Die junge Sara ist seit Jahren auf der Flucht vor ihrem Exfreund Simon. In dem kleinen, abgelegenen Ort Roseend findet sie endlich ein neues Zuhause. Die netten, zuvorkommenden Einwohner scheinen auch irgendwie anders zu sein – genau so wie sie. Sara verliebt sich in Jack, der offenbar eine Vormachtstellung im Ort hat. Doch ganz so einfach, wie sie es sich erhofft, ist die Beziehung nicht. Der Vollmond verändert nicht nur die Dorfbewohner und Jack, er verändert auch Sara, und es zeigt sich, dass sie doch nicht so ist wie die anderen. Werden Sara und Jack den Kampf um ihre Liebe gewinnen? Oder werden Saras Vergangenheit und ihr Geheimnis um ihre Andersartigkeit alles zerstören?

Alle Titel der Serie!

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-52-795-3
Kindle: 978-9963-52-797-7
pdf: 978-9963-52-794-6

Zeichen: 315.284

Printausgabe: 11,99 €

ISBN: 978-9963-52-793-9

Seiten: 188

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Christa Kuczinski

Christa Kuczinski
Christa Kuczinski, geboren 1971, verbrachte ihre Kindheit an der Mosel. Nach zwanzig Jahren „auswärts“ ist sie im September 2018 mit ihrem Mann und den beiden Söhnen in ihre gemeinsame Heimatregion an die Mosel zurückgekehrt. Im Jahr 2009 begann sie ernsthaft mit dem Schreiben. Die „Roseend“-Trilogie ist ihr erstes großes Projekt. Im Jahr 2016 veröffentlichte sie einen weiteren Fantasy-Jugendroman: Aberness (Verlagshaus el Gato). 2017 ihren ersten Fantasyroman als Selbstpublisher. Ava - Der Tag der Libelle - Teil 1. 2018 den zweiten Teil der Ava Trilogie - Die Nacht der Libelle -, im Frühjahr 2019 erscheint: Ava - Der Flug der Libelle - Teil 3.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1


Sara fühlte ihren Lippenstift zwischen den Fingern und schob ihn zur Seite. Endlich spürte sie den kalten Gegenstand, hörte mit ihren überaus guten Ohren das Klimpern des Schlüsselbundes und beförderte ihn zutage. Sie schlüpfte durch die Tür und ließ sie hinter sich ins Schloss fallen. Aufatmend lehnte sie sich gegen die Eichentür ihres neuen Zuhauses, das sie erst vor wenigen Wochen bezogen hatte.
   In diesem winzigen Dorf, das, wenn man es genau nahm, nur aus einer Ansammlung windschiefer Cottages bestand, fühlte sie sich sicher und geborgen.
   Sie stieß sich von der Tür ab und folgte dem silbernen Lichtstrahl, der durch das Oberfenster der Eingangstür fiel, bis in ihr kleines Badezimmer. Unterwegs entledigte sie sich ihrer Pumps und des dunkelblauen Blazers ihres Kostüms. Den Nachmittag über war sie fahrig gewesen und erleichtert, als sie endlich Feierabend machen konnte. Ihr Chef hatte sie verständnisvoll angesehen, als ob er wüsste, wie sie sich an solchen Tagen und vor allem Nächten fühlte, in denen sie den überwältigenden Wunsch nach Freiheit verspürte.
   Doch zuvor würde sie ein entspannendes Bad genießen und den Mief der Stadt so gut es ging aus ihren Haaren entfernen. Sie drehte den Wasserhahn auf heiß und beobachtete, wie das Wasser in die Badewanne strömte. Das Licht des langsam aufgehenden Mondes hatte freien Zugang durch das Fenster und tauchte den kleinen Raum in einen weichen Schimmer. Sara streifte ihre restliche Kleidung ab und stieg über den Wannenrand hinweg in das dampfende Wasser. Wie immer verzichtete sie auf einen Badezusatz, sie mochte den oftmals unterschwelligen, beißenden Geruch nicht, der ihr das unangenehme Gefühl gab, ihre Nase wäre verstopft. Kurz tauchte sie unter, lehnte sich mit dem Kopf gegen den Rand und schloss die Augen.
   Plötzlich stellten sich ihr die feinen Härchen an den Armen auf. Der Zeitpunkt, den sie schon den ganzen Tag herbeisehnte, kam schneller als erwartet. Sara stieg aus der Wanne und konzentrierte sich auf ihr Vorhaben. Ein Sprühregen an Wassertropfen fiel auf die hellen Fliesen und spritzte gegen die gekachelten Wände. Das stetige Tropfen des Wasserhahns nahm an Lautstärke zu und hallte in dem kleinen Raum wider, als würde sie sich nicht in einem Badezimmer, sondern in einer riesigen Tropfsteinhöhle befinden. Für einen Augenblick spürte sie anstelle von Hitze einen kühlen Luftzug. Sie war bereit für einen ihrer geliebten, nächtlichen Ausflüge.

In ihrer Wolfsgestalt huschte Sara durch die angelehnte Hintertür hinaus in den verwilderten Garten. Tief sog sie die frische Nachtluft ein, jauchzte leise auf und sprang wie ein übermütiger Welpe durch das hohe Gras. Sie besann sich und sah sich argwöhnisch in alle Richtungen um. Nichts deutete auf ungewöhnliche Vorkommnisse hin und doch verspürte sie für einen Moment drohende Gefahr. Nun etwas vorsichtiger schlüpfte sie unter der niedrigen Hecke hindurch, lief seitlich den Hang hinab und verschwand im dichten Unterholz. Mit gespitzten Ohren lauschte sie den Geräuschen der Umgebung. Tief in sich spürte sie die ihr vertraute Wildheit, die sie nur allzu oft unterdrücken musste, in dieser Nacht jedoch genoss sie ihre Freiheit in vollen Zügen. Die fließende Bewegung ihrer Muskeln, die sich in ihrer Spannkraft durch ihren Körper fortsetzte, trieb sie immer weiter voran. Der Wald verbarg sie vor der restlichen Welt und vermittelte ihr ein tiefes Gefühl der Geborgenheit. Die Vielfalt der Gerüche, die ihr in die Nase stachen, ließen sie mehrmals aufgeregt winseln. Neben dem Findling zu ihrer Rechten roch sie das süße Aroma des Todes, das einigen Grasbüscheln anhaftete und deutlich machte, dass hier vor Kurzem ein Fuchs mit seiner Beute vorbeigeschlichen war. Modrige Fäulnis stieg vom weichen Waldboden auf, und die Luft trug die Ausdünstungen unzähliger Wildtiere mit sich. Dennoch trottete sie gemächlich den ausgetretenen Pfad entlang, der sie zu einer kleinen Lichtung führte. Bei ihrem letzten Ausflug hatte sie diesen verborgenen Ort entdeckt, und er eignete sich hervorragend für das, was sie vorhatte.
   Nicht mehr ausschließlich auf die Geräusche ihrer Umgebung konzentriert, ließ sie sich auf dem offenen Platz nieder und reckte ihre Schnauze dem sternenklaren Himmel entgegen. Tief atmete sie die aromatische Luft ein und spürte ein drängendes Grollen, das sich unaufhaltsam seinen Weg durch ihre Kehle bahnte. Sie verharrte mit geschlossenen Augen. Erst, als eine kraftvolle, tiefe Stimme in ihren Gesang einfiel, bemerkte Sara erschrocken, dass sie keineswegs allein war. Mit bernsteinfarbenen Augen, in denen sich das helle Mondlicht spiegelte, fixierte sie den imposanten Wolf in ihrer Nähe, der aus dem Halbdunkel der Bäume hervortrat. Erstaunt, ihn nicht eher entdeckt zu haben, fiel ihr auf, dass sich der kühle Nachtwind gedreht hatte und in ihre Richtung wehte. Der schwere Geruch von feuchter Erde, vermischt mit einem starken, maskulinen Duft, drang ihr in die Nase und verwirrte sie für einen Moment. Mit gehetztem Blick auf den Wolf – sein silbernes Fell mit dem markanten schwarzen Streifen, der sich über seinen kraftvollen Rücken zog, hatte sich ihr eingeprägt – drehte sie sich um und schoss, einen weiten Umweg nehmend, zurück in ihren Garten.
   Kaum dass sich Sara zurückverwandelt hatte, schob sie den Riegel der Hintertür vor, setzte sich schwer atmend an den Küchentisch und ermahnte sich, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Wozu besaß sie eine empfindliche Nase, wenn sie diese nicht zu ihrem Vorteil und Schutz einsetzte?
   Ihre Nerven blieben weiterhin angespannt. Geistesabwesend griff sie in den Wäschekorb, der sich neben ihrem Stuhl befand, zog ein T-Shirt und kurze Shorts aus dem Stapel und schlüpfte hinein. Anschließend wischte sie den Fußboden, auf dem sich eine feuchte Spur von Pfotenabdrücken vom Bad ausgehend durch den schmalen Flur bis zur Hintertür zog. Und da sie schon einmal dabei war, betrat sie das Badezimmer und ließ das mittlerweile kalte Wasser gurgelnd durch den Abfluss verschwinden. Als Nächstes kehrte sie in die Küche zurück und schob einige bunt lackierte Tontöpfe, in denen sie verschiedene Gewürze zog, zur Seite. Erneut sah sie wachsam aus dem Fenster und schalt sich insgeheim eine Närrin. Außerhalb der Mauern war alles ruhig und unauffällig. Der Rasen lag ebenso wie die dichten Hecken, die sich seitlich um ihr Häuschen zogen, im Dunkeln. Die lang gezogenen Schatten der Streben des maroden Holzzaunes, der ihr kleines Grundstück zur Vorderseite hin einfasste, wirkten im Mondlicht wie die Gitterstäbe einer überdimensionalen Gefängniszelle. Ihr Blick blieb an einem aufflackernden Lichtschein hinter den zusammengezogenen Vorhängen des gegenüberliegenden Cottages hängen. Neugierig beobachtete sie die männliche Silhouette, die in ihr Blickfeld trat. Saras Herz begann zu rasen, und dies nicht nur als Folge ihres vor Kurzem erlebten Abenteuers. Die Konturen der muskelbepackten Oberarme und des breiten Brustkorbs, der in schmale Hüften überging, wiesen auf einen überaus athletischen Mann hin, den sie gern deutlicher in Augenschein genommen hätte.
   So plötzlich, wie der Gedanke aufgetaucht war, schob sie ihn beiseite. Sie strich ihr zerzaustes Haar aus der Stirn, wandte sich nach kurzem Zögern ab und ließ sich auf den nächstbesten Stuhl sinken. Gedankenverloren kaute sie an ihrer Unterlippe. Ein attraktiver Mann in ihrer Nähe hatte ihr, wo sie doch glaubte, endgültig mit dem männlichen Geschlecht abgeschlossen zu haben, gerade noch gefehlt.
   Plötzlich ärgerte sie sich über ihr exzentrisches Verhalten. Niemand wusste, dass sie sich in diesem Teil Englands aufhielt. Bisher hatte sie es immer erfolgreich vermieden, mit ihren jeweiligen Nachbarn in allzu engen Kontakt zu treten, und dieses Mal würde es ebenso sein.
   Anstatt sich weiterhin mit den ungewöhnlichen Zwischenfällen in dieser Nacht zu beschäftigen, suchte sie sich eine befriedigendere Aufgabe und bereitete sich einen Tee. Seit jeher hatte dieser gewohnte Handlungsablauf ihr Gemüt beruhigt, sodass sie auch diesmal auf die entsprechende Wirkung vertraute.
   Nachdenklich blickte Sara in die flackernde Flamme des Gasherdes, bis der Teekessel ein lautes Pfeifen von sich gab. Sie nahm einen Becher vom Wandboard und goss sich den duftenden Tee ein.

Sara erinnerte sich an das einige Tage zurückliegende Gespräch mit ihren neuen Nachbarn. Rechts von ihr, ein Stück den Hang hinauf, wohnten Michael und Sophie. Die beiden waren in etwa so alt wie sie, standen schon am zweiten Tag nach ihrem Einzug an ihrer Gartenpforte, die windschief in den Angeln hing, und begrüßten sie mit einem duftenden Apfelstrudel, den sie gemeinsam auf klapprigen Stühlen inmitten des hohen und von Unkraut überwucherten Rasens verspeisten.
   Da sie von Natur aus neugierig war, hatte sie die Gelegenheit genutzt, um etwas über die Bewohner von Roseend zu erfahren. Natürlich hätte sie ihren neuen Chef fragen können. Immerhin hatte ihr dieser Roseend wärmstens empfohlen, doch sie wusste ihn noch nicht einzuschätzen und wollte nicht den Eindruck erwecken, eine allzu neugierige Person zu sein. Dieses zwanglose Treffen mit ihren Nachbarn hatte ihr die Möglichkeit gegeben, einige Fragen zu stellen. Während sich Sara auf ihrem Stuhl zurückgelehnt hatte, wandte sie sich an Michael, der ihr merkwürdigerweise offener vorkam als Sophie. »Wie lange wohnt ihr zwei bereits in Roseend?«
   »Es müssten jetzt zehn Jahre sein. Wir stammen aus einer Stadt nördlich von hier und kennen uns schon seit unserer Kindheit.«
   Gespannt hatte sie seinen Worten gelauscht.
   »Damals lernten wir auch Jack kennen, na ja, eigentlich kannte Sophie ihn vor mir. Aber das ist lange her, jedenfalls beschlossen wir, nach Roseend zu ziehen und heirateten kurz darauf.«
   Michael warf seiner Frau einen liebevollen Blick zu. Für einen Moment meinte sie, einen resignierten Zug in Sophies Gesicht zu erkennen. Als diese jedoch zurücklächelte, glaubte Sara, sich getäuscht zu haben. »Ich kann verstehen, dass ihr euch hier wohlfühlt, mir geht es ebenso. Ich wohne zwar erst seit Kurzem in Roseend, doch schon jetzt fühle ich mich wie zu Hause. Es ist alles so ruhig und friedlich. Und obwohl man abgelegen wohnt, erreicht man Bellwick innerhalb von zwanzig Minuten.«
   Sophie strich sich ihr kinnlanges Haar zurück, was ihr einen Anflug von Härte verlieh. Sie erwiderte Saras fragenden Blick. »Ich arbeite als Verkäuferin an der Tankstelle, vier Kilometer von hier. Michael ist Schriftsteller und zurzeit dabei, sein Buchprojekt zu beenden.«
   »Jetzt ist mir auch klar, warum ich dich so selten zu Gesicht bekomme. Du vergräbst dich vermutlich den ganzen Tag hinter deinen Büchern«, wandte sich Sara mit einem verschmitzten Lächeln erneut an Michael.
   Ihr Nachbar grinste sie an und nickte zustimmend, sodass Sara aufatmete. Kaum waren ihr die Worte entschlüpft, wurde ihr bewusst, dass Michael diese auch anders hätte verstehen können. Doch ihr erster Eindruck von ihm bestätigte sich, er war durch und durch eine gutmütige und fröhliche Natur. In seiner Gesellschaft fühlte sie sich wohl, was sie von Sophie leider nicht behaupten konnte.
   »Oh, ich schreibe nicht nur in einem muffigen Kämmerchen, wie es in vielen Filmen zu sehen ist, sondern wandere oftmals durch die Wiesen und genieße einfach die Natur um mich herum«, sagte Michael mit einem Augenzwinkern.
   Sie nickte zustimmend. Auch sie liebte diesen Ort, der eine gewisse Wildheit ausstrahlte. »Sagt mal, gehört das Cottage gegenüber niemandem? Es scheint doch noch gut in Schuss zu sein.«
   Michael und Sophie tauschten vielsagende Blicke, die Sara keinesfalls verborgen blieben.
   »Also … na ja. Da wohnt Jack.«
   »Jack? Und wer ist dieser Jack und was macht er so?«
   Statt einer Antwort begann sich Sophie mit einem imaginären Mückenstich auf ihrem Arm zu beschäftigen, Michael ordnete gedankenverloren seine Frisur, mit der gleichen Handbewegung, die sie auch schon bei Sophie beobachtet hatte. Vermutlich eignete man sich in der Ehe unbewusst einige Macken seines Partners an.
   »Jack ist halt Jack«, unterbrach Michael schließlich das Schweigen. »Früher oder später wird er dir garantiert über den Weg laufen … Du, könnte ich noch ein Stück Kuchen bekommen? Ich platze zwar gleich, aber der ist so was von lecker!«
   Sie beschlich das untrügliche Gefühl, dass ihr irgendetwas verheimlicht werden sollte. Was war mit diesem Jack? Hatten Michael und Sophie Ärger mit ihm? Da sie ihre Nachbarn keinesfalls brüskieren wollte, schnitt sie das Thema nicht mehr an, sondern ein neues Stück Kuchen für Michael ab.

Der Gedanke an dieses merkwürdige Gespräch hatte bei Sara einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen. Nur kurz gelang es ihr, der Versuchung zu widerstehen, erneut zum gegenüberliegenden Cottage zu blicken, dann starrte sie wieder auf das jetzt dunkle Gebäude. Verärgert über ihre Verunsicherung stellte sie den leeren Becher auf den Tisch und beschloss, frühzeitig schlafen zu gehen. Sie wollte sich nicht länger mit ihrem mysteriösen Nachbarn befassen und Mutmaßungen angesichts seines unerwarteten Auftauchens anstellen. Stattdessen zog sie die flauschige Decke bis zur Brust und kuschelte sich in ihr Kissen. Lange Zeit lag sie mit geöffneten Augen da, beobachtete die Lichtspiele, die das fahle Mondlicht an die Wände warf, und lauschte den Geräuschen, die durch das gekippte Fenster zu ihr drangen. Für einen Moment glaubte sie, in der Ferne mehrstimmiges Wolfsgeheul auszumachen. Doch zu müde, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen, schlief sie schließlich ein.
   Sara träumte.
   Die Konturen der Bäume und Büsche verschwammen, einzig den Wolf, dessen dichtes Fell wie in flüssiges Silber getaucht glänzte, konnte sie weiterhin deutlich erkennen. Dieses Mal sah sie ihm gelassen und ohne Angst entgegen. In seinen glühenden gelben Augen entdeckte sie dasselbe Erstaunen, wie sie es bei seinem Anblick empfunden hatte. Sein intensiver Blick schien bis in ihre Seele vorzudringen.
   Ihr Herz erzitterte, eine tiefe Sehnsucht durchfuhr ihren Körper und ließ sie im Schlaf leise aufseufzen.

Kapitel 2


Verschlafen blinzelte Sara ins helle Sonnenlicht, das den Raum durchflutete und tastete nach dem Wecker, dessen schrille Töne selbst einen Stummen zum Fluchen bewegt hätten. Sie sank auf das zerknautschte Kissen zurück. Heute war Samstag und sie hatte alle Zeit der Welt.
   Wo war dieser Wolf so plötzlich hergekommen?
   Im Tageslicht wirkten die Ereignisse der letzten Nacht weitaus weniger Furcht einflößend.
   Kurz dachte sie an den Fremden, doch diese Vorstellung führte sie nicht weiter aus. Zwar war das gegenüberliegende Cottage bewohnt, allerdings war dies kein Beweis dafür, dass es sich bei ihm um ihren mysteriösen Nachbarn handelte. Ihn kannte sie ja noch nicht einmal persönlich. Verstimmt, dass ihre Gedanken erneut in diese Richtung drifteten, überlegte sie, was sie an diesem Tag erledigen könnte. Der Rasen im Vorgarten musste dringend gemäht werden, und die Arbeit an der frischen Luft würde sie mit Sicherheit auf andere Gedanken bringen.
   In abgeschnittenen Jeans und einem bauchfreien knallroten Top machte sie sich nach dem Frühstück auf den Weg. Nur wenige Hundert Meter entfernt stand das Häuschen von Jafa und Mina. Diesem netten älteren Ehepaar war Sara bereits kurz nach ihrem Umzug begegnet. Sie würde das großzügige Angebot, sich deren Rasenmäher auszuleihen, annehmen.
   Als sie die Gartenpforte hinter sich zuzog, warf sie im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick auf das Nachbargebäude, das wieder einen verlassenen Eindruck machte, und atmete erleichtert auf. Der Tag war zu schön, um sich unnötige Sorgen zu machen. Hohe Büsche, wild wuchernder Löwenzahn, Spitzwegerich und zahlreiche Pflanzen, deren Namen sie nicht kannte, säumten den breiten Kiesweg zu beiden Seiten.
   Die wenigen Meter zu ihren Nachbarn legte sie innerhalb kurzer Zeit zurück und bog in deren Einfahrt ein. Mina hatte sie scheinbar von Weitem kommen gesehen. Mit ihrer molligen Figur füllte sie den Türrahmen aus und winkte ihr freudig entgegen.
   »Guten Morgen! Möchtest du eine Tasse Tee und frisch gebackene Brötchen dazu?«
   Eine solch herzliche Begrüßung brachte Sara für einen Moment aus der Fassung. Während der Jahre ihrer Wanderschaft, in denen sie bereits mehrmals umgezogen war, hatte sie jeglichen Kontakt zu anderen vermieden. Bisher hatte sie sich immer für eine Einzelgängerin gehalten, die Problemen lieber aus dem Weg ging, anstatt sich ihnen zu stellen, auch wenn dies bedeutete, auf sich allein gestellt zu sein. Ihrer neuen Nachbarin jedoch war es mit Leichtigkeit gelungen, sie schon bei ihrer ersten Begegnung für sich einzunehmen. Minas Warmherzigkeit konnte man nur schwer widerstehen.
   Nachdem sich Sara in Roseend niedergelassen hatte, war alles anders geworden. Die Menschen an diesem Ort waren anders. Offener, zuvorkommender und vor allem gastfreundlicher, und obwohl sie keine rechte Lust auf Small Talk hatte, nahm sie Minas Angebot dennoch gern an.
   Sie streckte ihre Beine unter dem alten Gartentisch aus, blinzelte in die Morgensonne und genoss die Vielfalt der Blumen, die zu dieser warmen Jahreszeit in voller Blüte standen. Das Gespräch zwischen ihnen drehte sich ausschließlich um die nicht enden wollende Gartenarbeit. Erleichtert, dass ihr keine persönlichen Fragen ihre Herkunft betreffend gestellt wurden, fragte Sara Dinge, über die sie sich zuvor niemals Gedanken gemacht hatte. Ihre Begeisterung für die Botanik hielt sich zwar stark in Grenzen, doch dies war immer noch besser, als ihre freundliche Nachbarin anlügen zu müssen. Ihr Leben bestand aus einem einzigen, undurchdringlichen Lügengeflecht, dem sie nicht entrinnen konnte und zu dem sie einiges beigetragen hatte. »Tut mir leid. Ich war gerade mit meinen Gedanken woanders.«
   »Ich sagte, wenn du möchtest, bringe ich dir in den nächsten Tagen einen Korb frischer Beeren vorbei. Sie stehen kurz vor der Reife und in diesem Jahr hängen die Büsche besonders voll.«
   Überrascht über ein solches Angebot, nickte Sara nach kurzem Zögern. Ihr Blick glitt über das Grundstück auf der Suche nach den Himbeerbüschen, deren vollblättrige Triebe sorgsam umgebogen entlang der seitlichen Hauswand befestigt waren. Es war offensichtlich, dass Mina im Gegensatz zu ihr einen grünen Daumen besaß. Nicht nur die Hecken waren ordentlich gestutzt, auch die Rabatten schienen von jeglichem Fremdwuchs befreit. Das Zusammenspiel der sorgfältig aufeinander abgestimmten Farbvariationen und die sonnigen Standorte der Blumen verliehen dem Garten einen exklusiven Touch, gleichsam dem Sommerstillleben eines begnadeten Malers.
   Der Anblick des kurz geschnittenen Rasens brachte Sara auf ihr Anliegen zurück. »Ich hätte ebenfalls eine Frage. Ich würde mir gern euren Rasenmäher ausleihen. Mir fehlte bisher die Zeit, mich um den Vorgarten zu kümmern …«
   »Aber natürlich, kein Problem«, fiel ihr Mina ins Wort, offenbar froh darüber, ihr einen Gefallen tun zu können.
   Dass die ältere Frau wild entschlossen schien, sie zu bemuttern, entlockte ihr ein Schmunzeln.
   »Jafa, könntest du den Rasenmäher holen? Sara benötigt ihn, sie möchte ihren Garten in Ordnung bringen.«
   Ihr Nachbar tauchte an der Tür des kleinen Schuppens auf, der an das Cottage angrenzte, und nickte ihnen zu. »Guten Morgen Sara.« Mit einem Blick auf Minas liebevoll gedeckten Gartentisch rieb er sich über seinen Bauchansatz, der unter seiner Dickies-Latzhose deutlich zu erkennen war, und verzog das Gesicht zu einem genüsslichen Grinsen. »Wie ich sehe, probierst du Minas sagenhaft gute Brötchen. Du musst wissen, meine Frau ist die beste Köchin weit und breit.«
   Er zwinkerte seiner Frau verschwörerisch zu, bevor sie beide in Gelächter ausbrachen. Sara ließ sich von der guten Laune anstecken und fiel in ihr Lachen ein, sie fand es erfrischend, wie dieses Ehepaar miteinander umging.
   Jafa schnappte sich eines der übrig gebliebenen Brötchen und verschwand in Richtung Schuppen. Kurz darauf kam er mit einem Ungetüm von Rasenmäher im Schlepptau zurück, und Sara betrachtete ihn skeptisch. Offensichtlich handelte es sich um ein altes und überaus schweres Modell. Sie hatte vor, dankend abzulehnen, besann sich aber, da sie ihre freundlichen Nachbarn nicht vor den Kopf stoßen wollte und beschloss, es mit dem Ungetüm aufzunehmen. »Vielen Dank für das Frühstück und die Ausleihe. Es wird langsam Zeit für mich, aufzubrechen, sonst sitze ich heute Abend noch hier, anstatt dem Unkraut zu Leibe zu rücken.«
   Nach einer herzlichen Verabschiedung und dem Versprechen, sie wieder einmal zu besuchen, brach sie auf. Der Kiesweg entpuppte sich als völlig ungeeignet, einen schweren Rasenmäher hinter sich herzuziehen, sodass es anstrengend war. Als sie an Jacks Cottage vorüberkam, sah sie, dass das vordere Fenster weit geöffnet war. Leise Popmusik drang aus dem Inneren und ein Auto, das ihr bekannt vorkam, parkte in der Einfahrt vor dem Haus. Als sich die Eingangstür öffnete und zu Saras Überraschung ihr Chef im Türrahmen erschien, fühlte sie sich merkwürdigerweise ertappt. Bevor sie jedoch unbemerkt weitergehen konnte, was in Anbetracht des Rasenmähers kaum möglich war, entdeckte er sie und kam mit großen Schritten auf sie zu. Im ersten Moment fühlte sie sich von seiner freundschaftlichen Umarmung überrumpelt, reagierte automatisch und drückte ihn ebenfalls kurz an sich. Statt sie loszulassen, drehte er sie mit Schwung in Richtung des Mannes, der ihnen langsam entgegenkam.
   Das also war Jack!
   In Sekundenschnelle hatte sie ihn abgecheckt.
   Ihr Nachbar musste um die Dreißig sein. Sein breiter, muskulöser Körper steckte in einem ärmellosen T-Shirt und verwaschenen Bluejeans, die ihm ausgezeichnet standen. Was sie jedoch faszinierte, war der Anblick seines markanten Gesichts. Eine silberne Strähne in seinem ansonsten tiefschwarzen Haar fiel ihm lässig in die hohe Stirn und erinnerte sie vage an etwas, doch was genau es war, vermochte sie nicht zu sagen. Ihr Blick wanderte über seine kornblumenblauen Augen zu seiner schmalen Nase und blieb an den vollen Lippen hängen, deren Beschaffenheit förmlich zum Küssen einlud und die sich in diesem Moment zu einem spöttischen Lächeln verzogen.
   Seine Reaktion auf ihre unverhohlene Musterung ließ erkennen, dass er wusste, was gerade in ihr vorging, und er schien sich darüber zu amüsieren.
   Vor Verlegenheit wurden ihre Wangen heiß. Sie wandte sich Marc zu, der, zu ihrer Erleichterung, von alldem nichts mitbekommen hatte.
   »Jack, ich habe dir doch von meiner neuen Angestellten erzählt. Das ist sie – Sara.«
   So gelassen wie möglich reichte sie Jack die Hand. Mehr als »Hallo« brachte sie allerdings nicht heraus.
   »Nett, Sie kennenzulernen. Ich hoffe, es gefällt Ihnen in Roseend«, erwiderte er ihre kurze Begrüßung ebenso zurückhaltend wie sie, mit einer warmen, tiefen Stimme, die vor Männlichkeit nur so strotzte.
   Verunsichert über seine Anziehungskraft, die er auf sie ausübte, entzog sie sich seinem Griff. »Ja, danke, hier ist es wunderschön, aber jetzt muss ich leider weiter.« Ihre Stimme hörte sich in ihren Ohren seltsam schwach an. Mit einem erklärenden Seitenblick auf den Rasenmäher machte sie sich wieder auf den Weg. Das Ungetüm hinter sich her zerrend bemühte sie sich, eine abgeklärte Haltung an den Tag zu legen. Selbst als sie hörte, wie das Auto angelassen wurde und abfuhr, drehte sie sich nicht um.
   Ein attraktiver Nachbar, der sich dessen auch noch bewusst war. Na toll. Nicht, dass er ihr nicht gefiel, o nein, und genau das war ihr Problem. Ihre Reaktion auf ihn brachte sie aus dem Gleichgewicht, das sie in den letzten Jahren in mühevoller Arbeit wiedererlangt hatte. Keine Männer und schon gar nicht die Gutaussehenden!
   Marc bot keine Gefahr, er war mit Miranda, einer quirligen Blondine verheiratet. Beiden gehörte das Dessousgeschäft, in dem Sara seit Kurzem arbeitete. Eine impulsive, lustige Frau, die ihren Mann, der im Gegensatz zu ihr ruhig und zurückhaltend wirkte, perfekt zu ergänzen schien. Obwohl sie insgeheim glaubte, dass es eher Mirandas Geschäftsidee war, da Marc nebenbei ein gut gehendes Bodybuildingcenter betrieb und die Dessous ausschließlich seiner Frau überließ. Wie es letztendlich war, interessierte Sara nicht wirklich. Hauptsache, sie hatte einen Job, der ihr Spaß machte und eine Bleibe, die ihrer Zurückgezogenheit entgegenkam. Marc war glücklich verheiratet und Durchschnitt und somit keinerlei Gefahr für sie, da sie anscheinend schwierige Männer anzog. Bei diesem Jack allerdings klingelten alle Alarmglocken, und das gefiel ihr ganz und gar nicht.

Den restlichen Vormittag arbeitete sie wie ein Berserker im Garten. Sie häufte das gemähte Gras in einer Ecke des maroden Holzzaunes und jätete sorgfältig den schmalen Kiesweg vor ihrem Cottage. Gegen Mittag musste sie eine Pause einlegen. Die Sonne hatte im Laufe des Vormittags deutlich an Kraft gewonnen, flirrende Hitze lag in der Luft und das Top klebte mittlerweile an ihrem Körper wie eine zweite Haut. Ihre Haare waren bereits zu einem Knoten zusammengebunden, wobei sich vereinzelte Strähnen gelöst hatten und ihr wirr ins Gesicht hingen. Mit einer gekühlten Flasche Limonade setzte sie sich auf die oberste der zwei Stufen vor ihrem Cottage, nippte am Getränk und betrachtete das Ergebnis der letzten Stunden Arbeit. Das gestutzte gelbe Gras wirkte an verschiedenen Stellen wie ein unprofessioneller Bürstenhaarschnitt, da Sara im Eifer des Gefechts einige hartnäckige Büschel übersehen hatte, aber im Großen und Ganzen hatte sie gute Arbeit geleistet. Sie lauschte der wohltuenden Ruhe, die dieser Ort ausstrahlte und ihr nach dem ohrenbetäubenden Geknatter des widerspenstigen Rasenmähers überaus angenehm vorkam. Ihr Blick heftete sich auf die beiden Bäume auf ihrem Grundstück. Entschlossen, die Idee, die ihr vor einigen Tagen gekommen war, langsam in die Tat umzusetzen, stand sie auf und verschwand erneut im Haus.
   Gegen Abend wurde die behagliche Stille von einem lauten Motorengeräusch gestört. Der blaue Passat ihres Chefs hielt gerade in der Einfahrt. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie ihr Nachbar ausstieg, Marc zum Abschied die Hand hob, wendete und mit quietschenden Reifen davonfuhr. Jack schien zu zögern, als ob er überlegen müsse, was er als Nächstes tun sollte. Schließlich schlenderte er lässig, die Hände tief in den Jeanstaschen vergraben an ihren Gartenzaun, stützte sich auf dem altersschwachen Holz ab und grinste zu ihr herüber. Sara hatte keine andere Wahl, als sich ihm zuzuwenden – bis jetzt hatte sie sich noch an die Vorstellung geklammert, er würde sie nicht bemerken oder umkehren – und lächelte ihn ihrerseits freundlich an.
   Als sich sein Lächeln daraufhin vertiefte und er dadurch noch anziehender auf sie wirkte als zuvor, stöhnte sie unmerklich auf.
   »Sie scheinen selbst am Wochenende nicht ohne Arbeit auszukommen, ich muss schon sagen«, er nickte anerkennend, »hier hat sich wirklich einiges getan. Wenn Sie das nächste Mal einen Rasenmäher brauchen … also, ich habe mitbekommen, dass Sie Jafas alten benutzen, bedienen Sie sich ruhig bei mir, ich besitze einen relativ neuen und handlicheren.«
   Der amüsierte Funke in seinen blauen Augen forderte sie geradezu heraus. »Danke für Ihr großzügiges Angebot, aber mir liegt nicht unbedingt daran, meinen Nachbarn etwas schuldig zu sein«, konterte sie mit einer gehörigen Spur Zynismus in der Stimme.
   Zur Bekräftigung ihrer Worte reckte sie trotzig ihr Kinn in die Höhe. Sara war sich bewusst, dass sie fürchterlich aussah, und hielt seinem forschenden Blick, der von ihrem wirren Haar zu den Schmutzstreifen auf ihren Wangen und zu ihr zurückkehrte, dennoch stand. Die Intensität seiner Musterung ließ sie leicht zusammenzucken. Plötzlich hatte sie den Eindruck, dass das satte Blau heller wirkte als zuvor. Sie fühlte sich merkwürdig befangen und löste verwirrt den Blickkontakt. Vermutlich hatte sie sich nur täuschen lassen, womöglich war die untergehende Sonne, die Jack in einen goldenen Schimmer hüllte, schuld daran. Um einer weiteren Begutachtung zu entgehen, ließ sie ihren Blick unauffällig an seinem Körper hinabwandern und wünschte sich, es nicht getan zu haben. Die engen Jeans schmiegten sich an seine Hüften und ließen ihrer Fantasie jede Menge Freiraum. Vor Verlegenheit schoss ihr die Hitze in die Wangen, hastig richtete sie ihr Augenmerk erneut auf sein Gesicht und wurde mit einem süffisanten Lächeln belohnt. Ärger über seine verwirrende Reaktion wallte in ihr auf. »Tja, ich habe leider zu tun, es war nett, dass Sie kurz rübergekommen sind.« Sie wandte sich brüsk ab, überstieg die unterste Treppenstufe und verschwand durch die Tür, die leise hinter ihr ins Schloss fiel. Sie wusste, dass es einer Flucht gleichkam, und das tiefe Lachen, das ihr folgte, ließ sie wissen, dass er der gleichen Meinung war.

Die Abendstunden verbrachte sie lesend im Sessel vor dem Kamin. Obwohl es Ende Juni und eindeutig zu warm dafür war, genoss sie den Anblick und die wohltuende Wärme des flackernden Feuers. Nach einem flüchtigen Blick aus dem Fenster gen Himmel in Richtung Mond, der in dieser Nacht bedeutend schwächer schien, überlegte sie, einen erneuten Abstecher auf die Lichtung zu machen. Dank ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit, die, wie sie wusste, niemand außer ihr besaß, hatte sie völlige Entscheidungsfreiheit, was das Stromern durch die Wälder betraf. Doch sie verspürte keine große Lust, dem fremden Wolf ein weiteres Mal zu begegnen und beschloss, ihren Ausflug auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen. Bei ihrer ersten Begegnung waren sie voneinander überrascht gewesen. Sara wusste allzu gut, dass Werwölfe in Wolfsgestalt nicht unbedingt nett und freundlich waren, zumindest hatte sie von solchen noch nie gehört, und deshalb blieb sie allem, was mit ihresgleichen zu tun hatte, gegenüber misstrauisch.
   Besonders männliche Wölfe neigten zu Dominanz, obwohl sie in menschlicher Gestalt durchaus anders sein konnten. Es lag einfach in der Natur des Wolfes, seine Stellung innerhalb seines Rudels behaupten zu wollen, insbesondere jemandem gegenüber, der keinem angehörte.
   Das war einer der Gründe, warum sie fortgegangen war, um sich hier, weit entfernt von ihrem früheren Zuhause, ein neues Leben aufzubauen. Und das bitte schön ohne einen fremden Werwolf in der Nähe, der ihr seit seinem überraschenden Auftauchen leichtes Kopfzerbrechen machte. Nicht, dass sie bisher vielen von ihnen begegnet wäre.
   Sie wurde in eine Familie hineingeboren, unter deren Vorfahren es durchaus Wolfswesen gegeben hatte, doch zur Zeit ihrer Geburt waren es nur noch Geschichten, die in ihrer Familie kaum erwähnt wurden. Selbst für ihre Eltern, die eine gewisse Akzeptanz an den Tag legten, musste es ein Schock gewesen sein, zu erkennen, dass in ihrer Tochter das alte Erbe auflebte. Bis sie ihr Elternhaus verließ, sprach man nie über das Offensichtliche und an bestimmten Tagen im Monat, wenn Vollmond war, ignorierte man es schlicht.

Sara war gerade auf dem Weg in ihr Schlafzimmer, als sie aus Richtung des Waldes gedämpftes Wolfsgeheul vernahm. Sogleich durchzuckte sie das Bedürfnis, mit einzustimmen, doch sie bezwang den Drang, so wie sie es früher oft hatte tun müssen. Stattdessen schlüpfte sie unter die Bettdecke, zog sich energisch das Kissen über den Kopf und zählte bis hundert und zurück.
   Den darauffolgenden Tag verbrachte sie mit lästiger Hausarbeit und, nach getaner Arbeit, müßig vor sich hin träumend in der Hängematte im Schatten der Bäume.
   Zu ihrer Erleichterung ließ sich Jack nicht mehr blicken, allerdings hatte er die Möglichkeit, die Hintertür zu benutzen, die jedes Cottage besaß, und musste so nicht zwingend an ihrem Grundstück vorbei.

Kapitel 3


Am Montagmorgen machte sie sich in aller Frühe auf den Weg zur Arbeit und atmete auf. Da sie das ganze Wochenende unter einer starken Anspannung gestanden hatte, die sie sich nicht erklären konnte, war sie froh, wieder arbeiten zu können. Nach einer viertelstündigen Fahrt über die einzige Landstraße, die Roseend und das kleine Städtchen Bellwick miteinander verband, betrat sie gut gelaunt das Dessousgeschäft. Wie erwartet hatte Miranda bereits den obligatorischen Tee aufgesetzt, dessen würziger Duft ihr schon beim Eintreten entgegenschlug.
   »Hallo Sara, wie war dein Wochenende?« Miranda drückte ihr einen Tasse duftenden Hibiskustee in die Hand und lehnte sich gegen die Theke, die sich im hinteren Bereich des Ladens befand.
   Diese Begrüßung war Sara mittlerweile vertraut. Ihre Chefin fand es völlig unverständlich, dass sie ihre Wochenenden allein verbrachte, und zog sie hin und wieder damit auf. Allerdings wusste sie genau, auf was Miranda anspielte und ging auf ihr Spiel ein. »Ach, es war ganz nett. Es ist unglaublich, wer einem alles über den Weg läuft. Marc und mein Nachbar scheinen gute Freunde zu sein, zumindest hatte ich den Eindruck.« Ihre Stimme klang zwar gelassen, in Wirklichkeit jedoch hätte sie gern mehr über die Verbindung der beiden erfahren. Die Männer wirkten auf sie sehr vertraut miteinander. Unmerklich hielt sie die Luft an.
   Mirandas strahlendes Lächeln machte deutlich, dass sie nur zu gern bereit war, Auskunft zu geben. Bevor es jedoch dazu kommen konnte, betrat eine Kundin das Geschäft, um die sich Miranda kümmerte. Währenddessen packte Sara einige Kartons aus und sortierte die Neuware nach Farbe und Größe. Voller Tatendrang stürzten sie sich auf ihre jeweilige Arbeit, und sie war froh, dass sie, auf der Suche nach einer Arbeitsstelle, zufällig auf Mirandas Geschäft gestoßen war.
   Schon bei ihrem Vorgespräch hatte sie gespürt, dass sie gut miteinander auskommen würden, und eine weitere Unterhaltung, bei der auch Marc anwesend war, besiegelte ihr Arbeitsverhältnis endgültig.
   Gegen Mittag riss der stetige Kundenstrom langsam ab.
   Während sich Miranda die Regale vornahm, beschloss Sara, das Schaufenster umzudekorieren. Sie zog ihre Pumps aus und stellte sich barfuß zu den beiden Schaufensterpuppen ins Fenster, die sie in einen Traum aus blütenweißer Spitze zu hüllen gedachte.

*

Jack hatte sich auf dem Weg zum Bodybuildingcenter seines Bruders spontan zu einem Umweg entschieden und wurde dafür belohnt. Durch das Schaufenster beobachtete er Sara, die mit dem Rücken zur Straße stand, und sich reckte, um einer widerspenstigen Puppe ein Oberteil aus durchsichtigem Stoff überzuziehen. Ihr kobaltblaues Sommerkleid rutschte nach oben und entblößte gebräunte lange Beine, deren Reiz durch die muskulösen Waden noch betont wurde. Ihr schwarzes glänzendes Haar fiel offen über den Rücken und rundete das Bild einer attraktiven jungen Frau ab.
   Jack musterte sie unverhohlen. Verdammt, war dieses Frauenzimmer hübsch.
   Natürlich war ihm bei ihrem letzten Zusammentreffen Saras Reaktion ihm gegenüber nicht entgangen. Und auch sie ließ ihn keineswegs kalt, aber im Gegensatz zu ihr war ihm klar, mit wem er es zu tun hatte. Bereits Freitagnacht hatte er die Anwesenheit einer fremden Wölfin gerochen und deshalb eine Ehrenrunde um ihr Cottage gedreht. Doch erst im Wald, als er sie im Mondlicht auf der Lichtung sah, wusste er mit Bestimmtheit, dass es sich bei der Wölfin um seine neue Nachbarin handeln musste. Marc, der mit den Jahren ein hervorragendes Gespür Wolfswesen betreffend entwickelt hatte, was gewissermaßen daran lag, mit einem von ihnen aufgewachsen zu sein, war vor vier Wochen aufgefallen, dass sie zur Vollmondzeit extrem unruhig geworden war. Dieses untrügliche Anzeichen konnte er durchaus zuordnen. Da sich Jack zu diesem Zeitpunkt nicht in Roseend aufgehalten hatte, hatte Marc ihm erst vor Kurzem von seiner Vermutung erzählt, dass es sich bei Sara um eine einsame Werwölfin handeln könnte.
   Was auch der Grund dafür war, dass er ihr das leer stehende Cottage anbot. In einem abgelegenen Ort wie Roseend würde ein weiterer Wolf kaum auffallen.
   Miranda, die zufällig von ihrer Arbeit aufsah, Jack entdeckte und die Hand hob, um ihm zuzuwinken, wurde durch eine Geste seinerseits gestoppt. Mit einem verschwörerischen Seitenblick auf Sara legte er einen Finger auf den Mund und schüttelte den Kopf.
   Mit einem belustigten Augenzwinkern in seine Richtung wandte sich seine Schwägerin erneut ihrer Arbeit zu.

*

Die Woche verging wie im Flug und abermals stand ein Wochenende bevor. Für die freien Tage hatte sich Sara erneut eine Mammutaufgabe vorgenommen. Ihr Entschluss, endlich ihren altersschwachen Gartenzaun zu reparieren, führte sie nach Feierabend in den einzigen Baumarkt der Stadt. Sie arbeitete ihre Liste ab, schoss über ihr Ziel hinaus und kaufte unter der Beratung eines qualifizierten Mitarbeiters nicht nur schmale Bretter, Nägel und weiße Farbe, sondern alles, was sie glaubte, gebrauchen zu können. Über die Verwendung einer Wetterfahne in Katzenform aus stabilem Edelstahl und einer überdimensionalen kupfernen Sonnenuhr würde sie sich zu gegebener Zeit Gedanken machen.
   Sie summte auf der Heimfahrt ihren Lieblingssong, Desert Rose von Sting, in voller Lautstärke im Radio mit. Nachdem sie ihre Einkäufe ausgeladen hatte, gönnte sie sich einen langen Spaziergang, dieses Mal in Richtung der weitläufigen Wiesen, deren hohe Grashalme sich sachte im Takt des Windes wiegten. Sie umrundete Roseend, bereitete sich nach ihrer Rückkehr eine Kleinigkeit zu Essen und verbrachte den Abend mit einem guten Buch auf ihrem Lieblingsplatz vor dem Kamin. Zeitgleich mit der Glut, die mit leisem Knistern in sich zusammenfiel und den kleinen Raum in dunkle Schatten legte, schlug sie die letzte Seite zu und bedauerte, dass die Geschichte zu Ende war. Der Talisman von Stephan King und Peter Straub war eines der Bücher, die sie besonders gern gelesen hatte. Solche Geschichten zwischen Realität und Scheinwelten, zusammengehalten von einem hauchdünnen Schicksalsfaden, der jederzeit gekappt werden konnte, hatten sie bereits als junges Mädchen in ihren Bann gezogen. Sie wusste nur zu gut, dass die Wirklichkeit viele Möglichkeiten bereithielt, je nachdem, für welchen Weg man sich entschied.
   In dieser Nacht hielt sie ihr Kissen fest umschlungen, als wäre es kein Ruhekissen, sondern ein gepanzerter Schutzschild.

Der kommende Morgen versprach einen weiteren schönen und sonnigen Tag. Sie freute sich auf die neue Herausforderung, den altersschwachen Gartenzaun zu richten und genoss die Abgeschiedenheit fernab vom hektischen Treiben der Stadt. Nach dem Frühstück, das aus einer Tasse Tee und einem aufgebackenen Croissant bestand, zog sie sich alte Shorts und ein rotes T-Shirt über. Ihr Haar flocht sie zu einem lockeren Zopf und stapelte alles was sie zur Reparatur benötigte, an der Gartenpforte, die protestierend quietschte, als ob sie ahnte, dass es ihr und dem restlichen Zaun an den Kragen gehen würde.
   Nach kurzer Zeit war Sara klar, dass ihre dürftigen Kenntnisse nicht ausreichten, um den maroden Holzzaun zu reparieren, aber da sie schon einmal alles beisammenhatte, wollte sie es wenigstens versuchen. Tief in Gedanken beugte sie sich zu einem schmalen Brett hinunter, als sich unerwartet eine schwere Hand auf ihre Schulter legte. Sie hatte niemanden kommen gehört, was vermutlich daran lag, dass sie si,ch völlig auf ihre Arbeit konzentriert hatte. Sie fuhr mit einem Aufschrei herum, ihr Puls schoss in die Höhe, ihr Herz raste und sie hatte plötzlich Probleme, ausreichend Luft in ihre Lungen zu befördern.
   Gegen das Sonnenlicht sah sie den hochaufgerichteten Schatten eines Mannes, der im Begriff war sich auf sie zu stürzen. Adrenalin schoss durch ihren Körper und versetzte sie augenblicklich in höchste Alarmbereitschaft. Instinktiv nahm sie eine Abwehrhaltung ein und riss voller Panik das Brett in ihrer Hand nach oben, bereit im nächsten Moment zuzuschlagen. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine schnelle Bewegung wahr, Sekunden später stand sie ohne eine Waffe da und war ihrem Angreifer schutzlos ausgeliefert. Ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei, als er sie packte, besitzergreifend an sich presste und ihr die Luft zum Atmen abschnitt.
   Sie spürte Simons Hand auf ihrer Schulter, die sie wie in einem Schraubstock umklammert hielt, spürte den stechenden Schmerz, der ihr durch das Schultergelenk fuhr ebenso deutlich wie die grenzenlose Angst, die sie in seinen Armen erstarren ließ.
   Es dauerte geraume Zeit, bis sie einen klaren Gedanken fassen konnte und ihr klar wurde, dass es sich nicht um ihren früheren Partner, sondern um Jack, ihren Nachbarn handelte, der sie mit seinen Armen umschlungen hielt und seine Umarmung nun langsam lockerte.
   Immer noch mit weichen Knien lehnte sie sich gegen seinen Brustkorb, bis sie sich unter Kontrolle hatte. Sie wurde sich ihrer Überreaktion bewusst und schloss beschämt die Augen. Einen Moment lang genoss sie Jacks Nähe und sog den Geruch von Wald und Männlichkeit in sich auf. Fast widerwillig löste sie sich von ihm und strich sich die Haare aus dem Gesicht. »Es tut mir leid«, hauchte sie.
   Sie wollte nicht wissen, was er von ihr dachte. Wollte ihm keine Erklärung für ihr merkwürdiges Verhalten liefern müssen und flüchtete ohne ein weiteres Wort in ihr Cottage, das ihr in diesem Augenblick wie der sicherste Ort auf der Welt vorkam.
   Sara warf die Tür hinter sich zu. Ihre Panik verflog und ihre alten Ängste verbannte sie erneut in den hintersten Winkel ihres Verstandes. Zurück blieb die Beschämung, ausgerechnet vor Jack die Kontrolle verloren zu haben. Was würde er von ihr denken? Es würde ihr nicht leichtfallen, ihm das nächste Mal gelassen gegenüberzutreten, wenn das überhaupt jemals der Fall gewesen war. Jetzt, in der vermeintlichen Sicherheit ihrer vier Wände, spürte sie mit aller Deutlichkeit die Einsamkeit, die ihr sonst willkommen war.
   Mit einem heißen Tee als Trostpflaster setzte sie sich auf ihren Sessel, zog die Knie an und blickte gedankenverloren aus dem bis zum Boden reichenden Wohnzimmerfenster. Sie entdeckte ihren Nachbarn, der mit kraftvollen, fließenden Bewegungen ihren Zaun reparierte und beobachtete Jack geraume Zeit. Normalerweise hätte sie es niemals so weit kommen lassen und seine Hilfe vehement abgelehnt, aber nun war sie froh, dass er in ihrer Nähe geblieben war, auch wenn dies bedeutete, dass er ungefragt ihre Arbeit verrichtete.
   Seine kraftstrotzende Ausstrahlung machte sie nicht nur nervös, sondern weckte gleichzeitig ein längst vergessenes Gefühl in ihr, das sie irritierte. Um etwas Abstand zu gewinnen, ging sie duschen und grübelte, was nach dem nächtlichen Tee, einem Kissen über ihrem Kopf und Schäfchenzählen bis zum Abwinken als Nächstes an die Reihe käme, um diesen Mann aus ihren Gedanken zu vertreiben. Unter dem heißen Wasserstrahl lockerten sich ihre verspannten Muskeln, und sie genoss das einsetzende Gefühl wohltuender Entspannung. Inzwischen wies ihre Haut eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einer geröteten Orange auf und mahnte sie, es mit ihrer Körperpflege nicht zu übertreiben. In ein großes Badetuch gewickelt tapste sie den Flur entlang in das von ihr rechts liegende Zimmer. Sie würde sich Jack gegenüber so verhalten, als wäre nichts geschehen und hoffte, dass er es dabei belassen und ihr keine unangenehmen Fragen stellen würde.
   Ein Blick aus dem Wohnzimmerfenster zeigte, dass er noch immer mit ihrem Zaun beschäftigt war und weiterhin eine überaus gute Figur dabei machte. Sie seufzte laut auf, und gab sich einen Ruck. Warum ihm nicht gleich gegenübertreten und die Sache hinter sich bringen, damit sie die dumme Szene vergessen könnten?
   In Wahrheit wusste Sara, dass sie ansonsten versuchen würde, ein erneutes Zusammentreffen hinauszuzögern oder zu umgehen. In Anbetracht dessen, dass es sich um ihren nächsten Nachbarn handelte, dem sie kaum auf Dauer aus dem Weg gehen konnte, blieb ihr keine andere Wahl, als in den sauren Apfel zu beißen und eine Entscheidung zu fällen, da es ihr später mit Sicherheit noch schwererfallen würde, ihm ungezwungen gegenüberzutreten.
   Wild entschlossen, es hinter sich zu bringen, zog sie sich ein kurzes Sommerkleid an, das ihre schlanke Figur umschmeichelte und gleichsam ihren natürlichen Hüftschwung betonte. Sofort fühlte sie sich besser und einer Begegnung mit ihrem Nachbarn gewachsen.
   Sie öffnete den Kühlschrank und unterzog ihn einer Inspektion. Neben eingeschweißtem Grillgut, einem Pfund Butter, verschiedenen in Folie verpackten Obst- und Gemüsesorten lagerte eine Flasche Wein. Sie beugte sich tiefer und schob das Fleischpaket zur Seite. Erfreut griff sie nach dem Sechserpack Bier, das sie dort fand, entnahm die letzten beiden Flaschen und warf den leeren Pappkarton in den Mülleimer.
   Sie strich sich ihr noch feuchtes Haar zurück, bevor sie mit den eisgekühlten Getränken das Cottage verließ. Schon auf der untersten Treppenstufe stockten ihre Schritte. Ihr Nachbar hatte sich zwischenzeitlich seines T-Shirts entledigt. Auf seinem gebräunten Oberkörper glitzerten Schweißperlen, die glänzende Spuren hinterließen. Es fiel Sara schwer, ihren Blick abzuwenden. Darum bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, ging sie auf ihn zu und reichte ihm eines der Getränke. »Danke, dass Sie sich die Mühe machen, meinen Zaun zu reparieren. Ich hätte sicherlich ewig gebraucht, um ihn auch nur halbwegs stabil zu bekommen.« Sie lächelte ihn leicht verunsichert an. Ihr resolutes Auftreten machte deutlich, dass sie nicht bereit war, über das Geschehene zu sprechen.
   Jack schien zu verstehen. »Es ist mir ein Vergnügen, Frau Nachbarin. Ich hatte sowieso nichts Besonderes vor. Zudem brauche ich jetzt keine Angst mehr zu haben, dass dieser Zaun …« Mit einer weitreichenden Geste hob er seine Hand. »… eines Morgens zur Hälfte auf meinem exklusiven Rasen liegt.«
   Sie brach in Gelächter aus, sie wusste ebenso gut wie Jack, dass er keinesfalls einen gepflegten Rasen besaß. Im Gegenteil! Jack ließ sich von ihrer guten Laune anstecken, sein tiefes Lachen klang so vergnügt, dass sie nicht mehr aufhören konnte, zu kichern. Hin und her gerissen zwischen Dankbarkeit und dem Gefühl, sich nicht einfach mit einem lapidaren »Danke« aus der Affäre ziehen zu wollen – immerhin reparierte er ihren Zaun – beschloss sie, ihn einzuladen. »Wenn Sie, Herr Nachbar, heute Abend eine Stärkung brauchen, ich werde grillen und Sie sind herzlich willkommen.«
   Bei den Worten heute Abend eine Stärkung brauchen, zogen sich seine Augen verschmitzt zusammen, und erst da wurde Sara die Zweideutigkeit ihrer Worte bewusst. Sie ignorierte den Umstand, dass mal wieder ihre Wangen heiß wurden, und tat so, als wäre sie sich dessen nicht bewusst.
   Obwohl Jack ihre Verlegenheit nicht entgangen sein konnte, verkniff er sich jeglichen Kommentar und nickte. »Ich komme gern. Die Wochenenden verbringe ich meistens bei Marc und Miranda. Da ich ihnen für heute Abend noch nicht zugesagt habe, steht einem gemeinsamen Grillabend mit meiner Nachbarin nichts im Wege.« Nach einem Moment des Schweigens gab Jack seine leere Bierflasche an Sara zurück und verabschiedete sich mit dem Versprechen, die Reparatur des restlichen Zaunes bei nächster Gelegenheit fortzusetzen und gegen Abend vorbeizukommen.
   Sie atmete auf. Sie hatte die unangenehme Situation mit Bravour gemeistert und verspürte bei dem schönen Wetter keine Lust mehr, in ihr Cottage zurückzukehren. Spontan entschied sie sich, Mina einen Besuch abzustatten und erhoffte sich insgeheim einige Auskünfte von ihr. Den Gedanken, dass sie sich für ihren Nachbarn interessieren könnte, schob sie weit von sich, doch es würde nichts schaden, etwas mehr über ihn zu erfahren.
   Sie schlenderte den Kiesweg entlang, erfreute sich an der Ruhe, die wie ein unsichtbares, feinmaschiges Netz über diesem Ort lag, und sog die Luft, die mit Düften geschwängert war, tief ein.
   Zum wiederholten Mal fragte sie sich, was Jack an sich hatte, dass sie ihn so anziehend fand. An seinem Aussehen, das einem männlichen Topmodel durchaus würdig war, konnte es nicht liegen. Er war bei Weitem nicht der erste gut aussehende Mann, dem sie begegnet war. Doch unter seiner Oberfläche brodelte etwas Geheimnisvolles, das sie zwar nicht benennen konnte, ihr aber eigentümlich vertraut vorkam. Insofern erhoffte sie sich einige Informationen von Mina, die ja gern viel erzählte. Kaum gedacht fühlte sie Schuldgefühle ihrer freundlichen Nachbarin gegenüber, die sie gleich beiseiteschob. Tatsache war, Sara mochte Minas mütterliche Art und fühlte sich in ihrer Gegenwart wohl. Und Jafa erinnerte sie an einen behäbigen Bären. Er strahlte eine Ruhe und Liebenswürdigkeit aus, die sie als überaus angenehm empfand.
   Nachdem sie mehrere Minuten erfolglos an der Haustür geklopft hatte und niemand erschien, wollte sie sich schon abwenden, als sie gedämpfte Geräusche wahrnahm, die sie auf die Idee brachten, auf der Rückseite des Cottages nachzusehen. Während sie das Häuschen umrundete, kam sie an den Hecken vorbei, an denen sich bereits die ersten reifen Beeren zeigten, und konnte nicht widerstehen. Genüsslich biss sie in eine der saftigen roten Früchte und blickte sich unterdessen neugierig um. Von dieser Seite aus konnte sie einen Streifen des Kiesweges erkennen, der außerhalb des Grundstücks hinter den Büschen verlief. Da sie ihn kurz nach ihrem Einzug abgegangen war, wusste sie, dass er sich in einem weiten Bogen um den Ort zog. Außerhalb von Roseend lagen Wiesenflächen, weitläufige Felder und der Wald, der sich wie ein breites Band um die Landschaft legte und gleichsam eine unsichtbare Grenze zu bilden schien.
   Beim Näherkommen entpuppten sich die Geräusche als Axthiebe. Sara erblickte Jafa, der mit einer Latzhose und einem kurzärmeligen karierten Hemd bekleidet, an der Rückseite des Cottages stand und so vertieft darin war, mehrere kurze, gespaltene Holzstämme akkurat an der Wand zu stapeln, dass er ihre Anwesenheit nicht sofort bemerkte. Sie nutzte die Zeit, um sich auch hier in Ruhe umzusehen. Ihre Blicke glitten über das Land hinter dem Gartenzaun. Eine Wiese erstreckte sich bis zum Waldsaum, dazwischen schlängelte sich ein von Unkraut überwucherter Pfad, der zwischen den dicht beieinanderstehenden Bäumen verschwand. Sie hätte nicht erwartet, dass Jafa oder Mina lange Spaziergänge mochten, doch dieser Weg, der trotz Unkraut den Eindruck erweckte, als ob er regelmäßig begangen wurde, belehrte sie eines Besseren.
   Als ihr die plötzliche Stille auffiel, wandte sie sich erneut ihrem Nachbarn zu, der die Axt gegen einen Holzklotz gelehnt hatte und mit einem Lächeln auf sie zukam.
   »Hallo Sara, was verschafft mir die Ehre? Mina ist leider nicht da. Sie wollte in der Stadt einige Einkäufe erledigen und war der Meinung, dass ich ihr nur im Weg stehen würde. Somit musst du mit mir altem Mann vorliebnehmen. Wie du siehst, bin ich etwas eingestaubt, würdest du uns etwas Kühles zum Trinken aus der Küche holen?«
   Sie nickte und betrat den Hintereingang des Cottages. Mit einem schnellen Blick erfasste sie, dass auch dieses die gleiche Raumeinteilung wie ihr neues Zuhause besaß. Der einzige Unterschied bestand in der Einrichtung. Alte Möbelstücke, Sara vermutete, dass sie aus den Jahren um die Jahrhundertwende stammen könnten, füllten die kleinen Räume fast gänzlich aus. Abgetretene Keshan-Teppiche, die vor langer Zeit sicherlich teuer gewesen waren, bedeckten die hellen Holzböden. Die Wände, rustikal verputzt und in hellen Farben gehalten, rundeten das Bild ab, in eine andere längst vergangene Epoche eingetreten zu sein.
   Sie kam an einem kleinen Raum vorbei, der ihre Neugier auf sich zog. In ihrem Häuschen gab es ebenfalls ein solches Zimmer, das sie derzeit als Abstellraum nutzte. Allerdings wunderte sie sich, dass die Zimmertür auch hier, nicht wie alle weiteren aus weichen Kiefern, sondern aus stabilem Eichenholz bestand. Sie berührte diese, zuckte mit der Schulter und wandte sich der Küche zu. In dieser dominierte ein wuchtiger Holztisch, der, so wie Sara es als Laie erkennen konnte, von Jafa hergestellt worden sein musste. Die beigefarbene blitzblanke Küchenzeile, die sich über eine ganze Wandbreite erstreckte, machte ebenso einen alten, abgenutzten Eindruck. Das einzig Neue, das ihr ins Auge fiel, war ein großer, klobiger Kühlschrank, der in diesem Raum völlig deplatziert wirkte. Sie öffnete die Tür und entnahm eine Flasche Bier und eine Dose Cola. Gerade, als sie die Küche verlassen wollte, wurde sie von einem Gemälde, das halb verborgen hinter der geöffneten Tür hing, magisch angezogen. Gebannt trat sie näher und musterte das Bild, das in einem verschnörkelten Holzrahmen steckte. Die Farbenvielfalt von Grüntönen in allen Nuancen sah irritierend lebensecht aus. Sie erkannte den Wald und die Lichtung darauf. Ihr lief eine Gänsehaut den Rücken hinab, obwohl es im Zimmer stickig und dementsprechend warm war. Während sie weitere Details erfasste, sah sie die Schattenumrisse, die mit dem Hintergrund der Bäume verschmolzen, sodass Sara sie fast übersehen hätte. Oder wollte der Maler, dass sie von ungeübten Augen nicht wahrgenommen werden sollten?
   Dass Sara sie lokalisierte, lag vermutlich daran, dass sie besonders scharf sehen konnte, was dem Erbe ihres Wolfswesens entsprach.
   Je genauer sie hinsah, umso mehr Einzelheiten lösten sich aus dem Hintergrund. Sie sog die Luft durch die Zähne, als sie fünf Wölfe erkannte, die geduckt auf die Lichtung zu schlichen und sich nur in Größe, Statur und Fellfarbe voneinander unterschieden. Einer der abgebildeten Tiere faszinierte und erschreckte sie gleichermaßen. Er war der größte unter den Wölfen und saß mitten auf der Lichtung. Das Mondlicht hüllte den Wolf in ein fahles Licht. Ein schwarzer Strich, der sich über den gesamten Rücken des Tieres zog, erinnerte sie an die vergangene Vollmondnacht.
   War es nur ein Zufall?
   Sie trat dichter an die Malerei heran. Der Wolf blickte geradewegs dem Himmel entgegen. Es sah so real aus, dass Sara meinte, den tiefen, leidenschaftlichen Gesang, den er von sich gab, hören zu können. Sie schüttelte die Benommenheit, die sich während der Betrachtung über sie gelegt hatte, ab und gab sich einen Ruck.
   Es konnte auch völlig harmlos sein. Warum sollte nicht jemand Naturverbundenes ein Bild mit einem Wald voller Wölfe an seiner Wand hängen haben?
   Sie schritt durch die Hintertür in den Garten, blinzelte, bis sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnten, und reichte Jafa sein Bier. Nachdenklich nippte sie an ihrem Getränk. Noch immer waren die Härchen ihrer Arme aufgestellt, doch dies rechnete sie der eiskalten Cola zu und nicht dem mulmigen Gefühl, dass sie beschlichen hatte. »Ich habe in eurer Küche ein Bild gesehen … Es handelt sich dabei um diesen Wald, oder?«, sagte Sara und brach damit das Schweigen. Sie unterstrich ihre Annahme mit einer weitreichenden Geste in Richtung der Bäume und verschwieg, dass sie es eher beängstigend als schön fand, auch wenn der Maler ein begnadeter Künstler gewesen sein musste.
   Jafa nickte, machte aber keine Anstalten, ihr etwas über das Bild erzählen zu wollen. Sara wiederum war sich nicht sicher, ob sie tatsächlich wissen wollte, was es mit dem Gemälde auf sich hatte und schwieg ebenfalls.
   Die Stille wurde unangenehm, und sie suchte nach Worten. Das Thema wechselnd fragte sie das Erste, was ihr in den Sinn kam. »Jafa, wie lange ist das Cottage gegenüber meinem eigentlich bewohnt?«
   Ihr Nachbar blickte sie amüsiert von der Seite an, während sie sich Mühe gab, einen nicht allzu neugierigen Eindruck zu erwecken und den Holzstapel musterte, als würde er jeden Moment in sich zusammenfallen.
   »Oh, du meinst Jack? Er wohnt dort seit Ewigkeiten. Wenn ich mich recht entsinne, kaufte damals sein Vater dieses Stück Land und bebaute es einige Jahre später.«
   »Sein Vater? Ich dachte mein Häuschen gehört Marc, immerhin hat er es mir vermietet.«
   »Klar gehört es Marc, er besitzt die Hälfte des Landes, die andere Hälfte besitzt Jack. Sie sind Halbbrüder.«
   Nun war Sara völlig verwirrt. Erst das Gemälde und jetzt sollten die beiden Brüder sein? Vor ihrem geistigen Auge verglich sie die zwei Männer miteinander. Marcs rundes, offenes Gesicht, umrahmt von dunkelblonden Locken, glich nicht dem seines Bruders, auch wenn es sich nur um einen Halbbruder handelte. Zugegeben, er war nicht unattraktiv, aber doch unscheinbar im Vergleich zu Jacks offensichtlicher Männlichkeit. Sie besaßen allerdings die gleichen tiefblauen Augen, wie sie sich jetzt erinnerte.
   Dass es ihr zuvor nie aufgefallen war, musste an dem Umstand liegen, dass sie durch Jacks dunkles Aussehen eher hervorstachen als bei Marc, der einen wesentlich helleren Teint aufwies, als ob er nicht allzu viel Zeit im Freien verbringen würde.
   Sara schwieg und versuchte, das Gehörte zu verdauen. Sie war erleichtert, als Jafa kurz darauf zu alltäglichen Dingen überging. Seine lebendige Erzählung, wie man ohne nennenswerte Verletzungen davonzutragen, einen dicken Baumstamm zersägte, spaltete und anschließend professionell aufstapelte, gehörte zwar nicht unbedingt zu ihren Interessengebieten, doch anstandshalber hörte sie ihm zu und verabschiedete sich bei der nächstbesten Gelegenheit, die sich ihr bot.
   Sie war insgeheim froh, dass sie eines von Marcs Cottages gemietet hatte. Sara konnte noch nicht einmal sagen, wieso das so war. Möglicherweise lag es daran, dass sie selbstständig agieren und vor allem unabhängig gegenüber einem Mann sein wollte, der sich klammheimlich in ihr Leben geschlichen hatte und ihr etwas zu bedeuten begann.

An diesem Abend trug Sara eine ausgeblichene Röhrenjeans und ein farblich passendes T-Shirt. Ganz bewusst hatte sie sich lässig gekleidet, um Jack nicht auf falsche Gedanken zu bringen. Das einzige Zugeständnis an ihre Weiblichkeit betraf ihre Haare, die zu einer kunstvollen Hochsteckfrisur frisiert waren.
   Leicht gewellte Strähnen, die sich vorwitzig aus ihrer Frisur gelöst hatten, umrahmten ihr fein geschnittenes Gesicht und betonten ihre dunklen Augen.
   Kurz bevor Jack herüberkam, hatte sie zwei Rattansessel nebst einem kleinen, runden Tisch, auf dem jetzt eine Schüssel italienischer Salat, ein frisches Baguettebrot in einem länglichen Bastkorb und eine gekühlte Flasche Wein standen, unter den alten Apfelbäumen platziert.
   Ihr Nachbar trug abgeschnittene Jeans und ein weißes kurzärmeliges Hemd, das seine gebräunte Haut vorteilhaft zur Geltung brachte. Nach einem kurzen »Hallo, ich bin hoffentlich nicht zu spät«, machte er sich am Grill zu schaffen.
   Warum übte ein offenes Feuer eine solche Faszination auf die Männerwelt aus? Sara lächelte und kuschelte sich in einen der Sessel, zog die Knie bis unter das Kinn und beobachtete jeden seiner Handgriffe.
   Anstelle der Holzkohle, die sich in einer braunen Papiertüte neben dem Grill befand, klaubte Jack unter einem der Bäume ein Reisigbündel und eine Handvoll trockenes Moos zusammen. Mit geschickten Händen, die verrieten, dass er dies nicht zum ersten Mal tat, schichtete er alles zu einer kleinen Pyramide auf und entzündete sie mit seinem Feuerzeug. Nach und nach legte er etwas Holzkohle nach und pustete mehrmals, um das aufflackernde Feuer zu schüren.
   »Möchtest du vielleicht ein Glas Wein?«, fragte Sara, während sie sich aus ihrem Sessel erhob. Sein abwesendes Nicken in ihre Richtung interpretierte sie als Zustimmung und füllte den gekühlten, süßen Weißwein in schmale, hohe Gläser. Anschließend trat sie neben ihn und reichte ihm eines der Gläser. Mit seinen langgliedrigen Fingern umschloss er den bauchigen, oberen Teil und schenkte ihr ein wirklich fantastisches Lächeln. Augenblicklich geriet sie ins Schwitzen, und dass, obwohl die Hitze des Tages mittlerweile einer angenehmen, warmen Brise gewichen war. Ihr Blick heftete sich auf seine Hand, die das Glas hielt. »Ich möchte dir auf keinen Fall zu nahe treten, aber könnte es sein, dass du kein Weintrinker bist? Du musst ihn nicht trinken, ich kann dir auch ein Bier bringen.«
   Dieses Mal war er es, der irritiert schien. Seine Augenbrauen hoben sich unmerklich. »Äh, nein, es stimmt schon, dass ich normalerweise ein Ale bevorzuge, aber das bedeutet nicht, dass ich keinen guten Wein zu schätzen weiß. Wie kommst du darauf, dass es so sein könnte?«
   Ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie auf seine Hand deutete. »Normalerweise umfasst man das Glas niemals am bauchigen Teil, da deine Hand den Wein erwärmt.«
   »Und wenn ich vorhatte, ihn schnell auszutrinken?«, schoss Jack zurück und zwinkerte ihr zu.
   »Dann hätte sich meine Frage erübrigt und du wärst ein Banause.«
   Er kapitulierte, hob die Hände und trat einen Schritt näher an Sara heran, sodass sie das amüsierte Funkeln in seinen Augen bewundern konnte.
   »Und wie trinkt man deiner Meinung nach einen guten Wein?« Seiner Stimme war die Belustigung deutlich anzuhören.
   »Also, zuerst riecht man am Wein, um das Bouquet aufzunehmen. Dann nimmt man einen kleinen Schluck und lässt den Aromen Zeit, sich zu entfalten. Nicht nur der Geruch und das Aussehen geben Aufschluss, ob es sich um einen ausgezeichneten Wein handelt, sondern alles zusammen. Woran willst du sonst erkennen, dass es sich tatsächlich um einen guten Tropfen handelt?«, fragte sie und entlockte ihm ein breites Grinsen.
   Er trat einen weiteren Schritt auf sie zu und stand nun dicht vor ihr. Die zuvor unverfängliche Situation drohte, zu kippen, und Sara musste sich beherrschen, nicht zurückzuweichen.
   »Ich habe das Preisschild gelesen. Für das Geld, das du für diese Flasche hingelegt hast, kann es sich unmöglich um die Marke Pennerglück handeln.« Seine Stimme hatte sich verändert und war eine Nuance dunkler geworden.
   Sein leises Lachen entlockte ihr ein breites Grinsen. »Okay, eins zu null für dich.« Dass er Humor besaß, gefiel ihr außerordentlich gut, dass er ihr gefährlich nahe stand, eher weniger. Mit einem Blick auf den Grill und dem Hinweis, dass sie langsam Hunger bekäme, zog sie sich zurück und aus der Gefahrenzone.
   Während er die Steaks auflegte, sah er Sara von der Seite an. »Jetzt, da wir uns besser kennen, den Gartenzaun vor dem Verfall gerettet, zusammen grillen und uns über Weine ausgetauscht haben, könnten wir uns ebenso gut beim Vornamen nennen.«
   Sie musste über seinem neckischen Unterton schmunzeln und nickte. »Wie kommt es, dass in Roseend so wenige Leute wohnen?«, stellte sie eine ihrer Fragen, die ihr bereits geraume Zeit durch den Kopf ging.
   Einen Moment hielt Jack in seiner Handbewegung inne. »Marc und ich haben damals nach der Fertigstellung der Cottages beschlossen, dass dieser Ort nur wenige Einwohner beherbergen sollte. Dadurch war es möglich, die besondere Ausstrahlung, die dieser Ort besitzt, zu erhalten. Alle, außer dir natürlich, leben bereits seit vielen Jahren hier. Jafa und Mina zum Beispiel, an die zehn Jahre. Wir sind zu einer Gemeinschaft geworden, zu der auch du jetzt gehörst.«
   Sara blickte ihn nachdenklich an. Wie meinte er das, dass sie ebenfalls dazugehörte? Sie öffnete den Mund, um nachzufragen, und wurde von dem Duft des saftigen Fleisches, der verführerisch durch den Garten zog, abgelenkt.
   Während des Essens erkundigte sich Jack, wo sie früher gelebt hätte, und Sara gab sich alle Mühe, ihm zufriedenstellende, wenn auch ausweichende Antworten zu geben. Sie habe früher mit ihrer Familie in Südengland gelebt und vor zwei Jahren beschlossen, dass sie etwas Neues kennenlernen wollte. Aus diesem Grund sei sie mit nur einem Koffer losgezogen, um einen Ort und eine Arbeitsstelle zu finden, die ihr gefielen. Dies erzählte sie so, als ob sie die Abenteuerlust gepackt hätte.

*

Jack beobachtete Sara aufmerksam und bemerkte, wie sich ihre Augen vor Trauer verdunkelten.
   Menschen wie er und sie, verließen ihr sicheres Zuhause und die Menschen, die sie liebten, nicht ohne einen triftigen Grund, außer etwas Durchgreifendes, das ihr Leben veränderte oder zur Bedrohung machte, war vorgefallen. Kurz fiel ihm ihre panische Reaktion am Morgen ein, und er war sich sicher, dass Letzteres bei ihr der Fall gewesen sein musste. Zu gern hätte er mehr darüber erfahren, doch Sara glich einem scheuen Reh, das ausbrechen würde, wenn man es in die Enge trieb. Er würde sich in Geduld üben müssen. Früher oder später, wenn sie Vertrauen zu ihm gefasst hatte, würde sie es ihm erzählen.

*

Das schwache Licht der untergehenden Sonne lag über dem Garten und hüllte alles in einen weichen Schimmer. Im Anschluss an das Essen hatte sich tiefes Schweigen zwischen ihnen ausgebreitet, eine Spannung lag in der Luft. Reglos saß Sara in ihrem Sessel und starrte in die zusammenfallende Glut der Holzkohle. Ihre Gedanken glitten in die Vergangenheit zurück. Jack ließ sie nicht aus den Augen, als er sich erhob und hinter sie trat.
   Sie drehte sich nicht um, um zu sehen, was er vorhatte. Eine warme Hand legte sich federleicht auf ihre Schulter und begann ihre verkrampften Nackenmuskeln zu massieren. Im ersten Moment wollte sie seine Hand zur Seite schieben, doch der schöne Abend, der Wein und der alte Schmerz in ihrem Inneren bewirkten, dass sie nichts dergleichen tat, sondern seine Berührungen zuließ und genoss. Sie überließ sich seinen erfahrenen Händen, schloss die Augen und lehnte sich zurück. Seine Finger strichen über die empfindliche Partie ihres Nackens und wanderten höher, bis er mit langsamen Bewegungen ihr Haar von den Nadeln befreite, die ihren Knoten zusammenhielten. Kaum, dass es wie eine Kaskade über ihren Rücken fiel, vergrub er sanft seine Finger darin und massierte stattdessen ihre sensible Kopfhaut. Die wohltuende Entspannung der Massage schlug bei Sara bald in Erregung um. Sie hielt ihre Augen weiterhin geschlossen, doch ihr Atem wurde schwer und eine Hitze, die sie seit Langem nicht mehr gespürt hatte, breitete sich in ihrem Körper aus.
   Die Grillkohle glomm ohne Kraft vor sich hin, während sich die Dunkelheit über den Garten legte. Sie roch die Veränderung, bevor sie ihr bewusst wurde. Jacks Geruch hatte sich verändert, eben noch nach Wald riechend, wurde dieser inzwischen von einem wilden, schweren Geruch überlagert. Überdeutlich spürte sie seinen heißen Atem, der an ihrem Nacken entlangstrich, um sich anschließend auf eine hinter dem Ohr gelegene Stelle zu konzentrieren. Sie hielt unwillkürlich den Atem an, als sie seine warmen Lippen auf ihrer elektrisierten Haut spürte. Ein Knistern lag in der Luft, das nicht mehr zu leugnen war. Nur widerwillig hob sie die Lider und starrte in die Dunkelheit jenseits des Gartenzaunes. Der Sternenhimmel kam ihr wie ein Spiegelbild ihrer Gefühle vor und schien heller zu funkeln als zuvor. Bedächtig drehte sie sich Jack zu, der sogleich ihren Blick einfing. Wie gebannt sah sie in seine goldenen Augen, in denen sich die letzten Funken des Feuers widerspiegelten. Das Wissen, dass sich seine Augenfarbe verändert hatte, sickerte zu ihr durch, doch in diesem Augenblick kam ihr die Veränderung völlig normal vor, so als ob sich hinter einer Fassade die Wirklichkeit für einen Moment offenbart hätte. Wie hypnotisiert versank sie in flüssigem Gold. Seine Augen hielten sie in seinem Bann, als er sich vorbeugte und ihre Lippen zu einem zarten, tastenden Kuss aufeinandertrafen. Da die scheinbar erwartete Abwehr ausblieb, vertiefte er seinen Kuss. Seine Zungenspitze glitt über ihre Unterlippe, und sie schmeckte den herben Geschmack des Weins auf ihrer Zunge. Seine warmen Hände glitten seitlich an ihrem Rücken entlang und legten sich um ihre schmalen Hüften. Als er den Gartenstuhl mit einem Bein zur Seite schob und sie an sich zog, konnte sie deutlich seine Erregung spüren, die sich gegen ihren Bauch presste.
   Sara wurde von lang vergessenen Gefühlen überrollt. Sehnsucht vermischte sich mit Begierde und dem Bedürfnis, sich fallen zu lassen. Sie lösten ihre Lippen und hielten einander umschlungen, bis sich Jack mit einem bedauernden leisen Seufzer von ihr löste.
   Zärtlich strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht, trat einen Schritt zurück und räusperte sich. »Sara, du weißt, was passieren würde, wenn wir es jetzt nicht hier und sofort beenden. Es ist besser, ich gehe. Es war ein wunderschöner Abend. Danke«, sagte er leise mit einer Stimme, die erkennen ließ, wie es um ihn stand.
   Er lächelte sie zum Abschied liebevoll an und wandte sich ab. Sie brachte kein Wort heraus, sie war viel zu aufgewühlt, um etwas erwidern zu können. Mit einem leisen Seufzer ihrerseits beobachtete sie benommen, wie er ihren Garten durchquerte, die Gartenpforte hinter sich zuzog und in der Dunkelheit verschwand.

In dieser Nacht lag sie lange Zeit wach und dachte darüber nach, wie es dazu kommen konnte, dass sie Jacks Berührungen gierig in sich aufgesogen und genossen hatte. Bisher hatte sie geglaubt, nie wieder solche Gefühle empfinden zu können. Nicht noch einmal hatte sie sich von einem Mann verletzen lassen wollen, und nun waren ihre Vorsätze von einem außerordentlich gut aussehenden und geheimnisvollen Mann über Bord geworfen worden, und kein Rettungsring war in Sicht. Es war nicht mehr zu leugnen, nicht nach diesem Abend, sie fühlte sich zu Jack magisch hingezogen. Seine Augen … als er ging, waren seine Augen wieder blau, war ihr letzter Gedanke, als der Schlaf endlich kam.

Am darauffolgenden Tag wurde sie gegen Mittag von einem gedämpften Hämmern, das aus ihrem Garten zu kommen schien, aus dem Schlaf gerissen. Nur mit einem kurzen T-Shirt bekleidet, tapste sie barfuß durch die Diele ins Wohnzimmer.
   Neugierig warf sie einen Blick aus dem Fenster. Sie bemerkte, dass Jack in seiner Arbeit, die letzte Lücke im Zaun zu schließen, innehielt. Hatte er sie bemerkt?

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.