Die sterbliche Meisterdiebin Lyeen Adalis will nichts mit Engeln zu tun haben, denn Vael, Erzengel von Maleja, hat ihr Leben zerstört. Als jedoch ausgerechnet Vael sie für einen Auftrag anheuern will, bleibt ihr kaum eine Wahl. Eine Absage würde einem Selbstmord gleichkommen. Was zu Beginn wie ein harmloser Job wirkt, entpuppt sich schnell als Spiel um tödliche Macht. Ein Kampf, bei dem Lyeen aufpassen muss, nicht ihr Herz zu verlieren. Vael mag gefährlich sein, ist aber ebenso heiß. Er weckt eine Leidenschaft ihn ihr, die Lyeen alles kosten könnte – am Ende sogar das Leben …

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ISBN: 978-9963-52-883-7

Seiten: 379

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Astrid Freese

Astrid Freese
Astrid Freese wurde 1969 in Sachsen geboren und trug, kaum dass sie ein paar Wörter lesen konnte, die ersten Bücher aus der Bibliothek nach Hause. 1982 folgten die ersten schriftstellerischen Versuche, die durch Lehre, Studium und die Geburt eines Kindes für einige Jahre ins Abseits gerieten, aber nie wirklich vergessen wurden. Mehrere Jahre arbeitete sie anschließend als Datenerfasserin und schrieb für ihre Tochter zahlreiche Kurzgeschichten zum Lesen üben. Heute arbeitet und lebt sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten und einer Hündin in einem kleinen, aber wunderschönen Ort in Sachsen-Anhalt.

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Leseprobe

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Prolog
Die Festung des Vampirfürsten Corash

Als seine Gefängnistür aufsprang, wusste Vael, dass seine kleine Schwester heute sterben würde. In den Augen der Vampire lag ein freudiges Funkeln, während sie das achtjährige Mädchen in sein Verlies zerrten und ihre Hände an der Eisenstange festbanden, die sich im Zentrum seines Kerkers befand.
   Die drei Blutsauger rissen Yari die Kleider vom Leib, doch sie blieb stumm. Keinen einzigen Moment zeigte sie Angst, nicht einmal durch eine winzige Träne. Yari bezwang ihre Furcht, weil sie wusste, dass sie von Corash als Werkzeug benutzt wurde.
   Die Vampire blickten zu Vael und öffneten die Münder. Ihre Fänge schoben sich aus dem Zahnfleisch und ihre Hände glitten auf beinahe liebevolle Weise über den Körper seiner Schwester.
   Die groteske Zurschaustellung von sanfter Zärtlichkeit, die trotzdem keinen Zweifel an den tödlichen Absichten ließ, entzündete in Vael ein düsteres Feuer, das aus Wut und Abscheu bestand. Als sich die Blutsäufer über Yari beugten und die Reißzähne in ihre reine, wie Sahne schimmernde Haut bohrten, floss blanker Zorn durch Vaels geschwächten Körper. Die Kraft des Gefühls war unberechenbar und doch das Einzige, was in dieser trostlosen Hölle Rettung versprach. Er bäumte sich gegen seine Fesseln auf, zeitgleich hallte ein abscheuerregendes Schmatzen an den Felswänden seines Gefängnisses wider.
   Vael fauchte und wandte nicht einen Moment den Blick von Yari ab. Seine kleine Schwester war unglaublich tapfer, obwohl ihr Tod unausweichlich war. Sie ertrug die Qualen, weil sie wusste, weshalb sie von Corash wie ein Werkzeug benutzt wurde. Dem Vampirfürsten war ihr Leben egal, ihm ging es einzig darum, Vael zu foltern. Seit er vor fünfzig Jahren von den Engeln zu ihrem Oberhaupt ernannt worden war und damit auch die Stellung als Regent aller Völker Malejas angetreten hatte, galt er als Feind Nummer eins unter den Vampiren. Denn Vael erließ Gesetze, um die Menschen vor den Übergriffen der Blutsauger zu schützen. Die Vampire sollten das für sie lebensnotwendige Blut fortan kaufen. In sogenannten Blutbars, wo Menschen es freiwillig anboten.
   Bei dem Reichtum, den die Vampirfürsten in ihrer Jahrtausende währenden Existenz angehäuft hatten, könnten sie und ihre Kinder über Äonen in einem Blutmeer baden. Trotzdem lehnten die drei mächtigen Vampirherrscher Vaels Gesetze ab. Dabei ging es ihnen schlichtweg ums Prinzip. Menschen waren Beutetiere, egal, wie hoch ihr Intelligenzquotient war. Jahrhundertelang hatten die Vampire Männer, Frauen und Kinder blutleer im Dreck liegen gelassen. Warum sollten sie jetzt ihre Lebensweise ändern und das Blut von ihren Weidetieren kaufen? Nur, weil Vael den für Menschen bislang tödlichen Nahrungserwerb nicht akzeptieren wollte und sich dadurch in die Angelegenheiten der Blutsauger mischte? Das Ansinnen ging den Fürsten entschieden zu weit.
   Vael zweifelte nicht einen Moment an der Richtigkeit seiner Gesetze, jedoch hatte er niemals gewollt, dass Yari den Preis für seine Überzeugung zahlen musste. Sie sollte in eine glückliche Zukunft sehen, in der die Furcht vor den Übergriffen der Vampire der Vergangenheit angehörte. Aber ihr Licht würde in dieser Zukunft nicht mehr scheinen, denn Corashs Kinder würden heute erst innehalten, wenn eine blutleere Hülle vor ihnen lag.
   Abscheu, Hass und Zorn jagten wie dunkles Feuer durch seine Adern. Die Gefühlskombination vertrieb die Schwäche aus seinem gefolterten Körper. Er bäumte sich gegen seine Fesseln auf, wieder und wieder. Der Fürst hatte Vael nicht wie einen seltenen Schmetterling mit Nadeln auf Samt gepinnt. Nein, Corash hasste Engelflügel. Daher ließ er Vaels Schwingen einmauern und seinen Körper mit dicken langen Metallnägeln an die Wand schlagen, so, als wäre er ein simples Holzbrett.
   »Yari«, rief Vael und zerrte an seinen Armen. Die Köpfe der Nägel bohrten sich durch sein Fleisch und durchrissen Sehnen, Adern und Muskeln. Für einen Moment schafften es die Schmerzen, seinen brodelnden Zorn abzukühlen, doch ein Blick zu Yari genügte, um seine Entrüstung erneut zu entfachen. Ihr Körper war übersät mit Bissspuren. Die Vampire tranken nur langsam, um ihre Todesqual und seinen Kummer zu verlängern.
   Yari fehlte inzwischen die Kraft zum Stehenbleiben, weshalb sie an der Eisenstange hinuntergerutscht war. Die Handfesseln zerrten ihre Arme nach oben und gruben sich in ihre Haut.
   »Bitte nicht«, verlangte Yari mit leiser Stimme und streckte ihm die gefesselten Hände entgegen. Während ihr Blick über seine Gestalt huschte, rannen Tränen aus ihren türkisblauen Augen. »Tu das nicht, bitte. Du kannst meinen Tod nicht mehr verhindern. Sie haben schon zu viel getrunken.«
   Vael biss die Zähne fest aufeinander, bäumte sich erneut auf und zog seine Arme durch die Stahlnägel. Wellen aus purem Schmerz erschütterten ihn, doch sein Zorn tobte mittlerweile wie ein Inferno in seinem Inneren. Blut floss in Strömen zu Boden, während er seine Arme freibekam. Er schloss die Augen und ballte die Hände zu Fäusten. Ein kaum spürbares Kribbeln huschte über seine Handflächen. Gleichzeitig mit den Lidern öffnete er die Finger. Winzige silberblaue Flammen tänzelten auf seiner Haut. Einen Herzschlag später raste sein Himmelsfeuer auf die Blutsauger zu. Die Feuerzungen verbrannten die edle Wolle ihrer Jacken. Einen Augenblick darauf erloschen die Flammen, weil ihnen schlichtweg die zerstörerische Kraft fehlte. Die Vampire hoben bei Vaels Angriff nicht einmal die Köpfe. Sie tranken einfach weiter und ignorierten ihn, denn sie wussten, dass sein geschwächter Körper, trotz seiner Gefühle, nicht in der Lage war, ein für sie tödliches Himmelsfeuer entstehen zu lassen.
   »Hör auf! Du brauchst deine Kraft für die Heiltrance«, rief Yari mit leiser, krächzender Stimme.
   »Dafür ist später immer noch Zeit«, erwiderte er.
   »Ist es nicht. Corashs Folter hat dir zu viel Kraft geraubt«, flüsterte sie kaum hörbar. »Du musst leben, sonst geht unsere Welt in diesem Krieg unter. Ich bin nur ein Mensch, ich sterbe sowieso.«
   »Nicht heute«, presste er zwischen den Zähnen hervor und bäumte sich erneut auf. Wie hatte die Naturgöttin nur derart ungerecht sein können? Engeln und Vampiren schenkte sie die Unendlichkeit und diesen zarten Wesen vermachte sie nur wenige Jahrzehnte.
   »Doch heute«, erwiderte Yari leise. »Das ist nicht schlimm, denn ich durfte dank dir leben. Der Gott der Finsternis wartet seit acht Jahren auf mich, seine Geduld ist nun erschöpft.«
   Vael fauchte. Yaris Lebenszeit währte einen Sekundenbruchteil in der Ewigkeit und jetzt würde sie nicht einmal diese Frist haben. Er drückte sich weiter gegen die Stifte und zwängte das Metall durch seinen Körper. Er konnte nicht zulassen, dass ihr diese winzige Zeitspanne gestohlen wurde.
   Als seine Beine freikamen, hallte ein Knirschen an den Wänden des Verlieses wider und das Schmatzen und Schlürfen der Vampire wurde lauter. Panik wälzte sich über Vael. Er riss den Kopf hoch und blickte zu Yari. Ihr kleines, zartes Gesicht war blass, ihre einstmals strahlenden Augen verdunkelten sich von der erbarmungslosen Nacht, die ein neues Opfer suchte.
   Vael stemmte die Arme gegen die Steinwand und drückte seinen Oberkörper nach vorn. Die Stahlnägel schoben sich durch seine inneren Organe und zerfetzten ihm den Magen, die Leber und einen Lungenflügel.
   »Yari, gib nicht auf«, rief er und öffnete die Hände. Silberblaue Flammen leckten über seine Fingerspitzen. Zwei kleine helle Glutbälle krachten an die Wand hinter ihm. Ein Dröhnen durchzog das Gefängnis. Putz, Steine und Dreck flogen an ihm vorbei. Fest stemmte Vael Arme und Beine gegen die Mauer und zerrte seine Flügel aus den Löchern, die sein Himmelsfeuer im Mauerwerk hinterlassen hatten. Ein Knochen in seiner rechten Schwinge brach, Sehnen und Muskeln rissen.
   Zeitgleich dröhnte vor dem Verlies eine Explosion durch den Gang. Gesteinsbrocken und Staub wirbelten durch die Luft. Irgendjemand schien sich gewaltsam Zutritt zu den Kerkern verschaffen zu wollen.
   »Erzengel, versprich mir, dass du den Zorn nicht in dein Herz lässt. Corashs Kinder wissen es nicht besser, gib ihnen nicht die Schuld an meinen Tod«, sagte Yari kaum hörbar.
   Vael blickte zu ihr. Noch immer saugten die Vampire das Leben aus ihr, das er vor acht Jahren in letzter Sekunde gerettet hatte. Sie konnte sich daran nicht mehr erinnern, doch die Narben der Reißzähne, die sich in den winzigen Leib des Säuglings gesenkt hatten, waren niemals verblasst.
   »Versprich es mir«, bat seine kleine Schwester flüsternd, aber drängend. »Lass nicht zu, dass dein Herz zu Stein wird.«
   Die Mauer hinter Vael gab nach. Zusammen mit losem Gestein und Putz krachte er auf den Lehmboden. Schmerzen explodierten in ihm und flossen in Wellen durch ihn hindurch. Im gleichen Augenblick flog die Gittertür auf und drei rot glühende Flammenzungen schossen auf die Blutsauger zu. Das Himmelsfeuer fraß sich in ihre Oberkörper und pulverisierte ihre inneren Organe. Leblos sanken die drei auf den nackten Boden. Der Blick aus ihren toten Augen richtete sich an die karge Decke aus Felsgestein.
   Während Vael auf seine Schwester zukroch, tauchte vor ihm weißes Fell mit diamantenen Spitzen auf. Tränen benetzten das Gesicht seines Himmelsäffchens, gleichzeitig tropfte Vampirblut von Itais kleinen Reißzähnen. Vaels Schoßtier war winzig, aber tödlicher als ein Berggorilla.
   »Yari«, flüsterte er und schob sich weiter. Seine Flügel und Beine schleiften unnütz über den rauen Boden, Steine bohrten sich in seinen mit Löchern durchsiebten Körper. In Vaels Blickfeld tauchten feuerrote Schwingen auf. Diese gehörten Shariel. Der Erzengel war Vaels rechte Hand und einer der wenigen, denen er in diesem grausamen Krieg vollkommen vertraute. Der Engel fluchte verhalten, streckte die Arme aus und hob Vael hoch. Sein Freund trug ihn die drei verbliebenen Schritte zu seiner kleinen Schwester und legte ihn dort sanft auf den Boden.
   Vaels Himmelsäffchen griff nach den Stricken, die Yari an die Eisenstange fesselten, und zerriss die Seile. Seine Schwester schrie leise auf und sank an Shariels Brust. Behutsam strich Vael mit den Fingerspitzen über ihr Handgelenk. Ihre Haut war eisig kalt und beinahe weiß. Diesmal würde er es nicht mehr schaffen, dem Gott der Finsternis das Opfer zu entreißen. Der Tod hatte sich in ihren zarten Körper geschlichen und breitete sich darin aus, als wäre er zu Hause.
   »Versprich es«, hauchte sie und verschränkte die Finger mit seinen.
   Vael zog den linken Arm an, stemmte sich nach oben und blickte in Yaris glanzlose Augen. »Ich verspreche es, kleine Schwester. Solange meine Existenz währt, werde ich dein Andenken in meinem Herzen bewahren.«
   Matt lächelte sie. »Dann werde ich ewig leben«, flüsterte sie und schloss die Lider. Ihr Brustkorb senkte sich, ihre Finger glitten aus seinen. Vael schrie auf und sank auf den Boden. Schmerz und Trauer schnitten sich in sein Herz wie zahllose Messer. Beinahe fünfhundert Jahre hatte er unzählige Menschen sterben sehen, vor allem seit Ausbruch des Krieges. Ihr kurzes Dasein glich der Lebensspanne von Blättern. Im Frühling streckte sich das zarte Grün dem Sonnenlicht entgegen, doch der Herbstwind riss das Laub mit gnadenloser Brutalität von den Ästen.
   Vael hasste den Herbst und er wusste, dass seine unendliche Existenz noch zahllose verwelkte Laubblätter für ihn bereithielt.

1. Kapitel
589 Jahre später

Normalerweise hatte Lyeen keine Probleme damit, die Aufträge ihres Bosses auszuführen. Sie liebte ihren Job nicht, doch er war die einzige Möglichkeit für ein Monster, den Lebensunterhalt zu verdienen. Kein Firmeninhaber stellte einen Mensch-Vampir-Hybriden ein, dessen Äußeres auch noch beschädigt war.
   Lyeen verringerte die Höhe ihres Schwebewagens und zwängte ihn durch eine Lücke im Blätterdach. Äste schabten über den Lack des Gleiters. Das quietschende Geräusch richtete die Härchen auf ihren Unterarmen auf. Ihr Fahrzeug gehörte zwar zu den kleinsten Typen, dennoch hatte der Kauf ein großes Loch in ihr Konto gerissen. Die Triebwerke des Arrak-Modells ließen sich binnen Sekunden auf Höchstleistung hochpowern. Ein Umstand, der bei ihrem Job nützlich war. Schließlich ging sie keinem normalen Beruf nach. Nein, sie bestahl Engel. Da war es notwendig, dass sie schnell aus der Gefahrenzone verschwinden konnte.
   Als der Schwebewagen auf dem weichen Waldboden aufsetzte, fuhr Lyeen die Triebwerke herunter. Die Zahlen und Diagramme auf dem Vidschirm vor ihr verschwanden, zurück blieb eine mattgraue Oberfläche, die ihr Spiegelbild zurückwarf. Sie öffnete den Mund und ließ die Zunge über die Spitzen ihrer Eckzähne gleiten, die nicht mehr menschlich wirkten, aber auch nicht vampirisch. Die kleinen Reißzähne standen für das, was sie war. Ein Mischling, den es eigentlich nicht geben durfte.
   Lyeen presste die Lippen aufeinander und drehte den Kopf ein Stück, sodass sie ihre rechte Wange betrachten konnte. Auf dieser befanden sich drei gezackte Narben, die von der Schläfe bis fast zu ihrem Mund verliefen. Diese Linien kennzeichneten sie seit dreizehn Jahren als Monster. Kinder liefen schreiend davon und versteckten sich hinter ihren Eltern, wenn sie in der Nähe war. In einer Welt, in der Menschen nach der Schönheit der Vampire und Engel strebten, galt ein äußerlicher Makel als Inbegriff der Abscheulichkeit.
   Mit geschlossenen Augen lehnte sich Lyeen an den Sitz. Als kleines Mädchen hatte sie noch Träume gehabt. Doch auch für die Tochter eines Großherzogs und erfolgreichen Molekulargenetikers konnten Träume wie Seifenblasen platzen. Jede freie Minute hatte sie als Kind im Labor ihres Vaters verbracht und davon geträumt, eines Tages in seine Fußstapfen zu treten. Aber Vaels Schoßtier raubte ihr innerhalb von Sekunden diesen Zukunftstraum. Vor dreizehn Jahren hatte sie ohne die Erlaubnis des Erzengels seine Schwinge berühren wollen. Ein Fehler, der normalerweise tödlich endete. Warum sie noch lebte und sich in diese Abscheulichkeit verwandelt hatte, wusste Lyeen nicht. Sie wusste allerdings, dass sie lieber den Tod gewählt hätte, denn dann würden ihre Eltern noch leben.
   Sie öffnete die Augen und biss die Zähne zusammen. Niemand hatte ihr eine Wahl gelassen. Einem sechsjährigen Kind traute wohl auch keiner eine solche Entscheidung zu. Weder die Ärzte noch die Eltern. Beide hatten immer davon gesprochen, ihr Überleben wäre eine göttliche Fügung gewesen, indes glaubte Lyeen nicht an eine übernatürliche Macht.
   Lyeen atmete tief ein und kletterte aus dem Gleiter. Obwohl das Licht des Mondes kaum bis zum Boden reichte, verzichtete sie auf das Einschalten ihres Leuchtstabes. Sie huschte durch das kleine Waldstück und blieb einige Meter später stehen. Vor ihr befand sich Shariels Anwesen. Beim Anblick des Herrenhauses bildete sich ein schmerzhafter Kloß in ihrem Hals. Normalerweise verhalf ihr die Wut auf Engel zu einer gewissen Kaltschnäuzigkeit bei der Ausübung ihres Jobs. Aber jetzt war sie im Begriff, Vaels rechte Hand zu bestehlen. Beide Erzengel waren so mächtig, dass sich ihr Inneres bei dem Gedanken an ihre Strafe zu einem eisigen Klumpen zusammenzog.
   Augenblicklich wünschte Lyeen ihren Boss in die Gosse der Hauptstadt zurück, aus der Rilad vor über dreißig Jahren auferstanden war. Er hatte sie schlichtweg mit der unglaublichen Summe von einer Million Credits geködert. Mit dem Betrag würde sie endlich das Herrenhaus ihrer Eltern zurückkaufen und ihrem Job den Rücken kehren können. Ihr Auftrag kam allerdings einem Selbstmordkommando gleich. Engel duldeten es nicht, wenn sich ihr Spielzeug uneingeladen in ihren Häusern zu schaffen machte. Die himmlischen Wesen herrschten seit Urzeiten über Maleja. Die einzige Rasse, die sich mit dieser Tatsache nicht hatte abfinden wollen, diente den Engeln jetzt. Der Krieg zwischen den Vampiren und den Himmelswesen währte ein Jahrzehnt und löschte die menschliche Rasse beinahe aus. Letztendlich verloren die Blutsauger und wurden nun von ihren Herren an der kurzen Leine geführt.
   Lyeen seufzte leise. Jeder Engel hatte Vampirwachen, Shariel machte da keine Ausnahme. Wenn sie von den Wachen des Erzengels erwischt wurde, würden die Vampire ihre blutleere Leiche auf dem zentralen Platz der Hauptstadt abladen, wohlweislich um die Mittagszeit. Als Mahnung, verstand sich. Kein Mensch durfte uneingeladen das Haus eines Himmelswesens betreten und die Leibwächter der Engel hielten sich strikt an diese Order.
   Sollte Lyeen Shariel in die Arme laufen, erwartete sie Schlimmeres als der Tod durch Blutarmut. Der Gedanke an ihre Strafe ließ ihr Herz stolpern. Wiederholt fragte sie sich, ob sie ihren Verstand am frühen Abend auf dem Weg zum Büro ihres Bosses verloren hatte. Wieso, um Himmels willen, hatte sie den Auftrag angenommen?
   Während ihr Blick über das Anwesen glitt, kroch ihr Angst wie Eissplitter durch die Adern. Shariel würde das Urteil über sie nicht verhängen, sondern Vael. Der Erzengel und Herrscher von Maleja verkörperte in seiner Person ebenso Richter wie Henker. Der himmlische Regent tötete Menschen nicht, die seine Gesetze missachteten … jedenfalls nicht gleich. Er umhüllte Verbrecher mit seinem Himmelsfeuer und ließ sie Jahrzehnte darin schmoren. Die Schmerzen wuchsen zu einer endlosen Pein an, die Zeit hingegen stand still. Ob Tag oder Nacht, Sommer oder Winter, spielte für den Verurteilten keine Rolle mehr. Nur die Qualen blieben, alles andere verlor an Bedeutung.
   Lyeen schnappte nach Luft und presste eine Hand auf den Brustkorb. Seit Jahren spürte sie die Nähe des himmlischen Feuers auf der Haut. Eine Warnung, niemals einen Schritt zu weit zu gehen. Bislang hatte sie aus Vorsicht Engel beraubt, die in der Hierarchie unter den Erzengeln standen. Sie hatte Dinge entwendet, die den betreffenden Besitzer in Schwierigkeiten bringen konnten. Die Strategie erwies sich bis dato als erfolgreich, denn trotz ihrer gegenteiligen Meinung hatte sie vor ein paar Wochen ihren neunzehnten Geburtstag gefeiert. Gesetzesbrecher hatten selten ein langes Leben und Lyeen zählte sich in der Hinsicht nicht zu den wenigen Ausnahmen.
   Ein Lichtschein glitt über ihr Gesicht. Sie hob den Kopf und blickte nach Südosten. Ein Feuerwerk goldener Lichter formte am Nachthimmel ein tanzendes Engelspaar. Das Fest zu Ehren der Himmelswesen erreichte den Höhepunkt. Vael würde sich in wenigen Augenblicken eine Frau aussuchen und ihr einen Tanz hoch über der Festwiese gewähren. Vor fünfundzwanzig Jahren hatte Malejas Erzengel Lyeens Mutter ausgewählt und Saina genau drei Minuten an seiner Seite geschenkt. Von diesem Moment an schwärmte sie für den mächtigsten aller Engel und vererbte Lyeen diese Bewunderung. Das Gefühl hielt in ihr an, bis sie von Vaels Schoßtier auf grausame Weise gezeichnet worden war.
   Lyeen stieß sich von dem Stamm ab und lief geduckt auf Shariels Anwesen zu. Um das Haus patrouillierten keine Vampirwachen. Wozu auch? Menschliches Dienstpersonal erkannten die Blutsauger an ihrem Geruch, und alle anderen wagten sich nicht in die Nähe der Engelmetropole. Lyeen war die Ausnahme von dieser Regel.
   Neben der Tür, die in die Garage führte, blieb sie stehen und blickte durch das Diamantglas. Dunkelheit umhüllte den Raum, aus dem sich die schattenhaften Umrisse mehrerer Schwebegleiter schälten. Engel benötigten die Fahrzeuge nicht, aber sie dachten auch nicht daran, ihre Lakaien von einem Ort zum anderen zu fliegen.
   Lyeen schob den Ärmel ihrer Lederjacke ein Stück hinauf und vergewisserte sich, dass ihr Minizerstäuber noch auf der Haut saß. Ein unscheinbares Lämpchen leuchtete auf und sie spürte einen kurzen Stich. Das Gerät injizierte ihr einen Neutralisator, der vorübergehend ihren Körpergeruch abblockte. Andernfalls hätten die Vampire längst gerochen, dass sich auf dem Anwesen ihres Herrn ein ungebetener Gast befand.
   Mit einer fließenden Bewegung zog sie ihren Bolzenhammer aus dem Beinholster und stellte die Waffe auf Betäubung. Ebenso wie ihr Zerstäuber brachte ihr allein der Besitz des Hammers mindestens zwanzig Jahre im himmlischen Feuer ein, denn ihre Version besaß neben einem Betäubungsstrahl ein für Vampire tödliches Bolzengeschoss. Ihr Vater hatte sowohl die Lähmstrahlen als auch die Projektile entwickelt, was allerdings unabsichtlich geschah. Nalor hatte die von den Vampirfürsten auf ihre Kinder vererbten Gene untersucht und war dabei auf die Möglichkeiten gestoßen, Vampire auszuschalten.
   Lyeen öffnete die Tür und huschte ins Innere der Garage. An der hinteren Wand entdeckte sie zahlreiche Reinigungsroboter, die ihre Energiezellen aufluden und ihre Systeme checken ließen. Vor den Robotern standen fünf Schwebegleiter, die der Huney- und Jiana-Klasse angehörten. Luxusvarianten ihres Modells, die mehr Innenraum boten und jeglichen Komfort, den sich ein Mensch oder Vampir wünschen konnte.
   Lyeen eilte an den Schwebefahrzeugen vorbei und verharrte vor der Tür, die zu Shariels Eingangshalle führte. Sie hielt die Hand an den Sensor neben der Tür und lauschte. Falls der Detektor über einen biometrischen Scanner verfügte, hatte sie gerade Alarm ausgelöst, doch die Diamantglastür glitt auf und Lyeen lugte mit dem Hammer im Anschlag um die Ecke. Ein Vampir näherte sich ihr nicht, trotzdem verschlug es ihr den Atem. Der Eingangsbereich von Shariels Haus war ein Tempel purer Üppigkeit. Den Boden zierten durchsichtige Kristallfliesen, in die zerstoßene Rubine eingearbeitet waren. An den Wänden flossen verschiedenfarbige Wasserläufe hinab, die sich in unterschiedlichen Abständen ausdehnten und zusammenzogen. Ein Bogengang zog sich um den Bereich herum. Die jeweils einen Meter dicken Säulen bestanden aus schwarzgoldenem Flussmarmor. Von den Arkaden perlte ein feiner, rot glitzernder Nebelschleier herab. Eine schmale Rinne im Boden sammelte die zarten Wassertropfen auf und leitete diese an den unter den Fliesen angelegten Teich weiter, in dem sich bunt schillernde Fische tummelten.
   Dass die Farben Schwarz, Gold und Rot Shariels Anwesen bestimmten, überraschte Lyeen nicht. Der Erzengel war das Abendrot, das in die Nacht überging. Seine rubinroten Konturfedern besaßen einen goldenen Schaft. Die Handschwingen, die kräftigsten Federn der Flügel, zierten nachtschwarze Augen mit rotgoldenen Punkten.
   Lyeen schlüpfte in den Eingangsbereich und lief an der Wand entlang zur nächsten Tür. Sie spähte um die Ecke und fuhr zurück. Wohin der Gang führte, hatte sie nicht erkennen können, jedoch näherten sich ihr gedämpfte Schritte. Kurz entschlossen suchte sie hinter einer Säule Deckung und hoffte gleichzeitig, dass die restlichen Vampirwachen da blieben, wo sie waren.
   Die Glücksgöttin schien auf ihrer Seite zu sein, denn die Halle blieb leer, während die beiden Vampire näher kamen. Als sich ihre Umrisse aus dem Halbdunkel schälten, drückte Lyeen zwei Mal hintereinander auf den Auslöser ihres Hammers. Silberweiße Lichtbänder schossen aus dem Lauf der Waffe und rasten den Blutsaugern entgegen. Keine Sekunde später trafen sie auf ihr Ziel und das Vampirpärchen sank zu Boden. Die Lähmstrahlen wirkten ähnlich wie ein elektromagnetischer Impuls, nur dass sie die Synapsen im Gehirn überlasteten und diese keinerlei Informationen mehr weiterleiten konnten. Vampire erholten sich etwa eine Stunde nach einem solchen Treffer, Menschen hätten ihn nicht überlebt.
   Sie rannte zurück in den Bogengang, vergewisserte sich, dass die Blutsauger außer Gefecht gesetzt waren, und eilte weiter. Gegenüber der Eingangstür befand sich Shariels Wohnzimmer. Lyeen schlich hinein und lief einem Vampir in die Arme, der hinter einer Drachenpalme hervorkam.
   Während sie den Auslöser betätigte und zur Seite hechtete, riss er die Augen weit auf. »Du bist tot, dafür …« Er verdrehte die Augen, kippte um und krachte auf den Boden.
   Mit dem Hammer im Anschlag sah sich Lyeen um. Das Wohnzimmer schien sauber zu sein, indes ahnte sie, dass der Lärm weitere Wachen alarmiert hatte. Sie eilte hinter Shariels gigantisches Sofa und duckte sich. Lange musste sie nicht warten. Schritte näherten sich aus dem Gang. Vier Wachen stürmten herein und ließen den Blick durch den Raum fliegen. Lyeen betätigte hintereinander den Auslöser des Hammers und wagte einen Blick zu den Vampiren.
   Drei gingen fast zeitgleich zu Boden, der vierte stieß einen Schrei aus und krachte gegen einen niedrigen Tisch. Das reinweiße Makenaholz brach entzwei, eine Vase kippte um und landete mit den Holzsplittern auf den Glasfliesen. Ein lautes Scheppern durchzog das Wohnzimmer und richtete Lyeens Nackenhärchen auf. Sie sprang über das Sofa, positionierte sich im Zentrum des Raums und lauschte. Wenig später hallten weitere Schritte aus einem Gang ihr gegenüber. Sie lief auf das Geräusch zu und schoss, als der Blutsauger aus einer Tür am Ende des Flurs stürmte.
   Während das Lichtband auf ihn zuflog, überzog blanker Zorn sein Gesicht. Mit einer unglaublich schnellen Bewegung wich er nach links aus, dennoch streifte ihn der Betäubungsstrahl. Lyeen stöhnte auf, als die Lähmung ausblieb und Shariels Leibwächter die Lippen zu einem grimmigen Lächeln verzog.
   »O verdammt!« Lyeen stellte die Einstellung des Hammers auf Töten, senkte den Arm und drückte ab. Ein unscheinbar aussehendes Projektil raste auf den Vampir zu. Der Blutsauger fletschte die Zähne, knurrte und hechtete zur linken Seite. Eine tödliche Entscheidung. Der Bolzen explodierte auf seiner Brust, eine Millisekunde später bohrte sich der Laserstrahl in seine Haut und pulverisierte sein Herz.
   Lyeen ging zu der Leiche, zog ihr Lasermesser aus der Armscheide und trennte Shariels Leibwächter den Kopf vom Hals. Mehr aus Sicherheitsgründen, weniger aus Verdruss oder Angst, verpasste sie dem Schädel einen Schubs, sodass er den Flur entlangkullerte und neben einer Bodenvase aus Diamantglas liegen blieb. Die Leibwächter von Erzengeln hatten diese Position nicht aus Zufall. Meist gehörten sie zur ersten oder zweiten Generation von Kindern, die ein Vampirfürst erschaffen hatte. Ihr Gift in den Reißzähnen war reiner als das der späteren Generationen und ihre Heilfähigkeiten enorm. Ein abgetrennter Kopf war noch keine Garantie, dass der Blutsauger auch wirklich nicht wieder aufstand.
   Ein Schauder rieselte ihr über den Rücken. Die Ermordung eines Vampirs war kein Verbrechen, solange die Tat aus Notwehr geschah. Was bei ihr jedoch nicht der Fall war. Sofern sie diese Nacht überlebte, sollte sie aus der Hauptstadt verschwinden und untertauchen.
   Lyeen verstaute ihre Waffen und zwang sich, das Zimmer zu betreten, aus dem der Blutsauger gekommen war. Sie atmete tief ein, um ihre aufkeimende Panik zu vertreiben und blieb einen Schritt später im Türrahmen stehen. Der opulente Luxus von Shariels Ruheraum trocknete ihre Kehle aus. Erlesene, mit Gold und Himmelsperlen besetzte Seide flatterte vor dem Balkon im warmen Nachtwind. Im Zentrum des Raums ergoss sich kristallklares Wasser in einen Teich, an dessen Ufer perlweiße Himmelsblumen wuchsen. Auf den Wänden explodierten die Farben Rot, Schwarz und Gold in einem immerwährenden Farbverlauf. Durch die Decke fiel Mondlicht und überzog die Einrichtung mit einem silbrigen Schein. Ein Oberlicht aus Diamantglas zog sich von einem Ende des Zimmers bis zum anderen und gestattete einen Blick in den sternenübersäten Nachthimmel.
   Lyeen bohrte die Nägel in die Handflächen und betrat den Ruheraum. Am liebsten wäre sie umgedreht, um sich irgendwo in ein dunkles Loch zu verkriechen. Der Gedanke an das himmlische Wesen, dessen üppiger Geruch schwer in der Luft hing, jagte ihre solche Angst ein, dass sie würgen musste. Sie legte eine Hand auf den Bauch und atmete mehrmals ein und aus. Beinahe torkelnd lief sie auf den Schreibtisch links neben ihr zu und krallte die Finger um das Diamantglas. Teilnahmslos spiegelte Shariels hellgrauer Vidschirm ihren Oberkörper wider. Kastanienbraunes langes Haar wellte sich um ein aschfahles Gesicht, das völlig unscheinbar wirkte, wären da nicht die drei hässlich gezackten Narben auf ihrer rechten Wange. Lyeen fuhr mit der Fingerspitze über die weißen Schlängellinien, die ihre Entstellung kennzeichneten.
   Mühsam unterdrückte sie einen Fluch und löste die Finger vom Diamantglas des Schreibtischs. Sie zog ein Tuch aus der Tasche ihrer Lederhose und wischte die Platte sauber. Das Fest der Engel neigte sich dem Ende entgegen. In spätestens zehn Minuten musste sie aus Shariels Haus verschwunden sein.
   Lyeen schob das Tuch in ihre Hosentasche, drehte sich um und lief zum hinteren Raumende. Die flachen Absätze ihrer Stiefel klapperten dezent auf den Marmorfliesen, während sie den Teich umrundete. Sie stieg zwei Stufen hinab und blieb vor dem Bett des Erzengels stehen. Ein kurzer Blick genügte und Lyeen wusste, dass das Teil nicht einmal ansatzweise in ihre Wohnung passte. Die rubinroten, mit Goldfäden durchzogenen Seidenstoffe auf dem Lager zierte nicht eine Falte. Bei der Vorstellung, welche nackten Körper sich hier Nacht für Nacht düster erotischen Spielen hingaben, rannen ihr kalte Schauder den Rücken hinab. Shariel haftete der Ruf an, ein besonderer Liebhaber zu sein, der Qual und Lust zugleich verschenkte.
   Sie riss den Blick vom Bett los. Rechts neben ihr führte ein Bogengang zum Balkon. An der linken Wand entdeckte sie eine Passage, die in tiefer Dunkelheit lag. Während sie darauf zulief, zog sie ihren Leuchtstab aus der Jacke und schaltete ihn ein. In dem kurzen Gang stand eine verspielt wirkende Kommode aus weißem unbezahlbaren Makenaholz. Daneben befanden sich zwei Türen. Als sie die erste geöffnet hatte, schoss ihr Hitze ins Gesicht. Das Badezimmer glich einem Lusttempel. Die Fliesen aus Lavagestein zierten Malereien, die wenig bis gar keinen Freiraum für Fantasie ließen. In der Gosse hatte Lyeen die kindliche Naivität verloren, in die ihre Eltern sie gehüllt hatten, doch die Bilder zeigten Körper bei Sexspielen, die selbst für sie neu waren.
   Sie ging zur nächsten Tür. Dahinter lag ein heller Raum, der abgesehen von den Möbeln vollkommen schmucklos gestaltet war. Die rechte Wand zierte von der Decke bis zum Boden eine Spiegelfront. Links standen Schränke aus Makenaholz in einer langen Reihe nebeneinander. Lyeen riss wahllos ein paar mit Goldplättchen verzierte Türen auf. Schillernde Seide und schlichte Wollkleidung vereinten sich mit Abendanzügen, deren Farben von Mitternachtsblau bis hin zum unschuldigen Hellgrau reichten.
   Lyeen schloss die Schranktüren. Irgendwie wusste sie, dass Shariel nicht dazu neigte, den Gegenstand, den sie suchte, zwischen seinen Klamotten zu verstecken. Wahrscheinlich hatte er sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihn überhaupt zu verbergen.
   Lyeen wischte die Schrankgriffe ab und ging in den Flur zurück. Ihr Blick blieb an der Kommode hängen. Das Makenaholz überraschte sie nicht, indes passte die verschnörkelte Form nicht zu dem restlichen Mobiliar in Shariels Haus. Alle Möbelstücke waren für einen normal verdienenden Menschen unbezahlbar, allerdings besaß jeder Schrank klare Linien und ein beinahe schlichtes Design.
   »Mhm?«, murmelte Lyeen und ging vor dem Schränkchen in die Hocke. Sie öffnete das erste Schubfach und stieß einen Pfiff aus. Das Innere gleißte im Licht ihres Leuchtstabs. In der Schublade lagen die Geschenke eines Erzengels für seine Sexgespielinnen.
   »Da bist du ja, Schätzchen.« Mit dem Fingernagel schubste sie ein paar hochkarätige Diamanten zur Seite und griff nach dem unscheinbar aussehenden Kristall.
   Behutsam nahm sie den Datenspeicher aus Shariels Schatzkiste und betrachtete ihn im Schein ihres Taschenlasers. Der Winzling schaffte es nicht, sich gegenüber den funkelnden Juwelen durchzusetzen, allerdings kam es nicht auf sein Erscheinungsbild an. Die Daten, die er gespeichert hatte, brachten ihr eine Million ein. Ein Betrag, der ihr die Freiheit schenken würde.
   Unvermittelt wehte der laue Wind vom Balkon ein seltsames Flüstern zu ihr. Lyeen fuhr hoch und schaltete den Leuchtstab aus. Eine Gänsehaut rieselte ihr über den Rücken. Vor dem Haus erklangen Flügelschläge, die sich schnell näherten. Sie stieß einen Fluch aus, verstaute ihren Lichtstab und eilte aus dem Gang. Während sie an der hinteren Wand entlang durch Shariels Ruheraum hastete, bildeten goldene Punkte ein Blütenmeer am Nachthimmel. Ein Feuerwerk glänzender Lichter, verschwenderisch und viel zu grell. Der Abschluss des Festes, das mit seiner prunkvollen Arroganz auf Lyeen wie eine schlechte Komödie wirkte.
   Das Flügelrauschen wurde lauter. Wenigstens zwei Engel kamen auf das Haus zu. Lyeen unterdrückte einen Fluch, schob den Datenspeicher in eine Seitentasche ihrer Hose und rannte in den nächsten Flur. Mit einem Satz sprang sie über die Vampirleiche hinweg, stürmte an seinem Schädel vorbei und bog ins Wohnzimmer ab. Im Zickzack lief sie um die am Boden liegenden Wachen herum und erreichte den weitläufigen Eingangsbereich. Kurz vor der Haustür wandte sie sich nach rechts zur Garage. Sie umrundete die Schwebefahrzeuge und blieb schlitternd neben der Hintertür stehen. Dort presste sie sich ans Mauerwerk und spähte durch das Kristallglas hinaus, zeitgleich presste sich die eisenharte Faust der Furcht um ihr Herz. Eine diffuse Dunkelheit überzog den Garten und ließ wenig erkennen. Ein sich bewegender Umriss fiel ihr nicht auf, was nicht hieß, dass da keiner war. Die Zeit, die Umgebung nach Engeln auszukundschaften, hatte Lyeen indes nicht. Sie öffnete die Tür und schlüpfte in die warme Nacht. Der Duft unzähliger Blüten legte sich auf ihre Haut und füllte ihre Lungen. Für einen Moment war sie versucht, dem Aroma zu folgen und sich in dem Meer aus Blumen zu vergraben. In ihrer winzigen Wohnung, die eher ein Versteck denn ein Heim war, fühlten sich Pflanzen nicht wohl.
   Lyeen widerstand der Versuchung und hastete über den gepflegten Rasen. Ein paar Schritte später verschmolz sie mit der Dunkelheit des kleinen Waldgebietes, dennoch atmete sie nicht erleichtert auf. Engel und ihre Lakaien besaßen schärfere Sinne als Menschen. Selbst die tiefe Schwärze der Nacht stellte kein Hindernis für sie dar.
   Obwohl die Bäume dicht beieinanderstanden, drosselte Lyeen ihr Tempo nicht. Sie musste vom Grundstück verschwinden, Shariel hatte sicher längst seinen toten Leibwächter und die sieben bewusstlosen Wachen entdeckt.
   Ein fader Geschmack legte sich auf ihre Zunge. Angst, rein und klar, schnitt mit der Schärfe eines Diamantschneiders in ihr Herz. Seit dreizehn Jahren schlummerte Todessehnsucht in ihr, das behauptete jedenfalls ihr Boss. Lyeen war versucht, ihm zuzustimmen. Sie hatte diesen verdammten Auftrag angenommen, der geradewegs in den Abgrund aus grenzenloser Dunkelheit führte. Es hieß, dass Vael erst dann die Gnade des Todes gewährte, wenn kein Mensch mehr lebte, der sich an den Verurteilten erinnerte, denn die Abschreckung hielt nur so lange an, wie das Gedächtnis der Leute zurückreichte.
   Einen Moment später erreichte sie ihren Schwebewagen. Sie startete die Triebwerke und schaltete den Autopiloten aus. Aus der Konsole fuhr surrend eine Bedieneinheit, der Monitor erhellte sich. Zahlen und Diagramme erschienen auf dem Vidschirm. Windgeschwindigkeiten, Höhenangaben, Außentemperatur und die Energiereserve. Lyeen ignorierte die empfohlene Richtgeschwindigkeit und steuerte den Wagen geradewegs nach oben. Quietschend schabten Äste über den Lack. Sie bekam eine Gänsehaut, dennoch schaltete sie die Scheinwerfer nicht ein. Als die Geräusche verklangen, drehte sie die Nase des Fahrzeugs nach Osten und erhöhte den Schub der Triebwerke auf Höchstgeschwindigkeit. Der Schwebewagen stockte kurz und schoss auf die grellen Lichter von Malejas Hauptstadt Issur zu.
   Nach wenigen Augenblicken fädelte Lyeen den Gleiter in den Verkehr einer höher gelegenen Ebene ein, die über den gigantischen Wolkenkratzern der Stadt entlangführte. Normalerweise hielt sich um diese Zeit das Verkehrschaos in Grenzen, doch die Besucher des Himmelsfestes waren auf dem Heimweg und stopften die unteren Gleiterebenen zu. Lyeen sah wiederholt nach oben, während sie den Autopiloten einschaltete und sich in den Sitz lehnte, jedoch entdeckte sie am Himmel keine Engel, die auf der Jagd nach einer Diebin waren.

*

Vael blieb vor seinem Bett stehen und blickte hinab auf das Laken. Auf der silberschwarzen Seide lag eine Einladung. Er musste die Worte nicht lesen, um zu wissen, von wem das Schreiben stammte. Seit knapp zwanzig Jahren schickte ihm der Prinz anlässlich seines Himmelsballs eine Einladungskarte. Diese lagen aber üblicherweise nicht in seinem Ruheraum.
   Er drehte sich um und sah zu seinem am Boden liegenden Leibwächter. Hisum war, ebenso wie seine anderen Wachen, betäubt worden. Zudem übertünchte ein widerlicher Geruch das wohlriechende Aroma des Makenaholzes, mit dem die Wände seines Schlafraums verkleidet waren.
   »Eine Brieftaube wird die Einladung nicht gebracht haben«, mutmaßte Itai.
   »Nein«, entgegnete Vael mental und ging zu einem Königsbaum, der sich auf der rechten Seite von seinem Bett befand. »Der Prinz wird sie allerdings auch nicht höchstpersönlich vorbeigebracht haben. Aber die Art und Weise, wie sie hergekommen ist, beunruhigt mich.«
   »Vielleicht hat Hisum das Kärtchen auf das Bettlaken gelegt?«
   »Wohl kaum. Dazu hätte er sich eventuell hinreißen lassen, wenn die Einladung von einer Geliebten stammen würde«, erwiderte Vael. Mit dem Geist betätigte er einen Sensor, der sich verborgen hinter der Wandverkleidung aus Makenabaumstämmen befand. Eine Geheimtür öffnete sich zur Seite und gab den Blick auf schwarzen Samt frei. Auf dem weichen Gewebe standen kleine, aus Diamantglas gefertigte Schalen, die jeweils eine Himmelsperle enthielten.
   »Nein, ein derartiges Schreiben hätte er dir auf einem aus poliertem Vulkanmarmor bestehenden Tablett serviert. Denn ein solches Ereignis würde er besonders würdigen, weil du seit Jahren keiner Frau mehr die Tür zu deinem Ruheraum …«
   »Meine Träne ist verschwunden«, sagte Vael leise und ging in die Hocke. Die letzte Diamantglasschale, die er vor zwei Monaten in das verborgene Fach gestellt hatte, fehlte.
   Itai fauchte und sträubte das Fell. »Bist du sicher? Es müssten fünfhundertneunundachtzig Schälchen sein.«
   »Das weiß ich. Sieh selbst. In dem Versteck befinden sich nur Himmelsperlen, aber nicht eine Träne.«
   »Niemand weiß, wo du sie aufbewahrst, außer …«
   »Meine Leibwächter und wir beide«, vervollständigte Vael.
   »Tanes?«, fragte Itai mit noch immer gesträubtem Fell.
   Vael blickte seinem Schoßtier in die silbernen Augen, die nun Misstrauen ausdrückten. Sein Leibwächter Tanes war seit gestern verschwunden. Zufall?
   »Ich vertraue ihm.« Tanes würde niemals plaudern, das wusste Vael. Aber es gab andere Methoden, um an Informationen zu kommen.
   Sein Minividschirm gab ein dezentes Piepsen von sich. Vael nahm das Gerät aus seiner Sakkotasche und stellte mit dem Geist die Verbindung her.
   Augenblicklich erschien Shariels Gesicht auf dem Monitor. »Dein Datenkristall ist verschwunden und Wokim wurde getötet. Der Rest meiner Wachen ist betäubt worden«, sagte der Erzengel und zog die Augenbrauen zusammen, sodass eine steile Falte auf seiner Stirn entstand. »Was ist los? Du siehst aus, als wäre dir das Abendessen nicht bekommen.«
   »Auf welche Weise ist dein Leibwächter getötet worden?«, fragte Vael und sträubte die Federn. Ein unangenehmes Kribbeln kroch ihm über den Rücken. Lyeen würde doch nicht etwa …?
   »Mit einem Bolzengeschoss, das es eigentlich nicht geben dürfte«, erwiderte Shariel mit einer Stimme, die an ein entferntes Donnergrollen erinnerte. »Du solltest der Kleinen endlich Einhalt gebieten.«
   Vael fluchte angesichts der Bestätigung seiner Vermutung unterdrückt. Den Mord an Wokim konnte er unmöglich ignorieren. Bislang hatte sich Lyeen am Rand der Gesetze bewegt, was ihm erlaubt hatte, über ihre Delikte hinwegzusehen. Aber nun? »Verdammt.« Mit dem Geist betätigte er den Sensor für die Geheimtür. Während diese zuklappte, ging er zum Bett, breitete seine Schwingen aus und setzte sich neben der Einladung auf das Laken. »Hast du eindeutig ihren Geruch identifiziert?«
   Der Erzengel hob den Arm und hielt ein kleines silbernes Gerät vor die Linse der Chipkamera. »Der Neutralisator lag in meinem Ruheraum.«
   »Verflucht«, entfuhr es Vael. Er unterdrückte sein Himmelsfeuer, das wie Ameisen in seinen Handflächen kribbelte und blickte zur Einladungskarte des Prinzen. »Meine Träne ist gestohlen worden, allerdings hat der Dieb einen widerlichen Geruch hinterlassen und meine Leibwächter wurden alle zur gleichen Zeit betäubt. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass beide Einbrüche etwas miteinander zu tun haben. Doch ich weiß noch nicht genau, was.«
   »Was hast du vor?«
   »Dort mit der Suche zu beginnen, wo es eine Verbindung zwischen den Diebstählen gibt. Sowohl deine als auch meine Leibwächter sind mit Betäubungsstrahlen außer Gefecht gesetzt worden.«
   »Ich weiß, worauf das hinausläuft«, entgegnete Shariel und verzog den Mund.
   Vael lächelte matt. »Wie sagt ein menschliches Sprichwort? Der Hoffnungsschimmer geht als Letztes unter?«
   »Manchmal sogar mit einem lauten Donnern. Die Kleine hasst dich, vergiss das nicht.«
   »Das wird sich herausstellen«, widersprach Vael und stand auf. Er ging zu Hisum und berührte dessen Geist. Einen Moment später öffnete sein Leibwächter die Augen und sprang auf.
   »Sire, ich weiß nicht, was passiert ist. Ich habe ein Kreischen gehört und dann wurde alles schwarz.«
   »Ein Kreischen? Wie hat sich das angehört?«
   »Es hat mir den Magen umgedreht«, erwiderte der Blutsauger. »Die Laute klangen tierisch, aber ich kann nicht sagen, von welcher Art genau sie stammten.«
   »Tiere benutzen in der Regel keine Schusswaffen aus Metall«, warf Shariel ein.
   »Nein, ganz bestimmt nicht«, sagte Vael und ging zu seinem Schreibtisch. »Frag deine Wachen, ob sie Ähnliches gehört haben.«
   »Mach ich«, entgegnete der Erzengel und unterbrach die Verbindung.
   Vael schob den Minividschirm zurück in die Sakkotasche und wandte sich zu Hisum um. »Ich habe einen Auftrag für dich.«

2. Kapitel

Kaum hatte Lyeen ihren schmalen Flur betreten, lehnte sie sich mit zitternden Beinen an die geschlossene Wohnungstür. Sie atmete ein paar Mal tief ein und aus, bevor sie die Jacke auszog und in ihre kleine Badzelle ging. Dort ließ sie die Lederjacke auf den Boden fallen, zog die Stiefel aus und legte ihre restlichen Klamotten und die Waffen auf die Steinfliesen. Während sie in die Dusche stieg, lief ein Beben durch ihre Beine. Ihr glühender Zorn auf die Engel hatte sie heute ganz nah ans Himmelsfeuer gebracht. Sie konnte Vaels silberblaue Flammen bereits auf der Haut spüren. Keine Daumenbreite trennte sie von dem endlosen Schmerz.
   Lyeen lehnte sich an die Kacheln und betätigte den Sensor für die Dusche. Warmer Nebel glitt über ihren Körper und entspannte ihre Muskeln. Trotzdem fühlte sie sich nicht besser. Seit mehr als einem Jahrzehnt loderte der Groll in ihr. Er betraf nicht unbedingt das Himmelsäffchen, sondern Vael und alle anderen Engel.
   Aus ihren Erinnerungen schälte sich ein sechsjähriges Mädchen, das zum ersten Mal mit zum Tanz der Engel durfte. Ein alljährliches Fest in der kürzesten Nacht des Jahres, das Tausende Besucher anlockte. Vor lauter Aufregung hatte sie den ganzen Tag kein Essen hinunterbekommen und seit dem Morgen den Sonnenstand nicht aus den Augen gelassen. Ihr Vater hatte gesagt, dass sie zum Festplatz gehen würden, wenn die Strahlen der Abendsonne ihren Garten in ein rotgoldenes Feuerwerk tauchen würden. Viele Male war sie in ihr Zimmer gelaufen und hatte ehrfurchtsvoll das Festkleid betrachtet, das ihre Mutter genäht hatte. Es war bodenlang und weit schwingend. Der Rock und das Oberteil bestanden aus reinweißer Seide, die allein ein Vermögen kostete. Die Schleppe hingegen schimmerte im Licht silbern und glitzerte vom Diamantstaub, der das hauchzarte Gewebe bedeckte. Lyeen hatte nicht gewagt, die Schleppe zu berühren, aus Angst, Vaels Engelsstaub vom Stoff zu lösen. Sie wusste, dass ihre Eltern für ein Gramm Staub mehr bezahlt hatten, als sie Zahlen schreiben konnte. Jedoch war es nicht unbedingt sein Wert in Credits, der Lyeen zurückhielt. Es war das erste Mal, dass sie etwas von ihrem Lieblingsengel besaß. Ihre Mutter nannte Vael liebevoll Mondlicht und Lyeen hatte immer wieder diesen Kosenamen geflüstert, während ihre Finger über den Stoff geglitten waren, ohne ihn wirklich zu berühren.
   Der Tag war ihr wie ein Jahr vorgekommen. Vor lauter Ungeduld hatte sie das Gefühl zu platzen, bis sie endlich das Kleid überstreifen durfte und von ihrer Mutter eine Feder ins Haar gesteckt bekam. Vaels Feder. Sie war schneeweiß, bis auf den silbernen Schaft und den wie Diamanten funkelnden Spitzen. Viele Male hatte sie sich wie eine Prinzessin vor dem Spiegel gedreht, musste immer wieder lachen und weinen zur gleichen Zeit. Vor lauter Ungeduld, endlich den mächtigsten aller Erzengel mit eigenen Augen zu sehen, war sie zum Festplatz gehüpft, auf dem sich zahllose Besucher in ihren schönsten Kleidern drängelten. An jeder Ecke roch es nach anderem Naschwerk. Straßenhändler verkauften Engelspuppen, Stofftiere von Himmelsäffchen, Leuchtbänder und billigen, synthetisch hergestellten Engelsstaub. Lyeen ignorierte all das Essen, sie wollte sich auf keinen Fall ihr Festgewand beschmutzen. Ihre Eltern besaßen Karten für einen Platz in der vordersten Reihe, genau hinter der Absperrung. Auf den Zehen wippend wartete sie auf den Sonnenuntergang. Mehrmals war Lyeen drauf und dran gewesen, unter dem Seidenband hindurchzukriechen und auf die weitläufige Wiese zu laufen, auf der unendlich viele Himmelsblumen wuchsen. Wiederholt hatte ihr Vater sie zurückgehalten und sie ermahnt, an die Regeln zu denken. Kein Mensch durfte die Engelswiese betreten.
   Minuten, nachdem die Sonne untergegangen war, erleuchtete ein Feuerwerk die Nacht. Goldglitzernde Sterne regneten auf die Besucher herab. Inmitten dieser Explosion aus Lichtpunkten schwebten die Engel zu Boden. Lyeen hatte vergessen, zu atmen. Die Schönheit der himmlischen Geschöpfe trocknete ihren Mund aus. Die Jubelrufe um sie herum schrumpften in ihren Ohren zu einem Wispern. Genau vor ihr setzte Vael zur Landung an. Er faltete mit einer Anmut, die ihr Herz stolpern ließ, die Schwingen, schloss sie jedoch nicht auf dem Rücken. Im Licht des Feuerwerks wirkten seine reinweißen Federn in Kombination mit dem Diamantglanz wie ein silberner Strahl des Mondes.
   Lyeen hatte zu zittern begonnen. Sie wollte Vael berühren, sich vergewissern, dass er vor ihr stand und keine Illusion war. Nur ein einziges Mal, schwor sie sich und streckte die Hände aus. Ein minimales Stück genügte und ihre Fingerspitzen würden diese traumhaften Federn … Etwas Spitzes grub sich in ihre Wange und riss ihr die Haut auf.
   Lyeen hatte aufgeschrien, doch ihre Stimme versagte. Beinahe spürte sie noch immer den feurigen Schmerz, der sich durch ihre Wange brannte. Immer tiefer und tiefer, bis er ihren Körper bis zu den Zehen erfasste. Tränen rannen ihr aus den Augen und flossen in die Wunden. Wimmernd und weinend war sie auf den Boden gesunken. Noch niemals hatte sie solche Schmerzen empfunden. Sie fraßen sich durch ihren Körper, erbarmungslos und ohne abzuebben. Lyeen bekam keine Luft mehr, Krämpfe schüttelten sie, als die blutroten winzigen Krallen von Itai vor ihr auftauchten. Kein Mensch durfte unaufgefordert einen Engel berühren und Vaels Schoßtier hatte das Verbot für alle Zeiten in ihre Wange gebrannt. Der Erzengel war das Letzte, was Lyeen wahrgenommen hatte. Er sagte etwas und breitete die Schwingen über ihr aus, aber trotz seiner reinweißen Federn raste sie in einen Schlund, der aus tiefster Dunkelheit bestand.
   Sie hatte im Delirium gelegen, bis der erste Schnee fiel. Ihre Eltern gaben ihr Vermögen aus, um sie von den besten Ärzten heilen zu lassen. Sie war nicht von einem gewöhnlichen Toxin vergiftet worden. Gegen das Gift von Himmelsäffchen half keine menschliche Medizin. Doch Lyeen hatte überlebt und durfte ein Jahr später das Medicalcenter verlassen. Sie fuhr in dem Bewusstsein nach Hause, dass sie unglaubliches Glück gehabt hatte. Aber bald darauf hatte sie sich nur noch gewünscht, an jenem schicksalsschweren Tag gestorben zu sein.
   Lyeen blinzelte mehrmals und ließ den Arm sinken. Kalter Zorn auf den Engel und sein Schoßtier tilgte die Angst aus ihr. Das Gefühl war der Hauptgrund, warum Rilad sie aus der Gosse geholt und ausgebildet hatte. Nicht aus Güte, sondern aus Gier, denn sie war aufgrund ihres Grolls der einzige Mensch, der nicht davor zurückschreckte, Himmelswesen zu beklauen. Doch ihr Boss hatte nie verstanden, dass es ihr nicht um Rache ging. Sie hasste sich ebenso wie Vael und sein Schoßtier. Letztlich hatte sie die Hand ausgesteckt und damit den Stein ins Rollen gebracht, der ihre Eltern am Ende zerquetschte.
   Tränen sammelten sich in ihren Augen. Wiederholt fragte sie sich, warum ihre Eltern sie nicht sterben lassen hatten. Die Ärzte hatten ihnen wenig Hoffnung gemacht, dass sie überleben würde. Das hielt die beiden jedoch nicht davon ab, ihr Konto zu leeren. Als sich kein Guthaben mehr darauf befand, verkauften sie ihr Herrenhaus, um ihr die winzigste Chance auf Leben zu erkaufen. Später, als Lyeen aus dem Medcenter entlassen worden war, stellte sich heraus, dass ihre Kindheit mit einem Schlag vorbei war. Monster war noch das herzlichste Schimpfwort, das sie zu hören bekam. Eine Schule hatte sie nie von innen gesehen, obgleich ihre Eltern dem Hochadel angehörten. Allerdings war von ihrem Reichtum nichts übrig. Sie mussten sich Credits borgen, um wenigstens das Notwendigste kaufen zu können. Ihre Schulden wuchsen tagtäglich und dieser Berg brachte beide Stück für Stück dem Tode näher.
   Lyeen schlug mit der flachen Hand auf die Fliesen. Wenn sie damals die Regeln beachtet hätte, würden ihre Eltern noch leben. Es war ihre Schuld, dass Saina und Nalor zwei Jahre nach diesem Vorfall gestorben waren.
   Tränen rannen über ihre Wangen, während sie die Dusche abstellte und den Hygienesensor betätigte. Innerhalb von wenigen Augenblicken überzog eine cremig weiße Lotion ihren Körper und wurde durch das Duschgebläse sanft in die Haut massiert. Das Aroma wild wachsender Rosen stieg in ihre Nase, dennoch verzog sie den Mund. Ihr Lebenswandel hätte ihre Eltern bis ins Mark erschüttert. Saina und Nalors Liebe zu den Engeln kannte keine Grenze. Selbst damals hatten sie die Schuld bei sich gesucht, aber nicht bei den himmlischen Wesen oder ihrer Tochter.
   Lyeen spülte den Schaum ab und schaltete das Warmgebläse an. Binnen Sekunden verschwanden die Wassertropfen von ihrer Haut. Ihre Dampfdusche war neben dem Schwebegleiter der einzige Luxus, den sie sich gönnte. Jeden Credit sparte sie, um das Herrenhaus ihrer Eltern zurückkaufen zu können. Der kleine Datenspeicher sollte ihr die Möglichkeit geben, ihren Traum von einem Leben auf dem Anwesen, das seit Jahrhunderten ihrer Familie gehörte, zu verwirklichen.
   Barfuß ging sie in ihren kombinierten Wohn- und Ruheraum, in dem es außer einem Bett, einen alten, abgewetzten Sessel und ihrem Schreibtisch nichts weiter gab. Ihr Schrank war in der Wand eingelassen. Sie blieb davor stehen und hielt die Hand vor den biometrischen Sensor. Einen Augenblick später glitt die Stahltür zur Seite und offenbarte ihren gesamten Besitz. Neben ihren Klamotten verwahrte sie darin das Einzige auf, das ihr von ihren Eltern geblieben war. Zwei Datenkristalle. Auf dem einen hatte ihre Mutter Hunderte Fotos abgespeichert, auf dem anderen befanden sich Teile der Forschungsergebnisse ihres Vaters.
   Ein Summen erklang hinter ihr. »Möchten Sie die Nachricht von Rilad annehmen?«, fragte das in ihrem Vidschirm integrierte Sprachprogramm.
   »In einer Minute«, erwiderte Lyeen. Sie schlüpfte in ein paar Klamotten, zog leichte Sommerstiefel an und eilte mit einer nachtschwarzen Lederjacke ins Bad. Rasch kämmte sie ihr Haar, wirbelte es einige Mal am Hinterkopf um ein Band und steckte dieses mit einer Klemme fest. Nach einem Blick in den Spiegel ging sie ins Wohnzimmer zurück und streifte sich dabei die Jacke über. Früher einmal hatte sie ihre langen Locken benutzt, um die Narben darunter zu verstecken. Ihre Scham war so weit gegangen, dass sie sich mehrere Strähnen auf die Wange geklebt hatte. Heute könnte sie Körperschmuck verwenden, um die gezackten Linien zu verbergen. Allerdings war der Schmuck für ihren Job zu auffällig.
   Sie trat vor den Vidschirm. »Stell bitte die Verbindung her.«
   »Zum Teufel, wo warst du? Ich habe auf deinen Rückruf gewartet«, brüllte Rilad einen Herzschlag später.
   Lyeen unterdrückte hastig jedwede Regung im Gesicht. Es gab einiges auf Maleja, was ihr Angst einjagte und Rilad gehörte dazu. Niemand, der ihn nicht kannte, würde hinter diesem knallbunten Mann den hartgesottensten Gangsterboss Issurs vermuten.
   Ein fettiger Pony hing wie ein Vorhang vor seinem Gesicht, die Lider schimmerten vom Diamantstaub und seine zu dicken Lippen betonte er zudem mit blutrotem Lipgloss. Sein ausladender Körper steckte in hautenger, glitzernder Seide, zahlreiche Ketten bedeckten seinen Oberkörper. Rilad besaß zu viele Credits, allerdings keinen Geschmack. Trotzdem beging sie nicht den Fehler, ihn zu unterschätzen. Er war in der Gosse der Hauptstadt aufgewachsen und hatte sich hochgearbeitet. Nicht mit legalen Jobs, dennoch verfügte er über ein milliardenschweres Konto und Verbindungen zum Hochadel und zu einflussreichen Vampiren.
   »Ich musste mir ein paar Probleme vom Hals schaffen«, entgegnete Lyeen.
   Das Antlitz ihres Bosses verfinsterte sich. Er strich sich mit seinen dicken Fingern, auf denen mehrere Ringe mit großen Klunkern steckten, das Haar aus dem Gesicht und fixierte ihre Augen. »Die da wären?«
   »Shariel ist vorzeitig nach Hause gekommen. Außerdem habe ich einen Blutsauger zum Gott der Finsternis schicken müssen, weil die Betäubung nicht funktioniert hat.«
   »Verfluchte Scheiße«, brüllte Rilad und beugte sich vor, sodass seine Nase fast den Vidschirm berührte. Kalte Wut glitzerte jäh in seinen Augen. »Das ist nicht gut. Ein solcher Fehler kann uns den Kopf kosten. Ich will meinen aber behalten. Wenn du noch so ein Ding drehst, bist du nicht nur deinen Job …«
   Ein Dröhnen durchzog ihre Wohnung, einen Wimpernschlag später explodierte ihre Tür.
   Lyeen hechtete zu ihrem Bett. Während sie das Kopfkissen hochriss, hämmerten Schritte durch den Flur. Kaum schlossen sich ihre Finger um das Heft des Laserdolches, wurde sie herumgewirbelt und prallte an die muskelbewehrte Brust eines Vampirs.
   »Du wirst sehnsüchtig erwartet, Lyeen Adalis«, raunte der Blutsauger in ihr Ohr und schickte sie mit einer Handkante in die Bewusstlosigkeit.

Als Lyeen erwachte, schmeckte sie Blut auf der Zunge. Zu ihrer Verwunderung waren ihre Hände und Füße nicht gefesselt. Die Luft roch nach dem ersten Grün des Frühlings und nicht, wie sie erwartet hatte, nach Shariels schwerem Aroma.
   Sie öffnete die Lider und wünschte sich augenblicklich, es nicht getan zu haben. Ein Blick in Vaels Gesicht genügte. Die offenkundige Macht, die er ausstrahlte, schickte ein zittriges Beben bis zu ihren Zehen hinab. Ihre Erbitterung verhinderte, dass sie sich vor ihm zu Boden warf, als wäre sie ein willenloses Stück Fleisch. Doch trotz ihres Zorns stellte ihr Hirn den absolut unvernünftigen Vergleich mit Vaels Aufnahmen im Weltennetz an und kam zu dem Schluss, dass nicht eines seinem Äußeren ähnelte. Das Wort traumhaft gab nicht annähernd wieder, was dieser Mann war. Ihre Mutter hatte mit dem Kosenamen recht. Obwohl die Augenfarbe des Erzengels als Himmelsblau beschrieben wurde, wirkte sie eher, als würde sich der Vollmond in einem Schmuckstein aus Lapislazuli widerspiegeln. Seine Haare erschienen ihr wie Mondstrahlen, die die tiefste Nacht erhellten. Silbernes Schwarz, eine einzigartige Kombination.
   Bevor sie wie ein Hund zu sabbern begann, riss Lyeen den Blick von Vaels makelloser Erscheinung los und sah an dem Erzengel vorbei. Ärger bohrte sich durch ihr Inneres wie ein uralter rostiger Eisennagel. Wer gab ihm das Recht, so perfekt zu sein? »Ist das Ihre Art, menschliche Gäste einzuladen?« Lyeen straffte den Rücken. Falls sie gleich sterben sollte, würde sie das aufrecht sitzend tun.
   Der Hauch eines Lächelns umspielte Vaels Mundwinkel.
   Lyeen drückte sich in das Leder des Sessels und bezwang das Verlangen, schreiend davonzulaufen. Das Lächeln besaß die Fähigkeit, jedes Frauenherz in Wachs zu verwandeln, obwohl es eigentlich schonungslose, tödliche Macht vermittelte.
   »In den seltensten Fällen. Meist sind sie nicht mehr in der Lage, ihre Gliedmaßen zu bewegen.«
   Sie schluckte. Obgleich seine Stimme dem Flüstern einer Brise ähnelte, schnitt sie sich wie ein Laserdolch durch ihren Körper. Die Drohung in den Worten des Erzengels verstärkte ihren Wunsch nach Flucht. Dennoch blieb sie sitzen und betrachtete Vael eingehender. Vielleicht fand sie einen winzigen Makel, der ihr Selbstwertgefühl ins rechte Licht rückte?
   Die Farbe seiner Haut erinnerte an flüssige Bronze, in die sich zerstoßene goldbraune Diamantsplitter mischten. Die Frage, ob sich seine Gesichtsfarbe bis zu den Füßen fortsetzte, warf sie geflissentlich aus dem Kopf. Dieser schien damit nicht glücklich zu sein, denn er wollte gleich darauf wissen, ob sich Vaels Haut ebenso seidig anfühlte, wie sie wirkte. Das Verlangen, die Finger auszustrecken, schnürte ihr jäh den Brustkorb zu. Lyeen schob die Hände hinter den Rücken.
   »Sind sie dazu wieder in der Lage, wenn sie Ihr Heim verlassen?«, fragte sie und riss den Blick von Vael los. Warum hatte sie ihn angesehen? Wut auf ihre Schwäche rauschte wie ein feuriger Wüstensturm durch ihren Körper. Der Erzengel war schöner, als ihn ein Traum jemals hätte erschaffen können. Bar jeden Makels, ein bis zur Vollendung geschliffener, lebendiger Diamant.
   Lyeen schnaubte leise und dachte an die zurückliegenden Jahre. An die Spötteleien, daran, dass sie nach dem Tod ihrer Eltern in der Gosse gelandet war und dort fast vergewaltigt und verhungert wäre. Daran, dass sie nirgendwo einen normalen Job fand, weil niemand ein Monster einstellen wollte. Daran, dass sie nur eine einzige Freundin hatte. Eine Vampirin, die in der Gosse lebte, weil sie keinen Engel als ihren Dienstherren anerkennen wollte. Alya ernährte sich von Rattenblut, meistens jedenfalls. Mit den wenigen Credits, die sie durchs Aufmotzen von Maschinen verdiente, kaufte sie Essen für die Kinder, die in der Gosse lebten. Lyeen wusste nicht viel von Alya, weil die Vampirin nicht von ihrer Vergangenheit sprach. Sie ahnte daher nur, dass Alya entweder schon immer mitfühlender als andere Blutsauger gewesen, oder erst durch ihr enthaltsames Leben so geworden war.
   Es war kein Hass, der durch ihre Adern floss, als sie den Blick durch Vaels Büro schweifen ließ, jedoch eine Menge Verdrossenheit. Doch auch das Gefühl war sinnlos, wie sie wusste. In den Herzen von Engeln hatten Emotionen kaum Platz. In jungen Jahren schon, aber je älter sie wurden, desto mehr versteinerte ihr Herz. Sie wurden zu atmenden Maschinen. Wunderschönen, geflügelten Maschinen, die ewig leben konnten.
   Lyeen schluckte ihre Tränen hinunter. Sie wollte nicht so leben. Auch nicht mit dem Unwillen in ihrem Bauch, aber lieber die Glut des Zorns spüren als überhaupt nichts.
   Die Wände von Vaels Büro bedeckte eine Schicht feinkörniger silberweißer Flusssteine, die aus den Tiefen des Siral in mühevoller Handarbeit gewonnen wurden. Beinahe durchsichtige Seide tanzte vor den offenen Balkonfenstern auf und ab. Etliche Regale aus Makenaholz reihten sich daneben aneinander. Sie beherbergten unzählige Datenkristalle und …
   Lyeen blinzelte mehrfach. Bücher! Diese Kostbarkeiten wurden seit acht Jahrzehnten nicht mehr hergestellt.
   »Nein«, sagte Vael und lenkte damit ihren Blick auf sich.
   Hatte er bereits vorher etwas gesagt? Sie wusste es nicht.
   »Sie brennen anschließend«, fügte Vael an.
   Kälte kroch durch ihr Inneres und überzog ihre Organe mit einer Schicht Eis. »Warum schmore ich noch nicht im Himmelsfeuer?« Die Frage schlüpfte über ihre Lippen, bevor sie selbige schließen konnte.
   In den Augen des Erzengels lag ein Lächeln, während er sich von seinem Schreibtisch abstieß und einen Schritt auf sie zutrat. Lyeen beruhigte das Funkeln in dem Himmelsblau kein bisschen.
   Vaels Mimik wirkte wie ein Todesurteil, das ein Richter mit emotionsloser Stimme vorlas. »Verwahrt Ihr Herz neben der Todessehnsucht noch ein anderes Verlangen auf?« Er stellte die Flügel auf und beugte sich zu ihr herab.
   Lyeen unterdrückte mühsam ein Keuchen. Ihr Puls schnellte in eine Höhe, die Schwindel auslöste. Das letzte Mal war sie vor dreizehn Jahren diesem Engel so nahe … nein, so nahe nicht. Ehe sie annähernd diese Distanz erreicht hatte, hatte Itai ihr Gesicht zerkratzt.
   »Wo ist Ihr Himmelsäffchen?«, entfuhr es ihr.
   Zu ihrem Entsetzen streckte der Erzengel die Hand aus und zog mit den Fingerspitzen ihre Narben nach. Für einen Augenblick erstarrte sie zu einer Statue, bevor sie den Kopf abwandte und die Zähne aufeinanderbiss. In Anbetracht von Vaels Schönheit wirkte sie tatsächlich wie das Monster, als das sie von Kindern seit jenem schrecklichen Tag bezeichnet wurde.
   »So viel Zorn und Hass vereint in einem Körper, der ohnehin zerbrechlich wie ein winziger Ast ist«, murmelte der Erzengel und richtete sich auf. »Das erklärt eine Menge. Sehnen Sie sich daher nach dem Tod?«
   Sie grub die Nägel in das Leder des Sessels und blickte Vael in die quälend schönen Augen. »Meine Sehnsüchte gehen Sie nichts an.« Das war eine glatte Lüge. Ihre Wünsche hingen sehr wohl mit Malejas Regenten zusammen.
   Er hob eine seiner perfekt geformten silberschwarzen Augenbrauen. »Nun, vielleicht doch, denn ich fühle mich geneigt, Ihren Herzenswunsch nach Beendigung des Auftrages zu erfüllen.«
   »Welchen Auftrag?«, würgte Lyeen zwischen den Zähnen hervor. Sie hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Menschen wälzten sich im Dreck, um eine Stelle bei einem Engel zu ergattern. Sie hingegen ging seit dem Vorfall mit Itai den himmlischen Wesen aus dem Weg. Die Aussicht, einen Job für Vael zu erledigen, wirkte wie die Nachricht, dass ein Meteorit auf Maleja zuraste und den Planeten in zwei Tagen in einen Steinhaufen verwandeln würde.
   Der Erzengel trat zur Seite und gab damit den Blick auf seinen wuchtigen Schreibtisch frei, der aus nachtschwarzem Vulkanmarmor bestand. Auf der glänzenden Oberfläche saß Itai, Vaels Schoßtier. Seine Fellfarbe spiegelte, ebenso wie die der anderen Himmelsäffchen, die Flügelfarben seines Herren wider. Flauschiges strahlendes Weiß, die Spitzen glänzten vom Diamantstaub. Vor dem zwanzig Zentimeter großen Affen, der dennoch die tödliche Effizienz eines Vampirs übertraf, lagen drei Gegenstände. Eine unsichtbare Faust rammte sich in Lyeens Magen. Säuberlich aneinandergereiht ruhten auf dem polierten Marmor ihr Bolzenhammer, der gestohlene Datenspeicher und ihr Minizerstäuber.
   Itai entblößte seine winzigen Reißzähne, die das gleiche Toxin wie seine Krallen enthielten. Sein Grinsen hüllte Lyeen in ein Leichentuch und in ihrem Kopf erklang das düstere Lachen des Gottes der Finsternis. Kälte kroch in ihren Körper und ließ Eiszapfen in ihrem Magen wachsen. Die Frage, warum sie noch nicht in Vaels Himmelsfeuer brannte, schepperte mit der Lautstärke einer startenden Mondfähre durch ihr Hirn. Soweit sie wusste, benötigte Vael für eine Verurteilung keine Minute.
   »Mir ist etwas gestohlen worden, das ich wiederhaben möchte«, sagte der Erzengel und trat an den Schreibtisch. Seine Fingerspitzen glitten mit beinahe tödlicher Eleganz über den Bolzenhammer.
   »Er gehört mir«, entfuhr es Lyeen. Mit den Worten verlängerte sie ihr Brennen im Himmelsfeuer um mindestens zwanzig Jahre, trotzdem dachte sie nicht daran, den Besitz des Hammers zu leugnen. Ihr Vater hatte ihn entworfen und Alya hatte die Waffe nach seinen Plänen angefertigt. Lyeen würde die Arbeit der beiden nicht schmälern, indem sie alles abstritt.
   »Schon klar«, entgegnete Vael. Die Worte genügten, um ihre Nackenhaare aufzurichten, obwohl er kein Urteil fällte. Doch dieses schwang in dem unheilvollen Unterton seiner Stimme mit. Eine unausgesprochene Jahresangabe, die aus drei Zahlen bestand. »Ich dachte, ich hätte die Pläne der Waffe vernichtet.«
   »Mein Vater war ein gründlicher Mann.« Lyeen zwang sich zu einer gelassenen Mimik. Worauf lief das hier hinaus? Vael hing, im Gegensatz zu seiner rechten Hand, nicht der Ruf eines Spielers an. Er fällte seine Entscheidungen mit der Akkuratesse eines Filetiermessers.
   »Ohne Zweifel«, murmelte der Erzengel. Er drehte sich um und ging zu einem geöffneten Balkonfenster, weshalb sie die Herrlichkeit seiner Flügel zu Gesicht bekam. Das reine Weiß blendete fast ihre Augen, von den diamantenen Spitzen rieselte feiner Staub auf den Boden aus türkisfarbenem Sandmarmor. Lyeen zwickte sich in den Oberschenkel und blieb trotz ihres Verlangens nach seinen Schwingen sitzen. Die Schmerzen von Itais Gift hallten zu deutlich in ihrem Geist wider. Niemals wieder würde sie in dem Versuch, einen Engel zu berühren, die Hände ausstrecken. Selbst wenn sie die Sehnsucht innerlich zerriss.
   »Was ist Ihnen gestohlen worden?«, fragte sie.
   Vael stellte die Flügel auf und spreizte sie ein Stück. Die Morgensonne verfing sich in dem Diamantstaub und gleißte über die Einrichtung des Büros.
   »Eine Träne.«
   Für einen Augenblick kämpfte Lyeen mit ihrem Unterkiefer, der sich verselbstständigen wollte. Vaels Ankündigung verschlug ihr die Sprache. Engeltränen hatten unter den Menschen einen schon beinahe geheimnisumwobenen Status. Es hieß, dass die Himmelswesen vielleicht einmal in einem Jahrhundert weinten und wenn, dann auch nur eine Träne. Trauer fand in ihren Herzen kaum Platz, weshalb sie jeden Tropfen in Erinnerung an ihren Schmerz aufbewahrten. Innerhalb eines Jahres verfestigten sich die Engelstränen, zurück blieb eine Kostbarkeit, die der Volksmund Himmelsperlen nannte. Ein perfekt geformtes Juwel, das für normale Menschen unbezahlbar war. Aus dem Grund musste Vael in den letzten dreihundertneunzig Tagen geweint haben, andernfalls hätte er nicht Träne gesagt.
   Bei dem Gedanken stolperte ihr Herz merkwürdigerweise und ein eigenartiges Ziehen wanderte durch ihren Magen. Welcher Schmerz hatte den Erzengel zum Weinen gebracht?
   Kaum tauchte die Frage in ihrem Kopf auf, verschlang ihr Groll den Anflug von Mitleid, der uneingeladen ihr Inneres berühren wollte. Wie viele Tränen hatte sie vergossen, wegen ihm und seinem kalten Herz? Sie wusste es nicht mehr. »Und ich soll sie zurückstehlen? Dazu müsste ich wissen, wer sie gestohlen hat«, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Nun, da ihr Zorn wieder rein und klar durch ihre Adern strömte, fühlte sie sich besser. Das Gefühl begleitete sie seit elf Jahren und stärkte ihr Rückgrat, ansonsten hätte sie die Gosse nach dem Tod ihrer Eltern nicht überlebt.
   Vael faltete die Schwingen und wandte sich zu ihr um. Lautlos ging er zum Schreibtisch und setzte sich auf die Tischkante. Dabei legte er seinen rechten Flügel auf den polierten Vulkanmarmor und griff nach dem Datenspeicher. »Sie wissen, dass er mir gehört?«
   Die an eine Polarnacht erinnernde Stimme des Erzengels jagte ihr eine Gänsehaut den Rücken hinab. Die Information hatte ihr Rilad vorenthalten. Wenn sie das Detail gewusst hätte, wäre sie niemals auf den Auftrag eingegangen. Sicher, ihr Verdruss bezog sich auf Vael, doch sie hätte dennoch nie die Unverfrorenheit besessen und den Regenten von Maleja bestohlen. Selbst ihr Zorn reichte für eine derartige Anmaßung nicht aus.
   Lyeen überlief es kalt. Sie schüttelte den Kopf, weil sie es nicht schaffte, ihre Lippen zu bewegen.
   »Ihr Boss ist verdorbener, als ich glaubte«, sagte Vael mit einer Stimme, die das Ende von Rilads Unternehmen verheißungsvoll verkündete. »Kennen Sie seinen Auftraggeber?«
   Lyeen presste die Zähne aufeinander und sah den Erzengel ohne eine Regung an. Sein Blick verflocht sich mit ihrem, wobei sich ein Lächeln in seine Mundwinkel schlich, das wie ein Sonnenaufgang wirkte, der den absolut letzten Tag ankündigte.
   »Ihr Herzenswunsch ist sehr ausgeprägt«, stellte er fest. »Trotzdem frage ich mich, ob noch Platz für andere Empfindungen in Ihrem Herzen ist.«
   »Das geht Sie nichts an«, entfuhr es ihr.
   Er lachte leise. Der warme Bass seiner Stimme drang mit Leichtigkeit in ihre Poren ein und erfüllte ihren Körper mit dem Verlangen, sein Lachen auf einen Datenspeicher zu übertragen, um es fortan nicht missen zu müssen.
   »Ich denke schon«, sagte er, stand auf und kam auf sie zu. »Schließlich ist es üblich, für eine Dienstleistung zu bezahlen. Und ich habe mich dazu entschlossen, Ihnen einen Herzenswunsch zu erfüllen.«
   Lyeen blieb stocksteif sitzen, während er sich erneut zu ihr beugte. Die Frage, wie lange sie bereits in Vaels Büro saß, tauchte unvermittelt in ihrem Kopf auf. Zwanzig oder dreißig Minuten? Wenn ihr das vor dreizehn Jahren passiert wäre, hätte sie bis zum Ende ihres Lebens gelächelt. Der Erzengel hatte ihrer Mutter ein Zehntel dieser Zeit geschenkt und das reichte aus, um Sainas Herz für immer zu gewinnen.
   »Warum ich?« Sie mochte in ihrem Job einzigartig sein, was sie jedoch größtenteils ihren Gefühlen verdankte und ihrem Mischlingsstatus. Sie verfügte nicht im vollen Umfang über die Kräfte und Fähigkeiten eines Vampirs, aber sie war stärker und schneller als die meisten Menschen. Dennoch war sie kein vollwertiger Blutsauger. Ihre Heilfähigkeiten begrenzten sich auf eine simple Hautwunde. Alles darüber hinaus war für sie ebenso gefährlich wie für andere. »Ihre Wachen arbeiten effizienter als ich.«
   Vaels Gesicht verdüsterte sich. »Und wenigstens einer hat mich verraten. Ich verwahre die Tränen nicht in meinem Wohnzimmer auf.«
   Nein, garantiert nicht. Engel hüteten ihre Kostbarkeiten, vor allem die, die aus besonderem Schmerz bestanden. Nur ihre Leibwächter wussten, wo sie die Perlen verbargen.
   Lyeen überlief es eiskalt. Der Blutsauger, der den Erzengel verraten hatte, würde etliche Menschenalter im Himmelsfeuer brennen. Tausend Jahre, vielleicht auch länger. Es hieß, dass Vael die Vampirfürsten, die den Krieg angezettelt hatten, noch immer im himmlischen Feuer schmoren ließ.
   »Wissen Sie, wer sie gestohlen hat?«
   Düstere Schwärze glitt über das Gesicht des Regenten. »Ich habe eine Vermutung. Sagt Ihnen der Name Kaleph Joos etwas?«
   »Natürlich. Der Prinz steht an zweiter Stelle der Thronfolge. Aber warum sollte er sich die Mühe machen und Ihre Träne stehlen? Er ist einer der reichsten Menschen von Maleja. Wenn es ihm nach einer Ihrer Himmelsperlen verlangt, kauft er sie sich.«
   Vael beugte sich ein Stück tiefer zu ihr. Lyeen gab den Versuch auf, sich noch weiter in das Leder des Sessels zu quetschen. Sie konnte ihm nicht ausweichen, was er natürlich wusste. Er provozierte sie, denn er hatte ihr nicht die Erlaubnis gegeben, ihn zu berühren. Er wiederum benötigte ihr Einverständnis nicht, um sie zu berühren. Die Welt war schon irgendwie verrückt.
   »Das könnte er, allerdings sind Engeltränen unverkäuflich.«
   »Warum?«, schnappte Lyeen. Das Verlangen, die Finger auszustrecken, vernebelte ihr den Kopf. Sein Geruch tat ein Übriges. Erwachender Frühling. Süß, verheißungsvoll und erfüllt von Leben.
   »Das ist unerheblich.«
   Seine arrogante Antwort entlockte ihr ein Schnauben. »Speisen Sie mich nicht ab, als wäre ich Ihr Dienstbote. Wenn ich den Auftrag erledigen soll, muss ich wissen, was er mit der Träne will.«
   Der Erzengel fasste mit zwei Fingern nach ihrem Kinn und bohrte seinen Blick in ihre Augen. »Auch wenn ich von Ihrem Mut fasziniert bin, so sollten Sie nicht vergessen, dass Ihr Leben für mich keinerlei Bedeutung hat. Menschen kommen und gehen wie die Blätter der Bäume.«
   Mut? Sie verging vor Angst. Allein ihre Wut verhinderte, dass sie sich zu Boden warf und sich so fest es ging an die Fliesen presste. Vaels unmenschliche Macht entströmte jeder Pore seines Körpers und hüllte ihn in eine Aura, deren Anziehung einem Schieferglasschwert des Meisterschmiedes Samar ähnelte. Die Anmut und Schönheit der Waffen glich ihrer tödlichen Gründlichkeit. Eine Klinge aus der Hand des Künstlers schnitt selbst einen faustgroßen Diamanten in zwei saubere Hälften.
   Lyeen schluckte mehrmals. Die Reaktion des Erzengels auf ihre Weigerung, die Demut zu zeigen, die er gewohnt war, erstaunte sie. Eigentlich hatte sie mit seiner Entrüstung gerechnet, aber nicht mit seiner Faszination. Wie lange diese anhalten würde, blieb abzuwarten. Seit Jahrhunderten beugten die Menschen vor dem Regenten das Haupt und wagten kaum ein Wort der Widerrede. Lyeens Ablehnung, in diese Fußstapfen zu treten, riss den Erzengel höchstwahrscheinlich für einige Augenblicke aus einem Alltag, der keine Vergänglichkeit besaß. Sie war ein kurzweiliger Zeitvertreib, bis der Spaß seinen Reiz verlor. Ihr Leben war für ihn so bedeutungslos wie eine Blume, die am Ende des Sommers verwelkte. Er hatte Millionen erblühen und verwelken gesehen.
   Der Gedanke schickte Magensäure, vermischt mit Angst und Groll, zu ihrer Kehle hinauf. Die Ewigkeit hatte die Engel vergessen lassen, dass ihre Maßstäbe auf Menschen nicht anwendbar waren. »Sind wir deshalb Spielzeug in Ihren Augen?« Obwohl die Frage ihr Lebensband auf mindestens zwei Drittel eines normalen Menschen verkürzte, ließen sich die Worte nicht mehr verhindern.
   »Ich denke eher an Haustiere«, sagte der Erzengel und strich mit dem Zeigefinger eine Locke aus ihrem Gesicht.
   Lyeen unterdrückte ein Zittern. Seine Haut fühlte sich wie die zarte Seide ihrer Schleppe an, dennoch spürte sie Vaels unmenschliche Kraft. »Spielzeug tut in der Regel, was ich will.«
   »Und Sie müssen es nicht dressieren«, fügte Lyeen an.
   Leise lachend schob er die Strähne hinter ihr Ohr. Als er ihr Ohrläppchen berührte, presste sie die Oberschenkel fest zusammen. Seine Körperwärme flutete in ihren Unterleib, ohne irgendwo einen Zwischenstopp einzulegen. Und sie wurde feucht. Scham färbte ihre Wangen mit glühender Hitze. Wieso richtete sich ihr Körper gegen sie? »Lassen Sie das«, zischte Lyeen und neigte den Kopf zur anderen Seite. »Ich bin weder ein Haustier noch ein Spielzeug.«
   Vael senkte die Hände und stützte sie auf die Armlehnen ihres Sessels. »Warum nicht? Menschen küssen die Abdrücke, die ich im Sand hinterlasse.«
   Sie erschauerte angesichts dieser Wahrheit. Wie oft hatte sie sich gefragt, ob einer dieser Speichellecker noch Würde im Leib besaß. Natürlich ließen sich die Tatsachen nicht verleugnen. Engel waren die Vollendung der Naturgöttin, Vampire die Vorstufe. Die Menschheit hingegen lag irgendwo zwischen der Erschaffung von Bakterien und der von Ratten. Ihr Leben währte einen kurzen Augenblick im Dasein der himmlischen Wesen. »Ich lasse mich ungern an die Leine legen.«
   Ein Lächeln stahl sich in Vaels Mundwinkel und wanderte über sein Gesicht. Diesmal erbebte sie nicht, weil es tödlich wie ein Lasermesser war. In den Augen des Erzengels standen Geheimnisse geschrieben, die selbst erfahrenen Liebesgöttinnen unbekannt waren.
   Er griff nach ihrem rechten Handgelenk und strich mit der Fingerkuppe ihren Unterarm entlang. »Meine Fesseln bestehen aus Himmelsseide, sie hinterlassen keine Male.«
   Lyeen hätte sich für die Vorlage, die sie ihm geboten hatte, ohrfeigen können. Zeitgleich hatte sie das Gefühl zu verbrennen. Nicht im Himmelsfeuer, dafür jedoch in der Körperwärme des Erzengels, die sich um ihren Leib rankte. Schlimmer war indes, dass sie sich in diese Hitze kuscheln wollte, als wäre Vael ein steinzeitlicher Kachelofen und die Welt draußen in glitzernden Schnee gehüllt.
   Für einen Moment verspürte sie den Wunsch, sich an ihn zu schmiegen und zu vergessen, wer er war, allerdings hallte Itais Lektion nach all den Jahren noch immer wie ein Donnergrollen in ihr nach. Die Erinnerungen verhinderten, dass ihre Sehnsucht länger als einen Augenblick in ihrem Kopf haften blieb. Vael hatte ihr nicht die Erlaubnis gegeben, ihn zu berühren und sie würde sich lieber die Zunge blutig beißen, bevor sie eine derartige Bitte an ihn richtete.
   »Ich dachte, Sie halten sich keine menschlichen Lustsklavinnen«, zischte sie und entriss ihm ihre Hand. Laut Informationen im Weltennetz vergnügte sich Vael ausschließlich mit weiblichen Engeln oder Vampirinnen. Womit er das einzige himmlische Wesen war, das sich nicht zusätzlich eine Menschenfrau ins Bett holte.
   Das Lächeln um seine Mundwinkel wirkte jäh wie eingemeißelt. »Ob Mensch oder Vampir spielt keine Rolle. Sie sind alle gleich. Willig bis in die kleinste Zelle.«
   Seine Arroganz und die Wahrheit seiner Aussage raubten ihr den Atem. Sollte sich Vael nach einer menschlichen Frau sehnen, würde die Schlange vor seiner Tür über Wochen nicht abreißen. Nicht eine würde sich die Chance entgehen lassen wollen, dem mächtigsten Erzengel von Maleja auf unterschiedlichste Weise zu dienen.
   Lyeen seufzte innerlich. Wahrscheinlich war das einer der Gründe, weshalb er nur Vampirinnen und weiblichen Engeln die Tür zu seinem Ruheraum öffnete. »Nicht alle!« Niemals würde sie sich freiwillig in das Bett eines Engels legen. Da fror eher der Himmel zu, bevor das geschah.
   »Bleibt abzuwarten«, erwiderte er und warf ihr einen Blick zu, der Titan zum Schmelzen gebracht hätte. »Ich habe Zeit.«
   Lyeen überlief es erst kalt und dann heiß. Einen Wimpernschlag später kribbelte ein überdrehtes Kichern in ihrer Kehle. Aus den Millionen Frauen Malejas suchte er sich ausgerechnet die eine aus, die er niemals haben würde. Selbst seine Geduld änderte an der Tatsache nichts, auch wenn der Gedanke an seine Ausdauer eine Gänsehaut über ihren Rücken schickte. Lyeen ahnte, dass seine Hartnäckigkeit, falls nötig, Jahre anhalten würde. Vaels Lebenserwartung, die unter normalen Umständen endlos war, radierte Ungeduld von vornherein aus. Ihre Lebensjahre hingegen rauschten durch seine Existenz. Sie währten eine Sekunde in der Unendlichkeit. »Warum hat Joos Ihre Träne gestohlen?« Lyeen verspürte keine Lust, das Thema weiter zu verfolgen. Sie würde für Vael nur eine amüsante Ablenkung sein, die in seinem Gedächtnis so lange vorhielt wie ein Atemzug in ihrem. »Ich bestehle Engel, keine Menschen, denn Himmelswesen ticken anders.«
   »Inwiefern?«
   »Menschen behüten ihr Eigentum, oder das, was sie dafür halten. Aus Angst vor einem Einbruch lassen wir uns Hochsicherheitstüren mit Alarmanlagen in unsere Wohnungen einbauen und verwahren unsere Credits bei einer Bank auf. Himmlische Wesen hingegen verschließen ihren Besitz nicht, obwohl sich ihr Reichtum von Jahr zu Jahr vermehrt. Die Häuser von Engeln verfügen bis auf die Vampirwachen über keinerlei Sicherheitssysteme. Juwelen liegen offen in der Anbauwand, Gemälde von Meistern hängen ohne entsprechenden Schutz an den Wänden. Wenn ich in eins von Joos’ Herrenhäusern einbrechen soll, benötige ich Hilfe und ich muss zudem vorher wissen, was er mit Ihrer Träne vorhat. Ich habe keine Zeit, ewig nach diesem Kleinod zu suchen. Heutzutage lassen sich Alarmanlagen nur für eine kurze Zeitspanne austricksen. Und ich schätze, der Prinz verfügt über die neuesten Modelle, die sein komplettes Haus mit biometrischen Sensoren abtasten. Gegen diese Detektoren hilft mein Geruchsneutralisator nicht, weshalb ich mich nicht lange in den Räumen aufhalten kann.«
   Vael richtete sich auf, ging zum Schreibtisch und nahm ihren Bolzenhammer in die Hand. »Wissen Sie, dass Joos vor Ihrer Geburt mit Ihrem Vater zusammengearbeitet hat?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich weiß allerdings, dass er das Herrenhaus meiner Eltern für den Bruchteil seines Wertes gekauft hat, als sie dringend …« Lyeen brach ab und schluckte den Rest des Satzes hinunter. Die Wörter brannten in ihrer Kehle wie ein glühender Tropfen Magma. Der Prinz hatte die Lage ihrer Eltern ausgenutzt und damit den letzten Stein ins Rollen gebracht, der Saina und Nalor von der Klippe geschubst hatte. Sie atmete tief ein. »Warum haben sich Joos und mein Vater getrennt?«
   Der Erzengel legte den Bolzenhammer zurück auf den Tisch und streckte Itai die Hand entgegen. Das Himmelsäffchen kletterte auf die Schulter des Regenten und setzte sich. »Ihr Vater hat sich geweigert, Joos Forschungen weiter zu unterstützen und die Vorlagen für seine Arbeiten zu liefern.«
   Vaels Antwort löste ein merkwürdiges Ziehen in ihrem Magen aus. Ihr Vater hatte die DNA der Vampirfürsten bis zur letzten Sequenz entschlüsselt, wodurch ihm die Entwicklung des Betäubungslasers und der Projektile gelungen war. Woran hatte der Prinz geforscht, dass ihr Vater die weitere Zusammenarbeit ablehnte?
   Lyeen schüttelte den Kopf und streifte die seltsame, beinahe unwirkliche Empfindung ab, die sich düster durch ihr Inneres zu bewegen schien. Joos Einbruch in das Haus des Erzengels hatte garantiert nichts mit den Vampirfürsten zu tun. Dennoch blieb ein Rest des Unbehagens haften. Sie wusste, das Engel ihre Tränen hüteten und ihr Verlust die himmlischen Wesen daher vermutlich tiefer traf, als sie ahnte. Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass Vael sie nicht aus diesem Grund engagieren wollte. Hinter der Sache stand weit mehr, denn Malejas Regent bot ihr an, sie mit der Erfüllung eines Herzenswunsches zu bezahlen. Ein solches Versprechen kam einer Goldtruhe gleich, die sich niemals leerte. Der Erzengel würde ihr nicht den Wunsch auf ein ewiges Leben gewähren können, aber seine Macht war beinahe unbegrenzt. Wenn sie sich Reichtum bis an ihr Lebensende wünschte, bekam sie den. Für Engel war ein derart gegebenes Wort ein Eid, an den sie gebunden waren.
   Die versprochene Bezahlung des Engels richtete alle Härchen auf ihrer Haut auf. Sie stand in keinem Verhältnis zu dem Job. Die Tatsache vertiefte ihr Unwohlsein. Selbst wenn sie die mögliche Entdeckung durch den Prinzen mit einbezog, war Vaels Auftrag nicht lebensgefährlich. Der Prinz war schließlich kein Vampir. Er gehörte dem Hochadel an und hatte eine dementsprechende Erziehung genossen. Einbrecher behandelte er ganz sicher nicht mit ausgesuchter Höflichkeit, ließ sie jedoch auch nicht augenblicklich hinrichten.
   Ein pelziger Geschmack legte sich auf ihre Zunge. Wenn sie den Job annahm, brauchte sie mehr Informationen und jemanden an der Seite, auf den sie sich verlassen konnte. Vael ließ zu viele Karten unter dem Tisch verschwinden und Lyeen ahnte, dass ihr Wissenshunger einen Preis hatte, den sie nicht bezahlen wollte.

3. Kapitel

»Wie ist es Joos gelungen, Ihre Wachen auszuschalten?«, fragte Lyeen.
   Jäh verschwand das Lapislazuliblau in
   den Augen des Erzengels hinter tiefem Schwarz, das von einem silbrig roten Strahlenkranz umhüllt wurde. Lyeen hatte das Gefühl, eine Mondfinsternis am Himmel zu betrachten, allerdings lief ein solches Ereignis in der Natur völlig emotionslos ab. Bei Vael hingegen war Unmut im Spiel, der ihren Magen nervös im Bauch auf und ab hüpfen ließ.
   »Meine Wachen wurden alle zur gleichen Zeit betäubt. Keiner hat etwas gesehen. Der Dieb hat, bis auf seinen üblen Gestank, keine Spur hinterlassen.« Die Stimme des Erzengels ähnelte der Ruhe vor einem heftigen Unwetter. Eine knisternde Stille, die naiven Personen trügerische Sicherheit versprach, umhüllte jedes Wort.
   Allerdings verstand sie nicht vollständig Vaels Erregung. Sicher, der Einbruch ließ eine perfide Kaltschnäuzigkeit erkennen, die sie dem affektierten Prinzen nicht zugetraut hätte. Er war das genaue Gegenteil von ihrem Boss. Die Anzüge, die der Prinz trug, wurden nicht von Nährobotern hergestellt, sondern wie vor dreihundert Jahren von Hand genäht. Jede Farbnuance war aufeinander abgestimmt, selbst der Körperschmuck passte in seiner Schattierung zu Joos’ Kleidung. Er würde niemals Jade zu einem königsblauen Seidenhemd tragen. Ein solcher Fauxpas verbot sich für einen Mann wie ihn.
   Lyeen ahnte, dass sich Vaels Verärgerung nicht allein auf den Prinzen bezog. Das Gefühl schloss auch seine Vampire ein, unter denen er wahrscheinlich einen Verräter vermutete. Der Verdacht lag auf der Hand, indes teilte sie die Vermutung des Erzengels nicht. Die Blutsauger standen seit Jahrhunderten im Dienst des Regenten. Warum sollte sich jetzt einer gegen seinen Herren wenden? »Fehlt einer von Ihren Wachen?«
   »Mein Leibwächter Tanis ist seit zwei Tagen verschwunden.« Der Strahlenkranz in Vaels Augen färbte sich beinahe glutrot.
   Lyeen schaffte es nicht, ein Keuchen zu unterdrücken, aber es gelang ihr, sitzen zu bleiben, obgleich ihr der Zorn des Erzengels schweißnasse Handflächen bescherte und ein Zittern zu ihren Zehen schickte. Seine Gereiztheit bezog sich nicht auf sie, sondern auf Tanis. Sollte sich der Vampir als Verräter entpuppen, wollte Lyeen nicht in dessen Haut stecken. »Ich benötige ein Kleidungsstück von ihm«, sagte sie und stand auf. Ihre Knie zitterten, während sie den Sessel umrundete und die Arme auf die Lehne stützte. Das Möbelstück gab ihr nicht annähernd die Sicherheit, nach der sie sich sehnte. Trotzdem zog sie es vor, etwas zwischen sich und den Erzengel zu bringen. Die nachfolgende Diskussion wollte sie nicht im Sitzen führen.
   »Wozu?« Vaels Stimme schnitt mit der Gründlichkeit eines Lasers durch den Raum.
   »Alya wird ihn aufspüren.«
   Itai zischte. »Die Verräterin? Vergiss es, Menschenfrau. Du wirst niemandem von dem Vorfall erzählen.«
   Lyeens Nackenhaare sträubten sich, dennoch ließ sie die abfällige Bemerkung des Himmelsäffchens unkommentiert. Sie fixierte Vaels Augen, obgleich die Glut in seinen Iriden sie beinahe verbrannte. »Joos wird Tanes entführt und aus ihm die gewünschten Informationen herausgepresst haben. Wie, ist mir nicht klar, aber das ist im Moment zweitrangig. Wichtiger ist, dass der Vampir von dem Prinzen noch festgehalten wird. Wie ich Joos kenne, wird er mit der Entführung des Blutsaugers angeben wollen, zumindest vor einer ausgewählten Gruppe von Bewunderern. Sein Geltungsbedürfnis ist ebenso enorm wie die Höhe seines Kontos. Ich vermute, dass er zu diesem Ereignis auch die gestohlene Träne vorzeigen wird. Daher ist der Körpergeruch von Tanis die beste Spur, um beides zu finden.«
   Der Erzengel zog seine perfekten Augenbrauen zusammen.
   Lyeen krallte die Nägel ins Leder, senkte jedoch den Blick nicht. Er war auf die verrückte Idee gekommen, einen Menschen um Hilfe zu bitten, wenngleich ihre Entführung schwerlich einer freundlichen Einladung entsprach. Vael mochte das anders sehen. Dass seine Wahl auf sie fiel, ergab allerhöchstens für ihn einen Sinn. Sein Misstrauen gegenüber seinen Vampiren verstand sie, allerdings nicht, warum er die Angelegenheit nicht seinen Engeln übergab. Hinter dem Diebstahl steckte vermutlich weitaus mehr, als er zugab. Daher würde sie nicht nach seinen Spielregeln tanzen, die am Ende nur einen Gewinner zuließen. Sie musste für sich einen Joker schaffen, andernfalls wartete der Gott der Finsternis am Spielende auf sie. Ob der Wunsch, den er ihr erfüllen wollte, ausreichte, die Karten umzudrehen, bezweifelte sie.

*

Vael trat auf den Balkon und blickte zu Lyeen, die in ihren Schwebewagen stieg. Seine Wachen hatten das Fahrzeug hergebracht, nachdem sie auf seinen Befehl hin das Mädchen aus ihrer Wohnung entführt hatten.
   Ihr Gang wirkte so geschmeidig wie der einer Großkatze auf der Jagd und ließ nichts von dem Gefühlschaos in ihrem Inneren erkennen. Zorn, Neugier und Begehren hatten sich im Minutentakt abgelöst. Dazwischen schummelte sich eine gehörige Portion Mitgefühl, die letztlich erneut ihre Entrüstung entfachte. Aber er hatte nicht das wahrgenommen, was Shariel befürchtet hatte.
   Lächelnd öffnete Vael die Flügel und schwang sich in die Luft. Er hatte den Hass ebenfalls erwartet und stattdessen Mut und Wärme gefunden. Es war lange her, dass ihm eine solche Gefühlskombination bei einem Menschen begegnet war. Sehr lange.
   Lyeens Geschmack lag noch auf seiner Zunge, während er sich von einer Böe zum Siral treiben ließ. Ihr Zorn schmeckte wie Stahl, kalt und scharf. Ihrem Mut haftete jedoch das Aroma eines erfrischenden Sommergewitters an. Reinigend, vermischt mit der herbfrischen Würze eines immergrünen Waldes.
   »Pass auf sie auf«, befahl er seinem Himmelsäffchen.
   »Warum? Sie ist eine freche Göre, die ihren Platz nicht kennt.«
   »Sie erinnert mich an jemanden«, gab Vael zurück.
   »Yari hat dich nie auf diese Weise behandelt. Sie hat immer gewusst, welche Stellung sie innehat.«
   »Dein Gedächtnis ist lückenhaft«, entgegnete er und blickte nach oben. Leaniel stürzte aus einer Wolke und kam wie ein Pfeil auf ihn zugeschossen. Die Flügel des Erzengels waren kaum zu erkennen. Nur ein Flimmern, dort, wo die Sonnenstrahlen über seine Schwingen glitten. »Du lässt sie nicht aus den Augen.«
   »Wie du wünschst.«
   Itais Gedanke begleitete eine gewisse Gereiztheit, die Vael ein Knurren entlockte. »Und behalte deine Krallen und Zähne da, wo sie hingehören. Andernfalls verbanne ich dich in einen Käfig.«
   Ein Seufzen hallte in Vaels Geist nach. »Schon gut, ich habe verstanden. Aber ein bisschen kann ich doch …«
   »Übertreib es nicht«, entgegnete er.
   »Du wirst weich.«
   Vael verdrehte die Augen und wandte sich Leaniel zu.
   »Am Flussufer sind drei der vermissten Personen gefunden worden. Sie sind alle tot.«
   »Was ist die Todesursache?«, fragte Vael und spürte, dass sich seine Daunenfedern aufstellten. In den letzten Wochen waren achtunddreißig Menschen verschwunden. Männer und Frauen, ebenso Jugendliche und Kinder. Bis jetzt blieb die Suche nach ihnen erfolglos, was ihn jedoch nicht beunruhigt hatte. Menschen verschwanden oft plötzlich für einige Zeit wegen Familienzwistigkeiten und tauchten wieder auf, wenn sich die Lage beruhigt hatte. Selten steckte ein Verbrechen hinter dem Verschwinden einer Person, jedenfalls seit dem Krieg.
   »Kann ich nicht sagen«, antwortete Leaniel, während sich sein kaum sichtbares Himmelsäffchen auf die Hinterbeine stellte und das Fell sträubte. »Die Leichen sehen merkwürdig aus. Ihre Augen sind vollkommen schwarz und ihre Ohren seltsam verformt, teilweise fehlen sie. Und sie haben Wunden an Hand- und Fußgelenken, die aussehen, als wären sie von innen entstanden.«
   »Haben Reporter von dem Leichenfund bereits Wind bekommen?«
   »Maleja News ist auf dem Weg zur Fundstelle.«
   »Wimmel sie ab und bring die Leichen in die Erzengelburg«, befahl Vael und blickte zum Siral. Am Flussufer entdeckte er Polizei, Rettungskräfte und eine riesige Traube neugieriger Gaffer. »Shariel soll den Oberkommissar zu sich bestellen. Ich möchte Mattews bisherige Ermittlungsergebnisse sehen.«
   »Vael, die Sache gefällt mir nicht«, erwiderte Leaniel. »Den Opfern haftet der widerliche Gestank eines durchgeknallten Serienkillers an. Trotzdem habe ich das Gefühl, hinter der Tat steckt weit mehr als Mordlust.«
   »Da stimme ich dir zu. Sybilla soll sich die Leichen genau ansehen, ich möchte die Todesursache wissen.«
   Der Erzengel nickte, wandte sich ab und flog zum Fundort. Vael blickte seinem Sicherheitschef nach, bis dessen Gestalt mit dem Horizont verschmolz. Ein fauliger Geruch lag jäh in der Luft, den der Wind vom Fluss hinauftrug. Der Gestank legte sich schwer auf seine Zunge. Leaniel hatte recht. Der Killer liquidierte seine Opfer nicht aus perfider Freude, er benutzte sie zu etwas.

*

Als die alte Stadtmauer unter Lyeen auftauchte, wunderte sie sich noch immer, dass der Erzengel sie lebend hatte gehen lassen und die erwartete Diskussion ausgeblieben war. Allerdings besaß sie jetzt einen Aufpasser. Itai hockte auf dem Beifahrersitz ihres Schwebewagens und hatte die Ärmchen vor der Brust verschränkt. Offensichtlich war er von der Aufgabe seines Herrn ebenso begeistert wie Lyeen von der Tatsache, dass sie von nun an keinen Schritt mehr tun konnte, ohne dass Vael davon Kenntnis bekam. Himmelsäffchen standen in ständigem geistigen Kontakt mit ihren Herren.
   »Hier ist nicht deine Wohnung«, zischte Itai und kniff die Augen zusammen.
   Dicke Wolken schoben sich vor die Sonne, während Lyeen die Höhe des Schwebewagens verringerte und eine Lücke zwischen einigen Bäumen und der Stadtmauer ansteuerte. Hinter der Mauer erstreckte sich das alte Zentrum, das nach dem Krieg aufgegeben worden war, weil die Hauptstadt explosionsartig anwuchs. Der Umstand lag daran, dass die himmlischen Wesen ihre Insel verließen und sich am Rand von Issur niederließen. Seitdem war die Stadt ins Unermessliche gewachsen und dehnte sich inzwischen über den viertgrößten Kontinent Malejas aus.
   »Gut beobachtet«, gab Lyeen zurück und fuhr die Triebwerke herunter. Sie dachte nicht daran, dem Affen zu erklären, was sie in der Gosse wollte. Schlimm genug, dass sie ausgerechnet Vaels Schoßtier ertragen musste, doch der Erzengel hatte ihr keine Wahl gelassen. Entweder sie duldete Itai, oder ihr Hammer und der Minizerstäuber verbrannten in seinem Feuer.
   Lyeen knirschte mit den Zähnen. Sie beugte sich zur rechten Seite, nahm aus der Konsole ein nachtschwarzes Tuch und warf es auf den Beifahrersitz. »Hüll dich damit ein.«
   Itais silberne Augen schossen Blitze in ihre Richtung ab.
   Lapidar zuckte sie mit den Schultern. »Gut, wenn du nicht willst, dein Problem. Du solltest aber wissen, dass viele, die hier wohnen, ihre Großmutter für ein paar Lebensmittel verkaufen würden. Ein Himmelsäffchen garantiert ihnen ein Leben im Luxus.«
   Oder auch nicht, doch den Anhang schluckte sie hinunter. Vael würde sein Schoßtier nicht freikaufen, sondern den kompletten alten Stadtkern in Schutt und Asche legen, um Itai zu befreien. Auf jeden Fall würde sie sich dann bereits in den Armen des Gottes der Finsternis befinden, wofür der Erzengel persönlich sorgen würde. Seine Faszination für sie hin oder her, der Verlust seines Äffchens würde weitaus schwerer für ihn wiegen.
   Itai zischte, streifte sich jedoch das Tuch über. »Und jetzt?«
   »Machen wir einen kleinen Spaziergang«, entgegnete Lyeen und kletterte aus dem Wagen. Der Himmelsaffe folgte ihr und sprang auf ihre Schulter. Mühsam gelang es ihr, ein Fauchen zu unterdrücken. »Du hast Beine.«
   »Und du offensichtlich kein Gehirn«, gab er gelassen zurück. »Denkst du wirklich, das Tuch verdeckt, was ich bin?«
   »In eurer Arroganz seid ihr euch gleich«, stellte Lyeen fest. »Wie der Herr so …«
   »Wer bist du, dass du dir ein solches Urteil erlaubst?«, fragte Itai mit gesträubtem Fell.
   »Nur ein dummer Mensch«, warf sie ein und blickte zu einer heruntergekommenen Blutbar auf der anderen Seite. Ihre Knie zitterten leicht, was allerdings nicht mehr an Vael lag. Sie brauchte Blut, um ihre Kräfte zu erneuern. Seit ihrem Erwachen aus dem Delirium widerte Lyeen dieser Nahrungszusatz an, denn ihr Körper benötigte trotzdem weiterhin menschliches Essen. Ihre vollständige Verwandlung in einen Vampir war irgendwo in der Mitte unterbrochen worden und hatte einen Mischmasch zurückgelassen.
   Mit Itai wollte sie allerdings nicht in diese Kaschemme gehen. Blutbars waren normalerweise ein lukratives Geschäft, denn Engel zahlten ihren Lakaien einen fürstlichen Lohn. Wer in einer solchen Bar seinen Drink einnahm, wurde mit jeglichem Komfort verwöhnt, den man mit einem Namen und den dahintersteckenden Credits kaufen konnte. Die Absteige vor Lyeen war hingegen mit einer Kneipe in einem Rotlichtviertel zu vergleichen. In ihr verkehrten Vampire, die bei ihren Herren in Ungnade gefallen waren.
   Lyeen wandte sich ab, eilte auf das Tor zu und erreichte nach wenigen Augenblicken die alte Hauptstraße. Diese war eigentlich für ihren Schwebegleiter breit genug, allerdings wollte sie nicht das Risiko eingehen, die Teile ihres Fahrzeugs auf dem Schwarzmarkt zurückkaufen zu müssen. Niemand, der in der Gosse wohnte, konnte sich einen Gleiter leisten und wer so dumm war, mit einem hierherzukommen, fand nichts mehr von seinem Fahrzeug vor, wenn er zurückkam.
   Nach ein paar Metern bog sie in eine Gasse ein. Die eng beieinanderstehenden Häuser warfen düstere Schatten auf das alte Pflaster. Mehrmals musste sie weggeworfenem Müll ausweichen und wegen einiger unangenehmer Duftkompositionen die Luft anhalten.
   »Du ziehst dir das Gewand selbst an«, nuschelte Itai mit einer Stimme, die bar jeden Gefühls war.
   »Was?«
   »Ein dummer Mensch«, half ihr das Himmelsäffchen auf die Sprünge.
   Lyeen lachte leise und bog in eine schmale Passage ein, in der es nach selbst gebranntem Whisky stank. »Ja, Engel nähen gern Kleidung für ihre Spielzeuge und stecken sie da hinein, egal, ob sie passen.«
   Itai schnaubte. »Mein Herr hat recht. Dein Herz verzehrt sich geradezu …«
   Quietschend öffnete sich vor ihr eine Tür. Lachen, das Klirren von Gläsern und laute Musik wehten in die Gasse. Drei Männer torkelten die Stufen hinab, die zu einem heruntergekommenen Gasthaus führten.
   »Es ist noch nicht einmal Mittag«, entrüstete sich Itai.
   »Scht«, zischte Lyeen und zog das Tuch über den Kopf des Affen. »Kein Wort, verstanden?«
   Ein Knurren drang an ihr Ohr, dann gab Vaels Schoßtier Ruhe.
   »Hey Süße, möchtest du mit uns mitfeiern?«, fragte einer der Typen und schwankte auf Lyeen zu. »Kaleks Selbstgebrannter schmeckt zwar beim ersten Glas widerlich, aber nach dem Dritten fällt dir das nicht mehr auf.«
   Lyeen trat aus dem Schatten eines Hauses und blickte dem Sprecher ins Gesicht. »Aloria wird dir den Schädel einschlagen, wenn du nach Hause kommst.«
   »Scheiße, jetzt bin ich wieder nüchtern«, rief Zarak und fasste sich ans Herz. »Verdammt, Kleines, was tust du hier und was hast du da auf deiner Schulter?«
   »Ein Geschenk für Alya«, erwiderte Lyeen. »Ist sie da?«
   Er grinste schief. »Sie war heute Nacht jagen, aber gegen eine zahme Ratte hat sie garantiert nichts einzuwenden.«
   »Das war auch mein Gedanke«, sagte Lyeen und schob sich an den Männern vorbei. Die anderen beiden kannte sie nicht, doch mit Zarak hatte sie so manches Glas geleert. »Grüß Aloria von mir.«
   »Mach ich und du pass auf dich auf. Hier geschehen in letzter Zeit merkwürdige Dinge.«
   Lyeen blieb stehen und wandte sich um. »Was für Dinge?«
   Zaraks Wangen fehlte unvermittelt jegliche Farbe. »Von uns verschwinden Leute, acht fehlen bereits. Die Bullen kümmert das natürlich nicht. Sie kommen nicht her, aus Angst, sich ihre kostbaren Anzüge zu beschmutzen.«
   Ihr Bauch schmerzte jäh, als wenn eine eisenharte Faust auf ihn einprügeln würde. »Wer fehlt?«
   »Letzte Nacht haben sie Kaila und ihre beiden Kinder geraubt, die Nacht davor Tais und seinen Bruder Onar.«
   Lyeen keuchte auf. Die Brüder hatten ihr das Leben hier zur Hölle gemacht, aber Kaila gehörte wie Zarak und die Vampirin zu den wenigen, die sich nach dem Tod ihrer Eltern um sie gekümmert hatten.
   »Ich muss mit Alya sprechen. Pass auf dich und Aloria auf, hörst du?«, sagte sie und griff nach seiner Hand.
    Zarak nickte, drückte ihre Hand und heftete den Blick auf eine Hauswand. »Werde ich. Machs gut, Kleines.«
   Lyeen ließ ihn los und eilte weiter. Ein paar Augenblicke später bog sie in eine Gasse ein und öffnete eine Tür, die vor langer Zeit einmal in eine Fleischerei geführt hatte. Alya besaß normalerweise keinen Humor, allein das Wort passte schon nicht in ihren Wortschatz. Sie behauptete immer, sich aus Faulheit für das Geschäft entschieden zu haben. Die Fliesen könne sie nach der Mahlzeit abspülen, Tapete müsse sie ständig neu streichen.
   Lyeen lachte leise und schloss die Tür. Die Vampirin speiste nie zu Hause, dafür ging sie viel zu gern jagen. Sofern eine Ratte Alya in den eigenen vier Wänden vor die Füße laufen würde, fiele das Nagetier wahrscheinlich durch die tödliche Ignoranz der Vampirin um.
   »Süße, du stinkst nach Engel«, rief Alya aus ihrem Wohnzimmer. Eine Sekunde später tauchte sie im Türrahmen auf und fauchte. Trotz ihrer abgewetzten Lederkombination sah die Blutsaugerin wie ein Starmodel aus. Sie hatte einen perfekt geformten Körper, an den sich das Leder wie eine zweite Haut schmiegte. Sie besaß ein makelloses Gesicht, das durch nichts ihr Alter erkennen ließ. Ihr dunkelrotes glänzendes Haar hatte Ayla zu schlichten Zöpfen geflochten, wodurch ihre silbergrauen Augen auf geheimnisvolle Weise betont wurden. »Wo warst du?«
   »Das glaubst du mir eh nicht«, entgegnete Lyeen und blieb wohlweislich an der Eingangstür stehen. Sie zog das Seidenhemd von Tanes aus ihrer Jacke und warf es Alya zu. »Ich benötige deine Hilfe.«
   Die Vampirin fing das Kleidungsstück auf und schnupperte daran. Angewidert verzog sie den Mund und ließ das Hemd auf den Boden fallen. »Es musste ja auch noch Vael sein. Du kannst mir erzählen, weshalb du mich derart quälst, wenn du dein Gepäckstück auf der Straße abgeladen hast.«
   Seufzend zog Lyeen das Tuch von Itais Kopf. Sofort fletschte der Affe die Zähne.
   »Ich kann immer noch nicht verstehen, warum mein Herr damit einverstanden war, die Verräterin einzuweihen.«
   »Das ist keine Entschuldigung für dein Verhalten«, entgegnete Lyeen. »Du solltest wissen, dass Alya nicht dafür bekannt ist, ungebetene Gäste mit erlesener Höflichkeit zu behandeln.«
   Die Vampirin lehnte sich an den Türrahmen und entblößte ihre Reißzähne. Das entsetzte Vaels Schoßtier kein bisschen. Blutsauger waren zwar größer, Himmelsäffchen jedoch wesentlich schneller und geschickter.
   Lyeen seufzte. »Dein Herr wird nicht begeistert sein, wenn du meinen Job behinderst.« Das war ein Schuss ins Blaue, den sie vermutlich bei ihrem nächsten Zusammentreffen mit Vael bereuen würde. Allerdings entgegnete Itai darauf nichts. Er hockte sich auf ihre Schulter und schlang den langen, kuschlig weichen Schwanz um ihren rechten Arm.
   Alya runzelte die Stirn. »Schätzchen, ich hätte eher damit gerechnet, dass du Itai irgendwann den Kopf abreißt, aber das? Wenn du mir nicht augenblicklich erzählst, was hier los ist, platze ich.«
   Lyeen seufzte leise und folgte ihrer Vampirfreundin ins Wohnzimmer. Das Verlangen, Itai ein wenig von ihrem Zorn spüren zu lassen, hielt sich eigenartigerweise in Grenzen. Der Affe war widerlich arrogant, wozu sein süßes Erscheinungsbild überhaupt nicht passte. Himmelsäffchen rangierten in der Beliebtheit bei Kindern noch vor Kätzchen und Welpen und leider hatte sie in dieser Beziehung als Mädchen keine Ausnahme gemacht. Ihr Zimmer war mit allerlei Stoffäffchen vollgestopft gewesen. Die Schoßtiere der Engel waren oftmals nicht einmal zwanzig Zentimeter groß und besaßen neben ihren wunderschönen Augen einen herrlich langen, flauschigen Schwanz. Allerdings lagen zwischen Lyeens einstiger Bewunderung und dem heutigen Tag viele Jahre des Schmerzes, die ausgerechnet von den beiden ausgelöst worden waren, die sie am meisten bewundert hatte.
   Als sie sich auf das Sofa gesetzt hatte, erzählte sie der Vampirin das Wenige, wozu sie von Vael die Erlaubnis bekommen hatte.
   Nachdem sie geendet hatte, sprang Alya auf und lief vor ihrem Vidschirm auf und ab. »Joos muss den Betäubungsstrahl deines Vaters weiterentwickelt haben. Mir scheint, als hätte er sich wie eine Schallwelle durch das Haus des Erzengels fortbewegt. Nur so lässt sich erklären, wie alle Vampirwachen gleichzeitig ausgeschaltet werden konnten.«
   »Das war auch mein Gedanke«, entgegnete Lyeen und lehnte sich an das alte Sofa, auf dem sie saß. Dass es überhaupt noch stand, verdankte es der Experimentierfreudigkeit seiner Besitzerin. Es war garantiert fünfhundert Jahre alt, verfügte allerdings über Körperwärmespeicher und etliche Massagefunktionen. »Aber wozu klaut er eine Träne?«
   »Um die Waffe zu testen«, mutmaßte Alya und warf Itai einen bitterbösen Blick zu.
   Lyeen vermutete, dass ihre Freundin wesentlich mehr sagen wollte, die Anwesenheit des Himmelsäffchens sie jedoch daran hinderte. Seufzend legte sie ein Bein über das andere. Sie musste Vaels Schoßtier loswerden, die ständige Überwachung behagte ihr nicht. »Kannst du Tanes aufspüren?«
   »Wenn er im Herrenhaus deiner Eltern ist, finde ich ihn«, sagte Alya und blieb neben dem Vidschirm stehen, auf dem Werbetrailer zu sehen waren. In den untersten Zeilen lief der Newsticker durch. In einem Stadtteil von Issum war eine Rinderzuchtanlage von unbekannten Dieben restlos geplündert worden. Nicht ein Tier hatten sie zurückgelassen. Lyeen schüttelte angesichts dieser Nachricht den Kopf. Wer klaute denn Rinder?
   »Morgen Abend wird Joos’ alljährlicher Himmelsball stattfinden und sein Haus von Vampiren und Engeln überfüllt sein. Eine bessere Gelegenheit bekommen wir nicht«, murmelte Lyeen. Sie warf Itai einen bösen Blick zu, weil der Affe zu ihrem Oberarm kletterte und dort die Krallen in ihre Lederjacke versenkte. Den Himmelsaffen schien ihr Blick nicht zu stören. Er zeigte ihr seine Reißzähne und schlang den Schwanz um ihren Unterarm. Insgeheim musste sie zugeben, dass die kindliche Seite in ihr bei dem Anblick vor Freude auf und ab tanzte.
   »Stimmt. Er ist gezwungen, sämtliche Alarmanlagen auszuschalten«, nuschelte Alya. Sie schnappte sich vom Tisch ihre archaische Tastatur und aktivierte das Weltennetz. Die Werbetrailer verschwanden vom Vidschirm, eine silbergraue Fläche mit verschiedenen Eingabemöglichkeiten erschien.
   Lyeen seufzte. »Warum nutzt du nicht die Sprachsteuerung?«
   »Zu langwierig.« Alyas Hände flogen über das Eingabegerät. Sie hackte sich ins Stadtarchiv ein und suchte nach den Bauplänen des Herrenhauses. Wenige Augenblicke später übertrug der in ihrem Vidschirm integrierte Laser ein dreidimensionales Hologramm, das langsam rotierte. »Hier«, sagte sie und tippte auf eine Kammer, die sich in der zweiten Untergeschossebene befand.
   Eine Etage darüber erstreckten sich die Weinkeller des Prinzen. Eine Treppe führte von dort in den Raum, der, so weit sich Lyeen erinnerte, zum Lagern diverser Fässer genutzt wurde.
   »Wenn der Prinz einige Flaschen öffnet, übertüncht der Alkohol Tanes Geruch.«
   »Dann müssen wir nur noch ins Haus kommen«, sagte Lyeen. »Joos Himmelsball ist immer gut besucht, er wird nicht jeden seiner Gäste kennen. Kannst du ein paar Einladungen für uns fälschen?«
   Die Vampirin runzelte die Stirn. »Das sollte kein Problem sein. Aber willst du wirklich auf offiziellem Weg da hinein?«
   »Warum nicht?«
   »Er weiß von deinen Narben. Wenn du Joos in die Arme läufst, wird er dich überprüfen.«
   Lyeen zwang sich zu einem Lächeln. Ihre Wundmale waren einzigartig und sie bezweifelte, dass der Prinz diese vergessen hatte. »Wozu gibt es moderne Schönheitsmittelchen? Er wird mich nicht erkennen.« Make-up überdeckte nicht auf Dauer die gezackten Linien, allerdings gab es noch Körperschmuck, der auf die Haut geklebt wurde. Sie griff selten darauf zurück, weil der Schmuck für ihren Job ungeeignet war. Doch ohne einen solchen Tand bei dem Himmelsball aufzutauchen, grenzte beinahe an ein Verbrechen. Indes gefiel es ihr nicht, dass sie ihr Erspartes für derartiges Geschmeide ausgeben musste. Mit unechtem Körperschmuck bei dem Ball aufzutreten, verbot sich natürlich von selbst.
   »Gut, einverstanden«, sagte Alya und blickte auf ihre Lederklamotten. »Dann werde ich mal meine alten Truhen öffnen und ein paar Festkleider entstauben.«
   »Du hast Kleider?«
   Die Vampirin warf ihr ein Lächeln zu, das bitter wirkte. »Ich war nicht immer Alya, die Verräterin.«
   »Sondern?«, fragte Lyeen und beugte sich nach vorn. Ihre Freundin sprach nie von der Zeit vor dem Krieg. Sie sagte, sie hätte mit dem Leben von einst abgeschlossen und wolle nicht ständig daran erinnert werden. Lyeen nahm ihr das allerdings nicht ab.
   »Dereinst standen Bälle auf meiner Tagesordnung«, entgegnete Alya und zuckte lapidar mit den Schultern. »Ich habe gemerkt, dass ich gut und gern darauf verzichten kann.«
   Lyeen nickte. Ihre Eltern hatten früher einmal die Oberschicht von Issur zum Sommer- und Winterball geladen. Weil sie zu klein war, blieben ihr nur die heimlichen Blicke aus dem Fenster, wenn die Gäste in ihren eleganten Roben aus ihren Schwebewagen stiegen und das Eingangsportal des Herrenhauses betraten. Damals wusste sie genau, wie ihr erstes Ballkleid aussehen würde. Heute lag ihr der einstige Snobismus schwer im Magen. Vor dreizehn Jahren hatte sie das letzte Mal ein Festkleid getragen. Seitdem hatte sie sich von einer verwöhnten Großherzogstochter in eine Diebin verwandelt, die bevorzugt Lederklamotten trug.
   »Dann lass uns Kleider aussuchen gehen«, sagte Lyeen und sprang auf. Ihr Magen hielt das für den besten Moment, um ein Knurren von sich zu geben.
   »Oh, nein, setz dich mal wieder. Ich hole dir was«, entgegnete die Vampirin und warf einen bedeutsamen Blick auf Lyeens zitternde Beine.
   »Mist«, nuschelte sie, während Alya das Wohnzimmer verließ. Lyeen biss die Zähne fest zusammen und verfluchte den Umstand, dass sie Blut brauchte. Alyas Vorliebe für Geräte aller Art und ihre Bastelleidenschaft brachten ihr hin und wieder ein paar Credits ein. Das meiste davon investierte sie für die Kinder in der Gosse, die weniger als gar nichts hatten. Nur einen kleinen Teil gab sie in Blutbars aus, um sich zu stärken. Rattenblut hielt Alya am Leben, aber es stärkte ihren Körper nicht auf die Weise wie Menschenblut.
   »Verdammt«, fluchte Lyeen leise, als die Haustür zuklappte. Sie verzog den Mund und sah zum Vidschirm. »Zeig mir die Engelhierarchie.«
   Die silbergrau Oberfläche auf dem Monitor verschwand und eine Liste erschien. Vaels Name stand ganz oben. Er herrschte seit beinahe siebenhundert Jahren über Maleja. Unter ihm folgten drei Erzengel. Der Volksmund bezeichnete Shariel und Leaniel als die rechte und linke Hand des Regenten. Beide hatten ihre Positionen eingenommen, seitdem Vael von den Himmelswesen zum Oberhaupt gewählt worden war.
   Lyeen betrachtete die Aufnahmen von Shariel. Der Engel fiel durch sein Äußeres auf wie ein Flammeninferno in der Nacht. Leaniel hingegen fehlte die fast schon brutal wirkende Schönheit von Vaels rechter Hand. Der Sicherheitschef wirkte auf Lyeen wie ein Tautropfen, der vom ersten Sonnenstrahl am Morgen geküsst wurde. Die Anmut des Erzengels wurde durch seine jadegrünen Augen und die goldblonden Haare unterstrichen. Seine Flügel waren im Sonnenlicht kaum zu erkennen, den Grund kannte Lyeen nicht. In der Nacht sollen Leaniels Schwingen mitternachtsschwarz sein, was die Vermutung aufkommen ließ, dass seine Federn die Fähigkeit besaßen, die Farbe zu wechseln.
   Neben Leaniel stand der Name einer Erzengelfrau, die Lyeen noch niemals gesehen hatte. Von der Systemanalytikerin Tyana gab es keine Aufnahmen und keine zusätzlichen Angaben.
   Als sie weiter nach unten scrollen wollte, flog die Haustür ins Schloss und Alyas Schritte polterten durch den Flur. Lyeen sprang auf und eilte aus dem Wohnzimmer. Sie warf ihrer Freundin einen bitterbösen Blick zu, denn diese hielt einen Becher aus der Blutbar in der Hand, die sich gegenüber der Stelle befand, wo ihr Schwebewagen stand.
   »Trink, solange es warm ist.«
   »Ich hasse dich«, konterte Lyeen und schnappte sich den Becher, bevor ihre Freundin die Gelegenheit bekam, ihr den Inhalt in den Mund zu schütten.
   »Ich weiß«, entgegnete die Vampirin und eilte in ihren Ruheraum. »Wenn du ausgetrunken hast, darfst du dich in schimmernde Seide schmeißen.«
   »Witzig«, knurrte Lyeen. »Das ist für mich kein Grund, gehorsam zu sein.« Trotz ihrer Worte setzte sie das Gefäß an die Lippen und trank, allerdings nicht, ohne in Gedanken fortwährend weiterzufluchen.
   »Warts ab. Meine alten Truhen beherbergen so manche Kostbarkeit.«
   »Echt?«, nuschelte Lyeen und wischte sich mit einem Tuch den Mund trocken. Das Zittern in ihren Beinen ließ nach und das flaue Gefühl in ihrem Magen verschwand. Sie warf den Becher in den Müllentsorger und eilte in den Ruheraum. Die Kostbarkeiten wollte sie dann doch sehen.

4. Kapitel

Vael blickte auf den Mann, der vor ihm auf dem Fußboden lag. Zum zweiten Mal an diesem Tag überraschte ihn ein Mensch. Allerdings tat dies sein Gast nicht auf die Weise, wie es Lyeen getan hatte. Übergewicht war in der heutigen Zeit längst kein Problem mehr. Wer gern viel aß, injizierte sich ein paar Kohlenhydratkiller und bestellte gelassen das nächste Gericht. Rilad hingegen schien jede einzelne seiner Fettzellen zu lieben. Diese hatten jedoch Schäden an seinem Herz und seinen Knochen hinterlassen, die im Augenblick noch reparabel waren. Gleichwohl ahnte Vael, dass Lyeens Boss nicht bereit war, ein Medicalcenter aufzusuchen. Sein kanarienvogelmäßiges Äußeres ließ darauf schließen, dass er sich von der Allgemeinheit abheben wollte, und dafür gern alle Nebenwirkungen in Kauf nahm.
   »Welcher Kunde hat dir den Auftrag erteilt?«, fragte Vael und lehnte sich an seinen Schreibtisch.
   »Tanes.« Rilads Antwort wurde von den Fliesen gedämpft und hallte zerstückelt durch Vaels Büro.
   Seine Daunenfedern sträubten sich. Lyeens Boss war ein derartiger Feigling, dass er sich wie ein lebendiger Teppich an den Boden schmiegte und nicht wagte, den Kopf zu heben, aber er hatte keine Probleme damit, das Eigentum anderer zu stehlen und mit der Beute seine Geltungssucht zu finanzieren. Bislang hatte sich der Kanarienvogel am Rand der Legalität bewegt, doch die Straße hinter ihm bestand aus dem Schmerz seiner Opfer, deren bisschen Glück er zerstört hatte.
   »Mein Leibwächter Tanes?«, frage Vael mit einer Stimme, die sich klirrend durch das Büro fortbewegte. Ihre Wirkung blieb bei dem Mann nicht aus. Am ganzen Leib zitternd nickte er.
   »Wann hat er dir den Auftrag erteilt?«
   »Gestern Nachmittag, Sire.«
   »War er persönlich bei dir?«
   Rilad schüttelte den Kopf, wobei seine Nase über die Fliesen schleifte und auf dem Marmor eine feuchte Spur hinterließ.
   »Hat er sich mit dir per Weltennetz in Verbindung gesetzt, oder jemanden beauftragt?«
   »Welten… Weltennetz«, stammelte der Mann und begann zu schluchzen. »Er sagte, dass … sei ein Geschenk für Sie, Sire.«
   Vael verschränkte die Arme vor der Brust und blickte zum Datenspeicher, der auf seinem Schreibtisch lag. »Das hast du ihm natürlich geglaubt?«
   »Selbstverständlich, Sire. Tanes ist … ist Ihr Leibwächter.«
   Mit aufgestellten Flügeln stieß sich Vael vom Tisch ab und ging auf Rilad zu. Der Mann log, er hatte dem Vampir kein Wort der Ausrede abgenommen, aber dennoch den Auftrag angenommen.
   »Sire, bitte. Ich … habe den Datenspeicher nicht. Lyeen hat ihn.«
   Vael unterdrückte das Verlangen, dem Kanarienvogel ein paar Gliedmaßen zu brechen. Der Kerl wälzte in der Hoffnung auf ein mildes Urteil alle Verantwortung auf seine Meisterdiebin ab. Vael ließ eine silberblaue Flamme in der Hand entstehen, zielte und zog wenige Zentimeter neben Rilad dessen Umriss mit dem Himmelsfeuer nach. Der Mann schrie vor Panik auf, obgleich ihn das Feuer nicht berührte.
   »Ich schwöre, ich habe den Speicher nicht«, rief er mit vor Angst verzerrter Stimme. »Und Lyeen ist … verschwunden.«
   Vael lachte leise. »Ist sie nicht. Sie ist bei ihrer Freundin.«
   Rilad hob den Kopf und blinzelte heftig. »Ihr wisst, wo sie …?« Er brach ab und wurde leichenblass im Gesicht. Offensichtlich besann er sich, wen er in Begriff war, auszufragen. »Aber dann … könnt Ihr Euch den Datenspeicher von ihr holen.«
   Jäh legte sich ein pelziger Geschmack auf Vaels Zunge, der von Rilads Ausdünstungen stammte. Der Kerl war ein solcher Feigling, dass er alles und jeden verkaufen würde, um einer Strafe zu entgehen. Unentwegt betete er im Stillen, dass Vael über Lyeens Verurteilung seine vergessen würde.
   Stumm schüttelte Vael den Kopf. Er vergaß nichts, das lag nicht in seiner Natur. Und der Mann vor ihm würde das noch begreifen, wenn er die Warnung missachtete. »Hast du eine Kopie deines Gesprächs mit Tanes gespeichert?«
   Rilad nickte heftig. »Ja, Sire. Ich überlasse Euch den Datenspeicher und dann …«
   »Nicht nötig«, sagte Vael und legte ein Flammenband um Rilads Hals. »Solltest du noch einen Diebstahl in Auftrag geben, werde ich dich nicht wieder gehen lassen. Hast du mich verstanden?«
   Ohne Zweifel versuchte Rilad zu sprechen, doch die Schmerzen in seinem Rachen machten das unmöglich. Vael schüttelte den Kopf. Die Wirkung seines Himmelsfeuers wurde vor allem von Gefühlen bestimmt. Die seinen und die der anderen Person. Zorn und Hass, aber auch Bosheit und ein Lügenkonstrukt lösten Qualen aus, mit denen sich der Betreffende selbst peinigte. Das Feuer verdeutlichte nur, was im Herz des Menschen ruhte.
   Der Kanarienvogel schaffte nach mehrmaligen Versuchen ein Nicken und brach auf den Fliesen zusammen, als Vael ihn freigab.
   »Bring ihn in sein Haus und sammle alle Datenspeicher ein, die du findest«, wies Vael seinen Leibwächter an und löschte die Flammen in den Händen.
   »Ja, Sire«, entgegnete Hisum. Der Vampir bemühte sich um einen nichtssagenden Gesichtsausdruck, dennoch huschte für einen Moment Fassungslosigkeit über sein Gesicht.
   Während die Wachen den bewusstlosen Mann hinausbrachten, fragte sich Vael, ob sein Himmelsäffchen recht hatte und er tatsächlich weich wurde. Vor nicht allzu langer Zeit hätte er Rilad nicht gehen lassen.

*

Lyeen stand im Ruheraum ihrer Freundin und hielt ein Gewand aus feinster Seide in den Händen. Das Oberteil bestand aus zahlreichen Bändern, die von den Handgelenken an über die Schulter bis zur Hüfte gebunden wurden. Der enge Rockteil besaß drei durchsichtige Stoffschichten. Die unterste Schicht war nachtschwarz, die darauf folgende rubinrot und die Dritte überzog ebenso wie das Oberteil ein Hauch Gold.
   »Shariel.« Der Name entschlüpfte Lyeens Lippen, während sich ihre Nackenhärchen aufrichteten.
   »Wenn du meinst.«
   Sie hob den Blick und musterte das Gesicht ihrer Freundin. Die Vampirin stand neben ihr und warf in schneller Abfolge Kleider auf das Bett, die mit unzähligen Edelsteinen besetzt waren. In Alyas Augen lag ein trauriger Ausdruck, der das Silbergrau fast in dunkles Schwarz verwandelte. Ihre Stimme hatte ein Unterton begleitet, der düster wie eine dicke Gewitterwolke durch den Raum schwebte.
   »Was ist zwischen euch?«, fragte Lyeen und legte das Kleid aufs Bett.
   »Nichts.«
   »Jetzt nicht, oder früher auch nicht?«, hakte sie nach.
   Alya knurrte, bückte sich und öffnete eine weitere luftdicht verschlossene Truhe. Erneut segelten Festkleider durch die Luft und gesellten sich zu dem Vermögen, das bereits auf dem schlichten Baumwolllaken lag.
   »Ein Früher gibt es nicht mehr«, antwortete die Vampirin und griff nach einem nachtschwarzen Seidenkleid, das an der Schulter eine ziselierte Rubinrose schmückte. »Das würde dir gut stehen.«
   Lyeen warf einen Blick auf das Oberteil und schüttelte den Kopf. »Vielleicht, wenn ich mir schnell die Brust vergrößern lasse.«
   »Kein Problem«, grummelte Alya und ließ das Kleid aufs Bett fallen. »Du kannst es allerdings auch in eine Änderungsschneiderei geben, das überlasse ich dir.«
   »Nein«, sagte Lyeen und legte die Hand auf den Unterarm ihrer Freundin. »Du musst nicht reden, aber falls du magst, höre ich zu.«
   »Das weiß ich doch, Schätzchen«, nuschelte die Vampirin und zog Lyeen in ihre Arme. Einen Wimpernschlag später fuhr Alya mit einem Schrei zurück und spuckte aus. »Er hat dir seinen Stempel aufgedrückt.«
   Lyeen erstarrte. »Was meinst du damit?«
   »Vaels Pheromone haften auf deiner Haut.«
   Lyeen erstarrte. Glühende Hitze stieg ihr in die Wangen. Der Erzengel hatte sie gezeichnet, während er die Locke hinter ihr Ohr schob. Und sie reagierte auf seine Brandmarkung wie eine läufige Hündin. »O nein, das hat er nicht getan«, fauchte sie und wischte sich übers Gesicht. »Denn wenn doch, reiß ich ihm die Federn aus.«
   »Doch, er hat dich als sein Besitz gekennzeichnet. Dein Abwischen bringt nichts. Nicht einmal Seife kann seine Spuren wegwischen. Was läuft da zwischen euch?«
   »Nichts«, rief Lyeen und rubbelte trotz Alyas Worten weiter. Ein Mensch würde Vaels Pheromone nicht wahrnehmen, aber jeder Engel oder Vampir bräche einem Mann alle Knochen, sollte er versuchen, dem Eigentum des mächtigsten Erzengels näherzukommen.
   »Danach sieht es nicht aus, Süße. Er will dich in seinem Bett haben, und zwar heute.«
   »Witzig«, fauchte Lyeen. »Eher erstarrt der Planetenkern, bevor das geschieht.«
   Die Vampirin fasste nach ihrer Hand und hielt sie fest. »Ich verstehe dich, wirklich. Allerdings kenne ich Vael seit über neunhundert Jahren. Er ist nicht der Regent von Maleja geworden, weil er seine Kontrahenten im Schlaf beseitigt hat. Der Erzengel ist ein Kämpfer und ein ausgezeichneter Stratege. Unterschätze seinen Willen nicht. Nur dank diesem hat er den Krieg überlebt.«
   Lyeen biss sich heftig auf die Unterlippe, doch ihre Neugier siegte. »Was ist damals passiert?«
   Zu ihrer Enttäuschung schüttelte Alya den Kopf. »Frag ihn das selbst. Das ist seine Geschichte. Aber sei gewarnt, es könnte sein, dass du deine Einstellung über ihn daraufhin änderst.«
   »Mist«, nuschelte Lyeen. »Warum hasst du ihn dann?«
   »Das tue ich nicht, wir haben nur völlig verschiedene Meinungen«, entgegnete Alya. Sie schob ein paar Kleider zur Seite und setzte sich auf die Bettkante. »Überlege dir gut, ob du sein Werben zurückweist.«
   Lyeen zuckte die Schultern. »Ich bin so oder so tot.«
   »Dann ändere die Situation«, erwiderte die Vampirin und griff nach dem Bänderkleid, dessen Farbe Shariels Flügeln entsprach. »Du bist nicht umsonst die Tochter deines Vaters.« Einen Wimpernschlag später lächelte sie. »Du solltest es anziehen.«
   »Ich will Vael nicht eifersüchtig machen«, rief Lyeen leise und lehnte sich an die Wand.
   »Interessant«, entgegnete ihre Freundin.
   »Warum?«
   »Weil du automatisch davon ausgehst, dass die Farben Vaels Eifersucht wecken.«
   Lyeen schnaubte. »Ich wecke keine Gefühle in ihm. Engel haben kein Herz … jedenfalls kein fühlendes.«
   »Auf die Uralten trifft das zu«, sagte die Vampirin. Sie stand auf, ging zur Tür und lehnte sich neben Lyeen an den Rahmen. »Aber Vael steht noch nicht auf der Schwelle der Tür, die in die Gefühlskälte führt. Jedoch befindet er sich in dem Raum, der davor ist.«
   »Sag ich doch«, krächzte Lyeen.
   »Süße, rede dir ein, was du willst, wenn es dir hilft. Allerdings solltest du wissen, dass Uraltengel nicht mehr in der Lage sind, zu weinen. Sie empfinden keinen Schmerz, keine Trauer und auch keine Liebe.«
   »Das ist kein Leben«, rief Lyeen. Ihre Stimme quietschte wie eine alte Tür, deren Scharniere seit Jahrzehnten nicht geölt worden waren. Sie jagte eine Gänsehaut über ihre Unterarme.
   »Nein, Schätzchen, das ist die Unendlichkeit, in der es Leben als solches nicht geben kann.«
   »Aber was wird dann aus ihnen?«
   Alya verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. »Sie verwachsen mit dem Planeten.«
   »Du … meinst, die Engelfelsen sind kein Mythos?«, fragte Lyeen und stieß sich von der Wand ab. Im gleichen Moment fauchte Itai und sein Schwanz peitschte unablässig auf ihren Rücken.
   »Wenn du noch ein Wort sagst, reiß ich dir dein Herz aus der Brust und verfüttere es an die Ratten«, zischte der Affe. Er funkelte die Vampirin mit Augen an, die düster und unergründlich wie der See waren, in dessen Zentrum sich die Engelinsel befand.
   »Jede weitere Erklärung ist überflüssig«, sagte Alya. Sie legte das Bänderkleid auf Lyeens Schulter und ging zu ihrem Bett. »Flieg nach Hause und probiere es an. Ich denke, dass du die Antwort dort findest.«

Wenige Minuten später eilte Lyeen fluchend zu ihrem Schwebewagen zurück. Das Gespräch beschäftigte sie noch, als ihr Wohnhaus unter ihr auftauchte. Zwischen den Häuserzeilen bemerkte sie einen wahren Massenansturm. Menschen drängelten sich in den Verbindungsröhren und auf den Gehwegen aneinander und blickten nach oben.
   Ein mulmiges Gefühl kroch durch ihren Magen. Sie verkürzte die Landevorbereitungen auf ein Minimum, schnappte sich Itai und das Bänderkleid vom Beifahrersitz und stürmte zum Schwebefahrstuhl. Das Himmelsäffchen kletterte auf ihren Rücken und krallte sich in ihrer Jacke fest.
   Sie verließ das Gravitationsfeld in der achtundzwanzigsten Etage und rannte den Flur entlang zu ihrer Wohnung. Wenige Schritte später öffnete sich eine Tür und eine Mutter mit ihrem kleinen Jungen betrat den Gang. Der Knabe schrie bei Lyeens Anblick auf und flüchtete hinter die junge Frau.
   »Können Sie sich nicht was über den Kopf ziehen?«, rief die Mutter laut und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Mein Sohn wird Ihretwegen heute Nacht Albträume haben.«
   »Und Sie haben Ihren Verstand im Schönheitssalon gelassen«, fauchte Itai und kletterte auf Lyeens Schulter. »Ihr Kind würde sich anders verhalten, wenn Sie ihm beibringen, Mitgefühl für seine Mitmenschen zu empfinden. Aber nein, es ist ja wichtiger, Kinder von klein auf zu lehren, dass Schönheit das Relevanteste im Leben ist.«
   Während Lyeen vor Überraschung die Luft anhielt, schrie die junge Frau auf. Sie sank an den Türrahmen, presste eine Hand auf ihre Brust und blickte den Himmelsaffen mit riesigen Augen an. Ihr Sohn hingegen schien beim Anblick des Affen seine Angst verloren zu haben. Er trat mit ausgestrecktem Arm aus der Wohnung und kam auf Lyeen zu.
   »Itai?«, flüsterte er mit ehrfürchtiger Stimme und lächelte im nächsten Moment wie die aufgehende Sonne. Er hob die Hand und zeigte dem Äffchen sein Plüschtier. Es hatte weißes Fell mit diamantenen Spitzen.
   »Es sieht genauso aus wie ich«, sagte Itai und streckte dem Jungen seinen Schwanz entgegen.
   Mit zitternden Fingern strich der Kleine über das Fell und stieß einen begeisterten Jauchzer aus. Die hellgrünen Augen des Knaben leuchteten vor Begeisterung, während seine Mutter mühsam nach Luft rang. Sie hatte einen Schock erlitten und Lyeen ahnte, dass dieser Vorfall der Frau lange im Gedächtnis haften bleiben würde, vor allem Itais Worte.
   »Vielen Dank«, rief der Kleine und drückte seinen Plüschaffen ganz fest an die Brust. Er ging zu seiner Mutter zurück und schmiegte sich an ihre Beine.
   »Ent… Entschuldigen Sie bitte, das … das war nicht so gemeint«, stammelte die Frau und verschwand nach einem letzten Blick auf Itai mit ihrem Sohn in der Wohnung.
   Als die Tür ins Schloss fiel, schaffte es Lyeen endlich, Luft in ihre Lungen zu quetschen. Sie wusste, dass nur die Worte und die Anwesenheit des Himmelsäffchens sie vor einer Schimpftirade der Frau gerettet hatte. Allerdings verstand sie nicht, warum er für sie eingetreten war. Das Verhalten passte weder zu der Arroganz des Affen und schon gar nicht zu seinem Herren. Trotzdem hatte Vaels Schoßtier ohne mit der Wimper zu zucken ihre Partei ergriffen.
   Lyeen richtete den Blick auf den Fußboden und lief weiter. Auf die Frage, weshalb Itai das getan hatte, fand sie keine Antwort. Sie wusste auch nicht, ob das Äffchen aus eigenem Antrieb handelte, oder der Erzengel ihm das aufgetragen hatte. Gleichwohl führte eine Überlegung in dieser Hinsicht auch nicht zu einer Antwort auf ihre Frage. Vael mochte sie in seinem Bett haben wollen, aber der Wunsch war noch lange kein Grund, das Objekt seiner Begierde vor Beschimpfungen zu retten. Oder doch? Alya hatte gesagt, sein Wille sei stark und der Regent wäre ein Stratege. War es daher denkbar, dass er auf solchen Umwegen sein Ziel erreichen wollte?
   Lyeen kaute auf ihrer Unterlippe herum und bog in einen zweiten Gang ein. Sie konnte nicht leugnen, dass Itais Verhalten Wärme in ihr ausgelöst hatte. Sein offensichtlicher Versuch, sie zu beschützen, hatte ihr wegen der unerwarteten Reaktion erst einmal den Atem gestohlen, gleichzeitig jedoch ein aufregendes Kribbeln durch ihren Bauch geschickt. Es war lange her, dass irgendjemand außer Alya für Lyeen eingetreten war. Und sie musste zugeben, dass es ihr gefiel, ein klein wenig beschützt zu werden. Das gab ihr das Gefühl, nicht allein zu sein.
   »Danke«, murmelte Lyeen und blickte zu Itai. Entgegen ihrer Erwartung fiel es ihr nicht schwer, das Wort auszusprechen. Sie hätte gern gewusst, warum sich der Affe auf diese Weise verhalten hatte, aber sie wagte nicht, die Frage zu stellen. Seine Antwort könnte die Wärme in ihr ausradieren und das Risiko wollte sie nicht eingehen. Das Flattern in ihrem Magen fühlte sich zu gut an, um es nicht wenigstens noch einen Moment zu genießen.
   »Du bist überrascht«, stellte das Himmelsäffchen fest. »Warum?«
   Lyeen biss sich auf die Unterlippe, wandte den Kopf ab und bog um eine Ecke. Einen Schritt später blieb sie wie festgeleimt stehen. Drei Vampire flankierten ihre Tür. Vaels Leibwächter Hisum entblößte bei ihrem Anblick die Reißzähne und grinste sie auf eine Weise an, die in nichts dem Lächeln seines Herren nachstand. Mit dieser Mimik könnte er die Polkappen zum Schmelzen bringen, ebenso wie die Herzen unzähliger Frauen.
   Allerdings nicht ihres, obgleich Hisums Schönheit einem im Sonnenlicht glitzernden Juwel ähnelte. Lyeen ballte die Hände zu Fäusten und stürmte an den Vampiren vorbei. Einen Schritt später blieb sie mitten im Flur stehen.
   »Raus! Das ist meine Wohnung.« Lyeen bebte. Diese vier Wände waren kein Heim, aber ein Versteck. Niemand hatte hier Zutritt, kein Blutsauger und schon gar kein Engel.
   Vael wandte sich ihr zu und hob seine perfekten Augenbrauen. »Wohnung?« Er öffnete die Flügel, konnte sie jedoch in der Enge nicht entfalten. Seine Federn hinterließen auf dem schlichten Verputz aus groben Sandkörnchen Diamantstaub, der ihrem Wohnzimmer einen Hauch Luxus verlieh. »Das ist kein Zuhause, das ist ein …«
   »Gehen Sie«, warf Lyeen ein. Sie hatte das Gefühl, an ihrem Zorn gleich zu ersticken.
   Einen Wimpernschlag später fauchte Itai auf ihrer Schulter und Vaels Leibwächter stürmten in den Flur und Lyeen fragte sich, wann es das letzte Mal vorgekommen war, dass ein Mensch dem Erzengel ins Wort gefallen war.
   »Wartet draußen.«
   Die Blutsauger verschwanden in den Hausflur, positionierten sich jedoch im Türrahmen und nicht daneben. Itai hingegen schlängelte den Schwanz um ihren Oberarm und sah mit zusammengekniffenen Augen und hängenden Ohren zu seinem Herren. Offensichtlich schmollte der Affe. Die Anweisungen von Vael schienen ihm mal wieder nicht zu gefallen.
   »Sie sollten meine Wachen nicht reizen. Sie verstehen keinen Spaß.«
   »Ich auch nicht«, erwiderte Lyeen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ihre Anwesenheit verursacht vor dem Haus einen Massenauflauf. Ich vermute, die ersten Bilder sind bereits im Weltennetz zu sehen. Verdammt, jetzt muss ich umziehen und mein Gesicht …«
   »Das trifft sich gut, ich hatte genau das Gleiche im Sinn«, warf der Erzengel mit sanfter Stimme ein. »Ich bin es nicht gewohnt, auf Itais Gesellschaft zu verzichten.«
   Lyeen blinzelte mehrfach. »Was heißt das?«
   »Ich habe ein Zimmer für Sie in meinem Haus herrichten lassen«, erklärte Vael. Er faltete die Flügel auf dem Rücken und trat in den Flur. Dabei musste er den Kopf einziehen und sich seitlich durch die Türöffnung schieben, weil seine Schwingen nicht hindurchpassten.
   Lyeen wich hastig zur Wand zurück und lehnte sich dagegen. Als der Erzengel vor ihr stehen blieb, schnürte ihr jäh ein klaustrophobisches Gefühl die Kehle zu. Er füllte ihre winzige Diele aus, in der eigentlich nur sie und ein Schuhschränkchen Platz hatten.
   Sie drückte sich an den rauen Verputz und atmete flach ein. Erwachender Frühling, rein und sonnendurchflutet, kitzelte ihre Nase. Das Aroma ergoss sich über ihre Sinne, als badete sie in einem Blumenmeer. »Kommt gar nicht infrage«, presste sie zwischen den Zähnen hervor. Ihre Wohnung war so hässlich und winzig wie ein Kellerloch, dennoch zog sie es vor, hierzubleiben. Sie wollte nicht eine Minute länger als nötig mit dem Erzengel verbringen. Er war einfach zu gefährlich für ihr inneres Gleichgewicht. Seine Nähe spülte mit beständiger Zähigkeit die Schmerzen von Itais Gift aus ihren Erinnerungen und füllte ihren Körper mit tödlichen Sehnsüchten. »Ich bin nicht Ihr Lakai. Ein Job und dann trennen sich unsere Wege.«
   Vael baute sich vor ihr auf und lachte leise. »Mir scheint, meine Gesellschaft ist Ihnen nicht angenehm.«
   »Da ziehe ich lieber in einen Raubtierkäfig ein«, entfuhr es Lyeen. »Dort habe ich eher die reelle Chance, zu überleben.«
   Das Lächeln auf seinem Gesicht vertiefte sich. Zu ihrem Entsetzen beugte er sich zu ihr herab, bis seine Lippen ihr Ohr berührten. »Aber kein Tier kann Ihre Sehnsüchte so erfüllen wie ich.«
   »Vielleicht nicht«, würgte sie hinaus. »Trotzdem kuschle ich mich lieber an einen Berglöwen.«
   »Wirklich?«, raunte Vael und strich mit der Zunge über ihr Ohrläppchen.
   Lyeen stöhnte auf und krallte die Fingernägel in den Verputz. Ein schmerzhaft süßes Ziehen wanderte von ihren Brüsten in ihren Unterleib. Explosive Lust, vermischt mit Entrüstung, ließ ihren Puls in die Höhe schnellen. Der Schwachkopf, der im Weltennetz geschrieben hatte, der Erzengel besäße keine Spielernatur, gehörte für wenigstens einhundert Jahre ins Himmelsfeuer.
   »Er spielt nicht mit mir, er tötet mich sauber und schnell«, krächzte Lyeen.
   »Wo bleibt da das Vergnügen?«, entgegnete Vael und biss in ihr Ohrläppchen.
   Zwischen ihren Schenkeln begann es zu pulsieren. Ihre Haut glühte vor Sehnsucht nach den Berührungen des Erzengels. Eine Malerei aus Shariels Badezimmer tauchte in ihrem Kopf auf, nur dass Vaels Hände über ihren Leib glitten und Stellen erkundeten, die kein Sonnen… »Verflucht, hören Sie auf. Ich bin nicht Ihre Liebessklavin«, zischte Lyeen. Ihr Körper mochte schwach sein, doch ihr war einerlei, nach was er sich sehnte. Kein Engel würde sie je besitzen. Menschen waren für die Himmelswesen Gebrauchsgegenstände, die nach Benutzung im Müllcontainer landeten. »Niemals werde ich in Ihrem Bett liegen, egal, wie viel Pheromone Sie auf mir zurücklassen. Irgendwann verschwinden diese.«
   Vael richtete sich auf. Sie rechnete mit seinem Feuer, dass wie ein Sturm über sie hinwegbranden würde. Indes umspielte seine Mundwinkel ein Lächeln, das gefährlicher wirkte als seine himmlischen Flammen. Es vermochte Eiskristalle in Rekordgeschwindigkeit aufzutauen, und ihr Herzschlag auf die doppelte Geschwindigkeit zu erhöhen. Die Versuchung, seine verboten sinnlichen Lippen mit der Zunge zu erkunden, schnürte ihren Brustkorb vor Verlangen zu und verbannte ihren Verstand in den Kern des Planeten.
   »Ich hatte auch nicht an mein Bett gedacht«, sagte er und strich mit dem Zeigefinger über ihren Arm. »Das bietet nicht den Freiraum für das, was mir vorschwebt.«
   Lyeens Knie zitterten. Shariels Ruhemöbel bot mehr Spielfläche, als sich ein Mensch vorzustellen vermochte. Unzählige Bilder huschten durch ihren Kopf. Aber selbst, als sich die Wandmalereien dazugesellten, fand sie nicht heraus, an welche Sexspiele der Erzengel dachte. Mit Mühe schaffte sie es, ihre Frage diesbezüglich hinunterzuschlucken. Sie würde sich nicht ködern lassen. Niemals. »Warum sind Sie hier?«
   Er kniff die Augen zusammen, senkte den Kopf und blickte auf das Bänderkleid in ihrer Hand. »Dieses Gewand hat Shariel vor über sechshundert Jahren seiner Gefährtin geschenkt. Wenn Sie es morgen Abend tragen, werden Sie aufgrund der Farben für reichliche Verwirrung sorgen.«
   Lyeen biss sich auf die Unterlippe. Woher hatte ihre Freundin dieses Kleid? Und warum hatte die Vampirin es ihr praktisch hinterhergeworfen? Beinahe stöhnte sie laut auf. Itai. Natürlich wusste Vael von ihrer Unterhaltung mit Alya und zwar jedes einzelne Wort. Indes glaubte Lyeen nicht, dass der Engel aus Eifersucht handelte. Sein Eigentum war dabei, in ein anderes Spielfeld zu hüpfen, weil es sich in Shariels Farben kleiden wollte. Vael holte sich nur zurück, was seiner Meinung nach ihm gehörte.
   »Ich bin nicht Ihr Besitz, Erzengel«, sagte Lyeen. Sie schlüpfte an ihm vorbei und eilte in ihr Wohnzimmer. Zwei Schritte später blieb sie stehen. Ihr Versteck war keins mehr. Die Luft schmeckte nach dem zarten Grün eines erwachenden Frühlingstages. Vaels Aroma erdrückte sie nicht wie das von Shariel, allerdings raubte es dem Raum seine kühle Distanziertheit und füllte ihn mit dem frischen Duft eines sonnigen Morgens.
   »Ist es falsch, zu jemandem zu gehören?«, fragte Vael und trat hinter sie. »Ich dachte, dass Menschen dies als Glück empfinden.«
   »Eine Partnerschaft ist kein verbrieftes Recht auf den Besitz des Gefährten«, entgegnete Lyeen. Sie warf das Kleid auf ihr Bett und blickte dem Stoff hinterher, der sich aufbauschte und wenig später geschmeidig auf ihr Laken glitt. »Eine Beziehung ist keine Sklaverei.«
   Vael lachte leise. Die Töne perlten über ihre Haut wie eine seidige Lotion aus Himmelsblumen. Plötzlich lagen seine Hände schwer und heiß auf ihren Hüften. Erwachender Frühling füllte ihre Lungen. Verführerisch und sündig.
   »Wieso gibt es dann diverse Sexspiele, in der immer nur einer den dominierenden Part übernimmt?«
   Lyeen biss sich auf die Unterlippe und starrte zu ihrem abgewetzten Sessel. Die Antwort lag ihr auf der Zunge, doch sie weigerte sich, die Worte auszusprechen. Vael würde sich daran entlangschlängeln wie eine Anakonda. »Ich denke, Alya hat recht. Das Kleid wird mir hervorragend stehen.«
   Hinter ihr atmete der Erzengel tief ein. Kurz darauf hallte sein leises, warmes Lachen durch ihr Wohnzimmer. »Sind Sie zu der Einsicht gelangt, dass ich doch ein fühlendes Herz besitze?«
   »Haben Sie eins?«
   »Manche Fragen sollte man nicht stellen«, raunte er in ihr Ohr. »Die Antworten könnten nicht so sein, wie man sie sich wünscht.«
   Ein kribbelndes Zittern jagte durch Lyeens Körper. Verzweifelt wehrte sie sich gegen das Verlangen, den Rücken an seine Brust zu lehnen. Ein paar Millimeter Luft trennten sie voneinander, die erfüllt waren von Vaels magnetisierender Körperwärme. Und doch haftete dieser winzigen Distanz der widerliche Geschmack des Todes an. Itai saß auf ihrer Schulter. Binnen einer Sekunde würde er sie zum Gott der Finsternis schicken, sollte sie seinen Herren ohne Erlaubnis berühren.
   »Sie nutzen nicht nur Ihr Himmelsfeuer zur Folter«, würgte Lyeen hinaus.
   »Eigentlich schon, aber Sie stellen die falschen Fragen.«
   Heftig schüttelte sie den Kopf. »Niemals werden diese Worte über meine Lippen kommen.«
   Die Hände des Erzengels wanderten zu ihrem Bauch und Lyeen grub die Nägel in ihre Handflächen. Das Verlangen, ihn zu berühren, peitschte dumpfe Schmerzen durch ihren Körper. Sie fühlte sich wie ein eingesperrter Hund, dem vor die verschlossene Gittertür eine silberne Schüssel mit hauchzartem Lendenfilet gestellt worden war. Die Folter konnte nur im Wahnsinn enden.
   »Sie peinigen sich mit dieser Weigerung nur selbst«, flüsterte Vael nahe an ihrem Ohr. Seine Hände glitten unter ihr Top und blieben heiß auf ihrer Haut liegen. »Ihre Fesseln hinterlassen mehr Wunden als meine.«
   Lyeen keuchte auf. Reines Verlangen explodierte in ihrem Unterleib und schickte ein zittriges Beben bis zu ihren Zehen. Gier füllte ihren Körper aus und quetschte mit ihrer Maßlosigkeit die Luft aus ihren Lungen. Verzweifelt presste sie die Lippen aufeinander, um nicht die Worte an ihn zu richten, auf die er wartete. Es stimmte, sie folterte sich mit der Weigerung, ihn um Erlaubnis zu bitten. Indes beraubte sie ihn damit gleichfalls eines Vergnügens. Sie durfte ihn nicht berühren und Lyeen glaubte nicht, dass der Erzengel auf dominante Sexspiele stand. »Die Wunden werden heilen«, entgegnete sie. Mühsam rief sie sich die Schmerzen in Erinnerung zurück, die sie über ein halbes Jahr lang in Wahnsinn gehüllt hatten. Nichts half gegen diese Qualen, kein Blocker und auch keine Drogen. Ihre Wahrnehmung hatte sich einzig auf ihren Körper beschränkt, der, gepeinigt von Itais Gift, trotzdem nicht den Sprung in den Tod geschafft hatte. Einhundertneunzig Tage bekam Lyeen weder etwas von ihren Eltern mit, noch dass sie in einem Medicalcenter lag. Nach ihrem Erwachen konnte sie eine Woche lang nicht sprechen. Vom vielen Schreien waren ihre Stimmbänder vollkommen überlastet gewesen.

5. Kapitel

Auf Vaels Zunge legte sich der Geschmack von klirrendem Stahl und fegte das fruchtig wilde Aroma ihrer Lust hinfort. Lyeen schälte sich aus seinen Armen und trat vor ihren Vidschirm. Sie strich sich eine Locke hinters Ohr, die zuvor ihre Narben bedeckt hatte. Scharf gab der Monitor die gezackten Linien wider, die nach seiner Meinung ihre Schönheit auf außergewöhnliche Weise unterstrichen. Er ahnte, dass seine Ansicht mit der Alltäglichkeit einherging, die Ästhetik für ihn zur Gewohnheit werden ließ. Seit Jahrhunderten sah er sich Vampiren und Engeln gegenüber, deren Äußeres die Unübertrefflichkeit geformt hatte und nicht die Zufälligkeit der Natur. Mit dem Voranschreiten des Wissens und der technischen Möglichkeiten traten auch Menschen in diese Fußstapfen und brachten nur Babys zur Welt, deren Schönheit ihrem hohen Intelligenzquotienten entsprach. Das Lyeen ihre Narben hasste, war eine logische Reaktion auf ihre Umwelt. Und doch war sie genau wegen dieser Wundmale einzigartig.
   »Willst du sie deshalb?«, fragte Itai.
   »Sie ist ein Juwel in einer gigantischen Truhe voller Gold«, entgegnete er und stellte gleichzeitig die Flügel auf. Diese Eine beschäftigte weit mehr seine Gedanken, als es irgendein Lebewesen in den letzten fünfhundert Jahren getan hatte. »Die Wunden werden heilen, aber Narben zurücklassen«, sagte er und lehnte sich an den schlichten Wandschrank.
   Lyeen zuckte trotz seiner Worte nicht zusammen. Sie wusste ebenso wie er, dass die Wundmale nicht ihr Äußeres zeichnen würden. Jede andere Menschenfrau hätte längst die Bitte um Erlaubnis ausgesprochen, ohne zu wissen, ob er bereit war, sein Einverständnis zu geben. Lyeen hingegen wusste, dass er die Frage nicht verneinen würde.
   »Sie hasst dich«, wisperte Itai in seinen Gedanken. »Du solltest den Bolzenhammer zerstören, er könnte dir gefährlich werden.«
   »In ihr ist jede Menge Wut, aber hassen tut sie nur sich.«
   »Warum willst du das Risiko eingehen?«, schimpfte sein Himmelsäffchen. »Es gibt Millionen andere, die deinen körperlichen Hunger mit unterwürfiger Hingabe stillen würden.«
   »Du hast es erfasst«, gab Vael zurück und trat neben Lyeen. »Egal, nach was ich mich sehne, sie erfüllen mir meine Wünsche und vergessen ihr eigenes Begehren dabei völlig. Lyeen würde sich niemals so weit demütigen.«
   »Du willst sie, weil sie eine neue Erfahrung für dich ist«, schlussfolgerte Itai.
   »Gut möglich.« Seine Antwort entsprach nur einer Teilwahrheit, doch Vael hatte nicht vor, seinem Schoßtier zu viel zu verraten. Das Äffchen könnte in einem unbedachten Moment sein Wissen Lyeen gegenüber ausplaudern. Das würde das zarte Band zwischen ihnen augenblicklich zerstören und dieses Risiko wollte Vael nicht eingehen.

*

»Ich bin Schmerzen gewöhnt«, konterte Lyeen und trat einen Schritt beiseite. »Ich komme damit klar.« Das tat sie nicht, aber die Erinnerungen an Itais Gift hatten die Lust aus ihr hinfortgespült. Trotz alledem sehnte sie sich danach, Vael zu berühren. Er war kein Geschenk, das in glänzendes Metallpapier eingewickelt wurde, um den Herzenswunsch eines Kleinkindes zu erfüllen. Und doch fühlte sich Lyeen an jenen Tag zurückversetzt, als sie voller kindlicher Begeisterung mit ihren Eltern zum Festplatz gegangen war. Dreizehn Jahre schrumpften in ihr und ließen ein Mädchen zurück, dass vor lauter Euphorie alles vergaß.
   Kurz schloss sie die Augen und atmete tief ein. Sie war nicht mehr das kleine, unbekümmerte Kind, das in ihren Träumen Dinge erlebte, die selbst in Märchen nicht wahr wurden. Zwischen damals und heute lagen zu viele mit Kummer ausgefüllte Jahre. Wenige Wochen nach ihrem achten Geburtstag hatte sie plötzlich ohne Eltern und ein Zuhause dagestanden. Der Vermieter hatte sie am Nacken gepackt und aus dem Mietshaus geworfen, selbstverständlich nicht, ohne vorher Handschuhe anzuziehen. Sie war nicht nur ein Monster, es bestand die Gefahr, dass ihr äußerer Makel ansteckend war.
   Um nicht beschimpft zu werden, hatte Lyeen die Haare vor die Narben gehalten und war stundenlang durch die Hauptstadt geirrt. Sie wusste nicht, wohin sie gehen oder an wen sie sich wenden sollte. Seit dem Zwischenfall mit Itai besaßen weder ihre Eltern noch sie Freunde. Irgendwann am Abend erreichte sie eine Gegend, die sie nicht kannte. Die Häuser waren uralt und es roch komisch. Als es dunkel wurde, sank sie entkräftet vor eine Haustür. Vor Kälte klapperten ihre Zähne, ihr Magen hatte das Knurren längst aufgegeben. Sie kroch in eine Ecke und deckte sich mit ein paar Laubblättern zu. Betrunkene liefen vorbei, wiederholt hörte sie Schreie, dazwischen Gejohle und laute Musik. Vor Angst fand sie keinen Schlaf, zudem zitterte sie mittlerweile am ganzen Körper. Als der Vollmond hoch über ihr stand und die dunklen Schatten aus den Gassen vertrieb, blieben zwei Männer vor dem Haus stehen. Ihre Alkoholfahnen ließen Lyeen würgen. Obwohl ihr Magen leer war, musste sie sich mehrmals übergeben. Sie kam nicht mehr dazu, ihr Gesicht zu säubern. Einer der Kerle packte sie und drückte sie in die Ecke. Er presste ihr seine schmutzige, stinkende und schwielige Hand auf den Mund und zerrte an ihrer Hose. Als er den Magnetverschluss öffnete, schaffte es Lyeen, ihm in den Zeigefinger zu beißen. Ihre Reißzähne enthielten kein Gift, aber sie waren spitz. Sein warmes Blut lief in ihren Mund und vertrieb die Kälte und das Zittern aus ihrem Körper. Der Typ begann zu schreien, gleichzeitig krachte seine Faust auf ihr linkes Auge. Der Schlag riss Lyeen von den Füßen. Sie schlug hart mit dem Kopf an die Hauswand, Schmerzen vernebelten für ein paar Momente ihre Sinne. Doch das frische Blut des Kerls verlieh ihr Kraft. Lyeen grub ihm die Fingernägel in die Wangen und trat ihm gegen das Schienbein. In dem Augenblick wurde sie an den Haaren herumgerissen und auf das Pflaster des Gehwegs geworfen. Kaum lag sie, trat der zweite Typ auf sie ein, überall dorthin, wo er hinkam. Lyeen begann zu schreien und verstummte jäh, als sie eine Messerklinge an der Kehle spürte. Der erste Mann zog ihre Arme über den Kopf und fesselte mit einem Strick ihre Handgelenke. Der Zweite riss ihr die Hose hinunter und spreizte ihre Beine. Trotz der Klinge an ihrem Hals schrie Lyeen auf und strampelte. Im nächsten Moment krachte eine Faust in ihr Gesicht, wieder und wieder. Nach dem dritten Schlag tanzten Sterne vor ihren Augen, Blut lief aus den Platzwunden und tropfte auf die Pflastersteine. Schwielige Hände umklammerten ihre Oberschenkel und drückten ihre Beine noch ein Stück weiter auseinander. Dann klirrte irgendetwas und ein Keuchen erklang. Ein dumpfer Aufprall folgte und die groben Finger von ihren Oberschenkeln verschwanden.
   »Onar, du bist ein widerliches Schwein«, rief eine weibliche Stimme. Flammend rote Haare und wunderschöne silbergraue Augen tauchten in Lyeens Blickfeld auf. Die Lippen der Vampirin bewegten sich, doch sie verstand kein Wort mehr. Um sie herum war alles dunkel geworden und der Schmerz floh für ein paar Stunden aus ihrem Körper.
   Lyeen grub die Nägel in ihre Handflächen. Mühsam scheuchte sie die Erinnerungen in ein finsteres Versteck irgendwo in ihrem Kopf. Sie hatte diese Nacht damals überlebt und nach zwei Jahren unentwegter Hänseleien eine Freundin gefunden. »Warum sind Sie hier?«, fragte sie den Engel und drehte sich zu ihm um.
   »Um Ihnen etwas zu zeigen«, erwiderte Vael mit einer Stimme, die über ihre Haut glitt, als würde der Erzengel sie auf zärtliche Weise berühren. Trotz ihrer Kindheitserinnerungen schaffte es Lyeen nicht, sich gegen die Wärme zu wehren, die sich heimlich in ihren Körper schlich. Ein Kribbeln wanderte durch ihren Bauch, allerdings fehlte diesem Gefühl die erotisierende Wirkung. Es fühlte sich eher an, als hätte sie der Engel in eine Decke gehüllt und striche ihr sanft die Haare aus der Stirn, um die bösen Albträume zu vertreiben.
   Vael zog einen Datenkristall aus seiner Hose und legte ihn auf das Gravitationsfeld ihres Lasers. Der Vidschirm erhellte sich und Tanes Kopf tauchte auf dem Monitor auf. Der Vampir saß auf einem schlichten Metallstuhl. Vor ihm befand sich ein Schreibtisch, auf dem eine Karaffe mit einer dunkelroten Flüssigkeit stand.
   »Der Speicher ist ein Geschenk für meinen Herren«, sagte der Blutsauger und beugte sich nach vorn. »Erledigen Sie den Auftrag bis morgen früh.«
   »Selbstverständlich«, entgegnete Rilad mit einer Unterwürfigkeit in der Stimme, die Lyeen kurz würgen ließ. »Wo soll ich den Datenspeicher hinliefern lassen?«
   »Das ist nicht nötig, er wird abgeholt. Sobald ich den Speicher habe, transferiere ich Ihnen die drei Millionen Credits.«
   Ihre Übelkeit verflog und machte Empörung Platz. Ihr Boss hatte sie mit einem Drittel des Betrages abspeisen wollen. Vereinbart waren sechzig Prozent. Sie würde wohl doch einmal einen Blick auf seine Konten werfen müssen.
   »Anhalten«, sagte Vael und blickte sie an. »Kennen Sie den Raum, in dem sich Tanes befindet?«
   Lyeen sah zu dem Standbild des Blutsaugers. Die Kammer hinter ihm war vollkommen schmucklos. Sie entdeckte weder Möbel noch ein Fenster oder eine Tür. An den kahlen Wänden aus Titan befand sich kein Verputz und auch keine Tapete.
   »Er ist nicht im Haus meiner Eltern«, antwortete Lyeen. »Der Landsitz ist achthundert Jahre alt und wurde aus Granitblöcken errichtet.«
   »Der Keller auch?«, fragte der Erzengel und blickte sie mit aufgestellten Flügeln an.
   »Ja.«
   »Kennen Sie Joos’ andere Anwesen?«
   »Nein, gleichwohl bezweifle ich, dass seine Prunkobjekte aus Titan und Diamantglas hergestellt sind. Diese Materialien verwenden Neureiche oder Geschäftsleute, aber kein Prinz, der aus einem alten Königsgeschlecht stammt.«
   Vael hob eine silberschwarze Augenbraue »Also ein Haus, von dem die Öffentlichkeit nichts weiß.«
   Lyeen nickte. »Fahr mit der Aufzeichnung fort«, wies sie ihren Vidschirm an.
   Der Rest der Unterhaltung erwies sich als kurz. Tanes verabschiedete sich und Rilad bedankte sich überschwänglich für den Auftrag des Vampirs. Zu ihrem Ärger entdeckte Lyeen auch in dem Raum wenig Neues. An den glatten Wänden befand sich nichts. Leuchtpaneele, die in der Decke eingelassen waren, erhellten die Kammer. Der Schreibtisch bestand aus kühlem, schlichten Stahl, ebenso wie der Stuhl, auf dem der Blutsauger saß. Vom Fußboden sah sie nur einen winzigen Ausschnitt. Reines Weiß, makellos sauber. Fliesen, wie sie ihr Vater in …
   »Das ist ein Labor«, entfuhr es Lyeen. Die Sterilität des Raums wirkte wie in einem Medcenter oder in einer Forschungseinrichtung.
   »Die Frage ist, wo es sich befindet und ob Joos dort auch meine Träne aufbewahrt.«
   Lyeen verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. »Er wird den Besitz des Gebäudes auf keinen Fall im Stadtarchiv eintragen lassen haben. Eine Suche können wir uns also sparen. Ich vermute allerdings, dass es abgelegen in einem Wald liegen wird, wo sein Kommen und Gehen unbemerkt vor neugierigen Augen bleibt.«
   Der Erzengel griff nach dem Datenspeicher und schob ihn in seine Hose zurück. »Zeig mir einen Plan der Hauptstadt.«
   Der Vidschirm erhellte sich erneut und gab eine Karte von Issur wider, die Vael vergrößerte, bis der Verlauf des Siral deutlich sichtbar wurde. »Ich vermute das Anwesen hier oder hier«, sagte er und tippte auf zwei Wälder, die der Fluss durchquerte. »Die Gebiete sind nicht öffentlich zugänglich, weil sie zu Joos’ Privatbesitz gehören. Er nutzt sie nicht zur Jagd und mir ist nicht bekannt, dass sich dort Landhäuser befinden.«
   »Soweit ich weiß, besitzt er in der Hauptstadt noch ein Palais am Kristallsee und eine Villa am schwarzen Felsentor«, entgegnete Lyeen. »Beide sind aus Marmor- oder Granitblöcken erbaut.«
   »Sie fallen demzufolge aus«, sagte Vael. »Ich könnte das Waldstück von Leaniel auseinandernehmen lassen, aber wenn unsere Vermutung falsch ist, sind die politischen Konsequenzen nicht vorhersehbar. Ganz abgesehen von dem Skandal, der in fünfzig Jahren nicht vergessen sein wird.«
   Dass sich der Erzengel über die Folgen seiner Handlungen derartige Gedanken machte, erstaunte sie. Bislang hatte sie angenommen, dass seine Position unantastbar war, allerdings schien sie sich da zu irren.
   Vael sträubte die Federn. »Ich weiß, einen Vampir zu stehlen, ist nicht gerade ein alltäglicher Auftrag, aber …«
   »Nein, es ist eher ein Befreiungsversuch«, warf Lyeen ein, bevor sich der Erzengel ganz verhedderte. »Zwei Wünsche.«
   Als er die perfekten Augenbrauen hob, streckte sie das Kinn vor. »Zwei Aufträge, zwei Wünsche.«
   Vael lachte leise und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ruhen in Ihrem Herz doch noch andere Sehnsüchte?«
   »Warten Sie es ab«, entgegnete Lyeen und senkte rasch den Blick. Engel sollten nicht lächeln und vor allem dieser eine vor ihr nicht. Das müsste ihm wegen der Gefahr eines Herzinfarktes verboten werden.
   »Einverstanden«, sagte Vael mit einer Stimme, die eine magnetische Wirkung besaß. Als wäre sie ein Leitstrahl, der eine Raumfähre nach Hause brachte.
   Mühsam bezwang sie das Verlangen, einen Schritt auf ihn zuzugehen und lief stattdessen rückwärts zu ihrem Sessel. Sie ließ sich auf das abgewetzte Leder fallen und starrte mehrere Augenblicke lang auf den Vidschirm. Stück für Stück befreite sie ihren Kopf von dem Nebel, den der Erzengel um ihr Hirn legte. In seiner Nähe verabschiedete sich ihr Verstand und schien auf Reisen zu gehen. »Für die beiden Waldgebiete existieren keine Überfluggenehmigungen. Die Gegend zu Fuß zu erkunden, würde vermutlich ein paar Wochen dauern. Und Alya kann die Spur von Tanes nicht aufnehmen, weil er garantiert mit einem Schwebefahrzeug zu seinem Gefängnis gebracht worden ist.«
   Schritte glitten so leise wie ein Windhauch durch ihr Zimmer. Lyeen hob den Blick und erstarrte. Vael hatte sich auf ihr Bett gesetzt. Seine Federn hinterließen Diamantglanz auf dem hellblauen Laken, das jetzt wie ein Juwel im Sonnenlicht glitzerte.
   Jäh schmerzte ihr Magen von der Gefühlsmischung, die sie empfand. Der Anblick des Erzengels auf ihrem Ruhemöbel löste gleichzeitig Verdruss und Begehren in ihr aus. Ein Cocktail, der ihr Blut in Wallung brachte, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Seitdem sie in die Wohnung eingezogen war, hatte kein Mann einen Fuß hier hereingesetzt und erst recht nicht auf ihrem Bett gelegen. Als sich Vael auf das schlichte Laken setzte, raubte er endgültig ihrem heimischen Kellerloch die triste Kühle. Der Erzengel passte nicht annähernd in ihr winziges Bett und doch berauschte sie der Gedanke, ihn darin liegen zu sehen.
   »Engel benötigen keine Überfluggenehmigung«, sagte er und blickte sie mit Augen an, die so unglaublich silberblau waren, dass Lyeen vor lauter Verzückung hineinkriechen wollte. »Leaniel wird Joos’ Haus finden.«
   Daran hegte sie keinen Zweifel. Vaels Sicherheitschef eignete sich durch seine Flügel hervorragend zum Spionieren und Lyeen war sicher, dass der Erzengel darin Erfahrung hatte.
   Ein dumpfes Dröhnen lenkte sie von ihren Überlegungen ab. Sie blickte zur Tür und blinzelte mehrfach. Zwei Vampire befestigten eine Hochsicherheitstür im Rahmen und stellten die Sensoren auf ihre biometrischen Daten ein.
   Sie wandte den Kopf ab und sah zu Vael. Der Engel hatte sich nicht gerührt, jedoch umspielte ein Lächeln seine Lippen, das so geheimnisvoll wirkte wie die Engelfelsen im schwarzen See.
   »Haben Sie einen Zweitschlüssel?« Schlüssel aus Metall existierten seit acht Jahrzehnten nicht mehr. Sie wurden von Codekarten ersetzt, die sich indes als unzuverlässig herausgestellt hatten, weil sie von Einbrechern leicht zu knacken waren. Daher setzten sich biometrische Sensoren durch, die in Sekundenbruchteilen eine sich nähernde Person scannten und mit den hinterlegten Daten verglichen.
   Das Lächeln auf Vaels Gesicht vertiefte sich, während er aufstand. »Einen solchen benötige ich nicht.«
   Natürlich nicht. Engel besaßen die Fähigkeit, mit ihrem Geist jedwedes elektronische Schloss zu knacken. Eigentlich wären sie die perfekten Diebe, wenn sie denn an menschlichen Besitztümern Interesse hätten.
   »Schlafen Sie gut«, sagte Vael und ging in den Flur.
   Dass er seine Umzugspläne für sie in eine Schublade gepackt hatte, überraschte Lyeen. Allerdings verfügte das Schubfach über keinen Schlüssel und der Erzengel konnte es jederzeit erneut öffnen.
   »Bewacht sie.« Die Stimme des Regenten drang in ihr Wohnzimmer, bevor die Tür ins Schloss fiel.
   Lyeen ahnte, dass er es nicht bei den beiden Vampiren belassen würde, die noch vor ihrer Tür standen, doch sie war inzwischen zu müde, um das Haus nach weiteren Blutsaugern abzusuchen. Gähnend rieb sie sich über die Augen und blickte zum Vidschirm. »Stell eine Verbindung zu Alya her.«
   Der Monitor erhellte sich und zeigte einen Moment später das Wohnzimmer der Vampirin. Sie saß auf ihrem Sessel und wirkte, als hätte sie auf den Anruf gewartet.
   Lyeen knirschte mit den Zähnen und sprang auf. »Du hast gewusst, dass er hier ist.«
   Der Vorwurf erschütterte Alya nicht eine Sekunde. »Süße, anders als du verdränge ich nicht die Tatsachen.«
   Mit zu Fäusten geballten Händen ging Lyeen zu ihrem Bett. Itai hüpfte von ihrer Schulter und klammerte sich an eine Querverstrebung, während sie sich auf das diamantglitzernde Laken sinken ließ. Sie empfand noch immer Erbitterung, weil Vael in ihr Versteck eingedrungen war und ihm die seelenlose Nüchternheit geraubt hatte. Absichtlich hatte Lyeen dieser Wohnung niemals Charme verliehen. Die kühle Einrichtung sollte sie jeden Moment daran erinnern, dass ihr eigentliches Heim seit Jahren einem Prinzen gehörte, der nichts im Herrenhaus ihrer Eltern verloren hatte.
   Sie strich mit den Fingerspitzen über Vaels Diamantstaub. Der Erzengel hatte etwas von sich auf ihrem Laken zurückgelassen, und zwar absichtlich. Wie eine Krümelspur, an deren Ende sich ein gigantischer Pfeil befand, wies der Staub auf Vaels Sehnsucht. Lyeen schluckte mühsam. In ihrem Bauch flatterten unzählige winzige Wesen umher, die vor Euphorie tanzten. Obwohl sie es ungern zugab, streichelte das Begehren des Erzengels ihre weibliche Seele mit Händen, die das Wort Zärtlichkeit neu definierten. Dass der mächtigste Engel von Maleja ausgerechnet sie in seinem Bett haben wollte, wirkte sich auf ihren Groll wie Wasser auf Feuer auf. Jedenfalls ein bisschen. Vaels Verlangen und die Auswirkungen auf sie änderten an ihrer Meinung jedoch nichts. Egal, wie sehr seine Ausstrahlung sie fesselte, er würde sich ein anderes Lustobjekt suchen müssen.
   »Aber so kann ich mein Weltbild aufrechterhalten«, erwiderte Lyeen. Seit dreizehn Jahren existierte die Bitterkeit in ihr und beschützte sie wie eine Mutter. Ohne ihren Zorn wäre sie längst wie ein morscher Ast zerbrochen.
   »Süße, du bist kein Kind mehr«, entgegnete die Vampirin und beugte sich nach vorn. »Die Welt und Vaels Charakter lassen sich nicht mit einem schwarzen Stift auf ein weißes Blatt Papier pressen.«
   Lyeen unterdrückte das Verlangen, sich wie eine Katze in dem Diamantstaub zu rollen und blieb stattdessen still liegen. Tränen sammelten sich jäh in ihren Augen. »Ich brauche meine Wut.«
   »Nein, tust du nicht«, rief Alya und sprang auf. »Du bist kein Monster, sondern immer noch das verängstigte Mädchen, das vom richtigen Weg abgekommen ist.«
   »Weil es nicht auf ihre Eltern hören wollte«, flüsterte Lyeen und wischte sich über die feuchten Wimpern, an denen Vaels Engelsstaub hängen blieb.
   »Du warst sechs und der Drang, alles anzufassen, gehörte ebenso zu deinem kindlichen Wesen wie Naivität. Wir werden nicht mit dem Verstand eines Erwachsenen geboren, denn wir würden andernfalls niemals Weisheit erlangen.«
   »Vielleicht«, nuschelte Lyeen und kringelte sich ein.
   »Schlaf, meine Kleine und anschließend sieht die Welt viel bunter aus«, sagte Alya und lehnte sich an ihren Sessel.
   Lyeen blickte zu ihrem Zeitmesser. »Ein paar Stunden habe ich noch. Kannst du mir heute Nacht helfen, Tanes zu befreien?«
   Die Vampirin runzelte die Stirn. »Wolltest du das nicht morgen beim Himmelsball tun?«
   »Er ist nicht im Haus meiner Eltern. Der Prinz hält Vaels Leibwächter irgendwo anders fest.«
   »Umso besser«, nuschelte Alya. »Ich hatte eh wenig Lust, auf einen langweiligen Ball zu gehen.«
   Ein Augenrollen unterdrückend winkte Lyeen zum Abschied und deaktivierte ihren Vidschirm. Vorsichtig robbte sie ein Stück nach oben und kuschelte sich in ihre Decke. Inzwischen klebte Vaels Diamantstaub überall an ihr. Entschlossen kämpfte sie gegen das Lächeln an, dass sich in ihre Mundwinkel schleichen wollte und blickte zu Itai. Das Himmelsäffchen hockte noch immer auf der Querverstrebung und sah sie aus schmalen Augen an.
   »Was ist?«, murmelte sie.
   »Ich verstehe meinen Herren nicht«, gab er mit einer Stimme zu, die unterschwellig Beunruhigung erkennen ließ.
   »Tröste dich, ich auch nicht«, erwiderte Lyeen und blickte zum Zeitmesser. »Aber jetzt lass mich schlafen. Ich funktioniere im Allgemeinen nicht gut, wenn ich vor Erschöpfung nicht stehen kann.«
   Das Himmelsäffchen schnaubte. »Er hat mich noch nie weggegeben. Seit tausend Jahren nicht.«
   Mit einem Schlag war ihre Müdigkeit verflogen. »Ist Vael so alt?«, fragte sie mit krächzender Stimme. Nacktes Grauen raubte ihr jäh den Atem. Die Unendlichkeit wälzte sich mit erbarmungsloser Härte über ihren Körper. Wie überstanden die himmlischen Wesen die Ewigkeit? Ihr Alltag musste doch irgendwann in Wahnsinn ausarten.
   Itai sprang auf ihr Kopfkissen und funkelte sie an. »Hörst du mir überhaupt zu? Verstehst du, was ich dir sagen will?«
   Lyeen bezwang das Verlangen, den arroganten Affen vor die Tür zu setzen. Sie schätzte, dass nur wenige Minuten später der Erzengel ihre Tür eigenhändig aus den Angeln heben würde.
   »Nein, ich schlafe«, entgegnete sie und drehte sich zur anderen Seite. »Das solltest du auch. Leaniel wird nicht lange benötigen, um Joos’ Haus zu finden.«
   Weil Itai nichts erwiderte, zog sie die Beine an und schloss die Augen. Lyeen wollte nicht einen weiteren Tag warten, obgleich ihre Verurteilung näher rückte, wenn sie Vaels Träne in den Händen hielt und Tanes befreit hatte. Alya hatte ihr geraten, die Situation zu ändern. Das ging jedoch nur, solange Vael zu seinem Wort stand. Da für Engel ein gegebenes Versprechen einem Schwur gleichkam, zweifelte sie nicht daran, dass er das würde. Aber sie musste sich den Wortlaut der Wünsche genau überlegen. Der Erzengel sehnte sich nach etwas, was sie nicht bereit war, ihm zu geben.

*

Vael flog zur Erzengelburg, landete auf einem Balkon an der Nordseite und betätigte mit dem Geist den Öffnungsmechanismus für die Diamantglastür. Er betrat den Saal der Tränen und lief zu einem Schwebefahrstuhl. Eine Etage darunter verließ er das Gravitationsfeld, wandte sich nach rechts und ging in einen Raum, der in steriles Weiß gehüllt war. Sybilla stand neben einem Schwebetisch aus Titan, ihre magentafarbenen Flügel schleiften leicht über die Fliesen.
   »Hast du schon die Todesursache ermitteln können?«
   Die Heilerin fuhr herum, während ihr Himmelsäffchen auf den Ast einer Königspalme sprang. Kidai wirkte ebenso besorgt wie seine Herrin. Sybillas makelloses Gesicht ließ keine Gefühlsregungen erkennen, und doch bemerkte Vael in ihren veilchenblauen Augen einen Hauch Entsetzen.
   Sie schüttelte den Kopf. »Die genaue Ursache habe ich leider noch nicht. Sie hatten innere Blutungen, ihr Herz hat versagt und sie haben zahlreiche Deformationen und Knochenbrüche. Ihre DNA ist verändert worden und ich habe in ihrem Blut Enzyme gefunden, die ich nicht kenne.«
   Vael trat neben einen der drei Titantische und blickte auf die Leiche einer etwa fünfundzwanzigjährigen Frau. Ihr Schädel war seltsam verformt, ebenso ihre Ohren. Haare und Wimpern fehlten, ihre Augen waren schwarz. An ihren Handgelenken ragten Knochen heraus, die von einigen Hautfetzen umhüllt wurden. Vael sah zu den beiden anderen Opfern und entdeckte an ihnen die gleichen Missbildungen.
   »Wie ist ihre DNA verändert worden?«, fragte er und ballte die Hände zu Fäusten. Derart verstümmelte Leichen hatte er zum letzten Mal im Krieg gesehen. Seit er danach seine strengen Gesetze erlassen hatte, wurden nur noch selten Mordopfer gefunden und falls doch, starben sie an einer Kugel im Herz. In der Gosse offenbarte die Morgensonne auch Leichen, die während einer Messerstecherei getötet worden waren, jedoch wurde seit dem Krieg kein Mensch mehr derart misshandelt und zu Tode gequält.
   »Mit einem tierischen Biomolekül. Aber welche Art kann ich erst sagen, wenn die Ergebnisse vorliegen«, antwortete Sybilla und reichte ihm einen Datenkristall. »Ich habe den Ablauf rekonstruiert, wie es zu den Veränderungen gekommen ist. Dennoch ist mir nicht klar, warum die Missbildungen überhaupt entstanden sind, obwohl ich das Gefühl nicht loswerde, dass ich es wissen müsste. Vielleicht findest du die Antwort.«
   »Ich sehe es mir an«, erwiderte Vael und schob den Speicher in seine Hosentasche. »Sag mir Bescheid, wenn die Ergebnisse vorliegen. Hast du sonst irgendwelche Spuren gefunden, die uns verraten, von wem und wo sie gefoltert wurden?«
   »Nein, nichts. Ihre Körper sind von Kopf bis zu den Zehen gereinigt worden. Es gibt nicht ein Krümelchen unter ihren Nägeln oder ein Fingerabdruck auf ihrer Haut. Selbst Geruchspartikel fehlen. Sie sind, bis auf die minimalen Spuren von dem Ort, an dem sie gelegen haben, völlig steril.«
   »Verdammt«, fluchte Vael.
   »Ich melde mich, wenn ich etwas finde«, sagte Sybilla leise und legte ihm eine Hand auf den Unterarm. »Es dauert zwar eine Weile, doch ich werde die Opfer noch einmal mit einem Handscanner untersuchen. Die Geräte sind kleiner, aber feiner eingestellt.«
   »Danke«, murmelte Vael. Er wandte sich ab, verließ die Pathologie und betrat den Schwebelift. Vier Etagen später stieg er aus und ging zu seinem Büro. Rilads Ausdünstungen lagen noch immer schwer in der Luft, obgleich die Balkonfenster offen standen.
   Vael setzte sich an den Schreibtisch und legte den Datenkristall auf das Gravitationsfeld seines Lasers. Während er sich in seinen Sessel fallen ließ, erschien ein dreidimensionales Hologramm einer jungen Frau. Aus ihren Hand- und Fußgelenken wuchsen Fremdknochen, die wenig später Fleisch und Haut durchstießen. Zeitgleich verformte sich ihr Kopf und wurde runder. Dabei schob sich ihre Nase nach oben und schien irgendwie umgestülpt zu werden. Der Mund wurde schmaler und die Augen nahmen eine schwarze Farbe an.
   Wiederholt betrachtete Vael Sybillas Rekonstruktion der Veränderungen und sah sich auch die der beiden anderen Opfer an. Missmut sammelte sich mit jeder verstreichenden Minute in seinem Magen und lag wie ein Granitfelsen in seinem Bauch. Fast sechshundert Jahre hatten seine Gesetze solche Gräueltaten verhindert und seine Hoffnung bestärkt, nie wieder den Grausamkeiten des Krieges ins Antlitz blicken zu müssen.
   Als sich Flügelschläge näherten, sah Vael auf. Die Abendsonne umhüllte Shariel mit einem feurigen Licht. Der Erzengel landete mit geschmeidigen Bewegungen auf dem Balkon, faltete die Flügel und trat in den Raum. Er verzog angewidert den Mund und ließ sich in den Sessel fallen, in dem Lyeen am Morgen gesessen hatte. Sidai, Shariels Schoßtier, hatte sich am Oberarm seines Herren festgekrallt und den Schwanz um den Unterarm des Engels geschlungen. Das Äffchen öffnete nicht die Augen und drehte Vael zudem den Rücken zu. Offensichtlich schmollte er, weil Itai nicht da war.
   »Du solltest deine Verhöre im Keller durchführen«, sagte Shariel und verzog den Mund. »Bei dem Gestank vergeht mir jeglicher Appetit.«
   Vael unterdrückte ein Kopfschütteln. Seine rechte Hand gab sich seit über fünfhundert Jahren Mühe, den Uraltengeln in die Gleichgültigkeit zu folgen. Allerdings empfand sein Herz zu viel Kummer, um den Weg beschreiten zu können.
   »Was hast du von Mattew erfahren?«
   Shariel seufzte. »Wenig. Er war kaum in der Lage, auf eine Frage zu antworten. Noch schlimmer wurde es, als ich ihm gesagt habe, dass er lebend wieder gehen darf.« Der Erzengel brach ab und verdrehte die Augen. »Vielleicht hätte ich nicht die Wahrheit sagen sollen. Wie dem auch sei, die gefundenen Leichen wurden als Erstes entführt. Die Frau haben die Kidnapper aus ihrem Schwebewagen gezerrt, als sie auf dem Dach eines Einkaufscenters gelandet ist. Die beiden Männer wurden verschleppt, während sie von einer Bar nach Hause unterwegs waren.«
   »Um welche Zeit?«, fragte Vael und stand auf. Er ging um den Schreibtisch herum und trat vor den Balkon.
   »Alle Opfer wurden zwischen Sonnenuntergang und Mitternacht gekidnappt. Auch die Menschen, die noch verschwunden sind.«
   »Haben sie irgendwelche Gemeinsamkeiten?«
   »Nein. Sie sind drei bis achtunddreißig Jahre alt, kennen sich zum größten Teil nicht und gehen den unterschiedlichsten Berufen nach.«
   Vael knirschte mit den Zähnen. Der perfide Killer machte selbst vor Kleinkindern nicht halt. Wie gefühlskalt musste der Perverse sein, um zu so etwas fähig zu sein?
   »Wohnen sie in der gleichen Gegend?«, fragte Vael. Er trat hinaus auf den Balkon und blickte zu dem blauen Band, das sich unweit der Erzengelburg entlangschlängelte. Warum wurden die Leichen ausgerechnet am Siral gefunden? Hatte der Fluss eine besondere Bedeutung für den Mörder oder war es einfach Zufall?
   »Nein, aber sie sind alle in der Nähe des Burglöwenwaldes entführt worden«, antwortete Shariel.
   Vael wandte sich um und ging in sein Büro. »Wo genau?«
   Der Erzengel nahm Sybillas Datenkristall vom Gravitationsfeld und legte einen anderen darauf. Auf dem Vidschirm erschien eine Karte der Hauptstadt, rote Punkte markierten die Stellen, an denen die Menschen das letzte Mal gesehen worden waren. Alle Opfer wurden im Umkreis von sechs Kilometern vom Burglöwenwald entführt. Der Wald lag in der Nähe des Siral und nur fünf Flugminuten von der Erzengelburg entfernt.
   »Stell eine Verbindung zu Leaniel her«, wies Vael seinen Vidschirm an. Einen Moment später tauchte das Gesicht des Erzengels auf seinem Bildschirm auf.
   »Überflieg bitte den Burglöwenwald und such nach Auffälligkeiten. Ein Haus, ein Lagerschuppen oder Ähnliches. Aber versuch, unentdeckt zu bleiben. Ich schätze, Joos wird nicht begeistert sein, wenn er einen Engel über seinem Wald sieht, der allzu offensichtlich schnüffelt.«
   »Weder er noch seine Abwehrgeschütze werden mich bemerken«, entgegnete Leaniel. »Ich melde mich, sobald ich etwas gefunden habe.«
   Vael trennte die Verbindung und die Karte der Hauptstadt erschien erneut auf seinem Monitor. »Die Genialität des Prinzen hat sich scheinbar in Wahnsinn aufgelöst.«
   »Aber was war der Auslöser?«, fragte Shariel. »Er ist unermesslich reich und steht an zweiter Stelle der Thronfolge. Was will er?«
   »Die Frage kann ich dir noch nicht beantworten«, erwiderte Vael. Er gab Shariel den Datenkristall zurück und legte den Speicher auf den Laser, den Lyeen gestohlen hatte. Das Hologramm einer Doppelhelix erschien. Ihr Aufbau unterschied sich krass von dem DNA-Strang eines Menschen. »Nalor Adalis ist es gelungen, Bidacs DNA bis zur kleinsten Sequenzierung zu entschlüsseln und damit die Erbinformationen, die der Vampirfürst an seine Kinder der ersten Generation weitergegeben hat. Dabei ist der Großherzog über etwas gestolpert, was mich ebenso überrascht hat.«
   »Es wird kein Dinosaurierei gewesen sein«, mutmaßte Shariel.
   »Nein. Lyeens Vater hat herausgefunden, dass letztendlich nur das Zusammenspiel zweier Wirksubstanzen im Toxin der Vampire die Verwandlung in einen Blutsauger auslöst. Kurz nach dieser Entdeckung hat sich Adalis von Joos getrennt.«
   »Was die Vermutung aufkommen lässt, dass der Prinz ein Auge auf das Ergebnis von Nalor geworfen hatte.«
   »Wohl beide Augen, ihre Trennung verlief nicht auf friedliche Weise ab«, sagte Vael und nahm den Datenspeicher vom Laser. »Joos hat seinen ehemaligen Kollegen über viele Jahre verklagt und einen Anteil an den Forschungsergebnissen verlangt. Die Richter haben die Klage des Prinzen immer wieder abgelehnt, und als er nicht aufgab, landete die Angelegenheit auf meinem Schreibtisch.«
   Shariel kniff die Augen zusammen. »Ging es Joos einzig um die beiden Substanzen?«
   »Damals habe ich das nicht geglaubt, mittlerweile bin ich mir da nicht mehr sicher. Als ich mit ihm vor meiner Entscheidung gesprochen habe, spürte ich keine Lüge in ihm. Aber Joos hat in den letzten Jahren wiederholt Vampirgift für seine Forschungen erworben und vor zwei Jahren den Antrag gestellt, Bidacs Toxin untersuchen zu dürfen.«
   »Wozu?«
   »Laut seinen Ersuchen forschte er nach einer Möglichkeit, das Gift synthetisch herzustellen. Ich habe abgelehnt, was Joos allerdings nicht davon abhielt, mich mit Anträgen zuzuschütten.«
   »Irgendetwas sagt mir, dass er doch an das Toxin des Vampirfürsten gekommen ist«, entgegnete Shariel und runzelte die Stirn.
   »Ja, durch Maisha«, knurrte Vael. Die Erzengelfrau hatte zwei Passionen. Diese betrafen die Genetik und ihr eigenes Bett, in dem sie selten eine Nacht allein verbrachte. »Sie hat damals nach einer Möglichkeit gesucht, die Erbfluktuation in den Vampirgenerationen zu verhindern. Die Blutsauger werden mit jeder neuen Generation schwächer und letztlich wird das Gift keine Verwandlung mehr erlauben, sondern den Menschen töten. Daher habe ich seit zweihundert Jahren keine Verwandlung gestattet, um ein solches Szenario zu umgehen.«
   »Die Frage ist, wieso hat Maisha Joos eine Probe des Toxins verschafft? Und das offenbar auch noch hinter deinem Rücken.«
   Vael stand auf, spreizte die Flügel ein Stück und ging zu seinem Balkon. Die Abendsonne warf lange Schatten auf den Rasen und überzog den Siral mit einem rotgoldenen Licht. »Ich bin vor einem Jahr über eine Differenz in ihren Forschungsunterlagen gestolpert, die Corashs entnommenes Gift betraf. Die Abweichung war nur minimal und Maisha hat mir eigentlich glaubhaft versichert, dass der Fehlbetrag auf einen Unfall in ihrem Labor zurückzuführen ist. Bislang habe ich keine Beweise, die ihre Darstellung untergraben. Aber ich weiß auch, dass Maisha Joos oft die Tür zu ihrem Ruheraum öffnet, und das seit mindestens einem Jahrzehnt.«
   »Ihr Hunger ist unersättlich, allerdings glaubte ich, dass sie Menschen nur zum Dessert verspeist.«
   »Bei dem Prinzen scheint die Sache anders zu liegen«, erwiderte Vael und wandte sich um. »Warum, weiß ich jedoch nicht. Gefühle werden es auf keinen Fall bei Maisha sein.«
   »O nein. Wahrscheinlich ist sie zu dem Schluss gekommen, sich mit dem Nachtisch zu begnügen, bis ihre Hauptspeise beschlossen hat, auf ihr Werben einzugehen.«
   Vaels Federn sträubten sich. »Nun, sie wird wohl ein Leben lang auf diesen Gang verzichten müssen.« Maishas außergewöhnliche Schönheit hatte ihn nie gereizt, sondern immer nur abgestoßen. Die Erzengelfrau war so schön wie ein bis zur Perfektion geschliffener, faustgroßer Diamant und ebenso herzlos.

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