.
   Er lachte, als er ihren erstaunten Gesichtsausdruck sah. »Willst du immer noch spielen? Dann mal los.«
   Er ließ ihre Hände los und trat einen Schritt zurück. Auf die geschlossene Tür der schmalen gemauerten Kabine zu, wo er stehen blieb und sie auffordernd lächelnd musterte. Sam ließ die Arme sinken und hielt die Messer vor sich. Bereit, zuzustechen. An ihm würde sie nicht vorbeikommen. Um Hilfe zu rufen, hatte keinen Sinn. Sie würde Unschuldige mit hineinziehen, die er mit Sicherheit töten würde. Wahrscheinlich würde sie nicht einmal jemand hören, bei der lauten Musik im Saal nebenan.
   »Oder hast du doch Angst?«, fragte der Blonde und kam wieder näher.
   Als er an der Spitze der Messer angekommen war, hielt er nicht inne, sondern schob sich weiter vorwärts. Sam wich zurück, bis sie die Wand im Rücken spürte. Der Vampir bewegte sich auf sie zu und in die Messer hinein. Sie hatte die Knäufe im Magen und spürte einen plötzlichen Druck darauf. Beide Klingen bohrten sich durch den Stoff seines Hemdes und bis in die Haut. Entsetzt starrte sie auf ihre Hände. Der Vampir stöhnte, als würde sie ihm den Rücken kraulen. Die Messer steckten gut fünf Zentimeter tief in seinem Fleisch. Sam keuchte auf. Der Blonde lachte wieder dieses samtweiche Lachen. Es schien ihm nicht das Geringste auszumachen. Im Gegenteil. Es gefiel ihm, erregte ihn sogar. Was sollte sie machen? Plötzlich hörte sie die Tür aufgehen. Laute Musik und fröhliches Stimmengewirr der Disco nebenan schwappten wie eine bunte Flutwelle herein.
   »Jay?« Eine Frau. »Wir wollen los.«
   Der blonde Vampir zog sich mit einem genüsslichen Stöhnen aus ihren Messern zurück. »Du solltest Angst haben«, raunte er ihr zu und war so schnell verschwunden, dass Sam erneut aufkeuchte.
   »Was ist mit deinem Hemd?«, hörte sie die Frau fragen, ehe der Lärm wieder aufbrandete.
   Die Tür fiel zu, und es wurde still. Sams Beine versagten ihren Dienst, und sie sank zitternd zu Boden. Ihr wurde übel, und sie richtete sich panisch auf, um sich würgend in die Toilettenschüssel zu übergeben.
   Nein, sie hatte wirklich kein Händchen für Männer.

Sam blieb ein paar Minuten auf dem Toilettenboden sitzen, ehe sie aufstand, die Schultern straffte und die Disco verließ. Sie sah sich nervös um. Der Vampirnazi – Jay – war verschwunden. Sie schwang sich auf ihre Vespa und fuhr nach Hause. Wobei ihr Zuhause nicht viel mehr war als eine Ferienwohnung, die ihre Mitstreiter und sie sich gemietet hatten. Sie waren einem Gerücht gefolgt, dass es in der Stadt so etwas wie einen Vampirklub geben sollte. Sie hatten schon öfter von solchen Klubs gehört, jedoch nie Genaueres erfahren. Doch je tiefer man buddelte …
   Sam schloss die Tür hinter sich und stapfte ins Wohnzimmer, das gleichzeitig Küche und Schlafzimmer von Will war. Dieser sah träge von dem Buch auf, in dem er gelesen hatte. Er erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte und kam zu ihr. Will, der eigentlich Wilhelm hieß, war Ende vierzig mit dem ewigen schwarzen Dreitagebart eines Comicganoven. Sein Kopf war kahl geschoren, seine Bewegungen kraftvoll. Er musterte sie mit stummem Blick seiner von Lach- und Sorgenfalten eingerahmten blassgrünen Augen. »Wilden Sex gehabt?« Er zog die Brauen zusammen, sodass sich eine steile Falte dazwischen bildete.
   »Eher eine Begegnung der besonderen Art«, erwiderte Sam und drängelte sich an ihm vorbei ins Badezimmer. Sie zupfte mit spitzen Fingern ein stinkendes schwarzes Netzshirt, das nur Jules gehören konnte, aus dem Waschbecken und ließ sich kaltes Wasser über die Hände laufen. »Ich war in diesem neuen Szeneklub. Ich dachte nicht, dass ich auf einen von ihnen treffen würde. Ich habs auch erst gemerkt, als ich mit ihm auf die Toilette verschwunden bin.«
   Sie sah auf. Will stand an den Türrahmen gelehnt und musterte sie aufmerksam. Er war der Älteste von ihnen und hatte Frau und Kinder durch den Angriff eines Vampirs verloren. Monatelang hatte er das Scheusal gejagt, bis er ihn zu fassen bekommen und getötet hatte. Wobei er selbst fast drauf gegangen wäre. Er hatte erkannt, dass man sie töten konnte. Sie waren nicht unsterblich. Zumindest nicht die Jungen. Sie waren schnell und ungeheuer stark, aber man konnte sie verletzen. Sie bluteten und empfanden Schmerz. Bei ausreichend Verletzungen – Stichen, Schnitten, Schusswunden, Brüchen und so weiter – kapitulierte selbst ein Vampirkörper irgendwann. Etwas Benzin oder Lampenöl darüber und es gab einen Vampir weniger auf der Welt. Wenn man selbst es bis dahin überstand.
   »Hat er dich gebissen?«
   »Nein. Das waren meine Messer.«
   »Wolltest dich nicht kampflos ergeben, was?«
   »Niemals.«
   Will lachte und kam zu ihr. Er drückte sie auf den Toilettendeckel und zog ihren Erste-Hilfe-Koffer unter dem Waschbecken hervor, um die Wunde zu reinigen. Nachdem sie die Hose ausgezogen hatte, besah er sich auch ihr Bein, und schmierte Jod auf die Wunde. Bei all dem sprach er nicht. Sam war sich seiner Nähe mehr als bewusst. Will war fast doppelt so alt wie sie, aber er war ein Mann. Kein Bubi. Er war nicht schön und geleckt wie der Vampirnazi, er hatte Kanten und Falten, schwielige Hände und kratzige Wangen. Er roch auch nicht nach teurem Aftershave. Wills Geruch war eine Mischung aus Moschus, Zigarette und Schweiß und aufregend männlich.
   »Jules ist nicht da?«, fragte sie, und Will schüttelte den Kopf. »Radek?«
   »Wir sind allein.«
   Es war Feststellung und Aufforderung zugleich. Sam nahm sie gern an, denn Will war ein guter Liebhaber. Sie wusste, dass sich keiner von ihnen in irgendwelche Gefühle verrannte. Sie hatten zu viel erlebt und waren gefühlsmäßig zu verkorkst, um sich etwas anderes als gelegentlichen – wirklich guten! – Sex miteinander vorstellen oder auch nur wünschen zu können. Es war schön, ein bisschen Lebendigkeit zu spüren. So war es von Anfang an mit ihnen gewesen.
   Sam hatte Will in einer Bar entdeckt und ihm einen Drink spendiert. Will war geschmeichelt gewesen, von einer so viel jüngeren Frau angesprochen zu werden, aber zu sehr Gentleman, um auf ihre eindeutigen Signale zu reagieren. Bis er ihre Narbe gesehen hatte. Er hatte sofort gewusst, dass sie nicht von einem Tier stammte. Denn er hatte Ähnliche.

»Jay«, erzählte sie, als sie sich wieder angezogen hatten und sich eine Zigarette teilten. »So hieß der Vampir. Eine Frau war bei ihm. Ich hab sie nicht gesehen, aber sie hat nach ihm gerufen. Er ist sofort abgezischt.«
   »Vielleicht ist sie seine Schöpferin«, mutmaßte Will. Er hatte sich seine Shorts angezogen und saß mit freiem Oberkörper auf dem Sofa, auf dem sie sich kurz zuvor sanft und wortlos geliebt hatten. Obwohl alle wussten, dass Sam und Will es nach einer Jagd miteinander trieben, sprach keiner darüber. Sie taten immer so, als wäre nichts gewesen. Dabei hätten sich weder Jules noch Radek daran gestört. Die beiden hatten nur Vampire töten im Kopf.
   Radek war ein hünenhafter Schwarzer, groß wie ein Schrank und genauso breit. Niemand wusste etwas über ihn. Er war plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht und hatte Spaß daran, mit seinen Maschinenpistolen der Marke Steyr herumzuballern. Das 9-mm-Kaliber hinterließe so schöne Löcher in Vampirkörpern, war immer sein Argument für diese unhandliche Waffe. Ohne Schalldämpfer bekamen die Vampire zusätzlich noch ordentlich Ohrenschmerzen, selbst wenn er nicht traf. Vampire verfügten über ein sehr sensibles Gehör. Weshalb Jules seine kleine Walther Taschenpistole auch stets neben dem Ohr eines Vampirs abfeuerte und es nicht darauf anlegte, zu treffen.
   Jules war der Durchgeknallteste von ihnen. Er war wochenlang in der Gewalt eines perversen Vampirs gewesen und hatte dabei schlichtweg den Verstand verloren. Er konnte keine Sekunde stillstehen, hatte fast ununterbrochen eine Zigarette im Mund und schluckte so viel Valium, dass man eine Kuh damit hätte lahmlegen können. Er war kaum älter als Sam, also Mitte zwanzig, dürr, bleich und hatte strähnige Haare in der Farbe von altem Stroh. Sam wusste nicht, ob er schon vor dieser Vampirsache ein Gothic war, aber er kleidete sich ausnahmslos schwarz. Immer in Netz und Lack mit Ketten und Bondage-Bändern. Er hatte Piercings im Gesicht und auf der Zunge, die Ohren waren voll damit, seine Brustwarzen ebenfalls. Sam würde sich nicht wundern, wenn andere Körperteile von ihm ebenfalls mit Blech verziert waren. Seine Spezialität war das Feuer.
   Will war derjenige, der die Idee mit dem Feuer hatte. Und dem Strom. Er hatte handelsübliche Elektroschocker so umgebaut, dass sie selbst einen Vampir für einen Moment lahmlegten. In der Zeit konnten sie entweder fliehen oder Radek pumpte den Untoten in aller Ruhe mit Blei voll.
   »Eigentlich treiben sie sich nicht in diesen Schickimickiklubs herum«, sagte Sam. »Das ist für gewöhnlich nicht ihr Stil. Viel zu hell, zu viele Türsteher und anderes Sicherheitspersonal und vor allem mitten in der Stadt. Wo sie jeder sehen kann und sie nicht einfach so verschwinden können.«
   Sie waren in Palermo, der Hochburg der Mafia. Die Polizei war sehr wachsam und gerade in der Innenstadt zahlreich vertreten. Da auch Sizilien vom Tourismus lebte, hatten viele Klub- und Barbesitzer ihre Läden und die nähere Umgebung mit Überwachungskameras ausgestattet. Damit sich die Touristen dort wohler fühlten. Sicherer. Kein Vampir würde es riskieren, bei seiner Mahlzeit aufgezeichnet zu werden.
   »Vielleicht waren sie nur zum Spaß da?«, sprach Will das aus, was Sam dachte.
   Warum zum Henker sollten Vampire zum Spaß unter Menschen gehen?
   Die Tür wurde aufgestoßen, und Radek und Jules kamen mit lautem Getöse herein.
   »Jiha«, rief Jules und schlug dem Hünen auf die Schulter. »War das ’ne geile Show oder was?«
   Radek grinste nur, sodass seine weißen Zähne aufblitzten, legte seine Waffen auf den Tisch und holte sich ein Bier aus dem Einbaukühlschrank. Jules ging zu Sam und Will, streckte die dürren mit Leder- und Nietenarmbändern geschmückten Arme nach oben und stieß die Hüften vor und zurück.
   »Den. Haben. Wir. So was. Von. Gefickt«, triumphierte er bei jedem Vorwärtsstoß seiner Hüfte. »Scheiß. Blutsauger. Arsch!«
   Er tanzte im Zimmer herum, sprang auf den Sessel, stieß die schmalen Hüften gegen Wände und Möbelstücke und grölte dabei Fußballlieder. Als er fertig war, zündete er sich eine Zigarette an und ließ sich neben Sam fallen. Sie hatte ihn grinsend beobachtet.
   »Habt ihr einen erwischt?«, fragte Will.
   »Baby. Das war so was von geil«, raunte Jules ihr zu. »Wir haben diesen Scheißblutsauger in eine dunkle Gasse gelockt.« Er hielt demonstrativ seinen Arm hoch, den sie notdürftig mit einem Halstuch verbunden hatten, und an dem noch getrocknetes Blut klebte. »Dann hat Radek ihn durchsiebt. Der ist umgefallen wie ein nasser Sack. Seine Fresse hättest du mal sehen sollen, als ich ihm ’ne Ladung Strom durch die Eier gejagt habe! Scheiß Arschficker!«
   Er zündete sich mit zitternden Fingern eine weitere Zigarette an. Jules hatte jedes Mal Todesangst, wenn sie auf einen Vampir trafen. Jedes Mal in unverminderter Heftigkeit. Deshalb war er so aus dem Häuschen, wenn sie einen von ihnen erledigten.
   »Er hat sogar noch gelebt, als wir ihn angezündet haben. Saugeil!«
   »Ja, nur dass dein Scheißgebrüll uns die Bullen auf den Hals gejagt hat«, sagte Radek. Seine Stimme passte perfekt zum Rest seiner Erscheinung. Sie war sehr tief und volltönend, und wenn er lauter wurde, erbebte der Raum und man wollte sich die Ohren zuhalten.
   »Haben sie euch gesehen?«, fragte Will.
   »Nee, da müssen diese Spaghettifresser schon früher aufstehen.« Jules lachte böse.
   »Habt ihr wenigstens mit ihm reden können?«, fragte Will weiter.
   Radek lachte grimmig. »Wenn unser Psycho hier erst mal den ersten Schock überwunden hat, ist er kaum noch zu bremsen. Aber der Penner hat immer was von Luce del Giorno gefaselt.«
   »Luce del Giorno«, sinnierte Will. »Tageslicht? Keine Ahnung, was damit gemeint ist.«
   »Vielleicht dachte der Scheißpisser, er geht in Rauch und Asche auf, wenn die Sonne aufgeht«, sagte Jules und lachte dreckig. »Das wäre der Hammer, oder? Warum stimmt der Teil der Legende eigentlich nicht? Wir müssten die Viecher nur fangen, in einen Käfig sperren und warten, bis sie in der Sonne gar gebrutzelt sind.« Er schlug sich auf die Schenkel und lachte.
   »Vielleicht eine Vampirgruppe«, schlug Sam vor.
   »Oder ein Klub«, erwiderte Will vielsagend.
   »Ein Klub voller Vampire?«, fragte Radek und stellte sein Bier geräuschvoll auf dem Tisch ab. »Dann brauchen wir aber mehr als diese mickrigen Stromschocker.«
   Will nickte. Sam sah seinen zusammengekniffenen Augen an, dass er im Geiste bereits andere Möglichkeiten durchdachte.
   »Sieben auf einen Streich.« Jules kicherte irre.

4

»Zoe ist heute mit Chiara verabredet«, erzählte mir Louisa, nachdem sie sie zur Schule gebracht hatte. »Sie wollen bei ihr zu Hause spielen.«
   Ich zog die Augenbrauen hoch. Deshalb wirkte Louisa also so angespannt. »Wird Franco auch da sein?«
   »Das nehm ich an, deshalb möchte ich heute von dir trinken.«
   »Du solltest zwischendurch mal frisches Blut trinken«, hielt ich ihr zum wiederholten Mal vor und zog sie zu mir. »Soll ich mitkommen?«
   Louisa schüttelte den Kopf. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass keiner von uns allein aus dem Haus ging. Vor allem nicht Louisa. Mir war einfach wohler dabei. Jeder hielt sich daran. Selbst Louisa.
   »Jayden wird mich begleiten«, antwortete sie, lächelte und gab mir einen Kuss. »Deine neue Sekretärin kommt doch heute.«
   Ach ja, meine Bürohilfe. An die hatte ich nicht mehr gedacht. Bisher hatte sich Louisa um die Papiere gekümmert. Oder ich. Aber mir war meine Zeit dafür nach wie vor zu schade.
   Wir hatten schon zwei erfolglose Versuche, eine geeignete Kraft zu finden, hinter uns, deshalb hatte ich den Termin verdrängt. Die Erste, eine Frau aus der Gegend, hatte mich bestohlen. Stell sich das mal einer vor! Arbeitet im Haus eines Vampirs und beklaut ihn! Die Zweite, na ja … Nachdem Eric sie auf meinem Schreibtisch gevögelt hatte, warf Louisa sie hochkant raus. Diesen dritten und letzten Versuch verdankte ich Louisa. Sie hatte die Neue ausgesucht.
   Als sich zwei Stunden später die Tür öffnete, wusste ich auch, warum. Unsicher streckte mir meine neue Assistentin die Hand hin.
   »Mr. Fitzgerald?« Ihre Stimme war nicht mehr als ein Piepsen. »Ich bin Charlotte Miller. Es freut mich, Sie kennenzulernen.«
   Ich ergriff schmunzelnd die kleine Hand und war überrascht, einen festen warmen Händedruck zu bekommen, der nicht zum Rest passen wollte. Miss Miller war Ende zwanzig, klein, mit so schmalen Schultern, dass ich mich wunderte, dass ihr das Etuikleid nicht davon hinunterrutschte. Das graue Kleid war für eine Sekretärin gut gewählt und ließ nichts von ihrer Figur erkennen. Es wirkte viel zu streng für eine so junge Frau. Ihre dunkelbraunen Haare fielen ihr bis auf die Schultern, der Pony war so lang, dass er auf dem dunklen Brillengestell auflag. Den Blick hielt sie gesenkt, als würde sie etwas auf dem Fußboden suchen oder wäre es gewohnt, nach unten zu blicken. Sie trug eine für ihre zierliche Statur riesig wirkende Umhängetasche bei sich. Mit dem albernen Tuch, das sie sich trotz der Hitze um den Hals gebunden hatte, sah sie aus wie ein Schulmädchen. Ein Schulmädchen mit dem Charme einer in die Jahre gekommenen Bibliothekarin.
   »Kommen Sie rein, Miss Miller«, begrüßte ich sie und beobachtete kopfschüttelnd, wie sie etwas plump an mir vorbeischlüpfte. »Gefällt Ihnen die Wohnung? Wenn nicht, können Sie sich natürlich eine andere suchen.«
   Wir hatten Miss Miller aus England kommen lassen. Louisa wollte lieber jemanden haben, der etwas im Kopf hatte, anstatt in der Bluse. Sie hatte ihr ein Appartement in der Nähe besorgt. Zu Anfang sollte sie dort wohnen.
   »O ja«, sagte Miss Miller. »Es ist viel zu groß für mich, aber sehr schön. Vielen Dank, dass Sie sich darum gekümmert haben.«
   Wieder diese Piepsstimme, als hätte sie Angst, man würde tatsächlich hören, was sie sagte. Ich führte sie in mein Arbeitszimmer, das im Erdgeschoss lag. Ich hätte gern eines mit Blick zum Strand gehabt, aber Louisa ging jeden Tag schwimmen, das hätte mich einfach zu sehr abgelenkt. Neben meinen Mahagonischreibtisch hatte ich einen zweiten in den großen Raum gestellt, den ich Miss Miller nun zuwies.
   »Meine Frau hat Ihnen einen Tee hingestellt. Oder möchten Sie lieber Kaffee?«
   »Tee ist prima. Danke sehr. Aber das sollte Mrs. Fitzgerald nicht tun. Morgen koche ich mir selbst welchen«, antwortete sie und sah mich fest an. »Immerhin arbeite ich für Sie. Ihre Frau hat bestimmt andere Dinge zu tun und sollte nicht für Ihre Sekretärin Tee kochen.«
   Ich zuckte die Schultern. Komische Person. Ein bisschen wie James. Der hätte sich auch niemals von Louisa Tee kochen lassen. Ach, manchmal vermisste ich ihn, meinen persönlichen Alfred.
   Im Laufe des Vormittages musste ich feststellen, dass Miss Charlotte Miller auf dem besten Weg war, einen annehmbaren Ersatz für meinen treuen Butler zu bilden. Obwohl sie unsicher und verschüchtert wirkte, war sie gescheit und kompetent. Ich hatte ihr verschiedene Arbeiten hingelegt, die sie nach einer kurzen Einweisung selbstständig erledigte. Für Fragen blieb ich im Raum und nutzte die Gelegenheit, mich einer meiner Lieblingsbeschäftigungen zu widmen. Dem Internet. Natürlich frönte ich noch immer meiner Lust, mich durch die Social Networks dieser Welt zu schreiben.
   Mittags gab ich Miss Miller frei, damit sie essen gehen konnte. Sie hatte sich Sandwiches mitgebracht und wollte nicht nach Hause fahren. Stattdessen ging sie an den Strand, wo sie auch prompt auf Michael stieß. Michael, ganz der Verführer, begrüßte sie galant und hocherfreut. Seiner Masche treu ergriff er ihre Hand. Er musste sich weit vorbeugen, um seine Lippen auf ihren Handrücken zu legen, so klein war Miss Miller. Zu meiner Überraschung trank er jedoch nicht von ihr. Ich zuckte die Schultern und ging wieder hinein. Vielleicht war er nicht durstig. Obwohl das ungewöhnlich für Michael war.
   Am Nachmittag war mir die Lust am Internet vergangen. Also tat ich, als würde ich arbeiten, und musterte Miss Miller immer wieder verstohlen. Sie saß hoch konzentriert über die Papiere gebeugt, den Blick starr darauf gerichtet und schien nichts von ihrer Umgebung wahrzunehmen. Ihre Haltung war leicht gebeugt, sie würde bestimmt mit den Jahren Rückenschmerzen davon bekommen. Die schulterlangen Haare hatte sie mit einer Haarklammer hochgebunden. Ihr Gesicht war eigentlich hübsch mit ausgeprägten Kieferknochen und einem runden Kinn, nur leider sah man aufgrund der großen Brille nicht viel davon.
   Irgendwann kam Louisa herein. Miss Miller schüttelte ihr verunsichert, aber tapfer die Hand und bedankte sich für alles. Sie trug ein langes bunt gemustertes Kleid mit bauschigen Ärmeln aus weichfließendem Stoff und einen großen Hut, was sie oft tat, wenn sie tagsüber nach draußen ging. Ihr war mit Sicherheit nicht bewusst, dass sie genau wie die Frauen wirkte, die sie selbst verabscheute. Reich und wunderschön. Offenbar war sie zufrieden mit ihrer Auswahl, denn sie lächelte mir leicht gehässig zu. Ich verabschiedete mich unwillig von ihr und stellte mich nach einem gelangweilten Seufzer neben meine neue Sekretärin. Sie hatte eine saubere Handschrift und eine professionelle Ausdrucksweise in ihren Briefen. Plötzlich sah sie mit flatterndem Blick zu mir auf.
   »Mr. Fitzgerald? Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber könnte ich morgen in einem anderen Raum arbeiten?«
   »Warum?«
   Sie räusperte sich und straffte die schmächtigen Schultern. »Das ist Ihr Büro, und wenn Sie mit im Raum sind …« Sie hielt inne und räusperte sich erneut. »Sie machen mich nervös, Mr. Fitzgerald.«
   »Das tut mir leid«, sagte ich und trat einen Schritt zurück. »Ich werde Ihnen nicht mehr über die Schulter sehen, wenn …«
   »Das ist es eigentlich nicht«, beeilte sie sich zu versichern. »Nur … Sie sind so … schön. Und Ihre Frau auch. Das macht mich nervös.«
   Ich musste lachen. Na, die hatte ja Nerven! »Das ist sehr schmeichelhaft, Miss Miller. Wenn es Sie beruhigt, lasse ich Sie allein.«
   »Danke schön, Mr. Fitzgerald. Das würde mich in der Tat beruhigen.«
   »Na, denn.« Kopfschüttelnd verließ ich mein Arbeitszimmer und ging zu Michael, der es sich auf der Terrasse bequem gemacht hatte. Eric war mittlerweile auch aus seiner Höhle gekrochen und hielt sich eine dieser kleinen tragbaren Spielekonsolen vor die Nase.
   »Ist das zu fassen?« Ich ließ mich auf einen Stuhl im Schatten nieder. »Miss Miller wird nervös, wenn ich mit im Raum bin. Sie hat mich rausgeschickt.«
   Eric lachte gehässig.
   »Wie macht sie sich?«, fragte Michael.
   Er sah mich nicht an und wirkte betont gleichgültig. Übertrieben gleichgültig, wie ich nur nebenbei feststellte. »Sehr gut. Ich denke, ich werde sie behalten. Du hast vorhin nicht von ihr gekostet.«
   »Nein.«
   »Warum nicht?«
   »Ich finde sie interessant.«
   Interessant war das Adjektiv, was mir bei Miss Miller eher nicht eingefallen wäre. Doch hatte nicht auch ich mich in ein schlichtes Geschöpf verliebt, aus dem ein bezaubernder Schwan geworden war? Mein alter Freund warf mir einen langen, tiefen Blick zu. Es wäre eine Abwechslung, wenn er jemanden gefunden hätte, der sein Herz dauerhaft erwärmte.
   »Michael ist verliehiebt«, trällerte Eric und sah von seiner Spielekonsole auf. »Und? Ist sie heiß?«
   »Ich werde mich gewiss nicht in eine Sterbliche verlieben, die ich erst töten muss, damit sie mit mir zusammen sein kann«, erwiderte Michael.
   »Das musst du ja auch nicht«, sagte ich.
   Michael fuhr aufgebracht zu mir herum. Er hatte wirklich einmal zu viel von Louisa getrunken. Diese aufbrausende Wut, das war nicht der Michael, den ich kannte. »Das hier ist keine Welt für eine Sterbliche, das weißt du ja wohl am besten. Ich werde niemanden aus Selbstsucht verwandeln …«
   »So wie ich«, fiel ich ihm ins Wort.
   Seine Züge wurden sofort weicher. »Tut mir leid, alter Freund. Ich weiß, wie sehr du Louisa von Anfang an geliebt hast. Aber ich kann das nicht.«
   »Musst du auch nicht.« Ich grinste. »Ich könnte es tun. Oder Eric.«
   Michael verdrehte die Augen, grinste jedoch ebenfalls. Diese Wut verflog so schnell, wie sie gekommen war. Das war bei Louisa leider nicht so. »Du würdest sie mit deinem Blut verwandeln?«, fragte er mich.
   »Nein. Aber Jaydens Blut ist auch stark.«
   Michael sah mich einen Moment nachdenklich an und seufzte. »Tut mir einen Gefallen, lasst die Finger von ihr. Alle!«
   Er funkelte Eric böse an, der nur gleichgültig die Schultern zuckte. Ich wusste, er respektierte Michael und würde nichts tun, um ihn zu verletzen. Zwischen den ungleichen Männern hatte sich eine Freundschaft entwickelt. Wie zwischen uns allen. Jeder würde für den anderen den Kopf hinhalten. Ja, selbst ich würde Eric nicht einfach sterben lassen, auch wenn er all seine Vampirsinne voll auskostete und mich mit seiner Zügellosigkeit wahnsinnig machte.
   »Willst du denn mal wieder in diesen Klub gehen?«, fragte er wie aufs Stichwort.
   »Ich hatte vor, heute Abend hinzugehen«, sagte ich nach einer Weile. »Mit Louisa. Sie ist den ganzen Tag bei diesem Polizisten. Sie wird durstig sein.«

5

Franco war nervös. Es war lange her, dass er eine Frau zu Besuch hatte. Obwohl diese nicht ihn besuchte, sondern nur ihre Tochter begleitete. Dennoch erwischte er sich dabei, wie er zum wiederholten Mal die Kissen des Sofas aufschüttelte. Dio mio, mein Gott, er benahm sich wie ein Teenager bei seinem ersten Date. Dabei war diese Frau glücklich verheiratet. Mit einem unverschämt gut aussehenden Kerl. Dass die beiden glücklich waren, sah man sofort. Auch ohne Polizisteninstinkt. Er hatte keine Chancen bei ihr. Trotzdem war er angespannt. Louisa war anders. Er konnte nur nicht sagen, was ihn auf diesen Gedanken brachte. Vielleicht war es sein Schnüfflerinstinkt, vielleicht war er einfach schon zu lange allein.
   Als er Dorian und Louisa Fitzgerald das erste Mal sah, hatte er sofort befürchtet, einen weiteren Drogenbaron vor sich zu haben. Oder einen Waffenschieber. Der Mann stank förmlich nach Geld. Sein Anzug war maßgeschneidert und mit Sicherheit sauteuer. Er kannte das Anwesen, das die Fitzgeralds gekauft hatten. Es war mehr wert, als er in seinem Leben verdienen würde.
   Deshalb hatte er sich hinter den Computer geklemmt und sie überprüft. Keine Spur von zwielichtigen Geschäften oder Geschäftspartnern. Sie waren sauber. Er hatte reich geerbt und daraus eine Riesenfirma gemacht, die Gerald Group mit Niederlassungen auf der ganzen Welt. Ihr angeschlossen waren mehrere kleinere Firmen, wie eine Softwareentwicklerfirma, ein Hardwarehersteller in Fernost, einige Handwerksbetriebe, eine Reederei und andere. Er unterhielt mehrere Blutspende- und Sozialzentren, zahlte pünktlich und ordnungsgemäß seine Steuern, war in der Kirche und ließ sich auch dort nicht lumpen, was jährliche Spenden anging. Er war weder vorbestraft noch hatte er auch nur einen Strafzettel für falsches Parken bekommen. Dafür etliche für zu schnelles Fahren, aber das war bei seinem Fuhrpark kein Wunder. Außerdem kaufte er Immobilien wie Frauen Schuhe.
   Sie hingegen kam aus einfachen Verhältnissen und hatte eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Auf ihren Namen liefen eine Wohnung in England und die Hälfte seines Vermögens. Geheiratet hatten sie am Tag der Geburt ihrer Tochter vor elf Jahren. Da waren sie neunzehn. Verdammt jung zum Heiraten. Das war das einzig Sonderbare. Francos Frau war auch sehr jung gewesen, als sie geheiratet hatten. Vielleicht machten das stinkreiche Menschen eben so.
   Er hatte keine lebenden Verwandten, sie ihre Eltern und eine Schwester mit Familie. Ein Bruder war nicht auffindbar, der andere lebte bei ihnen. Louisa hatte einmal eine Anzeige wegen sexueller Belästigung gestellt, war aber ansonsten unauffällig. Ihr Bruder Eric hatte einige Anzeigen wegen Körperverletzung hinter sich, alles Kneipenschlägereien, nichts Ernsthaftes. Ansonsten war auch er sauber.
   Die anderen dieser sonderbaren Familie hatte Franco nicht überprüfen können. Nur anhand des Vornamens kam man selbst als Polizist nicht weit.
   Alles in allem waren sie zu sauber. Genau das machte ihn stutzig. Er wollte gern glauben, dass man mit Glück und harter Arbeit reich werden konnte, doch kein Mensch wurde auf ehrlichem Weg so reich wie dieser Fitzgerald und seine Familie.
   Es klingelte und Franco zuckte zusammen.
   »Ich mach auf«, rief Chiara und rannte zur Tür.
   Franco sah sich noch einmal im hellen Wohnzimmer um. Aus irgendeinem Grund war es ihm peinlich, dass Louisa sah, wie sie lebten. Sie hatten eine kleine Wohnung in einem sicheren Stadtviertel. Sie lag im ersten Stock und es gab eine Terrasse und einen grünen eingezäunten Innenhof zum Spielen. Alle Zimmer waren sauber und ordentlich eingerichtet. Nicht modern, aber auch nicht schäbig. Nichts, wofür man sich schämen musste. Als er noch mehr Geld verdient hatte, hatten sie sich etwas Besseres leisten können. Das hier war der Preis, den er bezahlen musste, um seine Tochter in einem ruhigen, verhältnismäßig sicheren Umfeld aufziehen zu können.
   Die Mädchen begrüßten sich überschwänglich und waren so schnell in Chiaras Zimmer verschwunden, dass er nur zwei dunkle Haarschöpfe sah. Zoe rief ihm noch eine freundliche Begrüßung zu, ehe die Zimmertür ins Schloss fiel. Sie war ein fröhliches, zufriedenes Kind und kein bisschen snobistisch oder eingebildet. Franco mochte sie. Louisa stand schüchtern in der Tür. Sie war kleiner als er, strahlte aber eine überraschende Präsenz aus.
   »Hallo Louisa«, begrüßte er sie und wollte ihr die Hand geben, merkte aber, dass seine schweißnass war. Er trat einen Schritt zur Seite und machte eine auffordernde Geste. »Kommen Sie doch rein.«
   Sie lächelte zurückhaltend und ging an ihm vorbei ins Wohnzimmer. Ihr Duft nach Blumen und irgendetwas anderem wehte an ihm vorbei. Der Stoff ihres Kleides schwebte wie ihr Duft hinter ihr her und schien nie zur Ruhe zu kommen. Wie kleine Wellen, die ihren zarten, schlanken Körper umspülten. Sie sah aus wie eine Sylphe.
   Franco schluckte hart und rief sich zur Ordnung. Dio mio, sie war verheiratet mit einem Mann so schön wie einer der Engel im Vatikan. Sie würde wohl kaum auf jemanden wie ihn stehen. Einen Provinzbullen mit mittelmäßigem Einkommen und angegrauten Schläfen. Er war noch immer gut in Form, da er jeden zweiten Tag joggen ging, aber um die Hüften herum machte sich das Alter bemerkbar. Er war halt keine dreißig mehr wie dieser Dorian.
   »Schön haben Sie es hier.«
   Louisa sah ihn offen an. Er war sich nicht sicher, ob sie es ernst meinte oder nur höflich sein wollte. »Ja, es ist einfach«, erwiderte er und hörte selbst, dass es wie eine Entschuldigung klang.
   »Ich war nicht immer reich«, sagte sie, und in Francos Ohren klang auch das nach einer Entschuldigung. »Mein Mann hat das Geld mitgebracht.«
   »Aber Sie leben gut damit.«
   Sie lachte leise, zurückhaltend. Entzückend. »Es erleichtert einiges.«
   »Ich dachte, vielleicht setzen wir uns ein bisschen auf die Terrasse? Es ist nicht mehr so heiß draußen«, schlug Franco vor und schob sie sanft durchs Wohnzimmer zur Terrassentür hin. »Ich hab uns Limonade hingestellt. Ich kann Ihnen aber auch einen Cappuccino machen. Und ich hab sogar Kuchen gebacken. Ich hoffe, Sie …« Ihr Lächeln verfinsterte sich für einen Moment. Es war nur ein winziger Augenblick, aber Franco war es gewohnt, die Leute genau zu beobachten. Jesus, er hätte sich denken können, dass sie keinen Kuchen aß. Bei der Figur! »Sie müssen natürlich nicht. Es wäre in Ordnung, wenn Sie keinen Kuchen …«
   »Ich nehme gern ein Stück«, sagte Louisa und ging lächelnd nach draußen auf die Terrasse.
   Franco lief in die Küche und wusch sich die schweißnassen Hände. Jesus, Maria und Josef, ihm war siedend heiß geworden! Warum bei allen Heiligen war er so nervös? Er hatte gesehen, wie sie scheinbar unbewusst die große Sonnenbrille in ihren kleinen Händen hin und her drehte. Auch sie war nervös. Warum?
   Als er mit den Bechern Cappuccino zurückkam, saß sie im Schatten und hatte sich die Sonnenbrille wieder aufgesetzt. Um nicht gegen die Sonne anblinzeln zu müssen, zog er seinen Stuhl neben sie. Nicht direkt, aber doch nah genug. Sie schwiegen. Franco bot ihr Kuchen an, den sie zaghaft entgegennahm und einen winzigen Bissen davon nahm. Er stopfte sich sein Stück förmlich in den Mund, wütend darüber, dass er ihn nicht einfach weggelassen hatte. Frauen wie sie aßen keinen Kuchen. Sie war nur zu höflich gewesen, ihn abzulehnen. Wahrscheinlich brachte er damit ihren Diätplan durcheinander.
   Louisa stellte den Teller mit dem restlichen Kuchen ab und nahm sich ihren Becher. »Sie sind Polizist, Franco? Welchen Posten haben Sie denn?«
   Es war ein zaghafter Beginn einer Konversation unter Menschen, die sich gerade erst kennengelernt hatten. Er war froh, dass sie sie begonnen hatte. Zu schnell fiel er in seinen gewohnten Verhörton, und damit war er bei ihrem Mann schon nicht besonders gut angekommen.
   »Ich bin im Innendienst. Früher war ich in einer Sonderabteilung für Bandenkriminalität, aber ich hab entschieden, dass es besser ist, Chiara hier großzuziehen und nicht in der Großstadt. Besser für sie.«
   »Das kann ich verstehen«, sagte Louisa mit einem kleinen Lächeln. »Sie ist ein heiteres und kluges Kind. Offenbar haben Sie die richtige Entscheidung getroffen.«
   Ja, das hatte er wohl. »Ich hab gehört, Sie waren viel auf Reisen?«, lenkte Franco das Thema lieber von sich weg.
   »Ja, solange wir noch jung sind, wollten wir uns ein bisschen die Welt angucken.« Louisa lachte. »Zoe hat viel gelernt auf diesen Reisen. Manche Dinge erlernen sich leichter, wenn man sie sieht oder erlebt.«
   Da stimmte er ihr vorbehaltlos zu. Wobei er auf einen Großteil der Dinge, die er durch Erleben gelernt hatte, durchaus hätte verzichten können. »Und nun sind Sie hier gelandet.«
   »Erst einmal. Ja«, sagte sie und trank einen Schluck aus dem Becher, den sie mit ihren unglaublich blassen Fingern umklammert hielt. »Bis Zoe die Schule beendet hat. Dann sehen wir weiter.«
   »In England gibt es viel bessere Schulen als hier, warum sind Sie nicht dort geblieben?«
   Sie legte den Kopf schief, und er hatte den Eindruck, als würde es unter der dunklen Sonnenbrille kurz aufblitzen. »Weil ich das Wetter verabscheue. Ich liebe die Sonne und die Wärme. Hier können wir jeden Tag im Meer baden.«
   »Schwimmen Sie gern?«
   »Sie denn nicht?«
   Klar, mit ihr würde er jederzeit schwimmen gehen. Er spürte ihren Blick auf sich. Verunsichert stellte er den leeren Teller auf den Tisch und sah sie an. Er beugte sich etwas vor, versuchte, durch die dunklen Gläser hindurch zu erkennen, ob sie ihn ansah. Es war immer leichter, einen Menschen einzuschätzen, wenn man ihm in die Augen sehen konnte, denn diese logen nicht. »Darf ich Ihnen die Sonnenbrille abnehmen, Louisa?«, hörte er sich fragen, überrascht von sich selbst.
   »Warum wollen Sie das, Franco?«
   Sie hielt still, als er die Hände hob, langsam, Handflächen nach vorn. Er griff nach den Bügeln der Brille. Sie hielt ihn nicht auf, als er sie ihr abnahm. Der Blick ihrer hellgrauen Augen war genau auf ihn gerichtet. Durchdringend, hypnotisch und irgendwie … hungrig?
   »Dio mio«, flüsterte er. Noch niemals hatte er solche Augen gesehen. Sie waren von einem so hellen Grau, dass sie fast weiß erschienen. Und sie strahlten eine tief empfundene Zufriedenheit aus. Diese Frau war wohl der glücklichste Mensch, den er je gesehen hatte. Sie leuchtete förmlich vor Glück und war auf eine unwirkliche, nicht greifbare Weise wunderschön. Er hätte nicht sagen können, ob es an ihren ungewöhnlichen Augen oder den verführerischen Lippen lag. Vielleicht auch an der makellosen Haut, die so zart wirkte wie chinesisches Seidenpapier? Er ertappte sich bei dem Gedanken, sie hochheben und in sein Schlafzimmer tragen zu wollen, um sie zu berühren, zu küssen. Ihre blasse Haut an seine zu drücken. Seit seine geliebte Larissa verschwunden war, hatte er keine andere Frau mehr begehrt. Bis jetzt. Dieses neue Verlangen traf ihn wie ein Fausthieb.
   »Warum sehen Sie mich so an?«
   Ihre Stimme war ruhig und klar und unaufdringlich. Eine Stimme, der man gern zuhörte. Sie hatte sich nicht bewegt. Sondern saß einfach nur da, wie in blassrosa Marmor gemeißelt. Und sah ihn an, mit diesem merkwürdigen Blick.
   »Ich …«, sagte er heiser und räusperte sich. Jesus, diese Augen! »Louisa, ich möchte mit dir schlafen.«
   Franco meinte zu erkennen, wie sich ihre Augen für einen Moment verdunkelten, als wäre ein durchsichtiger schwarzer Schleier über sie gelegt, aber sofort wieder gelüftet worden. Faszinierend. Das konnten nur Kontaktlinsen sein. Kein Mensch hatte solche Augen. Und ihr Blick … vielleicht war sie durstig? Sie hatte ihre Limonade nicht angerührt. Auch den Cappuccino hatte sie nicht ausgetrunken, wie er mit einem Blick auf den Becher in ihrem Schoss feststellte. An einem ihrer bleichen Finger prangte ein funkelnder Diamantring. Das musste ihr Ehering sein. Erst da wurde ihm bewusst, dass sie ihn noch immer ansah. Neugierig, fragend, belustigt. Und dass er seine Gedanken eben laut ausgesprochen hatte.
   Er fuhr wie von der Tarantel gestochen auf und ließ ihre Sonnenbrille fallen. Gleichzeitig bückten sie sich danach, doch sie zog ihre Hand schnell wieder weg. Als er sich wieder aufrichtete, trank sie einen Schluck aus ihrem Becher und hatte den Blick gesenkt. Ein kleines Lächeln umspielte ihre vollen, ungeschminkten Lippen. Franco hätte vor Scham im Boden versinken können.

*

»Das war so toll mit Chiara«, schwärmte Zoe, als wir die Stufen nach unten gingen. »Wir haben uns total gut verstanden. Sie hat auch zwei Ghoul-School-Puppen. Genau wie ich. Und sie hat ein tolles Zimmer und sogar einen Fernseher.«
   Ghoul-School-Puppen?, überlegte ich, bis mir einfiel, dass Dorian Zoe einige davon gekauft hatte. Puppen, die aussahen wie Zombies, Dämonen, Werwölfe und – tja, Vampire. Dorian war begeistert gewesen, als er sie entdeckt hatte. Gut, es gab ja auch Puppen, die aussahen wie Pornostars.
   Jayden erwartete uns mit geöffneter Autotür. Er hatte im Auto gewartet, verborgen, weil ich Angst hatte, es allein nicht zu schaffen. Und weil Dorian uns nach wie vor nicht allein aus dem Haus ließ. Er hatte alles gehört. Da war ich mir sicher. Er begrüßte Zoe auf seine gewohnt kühle Art, zwinkerte ihr zu und strich ihr sanft und zurückhaltend über den Kopf, wie er es immer tat. Jayden beschäftigte sich viel mit Zoe, schulte sie in ihren Fähigkeiten und spielte mit ihr. Wenn er sich unbeobachtet fühlte, lachte er offen mit ihr. Er hatte Zoe sehr gern. Und sie ihn. »Hast du Durst?«, fragte er mich, als wir losgefahren waren.
   Das hatte ich immer. In letzter Zeit war es jedoch schlimmer. Diese Manipuliererei war anstrengend. Mich dürstete es immer häufiger nach frischem Blut. Mehr als gewöhnlich und schwerer zu ignorieren.
   »Nicht nur«, murmelte ich, an Francos überraschendes Geständnis denkend.
   Jayden verstand. Er verstand mich immer, auch ohne Worte. Er urteilte nicht. Denn da war noch etwas anderes. Vielleicht der Hunger, von dem Vincenzo gesprochen hatte?
   »Dorian will heute die Squadra besuchen«, sagte Jayden. »Du solltest mitgehen. Deinen Durst stillen. Und deinen Hunger.«
   Ich seufzte. Jayden hatte nicht nur alles gehört, er hatte auch gespürt, dass ich das tatsächlich gewollt hatte. Sex. Mit Franco. Während ich sein Blut trank. Das waren gleich drei Dinge, die ich nicht mit mir vereinbaren konnte. Ich liebte Dorian so sehr, dass es wehtat, und konnte mir nicht vorstellen, jemals mit einem anderen Mann zu schlafen. Es waren absurde, unnatürliche Gelüste, die sicher vorbeigingen. Ich wollte heute Abend nicht den weiten Weg ins Tenebra fahren. Ich war müde und erschöpft, und mir war übel.
   Zu Hause angekommen führte mich mein erster Gang – schnell – ins Badezimmer, wo ich die winzigen Häppchen Kuchen erbrach. Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, während ich alles herauswürgte.
   »Was ist passiert?«, hörte ich Dorian durch die geschlossene Tür aufgebracht fragen.
   »Sie hat Kuchen gegessen«, antwortete Jayden.
   Eric lachte schadenfroh.
   Ich wusch mir das Gesicht und ging zurück. Ich fühlte mich elend.
   »Alles in Ordnung, mein Engel?« Dorian nahm mich kurz in den Arm.
   »Warum hast du den Kuchen nicht einfach verschwinden lassen?«, fragte Eric.
   »Ich wollte nicht unhöflich sein und wusste nicht wohin damit. Er ist Polizist, er hätte gemerkt, wenn ich ihn über die Balustrade geworfen hätte.«
   »Dann lehn das nächste Mal ab. Sag, du machst eine Diät, das wird dir jeder glauben. Du kannst nicht essen.«
   »Richard konnte es auch«, widersprach ich. Diese Diskussion hatten wir schon so oft geführt. Ich hatte geahnt, dass ich irgendwann in eine Situation kommen würde, in der ich menschliche Nahrung nicht mehr würde ablehnen können. Ich hatte schon etliche Male probiert, zu essen. Es lief immer darauf hinaus, dass ich mich fürchterlich übergeben musste und mich hundeelend danach fühlte.

Wenig später saßen wir im Auto auf dem Weg zur Squadra d’Immortale. Dorian hatte nicht nur darauf bestanden, dass wir hinfuhren, er hatte es befohlen. Ich musste mich ihm beugen. Es konnte nur einen Anführer in unserem Clan geben. Das war Dorian. Selbst wenn ich als seine Frau eine Sonderstellung innehatte. Wenn er bestimmte, dass wir gemeinsam hingingen, musste ich mich daran halten. Michael begleitete uns ebenfalls. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, mich umzuziehen.
   »Es wird dir guttun«, versicherte mir Dorian zum wiederholten Mal. »Die Sterblichen wollen, dass du von ihnen trinkst. Es gefällt ihnen. Und den Vampiren sowieso. Du musst dich deswegen nicht schlecht fühlen.«
   »Warum möchtest du, dass ich mit anderen Männern schlafe?«, fragte ich ihn geradeheraus. Genau darum ging es bei diesem Ausflug. Trinken konnte ich auch zu Hause.
   »Ich will überhaupt nicht, dass du mit anderen Männern schläfst. Ich will nicht mal, dass dich überhaupt einer ansieht. Aber um mich geht es hier nicht. Vielleicht willst du es ja.«
   Manchmal wurde ich nicht schlau aus Dorian. Das war selten, denn wir kannten uns gut. Beim Thema Sex hatte er Ansichten, die ich nicht nachvollziehen konnte. »Franco hat mich gefragt, ob ich mit ihm schlafen will«, versuchte ich, ihn aus der Reserve zu locken.
   Er knurrte nur und biss die Zähne zusammen.
   »Und? Wolltest du?«, fragte Michael von hinten und lächelte wissend.
   Ich antwortete nicht. Das war wohl Antwort genug.
   »Genau deshalb fahren wir ins Tageslicht«, sagte Dorian und schwieg den Rest der Fahrt.

Bevor wir hineingingen, nahm er mich beiseite. Er seufzte schwer und strich mir sanft über die Wange, was noch immer ein Kribbeln auf meiner sensiblen Haut hinterließ. Ich war schlecht gelaunt, weil er mich dorthin befehlen konnte. Und weil ich nicht wusste, was mich erwartete. Ich wollte mit keinem anderen als Dorian schlafen, auch wenn ich bei Franco vielleicht für einen Moment dieses Bedürfnis verspürt hatte. Es war nur ein Augenblick gewesen. Wahrscheinlich wollte ich sein Blut trinken und nicht mehr. Es hatte mich immer Überwindung gekostet, mich einem Mann hinzugeben. Mich auch nur nackt zu zeigen.
   »Ich weiß, dass du Vieles unterdrückst, was du gern tun möchtest, Louisa. Glaub mir, wenn ich dir sage, dass du das nicht Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte lang durchhalten wirst. Irgendwann bricht es aus dir heraus und du kannst es nicht mehr kontrollieren. Du bist ein Vampir, mein Engel. Kein Mensch. Dein Leben währt länger und ist um ein Vielfaches schwieriger. Versuch dich fallen zu lassen, den Vampir in dir zuzulassen. Nur heute Abend. Wenn es dir nicht gefällt, fang ich nie wieder davon an.«
   »Versprochen?«
   »Versprochen.«
   »Also gut.« Ich gab mich geschlagen und folgte ihm und Michael hinein. »Aber ich kann dir gleich sagen, dass es mir nicht gefallen wird.«
   »Da sei dir mal nicht so sicher«, erwiderte Dorian mit einem Lächeln, wie ich es noch nie an ihm gesehen hatte.
   Als wir durch das Gemälde nach unten gingen, schlug mir der Geruch nach Schweiß, Sex und Blut entgegen und ließ mich all meine Vorbehalte vergessen. Ich war durstig. Sogar verdammt durstig. Vincenzo brachte Dorian und mich in einen nobel eingerichteten Raum. Ein junger Sterblicher und eine Vampirin erwarteten uns. Der Mann saß auf dem halbrunden Sofa aus weißem Leder und wollte aufstehen, als wir hereinkamen. Dorian war blitzschnell bei ihm und drückte ihn sanft zurück ins Polster. Er zuckte nicht einmal zusammen. Als Dorian ihm das Hemd aufknöpfte und eine braun gebrannte, muskulöse Brust entblößte, sah ich mehrere Bisswunden. Er hob den Arm des Mannes an, schob seinen Ärmel nach oben und biss ihm ins Handgelenk. Seine wunderschönen grünen Augen fixierten mich. Der Sterbliche erschauderte, atmete tief ein und zitternd wieder aus. Sofort wurde der Geruch nach frischem Blut so intensiv, dass der Durst in mir förmlich danach schrie. Dorian zwang mich mit seinem Blick, zu ihm zu kommen. Ich spürte genau, dass er in meinen Kopf eindrang, meine Schritte lenkte, bis ich bei ihm war. Er ließ von dem Arm des Mannes ab, die Zähne gebleckt und die Lippen voller Blut. Ich wollte aus der Wunde trinken, die Dorian gerissen hatte, doch er hob sie wieder an seine Lippen.
   »Trink aus seinem Hals«, befahl er mir.
   Ich wusste nicht, ob er die Worte gesprochen hatte, oder ob ich sie lediglich in meinem Kopf hörte.
   Eine warme Hand griff nach mir. Der Sterbliche lächelte mich an und zog mich auf seinen Schoß. Er legte den Kopf in den Nacken und entblößte eine verführerische Halsschlagader, unter der das köstliche Blut pulsierte. Ich lehnte mich vor und genoss die Wärme seiner Haut für einen Moment auf meiner Wange. Er roch nach frischem Aftershave. Unaufdringlich und angenehm. Sein Blut roch jedoch viel köstlicher. Vorsichtig versenkte ich meine Zähne in seiner Haut. Er stöhnte genüsslich und presste mich an sich. Er war so warm! Das Blut lief mir in den Mund. Ich schloss die Lippen um die Wunde und trank. Der junge Sterbliche drückte sich mir entgegen und atmete schwerer. Ich konnte seine Erektion unter mir spüren. Heiß und hart. Eine warme Hand fuhr unter mein Kleid, berührte mein Bein und hinterließ eine heiße Spur auf dem Weg meinen Oberschenkel hinauf. Eine zweite Hand griff nach dem Stoff. Dorian hatte von ihm abgelassen.
   Ich hörte auf zu trinken, verschloss die Wunde, konnte die Lippen aber nicht von seiner warmen Haut nehmen. Er roch so frisch und lebendig. Er streifte mir das Kleid über den Kopf, und ich ließ ihn gewähren. Als ich seinen warmen Bauch an meinem kalten spürte, stieß ich ihm erneut meine Zähne in den Hals, gierig nach Blut und Leben und Wärme. Ich schmeckte sein Blut, seinen Schweiß, seine Erregung. Fühlte seinen Atem an meiner Haut, seine Wärme, seine Hände. Mit geschlossenen Augen versank ich in diesem unerwarteten Genuss.
   »Nicht so viel, mein Engel.« Dorians Stimme kam von weit her.
   »Mehr!« Ich wollte mehr, noch viel mehr. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Nur Blut. Warmes herrliches Blut!
   Ein Arm schob sich in mein Sichtfeld. Ich griff danach und biss hinein. Es war der Arm der Vampirin, doch ich wollte ihr Blut nicht. »Warmes. Blut«, keuchte ich, beseelt von dem Verlangen nach mehr Wärme.
   Ein zweiter Mensch setzte sich neben uns. Ich ergriff ihn, ohne von dem anderen herunterzukommen. Er keuchte erschrocken auf, als ich seinen Kopf zu mir zog und auch aus seinem Hals trank. Sein Blut schmeckte anders. Nicht so voller Erregung. Da war eine neue Nuance. Angst. Ich packte ihn fester, zwang ihn zwischen mich und den anderen Mann, der seine Erektion an mir rieb.
   »Mach langsamer, Louisa«, ermahnte mich Dorian.
   Ich wusste nicht, ob er noch im Raum war. Ich spürte ihn, aber er hätte ebenso gut vor der Tür stehen können. Ich ließ den zweiten Sterblichen los, der sich daraufhin jedoch nicht zurückzog. Sein Atem strich über meinen Bauch, seine Finger glitten zu meiner Brust. Er zerrte meinen BH herunter, und sein heißer Mund schloss sich um meine Brustwarze und ließ mich aufstöhnen. Warme Arme umschlossen mich, heiße Hände berührten mich, pulsierende Körper überall. Plötzlich spürte ich einen Finger, der sich sanft reibend zwischen meine Lippen schob und nach meinen Fangzähnen suchte. Ich biss hinein und saugte das Blut heraus, das mir warm und lieblich entgegenschoss. Ich grub meine Nägel in lebendiges, von einem leichten Schweißfilm überzogenes Fleisch, spürte die drängenden Aufwärtsbewegungen des Sterblichen, auf dem ich rittlings saß. Eine Hand schob sich dazwischen, streichelte über die Spitze meines Slips. Eine warme Zunge glitt meinen Hals herauf und ließ mich aufstöhnen.
   Ich biss erneut in einen dargebotenen Hals, trank das herrlich warme Blut. Eine feuchte Wärme breitete sich in meinem Schritt aus, und der Sterbliche unter mir stöhnte. Er trug noch immer seine Jeanshose. Ich hatte sie nicht einmal aufgemacht.
   Im nächsten Moment erklang ein animalisches Grollen. Kalte Hände packten mich, rissen mich fort von den Männern und warfen mich aufs Bett. Dorian beugte sich über mich mit schwarz glühenden Augen. Er zerrte sich die Hose hinunter, zerriss meinen Slip und drang hart in mich ein. Berauscht von dem warmen Blut der Sterblichen erregte mich seine vertraute Kälte sogar noch mehr als sonst. Ich drängte mich ihm auffordernd entgegen. Noch nie war unser Sex so aufregend und wild gewesen. Wenn Dorian das gemeint hatte, als er sagte, es würde mir hier gefallen, konnte ich ihm absolut zustimmen.

»Das nächste Mal komme ich nicht mit.«
   Wir waren allein. Die beiden Männer und die Vampirin waren gegangen, als wir noch miteinander geschlafen hatten. Ich sah Dorian fragend an.
   »So sollte das eigentlich nicht laufen. Ich konnte nicht länger an mich halten. Als der Mensch unter dir …« Er brummte. »Das nächste Mal gehst du allein. Jayden kann mitkommen oder Michael. Das nächste Mal machst du das hier ohne mich.« Er verschwand nach draußen.

*

Na, da hatte ich mir ja was eingebrockt. Seit Monaten hatte ich das Gefühl, dass es in Louisa brodelte und sie nur noch kein Ventil gefunden hatte. Diese Blendwerke, die sie erschuf, kosteten sie Kraft und zehrten an ihren Nerven. Ihre einzigen Entspannungen waren exzessives Schwimmen und wenn sie Zeit mit Jayden verbrachte. Die Beziehung zwischen den beiden war einzigartig. Sie hatten einander umgebracht und schienen keinerlei sexuelles Interesse aneinander zu haben. Sie trank von ihm, und er genoss es. Näher kamen sie sich jedoch nie. Er hatte ihr nie wieder von diesem Schnaps gegeben, wenn ich nicht dabei war. Manchmal betrank sie sich trotzdem. An den schlimmen Tagen. Wenn sie zu viele Menschen blenden musste. Oder, wenn sie nicht genug getrunken hatte und ihr deshalb zwischendurch die Kräfte ausgingen. Oder, wenn sie sich mit Eric gestritten hatte. Dann zog sie sich zurück und betrank sich. Nach all den Jahren als Vampir war sie noch immer die Louisa, die ich kennengelernt hatte. Louisa, die Trinkerin. Anstatt Blut zu trinken, trank sie dieses Teufelszeug. Genau das war es. Es war dieses verdammte Gift, das sie mir damals gespritzt hatten, nur in abgewandelter Form. Weiß der Kuckuck, was Jayden bewogen hatte, so etwas zu entwickeln.
   Ihr zusehen zu müssen, wie sie es mit anderen Männern trieb, war nicht das, was ich geplant hatte. Wobei sie es nicht wirklich mit ihnen trieb. Die beiden Männer waren sofort ihrem Bann verfallen. Sie wirkte auf Sterbliche so wie die meisten Vampire: betörend und unwiderstehlich. Sie hingegen war nur an dem Blut interessiert und trank zu gierig. Deshalb war ich bei ihr geblieben. Es half. Sie zügelte sich, trank genüsslicher und erregte die Kerle dadurch nur noch mehr. Ich beobachtete sie, während ich von der Vampirin trank, die offensichtlich auch mehr von mir wollte. Beobachtete, wie sich ihr schlanker bleicher Körper unter den Berührungen der Sterblichen wand, wie sie erschauderte, als einer der beiden ihre wundervollen festen Brüste küsste. Als mir ihr erregter Geruch in die Nase stieg, wusste ich, dass ich niemals dabei würde zusehen können. Louisa war so berauscht von dem vielen warmen Blut, dass sie alles mitgemacht hätte. Nein, das wollte ich mir mit Sicherheit nicht ansehen!
   Aber das war das, was sie tun sollte. Die meisten Vampire schliefen mit ihren Mahlzeiten. Es erhöhte den Reiz, verstärkte den Rausch und war befriedigend.
   Wütend über mich selbst verließ ich das Zimmer und stapfte zur Bar, wo mich Vincenzo mit einem eifrigen Lächeln begrüßte.
   »Es ist mir eine große Ehre, dass ihr euch in meinem bescheidenen Reich vergnügt.«
   Jaja. Ich überlegte kurz, nicht doch draußen vor der Tür auf Louisa zu warten. Offenbar hatte er mitbekommen, was in der vermeintlich privaten Atmosphäre hinter der geschlossenen Tür passiert war.
   »Möchtest du etwas anderes trinken?«
   »Whiskey«, brummte ich und setzte mich neben unseren Gastgeber auf einen der Barhocker.
   Vincenzo winkte den Kellner heran, der mir wenig später ein Glas auf einer Serviette hinstellte. Gedankenverloren ergriff ich es und nahm einen vorsichtigen Schluck. Nicht der beste, aber auf jeden Fall besser als die meisten anderen, die man in Italien serviert bekam. Ich sah mich nach Michael um und fand ihn völlig in seinem Element. Eigentlich durften wir als Gäste nicht von den Sterblichen trinken, aber Michaels Charme wirkte sogar bei Vincenzo. Ich sah ihn gelassen mit zwei Frauen zusammensitzen. Die Hälfte der Anwesenden warf ihm schmachtende Blicke zu.
   »Michael hat eine besondere Gabe«, raunte mir unser Gastgeber zu, als er meinen Blick bemerkte. »Ich würde gern mal von ihm trinken.«
   »Darum musst du ihn schon selbst bitten. Ich glaube allerdings nicht, dass er damit ein Problem hat«, sagte ich und warf einen Blick auf die Tür, hinter der Louisa noch immer war. Ich konnte sie spüren, aber nicht hören und fragte mich, was sie da noch machte.
   »Ich hoffe, du verstehst, dass ich nicht alle Mitglieder eures Clans auf Dauer umsonst bewirten kann«, sagte Vincenzo. »Ich bin Geschäftsmann und hab einen Ruf zu verlieren.«
   Das konnte ich nachvollziehen und hatte nichts anderes erwartet. Ich konnte mir gut vorstellen, worin unsere Bezahlung bestehen würde. »Mein Blut bekommst du nicht und das von Louisa auch nicht. Du wirst deine Finger von meiner Frau lassen.« Nicht er handelte hier einen Preis aus, sondern hatte sich an meine Bedingungen zu halten. »Trotzdem wirst du uns jederzeit empfangen. Meinetwegen kannst du die Sterblichen für uns aussuchen, solange meiner Frau das gefällt. Was die anderen angeht, musst du das mit ihnen klären. Da lasse ich dir freie Hand.«
   »Das klingt nur fair«, versicherte er, auch wenn er ein Gesicht machte, als hätte ich ihm Säure zu trinken angeboten.
   »Hast du Jungfrauen hier?«
   Er nickte eifrig. »Vampire und Menschen.«
   »Bring Louisa das nächste Mal eine junge, reine Vampirfrau.« Ich musste flüstern, weil sich die Tür öffnete und Louisa herauskam.
   »Sehr wohl«, erwiderte Vincenzo leise mit einem verschwörerischen Lächeln.
   Er ging auf Louisa zu und fragte sie, ob sie den Aufenthalt genossen hatte.
   Ich sah ihr an, dass sie noch immer berauscht war. Ihr Teint war herrlich rosig. Ich erkannte auch, dass sie wütend war. Deshalb hatte sie so lange gebraucht. Sie hatte sich erst beruhigen wollen. Sie hatte sich bei Vincenzo untergehakt, der das unverhohlen genoss.
   »Es freut mich, dass es dir gefallen hat«, säuselte er gerade und tätschelte ihre Hand. »Darf ich dich bald wieder als meinen Gast begrüßen?«
   »Gern«, antwortete Louisa, den Blick fest auf mich gerichtet.
   Ich ahnte, dass sie mich ärgern wollte. Vincenzo war wie erwartet entzückt, dass sie mit ihm flirtete. Und das tat sie. Herrje, was hatte ich da bloß losgetreten?
   »Darf ich dir noch etwas zu trinken anbieten?«
   Louisa blieb stehen, ehe sie bei mir angekommen waren, und hielt Vincenzo fest. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm etwas zuzuflüstern. Ich konnte es nicht verstehen, so sehr ich mich anstrengte. Vincenzo schien über ihre Bitte nachzudenken und nickte ergeben. Sie schlang die Arme um seinen Hals. Er beugte sich leicht vor. Nur wenig, denn er war nicht viel größer als Louisa. Sie fuhr ihm mit der Zunge über den Hals, als würde sie nach der besten Stelle suchen und bohrte ihm ihre Zähne in die Haut. Er erschauderte und presste sie fest an sich, als müsste er sich an ihr festhalten. Während sie genüsslich von ihm trank, sah sie mich fest an und wartete auf eine Reaktion. Ich würde meine dreckige Wäsche nicht in dieser Lasterhöhle waschen. Schon gar nicht vor den wachsamen Augen ihres schleimigen Inhabers. Also winkte ich Michael, wartete, bis Louisa fertig war, und führte sie gelassen nach draußen.

»Ach, es tat gut, mal wieder ungeniert und ausgiebig zu trinken«, sagte Michael auf dem Rückweg. Er streckte seine langen Glieder auf dem Rücksitz aus und seufzte genüsslich.
   »Das tust du doch jedes Mal, wenn wir ausgehen«, brummte ich. Ich konnte mich noch gut an unseren letzten Discobesuch erinnern, bei dem er und Jayden nichts Besseres zu tun gehabt hatten, als all die leicht bekleideten Schönheiten zu blenden und von ihnen zu trinken.
   Wobei Jayden mehr darauf stand, sie zu Tode zu erschrecken. Dass er dabei an eine geraten war, die sich gewehrt hatte, freute mich. Wahrscheinlich hatte er sie mittlerweile getötet. Jayden hielt sich nicht immer an mein Verbot. So war er halt. Das konnte er auf Dauer nicht unterdrücken. Er tat es meistens weit genug von unserem Zuhause weg und vor allem unauffällig genug, dass keine Spur zu uns führen würde.
   Louisa lachte leise. Sie hatte die Lehne zurückgestellt und sich entspannt zurückgelehnt, die Beine auf der Ablage. Ihr Kleid war hochgerutscht, sodass ich ihre schlanken Oberschenkel sehen konnte. An denen der Sterbliche sich eben noch gerieben hatte. Schnell richtete ich meinen Blick wieder auf die Straße.
   »Hat es dir gefallen, meine Schöne?«, fragte Michael.
   »Es war … interessant«, sagte Louisa.
   »Musste das mit Vincenzo sein?« Ich wollte meinen Ärger hinunterschlucken, aber sie hatte sich absichtlich so aufreizend hingesetzt. Sie wollte mich provozieren, weil ich sie dazu gedrängt hatte, hinzugehen.
   »Ich hab doch schon letztes Mal von ihm getrunken«, antwortete Louisa.
   »Das mein ich nicht.«
   »Ich weiß nicht, worüber du dich aufregst.« Louisa hatte sich aufgesetzt und sah mich herausfordernd an. »Du wolltest, dass ich dahin gehe und Spaß habe. Ich hatte Spaß. Bis du …«
   »Bis ich was?«
   »Bis du dich nicht mehr beherrschen konntest«, fauchte sie und ihr Blick loderte vor Zorn auf.
   »Bis ich mich nicht mehr beherrschen konnte? Du hast diesen Jüngling fast umgebracht! Ich musste eingreifen.«
   »Was kümmert dich das, ob ich einen umbringe?«, rief sie. »Deshalb hast du wohl kaum zugeguckt.«
   »Du hast zugesehen?«, fragte Michael und grinste anzüglich.
   »Ach, halt die Klappe«, schnauzte ich ihn an. »Louisa, ich wollte nur auf dich aufpassen.«
   »Auf mich aufpassen? Dass ich nicht lache. Es hat dich erregt, zuzusehen, wie diese Sterblichen sich an mir aufgegeilt haben. Deshalb wolltest du, dass wir hingehen. Weil es dir wohl nicht mehr reicht, mit mir zu schlafen. Willst du noch eine andere Frau mit ins Bett holen? Oder vielleicht Michael?«
   Michael kicherte. Schlagartig verdüsterte sich die Atmosphäre im Auto. Louisa war wütend. Ich aber auch. Nur nicht auf sie. Wir stritten uns nicht oft. Doch wenn wir es taten, dann immer aus genau den gleichen Gründen. Ich war wütend, wenn sie nicht reagierte, wie ich gehofft hatte, und wollte es an ihr auslassen. Meistens ließ sie mich schimpfen, bis ich mich beruhigt hatte. Doch nicht immer. »Mach dich nicht lächerlich«, erwiderte ich. »Ich will keine anderen Frauen, das weißt du.«
   »Und ich keine anderen Männer!«
   »Doch, das willst du«, sagte ich, ehe ich noch groß darüber nachgedacht hatte.
   Michael keuchte erschrocken auf. Louisa sah mich mit weit aufgerissenen Augen an. Nun war es heraus. So deutlich hatte ich es bisher nicht ausgesprochen, aber wir alle wussten es.
   »Louisa«, versuchte ich es ruhiger. »Ich kann es spüren. Deinen Hunger. Deine Lust. Bei Vincenzo, aber auch bei anderen. Jayden hat mir von deinem Besuch bei Franco erzählt. Auch er hat es gespürt. Es ist, wie es ist, Louisa. Ich hab kein Problem damit. Ich weiß, dass du mich liebst.«
   »Lass sie mit Eric schlafen«, schlug Michael wenig hilfreich vor. »Vielleicht kommt er dann ebenfalls zur Ruhe.«
   »Nein«, sagte ich, und Louisa lachte humorlos auf.
   »Ach so, ich kann ruhig mit Vincenzo schlafen und Franco und allen anderen Männern dieser Stadt, aber nicht mit Eric. Merkst du eigentlich, was du da redest?«
   »Du wirst auch nicht mit Vincenzo schlafen.«
   »Und wenn ich genau das will?«
   »Ich weiß, dass du das willst. Und Vincenzo weiß es auch. Genau deshalb wirst du es nicht tun. Vincenzos Platz ist nicht an deinem Busen!«
   Louisa starrte mich sprachlos an. Und dann passierte es. Die Stimmung kippte von einem Moment auf den anderen um. Es wurde dunkler im Auto, die Luft schien sich aufzuladen.
   »Louisa«, flüsterte Michael eindringlich.
   Er hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt, um sie wieder zurückzuholen. Es war zu spät. Louisas Wut war so hochgekocht, dass sie ihn nicht mehr hörte. Sie saß da, die kleinen Hände zu Fäusten geballt und atmete schwer. Kämpfte mühsam gegen diese Raserei an. Ihre Augen funkelten bereits tiefschwarz. Ein feines Geflecht schwarzer Äderchen breitete sich von ihren Augen über die Stirn hinweg aus, drang in ihre Haare ein und färbte selbst diese dunkler. Sie hatte die Zähne so fest aufeinandergepresst, dass ich ihre Kiefer knacken hörte, und brummte heiser. Das war der Zorn.
   Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen, nur bei Louisa, und ich bekam jedes Mal einen Schreck. Ein Teil dieses urtümlichen Zornes steckte bereits vor der Verwandlung in ihr. Einen Großteil hatte ich ihr wohl vermacht. Ich war genauso schnell auf hundertachtzig. Jedoch fing ich an, Dinge zu zerstören. Oder Leute zu töten. Louisa tat, tja, nichts. Sie verwandelte sich in diese personifizierte Wut. Wenn man sie reizte, dann ging sie mit allem, was sie hatte, auf einen los. Verlor die Kontrolle. Sie fegte wie ein Tornado aus Fleisch und Blut über einen hinweg.
   Ich trat hart auf die Bremse. Noch bevor wir zum Stehen gekommen waren, hatte ich ihre Hände ergriffen. Meine Wut war wie weggefegt. Eingeschüchtert von ihrem unbändigen Zorn.
   »Louisa! Beruhige dich«, befahl ich ihr ruhig. »Es gibt keinen Grund, derart wütend zu werden.« Ich versuchte immer, zuerst mit ihr zu reden. Wenn das nichts half, drang ich in ihre Gedanken ein und beruhigte sie dort.
   »Du sagst, du liebst mich, und schickst mich zu anderen Männern?«, knurrte sie mich an. Sie klang heiser, atemlos.
   »Louisa, ich diskutiere nicht mit dir in diesem Zustand.«
   Michael sah mich abwartend an. Bereit, das Auto mit nur einem Sprung zu verlassen. Als sich Louisa das erste Mal in dieses Zornwesen verwandelt hatte, hatte sie Eric quer durch den Raum und zum Fenster hinausgeschleudert. Das war auf einer unserer Reisen gewesen. Eric war mal wieder über die Stränge geschlagen, hatte in seinem Rausch zwei Frauen getötet und war damit zu Louisa gegangen, anstatt zu mir. Louisa hatte ihn sofort zu mir gebracht, und Jayden und ich hatten die Schweinerei beseitigt. Als wir zurückgekommen waren, hatten sie sich fürchterlich gestritten. Louisa war sauer auf ihn, weil er unser Zusammensein in Gefahr brachte. Eric hatte fleißig gegen angestänkert, bis sie ihn zum Schweigen gebracht hatte. Glücklicherweise wohnten wir im Erdgeschoss und die Sterblichen, die es mitbekamen, hielten es für einen Streit unter betrunkenen Liebenden.
   »Beruhige dich!«
   Meistens schaffte sie es von allein, wenn ich ihr gut zuredete. So auch dieses Mal. Sie atmete ein paar Mal tief durch und war wieder meine Louisa mit einem leicht wilden Blick, der nach ein paar Mal blinzeln verschwand.
   »Das ist krank, Dorian«, flüsterte sie und schüttelte den Kopf.
   »Nenn es, wie du willst. Ich weiß, dass dieser Hunger in dir lauert. Irgendwann wird der Vampir in dir herausbrechen. Wir haben das alle durchmachen müssen. Sag nachher nicht, wir hätten dich nicht gewarnt.« Ich war zu alt, hatte zu viel gesehen, um daran zu glauben, dass zwei Personen einander auf ewig treu sein können. Traurig, aber zu dem Schluss hatten mich meine Beobachtungen geführt. Vielleicht lag es in der Natur des Menschen, in der Natur des Vampirs lag es mit Sicherheit. Ich persönlich hatte kein Interesse an anderen Frauen. Hatte ich vor Louisa nicht und jetzt erst recht nicht. Louisa war das, was ich wollte, und ein Teil von mir wünschte sich, dass auch sie sich nicht für andere Männer interessierte. So utopisch das für eine junge Vampirin auch war.

6

Ein paar Tage nach unserem Tenebra-Abenteuer fuhr ich mit Jayden und Eric erneut hin. Dorian war immer noch wütend, aber erleichtert, dass ich es tat. Eric war sofort Feuer und Flamme und ließ sich nicht zweimal bitten. Jayden sollte bei mir bleiben. Wie schon beim vorherigen Besuch wurden wir in eines der privateren Zimmer geführt. Überraschenderweise erwarteten uns dort mehrere männliche Sterbliche, eine Vampirfrau und Concetta. Sie trug ein rotes Kleid und sah eigentlich hübsch darin aus, funkelte mich aber böse an. Vincenzo kam kurz darauf zu uns.
   »Die bestellte Jungfrau«, verkündete er und zeigte auf Concetta, die mich noch immer feindselig musterte.
   Jaydens Augen funkelten erwartungsfroh, und er biss sich auf die Unterlippe, um ein Grinsen zu unterdrücken.
   »Danke schön«, sagte ich, auch wenn ich nicht recht wusste, was das bedeutete.
   Vincenzo zwinkerte mir vielsagend zu.
   »Du kannst gehen«, sagte Jayden zu ihm, und er verschwand.
   Dieses Mal wollte ich erst von der Vampirin trinken, damit ich nicht wieder so ausgehungert über die Sterblichen herfiel. Doch die ging direkt zu Jayden. Also ließ ich mich von dem gut gebauten Spender mit den schwarzen Haaren und den Tätowierungen auf den Armen aufs Bett ziehen. Er trug ein ärmelloses Muskelshirt und eine Lederhose, die einen starken Geruch verströmte und knirschte, als er sich in die Laken kniete. Wie schon beim letzten Mal war ich fasziniert davon, wie warm sich die Haut der Sterblichen anfühlte. Ich hatte nicht vor, mit ihm zu schlafen, ließ mich aber dennoch bis auf die Unterwäsche von ihm ausziehen, ehe ich ihm das Muskelshirt hochschob. Seine warmen Arme an meiner sensiblen Haut wirkten wohltuend. Ich trank genüsslich und langsam, spürte seine Erregung, spielte damit und genoss den Geschmack und seine Wärme.
   Irgendwann zog Jayden mich sanft von ihm hinunter. Er hielt Concetta im Arm, die neben ihm so winzig wirkte wie eine Puppe.
   »Trink!«
   Er hielt mir ihren Arm hin. Ich stieß vorsichtig meine Zähne in Concettas Handgelenk. Jaydens Arm legte sich um meine Mitte. Er umarmte uns und trank aus Concettas Hals. Ihr Blut war so rein! Es schmeckte lieblicher, weicher, unverfälschter als jedes andere. Mir schwindelte schon nach wenigen Schlucken. Ich verfiel in einen Rausch, der dem von Jaydens Schnaps glich, nur intensiver, umfassender war. Als ich das Gefühl hatte, meine Beine würden unter mir nachgeben, begriff ich, warum Jayden den Arm um mich gelegt hatte. Er fing mich auf und trug mich wieder zum Bett, wo er mich sanft hineinlegte. Das Licht war gedämpft, einige Kerzen flackerten an den Wänden. Als sich Jayden über mich beugte und mich angrinste, sah er aus wie ein Engel mit seinen hellblonden Haaren.
   »Das ist der Wahnsinn«, flüsterte ich und lachte.
   »Das ist reines, unverdorbenes Jungfrauenblut. Besser als jeder Vampirschnaps.«
   »O ja.«
   Jayden lachte. Er küsste mich auf die Stirn und setzte sich zu mir. Ich legte meinen Kopf auf sein Bein und sah zu ihm hoch. Er hatte sich mit geschlossenen Augen an das Kopfende des Bettes gelehnt, am Hals entdeckte ich eine Bisswunde, die nicht mehr blutete. Jayden und ich waren schon so oft zusammen aus gewesen, er hatte nie einen Annäherungsversuch unternommen. Das machte das Zusammensein mit ihm ungemein entspannt. Selbst wenn er, so wie jetzt, vollkommen bekleidet und ich halb nackt war. Er winkte einen der Sterblichen heran, ergriff seinen Arm und ritzte ihm mit einem spitzen Fingernagel das Handgelenk auf.
   »Trink mehr.« Er grinste und ließ mir das Blut in den Mund tropfen.
   Es schmeckte nicht annähernd so rein wie Concettas Blut, aber es war herrlich warm. Als ich meinen Mund um die Wunde schloss und den Mann näher zu mir heranzog, veränderte sich der Geschmack, wurde intensiver, erregter. Ein warmer pulsierender Leib drückte sich an mich, ein nacktes Bein legte sich auf meines. Es war aufregend. Wie es wohl sein würde, mit einem Sterblichen zu schlafen? Der so warm war und nach Blut und Leben roch. Mir wurde der Arm entrissen und ein Hals angeboten, von dem ich ohne zu zögern trank. Ein nackter, fordernder Körper legte sich auf mich, schwer, heiß. Hände waren auf mir, ich griff in kurze Haare, nur, um noch mehr von dem köstlichen Blut zu trinken. Das Stöhnen an meinem Ohr wurde lauter, die Bewegungen drängender. Mein Kopf fiel nach hinten. Jayden war nicht mehr da. Erschrocken fuhr ich in einer schnellen Drehung hoch, lag mit einem Satz auf dem Sterblichen, der überrascht aufkeuchte.
   Jayden drückte mich mit seinem harten, großen Körper wieder ins Bett. »Ich bin hier«, flüsterte er und griff um mich herum nach dem Arm des Sterblichen, um von ihm zu trinken.
   Mit dem anderen Arm hatte er sich so aufgestützt, dass ich nicht wegkam. Der Dunkelhaarige unter mir stöhnte, als Jayden ihm mit der Zunge über den Arm fuhr und sanft hineinbiss. Ich lag bäuchlings auf ihm, fühlte sein Herz kräftig schlagen und bekam seinen heißen erregten Atem ins Gesicht. Mir wurde so warm wie schon lange nicht mehr. Der Sterbliche war nackt, ich spürte seine Erektion an meinem Slip und bewegte mich darauf hin und her. Rieb mich an ihm, bis wir schwerer atmeten. Mit Jaydens kaltem Körper im Rücken erregte es mich immer mehr, auf dem nackten Sterblichen zu liegen. Ich spürte Jaydens Atem im Nacken, schnell und keuchend. Der plötzlich frei gewordene Arm des Mannes griff nach mir, presste mich fester auf sich, schob mich in einem gleichmäßigen Rhythmus auf seiner Erektion auf und ab. Gerade als er unter mir kam, bohrten sich Jaydens Zähne fest und unerbittlich in meinen Hals. Es war wie ein Stromschlag und ich kam im gleichen Augenblick zum Höhepunkt.
   Als Jayden mich wieder freigab, sank ich erschöpft und zufrieden aufs Bett und schloss die Augen. Genoss den Rausch, die Befriedigung und die leichte Schwere, die sich von meiner Mitte aus in meinem Körper ausbreitete. Vielleicht hatten sie doch recht und das war das, was ich ab und zu brauchte? Mein Hunger? Der Sterbliche drehte sich zu mir, strich mir mit einem heißen Finger zurückhaltend über den Arm.
   »Du bist unglaublich schön«, flüsterte er. »Und so kalt. Lust, unter der Dusche weiterzumachen?«
   Ich atmete tief durch und schüttelte den Kopf.
   »Vielleicht beim nächsten Mal?«
   Ich fühlte mich geschmeichelt, auch wenn ich nicht verstand, wie jemand darauf stehen konnte, von einem Vampir ausgesaugt zu werden. Ich hatte ihn nicht angefasst, auch wenn ich auf ihm gelegen hatte. Das Bett bewegte sich, als er aufstand. Wenig später hörte ich die Dusche angehen. Ich blieb liegen und genoss das entspannte Gefühl. Zu gern hätte ich mich zusammengerollt und geschlafen. Als Jayden sagte, er wolle nach Eric sehen und anschließend wiederkommen, nickte ich nur. Es tat unglaublich gut, das warme Blut in mir zu spüren. Ich fühlte mich seit langer Zeit richtig gesättigt.
   Ein kühler Finger strich mir den Arm hinauf. Es war nicht Jayden, der sich zu mir aufs Bett gelegt hatte. Ein dunkles, erdiges Aroma erfüllte die Luft, und ein leiser Windhauch strich über meinen nackten Bauch. Ich drehte mich erschrocken um und versuchte dabei, die Decke über mich zu ziehen.
   »Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe«, flüsterte Vincenzo und lächelte mich an. »Du bist so entzückend. Wie eine zufriedene Katze hast du hier gelegen. Ich konnte nicht anders, als dich berühren.«
   Er hatte sich dicht hinter mich gelegt. Ich hatte es nicht bemerkt. Erst jetzt gab das Bett unter seinem Gewicht nach, als hätte er vorher darüber geschwebt. Er trug ein seidenes Hemd, dessen erste Knöpfe offen standen. Er kam auf einen Ellenbogen hoch, und das Hemd klaffte auseinander und gewährte einen Blick auf die dunkel behaarte Brust.
   »Was willst du?« Ich rutschte von ihm weg. Nur in Unterwäsche fühlte ich mich unbehaglich unter seinen begehrlichen Blicken. Ich hielt mir ein Kissen vor den Bauch.
   »Was alle Männer hier wollen, einschließlich deines Bruders«, antwortete er und legte eine besondere Betonung auf das letzte Wort. »Eine Nacht mit dir.«
   Obwohl ich etwas Raum zwischen uns gebracht hatte, fühlte ich seinen Atem an meinem Hals. Oder war es ein Luftzug? Ich ignorierte das und seine Antwort und stand auf, um mich anzuziehen. Vincenzo kam blitzschnell hinterher und blieb dicht vor mir stehen. Er war nicht viel größer als ich, und ich konnte ihm in die Augen sehen, ohne den Kopf zu heben. Sie blickten freundlich, leicht amüsiert und eine Spur ängstlich.
   »Ich würde mich gern anziehen«, sagte ich und bedeutete ihm mit einem Blick, dass er sich von mir entfernen sollte.
   Wieder schien die Luft um mich herum zu wirbeln, trug seinen männlichen Duft zu mir heran und hüllte mich darin ein wie in eine wärmende Decke.
   »Trink von mir«, forderte er mich mit dunkler Stimme auf und zog den Hemdkragen beiseite.
   »Nein«, sagte ich und wollte an ihm vorbeigehen. Er hielt mich am Arm fest, sanft und zurückhaltend und ließ sofort los, als ich darauf sah.
   »Trink von mir.«
   Seine Worte waren ein Befehl und wollten nicht zu seinem Lächeln passen. Damit konnte er mich nicht einschüchtern. Er war zwar älter als ich, aber ich hatte Dorians Blut in mir. Ich musste keine Angst vor ihm haben.
   »Ich werde mich anziehen, und du gehst besser.«
   »Lou-i-sa«, flüsterte er langsam, als wollte er sich jede Silbe auf der Zunge zergehen lassen. »Ich weiß, dass du es willst. Trink von mir, Bellezza. Schönheit.«
   Wieder streifte mich eine Brise, als würden unsichtbare Finger über meine Haut streicheln. Ich begriff, dass es Vincenzo war. Dass er versuchte, sich mit diesem betörenden Duft in meinen Geist zu schleichen. Die Tür wurde aufgestoßen. Ich sah Jayden aus den Augenwinkeln und Eric, der sich an ihm vorbeidrängte.
   »Was ist hier los?«, rief er.
   »Nichts.« Ich hielt ihn mit erhobener Hand zurück.
   Vincenzo stand still, er hatte noch nicht aufgegeben. Ich hielt seinem Blick stand und trat langsam einen Schritt näher. Beugte mich vor, als wollte ich von ihm trinken. »Vincenzo«, flüsterte ich ihm verführerisch zu, und meine Lippen berührten fast die Haut an seinem Hals. »Ich weiß, dass du dich fragst, welche Macht ich über den Vampirkiller habe. Ich sag es dir: keine. Wenn er erfährt, was du vorhattest, werde ich ihn nicht davon abhalten können, dich zu töten. Und, ganz ehrlich, Vincenzo, ich würde es auch nicht wollen. Leg dich nicht mit mir an. Ich bin die Frau des Vampirkillers. Was denkst du, wem du es zu verdanken hast, dass du noch hier stehst?«
   Er verzog keine Miene. Ich lächelte ihn an. Eigentlich widerstrebte es mir, anderen zu drohen, aber Jayden hatte mir genug über die Vampirwelt erzählt, um zu begreifen, dass es immer darauf hinauslief, wer der Stärkere war. In diesem Fall war ich es, so absurd mir das auch erschien.
   Vincenzo senkte den Kopf. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung«, sagte er. Es klang ernst gemeint.
   »Ich würde mich gern anziehen.«
   Vincenzo ging eilig nach draußen. Eric und Jayden sahen mich verblüfft an.
   »Scheiße«, sagte Eric. »Jayden, erinner mich daran, dass ich mich nie wieder mit ihr anlege!«
   Ich musste lachen. »Könnt ihr euch vielleicht umdrehen, bis ich angezogen bin?«
   Ihre fassungslosen Gesichter ließen mich erneut lachen. Sie hatten mich schon mit weniger am Leib gesehen, und es war mir nicht im Geringsten unangenehm, dass sie mich so sahen. Jayden schien sowieso nie richtig hinzugucken. Und Eric, tja, seine Gefühle für mich waren unverändert. Er würde mich auch anstarren, wenn ich Lumpen trüge.
   Als wir das Tenebra verließen, war Vincenzo nirgends zu sehen. Ich rang Jayden und Eric das Versprechen ab, zu Hause nichts davon zu erzählen. Dorian würde sich nur unnötig aufregen. Was konnte Vincenzo mir schon anhaben?

»Stimmt es?«, fragte ich Jayden einige Tage später.
   Wir waren mit unserem Boot rausgefahren, wie wir es gelegentlich taten, und tranken Vampirschnaps zusammen. Dorian ahnte nicht, dass wir uns öfter hier trafen, und ich hatte Jayden hoch und heilig versprechen müssen, mich damit zu zügeln. Ich hatte über Dorians Worte nachgegrübelt und mich ihm anvertraut. Wie ich es oft tat.
   »Dorian ist über sechshundert Jahre alt«, erwiderte er ruhig. »Ich glaube, er hat mehr gesehen und erlebt, als man ihm anmerkt.«
   »Denkst du, er hat recht?«
   »Ja. Aber vielleicht ist es nicht Sex, wonach der Vampir in dir hungert. Bei mir war es immer die Angst. Ich war süchtig danach, meinen Opfern Angst einzujagen. Ihr Grauen zu erregen, während ich mit ihnen schlief oder von ihnen trank.«
   »Das ist nicht mehr so?«
   »Doch.«
   Er schwieg und wir nahmen jeder einen Schluck von dem betäubenden Getränk. Es war kurz nach Sonnenuntergang. Die Luft war auf dem Meer angenehm lau. Wie ich das Leben hier im Süden und in der Sonne genoss!
   »Weißt du noch, als wir vor einiger Zeit in dieser neuen Disco waren?«, fragte Jayden plötzlich. »Da hab ich eine Frau getroffen. Sie hat gesehen, was ich bin. Ich bin in ihre Messer gelaufen.«
   »Ja, dein Hemd war zerrissen und du hast geblutet.«
   »Sie hatte keine Angst.«
   Das überraschte mich wenig. Die Sterblichen im Tenebra hatten auch keine Angst vor uns.
   »Sie hätte Angst haben müssen. Ich war in ihrem Kopf. Da gab es keinen Funken Angst, den ich hätte schüren können. Ich hab keine Ahnung, wer diese Frau war, aber sie geht mir nicht mehr aus dem Kopf.«
   »Such sie doch.«
   Jayden lachte grimmig auf und sah mich mit diesem Großer-Bruder-Blick an, den er gern aufsetzte, wenn er mir etwas über Vampire erzählen wollte. »Nein. Das Gegenteil werde ich tun.«
   »Warum?«
   »Weil sie das gefährlich macht«, antwortete er und schwieg.
   Ich dachte über seine Worte nach. Ich hatte auch keine Angst vor Dorian gehabt, als er mir zeigte, was er war. Da hatte ich mich bereits in ihn verliebt. Vielleicht hatte auch sie sich in Jayden verliebt, und deshalb keine Angst vor ihm?
   »Du solltest mit Eric …«, sagte Jayden plötzlich.
   »Herrgott, fang du nicht auch noch damit an, dass ich mit Eric schlafen soll«, unterbrach ich ihn.
   »Ich meinte eigentlich, du solltest mit ihm reden. Er ist besessen von diesem Schuppen und den Leuten bei der Squadra. Er macht mich wahnsinnig.«
   Seit Tagen verbrachte Eric seine Zeit im Tenebra. Er sprach auch von nichts anderem mehr, wenn er mal nach Hause kam. Das war Erics Welt. Jede Frau leckte sich nach ihm die Finger ab und bezahlte jeden Preis, um mit ihm eine Nacht verbringen zu können. Er konnte so viel Blut trinken, wie er wollte. Und Vincenzo verdiente nicht schlecht daran, denn Eric behielt das Geld nicht für sich. Er hatte genug, seit Dorian ihm ein Konto eingerichtet und eine kleine Firma überschrieben hatte. Als Dankeschön für alles, was er für uns getan hatte.
   »Ich glaube nicht, dass er auf mich hört.«
   »Tu es trotzdem, ehe er völlig in diesem Sumpf versinkt.«
   Jayden war noch immer verliebt in Eric und verbrachte die meiste Zeit mit ihm, deshalb versprach ich, es zu tun.
   »Nun lass uns selbst in diesen Sumpf eintauchen«, schlug er vor, und ich willigte ein.

Ich musste mir eingestehen, dass Dorian recht gehabt hatte. Es tat mir gut, und ich ging öfter ins Tenebra. Meistens mit Jayden, aber auch mal mit Michael. Dorian kam nicht noch einmal mit. Er meinte, das sei nichts mehr für ihn. Aus dem Alter sei er raus. Er war erleichtert, dass ich nicht mit meinen Opfern schlief. Abends trank ich also das Blut junger Sterblicher, und tagsüber verbrachte ich mit Zoe und ihren Freundinnen den Tag. Keinem fiel auf, dass wir anders waren. Zoe hatte sich so gut in der neuen Schule eingefunden, dass sie viele Freundinnen hatte, die sie besuchte oder die zu uns kamen. Ihre Noten waren gut, und sie hatte Spaß am Lernen. Ich hatte mit der Zeit andere Mütter und Väter kennengelernt. Glücklicherweise reichte den meisten ein kurzes Kennenlernen, ehe sich die Kinder allein verabreden konnten.
   Franco war anders. Er war jedes Mal dabei. Wir hatten nicht noch einmal über sein eindeutiges Angebot gesprochen. Ich hielt es für das Beste, so zu tun, als wäre nichts passiert und bemühte mich, ihn nicht zu ermuntern. Da ich keine Ahnung hatte, womit ich ihn überhaupt auf den Gedanken gebracht hatte, war es schwierig. Dennoch verstanden wir uns mit der Zeit immer besser. Er erzählte mir sogar die Wahrheit über seine Frau. Ich hatte mich darüber gewundert, dass er keine Bilder von ihr in seiner Wohnung hatte.
   »Das war Chiaras Wunsch«, erklärte er. »Sie wünscht sich, dass ich mir eine neue Frau suche und meinte, dass es der vielleicht komisch vorkommen würde, wenn hier Bilder von Larissa hängen. Einige habe ich noch in meinem Schlafzimmer.«
   »Sie glauben nicht, dass sie tot ist?«
   Er warf mir einen Blick zu und seufzte. »Nein, aber es wäre besser, wenn ich es täte.«
   »Warum denken Sie das?«
   »Weil ich vielleicht tatsächlich eine neue Frau finden könnte. So denke ich immer an Larissa und …« Er sah mich an. »Ich liebte sie sehr. Vom ersten Augenblick an.«
   Auch wenn ich Dorian nicht vom ersten Augenblick an geliebt hatte, konnte ich seinen Schmerz nachempfinden. Franco war ein attraktiver Mann, selbst mit den grauen Schläfen. Er war nett und höflich, und ich hatte ihn noch nie aufbrausend oder brutal erlebt. Ich mochte ihn. Er war ein guter Kerl. Jemand, der nicht den Rest seines Lebens allein verbringen sollte. Einsam und traurig.
   »Es ist nicht leicht, als alleinerziehender Vater eine Frau zu finden.«
   Es klang wie eine Entschuldigung. »Sie werden mit Sicherheit jemanden finden. Vielleicht sollten Sie öfter ausgehen?«
   Franco lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, das ist nichts mehr für mich. Außerdem hätte ich niemanden, der auf Chiara aufpasst.«
   »Sie wissen, dass sie jederzeit bei uns bleiben kann. Kommen Sie das nächste Mal mit, wenn wir ausgehen.«
   Er grinste mich von der Seite an, sagte nicht Ja, aber auch nicht Nein. Ich beschloss, ihn wieder zu fragen. Ich war gern allein gewesen, bevor ich Dorian kennengelernt hatte. Jetzt wusste ich, dass ich mir das nur eingeredet hatte, damit sich das Alleinsein nicht so einsam anfühlte. Ich genoss – natürlich – Dorians Gesellschaft sehr. Auch die der anderen. Es tat gut, vertraute Personen um sich zu haben. Es gefiel mir. Ich konnte mir nicht vorstellen, je wieder allein zu leben. Und wüsste auch nicht, warum ich das tun sollte. Kein Mensch war gern allein. Das lag nicht in unserer Natur. Ein Mann wie Franco sollte auch nicht allein sein. Außerdem wusste ich von Chiara, dass sie sich manchmal ein bisschen erdrückt fühlte. Vielleicht konnten wir ihnen behilflich sein.

*

»Und? Was macht das Leben in der Provinz?«, scholl die dunkle Stimme seines ehemaligen Partners durch den Telefonhörer.
   Franco verdrehte die Augen und seufzte. Ab und zu rief er in der alten Dienststelle an, um zu horchen, was es Neues bei den Kollegen gab. Oder ob sie irgendwelche spannenden Fälle zu klären hatten. Seine jetzige Arbeit war alles, nur nicht spannend. Akten, Papierkram, der kontrolliert und wegsortiert werden musste, noch mehr Akten. Er hasste es. »Du weißt, warum ich hierher gegangen bin, Matteo, mach es nicht noch schlimmer«, sagte er mit einem leichten Anflug von Ärger. Er vermisste seinen alten Job. Und seine Kollegen.
   »Ja, tut mir leid. Es war die richtige Entscheidung. Du weißt, wir alle bewundern dich dafür.«
   »Ja, ja. Aber lass mal hören. Was gibts Neues von der Front?«
   »He, Franco, du weißt, ich darf nicht mit dir über laufende Ermittlungen sprechen.«
   »Tun wir doch nicht. Wir unterhalten uns nur«, sagte Franco und grinste. Matteo Bonetti war sein Freund. Sie kannten sich seit der Schulzeit. Ihre Telefonate liefen immer gleich ab.
   »Du weißt, dass ich dir nicht erzählen darf, dass es schon wieder einen mysteriösen verbrannten Leichnam gegeben hat. Und dass dieser anhand des Gebisses identifiziert werden konnte, auch wenn es stark verändert war. Du weißt auch, dass ich dir nicht erzählen darf, dass es einen Riesenwirbel in der Gerichtsmedizin deswegen gegeben hat.«
   »Aber klar weiß ich das«, sagte Franco. Auf Matteo war Verlass.
   »Der alte Farezzi ist extra aus dem Urlaub gekommen, weil sein Vertreter nicht damit klarkam«, erzählte er weiter. »Kein Zweifel. Wieder eine mehr als tote Leiche. In den Akten wurde als Zeitpunkt des Todes Mittwoch, zwei Uhr nachts, eingetragen. Es gab Zeugen, die bestätigten, dass der Kerl noch zappelte und schrie, als er lichterloh brannte. Farezzi hat mir anvertraut, dass viele Merkmale darauf hindeuteten, dass der Mann schon sehr viel länger tot war. Auch wenn sein Körper keine Anzeichen von Verwesung aufwies. Es floss sogar jede Menge frisches Blut durch seine Adern, jedoch konnte keine Blutgruppe eindeutig festgestellt werden.«
   Franco stieß zischend die Luft aus. Das war bereits der dritte Fall, von dem er gehört hatte. Einer in Rom, von einem anderen hatte ihm ein Freund aus Deutschland berichtet. Die Polizei dort war genauso ratlos. »Wer war der Kerl?«
   Er hörte Papierrascheln. »Martino Rodari, sechsundzwanzig Jahre alt, unverheiratet. Kommt aus Laigueglia. Arbeitete im Hotel seines Vaters, vor drei Jahren als vermisst gemeldet. War von einem Discobesuch nicht nach Hause gekommen. Keine Vorstrafen, solides Leben, keine Verbindungen zur Mafia oder anderen kriminellen Vereinigungen. Genau wie bei dem Fall in Rom.«
   »Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Männern?«
   »Nein. Zumindest wurde keiner gefunden. Sie kannten sich nicht, kamen sogar aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Der Römer war ein aufstrebendes Fußballtalent, sollte nach Barcelona verkauft werden. Warte mal, wie hieß der noch gleich?«
   »Manuel Colucci. Wo hat man diesen Rodari gefunden?« Franco versuchte, die Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenzulegen. Noch ergab das alles keinen Sinn.
   »Hey, Franco, du weißt, dass du das eigentlich nicht wissen darfst. Du musst unbedingt die Finger davon lassen.«
   »Ja, klar. Nun sag schon!«
   Ein Brummen und ein Seufzen kamen aus dem Hörer, ehe Matteo antwortete. Franco kannte die Adresse, die Matteo ihm genannt hatte. In der Nähe gab es ein traditionsreiches Restaurant, das mittlerweile eine der Adressen der Stadt geworden war. Das Luce del Giorno. Zu dem Louisa und ihre Familie eine private Einladung erhalten hatten. Er hatte den roten Umschlag bei seinem ersten Besuch dort sofort wiedererkannt. Er selbst hatte natürlich noch nie so eine Einladung erhalten. Aber er hatte davon gehört und wusste, wie sie aussahen. Dickes teures Papier, goldene Schrift, keine Briefmarke, keine Stempel. Sein Schnüfflerinstinkt meldete sich in Form eines unbehaglichen Kribbelns im Magen. Er wusste, dass mehr hinter diesem Restaurant steckte, als die Fassade vermuten ließ. Viel mehr. Er wusste nur nicht, was. Bisher hatte er keine Verbindungen zur Mafia herstellen können. Zumindest nicht mehr als bei allen anderen Restaurants und Klubs der Insel. Vielleicht gab es ein geheimes Drogenlabor in den hinteren Räumen? Oder es wurde Menschenhandel betrieben? Wie kam es, dass Dorian Fitzgerald, ein Ausländer ohne erkennbare kriminelle Vergangenheit, bereits nach so kurzer Zeit eine Einladung in das exklusivste aber auch verschlossenste Etablissement der gesamten Insel erhalten hatte? Hoffentlich hatten sie sich nicht in irgendwelche dubiosen Geschäfte verwickelt. Er mochte Louisa und Dorian. »Danke, Matteo. Ich hab noch aus einem anderen Grund angerufen.« Franco rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum. »Braucht ihr mal wieder einen privaten Schnüffler? Ich könnte ein bisschen Geld gebrauchen.« Es war ihm peinlich, danach zu fragen. Aber er und Matteo waren gute Freunde, und Matteo wusste, dass er mit dem Grundgehalt kaum über die Runden kam. Überstunden waren in seinem Bürojob selten drin. Deshalb arbeitete er nebenbei bei Bedarf als privater Ermittler. Glücklicherweise hatte er bei seinem alten Chef einen Stein im Brett, deshalb drückte er ein Auge zu. Erlaubt war das natürlich nicht, doch Franco verfügte nicht nur über unschätzbares Insiderwissen, sondern auch über einen guten Instinkt.
   »Ich hör mich mal um, vielleicht kann ich da was machen.«
   »Danke, Matteo. Ehrlich.«
   »Hey, ist doch selbstverständlich, alter Halunke. Aber halt dich aus den Brandfällen raus. Dabei fällt mir was ein. Du hattest dich doch nach dieser Louisa Fitzgerald geborene Reeves erkundigt. Ich bin da über etwas gestolpert. Eine Todesanzeige.«
   Franco sog die Luft ein.
   »Das kann natürlich Zufall sein«, fuhr Matteo unbeirrt fort. »Es ist eine Traueranzeige für die geliebte Tochter und die viel zu früh verstorbene Enkeltochter. Die Namen wurden zwar nicht genannt, aber die Unterzeichner waren die Eheleute Reeves mit Tochter und deren Familie. Von den Brüdern keine Rede. Wie gesagt, vielleicht ist es ein Zufall. Keine Ahnung, wie weit verbreitet der Name Reeves in England ist.«
   »Von wann ist die Anzeige?«
   »Sie ist, warte mal, knapp fünf Jahre alt.«
   »Danke, Matteo. Das muss wirklich ein Zufall sein. Wir sehen uns. Ciao.« Franco legte auf. Das war kein Zufall, das spürte er. Irgendetwas war faul an den Fitzgeralds, das hatte er von Anfang an gedacht. Vielleicht hatten Louisas Eltern Dorian nicht gebilligt und sie waren zusammen geflohen. Untergetaucht. Doch warum? Was stimmte nicht mit Louisa Fitzgerald geborene Reeves?
   Auf den ersten Blick wirkte sie wie die Frau eines reichen Mannes. Wenn man sich mit ihr unterhielt, war sie herrlich normal und bodenständig. Sie war auf der einen Seite beherrscht und selbstsicher, aber er hatte sie auch anders gesehen. Unsicher und eigenartig verklärt. Er war sich sicher, dass es nicht an ihm lag. Sie hatte keine Angst vor ihm, weil er Polizist war. Mit Sicherheit hatte sie auch keine Angst vor ihrem Mann. Wenn sie sich ansahen, war es wie ein Feuerwerk. So etwas hatte er noch nie gesehen. Sie waren so verliebt, als hätten sie sich gerade erst kennengelernt.
   Es musste etwas anderes sein. Dorians Spur war leicht zurückzuverfolgen. Wenn jemand auf der Suche nach ihr wäre, hätte er sie gefunden. Er rieb sich die Schläfen. Eigentlich hatte er andere Sorgen als ein mysteriöses Ehepaar, deren weibliche Hälfte ihn anzog. Der letzte Scheck, den er dem Privatdetektiv aus Rom hatte zukommen lassen, war geplatzt. Er würde nicht mehr für ihn arbeiten, um seine Frau zu finden. Eigentlich hatte er sowieso nichts herausbekommen. Sie war weg. Wie vom Erdboden verschluckt.
   Außerdem musste das Auto in die Werkstatt. Bei der alten Rostlaube würde es mit Sicherheit teuer werden. Das konnte er sich im Moment am allerwenigsten leisten. Er würde fortan mit dem Rad zur Arbeit fahren. So konnte er auch gleich etwas gegen seinen Hüftspeck tun. Dieser Dorian sah verdammt gut aus, der trieb bestimmt jeden Tag Sport. Wahrscheinlich mit einem Personal Trainer. Ja, Radfahren würde ihm gut tun. Chiara könnte mit dem Bus zur Schule fahren. Vielleicht würde er Louisa bitten, sie mitzunehmen. Und sie mit seiner Entdeckung konfrontieren.

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