Der 17-jährigen Aeri reicht es so langsam: Nicht nur, dass sie seit Jahren allein im Wald lebt und die Menschen sie meiden - jetzt schleicht auch noch ein schwarzer Riesenwolf vor ihrer Hütte herum. Kurzerhand jagt sie ihm zwei Pfeile in den Pelz. Anstatt allerdings auf sie loszugehen, rettet ihr der Wolf das Leben und zieht danach in ihrer Hütte ein. Schon bald stellt Aeri fest, dass irgendwas mit diesem Wolf nicht stimmt: Mal ist er ganz Tier und dann wieder so seltsam menschlich. Das Mädchen setzt alles daran, hinter das Geheimnis des Wolfes zu kommen, doch eine Sache entgeht beiden bis zum Schluss: Wenn sie sein Schicksal enträtseln, wird der Wolf sterben. Ein Band zwischen zwei Liebenden. Ein Band, das töten wird!

Alle Titel der Serie!

E-Book: 3,99 €

ePub: 978-9963-52-829-5
Kindle: 978-9963-52-831-8
pdf: 978-9963-52-828-8

Zeichen: 584.437

Printausgabe: 13,99 €

ISBN: 978-9963-52-827-1

Seiten: 371

Kaufen bei:  Amazon Beam iTunes Thalia Weltbild

Liane Mars

Liane Mars
Liane Mars ist das Pseudonym einer sauerländischen Leseratte mit dem Hang, selbst in die Tasten zu hauen. Sie ist Jahrgang 1984, wird aber noch immer von Erwachsenen geduzt. Ihre erste Berührung mit einem Verlag hatte sie, als sie zur „Verlagskauffrau“ ausgebildet wurde – sie war allerdings der letzte Jahrgang dieses jetzt ausgestorbenen Berufszweiges. Flugs wechselte sie über den Studiengang „Medienwissenschaften“ zu den neuen Medien, dem Radio. Derzeit lebt sie zusammen mit ihrem Mann und zwei Wellensittichen in Schwerte. Gern können Sie Kontakt mit ihr aufnehmen, am besten über info@liane-mars.de.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Die Jagd

Ich hatte ihn bereits seit Wochen im Visier.
   Mal sah ich seine schwarze Rute über den Büschen aufblitzen, mal entdeckte ich seine beeindruckenden Pfotenabdrücke im Schnee. Jede Kralle war etwa so lang wie die Spanne meiner Hand. In die Pfotenballen passten meine Füße bequem nebeneinander hinein und hatten sogar noch Platz, um darin Ringelreigen zu tanzen.
   Als Mädchen allein im Wald zu überleben, war nicht gerade einfach. Doch wenn draußen ein riesiger Wolf herumschlich, wurde das Leben unvermittelt zur Herausforderung. Ich war nicht ängstlich, aber dieses Vieh, das machte mir Angst, denn offensichtlich hatte es großes Interesse an mir. Warum sonst sollte es jeden Morgen und jeden Abend um meine Hütte streifen? Bestimmt nicht, um Tee zu trinken.
   Es half außerdem nicht, dass Meeha, mein kleiner Spürhund, seit vier Tagen zitternd in der Ecke hockte. Sie weigerte sich strikt, nach draußen zu gehen und hatte mir bereits zwei Mal in die Ecke gepieselt.
   Deshalb ließ meine Laune sehr zu wünschen übrig.
   Das erklärte auch, warum ich mich an diesem Morgen anzog – Schneestiefel, den mottenzerfressenen Bärenmantel, Handschuhe und das zerfledderte Etwas, das ich als Hut benutzte und eigentlich ein Topflappen war – und mir meinen Bogen schnappte. Ich war eine gute Schützin, nur jagte ich normalerweise nichts, was größer als ein Schneehase war. Rehe oder Hirsche erlegte ich äußerst ungern, weil sie so wunderschöne Augen hatten. Von Raubtieren ließ ich generell die Finger. Man wusste nie, wessen Onkel, Mama oder Tochter man gerade erlegt hatte. Unsere Tierwelt war im Allgemeinen nachtragend.
   Dass ich mit einem Mal zum Großwildjäger wurde, ließ sich nur mit meiner Wut erklären. Ich hatte die Schnauze gestrichen voll. Besser, ich begann die Jagd als umgekehrt.
   »Nur ein toter Wolf ist ein guter Wolf!«, sagte ich und versuchte, mich damit zu motivieren.
   Meeha jaulte kläglich in der Ecke, und meine Motivation wankte kurz. Sie kam vorsichtig näher, geduckt, winselnd. Das sah ihr überhaupt nicht ähnlich. Normalerweise war sie so tapfer wie ich, zumindest in Anbetracht ihrer Größe: Sie reichte mir gerade mal bis zu den Waden.
   Ich hatte Meeha ohnehin im Verdacht, ein seltenes Wechselwesen zu sein. Das würde erklären, warum sie mal blau, mal rot und ab und zu bunt getupft war. Heute war sie ihrer Stimmung entsprechend grau.
   Ich kniete mich zu ihr nieder. »Bleib hier, Meeha! Das ist nichts für dich.« Ich strich durch das seidige Fell und zeigte auf das fröhlich knisternde Feuer, in dem sich gerade zwei Feuergeister vergnügten. »Pass auf die beiden auf, damit sie uns nicht die Bude abfackeln!«
   Meeha wirkte unschlüssig, ehe ihr Überlebenswille siegte. Sie trollte sich zum Feuer. Auf Feuergeister aufzupassen war genau ihr Ding. Da war es nämlich schön warm und relativ ungefährlich.
   Ich zog mir den Bogen über eine Schulter, ergriff den abgewetzten Pfeilköcher und trat aus der Tür, bevor ich es mir anders überlegen konnte.
   Die Kälte krallte sich sofort in der Nase fest.
   Ich schätzte kurz die Umgebung ab. Es war klirrend kalt, der Schnee reichte fast bis zur Veranda. Er musste etwa zwei Ellen hoch liegen. Obendrauf war er gefroren. Gut! Dadurch würde ich nicht so tief einsinken.
   In dieser Sekunde klirrte der Atem fröhlich vor meinem Mund. Die Frostgeister hatten mich gefunden.
   Frostgeister waren süße, kleine Dinger. Sie suchten sich den wolkigen Atem eines Geschöpfes aus, um darin zu baden. Das machte sie glücklich – und anschließend klingelten und klirrten sie unsichtbar vor sich hin.
   Ich begrüßte die Truppe mit einem Nicken – es mussten viele sein, dem Lärm nach zu urteilen – und sprang von der Veranda. Der Schnee verschluckte mich bis zu den Waden.
   Entschlossen stapfte ich los, den Pfotenspuren folgend. Tief im Inneren wusste ich, dass das keine gute Idee war, deshalb wollte ich nicht allzu genau darüber nachdenken. Es war früher Morgen, die Sonne hatte sich bisher nicht durch die grauen Nebelschwaden gekämpft. Es gab keinen Neuschnee, daher ließen sich die Pfotenspuren gut verfolgen.
   Über mir knarrten die Bäume sanft vor sich hin, als wollten sie mich damit begrüßen. Wie jeden Morgen beugte ich ein wenig die Knie und nickte ihnen möglichst würdevoll zu.
   Der Wolf war schwarz und riesig. Alles Indizien dafür, dass es sich hierbei nicht um einen normalen Wolf handelte. War er allerdings tatsächlich ein Veddawolf, ein magischer Teufelswolf, dann war ich … am Arsch. Und zwar so richtig.
   Ich wollte jedoch nicht mehr länger auf meinen möglichen Tod warten. Wenn er mich haben wollte, würde ich den Zeitpunkt meines Ablebens bestimmen. Und dann gäbe es einen guten Kampf auf Leben und Tod.
   Zur Sicherheit hatte ich deshalb die Tür zur Hütte lediglich angelehnt, damit Meeha herauskonnte, falls ich nicht zurückkam. Stopp! Darüber wollte ich nicht nachdenken.
   Ich kam auch nicht mehr dazu, denn ich versank abrupt bis zum Knie im Schnee und musste mich befreien. Die nächsten zehn Minuten war ich damit beschäftigt, zweihundert Schritte weit zu kommen. Soviel zu meiner Kondition.
   Im Anschluss war ich schweißgebadet und schnaufte wie ein Bulle kurz vor dem Angriff.
   Gerade wollte ich mich weiterquälen, da sah ich ihn – den gigantischsten Wolf, der mir je begegnet war.
   Er sah mich nicht.
   Sein Fell war schwärzer als alles, was ich je gesehen hatte. Von der Kralle über den Schwanz bis zur Schnauze: alles schwarz. Er schnüffelte auf dem Boden, die Nase tief im Schnee vergraben. Obwohl er sich dadurch duckte, war mir klar, wie riesig er war. Stände er neben mir, ginge er mir locker bis zur Schulter.
   Es war beängstigend.
   Ebenfalls beängstigend war das, was ich tat. Fünfzig Schritte war er von mir entfernt. Fünfzig Schritte! Freies Schussfeld, denn er buddelte still mitten auf einer Lichtung vor sich hin. Ich war durch ein paar hutzlige Büsche einigermaßen getarnt – und über diese konnte ich gut zielen. Perfekt.
   Ich nahm den ersten Pfeil zur Hand, legte ihn auf die Sehne und schoss, ohne großartig darüber nachzudenken.
   Ich traf ihn!
   Was jedes normale Wesen auf der Stelle umgehauen hätte, ließ ihn jedoch lediglich schwanken. Sekunden danach schnellte der riesige Schädel zu mir herum.
   Fast sofort verstummte das Klingeln vor meinem Mund, denn selbst die Frostgeister hatten sich verzogen. Ja, danke auch!
   Ich hatte rot glühende Augen erwartet, irgendwas Unheimliches. Stattdessen starrte ich in ein Meer blauer Farbe. Wunderschön …
   Das Vieh sprang auf mich zu. Zwei Sätze, drei Sätze. Weniger wunderschön.
   Ich schoss einen zweiten Pfeil, der ihn ebenfalls traf, diesmal vorn in die Brust. Er stoppte ihn allerdings nicht.Zwei Schritte trennten uns, ein Schritt. Das wäre die letzte Chance gewesen, um auf einen Baum zu fliehen. Da war er über mir.
   Sein riesiges Maul sprang mir entgegen. Ich schrie, riss die Arme hoch und erwartete, gigantische Zähne in der Haut zu spüren. Stattdessen trafen mich an der Brust zwei Pfoten, so groß wie Kamelhufe.
   Ich fiel um, rücklings in den nächsten Busch.
   Immerhin knallte ich ihm noch den Bogen gegen die Ohren, aber er knurrte nur. Ich wurde reglos wie ein Steingeist, der sich sonnte, denn keine zwei Handbreit vor meiner Nase klaffte sein Gebiss auf. Die Zähne waren so lang, dass ich sie nicht in mein komplettes Sichtfeld bekam. Sein Gewicht schnürte mir den Atem ab und der Busch, auf dem ich lag, bohrte mir spitze Zweige in den Rücken.
   Trotz meiner Panik bemerkte ich drei Dinge gleichzeitig: Der Wolf roch nicht so schlecht aus dem Hals, wie es Raubtiere für gewöhnlich taten, nach verrottetem Fleisch, fehlender Zahnhygiene und Magensäure. Er belastete mich nicht mit dem vollen Gewicht, sonst hätte ich nicht mehr atmen können. Und: Ich lebte noch, was erstaunlich war.
   Stattdessen brüllte er mich an, dass es mir in den Ohren klingelte.
   Wenige Augenblicke später war der Druck verschwunden und mit ihm der Wolf.
   Es war das Krasseste, was ich bisher erlebt hatte. Ich blieb benommen liegen, um die Lage zu sondieren, und konzentrierte mich aufs Atmen. Weg mit der Panik, der Angst, den Schmerzen. Mein Atem klirrte wieder leise. Ein gutes Zeichen. Die Frostgeister waren zurück, das Vieh war also tatsächlich weg.
   Erst nach mehreren Minuten setzte ich mich vorsichtig auf und bekam kurzfristig erneut Panik. Überall war Blut. Auf der Hose, dem Pullover, sogar an meinen Händen.
   Wo? Wo hatte er mich tödlich erwischt?
   Hastig machte ich eine Bestandsaufnahme. Bauch war nicht aufgerissen, Gedärme hingen nicht heraus. Soweit alles gut. Beine waren noch dran, Hände ebenfalls, Kopf saß außerdem auf dem Hals.
   Also, woher kam das Blut?
   Dann fiel es mir ein.
   Es war Wolfsblut. Ich hatte das Vieh erwischt. Sekunden später war ich auf den Beinen, klaubte den Bogen auf und sortierte meine verstrubbelten Pfeile. Er war verletzt – und damit eine gute Beute.
   Kurzfristig meldete sich der Gedanke, dass ein Veddawolf mich bestimmt nicht leben gelassen hätte. »Der hätte dich erst mit seinem magischen Gebrüll gelähmt und anschließend gefressen!« Diese Argumente schob ich jedoch schnell von mir. Das Jagdfieber hatte mich gepackt, eine mächtige Droge.
   Seinen Spuren zu folgen, war inzwischen einfach. Neben den Pfotenabdrücken klebte überall Blut: an den Bäumen, den Büschen und im Schnee. Er schien lediglich drei Pfoten aufzusetzen, trotzdem war er schnell unterwegs. Fast zehn Minuten folgte ich ihm, hoch konzentriert, die Augen am Boden, vollkommen auf die Jagd fixiert.
   Dummerweise übersah ich dadurch den Usurpator. Dieses Tier hatte den Körper eines weißen Bären, aber die zwei riesigen Hauer eines Walrosses – und die miese Laune von beiden.
   Der Usurpator hätte mich einfach vorbeiziehen lassen können. Was hatte ich schon mit ihm zu schaffen? Ich machte ihm keine Nahrung streitig, war für ihn keine Konkurrenz und eine Bedrohung schon mal gar nicht. Das interessierte Usurpatoren jedoch nicht. Sie waren grundsätzlich auf alles sauer, was sich bewegte.
   Dieser griff direkt an. Eine mächtige Tatze sauste unvermittelt über meinen Kopf hinweg. Sie schlug mir nur deshalb nicht den Kopf ab, weil der Usurpator schlecht gezielt hatte. Er brüllte mich an, dass mir Hören und Sehen verging. Und, ganz klar: Dieses Vieh stank aus dem Maul.
   Der Usurpator machte einen Satz auf mich zu, hoch aufgerichtet auf zwei Beinen, und versuchte erneut, mich mit den Tatzen zu erwischen. Der Linken wich ich noch recht elegant aus, der Rechten nicht mehr so schön. Immerhin erwischte mich keine von beiden. Gleichzeitig schnappte das Vieh nach mir. Seine messerscharfen Zähne krachten keine zwei Handbreit vor meiner Brust aufeinander.
   Das war knapp.
   Ich riss einen Pfeil aus dem Köcher und fuchtelte damit vor seinem Gesicht herum. Das lenkte ihn soweit ab, dass er mich nicht direkt zerfleischte, sondern nach dem Pfeil schnappte. In letzter Sekunde ließ ich los, schon zersprang das Holz in tausend Späne.
   Das war die Sekunde, in der ich losrannte. Aber er folgte mir. Auf vier Pfoten war er ziemlich schnell und holte entsprechend rasch auf, außerdem behinderte mich der Schnee.
   Ich würde keine zehn Schritte weit kommen, ehe er mich eingeholt und sicherlich in genauso viele Fetzen zerlegt hätte wie den Pfeil.
   Mit einem Mal sprang ihn etwas von der Seite an. Etwas Riesiges, Schwarzes.
   Den Usurpator riss es weg von mir. Er kreischte, brüllte, geiferte. Das andere Wesen antwortete ebenso wütend, ein nervenzerreißendes Knurren folgte – und die Welt ging unter.
   Die beiden Bestien lieferten sich den Kampf des Jahrhunderts. Usurpator gegen – meinen Wolf.
   Es war ein ungleicher Kampf. Der Wolf hinkte auf drei Beinen und wich den Angriffen des Usurpators nur um Haaresbreite aus. Außerdem war der Usurpator viel größer und stärker.
   Trotzdem ließ der Wolf nicht von ihm ab, schob sich stattdessen – und das bildete ich mir nicht ein – zwischen meinen Angreifer und mich.
   Er schützte mich!
   Als der Usurpator das nächste Mal angriff, war der Wolf zu langsam. Das Gebiss des Bären knallte in den Hals seines Gegners, riss ihn herum wie ein Spielzeug. Der Wolf gab keinen Ton von sich, auch nicht, als der Usurpator losließ und er durch die Luft segelte, ehe er mit voller Wucht im Schnee aufschlug.
   Der Usurpator setzte nach, bereit, seinem Gegner das Genick zu brechen.
   In dieser Sekunde schrie ich und winkte. Ziemlich dumm von mir. Aber da war es zu spät.
   Der gigantische Schädel des Bären schwenkte augenblicklich zu mir. Ausgerechnet in diesem Moment musste die Sonne aufgehen. Das Licht glitzerte anmutig in seinen fiesen Hauern.
   Ich machte einen Schritt zurück, einen zweiten, als der Rest des Usurpators zu mir herumschwang.
   Der nächste Angriff galt mir, doch der Wolf sprang ihn zum zweiten Mal an, diesmal direkt an die Kehle. Die Laute gingen mir durch Mark und Bein. Der Usurpator grollte, gurgelte, während der Wolf knurrte. Beide gingen in einem Knäuel zu Boden.
   Ich dachte nicht nach. So schnell wie noch nie legte ich den nächsten Pfeil auf, hetzte zu den Kämpfenden und zielte auf deren Köpfe.
   Ich ließ den Pfeil fliegen und betete, nicht den Wolf zu treffen. Ein dumpfer Schlag, ein grauenerregendes Brüllen, danach tiefste Stille.
   Alles hielt den Atem an, inklusive mir.
   Nicht der Wolf! Nicht der Wolf! Lass ihn nicht tot sein. Ich atmete auf, als sich der schwarze Körper regte und unter der leblosen Masse des Usurpators hervor mühte.
   Im Auge des Usurpators steckte, fast wie geplant, mein Pfeil. Er musste ihm direkt ins Hirn gedrungen sein.
   Der Wolf sah jetzt noch wilder aus. Sein schwarzes Fell war blutverklebt, von seinem eigenen und dem seines Gegners. Einige Haarbüschel klebten zu Klumpen gebündelt an seiner Haut, andere standen ihm wirr ab. Quer über das Maul zog sich eine tiefe Wunde, hoch bis zum Auge, das er fest zukniff. Ein Ohr hatte er aufgestellt, das andere hing hinab.
   Er schwankte. Mit dem gesunden Auge fixierte er mich, durchbohrte mich mit dem Blick. Irgendwie wirkte er wütend.
   Ich sah mich gezwungen, die Lage zu entschärfen. »Hey!«, piepste ich ihm entgegen und winkte schwach in seine Richtung.
   Das war in etwa das Dämlichste, was ich je getan hatte. Okay, das mit dem Veddawolf-Jagen war auch nicht gerade das Klügste gewesen. Oder den Usurpator zu übersehen.
   Der Wolf schien zu der Erkenntnis gekommen zu sein, dass ich es nicht wert wäre, und drehte ab. Schwankend verschwand er im Unterholz.
   »Wo willst du denn hin?«, rief ich ihm hinterher. Glück für mich, dass er nicht antwortete. Ich wäre vor Schreck gestorben. In meiner Welt konnte man sich nie sicher sein, was die Tiere alles konnten.
   Mit Äpfeln jonglierende, riesige Raupen? Hatte ich bereits gesehen.
   Bäume, die mit ihren Lianen Seilhüpfen spielten? Auch schon mal entdeckt.
   Auf ihren Schwänzen balancierende Dipdaps? Sieht man jeden Tag.
   Warum nicht auch sprechende Wölfe?
   Ich erschauderte.
   Da stand ich nun: Quietschfidel, mit nicht mal einem Kratzer am Leib – die zwei am Rücken durch die Äste zählten nicht –, vor einem toten Usurpator, verlassen von einem Veddawolf.
   Was für ein Tag!
   Weil ich praktisch veranlagt war, zückte ich das Messer und zerschnitt den Kadaver. Das Fell war ein Vermögen wert, denn wer jagte schon Usurpatoren? Nur völlige Schwachköpfe.
   Das Fleisch mochte ich nicht, es roch komisch. Also ließ ich den Körper nackt und dampfend in der Morgensonne liegen und kämpfte mich nach Hause zurück.
   Als ich ankam, war ich erschöpft, aber um eine Erkenntnis reicher. Nicht jeder tote Wolf war ein guter Wolf. Manchmal konnten die Lebenden ganz nützlich sein.

Es vergingen zwei unspektakuläre Tage. Meeha hatte sich vor Freude über meine Rückkehr zweimal bepisst, sonst war nichts passiert.
   Ich sah keine Spuren mehr im Schnee, obwohl ich nach meinem Wolf – jawohl, mittlerweile war es mein Wolf – Ausschau hielt. Ich war beunruhigt, wollte es allerdings nicht zugeben.
   Der Wolf war schwer verletzt. Dank mir, dank dem Usurpator. Wahrscheinlich war er bereits mausetot.
   Stand ich nicht in seiner Schuld? Hätte ich ihn nicht suchen müssen, aus Gewissensgründen?
   Und dann? Wenn ich ihn gefunden hätte und er wäre noch am Leben?
   Ich hatte keine Ahnung.
   Also tat ich das, was ich stets machte: nichts. In einer einsamen Berghütte im Schnee war es ziemlich öde. Ich hatte im Herbst jede Menge Fleischvorräte angelegt, Kartoffeln hatte ich noch bergeweise und die Hütte befand sich in einem hervorragenden Zustand. Da blieb nicht viel zu tun.
   Ich schlief wie immer sehr lange. Anschließend aß ich sehr langsam. Dann kraulte ich meine Ziege, sehr ausgiebig, bis sie mir ein bisschen Milch gab, die ich sehr langsam trank. Danach machte ich mir einen Tee, in den sich ein Wassergeist verirrte und leider damit abhaute. Ich fluchte ausgiebig und machte mir erneut Tee … So lief er nun mal, mein Alltag.
   Immerhin konnte ich mich mit dem stinkenden Fell des Usurpators beschäftigen und musste das Blut aus meinem Umhang und der Kleidung bekommen. Damit verbrachte ich den Großteil der Nachmittage.
   Zwischendurch besuchte mich eine Horde Dipdaps. Sie erinnerten mich an normale Mäuse, aber es waren Magiewesen – sie konnten sich in Luft auflösen, sobald sie etwas erschreckte. Außerdem hatten sie kleine, libellenartige Flügelchen, aber ich hatte sie nie fliegen gesehen. Ich überlegte oft, ob sie womöglich so unglaublich schnell fliegen konnten, quasi einen Blitzstart hinlegten, dass es lediglich aussah, als lösten sie sich in Luft auf.
   Die Dipdaps brachten ständig viel Leben und Chaos in die Bude. Ich freute mich, wenn sie kamen, war aber auch unfassbar erleichtert, wenn sie wieder weg waren. Meine Hütte sah hinterher immer aus, als hätte eine Truppe Usurpatoren ein Tanzfest darin gefeiert.
   Ich war gerade zum wiederholten Mal dabei, mich wegen meiner Einsamkeit zu bedauern, als es passierte. Am Abend des dritten Tages nach dem Kampf tauchte er zwischen den Bäumen auf. Mein Wolf.
   Er bewegte sich ohne jede Eleganz. Jedes Zucken der Muskeln schrie vor Schmerzen. Zwei Schritte schaffte er es hinter die Bäume, dann sackte er im Schnee vor dem Haus zusammen.
   Ich ließ vor Schreck meine einzige Keramiktasse fallen. Sie zersprang in tausend Einzelteile. Meeha kreischte, verwandelte sich blitzartig in ein Meerschweinchen und flüchtete unter den nächsten Trog. Die Ziege meckerte lediglich gelangweilt.
   Durch das Milchglas hindurch beobachtete ich, wie der Wolf versuchte, auf die Beine zu kommen. Er schaffte es nicht. Den Seufzer, als er sich zurücksinken ließ, hörte ich bis hierher.
   Er blieb reglos liegen.
   Tja, Aeri? Was jetzt?
   Heldin oder Memme? Verarzten oder erschießen?
   Ich entschied mich für das Auskundschaften. Hastig zog ich mir die Lederstiefel an, bewaffnete mich mit der Machete und ging hinaus.
   Es roch nach Schnee.
   Mit einem Hüpfer von der Veranda versank ich in der weißen Pracht und watete vorsichtig zu dem gestrandeten Riesen hinüber. Er lag auf dem Bauch, die Hinterpfoten von sich gestreckt, der Kopf ruhte auf den Vorderpfoten. Hätte er nicht so schrecklich gewinselt, hätte es beinahe gemütlich ausgesehen.
   »Hey, Wolf!« Meine Stimme klang piepsig.
   Er hob den Kopf und fixierte mich. Das verletzte Auge war vollständig zugeschwollen, das andere tränte.
   In diesem einen Blick sah ich die Wahrheit. Dieses Tier war nicht gefährlich, nur verletzt. Sehr schwer verletzt.
   »Es tut mir leid«, sagte ich aus tiefster Seele und ließ die Machete in den Schnee fallen. »Ich dachte, du wolltest mich fressen.«
   Er knurrte leise.
   Ich zuckte mit den Schultern. »Mein Irrtum. Entschuldige.« Ein bisschen nervös hockte ich mich neben ihn, um die Wunden genauer zu begutachten.
   Meine Pfeile steckten noch – einer in der Brust, der andere rechts außen, kurz hinter den Vorderpfoten. Zwei Treffer, dachte ich nicht ohne Stolz. Ich stupste einen Pfeil vorsichtig an.
   Augenblicklich sträubten sich dem Wolf alle Haare und er schnappte nach mir, verfehlte mich jedoch.
   Mit einem Sprung brachte ich mich in Sicherheit und starrte ihn böse an. »Hey! Wenn ich dir helfen soll, darfst du mich nicht beißen, kapiert?«
   Er knurrte abermals, aber der Laut ging in ein Winseln über.
   Ich nahm das als ein Ja.
   Die nächste Herausforderung bestand darin, den halb toten Riesenwolf in die Hütte zu bringen. Zehn Schritte konnten weit sein.
   Wir brauchten den gesamten Abend und die halbe Nacht, bis er endlich auf meiner Veranda lag. An dieser Stelle war klar: Mein Wolf würde heute nirgendwo mehr hingehen. Er war ohnmächtig.
   Leider war es zu dunkel, als dass ich irgendwelche Doktorspielchen gewagt hätte, und ohne seine Mithilfe bewegte ich den schweren Körper keinen Handbreit.
   Ich ging rein, holte das halbwegs gesäuberte Usurpatorenfell und deckte ihn damit sorgfältig zu. Dann legte ich mich schlafen in der Hoffnung, den Wolf am nächsten Morgen noch lebend vorzufinden.
   In dieser Nacht besuchte mich zum ersten Mal kein einziger Geist. Der Riesenwolf auf meiner Veranda hatte sie vertrieben – und das war wohl das Unheimlichste überhaupt.

Kapitel 2
Die Heilung

Ich musste tatsächlich eingenickt gewesen sein, denn als ich das nächste Mal ein Auge öffnete, war die Nacht verschwunden. Die Sonne war zwar noch nicht aufgegangen, aber durch die Holzritzen der Hütte drang diffuses Morgenlicht.
   Etwas hatte mich geweckt, war tief in mein Unterbewusstsein gedrungen und hatte mich alarmiert. Ein Geräusch. Aber was für eins?
   Dann wiederholte es sich: ein schreckliches, lang gezogenes Stöhnen, eine Mischung aus Grollen und Winseln.
   Der Wolf.
   Wow. Ich hatte es tatsächlich geschafft, den Veddawolf auf der Veranda aus meinen Gedanken zu verdrängen. Reife Leistung. Jetzt brachte er sich stöhnend in Erinnerung.
   Ich blieb noch zwei Sekunden liegen und atmete mein altes Leben ein. Trat ich jetzt auf die Veranda und bat den Wolf herein, war das die entscheidende Veränderung, auf die ich bereits so lange gewartet hatte.
   Ich hatte zwar meinen Kampfdackel Meeha und die Elementargeister als Gesellschaft, aber sie waren in meinen Augen nichts anderes als … Tiere. Tiere, die einfach bei mir waren.
   Der Wolf dort draußen war hingegen etwas völlig anderes. Er war kein Tier, auch kein Zauberwesen wie Meeha. Er dachte, er fühlte, er verteidigte, er begriff ganz anders.
   Das hatte ich in seinen Augen gesehen.
   Er war menschlicher als alles, was mir in den letzten Jahren, nein, dem letzten Jahrzehnt im Wald begegnet war.
   Ich gab mir weitere zehn Sekunden, um die Veränderung in mich aufzunehmen, mich darauf zu freuen und mich zu fürchten. Als ich damit fertig war, stand ich auf, zog mich an und trat ohne Zögern auf die Veranda hinaus.
   Und da lag er, genauso, wie ich ihn zurückgelassen hatte. Er hatte das gesunde Auge geöffnet, starrte mich an und hechelte wie zur Begrüßung. Anschließend winselte er abermals und sah mich vorwurfsvoll an.
   »Was starrst du so?« Ich hockte mich neben ihn. »Du bist in Ohnmacht gefallen. Allein konnte ich dich nicht hineintragen, also hör auf, mich mit Blicken zu erdolchen. Dass du einen kalten Arsch bekommen hast, dafür kann ich nichts.«
   Ein Grollen antwortete mir.
   Ich zerrte die Decke von seinem Fell. Sie war feucht, von Schweiß, Blut und Sabber durchtränkt. »Komm hoch! Drinnen ist es wärmer.«
   Ich weiß nicht, wie ich ihn durch die Tür bekam, es dauerte auf jeden Fall höllisch lange. Er schaffte es, sich zwei Handspannen weit in die Höhe zu stemmen, das war aber auch schon alles. Ich stützte, schob und zerrte an ihm, bis er zumindest auf meinem Eingangsteppich zusammenbrach, den langen, buschigen Schwanz noch draußen, ebenso wie beide Hinterpfoten.
   Aber, immerhin, er lag auf dem Teppich. Ich packte zwei Zipfel und zog so fest ich konnte. Eine Handspanne, zwei … schließlich acht Handspannen weit.
   Schnaufend ließ ich den Teppich los, trat über den Wolf hinweg und packte meinen provisorischen Türgriff. »Schwanz einziehen!«
   Er tat wie geheißen. Danach schloss ich die Tür – und der Wolf war in meiner Hütte eingesperrt.
   Ich wurde ruhig. Mit Verletzungen kannte ich mich aus. In den letzten Jahren hatte ich mir so manche zugefügt. Ich war nicht immer die Geschickteste, was Holzhacken, Möhrenhacken oder Beethacken anging. Generell war alles, was mit Hacken zu tun hatte, potenziell gefährlich für mich.
   Dass ich diese Ungeschicklichkeiten überlebt hatte, verdankte ich meinem Geschick im Nähen. Haut zusammennähen war eine meiner leichtesten Übungen.
   Zuerst mussten die Pfeile raus.
   Neben mir rumpelte es und ich fuhr erschrocken herum. Die Ziege! Sie war vor Schreck umgefallen, lag auf der Seite und zitterte. Die riesigen Augen glänzten panisch, waren wie hypnotisiert auf den Wolf im Vorderraum gerichtet.
   Ich konnte sie gut verstehen. Das schwarze Ungetüm sah wirklich zum Fürchten aus.
   Mein Blick huschte durch die Hütte auf der Suche nach Meeha, aber ich sah sie nicht. Sie hatte sich vermutlich zwischen irgendwelchen Ritzen in Sicherheit gebracht und wartete erst mal ab. Die Ziege konnte das leider nicht.
   Da sie für mich wertvoll war, ging ich zu ihr und stellte sie auf die zitternden Hufe. Ich redete auf sie ein, doch sie wich nach hinten weg, soweit es die Kette erlaubte.
   Sie würde sich schon noch an den Wolf gewöhnen. Ich tätschelte sie und ließ sie in Ruhe.
   Stattdessen bewaffnete ich mich mit einem Messer, einer Zange, Lappen, heißem Wasser, Nadel und Faden und einem Strick und kehrte zum Wolf zurück.
   Er hatte mich die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen.
   »Es ist soweit. Die Pfeile müssen raus.« Ehe er reagieren konnte, schlang ich ihm das Seil ums Maul.
   Er legte sofort die Ohren an und ruckte mit dem Kopf herum. Seine blauen Augen funkelten wütend im Dämmerlicht.
   »Hör auf, dich zu wehren! Du beißt mich sonst.« Obwohl er sich gegen meinen Griff sträubte, ließ ich das Seil nicht los. »Ich verspreche dir, ich mach das Seil sofort los, sobald die Pfeile draußen sind. Ehrenwort!«
   Dieses eine Wort wirkte. Er erschlaffte und ließ es zu, dass ich die Vorderpfoten mit dem anderen Ende des Seils verknotete. Jetzt wirkte er noch armseliger, aber das sagte ich natürlich nicht laut.
   Auch ein Veddawolf hatte Gefühle.
   Ich inspizierte vorsichtig den Pfeil in der Seite. An den kam ich am besten heran, sozusagen eine Aufwärmübung für den schwierigeren Teil. Der Pfeil steckte bestimmt so tief im Fleisch, wie mein Zeigefinger lang war, schabte vermutlich an den Rippen. Es musste höllisch wehtun.
   »Ich muss dir ein paar Haare abschneiden.« Ich wartete nicht auf eine Reaktion, sondern rasierte vorsichtig mit dem Messer die Einstichstelle frei. Keine leichte Aufgabe. Das Fell war völlig verklebt. »Jetzt schneide ich die Wunde ein wenig auf. Das tut jetzt weh.« Dann ging alles schnell. Ich schnitt, der Wolf zuckte, wirbelte herum, zuckte erneut – und brach dankenswerterweise zusammen. Für die nächsten Stunden konnte ich an ihm herumdoktern, wie ich wollte. Er würde wahrscheinlich nicht so bald wieder zu sich kommen.
   Ich schabte die Wunde aus, begutachtete sie und entschloss mich, sie zusätzlich auszubrennen. Sicher war sicher. Anschließend nähte ich, legte Wundkräuter auf die Narbe und verband die Stelle. Zumindest versuchte ich es. Ich hatte noch nie einen ohnmächtigen Wolf verbunden, deshalb stellte ich mich dabei ziemlich ungeschickt an. Allerdings musste es nicht schön aussehen, sondern nur halten.
   Bevor es an den anderen Pfeil ging, verschnaufte ich kurz. Das war bitter nötig, denn ich zerrte danach fast eine halbe Stunde am Wolf herum, bis ich ihn in einer geeigneten Position liegen hatte. Schnell rasiert, Wunde aufgeschnitten, Pfeil raus und so fort. Das dauerte beinahe zwei Stunden.
   Als diese Arbeit erledigt war, meldete sich mein Magen. Natürlich, ich hatte bisher kein Frühstück gehabt. Der Wolf sah allerdings so armselig aus, dass ich ihn nicht allein lassen wollte.
   Ich versorgte die völlig lädierte Schnauze und wagte mich an sein verletztes Auge heran, gab jedoch auf. Es war völlig zugeschwollen. Ich packte eine Mischung aus Heilkräutern und Lehm darauf, hatte aber keine Ahnung, ob das helfen würde. Zur Sicherheit wickelte ich Mull herum, um die Wunde zu schützen.
   Weil ich schon mal dabei war, zog ich ihm ungefähr zwanzig blutsaugende Käfer, schnitt seine Krallen (keine Ahnung, wie ich auf die Idee gekommen war) und pulte ihm mehrere Äste aus dem völlig verstrubbelten Fell.
   Dann war ich fertig mit ihm. Klar, ich hätte mich noch um das Fell kümmern können und es gab jede Menge Schönheitskorrekturen, aber das Schlimmste war erledigt.
   Ich streckte den verkrampften Rücken und stand auf. Dem Licht und meinem Hunger nach zu urteilen, musste es früher Nachmittag sein.
   Die nächsten zwei Stunden beschäftigte ich mich damit, eine Suppe mit viel Fleisch zuzubereiten. Ich bemühte mich, dem Wolf ein paar Löffel davon einzuflößen, aber das Tier schluckte nicht. Kein gutes Zeichen.
   An dieser Stelle kam ich nicht weiter, deshalb versuchte ich, Meeha unter dem Schrank hervorzulocken. Ich hatte jedoch selbst mit Möhren keinen Erfolg. Sie musste hungrig sein, daher schob ich ihr eine unter den Schrank. Wenn sie schon Angst hatte, sollte sie nicht auch noch hungern.
   Als es Sekunden später unter dem Schrank rumorte, war ich erleichtert. Meeha lebte also noch. Gut.
   Die Ziege verschmähte allerdings alles, was ich ihr reichte. Sie hatte vor Schreck den kompletten Darm entleert und es stank fürchterlich, ansonsten rührte sie sich nicht.
   Nach zwei weiteren Stunden begann ich, mir ernsthafte Sorgen zu machen. Ich überprüfte ständig, ob der Wolf atmete, was er zwar tat, aber nur ganz flach. Die Ohnmacht hielt ihn gefangen.
   Ich verließ die Hütte lediglich, um mich zu erleichtern und Holz zu holen. Es dämmerte bereits, der Wald lag still und unheimlich da. Keine Geister weit und breit. Die Anwesenheit des Wolfes hatte sie alle in die Flucht geschlagen.
   Das hatte natürlich auch Vorteile. Die Suppe verdünnisierte sich ausnahmsweise nicht, davongetragen von einem Wassergeist. Es war allerdings schwieriger, Feuer zu machen. Normalerweise halfen mir die kleinen Feuerteufel dabei. Ein Funke genügte, schon tanzte eine muntere Schar um mich herum und heizte dem Holz ein. Diesmal brauchte ich beinahe eine halbe Stunde, um die wie immer leicht feuchten Äste zum Glühen zu bringen.
   Ich hatte bisher nicht bemerkt, wie häufig die Geister mir geholfen hatten. Hoffentlich kehrten sie zurück, sobald sie sich an den Wolf gewöhnt hatten.
   Dieser rührte sich weiterhin nicht.
   Die Stunden quälten sich dahin. Ich war irgendwann sogar so weit, mich mit meinen verlorenen Pfeilen zu beschäftigen. Ich hasste es, neue anzufertigen. Wenigstens musste ich mich konzentrieren, das lenkte mich davon ab, ständig nervös auf und ab zu gehen. Es war aufregend, einen sterbenden Wolf auf der Türschwelle liegen zu haben.
   Eigentlich war die Türschwelle gleichzeitig das Wohnzimmer, denn meine Hütte war winzig. Eine Binsenmatte bedeckte den Boden an der Tür, dahinter stand mein heiß geliebter Sessel, aus einem gigantischen Holzstamm geschnitzt und mit mehreren Lagen Fell ausgepolstert.
   Rechts von ihm stand ein wackliger Holztisch, auf ihm stapelten sich alle meine Besitztümer: geschnitzte Teller und Tassen, die Messer aus Stein und Granit und zwei Kupfertöpfe, die mich mein Erspartes von drei Jahren gekostet hatten.
   Unter dem Tisch schlief ich. Zwischen zwei Felle hatte ich etwas Stroh gestopft, sozusagen als Matratze. Darauf lagen weitere Felle als Decken und Kissen. Mehr brauchte ich nicht. Ich würde auch auf Stein schlafen können. Härte war ich gewohnt.
   Gegenüber meiner Türschwelle befand sich der Kamin mit dem Abzug. Er war das Einzige in der Hütte, das vollständig aus Stein bestand.
   Dort kochte ich, deswegen hing da mein einziger Kessel.
   Ansonsten besaß ich nur noch einen alten Kleiderständer, an dem wirklich alle meine Sachen hingen – ich hatte nicht viel. In dem alten, verrotteten Schrank war deshalb nichts drin. Da schliefen lediglich die Dipdaps, wenn sie zu Besuch waren. Meeha schlief unter dem Schrank.
   Sollte ich jemals Besuch bekommen, würde die Besichtigungstour meines Heims schnell erledigt sein.
   Ich war bei dem fünften neuen Pfeil angekommen, als ich eine Bewegung aus den Augenwinkeln bemerkte. Das Herz machte einen hoffnungsvollen Hüpfer, wurde aber enttäuscht. Es war Meeha, die vorsichtig unter dem Schrank hervorgekrochen kam und sich in einem Schritt Abstand vor den Wolf hockte.
   Sie starrte das schwarze Monster an, als wollte sie es Kraft der Gedanken wegbrennen. Weil das offenbar nicht klappte, stand sie abrupt auf, verwandelte sich blitzschnell vom bunt gepunkteten Meerschweinchen in einen gelb-schwarz gestreiften Dackel, drehte sich um, hob ein Bein …
   »Meeha!«
   Es war zu spät. Sie hatte den Wolf markiert. Mit hoch erhobenem Schwanz stolzierte sie auf mich zu, die Schnurbarthaare zitternd vor Empörung, und strich mir um die Beine. Dann legte sie sich auf ihren Lieblingsplatz vor dem Feuer, als wäre nie etwas passiert. Sie wirkte äußerst zufrieden mit sich.
   Ich starrte den Wolf an, rechnete damit, dass er aufwachen und sich wutentbrannt auf Meeha stürzen würde. Was dann? Zu unserem Glück rührte er sich nicht.
   Achselzuckend setzte ich mich neben Meeha, zog sie auf den Schoß und quälte mich weiter mit den Pfeilen herum. Mein kleines Wechselwesen schnurrte zufrieden.
   Völlig unerwartet tauchte endlich der erste Feuergeist im Kamin auf. Ich lächelte still vor mich hin.

Die nächsten Tage gestalteten sich noch zäher als sonst. Zu meiner Langeweile gesellte sich eine bohrende Unruhe, nur unterbrochen von jäher Angst. Ich sorgte mich schrecklich um den Wolf.
   Ich konnte ihm quasi beim Abmagern zusehen.
   Die Wunden verheilten gut, der Wolf hatte jedoch viel Blut verloren und wachte nicht auf. Jede Stunde versuchte ich, ihm Wasser, Brühe oder Kräutersud einzuflößen, aber die Flüssigkeit lief ungeschluckt aus dem Maul heraus. Außerdem hatte er Fieber, zumindest nahm ich das an. Er schwitzte heftig.
   Die Geister schienen ihn nicht mehr als Gefahr einzuschätzen, sie turnten sogar auf ihm herum. Manchmal hatte ich sie im Verdacht, ihn als Mutprobe zu benutzen. Der erste Geist, der sich auf ihm niederließ, war ein Luftgeist gewesen. Er hatte zwei seiner Nackenhaare verknotet und war kreischend davongesaust. Aus dem Feuer kamen Geräusche, die sich verdächtig nach Applaus angehört hatten.
   Ab da hatte mein Wolf ständig irgendeinen Geist im Fell. Ein Feuergeist hatte ihm sogar einige Haare verschmort und ich musste sie abschneiden. Es war echt anstrengend.
   Doch dann wurde der Wolf unruhig. Ich nahm es zuerst als gutes Zeichen. Wachte er auf? Das war es leider nicht. Stattdessen zuckte er, drehte und wand sich, würgte.
   Es wurde so schlimm, dass ich ihn fesseln musste. Er hätte sich die Wunden sonst aufgerissen.
   Allerdings war das Ergebnis auch nicht viel besser. Von da an kämpfte er gegen die Fesseln, sträubte sich, knurrte, jammerte, warf sich herum – und verbrauchte wertvolle Energie.
   Die Geister hielten erneut Abstand.
   Am fünften Tag war ich mit meinen Nerven dermaßen fertig, dass ich mir tatsächlich wünschte, es würde endlich mit ihm zu Ende gehen. Er quälte sich schrecklich. Musste ich ihn da nicht erlösen? War das nicht sogar meine Pflicht?
   Wäre er ein ganz normaler Hund gewesen, hätte ich nicht gezögert. Aber er war kein normaler Hund. Einem Menschen hätte ich auch nicht einfach die Kehle durchgeschnitten.
   In dieser Nacht rechnete ich damit, dass er jeden Moment starb. Er keuchte bei jedem Atemzug und stank nach Tod. Ich konnte mir nicht erklären, was los war.
   Die Wunden sahen gut aus. Warum starb er trotzdem?
   Ein Wassergeist gesellte sich zu mir, verkleidet als Wassertropfen, etwa so groß wie mein Auge. Er schwebte zitternd neben meinem Kopf, während ich neben dem riesigen Wolf auf dem Boden hockte und seine Ohren streichelte. Das beruhigte ihn ein wenig.
   Meeha saß neben uns, kein bisschen angriffslustig. Sie schien ebenfalls zu spüren, dass es zu Ende ging. Es war eine merkwürdige Stimmung.
   Ich kämpfte mit den Tränen und verlor den Wettstreit. Seit Tagen hatte sich der Klumpen im Magen vergrößert, würgte mich immer mehr. Es wäre schön gewesen, den Wolf besser kennenzulernen, immerhin hatte er mir das Leben gerettet. Zudem war es meine Schuld, dass er sich so quälte.
   Eine besonders dicke Träne kullerte über meine Wange und wurde dabei immer riesiger, weil sich ein Wassergeist in sie hineingestürzt hatte. Immer mehr Wassergeister versammelten sich um mich, fasziniert von dem, was aus mir herauskullerte. Ich hatte bisher nie geweint, nicht, seitdem ich in dieser Hütte festsaß. Die Geister staunten.
   Der schwebende Wassertropfen neben dem Kopf setzte sich in Bewegung. Ich hatte damit gerechnet, dass er in den Strom der Tränen eintauchen würde, stattdessen hielt er zielstrebig auf das Maul des Wolfes zu. Die anderen Geister schienen die Luft anzuhalten, ebenso wie ich.
   Mit einem Platsch quetschte sich der Geist an den Zähnen des Wolfes vorbei, spazierte in sein Maul – und verschwand.
   Eine Minute, zwei, drei vergingen, nichts passierte.
   Der Wolf hatte den Wassergeist verschluckt! Oder, besser gesagt: Der Wassergeist hatte sich vom Wolf verschlucken lassen.
   Etwas machte Klick im Hirn.
   Ich sprang auf, rannte zu dem armseligen Kräuterbündel und zupfte daran herum. Grünblüte gegen Übelkeit, Sanftmut gegen Entzündungen, Orangenkraut gegen Fieber. Ich zerstampfte alles so klein wie möglich, schüttete mir die Kräuter in die Hand und hockte mich erneut neben den Wolf. »Bitte, ihr Süßen. Tragt es in ihn rein!«
   Ein Wassergeist formte sich aus einer noch nicht getrockneten Tränenspur auf meiner Wange, schwebte zur Hand und wählte sorgfältig fünf zerstampfte Kräuter aus. Danach quetschte er sich zwischen den Wolfszähnen durch.
   Ich hoffte, dass ich es nicht in den Tod schickte.
   Ein zweiter Geist schloss sich an, giggelnd diesmal. Es klang wie leise Regentropfen auf der Veranda, ein wirklich hübsches Geräusch. Er verschwand in der Nase, kam aber sofort heraus und nahm den richtigen Eingang. Anschließend folgte ein Strom blubbernder Wassergeister. Alle nahmen ein oder zwei Kräuter und verschwanden damit im Inneren des Wolfes.
   Unvermittelt krümmte sich der Wolf, aufgehalten durch die Fesseln. Er winselte, zuckte – und riss die Augen auf. Beide Augen!
   Ich brach vor Erleichterung erneut in Tränen aus und begann zu lachen, als sich die Geister auf ganz andere Weise aus dem Inneren des Wolfes verabschiedeten. Hier hatte ich meinen Beweis: Die Geister konnten tatsächlich die Gestalt verändern. Sie waren als Wassergeister in den Wolfsrachen gekrochen, kamen dagegen als Luftgeister heraus. Der Wolf entließ sie mit einem gewaltigen Rülpser. Jubelnd sausten sie durchsichtig an meinem Ohr vorbei.
   Ich lachte, bis mir abermals die Tränen kamen und ein Meer aus Wassergeistern auf meiner Haut badete.
   Es war das schönste Gefühl auf Erden.
   Der Wolf machte derweil große Augen.
   Ich brauchte eine ganze Weile, um mich zu beruhigen. Der Wolf gab mir die Zeit, ehe er deutlich machte, dass er genug von Fesseln hatte. Er knurrte böse.
   Ich entknotete sie und erklärte ihm die Situation: Er sei sehr krank gewesen und habe fast sechs Tage lang gelegen. »Die Geister haben dein Leben gerettet.«
   Er hörte aufmerksam zu, als verstünde er jedes Wort. So war es wahrscheinlich auch. Er warf einen spähenden Blick in die Runde, als suchte er nach den Geistern. Als er einige von ihnen im Feuer erblickte, nickte er ihnen huldvoll zu. Von da an konnte er sich vor begeisterten Geistern nicht mehr retten. Sie verknoteten ihm das Fell, ertränkten seine Haare und verkohlten die Krallen. Er ließ alles geduldig über sich ergehen, denn offenbar wussten Veddawölfe es ebenfalls zu schätzen, wenn man ihnen das Leben rettete.

Kapitel 3
Der Name

»Schluss jetzt! Lasst ihn mal in Ruhe!« Ich scheuchte die aufgeregte Meute von ihrem Opfer hinüber ins Feuer. So viele Geister hatte ich noch nie
   in der Hütte gehabt. Es hatte sich offenbar herumgesprochen, dass sie mit einem Veddawolf spielen durften.
   Der Wolf warf mir einen dankbaren Blick zu und ließ die Schnauze auf die Pfote fallen. Er lag seit gut einer Woche vor dem Feuer und heilte vor sich hin. Sein Appetit ließ zu wünschen übrig, aber er trank dafür genug. Trotzdem sah das Fell stumpf aus, die Knochen staken daraus hervor.
   Ich war von der Jagd zurückgekommen und hängte den Köcher und den Bogen neben die Tür. Es war unfassbar warm in der Hütte. Kein Wunder, bei so vielen Geistern.
   Die Frostgeister verschwanden aus meinem Atem und verwandelten sich vermutlich gerade in eine andere Art.
   Verrückt, dass ich ausgerechnet durch den Rülpser eines Wolfes die Antwort auf eine Frage fand, die ich mir seit zehn Jahren stellte. Die Geister verwandelten sich genauso wie Meeha, nur nicht so offensichtlich.
   Seit der Wolf bei uns lebte, hing Meeha in Form einer Fledermaus an der Decke. Diese Form war neu, aber ziemlich effektiv. Sobald der Wolf sie schief anguckte, stolzierte sie an der Decke zu ihm hinüber, zielte genau … und ließ einen stinkenden Schiss auf ihn fallen. Jaja. Der Wolf hatte es ziemlich schwer in meiner Hütte.
   Meeha hatte seit zwei Tagen jedoch Mitleid mit ihm und ließ ihn in Ruhe. Das lag möglicherweise auch daran, dass sie pro Schiss eine Möhre weniger von mir bekam. Eine recht wirksame Strafe.
   »Wie geht’s dir?«, fragte ich den Wolf, während ich mir mühsam die Stiefel von den Füßen zog. Natürlich antwortete der Wolf nicht – wie denn auch? »Ich hab ein mageres Kaninchen erwischt. Aber du frisst ja eh noch nicht viel. Der Schnee wird weniger, dafür werden die Tiere immer gereizter. Mich hätte fast ein Schwarm Knarzis angefallen.«
   Ich hatte keine Ahnung, ob die Knarzis wirklich Knarzis hießen, war mir auch egal. Ich hatte die riesigen Insekten irgendwann so getauft, weil sie beim Fliegen wie knarzende Äste klangen. Außerdem wollte ich nicht ständig in Gedanken »Die fliegenden Viecher« sagen. Knarzi klang zwar niedlich, das waren die Insekten aber keineswegs. Sie waren ziemlich gefährlich, erst recht im Schwarm.
   Der Wolf legte den Kopf schief, als wollte er fragen: Knarzis?
   »Und ich habe eine Baumwurzelknolle gefunden. Tada!« Ich hielt sie triumphierend hoch.
   Der Wolf musterte mich und die Knolle eindringlich.
   »Die sind richtig lecker.«
   Also gab es Kaninchen mit Baumwurzelknolle. Der Wolf fraß etwas von der Knolle, verschmähte aber das Fleisch. Hatte ich etwa einen weiteren Vegetarier durchzufüttern? Das war kaum vorstellbar.
   Aber was wusste ich schon über Veddawölfe? Er hatte mich ja ebenfalls nicht gefressen.
   Ich plapperte den ganzen Tag. Es tat gut, jemanden zum Reden zu haben. Meeha hatte mir immer das Gefühl gegeben, nicht zuzuhören. Sie war eben ein Tier und verstand nicht, was ich sagte. Bei dem Wolf war das anders. Er tat zumindest so, als würde er mir zuhören. Ab und zu brummte er, als würde er zustimmen, und das reichte mir.
   Ich war mir zu zweihundert Prozent sicher, dass er mich verstand. Er hatte so eine Art, den Kopf schief zu legen und mich zu mustern. Oder er schnaufte an genau den Stellen, an denen ein Mensch »Ach ja?«, sagen würde. Zumindest stellte ich mir das so vor.
   Also plapperte ich, denn ich hatte ein Jahrzehnt aufzuholen, in dem mir niemand zugehört hatte. Ich erzählte von Knarzis, Quieks und Murpfel. Und wenn ich still war, stupste er mich an. Ganz sanft. Also erzählte ich weiter. Bis ich plötzlich verstummte.
   Wir saßen zusammen neben dem Feuer. Ich im Schneidersitz, er mal wieder mit dem Kopf auf der Pfote, der Länge nach ausgestreckt. Wenn er so lag, nahm er mehr als die Hälfte des Zimmers ein. Die Hütte maß höchstens zehn Schritte in die eine und zehn Schritte in die andere – und er war ein mächtiges Wesen.
   Sobald ich verstummte, schnellte sein Kopf hoch, er sah mich aufmerksam an. Ich ließ das Seil sinken, an dem ich rumgefummelt hatte, und starrte ins Feuer.
   Der Wolf stupste mich. Stupste mich ein zweites Mal, diesmal fester. Der riesige Kopf schwang in mein Blickfeld, seine Augen suchten meine. Er wartete.
   »Ich kann dich nicht immer Wolf nennen«, sagte ich in die entstandene Stille. »Du brauchst einen Namen.«
   Er seufzte – ähnlich wie ein Niesen, nur viel tiefer – und streckte sich anschließend entspannt aus, als wollte er sagen: Ach so, wenn es sonst nichts ist.
   Ich kniff ihn, er grollte.
   »Jetzt sei doch nicht so! Du hast bestimmt einen Namen. Ich will dir keinen neuen geben, wenn du längst einen hast. Wir machen das so: Ich geh das Alphabet durch. Sobald ich einen Buchstaben nenne, der in deinem Namen vorkommt, schnaufst du. Okay? Wir fangen mit dem Anfangsbuchstaben an!«
   Wir musterten uns. Er zweifelnd, ich aufgeregt.
   »Also … A.«
   Er schnaufte.
   »Dein Name fängt mit A an?«
   Er schnaufte abermals.
   »Gut. Jetzt der zweite Buchstabe. A …«
   Er schnaufte.
   Ich trat ihn. »Das ist ernst. Namen sind wichtig.« Als er hochschnellte und mich intensiv anstarrte, wurde ich unruhig. Da dämmerte es mir. »Oh! Ich hab dir meinen noch nicht verraten. Aeri heiße ich. Aeri, mit einem ganz weichen R. Und der Kampfdackel Schrägstrich die Kampffledermaus an der Decke ist Meeha.«
   Der Wolf blickte zur Fledermaus hoch.
   Er verstand mich also tatsächlich, jedes einzelne Wort. War mir das unheimlich? Erstaunlicherweise nicht. Ich freute mich stattdessen.
   »Ich bin ein Mensch, aber was du bist … da bin ich mir nicht sicher. Kein normaler Wolf jedenfalls. Falls du sprechen kannst, wäre das jetzt der richtige Zeitpunkt.«
   Er legte lediglich den Kopf schief.
   »Jetzt weißt du also, wie ich heiße. Also weiter zu deinem Namen.«
   Am Ende des Abends war ich aus seinem Namen nicht schlau geworden. Er hätte A-a-r-w-l-y-k-w-l geheißen. Klang wie ein Gnom oder so.
   »Du kannst unmöglich Aarwlykwl heißen. Wirklich nicht. Du verarschst mich. Wenn du mir nicht ernsthaft antwortest, nenn ich dich Bob. Also, Bob … ich warne dich. Her mit deinem wahren Namen.«
   Da gab er auf und buchstabierte mir brav den Namen. Keelin, gesprochen Ke-elin. Ein guter Name für einen Wolf. Auf jeden Fall besser als Bob.
   »Also, Keelin, jetzt wo ich weiß, wie du heißt, möchte ich dir etwas anvertrauen.«
   Sofort spitzte er die Ohren.
   »Keelin. Du stinkst! Du brauchst ein Bad«, sagte ich feierlich und stand auf.
   Er jaulte beleidigt. Mittlerweile konnte er aufstehen und ein paar Schritte machen, mehr jedoch nicht. Erst mal musste daher eine Katzenwäsche reichen. Ich schnappte mir den für diesen Zweck bereits mit Wasser gefüllten Kessel und hängte ihn über das Feuer. Keelin musterte mich argwöhnisch. Sobald das Wasser nicht mehr eiskalt war, schüttete ich es dem fassungslosen Wolf über den Kopf, zückte meinen alten Kamm, der aus den Rückgratknochen eines Hasen bestand, und begann damit, die völlig verknoteten Haarsträhnen zu entwirren. Ein mühsames Unterfangen.

Es dauerte bis zum Frühjahr, bis mein Wolf endlich nicht mehr so aussah, als sei der Blitz in ihn gefahren. Und etwa so lange dauerte es auch, bis er einigermaßen sicher auf den Beinen war.
   Er war ziemlich zäh, das musste man ihm lassen. Die ersten Wochen hatte er sich jeden Tag auf die Füße gekämpft und war mit steifen Beinen in der Hütte auf und ab gestakst. Zwei Schritte bis zur einen Wand, vier Schritte zur nächsten, danach eine Drehung, bei der er am Anfang immer umknickte, anschließend wieder zurück.
   Es hatte mich wahnsinnig gemacht und ihn nach und nach stärker.
   Irgendwann war er mir nach draußen zum Holzhacken gefolgt, Tage später ein Stück weit hinein in den Wald, aber sobald die Beine zitterten, setzte er sich und wartete, bis ich zurück war.
   Einmal hatte er es bis zum Bach geschafft, aber da ging er nie wieder mit mir hin. Ich hatte nämlich versucht, ihn hineinzuziehen. Zu meiner Verteidigung: Er stank unfassbar nach Krankheit, als hätte sich der Fiebermief im Fell eingenistet. Bevor ich ihn jedoch ins Wasser ziehen konnte, entkam er mir in letzter Sekunde und mied seitdem die Richtung.
   Dreckiger, kleiner Wolf. Aber ich würde ihn schon noch erwischen.
   Als der letzte Schnee auf den Bäumen weggetaut war, stand er endlich ohne Zittern, ohne Schnaufen neben mir, bereit, mit mir durch die Wälder zu streifen.
   Das war ein wunder Punkt in meiner Seele. Mir war in den letzten Wochen aufgefallen, dass er immer wilder wurde, je häufiger er mit mir draußen war. Das Tier schien in ihn zurückgekrochen zu sein, das sah ich an seinen Augen, diesem wilden Blick und den zuckenden Knochen.
   Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte. Er blieb bei mir, machte keine Anstalten wegzugehen. Aber er kommunizierte nicht mehr mit mir wie am Anfang. Ich bezweifelte, dass er mir in diesem Zustand seinen Namen hätte buchstabieren können.
   Seltsam.
   Ungeachtet dieses Rückschrittes war er ein treuer Kamerad, bei dem ich mich wohlfühlte und der trotz allem weniger Tier war, als der Rest um mich herum – und mit dem ich jederzeit einen Waldspaziergang machen wollte.
   Meeha hatte ich in einem Beutel auf den Rücken geschnallt. Sie wollte mit, obwohl sie für eine längere Tour zu klein war. Außerdem weigerte sie sich nach wie vor, zum Hund zu werden. Seitdem der Wolf bei uns war … Entschuldigung … Seitdem Keelin bei uns war, hatte sie sich nicht mehr in diese Gestalt verwandelt. Sie war entweder eine Fledermaus mit Meerschweinchenkopf oder ein geflügeltes Meerschweinchen. Heute war sie ausschließlich Meerschweinchen, deshalb musste sie im Beutel reisen.
   Keelin wirkte kräftig und aufgeregt, er freute sich auf die Jagd. Ich hingegen war gespannt, wie weit er mir folgen konnte. Um auf ihn Rücksicht zu nehmen, schlug ich ein gemäßigtes Tempo an.
   Er trabte neben mir her, ein riesiges Tier voller Kraft und Anmut. Sein Rückgrat reichte mir tatsächlich bis zur Schulter. Dabei schnüffelte er ständig auf dem Boden herum und sein Blick huschte hektisch mal hier, mal dort hin. Er wirkte in diesem Moment wie ein wilder Hund.
   Das Fell glänzte inzwischen seidiger, war jedoch trotz meiner Bemühungen weiterhin struppig. Wahrscheinlich lag das an den Locken, die er auf Brust und Rücken hatte.
   Obwohl er riesig war, bewegte er sich neben mir völlig lautlos. Die Pfoten schienen den Boden kaum zu berühren, so sanft trat er auf. Er spürte meinen Blick und musterte mich von unten, fragend, leicht beunruhigt.
   »Du bist ziemlich riesig. In der Hütte hast du kleiner gewirkt.«
   Es folgte das Schnaufen, das stets beleidigt klang.
   »Ich überleg nur, ob du mich tragen kannst.«
   Ein giftiger Blick traf mich.
   Ich grinste. »Bitte, großer Wolf«, sagte ich mit piepsiger Stimme. »Ich bin doch ein kleines Mädchen und wollte schon immer ein Reittier haben. Willst du mein Reittier sein?«
   Er legte die Ohren an und knurrte.
   Ich lachte, warf meine langen braunen Haare in den Nacken und machte einen kindlichen Hüpfer nach vorn. »Nein? Dann muss ich aber …«
   Er rempelte mich unhöflich an, und ich klatschte seitlich in den Busch.
   Quiekend zappelte ich mich daraus hervor. »Na, warte!«
   Wir jagten uns wie zwei kleine Kinder. Er war verflixt schnell für einen hinkenden Riesenwolf, ich war verflucht schnell für ein Menschenkind. Zwei Mal hätte ich ihn fast gehabt, aber er wich seitlich in den Wald aus. Ich spürte seine Energie, die Freude bei jedem Sprung, den er machte.
   Er war derart mit Toben beschäftigt, dass er nicht bemerkte, wohin ich ihn dirigierte. Als er es kapierte, war es zu spät. Mit einem Hechtsprung warf ich mich auf ihn und klammerte mich an ihm fest. Ich ließ gerade noch den Beutel mit Meeha im Inneren fallen, schon rollten wir den Abhang hinunter und landeten mit einem Klatschen im eiskalten Bach.
   Es hielt ihn zwei Sekunden im Wasser, dann stand er tropfend am Ufer und starrte mich bitterböse an. Ich hockte im hüfthohen Wasser und lachte. Um mich herum tollten die Wassergeister begeistert und sogar die Sonne ließ sich von meiner ausgelassenen Stimmung anstecken. Sie schickte uns die ersten wärmeren Strahlen des nahenden Frühlings.
   Es war ein toller Tag. Der tollste seit einem Jahrzehnt.

Kapitel 4
Wolfscharakter

Danach gingen wir überall zusammen hin. Wir jagten gemeinsam oder versuchten es zumindest, sammelten Feuerholz, wühlten nach Wurzeln oder Knollen. Keelin half mir sogar, mein Beet umzugraben.
   Er war eine hervorragende Buddelmaschine mit den riesigen Pfoten und den kräftigen Hinterbeinen.
   Meeha taute allmählich auf und kletterte immer öfter aus ihrem Beutel, um mitzuspielen. Sie vollführte tollkühne Luftangriffe auf Keelins Kopf oder klemmte sich hinter seinem Kopf fest, um auf ihm zu reiten. Er ertrug es ohne Murren.
   Selbst bei meinen Schießübungen war Keelin nützlich, denn er holte mir bereitwillig die Pfeile zurück. Als ich allerdings mal zu ihm »Hol den Pfeil, Hasso, hol, hol!« sagte, zog er beleidigt von dannen und schmollte für den Rest des Abends. Ich bestach ihn mit einer Baumwurzelknolle, den Dingern konnte er nicht widerstehen.
   Er blieb auch sonst vegetarisch.
   Zur Jagd kam er zwar mit, aber an diesen Tagen fing ich grundsätzlich nichts. Ich hatte ihn im Verdacht, dass er das Wild warnte. Weil mir nichts anders übrig blieb, wurde mein Speiseplan immer vegetarischer.
   Erlegte ich doch mal was, lag das daran, dass Keelin gerade irgendwo sein Revier markierte. Ein bisschen Wolfsblut floss wohl doch durch seine Adern.
   Sobald ich nach erfolgreicher Jagd nach Hause kam, warf Keelin mir ausnahmslos einen vorwurfsvollen Blick zu und rührte vom Fleisch nichts an. Versteh einer einen Veddawolf!
   Ich brauchte die Pelze dringend. Zum einen nähte ich daraus Kleidung, Schuhe und polsterte die zugigsten Ecken der Hütte aus. Zum anderen handelte ich damit. Zwar nur ein Mal im Jahr, aber mit dem Geld hatte ich mir zum Beispiel die Ziege und die Saatkörner gekauft.
   In diesem Jahr wollte ich unbedingt ein Huhn haben. Ich liebte Eier. An manchen Tagen schwärmte ich stundenlang von Eiern und meinen Hühnern, plante bereits ein kleines Häuschen für sie, direkt neben der Hütte.
   Keelin lauschte mit schräg gelegtem Kopf, reagierte ansonsten nicht sichtbar auf die wortreichen Ausführungen.
   Ich erklärte ihm hinreichend, dass ich die Felle für meine Eier-Pläne brauchte, und machte ihm klar, dass er an einem Tag in der Woche zu Hause bleiben musste, damit ich etwas Vernünftiges jagen konnte.
   Das passte Keelin nicht, ich ließ jedoch nicht mit mir reden.

Als ich mit einem erlegten Biber, den ich mir über die Schulter gelegt hatte, zurückkam, saß Keelin vor der Hütte und wartete auf mich.
   Vor ihm hockten zwei Hühner und ein Hahn.
   Ich blieb abrupt stehen, meine Kinnlade fiel hinunter. Die Hühner hatten keine Angst vor Keelin, im Gegenteil. Eins suchte zwischen seinen beeindruckenden Pfoten nach Körnern und pickte ihn ein oder zwei Mal dabei. Keelin zuckte mit keiner Wimper, sondern wartete gespannt auf meine Reaktion.
   Der Biber fiel mit einem Klatschen auf den Boden.
   »Wo hast du die denn her?«, fragte ich fassungslos und näherte mich dem kleinen Zoo. Mir fiel auf, dass es sich bei den Hühnern eindeutig nicht um eine Haustierrasse handelte. Es waren Wildhühner. Trotzdem. Es waren Hühner!
   Keelin sah mich beinahe verächtlich an, blickte anklagend auf den mausetoten Biber und sah mich danach erneut an. Er sagte ganz klar: Bitte schön, deine Hühner. Jetzt lass die armen Biber in Frieden!
   Ich war so fassungslos, dass ich den Rest des Tages kein Wort sagte. Stattdessen bastelte ich einen großzügig bemessenen Pferch, setzte die zwei Hühner und den Hahn hinein, holte die Ziege dazu und zog mich hinter das Gatter zurück.
   Keelin wartete geduldig, bis ich mich beruhigt hatte.
   Abends ging ich zu ihm, umarmte seinen mächtigen Hals und drückte ihn fest an mich. »Danke!«
   Bei dem Gedanken daran, was Keelin getan hatte, wurde mir schwindlig. Es war nicht nur, dass er mir Hühner geschenkt hatte. Das allein war genial, hatte ich doch bisher nie ein Geschenk bekommen.
   Es war eine so menschliche Handlung gewesen – und eine wohldurchdachte und gut geschlussfolgerte noch dazu.
   Die Eier waren der Beweis. Keelin war hochintelligent und gewiss kein normaler Veddawolf.
   Ich hatte ohnehin lediglich eine grobe Idee davon, was ein Veddawolf überhaupt war. Es handelte sich um Magiewesen, die ihre Opfer mit Gebell lähmten. Die Begegnung, die ich mit einem Rudel hatte, war jedenfalls keine schöne Erfahrung gewesen. Definitiv waren sie nicht wie Keelin gewesen.
   Aber was war Keelin dann?
   Ich verdrängte den Gedanken und freute mich lieber über die neuen Hühner.
   Hätte ich Keelin nicht bereits fest in mein Herz geschlossen, ich hätte mich spätestens jetzt unendlich in ihn verliebt.
   Den Biber nahm ich trotzdem aus und trocknete das Fell. Er wäre andernfalls umsonst gestorben. Ich nähte daraus einen neuen Beutel, aß jedoch nichts von seinem Fleisch. Irgendwie war mir der Appetit auf ihn vergangen.
   Am nächsten Tag nahm ich die Geweihe von der Wand, selbst den riesigen Sechzehnender, auf den ich so stolz war. Keelin hatte ihn jeden Tag missbilligend gemustert.
   »Zufrieden?«, fragte ich ihn.
   Keelin schnaufte als Antwort.

Endlich hatte ich Eier. Anfangs hatte ich sie in Frieden gelassen, sodass ich bald viele Küken hatte. Sie waren so niedlich, dass ich einen ganzen Tag im Pferch saß und die kleinen Flauschbällchen streichelte. Keelin streunte in der Zwischenzeit in der Gegend herum.
   Beinahe rechnete ich damit, dass er mir Vorwürfe machen würde, wenn ich Eier aß. Aber Eier zu essen, war anscheinend in Ordnung. Er klaute sich sogar ab und zu ein Ei, manchmal auch zwei oder drei. Die Aktion war also nicht ganz uneigennützig gewesen.
   Durch die Eier lernte ich eine neue Tierart kennen und nannte sie kurzerhand Spuknik. Dabei handelte es sich um richtig fiese, kleine Eierdiebe. Sie sahen aus wie Eier, nur mit vielen Warzen, tarnten sich als solche und ließen sich fröhlich von der Henne wärmen, während sie die restlichen Eier verputzten.
   Pech für den Spuknik: Ich erkannte ihn als Eierdieb und stellte anschließend fest, dass sein Fleisch nicht mal schlecht schmeckte.
   Glück für mich: Ein Spuknik war offensichtlich kein Magiewesen. Das stellte ich immer erst fest, wenn ich eins getötet hatte und sich die Magiewelt in irgendeiner Weise rächte.

Der Frühling kam, ich säte mit wenig Begeisterung.
   Ich bin keine Bauersfrau, genauso wenig wie ich ein Holzhacker oder eine Köchin bin. Am liebsten geh ich jagen. Wie all die anderen Dinge ist jedoch das Säen ebenfalls ein notwendiges Übel.
   Zwei Wochen lang schleppte ich kübelweise Wasser auf das neue Feld. Irgendwann bot sich Keelin mit viel Gebaren an, mir die Eimer abzunehmen. Ich brauchte lange, um zu verstehen, warum er mir einen riesigen Stock anschleppte, ein Seil und zwei Eimer.
   »Du willst, dass ich dir ein Joch baue?«, fragte ich ungläubig.
   Er winselte.
   Das machte Keelin ständig. Nicken schien unter seiner Würde zu sein, ebenso wie das Kopfschütteln. Das wäre einfacher gewesen, als sein Jaulen, Winseln, Japsen zu interpretieren.
   In diesem Fall tippte ich auf ein Ja und zuckte die Schultern. »Okay. Wie du willst.«
   Ich band an die Enden des Stocks die Eimer, füllte sie mit Wasser, legte sie über Keelins mächtigen Rücken und ließ ihn die schwere Arbeit erledigen.
   Er stellte lediglich eine Bedingung, die seine Blicke Richtung Wasser deutlich machten: Wehe, du machst mich nass – dann ist es mit dem Wassertragen vorbei!
   Klar, dass ich peinlich aufpasste, dass mein werter Wolf nicht nass wurde. So ein Wasserträger war praktisch.
   Machte ich die Wäsche, bewachte mich Keelin aus sicherer Entfernung. Er suchte sich einen Hügel und ließ seine Blicke schweifen. Da sich hierher bisher nie ein Mensch verirrt hatte, sah ich darin keine Notwendigkeit, fand es jedoch beruhigend, dass er bestimmt ebenfalls auf wilde Tiere aufpasste. Einen fiesen Usurpator hatte ich seit dem Winter nicht mehr gesehen.
   Im Frühling verschwanden oft auch die Geister. Ich hatte da so meine Theorie: Sobald es wärmer wurde, schoss das Wasser in die Blätter der Bäume zurück. Bunten Farben und Wasser konnte kein Wassergeist widerstehen. Ich ging daher davon aus, dass die Geister in die Natur zurückkehrten und keine Zeit hatten, sich in meiner Hütte zu tummeln.
   Normalerweise war deshalb der Frühling für mich einsam. Das plötzliche Fehlen der Geister im Atem, im Tee und im Feuer hatte mir jedes Mal aufs Gemüt geschlagen.
   Außerdem gingen die Tiere auf Hochzeitskurs. Überall wurde gebalzt, geworben, geschnäbelt, geflirtet, gerubbelt und … Egal. Da kam man sich schnell einsam vor.
   Es war nicht so, dass ich nicht längst aus der Pubertät heraus wäre. Die Sehnsucht, das Verlangen, die quälenden Zweifel im Inneren und das Gefühl, zu zerreißen – hatte ich alles hinter mir. Selbst das Einsetzen der Monatsblutungen hatte mich nicht geschockt, die Symptome hatte ich mir bereits von den Tieren abgesehen. Ich schätzte, ich war abgeklärt. Andere würden es bestimmt als resigniert bezeichnen.
   Unwahrscheinlich, dass ein Mensch – ein Mann – vorbeikommen würde, um mir den Hof zu machen.
   Das hieß allerdings nicht, dass mir das ewige Balzen nicht auf den Geist ging. Es war, als wäre ich das einzige Wesen in der Umgebung, das nicht von den Frühlingsgefühlen profitieren könnte.
   In diesem Jahr lenkte Keelin mich jedoch ab.
   Er hockte mit mir am Feuer und brummte beruhigend auf mich ein, schmiss mich aus dem Bett, wenn ich Anflüge von Einsamkeitsdepressionen zeigte, und tollte mit mir herum, bis mir die Beine schmerzten.
   Trotzdem.
   Ich wurde unruhiger, je weiter der Frühling voranschritt und es auf den Sommer zuging.
   Keelin spürte das und beobachtete mich misstrauisch. Er konnte meine Unruhe nicht einordnen, und ich erklärte sie ihm nicht.
   Er hatte mir Hühner besorgt. Warum sollte ich dennoch zu den Menschen gehen, um welche einzutauschen? Aber …
   Ich ging jedes Jahr.
   Jedes Jahr hatte ich Herzklopfen gehabt, bereits einen Monat, bevor ich aufbrechen musste. Ich hatte schreckliche Angst, sodass ich eine ganze Woche nicht schlafen konnte.
   Aber ich hatte mich jedes Jahr darauf gefreut, nur um anschließend trauriger zurückzukommen.
   Allein. Verängstigt. Traurig. Erschöpft. Entmutigt.
   Fortgejagt.

Kapitel 5
Die Stadt

Die Bäume stellten ihre volle Pracht zur Schau, schillerten in allen Regenbogenfarben. Es war Sommer.
   Es war die Zeit, in der die Geister zu mir zurückkehrten, um mit den Sonnenstrahlen in meinem Haar zu spielen – und es war die Zeit, in der ich zu den Menschen ging.
   An diesem Morgen stand ich entschlossen wie nie auf, schnappte mir den neuen Biberbeutel und stopfte die Felle hinein. Oben drauf kam der des Usurpators. Er würde viel Geld einbringen.
   Keelin wirkte so unruhig wie ich. Seine Blicke durchbohrten mich fragend, aber ich traute mich nicht, ihm die Wahrheit mitzuteilen.
   Er war ein Magiewesen und die mochten normalerweise keine Menschen. Erst recht keine Menschensiedlungen. Aber ich … ich sehnte mich so sehr nach einem Menschen. Nach Stimmen. Nach Reaktionen auf meine Fragen. Nach Wörtern, Liedern, Melodien.
   Ich packte stumm und stürmte aus der Hütte. Keelin sprang hinter mir her, sichtlich verwirrt und verunsichert.
   Ehe ich den Wald erreichen konnte, versperrte er mir den Weg. Er sandte mir das deutliche Signal, dass er eine Antwort auf seine schweigend gestellte Frage erwartete. Wo wollte ich hin?
   Ich ließ die Schultern sacken. »Ich will nach Tagre.«
   Keelin schien mit dem Wort nichts anfangen zu können. Der Blick blieb fragend.
   »Das ist eine Menschenstadt.«
   Sofort versteifte sich der Wolf.
   »Etwa vier Tage Fußmarsch von hier.« Ich machte eine kurze Pause, wir musterten uns. »Es tut mir leid«, sagte ich traurig, machte einen Bogen um ihn und ging weiter.
   Beinahe rechnete ich damit, dass er nicht mitkommen würde, dass er, wie bei der Jagd, bei der Hütte auf mich warten würde. Er zögerte jedoch kurz und folgte mir, allerdings mit eingeklemmtem Schwanz. Neben ihm flatterte eine nervöse Meeha. Sie kam normalerweise nie mit, aber wenn Keelin mir folgte, wollte sie offensichtlich nicht zurückbleiben.
   »Ihr könnt mich ein Stück begleiten.« Der Weg war weit und nicht ungefährlich. Ein großer Wolf an meiner Seite konnte nicht schaden. »Ihr dürft jedoch nicht mit in die Stadt. Das ist zu gefährlich.«
   Keelin schnaufte verächtlich.
   »Ich weiß. Du hältst das für eine Schnapsidee, aber ich geh da jedes Jahr hin.« Warum klang ich zornig? Er machte mir keinen Vorwurf. Wahrscheinlich wusste ich tief im Inneren, dass die Stadt nicht gut für mich war. Klar wusste ich das. Ich ging trotzdem hin – und das machte mich wütend auf mich selbst. Dummes, einsames Menschenmädchen!

Wir wanderten den ganzen Tag. Meeha ritt zwischendurch auf Keelin, auf meinem Kopf oder verkrümelte sich im Beutel.
   Keelin ging die gesamte Zeit dicht neben mir, sodass meine Schulter immerzu gegen seine Schulter stieß. Er wirkte angespannt, jedoch nicht böse. Irgendwie hatten wir uns darauf geeinigt, dass er meine Gründe verstand, sie zwar nicht billigte, aber akzeptierte.
   Das war mehr, als ich erhofft hatte.
   Die Nacht verbrachten wir unspektakulär in einer alten Höhle, in der ich immer schlief, wenn ich nach Tagre ging. Seit zehn Jahren, jedes Jahr. Wie jedes Jahr ritzte ich sorgfältig ein weiteres X in den alten, verwitterten Stein. Es war mein Jahreskalender der einsamen Zeiten, das traurigste Denkmal, das je eine Menschenhand gezeichnet hatte.
   Keelin musterte mein Tun. Er schien den Kalender als das zu erkennen, was es war, denn er starrte mich eindringlich an. Seine Frage ignorierte ich. Ich wollte nicht mit ihm diskutieren, warum ich einsam meine Jahre fristete.
   Zumindest eine Antwort konnte ich ihm geben. »Heute ist mein achtzehnter Geburtstag.« Ich wusste nicht, ob ich auf den Tag genau vor achtzehn Jahren geboren worden war. Ich hatte jedoch immer dann Geburtstag, wenn ich in dieser Höhle war. Als ich das erste Mal hier übernachtet hatte, war ich acht gewesen … eine einfache Rechnung. Obwohl ich nicht richtig rechnen konnte, um ehrlich zu sein.
   Keelin wurde mit einem Mal ganz aufmerksam, wedelte fleißig mit dem Schwanz und leckte mir sogar eine Millisekunde über die Wange. Das hatte er bisher nie gemacht. Es war irgendwie … hundemäßig. Das stand ihm überhaupt nicht.
   Er wusste offenbar, was ein Geburtstag war – und er wusste ebenfalls, dass das wichtig war. Sekunden später war er verschwunden.
   Ich blinzelte irritiert, wartete, als er jedoch nicht zurückkam, packte ich meine Sachen. Er verschwand öfters für ein paar Minuten, fand mich danach stets problemlos.
   Ich machte mich deshalb auf den Weg, wurde allerdings nach einer halben Stunde unruhig. »Wo ist er?«, fragte ich Meeha, die sich auf meinem Kopf sitzend das Fell putzte.
   Sie reagierte nicht. Natürlich nicht. Dazu war sie zu viel Tier.
   Das ungute Gefühl wurde heftiger, je länger ich wartete. Irgendwann blieb ich stehen und pfiff. Nichts. Ich ging weiter.
   Unvermittelt brach Keelin aus den Bäumen hervor, ein schwarzes riesiges Ungetüm, so groß wie ein junger Hirsch, zerzaust wie immer, die Augen blau blitzend und das Maul voller … Eier. Einige waren zwischen den Zähnen geplatzt, aber die Mehrzahl trug er wohlbehütet auf der Zunge.
   Ich starrte ihn verwirrt an. »Du bringst mir Eier?« Dann fiel der Groschen. »Du bringst mir ein Geburtstagsgeschenk.«
   Er wedelte dermaßen heftig mit dem Schwanz, dass sein ganzes Hinterteil wackelte. Es war ein so süßer Anblick, dass ich lachen und heulen musste. Meeha zischte genervt.
   Wir teilten die Eier. Die zerplatzten bekam er, die übrigen briet ich vorsichtig auf einem winzigen Feuer ohne Feuergeister. Im Sommer waren Lagerfeuer für sie uninteressant. In dieser Zeit jagten sie lieber den Sonnenstrahlen hinterher und tanzten in den aufsteigenden Sommerwinden.
   Es waren die leckersten Eier, die ich je gegessen hatte. Mit Abstand. Mir gegenüber hockte ein sehr zufrieden dreinblickender Veddawolf, die blauen Augen glitzernd vor Vergnügen. Er freute sich, weil ich mich freute. Und ich freute mich, weil er bei mir war.
   Nach dem Festmahl brachen wir auf und selbst der Regen konnte meine Stimmung nicht trüben. Um mich herum roch es nach nassem Hund, nassem Meerschweinchen und nassen Klamotten. Es roch himmlisch, ganz einfach nach Freundschaft.

Am zweiten Tag taten mir die Füße weh, was mich überraschte. Ich war eigentlich gut zu Fuß. Außerdem hatte sich der schwere Beutel tief in die Schulter eingegraben, die Stelle war bereits wund.
   Ich weigerte mich jedoch, den Beutel Keelin zu übergeben. Ich traute ihm in dieser Hinsicht nicht. Nachher verschwand er mit den Fellen. Kein Beutel, kein Besuch in der Stadt.
   Wir rasteten länger, als ich es normalerweise tat, verzogen uns bei einbrechender Dunkelheit in zwei dicht begrünte Büsche. Es roch nach Moos und Farn. Keelin kuschelte sich an mich und wir schliefen auf der nackten Erde.
   Ein Heulen schreckte uns auf. Ein Wolfsrudel, etwa fünfhundert Schritte von uns entfernt. Ich hielt den Atem an. Was würde mein Wolf tun? Rief die Natur in seinem Blut?
   Er gähnte nur und vergrub die Schnauze unter meiner linken Achsel. Ganz eindeutig hatte Keelin nicht das geringste Interesse an seiner Spezies.
   Obwohl …
   War ein Veddawolf überhaupt ein Wolf? Und war mein Wolf überhaupt ein Wolf?
   Normalerweise übersprang ich diese Frage ständig, aber gerade war an Schlaf nicht zu denken. Daher lauschte ich intensiv.
   Das Wolfsrudel jagte in der Nähe, sie heulten immer mal wieder, es war unheimlich und schön zugleich.
   Unheimlich, weil das Geheule immer näher kam.
   Wäre ich allein gewesen, wäre ich sofort auf einen Baum geklettert. Ich hatte jedoch Keelin dabei, also stupste ich ihn an. »Keelin, wach auf! Die Wölfe kommen näher.«
   Er zog äußerst widerwillig die Nase hervor und blinzelte zerstreut in die Gegend. Mir blieb fast das Herz stehen, als es keine zehn Fuß hinter meinem Kopf raschelte. Etwas Großes trampelte auf uns zu.
   Die Wölfe kamen!
   Keelin knurrte.
   Es war ein Laut, der mir durch und durch ging. So hatte er kurz vor dem Angriff auf den Usurpator geklungen. Der sich nähernde Wolf blieb abrupt stehen.
   Ein Winseln.
   Keelin antwortete mit einem tiefen Grollen. Das schien den Wolf so sehr zu erschrecken, dass er auf der Pfote umdrehte und das Weite suchte. Er nahm das restliche Rudel mit und wir versanken erneut in einem schweigenden Wald.
   Keelin sicherte unsere Lage mit einer Kopfdrehung nach rechts und links, dann steckte er übergangslos den Kopf unter meine Achsel. Ich kraulte ihm das Ohr.
   Es war echt praktisch, einen Veddawolf bei sich zu haben, ob er jetzt einer war oder nicht.
   Eins war zumindest klar: Er war offensichtlich ein mächtiges Wesen, sonst hätten sich die Wölfe nicht sofort verzogen.
   Am nächsten Morgen sah ich nach, wie nah uns das Rudel gekommen war. Im Umkreis von zwanzig Schritten war der Boden von Pfotenspuren übersät. Mir rieselte im Nachhinein ein Angstschauder den Rücken hinunter.
   Keelin schnüffelte am Boden und markierte sorgfältig die Bäume in der Nähe. Er wirkte total verschlafen und schien sich keine Sorgen zu machen. Nichts im Wald konnte ihm etwas anhaben. Bis auf Usurpatoren, stellte ich in Gedanken richtig.
   Wir verfielen abermals in unseren Trott. Ich wusste, dass wir direkt auf die Handelsstraße zuhielten. Nur noch eine Stunde, dann waren wir der Zivilisation ziemlich nah. Ich konnte bereits die ersten Raben sehen, die über den Wegen kreisten, um von den Wagen platt gefahrene Nagetiere zu fressen.
   Keelin bemerkte sie anscheinend ebenfalls und wurde schlagartig unruhig. Er warf mir wiederholt zweifelnde Blicke zu und drängte mich unauffällig weg vom Pfad. Er wollte nicht auf den Handelsweg.
   Kein Wunder. Wäre ich ein Veddawolf, würde ich da auch nicht hinwollen.
   Nach einiger Zeit blieb ich stehen und hockte mich neben ihn. »Okay, Keelin. Hier trennen sich unsere Wege. Es ist nicht mehr weit bis zur Stadt. Ich geh rein, schließe meinen Handel ab, übernachte da und komme zurück. Morgen Abend treffen wir uns wieder hier. Okay?«
   Keelin sah das anders. Er drängte mich als Antwort in den nächsten Busch – weg von der Straße.
   Ich stemmte mich gegen ihn. »Die Abmachung war: Du kommst so weit mit, wie es geht, danach geh ich allein. Das ist jetzt der Moment. Also sei fair und lass mich gehen.«
   Wir blickten einander an, maßen uns. Er verlor und machte den Weg für mich frei.
   Ich konnte nicht widerstehen und schlang ihm zum Abschied fest die Arme um den Hals. Bis morgen, sagte dieser Griff. Danach ging ich los und sprang mit klopfendem Herzen auf den Handelsweg.
   Die Straße war so breit, dass zwei Kutschen bequem aneinander vorbei passten. Sie bestand aus festgefahrener Erde und tiefen Schlaglöchern. Je näher sie zur Stadt führte, desto breiter und befestigter wurde sie.
   Ich trottete etwa eine halbe Stunde vor mich hin, bevor mich die Straße auf offenes Gelände spuckte. Der Wald hörte so abrupt auf, als wäre hier eine unsichtbare Grenze. Ich blieb stehen und verbeugte mich aus Gewohnheit. Der Wald knisterte nervös »Auf Wiedersehen«.
   Einige Blätter winkten mir zu. Vermutlich Geister in Blattgestalt. Sachen gab es …
   Ehe ich es mir anders überlegen oder mein Mut mich verlassen konnte, drehte ich mich um und lief los. Ein halber Tagesmarsch lag vor mir. Mit etwas Glück nahm mich ein Kutscher mit.
   Und tatsächlich. Auf halbem Wege überholte mich ein Karren, gezogen von zwei Waris, mächtigen Hirschen ohne Geweih. Das war weggezüchtet worden, weil sie sich sonst auf der Straße ineinander verhaken würden.
   Die Tiere überholten mich im flotten Trab, wurden jedoch langsamer, als der Kutschbock auf Höhe meiner Schultern war.
   »Wohin, kleines Ding?«, fragte mich eine uralte Männerstimme.
   Mein Herz machte einen Satz. Ein Mensch! Er sprach mit mir!
   Ich wandte mich ihm zu und sah, was ich stets sah: Der Mensch, erst freundlich und zugetan, sah seinen Irrtum – und wand sich.
   »Ich will zur Stadt. Nimmst du mich mit?«, fragte ich freundlich.
   Der Alte schnalzte mit der Zunge. Die Antwort war klar. »Mein Fehler, Wesen. Ich hab es eilig.« Er knallte den Waris die Zügel auf die Hüften, und die mächtigen Tiere fielen in einen raschen Galopp.
   Mir blieb lediglich, ihren Staub einzuatmen.
   Nach dieser Begegnung musste ich eine Pause machen. Nicht so schlimm, dachte ich immerzu. Nicht so schlimm.
   Aber es war schlimm.
   Es fühlte sich selbst nach zehn Jahren wie Folter an.
   Wesen. Pah. Ich war ein Mensch, so wie er. Glaubte ich zumindest.
   Ein Erdgeist formte sich vor meinen Füßen und streichelte meine Zehen durch die Schuhe durch. Er wollte mich offensichtlich trösten. Ich nickte ihm dankend zu und ging weiter.
   Entschlossener denn je.

Als ich spätnachmittags in der Stadt ankam, war ich mit den Nerven völlig fertig. Kein Kutscher hatte mich nach einem Blick ins Gesicht mitnehmen wollen.
   War ich so hässlich, so entstellt?
   Ich hatte es seit neun Jahren nicht mehr gewagt, in einen Spiegel zu blicken. Mein Anblick war mir vor zehn Jahren ein Schock gewesen, sodass ich mich seitdem nicht mehr hatte überwinden können. Keelin schien sich davon nicht abschrecken zu lassen. Er hatte mir sogar die Wange geleckt. Die Wange!
   Bei dem Gedanken an Keelin wäre ich beinahe umgekehrt, aber das Gesumm und Gebrumm der Stadt zog mich an wie die Möhre meine Meeha. Ich konnte nicht anders. Hier war Leben, hier waren Menschen, hier war ich … trotzdem allein, aber nicht mehr ganz so einsam.
   Ich hatte meinen Stammdealer. Er war der Einzige, der mit mir Geschäfte machte. Das lag sicherlich daran, dass er blind war. Er befühlte die Felle, ertastete so die Qualität. Sein Neffe hatte ihn mal überreden wollen, nicht mehr mit mir zu handeln, aber davon hatte er nichts wissen wollen.
   »Sie bringt hervorragende Qualität«, hatte er geantwortet. »Gut behandelt, gut abgeschabt. Da weiß man, was man hat. Sei still!«
   Die Wachtposten musterten mich wie jedes Jahr, kurz davor, mich aufzuhalten. Ich zückte meine Händlerlizenz, die ich allerdings gestohlen hatte. Wer hätte mir schon eine Lizenz gegeben? Anschließend huschte ich mit gesenktem Kopf an ihnen vorüber. Sie zuckten zwar, wie immer, ließen mich aber in Frieden.
   Zwischen einem Karren mit leicht verfaulten Tomaten vor mir und zwei gigantischen Straußen im Rücken ging es für mich durch die engen Straßen. Ab hier war der Handelsweg mit groben Steinen gepflastert, so alt und abgewetzt, dass sie glatt geschliffen und daher rutschig waren.
   Ich ermahnte mich zur Konzentration. Die Strauße machten mich nervös. Sie zogen eine filigrane, bunt bemalte Kutsche, vermutlich Marktbesucher, feine Herrschaften. Die Kutscher nahmen für gewöhnlich auf ausrutschende Mädchen keine Rücksicht, also war Vorsicht geboten.
   Die Straße wurde dunkler, je weiter sie ins Herz der Stadt führte, denn die Häuser ragten immer höher und verdeckten das Sonnenlicht.
   Tagre war eine reiche Stadt mit reichen Händlern, die ihr Geld durch bunte Häuser zeigten. Je greller die Farbe, desto besser.
   Umso reichere Männer im Herzen der Stadt wohnten, desto bunter wurde die Stadt – aber umso höher wurden auch die Bauten.
   Anfangs hatte ich ständig den Kopf in den Nacken gelegt, um die riesigen Gebäude um mich herum zu begutachten. Das machte ich nicht mehr: Zu gefährlich, denn mit dem Kopf im Nacken ließ es sich schlecht aufpassen.
   Ich wusste auch so, dass die Gebäude an sich nur riesige, viereckige Kästen mit Balkonen vorn dran waren. Sie waren hübsch bemalt, ansonsten völlig leblos. Pflanzen, die sich an das Gestein klammerten, wurden sofort getötet. Für mich waren sie nur bunte leblose Dinger.
   Was mich viel mehr faszinierte, waren die Gerüche und die Geräusche um mich herum. So viele Menschen, so viele Sprachen.
   Ich lauschte und hörte so viele Gespräche mit an, wie ich konnte. Das Kind, das von der Mama ausgeschimpft wurde, der Händler, der mit seiner Frau diskutierte, der Verliebte, der seiner Angebeteten wer weiß was ins Ohr flüsterte.
   Die Sehnsucht dehnte mein Herz, der ganze Körper kribbelte. Nur an diesem Ort ließ ich es zu, dass ich so fühlte.
   Ich wäre so schrecklich gern das Kind gewesen, das ausgeschimpft wurde. Es hatte immerhin eine Mama. Eine Mama! Unvorstellbar.
   Und selbst, wenn der Händler mit seiner Frau schimpfte oder umgekehrt – sie hatten einander, gehörten zueinander, waren Teil einer Familie. Mich hätte der Mann ständig ausschimpfen können, solange er mich ab und zu mal abends in den Arm genommen hätte.
   Wer nahm mich in den Arm?
   Bei den Liebespärchen, die ich sah, gingen jedes Mal seltsame Dinge in meinem Innersten ab. Ich war neidisch, glücklich, verzweifelt, erleichtert … alles auf einmal.
   Jeder junge Mann in meinem Alter sah für mich fantastisch aus. Warzen auf der Nase? Egal. Pickel im Gesicht? Wen interessierte das?
   Ich mochte die großen, kräftigen Männer am liebsten. Braune Haare fand ich toll, ob lange oder kurze spielte dabei keine Rolle. Blaue Augen … in die konnte ich stundenlang hineinsehen, zumindest, wenn ich mich getraut und jemand das zugelassen hätte.
   Ich hätte ewig sehen, staunen und beobachten können.
   Es war wunderbar.
   Weniger wunderbar waren die Blicke, die mir zugeworfen wurden – eine Mischung aus Ärger, Missbilligung und Wut. Warum das so war? Ich hatte keine Ahnung.
   Ich wusste jedoch, dass ich mich beeilen musste. Normalerweise schlief ich in einem Gasthaus, völlig erschöpft von der Reise. Das war jedoch gefährlich, immerhin reagierten die Menschen unfreundlich auf mein Gesicht.
   Heute spürte ich, dass die Menge um mich herum noch feindseliger war als sonst. Sah mein Gesicht schlimmer aus?
   Die Menschen starrten mich an und blickten hastig weg, sobald sich unsere Blicke kreuzten. Andere starrten mich geradezu in Grund und Boden. Einer spuckte mir sogar vor die Füße. Zum Glück spülte mich der Strom der Händler rasch weiter, trug mich fort von diesen Menschen. In meinem Rücken bildeten die Strauße eine natürliche Abwehrmauer, schützten mich zusätzlich.
   Als ich den Marktplatz betrat, war dieser noch größer und voller als in den letzten Jahren. Es gab hier jeden Tag Markt, jeder Tag war laut.
   Heute dröhnte das Geschrei Hunderter Menschen in meinen Ohren so laut, dass es beinahe wehtat.
   Ich beeilte mich und hastete durch die engen Gänge zwischen den einzelnen Ständen. Erst kam das Obst, dann das Gemüse, dann die Blumen, dann das Vieh, dann die Felle.
   Ich blieb abrupt stehen. Da, wo mein blinder Händler normalerweise feilschte, stand ein anderer. Hektisch blickte ich mich um.
   Nein, der war es nicht, der auch nicht, der ebenfalls nicht. Mir brach der Schweiß aus, je mehr die Erkenntnis in meinem Hirn waberte: Ich würde fragen müssen.
   Zögernd trat ich auf den fremden Händler zu. Er war mit seinen Fellen beschäftigt und zupfte sie in die richtige Form.
   »Ich suche Händler Jarosch. Der hat normalerweise immer diesen Platz.« Er blickte nicht hoch. Gut so. »Wissen Sie, wo ich ihn finden kann?« Mein Herz wummerte in der Brust. Ich sprach mit einem Menschen. Mit etwas Glück würde er auch antworten.
   »Jarosch? Den findest du im Grab.« Jetzt blickte der Händler hoch und mir ins Gesicht. Er zuckte leicht zusammen, blinzelte und ein seichtes Grinsen huschte über seine Wangen. Er hatte Haifischaugen – kleine schwarze Kieselsteine – und einen spitzen Mund. Ansonsten sah er freundlich aus. »Ah«, sagte er gedehnt. »Du bist die Wilde, die ihm immer Felle bringt.«
   Wilde. Immerhin nannte er mich nicht Wesen. Ich nickte knapp. »Handelst du dann mit mir?«, fragte ich forscher als ich mich fühlte.
   Er zuckte mit den Achseln, als wäre das nicht wichtig. »Klar!« Wieder das gedehnte A, das mir bereits auf den Nerv ging. »Aber du musst mit mir hinter den Wagen kommen. Ist nicht gut fürs Geschäft, wenn man sieht, wie wir miteinander Handel treiben.«
   Das kam einer krassen Beleidigung ziemlich nah, mir blieb jedoch nichts anderes übrig, als darauf einzugehen. Mit zitternden Knien folgte ich ihm.
   Hinter dem Wagen war es schummrig und unheimlich. Es roch nach toten Tieren, feuchten Fellen und harter Arbeit. Die Wagen waren als V aufgestellt, um den Wind abzuhalten. Davor türmten sich die Felle auf einem einfachen Holztisch. Der Händler dirigierte mich auf den Bock des linken Wagens und setzte sich neben mich.
   Er saß mir zu nah, aber das war nicht mehr zu ändern.
   »Zeig mal!«
   Ich zog die Felle hervor, eins nach dem anderen.
   Er befühlte sie, strich darüber und pfiff leise, als ich ihm das Usurpatorenfell zeigte. »Jarosch hat nicht gelogen, als er sagte, du wärst immer für eine Überraschung gut.« Er drehte und wendete das Fell, strich es glatt und wellte es. »Für alle Felle zusammen: dreihundert.«
   Ich starrte ihn an. Dreihundert! So viel hatte ich niemals bekommen. »Fünfhundert«, erwiderte ich trotzdem. Ich war nicht dumm. Das erste Angebot nahm man nie an.
   Der Händler schnalzte erneut mit der Zunge. »Vierhundert.«
   Ich grinste. »Vierhundertfünfzig und wir sind im Geschäft.«
   »Quatsch nicht, Mädchen! Vierhundert oder lass es. Du kannst hier mit keinem anderen Geschäfte machen, vergiss das nicht. Vierhundert ist ein ziemlich netter Vorschlag von mir.«
   Er hatte recht. Mit allem. Also schlug ich ein. Er zückte das Geld, ich faltete die Felle und wir waren im Geschäft. Ich hatte außerdem mit einem Menschen diskutiert, ein richtiges Gespräch geführt. Ich konnte es kaum fassen.
   Plötzlich kniff der Händler die Augen zusammen und musterte mich. Mir blieb fast das Herz stehen. Er roch auf einmal anders, stets ein alarmierendes Zeichen.
   Er deutete auf mein Gesicht. »Hör mal, Mädchen!«, sagte er gedehnt.
   Ich wappnete mich innerlich gegen jede Beleidigung.
   »Ein guter Rat, weil ich gern auch nächstes Jahr Geschäfte mit dir machen will: Schmink dich, du fällst zu sehr auf.« Er musterte mich. »Wart mal.«
   Damit sprang er vom Kutschbock und ließ mich völlig atemlos zurück. Fliehen oder bleiben? Vertrauen oder …
   Er nahm mir die Entscheidung ab, indem er um die Ecke kam. In seinen Händen trug er ein Tonfass. »Hier!« Er hielt es mir hin. »Das ist Schminkerde.«
   Als ich nicht reagierte, drückte er mir das Gefäß ungeduldig in die Hände. »Nimm schon. Ist umsonst. Quasi eine Investition in zukünftige Geschäfte.«
   Ich beäugte die Pampe im Inneren des Kruges. Um ehrlich zu sein, hatte ich keinen blassen Schimmer, was ich damit machen sollte. So hilflos zu sein war beinahe schrecklicher, als hätte mich der Mann beschimpft.
   Wir starrten einander an.
   »Okay!« Er zog er einen Spiegel aus der Hosentasche. »Hab ich mir gedacht, dass du keine Ahnung hast. Hier! Damit du sehen kannst, was du tust.«
   Ich zögerte. Spiegel kannte ich, hatte jedoch seit zehn Jahren keinen mehr benutzt. Aus gutem Grund.
   Der Händler hielt ihn mir genau vors Gesicht und da … passierte es. Ich sah mich an, blickte in meine funkelnden violetten Augen, die immer ein wenig schmaler wirkten als bei anderen Menschen. Als Nächstes fiel mein Blick auf die Brauen – zwei wilde, nie gestutzte Büsche aus braunen Haaren. Dazwischen fing das Drama an. Das war vor zehn Jahren noch nicht da gewesen …
   Mir stockte der Atem.
   Die wilden Kreise auf der Haut waren mehr geworden. Deutlich mehr. Vorher hatten sie sich lediglich auf den Schläfen und den Wangen gekringelt, jetzt bedeckten sie nahezu das ganze Gesicht. Vor zehn Jahren waren sie blau gewesen – inzwischen waren sie bunt. Schimmerten. Leuchteten.
   Ich konnte nicht anders. Ich schrie auf und blickte hastig weg.
   Der Händler sah mich ehrlich betroffen an. »Wow. Du hast gar nicht gewusst, wie du aussiehst?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Na, dann. Schmink dich endlich und verschwinde!« Er ließ Topf und Spiegel da und stapfte zurück zu seinem Stand.
   Ich brauchte beinahe zehn Minuten, bis ich den Mut aufbrachte, den Spiegel erneut in die Hände zu nehmen und mich zu betrachten.
   Es gab mehrere gerade Linien, die von meinem Hals hoch zu den Schläfen führten und dort Muster mit den Kringeln bildeten. Andere Linien verliefen ins Leere. Aber egal, wie sie sich verbanden: Es sah schlimm aus. Sie trennten mich mehr von den Menschen, als es eine Mauer getan hätte.
   Zögernd tunkte ich die Finger in die Paste, schmierte sie mir noch unwilliger ins Gesicht. Es war eine Mischung aus rotem Puder und hellerem Lehm: schmierig, aber ähnlich einer Gesichtsfarbe. Doch als die Paste auf eine der Linien traf, flammte diese kurz auf – das Pulver verbrannte.
   Ich ließ alles gleichzeitig fallen, vergrub den Kopf auf den Knien und atmete. Atmete die Panik weg, die Angst, das Gefühl der Einsamkeit. Ich atmete.
   Zu lange.
   Denn in der langen Zeit, die ich zum Atmen brauchte, hatten die Händler ihre Sachen eingepackt, hatten die Wachen die Tore geschlossen. Die Stadt ging in die Nachtruhe über.
   Ich war eingeschlossen.
   Als der Händler mich noch immer auf seinem Kutschbock sitzen sah, blieb er mitten in der Bewegung stehen.
   »Mädchen«, sagte er entsetzt. »Was machst du denn noch hier? Du solltest nicht mehr in der Stadt sein.«
   Ich blickte hoch. Das Licht war trüber geworden, der Abend war da und ich war noch hier. Ohne Schlafplatz. Doch meine Verwirrung war weiterhin so groß, dass mich das nicht sonderlich beeindruckte.
   Erst, als ich sah, wie nervös der Händler wurde, wuchs meine Sorge. Er sicherte sich nach allen Seiten.
   »Geh in den Wagen rein!«, zischte er und wedelte mit den Händen. »Los doch! Die Händler tratschen schon über dich und haben die Wachen geholt. Sie suchen dich.«
   Ich war so schockiert, dass ich tat, was er verlangte. Ich huschte in das Innere des Wagens und unter die Felle. Es war warm und muffig und mir brach sofort der Schweiß aus.
   Um mich herum rumorte es. Offensichtlich machte der Händler den Wagen fertig zur Abfahrt. Ich hörte ein Wari schnauben, das Geschirr klirrte. Ich zitterte, obwohl es abartig warm unter den Fellen war.
   »Krosch! Hab gehört, das wilde Mädchen hat mit dir gesprochen. Wo ist sie denn?« Eine fremde Stimme, tief, männlich, knarzend wie die Knarzis und scharf wie geschliffene Klingen.
   Ich hielt die Luft an. Warum suchte man mich? Was hatte ich denn getan? Und noch viel wichtiger: Würde der Händler mich verpetzen?
   Krosch klimperte mit dem Geschirr, offensichtlich ließ er sich in seiner Arbeit nicht stören. »Die Wilde war hier. Das stimmt. Wollte mir Felle verkaufen, weil ich auf Jaroschs Stand steh. Ist ja tot, mein alter Vetter. Armer Kerl, hat immer gute Felle gehabt …«
   »Wo ist sie hin?«
   »Weg. Keine Ahnung. Weg.«
   Das klang ziemlich lahm, die Spannung in der Luft war greifbar.
   »Hast du Handel mit ihr betrieben?« Die Stimme wurde schärfer.
   Krosch ließ sich Zeit mit der Antwort. »Klar hab ich das. Sie bringt die besten Felle überhaupt. In diesem Jahr war ein Usurpatorfell dabei. Hier! So was schon mal gesehen?«
   Anscheinend zeigte Krosch dem Fremden das Fell, denn das Klirren der Geschirre hörte auf.
   »Heißt aber noch lange nicht, dass ich weiß, wo sie hin ist.«
   »In welche Richtung ist sie gegangen?«
   Krosch zeigte offensichtlich irgendwohin. Die Männer verabschiedeten sich frostig voneinander. Jemand ging dicht an der Plane vorüber. Der Fremde war fort.
   Ich zitterte wie ein Lamm kurz nach der Geburt, die Felle wackelten mit mir. Zum Glück spannte sich die Plane hoch über meinem Kopf und blieb von der Bewegung verschont.
   Krosch werkelte eine ganze Weile an seinen Wagen herum, um dann abrupt auf den Kutschbock zu springen. »Dafür schuldest du mir ein zweites Usurpatorfell, Mädchen«, knurrte er undeutlich. Er bemühte sich, die Lippen nicht zu bewegen. »Du kommst erst mal mit zu mir. Kannst im Wagen schlafen. Morgen früh bring ich dich raus.« Er schielte kurz zu mir herüber und lächelte leicht. »Hast Glück, dass ich heut Geburtstag hab. Da hab ich ein weiches Herz.«
   Ich warf ihm ein unsicheres Lächeln zu. »Ich auch«, flüsterte ich, als er seinen Tieren zu schnalzte. »Herzlichen Glückwunsch!«
   Ob er mich gehört hatte oder nicht, zeigte er nicht. Ich ließ mich tief unter die Felle sinken und wagte kaum, zu atmen.

Die Nacht war schrecklich. Krosch hatte den Wagen in einem Innenhof abgestellt, anscheinend vor einem Gasthof. Er hatte mir kurz zugenickt und war dann gegangen, offenbar hatte er hier ein Zimmer gemietet.
   Ich blieb allein zurück.
   Noch nie hatte ich eine Nacht so laut erlebt. Die Stadt schlief nicht, wurde lediglich ein wenig leiser. Im Gasthof schien eine Feier im Gang zu sein. Frauen quietschten, Männer grölten, Met plätscherte aus Fässern.
   Noch vor einem Jahr hätte ich mir gewünscht, mich darunter mischen zu dürfen. Die Nacht verbarg normalerweise mein Gesicht gut. Es war die Zeit, in der ich unerkannt bleiben konnte.
   Doch in dieser Nacht blieb ich verborgen, denn mein Gesicht ließ sich nicht mehr verstecken. Das hatte mir der Blick in den Spiegel mehr als deutlich gezeigt.
   Ich schlummerte ein, als Geschrei mich weckte. Männergeschrei. Es kam von den Mauern. Die Wachen.
   Einen Moment war ich orientierungslos, sodass ich dachte, sie hätten mich entdeckt und würden deshalb rufen, aber dann verstand ich die Worte.
   »Wo ist er? Scheiße, wo ist er?«, kreischte jemand. Er musste noch recht jung sein, der hohen Stimme nach zu urteilen.
   Eine Glocke bimmelte. Zuerst wusste ich nicht, was das Signal zu bedeuten hatte, ahnte es aber schnell. Alarm.
   Ich verkroch mich tiefer unter die stinkenden Felle und lauschte mit einem erdrückenden Gefühl in der Kehle. Es war, als zöge sich eine Schlinge langsam um meine Haut zu. Ganz fest.
   »Was? Was zur Hölle ist hier los?«
   Ich zuckte bis ins Mark zusammen. Der Wächter musste sich seitlich über den Zinnen befinden. So nah, dass ich ihn gut hören konnte.
   »Ein Wolf! Ein riesiger schwarzer Wolf!« Der Jüngling klang vor Panik atemlos.
   »Was? Wo? Bist du verrückt, oder was? Was ist mit dem Wolf?«
   »Er kam direkt auf die Zinnen zu, hier drüben. Und dann hat er einen Satz gemacht, die Mauer hoch.«
   »Hast du getrunken? Die Mauer ist zehn Mannslängen hoch, du Idiot.«
   »Er ist gesprungen. Zwei Sätze hat er gebraucht, zwischendurch hat er sich in die Mauern gekrallt, als wäre er eine Fledermaus oder so. Es war echt gruslig. Und dann ist er genau hier gelandet, keine zwei Fuß von mir entfernt. Er hat mich angeknurrt und ist hinuntergesprungen, in die Gasse da. Dann ist er weggelaufen.«
   Sein Vorgesetzter schwieg, schien zu überlegen, ob er dem jungen Mann glauben sollte oder nicht. »Okay, Junge. Wir sehen nach, aber wehe, wir finden keinen Wolf. Veralbern kann ich mich allein.«
   »Ich hab Sie nicht veralbert.«
   »Jaja, halt die Klappe und bedien die verdammte Glocke. Du da, komm mit! Wir suchen seine komische Bestie. Wie groß war sie doch gleich?«
   »So groß wie ein Wari. Mindestens. Und rot glühende Augen hatte das Vieh.«
   »Ja, klar.«
   Männer polterten die Steinstufen herunter. Es wurde weiter gerufen.
   Ich verstand Wortfetzen und Sätze wie »Frag die mal, ob die was gesehen haben« oder »Wölfe … Der ist doch besoffen.«
   Ich bezweifelte, dass der junge Mann besoffen war, es wäre mir jedoch lieber gewesen, dass er es war.
   Was machte Keelin hier?
   Die Wachen schwärmten anscheinend aus, einige kamen zum Gasthof. Ein kurzes Pochen an die Tür, Holz auf Holz klapperte. Zehn Minuten später kamen sie fluchend heraus. Im Gasthof hatte sicherlich niemand etwas gesehen. Natürlich nicht. Sie waren am Feiern.
   Die Tür klappte nochmals, Schritte erklangen, diesmal hielten sie auf den Planwagen zu. Ein Rad ging ein wenig in die Knie, als Krosch zu mir auf den Kutschbock kletterte. »Hey, Mädchen! Hier treibt sich eine Bestie rum. Will nicht schuld sein, wenn sie dich frisst. Komm rein. Ich tu dir auch nix. Wenn du dir die Kapuze ins Gesicht ziehst, sieht keiner dein Problem.« Er warf mir einen Mantel zu. Ich fing ihn zwar auf, rührte mich aber sonst nicht.
   Was jetzt?
   »Keine Sorge. Die Bestie tut nichts«, sagte ich möglichst unschuldig.
   Krosch wollte abwinken, erstarrte dann jedoch. »Mein Gott, Mädchen! Hast du etwa was mit der Bestie zu tun?«
   Ich wollte ihm erklären, dass Keelin keine Bestie wäre, als ein Grollen von hinten erklang. Wir erstarrten.
   Selbst im Dunkeln konnte ich erkennen, dass Krosch jede Farbe im Gesicht verlor. Sein fahles Gesicht leuchtete plötzlich im Mondlicht auf.
   »Er tut nichts«, sagte ich hastig und wühlte mich durch die Felle nach vorn. »Keelin. Lass das! Sei still!«
   Sofort hörte das Grollen auf. Krosch ächzte und versuchte, seitlich über den Kutschbock zu fliehen. Offenbar stand Keelin direkt neben ihm.
   Endlich hatte ich mich durch die Felle gewühlt und sah Keelin in die Augen. Sie glühten tatsächlich dunkelrot, was unheimlich war. Immerhin wedelte er mit dem Schwanz, was ihn nur halb so beängstigend aussehen ließ.
   »Was ist das?«, krächzte Krosch mit überschnappender Stimme und fiel auf der rechten Seite vom Kutschbock. Er rappelte sich auf und zeigte auf mich. »Raus aus meinem Wagen, sofort!«
   Er war lauter geworden. Ich ahnte, was jetzt kam.
   »Wachen! Wachen! Hier ist die Bestie! Das wilde Mädchen ist bei ihm!«
   Ich spürte, dass Keelin kurz davor war, ihn zum Schweigen zu bringen. Ein Satz, ein Happs … und vorbei wäre es mit Krosch. Ich hielt ihn mit einer Handbewegung auf. »Nicht! Er hat mir geholfen.« Dann wandte ich mich an Krosch. »Es tut mir leid.« Es tat mir wirklich leid. Er war gut zu mir gewesen und hatte solch einen Schrecken nicht verdient. In seinen Augen glitzerte die nackte Panik. »Bitte verzeih mir. Aber wir sind wirklich nicht gefährlich.«
   Ich kletterte hastig vom Kutschbock, packte Keelins Nackenhaare und zog ihn mit mir. Er folgte brav. Wir rannten los – weg vom Innenhof, weg vom kreischenden Krosch, in eine Nebengasse hinein.
   Eine Gasse weiter hörte ich die erste Wache rufen. Sie hatten Krosch gehört. Sofort peitschte das Adrenalin fast schmerzhaft durch meine Adern. Keelin hingegen wirkte gelassen. Er sprang neben mir her, als jagte er jede Nacht durch fremde Gassen.
   »Und jetzt?«, keuchte ich in Panik. Ich kannte die Stadt nicht gut genug, um uns zu verstecken. Keelin blieb abrupt stehen. Ich hetzte zwei Schritte weiter, dann wandte ich mich ihm zu. »Was?«
   Er sah mich fordernd an.
   »Was? Was meinst du?«
   Er blickte mich an, dann drehte er sich und starrte auf seinen Rücken, dann wieder auf mich.
   Ich ahnte es. »O nein! Ich werde bestimmt nicht auf dir reiten.«
   Doch genau das tat ich. Keine fünf Sekunden später hockte ich auf dem breiten Rücken und klammerte mich fest, als hinge mein Leben davon ab. Was ja auch so war.
   Mir blieb die Luft zum Schreien weg, als Keelin lossprintete. Er war unfassbar schnell, selbst mit meinem Gewicht auf dem Rücken. Mit riesigen Sätzen raste er die Gasse zurück, jagte über den Innenhof, nahm Anlauf, sprang und katapultierte uns mit zwei Sätzen auf die Zinnen.
   »Keelin«, kreischte ich in heller Panik. »Bist du wahnsinnig? Das ist viel zu …«
   Keelin sprang ohne Zögern auf der anderen Seite hinunter. Wir flogen durch die Luft, zehn Mannslängen in den Abgrund. Ich erwartete, am Fuß der Zinnen zu zerschellen, das Bersten von Vorderpfoten zu hören. Doch Keelin kam butterweich auf dem Erdboden auf, federte die gewaltige Wucht ab, als wäre es lediglich ein kurzer Hüpfer, und beschleunigte. Um ein Haar hätte ich den Halt verloren und klammerte mich in letzter Sekunde fest.
   Mein Wolf jagte weiter, so schnell, wie kein Wari oder Strauß hätte laufen können. Nichts konnte uns einholen, selbst die Luft zum Atmen hatte Mühe, mit uns mitzuhalten.
   Es war unfassbar.
   Es war unglaublich.
   Und ich hatte höllische Angst, hinunterzufallen.
   Keelin erreichte den Wald in Rekordtempo. Waren fünf Minuten vergangen? Zehn? Ich hatte den halben Tag für die gleiche Strecke gebraucht. Er krachte ungebremst in den Wald, wich Bäumen aus, so schnell, dass ich sie noch nicht mal klar erkennen konnte – und stoppte so scharf, dass ich nach vorn flog und im nächsten Busch landete.
   Dass ich mir nichts brach, war reiner Zufall.
   Ich stöhnte, Keelin schnaufte. Na, immerhin. Der rasante Lauf hatte ihn zumindest angestrengt.
   Mühsam quälte ich mich aus dem Busch, zupfte mir die pikenden Äste aus dem Haar, holte tief Luft, sah Keelin an – und brach in Tränen aus.
   Es war, als holte mich das Leid von zehn Jahren mit einem Schlag ein. Meine Seele hatte so lange gelitten, dass sie auseinanderbrach – und das ausgerechnet in diesem Moment.
   Am Funkeln seiner Augen sah ich, dass Keelin ursprünglich böse auf mich sein wollte. Doch als er meine Tränen sah, zog er den Schwanz ein und winselte leise. In seinem Nacken klebte, völlig unbemerkt, eine kreideweiße Meeha, getarnt als winzige Fledermaus. Die Ärmste hatte die tollkühnen Sprünge über die Zinnen gleich zwei Mal mitmachen müssen.
   Das alles sah ich und auch wieder nicht. Ich sackte auf dem Erdboden zusammen, als wäre ich ein Sack ohne Füllung. Ein komisches Geräusch erklang, das ich erst nach einer halben Minute Gejammer als mein eigenes erkannte.
   »Ich bin ein Monster, Keelin!« Ich stöhnte. Immerzu. Ich konnte nicht aufhören.
   Keelin winselte verzweifelt und versuchte, meinen zur Kugel zusammengerollten Körper auseinanderzubiegen. Wir mussten weiter! Weiter! Weg von hier.
   Aber ich kringelte mich fester zusammen und weinte mir die Seele aus dem Leib. Irgendwann legte er sich neben mich, wärmte mich mit dem Fell und seiner Anwesenheit, leckte mir die Ohren und die Nase. Meeha beteiligte sich ebenfalls, indem sie sich in meine verkrampften Arme kuschelte.
   So schlief ich ein. Völlig erschöpft. Völlig verzweifelt. Aber immerhin – nicht völlig allein.

Ich wurde vom Zwitschern eines Vogels geweckt. Und dem Lärm von einem halben Dutzend Wachen, die durch die Wälder polterten. Dem Vogel verging die Lust aufs Singen und er verzog sich.
   Ich erstarrte.
   Keelin lag weiterhin an mich gekuschelt, völlig reglos. Doch sein Blick sprach Bände. So leise ich konnte, wischte ich mir das völlig verheulte Gesicht mit dem Ärmel trocken, kletterte auf seinen Rücken und schon machte er einen Satz.
   Die Wachen hatten keine Chance, uns einzuholen.
   Einer von ihnen sah uns, deutete auf uns, aber da waren wir fort. Zurück blieben wippende Zweige und eine ziemlich nasse Stelle, an der meine Tränen umgeben von Wassergeistern im Erdboden versickerten. Zumindest die hatten ihren Spaß daran.
   Ich klammerte mich die nächsten drei Stunden an Keelin und ließ ihn laufen. Er jagte nicht mehr so schnell dahin, verfiel erst in einen lockeren Trab und danach in einen zügigen Trott. Ich fühlte mich zu mies, um selbst zu laufen.
   Das Gesicht im zottigen Fell vergraben, wünschte ich, ich könnte vor Scham vergehen. Was hatte ich mir nur gedacht? Was hatte ich mir gewünscht?
   Meine Hoffnung, irgendwann doch mal dazuzugehören, zerplatzte. Ich hatte vierhundert Geldstücke in der Tasche, jedoch keine Möglichkeit, sie jemals gegen etwas Nützliches einzutauschen. Vierhundert völlig nutzlose Menschen-Geldstücke. Nicht mal zum Verbrennen eigneten sie sich, es handelte sich um Hartgeld. Das hieß, dass nicht mal die Feuergeister damit spielen konnten.
   Ich musste gezuckt haben, denn Keelin blieb stehen und schwang den gewaltigen Kopf zu mir herum. Er brannte mir mit Blicken ein Loch in die Schädeldecke, trotzdem weigerte ich mich, das Gesicht zu ihm zu wenden. Ich war noch nicht bereit. Stattdessen vergrub ich mich noch mehr in seinem Fell und stellte mich tot.
   Keelin gab das Warten auf und trottete weiter. Ich war ihm dafür unendlich dankbar und versuchte, so wenig wie möglich zu weinen. Der erste Wassergeist hatte uns bereits entdeckt und rutschte zusammen mit den Tränen an Keelins Haut zur Erde hinunter. Das musste sich unangenehm anfühlen.
   Der Sommer neigte sich eindeutig dem Ende zu und die Geister kehrten zu mir zurück. Das hatte etwas Tröstliches an sich.
   Keelin schaffte die Wegstrecke innerhalb der inzwischen angebrochenen Nacht und des folgenden halben Tages. Dann standen wir vor der Hütte und starrten die Tür an, als wollte sie uns verschlingen.
   Wir waren zu Hause.
   Ich versuchte, nicht so deprimiert zu erscheinen, wie ich mich fühlte. Keelins besorgter Blick sagte mir jedoch, dass ich schrecklich aussehen musste.
   Ich hätte Krosch gern gefragt, ob er wusste, was ich war, was mit mir geschah. Falls er darauf keine Antwort gehabt hätte, hätte ich mich bei ihm erkundigt, ob er jemanden kannte, der jemanden kannte, der jemanden kannte, der es wusste. Aber es war alles so schnell gegangen …
   Die Geldstücke drückten unangenehm gegen die Brust. Ich holte sie aus meiner Tasche hervor und schleuderte sie quer durch den gesamten Raum. Die Ziege meckerte erschrocken, die Hühner gackerten. Ich hatte sie in die Hütte geholt, um sie vor ungebetenen Gästen zu schützen. Sie hatten Futter für zwei Wochen und starrten mich an, als wäre ich eine Erscheinung.
   Mit großen Schritten warf ich mich auf die Strohmatte, wälzte den Kopf zur Wand und schloss die Augen.
   »Mach dir keine Sorgen, Keelin«, murmelte ich. »Ich komm wieder auf die Beine. Morgen. Nicht heute. Aber morgen geht es mir wieder gut. Versprochen!« Dann schlief ich vor Erschöpfung ein.

Am nächsten Morgen ging es mir tatsächlich ein bisschen besser. Ich sammelte die Geldstücke ein und legte sie in eine Schachtel, die ich in der Erde vergrub. Anschließend setzte ich einen Findling auf diese Stelle.
   Ich brauchte das Geld nicht, denn ich würde nie wieder zu den Menschen zurückkehren. Ich war fertig mit ihnen.
   Danach machte ich weiter wie bisher und bereitete mich auf den Winter vor. Denn der kam bestimmt.
   Während ich die Hütte instand setzte, Fleisch pökelte und dorrte, die Wäsche flickte, den Ackerboden ordnete, ein krankes Huhn tötete, rupfte, zerlegte, fischte, Beeren sammelte und Pfeile sortierte, beobachtete mich Keelin aus diesen besorgten Augen heraus. Ich bemühte mich, möglichst fröhlich zu sein.
   Ich war ein sanftes, freundliches, lustiges Ding. Das wusste ich. Ich konnte aus den schlimmsten Situationen das Beste herausholen. Ich sah Dinge selten schwärzer als sie waren und ich lachte schrecklich gern und schrecklich viel.
   In den nächsten Monaten lachte ich jedoch nicht mehr. Mir war das Lachen vergangenen. Zumindest vorerst.
   Keelin ertrug meine Launen, so wie er die Geister im Fell ertrug. Er ließ sich als Lastentier, Ackergaul und Turngerät missbrauchen. Er war in allen Dingen des Alltags unfassbar geduldig.
   Ich liebte ihn dafür. Ja, wirklich. Ich liebte ihn, wie ich noch nie ein Wesen vorher geliebt hatte, nicht mal Meeha oder die süßen Wassergeister und schon gar nicht die dämliche Ziege.
   Ich vermutete, er liebte mich ebenfalls. Warum sonst hätte er all das ertragen?
   Der erste Schnee fiel. Das war bisher ein ziemlich erdrückendes Gefühl gewesen, denn bald würde ich an die Hütte gefesselt sein. Aber Schnee hieß auch, dass Keelin nahezu ein Jahr bei mir war. Ein gutes Gefühl. Diese tiefe Angst, dass er mich plötzlich verlassen könnte, verblasste ein wenig.
   Als die erste Flocke auf mein Gesicht fiel, wurde ich nicht traurig wie sonst. Ich begrüßte sie als Neuanfang, als einen weiteren Winter, der anders sein würde als die Winter zuvor: Ich war nicht mehr allein.
   Ich legte den Kopf in den Nacken, ließ den Schnee auf mich sinken und streckte die Arme aus. Mit weit geöffneten Augen drehte ich mich und starrte in das wirbelnde Weiß im Himmel.
   Es sah wunderschön aus.
   Unvermittelt sprang mich Keelin an und riss mich in den Matsch. Ein wohldurchdachter Sprung, denn das Blitzen in seinen Augen sagte: Fang mich doch!
   Ich schnaufte, grapschte nach den ersten liegen gebliebenen Flocken und schleuderte ihm einen Misch aus Matsch, Schnee und halb verdorrten Blättern entgegen. Es war der mieseste Schneeball, den ich je geformt hatte, aber er traf den verblüfften Wolf mitten im Gesicht.
   Und da musste ich lachen. Endlich. Ein befreiendes Gefühl. Ich hatte es vermisst.

Kapitel 6
Die Verwandlung

Von da an schüttelte ich die beginnende Winterdepression ab wie die Bäume ihr Laub. Diese tiefe Trauer passte nicht zu mir, sie veränderte mich in die falsche Richtung. Ich war kein depressiver Haufen Wildnis. Nein!
   Das wollte ich nicht sein und ich stemmte mich mit all meiner Energie gegen die schleichende Einsamkeit.
   Um mich abzulenken, konzentrierte ich mich auf Keelin.
   Es war oft schwierig für mich, ein richtiges Gespräch mit ihm zu führen. Auf komplexe Fragen reagierte er grundsätzlich nicht und beantwortete die einfachen nicht immer.
   Ich war mir nicht sicher, ob das Absicht war oder ob er es nicht konnte. Manchmal wirkte er weit weg, so tierisch – und wenig später wieder wie ein aufmerksamer Mensch.
   Sobald ich ihn fragte, ob er wusste, was die Striche in meinem Gesicht zu bedeuten hatten, reagierte er absolut nicht mehr. Er zwinkerte noch nicht mal.
   »Weißt du, was das ist? Weißt du, wer mir das beantworten könnte?«
   Keine Reaktion.
   »Weißt du, ob es noch mehr von mir gibt?«
   Nichts.
   »Bin ich ein Magiewesen? Ein Mensch? Ein Zwitter?«
   All diese Fragen blieben unbeantwortet und ich gab es irgendwann auf.
   Der Winter verging ziemlich unspektakulär. Eine fiese Erkältung erschöpfte mich und fesselte mich für längere Zeit ans Bett. Wäre Keelin nicht bei mir gewesen, wäre das für mich gefährlich geworden.
   Mal zum Bach gehen, frisches Wasser holen? Ging nicht. Raus, ein paar Knollen suchen? Ebenfalls nicht.
   Keelin erledigte das für mich.
   Die Erkältung ging genau wie der Winter, die Geister verließen die Hütte wieder und die Ziege starb. Es war traurig, aber abzusehen gewesen. Sie war ein altes, mageres Ding, immer mies gelaunt, erst recht, seit der Wolf bei uns war.
   Ich konnte mich nicht überwinden, sie zu essen. Sie hatte zwar keinen Namen gehabt, aber trotzdem …
   Es war mühsam, ein Loch in die halbgefrorene Erde zu graben. Ich legte sie hinein und bastelte einen kleinen Altar.
   Keelin hockte zweifelnd neben mir.
   Wie jedes Jahr war der Frühling arbeitsreich. Die Natur erwachte und ich musste mich ihr anpassen. Zum Glück hatte ich noch Samen vom letzten Jahr, selbst gezüchtet. Ich hoffte, dass er so gut war wie der gekaufte.
   Zwei weitere Monate gingen ins Land, der Wald wurde grüner und lauter. Die Vögel waren zurückgekehrt, um mich herum wimmelte es von Tierkindern. Für mich war das die schönste Zeit.
   Ich stellte sogar das Jagen ein und begnügte mich mit Beeren und Fischen, denn ich wollte es nicht riskieren, einem Kitz die Mama zu erschießen. Keelin lobte mich allein durch seine Körperhaltung.
   Verrückt.
   Es war ein Morgen wie jeder andere auch, als ich eine ganz andere Seite an meinem Wolf entdeckte. Wir waren auf Streifzug durch die Wälder gewesen und Keelin hatte sich abgesetzt. Er tollte zwischen den Bäumen umher, als wäre er ein kleiner Welpe, der die Welt erkundete.
   Meeha zischelte genervt auf meinem Kopf. Sie hatte aus einigen Strähnen ein Nest für sich gebaut. Ich ließ sie machen. Meine Haare waren ohnehin wirr, da kam es auf ein weiteres winziges Nest nicht an. Weil ich sie nicht sehen konnte, wusste ich nicht, als was sie getarnt war. Sie war federleicht. Womöglich ein Vögelchen mit Meerschweinchenohren?
   Sie war vernarrt in die Meerschweinchenform.
   Ich war Keelins fröhlichem Gebell gefolgt und pflückte dabei Beeren und suchte Kräuter. Mein Vorrat war fast leer, die Erkältung hatte nahezu alles verschlungen.
   Als Keelins Gebell abrupt aufhörte, horchte ich alarmiert. Ich ließ die Beeren Beeren sein und hielt auf die Lichtung zu, auf der ich ihn zuletzt hatte toben sehen.
   Die Spannung in der Luft hatte sich verändert. Nur ganz leicht, aber ich hatte es gespürt. Es war beunruhigend gewesen.
   Und dann sah ich ihn.
   Er lag mitten auf der Lichtung, lang ausgestreckt auf einem sonnigen Fleck Gras. Ein Stück versank er in dem Grün, es wuchs an dieser Stelle mehr als knöchelhoch. Um ihn herum schwirrten Hunderte, ach, was: Tausende von Schmetterlingen. Es sah so kitschig aus, dass es beinahe in den Augen tränte.
   Er lag völlig reglos, umgeben von einem bunten Schwarm wilder Flügel, die Augen halb geschlossen, jeder Muskel völlig entspannt.
   Zwei Rehe kamen mit ihren Kitzen auf die Lichtung, stellten sich keine fünf Schritte neben den gigantischen Wolf und ästen friedlich. Es war wohl der sicherste Platz auf Erden für sie. Selbst eine Hasenfamilie näherte sich.
   Kitsch pur.
   Ich war fassungslos, gelinde gesagt. Warum genau, weiß ich nicht. Irgendwie hatte ich Keelin immer als jagenden Wolf gesehen, als Raubtier. Hier wirkte er so fehl am Platz und gleichzeitig so absolut passend.
   Er war ein Stück Wildnis. Er war die Natur. Er war der Wald. Das wurde mir in diesem Moment klar.
   Offenbar hatte er mich am Rand der Lichtung bemerkt, denn er drehte den mächtigen Schädel in meine Richtung – und gähnte gewaltig. Sein Schwanzwedeln war anscheinend eine Einladung, die ich zögerlich annahm.
   Die Wildtiere blickten kurz auf. Anschließend sahen sie zum Wolf, und als der keine Gefahr signalisierte, ästen sie weiter.
   Ich war für fünf Sekunden tatsächlich beleidigt.
   Hallo? Ich war eine mächtige Jägerin. Da war ja wohl ein bisschen Angst angebracht.
   Der Schwarm Schmetterlinge war mittlerweile so dicht, dass ich Keelin nicht immer genau erkennen konnte. Das Herz klopfte, als ich mich neben ihn setzte und ein Teil des Schwarms wurde. Sie umflatterten aufgeregt meine Haare, setzten sich hinein und kitzelten meine Ohren. Beinahe hätte ich vor Staunen den Mund offenstehen lassen. Ein Fehler, da wären sie ebenfalls hereingeflogen.
   Und dann kamen die Geister. Natürlich. Sie liebten zwar Aktion und machten selbst genug Chaos, aber Ruhe und Frieden – erst recht mit Sonnenschein verbunden – war sogar noch besser. Die Luftgeister spielten mit den Schmetterlingen und raschelten mit dem Gras, die Erdgeister buddelten Kreise um uns herum, ein Steingeist kullerte heran und irgendwo grollte ein Wurzelgeist tief in der Erde verborgen. Zum Glück kam kein Feuergeist dazu.
   Wir saßen annähernd zwei Stunden in der Sonne. Nach und nach wurde der Schmetterlingsschwarm kleiner, die Rehe verzogen sich in den Wald und die Geister begannen, sich zu langweilen. Wir blieben bis zum Schluss, um diesen atemberaubenden Moment festzuhalten.
   »Keelin.« Das erste Wort seit Stunden. Der nächste Satz hätte etwas Erhabenes sein sollen – zum Beispiel: Du bist der König der Tiere, ich verneige mich vor dir. Oder: Das war das Fantastischste, was ich je erlebt habe, ich danke dir. Oder: Die Schönheit, die uns umgibt, lässt mich sprachlos zurück, ich liebe dich dafür. Mir fielen jedoch zu der Situation lediglich dumme Sprüche ein. »Krass!«, sagte ich stattdessen. »Das war so viel Idylle, da hätte man glatt kotzen können. Brr!«
   Er sah mich schief an, stand auf und streckte sich tiefenentspannt. Schnaufend schnüffelte er an meinem Beutel und klaute sich ein paar Brombeeren. Er war wirklich Vegetarier. Aber nach dem, was ich gesehen hatte, konnte er auch kaum jagen.

In dieser Nacht verwandelte er sich zum allerersten Mal. Anfangs hatte ich gedacht, mit mir würde die Fantasie durchgehen, irgendwann sah ich jedoch ein, dass es tatsächlich passiert war.
   Keelin und ich hatten uns wie jeden Abend vor den Kamin gehockt. Gab ja sonst auch nicht viel, wo wir hätten sein können. Draußen war es zwar schon warm, aber ich machte abends noch Feuer, das war gemütlicher.
   Wir hatten nebeneinander gehockt. Er schlief, tief und fest, und schnarchte ab und zu. Ich schnitzte – oder massakrierte das Holz, denn im Schnitzen bin ich so begabt wie beim Holzhacken, Kochen, Säen – mir ein Figürchen. Meist bestimmte ich erst hinterher, was für ein Tier es darstellen sollte. Das war einfacher, als erst einen Hasen zu schnitzen, um hinterher festzustellen, dass er doch eher einem Schaf ähnelte.
   Wo Meeha sich aufhielt, wusste ich nicht. Sie knabberte vermutlich unter dem Schrank Möhren.
   Ich war genervt gewesen und hatte das Messer zur Seite gelegt. Mich selbst bedauernd hatte ich ins Feuer gestarrt, dabei dem Wolf die Ohren gekrault und nachgedacht. Von einer Sekunde zur anderen hatte ich kein Wolfsohr mehr in der Hand gehabt, sondern – Luft.
   Im ersten Moment hatte ich angenommen, Keelin hätte den Kopf gedreht, deshalb hatte ich ihm einen kurzen Blick zugeworfen.
   Ich erstarrte.
   Wo normalerweise dieser riesige, alles beherrschende Wolfskörper ruhte, schlummerte ein Mensch. Er lag genau wie Keelin auf der Seite, Kopf in den Händen, Augen entspannt geschlossen.
   Ich wünschte, ich könnte genauer beschreiben, wie er in dieser Sekunde ausgesehen hatte, aber leider dauerte es nur einen Atemzug, ein kurzes Flimmern der Luft, ein Verschwimmen der Gestalt vor mir – dann war der Wolf wieder ein Wolf und der Spuk vorüber.
   Ich blinzelte.
   Traum oder Wirklichkeit? Wunsch oder Realität?
   Das Herz raste, ich hatte einen fetten Kloß in der Kehle hocken. Was, bei allen Geistern dieser Welt, war das gewesen?
   Keelin hatte nichts bemerkt, er schlief weiter.
   Der Mensch war männlich gewesen, seiner Statur nach zu schließen. Dankenswerterweise hatte er tatsächlich Kleidung angehabt. Zwar durchlöcherte, stinkende und zerfetzte Kleidung, aber ich hatte deutlich eine schlabbrige Hose und ein Holzfällerhemd gesehen.
   Dunkle lange Haare hatte er gehabt. Gewellt? Ich war mir nicht sicher. Auf jeden Fall wuchs in seinem Gesicht ein Bart, ungepflegt und ungewaschen.
   Oje, Aeri. Hatte mich die Einsamkeit doch verrückt gemacht? Ich wünschte mir so sehr einen menschlichen Keelin, dass mein Gehirn ihn sich kurzerhand selbst ersonnen hatte.
   Es war ein schöner Tagtraum gewesen. Weil ich die Verwandlungsnummer für ein Gespenst meiner Fantasie hielt, erwähnte ich nichts davon. Mir war es peinlich. Was hätte ich sagen sollen?
   »Hey, Keelin. Du sahst als Mensch ganz schön scharf aus?« Danke, nein. Bestimmt nicht.
   Aber ab da lauerte ich. Ich kraulte ihm häufiger als üblich die Ohren und machte öfter Feuer, als gesund war. Selbst bei sommerlichem Wetter. Keelin war verwirrt, ließ mich jedoch machen.
   Ohrenkraulen? Keine Reaktion.
   Gemütliche Abende am Kamin? Half nicht.
   Vorher auf irgendwelchen Lichtungen rumliegen und Schmetterlinge anlocken? Ebenfalls Fehlanzeige.
   Ich wünschte mir so sehr, Keelin nochmals als Mensch zu sehen, dass ich unruhiger war als normalerweise. Der Wolf nahm das natürlich wahr und wirkte angespannt. Außerdem fühlte er sich anscheinend von mir beobachtet. Das war er ja auch. Es verunsicherte ihn.
   Selbst der schönste Moment verblasste irgendwann in der Erinnerung. Ich hakte ihn ab und ging zum Tagewerk über.
   Zwei Nächte später lag der Mensch erneut vor dem Kamin. Ich bekam fast einen Herzkoller und verfiel in Schnappatmung, die in einem handfesten Schluckauf endete. Mein Schluckauf weckte Keelin leider auf – und schwupp, lag da ein Wolf.
   Alles Blinzeln half nicht.
   Ich hatte mir die Wandlung nicht eingebildet. Nein. Bestimmt nicht. Oder? Oder?
   Die nächsten zwei Wochen benahm ich mich völlig konfus. Ich vergaß die Eimer am Bach und suchte sie stundenlang. Dann fand ich sie, nahm sie aber nicht mit. Ich säte die Wintergerste in ein noch nicht vorbereitetes Feld, was eine mittlere Katastrophe war, und wässerte einen Bereich, in dem noch kein Korn drin war. Anschließend vergaß ich, die Hühner zu füttern, sodass sie irgendwann aus Verzweiflung aus dem Gatter flohen. Es dauerte Stunden, sie wieder rein zu locken.
   Beim Ausbessern der Hütte schlug ich mir so auf den Finger, dass er um das Doppelte anschwoll, ich stürzte von der Leiter und ließ die Wäsche in den Bach fallen, wo sie beinahe für immer vom Fluss davongetragen worden wäre.
   Keelin tat sein Bestes, um das Schlimmste zu verhindern.
   Er rettete die Wäsche aus dem Fluss, lockte die Hühner zurück, sicherte von da an die Leiter, passte mit Argusaugen auf, wo ich säte, und folgte mir auf Schritt und Tritt. Er war nervös, weil ich so fahrig war – und ich war nervös, weil mich Keelin nervös machte.
   Morgens warf ich ihn ab sofort, bevor ich mich wusch und anzog, aus der Hütte. Ihn als männliches Wesen zu sehen, hatte mein Schamgefühl geweckt. Ich konnte ihm noch nicht mal mehr dabei zusehen, wie er die Bäume rund um unsere Hütte markierte.
   Irgendwie sah ich in meiner Fantasie einen verstrubbelten Mann, der in die Büsche strullte – und musste schamhaft wegsehen.
   Es war abzusehen, dass mich meine Zerstreutheit bald in ernsthafte Schwierigkeiten bringen würde, denn der Sommer schritt mit Siebenmeilenstiefeln voran. Ich musste dringend weitere Vorräte anlegen.
   Es war allerdings echt schwer, sich zu konzentrieren.
   Denn, mal ehrlich, so unwahrscheinlich war es gar nicht, dass in Keelin etwas Menschliches schlummerte. Immerhin konnte sich Meeha von einem Meerschweinchen in einen Affen verwandeln, wenn sie wollte.
   War es da nicht auch möglich, dass sich ein Veddawolf in einen Menschen verwandelte?
   Allein der Gedanke ließ tausend Schmetterlinge in meinem Magen flattern. Es wäre … es wäre … unvorstellbar! Es wäre … wunderbar!
   Das war mein letzter Gedanke, bevor ich den blödesten Schritt meines Lebens machte. Ich war normalerweise trittsicher, aber an diesem Tag war ich mit meinen Gedanken Meilen entfernt.
   Mein Knöchel knickte auf dem steilen Abhang um, ich kam ins Rutschen. Automatisch versuchte ich, meinen Patzer auszubalancieren, aber der Stein gab unter meinem Gewicht nach. Ich knallte auf den Rücken und stürzte aus einem Gemisch aus Steinen, Ästen und Erde den Abhang hinunter.
   Ich kam noch nicht mal dazu, zu schreien, schon war der Sturz beendet. Es war nur eine Rutschpartie von etwa fünf Schritten gewesen, aber sie reichte.
   Atemlos blieb ich liegen, starrte in die Baumwipfel. Es war der Moment, in dem man noch keine Schmerzen hatte. Sekunden später kamen sie, heftig, grausam. Tränen schossen mir in die Augen.
   In der Sekunde tauchte der schockierte Keelin neben mir auf, starrte mich aus riesigen blauen Augen an.
   Ich war noch nie gestürzt. Niemals! Zumindest nicht so dämlich.
   »Aua!« Ich rappelte mich langsam hoch. Meine kurze Bestandsaufnahme war erschreckend. Die Knie waren blutig, die Schienbeine aufgeschürft, ebenso die Ellbogen. Ich schmeckte Blut im Mund, hatte mir anscheinend auf die Zunge gebissen. Das Schlimmste jedoch war, dass der Rücken in Flammen stand.
   Verletzungen am Rücken, auch kleine, waren schlimm. Ich konnte mich dort schlecht selbst versorgen.
   Keine Panik.
   Das Leben im Wald war gefährlich – daran hatte mich Mutter Natur soeben erinnert.
   Ich stützte mich auf Keelin, während ich mich hochrappelte. Am Knöchel hatte ich mir nichts getan, die Beine trugen mich. Neben meinen Füßen klapperten einige Steingeister nervös vor sich hin, kullerten über den Boden.
   Ich warf ihnen einen vernichtenden Blick zu. »Ja, vielen Dank auch. Ihr hättet mal eher kommen und mich retten können!«
   Das Klappern von Stein auf Stein wurde lauter. Sie waren so aufgeregt, dass ich sie beruhigen musste. »Entschuldigt. Es war meine Schuld. Beruhigt euch!«
   Sofort verstummte das Geklapper.
   Wäre ich bei Sinnen gewesen, wäre ich noch nervöser geworden. Die wenigsten Geister reagierten wirklich auf mich, zumindest nicht messbar. Das letzte Mal war es der Wassergeist gewesen, der Keelin gerettet hatte. Das war das erste Mal gewesen, dass ein Geist eine erkennbare, sinngerichtete Handlung vollzogen hatte. Ansonsten geisterten die Geister einfach vor sich hin.
   Diese Steingeister schienen jedoch beunruhigt. Ich hatte allerdings zu heftige Schmerzen, um sie zu beachten.
   Keelin zog mich den Hang hinauf, indem ich mich an seinem Fell festhielt. Mit seiner Hilfe taumelte ich zum Bach, um mich zu säubern.
   Die Wunden durften sich nicht entzünden, das war das Allerwichtigste.
   Die Haut brannte wie Feuer, fast überall. Schürfwunden taten verteufelt weh.
   Ich ging baden und versuchte, möglichst alle Stellen am Rücken vorsichtig zu waschen, aber es war schwierig. Es brannte so heftig, dass ich mich erbrach.
   Das Hemd auszuziehen war beinahe zu viel. Mir wurde schwindlig vor Schmerz. Der Stoff klebte am Rücken auf den Wunden. Ich ging im seichten Wasser in die Knie.
   Sofort stand Keelin neben mir. Ich musste schlimm aussehen, wenn er freiwillig in den Bach stieg.
   Ungefähr eine Stunde quälte ich mich, bis ich aus dem Bach klettern konnte. Danach taumelte ich in die Hütte, legte mich vorsichtig auf die Matte und regte mich nicht mehr. Wenn ich keinen Muskel rührte, ließ sich der Schmerz aushalten.
   Der besorgte Keelin trug mir Kräuter neben das Lager, aber mehr konnte er mir nicht helfen.
   Ich schlief ein, brennend, traurig, verletzt.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.