Katleen Rousseau liebt den Klang von rockiger Musik und die starken Arme eines fremden Mannes. In der Bar „Mondkuss“ begegnet sie dem charmanten und gut aussehenden Luron Lafleur. Nach einer heißen Nacht folgt die ernüchternde Neuigkeit: Luron ist ihr neuer Partner bei der Polizei, der mit ihr den Schlächter von Paris jagen soll. Katleen ist mit dieser Fügung des Schicksals überfordert. Sie ahnt nicht, dass Luron ein dunkles Geheimnis hat, das sie zwischen die Fronten einer uralten Fehde treibt. Denn während Katleen von der Existenz des Übernatürlichen nicht überzeugt ist, versuchen Himmelskrieger und Dämonen unnachgiebig, Soldaten um sich zu scharen. Plötzlich findet sie sich in einem blutigen Rachefeldzug wieder und gerät ins Visier des Mörders. Schon bald ist sie gezwungen, sich zu fragen, welcher Seite sie sich anschließen will. Haben ihre Gefühle für Luron überhaupt eine Chance?

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ISBN: 978-9963-52-901-8

Seiten: 430

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Marie-Luis Rönisch

Marie-Luis Rönisch
Marie-Luis Rönisch wurde am 26. Februar 1993 in Großröhrsdorf geboren. Schon von klein auf begeisterten sie Märchen, Legenden und Geschichten. Fasziniert von Mystery und Fantasy träumt sie sich in fremde Welten und hält diese Erlebnisse auf dem Papier fest. Inspiration findet sie in TV-Serien, die sie vorzugsweise in Englisch anschaut. Marie-Luis schreibt in den Genres Dystopie, Horror, Romantic Thrill, ParaRomance, Urban & High Fantasy. Neben ihrem Geburtsort im verwunschenen Sachsen liebt sie Kroatien und Teneriffa und sieht diese beiden Urlaubsziele insgeheim als eine zweite Heimat. Wenn sie nicht gerade mit ihrem Zwergkaninchen schmust, gibt sie sich ihrer größten Leidenschaft hin: dem Schreiben. Für 2016/2017 sind mehrere Romanprojekte geplant. Außerdem schreibt sie an den Fortsetzungen der Mondkuss-Reihe und der Feuerrosen-Trilogie. Veröffentlichungen: [2015] „Mondkuss – Bise de la Lune“ im bookshouse-Verlag [2016], „Blütenkuss – Bise de la Fleur“ im bookshouse-Verlag [2016], „Diamantdrache“ im Eisermann Verlag.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Er streckte seine Finger nach ihr aus und zerrte sie zu sich. Ihr spärlich bekleideter Körper war zu seiner Beute geworden. Nun würde er all das einfordern, was er ihr zuvor erlassen hatte. Durch seine trügerische Art, die Lügen und seinen Einfluss hatte er sie manipuliert und zu den schlimmsten Dingen gezwungen. Sie war ihrer Natur erlegen und folgte seinen Weisungen. Jetzt war ihr Ende gekommen. Der Ort, an dem sie sich befanden, war die perfekte Kulisse, um ihr die Seele zu entreißen und sie seinem dunklen Meister auszuhändigen.
   Vorsichtig, als wäre sie nach wie vor ein Teil von ihm, schob er ihr blondes Haar beiseite und entblößte ihre Kehle.
   Ihre olivgrünen Augen starrten ihn panisch an und er genoss die Beachtung, die sie ihm durch ihre Furcht schenkte. Er konnte es in ihrer Miene erkennen und in ihr lesen wie in einem Buch. Ein Grinsen schob sich auf seine Lippen, und als seine Mundwinkel aufgeregt zuckten, durchfuhr ihn ein Schub an Kraft und er setzte seine Schandtat fort.
   Furcht, Gefühle und Erbarmen waren Fremdworte für ihn. Er drückte seinen Dolch an ihren Hals und beendete ihr erbärmliches Leben. Blut tropfte über ihre Kleidung und die beinahe nackte Brust. Das dunkle Tattoo, das ihr Schlüsselbein zierte, wurde regelrecht übergossen. Zuckend bewegte sie sich in seinen Armen, bevor sie mit einem zufriedenen Lächeln ihr Schicksal zu akzeptieren schien und sich auf den Weg in die ewige Dunkelheit begab. Nun war sie frei und ein Abkömmling der Hölle. Verdorben durch seine Zunge, seine Worte und seinen Einfluss war sie dazu verdammt, dem Fürsten der Unterwelt auf ewig zu dienen. Das war sein Job als Verführer, Schlange und Dämon, der in der Menschenwelt umherstreifte.
   Er warf sich ihren Körper über eine Schulter, legte sie wenige Meter entfernt auf einem Tisch ab und entkleidete sie. Er wusch ihre Haut, nähte die Wunden und säuberte sie mit Bleichmittel, um alle seine Spuren zu verwischen. Zu guter Letzt holte er ein Brandeisen aus dem Feuer, was er zuvor im angrenzenden Kamin entfacht hatte, und verewigte sein Zeichen auf einem ihrer Handgelenke. »Damit Luzifer weiß, wer dich geschickt hat«, flüsterte er in ihr linkes Ohr. Glücklich und von Adrenalin vereinnahmt fuhr er durch ihr frisch duftendes Haar und trug sie wie eine Ehefrau hinaus zu seinem Wagen. Eingewickelt in eine Decke und verborgen durch die Stille und Finsternis der Nacht brachte er sie zurück nach Paris. Dort sollte man ihre Überreste finden. Er hatte sich schon seit Langem auf dieses Spiel eingelassen und mittlerweile daran Gefallen gefunden. Eines Tages, dessen war er sich sicher, würden sie hinter sein Geheimnis kommen. Sollte dies geschehen, würde er die unwissenden Menschen in seine Welt ziehen, wo sie nicht überleben konnten.
   Bis dahin hatte er sich vorgenommen, die Polizei in Aufruhr zu versetzen, ihnen Nachrichten zu hinterlassen, damit die Spannung stieg. Das Verlangen nach Aufmerksamkeit trieb ihn an und er hoffte inständig auf Nachahmer, die seine Arbeit bewunderten.
   Bisher jedoch schien keiner Interesse an seinen Morden gefunden zu haben. Lediglich die Kinder auf den Straßen sangen von Angst erfüllt Lieder, die seinen Kosenamen beinhalteten. Wenn er ihre weinerlichen Stimmen vernahm, versetzte es ihn in Ekstase, ein Schub durchströmte seine Adern und ließ ihn sich unbesiegbar fühlen.
   In einer Seitenstraße angekommen legte er die tote Frau auf den kalten steinernen Boden. Das Kleid, das ihre Hüften umspielte und ihre Miene regelrecht friedlich wirken ließ, gehörte zum Plan. Er stellte sie als Blüte, als Frau, als Eva dar, kaum bekleidet und doch verbarg er ihre Scham. Jeder sollte erkennen, dass sie ihrem Verlangen zum Opfer gefallen war und der Mörder nur den Takt zu der Melodie angegeben hatte, der sie blind gefolgt war. Wie eine Tänzerin in der Abendsonne, wie eine verdorbene Frucht, wie ein gefallener Engel, wie eine Sünde, die er niemals bereuen müsste.

Kapitel 1
Der Schlächter von Paris

Katleen zwinkerte dem attraktiven Mann an der Bar zu, den sie bereits seit geraumer Zeit beobachtete. Sein Zahnpastalächeln wurde von den blauen Neonlichtern verstärkt und unterstrich die wohlgeformten Augenbrauen, die farblich perfekt zu seinem schokoladenbraunen Haar passten. Sie brauchte einen Mann für die Nacht und in seinen starken Armen würde sie nur zu gern versinken.
   Sie drehte ihr Haar zwischen den Fingern und wartete gespannt auf eine Regung. Schließlich setzte er sich mit einem selbstzufriedenen Grinsen in Bewegung und drängte sich an den Menschenmassen vorbei, die verschwitzt und hemmungslos die Tanzfläche unsicher machten. Katleen war an diesem Abend in ihre geliebte Bar Mondkuss gekommen, um die Nacht keineswegs allein zu verbringen.
   Vor einigen Wochen hatte sie ihre Partnerin zu Grabe tragen müssen. Seit diesem Tag suchte sie nach einer Lösung für ihre Probleme und Ängste, die sie in ihrem Job als Polizistin begleiteten. Männer und Alkohol kamen ihr da gerade gelegen. Katleen ertränkte ihre Sorgen und zwang sich, die schrecklichen Bilder zu vergessen. Der Fremde, der auf sie zukam, war eine Aussicht auf einen One-Night-Stand, wie sie ihn schon lang nicht mehr gehabt hatte. Er war gut aussehend mit dunklen Locken, moosgrünen Augen, braunem Kinnbart und einem spitzen Gesicht. Markant und dennoch interessant, sodass sie seufzte, als er seine linke Hand um eine ihrer Hüften legte und sie vorsichtig mit sich zog.
   Ohne ein Wort an ihn zu richten, folgte sie ihm und übernahm außerhalb der Bar die Führung. Sie drückte ihn in den nächsten Hauseingang, riss ihm sein halb offenes Hemd von der Haut und offenbarte damit seine harte und muskulöse Brust. Um seinen Hals baumelte eine dunkle lederne Kette mit einem silbernen Anhänger daran, der Katleen nur kurz in den Bann zog. Sie fasste neuen Mut und legte eine Hand auf sein Gesäß. Er sollte ihr gehören und sie diese Nacht alles vergessen lassen, was sich wie die Qualen der Hölle in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte. Sie griff dem Fremden ohne Vorwarnung in den Schritt, und er stöhnte laut auf. Der verschlafene Vorort Nanterres war weniger dafür bekannt, dass sich zwei Menschen auf offener Straße so sehr einander hingaben. Als Katleen ihren Blick schweifen ließ und dieser hinauf zu den Fenstern ihrer Nachbarn wanderte, erkannte sie hinter den Gardinen deren Schatten und musste unweigerlich schmunzeln. Was würden sie wohl von ihr, der angesehenen Polizistin, halten, wenn sie jede Nacht einen anderen Mann zu sich entführte?
   Gemeinsam stürzten sie in ihre Wohnung, die sich über der Bar befand. Das Dröhnen der Musik betäubte ihre Sinne und ließ sie nach all dem Alkohol frohlocken. Er blickte kurz auf, bevor er ihr Kinn sanft nach oben stupste.
   »Wo ist das Bad?« Er hauchte die Worte so sinnlich, dass eine Gänsehaut ihren Körper überzog. Sie nickte und zog ihn mit sich. Katleen war nicht abgeneigt, seinen Vorstellungen zu folgen und wagte den ersten Schritt. Ihre Jacke landete noch auf dem Weg ins Badezimmer auf dem Boden, und sobald sie gemeinsam den Fliesen bedeckten Raum betraten, warf sie ihr Shirt beiseite. Sie wollte diese Sache vorantreiben. Ohne sich ihrer engen Jeans zu entledigen, die wie eine zweite Haut an ihr klebte, löste sie den Verschluss ihres BHs und verbarg ihre Brüste hinter den Händen. Der Fremde schnappte nach Luft, dieser Anblick schien ihm beinahe den Verstand zu rauben. Katleen lächelte. Sie wusste, dass sie ihn da hatte, wo sie ihn haben wollte. Er war bereit, ihr einige Stunden zu schenken, die sie nicht so schnell vergessen würde.
   Er drückte sich an sie, riss sich die Reste seines Hemdes vom Leib und öffnete in Windeseile seine Hose. Katleen konnte es kaum erwarten und trieb ihn weiter an. Sie küsste seinen Hals hinab bis zu seiner Brust und stoppte erst an seinem Bauchnabel. Der Fremde strich über ihr Schlüsselbein und betätigte den Drehknauf der Dusche, um das verlockende Spiel ihrer Leidenschaft zu starten. Lauwarmes Wasser rieselte über ihre Körper und brachte sie näher zueinander. Katleen zog seinen Kopf zu sich und steckte ihm die Zunge in den Hals.
   Der Fremde zögerte, bevor er darauf einging. Nach ein paar Sekunden wurde Katleen an die kalten Fliesen gepresst und spürte seinen Atem an ihrem Hals. Sein Bart kitzelte sie, bis sie sich ein Kichern kaum mehr verkneifen konnte. Der Alkoholpegel war nicht unschuldig an ihrem Verhalten, doch solange sie es genießen konnten, würde sie keine Reue empfinden.
   Mit flinken Fingern zog er ihr die feuchte Jeans und den roten Tanga aus und warf beides beiseite. Die Minuten fühlten sich wie Stunden an, sodass Katleen bald kein Zeitgefühl mehr hatte und unter seinen Fingern erbebte. Sie spürte überall seine Anwesenheit und genoss seine Sanftheit. Zufrieden streckte sie seinen Händen den Hintern entgegen, den er genauso begierig knetete wie ihren Busen. Ihre Haut wurde von seiner Zunge bedeckt. Immer wieder strich er darüber, vorsichtig und zurückhaltend, dann rau und schnell, sodass sie die Luft einsog, als würde ihr das Atmen verwehrt bleiben. Der Kontrast zwischen der Kälte der Fliesen und der Wärme des Wassers war gewaltig. Katleen glaubte, dadurch seine Berührungen intensiver zu fühlen.
   Schließlich fiel sie vor ihm auf die Knie und begutachtete sein bestes Stück, das sie bereits in aufrechter Position vorfand. Mit einem Grinsen näherte sie sich seinem Penis und fuhr in Kreisbewegungen mit ihrer Zunge über seine Eichel. Sie neckte den Fremden, ließ ihn zappeln, bis er es nicht mehr auszuhalten schien und sie seinen Penis in den Mund nahm. Der Fremde japste, als ihre Lippen seinen Schwanz bearbeiteten, und Katleen vergaß dabei ihr Umfeld.
   Irgendwann packte er sie und zerrte sie zurück auf die Beine. In seinen Augen flammte Begierde auf, und ihr wurde bewusst, dass er sie genau jetzt wollte. Weder er noch sie konnten sich zurückhalten oder weiter das Vorspiel genießen. Zwar hatte sie so manchen Gedanken an den Duschkopf und ein gewisses Verwöhnprogramm verschwendet, doch nun war der Fremde anscheinend nicht länger bereit, auf sie zu verzichten. Seine Hände formten ihr Gesäß nach, streiften ihren Busen und verharrten an ihren Nippeln. Er knabberte an ihnen, zupfte daran und stoppte erst, als sie sich genau wie sein Penis aufgerichtet hatten. Ohne weiter zu fackeln, tastete er nach ihrer Vagina. Katleen war bereits so erregt und feucht, dass er seinen steifen Penis einfach hineinschieben konnte. Sie stöhnte, als er sie mit einem Ruck nahm und zustieß, als hätte er in seinem Leben nie etwas anderes gemacht. Katleen spürte seinen Herzschlag und bemerkte seinen Blick, der auf ihr ruhte. Anscheinend brauchte nicht nur sie diese Nacht, auch er schien etwas vergessen zu wollen. Er ließ erst sie kommen, bevor er schneller wurde und seinen Samen in sie ergoss.
   Schwer atmend lehnten sie aneinander. Ihre verschwitzten, nackten Körper berührten sich und das Spiel begann von Neuem. Der Fremde schien nicht abgeneigt, unterschiedliche Stellungen auszuprobieren. Auch der Ort des Vergnügens wurde je nach Belieben verändert. Nach der lauwarmen Dusche zog es sie in die Küche, wo der Tisch als Bett fungierte. Kurz darauf fanden sie sich zwischen den weichen Kissen in ihrem Schlafzimmer wieder, das aussah, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Was Katleen in dieser Nacht mit dem Fremden teilte, war nicht allein die Leidenschaft. Sie glaubte, eine Verbindung zu erkennen und zwang sich, ihre Lider offen zu halten, um ihm in die Augen sehen zu können, wenn sie ihn wieder und wieder in sich spürte.

Um halb sechs spielte Katleens Handy den Song Highway to Hell, und sie richtete sich auf. Die Spuren der vergangenen Stunden waren deutlich zu erkennen, dennoch störten sie die blauen Flecken von seinen Fingern nicht. Er war nicht der erste Kerl, der etwas härter zur Sache gegangen war. Katleen kannte diese Typen und war meistens in der Lage, ihnen aus dem Weg zu gehen. Letzten Endes wusste sie aber, dass gerade diese die Fähigkeit besaßen, sie voll und ganz zu befriedigen.
   Gähnend strich sie sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und stand auf. Die Decke rutschte zu Boden und entblößte ihre Rundungen.
   Der Fremde blinzelte zufrieden und ein verschmitztes Grinsen erschien auf seinen Lippen. »Lust auf noch ’ne Runde?«, fragte er und streckte eine Hand nach ihr aus.
   Katleen lächelte und lief um ihn herum. »Vielleicht später, die Arbeit ruft«, antwortete sie und schnappte sich ihr Handy, was die Nacht genauso wenig unbeschadet überstanden hatte wie seine Besitzerin. Katleen hatte nie sonderlich viel Wert darauf gelegt, es mit Sorgfalt zu behandeln. Da nun allerdings ein Riss im Display ihre Bilder und Daten zerteilte, ärgerte sie sich.
   »Wie, du musst jetzt schon arbeiten?«
   »Ich bin eine alleinstehende Frau, irgendwie muss ich Geld ranschaffen.« Sie suchte zwischen seiner Kleidung nach ihrem BH.
   »Ranschaffen oder anschaffen? Nach der Nacht bin ich mir nicht mehr sicher, wo genau der Unterschied ist.« Er setzte sich ebenfalls auf.
   Katleen stoppte, zog ihre Augenbrauen hoch und blickte zu ihm hinüber. »Sollte das ein Kompliment sein?« Sie verschränkte die Arme vor der nackten Brust.
   Der Fremde zuckte mit den Schultern. »Denke schon.«
   Sie ignorierte seine Worte, griff nach seiner Kleidung und warf sie ihm entgegen.
   »Was soll das?«
   »Eins möchte ich klarstellen. Ich bin kein Betthäschen und keine Frau, die nach dem Sex kuscheln möchte. Ich brauchte etwas Erfrischendes und habe es in dir gefunden, aber nun beginnt mein Leben, mein Alltag, und du musst gehen. Verschwinde.«
   Ungläubig betrachtete er sie. »Das ist ein Scherz, oder?«
   Katleen schüttelte den Kopf und warf sich einen Bademantel über. Der Fremde schien zu zweifeln. »Hast du mich nicht gehört?« Sie kramte in der Schublade der Kommode nach ihrer Waffe.
   Langsam und gemächlich erhob sich ihr One-Night-Stand. Er ließ sich Zeit, wollte sie wohl unbedingt auf die Palme bringen. Sie hob ihre Waffe und lud sie durch. Als er sich daraufhin umdrehte, blickte er in den Lauf und schluckte. »Raus. Ich muss zur Arbeit. Wenn ich zu spät komme, rastet mein Boss aus«, sagte sie und drängte ihn in Richtung Tür. Widerwillig ließ er sich vertreiben und schnappte sich seine Hose. Den Rest seiner Kleidung konnte er vergessen, den ließ Katleen ihn nicht holen. Nach all den Problemen der vergangenen Zeit wollte sie ihren Chef keineswegs verärgern. Immerhin war dieser Kerl nur zum Knabbern gedacht und kein Hauptgewinn, den man schonend behandeln musste.
   An der Tür angelangt, öffnete sie ihm und schob ihn nach draußen. Der Fremde musterte sie, als wäre sie ihm ein Rätsel. Sie konnte ihm an seiner Nasenspitze ansehen, dass sein Interesse an ihr geweckt war. Er zog seine Mundwinkel auffordernd nach oben und strich sich über seine Lippen, als würde er einen Kuss von ihr verlangen. Zumindest glaubte sie, genau das in seinem Verhalten zu erkennen.
   »Bist du ein Cop?« Er fuhr mit einer Hand unter ihren Bademantel.
   Katleen seufzte. »Cop, so was sagen die Amerikaner. Ich bin eine Polizistin.«
   Behutsam stupste er ihr Kinn nach oben, nur um sie im nächsten Moment zu packen und an sich zu ziehen. Er steckte ihr seine Zunge in den Hals und ließ seine Finger zu ihrer Klitoris gleiten. Katleen genoss seinen Drang nach Aufmerksamkeit, bis ihr Handy ein zweites Mal klingelte und sie ihn von sich schubste. »Vielleicht ein anderes Mal, Süßer«, raunte sie, knallte die Tür zu und beobachtete ihn durch den Spion. Da stand er nun, nackt und verwundert. Er entfaltete seine Jeans und wollte sie sich gerade überziehen, als sich die Tür der achtzigjährigen Nachbarin öffnete. Die alte Frau betrachtete den Mann völlig verstört und schrie panisch auf. Katleen konnte sich ein Lächeln kaum verkneifen. Sie lehnte sich an das kalte Holz und verfolgte amüsiert seine Handlungen. Der Fremde errötete und schlüpfte hastig in seine Jeans, bevor er im Treppenhaus verschwand.
   »Was für ein Knackarsch«, hauchte Katleen leise, als er nicht mehr im Gang zu erkennen war. Sie machte kehrt und vertrieb das aufdringliche Bild dieses Mannes. Auch wenn sie ihn gern für eine zweite Runde eingeladen hätte, musste sie dringend los. Sie hatte einen Job zu erledigen.

Katleen trank unterwegs mehr als einen Kaffee und hielt einen weiteren in der linken Hand, als sie auf ein dreistöckiges Gebäude zulief. Nachdem ihre Partnerin verstorben war, sollte sie eine neue bekommen. Fünf Wochen hatte ihr Chef ihr Zeit gegeben, um die Erlebnisse zu verarbeiten. Beinahe einen Monat durfte Katleen nichts anderes als Schreibtischarbeit verrichten und es kribbelte ihr bereits jetzt in den Fingerspitzen, endlich ihren Beruf intensiver als zwischen Stapeln aus Akten leben zu dürfen. Katleen verzichtete auf professionelle Hilfe, stattdessen hatte sie hohe Erwartungen an ihre neue Partnerin und wollte zu diesem ersten Aufeinandertreffen keinesfalls zu spät kommen.
   Mit viel Schwung drückte sie die Tür auf und sprintete die Treppenstufen hinauf. Der Fahrstuhl brauchte meist doppelt so lang und aus diesem Grund wollte sie heute darauf verzichten. Oben angekommen hetzte sie in ihr Büro und stellte den Kaffeebecher auf ihren Tisch. Ein letztes Mal sah sie in den Spiegel, der auf der Rückseite ihrer Tür hing. Sie richtete sich die Haare und die Bluse, die sich eng an ihre Hüften schmiegte, und wagte sich in den Aufenthaltsraum. Sie trat ein und warf sogleich einen Blick auf ihren Chef, der zusammengesunken in einem Stuhl saß und auf sie wartete. Katleen hatte ausdrücklich nach einer Partnerin verlangt und hoffte, dass er ihren Wunsch erfüllen würde.
   »Morgen«, brummte er, deutete auf einen Stuhl und bat sie, Platz zu nehmen.
   »Bonjour«, entgegnete sie, um den allgemeinen Höflichkeiten nachzukommen. Für gewöhnlich bevorzugten sie ein Hi, auch wenn diese Variante für Frankreich recht untypisch war.
   »Katleen, vornweg möchte ich dir mitteilen, dass ich versucht habe, all deine Vorstellungen umzusetzen. Ich habe mich bemüht.«
   Er betrachtete sie mit einem Dackelblick, als würde er stumm um Vergebung betteln. Katleen verunsicherte seine Einstellung. Sie musterte ihn genauer. Heute war er wirklich seltsam, wirkte unterlegen, zog förmlich den Schwanz ein und wäre sicher am liebsten vor diesem Gespräch geflohen.
   »Dein neuer Partner kommt nicht aus Paris, wie du es dir gewünscht hattest«, sagte er und schob seine Krawatte gerade. Der Knoten hatte sich leicht gelockert.
   Was war nur mit ihm los? Auch sein blondes Haar war ungekämmt und zerzaust. »Woher kommt sie?«, fragte Katleen und ließ sich tiefer in den Stuhl sinken. Sie ignorierte die Anzeichen, die auf eine drohende Katastrophe hindeuteten.
   »Er kommt aus den USA und war ein Cop in New York. Ich habe ihn ausgewählt, weil er bereits einmal eine große Unterstützung war und eine Festanstellung genau das Richtige wäre.«
   Katleen schluckte und setzte sich auf. »Er?« Im nächsten Moment waren Schritte zu vernehmen und ein Mann betrat das Zimmer. Anmutig wie eine Raubkatze lehnte er sich an den Rahmen. Ein schwarzer Anzug schmiegte sich an seinen Körper und offenbarte Muskeln, die unter dem Stoff spannten. Dunkle schulterlange, leicht gelockte Haare umrundeten sein spitzes und markantes Gesicht mit Bartansatz. Kiwigrüne Augen musterten sie neugierig und ein hellblaues Hemd blitzte unter seinem Jackett hervor. Er knöpfte sein Hemd ein Stück auf und gab sein kleines und ihr allzu bekanntes Geheimnis preis: eine Kette bestehend aus einem schwarzen Lederband und einem silbernen Anhänger daran. Katleen konnte es nicht glauben. »Merde! Er ist mein neuer Partner?« Sie biss die Zähne zusammen, sprang auf und ging einige Schritte zurück, um dieses Bild von einem Mann genauer betrachten zu können. Grinsend blickte er zu ihr herüber und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Freude sah anders aus, das wusste jeder in diesem Raum. »Der Knackarsch.« Sie japste und schlug die Hände vor den Mund.
   »Das Betthäschen«, entgegnete er gelassen.
   »Sie kennen sich?«, fragte ihr Chef.
   Der Umgangston war ihm nicht entgangen und er schien alles andere als abgeneigt, sich ebenfalls auf dieses Level zu begeben.
   »Darf ich noch einmal offiziell vorstellen? Das ist Luron Lafleur aus New York. Ihn hat es zurück in die Heimat verschlagen.«
   Katleen zögerte.
   »Herr Lafleur, darf ich Ihnen Frau Katleen Rousseau vorstellen?«
   Sie funkelte Luron an. »Das soll wohl ein Scherz sein«, sagte sie und machte kehrt. Wütend und gleichzeitig überrascht wollte sie diese Versammlung verlassen.
   Luron jedoch suchte sofort ihre Nähe und stellte sich ihr in den Weg. »Wohin so eilig?« Er drückte sie gegen eine Wand.
   »Lass den Quatsch. Ich habe dir heute Morgen deutlich gesagt, dass ich kein  …« Seine Lippen trafen auf ihren Mund und machten jegliches Sprechen unmöglich. Katleen schubste ihn von sich. »Mein Gott, das war eine Nacht. Ich habe kein Interesse an einem Typen wie dir.«
   »Ach, wegen des Kusses? Nein Süße, der war dazu da, um unsere Partnerschaft zu besiegeln. Im Job versteht sich.«
   Katleen suchte das Weite. Seine Arroganz hatte in ihr einen sehnlichen Wunsch geweckt. Zu gern hätte sie ihm seinen knackigen Hintern versohlt und ihn für diese Frechheit auf ihre Weise büßen lassen. Sie reimte sich bereits ein ledernes Outfit und eine ruhige Umgebung zusammen, damit er bettelnd vor ihr auf die Knie fallen könnte. Sie hoffte, dass dies bloß ein schrecklicher Traum war. Einem Partner auf eine so leidenschaftliche Art und Weise nahegekommen zu sein, würde zu Problemen führen, dessen war sie sich sicher. Sie musste ihn loswerden, kostete es, was es wollte.

*

Luron war sichtlich zufrieden mit der ihm zugeteilten Partnerin und genoss die Vorstellung, ihr auf diese Weise näherzukommen. Sie würden unweigerlich zusammenarbeiten müssen, und er wäre nicht Luron, wenn er diese Tatsache nicht auszunutzen wüsste. Vergangene Nacht war seine Begierde geweckt worden. Diese Frau erschien ihm auf eine seltsame Weise besonders. Er hatte sich mit ihr vereint, sie gespürt und schaffte es nicht, sich von ihr loszureißen. Ihr Anblick verschlug ihm die Sprache, und er konnte nicht verstehen, wieso er ihr nach wenigen Stunden verfallen war.
   Während Katleen anscheinend verzweifelt versuchte, ihn loszuwerden und ihrem Boss vor seinen Augen beichtete, dass sie ein ungewolltes Verhältnis mit ihm habe und dies bei Partnern nicht gestattet sei, schob sich ein Grinsen auf seine Lippen. Er verstaute seine Hände in den Hosentaschen und wartete geduldig auf die Entscheidung ihres Chefs, der mehr als erbost über diese Fügung des Schicksals zu sein schien.
   »Eine Beziehung zu dem Partner ist verboten.« Katleen gestikulierte wütend. »Sie müssen mir jemand anderen besorgen. Ich kann mit diesem Mann nicht arbeiten.« Ihre Wangen wurden rot.
   »Dieser Mann hat einen Namen. Du kannst mich Luron nennen.« Er genoss ihren Zorn, der ihm wie eine Ohrfeige entgegenschlug.
   »Das kann nicht funktionieren.«
   »Das wird es, wenn du nicht so stur bist.« Lurons Blick schien sie zu verunsichern. Er dachte an die weichen Schenkel, die zarte Haut, die weibliche Statur und ihren Busen, den seine Lippen mit Küssen bedeckt hatten. Zu gern hätte er von ihrem süßen Nektar gekostet, sie sofort an sich gezogen und regelrecht verschlungen. Mehr als den Fahrstuhl und den roten Knopf, um den Ausgang zu verschließen, benötigte er nicht, um sie zu verführen, aber das war eindeutig zu einfach. Er begehrte sie noch aus einem anderen Grund. Sie würde ihm keineswegs nachgeben, und das reizte ihn. Das ließ seine Emotionen kochen, sein Blut pulsieren und seinen Penis sich in seiner Hose unkontrolliert wölben. Nur mit Mühe schaffte er es, diese Offensichtlichkeit zu verbergen. Er konnte seine Männlichkeit kontrollieren, Katleen widerstehen.
   »Sehen Sie das? Dieser Blick, deshalb kann ich nicht mit ihm arbeiten!« Sie stieß Luron von sich.
   Ohne es zu bemerken, hatte er sich in ihre Nähe begeben, sie allerdings nicht berührt. »Was ist mit meinem Blick?«
   »Sieh mich nicht so an, als hättest du mich nackt gesehen.«
   Luron zuckte mit den Schultern und verkniff sich einen Kommentar. Stattdessen zog er von dannen, suchte nach einem Kaffeeautomaten und ließ ihre Stimme in seinen Gedanken verblassen. Sollte sie fluchen so viel sie wollte, sie wurde ihn nicht mehr los. Er hatte seinen Vertrag bereits vor Wochen unterschrieben und war nicht gewillt, wegen eines One-Night-Stands seine Aufgabe aus den Augen zu verlieren. Luron war nach Paris gekommen, um auf die Jagd zu gehen. Er wusste, dass er sein Opfer finden würde und mithilfe der Polizei könnte er den Mann schnellstens zur Strecke bringen.

*

Katleen strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sie daran hinderte, Mr. Knackarsch zu beobachten. Er hatte natürlich kein Büro erhalten, sondern durfte am Schreibtisch ihr gegenüber Platz nehmen. Katleen war sich sicher, dass sie nicht länger für seinen Schutz garantieren konnte, wenn sie nicht bald gemeinsam einen Fall bearbeiteten. Er hatte an ihr anscheinend einen Narren gefressen und vergnügte sich mit ihrer Abneigung. Genervt erhob sie sich.
   »Willst du schon gehen?«, fragte er.
   »Ich muss zum Aktenschrank«, erwiderte sie und schob sich an ihm vorbei. Das Büro war durch seine Anwesenheit geschrumpft, sodass Körperkontakt kaum zu vermeiden war.
   »Soso, wenns nur das ist.« Er kniff ihr in den Po.
   Sie schrie auf und verpasste ihm eine Ohrfeige. »Tu das erneut ohne meine Einwilligung, und ich breche dir die Nase«, sagte sie und packte ihn am Kragen seines Hemdes.
   »Das ist ’ne nette Vorstellung, vielleicht sollte ich es drauf ankommen lassen?«
   Katleen seufzte. Sie wusste nicht genau, ob sein Verhalten kindisch war oder dem eines Players entsprach. Er bereitete ihr Kopfschmerzen, und so kam ihr der Anruf, der das Telefon klingeln ließ, gerade gelegen. Während er weiterhin die Finger nicht von ihrem Hintern lassen konnte, griff sie zum Hörer.
   »Ja?« Am anderen Ende war ein Dröhnen zu vernehmen.
   »Ist da das Polizeirevier? Hier spricht Augustin Cheville, ich habe soeben eine tote Frau gefunden.«
   »Wo befinden Sie sich?«, fragte sie sanft und beruhigend. Katleen hatte den Schock aus der Stimme des Fremden deutlich herausgehört.
   »Hinter der Bibliothèque Nationale de France. Es gibt einen Nebeneingang, den bloß die Angestellten nutzen. Ich wollte lediglich den Müll wegbringen«, stotterte er und schluchzte.
   »Wir sind gleich da. Bitte bleiben Sie ruhig und lassen Sie keinen in die Nähe der Toten. Ich schicke Ihnen einige Beamte vorbei.« Katleen legte den Hörer auf und löste Lurons Finger von ihrem Gesäß. Dies war ihre Gelegenheit, dem stickigen Büro zu entkommen. Ein Blick genügte und Luron verstand sofort, dass sie einen Job zu erledigen hatten.

Mit Sirene und Blaulicht brausten sie durch die Straßen von Paris. Die Bibliothek war nicht weit entfernt, sodass sie bereits in weniger als einer viertel Stunde da sein konnten. Gemeinsam stiegen sie aus und eilten hinüber zu dem bereits von den Kollegen abgesperrten Tatort. »Was haben wir hier?« Katleen beugte sich über eine abgedeckte Leiche, die durch ein weißes Tuch abgeschirmt wurde.
   »Eine Frau Anfang dreißig ohne Papiere. Alles, was sie an sich trägt, ist dieser Fetzen, der sich Kleid schimpft«, antwortete eine Beamtin.
   Katleen zog den rechten Zipfel des Tuches herunter und entblößte den Körper. Eine verblasste Schönheit lag vor ihr, kreidebleich, geschminkt und gekleidet wie eine Puppe. Ihr blondes Haar war leicht gelockt und keineswegs ungeordnet oder zerzaust. Olivgrüne Augen starrten sie an. Die Gegensätzlichkeit, die diese Leiche auszumachen schien, weckte in Katleen großes Interesse. Sie stülpte sich einen Handschuh über und kniete sich neben das Opfer. Vorsichtig, als könnte sie die Frau verletzen, schob sie das Kleid nach oben und hielt Ausschau nach Kampfspuren. Lediglich an ihrem Hals waren die Male ihres Todes zu erkennen. Die Genauigkeit des Mörders ließ sich bereits durch seine Wahl der Lage ableiten. Er hatte sie gesäubert und wie eine Puppe für die Beamten hier deponiert. Die tote Frau hatte ein Tattoo über ihrem Schlüsselbein. Als Katleen eine Brandwunde an einem Handgelenk entdeckte, winkte sie einen Beamten hinzu. »Machen Sie davon bitte ein Foto und schicken Sie es mir später.« Der Blondschopf, der wie ein Jüngling aussah, nickte und befolgte ihren Wunsch. »Was mag wohl mit ihr passiert sein?«, hauchte Katleen und richtete sich auf.

*

»Einfach schrecklich, so ein Leben auszulöschen.« Luron löste sich aus seiner Starre. Auch wenn er es nicht zugeben konnte, hatte er längst den Geruch bemerkt, der sich stinkend und ätzend in seine Nase bohrte. Kein Mensch hätte die Witterung so schnell wahrgenommen. Zum Glück waren Luron einst Gaben geschenkt worden, die er früher als Fluch angesehen hatte. Nun konnten sie ihm dabei helfen, zu erkennen, wer oder besser gesagt was dahintersteckte. Der Mörder glich mehr einem Monster, einem Wesen der Hölle als einem Sterblichen. Die Schwere des Schwefels lag in der Luft und der Gestank von sauren Eiern übertünchte den Geruch, der Paris ausmachte. »Ein Dämon«, wisperte er und starrte hinüber zu Katleen. Er war sich bewusst, dass sie womöglich im Kreuzfeuer zweier Arten ihr Leben verlieren könnte, wenn er sie in diesen Fall hineinziehen würde. Dennoch musste er es riskieren, denn er hatte sie nicht ohne Grund ausgewählt. Die Mordkommission würde früher oder später einen Hinweis liefern, der sie dem Mörder näher brachte. Würden sie erkennen, dass sie einen für tot erklärten Mann jagten, könnte ihre Welt über ihnen zusammenbrechen.

*

»Wonach riecht das?« Katleen schnüffelte an der Kleidung der Frau.
   »Sie wurde mit Bleichmittel gereinigt«, antwortete Jules, der sich immer wieder seine blonden Haare aus dem Gesicht pusten musste.
   »Nein, das ist es nicht. Da ist etwas anderes.« Sie beugte sich erneut über die Leiche.
   »Schwefel«, sagte Luron.
   Katleen wirbelte herum. »Genau. Schwefel. Aber woher kommt dieser Geruch?« Sie ließ ihren Blick schweifen, wurde allerdings nicht fündig. Auf dem seidigen weißen Kleid, das sich eng an die Taille des Opfers schmiegte, war nichts zu erkennen.
   »Schickt die Leiche ins Labor, wir haben genug Tatortfotos gemacht. Richtet dem Gerichtsmediziner bitte aus, dass wir mehr über den Todeszeitpunkt und die Ursache erfahren wollen«, sagte Luron und ließ die Frau abtransportieren.
   Katleen lief an einer Ansammlung von Schaulustigen vorbei, die sich auf Zehenspitzen stellten, um genug vom Tatort sehen zu können.
   Ein mulmiges Gefühl beschlich Katleen, als sie stoppte und einem Mann gegenüberstand, den nur sie wirklich wahrzunehmen schien. Sie schaute sich um, doch in der Masse lugte kein anderer dermaßen hervor wie dieser Fremde, der sie gebannt musterte. Niemand schenkte ihm Beachtung. Jeder erhoffte, einen Blick auf den Tatort zu erhaschen. Der Mann war unscheinbar. Trotzdem strahlte er mit seinem Basecap etwas Dunkles aus, das Katleen verunsicherte. Sie steuerte geradewegs auf ihn zu. Seine braunen Augen schienen hin und wieder die Farbe zu kohleschwarz zu wechseln. Mit jedem Schritt verstärkte sich ihr Herzklopfen. Ihr Organismus wehrte sich, ein solches Risiko einzugehen, obgleich sie nicht wusste, wieso. Etwas an ihm war anders. Katleen wollte unbedingt herausfinden, was.
   Als sie ihn beinahe berühren konnte, wurde sie von Luron festgehalten. Sie versuchte, seinen Armen zu entkommen und blickte über seine Schulter hinweg. Ihr Herz zersprang fast, als die Stille endete, die sie alles hatte vergessen lassen, und sie bemerkte, dass diese dunklen Augen in der Menschenmenge verschwunden waren. Der Bann war gelöst. Hatte sie fremdgesteuert gehandelt? Katleen schüttelte den Kopf und rieb sich die Schläfen.
   »Alles okay?« Luron starrte in die Menge.
   »Ja, das ist nur mein erster Fall, seit ich meine Partnerin verloren habe. Vielleicht liegt es daran. Sobald ich wieder völlig im Sattel sitze, sind hoffentlich diese Startschwierigkeiten überwunden.« Katleen löste sich von Luron und kehrte zu seinem privaten Wagen zurück. Als Ermittler verfügten sie über keines dieser klischeehaften Polizeiautos, sondern durften sich ihre Marke selbst aussuchen. Lediglich das auf dem Armaturenbrett liegende Blaulicht weckte den Anschein, dass es sich hierbei um ein Polizeifahrzeug handeln könnte. Mit wirren Gedanken lehnte sie sich gegen seinen Audi und wartete auf Lurons Erscheinen.
   Sie konnte die Frau in ihrer Schönheit und Aufmachung keineswegs vergessen. Etwas störte sie an ihrer Erscheinung, doch Katleen wusste nicht, was. Sie hoffte inständig, dass das Labor ihr einen Tipp geben würde und sie bald eine Spur verfolgen konnten.

Zurück auf dem Polizeirevier versuchten Katleen und Luron, den Namen des Opfers ausfindig zu machen. Ihre Familie sollte, wenn möglich, vor den Medien informiert werden. Katleen setzte alles daran, der Namenlosen ein Gesicht zu verpassen. »Gibt es jemanden, der als vermisst gemeldet wurde?«, fragte sie in die Runde. Die Beamten abseits ihres kleinen Büros, dessen Tür weit offen stand, schauten gespannt auf. Jeder schien an einem Puzzleteil des Falles zu arbeiten und im Gegensatz zu ihr und Luron, besaßen die anderen Ermittler keinen eigenen Raum, um sich zu entfalten. Sie begab sich nach draußen und gesellte sich zu ihren Kollegen.
   Jules tippte auf seinem Computer herum und durchsuchte die Datenbank. »Niemand, und die Fingerabdrücke sind ebenfalls nicht gelistet. Wir beginnen bei null.« Seine Antwort kam unerwartet schnell, sodass Katleen ihm eine Hand auf die Schulter legte und kurz auf seinen Bildschirm schaute. Als sich nichts Neues ergab, löste sie sich von Jules und ging hinüber zu der Pinnwand, auf welcher die Tatortfotos befestigt waren.
   »Eine Leiche hinter der Bibliothek. Ich bin ehrlich. Ich gehe nicht davon aus, dass sie dort umgebracht wurde. Die Seitenstraße ist recht belebt, der Mörder hätte kaum die Zeit gehabt, sie so gründlich zu reinigen.« Luron räusperte sich. Er hatte sich zu Katleen gesellt und nippte seelenruhig an einem Kaffee.
   »Erst einmal ist die Identität des Opfers von großer Wichtigkeit. Ihren Mörder knöpfen wir uns danach vor.« Die Anwesenden nickten. »Wo ist der Bericht aus dem Labor?« Katleen warf Luron einen abschätzigen Blick zu. Dieser öffnete eine Mappe und verteilte die Leichenfotos und die Angaben der Spurensicherung auf dem Tisch.
   Katleen sah sich die Bilder an und nahm die Leiche genau unter die Lupe, wie sie es bereits vor Ort getan hatte. Das Brandzeichen am Handgelenk schien eine Herausforderung zu sein, denn durch das verkohlte Fleisch und Blut war das Zeichen kaum zu erkennen. Der Gerichtsmediziner hatte den Todeszeitpunkt auf ein bis zwei Uhr in den Morgenstunden eingegrenzt. Mordwaffe war ein Messer mit glatter Klinge, möglicherweise ein Dolch. Der Täter hatte dem Opfer die Kehle aufgeschlitzt, kaum Spuren hinterlassen und die Wunde nach dem Tod säuberlich vernäht.
   Katleen las den Bericht des Gerichtsmediziners und mit jedem Wort zeichnete sich in ihren Gedanken die Gestalt des Mörders ab. Er war clever, hatte nichts zurückgelassen, was ihn verraten konnte. Er schien ein Faible für Perfektion zu haben und das auf eine Weise, die Katleen keineswegs nachvollziehen konnte. Wieso gab er sich solche Mühe? Er verfolgte ein eindeutiges Muster, was auf einen Serienmörder schließen ließ, allerdings war diese mysteriöse Frau sein erstes, bekanntes Opfer. Zwei wären ein Zufall, erst ab der dritten Leiche würde man von einem Schema ausgehen. Katleen wollte nicht abwarten, bis er erneut zuschlagen würde, allerdings hatte sie keine Spur, die sie verfolgen konnte.
   Alle gaben sich die größte Mühe, suchten über die Medien nach Zeugen und befragten jeden, der sich zur Tatzeit in der Nähe aufgehalten und sich bei ihnen gemeldet hatte. Es schien ausweglos. Wie sollten sie einen Mörder finden, der ihnen mehr als einen Schritt voraus war?

*

Luron zog Katleen das Foto mit dem Brandzeichen zwischen den Fingern hervor und betrachtete es. Er spürte, dass jenes Symbol etwas mit seiner Vergangenheit zu tun hatte. Ohne, dass es Katleen mitbekam, umklammerte er von Schuldgefühlen geplagt seine Kette. Er wusste, dass sich der Mörder aus einem bestimmten Grund auf der Leiche verewigt hatte. Luron konnte sich nicht zu der Frage zwingen, die auf seiner Zunge brannte. Er schluckte sie hinunter, machte kehrt und ging zum Pausenraum. Er schaltete den Fernseher ein. Luron versuchte, herauszufinden, wie viele Informationen bereits an die Medien gelangt waren.
   Der erste Sender berichtete von einer Toten. Die Details waren brisant, aber nicht aussagekräftig genug. Luron atmete auf. Eine solche Nachricht sollte sich nicht in der Menschenwelt verbreiten. Es war zu auffällig, da kein Sterblicher zugange war. Der Mörder war übernatürlicher Art und schien seinen Meister mit der Tat beeindrucken zu wollen.
   Eine Hand legte sich auf seine rechte Schulter. Er drehte sich um, entdeckte Katleen und betrachtete sie schweigend. Ihre Miene war weicher als sonst, ihre Augen glasig, als hätte sie Tränen vergossen oder würde kurz davor stehen. Sie war keineswegs so stolz, wie sie sich gab. Ihre Fassade bröckelte, und das bereitete ihm Sorgen. »Alles okay bei dir?«, fragte er und erhob sich.
   Katleen nickte. »Wir haben Telefondienst, das wollte ich dir nur mitteilen«, sagte sie und machte unverhofft kehrt.
   Luron hielt sie zurück. »Bist du sicher, dass bei dir alles in Ordnung ist?« Sie zögerte. Das war kein gutes Zeichen.
   Katleen fuhr sich durch ihre dunkle Mähne und ein falsches Lächeln schob sich auf ihre Lippen. »Nichts. Es ist alles gut. Lass uns an die Arbeit gehen.« Sie löste sich aus seinem Griff.
   Luron ließ sie gewähren, und sie verschwand. Er griff sich an die Stirn und seufzte. Was hatte ihn nur dazu bewogen, ausgerechnet sie zu erwählen? War da mehr als die helle Aura, ihr reines Gewissen und die sterbliche Seite? Er zweifelte an seinen Gaben, da er Katleen in keine Schublade stecken und vergessen konnte. Er spürte die Verbindung zu ihr. Jedes Mal, wenn er in ihrer Nähe war, bereute er es, sie in diesen Fall verwickelt zu haben. Er hätte nach einer anderen Partnerin verlangen und ihr die Suche nach diesem Mörder entreißen sollen. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht, und er war sich sicher, dass sie durch seine Anwesenheit in Gefahr schwebte.

*

Die Stunden verflogen, ohne dass ein wichtiges Detail an sie herangetragen wurde. Die junge Frau blieb namenlos. Katleen war verärgert, weil sie keine Spur hatten. Das Vorgehen des Mörders erinnerte sie an einen alten Fall, der in den Medien Brisanz erlangt hatte, als sie zur Schule gegangen war.
   Katleen schüttelte den Kopf und hätte gern ihre Sorgen und Erinnerungen in Alkohol ertränkt. Als sich Luron ihr gegenübersetzte und sie mit seinem verführerischen Hundeblick musterte, fiel es ihr schwer, ihre Arbeit zu tun. Sie hasste seine Anwesenheit, war er doch mit ihr intim geworden. Diese eine Nacht würde auf ewig zwischen ihnen stehen. Sie fürchtete sich vor dem Tag, an dem er wegen der entflammten Leidenschaft etwas Dummes tun würde. Sie hatte bereits eine Partnerin verloren und zu Grabe tragen müssen, möglicherweise machte ihr dieser Umstand mehr Probleme, als ihr bewusst war. Sie liebte Luron nicht, kannte ihn ja kaum, aber sie wollte ihn nicht auf grausame Weise verlieren. Er hatte sie an jenem Abend aufgefangen und ihr aus dem Sumpf ihrer Vergangenheit geholfen. Er war weit mehr als ein einfacher One-Night-Stand.
   Das Klingeln des Telefons riss Katleen aus ihren Gedanken. Sie umklammerte den Hörer und nahm das Gespräch an. »Pariser Polizeirevier, Sie sprechen mit Frau Rousseau, was kann ich für Sie tun?« Sie lauschte der tiefen Stimme am anderen Ende und bemerkte die Unsicherheit der fremden Person. »Sie möchten Ihre Schwester als vermisst melden? Gibt es irgendwelche Besonderheiten, zum Beispiel Piercings, eine Kette, ein Tattoo?« Katleen notierte sich einige Merkmale, glaubte jedoch keineswegs an einen Treffer. Auf einmal sagte der Mann etwas, dass sie aufhorchen ließ. Sie bedankte sich für die Hinweise und beendete das Telefonat, ohne Auskunft zu geben. »Ich glaube, ich habe sie. Amelié Dupont. Ihr Bruder Tristan hat sie als vermisst gemeldet. Sie hat ein Vogeltattoo auf ihrem Schlüsselbein, blondes Haar, grüne Augen, ist zweiunddreißig Jahre alt und hat eine Narbe am rechten Handgelenk.«
   Luron nickte ihr zu. »Überprüfen wir es«, sagte er und ging auf die Pinnwand zu.
   Jede noch so kleine Unebenheit auf dem Körper der Toten war dort dokumentiert. Die Merkmale stimmten überein, und obwohl Katleen ein Gefühl von Freude empfand, wurde dieses von Trauer überdeckt. Nun bestand ihre Aufgabe darin, einer Familie zu erklären, dass die Tochter von einem kranken Menschen ermordet wurde.

Am nächsten Morgen wagten sie sich zu den Verwandten des Opfers. Glücklicherweise musste sich Katleen der Familie nicht allein stellen, denn obwohl sie seit mehreren Jahren ihren Beruf ausübte, gehörte dies zu den schlimmsten Tätigkeiten. Sie hasste es, das Leben einer Familie zu zerstören. Luron begleitete sie, und der Streit zwischen ihnen schien für den Moment vergessen. Seine Annäherungsversuche, die er wohl zum Trotz einsetzte, um sie aus der Fassung zu bringen, wurden von ihr kontinuierlich ignoriert. »Hier ist es.« Katleen betätigte die Klingel. Luron richtete ein letztes Mal seinen Kragen, bevor eine Frau mit bleichem Gesichtsausdruck öffnete.
   »Kommen Sie wegen meiner Tochter?«, fragte sie mit zittriger Stimme. Die Frau Ende fünfzig hatte ihre rechte Hand zur Faust geballt.
   Der Schmerz war ihr deutlich anzusehen, und obgleich Katleen sie beruhigen wollte, würde es ihr keinesfalls gelingen. »Bonjour. Wir sind die Kriminalermittler Luron Lafleur und Katleen Rousseau aus dem Pariser Department. Dürfen wir reinkommen?«
   Die Frau musterte Katleen ausgiebig, nickte und deutete auf einen Raum am Ende des Flures. In einem großen, geräumigen Wohnzimmer nahmen sie Platz. Der Rest der Familie versammelte sich allmählich. Ein groß gewachsener, junger Mann tauchte auf und strich nervös die Falten an seinem Oberteil gerade. Seine Haare waren ungepflegt, er hatte tiefe Augenringe, und obwohl seine Lippen bebten, vermochte er kein einziges Wort zu sprechen. Ihm folgte ein gebückter alter Herr, dessen grauer Ansatz erahnen ließ, dass es sich scheinbar um Vater und Sohn handeln musste. Der Bruder hatte immerhin seine Schwester als vermisst gemeldet, und wenn sie ihre Mimik richtig deutete, konnte sie die beiden gut unterscheiden. Ihre verzerrten Mienen, entstellt von der Ungewissheit, jagten Katleen einen Schauder über den Rücken, deswegen war sie dankbar, als Luron das Wort ergriff.
   »Wir sind gekommen, um Ihnen von den laufenden Ermittlungen zu berichten. Gestern fanden wir eine ermordete Frau nahe der Bibliothek. Sie trug keinen Pass oder Ausweis bei sich, weshalb wir anfangs im Dunkeln bezüglich ihrer Identität tappten.« Er holte tief Luft. Winzige Schweißperlen bildeten sich auf seiner Haut.
   »Sie ist es, habe ich recht? Diese Frau ist meine Schwester«, meinte der Bruder der Toten und sank in den Sessel neben Katleen. Schluchzend stützte er den Kopf in die Hände.
   »Das vermuten wir, jedoch würden wir sie gern durch ein Familienmitglied identifizieren lassen. Um sicherzugehen«, erwiderte Luron mit sanfter Stimme.
   Die Mutter stand fassungslos im Türrahmen und wirkte erstarrt. Der Schock, der soeben ihren Organismus übermannt haben musste, war ihr anzusehen. Der Vater, ein bärtiger Mann mit verweinten Augen, einem ungepflegten Äußeren und einer Wut, die seine Adern hervorstechen ließ, ging hinüber zu einem Schränkchen. Er holte sich eine Flasche Wodka heraus und goss sich etwas in ein Glas ein. Nicht genüsslich, sondern fordernd trank er es aus und füllte kurz darauf nach. Katleen kannte diese Reaktion und wusste, dass jeder anders mit seiner Trauer umgehen musste. »Ihr Verlust tut uns unendlich leid.«
   »Wir werden uns bei Ihnen bezüglich der Identifikation telefonisch melden«, versprach Luron.
   Katleen und Luron verabschiedeten sich. Sie mochte nicht weiter anwesend sein und das Elend dieser Familie miterleben. Als Katleen die Tür hinter sich schließen wollte, wurde sie von dem Bruder des Opfers aufgehalten.
   »Bitte finden Sie diesen Bastard. Allein der Gedanke, dass dieses Monster weiterhin irgendwo da draußen herumläuft  …« Er war kaum jünger als sie und musste nun viel durchmachen. Katleen konnte ihn nicht trösten oder ihm seine Trauer nehmen. »Wir werden unser Bestes tun, das verspreche ich.«
   »Ich vertraue darauf«, entgegnete er und schloss die Tür.
   Katleen verharrte einen Augenblick davor, danach eilte sie mit Luron zu seinem Audi.

*

Luron saß eine Weile stumm neben ihr. Er vermochte keineswegs seinen Wagen zu starten, bevor er nicht ein wichtiges Thema mit ihr besprochen hatte. »Seit wann geben wir Versprechen?« Katleen sollte verstehen, dass es niemals einfach war, einen Mörder zu fassen. Erst recht nicht, wenn er bereits vor einigen Jahren auf den Straßen von Paris zugeschlagen hatte. Dieses Wissen blieb ihr wiederum verborgen. Nur er kannte das Geheimnis des Mörders und konnte ihn aufhalten.
   »Habe ich dich nach deiner Meinung gefragt?«, fragte sie schroff, zog ihre Waffe und strich mit einem Zeigefinger darüber.
   Luron schluckte, denn diese Geste erinnerte ihn an den Morgen nach der besten Nacht seines Lebens, als sie ihn nackt vor die Tür gesetzt hatte. »Versteh mich nicht falsch, aber du bist seit Jahren eine Polizistin und solltest das wissen.«
   Sie liebkoste den harten Gegenstand. »Ich weiß, du musst mich nicht belehren.« Ihre Mundwinkel senkten sich. Aus dem zuvor milden Ausdruck wurde eine ernste Miene.
   Wie sollte er ihr von seinem Verdacht erzählen? Dass der wahre Mörder wohl niemals zu fassen sein würde und lediglich er dazu in der Lage war, etwas zu verändern? Gitterstäbe konnten einen Dämon nicht bannen. Selbst wenn Luron einen Bannkreis benutzen würde, so hing immer noch die Tatsache der Unsterblichkeit an diesem Geschöpf, wodurch er ihn nicht töten konnte. Katleen war ein Mensch und als solcher kaum in der Lage, in seiner Welt zu bestehen. Er durfte sie nicht einweihen, auch wenn das gewiss arge Probleme zur Folge hatte. Katleen versenkte ihre Waffe wieder in der Halterung und stupste Luron vorsichtig in die Seite. Diese sanfte Geste überraschte ihn.
   »Fahr los, wir haben einen Fall zu lösen«, sagte sie mit harschem Unterton.
   Luron seufzte. Diese Frau würde ihn den Kopf kosten, dessen war er sich sicher.

*

Nach einer Woche harter Arbeit, Befragungen und dem Nachgehen von Hinweisen, wirkten alle mehr als erschöpft, denn sie standen nach wie vor am Anfang. Die wenigen Hinweise, die auf einen Mörder schließen ließen, bestanden lediglich aus seinem Vorgehen. Er hatte das Opfer scheinbar vor ihrem Ableben versucht zu strangulieren, sich aber umentschieden und sie mithilfe eines Dolches niedergestreckt. Auf ihrem Körper wurden keine DNA-Spuren gefunden und es ließ ebenfalls nichts auf eine Vergewaltigung schließen. Er hatte sie zu gründlich gereinigt. Das Brandzeichen am Handgelenk war nicht zu identifizieren, sodass seine Bedeutung unter den anderen Hinweisen unterging. »Habt ihr den Mord mit offenen Fällen aus der Vergangenheit verglichen?« Katleen nippte an einem Kaffeebecher.
   »Glaubst du wirklich, wir hätten so etwas übersehen oder vergessen?« Jules erhob sich und ließ frustriert die Akten auf seinen Tisch fallen.
   Katleen kannte den blonden Jules mit seinen grünen Augen bereits seit fünf Jahren. In all der Zeit war er ihr ans Herz gewachsen. Jules war das Gehirn dieser Wache, er schaffte es immer wieder, Schlussfolgerungen zu ziehen, für die andere zu blind waren. Nach dem gewaltsamen Tod seines Bruders hatte er beschlossen, Kriminalermittler zu werden. Ein unlösbarer Fall oder ein Opfer, bei dem er nicht weiter kam, raubten ihm den Verstand. Katleen wusste, dass die Zeit gegen sie lief und man würde früher oder später den Fall einstampfen und das Opfer in Vergessenheit geraten, wenn sie zu keinen neuen Ergebnissen kommen würden. »Beruhige dich, Jules. Es muss einen Weg geben. Wir haben bisher nach allem gesucht, was offensichtlich schien, vielleicht sollten wir unsere Denkweise ändern?« Katleen richtete sich auf und ging zu ihm hinüber. Jules hatte das Herz am rechten Fleck, trauerte um jedes Opfer und litt mit den Familien. Viele würden wohl meinen, er wäre für diesen Job nicht geschaffen, aber genau das Gegenteil war der Fall. Jules hatte die Gabe, Menschen zu durchschauen, und Katleen bewunderte ihn für seine Aufopferung. Möglichweise jedoch empfand er all diese Dinge, weil er jahrelang eine Maske getragen hatte. Jules war homosexuell, aber mittlerweile musste er sein Angesicht nicht mehr hinter einer Wand aus Scham verbergen.
   »Wie meinst du das?«, fragte Luron neugierig.
   »Wir sind an diesen Fall herangegangen wie an jeden anderen. Die Familie, der Tatort, die Zeugen, die Fingerabdrücke und die Spuren haben wir überprüft. Wir sind die Datenbanken durchgegangen, haben auf Zufälle gehofft und sind Hinweisen gefolgt. Vielleicht sollten wir versuchen, mehr die Handlungsweise des Mörders zu verstehen.« Schweigen umhüllte die Anwesenden.
   »Möglicherweise  …«, sagte Jules. Alle blickten auf. »Vielleicht hast du recht. Ich habe die alten Fälle überprüft, die niemals gelöst werden konnten, was aber, wenn wir den Mörder bereits verhaftet haben?«
   Katleen musterte Jules und öffnete ihren Mund, um die wichtigste Frage zu stellen. »Wie soll das gehen?«
   Jules lächelte, setzte sich vor seinen Computer und tippte angespannt auf den Tasten herum. Sein Suchprogramm durchlief die Datenbank erneut, doch dieses Mal wartete er auf ein anderes Ergebnis. Seine Pupillen weiteten sich und um die Nasenspitze wurde er auf einmal blass. Erstaunt und gleichzeitig entsetzt präsentierte er die Antwort. »Unser Mörder ist kein Unbekannter, und trotzdem ein Gesichtsloser.« Jules blickte sich um.
   »Der Schlächter von Paris, er ist also zurückgekehrt.« Luron setzte sich in Bewegung. Zielstrebig steuerte er auf den Computer zu und sah auf den Bildschirm.
   Katleen griff sich mit ihrer rechten Hand an die Brust und versuchte, ihr Herzrasen zu kontrollieren. Sie spürte ein Pochen in ihrem Kopf und fasste sich an die Schläfen. Schuldgefühle machten sich in ihr breit. Ihr Magen rebellierte, sodass sie sich eine Hand vor den Mund schlug und betete, ihr Frühstück behalten zu dürfen. Jules musste sich irren. Der Schlächter war längst nicht mehr am Leben. Sie hatte seinen Tod in Kindertagen herbeigesehnt und wurde nun mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. »Nein, das kann nicht sein. Der Mistkerl ist vor Jahren gestorben!« Jules und Luron blickten auf und musterten sie mit besorgten Mienen. Katleen musste regelrecht mit sich kämpfen, um nicht all den Frust in die Welt hinauszuschreien.
   »Das ist so nicht korrekt. Ja, man fand eine Leiche und ja, angeblich handelte es sich um ihn.« Luron holte Luft.
   »Angeblich? Es wurde in den Medien gesagt, dass er in einer Seitengasse tot aufgefunden worden sei. Man vermutete damals, dass ihn die Familien der Opfer hingerichtet haben!« Katleen war außer sich. Als er gemordet hatte, begann sie gerade ihr siebtes Lebensjahr. Sie erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen.
   »Katleen, die Leiche des Schlächters verschwand nach einer Woche. Er kam nie in seinem Grab an. Man glaubte, der Fall wäre gelöst, weil man eine Leiche hatte. Die Betonung liegt jedoch auf glaubte, denn es war nichts mehr von dem Mann übrig, geschweige denn gab es einen Anhaltspunkt zu dem Aufenthalt seines verwesten Körpers.«
   Katleen drückte ihre Faust in den Magen, der weiterhin rebellierend gegen die Wahrheit ankämpfte.
   »Er ist noch da draußen«, stammelte jemand und eine gewisse Panik machte sich breit.
   Katleen wollte Klarheit. Sie packte Luron an seinem Schlips und zerrte ihn in ihr gemeinsames Büro. Erst, als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, sprach sie. »Woher weißt du das alles? Du warst ein Kind, als das geschehen ist.«
   Luron zupfte sich den Schlips gerade und kam näher. Er drängte sie in eine Ecke des Raumes. »Der Fall, bei dem ich die Pariser Polizei vor einiger Zeit unterstützte, führte uns zu demselben Ergebnis. Nur drei Menschen wussten davon. Soeben habe ich unsere Kollegen eingeweiht. Der Schlächter wurde nie gefasst und hat es geschafft, seinen Tod vorzutäuschen. Es tut mir leid, dir das mitteilen zu müssen, aber wir haben es anscheinend mit ein und derselben Person zu tun. Er ist nicht einfach ein Krimineller, sondern ein Monster. Ein Mann, dem das Morden gefällt, der es genießt, seine Opfer leiden zu sehen und die Leichen auf seine Weise der Welt präsentiert.«
   Katleen zögerte. Für einen Moment glaubte sie, ihr würde die Luft zum Atmen versagt bleiben. Tränen schossen ihr in die Augen. Plötzlich kamen Erinnerungen in ihr hoch, die sie stets verdrängte. Kurz ließ sie den Schmerz gewähren, danach fing sie sich wieder und blinzelte die Tränen weg. Sie drängte sich an Luron vorbei, ohne sich etwas anmerken zu lassen.

*

Luron hatte jede ihrer Bewegungen beobachtet und fürchtete, dass sie in den damaligen Fall verwickelt war. Diese Vermutung war nicht erst jetzt in ihm entflammt, sondern bereits zu Beginn der Ermittlungen. Ihr Verhalten ließ genau dies erahnen. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Frage zu stellen, was Katleen mit dem Fall verband, jedoch entschloss er sich, ihre Nerven fürs Erste zu schonen. Als sie an ihm vorbeistolziert war, hätte er sie am liebsten gepackt und zu sich gezogen. Viele der Polizisten beneideten Katleen um ihre Stärke. Keiner schien die gebrechliche Frau zu sehen, die ihre Emotionen hinter einer Fassade versteckte.
   Luron senkte den Kopf und strich sich das Haar aus der Stirn. »Das wird böse enden«, flüsterte er und folgte ihr.

*

Die Ermittlungen wiesen nach einiger Zeit eindeutig auf den Schlächter hin, dessen Identität bis heute ungeklärt war. Katleen hatte es sich in den Kopf gesetzt, den Mörder endgültig seiner gerechten Strafe zuzuführen. Keiner ihrer Kollegen durfte wissen, dass der Fall damals beinahe ihr gesamtes Leben verändert hatte.
   Diese kohlefarbenen Augen, die in ein Rostbraun übergingen, raubten ihr oft den Schlaf. Sie hatte ihn gesehen, als sie sieben Jahre alt war, hatte sein Opfer betrachtet und sich den Mund zugehalten, um sich nicht in ihrem Versteck zu verraten. Er war stattlich, musste auf jeden Außenstehenden normal wirken. Aus Angst hatte sie damals geschwiegen, und umso erleichterter war sie, als man seinen Tod verkündete. Nun fühlte sie sich schuldig, denn sie glaubte, dass man ihn mit ihren Angaben hätte finden können. Das Morden hätte geendet, und es würde heute keine Tote geben.
   »Es gibt ein neues Opfer«, sagte Luron plötzlich.
   Katleen wirbelte herum und kippte beinahe von ihrem Stuhl. »Was? Wo?«
   »Ein Mann wurde vor einem Hotel gefunden.«
   Katleen sprang auf und zerrte Luron mit sich. »Worauf warten wir?«

Gemeinsam fuhren sie in den Norden von Paris, wo sie bereits einige Polizeibeamte erwarteten. Die Straße war abgesperrt worden und auch hier hatten sich mittlerweile mehrere Schaulustige eingefunden. Die Gegend wirkte auf Katleen alles andere als würdig für Paris, denn die Häuser waren mit Graffiti beschmiert, alt und mehr Schandfleck als Touristenattraktion. Das Hotel war schlicht gehalten und besaß einen verhältnismäßig kleinen Eingang. Es bestand aus mehreren Etagen und ragte in den Himmel hinauf, als würde es sich nach dem Sonnenlicht sehnen. »Wo ist die Leiche?«, fragte Katleen.
   »Hier drüben. Heute Morgen wurde der Mann gefunden. Ein Hotelgast entdeckte die Leiche und alarmierte sofort das Personal.« Neben der Eingangstür führte eine Treppe in einen Kellergang, auf den der Polizist zeigte.
   Katleen stieg einige Stufen hinab in ein stinkendes, muffiges Loch, was das Hotel für sie zusätzlich unattraktiv machte. Der Polizist hob das Leichentuch und präsentierte den gesäuberten Körper eines Mannes, der mindestens hundert Kilogramm wog. Auf seiner Brust sah sie eine Stichwunde, die sorgfältig vernäht worden war. Außer einem braunen Lendenschurz trug er nichts. »Ist das  …?« Katleen kniete sich neben das Opfer und berührte vorsichtig den Stoff.
   »Katleen, was soll das?« Luron holte sie auf die Beine zurück.
   »Das ist ein thrakischer Lendenschurz.« Sie verstand die Welt nicht mehr.
   »Wie bitte?«, fragte der Polizist, der ihnen den Weg gewiesen hatte, und starrte auf den Stoff.
   »Gladiatoren trugen diese Dinger. So etwas wickeln zu können, ist alte Schule.«
   Luron musterte sie verwundert und stemmte anschließend seine Hände in die Seiten. »Woher weißt du das?«
   Katleen grinste. »Ich bin ein Fan der Serie Spartacus. Die Gladiatoren tragen dort solche Lendenschurze.« Sie genoss Lurons Reaktion.
   »Wieso macht sich der Mörder solche Mühe? Er hätte das Opfer einfach in Boxershorts ablegen können.«
   Der Beamte hatte recht, sodass sich Katleen erneut der Leiche zuwandte. »Er ist ein Perfektionist. Jedes Detail hat seinen Platz. Er möchte uns mit der Darstellung seiner Leichen etwas mitteilen. Bloß was? Warum präsentiert er sie unscheinbar und dennoch auffällig?« Katleen räusperte sich und lehnte sich erneut über den Toten. Der Geruch von Schwefel umfing sie. Sie verließ den Tatort, um nach Luft zu schnappen.
   Luron folgte ihr. »Alles in Ordnung?« Er hatte eine Hand auf ihre rechte Schulter gelegt.
   »Ja, es geht schon, mich macht dieser Gestank krank.« Sie hustete. »Was hat dieser Schwefelgeruch mit den Leichen zu tun? Ich verstehe das nicht. Was will uns der Mörder mitteilen?« Sie löste sich von Luron und ließ ihren Blick schweifen. Die Straße war belebt, somit handelte es sich erneut um einen Tatort, wo er das Opfer unmöglich ermordet haben konnte. Wieso stellte er diese Menschen durch ihre Kleidung bloß? War es überhaupt sein Ziel, sie zu demütigen? Wieso wählte er nicht erneut eine Frau, sondern entschied sich für einen Mann? Gab es irgendwelche Zusammenhänge? Katleen schüttelte den Kopf. So viele Fragen und keine Antworten. »Wir müssen herausfinden, was diese beiden Opfer verbindet.« Katleen streckte ihre Hand aus und bat Luron um dessen Autoschlüssel.
   »Was hast du vor?«
   Sie antwortete nicht, stattdessen ergriff sie seine Schlüssel und fuhr davon.

Katleen hatte die vergangenen Stunden zusammen mit Jules damit verbracht, die Akten zu durchforsten. Kaffeebecher türmten sich auf seinem Schreibtisch, Schokoladenkrümel zeugten vom Frustessen. Jules könnte womöglich Details erkennen, die ihr verborgen blieben. Katleen vermied es, nur eine Minute zu verschwenden und stopfte sich reichlich Chips in den Mund. Immer, wenn sie einen so anspruchsvollen Fall zu bearbeiten hatte, vergaß sie zuweilen, etwas zu essen. Jules erinnerte sie daran, auch wenn lediglich Junkfood in ihrem Magen landete. Mit fettigen Fingern umklammerte sie die Fotos, kreiste Fundstücke darauf ein und stellte Jules so manche Frage.
   Schließlich betrat Luron den Raum und gesellte sich zu ihnen. Bevor er ein Gespräch beginnen konnte, flüchtete Katleen im Sturmschritt in ihr Büro. Als würde sie damit Luron einen Anreiz geben, folgte er ihr wie eine treue Seele.
   »Schon was rausgefunden?« Luron sank in seinen Stuhl.
   »Nein. Unterschiedlicher könnten seine Opfer nicht sein. Wir haben einen Straftäter, eine Kindergärtnerin, eine Prostituierte, einen Lehrer, eine Sekretärin und eine Krankenschwester. Das sind die Fälle, die wir ihm in der Vergangenheit zuschreiben konnten. Amelié Dupont und unser neustes Opfer Jeromé Lamour müssen noch eingeordnet werden.« Sie holte Luft und stützte den Kopf auf ihre Hände.
   »Soweit ich mich erinnere, war in den Berichten nichts von einer Krankenschwester zu finden.«
   Katleen zögerte. Sie hatte den Fall erwähnt, obwohl sie wusste, dass keiner das Opfer so gut kannte wie sie. Sie seufzte. »Josephiné Vicedo war meine Nachbarin. Ich spielte oft mit ihren zwei Kindern, denn ihre älteste Tochter war in meinem Alter. Obwohl es nicht in den Akten vermerkt wurde, erinnere ich mich an ihr Auffinden und die Merkmale stimmen überein. Sie war eines seiner Opfer. Damals jedoch wurde ihre Akte bei den unaufgeklärten Fällen niedergelegt. Es gab keine Zeugen. Zumindest keine, die bereit waren auszusagen. Der Mörder kam davon.« Ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie hatte sich kaum mehr unter Kontrolle, denn der Fall ging ihr nah.

*

Luron konnte deutlich Hass vermischt mit Angst heraushören, als sie zu ihm sprach. »Was verschweigst du mir?« Luron ging zu ihr hinüber. »Ich bin dein Partner und habe ein Recht darauf, zu erfahren, inwiefern du in die laufenden Ermittlungen verwickelt bist.« Er zog sie an sich und drückte sie an seine Brust. Ihr Herz raste. Er bezweifelte, dass sie ihm die Wahrheit beichten würde.
   »Diese Augen  …« Sie drückte sich an ihn.
   Er stupste ihr Kinn nach oben. »Was ist damit?«
   Katleen zögerte erneut. »Ich kann es dir nicht sagen.« Sie sah ihn mit ihrem Welpenblick an.
   »Ich sehe, wie dich dieser Fall in den Abgrund zieht, also flehe ich dich an: Verrate mir dein Geheimnis.« Katleen starrte ihn an. Er konnte ihre Nähe spüren und genoss jeden Augenblick, der langsam verstrich. Schließlich schien sie sich für ihn zu öffnen. Luron wusste nicht, ob es daran lag, dass sie ihm vertraute oder sie einfach mit jemandem darüber reden musste.
   »Dunkle Augen, schwarz wie die Nacht, vermischt mit einem Rostbraun warten auf Unschuldige. Sie leuchten, wenn er mordet, erfreuen sich an dem Blut, den Qualen und der Verzweiflung. Ich war dabei, als er Josephiné getötet hat. Ich habe sein Gesicht gesehen, keinen Laut von mir gegeben und das Geschehen schweigend beobachtet. Ich hätte handeln sollen, aber ich fürchtete mich. Er hat sie angesprochen, ihr etwas vorgehalten, eine Schuld beteuert und sie erstochen.« Katleens Stimme war in ein Wimmern übergegangen.
   Luron drückte sie an sich. Sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht. Katleen kannte den Schlächter, das machte die Sache nicht einfacher. Seine Vermutungen wurden bestätigt, und er legte den Kopf schief. Er war wütend, weil sie es ihm verschwiegen hatte, und gleichzeitig besorgt, weil sie anscheinend Schuldgefühle hegte. Womöglich war das die Verbindung, die er in jener Nacht gespürt und die ihn dazu veranlasst hatte, sich mit ihr zu vereinen. Sie war ein Teil seiner Machenschaften, hatte den Mörder überlebt. Warum hatte er sie nicht getötet? Wieso riskierte er eine stumme Zeugin, die seine Handlungen hätte verraten können? Wusste sie von seinen Taten? Kannte sie die Gefahr, die er mit sich brachte?
   Luron seufzte und presste sie fester an sich. Sie erwiderte seine Nähe. Ihr warmer Atem streifte seine Haut. Zum ersten Mal seit Längerem gab sie sich ihm hin. Er würde diese Situation gewiss nicht ausnutzen, auch wenn diese Tatsache in ihm etwas regte. War es das Verlangen, sie zu schützen? Die Hilflosigkeit, die er soeben an ihr entdeckt hatte? Oder war es schlichtweg ihre Frucht, die seinen Beschützerinstinkt weckte?

*

Katleen versuchte, sich zu fangen, doch dieses Mal kam alles hoch. Als Kind hatte sie stets versucht, diese Dinge zu vergessen, alles als einen Traum abzustempeln. Nun hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben einem Menschen, den sie gerade mal seit einigen Wochen kannte, ihr dunkles Geheimnis verraten.
   »Was ist geschehen? Wieso hast du es niemandem erzählt? Hat er dich entdeckt?«
   Luron stellte viele Fragen, und Katleen kannte die Antworten. Sie schwieg über den Mörder, der sie als Kind gefunden und betrachtet hatte, der sie am Leben ließ, weil er sie als reine Seele bezeichnete. Seine Miene, seine Gestalt, seine Augen. Sie erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen. Nach seinem angeblichen Tod konnte sie damit abschließen. Heute war sie sich im Klaren, dass es niemals enden würde. Aus diesem Grund musste sie ihre Erkenntnisse mit Luron teilen. »Ich habe überlebt. Er hat mich nicht angerührt. Er hat mir in die Augen gesehen und gesagt: Eine reine Seele ist kostbarer als Reichtum. Mein Kind, lasse sie niemals von jemandem beschmutzen, ansonsten werde ich kommen und dich holen.« Sie schluckte. »Ich vermochte nicht, zu schreien oder etwas zu erwidern, ich nahm es hin. Ich starrte auf den leblosen Körper, seinen Dolch, den er nach wie vor in der Hand hielt, und fragte mich: Wieso ließ er einen Zeugen gehen?«
   »Möglichweise sah er in dir keine Gefahr? Wo hat er die Frau ermordet?«
   Katleen versuchte, sich zu erinnern. »Wir wohnten in einer kleinen Stadt, nicht weit von Paris. Der Lärm von Flugzeugen war ständig zu hören. Nach und nach verließen die Einwohner unsere Heimat und zogen fort. Auch meine Familie. Ich wette, dass Josephinés Knochen noch immer dort liegen, unter den Mauern einer Ruine vergraben. Er wollte sie nicht der Öffentlichkeit präsentieren, denn er schien zu ihr eine besondere Bindung zu haben. Ich weiß es nicht. Da ist nur Schwärze, kein Name einer Stadt.«
   »Hast du deine Eltern gefragt? Vielleicht wissen sie es?«
   Katleen vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. »Sie können schon lang nichts mehr beantworten. Sie sind seit dreizehn Jahren tot.« Luron schnappte nach Luft und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Er tat dies auf brüderliche Weise. Anscheinend ohne Hintergedanken, als ihr Partner, als ein Freund.
   Schließlich zwang er Katleen, ihn anzusehen. Er wischte ihre Tränen aus den Augenwinkeln und ein Schmunzeln umspielte seinen Mund. »Vergiss den Fall für einen Abend und geh mit mir aus. Ein bisschen Alkohol und wir starten morgen früh mit neuen Erkenntnissen.«
   »Alkohol und ein stressfreier Abend. Ohne Sex? Nur als Partner?«, fragte sie, denn für mehr war sie mit Luron keineswegs bereit. Sie wollte sich in Geduld üben, diesen Mann genauer kennenlernen, bevor sie den Fehler wiederholte und ihr Höschen am nächsten Morgen in irgendeiner Ecke wiederfinden würde. Immerhin musste sie auch in Zukunft mit Luron zusammenarbeiten und eine rein sexuelle Beziehung würde gewiss zu Problemen führen.
   Luron nickte. »Aber sicher. Kein Sex«, brummte er.
   Am Ende der gemeinsamen Schicht zog es sie in Katleens Stammkneipe Bise de la Lune.
   »Ein Bier für mich und für die Lady  …?« Luron deutete auf Katleen.
   Sie funkelte ihn an. »Für mich das Gleiche«, rief sie, um die Lautstärke der Musik zu überbieten. Der Barkeeper schob ihnen zwei Flaschen Bier zu und nahm das Geld von Luron.
   »Du bist die erste Frau, die aus einer Flasche trinkt. Die meisten verlangen etwas Nobleres oder zumindest ein Glas.« Er mischte sich mit ihr im Arm unter die feiernde Gesellschaft.
   Katleen liebte das Bise de la Lune nicht allein wegen der perfekten Lage und der Nähe zu ihrer Wohnung, auch die Tatsache, dass der DJ stets einen hervorragenden Musikgeschmack bewies, der alte Stil eines Pubs beibehalten wurde und das selbst gebraute Bier naturgetreu schmeckte, ließ sie zu einem Stammgast werden. »Keine Sorge, prinzipiell bin ich unkompliziert. Im Grunde habe ich noch nie vor einem Fremden meine Gefühle gezeigt. Zumindest nicht, wenn es um mich und meine Familie ging«, erklärte sie, während die Musik dröhnend ihren Körper in Wallung brachte.
   Luron lächelte. »Ich darf mich glücklich schätzen, nehme ich an?«
   Katleen nippte an ihrem Bier und schlang anschließend ihre Arme um seine Hüften. Ihre rechte Hand landete auf seinem Gesäß. Der Alkohol und die Tatsache, dass sie sich insgeheim vor dem Ausgang dieses Falles fürchtete, weckten ihr Interesse. Sie verriet ihre eigenen Prinzipien, wollte sie doch nicht sofort wieder mit ihm in die Kiste springen. Allerdings gefiel ihr der Gedanke, in seinen Armen zu versinken und ihren Albträumen und Ängsten für einige Momente zu entkommen.
   Er grinste. »Ernsthaft? Muss ich dir etwa nur zur Verfügung stehen, wenn du bereit dazu bist? Was ist mit meinen Interessen?«
   Katleen zögerte. »Die werden kontinuierlich ignoriert.«
   Luron schnappte nach Luft, trank sein Bier in einem Zug leer und umklammerte sie, als wäre sie sein Besitz. »Nun gut, dann lass dich verführen«, raunte er und schleppte sie in eine düstere Ecke der Bar. Hart drückte er sie gegen die Wand. Sie befanden sich direkt am Eingang zur Garderobe der Arbeitskräfte, der lediglich durch ein paar beinahe durchsichtige Vorhänge abgetrennt war.
   »Du willst hier  …?«, fragte Katleen. Luron fuhr mit einer Hand unter ihr Shirt, öffnete gekonnt ihren BH und knetete vorsichtig ihren Busen. Mit der anderen Hand bahnte er sich den Weg in ihr Höschen und suchte den Kontakt zu ihrer Haut. Katleen zuckte zusammen, als er in sie eindrang. Sachte bewegte er seine Finger, sodass sich Katleen einen Seufzer verkneifen musste. Fordernd presste er sie an sich und küsste sie leidenschaftlich. Seine Zunge strich über ihre Lippen, bevor sie sich ihren Weg in ihren Mund bahnte und sie gefügig machte. Jede Bewegung unterhalb ihrer Hüften raubte ihr beinahe den Verstand. Eine mollige Wärme breitete sich aus. Katleen fuhr durch seine dunklen Locken, um auf keinen Fall ihren Halt zu verlieren. Er würde sie vor all diesen Menschen kommen lassen, ohne einen Gedanken an ihr Schamgefühl zu verschwenden. Katleen krallte ihre Nägel in seinen Rücken und biss in sein Oberteil, als sie der Orgasmus überkam. Sie wollte nicht schreien, auch wenn keiner ihnen Aufmerksamkeit schenkte, geschweige denn etwas vernommen hätte. Luron löste sich von ihr und befreite sie aus ihrer misslichen Stellung.
   Sichtlich zufrieden rieb er seine feuchten Finger aneinander und sah sie grinsend an. »Ich denke, ich habe dich erregt«, sagte er und stupste ihr Kinn nach oben.
   Er musterte sie neugierig, während Katleen die Hände vor den Mund schlug, um ihren Gedanken keine Worte zu verleihen. Ihre Scheide war feucht und warm. Katleen sehnte sich nach seinem Penis und hatte ständig vor Augen, wie er sie gepackt und genommen, sie befriedigt und verwöhnt hatte. Sie wollte es erneut, auch wenn das ihrer Partnerschaft schaden würde. Katleen konnte nicht länger auf seine starken Arme verzichten, wo sie sich an seiner Seite so geborgen fühlte. Gleichzeitig lockte sie das Abenteuer, sodass sie seinen Schlips ergriff und ihn mit sich zog. Luron schien sofort zu verstehen, was Katleen begehrte, und folgte ihr.
   Gemeinsam drängten sie sich an den Menschenmassen vorbei, berührten dabei unabsichtlich die Körper von Fremden, was nicht nur Katleens Lust anstachelte. Im Treppenhaus schaffte sie es kaum, sich zu beherrschen. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, stürzte sie sich auf Luron und warf jegliche Zweifel über Bord.
   Das Bett wurde zur Spielwiese. Katleen setzte sich auf seinen Schoss und drückte ihn küssend hinab. Luron ließ es geschehen. Katleen war außer sich vor Erregung, und es gab nichts, was sie hätte stoppen können. Sie leckte seinen Hals hinab und strich mit den Fingern über seine Brust. Das Hemd unter ihrer Hand spannte, weil Luron unregelmäßig atmete. Sie öffnete es und zog es ihm aus. Katleen entfernte Schuhe, Socken und machte sich anschließend über seine Hose her. Mit zitternden Fingern öffnete sie den Gürtel und warf die Jeans beiseite. Seine Shorts zog sie ein winziges Stück hinab und legte seinen Penis frei. Luron entspannte sich und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Seine Stellung brachte Katleen auf eine Idee.
   Sie sprang auf und ließ ihn kurz allein. Als sie zurückkam, hatte sie hinter ihrem Rücken ein kleines Geschenk versteckt und hoffte, dass er sich nicht wehren würde. Katleen legte sich auf ihn, nahm seinen Penis zwischen ihre Beine und rieb sich an ihm. Luron stöhnte auf. Als sie seine linke Hand mit Handschellen ans Bettgestell fesselte, blickte er verwundert auf. Katleen grinste, als sie auch seine andere Hand an ihr Bett kettete.
   »So eine bist du also.«
   »Allein der Gedanke, dass du hilflos vor mir liegst und ich tun und lassen kann, was ich will, ist wunderbar«, sagte sie und rutschte ein Stück hinab. Katleen berührte seinen Penis mit ihren Fingern und schließlich mit ihren Lippen. Küssend arbeitete sie sich vor, liebkoste sein bestes Stück und leckte über seine Eichel. Luron stieß vor Erregung die Luft zwischen zusammengebissenen Zähnen aus. Sie spürte deutlich, wie sehr er ihr Verwöhnprogramm genoss, auch wenn ihn die Handschellen daran hinderten, sie zu packen und die Führung zu übernehmen. Je länger sie seinen Schwanz bearbeitete, umso mehr fragte sich Katleen, was genau sie für eine Beziehung führten. Drehte es sich wirklich nur um hemmungslosen Sex oder steckte vielleicht mehr dahinter? Insgeheim wollte sie es nicht wahrhaben, trotzdem sehnte sie sich nach einem Mann wie ihm.
   Katleen wischte sich über den Mund und betrachtete seinen Penis, der sich inzwischen aufgerichtet hatte. Sie schob ihr Shirt über den Kopf, dabei fiel ihr BH von allein zu Boden. Sie dachte an die Szene in der Bar zurück und kam nicht umhin, sich zu fragen, wieso sich der BH nicht schon früher gelöst hatte. Katleen streifte ihre Hose ab und warf ihren Slip beiseite. Nackt, wie Gott sie einst geschaffen hatte, präsentierte sie sich ihm und drückte ihren Busen an seine Brust. Luron schien jede Sekunde zu genießen, rüttelte jedoch an seinen Fesseln.
   Katleen ergriff seinen Penis, führte ihn ein und bewegte sich. Sie gab den Takt an, stoppte mehrere Male und genoss die Flüche, die Luron herausrutschten. In seinen Augen flammte Begierde vermischt mit Verzweiflung auf, als sie erneut innehielt und ihn betrachtete. »Heute lasse ich dich leiden«, sagte sie und begann von Neuem. Immer, wenn er kurz davor war, zu kommen, beendete sie dieses Spiel, sodass er hilflos auf seiner Unterlippe herumkaute.
   »Womit habe ich das verdient?«, flüsterte er, als sie sich zu ihm beugte.
   Ihre langen Haare strichen über seine Wangen. Katleen lächelte, als sie seine Anstrengungen beobachtete, die Hände freizubekommen. Er versuchte wirklich alles. Schließlich küsste sie ihn innig und ihre Körper ruhten einen Moment dicht aufeinander. Wärme umspielte ihre Sinne und ließ ihre Haut kribbeln. Katleen streifte Lurons silberne Kette und wickelte das Band um ihre Finger.
   »Was hast du? Wieso so nachdenklich?«
   »Dieses Symbol auf deiner Kette, was ist das?« Sie musterte es. Der Gegenstand, der wie eine Hundemarke an seinem Hals hing, hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt. Nie zuvor war es ihr in den Sinn gekommen, diesen genauer zu betrachten, doch nun lag er vor ihr und sein Geheimnis raubte ihr den Verstand. Es war ein schwungvoll gezeichnetes Symbol, eine Mischung aus einem kleinen h und einem Pi, die ineinander übergingen und sich in einem letzten Bogen vereinigten. An den Rändern waren fünf winzige Punkte markiert worden, die ihr wie die Spitzen eines Sternes vorkamen. Sie griff nach dem Anhänger, strich darüber und plötzlich wusste sie, womit sie das Symbol verband. »Das erste Opfer hatte ein Brandzeichen.« Sie starrte ihn an. Im nächsten Moment konnte sie deutlich fühlen, wie sein Penis erschlaffte, und sie ahnte, dass er mehr zu wissen schien, als er mit ihr teilte. »Ich kenne dieses Zeichen, nur hat es bei ihr in der Haut anders ausgesehen. Es gehört zu einer Stadt.« Katleen sprang auf, schlüpfte in ihre Kleidung und richtete sich das Haar.
   »Katleen, warte, wo willst du hin?«, rief Luron, der nach wie vor angekettet auf ihrem Laken ruhte.
   »Ich weiß wieder, in welcher Stadt ich aufgewachsen bin.« Luron rüttelte an seinen Fesseln. Katleen ging zu ihm hinüber und zog seine Boxershorts hoch, um ihn wenigstens nicht völlig nackt zurückzulassen.
   »Du willst ohne mich gehen? Das ist verrückt, ich bin dein Partner«, zischte er und brachte das Bettgestell zum Ächzen.
   »Ich muss dem nachgehen. Außerdem ist es mehr eine Vermutung. Mit meinen Erinnerungen, die Stück für Stück zurückkommen, möchte ich weiß Gott nicht unseren Chef nerven und dich erst recht nicht. Warte hier. Ich verspreche dir, wir machen genau da weiter, wo wir aufgehört haben, sobald ich zurück bin.« Katleen schnappte sich die Schlüssel von ihrem Wagen und verließ die Wohnung. Luron blieb bettelnd zurück. Als sie sich ein letztes Mal nach ihm umwandte, glaubte sie, eine gewisse Furcht in seiner Miene zu erkennen. Sie schloss die Tür und fegte jegliche Zweifel beiseite.

Gousainville. Der Name hallte in ihren Gedanken. Eine Geisterstadt Frankreichs, von der so manch kuriose Geschichte ihren Weg in die Albträume von Kindern gefunden hatte. Katleen war die Stadt vertraut, dabei handelte es sich lediglich um einige Ruinen, die nah beieinanderlagen und von der Bevölkerung vor vielen Jahren verlassen wurden. Damals war der neu gebaute Flughafen das Problem gewesen, was die Menschen vertrieben hatte, dennoch fand sie, die Geisterstadt wäre der perfekte Ort für einen Mörder, der ungestört Menschen reinigen und ankleiden musste. Es war abgelegen und trotzdem nah genug an Paris, um nur wenige Autominuten zu benötigen. Bevor sie jedoch mit ihrer vagen Vermutung hausieren gehen wollte, musste sie es überprüfen.
   Sie bog in eine Seitenstraße ein, die überraschenderweise nicht wie ein einfacher Feldweg wirkte. Im Gegenteil, die Straße war auch nach mehreren Jahren noch gut in Schuss. Katleen parkte ihren Wagen unter einer Linde, die dunkle Schatten über ihr Auto legte und es tarnte. Danach beschritt sie den Weg zu Fuß. Ihr Handy war die einzige elektrische Lichtquelle in der Dunkelheit, daher vermied sie es, diese zu nutzen. Geräusche schlichen an ihr vorbei, als würde es sich um sonderbare Wesen handeln, die sie jagten, dabei waren lediglich die Laute der Natur zu vernehmen. Ihre Zweifel trieben sie voran, sodass sie bald an einem Friedhof mit eingedrückten Metallzäunen vorbeikam. Hier hatte sie im Kindesalter oft gespielt. Langsam kehrten ihre Erinnerungen zurück. Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Das Summen einer bestimmten Melodie vereinnahmte ihre Zunge. Sie kannte das Lied nicht, geschweige denn den Text, dennoch verband sie es mit einer Geschichte, die sich ihre Freunde erzählt hatten. Sie schlüpfte durch ein Loch im Zaun und betrat den heiligen Grund. Die Gräber waren verwildert, überwachsen von Efeu oder Unkraut. Einige Grabsteine bröckelten, waren gerissen oder völlig zerstört. Anscheinend kümmerte sich schon seit Jahren niemand mehr um die Kirche, deren Dach einladend für jedes Wildtier war. Der Mond erhellte die Finsternis und zeichnete Umrisse eines gotischen Gebäudes mit länglichen Fenstern und spitzen Türmen.
   Etwas Feuchtes traf Katleens Wangen und sie sah auf. Regen hatte eingesetzt und die winzigen Tropfen bahnten sich ihren Weg herab auf die Erde. Katleen fuhr sich durch ihr feuchtes Haar und wagte sich weiter voran.
   Bei einer Mauer, die an einer Stelle durchbrochen war, endete der Friedhof und die Stadt begann. Gousainville hatte bei Tag nichts Gespenstisches an sich und sämtliche Schauergeschichten waren erfunden, dennoch verspürte Katleen Furcht, als sie einsam durch die Nacht schlich. Sie glaubte nicht daran, dass sich hier ein Mörder herumtreiben könnte. Besser formuliert, sie wollte es nicht glauben. Insgeheim hoffte sie, einen Teil ihrer Erinnerungen an jenen Tag zurückzuerlangen und mit ihrer Vergangenheit abschließen zu können.
   Die ersten Häuser reckten ihre Dächer gen Himmel und alte Straßenlaternen standen lediglich zur Zierde an den Seiten. Ihr Licht war vor langer Zeit erloschen. Katleen versprach sich auch nichts davon, eines der Häuser zu betreten und einen Schalter zu betätigen. Verlassen. Verwildert. Still. Anders konnte sie die Stadt nicht beschreiben.
   Sie eilte durch die Gassen, deren unregelmäßiger Boden sie beinahe zu Fall brachte. Ihre Waffe steckte in ihrem Holster, die Finger spielten daran herum. Sie war bereit, im Falle einer Notsituation zu handeln, doch was erwartete sie? Im Nachhinein bereute sie die Tatsache, dass sie Luron zurückgelassen hatte. Auch wenn ihr der Gedanke gefiel, nach Hause zurückkehren zu können und einen nackten Mann vorzufinden, so hätte sie sich sehr über Verstärkung in dieser Dunkelheit gefreut.
   Ein kreischender Ton brannte sich in ihren Gehörgang, sodass sie die Waffe zückte. Katleen sah einen Vogel Richtung Mond fliegen und verfolgte seine Route, bevor sie lächelnd ihren silbernen Colt senkte und an ihrem Gürtel verstaute. »Nimm dich zusammen«, sagte sie zu sich, ging weiter und hatte das Gefühl, mehr und mehr von der Dunkelheit verschlungen zu werden.
   Graffitis zierten die meisten Häuser, an denen sie vorbeikam, und kaum eine Scheibe fand sie in einem Stück vor. Hier schienen sich gelegentlich Jugendliche zu vergnügen. Katleen hatte keine Lust, auf eine Gruppe pubertierender Kids zu treffen.
   Vor einer Villa mit Fensterläden im spanischen Stil blieb sie stehen, als wären ihre Füße angewurzelt und sie mit diesem Ort verbunden. Ihr Mund öffnete sich, doch sie vermochte kein Wort zu entlassen. Es war das Haus aus ihren Träumen, Erinnerungen und Ängsten. Der Garten war ein Teil ihrer Vergangenheit. Sie wusste genau, was damals dort geschehen war. Katleen schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Dieser Fall führte sie an den Ursprung ihres Lebens zurück. War das schon damals der Plan des Mörders gewesen? Er hatte Furcht und Hass in ihr gesät und das aus ihr gemacht, was sie heute vorzuweisen hatte.
   Katleen nahm ihre Waffe in eine Hand und ging auf die Villa zu. Wenn er tatsächlich in Gousainville war, würde er hierher zurückkehren. Katleen lief die wenigen Treppenstufen hinauf, die zur Eingangstür führten. Kein Schloss, nicht einmal eine Tür versperrte ihr den Weg. Als sie gerade eintreten wollte, vernahm sie hinter sich ein Geräusch und fuhr herum.
   Ein Schatten formte sich vor ihren Augen zu einem stattlichen Mann, der näherkam. Obwohl der Untergrund aus Stein war, hinterließ er mit keinem Schritt ein verräterisches Geräusch, was Katleen sofort zu dem Schluss brachte, dass der Fremde nicht entdeckt werden wollte. »Wer ist da?«, fragte sie in die Finsternis und richtete ihren Colt auf die mysteriöse Gestalt. Die Flamme eines Feuerzeuges leuchtete ihr entgegen. Der Mann zündete sich in aller Ruhe eine Zigarette an. »Wer sind Sie?«, rief sie lauter und fordernder. Wieder erhielt sie keine Antwort. Katleen machte einen Schritt auf ihn zu und verengte ihre Augen zu Schlitzen, um Licht und Schatten auszublenden. Der Fremde machte keine Anstalten, sich vorzustellen. »Was zum Teufel machen Sie hier?« Ihre Stimme zitterte vor Aufregung. Sie hoffte, dass er es nicht bemerken würde.
   »Ich denke, das wissen Sie ganz genau, ma chérie«, raunte er und kam näher.
   Katleen wich zurück. »Wer sind Sie?«, fragte sie erneut.
   Der Fremde brach in Gelächter aus und nahm zwei Züge von seiner Zigarette. »Ich denke, auch das wissen Sie. Wozu die Fragen, Liebes? Kennen Sie nicht bereits alle Antworten? Was würde Sie an diesen unheilvollen Ort führen, wenn es nicht so wäre?«
   Das Zittern war aus ihren Gliedern verschwunden. Von Furcht überwältigt schien letzten Endes der Hass gesiegt zu haben. »Der Schlächter«, flüsterte sie.
   Er nickte. »Nennen Sie mich Devin Chevalier. Dieser Name wirkt vertrauter als der Kosename, den mir einst die Medien gaben«, sagte er und ging weiter auf sie zu.
   Der Abstand zwischen ihnen verringerte sich mit jedem verstrichenen Atemzug. »Komm näher und ich töte dich.« Katleen hielt ihm die Waffe vor sein Gesicht.
   Devin lächelte und strich sich durch sein schwarzes kurzes Haar, indem sich das silberne Mondlicht spiegelte. »Sind wir so vertraut, dass wir bereits beim Du gelandet sind?« Er machte keine Anstalten, ihren Worten zu folgen. Erneut setzte er einen Fuß vor den anderen.
   Katleen zögerte keine Sekunde.
   Ein Schuss zerriss die Finsternis. Ein Schrei. Die Stille war vergessen und nun zählte lediglich die Frage, was geschehen war. Hatte sie ihn getötet? Lebte er? War er überhaupt der Täter? Katleen sah sich um und konnte ihn nicht erblicken. Sie hetzte die Stufen hinab und drehte sich um die Achse. Er war entkommen und lauerte irgendwo in der Nähe. Sie konnte seine Anwesenheit spüren. Dieses Wissen lähmte ihren Körper wie die Wirkung eines Giftes.
   Sie versuchte sich zu beruhigen und holte ihr Handy aus der Tasche hervor. Katleen wählte die Nummer ihres Festnetzanschlusses und drückte den grünen Hörer. Luron war vielleicht angekettet, doch er würde sie auf ihrem Anrufbeantworter sicher hören können. Es klingelte ein paar Mal, danach wurde sie wie erwartet weitergeleitet.
   »Bitte hinterlassen Sie Ihre Nachricht nach dem Piep«, sagte die elektronische Stimme am anderen Ende.
   »Luron, ich stecke in Schwierigkeiten. Er ist hier, und ich glaube, dass er mich jagt. Ich befinde mich in G …« Ein harter Schlag traf sie am Hinterkopf und trieb ihr Tränen in die Augen. Sie verlor den Halt. Ihren Fingern entglitt die Waffe, und sie sank zu Boden. Katleen schlug auf den kalten Steinen auf und fühlte, wie Blut aus ihrer Wunde floss. Devin beugte sich über sie und ergriff ihr Handy, das sie verkrampft festhielt.
   »Ma chérie kann leider nicht mehr rangehen, sie ist verhindert. Wird Zeit, mit ihr zu spielen«, flüsterte er und legte auf.
   Katleen spürte einen festen Druck auf ihrer Haut, und schon hob er sie in seine Arme.
   »Träume süß, denn wenn du erwachst, haben wir viel vor«, meinte er und presste sie an sich.
   Katleen kämpfte gegen den Schmerz in ihrem Kopf an, der sie überkam. Sie wollte wach bleiben, riss ihre Lider auf, doch letzten Endes wich ihre Kraft. Katleen schloss ihre Augen in dem Wissen, dass sie sich womöglich in den Händen eines Mörders befand und ihm hilflos ausgeliefert war.

*

Luron hatte mehrmals versucht, seine Handschellen loszuwerden. Fluchend rüttelte er an dem Bettgestell. Es zu zerstören, wäre ein Leichtes, aber er wollte nicht die Einrichtung auseinandernehmen, um seine Freiheit zu erlangen. Nachdem er gefühlt zwei Stunden auf Katleen gewartet hatte, holte ihn das Telefonklingeln aus seinem dösenden Zustand zurück.
   »Luron, ich stecke in Schwierigkeiten. Er ist hier, und ich glaube, dass er mich jagt. Ich befinde mich in G …«
   Luron richtete sich so weit auf, wie es seine Fesseln zuließen. »Katleen«, rief er unentwegt, auch wenn sie ihn nicht hören konnte.
   »Ma chérie kann leider nicht mehr rangehen, sie ist verhindert. Wird Zeit, mit ihr zu spielen«, flüsterte eine fremde Stimme am anderen Ende.
   Luron erstarrte. Sein Blut fühlte sich an, als würde es gefrieren. Wut stieg in ihm auf, die ein Kribbeln in seinen Fingern hervorrief. Mit einem Ruck brach er das Bettgestell entzwei und löste seine Fesseln. Seine Adern stachen hervor und jeder Muskel war angespannt. Er kannte den Fremden und wusste, dass es sich um den Schlächter handelte. Luron bereute die Tatsache, dass er Katleen hatte allein gehen lassen. Er hatte sie für eine starke Frau gehalten, doch selbst mit ihrer Waffe und Treffsicherheit konnte sie gegen den Schlächter nichts ausrichten. In seinen Adern floss das Blut der Toten, er war ein Verführer, eine Schlange, und würde alles daransetzen, Katleen zu manipulieren. Wenn er das schaffen würde, war sie verloren.
   Luron rappelte sich auf und zog sich seine Kleidung an. Seine grüne Iris leuchtete bedrohlich, als er sich im Spiegel betrachtete. Er musste Katleen finden. Da sie seinen Anhänger so interessiert betrachtet hatte, wusste er genau, wo er seine Suche starten würde. Ihm blieb keine Wahl. Würde er Katleen nicht in den nächsten Stunden finden, könnte es zu spät sein.

*

Katleen öffnete ihre Lider und blinzelte gegen das Licht einiger Fackeln neben ihr. Sie wollte sich mit einer Hand an den pochenden Hinterkopf fassen, als sie bemerkte, dass Ketten ihre Handgelenke umrankten. Katleen setzte sich auf und spürte die Kälte einer steinernen Wand. Verrostete alte Eisenketten banden sie wie ein Tier an diesen Ort. Der Mörder wollte anscheinend sichergehen, dass eine Flucht unmöglich war. Katleen zerrte fluchend an ihren Fesseln, kam aber keinesfalls frei. »Merde«, schrie sie und ließ sich zu Boden sinken. Sie wischte sich etwas Blut von der Stirn, das beinahe getrocknet war.
   »Na endlich aufgewacht? Deinen Flüchen zufolge scheint es dir gut zu gehen. Zum Glück, ich hatte schon die Befürchtung, mein Schlag wäre zu hart gewesen.«
   Katleen kroch in ihre Ecke zurück. Der Mörder erschien mit einem verschmitzten Grinsen und einer blutigen Schürze, die viel zu groß um seine Hüften hing. Devin, wie er sich ihr vorgestellt hatte, kam näher. Sein pechschwarzes kurzes Haar ließ seine Haut bleich wie Marmor erscheinen. Ein dunkler Bart zierte sein Gesicht. Katleen hätte sein Aussehen beinahe mit dem von Orlando Bloom aus Fluch der Karibik verglichen, wären da nicht diese kühlen, klaren Augen gewesen. Jene Iris, die sie seit Jahren in ihren Albträumen verfolgte. Ein Rostbraun, das wie die Oberfläche eines Sees ihre Gestalt widerspiegelte. Katleen hielt den Atem an, als er sich vor ihr aufbaute und ein blutiges Messer an seiner Schürze abwischte. Sie starrte auf seine Waffe und folgte jeder seiner Bewegungen.
   »Interesse? Das ist nicht für dich gedacht, ma chérie. Wir haben einen weiteren Gast in den Mauern dieser Villa in Gousainville. Fürchte dich nicht vor mir, immerhin habe ich es längst überprüft«, sagte er und kniete sich vor sie.
   »Was hast du überprüft?«
   »Ob du rein im Herzen bist«, antwortete er und kam ihr näher.
   Katleen wich nicht zurück. Erstens, weil sie es nicht konnte, und zweitens, weil ihre Verzweiflung verschwunden war. Sie streckte ihre Finger nach ihm aus und berührte sein Gesicht, wie er es damals bei ihr getan hatte. Sie erkundete seine Miene, seine Erscheinung, seine Seele und verlor sich darin. Als würde ein Bann auf ihr liegen und sie zu dieser Handlung zwingen, konnte sie sich nicht befreien oder sich abwenden. Sie war in seiner Präsenz gefangen.
   Er löste ihre Finger von seiner Haut und blickte mit Erschrecken auf sie herab. »Du? Das Kind, das sich bei einem meiner ersten Morde versteckt hielt? Die einzige Zeugin, die überlebte und jahrelang schwieg?« Er hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ist das Leben nicht seltsam? Immerhin scheint uns das Schicksal erneut zueinander geführt zu haben«, meinte er und zog sie zu sich.
   Katleen ließ es geschehen, obwohl ihr Herz wild in ihrer Brust hämmerte und sie vor dem Mörder warnte. »Wieso? Wieso tust du das? Warum hast du mich damals nicht getötet?« Seine unmittelbare Nähe ließ sie würgen, denn der metallische Geruch des Blutes brannte in ihrer Nase.
   »Du bist nach wie vor eine reine Seele, ein guter Mensch. Es wäre eine Verschwendung, jemanden wie dich zu ermorden, dennoch kann ich dich diesmal nicht gehen lassen.« Er löste sich von Katleen, stand auf und verbeugte sich ehrfürchtig vor ihr. »Herzlich willkommen in Gousainville, der Stadt, die du nie mehr lebendig verlassen wirst.«
   Katleen schauderte es bei dem Gedanken, dass sie seine Gefangene war und kein Gegenstand in ihrer Nähe Abhilfe schaffen konnte.
   »Bevor ich mich dir zuwende, muss ich unseren Gast in die Kunst des Bösen einweisen.« Mit diesen Worten setzte sich Devin in Bewegung. Katleen richtete sich auf und stemmte sich gegen ihre Ketten. Das Rasseln ließ den Schlächter innehalten, und er wandte sich interessiert um.
   »Wie kannst du all diese Menschen ermorden?«, keuchte sie. Sie hoffte inständig, Zeit schinden zu können. Vielleicht würde bald Verstärkung kommen. Irgendwann müsste Luron ihr Verschwinden bemerken.
   Ein Grinsen umspielte seinen Mund. Devin drehte sich um und setzte seinen Weg fort.
   »Warte! Komm zurück! Lass den Menschen leben«, schrie Katleen unermüdlich. Devin ließ Katleen einsam zurück. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Schuld. Sie fühlte sich schuldig, weil sie ihn nicht hatte aufhalten können.
   Sie fasste sich an die Stirn, wo seine Lippen sie berührt hatten. Was sollte sie tun? Wie konnte sie seinem Wahnsinn entkommen?

*

Luron hatte sich die Schlüssel seines Wagens geschnappt. Katleen befand sich bereits seit einer Stunde in den Händen dieses Verrückten, und Luron bezweifelte, dass Devin sie am Leben lassen würde. Er machte sich Vorwürfe, schließlich war es vor Jahren seine Aufgabe gewesen, den Schlächter von Paris zur Strecke zu bringen, doch er war zusammen mit seinen Kollegen gescheitert und hatte es lediglich geschafft, den Schlächter zurückzudrängen. Er war ihnen entwischt und nahm nun Rache. Luron biss sich auf die Unterlippe und kaute darauf herum, als er in die nächste Seitenstraße einbog. In Paris und Umgebung gab es drei Orte, an denen er nach Katleen suchen konnte.
   Das Zeichen, das seine Kette schmückte, gehörte zum Seelenheil der Hölle, einer Bruderschaft, die sich dem Bösen widmete und Luzifer persönlich mit Gefallenen versorgte. Jenen Menschen, die auf die Worte von Devin hörten und seinen Wünschen und Anweisungen Folge leisteten. Sie waren dazu verdammt, in der Hölle zu schmoren, so sah es die Bibel vor. Die Schlange war in einen Dämon verwandelt, geteilt und auf die Erde losgelassen worden. Nun beschritten Dämonen überall auf der Welt ihren Weg, flüsterten unheilvolle Dinge und manipulierten die Schwachen und Anfälligen. Sobald einer von ihnen darauf einging und mordete oder sich etwas zuschulden kommen ließ, erschien Devin, um sich deren Seele einzuverleiben und sie Luzifer als Tribut zu übergeben.
   Luron hoffte, dass Katleen gegen seine Aura standhalten würde. Sie war eine mutige, toughe Frau, die ein Ziel vor Augen hatte. Solange sie sich ruhig verhielt und nicht auf Devins Schwachsinn einging, hatte sie die besten Chancen, diese Sache unbeschadet zu überstehen.

*

Katleen hatte seit etwa einer halben Stunde nichts mehr von Devin vernommen. Im Grunde war sie froh darüber, da sie sich vor seinen Taten fürchtete, die er leise und heimlich in seiner Kammer beging. Das Blut seines Opfers hatte sie besudelt, und sie versuchte, es von ihrer Kleidung zu bekommen.
   Plötzlich waren Schritte zu hören. Katleen zuckte zusammen, als Devin vor ihr auftauchte. Er hatte sich umgezogen und trug ein weinrotes Hemd, ein schwarzes Jackett und eine dunkelblaue Jeans. Langsam näherte er sich ihr. Katleen schwieg und gab keinen Ton von sich, denn sie wollte eine ungewollte Reaktion vermeiden.
   Er ging vor ihr in die Hocke und musterte sie nachdenklich. »Ich werde dir nun deine Fesseln abnehmen«, sagte er gleichgültig. Behutsam öffnete er die Handschellen mit einem winzigen Schlüssel und ließ die Ketten rasselnd zu Boden sinken.
   Katleen fuhr mit ihren Fingern über die aufgeriebene Haut und nickte. Im nächsten Moment fixierte sie einen möglichen Ausgang. Sie richtete sich auf und brachte Devin dabei ins Straucheln, sodass er auf seinem Gesäß landete. Katleen rannte den Flur entlang, den die Fackeln erleuchteten. Sie folgte dem Licht, ganz gleich, ob es sie in eine Falle locken könnte. Sie fühlte sich in der Dunkelheit unsicher und musste außerdem etwas sehen, um eine Waffe finden zu können.
   Angespannt hielt sie inne und musterte die Gegend. Sie betrat einen weiteren Raum. Er schien der Einzige zu sein, der dank einiger Holzbretter vor den Blicken von Fremden geschützt war. Die restlichen Zimmer waren nicht vernagelt worden. Ein Operationstisch befand sich darin, sauber und ordentlich, als wäre er vor wenigen Minuten geputzt worden. Katleen eilte zu den chirurgischen Utensilien, griff sich ein Skalpell und suchte nach einer Leiche, doch sie konnte kein neues Opfer entdecken. Sie spähte in den Gang hinaus. Wo blieb Devin? Konnte sie einen anderen Weg einschlagen und womöglich fliehen? Niemand war zu hören. Plötzlich legte sich eine warme Hand auf ihre rechte Schulter und die Nadel einer Spritze bohrte sich in ihren Hals. Stöhnend hob sie den Arm, aber sie schaffte es nicht, Devin abzuwehren.
   »Sch, das stellt dich nur ruhig, damit du dich nicht verletzt«, flüsterte er in ihr linkes Ohr.
   Sie sackte bei vollem Bewusstsein zusammen.
   Er entriss ihren steifen Fingern das Skalpell und legte sie auf den eiskalten Tisch. »Mich würde wirklich interessieren, warum du nicht geflohen bist, als du die Chance dazu hattest.« Er sah auf sie herab und schnitt zögernd ihr Shirt mit einer Schere entzwei.
   Katleen schluckte gegen die aufkommenden Tränen. »Ich wollte dein Opfer retten.« Sie rang nach Luft.
   Devin lächelte zufrieden und lehnte sich gegen den Tisch. Er fuhr durch ihr Haar und roch daran. »Das ist die Wahrheit. Respekt. Ich an deiner Stelle hätte wenigstens versucht, zu entkommen.« Er strich ihr über eine Wange.
   Katleen zitterte. Seine Berührungen weckten in ihr ein Gefühl des Ekels. »Wozu? Ich kann dir nicht entkommen. Was mich zu der Frage bringt: was du bist?« Ihre Stimme versagte. Katleen versuchte, sich zu fangen.
   Devin brach in Gelächter aus und streifte ihr das Shirt über den Kopf. »Nicht schlecht, ma chérie, nicht schlecht«, wiederholte er immer wieder. »Ihr Menschen seid so leicht zu beeinflussen, dass ihr die Realität meistens verdrängt. Ich bin keiner von euch. Das ist dir seit damals bewusst, dennoch hast du geschwiegen. Warum?« Devin kam näher.
   Sie fühlte, wie sein Atem ihre nackte Haut streifte. »Niemand hätte mir geglaubt«, sagte sie und ließ ihren Kopf zur Seite fallen. Das taube Gefühl in ihren Fingern wich einer brennenden Glut, die ihre Adern durchströmte, als hätte er ihr flüssiges Gift gegeben.
   »Es war deine Angst, auf Ablehnung zu treffen, darum finde ich es auch erstaunlich, dass du dich erneut an diesen Ort gewagt hast, allein, in einer Nacht wie dieser.« Katleen dachte nur kurz an ihre Kindheit zurück. Sie war die stumme Zeugin eines Mordes gewesen, den sie sich nie erklären konnte. Hatte er womöglich recht? War sie aus Angst nie zur Polizei gegangen? Immerhin hatte sie es bis vor Kurzem niemandem anvertraut.
   Katleen seufzte und versuchte, ihm auszuweichen. Devin fuhr über ihren Bauch hinab bis zum Ansatz ihrer Jeans. Er stoppte und schloss für einen Augenblick seine Lider. »Was soll das? Willst du mich vergewaltigen?«, fauchte Katleen und versuchte, sich zu bewegen.
   Devin grinste. »Keineswegs, ich habe genügend Frauen, die mich begehren, warum sollte ich mir also eine gefügig machen? Das wäre unnötiger Stress. Ich bin ein unkomplizierter Kerl.« Er schnappte sich das Skalpell, das Katleen zuvor als Schutz gedient hatte.
   »Wieso mordest du? Was versuchst du, uns mitzuteilen?« Sie ignorierte die Tatsache, dass sie es mit einem Psychopathen zu tun hatte und dieser nicht einmal menschlich war.
   »Wenn du meine Beweggründe nicht nachvollziehen kannst, wirst du diese Fälle niemals lösen können. All diese Menschen hatten etwas gemeinsam, sie waren von Grund auf verdorben. Sie haben sich verführen lassen und nach ihrer Natur gehandelt. Sie waren Mörder, Vergewaltiger, Betrüger. Ich habe sie zur Rechenschaft gezogen und verurteilt.«
   Katleen starrte ihn an. Ihr Mund stand ein Stück offen, was ihn mehr zu interessieren schien als seine Worte. Devin lehnte sich über sie. Forschend glitt er mit seiner Nase ihren Hals entlang und legte seine Lippen auf ihre. Der Geschmack, der Katleen durchströmte wie eine unsichtbare Macht, glich den Empfindungen eines Frühlingstages vermischt mit Erdbeeren und Kirschen. Endlich hatte sie ihre Kräfte zurückerlangt und drückte ihn von sich.
   Er leckte sich über den Mund. »So rein, unverdorben und kostbar. Es wäre eine Herausforderung, dich zu verführen.«
   Katleen richtete sich auf. Sie hatte ihm lang genug gelauscht und seiner Erklärung nicht viel abverlangen können. »Wo ist dein letztes Opfer? Ich habe das Blut gesehen.« Sie versuchte, standhaft zu bleiben, auch wenn sich vor ihr alles drehte und sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Devin zögerte. Schließlich drückte er sie gewaltsam auf den Tisch zurück und hielt sie fest. Sie spürte seine Berührungen nicht. Er setzte das Skalpell über ihren Rippen an und zog einen winzigen Schnitt. Katleen wollte schreien, als sie bemerkte, dass sie keine Qualen empfand. Blut sickerte aus der Wunde und tropfte auf die Liege.
   »Ich kann jede Seele brechen. Du würdest dich nicht beeinflussen lassen, das ist mir bewusst, doch wenn ich deine Seele berühre, kann ich sie nach meinem Willen steuern. Danach wirst du meine Beweggründe verstehen.« Devin weitete die Wunde und führte seine Finger in ihr Fleisch.
   Katleen biss die Zähne zusammen, denn der Anblick verstörte sie. »Aufhören«, kreischte sie und schlug auf ihn ein. Devin belächelte ihre Versuche und die vertraute Schwärze leuchtete in seinen Augen auf. Ein grelles Licht umschmeichelte seine Gestalt. Irgendwann spürte Katleen einen festen Druck auf ihrem Herzen. Röchelnd begann sie zu zucken, während Devin mit seiner Prozedur fortfuhr. Sie vernahm das Knacken ihrer Rippen, die er ohne Mühe brach.
   »Da ist sie, und sie ist blütenweiß. Hast du noch nie einen Menschen in deinem Job getötet?«, fragte er neugierig und ergriff ihre Seele.
   Katleen blinzelte gegen ihre Tränen, die ihr jegliche Sicht nahmen.
   »Es tut nur kurz weh, dann wird dein Leben mir gehören.«
   Blut kämpfte sich ihre Speiseröhre empor. Katleen zuckte in seinen Armen, schlug mit einer Faust auf seinen harten Körper ein. Während sie immer schwächer wurde, glaubte sie, eine dunkle Aura um ihn herum erkennen zu können. In was für einer Welt war sie gelandet? Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch die zugenagelten Fenster und ließen die Fackeln verblassen. »Mistkerl.« Katleen biss die Zähne zusammen. Devin säte Missgunst, Hass, Verzweiflung und den Tod in ihrem Leib. Zumindest fühlte es sich genauso an. Als würden sich die Sünden in ihr vereinigen, eingepfercht und zusammengetrieben von Devin selbst. Schmerz überkam sie. Katleen schrie. Lächelnd hielt Devin ihr den Mund zu. Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn und sie verlor das Bewusstsein.

»Fertig. Und nun ma chérie, erwache!«, hörte sie Devin in ihren Gedanken sagen.
   Katleens Körper hob sich, als würde sie an unsichtbaren Fäden hängen wie eine Marionette. Ihr Herz raste vor Aufregung und ihre Glieder gehorchten ihr nicht. Die Gedanken waren wirr. Katleen schaffte es nicht, etwas zu sagen. Er hatte sie unter seiner Kontrolle. Katleen brauchte einige Minuten, um sich zu fangen. Irgendwann schien seine Wirkung auf sie nachzulassen. Sie blickte an sich hinab, strich über die Wunde, aus der eine wässrige Flüssigkeit vermischt mit Blut hervorquoll, und stellte sich vor ihn.
   »Sprich zu mir und erzähle mir deine nächsten Schritte«, sagte er und nahm ihr Kinn in eine Hand.
   Katleen räusperte sich. »Ich  …«
   Er nickte und bedeutete ihr, fortzufahren.
   »Ich werde meine Waffe nehmen, zu dir kommen und dich töten!« Sie packte ihn an den Schultern und schlug das Knie in seine Weichteile. Devin brach unter einem wehleidigen Stöhnen zusammen und rollte über den Boden. Katleen ließ ihren Blick schweifen, bis sie verstand, dass keine Waffe zu finden war. Das Skalpell und die anderen chirurgischen Instrumente waren Beweisstücke, die sie nicht verwenden wollte. Darüber hinaus müsste sie an Devin vorbei, um dorthin zu kommen, und sie fürchtete sich, ihm nochmals nahezukommen. Sie musste fliehen und beten, dass dieser Irre sie nicht verfolgen würde. Erneut trat sie auf ihn ein, so fest und hart, dass er erst keuchend seinen Bauch hielt, bevor er sich nicht mehr rührte. Das war ihre Chance. Sie rannte los und ließ das blutige Zimmer hinter sich. Sowie sie die ersten Stufen mit ihren Schuhen berührte, fielen die Sonnenstrahlen auf ihre Haut und offenbarten die Schandtaten des Schlächters von Paris. Verzweifelt hielt sie die Reste ihres Shirts auf ihren Schultern und presste den Stoff an ihren Körper heran. Er hatte sich auf ihr verewigt und seine Spuren deutlich hinterlassen.

*

Luron hatte jeden der möglichen Orte genau abgesucht. In diesem Moment wollte er sich ohrfeigen, weil es so offensichtlich war. Devin konnte sich nur an einem Platz verstecken, und zwar in Gousainville, der Stadt, wo die Toten gefangen waren und auf ihren Henker warteten. Die Sterblichen wussten nichts von der Existenz eines Pentagramms im Erdreich. Die Ruhelosen waren dort gefangen, genau, wie Devin es einst sein sollte. Mit hundert km/h erreichte er das Ziel. Er hatte Mühe, den Wagen zu stoppen, denn er war in Rage. Die ersten Sonnenstrahlen erhellten ihm den Weg und führten ihn vorbei an Katleens Auto. Nun wusste er, dass er sie finden würde. Er hoffte, dass er nicht zu spät war.
   Schwitzend rannte er über den Friedhof, vorbei an Gräbern und der alten Kirche. Er schlüpfte durch das Loch in der Mauer und sprintete auf der Hauptstraße in Richtung einer ehemaligen Bar. »Katleen! Katleen«, rief er. »Wo bist du?« Er hielt inne, um zu lauschen. Sein Blick fiel auf eine einsam stehende Villa am Rande der Stadt, völlig verfallen und zugenagelt mit Brettern. Eine zierliche Gestalt kam aus dem Gebäude wankend näher und brach vor seinen Augen zusammen. »Nein!« Luron setzte sich in Bewegung. Er brauchte nicht lange, um sie zu erreichen, ließ sich auf den Untergrund fallen und griff nach ihr.
   Schwach lag sie in seinen Armen, und er spürte, wie die Wärme ihrem Körper entwich. Ihr dunkles Haar war am Hinterkopf blutverklebt, ihr Gesicht bleich und an ihrer Seite klaffte eine tiefe Wunde, die notdürftig verschlossen war, aber den Blutfluss stoppen konnte. Ihr Oberkörper war lediglich von einem Stofffetzen und ihrem BH bedeckt. Luron vermochte sich nicht vorzustellen, was dieser kranke Mistkerl ihr angetan hatte.
   Er presste seine Finger an ihre Kehle und kontrollierte den Puls. Sie war schwach, würde es aber überleben. »Katleen, komm zu dir«, bat er und strich an ihrer rechten Wange entlang.
   Kurz öffnete sie ihre Lider und betrachtete ihn. »Bitte«, wisperte sie.
   Luron kam näher und hielt ein Ohr über ihre Lippen.
   »Bitte töte ihn für mich. Ich konnte es nicht.« Katleen fiel in Ohnmacht.
   Luron drückte sie fest an sich und hielt Ausschau nach Devin. Irgendwo, dessen war er sich sicher, würde er lauern. »Devin, zeig dich und wir beenden es«, rief er voller Wut und richtete sich mit Katleen in den Armen auf.
   Ein Schatten im Türrahmen erschien und dieses vermeintlich charmante Grinsen tauchte auf. »Was ist sie, dass ich ihre Seele nicht verderben konnte?«
   »Was hast du ihr angetan?« Luron durchfuhr ein Gefühl des Hasses, es durchströmte ihn und ließ seine Fingerspitzen kribbeln. Er verspürte den sehnlichen Wunsch, diesem Bastard den Garaus zu machen ihm sein unsterbliches Leben, entgegen aller Gesetze und Regeln, zu entreißen.
   »Ich habe etwas versucht, aber anscheinend muss ich mir bei ma chérie etwas anderes einfallen lassen. Wir sehen uns. Im Moment solltest du dich vielleicht besser um ihr Wohlbefinden kümmern als darum, mich zu töten.« Er machte kehrt.
   »Du elender Bastard!« Luron brauchte all seine Zurückhaltung, um Devin nicht nachzujagen. Er wusste, es wäre umsonst, denn Katleen brauchte dringend Hilfe. Sie war eine Sterbliche und für diesen Kampf nicht gemacht. Aus ihrer Wunde an der Seite floss nach wie vor ein wenig Blut, sodass er seine Hand darauf drückte und ihre zierliche Gestalt an sich presste. Sie gab ein Wimmern von sich, kaum hörbar und dennoch genug Ausdruck für die Schmerzen, die sie quälten. »Es ist alles okay, ich bin bei dir. Jetzt bist du in Sicherheit.«

Kapitel 2
Nacht der Narben

Das Summen von Bienen hallte in der Luft. Sora und Mia, in ihren hellblauen Kleidchen, nahmen je ein Seilende, während Katleen ihre Beine hob und senkte. »Schneller«, befahl sie und kam leicht aus der Puste. Die Schwestern taten, wie ihnen aufgetragen, und das Seil zuckte durch die Luft. Der pfeifende Ton zischte an Katleens Ohren vorbei. Schließlich blieb sie hängen, und das Spiel war fürs Erste beendet.
   »Ich bin dran. Katleen hat nur zweiundachtzig geschafft«, sagte Sora und überreichte ihr das Ende des Seils.
   Katleen nickte schweigend, da sie enttäuscht von ihrem Ergebnis war.
   »Statt zu zählen, können wir auch ein Lied singen«, schlug Mia vor.
   Die Grübchen auf ihren Wangen ließen sie förmlich strahlen. Ihr goldenes Haar war zu zwei Zöpfen zusammengebunden, die sie daran hinderten, dieses Spiel zu gewinnen. »Mia, sei nicht albern. Welches Lied soll man zu dem Takt singen?«, fragte Katleen.
   Mia lächelte. »Wer streift bei Nacht durch die dunklen Straßen? Wer ist der Schatten, der jedes Herz lässt rasen? Wer macht eine gute Miene zum bösen Spiel? Wer mordet und schlachtet und das sehr viel?«
   Katleen legte ihre Finger um Mias linken Arm und drückte zu. »Hör auf damit! Dieses Lied ist schrecklich«, sagte sie und ließ das Ende des Seils fallen.
   »Hast du etwa Angst?« Mia blickte zu Sora. »Singen wir es gemeinsam, Sora?«
   Sie tauschten kurz Blicke aus, bevor sie erneut begannen.
   »Wer streift bei Nacht durch die dunklen Straßen? Wer ist der Schatten, der jedes Herz lässt rasen? Wer macht eine gute Miene zum bösen Spiel? Wer mordet und schlachtet und das sehr viel? Von wem wir sprechen, das ist doch klar, der Schlächter von Paris war wieder da. Wer hat kein Gesicht und keinen Namen? Wer ist blutrünstig und kennt kein Erbarmen? Wer füllt die Gräber mit vielen Leichen? Wer ist schnell, und wen kann man nicht erreichen? Von wem wir sprechen, das ist doch klar, der Schlächter von Paris war wieder da.«
   Die Melodie grub sich in Katleens Gedanken.
   »Wer spielt mit dem Leben von Unschuldigen? Wer lässt sich von Mördern als Gott huldigen? Wer raubt der Polizei den Verstand? Wer hinterlässt manchmal vom Opfer nur eine Hand? Von wem wir sprechen, das ist doch klar, der Schlächter von Paris war wieder da.«
   Katleen hielt sich die Ohren zu und sah zu den beiden hinüber. »Haltet endlich den Mund«, rief sie. Als Sora und Mia nicht reagierten, rannte Katleen auf den nahe gelegenen Friedhof zu. Jedes Blatt, das sie mit ihrem Körper streifte, löste in ihr eine Empfindung aus, die sie nicht nachvollziehen konnte. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus.
   Sie hoffte, auf dem Friedhof die vertraute Ruhe vorzufinden. Im Gegensatz zu Mia und Sora fürchtete sie sich vor der Legende des Schlächters. Er war ein Monster, ein Mörder, und kam stets in ihren Albträumen vor. Er plagte sie, hielt sie manchmal tagelang wach und tauchte als Schatten vor ihrem inneren Auge auf.
   Katleen nahm auf einem Grabstein Platz. »Wann wird es endlich enden?«, fragte sie leise und senkte den Kopf. Ein Dröhnen zerstörte die Stille, und Katleen wirbelte herum. Sie war so überrascht, dass sie ihr Gleichgewicht verlor und auf ihrem Gesäß landete. Katleen grub ihre Nägel in die Erde und wartete auf eine Regung, um eine Erklärung für dieses Geräusch zu erhalten.
   »Es wird enden, wenn ich dich verdorben habe«, sagte eine Stimme.
   Katleen setzte sich auf. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Die Stimme war ihr keineswegs unbekannt.
   »Ich komme dich holen, werde dich fangen, dich schlachten und zu meiner Marionette machen«, raunte er.
   Katleen presste ihre Hände auf die Ohren. »Nein«, rief sie immer wieder. »Das muss aufhören!« Sie schloss die Lider. Jemand packte sie grob im Nacken. Katleen rang nach Luft, die ihr jedoch verwehrt blieb. Als sie ein Schlachtermesser aufblitzen sah und das Gesicht erkannte, schrie sie.
   Katleen keuchte und fuhr hoch. Ihr Kopf pochte vor Schmerz. Sie fasste sich an die Schläfen und ertastete einen Verband. »Was?«, hauchte sie und versuchte, sich zu orientieren. Soeben war sie noch in einem Albtraum gefangen gewesen. Anscheinend befand sie sich in einem Krankenhaus. Zu ihrer Rechten sah sie den schlafenden Luron in einem der Stühle. Dies war der erste Moment, indem Luron nicht unantastbar wirkte. Das Haar war zerzaust, weil er offenbar nur auf einer Seite geruht hatte. Seine Uhr hatte Abdrücke an der Wange hinterlassen und dunkle Augenringe zierten sein Gesicht. Das Hemd war von Blutflecken übersät und genau wie sein Jackett nicht mehr zu gebrauchen.
   In was für einem Zustand hatte sie Gousainville verlassen? Was genau war überhaupt geschehen? Als Luron einen seltsamen Ton von sich gab und ein lautes Schnarchen Katleen abermals aus ihren Gedanken holte, lachte sie. Mit einem Schmunzeln erhob sie sich und streckte die Beine über die Bettkante. Sie schob ihren Krankenhauskittel ein Stück nach oben und betrachtete einen weiteren Verband, der ihren Oberkörper umgab. Schlagartig kehrten die Erinnerungen zurück. Katleen erstarrte. Der Traum schien nur eine Projektion des Erlebten gewesen zu sein.
   Katleen wollte das Bad erreichen, bevor sich ihr Magen entleerte. Sie wankte zur Tür, ließ sich vor der Toilette auf die Knie fallen und hielt sich die Haare aus dem Gesicht. Im nächsten Moment erbrach sie sich. Schuld vermischt mit Wut und Hass, verdrängt von Furcht und Angst, beeinflusst von Verzweiflung. All diese Gefühle kamen erneut in ihr hoch. Sie schaffte es nicht, sich dagegen zu wehren, sodass sie über der Schüssel lehnte und auf das Beste hoffte. Irgendwann war ihr Magen leer. Katleen wischte sich über die Lippen und zog sich am Waschbecken hoch. Sie spülte sich den Mund mit etwas Wasser aus und schlurfte zurück zum Bett. Vor ihren Augen drehte sich alles. Katleen kuschelte sich in die Kissen. Luron saß noch immer auf dem Stuhl neben ihr, an das zweite Bett gelehnt. Zu gern hätte sie ein Foto mit ihrem Handy gemacht, doch dummerweise war es nicht aufzufinden. Katleen schloss ihre Lider und gab sich der Müdigkeit hin.

*

Luron hatte die Nacht kein Auge zugetan und war erschöpft, als er sich aufrappelte, um die eingetretene Krankenschwester zu begrüßen. Er knetete seine linke Handfläche, die einen Abdruck auf einer Wange hinterlassen hatte. Katleen lag noch immer in dem Bett vor ihm. Ihre Brust hob und senkte sich und ihre Miene wirkte keinesfalls so schmerzverzehrt wie in Gousainville, als sie in seinen Armen zusammengebrochen war.
   Die Krankenschwester kam um das Bett herum und versuchte, Katleen zu wecken. »Frau Rousseau, wachen Sie auf.« Sie wartete geduldig auf eine Regung.
   Tatsächlich öffnete Katleen kurz darauf ihre Lider, blinzelte und setzte sich zögernd auf. »Morgen«, sagte sie und griff sich an die Stirn.
   »Guten Abend trifft es eher.« Luron deutete auf ein Fenster. Die Dunkelheit schien in das Zimmer einzudringen. Katleen zog die Decke bis zu ihrem Kinn und nickte. Luron lächelte über diese Geste und ging näher heran.
   »Wie fühlen Sie sich? Haben Sie Schmerzen?« Die Schwester musterte Katleen nachdenklich.
   Katleen berührte ihre Verletzungen und verneinte die Fragen. »Mir ist nur ein wenig schwindelig, ansonsten geht es mir gut.«
   Luron seufzte und folgte der Krankenschwester nach draußen. Diese notierte etwas im Gehen.
   »Herr Lafleur, ich weiß, es ist unangebracht, wo sich Frau Rousseau erholen soll, aber im Wartezimmer sitzen zwei Polizisten und möchten Frau Rousseau und Sie gern zu dem Vorfall verhören. Ich habe die Herren so lang hingehalten, wie es mir möglich war.« Sie legte ihm mitfühlend eine Hand auf seine rechte Schulter.
   »Das war zu erwarten. Ich dachte nur, sie würden uns etwas mehr Zeit geben.« Er richtete sein blutverschmiertes Hemd und schritt voran. »Dann wollen wir mal.« Im Warteraum der Station erblickte er die beiden in Anzüge gehüllten Männer, die ihm wie aus einem schlechten Krimi vorkamen. Er hätte sie zu gern gefragt, ob sie der Leinwand entsprungen waren, allerdings würde das seine Sympathie wohl nicht gerade steigern.
   »Herr Luron Lafleur?«, fragte der größere Mann.
   Er schüttelte beiden die Hand und nickte.
   »Es freut uns, dass Sie kommen konnten. Dies ist nur eine Sittenwidrigkeit, die wir schnell bereinigen wollen. Aus diesem Grund hätten wir ein paar Fragen zu dem Vorfall vergangener Nacht.« Der Polizist bat Luron, Platz zu nehmen. »Wieso war Frau Rousseau allein unterwegs und hat den Serienmörder ausgerechnet in Gousainville gesucht?«
   Luron schluckte und versuchte, seinen Kloß im Hals zu verdrängen. »Ich denke, sie hatte private Gründe dieser Sache nachzugehen. Ich hatte nichts mit ihrer Entscheidung zu tun, und wir waren außerdienstlich unterwegs.«
   »Also wussten Sie nicht, dass Frau Rousseau den Schlächter dort vermutete?«
   »Nein.«
   »Woher wussten Sie, dass sich Frau Rousseau in Gousainville befand?«
   Luron strich sich durch sein Haar. »Sie hat mal eine Andeutung diesbezüglich gemacht. Sie meinte, Gousainville würde sie an eine Stadt erinnern, in der sie in Kindertagen gelebt hat«, log er. Seine Zweifel zerfraßen ihn beinahe. Er wollte ihnen alles beichten, allerdings würde diese Entscheidung Katleen den Job kosten. Das würde sie ihm niemals verzeihen.
   »Interessant. Also war es mehr Zufall, dass Sie genau an diesem Ort zum perfekten Zeitpunkt gesucht haben?« Der Polizist ließ nicht locker.
   »Korrekt. Ich habe mir Sorgen gemacht, nachdem Sie sich nicht meldete, und da habe ich sie dort gesucht.«
   »Das bringt uns zur nächsten Frage. In was für einer Beziehung stehen Sie zu Katleen Rousseau?«
   Luron zögerte. Die Polizisten konnten sich wahrscheinlich an fünf Fingern abzählen, was er verbarg.
   »Sie wissen, dass ein Verhältnis gemeldet werden muss? Mit dem Partner ist Derartiges nicht erlaubt. Das könnte Sie beide im Job gefährden.«
   Luron zuckte mit den Schultern. »Wir sind nur gute Partner, rein freundschaftlich.«
   Der Polizist zu seiner Rechten nickte und notierte etwas auf seinem Block. »Wir nehmen das zur Kenntnis und bedanken uns, dass Sie die Zeit gefunden haben. Für weitere Fragen werden wir uns erneut an Sie und Frau Rousseau wenden. Vielen Dank.«
   Luron verabschiedete sich und kehrte zu Katleen zurück. Bevor er die Tür zu ihrem Zimmer erneut öffnete, holte er tief Luft und verbarg all die Dinge, die seine Gedanken in ein Wirrwarr gestürzt hatten, hinter einem aufgesetzten Lächeln. Er trat ein. Katleen lag auf der rechten Seite, entlastete so ihre Verletzung und las neugierig in einer Zeitschrift. Der Kittel – mit einem Schlitz im Rückenbereich – gab auf diese Weise ihren knackigen Hintern und einen Teil ihrer Rundungen preis. Ihr schneeweißes Höschen schmiegte sich eng an ihren Po, sodass Luron mit einem verschmitzten Grinsen an ihr Bett herantrat und ihren Körper musterte. Sie hatte sich halbherzig zugedeckt, weshalb dieses Malheur geschehen konnte.
   Katleen reagierte anfangs nicht auf seine Blicke, erst nach einigen Minuten legte sie die Zeitschrift beiseite. »Willst du da noch lang stehen und mich angaffen?« Sie wandte sich um.
   Luron ließ sich auf ihrer Bettkante nieder. »Wir haben ein Problem.«
   Katleen legte sofort ihre Finger auf seinen Mund. »Nein, ich habe ein Problem. Mit dir hat die Sache nicht das Geringste zu tun.«
   »Was soll das? Wir sind Partner. Du hast mich durch deine halsbrecherische Art mit hineingezogen«, sagte er und suchte in ihren Augen nach Einsicht, die er keinesfalls finden konnte.
   »Es war mein Fehler, und ich möchte nicht, dass sie dir und mir den Fall entziehen. Ich bin sein Opfer, er hat versucht, mich zu töten. Das werden sie nicht auf sich beruhen lassen. Unser Boss wird mich einem anderen Partner zuweisen.« Katleen senkte den Kopf, wodurch ihre dunklen Haare über die Schultern fielen und ihr Gesicht leicht verdeckten.
   Luron hob ihr Kinn an. »Wir lügen. Die Kunst liegt lediglich darin, dass wir uns von vornherein absprechen«, erwiderte er und roch an ihrem Haar.
   Katleen berührte zaghaft seine Brust und kuschelte sich an ihn. »Was willst du ihnen erzählen?«
   Luron seufzte, drückte sie an sich und hauchte Küsse auf ihren Hals. »Ich werde ihnen sagen, dass ich befürchtet habe, dass es der Schlächter auf Polizisten abgesehen hat. Dass ich sah, wie dir ein Schatten zu deiner Wohnung folgte. Ich war besorgt, sodass ich dich beobachtete und eingriff, bevor der Schlächter es zu Ende bringen konnte.« Luron spürte, wie sehr sich Katleen zu ihm hingezogen fühlte, ihn umarmte und seine Wärme in sich aufnahm. »Ich dachte, ich hätte dich verloren«, flüsterte er und küsste sie. Katleen erwiderte seine Zuneigung. Ein Zittern lag in ihren Bewegungen. Welche Spuren hatte jener Abend bei ihr hinterlassen? Waren es nur die Narben, die Devin ihr zugefügt hatte? Oder verbarg sie den wahren Schmerz hinter einem Lächeln, wie sie es sonst zu tun pflegte?

*

Knapp eine Woche ließ man Katleen, um sich zu erholen. Sie nutzte die Zeit im Krankenhaus, um Nachforschungen anzustellen und ihre Aussage mit Luron einzustudieren. Sie hatten sich perfekt aufeinander abgestimmt, umso überraschender war es, dass der Tag der Entscheidung sie ins Wanken brachte. Katleen kämpfte gegen ihre Nervosität. Seit Devin versucht hatte, sie zu ermorden, nahm sie den Fall noch ernster. Für sie stand es außer Frage, ihn freiwillig an einen anderen Ermittler abzugeben.
   Katleen rutschte auf ihrem Sitz hin und her. Im nächsten Moment betrat ein Fremder das Zimmer und nahm vor ihr Platz. Sie befanden sich in einem Verhörraum ihres Reviers, wo Katleen ihre Aussage zu Protokoll geben sollte.
   »Frau Katleen Rousseau, wie Sie sicher bereits erfahren haben, durften wir Ihren Partner befragen. Nun haben wir nur wenige Punkte offen, es wird also nicht sonderlich lang dauern.«
   Katleen stützte sich mit ihren Armen auf dem Tisch ab.
   »Wir würden gern wissen, was genau Sie an diesem Abend nach Gousainville verschlagen hat.«
   Katleen dachte nach. Der Augenblick, indem sie Lurons Kette gesehen hatte und ihr wieder alles einfiel, schien zu bedeutend, um ihn mit diesem Fremden zu teilen. »Luron fragte mich, in welcher Stadt ich aufgewachsen sei. Ich konnte mich nicht erinnern. An dem Abend sah ich in einer Dokumentation eine Ruine, die alles hochkommen ließ. Daraufhin schaffte ich es einfach nicht, bis zum nächsten Morgen zu warten. Dass sich ausgerechnet dort der Schlächter von Paris aufhielt, konnte keiner wissen.«
   Der Polizist nickte. »Was passierte, als Sie den Schlächter entdeckten?«
   Katleen rümpfte die Nase. »Ich habe ihn mehrmals gewarnt, dass er nicht näher kommen soll, und als er es doch tat und mir drohte, habe ich auf ihn geschossen.«
   »Nun, ich denke, in einem solchen Moment hätten wir alle einen nervösen Zeigefinger gehabt«, scherzte der Ermittler.
   Katleen lächelte, wurde aber sofort wieder ernst.
   »Was geschah anschließend?«
   Sie fuhr sich durch ihre Haare. »Ich habe ihn nicht erwischt, und er schlug mich nieder. Der Rest ist verschwommen. Ich erinnere mich erst an die Szene, wo Luron mich in seinen Armen hielt und zu seinem Auto trug.« Sie konnte diesem Fremden unmöglich beichten, dass Devin kein Mensch war. Wie hätte er sonst ihren Kugeln ausweichen können?
   »Nun gut. Unsere letzte Frage: Fühlen Sie sich in der Lage, diesen Fall weiterzuverfolgen?«
   Katleen wollte gerade antworten, als sich ein Schatten hinter dem Polizisten in einen Menschen verwandelte und ihr erschien wie ein Geist. Eine Schönheit mit goldenem Haar, weiblichen Rundungen und einem perfekten Gesicht stand hinter ihm. Ihr trauriger Blick fiel auf Katleen, sodass sie schluckte und die Zähne zusammenbiss, um nicht zu schreien. Was zur Hölle ging hier vor?
   »Frau Rousseau?«
   Die junge Frau kam auf Katleen zu. Spielerisch lehnte sie sich vor und strich ihre Locken beiseite. »Finde mich. Bitte, finde mich.«
   »Sora«, flüsterte sie. Die Erscheinung verschwand. Katleen brauchte einen Moment, um sich zu fangen. »Ja, das dürfte kein Problem sein.«
   Der Polizist ließ seinen Stift sinken und musterte Katleen. »Gut, dann wäre unser Gespräch hiermit beendet. Vielen Dank. Ihr Partner Luron weiß Bescheid. Wir haben uns entschlossen, Sie nicht von dem Fall abzuziehen, da Sie Informationen haben, die wir dringend benötigen. Sie kennen das Gesicht unseres Mörders.«
   Katleen nickte und schüttelte ihm die Hand. Mit gemischten Gefühlen verließ sie den Verhörraum und eilte in schnellen Schritten auf Jules zu. Ihr Puls raste und ihr Atem ging unregelmäßig. Diese Erscheinung von eben konnte kein Zufall sein. Immerhin hatte sie vor einigen Nächten von Sora und Mia geträumt.
   »Was kann ich für dich tun, Katleen?« Jules stupste ihr liebevoll in die Seiten. Er war für sie wie der Bruder, den sie niemals haben wollte. »Du musst jemanden für mich suchen«, erwiderte sie und stellte sich hinter ihn. Ihr Blick war auf den Bildschirm seines Computers gerichtet.
   »Wie heißt die Person?«
   »Ihr Name ist Sora Vicedo.«

*

Luron genoss seinen freien Tag. Er stand unter der Dusche und ließ das lauwarme Wasser über seinen Körper strömen. Die silberne Kette ruhte zwischen seinen Fingern. Das Zeichen darauf leuchtete hin und wieder, wenn er bestimmte Wörter sagte. Die Kette war sein einziger Schutz. Luron war ein Selbstmordattentäter, zumindest hätten ihn so die Menschen beschrieben. Es gehörte zu seiner Aufgabe, Dämonen wie Devin zu fangen oder zu töten. Da Letzteres nur in seltenen Fällen umsetzbar war, trug er stets ein magisches Pentagramm bei sich, um im Falle des Falles handeln zu können. Sobald er in Dragonisch, der Sprache der Unterwelt, Torbet katalis diem sagte, erweckte er einen Bannkreis. Die Kette hörte auf seine Stimme und würde ein Pentagramm um Luron und seinen Gegner ziehen, aus dem sie nicht mehr entkommen könnten. Nur ein Sieger würde aus der darauffolgenden Schlacht hervorgehen. Der Gewinner jedoch wäre auf ewig ein Gefangener, bis ein Mensch freiwillig den Bann lösen würde, doch dazu waren nicht alle in der Lage. Sie mussten ein geschultes Auge haben und offen für das Übernatürliche sein. Katleen war Lurons Anker. Mittlerweile hatte sich ihre Sichtweise verändert. Er hoffte, dass sie ihn eines Tages retten würde und er mit ihr zusammen untertauchen könnte.
   Er drehte das Wasser ab und hüllte seinen Körper in ein Handtuch. Wärme strich über seine Haut, und er genoss jeden Moment, trotzdem schaffte er es nicht, sich von Katleen auch nur einen Tag fernzuhalten. Also zog er sich seine Jeans und ein einfaches Shirt über und begab sich auf die Suche nach seinem Halt in der Menschenwelt, seinem Anker, seiner Leidenschaft.

*

Katleen hatte eine Adresse von Jules erhalten und war verstört. Sie hielt den Zettel in der linken Hand und lief die Treppe hinab. Als sie gerade in ihren Opel einsteigen wollte, spürte sie die Nähe einer Person und wandte sich um. Luron stand hinter ihr.
   »Wohin des Weges?«, fragte er.
   »Das ist privat.« Sie nahm hinter ihrem Lenkrad Platz.
   »So leicht wirst du mich nicht los, ma chérie«, flüsterte er und belegte den Sitzplatz neben ihr.
   Katleen fuhr zusammen, als er diese Worte sagte. »Nenn mich nie wieder so«, fauchte sie.
   Luron zögerte. »Was habe ich denn gesagt?«
   »Ma chérie, so hat er mich immer genannt.« Sie blendete die Tatsache aus, dass sich Luron eingeschlichen hatte, und startete den Motor.
   »Wohin fahren wir?«
   Sie akzeptierte seine Anwesenheit und seufzte. »27 Avenue des Ternes«, antwortete sie und brauste los.
   »Das ist ein Stripklub, wenn mich nicht alles täuscht.«
   Woher wusste er das? Obwohl, als Mann war dieses Wissen wohl normal. »Im Secret Square arbeitet eine alte Bekannte von mir. Wenn du mit willst, hältst du die Klappe. Keine abfälligen Bemerkungen, kein Gepfeife, nichts, was meine Nerven strapazieren könnte.«
   Luron nickte mit einem breiten Grinsen.
   Katleen bog um die nächste Ecke. »Das werde ich sicher bereuen.«

Vor einem unscheinbaren Gebäude stoppte sie den Wagen und stieg aus. Mittlerweile war es später Nachmittag und die Sonne drohte, am Horizont zu verschwinden. Luron trabte voran, als Katleen ihn zurückholte und sich vor ihn schob. »Du hast heute frei, also benimm dich.« Er nickte. Erst danach baten sie bei den Türstehern um Einlass.
   Als sie den Stripklub betraten, landeten sie in einer elegant eingerichteten Bar mit mehreren Räumen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Das blaurote Licht dämpfte die Erscheinung jener Schönheiten, die anscheinend nur auf einen Kerl wie Luron gewartet hatten. Prompt waren Katleen und Luron umzingelt, sodass sie ihm den Spaß gönnte und sich abkapselte.
   Sie betrachtete die Bar, die aus einem edlen Holz war und kastanienbraun glänzte. Die Getränke waren vor einer Spiegelfassade aufgebaut, jede Flasche schien kostbarer als die vorherige. Im hinteren Bereich befanden sich stille Ecken und winzige Kammern mit nur einem Bett. Vor den großen Schaufenstern führten einige Stripperinnen ihr Kunstwerk für Männer auf der Straße vor, um auch sie in den Klub zu locken.
   Schwere goldene Vorhänge lockten einige Männer in Nebenräume, in denen sie sich wohl austoben konnten. Elegant und keineswegs aufdringlich, so konnte man den Secret Square beschreiben.
   Katleen atmete ein, bevor sie sich der Bühne näherte, die in einer seltsam ovalen Form die Tänzerinnen präsentierte. Das Scheinwerferlicht tauchte jede in eine andere Aura, sodass sie genauso kostbar und unerreichbar erschienen wie die teuren Whiskyflaschen hinter der Bar. Viele von ihnen verkörperten ein gewisses Thema. Das Cowgirl, die freche Studentin oder das Luder aus der Nachbarschaft. Die Frauen lächelten, steckten sich gierig die Scheine in die Unterwäsche und tanzten, bis ihre Körper von Schweißperlen überzogen waren und das Musikstück endete.
   Katleen wedelte mit einer Hand den Rauch, oder besser den Gestank, beiseite, der ihr in die Nase stieg, als sie schon fast einen der vorderen Plätze erreicht hatte. Ein Gemisch aus Schweiß, Alkohol und Zigarettenqualm jagte ihre Kehle hinab. Sie brauchte dringend etwas zu trinken, andernfalls würde ihre Stimme bald versagen. Katleen winkte eine der Bedienungen zu sich und gab ihre Bestellung auf. Als diese mit einem übertriebenen Hüftschwung auf die Bar zusteuerte, fragte sich Katleen, warum dieser Klub nur halb nackte Frauen und keine Männer beherbergte. Wo blieb da der Spaß für Frauen?
   Katleen wandte ihren Blick ab und beobachtete, wie sich Luron von den anhänglichen Frauen löste. Umgeben von diesen Schönheiten kam sich Katleen irgendwie blass vor. Diese Frauen schienen perfekt mit ihrer vollkommenen Ausstrahlung und dem typischen tussihaften Verhalten. Katleen hingegen war anders. Sie war in der Schule schon immer mit Jungen aufgewachsen, hatte zeitig Fußball gespielt und sich auch sonst weniger für Mädchendinge interessiert. Als sie zur Frau gereift war, hegte sie mehr Gefühle für Waffen, gute Musik und abgefahrene Autos als für irgendwelche Schauspieler in Filmen, den perfekten Nagellack oder eine Markenhandtasche. Eifersucht ergriff sie und ihre Wangen wurden rosig und warm. Sie rieb über die Stelle an ihrer Haut, wendete ihren Blick ab und starrte hinüber zu den Tänzerinnen. Im selben Moment schmiegte sich eine Hand an ihre Schulter und sie erkannte ihren Partner, der zu ihr zurückgekehrt war. Erleichtert atmete sie auf, was Luron nicht mitbekam.
   Katleen und Luron verweilten eine Stunde und warteten. Jules hatte ihr diese Adresse sicher nicht ohne Grund gegeben. Katleen hoffte, dass Sora das Gemüt der Männer lediglich durch einen guten Tanz erhitzen würde. Die Musik schwenkte um und Moulin Rouge hallte durch den Raum. Katleen setzte sich auf und bestaunte die Frauen, die hinter einem schweren roten Vorhang hervorkamen. Einige streckten zuerst ihre Beine hindurch, warteten das Jubeln der Männer ab und erschienen anschließend mit einem Lächeln vor der Menge. Als Katleen eine blonde Schönheit erblickte, schluckte sie und musste vor Überraschung etwas Cola nachgießen. Sora war wahrlich eine Frau, wie sie im Buche stand. Voller Busen, runde Hüften, ein schlanker, durchtrainierter Bauch, lange Beine wie die eines Models und Haare, so perfekt wie frisch vom Friseur. Ihr Make-up schmeichelte ihren Augen, die in einem verführerischen Azurblau leuchteten. Sie trug rote High Heels, die mit schwarzen Bändern bis zu ihren Waden hinauf geschnürt waren. Oberhalb ihrer Knie setzte ein schwarzer eng anliegender Minirock an, der dank einiger Rüschen verspielt wirkte. Mit einem weinroten bauchfreien Top bekleidet, das ihren Busen zusammenschob, wie es meist die Hände eines Mannes taten, kreiste sie ihre Hüften. Sie zog einen Schmollmund, fuhr sich durch ihr volles Haar und ließ ihre Locken zurück über ihre Schultern rutschen. Vornübergebeugt streckte sie ihren Po in die Höhe und grätschte die Beine. Sie entledigte sich des Rocks und ein schwarzer String kam zum Vorschein.
   Katleen stand mit ihrem Colaglas in der Hand auf und wagte sich näher heran. Als sie vor der Bühne stand, glaubte sie, die Verachtung und den Schmerz der Tänzerinnen spüren zu können. Ihre Emotionen glichen einem Feuerwerk der Gefühle. Katleen ahnte, dass es Sora genauso ging wie all den anderen. Sie war eine Marionette ihrer Vergangenheit, und dieser Job schien der einzige Ausweg auf eine Zukunft.
   Gierig streckten die Männer ihre Finger nach den Tänzerinnen aus, warfen ihnen Scheine zu und strichen über ihre Haut. Angeekelt beobachtete Katleen das Szenario. Sora setzte eine gleichgültige Miene auf und trug sie wie eine Maske. Sie legte sich auf den Bauch, sodass ihr Busen deutlicher hervortrat, und verwickelte einen relativ attraktiven Mann in Zungenspiele. Dieser schenkte ihr einen Zwanziger und verstaute den Schein zwischen ihren Brüsten.
   Katleens Wangen wurden warm, als Sora ihr Top auszog und ihren Busen entblößte. Sie tat dies mit solch einer Grazie, dass Katleen deutlicher hinsehen musste. Gebannt starrte sie auf Soras Brüste. Scham stieg in ihr auf. Nun schien Sora Katleen entdeckt zu haben. Erstaunt starrte sie auf Katleen, öffnete den Mund und ihre Augen funkelten.
   Ehe sich Katleen versah, sprang Sora von der Bühne und presste sie an sich. Die Musik berauschte Katleen, die Schwierigkeiten hatte, zu atmen, als Sora sie enger an sich zog. Ihr nackter Busen fühlte sich unsagbar weich an, sodass Katleen diese Art der Zuneigung erwiderte. »Sora«, sagte sie laut, um ihre Stimme bei der Musik vernehmen zu können.
   »Katleen, du bist es wirklich«, erwiderte Sora glücklich und vergrub ihr Gesicht in Katleens Haaren.
   Sie verharrte in dieser Stellung und genoss das Beisammensein, bis sie eine Hand auf ihrem Gesäß spürte. Katleen fuhr herum, glaubte, einer der Gäste hätte sein Ziel deutlich verfehlt. Stattdessen erkannte sie Luron, der sich zwischen sie drängte.
   »Hey, du Perverser, lass uns in Ruhe.« Sora holte aus, um ihm eine Ohrfeige zu verpassen.
   Katleen hielt sie zurück. »Das ist nur mein Partner«, erklärte sie und löste seine Hand von ihrem Po.
   »Wenn ihr euch jetzt küsst und mich in heiße Lesbenspiele verwickelt  …«
   Katleen lachte. Diesen Wunsch könnte sie ihm niemals erfüllen. »Ignorier ihn, der meint das nicht ernst.« Sie hakte sich bei Sora unter.
   »Doch, das tu ich. Das ist mein voller Ernst.« Luron stolperte ihnen nach.
   Als Sora zusammen mit Katleen Richtung Umkleide lief, hielt einer der Wachmänner Luron zurück. Sora führte Katleen in ein längliches Nebenzimmer, in dem ein Dutzend Spiegel die Wände schmückten. Vor jedem Spiegel befanden sich ein Stuhl und eine riesige Auswahl an Make-up. In einer relativ schlecht ausgeleuchteten Ecke hingen unterschiedliche Kleidungsstücke und die Schuhe zauberten Katleen ein Lächeln auf die Lippen.
   »Was machst du hier? Und wie hast du mich gefunden? Ich gehe mit meinem Job ja wirklich nicht hausieren.« Sora lehnte sich an einen der Tische. Sie warf einen Blick in den Spiegel, schnappte sich einen Eyeliner und zog die dunkle Linie auf ihren Lidern nach.
   »Ich habe dich von einem Kollegen suchen lassen.« Katleen sah sich um. Dies war also das Leben ihrer Kindheitsfreundin Sora. Dem Mädchen, das sie damals besser kannte, als es ihre Eltern taten.
   »Super. Wie komme ich zu dieser Ehre? Ich meine, wie lang ist es her? Sechzehn Jahre?«
   Katleen rechnete kurz nach. Mit zehn Jahren war sie zusammen mit ihrer Familie weggezogen und hatte den Rest ihrer Erinnerungen an Gousainville verdrängt. »Das kommt hin«, erwiderte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Nachdem das Make-up wieder perfekt saß, zog sich Sora einen Bademantel über und Katleen atmete auf.
   »Süße, das muss dir doch nicht unangenehm sein. Oder hast du unter deinem Oberteil etwa keine zwei Möpse versteckt?« Sora grinste und drückte ihren Busen ein Stück nach oben.
   »Das ist es nicht. Ich hatte nicht erwartet, dich ausgerechnet in so einem Schuppen zu finden.«
   »Ja, wir können uns das Leben nicht aussuchen, das wir führen«, murmelte Sora vor sich hin.
   Katleen ging zu ihr hinüber und legte ihr eine Hand auf die rechte Schulter. »Was ist passiert, nachdem  …?« Sie zögerte.
   »Du meinst, nachdem unsere Mutter von einem Psychopaten ermordet wurde?« Sora löste sich von Katleen und fuhr sich durch ihre blonden Locken. Sie wirkte angespannt. Falten zierten ihre Stirn. »Es war schwer im Waisenhaus. Sie wollten mir Mia wegnehmen. Wir haben es über mehrere Jahre geschafft, Adoptiveltern zu vergraulen, weil uns keiner gemeinsam haben wollte. Als ich endlich achtzehn wurde, suchte ich mir einen Job und nahm meine Schwester mit mir. Anfangs fand ich in einem Supermarkt Arbeit, doch da ich wegen Mia nicht sonderlich flexibel sein konnte, verlor ich die Stelle. Was bleibt einem, wenn man kein Geld hat und der Magen knurrt? Man die Miete nicht zahlen kann und vor dem Aus steht?« Sora seufzte und wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln.
   »Deshalb bist du hier gelandet?« Sora nickte und wimmerte. »Wie geht es Mia? Könnt ihr euch über Wasser halten? Braucht ihr Hilfe?« Katleen wusste, dass sie es überstürzte, allerdings meinte sie es nur gut.
   Sora fing sich allmählich und von der einen auf die andere Sekunde veränderte sich ihre Miene. »Wieso bist du hier?«
   Katleen suchte nach den richtigen Worten. Sie zögerte. Sollte sie wirklich alles aufrollen und Sora von den Morden erzählen? Sie einweihen und die Tatsache kundtun, dass ihre Mutter keineswegs das letzte Opfer dieses Irren war? Katleen senkte den Kopf, kaute auf der Unterlippe herum, bis sie erneut Mut fasste. »Ich bin Polizistin und gekommen, um dir von meinen laufenden Ermittlungen zu erzählen.«
   Sora starrte Katleen an. Das Azurblau ihrer Iris war einem trüben Grauton gewichen, der vor allem durch ihren Eyeliner und ihre Tränen entstand. »Geht es um Mutter?«
   Katleen nickte und ging einen Schritt auf sie zu.
   Sora blockte ab. »Was willst du mir berichten? Bist du ernsthaft vorbeigekommen, um alles Revue passieren zu lassen?« Ihre Stimme überschlug sich.
   Katleen spürte ihre Worte wie eine schallende Ohrfeige. »Unsere Ermittlungen haben ergeben, dass der Schlächter von Paris nach wie vor aktiv ist. Er ist da draußen und mordet weiter, weil ich damals geschwiegen habe.« Katleen packte Sora an den Handgelenken und zog sie zu sich heran.
   »Nein, er ist tot! Dieser Bastard ist tot«, schrie Sora aufgebracht.
   Katleen drückte den Kopf an ihre Brust und versuchte, Sora zu beruhigen. »Er lebt, und ich wollte dich warnen. Er hat sich an mich erinnert.«
   Sora sah auf. »Wie meinst du das? Bist du ihm begegnet?«
   Katleen nickte. Ein Zittern durchfuhr ihren Körper.
   Sora kapselte sich von ihr ab. »Es wird niemals enden.« Sie zog den Bademantel enger um ihre Taille.
   »Ich werde ihn einsperren, und er wird bestraft werden. Dann wird der Albtraum für uns vorüber sein.«
   Sora schüttelte ihren Kopf und wandte sich erschüttert um. »Er wird dich genauso jagen und ermorden wie Mutter. Das kannst du nicht verhindern. Hat er einmal Blut geleckt, wird er sich sein Opfer keineswegs entgehen lassen.«
   Sora sprach aus Erfahrung, das wusste Katleen, dennoch blendete sie diese Tatsache aus. Devin war zwar ein Psychopath, dennoch wirkten seine Ansichten real. »Ich muss es endlich erfahren, Sora. Was hatte eure Mutter für ein Geheimnis? Wieso hat er sie geholt?«
   Sora hielt schützend die Hände vor ihr Gesicht.
   »Sora.« Katleen rüttelte an ihr.
   »Ich weiß es nicht«, rief sie und schubste Katleen von sich.
   »Du musst verstehen, dass ich nur dein Bestes will. Wir sind alle in Gefahr, solange die Geschichte von damals ungeklärt bleibt.« Katleen suchte Blickkontakt.
   »Verschwinde. Hau endlich ab! Du hast genug Schmerz in meine Familie gebracht«, rief Sora aufgebracht und schnappte sich eine Schatulle. Wütend warf sie diese nach Katleen.
   Sie wich aus und wandte sich ab. »Na schön. Ich merke, du bist nicht bereit dazu, die Wahrheit zu suchen. Du musst dir allerdings im Klaren sein, dass es so nicht weiter gehen kann. Du versteckst dich in einem Stripklub und hoffst auf eine Zukunft, aber solange er da draußen ist, wirst du immer in Angst leben. Kann man einen solchen Zustand denn wirklich über so viele Jahre ertragen? Hat er dich etwa schon gebrochen?« Katleen hatte versucht, Sora aufzurütteln, dem Geheimnis näherzukommen und möglicherweise endlich den Beweggrund von Devin nachzuvollziehen. Nun tappte sie erneut im Dunkeln. Ihr Körper wehrte sich, ihrer Freundin den Rücken zuzukehren, aber ihr blieb keine Wahl. Sie war zu weit gegangen und hatte alles auf eine Karte gesetzt. Sie hatte Sora mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, obwohl sie wusste, dass sie gewiss auf Ablehnung treffen würde.
   Am Ende des Flures angelangt huschte sie an dem Wachmann vorbei und hakte sich bei Luron unter, der auf sie gewartet hatte. »Lass uns gehen.« Luron nickte und folgte ihr. Katleen zerrte ihn aus dem Stripklub und schluckte den aufkommenden Schmerz tapfer hinunter. Hatte sie soeben eine Sandkastenfreundschaft zerstört? Würde Sora ihr jemals vergeben?

Eine Woche gab Katleen Sora Bedenkzeit. Sie spielte immer wieder mit dem Gedanken, einen letzten Anlauf zu starten. Sora war ihr wichtig und sie konnte ihre Entscheidung nicht einfach tonlos hinnehmen. Katleen konzentrierte sich zwar auf den Fall, allerdings machte ihr die Doppelbelastung zu schaffen. Sie hatte mehrere schlaflose Nächte hinter sich und kapselte sich mehr und mehr von Luron ab. Sie wollte seine Nähe genießen und ihn nicht mit einer so alten Geschichte belasten, zumal Sora und der Schlächter in ihren Augen zusammengehörten. Es hatte damals begonnen und nun holte es Katleen ein.
   Mit einem freundlichen Lächeln betrat Luron ihr gemeinsames Büro. In seinen Händen ruhten zwei Kaffeebecher, wovon er einen Katleen hinstreckte und geduldig darauf zu warten schien, dass sie ihn an sich nahm. »Danke.«
   »Gern«, erwiderte er und ließ sich ihr gegenüber in seinen Stuhl gleiten. »Haben wir eine neue Spur? Ist dieses vermeintliche Opfer aus der Villa in Gousainville bereits aufgetaucht?«
   Katleen seufzte. »Nein. Ich meine, ich bin mir sicher, dass er eine Schürze voller Blut getragen hat, aber ich habe auch keinen einzigen Schrei vernommen. Vielleicht habe ich mir das nur eingebildet?« Sie kratzte sich an einer Schläfe. Die Schlaflosigkeit raubte ihr den Verstand. Devin besuchte sie jede Nacht in ihren Albträumen, sodass der Kaffee mittlerweile zu ihrem treusten Freund geworden war, um sie möglichst lang wach zu halten. »Ich weiß nicht weiter. Das ergibt alles keinen Sinn. Wir suchen unermüdlich nach einer Spur. Wir haben eine Zeichnung seines Gesichts in jede Zeitung von Paris gebracht und vertrauen auf Hinweise aus der Bevölkerung. Wir haben Beamte, die regelmäßig in Gousainville Streife laufen, aber dieser Mistkerl ist nirgends auffindbar.« Katleen stützte den Kopf auf ihren Händen ab. »Es ist, als würde er nicht existieren, müsste nicht schlafen, nicht essen, nicht leben.«
   Luron nippte an seinem Kaffee. »Vielleicht tut er das nicht. Du hast selbst gesagt, dass er kein Mensch sei.« Er richtete sich auf und begann erneut damit, die Unterlagen durchzusehen.
   »Die Familien der Opfer werden ungeduldig. Wir müssen irgendetwas tun.« Katleen schlug mit einer Faust auf den Tisch.
   »Rede mit Sora. Wer weiß, vielleicht löst sich das Problem zwischen euch von selbst.«
   »Das bezweifle ich. Wenn sie davon erfährt, dass ich den Mord ihrer Mutter beobachtet und nicht eingegriffen habe, wird sie mich auf ewig hassen.«
   Luron schluckte, umklammerte ihre linke Hand und knetete sie vorsichtig. »Du hast es ihr nie gesagt?«
   Katleen schüttelte den Kopf. »Ich habe ihr lediglich gebeichtet, dass ich jemanden weglaufen sah und ihre Mutter fand.«
   »Du solltest mit ihr reden. Ein klärendes Gespräch ist zwar wahrscheinlich das Letzte, was eure Freundschaft retten wird, aber vielleicht hilft es uns bei diesem Fall.«
   Hin- und hergerissen stimmte sie Lurons Vorschlag letzten Endes zu, schnappte sich ihre Autoschlüssel und verschwand. Luron hatte recht. Außerdem würde Sora niemals den ersten Schritt wagen. Katleen musste es selbst in die Hand nehmen.p

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