Lena ist sich sicher, dass es richtig war, sich für Cay zu entscheiden. Sie vertraut ihm und glaubt daran, dass er sich geändert hat. Doch dann zerfällt ihr Leben erneut zu einem Scherbenhaufen. Der Kreis der Acht macht Jagd auf Cay, mit einer mächtigen Waffe, der nicht einmal er etwas entgegenzusetzen hat. Er muss fliehen, und es gibt für Lena nur einen Weg, ihn zu schützen: Sie muss sich von ihm trennen, denn nur über sie kann der Kreis ihn aufspüren. Während Lena den Kreis mit aller Macht von Cays Unschuld überzeugen will, werden die Beweise gegen ihn immer erdrückender, bis sogar Lena tief in ihrem Herzen an Cay zu zweifeln beginnt. Sie ahnt nicht, welches Geheimnis sich wirklich in Cays Vergangenheit verbirgt und welche dunklen Abgründe in seiner Seele lauern …

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ISBN: 978-9963-52-920-9

Seiten: 508

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Alana Falk

Alana Falk
Alana Falk lebt mit ihrem Mann in München und arbeitet als Übersetzerin. Liebesgeschichten in allen Formen, mit oder ohne Fantasy, faszinieren die Autorin besonders. Schon als Teenager dachte sie sich eine Herzschmerzgeschichte nach der anderen aus, schrieb sie jedoch nie auf. Erst mit 28 begann sie ernsthaft mit dem Schreiben. Außer Paranormal Romance schreibt sie erotische Liebesromane unter ihrem Pseudonym Emilia Lucas. Zu ihrer Seelenmagie-Trilogie inspirierte sie unter anderem ein verlassenes, schmiedeeisernes Tor mitten in der Wildnis.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Wald um Schloss Hohengreifenstein, September 1515

Die Druckwelle riss Cay beinahe von den Füßen. Sie schoss über ihn hinweg, fuhr in die Büsche hinter ihm und fegte die Blätter von den Ästen. Cay kniete mit gesenktem Kopf auf dem feuchten Waldboden und stemmte sich gegen die Druckwelle, bis sie nachließ. Der laute Donner um ihn herum verebbte jedoch nicht. Über ihm tobte ein Sturm, grau im Zwielicht der nahenden Dunkelheit, und gewaltig genug, um den lauten Knall der frei werdenden Energie zu übertönen.
   Cay kümmerte sich nicht um den Regen, der jetzt noch stärker auf ihn herabprasselte. Mathäus’ Schutzschild dämpfte ihn zwar, konnte ihn jedoch nicht vollständig abhalten. Auch der Wind war stärker geworden. Trotzdem blieb Cay, wo er war, ohne sich zu bewegen. Er wischte sich nicht einmal den Schweiß von der Stirn. Ihn kümmerte nur eines.
   Hatte es funktioniert? Er horchte in sich hinein. Konnte er es spüren? Wie fühlte es sich an zu wissen, dass er eine Zukunft sehen würde, die nie für seine Augen bestimmt gewesen war?
   Nichts. Er spürte gar nichts. Kein euphorisches Glücksgefühl. Keine zusätzliche Energie, die ihn durchströmte. Im Gegenteil, das Ritual hatte ihn das meiste seiner Kraft gekostet. Nur eines spürte er: einen stechenden Schmerz tief in ihm, der langsam anschwoll, bis er in seinem gesamten Körper widerhallte. Eine Narbe, wo seine Seele gebrochen und wieder geheilt worden war, und Energie. Energie, auf die er nicht zugreifen konnte, weil sie zu einem Teil seiner Seele geworden war. Reine menschliche Seelenenergie, genug für zehn Lebensspannen.
   Ein triumphierendes Lachen drang durch den Sturm zu ihm herüber. Er hob den Kopf. Ein Stück neben ihm kniete Mathäus, die Arme ausgestreckt und den Kopf in den Nacken gelegt. »Spürt ihr es?«, rief er. »Spürt ihr es auch?« Er sprang auf und sah Cay an. In seinem Blick lagen Triumph und Freude, vermischt mit einem Hauch von Wahnsinn.
   Cay presste die Lippen zusammen. Er kannte diesen Blick, hatte ihn schon einmal gesehen, genau hier. Eine Ahnung von Feuer zuckte durch seine Erinnerung. Schmerzensschreie. Tod. Vielleicht war es kein guter Einfall gewesen, gerade diesen Ort auszusuchen – oder vielleicht doch. Hier, wo ihm alles genommen worden war, wurde ihm nun alles gegeben, was er sich in den vergangenen Jahren so verzweifelt gewünscht hatte.
   Langsam stand er auf. Seine Glieder waren steif vom langen Knien, seine Muskeln zitterten vor Erschöpfung. Doch es war noch nicht vorbei. Er sah sich um. Ein Stück neben ihm lag Ekarius auf dem Boden. Cay war sich nicht sicher, ob Ekarius durch die Druckwelle von den Füßen gerissen worden war, oder ob er schon das Ritual nicht überstanden hatte. Doch Ekarius bewegte sich und rappelte sich auf, bis er schwer atmend und nach vorn gebeugt auf die Füße kam.
   Cay wandte sich wieder Mathäus zu. Aller Triumph war aus dessen Gesicht verschwunden, stattdessen war es vor Anstrengung verzerrt.
   »Der Schutzzauber?«, fragte Cay.
   Mathäus nickte knapp. »Die Druckwelle hat ihn durchbrochen. Ich kann nicht …« Seine Stimme klang gepresst. »Wenn ich ihn versiegeln würde …«
   »Nein!« Cay machte ein paar Schritte auf ihn zu. »Es war vereinbart, dass du ihn ohne Siegel aufrechterhältst.«
   »Ich weiß.« Schweißtropfen liefen über Mathäus’ Stirn. Seine sonst so strahlend blauen Augen waren dunkel wie der Sturmhimmel über ihnen. »Es wäre einfacher, sicherer.«
   »Nein.« Cay ballte die Fäuste. Auf keinen Fall würde er sich so von Mathäus abhängig machen, sich von ihm einsperren lassen in einen versiegelten Schutzzauber, den nur derjenige lösen konnte, der ihn gewirkt hatte. Der perfekte Schutz und ein ewiges Gefängnis, aus dem nur Mathäus ihn befreien könnte. »Niemals.«
   »Dann tu du es, versiegel du ihn«, keuchte Mathäus.
   Cay schnaubte. »Wer soll dann den letzten Zauber wirken?« Er nickte zu Ekarius hinüber, der schwankend an einem Baum lehnte. »Er etwa?« Sie wussten beide, dass schon das Ritual beinahe über Ekarius’ Kräfte ging. »Nein. Ich kann keine Energie für den Schutzzauber verschwenden. Das ist deine Aufgabe, also sieh zu, dass du ihn wieder in den Griff bekommst, und zwar ohne Siegel«, knurrte er.
   Wut glitzerte in Mathäus’ Augen, bevor er sie schloss, um sich ganz auf den Zauber zu konzentrieren. Wenig später nickte er. Sein Gesicht war schweißüberströmt. »Nicht unfehlbar, aber eine Weile wird er halten.«
   Cay atmete tief durch. Er wandte sich wieder an Ekarius, der immer noch schwer atmend ein Stück von ihnen entfernt stand. »Komm her.« Langsam schleppte sich Ekarius auf ihn zu. Er sah nicht aus, als hätte er gerade fünfhundert Jahre Lebenszeit gewonnen. Unter seinen braunen Augen lagen tiefe Schatten und seine Schultern waren nach vorn gebeugt wie die eines uralten Mannes.
   Als Cay ein Messer aus seinem Stiefel zog, weiteten sich Ekarius’ Augen. Er hob abwehrend die Hände. »Was soll das?«
   »Eine kleine Vorsichtsmaßnahme.«
   Ekarius stolperte ein paar Schritte zurück. »Nein. Wir sind doch so gut wie Brüder. Das kannst du nicht tun.«
   Cay verzog verächtlich die Lippen. Er konnte Ekarius nicht verübeln, dass er um sein Leben fürchtete. Mathäus hatte sogar vorgeschlagen, sich ihm auf diese Art zu entledigen. Cay hatte ihn überzeugt, es nicht zu tun. »Ich töte nicht, das weißt du. Also zieh jetzt dein Hemd hoch und halt den Mund.«
   Mit zitternden Fingern schob Ekarius den hellbraunen Stoff nach oben, jedoch ohne sich Cay zu nähern. Selbst er war nicht so dumm, Cay oder Mathäus zu vertrauen. »Was hast du vor?«
   Mathäus schnaubte verächtlich. »Ein kleiner Sicherheitszauber, damit du uns mit deinem unvorsichtigen Geschwätz nicht in Gefahr bringst«, zischte er. »Deshalb erfährst du auch erst jetzt davon.«
   »Was für ein Zauber?« Ekarius Stimme überschlug sich. »Wozu ist er gut?«
   Mathäus verdrehte die Augen. »Dafür, dass niemand erfährt, dass wir von jetzt an nur fünfhundert Jahre zu leben haben. Vor allem nicht die Mitglieder des Kreises. Wir wären zu angreifbar. Sie müssen glauben, dass wir wirklich und wahrhaftig unsterblich sind.«
   Das schien Ekarius nicht zu beruhigen. Er zitterte am ganzen Körper. Seine Augen fixierten das Messer in Cays Hand. »Ihr wollt mich mundtot machen?« Hastig hob er eine Hand vor seinen Mund.
   Mathäus lächelte sanft. Ein Lächeln, das selbst Cay einen leichten Schauder über den Rücken trieb. »Aber nein. Dir wird nichts geschehen. Ich verspreche es.«
   Cay konnte förmlich sehen, wie die Gedanken in Ekarius‘ Kopf verrücktspielten. Schließlich wandte sich Ekarius Hilfe suchend an Cay. »Mir wird nichts geschehen?«
   »Nein.« Er hob das Messer. »Bis auf eine kleine Wunde, die ich gleich wieder verschließe.«
   Ekarius ballte die Fäuste, schließlich nickte er. »Gut. Tu es.«
   »Dreh dich um.« Cay näherte sich ihm und setzte die Messerspitze auf die nackte Haut. »Hör auf zu zittern, sonst kann ich das Messer nicht ruhig führen«, zischte er. Langsam drückte er die Klinge in die Haut, knapp oberhalb der Hüfte, bis Blut hervorquoll. Ekarius schrie auf.
   »Reiß dich zusammen, verdammt«, knurrte Mathäus.
   Cay setzte das Messer nicht ab. Erst, als er die liegende Acht beendet hatte, ließ er von Ekarius ab. Dann ging er zu Mathäus hinüber und wiederholte die Prozedur. Mathäus zuckte mit keiner Wimper. Cay reichte ihm, ohne zu zögern, das Messer. Wenn Mathäus ihn hätte umbringen wollen, hätte er schon mehr als einmal Gelegenheit dazu gehabt. Es war nicht der Tod, den er von seiner Hand fürchtete. Nicht von ihm. Mathäus brauchte ihn, spätestens in fünfhundert Jahren, wenn ihre Zeit abgelaufen war und sie das Ritual wiederholen mussten.
   Cay biss die Zähne zusammen, als sich das Messer in seine Haut grub. Als Mathäus sein Werk beendet hatte, schloss Cay die Augen und konzentrierte sich auf den Zauber in ihren Wunden. Es waren Zauber, die miteinander in Verbindung treten konnten, ohne jedoch ein Band zwischen ihnen zu schaffen. Cay hatte lange gebraucht, um es so einzurichten. Auf keinen Fall wollte er mit Mathäus oder Ekarius durch einen Zauber verbunden sein, der es einem von ihnen ermöglichte, ihn aufzuspüren.
   Er konzentrierte sich auf die Magie, die sich wie ein leuchtender Kreis über ihre Wunden legte. Zu schwach. Widerwillig steckte Cay noch etwas mehr von seiner verbleibenden Kraft in den Zauber. Er hatte gehofft, nicht so viel davon verbrauchen zu müssen, aber er hatte keine Wahl. Bevor er das Siegel setzen konnte, das die drei Zauber dauerhaft machen und sie erhalten würde, ohne dass er sie ständig mit Energie speisen musste, ergriff Mathäus seine Hand. Cay spürte, wie Mathäus seine eigene Energie in den Zauber fließen ließ, in die drei Siegel, die nun ihrer beider Werk waren.
   Als es vollbracht war, riss sich Cay los. Einen Moment schwankte er, seine Beine sackten beinahe unter ihm weg. Mühsam konnte er sich aufrecht halten. Viel zu viel. Er hatte viel zu viel von seiner Kraft verbraucht. »Was soll das?«, keuchte er. »Warum hast du dich in den Zauber eingemischt?«
   Mathäus grinste schief. »Ich muss doch wissen, dass du den Zauber nicht einfach wieder auflösen kannst. So können nur wir beide gemeinsam ihn lösen.«
   »Warum sollte ich ihn lösen wollen?«, knurrte Cay. »Ich will genauso wenig wie du, dass jemand erfährt, dass unsere Unsterblichkeit nicht von Dauer ist.« Gerade dir traue ich kein Stück über den Weg.
   »Was geschieht, wenn jemand davon erfährt?«, fragte Ekarius. Er hielt sich die Wunde, ein letzter Rest Blut sickerte durch seine Finger.
   »Die Zauber schlagen an und rufen uns zu dem Ort, an dem sich derjenige befindet«, erklärte Mathäus. »Und dann«, er verzog die Lippen zu einem kalten Lächeln, »werde ich dafür sorgen, dass derjenige es nicht mehr weitererzählen kann.«
   Ekarius keuchte auf. »Was, wenn es mir herausrutscht? Vor meiner Frau? Meiner Familie?«
   Mathäus lächelte kalt. »Ich mache keinen Unterschied. Du solltest also besser aufpassen, dass es dir niemals herausrutscht.«
   Cay runzelte die Stirn. Er hätte sich denken können, dass Mathäus sich nicht damit aufhalten würde, lediglich die Erinnerung des Menschen zu verändern, der davon erfahren hatte. Es spielte keine Rolle. Niemand würde davon erfahren. Der Zauber war eine reine Vorsichtsmaßnahme, um sicherzugehen, dass Ekarius sein loses Mundwerk auch wirklich hielt.
   »Das ist grausam, Mathäus, ich …«
   Geräusche mischten sich in Ekarius’ Gejammer, aber es waren keine Sturmgeräusche.
   »Still«, zischte Cay. »Hört ihr das auch?« Sofort verstummte Ekarius. Mathäus hob den Kopf und drehte ihn in Richtung der Geräusche.
   Cay lauschte angestrengt durch den Regen und den Donner. Wortfetzen drangen zu ihm durch. Stimmen, die sich näherten. »Menschen. Sie kommen näher. Verdammt, wie konnten sie uns finden?«
   Mathäus runzelte die Stirn. »Der Schutzzauber. Er muss sich für einen Moment aufgelöst haben, als ich mit dir den Zauber versiegelt habe.«
   »Das erklärt nicht, wie sie uns gefunden haben. Sie sollten überhaupt nicht wissen, dass wir hier sind.«
   Aus dem Augenwinkel sah Cay, dass Ekarius langsam zurückwich. Sein Gesicht war leichenblass und sein Adamsapfel hüpfte nervös auf und ab. Sein Blick war auf Mathäus gerichtet. Er hatte es auch bemerkt. Er stürzte sich auf Ekarius, packte ihn am Kragen und schüttelte ihn durch. »Was hast du getan?«
   »Ich brauchte noch den letzten Rest Energie, eine Seele, ein letztes Opfer …«, stammelte er.
   Mathäus verzog angewidert das Gesicht. »Sag mir nicht, dass du auf dem Weg hierher, vor dem Ritual, noch dein letztes Opfer eingesammelt hast!«
   Cay stöhnte innerlich. Er konnte es sich zu gut vorstellen. Ekarius hatte sein letztes Opfer vor dem Ritual in den Wald gelockt, was bedeutete, dass irgendwo da draußen eine Leiche lag. Cay verdrängte die Vorstellung, verdrängte das dumpfe Pochen in der Magengegend, das er immer verspürte, wenn er sich bewusst machte, wie viele Menschen Mathäus und Ekarius umgebracht hatten, ohne mit der Wimper zu zucken. Was er getan hatte, war nicht viel besser.
   »Ich, nein, ich …«, stammelte Ekarius.
   Mit einem wilden Schrei stürzte Mathäus sich auf ihn und packte ihn am Kragen. »Du Dummkopf! Damit hast du uns alle in Gefahr gebracht. All die Planung, all die Jahre …« Mit zornverzerrtem Gesicht schüttelte er ihn durch. »Du warst nicht einmal schlau genug, die Überreste deines Opfers im Schutzzauber zu verstecken, hab ich recht?« Wut tobte in Mathäus Augen, eine Wut, die Cay fürchten ließ, dass er Ekarius doch hier und jetzt umbringen würde. Ekarius krächzte mühsam, unfähig, zu antworten, so fest hatte Mathäus seinen Hals im Griff.
   Cay machte ein paar schnelle Schritte auf ihn zu, ergriff Mathäus’ Hände und löste sie. »Lass ihn. Es ist zu spät, es spielt keine Rolle mehr.«
   Ekarius stürzte ein paar Schritte von ihnen weg und rieb sich den Hals. »Es war alles ganz anders geplant«, röchelte er. »Wenn du das Ritual nicht um zwei Tage vorgezogen hättest …«
   Mathäus betrachtete ihn von oben herab wie ein lästiges Insekt, das er am liebsten mit der flachen Hand vom Antlitz der Erde getilgt hätte. »Ich habe dir bereits erklärt, dass das unbedingt nötig war, damit die Stürme der Sonne das Ritual nicht stören. Davon verstehst du nichts.«
   »Hört auf«, fuhr Cay sie an. Die Stimmen kamen näher. Sie mussten jetzt den Rand des Schutzzaubers erreicht haben. »Wir sollten lieber zusehen, dass wir verschwinden.«
   Bisher wusste niemand, wer sie waren. Niemand hatte je ihre Gesichter gesehen, niemand kannte ihre wahren Namen, nicht einmal die Mitglieder des Kreises. Sie wussten nicht, dass der jüngste Sohn des ehemaligen Grafen von Hohengreif einer der drei Magier war, die sich unsterblich machen wollten. Und das sollte auch so bleiben. Deswegen hatte er sogar einen falschen Namen angenommen, hatte sich nach seinem alchemistischen Vorbild benannt. Artephius.
   Mathäus starrte Ekarius kalt an, halb über ihn gebeugt, als wollte er doch noch über ihn herfallen. Schließlich richtete er sich langsam auf, spuckte vor Ekarius aus und trat einen Schritt zurück. »Ja. Du hast recht. Wir sollten zusehen, dass wir verschwinden.«
   Bevor Cay noch etwas sagen konnte, hatte Mathäus sich vor seinen Augen in Luft aufgelöst. Mit ihm war auch der Schutzzauber verschwunden. Cay wandte sich um, aber auch Ekarius war fort. Die Stimmen wurden immer lauter. Es war besser, er tat es Mathäus und Ekarius gleich. Cay sammelte seine verbleibende Energie, um sich ebenfalls zu versetzen. Er steckte all seine Energie in seinen Körper, um ihn in seine Bestandteile aufzulösen. Es gelang ihm nicht. Er hatte nicht mehr genug Kraft. Für das Ritual und die drei Zauber hatte er zu viel davon verbraucht.
   »Hier entlang«, rief eine Männerstimme zwischen den Bäumen hindurch.
   »Verdammt!« Noch einmal schloss Cay die Augen, kratzte jedes bisschen Kraft zusammen und versuchte, sich zu versetzen. Wieder schlug der Zauber fehl. Zorn durchfuhr ihn. Sinnloser Zorn, weil Mathäus ihn einfach zurückgelassen hatte. Sinnlos, weil er genau das Gleiche getan hätte.
   Cay öffnete die Augen. Zwischen den Bäumen sah er lange dunkle Umhänge mit weiten Kapuzen flattern. Er fluchte innerlich. Nur die Mitglieder des Kreises trugen diese Umhänge. Natürlich musste es der Kreis der Acht sein, der ihn fand. Er wandte sich um, wollte die Lichtung auf der gegenüberliegenden Seite verlassen, aber seine Beine trugen ihn nicht mehr. Seine Knie gaben nach, während die Magier des Kreises zwischen den Baumstämmen hindurchrannten und ihn einkreisten. Cay wollte aufstehen, aber selbst dazu fehlte ihm die Kraft. Er blieb, wo er war, den Kopf gesenkt. Gezwungen, vor seinen ärgsten Feinden zu knien. Wie hatte er sich so verschätzen können?
   »Haltet ihn!«, befahl eine glockenreine weibliche Stimme, die leicht atemlos klang.
   Sofort spürte er, wie Energie ihn einhüllte. Zauber, die verhindern sollten, dass er verschwand. Sinnlos, weil er es ohnehin nicht konnte, aber das würde er dem Kreis sicher nicht auf die Nase binden.
   »Ich fürchte, wir kommen zu spät, um es zu verhindern, aber wir können verhindern, dass er weitermacht. Wenigstens einer.«
   »Ja, und er ist geschwächt. Töte ihn, jetzt gleich, Margareta«, knurrte eine Männerstimme. »Unsterblich heißt nicht unverwundbar.«
   »Nein«, erwiderte die Frau fest. »Wir sind keine Mörder. Nicht wie sie. Wir haben uns zusammengetan, um das Morden zu beenden. Deswegen dulden die Bewohner uns.«
   »Verdammt, töte ihn oder du wirst es bereuen.«
   »Vielleicht werde ich das. Das gibt mir trotzdem nicht das Recht, ihn zu töten. Außerdem wissen wir nicht, was dann geschieht. Ob es überhaupt gelingen würde. Ob er nicht wiedergeboren werden würde an irgendeinem Ort, wo wir keine Macht über ihn haben. Dann wäre er frei. Nein.« Schritte näherten sich ihm, Stoff raschelte, als schöbe sich jemand eine Kapuze vom Kopf. »Sieh mich an! Nach allem, was du verbrochen hast, sieh mich wenigstens an!«
   Cay hob den Kopf. Vor ihm stand eine junge Frau mit wallenden roten Locken. Margareta, trotz ihrer Jugend die mächtigste Magierin des Kreises.
   »Ihr? Ihr seid einer von ihnen?« Sie starrte ihn mit geweiteten Augen an, bevor sich ein angewiderter Ausdruck in ihre Miene schlich. »Wie konntet Ihr?«, flüsterte sie. »Gerade Ihr? Die Menschen von Hohengreifenstein sollten Eurem Schutz unterstehen, dem Schutz Eurer Familie.« Ihre Stimme schwankte. »Stattdessen habt Ihr sie für Eure Zwecke genutzt. Ihre Seelen geschändet. Sie für Eure Unsterblichkeit geopfert.« Ihre Hände waren zu Fäusten geballt. Nur ihre Augen verrieten, dass Wut nicht das Einzige war, was sie fühlte.
   Mühsam erhob sich Cay, versuchte, sie nicht merken zu lassen, dass seine Hände zitterten. Er wollte nicht vor ihr knien, wenn er ihr Antwort gab. Er starrte auf sie hinunter, einen Moment lang zu wütend, um einen klaren Gedanken zu fassen. »Diese Menschen«, sagte er zwischen zusammengepressten Zähnen hindurch, »haben ihren Anspruch auf meinen Schutz vor langer Zeit verwirkt.«
   Margareta starrte ihn an, öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ihr Gesicht nahm einen harten Zug an und sie nickte wie zu sich selbst. Sie hob die Arme. »Ihr mögt unsterblich sein, dagegen bin ich machtlos. Aber ich werde dafür sorgen, dass diese Unsterblichkeit Euch nichts mehr nützt.«
   »Was soll das heißen?« Unter normalen Umständen wäre sie nie in der Lage gewesen, ihn zu verzaubern. So geschwächt, wie er war, selbst zu geschwächt, um sich lange auf den Füßen zu halten, war er ihr jedoch vollkommen ausgeliefert. »Was hast du vor?«, knurrte er.
   Margareta lächelte kalt. »Ihr wollt die Menschen nicht schützen, also brauchen sie Euch auch nicht. Sie sind ohne Euch besser dran. Ich werde Euch verbannen, auf das Schloss. Solange Ihr lebt.« Sie lachte bitter. »In Eurem Fall also für immer. Ein Fluch, der nicht gelöst werden kann. Ein Fluch, der unendlich ist.«
   »Nichts ist unendlich.« Cay schleuderte ihr die Worte entgegen.
   »Nein, nichts«, zischte der Mann, der gewollt hatte, dass er getötet wurde. »Und solltest du jemals freikommen, werde ich dich eigenhändig umbringen. Das hätte ich schon damals tun sollen. Dafür sorgen, dass du das Schicksal deiner Familie teilst.«
   Seine hasserfüllten Worte trieben Cay die Galle in den Mund.
   Margareta sagte nichts dazu. Ihre Augen waren geschlossen und die Verachtung auf ihren Zügen hatte tiefer Konzentration Platz gemacht.
   Die Wunde, die Mathäus ihm beigebracht hatte, die frische Narbe in Form einer liegenden Acht, brannte auf Cays Haut, während sie den Zauber wirkte. Unendlich. Nein, nichts war unendlich und schon gar nicht sein Leben. Kurz überlegte er, die Wahrheit auszusprechen. Der Paktzauber, den sie gerade eben geschlossen hatten, würde Mathäus herbeirufen. Doch auch Mathäus würde nicht mehr genug Kraft haben, die Magier des Kreises zu besiegen. Er wäre genauso machtlos wie Cay. Die Magier würden ihn ebenso mit Magie fesseln wie ihn, und wenn die fünfhundert Jahre abgelaufen waren, würden sie ausgelöscht. Mathäus hatte recht. Niemand durfte je davon erfahren, dass sie nicht wirklich unsterblich waren. Aber wem sollte er es je sagen wollen?

Kapitel 1
Schloss Hohengreifenstein, Januar 2015

Lena betrachtete mit gerunzelter Stirn die zähe Masse, die in einem Glaskolben über der Flamme blubberte. »Irgendwie glaube ich nicht, dass das so richtig ist«, murmelte sie. Erneut warf sie einen Blick in das große, in Leder gebundene Buch, das neben ihr auf dem Tisch lag. »Wirklich gar nicht richtig.«
   Sie legte einen Finger auf die Zeile, in der die fertige Mischung beschrieben wurde. Bröcklige Konsistenz, dunkelgrüne Farbe und ein leicht fruchtiger Geruch. Lena warf einen ungnädigen Blick auf den Inhalt des Glases. Das Zeug war eher schleimig als bröcklig, eher braun als dunkelgrün und der Geruch war alles, aber sicher nicht fruchtig. Ob es sich bessern würde, wenn sie ein wenig abwartete? Sie beschloss, es einfach zu versuchen. Was hatte sie schon zu verlieren?
   Sie wandte sich um und ging zum Fenster, wo eine Sitzbank in das dicke Mauerwerk eingebaut war. Ein weiches rotes Polster lag darauf, auf das sie sich jetzt sinken ließ. Als Cay sie gefragt hatte, wo sie ihr Labor haben wollte, hatte sie, ohne lange zu überlegen, das Turmzimmer ausgesucht. Cay hatte erst versucht, ihr das auszureden, aber das Turmzimmer hatte leer gestanden und Lena hatte sich nicht davon abbringen lassen. Obwohl es ein wenig unpraktisch war, obwohl sie jedes Mal die unzähligen Stufen nach oben steigen musste, sie bereute es nicht.
   Ihr Blick wanderte über den Wald vor dem Schloss, dessen Spitzen vom Schnee weiß glitzerten, bis hin zum Wasserfall, der so nah am Turm in die Tiefe stürzte, dass sie manchmal, bei geöffnetem Fenster und wenn der Wind günstig stand, ein paar Tropfen Spritzwasser abbekam. Jetzt, im Winter, war er teilweise gefroren, und wenn die Irrlichter hinter dem Eis spielten, leuchtete er von innen heraus in unzähligen Farben. Sie hätte ewig dabei zusehen können. Lena versank in dem wunderbaren Anblick, bis ein leises Blubbern und ein merkwürdiger Geruch, der noch weniger fruchtig war als zuvor, sie daran erinnerten, dass sie sich besser losreißen und sich um ihr Experiment kümmern sollte.
   Sie ging zurück zum Labortisch und betrachtete die Masse erneut. Statt braun war sie jetzt schwarz und roch ziemlich angebrannt. »Na gut, okay. Das erleichtert immerhin die Entscheidung.« Lena griff nach einer Zange, packte das Glas und leerte es mit Schwung in einen Eimer mit der Aufschrift Versuchsabfälle. Eigentlich hätte sie diese Mischung auch in den nächsten Ausguss kippen können. Es waren Kräuter, keine giftigen Chemikalien. Aber es war ihr zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen, Laborabfälle auf sicherem Weg zu entsorgen. Außerdem konnte sie nicht wissen, ob das Gebräu nicht doch irgendeine Wirkung hatte, wenn auch nicht die, die im Rezept angegeben war. Sie wollte nicht daran schuld sein, dass ein paar Irrlichter sich ihre Mixtur aus Versehen einverleibten, Halluzinationen bekamen und wie besoffen durch die Luft torkelten.
   Seufzend stellte Lena das leere Glas ins Waschbecken, drehte die Flamme ab und beugte sich noch einmal über das Rezept. »In Memoria« stand in schnörkligen Buchstaben darüber. Lena konnte nicht gut Latein, trotzdem wusste sie, dass da eigentlich »In Memoriam« stehen müsste. Zur Erinnerung. Aber vielleicht war dieser kraklige Schnörkel hinter dem A ja auch ein verunglücktes M. Wozu das Rezept genau gut war, wusste sie auch nicht. Sie vermutete, dass man damit Erinnerungen an Verstorbene wieder heraufbeschwören konnte. Vergessen geglaubte Szenen aus der Vergangenheit, die längst in den Tiefen des Geistes verschollen waren.
   Nachdenklich betrachtete Lena das Buch. Es war das gleiche Buch, in dem sie damals den Trank gegen Trauer entdeckt hatten. Den Trank, der nicht wirkte. Sie fühlte sich zu dem Buch hingezogen, hatte angefangen, andere Rezepte daraus auszuprobieren und mit einigen Erfolg gehabt. Zwar interessierte sie das meiste Zeug nicht, das sie damit herstellen konnte, weder das Elixier für geschmeidigeres Haar noch den Balsam gegen trockene Haut, trotzdem konnte sie nicht aufhören, die Rezepte zu testen. Es war die einzige Verbindung zu Gromis Kräuterprojekt, und wenn sie sich damit beschäftigte, hatte sie das Gefühl, ihr nah zu sein. Gedankenverloren blätterte sie in dem Buch herum, bis sie die Seite mit dem Trank gegen Trauer erreichte. Zu gern hätte sie ihn noch mal ausprobiert, aber natürlich fehlten ihr dafür die Zutaten. Cay konnte ihr mit den gängigen Kräutern aushelfen, jedoch nicht mit den komplizierten Pflanzen, die in diesen Rezepten verlangt wurden.
   Wie von selbst fuhr Lenas Fingerspitze das kunstvoll gedruckte Muster entlang, das die Ränder der Rezepte schmückte. Es war beinahe zu einem Zwang geworden, dass sie jedes Mal die geschwungenen Linien und die darin versteckten Zeichen und Symbole nachfuhr, die man erst beim dritten oder vierten Hinsehen bemerkte. Sie fanden sich nur bei den Rezepten, die mit den Gefühlen zu tun hatten und immer, wenn Lena sie nachmalte, spürte sie ein Gefühl der Vertrautheit. Fast so, als ob ihr Finger das Muster bereits kannte, sie hatte allerdings keine Ahnung woher. Sie hatte ihr Gehirn durchforstet, hatte Gromis in Leder gebundenes Notizbuch nach den Symbolen abgesucht, sogar Gromis geliebtes rosa Tuch. Nichts. Wahrscheinlich war es Wunschdenken. Vielleicht wollte sie viel zu sehr, dass Gromi doch mehr mit ihrem Projekt im Sinn gehabt hatte als einen Trank, der nicht mal funktionierte. Schließlich hatte sie beschlossen, einfach alle Rezepte, für die sie die Zutaten hatte, zu testen. Es machte Spaß und etwas anderes hatte sie ohnehin nicht zu tun. Sie schlug wieder die Seite mit »In Memoria« auf und machte sich an einen neuen Versuch.
   Lena zuckte zusammen, als ein warmer Hauch unvermittelt ihren Nacken streifte. Sie spürte Cays Lippen auf ihrem Hals, seine Hände auf ihren Schultern und schloss die Augen. »Ich hasse es, wenn du das tust«, murmelte sie und ließ sich gegen ihn sinken.
   Sein leises Lachen ließ sie erschaudern. »Das merke ich.«
   »Ich könnte mit irgendwas hantieren, mit einem kochenden …« Sie verstummte, als er ihren Pullover und den Träger ihres Oberteils etwas zur Seite schob und sie auf die nackte Schulter küsste.
   »Darauf achte ich, keine Sorge«, murmelte er, während er eine kribbelnde Spur über ihren Hals zog.
   »Du hast mir versprochen, das nicht mehr zu machen«, wandte sie halbherzig ein. »Außer …« Sie sog scharf die Luft ein und hob eine Hand vor den Mund. »O verdammt.«
   »Außer du vergisst, dass wir verabredet waren«, beendete er ihren Satz.
   Sie wandte sich zu ihm um und verzog schuldbewusst das Gesicht. »Mist. Tut mir leid.«
   Cays Augen glitzerten amüsiert. »Macht nichts. Schließlich wusste ich vorher, dass du die Angewohnheit hast, immer zu spät zu kommen. Außerdem bekomme ich so die Gelegenheit, dich zu holen.« Er hob eine Hand und fuhr die Kontur ihres Schlüsselbeins nach, verharrte kurz auf der winzigen liegenden Acht und folgte der geschwungenen Linie mit der Fingerspitze. Er beugte sich vor und hauchte einen winzigen Kuss darauf, wie er es immer tat.
   Lena stockte der Atem und sie wünschte sich, dass er weitermachte. Sie drängte sich an ihn.
   »Dazu waren wir nicht verabredet«, murmelte er, während er ihre Taille streichelte und ihr T-Shirt nach oben schob.
   Lena legte ihm die Arme um den Hals. »Nein, aber das muss uns ja nicht daran hindern.« Sie ging auf die Zehenspitzen und küsste ihn, sanft und lockend, bis er den Kuss erwiderte.
   »Nein, muss es nicht.« Er schob ihr T-Shirt noch weiter hoch, streichelte ihren Bauch, ihre Seite und den Ansatz ihrer Brust. Lenas Atem ging schneller und sie drehte sich ein wenig seiner Hand entgegen. Er hielt inne, ließ schließlich die Hand sinken und schob Lena sanft von sich.
   Leicht benebelt sah sie auf. »Was ist?«
   Die steile Falte, die sie so gut kannte, stand wieder auf seiner Stirn. »Du versuchst, mich abzulenken.«
   Sie riss in gespielter Unschuld die Augen auf. »Wie bitte?« Sofort war ihr klar, dass es zu viel war. Das würde er ihr nie abkaufen.
   Er schnaubte. »Netter Versuch.« Er trat einen Schritt zurück. »Aber so läuft das nicht.«
   Lena machte einen Schritt auf ihn zu, strich mit einem Zeigefinger an seinem Hals entlang und hauchte einen Kuss auf sein Kinn. Er schloss die Augen und schluckte.
   »Bist du sicher?«, fragte sie, während sie winzige Küsse auf seine Wange hauchte und mit der Hand unter sein Hemd fuhr.
   Cay legte seine Hand auf ihre, schloss die Finger sanft, dann etwas fester, und schob sie weg. »Ja, ich bin sicher.« Seine dunklen Augen sagten allerdings etwas völlig anderes. Lena lächelte ihn an. Er schüttelte den Kopf. »Auch wenn es schwerfällt, es ist zu wichtig. Ich will, dass du möglichst bald in der Lage bist, dich zu schützen.«
   »Mich zu schützen?« Sie verengte die Augen. »Wovor denn? Hier ist doch nichts.« Noch während sie es sagte, fielen ihr all die Dinge ein, die ihr im letzten Jahr hier auf dem Schloss zugestoßen waren. Ein paar davon, der Tatzelwurm zum Beispiel, waren immer noch hier und konnten ihr begegnen. Bisher hatte sie ihn allerdings nicht gesehen und Cay beharrte darauf, dass er harmlos war. »Das war doch Wendels Schuld und der ist nicht mehr hier.«
   »Nein, er ist nicht hier. Ich weiß, vielleicht ist es übertrieben, aber ich würde mich einfach besser fühlen, wenn ich wüsste, dass du dich zumindest ein wenig verteidigen kannst.«
   »Okay. Wenn es dir so wichtig ist.«
   Er hob eine Hand und strich ihr über die Wange. »Ist es.«
   Es war ja auch nicht so, dass sie nicht lernen wollte. Im Gegenteil. Nur vergaß Cay niemals ihren Unterricht, während er oft genug vergaß, Zeit mit ihr zu verbringen. »Na gut«, seufzte sie. »Lass mich schnell hier aufräumen.« Sie wandte sich wieder dem Versuch zu, räumte die Utensilien auf und schloss mit einem ungnädigen Schnauben das Buch.
   So laut, dass sogar Cay es bemerkte. »Dem entnehme ich, dass du nicht vorwärtskommst?«
   »Das ist noch nett ausgedrückt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich eher Rückschritte mache.«
   »Ich könnte dir helfen«, bot er zögerlich an.
   Lena wandte sich zu ihm um. Zu gern hätte sie sein Angebot angenommen, aber er beschäftigte sich Tag und Nacht mit seinen eigenen Versuchen. Einen Ausweg aus dem Fluch zu finden, war viel wichtiger, als ihre Versuche, irgendwelche Kräutermischungen herzustellen, die eigentlich kein Mensch brauchte. Außerdem schien er immer so unruhig, geradezu nervös, wenn sie ihn länger von seinem Labor fernhielt.
   »Nein, schon gut. Es macht mir Spaß, daran herumzurätseln, irgendwann kriege ich es schon hin.«
   »Gut, wenn du meinst.« Sie konnte ihm die Erleichterung ansehen, obwohl er sie zu verstecken versuchte. Warum er gerade jetzt unbedingt den Fluch brechen wollte, wusste sie nicht. Natürlich wünschte sie sich auch, dass er gelöst würde und sie freikamen, doch es kam auf ein paar Tage oder Wochen nicht an.
   »Dann komm.«
   Lena folgte Cay die lange Wendeltreppe hinunter. Als sie unten angekommen war, reichte er ihr Jacke und Schal. Er selbst trug bereits einen dunklen Mantel. Der Turm war nur über die Mauer oder den Hof zu erreichen, es gab keine direkte Verbindung zum Hauptflügel des Schlosses, weswegen sie sich für den Weg jetzt im Winter immer etwas Warmes anziehen musste. Lena ließ sich von Cay in die Jacke helfen.
   »Was hast du heute vor?«
   »Schnee schmelzen«, antwortete er.
   Sie stöhnte. »Schon wieder?«
   »So lange, bis du es vollkommen beherrschst.«
   »Können wir nicht endlich mit dem Versetzen anfangen? Es wäre wirklich ziemlich praktisch, wenn ich das könnte.« Sie warf einen vielsagenden Blick auf die lange Treppe zu ihrem Labor hinauf.
   »Es ist nicht so praktisch, wie du glaubst. Wenn du dich versetzt, löst du deinen Körper in seine Bestandteile auf, um ihn an einer anderen Stelle wieder zusammenzufügen. Wenn an dem Ort, an dem du wieder sichtbar wirst, etwas steht, kann es passieren, dass du dich darum herum wieder zusammenfügst. Das kann unangenehm sein, wenn es ein Grashalm ist, das kann auch sehr gefährlich sein, wenn es ein langer Ast oder ein großer Felsen ist.«
   Lena wurde ganz anders, wenn sie daran dachte, dass ein Ast sich in ihre Brust bohrte, weil sie nicht aufgepasst hatte.
   »Deswegen solltest du dich nie an einen Ort versetzen, den du nicht sehen kannst oder nicht sehr gut kennst. Sich in einen Wald zu versetzen ist geradezu lebensmüde. Zuerst musst du ohnehin lernen, wie man sich die nötige Energie beschafft und sie lenkt. Deshalb der Schnee.«
   Die schwere Holztür knarrte, als er sie öffnete und für Lena offen hielt. Sie trat hindurch in den Hof. Sofort kam eine kleine leuchtende Kugel angeschossen und schwirrte um sie herum. Lena lächelte dem Irrlicht kurz zu. Es hatte Laborverbot, seit es einmal einen ganzen Versuchsaufbau so lange wild umkreist hatte, bis er vom Tisch gefallen war und sich in einen riesigen dampfenden Scherbenhaufen verwandelt hatte. Sobald Lena jedoch einen Schritt nach draußen machte, war das Irrlicht da.
   Mit einem lauten Knall fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss. Lena wandte sich zu Cay um. Er hatte den Kragen seines Mantels hochgeschlagen und die Hände in die Taschen gesteckt. Sein Atem war sichtbar in der kalten Luft.
   »Kann ich das alles nicht gleichzeitig lernen? Energie beschaffen und so? Indem du mir beibringst, wie man sich versetzt?«
   Er schüttelte den Kopf, nahm ihre Hand und zog Lena auf das Tor zu. »Nein. Oder doch, vielleicht. Aber glaub mir, so ist es einfacher. Schnee zu schmelzen ist ziemlich leicht, man lernt daran sehr gut, die Energie zu kanalisieren. Das brauchst du später.«
   »Das verstehe ich nicht. Ich schmelze doch meinen Körper nicht, wenn ich mich versetzen will, oder?« Die Vorstellung brachte sie kurz zum Lachen. »Das wäre ziemlich unappetitlich, wenn du jedes Mal auf dem Boden zerfließen würdest.«
   »Nein. Aber der Vorgang ist ähnlich. Du kanalisierst die Energie und leitest sie zwischen die Atome. Dadurch schmilzt der Schnee und dein Körper löst sich auf. Der Trick dabei ist, die Atome trotzdem zusammenzuhalten, sonst verteilen sie sich überall und du hast dich nicht versetzt, sondern buchstäblich in Luft aufgelöst.«
   Lena schluckte. »Okay, vielleicht doch erst mal der Schnee.«
   Cay lächelte grimmig. »Ja, würde ich auch sagen.«
   Es knirschte unter ihren Füßen, als sie über die Zugbrücke auf die Wiese gingen. Irgendwann blieb Cay stehen und deutete auf einen kleinen Felsen in der Nähe, dessen Oberseite tief eingeschneit war. »Versuch es mal damit.«
   Lena nickte, stellte sich vor den Felsen und atmete tief durch. Gestern hatte sie es schon geschafft, ein kleines bisschen Schnee in einer Schale zu schmelzen. Auf dem Felsen lag allerdings viel mehr Schnee, als in der Schale gewesen war. Sie schloss die Augen und versuchte, die Energie zu spüren, wie Cay es ihr beigebracht hatte. Es war ein leichtes Vibrieren, das man überall um sich herum spüren konnte, wenn man einmal wusste, wie es sich anfühlte. Eine Schwingung, ein Widerhall im Boden, in den Bäumen, sogar in der Luft und in ihr selbst. Lena stellte sich vor, wie sich die Energie aus der Natur in ihr bündelte und durch ihre Finger hinausfloss. Nicht jeder machte es so, jeder fand seinen eigenen Weg. Cay hatte ihr erzählt, dass manche es sich als Geräusch vorstellten oder als Melodie. Ihr half es, es sich bildlich vorzustellen. Sie lenkte die Energie vor sich auf den Felsen und in den Schnee. Dann öffnete sie langsam die Augen.
   Nichts.
   »Verdammt«, zischte sie.
   Cay trat neben sie. »Du hast dich auf einen zu großen Bereich konzentriert, für den du zu wenig Energie benutzt hast. Fang entweder kleiner an, leite die Energie in einen winzigen Punkt, oder nimm mehr Energie.«
   Lena presste die Lippen zusammen und nickte. Noch einmal spürte sie das Vibrieren auf, sammelte es, bündelte es und leitete es in den Schnee auf dem Felsen. Diesmal stellte sie sich die genaue Stelle vor, die sie treffen wollte. Nur eine kleine Stelle, so groß wie ihr Fingernagel. Sie öffnete die Augen. Ein winziges Stück Felsen schimmerte durch die ansonsten unversehrte Schneedecke. »Ha, es hat geklappt.« Sie lächelte Cay zu.
   Er nickte. »Jetzt einen größeren Bereich.«
   Cay übte mit ihr, bis sie den ganzen Felsen von Schnee befreit hatte und es ihr jedes Mal gelang, die Energie dorthin zu leiten, wo sie sie haben wollte. Lena wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Okay, das war doch erfolgreich.«
   »Gut. Jetzt versuch mal, die Atome zusammenzuhalten, nachdem du die Energie hineingeleitet hast. Sodass sich der Schnee zwar auflöst, aber alle seine Bestandteile zusammengefasst bleiben.«
   Lena runzelte die Stirn. Wie meinte er das?
   »Du musst den Schnee dafür zusätzlich von außen mit Energie einhüllen.«
   »Okay.« Sie konzentrierte sich, leitete die Energie in den Schnee und versuchte, gleichzeitig Energie so um das Stück Schnee herumzulegen, dass er nicht zerfloss. Der Schnee löste sich auf wie bisher und schmolz, genau wie bisher. »Hm.« Lena betrachtete die Pfütze auf dem Stein. »Das war wohl nichts.«
   Cays Mundwinkel zuckten. »Nein. Das ist auch ziemlich schwer, weil du dich um mehrere Sachen gleichzeitig kümmern musst. Beim Versetzen ist es eine ähnliche Technik. Man löst die Atome voneinander, hält sie aber von außen zusammen. Versuch es noch mal.«
   Sie nickte und versuchte sich ein weiteres Mal an der Aufgabe. Viele Pfützen später gelang es ihr schließlich. Bevor der Schnee schmolz, verharrte er einen Augenblick zwischen Schnee und Wasser. Er wurde unsichtbar und tauchte als Wasserblase in der Luft wieder auf.
   »Gut, wirklich sehr gut. Nur hast du jetzt die Energie losgelassen, die die Atome auseinanderhält, deswegen sind sie nicht unsichtbar, sondern haben sich zu Wasser zusammengelagert. Die Energie von außen ist noch da, deswegen hast du jetzt eine solche Blase.«
   Lena ließ die Energie los und die Blase zerplatzte auf dem Felsen darunter. Ihre Hände zitterten vor Anstrengung. »Okay. Gut. Nicht schlecht«, keuchte sie. »Was jetzt?«
   »Jetzt machst du eine Pause.«
   »Nicht nötig. Ich kann weiter machen. Gerade jetzt, wo es klappt.« Sie fühlte sich leicht schwindlig, doch das war kein Grund aufzuhören.
   Cay kam auf sie zu und nahm ihre Hand. Mit dem Daumen streichelte er ihren Handrücken. Sofort wich ein wenig von der Erschöpfung aus ihren Gliedern. »Doch, eine Pause. Niemand hat etwas davon, wenn du dich verausgabst. Du darfst deine Kraftreserven nicht vollkommen aufbrauchen.«
   »Zeig mir doch, wie man sie wieder auffüllt.«
   Er schüttelte den Kopf. »So einfach geht das nicht. Wenn du Energie aus der Natur benutzt, um Magie zu wirken, dich zu heilen oder dergleichen, verbrauchst du auch immer etwas von deiner eigenen Kraft.«
   »Du hast doch gerade …«
   »Ich habe dir etwas von meiner Kraft gegeben, aber auch die verbraucht sich.«
   »Deswegen konntest du mir damals nicht mehr geben, als ich deinen Zauber überwunden habe, um mit dir zu kommen?«
   Er lächelte. »So ist es. Ich hatte meine Kraft selbst fast aufgebraucht, um den Brand zu löschen. Mit dem Wenigen, das noch übrig war, konnte ich dich gerade so am Leben erhalten.«
   »Warum kann man nicht einfach Naturenergie benutzen, um sich wieder aufzuladen?«
   »Dein ganzer Körper ist wie eine Art Kraftwerk. Er stellt aus Nahrung Energie her, auf die du zurückgreifen kannst. Diese Energie ist nicht an einem einzigen Punkt in dir gespeichert, sondern in jeder einzelnen Zelle deines Körpers. Das heißt, du müsstest jede einzelne Zelle mit Naturenergie aufladen. Das würde viel zu lange dauern und außerdem gleichzeitig wieder so viel Kraft kosten, dass es sich nicht lohnt.«
   »Na gut. Das ergibt Sinn.« Sie betrachtete wieder den Schnee. »Aber eine Übung geht doch bestimmt noch.«
   »Nein. Besser nicht.« Er strich ihr mit der Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie schmiegte sich an seine Berührung und der Wunsch, weiterzuarbeiten, verblasste. »Wir können später weitermachen, sobald du dich erholt hast. Dann kannst du versuchen, einen Apfel aufzulösen und ihn an einen anderen Ort zu befördern.«
   »Das klingt gut«, murmelte sie und schloss die Augen, um das Kribbeln in ihrer Haut noch intensiver zu spüren. Sie merkte erst, wie erschöpft sie wirklich war, als ihre Knie unter ihr nachgaben und sich Cays Arme um sie schlossen.
   Er küsste sie auf die Schläfe. »Offensichtlich habe ich dich schon viel zu lange arbeiten lassen. Manchmal vergesse ich, wie sehr es am Anfang an einem zehrt.« Er zog sie noch etwas fester an sich. Lena legte die Wange an seine Brust und genoss es, dass er sie einfach hielt. Solche Momente gab es für ihren Geschmack viel zu selten.
   »Wenn du unbedingt weitermachen willst, hätte ich noch eine Idee. Etwas, das sich geradezu anbietet, solange du so wehrlos bist.«
   Seine leisen Worte brachten ihren Magen zum Flattern. Sie konnte sich ziemlich genau vorstellen, was er meinte. »Ach ja?« Sie drängte sich noch etwas mehr an ihn und legte ihre Hand auf seine Brust. Sie schob sie durch den Stoff seines Mantels und wollte einen Knopf seines Hemdes öffnen, um seine nackte Haut zu spüren. Aber seine Finger schlossen sich um ihr Handgelenk.
   »Ja.«
   Lena hob den Kopf. In seiner Stimme lag nicht dieser verführerische Tonfall, dieser Klang nach rauem Samt, den sie so liebte. Er klang eher streng und entschlossen. Ein Verdacht regte sich in ihr.
   »O nein, muss das sein?«
   Cay nickte grimmig. »Ja, es muss. Wir haben es schon viel zu lange aufgeschoben.«
   »Ich glaube wirklich nicht, dass das nötig ist.«
   »Doch, ist es. Für deine Sicherheit.«
   Sie stöhnte. »Also gut.«
   Er hob eine Hand und fuhr sanft mit dem Daumen über ihre Unterlippe. Sein Blick ruhte auf ihrem Mund.
   Lena kam ihm zuvor. Sie drängte sich an ihn und streifte seine Lippen mit ihren. »Bekomme ich hinterher auch eine Belohnung?«, fragte sie an seinem Mundwinkel.
   Sein leises Lachen vibrierte in ihr, als er ihre Hand nahm und sie in Richtung Stall zog. »Versuch mal, mich davon abzuhalten.«

Kapitel 2

Sie hatten Athanor ein Stück vor der Höhle zurückgelassen, die weit hinter dem Wasserfall im Wald lag, und standen nun vor dem düsteren Schlund, der den Eingang bildete.
   Lena schloss ihre Finger fester um Cays Hand. Er streichelte beruhigend ihren Handrücken. »Keine Angst, dir wird nichts geschehen.«
   Sie atmete tief durch. »Okay.« Langsam folgte sie ihm ins Innere der Höhle. Ein muffiger Geruch schlug ihr entgegen. Unter ihren Füßen knackte etwas. Sie wollte gar nicht wissen, was es war. Sicher ein trockener Ast. Oder würde das doch anders klingen? Das Geräusch hallte durch die Höhle und wurde zu ihnen zurückgeworfen. Begleitet von einem lauten Grollen.
   Lena blieb wie angewurzelt stehen. »Okay. Das reicht.«
   »Es ist wichtig, dass er dich kennenlernt, damit du wirklich sicher bist, wenn er herumstreift und du ihm begegnest.«
   »Er kennt mich doch. Viel besser, als mir lieb ist.« Mit einem flauen Gefühl im Magen erinnerte sich Lena an die riesigen Zähne direkt vor ihrem Gesicht.
   »Das reicht nicht. Komm, er wird dir nichts tun. Das Reptil in ihm sorgt dafür, dass er im Winter schläfrig ist. Es ist der perfekte Zeitpunkt.«
   »Willst du etwa, dass ich lerne, ihn zu beherrschen?«
   Cay schüttelte den Kopf. »Das ist viel zu gefährlich.«
   Wie zur Bestätigung schwoll das leise Knurren etwas an. Lena schluckte. »Wieso?«
   »In ihm steckt zu viel von einer Katze, um jemals wirklich zu akzeptieren, dass man ihn beherrscht. Die Schlange in ihm tut ihr Übriges. Er wird niemals hinnehmen, dass man ihn unterwirft, er wird immer versuchen, sich aufzulehnen und dich zu besiegen.«
   »Aber du tust es.«
   »Weil einer es tun muss. Einer muss in der Lage sein, ihm Einhalt zu gebieten, wenn er außer Kontrolle gerät.«
   Zu dem leisen Knurren, das tief aus der Höhle drang, kam jetzt ein Schleifgeräusch, wie von einem Schlangenleib, der sich über Stein bewegte. Lenas Atem beschleunigte sich. Wieder drückte Cay ihre Hand.
   Außer Kontrolle geraten? Wie damals, als er sie beinahe gefressen hätte? »Hast du nicht gesagt, er ist normalerweise friedlich?«
   »Meistens. Doch er ist ein wildes Tier, noch dazu eines, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Er ist der einzige seiner Art, es gibt keine Möglichkeit zu sagen, wie er sich verhalten wird. Alles, was du über Raubkatzen oder Schlangen weißt, kann nur helfen zu erahnen, was in ihm vorgeht.«
   »Das ist ja wirklich sehr beruhigend, vielen Dank auch.« Lena bemühte sich um ein Lächeln, allerdings misslang es kläglich.
   Das leise Knurren war jetzt zu einem tiefen Grollen geworden und in der Dunkelheit der Höhle erahnte Lena die Nähe des Tatzelwurms. Unwillkürlich trat sie hinter Cay und überließ ihm den ersten Kontakt. »Warum hast du mich hergebracht? Wie soll ich mich vor ihm schützen?«
   »Indem du ihn dazu bringst, dich verteidigen zu wollen.« Sanft nahm er sie am Arm. »Er kann riechen, dass du wehrlos bist und dass keine Gefahr von dir droht. Zeig es ihm. Lass ihn deinen Geruch aufsaugen.«
   »Okay. Gut. Ich tu es. Aber nur, wenn du in meiner Nähe bleibst.« Sie ließ zu, dass er sie aus seinem schützenden Schatten zog und vor sich schob. Lena zuckte zusammen, als der riesige Kopf des Tatzelwurms sich ihr näherte. Sie wich zurück, drängte sich an Cay, ihren Rücken gegen seine Brust. Sie spürte Cays Wärme, seinen ruhigen Herzschlag, seine Hand, die ihre hielt. Er würde nicht zulassen, dass dieses Biest ihr etwas tat. Sicher hatte er recht. Es konnte jederzeit passieren, dass sie im Wald auf den Tatzelwurm traf, dann war es besser, wenn sie vorbereitet war.
   Lena biss sich auf die Lippe, als etwas Feuchtes ihre Wange streifte. Seine Nase? Sie kniff die Augen zusammen. Heißer, stinkender Atem blies über sie hinweg, hastig, prüfend, als ob der Tatzelwurm ihren Geruch genau studierte.
   »Sehr gut, lass ihn merken, dass du keine Gefahr bist. Spür die Erschöpfung in deinen Gliedern. Lass ihn merken, wie schwach du bist.«
   »Ähm«, sie räusperte sich, »wird er dann nicht denken, dass ich ein tolles Abendessen abgäbe?«
   »Nicht wenn er weiß, dass du zu mir gehörst. Er wird schützen, was ich schützen will.«
   »Woher weiß er, dass ich zu dir gehöre? Vielleicht denkt er, du bringst ihm einen Snack.« Als könnte er verstehen, was sie sagte, öffnete der Tatzelwurm sein riesiges Panthermaul und bleckte seine Zähne. Lena drückte sich noch enger an Cay.
   »Wir werden es ihm zeigen müssen.«
   »Wie?«
   »Er muss sehen, dass du dich mir vollkommen unterwirfst.« Lena konnte Cays Gesicht nicht sehen, aber sie hörte ihm an, dass er grinste.
   »Vergiss es.«
   Er lachte leise. »Es war einen Versuch wert.«
   Wie zum Zeichen, dass er auch noch da war, grollte der Tatzelwurm so laut, dass es in Lenas Körper widerhallte. Sofort verging ihr das Lachen. »Also wie?« Sie wollte so schnell wie möglich von hier verschwinden. Während sie noch darüber nachdachte, hatte Cay ihre Hände gepackt und sie gegen die Höhlenwand gedrückt. »Er muss wenigstens glauben, dass ich genauso Macht über dich habe wie über ihn.«
   Damit senkte er seinen Mund auf ihren, nicht zärtlich, sondern besitzergreifend. Er fiel förmlich über sie her, teilte ihre Lippen, drang mit seiner Zunge in ihren Mund, bis sie aufgab. Sie schloss die Augen, überließ sich dem Gefühl, von ihm beherrscht zu werden. Sie vergaß, dass sie sich in einer Höhle befanden, vergaß das Monster, das wenige Meter entfernt in der Dunkelheit lauerte. Es gab nur noch Cay und seinen Kuss. Seinen Körper, der sich auf ganzer Länge gegen ihren presste, seine Leidenschaft, die ihr den Atem nahm.
   Als sich Cay langsam von ihr löste, brauchte sie ein paar Sekunden, um sich in der Finsternis zurechtzufinden. Sie klammerte sich an seinen Arm, damit sie nicht stolperte, suchte seine Nähe, hätte am liebsten einfach weitergemacht.
   »Ich glaube, er hat es verstanden.« Cays sanfte Stimme umfing sie und trug nicht dazu bei, wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden. Wieso konnte er das immer noch? Sie so von den Füßen reißen, mit einem einzigen Kuss? Sie würde es niemals zugeben, aber er hatte tatsächlich Macht über sie, auf eine Art, die ihr wohlige Schauder über den Rücken jagte.
   »Bist du sicher?«, fragte sie zittrig. »Vielleicht sollten wir es ihm lieber noch mal zeigen.«
   Cay lachte leise. »Nein, schau.«
   Widerwillig drehte sie sich von ihm weg und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Tatsächlich erkannte sie am Glitzern von riesigen Katzenaugen irgendwo vor sich in der Höhle, dass der Tatzelwurm den Kopf gesenkt hatte. Sie hörte ihn schnurren. Es war kein sanftes, angenehmes Geräusch, sondern immer noch eines, das die Höhle zum Beben brachte und ihr ein flaues Gefühl im Magen verschaffte, doch es unterschied sich deutlich von dem drohenden Knurren.
   »Soll ich ihn jetzt streicheln?«
   »Das würde ich lieber nicht versuchen. Er ist keine Schmusekatze. Das Schnurren ist seine Art zu sagen, dass er dich akzeptiert.«
   »Es hat wirklich funktioniert?«
   »Ja, ich war mir auch nicht ganz sicher.« Ein Lachen schwang in seiner Stimme mit.
   Lena knuffte ihn in die Seite. »Wie bitte?«
   »Wie ich bereits sagte, man kann nur erahnen, wie er sich verhalten wird.«
   »Na toll. Ich dachte, du weißt, was du tust.«
   »Du warst zu keinem Zeitpunkt in Gefahr«, unterbrach er sie, jetzt vollkommen ernst. »Ich hätte niemals riskiert, dass …« Er verstummte. Aber Lena wusste auch so, was er sagen wollte.
   Sie lächelte in die Dunkelheit. »Tut mir leid. Eigentlich habe ich nie daran gezweifelt.«
   Cay ging nicht darauf ein. »Er kennt dich jetzt, hat dich angenommen und weiß, dass du zu mir gehörst. Wenn er dir begegnet, wird er dich erkennen und dir nichts tun. Vielleicht beschützt er dich sogar. Solange du nicht den Fehler machst, vor ihm wegzulaufen. Dann setzt sein Jagdinstinkt ein.«
   »Niemals weglaufen«, wiederholte Lena atemlos. »Verstanden.«
   »Versuch auf keinen Fall, ihn niederzustarren, wenn du ihm begegnest. Zeig ihm, dass du unterlegen bist, er wird dir nichts tun.«
   »Okay.« Sie nahm seine Hand. »Wäre es dir recht, wenn wir jetzt hier verschwinden?« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. »Ich finde, ich habe mir die Belohnung jetzt wirklich verdient.«
   Cay erwiderte ihren Kuss, diesmal sanft und zärtlich. »Ja, das hast du.« Das leise Versprechen in seinen Worten ließ ihr Herz schneller schlagen. »Komm.«

Kapitel 3

Cay hatte Lena auf Athanors Rücken gehoben und führte sie durch den Wald, an der Höhle des Tatzelwurms vorbei, an den Felsen entlang, die über ihnen aufragten. Sie hatte keine Ahnung, wohin er wollte. Diesen Teil des Waldes kannte sie noch nicht. Es überraschte sie immer wieder, wie riesig das Gelände um das Schloss herum war. »Wohin gehen wir?«
   »Zu deiner Belohnung.«
   Lena schnaubte. »Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir nicht die gleiche Definition von Belohnung haben.«
   »Ich glaube, du ahnst nicht, wie ähnlich unsere Definition davon ist.«
   Der geheimnisvolle Unterton in seiner Stimme brachte ihren Körper zum Kribbeln. Sie sagte nichts mehr. Wo immer er auch hinwollte, im Moment war sie einfach froh, dass sie nicht laufen musste. Die Erschöpfung und die Begegnung mit dem Tatzelwurm steckten ihr immer noch in den Gliedern. Ein leichtes Zittern, das nie ganz aufhörte und ihr das Gefühl gab, ihren Körper nicht richtig unter Kontrolle zu haben. Ihr Kopf schwirrte und ihre Gedanken kreisten um alles, was Cay ihr beigebracht hatte. Das trug nicht gerade dazu bei, das Gefühl zu vertreiben, dass sie etwas neben sich stand.
   »Hier ist es.« Ohne abzuwarten, ob sie selbst absteigen würde, hob Cay sie vom Pferd. Sie wehrte sich nicht. Im Moment hätte sie nicht mal etwas dagegen gehabt, wenn er sie hochgehoben und getragen hätte. Stattdessen nahm er ihren Arm, um sie zu stützen, und führte sie auf eine weitere Höhle zu. Lena blieb stehen. »Noch einer deiner Freunde, den ich kennenlernen soll?« Es gelang ihr mehr schlecht als recht, ihren Widerwillen zu unterdrücken.
   »Nein.« Er sprach nicht weiter, erklärte ihr nichts, schob sie einfach nur entschlossen auf die Höhle zu, ließ sie kurz davor stehen und ging ihr voraus hinein.
   Zögerlich folgte Lena ihm. Im Gegensatz zur Behausung des Tatzelwurms war es hier nicht muffig und dunkel. Es roch erdig und frisch und ein grünliches Licht verlieh den Wänden der Höhle einen warmen Schimmer, gerade so, dass sie Cays breite Schultern schemenhaft vor sich erkennen konnte. Es war auch nicht kalt und feucht, sondern trocken und warm. Ein wohliges Gefühl legte sich um sie wie eine weiche Decke.
   »Was ist das?«, hauchte sie in die Dunkelheit.
   Cay wandte sich zu ihr um. »Berühr den Felsen, mit der ganzen Hand.«
   Lena gehorchte. Vorsichtig legte sie die Fingerspitzen an die Höhlenwand. Etwas Weiches schien sich an ihre Haut zu schmiegen und die Welt um sie herum versank. Sie wurde einfach ausgeblendet, als gäbe es plötzlich nur noch Lena und nichts mehr sonst. Nur ihren Körper und unendliche Dunkelheit. Hastig zog sie ihre Hand weg. Sofort war alles wieder da. Die Höhle, der grünliche Schimmer, Cay, der sie erwartungsvoll ansah. »Wie fühlt es sich an?«
   Beängstigend, wollte sie sagen, aber das stimmte nicht. Im ersten Moment hatte es sie kalt erwischt, doch eigentlich war es ein schönes Gefühl gewesen. »Angenehm, ruhig. Als gäbe es nur mich.«
   Er nickte. »Es hilft, wenn man nicht zur Ruhe kommt. Versuch es noch mal. Etwas länger.«
   Zögerlich hob sie erneut die Hand, wieder schmiegte sich etwas Weiches an ihre Finger und diesmal auch an ihre Handfläche. Wieder überkam sie das Gefühl, dass die Welt nicht mehr existierte, dass es nur noch sie allein gab. Ihre Gedanken erschienen ihr plötzlich sinnlos. Wenn es nur noch sie gab, warum sollte sie sich um irgendetwas Gedanken machen? Langsam kehrte Ruhe in ihrem Kopf ein und auch ihr Körper entspannte sich. Das Zittern hörte auf. Es gab keinen Magieunterricht, keinen Tatzelwurm, keinen Grund, erschöpft zu sein.
   Sie war immer noch müde, aber sie spürte ihren Körper so intensiv wie schon lange nicht mehr. Jede Faser, jede Zelle gehörte ihr und sie ruhte darin. Es war ein Gefühl umfassender Zufriedenheit, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Langsam ließ sie die Hand sinken. »Das ist unglaublich.«
   »Ja, nicht wahr? Immer, wenn ich nicht weiter weiß, komme ich hierher. Es rückt die Dinge gerade und hilft, sich auf das Wichtige zu konzentrieren.«
   »Ist das nicht gefährlich? Könnte man nicht für immer so stehen bleiben wollen?«
   Er schüttelte den Kopf. »Irgendwann ruht man so in sich, dass es genug ist. Dann fällt es leicht, sich davon zu lösen. Oder ist es dir gerade schwergefallen?«
   »Nein.« Es war sogar sehr leicht gewesen. Sie war zufrieden gewesen, weil sie bekommen hatte, wonach sie sich gesehnt hatte. Damit war es genug, sie war satt gewesen auf eine Art, die nichts mit körperlichem Hunger zu tun hatte. Sie beobachtete, wie Cay die Hand auf die Wand legte. Sie konnte sein Gesicht gut genug erkennen, um die Zufriedenheit zu sehen, die sich darauf ausbreitete. Vielleicht war es diese Höhle gewesen, die ihm all die Jahre in Einsamkeit geholfen hatte, nicht durchzudrehen.
   »Was ist das?«, fragte sie, als er die Hand sinken ließ.
   »Ich bin nicht sicher. Irgendeine Pflanze, also eher dein Spezialgebiet. Vielleicht ein Moos oder eine Flechte?«
   Lena erschuf eine Lichtkugel, auch wenn es ihr leidtat, das angenehme grünliche Leuchten damit zu vertreiben. Sie betrachtete die Wand, auf der sich die seltsame Pflanze wie ein Teppich ausbreitete. Als sie sich ihr mit dem Gesicht näherte, um sie genauer zu betrachten, reckten sich die dünnen Fasern ihr entgegen. »Es wirkt, als ob sie es wollen. Als ob sie auch etwas davon haben.«
   »Ja. Das denke ich auch. Es könnte sein, dass sie sich von unseren Gedanken ernähren.«
   Lena wollte das Moos etwas genauer betrachten, doch Cay trat hinter sie und küsste sie in den Nacken. Seine Nähe ließ sie beinahe ihre Neugier vergessen. »Wie hast du es entdeckt?«
   »Ich bin schon als Kind oft hierhergekommen mit meinen Brüdern.«
   Lena hielt den Atem an. In all der Zeit, die sie hier mit ihm verbracht hatte, hatte er ihr nie etwas über seine Vergangenheit erzählt. Sie drängte ihn nicht, sagte sich, dass er Zeit brauchte. Nur hatte sie oft das Gefühl, dass ihn etwas belastete, und wünschte sich, ihm irgendwie helfen zu können. Aber wie, wenn er nicht mit ihr redete? Cay schwieg so lange, dass sie schon glaubte, er würde auch dieses Mal nichts von sich preisgeben. Schließlich sprach er doch weiter. »Ich vermisse sie. Immer noch, ist das nicht merkwürdig?«, flüsterte er. »Man sollte meinen, dass man sie irgendwann einfach vergisst.« Seine Stimme verebbte.
   Die Traurigkeit, die sie aus seinen Worten heraushörte, versetzte ihr einen Stich. Sie kuschelte sich enger an ihn. »Ja, das sollte man.« Sie dachte an das Bild, das Einzige, was sie von seiner Familie kannte. Diesen einen grausamen Augenblick, den Tod seiner Familie, den er unfreiwillig mit ihr geteilt hatte. Es musste davor auch schöne Momente gegeben haben. In seiner Kindheit vielleicht. Bevor sein Vater und seine Brüder die Magie für sich entdeckt hatten. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie er aufgewachsen war. Es gelang ihr nicht. »Wie war es damals? Ich meine, es ist so unglaublich, dass du …«
   »Dass ich so uralt bin?« Mit Erleichterung hörte sie das leise Lachen in seiner Stimme. »Für mich war es auch merkwürdig. Am Anfang zumindest. Wenn man lange genug Zeit hat, gewöhnt man sich daran.«
   Sie wandte sich zu ihm um und strich mit den Fingerspitzen über seine Brust. »Auf jeden Fall hast du dich ziemlich gut gehalten.«
   »Mit ein bisschen Magie ist alles möglich.«
   »Soll das heißen, das funktioniert nicht automatisch?«
   »Nein. Man muss dem Körper immer wieder Energie zuführen. Naturenergie. Es ist so ähnlich, als würde man ihn immer wieder heilen.«
   »Könntest du jedes beliebige Alter annehmen, äußerlich, meine ich?«
   »So ziemlich.«
   »Könnte ich auch so bleiben, wie ich bin, bis ich sterbe?«
   Seine Hand grub sich in ihre Schulter und es dauerte eine Weile, bis er antwortete. »Sicher. Wenn du das willst.«
   »Oder du könntest mit mir alt und grau werden.« Sie grinste. Warum war die Vorstellung so merkwürdig? Irgendwie war sie immer davon ausgegangen, dass sein Aussehen mit seiner Unsterblichkeit zusammenhing und dass er für immer so aussehen würde wie jetzt.
   »Ja, wenn ich meinen Körper nicht mehr heile.«
   »Stirbst du dann nicht irgendwann?«
   »Mein Körper, ja.«
   »Du nicht?«
   Er schüttelte den Kopf. »Nicht, solange meine Seele … unsterblich ist. Sie ist versiegelt, wie bei jenen, die wiedergeboren werden.«
   »Dann würdest du auch wiedergeboren werden?«
   »Ich denke schon. Wir haben es noch nicht versucht.«
   Ihr fiel ein, dass es vor ihm ja noch niemandem gelungen war, sich unsterblich zu machen.
   Lena runzelte die Stirn. »Wenn jemand seine Seele versiegelt, um wiedergeboren zu werden, braucht er nicht neue Seelenenergie für das neue Leben?«
   Cay nickte. »Wie das genau funktioniert, ist nicht sicher. Man nimmt an, dass es eine Art allgegenwärtige Seelenenergie gibt, wie winzige Partikel im Raum, die von diesen versiegelten Seelen angezogen werden, ähnlich wie Magnete sich anziehen. Diese Partikel durchdringen die versiegelte Seele und füllen sie mit Energie, bis sie wiedergeboren werden kann.«
   »Diese Partikel …«
   Cay schüttelte den Kopf, als wüsste er, was sie fragen wollte. »Man kann sie nicht verwenden, um sich unsterblich zu machen. Es ist uns nie gelungen, sie an unsere Seelen zu binden.« Seine Stimme war immer leiser geworden. Leiser und düsterer. »Wir haben es versucht.« Sein ganzer Körper war plötzlich angespannt. »Unzählige Male.«
   Lena starrte ihn an, unfähig, etwas zu erwidern. In den undurchdringlichen Tiefen seines Blickes lauerte etwas Finsteres. Ein Abgrund seiner Seele, der sie erahnen ließ, dass er damals recht gehabt hatte. Du kennst nur einen winzigen Teil von mir. Du weißt gar nichts über mich, hatte er gesagt. Sie senkte den Kopf, unfähig, seinen Blick länger zu ertragen. Sie hatte geglaubt, das Wichtigste über ihn zu wissen. Jetzt wurde ihr klar, dass sie nur wenige Details kannte. Dass sie höchstens an der Oberfläche gekratzt hatte. Unwillkürlich zitterte sie. Wenn das, was sie wusste, nur die Oberfläche war, konnte sie dann überhaupt ertragen, zu erfahren, was darunter verborgen lag?
   Cay zog sie an sich und streichelte beruhigend ihren Rücken. Als wäre sie es, die Trost brauchte. »Du zitterst ja.« Er küsste sie sanft auf die Schläfe.
   Sie drängte sich an ihn, ein Gefühl schrecklicher Hilflosigkeit in der Brust. Was konnte sie tun, was sagen, um es ihm leichter zu machen? Gab es überhaupt etwas?
   »Was ist?«, fragte er sanft.
   Lena schloss die Augen. »Nichts.« Er schien die Erinnerung beiseitegeschoben zu haben, was auch immer es gewesen war. Sie wollte sie nicht von Neuem wecken, indem sie danach fragte.
   »Ich habe überlegt, wie es wohl war, in einer Burg aufzuwachsen. Im Mittelalter. Ich meine, für mich ist das so weit weg, so fremd.«
   Ein winziges Lächeln schlich sich auf seine Lippen. »Aus heutiger Sicht kommt es mir auch fremd vor. Damals kannten wir es nicht anders.«
   »Habt ihr noch in der alten Burg gewohnt?« Sie konnte sich kaum vorstellen, wie es sein musste, im ständigen Halbdunkel einer Höhlenburg zu leben.
   Er schüttelte den Kopf. »Das neue Schloss wurde schon zu Zeiten meiner Großeltern gebaut. Ich habe mir das Leben in der Höhlenburg als Kind immer schrecklich aufregend vorgestellt. Natürlich hat man uns verboten, allein dorthin und vor allem in die Höhlen zu gehen.«
   »Irgendwas sagt mir, dass euch das nicht aufgehalten hat.«
   Ein amüsiertes Glitzern trat in seine Augen. »Natürlich nicht. Sag drei Halbwüchsigen, dass sie sich von irgendwas fernhalten sollen, und sie werden sich bei erster Gelegenheit davonmachen, um sich dort umzusehen.« Er lachte leise. »Vor allem solche wie Magnus und Antonius.«
   »Deine Brüder?«
   Er nickte.
   Lena runzelte die Stirn. »Sind das nicht lateinische Namen?«
   »Ja. Mein Vater hatte eine Vorliebe für alles Lateinische. Er hat die Namen für uns ausgesucht. Magnus, Antonius und Caius.«
   Sie bemühte sich, ein Kichern zu unterdrücken. »Caius?«
   Er hob indigniert eine Augenbraue.
   Sie räusperte sich. »Ist Cay gar nicht dein richtiger Name?«
   »Für mich schon. Niemand hat mich je Caius genannt. Niemand, außer …« Entsetzen schimmerte in seinen Augen, aber es verschwand so schnell, dass sie sich nicht sicher war, ob sie es sich vielleicht nur eingebildet hatte. »Meine Mutter hasste den Namen. Sie hat ihn abgekürzt und dabei ist es geblieben.«
   »Du hast den Namen behalten, den deine Mutter dir gegeben hat? Freiwillig? Nach allem, was …« Sie legte sich die Hand vor den Mund. »Entschuldige.« Warum hatte sie das gesagt? Bestimmt würde er jetzt nicht weiter erzählen.
   Sie spürte, wie sich sein Arm verspannte. Einen Moment befürchtete sie, er würde sie wegschieben, aber er hielt sie weiter fest an seine Brust gedrückt. Als er sprach, klang seine Stimme belegt. »Sie war nicht immer so. Was passiert ist, war nicht ihre Schuld.«
   Lena unterdrückte ein Schnauben. Nicht die Schuld seiner Mutter? Auf dem Bild sah sie aus, als hätte sie genau das bekommen, was sie gewollt hatte. Lena brannte darauf, ihn danach zu fragen, öffnete schon den Mund und überlegte es sich anders. Nachzubohren würde bewirken, dass er sich wieder ganz verschloss. Es war nicht wichtig, worüber er redete, solange er nicht aufhörte. »Tut mir leid. Ich wollte nicht … Bitte erzähl mir mehr über sie. Von vorher, meine ich.«
   Cay schüttelte den Kopf. »Nein.«
   Lena fluchte innerlich. Es war das erste Mal, dass er ihr etwas von sich erzählt hatte. Freiwillig. Und sie hatte den Moment ruiniert. Trotzdem konnte sie sich einfach nicht zurückhalten. »Vielleicht würde reden es einfacher machen«, sagte sie vorsichtig.
   »Nein.« Ein düsterer Ausdruck legte sich über sein Gesicht. »Wenn ich dir alles erzählen würde, würde es das schlimmer machen.«
   Lena erstarrte. Das Atmen fiel ihr plötzlich schwer. Glaubte er das wirklich? Vertraute er ihr wirklich so wenig? »Wie du meinst«, sagte sie tonlos. Hoffentlich hörte er das Schwanken in ihrer Stimme nicht und merkte nicht, wie sehr seine Worte sie getroffen hatten. Sie wollte sich abwenden, als er sie am Arm packte. Er hatte es also doch gemerkt.
   »Warte. Lass es mich erklären.« Er schwieg kurz, als müsste er sich zurechtlegen, was er sagen wollte. »Was damals passiert ist, ist für mich immer noch viel zu nah. Vielleicht würde es wirklich helfen, darüber zu reden. Aber ich …« Seine Stimme verebbte. Er holte tief Luft, bevor er weitersprach. »Wenn ich es dir erzähle, müsste ich alles noch einmal erleben.«
   Natürlich. So hatte sie es noch nie gesehen. Er wollte nichts erzählen, weil er nicht daran erinnert werden wollte. »Sag mir eins. Dass du den Fluch so unbedingt brechen willst, hat es mit deiner Familie zu tun?«
   Schmerz zuckte über sein Gesicht, so kurz und heftig, dass Lena zusammenfuhr.
   »Warum willst du das wissen?«
   »Weil ich sehe, wie sehr es dir zu schaffen macht. Weil ich will, dass du verstehst, dass du das nicht für mich tun musst.«
   »Doch, das muss ich.«
   »Warum?«, fragte sie leise. »Warum muss es unbedingt jetzt sein?«
   Der grimmige Ausdruck verschwand aus seinem Gesicht. Er legte seine Hand auf ihre und streichelte über ihren Handrücken. »Irgendwann wirst du alles erfahren. Wenn ich sicher bin, dass ich ertragen kann, es zu erzählen, und wenn ich sicher bin, dass du ertragen kannst, es zu hören.«
   Sie sah auf. Ich kann es ertragen, für dich kann ich alles ertragen. Die Worte lagen ihr auf der Zunge, doch sie schwieg. Für ihn alles zu ertragen, bedeutete im Moment eben, sein Schweigen auszuhalten, bis er sich entschied, sich ihr anzuvertrauen. Egal, wie sehr die Neugier sie plagte, egal, wie sehr sie glaubte, dass sein Schweigen ihn mehr quälte als alles andere. Sie küsste ihn zärtlich auf den Mund. »Okay.«
   Anstatt etwas zu erwidern, vertiefte er den Kuss. Er nahm ihre Hände in seine, verschränkte seine Finger mit ihren und drückte sie gegen die Höhlenwand und in das Moos. Sofort sackte die Welt um sie herum weg. Diesmal war sie jedoch nicht allein. Diesmal gab es auch noch ihn. Sie und ihn, verbunden durch die Berührung ihrer Hände, und nichts anderes mehr. Die winzigen Fasern des Mooses legten sich um sie, streichelten ihren Hals, ihren Körper, ihre Kopfhaut. Alle Gedanken verstummten, außer denen, die mit Cay zu tun hatten. Mit seinen Lippen, die sanft ihre streiften, seinem Herz, dessen Rhythmus sie an ihrer Brust fühlen konnte, perfekt im Takt mit ihrem eigenen. Seine leisen Worte, die in ihrem Kopf Gestalt annahmen, noch bevor er sie aussprach.
   Während er sich an ihrer Jacke zu schaffen machte, sank sie langsam an der Wand entlang zu Boden. Nur seine Berührungen waren noch wichtig, sein Atem auf ihrer Haut, seine Lust, die sich in ihrem Körper widerspiegelte. »Du hattest recht«, flüsterte sie an seinen Lippen. »Wir haben doch eine sehr ähnliche Vorstellung von einer Belohnung.«

Kapitel 4

Einige Tage später übte Lena im Schlosshof, wie man einen Apfel auflöste und wieder zusammensetzte, wie Cay es ihr gezeigt hatte. Cay ging in den Stall und kam wenig später mit Athanor wieder heraus. Er wirkte abwesend, als stünde er vollkommen neben sich, und würdigte sie keines Blickes. Wahrscheinlich hatte er sie gar nicht bemerkt. Er stellte das Pferd vor den Stall, ohne es anzubinden, und legte ihm den Sattel auf. Sie ging zu ihm hinüber.
   »Reitest du aus?«, fragte sie vorsichtig. Sie konnte ihm ansehen, dass ihn etwas beschäftigte.
   Cay wandte sich zu ihr um. »Ja.« Seine Stirn war sturmumwölkt, sein Blick in die Ferne gerichtet, als ob er sie gar nicht richtig wahrnahm. »Willst du mitkommen?« Er lächelte, aber es wirkte angestrengt. Lena hätte am liebsten die Hand ausgestreckt und die steile Falte auf seiner Stirn geglättet. Das würde natürlich nichts ändern. Sie wusste überhaupt nicht, ob sie ihm helfen konnte. Wahrscheinlich war er mit seinen Forschungen nicht zufrieden.
   »Ja, gern.« Vielleicht würde er sich über ihre Gesellschaft freuen und ein bisschen Ablenkung würde ihr auch nicht schaden. Bevor sie mit den Äpfeln geübt hatte, hatte sie einen weiteren Vormittag mit der Arbeit an »In Memoria« verschwendet. Ohne Erfolg. Mit etwas Glück bekam sie bei einem Ausritt den Kopf für neue Ideen frei.
   Cay wandte sich wieder dem Pferd zu und schob den Sattel zurecht, während Lena in den Stall ging und Panacea herausholte.
   »Läuft es denn inzwischen etwas besser mit deinem Rezept?«, fragte Cay, während er sich nach vorn beugte, um unter Athanors Bauch hindurch nach dem Sattelgurt zu greifen.
   »Ein wenig. Ich habe die Kräuter nicht ganz so klein geschnitten, dadurch ist die Konsistenz etwas besser geworden. Jetzt muss ich nur noch den Geruch hinbekommen. Ich habe absolut keine Ahnung, was ich dabei falsch mache. Die Anweisungen in dem Buch sind wirklich sehr sparsam.«
   »Vielleicht setzt der Autor gewisse Dinge einfach voraus, die mit der Verarbeitung zusammenhängen und die du nicht wissen kannst. Ich glaube, in der Bibliothek gibt es ein Buch mit Grundlagen zur Verarbeitung von gewissen Kräutern.«
   »Hm.« Lena schob Panacea das Gebiss ins Maul. »Das könnte vielleicht helfen. Ich werde später mal nachschauen.« Vielleicht lag es wirklich daran, dass sie die Kräuter falsch vorbereitete und sie dadurch nicht mehr frisch genug waren, wenn sie sie verarbeitete. Dass sie selbst jetzt im Winter immer gut mit Kräutern versorgt war, verdankte sie Cay und seiner Magie. Alles konnte er zwar nicht bewerkstelligen, doch die Kräuter, die ohnehin hier wuchsen, trotz der falschen Jahreszeit wachsen zu lassen, war für ihn nicht sonderlich schwer. So konnte sie sie frisch verarbeiten. Vielleicht war das gerade der Fehler, vielleicht mussten die Kräuter vorher getrocknet werden? Im Rezept stand darüber jedenfalls nichts.
   Cay band Athanor los und führte ihn auf die Zugbrücke. Lena folgte ihm. Im Winter war das Holz der Zugbrücke so rutschig vom Schnee, dass sie die Pferde erst auf die Wiese führten, bevor sie aufstiegen.
   »Wie läuft es bei dir?«, fragte sie.
   Cay verzog das Gesicht. »Nicht gut.«
   »Tut mir leid.«
   »Ich dachte, ich hätte etwas entdeckt, aber …«
   »Ich könnte dir helfen«, bot sie zaghaft an, doch Cay schüttelte den Kopf, wie all die Male zuvor. Sie wusste nicht, warum er nicht wollte, dass sie ihn unterstützte, und überlegte kurz, ob sie darauf bestehen sollte. Sie entschied sich dagegen. Er wirkte nicht, als wäre er jetzt dafür zugänglich.
   Die Hufe der Pferde klapperten auf dem Holz der Zugbrücke, als sie neben ihnen her auf die Wiese gingen, wo Lena sich in den Sattel schwang. Schon lange brauchte sie dazu Cays Hilfe nicht mehr. Sie wartete, bis er ebenfalls aufgestiegen war, und sie trieben die Pferde in einen schnellen Schritt. Lena warf Cay einen Blick zu. Er hatte die Lippen zusammengepresst und starrte nach vorn. Es wirkte nicht, als würde er viel von seiner Umgebung mitbekommen. Er lenkte Athanor auf den Wasserfall zu, am Seeufer entlang, grob in die Richtung des schmiedeeisernen Tors.
   »Wo reiten wir hin?«, fragte Lena.
   Cay sah auf, es wirkte, als hätte er vergessen, dass sie da war, als hätte sie ihn aus einem tiefen Gedankengang gerissen. »In den Wald.«
   Lena konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Sehr spezifisch, danke.«
   Ein kleines Lächeln legte sich um Cays Mundwinkel. »Entschuldige. Ich möchte mir die Stelle noch einmal ansehen, wo der Fluch ausgesprochen wurde.« Er sprach nicht weiter, doch Lena wusste auch so, was er dachte: dass er diese Stelle in den letzten fünfhundert Jahren unzählige Male aufgesucht hatte, dass es noch nie zu einer Lösung geführt hatte und dass es auch jetzt aussichtslos war. Sie konnte die Hoffnungslosigkeit an seinem Gesicht ablesen.
   »Ist das denn wirklich so wichtig?«, fragte sie leise.
   Er wandte den Blick ab und starrte nach vorn, ohne ihr eine Antwort zu geben. Sein niedergeschlagener Gesichtsausdruck war Antwort genug.
   Es schnürte Lena die Kehle zu. Mühsam schluckte sie dagegen an. »Ich finde es nicht schlimm, wenn es nicht klappt.«
   Cay zügelte Athanor, bis er stehen blieb, und sah sie an. »Glaubst du etwa immer noch, dass deine Mutter den Fluch lösen wird?«
   Sie lachte bitter. »Nein. Glaube ich nicht.« Ihre Pflichten als Mitglied des Kreises gingen vor, das hatte ihre Mutter ziemlich deutlich gemacht. Die Hoffnung, dass sie ihre Meinung ändern würde, hatte Lena längst aufgegeben. »Ich meine, was ich gesagt habe. Ich finde es nicht schlimm.«
   »Vermisst du sie denn gar nicht?«
   Lena sah auf ihre Hände hinunter. »Doch, schrecklich.« Natürlich vermisste sie ihre Mutter und Mike. An manchen Tagen so sehr, dass sie es kaum aushielt. Sie hätte so gern die Chance gehabt, mit ihrer Mutter zu reden und alles geradezubiegen. Mike. Ihr Magen krampfte sich zusammen, wenn sie an ihn dachte. Sie vermisste ihn so unheimlich. Sein Lächeln, seine frechen Sprüche, seine tröstenden Worte. Sie hätte so gern noch einmal mit ihm gesprochen, ihm gesagt, wie dankbar sie war, dass er immer für sie da gewesen war und wie gern sie die Gelegenheit hätte, ihm eine bessere Freundin zu sein. »Ich wünschte, ich könnte wenigstens mit ihnen reden, irgendwie.« Anfangs hatte sie gehofft, dass vielleicht ihr Handy funktionieren würde, aber natürlich war das Unsinn.
   Cay schüttelte den Kopf. »Früher hatte ich Wendel, jetzt gibt es keine Möglichkeit mehr, Kontakt aufzunehmen.«
   So etwas hatte sie schon befürchtet, deswegen hatte sie bisher auch nie danach gefragt. »Wie hat es denn mit Wendel funktioniert? Könnten wir nicht zu irgendwem anders eine ähnliche Verbindung aufbauen?«
   »Nein. Wendel ist etwas ganz Besonderes. Er war schon lange vor mir hier auf dem Schloss, seine Seele war an diesen Ort gebunden. Niemand wusste, warum, auch er selbst nicht. Die Verbindung blieb bestehen, auch durch den Fluch hindurch. Ich konnte sie sehen, wie ein leuchtendes Band, und konnte mich sozusagen daran entlang tasten, um mit ihm Kontakt aufzunehmen.«
   »Jetzt hast du die Verbindung gelöst, also geht es nicht mehr.«
   Er nickte. »Selbst wenn.« Seine Finger schlossen sich fester um die Zügel. »Ich könnte ihm nicht mehr vertrauen. Vielleicht hätte ich das nie tun sollen.« Wut schwang in seinen Worten mit.
   Lena schwieg. Sie hatte Wendel nie vertraut und konnte nicht nachvollziehen, warum Cay es je getan hatte. Wahrscheinlich hatte er einen Grund dafür, aber sein Gesicht wirkte jetzt so abweisend, dass sie nicht weiter nachfragen wollte.
   Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenigstens mit Mike reden zu können. Das Bedürfnis, noch einmal seine Stimme zu hören, schmerzte in ihrer Brust. Nie wieder. Es war vorbei. Genauso wie alles andere, was ihr Leben ausgemacht hatte. In Momenten wie diesen wünschte sie sich nichts so sehr wie die Aufhebung des Fluchs. Sie stellte sich vor, dass ihre Mutter es tat, sah vor sich, wie es wäre. Sie könnte weiter hier auf dem Schloss leben, sie könnte mit Cay zusammen sein und trotzdem alles andere haben, was sie sich wünschte. Mike, das Stipendium und das Studium. Doch egal, wie sehr es wehtat, dass sie es nicht haben konnte, sie hatte ihre Entscheidung keinen einzigen Tag bereut. »Ich mag es, hier mit dir allein zu sein«, flüsterte sie. Es war so einfach, so unkompliziert. Nicht wie in den Wochen davor. Wenn er nur mehr Zeit mit ihr verbrächte, statt damit, den Fluch brechen zu wollen. Sie sagte es nicht. Wie konnte sie ihm vorwerfen, dass er versuchte, sie zu befreien?
   Der Ärger verschwand aus Cays Gesicht und wich etwas, das Lena noch mehr ins Herz schnitt. Verzweiflung. »Ich weiß.«
   »Warum tust du es dann?«
   Cay schüttelte knapp den Kopf. Er wandte sich ab und trieb Athanor an, bis er in einen schnellen Trab fiel. Lenas Stute hatte Mühe, Schritt zu halten. Athanor war viel größer und hatte wesentlich längere Beine. Sie trieb Panacea an, bis sie schließlich angaloppierte und wenigstens wieder etwas aufschloss. Erst, als es bergab ging, zügelte Cay seinen Hengst. Lena tat es ihm gleich und ließ die Stute ihre Schritte den schneebedeckten rutschigen Abhang hinunter selbst wählen. Bald erreichten sie den Wald unterhalb der Burg. Lena sah sich aufmerksam um. Irgendwo hier musste auch die Stelle mit den abgestorbenen Bäumen sein. Das tote Stück Wald, in das sich nicht einmal Insekten wagten. Bald entdeckte Lena tatsächlich den ersten düsteren Baum. Die Bäume um ihn herum waren jetzt im Winter genauso kahl und doch war an ihnen etwas anders. Ihre Leblosigkeit war nicht echt, sie war eine Folge der Kälte. Innerlich vibrierten sie vor Leben und Lena konnte es spüren. Der düstere Baum hingegen vibrierte nicht, als hätte etwas ihm all seine Energie entzogen. Trotzdem stand er noch, schwarz und kahl, ohne das geringste Zeichen von Verfall.
   »Müssten sie nicht verrotten?«, fragte Lena, während sie der Stelle immer näher kamen. Sie deutete auf die merkwürdig kahlen Bäume. »Sie wirken so tot.«
   Cay schüttelte den Kopf. »Sie sind nicht tot. Ihnen wird jegliche Energie sofort wieder entzogen. Was noch bleibt, reicht gerade so, damit sie nicht zusammenbrechen.«
   Lena zügelte ihre Stute unter den Bäumen und sah sich um. Die vollkommene Abwesenheit von Leben trieb ihr jedes Mal einen Schauder über den Rücken. »Was entzieht ihnen die Energie?« Noch während sie es fragte, wusste sie die Antwort schon. Der Grund, warum Cay hierhergekommen war. »Der Fluch«, hauchte sie.
   »Ja, der Fluch. Er wurde hier ausgesprochen, an diesem Ort.«
   »Kann man ihn sehen?«
   Cay nickte. »Wie alle anderen Zauber auch. Schließ die Augen. Lass die Landschaft vor deinem inneren Auge entstehen und fühle die Vibration der Energie um dich herum. Wenn du genau nachspürst, bemerkst du, wo die Energie verändert wurde, und wenn du es lange genug versuchst, kannst du es sehen.«
   Lena tat, was er gesagt hatte. Sie spürte nach, als ob sie die Energie nach Stellen abtastete, die sich anders anfühlten. Tatsächlich gelang es ihr, etwas zu finden, es wirkte wie eine Bildstörung, wie eine unscharfe Stelle. Sie versuchte, es noch besser zu erkennen, schließlich entglitt es ihr und sie öffnete die Augen.
   »Hast du es gesehen?«
   »Erahnt. Ich konnte es nicht richtig scharf stellen.«
   »Das lernst du noch, das ist reine Übungssache. Irgendwann sieht ein Zauber für dich aus wie ein leuchtendes Band, so anders als die natürliche Umgebung, so aufdringlich, dass du dich fragen wirst, wie du es jemals übersehen konntest. Ein versiegelter Zauber wie der Fluch bildet einen Ring ohne Anfang und Ende. Nur wer ihn gewirkt hat, kann ihn auch wieder auflösen.« Er nickte zu der Stelle, an der Lena den Fluch erahnt hatte. »Deine Mutter hat den Fluch versiegelt und an den Ort gebunden, damit die Energie nie versiegt. So muss sie den Zauber nicht mit ihrer eigenen Kraft speisen, und solange die Natur an dieser Stelle genug Energie bietet, ist der Zauber unendlich lange wirksam.«
   Der Zauber wurde aus der Natur gespeist? »Dann müsste man doch nur dafür sorgen, dass der Zauber keine Energie mehr bekommt.« Auf diese Idee war er sicher längst selbst gekommen.
   »Wie willst du das bewerkstelligen?«
   »Ich weiß nicht.« Sie zuckte mit den Achseln. »Die Stelle verbrennen?«
   Er deutete auf die Bäume um sich herum. »Sieh dich um, Leonora, sieh ganz genau hin. Fällt dir etwas auf?«
   Lena verengte die Augen. Was meinte er? Sie wollte gerade den Kopf schütteln, als sie es bemerkte. »Die Stelle ist größer geworden.« Ihr Herz sank, als ihr klar wurde, was das bedeutete.
   »Ja.« Er machte ein finsteres Gesicht. »Sie ist größer, weil Winter ist. Im Sommer, wenn die Pflanzen aktiver sind, reicht ein kleinerer Bereich, um dem Fluch genug Energie zu geben.«
   »Das bedeutet, dass er sich einfach die Energie woanders holt, dass sich die Stelle immer weiter ausbreitet, wenn man versucht, ihr Energie zu entziehen.«
   »Ja. Die Energiequelle zu zerstören, wäre die einzige Möglichkeit, einen versiegelten Zauber zu brechen, den man nicht selbst gewirkt hat. Doch in diesem Fall geht das nicht.«
   Niedergeschlagen betrachtete Lena die Bäume um sich herum. Ihre Vermutung war richtig gewesen. Er hatte schon vorher gewusst, dass es nichts bringen würde herzukommen.
   »Oder nein.« Er lachte freudlos. Es war ein schreckliches Geräusch voller Bitterkeit. Die Härchen in Lenas Nacken stellten sich auf. »In diesem Fall gibt es sogar einen dritten Weg.«
   Lena sah ihn an. »Du wirst ihn nicht gehen?«
   »Nein.«
   Sie traute sich kaum, zu fragen. »Warum nicht?«
   Er zog spöttisch eine Augenbraue hoch. »Weil ich dafür sterben müsste.«
   Lena schluckte schwer. »Ich verstehe.«
   »Nein.« Plötzlich war er wieder wütend. »Das verstehst du nicht. Der Fluch ist an mich gebunden. Wenn ich sterbe, fehlt ihm das wichtigste Element. Der Zauber würde aufbrechen und die ganze Energie, die den Fluch speist, die ganze Energie dieses Ortes, würde sich mit einem Schlag entladen.«
   Lena starrte ihn an. Warum verstörte ihn das so?
   »Verstehst du denn nicht? Wenn das passiert, würde alles, was sich im Wirkungskreis des Fluches befindet, dem Erdboden gleichgemacht. Das Schloss, der Wald. Alles wäre davon betroffen.« Er holte tief Luft. »Auch du.«
   Die Gedanken kreisten wild in ihrem Kopf. Die Vorstellung, dass alles, was jetzt ihr Zuhause war, plötzlich nicht mehr existierte, krallte sich eisig in ihren Magen. Auch sie selbst würde nicht mehr existieren. Hatte er deswegen nicht gewollt, dass sie mit ihm kam? Weil sein Tod auch ihr Todesurteil wäre? Aber wie sollte es jemals dazu kommen? »Dann ist es ja gut, dass du unsterblich bist«, flüsterte sie. »Denn so wird dieser Fall niemals eintreten.«
   Cay presste die Lippen zusammen und wandte das Gesicht ab. »Ja«, sagte er, ohne sie anzusehen. Er wendete Athanor. »Komm, lass uns zurückreiten. Es ist sinnlos, noch länger hierzubleiben.«
   Lena trieb ihre Stute neben ihn. »Warum ist das so wichtig für dich? Solange du lebst, bin ich doch in Sicherheit.«
   Wieder antwortete er lange nicht. Erst, als sie längst den Berg hinaufgeritten waren, setzte er zu einer Erklärung an. »Es gefällt mir einfach nicht, dass du auf diese Art von mir abhängig bist. Außerdem bin ich nicht unverwundbar.«
   Ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Er wollte sie schützen, sie in Sicherheit wissen, egal, was passierte. »Das kannst du nicht«, flüsterte sie. »Du kannst mich nicht vor allem beschützen, was passieren könnte. Selbst du kannst das nicht.«
   Sie sah, wie sich seine Hände in die Zügel krampften. Unwillig warf Athanor den Kopf.
   »Außerdem ist es viel wahrscheinlicher, dass ich vom Pferd falle und mir das Genick breche, als dass ich sterbe, weil der Fluch zusammenbricht.«
   Cay zuckte zusammen. »Verdammt, Leonora.« Er schloss die Augen und rieb sich über die Stirn. »Ich will jetzt nicht mehr darüber reden.«
   Natürlich. Es musste schmerzhafte Erinnerungen in ihm wecken, über so etwas zu sprechen. Vielleicht war es auch verständlich, dass er sie vor jeder noch so winzigen Gefahr schützen wollte. Er hatte mit einem Schlag seine gesamte Familie verloren. Sicher wollte er dafür sorgen, dass ihm so etwas nie wieder passierte.

Kapitel 5

Cay rieb mit einem Tuch über Athanors schwarzes Fell. Immer und immer wieder zog er große Kreise über Kruppe, Hals und Rücken, obwohl der Hengst längst nicht mehr dampfte.
   Wieder hatte er keinen Erfolg gehabt. Natürlich hatte er sich von diesem Ausflug auch nicht wirklich etwas erhofft. Er hatte einfach den Kopf freibekommen wollen, Abstand gewinnen von den Büchern, die keine Lösung boten. Auch die neuen Bücher, die er zusammen mit Leonora katalogisiert hatte, hatten ihn bisher nicht weitergebracht.
   Er presste das Tuch noch fester auf Athanors Rücken. Acht Monate nur noch. So wenig Zeit. Er musste einfach einen Weg finden. Er konnte nicht zulassen, dass ihr etwas zustieß. Der Gedanke, sie zu verlieren, war unerträglich. Nichts, was er versuchte, führte auch nur ansatzweise zu einer Lösung. Wie auch? In fast fünfhundert Jahren war es ihm nicht gelungen, einen Ausweg zu finden. Warum sollte er gerade jetzt darauf stoßen? »Verdammt!«
   Athanor zuckte zusammen und machte einen Satz zur Seite. Sofort murmelte Cay ein paar beruhigende Worte, während er seine Hand weiter über Athanors Fell kreisen ließ.
   »Ich glaube, du hast ihn genug trocken gerieben. Wenn du so weiter machst, schabst du noch ein Loch in sein Fell.«
   Cay ließ die Hand sinken und wandte sich um. Leonora stand hinter ihm und lächelte. Sie war ziemlich still geworden nach seiner Weigerung, ihr zu erklären, warum er den Fluch unbedingt lösen wollte. Er konnte ihr nicht erzählen, warum er so dringend einen Ausweg suchte. Vielleicht hatte er vorhin schon viel zu viel gesagt. Einen Augenblick lang hatte er sogar befürchtet, dass sie selbst darauf kommen würde, dass er nicht wirklich unsterblich war und wie real die Gefahr war, dass er sie mit sich in den Tod riss. In wenigen Monaten, wenn er keinen Ausweg fand.
   Er sah sie an und einen kurzen Moment überlegte er, es ihr einfach zu erzählen. Solange sie hier festsaßen, konnte Mathäus ihr nichts anhaben. Er presste die Lippen zusammen, als müsste er sich daran hindern, aus Versehen etwas preiszugeben. Er konnte es ihr nicht sagen. Niemals. Wenn sie es wusste und doch dem Fluch entkam, war sie in Lebensgefahr. Er erschauerte, als er daran dachte, was letztes Mal passiert war, als jemand die Wahrheit über Mathäus, Ekarius und ihn herausgefunden hatte. Mathäus würde sie nicht verschonen und Cay konnte sie nicht Tag und Nacht beschützen. Nicht vor ihm.
   Deswegen hatte er es bisher auch abgelehnt, sie helfen zu lassen. Er hatte Angst, dass sie dabei durch Zufall auf die Wahrheit stieß, auch wenn es ziemlich unwahrscheinlich war.
   »Du hast recht.« Er trat aus Athanors großer Box und schloss die Tür hinter sich. Der Hengst wieherte leise und streckte seinen Kopf über die Bretterwand. Cay griff in einen Eimer mit Äpfeln und hielt ihm einen hin. Während das Pferd genüsslich den Apfel zerkaute, rieb Cay dem Tier über den Kopf.
   Leonora trat neben ihn und klopfe Athanor sanft auf den Hals. »Weißt du, was ich mich schon die ganze Zeit frage?«
   Cay versteifte sich. Er war sich nicht sicher, ob er es hören wollte. Vor allem wollte er ihr nicht schon wieder sagen, dass er ihr nicht antworten konnte. »Nein.«
   »Wie du sie unsterblich gemacht hast. Es sind doch immer noch die gleichen Pferde, die schon damals hier waren, oder?«
   Erleichterung durchströmte ihn. Mit so einer Frage konnte er umgehen. »Ja.«
   »Brauchtest du dafür die Seelenenergie anderer Pferde?« Während sie es sagte, breitete sich ein bestürzter Ausdruck auf ihrem Gesicht aus. Wahrscheinlich wurde ihr gerade klar, was er dafür hätte tun müssen.
   Nicht zum ersten Mal wünschte er sich, sie wüsste nicht, wie er sich die Seelenenergie beschafft hatte. Sie behauptete, es ihm nicht vorzuhalten, doch er war sich nicht sicher, ob er das glauben sollte. Wie konnte sie einfach so beiseiteschieben, was er getan hatte? Wie konnte ihr das gelingen, wenn er es nicht mal selbst fertigbrachte?
   Nachdenklich betrachtete er sie. Sie war so voller Neugier. Immer mit einer Frage auf den Lippen, immer mit dem brennenden Verlangen, etwas Neues zu erfahren. Wie gut er sich an dieses Gefühl erinnerte und daran, all das mit jemandem teilen zu wollen. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, was passiert wäre, wenn sie damals schon da gewesen wäre. Vielleicht wäre sein Leben ganz anders verlaufen. Jeden Tag war er froh, dass sie bei ihm war, dass sie sich seinem Willen widersetzt hatte und einfach mitgekommen war. Er konnte sich ein Leben ohne ihr Lächeln gar nicht mehr vorstellen, ohne ihre Gesellschaft oder ihre Berührungen. Das Wissen, dass sie sterben würde, weil sie für ihn alles aufgegeben hatte, brachte ihn beinahe um den Verstand. Er konnte das einfach nicht zulassen. Der Fluch musste gelöst werden, egal, wie. Damit sie frei war. Frei von diesem Gefängnis, frei von der Gefahr, mit ihm zu sterben, und frei von ihm.
   »Cay? Die Pferde?«
   »O ja. Entschuldige.« Er zwang sich zu einem Lächeln. »Ich war in Gedanken.«
   »Das hab ich gemerkt. Wird wohl langsam zur Gewohnheit. Muss das Alter sein.« Leonoras Kichern vibrierte in ihm und brachte ihn einen Moment lang dazu, alles zu vergessen, was ihn beschäftigte.
   »Pass auf, was du sagst. Sonst muss ich dir hier und jetzt beweisen, dass die Jahre spurlos an mir vorübergegangen sind.« Er machte einen Schritt auf sie zu und ließ vielsagend seinen Blick an ihr entlang wandern.
   Sie hob abwehrend die Hände. »Bleib mir vom Leib!« Ein herausforderndes Glitzern schlich sich in ihre Augen. »Zumindest so lange, bis du mir erklärt hast, wie das mit den Pferden funktioniert.«
   Er hob die Augenbrauen. »Dann sollte ich mir wohl eine ziemlich kurze Erklärung ausdenken.«
   Sie lachte. »Hab nichts dagegen.«
   »Pferde unsterblich zu machen ist viel einfacher, als es bei Menschen zu tun. Ihre Leben kann man mit natürlicher Energie verlängern. Man muss sie mit einem versiegelten Zauber an einen Ort binden, aus dem sie Energie ziehen können. So, wie es auch bei dem Fluch funktioniert. Bei Menschen geht das nicht. Um ein Menschenleben über die natürliche Spanne hinaus zu verlängern, braucht man menschliche Seelenenergie.«
   Sie runzelte die Stirn. Das Lachen war mit einem Mal vollkommen von ihrem Gesicht verschwunden. »Willst du damit sagen, dass die Seelen von Tieren weniger komplex sind? Dass sie irgendwie schlechter sind als die von Menschen?«
   Cay betrachtete Athanor, seinen treuen Begleiter all die Jahrhunderte hindurch. »Wie könnten sie schlechter sein«, murmelte er. »Nein. Sie sind nur der Natur näher. Man könnte sagen, dass sich die Menschen zu weit von der Natur entfernt haben. Dass unsere Seelen zu unnatürlich sind.«
   Leonora sah ihn nachdenklich an. Schweigend, als ob die nächste Frage bereits in ihr Gestalt annahm. Die Frage, die der nächste logische Schritt war. Die Frage, vor der er sich Tag und Nacht fürchtete. Schon so oft hatte er geglaubt, dass sie sie stellen würde.
   Warum hast du es getan?
   Sie würde es nicht verstehen, niemals, und er konnte es ihr nicht sagen, obwohl er es sich manchmal wünschte. Er hatte keinen noblen Grund gehabt, keine gute Entschuldigung. Falls es die überhaupt gab, für das, was er getan hatte. Wenn sie je die Antwort erfuhr, würde sie es bereuen, bei ihm geblieben zu sein.
   Sie fragte auch dieses Mal nicht. Vielleicht hatte sie ebenso Angst vor der Antwort wie er.
   Gemeinsam verließen sie den Stall und betraten den Hof.
   »Was hast du jetzt vor?«, fragte sie.
   Er konnte ihr ansehen, wie sehr sie hoffte, dass er bei ihr bleiben würde. Auch ihm wäre das lieber gewesen, als sich wieder seinen Büchern zu widmen. Er hasste es, dass er so wenig Zeit mit ihr verbringen konnte, aber jede Minute, die er mit ihr zusammen war, verringerte die Chance, dass er eine Möglichkeit fand, sie zu retten.
   »Noch einmal die Bibliothek durchforsten, die neuen Bücher. Irgendwann finde ich vielleicht etwas.«
   »Okay, wenn du meinst. Vielleicht versuche ich es noch mal mit dem Rezept.« Die Enttäuschung in ihrer Stimme versetzte ihm einen Stich. Es musste ziemlich schwer für sie sein, all das zu ertragen. Seine Unruhe, seine Wut über seine Unfähigkeit, sie zu schützen, und dass er es ihr nicht einmal erklären konnte. Er ging zu ihr und nahm ihre Hand, hob sie an seine Lippen und küsste ihre Handfläche. »Tut mir leid, ich weiß, es ist nicht einfach.«
   Als sie zu ihm aufsah, schimmerten ihre Augen verräterisch. »Schon gut, ich verstehe, wie wichtig das für dich ist. Es macht mir nichts aus.« Ihr Lächeln wirkte bemüht. Sie war wirklich eine verdammt schlechte Lügnerin.
   Sie entzog ihm ihre Hand und wollte sich umdrehen.
   »Warte.« Er konnte diesen Ausdruck in ihren Augen einfach nicht ertragen. So wollte er sie nicht gehen lassen. »Lass mich dir helfen.« Später war immer noch genug Zeit, vergeblich die Bücher zu durchsuchen. Auf ein paar Stunden mehr oder weniger kam es nicht an – zumindest solange er nicht die leiseste Ahnung hatte, wie er den Fluch brechen konnte.
   »Wirklich?« Die Ungläubigkeit in ihrer Stimme schnitt ihm beinahe noch mehr ins Herz als ihre Enttäuschung zuvor. Hatte er sie wirklich so vernachlässigt? Obwohl er doch selbst nichts so sehr wollte, wie bei ihr zu sein? »Wirklich. Ich bin sicher, dass wir in der Bibliothek ein Buch finden, das dir weiterhilft.« Er wartete ihre Antwort nicht ab. Hand in Hand gingen sie auf das Portal zu. »Am besten erzählst du mir als Erstes, wofür das Rezept gut sein soll.«
   Sie lächelte zaghaft, als könnte sie immer noch nicht ganz glauben, dass er mit ihr kam. »Ich weiß es nicht genau. ‚In Memoria‘ steht darüber und es scheint, als wäre es dazu gedacht, Erinnerungen zurückzubringen, die man vergessen hat. Man muss das Zeug kauen und unter die Zunge schieben, aber bis jetzt hab ich noch nichts zustande gebracht, was ich mir in den Mund stecken möchte.« Sie lächelte schwach.
   Erleichtert, dass sie sich ablenken ließ, lächelte er zurück. »Das matschige schwarze Zeug, das ich letztens zu Gesicht bekommen habe, würde ich auch nicht unbedingt probieren.«
   Sie knuffte ihn in den Oberarm. »Ja, ja. Mach dich ruhig lustig.«
   In der Bibliothek angekommen holten sie mehrere Bände aus den Regalen und schleppten sie in sein Arbeitszimmer, damit Leonora sie in Ruhe begutachten konnte. Auf seinem schweren Holzschreibtisch lagen noch die Bücher, die er sich heute Nachmittag angesehen hatte. Die Spur, die er glaubte, gefunden zu haben, die jedoch im Sande verlaufen war. Er klappte die Bücher zusammen und schob sie beiseite. Ein Blatt Pergament rutschte vom Schreibtisch und landete vor Leonoras Füßen. Uraltes Pergament.
   Bevor er sich danach bücken konnte, hatte sie es schon in der Hand.
   Ihre Augen weiteten sich. »Du hast es aufgehoben?« Sie hielt es in den Händen wie einen Schatz, fuhr sanft mit einem Finger über die unregelmäßige Kante, wo das Blatt aus einem Buch herausgerissen worden war.
   »Ja. Nur dieses eine. Die anderen Porträts habe ich samt Buch vernichtet.« Er erwartete, dass sie den Seelenabdruck angewidert fallen lassen würde. Stattdessen betrachtete sie ihn ausgiebig. Er musste das Bild nicht ansehen, er kannte es so gut, er hätte es nachzeichnen können. Es war ein Porträt von ihr, während sie ihr Fahrrad abschloss. Vorsichtig fuhr sie mit den Fingern die Konturen ihres eigenen Gesichts nach, fast als würde sie etwas suchen. Sie ließ das Bild sinken, hob den Kopf und lächelte ihn an. »Ich fühle es, wenn ich es ansehe. Was du für mich empfindest.«
   Ihr Lächeln verursachte ein dumpfes Ziehen in seiner Magengrube. Sie war sich seiner Gefühle so sicher. Viel mehr als er selbst. Wenn er sie ansah, glaubte er, dass er mehr für sie empfand, als der Fluch ihm vorgab. So viel mehr. Aber wie konnte er es wissen? Er hatte keinerlei Vergleich, keine Möglichkeit zu sagen, wie es sich ohne Fluch anfühlen würde. So sehr er sich wünschte, endlich frei zu sein, so sehr fürchtete er den Moment, in dem sich herausstellen würde, ob seine Gefühle echt waren oder nicht.
   »Natürlich ist das nur der Fluch.«
   Er fuhr zusammen. »Wie bitte?«
   Sie lächelte. »Damals, meine ich. Du kanntest mich nicht, wie solltest du da mehr für mich empfinden, als was der Fluch dir vorgab. Ein Seelenabdruck zeigt, was du genau in diesem Moment empfunden hast, und nicht, was du jetzt empfindest, oder?«
   »Ja, das stimmt.«
   Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum. »Als ich das Bild zum ersten Mal gesehen habe, war das Gefühl trotzdem nicht so stark. Kann es sein, dass ich es stärker spüre, wenn ich das Bild anfasse?«
   »Ich denke schon.«
   »Aha.« Sie schluckte. »Ich bin froh, dass ich das andere Bild nie angefasst habe.«
   Das war er auch. Allein der Gedanke, dass sie es berühren könnte, dass sie vielleicht sehen würde, was er gesehen hatte, fühlen, was er gefühlt hatte, den Schrecken, die Angst und alles andere, brachte ihn beinahe dazu, ihr zu verbieten, jemals wieder dorthin zu gehen. Aber er hatte ihr immer gesagt, dass ihr nichts im Schloss verschlossen war und dass sie sich frei bewegen durfte. Das wollte er nicht zurücknehmen. Außerdem sah sie wirklich nicht aus, als hätte sie Lust, das Bild zu berühren. Eher, als ob sie in Zukunft einen noch größeren Bogen um das Zimmer machen würde, in dem es zu finden war.
   In den Händen hielt sie immer noch das Porträt. Er sah, wie ihr Blick darauf fiel und sie den Arm bewegte, um es wegzulegen. Bevor das Pergament den Tisch berührte, hielt sie inne, zog die Nase kraus und betrachtete es noch einmal ganz genau. »Warte mal. Von wann ist das?«
   »Es ist der Moment, in dem ich dich zum ersten Mal gesehen habe.« Diesen Moment hatte er bei jedem der Mädchen in einen Seelenabdruck gebannt, in das Buch, das es jetzt nicht mehr gab.
   Sie runzelte die Stirn. »Ich dachte, das wäre in der Stadt gewesen.«
   »Viel zu riskant. Ich musste dich zuerst allein sehen, vor allen anderen. Sonst hätte der Fluch …«
   Sie schüttelte den Kopf und unterbrach ihn. »Ich erinnere mich. Ich habe mich beobachtet gefühlt, damals auf dem Friedhof. Ich weiß es noch genau. Hatte Mike also doch recht? Das warst du?«
   »Ja, das war ich.«
   Sie presste die Lippen aufeinander. »Wann noch? Wann hast du mich noch beobachtet?«
   »Danach nicht mehr. Nur dieses eine Mal und danach in der Stadt. Warum?«
   »Ich weiß nicht. Damals im Wald, als du mich allein gelassen hast, da habe ich mich auch beobachtet gefühlt. Du warst nicht da, nur dieser grauenhafte Schatten, und dann du wie aus dem Nichts.«
   »Leonora …«
   »Ich weiß, dass du es nicht warst«, unterbrach sie ihn. »Genauso wie ich weiß, dass du es nicht warst, der vor meinem Fenster war und mich beobachtet hat.«
   Er sah ihr an, dass sie es so meinte. Sie war sich wirklich vollkommen sicher, dass er damit nichts zu tun hatte. Wie sehr sie ihm vertraute, schnürte ihm beinahe die Kehle zu. Wieso war sie sich so sicher, dass er ihr Vertrauen verdiente?
   »Es muss Wendel gewesen sein, der mich beobachtet hat. Er hat es ja auch zugegeben. Er war es, der alles eingefädelt hat. Er hat sogar einen Zettel geschrieben, damit ich zum Schloss komme und er mich dem Tatzelwurm zum Fraß vorwerfen kann. Dafür musste er mich beobachten, das ist völlig logisch. Es ist nur … da passt so vieles einfach nicht zusammen. Der Schatten im Wald war viel zu groß. Der Tatzelwurm … hätte Wendel überhaupt genug Macht, ihm etwas zu befehlen?« Sie sah zu ihm auf. »Du hast doch gesagt, dass du der Einzige bist, der ihn beherrschen kann. Ich hab einfach das Gefühl, dass da was nicht stimmt.«
   In ihrem Blick lag dieses Flehen, das er schon kannte. Die Bitte, ihr zu widersprechen, ihr zu sagen, dass sie sich irrte und dass die Sache ein für alle Mal erledigt war. Aber er hatte sich geschworen, sie nicht mehr anzulügen. Nicht, wenn es nicht absolut nötig war.
   »Ja. Das geht mir genauso.« Seit jener Nacht, in der Wendel zugegeben hatte, für die Anschläge verantwortlich zu sein, hatte er das Gefühl, dass irgendetwas daran nicht ganz richtig war. »Wendel konnte den Tatzelwurm bis zu einem gewissen Grad bändigen, besser als irgendjemand sonst«, murmelte er. Das war es nicht, was ihn an der ganzen Sache störte. Er bekam es nicht zu fassen, egal, wie oft er die Ereignisse in seinem Kopf durchspielte. Die Antwort entglitt ihm sogar immer mehr, je öfter er darüber nachdachte. Außerdem gab es Wichtigeres, über das er sich den Kopf zerbrechen musste, deswegen hatte er nicht ganz so viel Zeit darauf verwendet, wie er es sonst vielleicht getan hätte.
   »Es spielt keine Rolle mehr. Was immer es war, es kann dir hier nichts anhaben.«
   Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, eine Berührung, die zuerst nur dazu gedacht war, sie zu beruhigen. Aber ihre Haut war so verführerisch weich, so wunderbar warm unter seinen Fingern. Langsam ließ er seine Fingerspitzen über ihre Wange wandern und streichelte sanft an ihrem Hals entlang nach unten. Sie schloss die Augen und öffnete ganz leicht den Mund. Es war eine Einladung, der er nicht widerstehen konnte. Er senkte seinen Mund auf ihren, küsste sie, bis ihr Körper weich wurde und sich an ihn schmiegte. Er liebte es, wenn sie sich ihm so vollkommen überließ.
   In Momenten wie diesen wünschte er sich, es könnte einfach alles so bleiben. So von der Welt abgeschlossen zu sein war unnatürlich und falsch. Dennoch war es näher an einem normalen Leben als alles, was er je gehabt hatte. Mehr als alles, was er je für möglich gehalten hatte. Weil sie bei ihm war. Er wünschte sich, der Fluch könnte intakt bleiben und sie beide vor allem schützen, was da draußen auf sie wartete. Natürlich war das unmöglich. Nichts da draußen konnte gefährlicher sein, als hier drinnen zu warten, bis seine Zeit ablief.
   Seine Zeit und ihre.

Kapitel 6

»Ha! Endlich!« Lena sprang auf und wich ein Stück zurück, um sich ihr Werk von weiter weg anzusehen. Zufrieden lächelte sie die
   bröcklige grüne Mischung im Glas an, beugte sich vor und fächelte sich die Luft über dem Glas zu, um noch einmal den fruchtigen Geruch einzuatmen. »Perfekt!«
   Unwillkürlich wandte sie sich um, doch Cay war längst fort. Sie kämpfte die leichte Enttäuschung nieder, die sich in ihr breitmachen wollte. Er hatte ihr bei der Suche nach den Büchern geholfen, mit ihr zusammen ein brauchbares gefunden, alles in ihr Labor gebracht und sich danach wieder seinen eigenen Versuchen zugewandt. Das war in Ordnung, sie konnte nicht erwarten, dass er die ganze Zeit hinter ihr stand und ihr zusah. Trotzdem hätte sie diesen Erfolg gern mit ihm geteilt. Kurz überlegte sie, einfach nach ihm zu suchen und ihm davon zu erzählen. Allerdings wusste sie ja noch gar nicht, ob die Mischung auch ihren Dienst tat. Am Ende störte sie ihn bei irgendetwas, nur um festzustellen, dass sie ihr Ziel doch noch nicht erreicht hatte.
   Sie nahm das Glas mit der Mischung vom Dreifuß und stellte es zum Abkühlen auf das Fensterbrett. Sobald die Mischung kalt genug war, wollte sie sie testen.
   Während sie wartete, sah sie hinaus, zum Wasserfall und daran vorbei über den Wald hinweg. Schon mehrmals hatte sie versucht, hinter den Bäumen einen Hauch ihres alten Lebens zu entdecken. Einen Kirchturm, der sich in der Ferne abzeichnete, oder ein hohes Gebäude. Den Dunst einer Stadt oder die Lichter eines Flugzeugs am Himmel. Es gelang ihr nicht. Die Umgebung war noch da, das Schloss trieb nicht auf einer Scholle im leeren Raum. Trotzdem war es unmöglich, über die unsichtbare Grenze hinaus etwas zu erkennen. Es war, als rutschten ihre Augen davon ab, als wollten sie nicht sehen, was außerhalb lag.
   Lena seufzte und wandte sich ab. Es wäre schön gewesen, sie wenigstens sehen zu können. Zu wissen, dass die Welt, in der sie immer gelebt hatte, noch existierte. Dass sie noch existierten. Ihre Mutter und Mike. Vor allem Mike.
   Ihre Augen brannten. Ob es ihm gut ging? Wie gern sie mit ihm geredet hätte. Ihm zugehört, ihn wenigstens angesehen. So blieben ihr nur die Erinnerungen an die gemeinsamen Jahre. Sie fragte sich, wie viel sie vergessen hatte von ihrer gemeinsamen Kindheit mit Mike. Unzählige schöne Momente, von denen sie vielleicht gar nichts mehr wusste. Nicht nur mit Mike, sondern auch mit Gromi. Jetzt, da sie hier eingesperrt war und keine neuen Momente mit ihnen erleben konnte, wollte sie sich mit »In Memoria« wenigstens so viele wie möglich von den alten wiederbeschaffen.
   Sie betrachtete das Glas und tippte es vorsichtig mit einer Fingerspitze an. »Fast kalt genug«, murmelte sie.
   Sie hob die Arme und nestelte an dem Tuch ihrer Großmutter herum, das sie immer noch oft trug, weil es für sie ein Stück Zuhause war. Sie löste es aus ihren Haaren und legte es vor sich auf den Tisch. Mit einem Löffel holte sie eine kleine Portion der bröckligen grünen Mischung aus dem Glas. Sie hatte keine Ahnung, wie es funktionierte, nur dass sie es kauen und unter die Zunge schieben musste. Wie sie an die Erinnerungen herankam, war nicht beschrieben. Cay hatte ihr erklärt, dass Zauber dieser Art meistens mit Gegenständen der betreffenden Personen funktionierten. Sie würde es mit dem Tuch ihrer Großmutter testen.
   Lena betrachtete noch einmal die Mischung auf dem Löffel, roch noch einmal daran. Immer noch fruchtig. Immer noch dunkelgrün. Alles, wie es sein sollte. Trotzdem zögerte sie, bevor sie sich den Löffel in den Mund schob. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, es in Cays Gegenwart auszuprobieren, falls sie sich aus Versehen vergiftete. Sie zuckte mit den Schultern. Jetzt war es zu spät. Sie spürte die Masse schon an ihrem Gaumen und auf ihrer Zunge. Leicht bitter, aber nicht allzu unangenehm. Nachdem sie sie kurz durchgekaut hatte, schob sie sich die Masse unter die Zunge. Ein Gefühl der Leichtigkeit durchströmte sie und machte sie schwindlig, als hätte sie ein Glas Sekt zu schnell geleert.
   »Gehen wir es an.« Sie atmete tief durch und berührte das Tuch ihrer Großmutter.
   Sie schwankte und einen Moment gaben ihre Knie nach. Doch sie hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. Ihre Sicht war seltsam verschwommen. Kurz kniff sie die Augen zusammen und öffnete sie wieder. Immer noch verschwommen. In ihren Händen hielt sie das Tuch, so viel konnte sie erkennen. Ihre Fingerspitzen strichen sanft darüber, anschließend legte sie es zusammen mit dem kleinen, ledergebundenen Buch in die Holztruhe, die sie ihrer Enkelin geben wollte. Warum wirkte alles so unscharf? Sie fuhr sich über die Augen und spürte Feuchtigkeit auf ihrem Handrücken. Tränen. Deshalb konnte sie nicht richtig sehen. »Werd nicht sentimental, altes Mädchen, das ist auch kein Ausweg.«
   Sie ließ das Tuch in die Truhe fallen. In dem Moment, als sie es losließ, drehte sich alles um sie und ihr wurde schwarz vor Augen.
   Lena keuchte. Sie krallte sich mit den Händen in den Labortisch, um nicht umzukippen. Was war gerade passiert? Ihr Blick zuckte zu dem rosa Tuch. Es lag unschuldig auf der Tischplatte. Ihre kleine hölzerne Truhe war weit und breit nicht zu sehen. Natürlich nicht. Sie hatte sie nicht mitnehmen können, sie war noch in ihrem alten Zimmer im Haus ihrer Mutter. Warum hatte sie geglaubt, eine Enkelin zu haben? Hatte sie in ihre Zukunft gesehen? Bedeutete das etwa, dass sie und Cay irgendwann Kinder haben würden? Sie hatte noch nie darüber nachgedacht, ob sie das überhaupt wollte. Schließlich wären die Kinder auch zu einem Leben in Gefangenschaft verdammt. Trotzdem löste der Gedanke ein warmes Sehnen in ihr aus.
   »Verdammt, reiß dich zusammen.« Sie schüttelte den Kopf, als könnte ihr das helfen, sich zu konzentrieren.
   Nein. Es konnte kein Blick in ihre Zukunft sein. Die Mischung hatte etwas mit Erinnerungen zu tun. Das ließ nur einen Schluss zu. Sie war in den Kopf ihrer Großmutter geschlüpft und hatte zugesehen, wie sie die kleine Truhe vorbereitet hatte, um sie ihr, Lena, zu übergeben. Ihre Augen wurden feucht. »Gromi«, flüsterte sie.
   Vielleicht konnte sie noch mehr von ihr sehen. Erinnerungen wie diese, Erinnerungen, die gar nicht ihre eigenen waren, sondern in irgendwelchen Gegenständen ruhten. Aufregung durchfuhr sie. Das war noch viel besser als das, was sie zuerst geglaubt hatte. Sie bekam so viel mehr als verloren geglaubte Erinnerungen, die sie tief in ihrem Inneren verwahrte. Sie konnte neue Erinnerungen sammeln. Es war, als könnte ihre Gromi ihr auch nach ihrem Tod noch von sich erzählen.
   Was lag noch in dem Tuch verborgen? Welche anderen Momente aus Gromis Leben konnte sie noch entdecken? Sie berührte es noch einmal und durchlebte dieselbe Szene erneut, und dann ein drittes Mal. Enttäuscht ließ sie das Tuch fallen. Das Tuch zeigte ihr immer nur dieselbe Szene. Außer dem Notizbuch hatte sie nichts anderes von Gromi mitgenommen. Lena presste die Lippen zusammen. Zwei neue Erinnerungen, das war alles, was sie bekommen konnte.
   Sie versuchte, die Enttäuschung zu verdrängen, die ihr die Kehle zuschnürte. Immerhin wusste sie jetzt, dass es funktionierte. Sie konnte es Cay vorführen. Vielleicht hatte er ja auch Erinnerungsstücke, denen er die Erinnerung entlocken wollte, die darin steckte. Sie füllte die Kräutermischung in mehrere Phiolen ab, stöpselte sie zu, steckte zwei davon ein, räumte das Labor auf und verließ das Turmzimmer.
   Viele Stufen später öffnete sie am Fuß des Turmes die schwere Holztür. Sofort sauste das Irrlicht auf sie zu und setzte sich auf ihre Schulter. Lena durchfuhr ein gleißender Blitz und ihre Knie wurden weich. Genauso wie vorhin, als sie das Tuch berührt hatte. Sie erwartete, dass sich ihre Umgebung stabilisieren würde, dass sie eine Erinnerung sehen würde. Stattdessen sah sie Farben, Schlieren und Tupfen, die um sie herumtanzten, zu schnell, um sie richtig wahrzunehmen.
   Alles drehte sich um sie. Sie fasste sich an die Stirn und stützte sich an die Mauer des Turms, bis sie ihr Gleichgewicht wiederfand. Mit der anderen Hand umklammerte sie die Phiole mit der Kräutermischung.
   »Du meine Güte«, keuchte sie.
   Das Irrlicht schwebte vor ihrem Gesicht und piepste aufgeregt. »Schon gut, alles in Ordnung. Ich weiß nicht …« Das Irrlicht. Es hatte sie berührt. Sie hatte die Welt durch seine Augen gesehen, für einen winzigen Moment.
   Sie betrachtete das kleine Wesen, das zu einem lieben Gefährten geworden war. »Fühlt sich das für dich immer so an? So verschwommen und farbig?« Sie räusperte sich. »Irgendwie psychedelisch. Wie ein Film aus den Siebzigern.«
   Natürlich antwortete es nicht. Es war nicht möglich, mit ihm zu reden, obwohl es ihr manchmal das Gefühl gab, alles zu verstehen, was sie sagte.
   Der Wind heulte kalt um sie herum und zerrte an ihrem Pulli. Sie hatte ihre Jacke im Schloss vergessen. Zitternd schlang sie die Arme um sich. »Na komm. Schnell rein.« Es war inzwischen dunkel geworden und das Irrlicht war einer der wenigen Lichtflecken in der Nacht.
   Im Schloss schlug sie den Weg zu Cays Arbeitszimmer ein. Sie wollte ihm unbedingt sofort von ihrer Entdeckung erzählen. Was er wohl dazu sagen würde? Doch Cay war nicht in seinem Arbeitszimmer. Auch in der Bibliothek und in dem kleinen Büro war er nicht. Das konnte nur bedeuten, dass er sich in seinem Labor befand.
   Lena verzog das Gesicht. Wenn er dort war, wollte er meistens nicht gestört werden, was sie gut verstehen konnte, also musste sie wohl oder übel warten. Auf dem Weg in die Wohnung sah sie noch einmal in seinem Arbeitszimmer vorbei, aber er war immer noch nicht dort. Dafür fiel ihr im fahlen Mondschein etwas ins Auge. Der Seelenabdruck, ihr Porträt, lag auf der Tischplatte. Mit einer Handbewegung zündete sie die Kerze auf dem Schreibtisch an. Zum Glück gelang ihr das mittlerweile ziemlich leicht. Sie betrachte sich auf dem Bild. Es war der Moment, als Cay sie zum ersten Mal gesehen hatte. Wie wäre es, sich selbst durch seine Augen zu sehen? In genau dem Moment, als er sie kennengelernt hatte?
   Ohne lange darüber nachzudenken, nahm sie das Porträt in die Hand. Das Schwindelgefühl riss sie beinahe von den Füßen. Es war viel stärker als bei Gromis Tuch. Alles drehte sich um sie und ihr wurde schwarz vor Augen. Unerträgliche Hitze umgab sie.
   »Jetzt«, befahl Wendel.
   »Ist sie allein? Wirklich ganz allein? Sieh dich genau um.«
   »Ja. Sie ist vollkommen allein. Für den Moment.«
   Cay atmete tief durch und öffnete die Augen. Von diesem Augenblick hing alles ab. Es musste Leonora sein, die er als Erstes sah. Erleichterung durchfuhr ihn, als er sie erkannte. Wendel hatte ihm ein Bild gezeigt. Sie war es. Die Haare von undefinierbarer Farbe, ein wenig chaotisch hochgesteckt. Das Gesicht, das ihm merkwürdig bekannt vorkam, wahrscheinlich, weil er ihre Mutter schon viel öfter zu Gesicht bekommen hatte, als ihm lieb war.
   Leonoras Augen konnte er auf die Entfernung nicht erkennen, aber er wusste von dem Bild, dass sie blaugrau waren. Sie sah so gewöhnlich aus. Nichts deutete darauf hin, dass sie die Tochter einer mächtigen Magierin war. Gerade nahm sie das Fahrradschloss und bückte sich, um ihr Rad abzuschließen.
   Nachdem der Fluch ihn freigegeben hatte, war er sofort hierhergekommen. Dank Wendel hatte er es geschafft, sich genau zum richtigen Zeitpunkt hierher zu versetzen. Es war riskant gewesen, weil viele Leute unterwegs waren. Damit sein Plan funktionierte, musste Leonora die Erste sein, die er sah. Doch dort, wo ihr Fahrrad stand, war niemand außer ihr und er hatte nicht länger warten wollen. Er hatte keine Zeit zu verschwenden.
   »Du kannst gehen, Wendel«, flüsterte er.
   »Wie Ihr wünscht.« Mit seinen typischen, merkwürdig verdrehten Schritten verschwand Wendel im Wäldchen hinter dem Friedhof.
   Cay wandte sich wieder Leonora zu. Sie stand stockstill und hatte den Kopf gehoben, als ob sie lauschte, wandte sich um und suchte die Umgebung ab. Er fluchte leise und zog sich tiefer in die Schatten zurück. Hoffentlich hatte sie ihn nicht gesehen. So hatte er ihre erste Begegnung sicher nicht geplant. Sie schüttelte den Kopf und schloss ihr Fahrrad ab. Während er sie dabei beobachtete, wie sie mit einem anderen Mädchen redete und durch das Stadttor in den Ort verschwand, wartete er darauf, dass der Fluch seine Wirkung tat. Es geschah nie sofort. Es dauerte stets einige Minuten. Obwohl er sich sicher war, dass der Fluch bereits eingesetzt hatte, dass er ihm die Liebe zu Leonora aufzwingen würde, wie er es immer tat, wollte er sichergehen. Er wartete unter den Bäumen, bis er es spürte. Diesen leisen Sog, diesen Drang, bei ihr zu sein. Erst dann löste er sich aus dem Schatten der Bäume und folgte ihr in die Stadt. Als er in der überfüllten Fußgängerzone ankam, war Leonora nicht zu sehen.
   Wahrscheinlich war sie in einem der Läden verschwunden. Er würde warten, bis sie wieder herauskam, der Ort war klein genug. Wenig später sah er sie. Sie kam aus einem winzigen Laden, über dessen Tür »Drudenfuß« stand. Ein Laden für angeblich magische Gegenstände. Cay verzog das Gesicht und konzentrierte sich wieder auf Leonora. Sie besuchte noch ein paar weitere Läden und verabschiedete sich dann von ihrem Freund, der in Richtung Rathaus davon ging. Cay spürte einen kurzen Anflug von Ärger. Oder war es Eifersucht? Jetzt schon? Wenn das wirklich ihr Freund war, würde er dafür sorgen müssen, dass er ihm nicht in die Quere kommen konnte.
   Leonora wollte wohl zu ihrem Fahrrad zurück, denn sie ging wieder auf das Stadttor zu, durch das sie die Fußgängerzone betreten hatte.
   Plötzlich blieb sie stehen, erstarrte mitten im Schritt und drehte sich ganz langsam um. Sie musste ihn bemerkt haben. Offensichtlich hatte sie doch etwas von der magischen Begabung ihrer Mutter geerbt. Jetzt sah sie ihn an.
   Er zog die Augenbrauen zusammen. Hoffentlich gab das keinen Ärger. Wendel hatte nichts davon gesagt, dass ihre Mutter sie unterrichtete, wissen konnte er es allerdings nicht. Wenn sie Magie beherrschte, konnte das seinen Plan in Gefahr bringen, falls sie spürte, dass er keine guten Absichten verfolgte. Sie starrte ihn immer noch an. Ein Lächeln konnte sicher nicht schaden. Er hob die Mundwinkel.
   Sie hatte es wohl bemerkt, denn sie machte ein paar Schritte auf ihn zu. Irgendwie gefiel ihm das. Ob sie ihn wohl von sich aus ansprechen würde? Das würde einiges leichter machen. Während sie sich ihm näherte, betrachtete er sie noch einmal. Wie hatte er sie je für gewöhnlich halten können? Ihre Haare schimmerten sanft und ihre Augen strahlten. Er hätte sie gern lächeln sehen. Sicher sah es bezaubernd aus.
   Cay hob spöttisch eine Augenbraue. Nicht zu fassen, wie schnell es ging. Der Fluch leistete wirklich ganze Arbeit.
   Leonora blieb stehen. Sie runzelte die Stirn, betrachtete ihn nachdenklich und warf ihm einen Blick zu, der hätte töten können. Was war plötzlich in sie gefahren? Ohne ihn noch einmal anzusehen, drehte sie sich um und stapfte davon.
   Lenas Knie gaben unter ihr nach und sie fühlte sie hart auf dem Boden aufschlagen. Sie stöhnte auf und rieb sich die Kniescheiben.
   »Okay, nächstes Mal im Sitzen«, murmelte sie.
   Sie war noch ganz benommen von der Szene, die sie gesehen hatte. Nein, sie hatte sie nicht gesehen. Sie war auch nicht in Cays Körper geschlüpft. Sie hatte nicht durch seine Augen gesehen.
   Sie war Cay gewesen. Sie hatte seine Gefühle gefühlt und seine Gedanken gedacht, so real, als ob die Szene gerade in diesem Moment passierte. Ganz anders, als die verschwommene Erinnerung, die sie durch das Tuch erlebt hatte. Vielleicht, weil es ein Seelenabdruck war. Ein Anflug von schlechtem Gewissen überkam sie. Es war nicht richtig gewesen, die Szene ohne seine Erlaubnis anzusehen. Aber sie hatte es nicht mit Absicht getan. Sicher würde er es ihr nicht übel nehmen.
   Zitternd betrachtete sie das Blatt, das ihr Porträt zeigte. Sie starrte sich ins Gesicht. Ein normales Gesicht. Es verletzte sie nicht, dass Cay sie zunächst für gewöhnlich gehalten hatte. Sie hatte ja schon länger gewusst, dass es anfangs nur der Fluch gewesen war, der seine Gefühle für sie hervorgerufen hatte. Außerdem glaubte sie auch nicht an Liebe auf den ersten Blick. Was sie selbst damals gespürt hatte, war sicher keine Liebe gewesen. Eher Faszination, oder vielleicht hatte der Fluch ja auch auf sie ein wenig eingewirkt. Wer wusste das schon.
   Immerhin wusste sie jetzt endlich, warum er damals die Augenbraue hochgezogen hatte. Damals hatte sie es für Spott gehalten, für Arroganz vielleicht sogar. Jetzt konnte sie sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie sich an seine Beschreibung erinnerte. Schimmernde Haare, strahlende Augen und ein bezauberndes Lächeln. Sie wusste jetzt schon, dass sie ihn bei nächster Gelegenheit damit aufziehen würde.
   Sie rappelte sich auf und legte das Bild auf den Schreibtisch. Die Kräutermischung warf sie in den Müll, die Phiole mit dem unbenutzten Rest schob sie in ihre Hosentasche. Sie machte sich auf den Weg in die Wohnung.
   Die stille Dunkelheit, die hier herrschte, wirkte leer und abweisend. Er war nicht da, das war deutlich. Ihre Hand lag schon auf dem Lichtschalter. Dumpfe Einsamkeit krallte sich in ihren Magen. In letzter Zeit war sie viel zu oft von ihm getrennt gewesen. Sie hatte das Warten satt. Entschlossen drehte sie sich um und verließ die Wohnung. Ihre Erfahrungen mit »In Memoria« waren sicher Grund genug, um ihn in seinem Labor aufzusuchen.

Kapitel 7

Durch eine kleine Tür, die sich unauffällig in einer Ecke der großen Halle versteckte, erreichte Lena die Wendeltreppe nach unten. Sie stieg die Stufen in den Keller der Burg hinunter, wo sich Cays Labor befand. Ein langer, feuchter Gang mit Fackeln an den Wänden führte zu einer schweren Holztür. Sie blieb davor stehen und legte zögerlich die Hand auf die Klinke. Es würde ihm wahrscheinlich nicht gefallen, gestört zu werden. Andererseits hatte er es bei ihr schon oft genug getan. Gleiches Recht für alle. Sie verzog die Lippen zu einem Lächeln. Ja, es war höchste Zeit, sich zu revanchieren. Schade, dass sie nicht einfach aus dem Nichts hinter ihm auftauchen konnte, wie er es tat. Behutsam drückte sie die Klinke herunter und hoffte, dass die Tür nicht knarrte. Sie wollte ihn überraschen, und sie wollte auch sichergehen, dass er nicht gerade hoch konzentriert an etwas arbeitete. In so einem Fall würde sie ihn lieber nicht stören und ihren Plan auf ein andermal verschieben. Vorsichtig schob sie den Kopf durch den Spalt und warf einen Blick in den Raum. Auch hier hingen Fackeln an den Wänden, trotzdem wurde das Gewölbe von elektrischen Lampen erleuchtet. Zwar bevorzugte Cay das Licht der Fackeln, für wissenschaftliches Arbeiten war der flackernde Schein der Flammen allerdings weniger gut geeignet.
   Lena betrat das Kellergewölbe und schloss leise die Tür. Kurz fragte sie sich, warum sie keine Erinnerung sah, wenn sie Türklinken oder Lichtschalter berührte. Selbst wenn die Wirkung von »In Memoria« inzwischen verflogen war, hätte sie nicht vorhin etwas sehen müssen, als sie den Turm verlassen oder die Tür zu Cays Arbeitszimmer angefasst hatte? Vielleicht steckten in solchen Gebrauchsgegenständen zu viele Erinnerungen von viel zu vielen verschiedenen Menschen, sodass der Zauber darauf nicht ansprang. Sie drehte den Gedanken im Kopf hin und her, während sie tiefer in Cays Labor vordrang. Es war viel größer als ihres und erstreckte sich über mehrere kleine Kellerräume, die durch Bogengänge verbunden waren. Er hatte ihr angeboten, ihr ein ebenso großes Labor einzurichten, das wäre natürlich im Turmzimmer nicht möglich gewesen und dort fühlte sie sich einfach wohler als hier unten. Sie suchte den Raum nach ihm ab, doch er war nirgends zu entdecken. Vorsichtig schob sie sich durch die Tür.
   Im Gegensatz zum Gang roch die Luft hier drinnen nicht modrig. Vielleicht hatte Cay mit einem Zauber dafür gesorgt. Lena ging zwischen mehreren Tischen hindurch. Letztes Mal, als sie hier unten gewesen war, waren überall Versuche aufgebaut gewesen, jetzt waren die Tische leer und verwaist. In regelmäßigen Abständen gab es Regale und Schränke voller Fläschchen, Schachteln und Gläser. Von Cay keine Spur. Er musste hier sein, sonst würde kein Licht brennen. Sie trat durch einen weiteren Bogen in den nächsten Raum und weiter in den nächsten. Manchmal führte der Bogengang nach links oder rechts, was dem Ganzen Ähnlichkeit mit einem Labyrinth verschaffte.
   Bilder stiegen vor ihrem inneren Auge auf, Erinnerungen an die Höhlen, in denen sie sich verirrt hatte. Rauer Fels unter wunden Fingerspitzen, tropfendes Wasser in der Dunkelheit. Das erstickende Gefühl von Ausweglosigkeit. Unwillkürlich sah sich Lena nach dem Irrlicht um. Es schwebte eine Winzigkeit über ihrer Schulter, ohne sie zu berühren. Erleichtert lächelte sie ihm zu. Sie befand sich nicht in den Höhlen, nur in Cays Labor. Hier war sie schon oft genug gewesen. Sie atmete tief durch. Warum wirkte es heute so unheimlich? Vielleicht war es die unnatürliche Stille.
   Sie betrat einen weiteren Raum, den vorletzten. Danach kam noch ein kleines Schreibzimmer. Cay musste dort sein, denn der Raum, in dem sie sich gerade befand, war ebenfalls leer. Vollkommen leer. Keine Regale, keine Tische, nichts. Es war der Raum, in dem Cay neue Zauber ausprobierte. Durch den Bogengang, der in das Schreibzimmer führte, fiel flackernder Feuerschein. Er musste einfach dort sein. Vorsichtig näherte sich Lena dem Durchgang und warf einen Blick um die Ecke.
   Cay saß an dem schweren Schreibtisch, der in der Mitte des Raums stand. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt, offensichtlich hatte er Lena noch nicht bemerkt. Die Ärmel seines schwarzen Hemdes hatte er hochgekrempelt, das Feuer, das im Kamin brannte, heizte den kleinen Raum ziemlich auf. Bücher stapelten sich überall um Cay herum, sogar auf dem Boden lagen welche. Alte in Leder gebundene Bücher sowie neue, die sie als solche erkannte, die sie zusammen mit ihm katalogisiert hatte. Aufgeschlagen, als hätte er sie mitten im Satz liegen lassen, um in einem anderen Buch etwas nachzuschauen.
   Auch als sie mit leisen Schritten den Raum durchquerte, sah er nicht auf. Er wirkte vollkommen versunken in das Buch, das offen vor ihm auf einem Stapel anderer Bücher lag. Sie konnte hören, dass er etwas murmelte. Was es war, verstand sie allerdings nicht. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Immerhin war sie nicht die Einzige, die bei der Arbeit Selbstgespräche führte. Schließlich stand sie neben ihm und es wunderte sie, dass er sie immer noch nicht bemerkt hatte. Sie überlegte, ob sie ihn vorwarnen sollte, ihn einfach ansprechen. Ihr Blick fiel auf seine schwarzen Haare und sie konnte nicht widerstehen. Das konnte sie nie. Sanft strich sie ihm ein paar davon aus der Stirn. Sie fühlten sich weich an unter ihren Fingerspitzen. Cay zuckte zusammen und hob den Kopf.
   »Du musst dir dringend eine Alarmanlage zulegen. Jeder kann hier einfach so …« Sie verstummte, als sie sein Gesicht sah. Er hatte dunkle Schatten unter den Augen und in seine Stirn hatten sich tiefe Falten eingegraben. Das Schlimmste war dieser Schimmer in seinen Augen.
   Hoffnungslosigkeit.
   »Du siehst furchtbar aus«, flüsterte sie.
   Sie erwartete eine Erwiderung, einen Witz, irgendwas. Stattdessen schloss er die Augen und wandte das Gesicht ab. Sie sank neben seinem Stuhl auf die Knie und legte ihre Hände auf sein Bein. »Was ist los? Ist etwas passiert?«
   »Nein«, antwortete er. Seine Stimme klang heiser. »Nichts ist passiert. Wie nie etwas passiert, egal, was ich versuche.«
   Sie legte eine Hand auf seine Wange. Raue Bartstoppeln gruben sich in ihre Haut. Er legte seine Hand auf ihre und drückte sie, als müsste er sich daran festhalten. »Fünfhundert Jahre habe ich gebraucht, um es einzusehen. Dass es keinen Ausweg gibt. Es ist unmöglich.«
   Seine Worte schnürten Lena die Kehle zu. Nicht, weil sie unbedingt dem Fluch entkommen wollte, sondern weil er aufgegeben hatte. Er, der alles für möglich hielt, wenn man den richtigen Weg fand. »Cay, bitte, sag so was nicht. Ganz bestimmt gibt es eine Möglichkeit. Wenn einer sie finden kann, dann du.«
   Mit zusammengepressten Lippen schüttelte er den Kopf.
   »Vielleicht nicht heute oder morgen, aber irgendwann bestimmt.«
   »Nein. Der Fluch ist ein versiegelter Zauber. Ich habe jahrzehntelang versucht, versiegelte Zauber zu brechen, aber es ist mir nie gelungen. Die andere Möglichkeit, die anderen beiden …« Er stand auf und ging vor dem Schreibtisch auf und ab. Er deutete auf die Bücher. »Wenn du wüsstest, wie oft ich jedes davon schon gelesen habe. Ich habe sie alle durchkämmt, nach Hinweisen, Ungereimtheiten, irgendetwas.«
   Lena war ebenfalls aufgestanden. Es versetzte ihr einen Stich, ihn so zu sehen. Warum konnte er nicht einfach hinnehmen, dass sie zusammen eingesperrt waren, so wie sie es tat? Das bedeutete ja nicht, dass man die Suche nach einer Lösung aufgeben musste.
   »Wir haben doch alles hier.« Sie ging auf ihn zu und stellte sich ihm in den Weg, damit er stehen blieb. »Wir haben uns. Reicht das nicht?«
   Seine Finger schlossen sich fest um ihre, beinahe schmerzhaft. »Was ist mit dem Leben, das du hättest haben können? Vermisst du das nicht? Willst du nicht darum kämpfen?«
   Sie hob den Kopf und hielt seinen Blick fest. »Natürlich will ich das. Aber ich wusste von Anfang an, dass ich auf all das verzichten kann, wenn es nötig ist. Sonst wäre ich nie mit dir gekommen.«
   Er entzog ihr seine Hände und rieb sich die Stirn. »Ich wünschte, du wärst nicht mitgekommen«, flüsterte er. »Warum hast du nicht auf mich gehört?«
   Sie wusste, wie er es meinte: dass er um ihretwillen wünschte, sie wäre nicht hier. Trotzdem tat es weh, ihn so etwas sagen zu hören. Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Weil ich nie auf dich höre, hast du das immer noch nicht verstanden?«
   Das entrang ihm immerhin ein schwaches Grinsen. »Ich sollte mich wohl langsam damit abfinden.«
   »Ja, solltest du. Du kannst mich beraten, aber ich entscheide selbst und trage auch die Konsequenzen.« Sie legte ihm die Arme um den Hals, fuhr sanft mit einer Hand durch seine Haare, ging auf die Zehenspitzen und streifte seine Lippen mit ihren. »Ich wusste, worauf ich mich eingelassen habe, und ich bereue es nicht, okay?«
   »Leonora«, stöhnte Cay leise. Er drückte sie an sich, als müsse er sie festhalten, damit sie nicht einfach verschwand. Sein Kuss war nicht sanft und zärtlich, sondern wild und verzweifelt. Mit der Zunge teilte er ihre Lippen und drang in ihren Mund ein. Sie ließ zu, dass er die Führung übernahm, ließ zu, dass er sie gegen die raue Wand drängte, bis sich die Unebenheiten im Putz in ihren Rücken drückten.
   Es gab nur noch seine Berührung und die Sehnsucht, ihn überall zu spüren. Sie löste ihre Hände von seinem Hals und schob ihn ein Stück von sich, um sein Hemd aufzuknöpfen. Ihre Finger zitterten vor Ungeduld und sie seufzte erleichtert auf, als das Hemd endlich offenstand. Sie beugte sich nach vorn und küsste seine Brust. Mit der Zunge zog sie eine Spur über die glatte Haut, wie er es sonst bei ihr tat. Sie fühlte die Bewegung seiner Muskeln, als er nach ihren Armen griff und sie nach oben schob, um ihr das T-Shirt auszuziehen. Er drückte sie wieder gegen die Wand, drückte sich an sie, bis sie seine Erregung deutlich spüren konnte. Der Gedanke, dass er sie jetzt einfach nehmen würde, hier an der Wand, brachte ihr Herz zum Rasen und ihren Unterleib zum Kribbeln.
   Cay küsste ihren Nacken, streifte mit seinen Lippen ihren Hals und die kleine Kuhle hinter ihrem Ohr, bis sie den Kopf in den Nacken fallen ließ. Sie spürte, wie er eine Hand von ihrer Taille über ihren Bauch gleiten ließ und sich an ihrer Jeans zu schaffen machte. Unweigerlich fiel ihr der Traum ein, den sie vor langer Zeit gehabt hatte. Dass Cay sie an einen Baum drückte und ihren Rock hochschob. Ein Rock wäre jetzt viel praktischer gewesen.
   »Ich sollte wirklich öfter Röcke tragen«, murmelte sie.
   »Ja, solltest du.« Sein Atem streifte heiß ihre Ohrmuschel und Lena konnte an nichts anderes mehr denken, als daran, dass sie ihn noch mehr spüren wollte. Jetzt gleich.
   Er tat ihr den Gefallen. Seine Hand glitt in ihre Hose und zwischen ihre Beine. Sie keuchte auf, als er sie dort streichelte.
   »Das solltest du wirklich.« Seine Stimme klang heiser. »Zum Glück gibt es ja auch noch andere Möglichkeiten.«
   Lena spürte ein sanftes Kitzeln auf ihren Beinen, gefolgt von einem kalten Luftzug. Ihre Hose war verschwunden, ebenso ihr Slip. Es gab nur noch Cays Hand, seine Finger, die sanft in sie eindrangen, seine Zunge, die in ihren Mund glitt, seine nackte Haut, die ihre Brust berührte.
   »Sehr praktisch.« Sie sog scharf die Luft ein, als er mit den Fingerspitzen das Zentrum ihrer Lust berührte und das Sehnen in ihrem Unterleib zu unerträglichem Verlangen steigerte. Ihre Knie gaben nach und sie musste sich an ihn klammern, um nicht einfach nach unten zu rutschen.
   Er packte sie an den Kniekehlen und hob sie hoch. Mit seinem Körper drückte er sie gegen die Wand. Sie hörte das leise Ratschen von seinem Reißverschluss und spürte seine Erektion. Ihr Atem verfing sich in ihrer Kehle, als er langsam in sie eindrang. Lena vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter und verlor sich in seinem Geruch nach Wald und Pergament. Sie überließ sich vollkommen dem pulsierenden Verlangen, das er mit jeder seiner Bewegungen immer weiter steigerte, bis ihr Höhepunkt in Wellen über ihr zusammenschlug.
   Während jedes bisschen Anspannung aus ihrem Körper wich und einem herrlichen Gefühl der Ruhe Platz machte, ließ sie sanft ihre Fingerspitzen über seinen Rücken gleiten. Seine Haut war feucht vom Schweiß. Seine Wange lag an ihrer und sein unregelmäßiger Atem streifte die winzigen Härchen in ihrem Nacken. Sie spürte, wie alle Anspannung aus seinen Muskeln wich, und hoffte, dass auch er für einen Moment alles vergessen konnte.
   Als er sich vorsichtig von ihr löste und sie langsam auf ihre eigenen Füße stellte, protestierte sie leise. Er lachte. »Willst du etwa die Nacht so verbringen? Das kann doch nicht bequem sein.«
   Jetzt erst fiel ihr auf, wie sehr sich die Unebenheiten der Wand in ihren Rücken gedrückt hatten. An ein paar Stellen fühlte sie ein leichtes Stechen. Sie verzog das Gesicht. »Nein, allerdings nicht. Gibt vielleicht ein paar blaue Flecken.«
   Er machte ein so zerknirschtes Gesicht, dass es Lena fast zum Lachen brachte.
   »Tut mir leid.« Er zog sie von der Wand weg und drehte sie um, sodass sie mit dem Rücken zu ihm stand. »Lass mal sehen.«
   Sie ließ sich von ihm von der Wand wegziehen und umdrehen. Sanft fuhren seine Hände über ihren Rücken. Sie spürte seine Wärme, die in ihre Haut drang und langsam das unangenehme Stechen verdrängte.
   »Besser?«
   »Ja. Danke.«
   »Gut. Dann kann ich ja jetzt weitermachen. Ich wollte mir noch ein paar andere Bücher ansehen.«
   »O nein, das wirst du nicht!« Sie zog die Augenbrauen zusammen und drehte sich zu ihm um. »Du hast doch …«
   In seinen Augen stand ein amüsiertes Glitzern.
   »Hey!« Lachend klapste sie ihn auf die nackte Brust.
   »Glaubst du wirklich, ich lasse dich jetzt allein? Ich muss doch dafür sorgen, dass sich dein Rücken wieder ganz erholt.« Er reichte ihr ihre Hose, die zusammen mit ihrem Slip auf dem Fußboden lag. »Am besten bringe ich dich erst mal ins Bett.«
   Sie verengte die Augen. »Irgendwas sagt mir, dass das seinen Zweck verfehlen wird.«
   Er grinste. »Vielleicht ein wenig.«

Kapitel 8

Lena lauschte Cays Atemzügen. Sie lag an seine Schulter geschmiegt im Bett und wartete darauf, dass sich die bleierne Müdigkeit in ihren Gliedern endlich dem Schlaf ergab. Cay schien es ähnlich zu gehen, denn er war unruhig, bewegte sich immer wieder und fand nicht in den Schlaf. Wahrscheinlich wartete er darauf, dass sie endlich wegdämmerte, damit er sich davonschleichen konnte. Lena kicherte leise.
   Cay wandte ihr den Kopf zu. »Du bist noch wach?«
   »Ja. Tut mir leid.«
   »Wieso tut es dir leid?«
   »Bestimmt halte ich dich davon ab, dich heimlich in dein Labor zu schleichen oder in die Bibliothek.«
   »Ein wenig.« Er lachte leise.
   Sie stützte sich auf einen Ellenbogen und entzündete mit einer Handbewegung die Kerze auf dem Nachttisch. »Oder du könntest versuchen, mit mir zu reden. Wo wir eh beide wach sind und morgen keine Termine haben.« Sie zwinkerte ihn an.
   Er hob eine Augenbraue. Seine Fingerspitzen wanderten sanft über ihren Oberarm. »Reden? Worüber? Schwebt dir etwas Bestimmtes vor?« Ein wachsamer Ausdruck hatte sich in seine Augen geschlichen, als wüsste er genau, was in ihr vorging. Er hatte aufgehört, sie zu streicheln, seine Hand lag still auf ihrem Arm.
   Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Ich wünschte, du würdest mir erlauben, dir zu helfen.«
   »Nein. Darüber haben wir schon geredet.«
   »Ich weiß, aber das bedeutet nicht, dass ich es einfach hinnehmen muss.«
   Alles an seiner Miene drückte Abweisung aus und sie hatte schon Angst, dass er einfach aufstehen und gehen würde. »Du weißt nicht genug über Magie«, sagte er schließlich.
   »Bring es mir bei. Bring mir das bei, was ich wissen muss, damit ich dir helfen kann.«
   »So schnell geht das nicht.«
   Sie biss sich auf die Lippen, um die Wut, die in ihr aufstieg, nicht herauszuschreien. Wie konnte er so stur sein? Was konnte es denn schaden, wenn sie wenigstens versuchte, ihn zu unterstützen? »Ich kann es trotzdem versuchen. Du kannst mir so viel wie möglich erklären. Ich kann Bücher nach Hinweisen durchsuchen und darüber nachdenken. Manchmal hilft eine andere Perspektive.«
   »Nein.«
   Lena schloss die Augen. Ruhig bleiben. Ganz ruhig. Denk daran, dass du ihm helfen willst, weil du ihn liebst und weil du es nicht ertragen kannst, ihn so verzweifelt zu sehen. »Warum nicht?«, knurrte sie.
   Er zögerte. »Weil es meine Sache ist, dafür eine Lösung zu finden.«
   Ungläubig starrte sie ihn an. »Deine Sache?« Sie wusste nicht, ob sie lachen oder doch noch ausrasten sollte. Was für eine mittelalterliche Einstellung war das denn bitte? »Deine Sache? Falls du damit sagen willst, dass es mich nichts angeht, liegst du gewaltig falsch. Nicht nur, dass ich genauso hier festsitze wie du. Selbst wenn es nicht so wäre, ginge es mich etwas an. Verstehst du denn nicht …« Sie biss sich auf die Lippen und versuchte, sich zu beruhigen. Trotzdem zitterte ihre Stimme noch, als sie weitersprach. »Verstehst du nicht, wie schrecklich es für mich ist, dich so zu sehen? Jeden verdammten Tag schindest du dich von früh bis spät und auch noch nachts. Statt besser wird es immer schlimmer, mit jedem Tag, der vergeht. Glaubst du, ich merke nicht, dass du das für mich tust? Weil du dir Vorwürfe machst? Wenn du mir schon nicht glaubst, dass es mir nichts ausmacht, wenn du mir schon nicht glaubst, dass es für mich keinen Unterschied macht, ob es ein paar Jahre mehr oder weniger dauert, lass mich wenigstens helfen.« Ihre Wut hatte sich in Luft aufgelöst, während sie gesprochen hatte. Übrig war nur Verzweiflung. Sie legte ihre Hand auf seine. Seine Finger waren angespannt. Sie wollte nicht aufblicken, wollte die eiskalte Distanziertheit nicht aushalten müssen, die wahrscheinlich gerade in seinen Augen glitzerte.
   »Ich ertrage es nicht, hilflos dabei zuzusehen«, flüsterte sie. »Bitte, lass mich irgendwas tun.«
   Sie schwieg, immer noch mit gesenktem Kopf, und wartete, dass er sie erneut abwies und verschwand, um sich wieder seiner Arbeit zu widmen.
   »Also gut.«
   »Was?« Ungläubig hob sie den Kopf.
   Seine Miene wirkte nach wie vor grimmig. »Vielleicht hast du recht. Eine andere Sichtweise kann in der Tat hilfreich sein.«
   Sie blinzelte ihn an. »Meinst du das ernst?«
   Ein winziges Lächeln umspielte seine Lippen, als er sie schließlich doch ansah. »Ich bin mir noch nicht ganz sicher. Es ist einen Versuch wert.«
   »Okay.« Fieberhaft überlegte sie, was sie jetzt sagen sollte. Dass er einfach so einlenkte, hatte sie vollkommen aus dem Konzept gebracht. »Erzähl mir, warum es nicht geht. Warum kann man einen versiegelten Zauber nicht einfach brechen?«
   »Jetzt?«
   Natürlich jetzt, bevor er vielleicht bereute, dass er zugestimmt hatte. »Du willst doch zu jeder Tages- und Nachtzeit daran arbeiten, also warum nicht jetzt?«
   Er presste die Lippen zusammen. Hoffentlich wollte er keinen Rückzieher machen. »Na gut«, murmelte er, bevor er eine Weile schwieg und überlegte. »Um einen Zauber zu brechen, muss man Energie hineinleiten, bis er vollkommen zerstört ist. Bei einem versiegelten Zauber geht das nicht, weil es keinen Punkt gibt, in den man die Energie leiten könnte. Nicht, wenn der Zauber sauber gewirkt ist. Von einem perfekt versiegelten Zauber prallt alles ab. Nur das Siegel kann gebrochen werden, aber das kann nur derjenige sehen, der es erschaffen hat, weil es vollkommen in die Substanz des Zaubers eingewebt ist.«
   »Wie eine Art Passwort?«
   »So ähnlich vielleicht. Nur, dass es einem nichts nützen würde, wenn man das Passwort hätte. Selbst wenn du das Siegel durch die Augen des Magiers sehen könntest, der es gewirkt hat, selbst wenn er dir sagen würde, wo es ist, könntest du es nicht erkennen. Es ist, als ob die Energie des Siegels nur für denjenigen spürbar ist, der es gewirkt hat. Bei einer Seele ist es auch so. Sie hat eine Art natürliches Siegel, das bestehen bleibt, bis die Energie aufgebraucht ist. Erst dann zerfällt es, und die Seele löst sich auf. Wer wiedergeboren wird, hat das Siegel erneuert. In beiden Fällen kann niemand es brechen, weil er den Zugang dazu nicht hat.«
   »Aber du hast es getan.«
   Er wandte das Gesicht ab. Lena hätte sich ohrfeigen können, weil sie das Thema angesprochen hatte.
   »Nein, habe ich nicht. Niemand kann die Seele eines anderen Menschen brechen. Niemand außer …« Cay presste die Lippen zusammen. »Niemand kann das. Das tut immer derjenige, zu dem sie gehört. Freiwillig oder weil er dazu gezwungen wird.«
   Lena erinnerte sich an das, was der Archivar ihnen erklärt hatte. Man musste einen Menschen quälen, bis die Seele brach. Sie schluckte schwer. Was Cay gesagt hatte, klang so, als ob es doch jemanden gäbe, der wusste, wie es ging. Sie wollte nicht nachfragen, aber wenn Seelen und versiegelte Zauber sich ähnelten, vielleicht konnte es helfen zu wissen, wie man eine Seele brach. Vielleicht konnte man die gleiche Methode auch auf einen versiegelten Zauber anwenden. »Niemand außer wem?«, fragte sie vorsichtig.
   Er verkrampfte sich unter ihrer Berührung und schüttelte den Kopf.
   »Vielleicht würde es helfen, wenn wir es wüssten.«
   »Denkst du, das habe ich nicht versucht?« Cay hielt inne. Sie sah, wie er die Zähne zusammenbiss. »Er hat uns nie gesagt, wie er es gemacht hat, und ich habe es nie herausgefunden.«
   »Wenn du mir erzählst, was genau passiert ist, vielleicht könnten wir zusammen einen Hinweis finden.«
   »Nein.« Da war er wieder, dieser distanzierte, eiskalte Ton. Lena schloss die Augen. Gleich würde er aufstehen und ihr sagen, dass er genau deswegen nicht gewollt hatte, dass sie ihm half. »Nein, ich gehe nie wieder zurück. Nicht dorthin. Nicht mal in Gedanken.« Für einen winzigen Moment machte die glitzernde Oberfläche seiner Augen dem düsteren Abgrund Platz, den Lena in der Höhle gesehen hatte. Ein dunkler Sog ging davon aus, eine Verzweiflung und ein Schrecken, der sie bis in ihre Grundfesten erschütterte. Eine Gänsehaut überzog ihre Arme und ihren Nacken. Unwillkürlich rutschte sie näher an Cay heran und legte ihm die Arme um den Hals, als könnte sie mit der Wärme ihres Körpers die Kälte in seinem Blick vertreiben. Lange Zeit blieben seine Muskeln angespannt, als wollte er jeden Moment aufspringen. Ganz langsam, unendlich langsam entspannte er sich unter ihren vorsichtigen Liebkosungen. Trotzdem wirkte er immer noch abwesend, immer noch in Gedanken versunken, die er nicht denken wollte.
   Lena überlegte fieberhaft, wie sie ihn ablenken konnte. »In Memoria« fiel ihr ein. Sie hatte ihm schon längst davon erzählen wollen. »Übrigens habe ich mit dieser Kräutermischung Erfolg gehabt.« Sie versuchte, ihrer Stimme einen unbeschwerten Klang zu verleihen. Es misslang kläglich.
   »Tatsächlich?«, murmelte er so tonlos, dass sie sich fragte, ob er sie überhaupt verstanden hatte.
   »Ja. Das Buch mit den Anweisungen zur Kräuterverarbeitung hat geholfen.«
   »Das freut mich.«
   Lena biss sich auf die Lippen. Weil ihr nichts anderes einfiel, griff sie nach ihrer Jeans und holte eines der beiden Röhrchen heraus, die sie eingesteckt hatte. Sie hielt es ihm unter die Nase. »Siehst du? Nicht schwarz, sondern wunderbar grün.« Die Farbe war immer noch ein schönes Dunkelgrün und auch der Zauber schien recht lange haltbar zu sein, kein Wunder bei den Unmengen an Öl, die sie gemäß Rezept dafür verwendet hatte.
   »Das ist immerhin ein Fortschritt.« Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. Sein Blick schien nicht mehr ganz so distanziert. Er legte ihr sogar einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. Lenas Herz machte einen freudigen Satz. Sie hatte erwartet, dass er weiterhin nachdenklich sein und sich irgendwann in sein Labor zurückziehen würde. Jetzt wirkte es so, als könnte sie ihn doch dazu bewegen, noch eine Weile bei ihr zu bleiben. Sie griff über ihn hinweg und legte das Röhrchen auf seinen Nachttisch. Schweigend kuschelte sie sich an ihn. Seine Arme schlossen sich um sie, fester als gewöhnlich. Sie löschten das Licht und Lena versuchte, in den Schlaf zu finden. Sie war zu unruhig. Nach ein paar Minuten fiel ihr auf, warum. Es war Cays Herzschlag an ihrem Ohr, der sie wach hielt.
   Sein Herz schlug nicht ruhig und gleichmäßig wie sonst. Es raste.

Kapitel 9

Das Stück vom Himmel, das Lena im Fenster sehen konnte, wurde langsam hell. Cay lag immer noch neben ihr und seine regelmäßigen Atemzüge sagten ihr, dass er endlich eingeschlafen war. Sie selbst fand einfach keine Ruhe. Wenn sie nicht in seinen Armen gelegen hätte, hätte sie sich ununterbrochen hin und her gewälzt. So hielt sie still, um ihn nicht zu stören, aber in ihrem Kopf spielten die Gedanken verrückt. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. Vorsichtig wand sie sich aus seiner Umarmung und stand auf. Als sie sich ihre Jeans anzog, spürte sie darin die andere Phiole mit der Kräutermischung.
   Nachdem sie sich BH und T-Shirt angezogen hatte, holte sie das kleine Behältnis heraus und betrachtete es im fahlen Licht der Morgendämmerung. Hier im Schloss gab es unzählige Dinge mit langer Vergangenheit. Es wäre mit Sicherheit spannend, ihnen die Erinnerungen zu entlocken. Auf jeden Fall angenehmer, als sich weiter schlaflos hin und her zu wälzen. Sie betrachtete Cay und überlegte, ob sie ihn nicht lieber fragen sollte. Sie hatte auch vergessen, ihm zu erzählen, dass sie den Seelenabdruck berührt hatte. Es kam nur so selten vor, dass er tief und fest schlief. Es passte ihr gar nicht, ihn zu wecken. Sie würde eben vorsichtig sein. Cay würde sicher nicht wollen, dass sie persönliche Dinge von ihm berührte und seine Erinnerung erlebte, ohne ihn vorher zu fragen. Aber das Schloss war riesig und es gab genug Gegenstände, die unpersönlich genug waren, sodass er sicher nichts dagegen haben würde, wenn sie sie betrachtete.
   Leise schlich sie aus dem Schlafzimmer, machte einen großen Schritt über die Schwelle, die immer knarrte, und verließ die Wohnung. Gleichzeitig schob sie sich schon etwas von der Kräutermischung unter die Zunge. Sie konnte es jetzt kaum erwarten, etwas über die Vergangenheit des Schlosses zu erfahren.
   In der großen Halle sauste sofort das Irrlicht auf sie zu. Lena wich aus, als es sich auf ihrer Schulter niederlassen wollte. Eine psychedelische Erfahrung hatte ihr gereicht, sie brauchte keinen weiteren Trip. »Tut mir leid, heute kannst du dich nicht auf meine Schulter setzen, okay?«
   Das Irrlicht piepste. Es klang traurig und ein wenig empört.
   »Ein andermal wieder.« Sie lächelte es an. »Jetzt zeig mir irgendwas. Etwas mit einer spannenden Vergangenheit.«
   Das Irrlicht schwebte kurz vor ihrem Gesicht herum, als überlegte es, was infrage käme, und zischte davon. Es sauste die große Treppe hinauf auf die Galerie und zur Tür, die in den alten Teil der Burg führte.
   Lena zögerte kurz. Natürlich ging sie oft durch die alte Burg, um den Höhlengang zu benutzen, der an den See führte. Trotzdem hatte sie ein mulmiges Gefühl dabei, jetzt hinaufzugehen. Sie knabberte an ihrer Unterlippe. Sie musste ja nicht zu dem Bild und Cay hatte selbst gesagt, dass er dort gar nicht mehr gelebt hatte. Da oben gab es viele Räume, von denen sie einige noch gar nicht gesehen hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dort auf etwas zu stoßen, was nicht zu persönlich war, war ziemlich groß. Neugier regte sich in ihr. Es musste eine ganze Menge interessanter Dinge zu entdecken geben. Sie betrat die Treppe.
   Oben angekommen öffnete sie die Tür, die jetzt nicht mehr abgesperrt war. Sie stieß sie auf. Sofort quetschte sich das Irrlicht hindurch und flatterte ungeduldig auf und ab, bis Lena endlich selbst den langen, dunklen Gang betrat. Langsam folgte sie dem Lichtschein des Irrlichts, vorbei an der Tür, die in das Zimmer mit dem Bild führte. Sie war angelehnt, Lena sah trotzdem nicht hinein. Sie wollte das Bild nie wieder sehen. Am liebsten hätte sie vergessen, dass sie es überhaupt kannte.
   Sie ging weiter und öffnete eine Tür. Das Zimmer dahinter war leer. Auch hinter einer weiteren Tür verbarg sich … gar nichts. Beim dritten Versuch hatte sie Glück. Das Irrlicht flog hinein, sobald die Tür weit genug geöffnet war, und der Raum, der sich ihr im flackernden Schein des Irrlichts darbot, entlockte ihr ein überraschtes Keuchen.
   »Eine Kapelle?« Es musste so sein. Auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, dass Cay diesen Ort benutzte. Er kam ihr nicht gläubig vor und sie hätte es doch sicherlich gemerkt, wenn er regelmäßig hierherkäme. Sie machte ein paar Schritte in den Raum hinein. Er war fast leer, wie die anderen Zimmer. Ein paar wenige Gegenstände verrieten, wozu der Raum einst gedacht gewesen war. Ein Holzkreuz hing an der Wand. Es war ziemlich klein, sie hätte es mühelos in einer Hand halten können. In der Kapelle eines Schlosses hätte sie etwas Größeres erwartet. Davor stand eine schmale Kirchenbank, die gerade einer oder zwei Personen Platz bot. Einen Sitz gab es allerdings nicht. Nur Knien war vorgesehen. Ein winziges steinernes Becken an der Wand unter dem Kreuz musste früher Weihwasser enthalten haben. Lena drehte sich einmal um sich selbst. Das Zimmer wirkte überhaupt nicht wie eine Kapelle. Auf keinen Fall wie eine, die von Anfang an geplant gewesen war. Es hatte keine besonders schöne Decke oder sonstige Verzierungen. Es wirkte eher, als hätte man es nachträglich umfunktioniert. Sie ging auf das Kreuz zu, das an der Wand hing. Das dunkle Holz war am unteren Ende vollkommen glatt. So als hätte jemand es unendlich oft berührt. Nur wer? Cay nicht, da war sie sich absolut sicher. Es war perfekt. Interessant genug, um wissen zu wollen, was dahinter steckte, aber sicher nicht so persönlich, dass er etwas dagegen haben würde.
   Lena hob eine Hand und berührte die abgenutzte Stelle des Kreuzes mit den Fingerspitzen.
   Beinahe wären ihr die Knie weggesackt. Sie klammerte sich an die Kirchenbank und sank auf das harte Holz, um nicht einfach umzukippen. Sie fühlte sich plötzlich eingeengt, konnte kaum noch richtig atmen, als ob sie ein viel zu enges Kleid trug. Sie schnappte nach Luft. Trotzdem tanzten bunte Flecken vor ihren Augen. Sie versuchte, ruhig zu atmen. Als es ihr gelang, sah sie auf. Das Kreuz hing nicht mehr an der Wand, sie hielt es in den Händen, sie drückte es sogar an ihre Brust, als wäre es der einzige Besitz, der ihr etwas bedeutete. Ihre Augen waren feucht und in ihrem Herzen wütete die Einsamkeit. Diese Burg, in der sie kniete, war nicht ihr Zuhause und war es nie gewesen. Ihr Ehemann war nach all den Monaten immer noch ein Fremder und ihre Heimat so unendlich weit entfernt.
   Catherine sah auf das Kreuz hinab. Es war das Einzige, was sie hatte mitnehmen können, das Letzte, was ihr Vater ihr noch gegeben hatte, bevor er sie an der englischen Küste auf ein Schiff verfrachtet hatte, das sie fortbringen sollte. Fort von ihrer Heimat, in der man ihr nach dem Leben trachtete, weil sie an das Falsche glaubte.
   »Mach dir keine Sorgen, Catherine«, hatte er gesagt. Sie hörte seine Stimme, als stünde er neben ihr. »Der Kapitän ist ein alter Freund. Er wird dafür sorgen, dass du den Grafen sicher erreichst. Bei ihm bist du in guten Händen.«
   »Und Ihr, Vater?« Die Worte waren ihr fast im Hals stecken geblieben, als sie den Ausdruck in seinen Augen sah.
   Er hatte mit grimmiger Miene den Kopf geschüttelt. »Ich kann sie nicht zurücklassen. Deine Mutter, meinen Bruder. Ich muss sie finden.«
   Catherine hatte ihr Gesicht in seinen Mantel vergraben und seinen Geruch eingeatmet. Leder und Staub. Wie eines seiner Bücher. Die Erinnerung an den Geruch, den sie so sehr liebte, trieb ihr die Tränen in die Augen.
   »Lasst mich bei Euch bleiben. Bitte.« Sie hatte gefleht, gebettelt, aber ihr Vater war hart geblieben.
   »Nein. Ich werde nicht zulassen, dass sie dich bekommen. Dich in Sicherheit zu wissen«, seine Stimme hatte geschwankt, als ob er nicht in der Lage wäre, weiterzusprechen, »ist für mich das Allerwichtigste.«
   »Ich will nicht allein gehen. Ohne Euch habe ich nichts.«
   Er hatte den Kopf geschüttelt und sie angelächelt. »Das ist nicht wahr. Du hast das Wichtigste immer bei dir.« Sanft berührte er ihre Brust. »Deine Seele. Unsterblich und rein wie dein Gewissen.« Sanft, aber bestimmt hatte er ihre Hände aus seiner Kleidung gelöst und sie weggeschoben. »Was auch passiert, halte sie unversehrt. Das ist das Einzige, was wirklich in deiner Macht liegt. Deine Seele zu schützen vor denen, die ihr schaden wollen. Gib gut darauf Acht.«
   »Ja«, hatte sie geflüstert. »Das werde ich.«
   »Versprich es mir.«
   »Ich verspreche es.«
   Catherine erinnerte sich an ihre Worte, die letzten, die sie zu ihrem Vater gesagt hatte, und auch daran, was er als Letztes zu ihr gesagt hatte, während er ihr einen Kuss auf die Stirn hauchte.
   »Wir werden uns wiedersehen. Ich bin mir ganz sicher.«
   Das hatten sie nicht. Catherine presste das Holzkreuz noch fester an sich. Er hatte sein Versprechen nicht gehalten. Sie hatte ihn nie wieder gesehen, ihn nicht und auch nicht ihre restliche Familie. Sie presste die Augenlider zusammen, als könnte sie die Tränen damit zurückhalten. Sie war allein in einem fremden Land, verheiratet mit einem Fremden und dieses Kreuz war alles, was ihr geblieben war. Nein, nicht nur das Kreuz. Die Worte ihres Vaters, die sie seit jenem Tag tief im Herzen trug, erinnerten sie daran. Sie hatte auch noch ihre unsterbliche Seele. Das Einzige, was wirklich eine Bedeutung hatte.
   Langsam dämmerte Lena aus der Erinnerung heraus. Das Atmen fiel ihr plötzlich leichter, dafür schmerzten ihre Knie höllisch. Mühsam zog sie sich ins Stehen. Es war keine lange Erinnerung gewesen, sicher hatte sie nur kurz hier gekniet. Dass man stundenlang so ausharren konnte, war für sie unvorstellbar. Nachdenklich betrachtete sie das Kreuz. Catherine. Das war der Name von Cays Mutter gewesen. Sie erinnerte sich daran, ihn im Stadtarchiv gehört zu haben. In der Erinnerung hatte sie so unschuldig gewirkt, so jung und ängstlich. Gar nicht wie jemand, der es fertigbrachte, drei Menschen zu ermorden und sich selbst gleich mit. Sie konnte kaum älter gewesen sein als Lena. Es musste Jahre, nein, Jahrzehnte vor den Ereignissen von dem Bild gewesen sein.
   Langsam wich Lena zur Tür zurück. Diese Art von Erinnerung war es nicht gewesen, die sie hatte sehen wollen. So viel Traurigkeit, so viel Einsamkeit. Viel zu persönlich. Sie hatte sich geirrt. Obwohl viele Erinnerungen Cay vielleicht nicht betrafen, sie berührte besser keine weiteren Gegenstände, ohne ihn zu fragen. Sie spuckte die Kräutermischung in ein Taschentuch, restlos alles, um ja nicht zu riskieren, noch einmal etwas zu sehen, und wandte sich um. Sofort zischte das Irrlicht an ihr vorbei, um ihr im Gang Licht zu spenden. Es schwebte in Richtung der Höhlen, aber Lena schüttelte den Kopf. »Mir reicht es.«
   Sie wartete nicht, bis das Irrlicht ihr vorausflog, sondern ging schon auf die Galerie zu. Plötzlich blieb sie stehen – vor dem Zimmer mit Cays Seelenabdruck.
   Was passiert ist, war nicht ihre Schuld. Das waren seine Worte gewesen.
   Nicht ihre Schuld. Jetzt, wo sie in Catherines Kopf gewesen war, konnte sie den Gedanken einfach nicht mehr abschütteln. Mit klopfendem Herzen starrte sie durch den Spalt in die Dunkelheit des Zimmers. Sie wollte es nicht noch mal sehen und doch verspürte sie plötzlich den unglaublichen Drang, noch einmal das Gesicht seiner Mutter zu betrachten. Sich zu vergewissern, welcher Ausdruck wirklich in ihren Augen stand. Ob es tatsächlich dieser schreckliche Triumph war, an den sie sich erinnerte. Ob jemand wirklich so kaltblütig seine eigenen Kinder umbringen konnte. Sie machte das Irrlicht auf sich aufmerksam und deutete auf die Tür. Das Irrlicht erstarrte in der Luft vor ihr und verblasste ein wenig, als müsste es erst darüber nachdenken, ob es wirklich dort hinein wollte. Dann flog es langsam auf die Tür zu und hindurch. Lena verdrängte das mulmige Gefühl in ihrem Bauch und folgte ihm. Sie wartete, bis das Irrlicht die Wand vor ihr erleuchtete und damit auch das Bild. Verzweifelt bemühte sie sich, die Gefühle auszuhalten, die auf sie einstürzten. Übelkeit, Angst, Entsetzen. Mühsam verdrängte sie das Bedürfnis, sich umzudrehen und wegzulaufen, und ging stattdessen langsam darauf zu. Sie beachtete das Feuer nicht, sondern nur Cays Mutter. Nichts war von dem ängstlichen Mädchen geblieben, dem sich Lena vorhin so nahe gefühlt hatte. Nichts deutete darauf hin, dass sie etwas anderes fühlte als Triumph. Nichts darauf, dass sie nicht schuld an den Geschehnissen war. Wie von selbst wanderte ihr Blick über das Bild. Sie verengte die Augen. Waren da noch weitere Menschen? Es wirkte so. Schatten am Rand des Feuers, undeutlich, so, dass sie nicht sagen konnte, ob es nicht doch nur Bäume waren. Schließlich blieb ihr Blick an dem Jungen in der unteren Ecke hängen. Cay war sechzehn gewesen, das wusste sie jetzt. Nur wenig jünger als sie. Sie betrachtete sein Gesicht. Der Schmerz darin, die Sehnsucht und die Angst zerrissen ihr das Herz. Niemand sollte so etwas durchmachen müssen.
   Lena hob eine Hand. Ihre Fingerspitzen berührten das Bild und sie streichelte dem Jungen über die Wange, als könnte sie ihn über all die Jahrhunderte hinweg trösten. Erst, als sein Gesichtsausdruck vor ihren Augen verschwamm, wurde ihr klar, dass sie einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Die Mischung wirkte noch, obwohl sie sie ausgespuckt hatte. Hastig zog sie die Hand weg und wich zurück, doch es war zu spät. Alles drehte sich um sie. Die Knie sackten unter ihr weg. Es wurde schwarz.

Kapitel 10
Schloss Hohengreifenstein, 1506

Cay erwachte mit einem bitteren Geschmack im Mund. Glatter Stein drückte sich in seine Wange und Kälte drang durch seine Kleidung. Sein Kopf schmerzte höllisch. Mühsam schluckte Cay und öffnete die Augen. Um ihn herum war nichts als Finsternis. Er zog sich langsam auf die Knie und harrte aus, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Ein schwacher Lichtschein fiel durch ein Fenster ein paar Fuß von ihm entfernt, gerade genug, um ihm in Erinnerung zu rufen, wo er war. Im Turm. Vor dem Zimmer seiner Mutter. Er sprang auf und bereute es sofort. Stöhnend rieb er sich über die Stirn, als könnte er das wilde, blendende Pochen in seinem Schädel damit beruhigen. In solchen Momenten wünschte er sich, sein Vater hätte bereits angefangen, ihn zu unterrichten. Dann hätte er den mörderischen Kopfschmerz mit einer Handbewegung fortgewischt.
   Mit taumelnden Schritten näherte er sich dem Turmzimmer. Wie war er hierhergekommen? Warum war er bewusstlos gewesen? Er versuchte, sich an irgendetwas zu erinnern, aber in seinem Kopf herrschte gähnende Leere.
   Er hob eine Hand, um sie auf das glatte Holz der schweren, eisenbeschlagenen Tür zu legen. Auf die Stelle, wo er immer das Astloch spüren konnte. Seine Finger griffen ins Leere. Cay keuchte auf. Die Tür stand offen. Er musste nicht nach seiner Mutter rufen, um zu wissen, dass sie nicht da war.
   Fluchend machte er sich auf den Weg zu der langen, gewundenen Wendeltreppe. Erinnern konnte er sich nicht mehr, aber er wusste, dass er seine Mutter so schnell wie möglich finden musste.
   Ohne Fackel dauerte es unerträglich lange, sich die steilen Stufen nach unten zu tasten. Erleichtert atmete er auf, als er endlich an der Tür zum Turm angekommen war. Er stieß sie auf und stürzte nach draußen.
   Im Hof war es ebenso dunkel und still wie im Turm. Es war Neumond, die dunkelste Nacht seit Wochen. Die Nacht, die sein Vater ausgewählt hatte, um mit Antonius und Magnus ein Ritual durchzuführen. Sie waren dazu nach unten in den Wald geritten, vor Stunden schon. Nun war auch seine Mutter fort.
   Cay schluckte schwer. Er wandte sich dem Hauptgebäude zu und verharrte mitten im Schritt. Im Schloss war es gespenstisch still.
   Plötzlich hallten Schreie durch die Luft. Cay fuhr herum. Es kam aus dem Wald, unverkennbar. Sein Herz klopfte bis zum Hals, als er über den Schlosshof zum Stall rannte. Schnell entzündete er eine Fackel und steckte sie in eine der Halterungen am Eingang. Er hastete zu Athanor, strich ihm kurz über die Nase und nahm das Zaumzeug. Mit zitternden Fingern zog er es dem Pferd über den Kopf und führte es aus dem Stall. Draußen schwang er sich auf Athanors nackten Rücken. Für einen Sattel war keine Zeit. Athanor tänzelte und rollte die Augen, Cays Unruhe erschreckte ihn wohl. Er war noch jung, Cays Vater hatte ihm den Hengst erst vor wenigen Wochen von einer Reise mitgebracht und Cay hatte gerade erst angefangen, ihn an einen Reiter zu gewöhnen.
   »Ganz ruhig, Junge. Ganz ruhig«, murmelte er und strich ihm so sanft über den Hals, wie er es trotz des Aufruhrs in seinem Inneren fertigbrachte. Vorsichtig drückte er dem Hengst die Fersen in die Seite. Athanor bäumte sich kurz auf und stürmte vorwärts. Seine Hufe hämmerten über die hölzerne Zugbrücke, bevor Cay ihn nach rechts in den Wald lenkte. Es war dunkel, viel zu dunkel eigentlich, um Athanor in diesem Tempo den Waldweg entlangzujagen, trotzdem trieb Cay ihn noch mehr an. Der Wald war Cays Zuhause, er kannte jedes Fleckchen Erde, jeden Busch, jeden Baum. Die Schreie wurden lauter. Er musste es wagen.
   Je näher er der Stelle kam, von der die Stimmen kamen, desto besser konnte er seine Umgebung wahrnehmen. Immer öfter hörte er ein Knistern und die Schatten um ihn herum tanzten. Cay schluckte schwer, als er den Geruch bemerkte. Den rauchigen Geruch eines Waldbrandes. Feuer.
   Ein dumpfes Nagen krallte sich in seinen Magen. Er trieb Athanor in einen noch schnelleren Galopp. Hatten sein Vater und seine Brüder für das Ritual ein Feuer entzündet und die Kontrolle darüber verloren? Erst, als die Stimmen vor ihm zwischen den Bäumen schallten, als er die Silhouetten von Menschen erkannte, zügelte er den Hengst. Sie waren noch weit von ihm entfernt, so weit, dass sie ihn nicht bemerkten. Es waren nicht nur seine Brüder und sein Vater. Viel mehr Menschen drängten sich zwischen den Bäumen. Sie mussten von dem Feuer erfahren haben und waren sicherlich gekommen, um es zu löschen. Ein Waldbrand konnte auch für das Dorf am Fuß des Berges üble Folgen haben. Cay rutschte von Athanors Rücken. Er band ihn nicht fest. Athanor stand starr wie eine Statue da. Sein Kopf war hoch erhoben und seine Nüstern geweitet.
   »Bleib hier stehen«, flüsterte Cay ihm zu, obwohl er wusste, dass es wahrscheinlich sinnlos war. Athanor war noch nicht gut genug abgerichtet, um einen derartigen Aufruhr zu ertragen. Trotzdem war es zu gefährlich, ihn festzubinden. »Wenn das Feuer kommt, bring dich in Sicherheit.« Er strich ihm kurz über den Hals. Athanor zuckte leicht zusammen, blieb aber stehen. Vielleicht war es ja doch nicht hoffnungslos.
   Cay wandte sich ab und näherte sich dem Feuerschein. Etwas stimmte nicht. Er verengte die Augen. Irgendetwas war falsch an dem, was er sah. Er beschleunigte seine Schritte und stürmte auf das Feuer zu. Das Prasseln wurde immer lauter und Cay spürte die Hitze auf seinem Gesicht. Bald mussten ihn die ersten Menschen bemerken, noch hatten sie ihm jedoch den Rücken zugewandt. Er sah sich um. Die meisten Menschen, die in der Nähe der Flammen standen, kannte er.
   Er erstarrte mitten im Lauf. Jetzt endlich wurde ihm klar, was nicht richtig war. Sie standen. Die Menschen, die er sah, bewegten sich nicht. Sie trugen keine Eimer, sie löschten nicht. Sie versuchten es nicht einmal. Sie standen einfach da und betrachteten die Flammen. Was war hier los? Als sich einer der Männer in seiner Nähe umdrehte, wich Cay schnell hinter einen Baum zurück. Er wusste selbst nicht genau, warum er nicht wollte, dass die Menschen ihn sahen. Es war nur ein Gefühl. Vielleicht rührte es daher, dass alle Geräusche verstummt waren. Nur das Feuer war noch zu hören, sonst nichts. Keine Schreie, keine Rufe, keine Schritte.
   Jemand lachte. Ein gehässiges Lachen, das ihm eine Gänsehaut über den Körper trieb. Ein paar andere zeigten in Richtung des Feuers. Angst krallte sich in seine Eingeweide. Mühsam kämpfte er sie nieder. Er musste endlich wissen, wo seine Familie war. Langsam umrundete er das Feuer in sicherer Entfernung zu den Menschen. Ein riesiges Stück Wald brannte und doch breitete sich das Feuer nicht aus. Magie. Mit Sicherheit. Cay schlich weiter, immer am Rand des Brandes entlang, bis er eine Stelle erreichte, an der keine Menschen standen. Langsam näherte er sich den Flammen, bis die Hitze kaum noch zu ertragen war. Die Flammen waren beinahe mannshoch. Trotzdem erkannte er, worauf die Menschen gezeigt hatten. Cay schrie auf. »Nein!«
   Inmitten des Feuers saß seine Mutter. Sie hielt Antonius im Arm.
   »Antonius!«, brüllte er.
   Sein Bruder hörte ihn nicht. Er war bewusstlos. Verzweifelt versuche Cay, durch die Flammen etwas zu erkennen. Er rannte daran entlang, ohne sich noch darum zu kümmern, ob ihn jemand bemerkte. Dann sah er sie. Seinen Vater und Magnus. Auch sie waren längst bewusstlos. Er brüllte ihre Namen, doch sie rührten sich nicht.
   Er rannte hin und her, versuchte, einen Durchgang zu finden. Unmöglich. Die Flammen hatten bereits die Kleidung seiner Brüder ergriffen. Rauch drang in seine Lungen und brachte ihn zum Husten. Trotzdem rief er ihre Namen.
   Ein unerträglicher Geruch stieg ihm in die Nase. Süßlich. Metallisch. Der Geruch von verbranntem Fleisch und Blut. »Nein!« Cay versuchte, den Geruch zu verdrängen, ihn auszublenden, indem er ihn einfach nicht einatmete. Es war unmöglich. Mit jedem Schwall Luft drang der Geruch in seinen Mund, schnürte ihm die Kehle zu, würgte ihn, bis er auf die Knie sank und sich übergab.
   Es war unendlich schwer, wieder aufzustehen, gegen das Zittern in seinen Knien und das flaue Gefühl in seinem Magen anzukämpfen. Er konnte nicht aufgeben. Er suchte eine Stelle, wo er zwischen den Flammen hindurchsehen konnte, und rief nach ihnen. Wieder und wieder rief er ihre Namen.
   Seine Mutter hob den Kopf und sah ihn an, einen kurzen Moment zwischen den Flammen hindurch. Cay erstarrte. Er blieb stehen, wo er war, kümmerte sich nicht um die Hitze, die seine Haut versengte. Nicht um den Husten, der ihn schüttelte. Die Eiseskälte, die sich in ihm ausbreitete, verdrängte jedes andere Gefühl.
   Seine Mutter hatte es gewollt.
   Sie hatte gewollt, dass seine Brüder und sein Vater starben, und sie hatte bekommen, was sie gewollt hatte. Der Triumph in ihren Augen drang ihm durch Mark und Bein.
   »Nein!«, rief er. »Nein, verdammt.« Cay spürte Tränen auf seinen Wangen. »Steht auf!« Er wollte durch das Feuer springen, wollte zu ihnen, lieber mit ihnen verbrennen, als allein zurückzubleiben.
   Seine Mutter schien es zu merken, denn sie riss die Augen auf und schüttelte den Kopf. Cay blieb stehen und rührte sich nicht. Die Lippen seiner Mutter bewegten sich, aber natürlich war es unmöglich, ihre Worte zu verstehen. An ihren Augen sah er, dass es nicht nur Wahnsinn war, der sie zu dieser Tat getrieben hatte. Nicht nur ihr fanatischer Glaube. Es war Liebe. Verdrehte und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Liebe.
   Sie lächelte sanft, wie sie es immer getan hatte, wenn sie mit ihm sprach, und sank in sich zusammen.
   »Nein!« Er erwachte aus seiner Starre. Die Menschen, sie mussten ihm helfen. Irgendwie musste er sie dazu bringen, ihm zu helfen. Tief in seinem Inneren wusste er, dass es zu spät war und sie ihm ohnehin nicht helfen wollten. Trotzdem konnte er nicht aufgeben. Er lief an den Flammen entlang, bis er Stimmen hörte.
   »Wo ist der Junge?«, knurrte ein Mann. Es war der Schmied, Cay kannte ihn gut. Als kleiner Junge hatte er sich oft hinunter ins Dorf geschlichen und ihm zugesehen, wie er an der Esse arbeitete.
   »Hab ihn nicht gesehen, er war nicht dabei«, gab ein anderer zurück. Cay machte einen Schritt auf sie zu. Sicherlich sprachen sie von ihm, bestimmt würden sie ihm beistehen, wenn er sie um Hilfe bat.
   »Ein Jammer. Wir sollten ihn suchen und zu ihnen in die Flammen werfen.«
   Cay blieb wie angewurzelt stehen. Einen Moment war er wie betäubt, dann wich er vorsichtig zurück und versteckte sich hinter einem Baum. Schwer atmend lehnte er sich dagegen und versuchte, nicht zu husten.
   »Wozu? Sie hat doch gesagt, dass er keiner von ihnen ist.«
   »Na und? Wer sagt dir, dass das so bleibt?« Der Schmied lachte gehässig. Es versetzte Cay einen Stich.
   »Sicher ist sicher«, fügte der Schmied hinzu. »Wenn ich ihn finde, sorge ich dafür, dass er auch keiner von ihnen wird, das verspreche ich dir.«
   Cay schloss die Augen und schluckte mühsam. Wie konnten sich die Menschen gegen sie wenden? Nur, weil sein Vater ein Magier war. Er und seine Brüder hatten ihre Magie doch nie gegen die Menschen eingesetzt.
   »Komm, die rühren sich nicht mehr. Vor denen sind wir sicher«, sagte der andere.
   »Ja. Kaum zu fassen, dass wir das geschafft haben. Wir haben einen Hexer erwischt.«
   Der Schmied schnaubte verächtlich. »Wir hatten Glück. Besonders mächtig kann er nicht gewesen sein.«
   Cay spürte Wut in sich aufsteigen. Sie krallte sich heiß in seinen Magen und stieg ihm zu Kopf, bis ihm schwindlig wurde. Am liebsten hätte er sich auf die Männer gestürzt, doch was hätte ihm das genutzt? Sie würden ihn überwältigen und ins Feuer werfen. Der winzige Moment, in dem er sich das gewünscht hatte, war vorbei.
   Er ballte die Fäuste, presste die Lippen zusammen und drückte sich an den Baum, bis die raue Rinde in seine Haut schnitt. Erst, als er hörte, wie sich die Schritte der Männer entfernten, sank er am Baumstamm nach unten.
   Er war allein. Sie hatten ihm seine Familie genommen. Seinen Vater, seine Mutter und seine Brüder. Sie waren wenige Fuß von ihm entfernt, mitten im Feuer, und doch so unendlich weit entfernt. Er legte den Kopf auf die Knie und dachte an das vergangene Mal, vor wenigen Stunden, den letzten Besuch bei seiner Mutter. Er versuchte, sich an ihre letzten Worte zu erinnern. Endlich fiel ihm alles wieder ein. Cay sog scharf die Luft ein, als die Erinnerungen mit aller Macht auf ihn einstürzten.
   Seine Familie war tot und es war seine Schuld.

Kapitel 11

Lena schreckte hoch. Mit aufgerissenen Augen starrte sie in die Dunkelheit. Das Wenige, was sie von ihrer Umgebung erkennen konnte, verschwamm vor ihren Augen. Tränen liefen ihr über die Wangen und ihr war flau im Magen. Immer noch schien sie den beißenden Rauch zu schmecken und in ihrer Kehle zu spüren. Immer noch hörte sie die Schreie. Immer noch spürte sie das gewaltige Gefühl der Schuld in sich. Seine Schuld. Er fühlte sich für den Tod seiner Familie verantwortlich.
   Was passiert ist, war nicht ihre Schuld.
   Die Erinnerung an seine Worte ballte sich schmerzhaft in ihrer Brust zusammen. Warum hatte sie es nicht gleich gemerkt? Hatte er es wirklich so gut verborgen, dass er glaubte, am Tod seiner Familie schuld zu sein? Warum er das glaubte, wusste sie nicht. Eines jedoch wusste sie ziemlich gut: Er würde es hassen, dass sie diese Erinnerung gesehen hatte.
   »Nein, nein, nein«, flüsterte sie in die Dunkelheit. Das hätte niemals passieren dürfen. Es wäre seine Sache gewesen, ihr irgendwann alles zu erzählen, freiwillig. Sie hätte nicht auf diese Art davon erfahren dürfen. Lena schluckte verzweifelt gegen die Trockenheit in ihrer Kehle an. Was hatte sie getan? Und was würde er tun, wenn er davon erfuhr? Sie versuchte aufzustehen, aber ihre Knie waren immer noch weich und sie zitterte am ganzen Körper. Nicht nur, weil die Erinnerung ihr immer noch in den Knochen steckte, sondern auch, weil sie gar nicht daran denken wollte, wie er reagieren würde, wenn sie es ihm sagte. Er hatte ihr nie verboten, noch mal hierher zu kommen. Hatte nie gesagt, dass er es nicht wollte. Das musste er auch gar nicht. Sie wusste auch so, dass es ihm nicht gefallen würde.
   Noch einmal versuchte sie aufzustehen und kam schwankend auf die Beine. Sie rieb sich über die Augen und sah sich im Zimmer um. Das Irrlicht schwebte nicht mehr vor ihr. Vielleicht versteckte sich das kleine Wesen irgendwo oder hatte etwas zum Spielen entdeckt. Es musste noch in der Nähe sein, denn ein sanfter Schimmer erhellte den Raum gerade genug, dass sie das Bild vor sich erahnen konnte. Genau erkennen konnte sie nichts und Lena war froh darum. Nach allem, was sie gerade erlebt hatte, wollte sie das Bild wirklich nicht noch einmal sehen. Sie wollte einfach hier weg. Sobald sie Cay sah, sobald er aufgewacht war, musste sie es ihm sagen, obwohl ihr allein bei dem Gedanken schlecht wurde. Sie hatte Mist gebaut und jetzt musste sie dazu stehen. Sie konnte ihn nicht belügen. Auch nur darüber nachzudenken, es ihm zu verheimlichen, brachte sie beinahe um den Verstand. Sie rieb sich die Stirn. Warum hatte sie das Bild angefasst? Wieso hatte sie nicht daran gedacht, dass das passieren könnte? Dass noch so viel von der Kräutermischung in ihrem Blut war, dass sie noch wirkte, nachdem sie sie ausgespuckt hatte. Warum zum Teufel konnte sie es nicht irgendwie ungeschehen machen?
   Sie verließ das Zimmer, floh förmlich über die Treppe nach unten in die Eingangshalle, machte ein paar Schritte in Richtung Eingangstür. Vielleicht würde frische Luft ihr helfen, ihre Gedanken zu ordnen. Als sie hinter sich ein leises Quietschen hörte, erstarrte sie. Die Wohnungstür. Er musste aufgewacht sein. Sie wusste nicht, ob sie froh sein sollte, weil sie es ihm sofort sagen konnte, oder beklommen, weil sie keine Zeit hatte, in Ruhe darüber nachzudenken.
   »Leonora?«
   Cays dunkle Stimme verschlug ihr den Atem. Noch war keine Wut darin und vor allem keine Enttäuschung. Davor hatte sie am meisten Angst.
   Sie atmete tief durch, zwang sich ein Lächeln auf die Lippen und drehte sich langsam zu ihm um. »Guten Morgen.« Ihre Stimme klang selbst in ihren eigenen Ohren dünn. Verräterisch.
   Cay war einige Schritte hinter ihr stehen geblieben. Die nackte Haut seiner Schultern und seiner Brust schimmerte warm im Licht der Fackel, die er an der Wand entzündet hatte. Nicht nur sein Oberkörper war nackt, er war auch barfuß. Nur Boxershorts hatte er angezogen. Das musste bedeuten, dass er ziemlich hastig aufgestanden war. Vielleicht, weil ihn etwas beunruhigte. Konnte er etwa spüren, wenn jemand das Bild berührte oder es sah? Damals, als sie es zum ersten Mal gesehen hatte, war er auch wie aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht. Vorsichtig betrachtete sie ihn, das zittrige Lächeln immer noch auf den Lippen. Wusste er, was sie getan hatte? »Entschuldige, hab ich dich geweckt?«
   Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Nein. Du nicht. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt.« Er musterte sie, als müsste er sich versichern, dass es ihr gut ging. »Ist alles in Ordnung?«
   »Ja. Mir geht es gut. Alles okay. Wie du siehst.« Niemals würde er ihr das glauben. Das sollte er ja auch gar nicht. Wo sollte sie anfangen? Sollte sie es einfach geradeheraus sagen? Oder sich dem Thema vorsichtig nähern?
   Cay verengte die Augen, sah sich sogar kurz in der Halle um. »Wo warst du?«
   Einen Moment lang starrte sie ihn schweigend an, unschlüssig, was sie sagen sollte. »Ich konnte nicht schlafen.« Gut, das war ein Anfang. Was jetzt?
   Cay seufzte und schüttelte den Kopf. »Entschuldige. Ich muss mir das wirklich abgewöhnen.« Er näherte sich ihr und nahm ihre Hand. »Jahrhundertelang war ich der Einzige, der hier herumgelaufen ist. Ich schätze, ich muss mich erst daran gewöhnen, dass es nun noch jemanden gibt. Jemanden, über den ich nicht so einfach bestimmen kann wie über mich selbst.«
   Seine verständnisvollen Worte waren wie hundert winzige Nadelstiche. Wenn er erst wusste, was passiert war, würde er das nicht mehr so sehen, obwohl sie es nicht mit Absicht getan hatte. Sie schloss verzweifelt die Augen und versuchte, den richtigen Anfang zu finden. »Ich habe dir doch vorhin von dem Zauber erzählt. ‚In Memoria.’« Er runzelte die Stirn. Lena atmete tief durch. »Er funktioniert. Wenn man einen Gegenstand berührt, sieht man eine Erinnerung, man durchlebt sie sogar.«
   Ein wachsamer Ausdruck trat in seine Augen. »Was hast du gesehen?«
   »Das Kreuz deiner Mutter. Ich wusste nicht, dass es ihr gehört, es tut mir leid.«
   »Du hast ihre Erinnerung durchlebt?«
   Sie nickte. »Ihre Abreise aus England. Es tut mir leid, wirklich. Ich dachte, es wäre etwas Unpersönliches. Das nächste Mal frage ich dich vorher, bevor ich irgendetwas berühre.«
   Er sah immer noch unbewegt auf sie herab. Nichts an seinem Gesicht ließ erkennen, ob er wütend war. »Gut.«
   Gut. Okay. Sag es ihm jetzt. Den ganzen grauenhaften Rest.
   »Es wäre wirklich besser, wenn du mich in Zukunft fragst«, sagte er. »Ich möchte nicht, dass du über irgendwelche Dinge stolperst, die kein Mensch jemals sehen sollte.«
   »Das Meiste davon hast du selbst gesehen.«
   »Ja.« Er hielt inne, sein Blick leer. Seine Finger gruben sich fast schmerzhaft in ihr Handgelenk. »Ich würde lieber sterben, als zuzulassen, dass du irgendeine meiner Erinnerungen durchleben musst.«
   Lena schluckte schwer. Na prima. Das machte es ja wirklich leichter, ihm die Wahrheit zu gestehen. Er würde nicht nur wütend sein oder enttäuscht, vielleicht würde er sich sogar Vorwürfe machen. Verdammt, in was für eine Situation hatte sie sich da gebracht? Es wäre besser gewesen, sie hätte es ihm sofort gesagt, dann hätte sie nicht gewusst, dass er so darüber dachte. Ich würde lieber sterben, als zuzulassen, dass du irgendeine meiner Erinnerungen durchleben musst. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus. Irgendeine seiner Erinnerung. Als gäbe es keine einzige, die man gefahrlos betrachten konnte. Ein dumpfes Ziehen machte sich in ihrem Magen breit, weil sie ihm so gern geholfen hätte und es nicht konnte. Weil sie ihm so gern sagen wollte, was sie getan hatte, es sich jetzt aber anfühlte, als würde sie ihr Gewissen erleichtern, ihm damit jedoch noch mehr aufbürden. Also schwieg sie.
   Seine Finger lösten sich und strichen sanft über ihre Handfläche. Lena schloss die Augen. Warum verschlug ihr selbst so eine winzige Berührung den Atem? Immer noch, nach all der Zeit, die sie bei ihm war? Nach allem, was sie geteilt hatten. Nach allem, was sie getan hatte. Sofort verschwand das Kribbeln und machte einem nagenden Schuldgefühl Platz.
   Behutsam zog Cay sie zu sich heran. Sie zuckte zusammen, wollte ihm ihre Hand entziehen, doch das würde ihn misstrauisch machen, also ließ sie es zu. Sein Kuss war sanft, seine Lippen weich auf ihrer Haut. Lena traute sich kaum, zu atmen. Jede seiner Zärtlichkeiten schmerzte in ihrer Brust. Jede seiner Berührungen vergrößerte die Schuld, die sich eiskalt in ihren Magen krallte.
   »Komm wieder ins Bett«, flüsterte er, sein Atem heiß an ihrem Ohr.
   Vielleicht zum ersten Mal, seit sie hier bei ihm war, war er es, der diese Worte sagte. Zum ersten Mal hätte sie am liebsten Nein gesagt.

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