Nach der Vernichtung ihres ärgsten Feindes hofft Melanie, endlich ein glückliches Leben mit Alexandre führen zu können. Doch immer schlimmer werdende Albträume, die ihr entsetzliche Szenen aus früheren Zeiten vor Augen führen, rauben ihr den letzten Nerv und stellen selbst ihre Beziehung auf eine harte Probe. Ihre gemeinsame Reise nach Europa, um die Orte ihrer Vergangenheit aufzuspüren und die Ursache der Träume zu finden, gerät zunehmend zu einem Desaster, denn die Vernichtung ihres Feindes hat eine Gegnerin freigesetzt, die nichts unversucht lassen wird, sie zu zerstören.

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Ela van de Maan

Ela van de Maan
Ela van de Maan wurde im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts im vorangegangenen Jahrtausend in einer Kleinstadt in Süddeutschland geboren. Seit sie lesen kann, wollte sie auch schreiben. Ihre größte Leidenschaft waren Fantasy und Abenteuerromane, die in ihrer eigenen Traumwelt immer neue Geschichten nach sich zogen. Irgendwann wurde der Geschichtenstapel in ihrem Kopf zu hoch und sie begann sie aufzuschreiben ... Ela van de Maan ist Mitglied in der DELIA - Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren und -autorinnen und im PAN - Phantastik-Autoren-Netzwerk.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Völlig unvermittelt traf mich der Schmerz und zwang mich in die Knie. Ich krümmte mich und versuchte, auf dem abschüssigen Boden Halt zu finden. Sie lachte nur höhnisch; immer lauter und lauter. Es schien in das Krächzen Hunderter Krähen überzugehen, die sich von allen Seiten näherten. Das Schlagen ihrer Flügel erzeugte ein Sirren in der Luft, dem ein eisiger Sog folgte. Ich zitterte am ganzen Körper. Selbst der warme Umhang brachte keinen Schutz mehr gegen die Kälte, die die Luft einzufrieren schien.
   Ihr Lachen hallte in meinen Ohren, in meinem Kopf und versuchte, meinen Verstand zu lähmen. Ich wehrte mich mit allen Kräften dagegen.
   Der Himmel verdunkelte sich. Die Krähen formierten sich zu einer riesigen schwarzen Wolke, die sich über mir drehte. Wie aus einem Tornado stießen einzelne Tiere herab und hackten mit ihren spitzen Schnäbeln in meinen Arm, den ich zum Schutz über meinen Kopf hob. Ihre Flügel schlugen auf mich ein, während sie wie wild flatterten und weiter in meine Haut pickten. Sie bohrten ihre scharfen Krallen in das Fleisch und versuchten meinen Arm wegzuziehen, um mein Gesicht zu erreichen.
   Ich wühlte in der Tasche meines Kleides nach dem Stein. Wo war er nur? »Hekate, so hilf mir doch!« Blut lief über meinen Arm und tropfte vor mir auf den Boden. Die Schmerzen raubten mir fast den Verstand. »Bitte, nur dieses eine Mal!« Da fühlte ich seine kalte, glatte Oberfläche. Ich zog ihn hervor und schleuderte ihn mit letzter Kraft von mir weg.
   Ihr gellender Schrei fuhr mir durch Mark und Bein. Ein Blitz schoss in meine Richtung. Ich rollte mich zur Seite und stürzte tief in einen Abgrund.
   Hart schlug ich auf dem Boden auf. Ich blinzelte und sah mich um. Meine Decke hing halb von meinem Bett herab und mein Kissen lag neben mir auf dem Teppich. Ich zog es unter meinen Kopf und atmete erst einmal tief durch.
   Was für ein Albtraum.

Kapitel 1

»Wolltest du nicht längst in Urlaub sein, Melanie?«
   Ich schreckte auf. Rachel stand in der Tür des Büros und sah mich besorgt an.
   »Du bist total überarbeitet. Kein Mensch bürdet sich freiwillig dieses Pensum auf. Willst du dem Verlag zwei Journalisten ersetzen? Such dir doch einfach die schönsten Events raus und lass Larry den Rest machen. Dafür hast du immerhin einen Assistenten. Oder etwa nicht?«
   Ich seufzte. Sie hatte ja recht. Larry hatte sich ohnehin schon beschwert, dass er kein Interview allein führen durfte und über kein Event allein eine Reportage liefern konnte. Dabei war er ein fähiger Journalist und wusste, wie er mit den Leuten umzugehen hatte. Aber ich konnte nicht loslassen. Ich wollte wenigstens in meinem Job alles im Griff haben, wenn mir schon mein Privatleben immer mehr entglitt.
   »Käffchen?«, fragte sie aufmunternd.
   »Käffchen. Ich bring hier sowieso nichts mehr zustande.« Ich tastete mit den Zehen nach meinen Pumps, die ich unter dem Schreibtisch ausgezogen hatte. Selbst meine Füße waren müde. Ich hätte Sneakers anziehen sollen.
   Rachel hakte sich bei mir ein und zog mich in die Cafeteria unseres Verlagsgebäudes, wo sich wie jeden Vormittag ein paar Redakteure zum Frühstücksplausch trafen.
   Ich konnte dem Small Talk der Kollegen nicht wirklich folgen. Immer wieder schweifte mein Blick aus der bodentiefen Fensterfront, die einen grandiosen Blick über die Häuserschluchten New Yorks bot. Die Morgensonne spiegelte sich in den Fassaden der unzähligen Gebäude, die sich wie ein Meer aus Stahl und Glas bis zum Horizont ausdehnten. Nur rechts von mir wurde das Häusermeer durch den Hudson River unterbrochen, der sich wie ein großes, schimmerndes Reptil zwischen Manhattan und New Jersey schob. Ich konnte mich glücklich schätzen, hier in New York leben und arbeiten zu können. Ich brauchte die Atmosphäre einer Großstadt und ihre Betriebsamkeit. Hier war jeden Tag etwas Außergewöhnliches geboten. Ausstellungseröffnungen, Filmpremieren, Konzerte, Charitys - und ich war mittendrin. Ich hatte Zugang zu allen wichtigen Events und konnte durch meinen Job den Stars und Sternchen, den Größen der Gesellschaft oder auch manchem Politiker auf den Zahn fühlen.
   Nach außen hatte sich nicht viel verändert, seit ich auf der Flucht vor meinem Exfreund Carlos nach New York gekommen war. Rachel war nach wie vor eine meiner Lieblingskolleginnen, auch wenn wir privat wenig miteinander zu tun hatten. Aber insgeheim war ich ihr sehr dankbar dafür, dass sie mich mit ihren Geschichten um den sagenumwobenen Marquis und seinen geheimnisvollen Partys auf die Spur von Alexandre gebracht hatte. Sie würde es sicher nicht glauben, wenn ich ihr erzählte, dass ich mein Leben lang von ihm geträumt hatte, bis ich zufällig in eine seiner heißen Feiern platzte. Jetzt konnte ich über das befremdliche Gefühl lachen, das ich damals beim Anblick des Treibens in dieser unterirdischen Lokalität empfand. Es hatte jedoch lange gedauert, bis ich hinter sein Geheimnis kam. Er war der undurchschaubarste Mann, dem ich jemals begegnet war. Und das war er heute für mich noch sehr oft, obwohl wir seit dem Sieg über den dunklen Fürsten tatsächlich zusammenlebten.
   Wobei Zusammenleben in letzter Zeit der falsche Begriff für den Zustand unserer Beziehung geworden war. Entweder arbeiteten wir, er noch mehr als ich, oder wir trafen uns, wenn wir Glück hatten, in unserem Penthouse, in das er allerdings seit einiger Zeit auch nur noch auf Bitten meinerseits kam. Wenn er schlafen wollte, verzog er sich meist in sein düsteres schwarzes Schlafzimmer in den Katakomben des Bürokomplexes. Er konnte es nicht mehr ertragen, mich schreiend aus meinen Albträumen erwachen zu sehen, dessen war ich mir sicher. Auch wenn er es nicht zugab.
   Die Träume der letzten Nächte wanderten wieder und wieder durch meine Gehirnwindungen. Weshalb hörte dieser Wahnsinn nicht auf? Es schien geradezu, als würde es immer schlimmer werden. Wo noch vor ein paar Monaten die Albträume höchstens einmal pro Woche erschienen, kamen sie jetzt alle paar Tage. Manchmal wiederholten sie sich, bis ich tatsächlich alle Details im Gedächtnis behielt, manchmal tauchten sie nur flüchtig auf, schlugen sich durch meine Erinnerung und hinterließen ein mieses Gefühl. Ich wollte überhaupt nicht näher darüber nachdenken, aber sie ließen sich nicht davon abhalten, sich immer wieder Zutritt in mein Gedächtnis zu verschaffen. Als würden sie darauf pochen, wichtig zu sein, und dort bleiben zu müssen.
   »Melanie, dein Handy brummt.« Rachel stupste mich am Arm. »Vielleicht solltest du rangehen.«
   Ich sah auf das Display. Es war Alexandre. »Hi«, meldete ich mich kurz angebunden.
   »Hi, mon amour, tut mir leid, dass ich so lange nicht zurückgerufen habe. Hier ist der Teufel los. Was wolltest du mir sagen?«
   »Ich wollte mich nur vergewissern, dass wir morgen unsere Reise nach Europa antreten.«
   Er schwieg, doch ich hörte sein leises Seufzen.
   »Alexandre?«
   »Es tut mir leid, aber ich fürchte, wir werden es verschieben müssen. Wir haben Probleme mit einer Amethyst-Mine in Brasilien. Ich weiß noch nicht, wie wir sie lösen können. Vielleicht muss ich für ein paar Tage selbst dorthin.«
   Ich beendete das Gespräch, ohne zu antworten. Seit fast einem halben Jahr verschoben wir unsere Reise immer und immer wieder, weil mal hier geschäftliche Probleme auftauchten und mal da. Alexandre sah nie eine andere Möglichkeit, als diese selbst zu lösen. Dabei wäre es für mich wichtig gewesen, endlich nach der Ursache meiner Albträume forschen zu können. Oder sie zumindest mit schönen Erinnerungen zu überlagern, wenn ich nur endlich einmal die Orte sehen würde, in denen ich angeblich vor fast vierhundert Jahren mit Alexandre als seine Frau Elaine gelebt hatte. Wenn sie mir denn schöne Erinnerungen bescheren konnten.
   Rachel zog die Augenbrauen hoch und sah mich skeptisch an.
   »Wird wohl wieder nichts mit Urlaub«, erklärte ich und versuchte, die aufsteigende Frustration zu ignorieren. »Zum Glück habe ich mir von Larry für heute Abend einen zweiten Pressezugang zu der Filmpremiere besorgt. Sonst säße ich auf dem Trockenen.«
   »Ein paar Tage auf der Couch wären auch hin und wieder erholsam«, ermahnte mich Rachel.
   Ich konnte ihr schlecht sagen, dass mir meine Couch keinerlei Erholung bringen würde, weil ich dort sicherlich einschlief und mich wieder diese vermaledeiten Träume heimsuchten. Noch einmal sah ich auf mein Handy, aber Alexandre hatte keinen weiteren Versuch unternommen, mich zu erreichen, obwohl ich ihn so kommentarlos abgewürgt hatte. Was sollte er auch sagen? Es war sinnlos.
   Ich verbrachte den Rest des Tages damit, mich durch diverse Artikel zu quälen, die mir die Arbeiten zu dem neuen Blockbuster, der am Abend anlief, nahebringen sollten. Aber es blieb nicht viel hängen. Und eigentlich war es auch nicht meine Aufgabe. Diesmal war Larry am Zug, ich wollte nur Gast sein und den Film nur genießen, sofern ich es schaffte, mich zu entspannen. Genervt fuhr ich meinen Rechner herunter und packte meine Tasche. Was tat ich überhaupt noch hier? Ich hatte schließlich seit zwei Tagen Urlaub, und Alexandre hatte mir hoch und heilig versprochen, ihn diesmal mit mir zu verbringen. Ich rief mir ein Taxi und machte mich auf den Weg in meine Wohnung.


   Schon beim Öffnen der Tür empfing mich der Duft von frischen Blumen. Auf der Kommode stand ein großer Strauß Rosen in allen Rotschattierungen. Ich hielt kurz meine Nase in das Bouquet und las, was auf der Karte stand.

Je t’aime.

Wie immer. Ich konnte es schon nicht mehr sehen. Wenn er mich wirklich lieben würde, dann würde er endlich etwas dagegen unternehmen, dass mich diese Träume immer mehr zermürbten, anstatt mir nur Rosen zu schicken, weil er wieder eine Chance verstreichen ließ.
   Ich wählte seine Nummer.
   »Hi, mon amour, bist du schon zu Hause?«, fragte er sofort und versuchte, versöhnlich zu klingen.
   »Ich gehe heute Abend zu einer Filmpremiere. Kommst du mit?«
   »Tut mir leid, ich kann hier nicht weg. Die Verbindung in diesen vermaledeiten Urwald ist so schlecht, dass wir immer noch nicht genau herausgefunden haben, was dort in der Mine passiert ist.«
   Ich schwieg für einen Moment.
   »Melanie?«
   »Ich bin hier.«
   »Sei mir bitte nicht böse, aber es ist immens wichtig.«
   »Alexandre, wir müssen reden. Jetzt. Auch für mich ist es immens wichtig.«
   Er knirschte mit den Zähnen. »Gut, treffen wir uns unten. In fünf Minuten.«
   »Ich werde da sein.« In fünf Minuten, fügte ich noch in Gedanken hinzu. Und dann würde er kaum fünf Minuten Zeit für mich haben. Warum konnte er nicht einfach nach oben kommen, sich zu mir auf die Couch setzen und in Ruhe darüber sprechen, was in unserer Beziehung gerade schieflief?
   Ich hängte meine Weste über den Stuhl und nahm den Aufzug in die tiefsten Etagen des Wolkenkratzers.
   Die ächzenden Laute nicht menschlicher Kreaturen tönten mir entgegen, als ich auf der Galerie aus dem Fahrstuhl trat. Über die Kinoleinwand unten in der Wohnhalle liefen ein paar eingewickelte, halb verfaulte Gestalten, von denen einer nach dem anderen seinen Kopf verlor. Ich verdrehte die Augen. Das fehlte mir gerade noch. »Was schaut ihr denn da?«, rief ich zu Pearl und Jewels hinunter, die halb dahindösend auf der Couch hingen und sich offensichtlich langweilten.
   »Zombieirgendwas, die Was-weiß-ich-Wievielte«, antwortete Pearl und drehte den Ton ab. »Du siehst aber auch nicht gerade frisch aus«, kommentierte sie ungeschönt meinen Anblick.
   »Vielen Dank auch. Ich hatte heute Nacht einmal wieder eine neue Version meines eigenen Gruselfilms vor Augen.«
   »Los, erzähl«, ereiferte sich Jewels sofort und verfolgte erwartungsvoll meinen Weg die Treppe hinunter.
   Ich hatte eigentlich keine Lust, den Traum noch einmal en détail rekapitulieren zu müssen, aber Jewels würde keine Minute mehr ruhen, bis sie es ganz genau wusste.
   »Ich weiß gar nicht, was du hast«, rief sie, als ich geendet hatte. »Ist doch cool, wenn man seinen eigenen Film im Kopf hat, dann muss man sich wenigstens nicht das langweilige Zeug im Fernsehen ansehen.«
   »Mir wäre aber ehrlich gesagt ein Liebesfilm lieber«, entgegnete ich.
   Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern.
   Pearl deutete hinter mich. Ich drehte mich um.
   Alexandre stand an der Tür seiner Räume und sah mich nachdenklich an. »Tut mir leid, dass dich schon wieder ein derartiger Traum heimsucht. Ich verspreche dir, sobald ich die Probleme hier gelöst habe, versuchen wir unser Glück in Europa, um endlich diese Albträume abstellen zu können.«
   »Mach dir nichts vor, Alexandre. Du wirst nie die Zeit finden, mit mir wegzufahren. Es werden immer Probleme auftauchen, die nur du allein lösen kannst, selbst wenn du ein weiteres Heer an fähigen Angestellten um dich scharrst.«
   »Melanie, du verstehst nicht, es ist wichtig.«
   »Ich verstehe absolut. Deine Firmen sind dir wichtiger als ich. Wichtiger als unsere Beziehung.«
   Er machte einen Schritt auf mich zu und streckte seine Hand nach der meinen aus. Doch er streifte nur flüchtig meine Finger. »Das ist nicht wahr. Ich kann auch nichts dafür, dass immer wieder etwas dazwischenkommt.«
   »Hast du mir nicht erklärt, Megan könnte deine Aufgaben verteilen?«
   »Schon, aber nicht alle. Manches muss ich selbst machen.«
   »Nur manches? Du bist Tag für Tag in deiner Arbeit derart eingespannt, dass du es nicht einmal mehr schaffst, nach mir zu sehen, bevor ich einschlafe. Geschweige denn in der Nacht anwesend zu sein, wenn ich dich wirklich einmal brauche, weil ich Angst habe, weil ich nicht mehr weiß, was Wirklichkeit oder Traum ist. Ich kann nicht mehr. Ich brauche eine Auszeit. Entweder du kommst mit und wir machen unseren Rundtrip wie geplant, um irgendwie eine Lösung für das Übel zu finden, oder ich fliege zu meinen Eltern und hoffe, zumindest dort für ein paar Tage von den Albträumen verschont zu bleiben.«
   Er starrte mich an und sagte kein Wort.
   Ich sehnte mich danach, dass er mich in den Arm nahm, dass er seinen Entschluss, sich wieder für seine Geschäfte anstatt für mich entschieden zu haben, zurücknahm. Die Distanz zwischen uns war unübersehbar. Es war, als stünde ich vor einer Mauer aus Glas, durch die ich ihn zwar sah, jedoch nicht mehr fühlen konnte.
   Ich musste gehen, mein Leben in den Griff bekommen und darüber nachdenken, ob es nicht besser war, aufzugeben. Wir führten völlig unterschiedliche Leben. Wie hatte ich mich je der Illusion hingeben können, wir könnten sie vereinen? »Ich möchte morgen wie geplant abreisen. Steht auch für mich allein eines der Firmenflugzeuge zur Verfügung oder muss ich mich um einen Linienflug kümmern?«, fragte ich ihn schließlich und sah in seine Augen, in der Hoffnung, irgendeine Regung, ein Bedauern erkennen zu können. Er senkte den Blick.
   »Nein, selbstverständlich bringt dich eine unserer Maschinen nach Berlin.«
   »Gut, ich mache mich jetzt fertig für die Filmpremiere. Möchte jemand von euch mitkommen? Ich könnte noch eine Karte beschaffen«, wandte ich mich an Pearl und Jewels.
   »Sorry, hab ein Date«, rief Jewels und sprang auf, um sich sofort in dem riesigen Spiegel zu bewundern, der statt ihres eigenen Bildes zwischen den alten lebensgroßen Gemälden ihrer Schwestern angebracht war.
   »Irgendwann schaut dir der mit den Hörnern entgegen und streckt dir die Zunge heraus, wenn du ständig in den Spiegel guckst«, kommentierte Pearl.
   »Dann zeig ich ihm den hier«, entgegnete Jewels und streckte ihrem Spiegelbild den Mittelfinger entgegen.
   Pearl schüttelte den Kopf und sah mich an. »Bei der Erziehung ist eindeutig was schiefgelaufen. Zu deiner Frage: Auf mich musst du leider auch verzichten, ich habe mir eine Nacht Schlaf verordnet. Ist etwas wenig gewesen in den letzten Wochen. Beim nächsten Mal wieder gern.«
   Ich drehte mich noch einmal zu Alexandre um, der immer noch an der gleichen Stelle stand und mich nachdenklich betrachtete. »Falls wir uns vor meinem Abflug nicht mehr sehen, wünsche ich dir viel Erfolg bei der Lösung deiner Probleme.«
   Er nickte wortlos und ging.

Ich hätte mir denken können, dass ein actiongeladener Fantasyfilm nicht gerade die beste Möglichkeit war, mir Ablenkung von meinen Träumen zu verschaffen. Ich fragte mich, ob ich mir damit nicht auch noch Futter für meine Albträume verschaffte. Wer wusste schon, ob nicht einiges davon meiner eigenen Fantasie entsprang, statt, wie wir immer annahmen, reale Geschehnisse von vor einigen Jahrhunderten zu sein.
   Ich nippte an meinem dritten Glas Prosecco und winkte Larry zu, der auf der Suche nach einem neuen Interviewpartner war. »Und wie hat dir der Film gefallen?«, fragte er und gesellte sich zu mir. »Soweit ich mitbekommen habe, stehst du ja auf Fantasy.«
   Ich verzog das Gesicht. Tatsächlich stünde ich auf Fantasy, wenn sie nicht zunehmend zu meiner eigenen Realität würde. »Im Prinzip war der Film nicht schlecht. Die Schauspieler waren ausgezeichnet, nur die Action wirkte stellenweise etwas gewollt. Da hätten ein paar ruhigere Szenen nicht geschadet.«
   Larry lachte. »War das die Kurzfassung der Meinung, die ich in meinem Artikel zu vertreten habe?«
   »Du kannst vertreten, welche Meinung auch immer du hast. Es steht ja schließlich dein Name darunter und nicht meiner.«
   Er sah mich verwundert an. »Was ist mit dir? Bist du krank? Keine Anleitung, was ich zu schreiben habe, um einen erfolgreichen Beitrag zu landen?«
   »Tut mir leid, wenn es bisher so rüberkam, dass ich es dir nicht zutraue. Mach, was du meinst. Du bist schließlich lange genug in diesem Geschäft und weißt, was du tust. Ich bin für eine Weile weg. Da musst du ohnehin allein zurechtkommen.«
   »Sag bloß, du machst tatsächlich Urlaub? Daran hat schon keiner mehr geglaubt.« Er legte freundschaftlich die Hand auf meinen Arm. »Und wo soll es hingehen?«
   »Erst einmal zu meinen Eltern, in die Nähe von Berlin.«
   »Und dann machen wir eine Rundreise durch Europa«, fügte Alexandre hinzu, der unerwartet hinter uns aufgetaucht war.
   »Wir?«, fragte ich erstaunt.
   Er legte seinen Arm um meine Taille und zog mich näher zu sich. Seine Lippen berührten sanft mein Haar. »Wir«, flüsterte er. »Die Maschine ist morgen ab Mittag abflugbereit.«

*

Mit zusammengekniffenen Augen verfolgte sie die Szene, die sich in dem klaren Brunnenwasser spiegelte. Wut stieg in ihr hoch und brannte, dass es ihr fast die Tränen in die Augen trieb. Sie schürte erneut das Feuer, das seit Jahrhunderten in ihr loderte wie unzählige Scheiterhaufen. Es würde reichen, um ganze Städte niederzubrennen. »Sieh dir das an!« Sie zerrte den zottligen schwarzen Gesellen heran, der stoisch neben ihr ausgeharrt hatte, und tauchte ihn fast unter. »Sieh dir das an. Nun reist diese verdammte Wiedergeburt der Kräuterhexe auch noch mit Mirecourt an die Stätten ihrer Vergangenheit, an die Plätze ihrer alten Liebe, um ihre Albträume loszuwerden. Dass ich nicht lache! Wie sentimental.«
   Sie stieß den Eimer ins Wasser und schleifte ihn über den Grund des Brunnens, bis er mit Steinen gefüllt war. Die Winde ächzte unter der schweren Last, als sie ihn herauszog. Sie besah jeden einzelnen Stein genau, bevor sie ihn auf den Haufen warf, der sich bereits mannshoch neben ihr erhob. Aufgebracht spuckte sie in das immer noch klare Wasser, das wieder das Bild erscheinen ließ, das sie so sehr in Rage gebracht hatte.
   »Niemals wird sie die Träume loswerden«, kreischte sie. »Niemals! Ich werde ihr Träume schicken, die sie vor Angst nicht mehr schlafen lassen, die sie am Tag verfolgen und ihr die Luft zum Atmen rauben. Ich werde sie vernichten. Langsam und schmerzvoll. Alle beide.«
   Sie nahm dem rußigen schwarzen Scheusal die schwere Kette ab. »Du bist an der Reihe. Du wirst dich endlich dafür erkenntlich zeigen, dass ich dich am Leben gelassen habe, obwohl du daran schuld bist, dass sie hergekommen ist und mir alles genommen hat. Alles. Mein ganzes Leben. Meine ganze Zukunft. Meine Schönheit.« Sie versuchte das verbitterte Antlitz zu ignorieren, das in den auslaufenden Wellen des Wassers auftauchte. »Zieh los, schüre ihre Zweifel, versetze sie in Angst und Schrecken, treibe sie und Mirecourt auseinander. Sie sollen sich ihrer verfluchten ewigen Liebe nicht mehr sicher sein. Sie sollen leiden, sollen sich hassen. Ich will, dass ihr beider Herz ein einziger Pfuhl aus Zweifeln, Wut und Angst wird. Und wenn ich diesen verteufelten Stein gefunden habe, werde ich den Untergang über sie herbeirufen. Über beide und über alle, die mein Leben zerstört haben und wenn ich diejenigen bis in die Hölle verfolgen muss.«
   Sie riss die Arme hoch und kreischte den Krähen über ihr zu. Sofort sammelten sie sich in einer großen schwarzen Wolke, die sich immer schneller über ihrem Kopf drehte. Mit einem Handstreich ließ sie einen Blitz in die Bilder auf den Wellen fahren. Das Wasser leuchtete hell auf. Dampf stob in alle Richtungen und das rußige Scheusal nahm reißaus.

Kapitel 2

»Willkommen in der Stadt der Liebe«, raunte Alexandre an meinem Ohr, als wir in Paris aus dem Flugzeug stiegen. Die Sonne war gerade dabei, sich am Horizont zu verabschieden, doch die sommerliche Hitze wurde noch vom Asphalt zurückgeworfen und ich war froh, mich trotz des Nieselwetters in Berlin für ein leichtes Wickelkleid entschieden zu haben.
   »Ich habe eine kleine Überraschung für dich.« Alexandre lächelte geheimnisvoll und nahm meine Hand.
   Ich war gespannt, was er sich ausgedacht hatte, aber er ließ sich nicht dazu bewegen, mehr zu verraten. Er zog mich auf die Rücksitzbank der schwarzen Limousine, die auf uns gewartet hatte, und legte seinen Arm um mich. Langsam entspannte er sich. Der kurze Aufenthalt bei meinen Eltern hatte ihm einiges an Gleichmütigkeit abverlangt. Das Kleinstadtleben war überhaupt nichts für ihn. Wo wir hinkamen, wenn wir uns in diesen beiden Tagen überhaupt aus dem Haus gewagt hatten, wurde ich überschwänglich begrüßt, als wäre jedermann mit mir befreundet, nur um ihn neugierig beäugen zu können. Und zu allem Übel trafen wir in der örtlichen Kneipe auch noch meinen Exfreund Sascha, der sogleich versuchte, Alexandre mit Anekdoten aus unserer gemeinsamen Zeit zu provozieren.
   Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Alexandre war tatsächlich auf Geschichten eifersüchtig, die lange vor unserem Kennenlernen lagen. Wenn ich jedes Mal so reagieren würde, wenn mir eine seiner Liebschaften, die zum Teil mittlerweile meine Freundinnen waren, über den Weg lief, käme ich den ganzen Tag zu nichts anderem mehr, als eifersüchtig zu sein. Andererseits zeigte es mir, dass ich ihm nicht gleichgültig geworden war, wie es in letzter Zeit manchmal den Anschein hatte.
   Ich betrachtete ihn von der Seite. Die Lichter der Stadt spiegelten sich in seinen Augen, die wie dunkler Lapislazuli schimmerten. Es war seine Tageszeit. Dämmerung, Anbruch der Nacht. Erst das diffuse Licht der künstlichen Beleuchtung zeigte den Zauber, der viele Wesen der verborgenen Welt umgab, einer Welt, die im Tageslicht nie ihr wahres Gesicht zeigte. Alexandre strahlte Gefahr aus. Und doch besaß diese Ausstrahlung eine ganz eigentümliche Anziehungskraft, der man sich kaum erwehren konnte. Ich liebte es, ihn so zu sehen. Es erinnerte mich an die Zeit unserer ersten Treffen, als ich noch nicht wusste, was er war. Damals gehörten die Abendstunden oft nur uns allein. Ich hätte mir nie gedacht, dass auch bei uns der Alltag einer Beziehung einkehren würde.
   Ein Kribbeln lief über meinen Hals, als er sanft über meine Haut strich. Ich legte meinen Kopf an seine Schulter und verfolgte die Geschäftigkeit auf den Straßen um uns herum. Gierig sog ich alles auf, was ich sah und fühlte mich wie ein Schwamm, der kurz vor dem Austrocknen war. Wieder einmal wurde mir bewusst, dass ich eine Großstadtpflanze war und mich am wohlsten zwischen hohen Häusern und in belebten Gassen fühlte. Ich hätte niemals auf Dauer in meinem kleinen Heimatort bleiben können, es hätte mich langsam, aber sicher verrückt gemacht.
   Alexandre sah auf seine Uhr. Er überlegte kurz, als ob er seinen Plan ändern wollte. Schließlich ordnete er dem Fahrer an, an der Uferstraße der Seine entlangzufahren.
   »Wo willst du denn hin?«, fragte ich neugierig.
   »Das wirst du schon noch sehen«, antwortete er und grinste verschmitzt. »Wir sind nur etwas zu früh dran. Genieße einfach den Blick auf die Seine.«
   Ich dachte darüber nach, wie lange ich schon nicht mehr in Paris gewesen war. Es erschien mir eine Ewigkeit und doch war es nur ein paar Jahre her, als ich hier gearbeitet und gewohnt hatte. Das Flair der Stadt hatte sich nicht verändert. Überall am Fluss saßen die Menschen in den Straßencafés oder flanierten am Ufer. Sie wirkten so entspannt und zufrieden.
   »Wie lange können wir eigentlich hier in Paris bleiben?«, fragte ich ihn.
   »Ich habe drei Tage geplant. Aber wir können verlängern, so lange, wie du willst, wenn es dir hilft.«
   Wenn es mir half. Wobei sollte es mir denn helfen? Ich sah auf den glitzernden Brillantring, den er mir an Weihnachten ganz romantisch auf der Terrasse unseres Penthouses an den Finger gesteckt hatte. Die Schneeflocken waren um uns herum getanzt und der Lärm der Stadt schien sich dem feierlichen Abend gebeugt zu haben. Ich wusste, was er mir damit sagen wollte, aber er sprach es nicht aus, weil er von meinen Zweifeln wusste. Er hoffte, dass ich irgendwann aus all den Albträumen erwachte und erkannte, dass ich tatsächlich vor fast vierhundert Jahren seine Frau gewesen war und es auch immer noch sein wollte.
   Nur ich war mir nicht sicher, ob ich herausfinden wollte, dass ich bereits ein früheres Leben hatte. Für mich war es nur wichtig, diese Albträume loszuwerden und dann wollte ich einfach jemand sein, den er jetzt liebte und nicht die Neuauflage seiner großen Liebe. Es fühlte sich nicht echt an, wenn ich so darüber nachdachte. Er liebte mich nicht um meinetwillen.
   Ein kleiner Dorn der Enttäuschung bohrte sich wieder in mein Herz. Es hatte ihn kaum interessiert, wie ich in diesem Leben aufgewachsen war. Er hatte zwar alle Erzählungen hingenommen und auch meine Kinderfotos, die meine Mutter sofort aus dem Schrank geholt hatte, als wir am Kaffeetisch saßen, lächelnd betrachtet, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass er danach gefragt hätte, wenn sie ihm nicht aufgedrängt worden wären. Für ihn war es nur wichtig, dass ich das Leben kennenlernte, das er mit Elaine vor fast vierhundert Jahren geführt hatte, in der Hoffnung, dass ich mich daran erinnerte.
   »Halten Sie an der Brücke«, wies er den Chauffeur an. »Wir gehen den Rest des Weges zu Fuß.«
   Ich sah den Eiffelturm vor mir, der vor uns am Ende der Pont d’léna hell erleuchtet aufragte. »Du willst auf den Eiffelturm?«, fragte ich verwundert. »Aber der steht doch noch gar nicht so lange hier. Wolltest du nicht an die alten Plätze?«
   »Ich dachte mir, wir sollten vielleicht auch wieder einmal ein unvergessliches Erlebnis im Hier und Jetzt suchen. Und was wäre dazu besser geeignet als der Eiffelturm?« Er ließ nachdenklich seinen Blick bis nach ganz oben schweifen. »Ich wäre gern bei der Erbauung dabei gewesen, aber zu der Zeit war ich bereits in der neuen Welt und habe dieses Geschehen nur aus den Zeitungen verfolgen können. Es war beeindruckend, wie sie diese Stahlkonstruktionen hochgezogen haben. Eine Meisterleistung für die damalige Zeit, und trotzdem fanden es viele Menschen einfach nur scheußlich und nutzlos.«
   Ich lehnte mich an ihn und betrachtete das Lichterspiel an der Turmspitze. Welch unglaubliches Wissen er angehäuft hatte in den vergangenen Jahrhunderten. Unser erster Hubschrauberflug über New York kam mir wieder in den Sinn, wo er mir die Gebäude, die wir überflogen und deren Historie genau erklärt hatte. Ich liebte die Geschichte der Orte, an denen ich mich bewegte. Und ich wollte sie kennen, um damit auch meine eigenen Reportagen lebendiger gestalten zu können. Oftmals wurden dadurch Zusammenhänge klar, die sich nur aus heutiger Sicht betrachtet, nie ergeben hätten. Die Recherche im Internet brachte kaum zutage, was er als Zeitzeuge berichten konnte. Doch wir hatten viel zu wenige Gelegenheiten, uns über solche Dinge zu unterhalten - uns überhaupt zu unterhalten.
   Zu wenig Zeit … obwohl wir die Möglichkeit hatten, unendlich lange zu leben.
   Ein Partyschiff fuhr unter der Brücke hindurch. Die Menschen tanzten und feierten. Alexandre zog mich zur anderen Seite, damit wir ihnen noch eine Weile nachsehen konnten.
   »Auch so etwas gab es hier früher nicht. Sollen wir es mal ausprobieren?«
   Ich lachte. »Dann werden uns aber drei Tage nicht reichen.«
   »Sei’s drum, wir können wiederkommen. Immer wieder, wenn du möchtest.«
   Ich fühlte, wie er auflebte. Er schien für ein paar Stunden seine Geschäfte vergessen zu haben. Sein Handy war offenbar ausgeschaltet, sonst hätte es schon zum zehnten Mal geklingelt, seit wir aus dem Flugzeug gestiegen waren. Ich war ihm dankbar, dass er sich zumindest hier nicht ständig ablenken ließ.
   Vor dem Einlass zum Eiffelturm stand eine lange Schlange. Es wollten wohl noch viele Menschen den lauen Abend auf der Spitze des Turms genießen und ein Glas Champagner trinken. Oder zumindest in einem der beiden Restaurants zu Abend essen. Ich war gespannt, was Alexandre organisiert hatte. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass er sich in die Menschenmenge einreihen würde.
   Lächelnd führte er mich an ihnen vorbei und zeigte dem Angestellten am Einlass eine Karte. Sofort sperrte dieser den Eintritt und ließ uns vor allen anderen in den Aufzug. Die Besucher, die vorn standen, starrten uns an, sagten aber kein Wort.
   »Die denken bestimmt, du bist ein Rockstar oder so was«, flüsterte ich ihm zu und kicherte.
   »Und sie werden sich wundern, dass sie mich nicht kennen.«
   »Hast du den ganzen Turm gemietet?«, fragte ich verwundert, als der Aufzug hinter uns die Türen schloss.
   »Nur das letzte Stockwerk. Ich will endlich einmal wieder mit dir allein sein. Ganz allein und unerreichbar.«
   Er nahm mich in die Arme und berührte mit seinen Lippen meine Wange. Langsam küsste er sich weiter in Richtung meines Mundes. Ich hörte mein Herz schlagen. Es rauschte in meinen Ohren. Ich wusste nicht, ob es an dem Höhenunterschied lag, den wir mit dem Aufzug überwanden, oder an dem Gefühl, eine scheinbar endlose Zeit in einem Kuss gefangen zu sein. Ich wäre am liebsten für immer weitergefahren, nur um ihn nie wieder loslassen zu müssen.
   Der Aufzug hielt mit einem Ruck.
   »Ich fürchte, wir müssen aussteigen«, flüsterte er. Seine Zunge fuhr noch einmal zart über meine Lippen. »Oder hätte ich besser den Aufzug mieten sollen?«
   Ich holte erst einmal Luft, bevor ich in den Vorraum trat. Alexandre lachte leise und zog mich die wenigen Stufen zur freien Aussichtsplattform hinter sich her. Die Stadt breitete sich vor uns aus. Sie blinkte und funkelte, als galt es, die Nacht über halb Frankreich zu erhellen. Ganz hinten am Horizont schimmerte noch der Rest eines sonnigen Tages. Nur kleine Wolkenschleier zogen ein letztes helles Band in das Dunkel des Nachthimmels.
   »Guten Abend«, begrüßte uns ein Kellner, während er die Tür aufhielt. »Das Essen ist serviert und der Champagner kaltgestellt. Sie brauchen nur zu klingeln, wenn Sie noch etwas benötigen.«
   Alexandre bedankte sich und drückte ihm ein paar Scheine in die Hand. Mit einem Nicken verabschiedete er sich und wir waren tatsächlich allein.
   Wir schlenderten Hand in Hand um den Turm herum. Der Weg war mit Windlichtern gesäumt, deren Glas grün schimmerte, während die Kerzen flackerten.
   »Sie funkeln wie deine Augen«, bemerkte Alexandre und sah mich fast verträumt dabei an.
   Ich nahm seine Hand und wollte ihn an mich ziehen.
   »Non, mon amour. Erst wird gegessen, sonst ist der Koch traurig, weil er sich umsonst so viel Mühe gemacht hat.« Er deutete auf den Tisch, auf dem einige Platten mit leckeren Gerichten standen.
   »Das muss ich aber nicht alles aufessen, oder? Sonst platze ich«, neckte ich ihn.
   »Nein, den Rest packen wir ein.«
   Ich lachte. Es sollte wohl eine Anspielung auf das Essen mit meinen Eltern im Restaurant sein, wo Mum den Rest der Brötchen, die zu den Vorspeisen gereicht worden waren, in einem vermeintlich unbeobachteten Moment in eine Serviette gepackt hatte. Bei uns wurde eben nichts verschwendet. Aber Alexandre amüsierte sich noch den halben Abend lang über den Gedanken, er würde seine Mahlzeiten ebenfalls einpacken, wenn er sie nicht ganz schaffte.
   Er nahm den Champagner aus dem Kühler und schenkte uns ein. »Auf was möchtest du trinken?«
   »Auf das Leben«, antwortete ich, »auf die Liebe und auf die Zukunft.«
   Er nickte lächelnd und stieß an.

Ein lauer Wind spielte mit meinen Haaren. Alexandre nippte an seinem Champagnerglas, während ich aß, und beobachtete mich genau. Ich genoss es, seine volle Aufmerksamkeit zu haben. Hin und wieder fischte er einen Happen, der mir besonders gut geschmeckt hatte, heraus und ließ mich noch einmal davon kosten. Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, als ich versehentlich mit der Zunge seine Finger berührte.
   »Du hast hier am Fuß des Montmartre gewohnt, als du in Paris gearbeitet hast, hast du mir erzählt, richtig?« Er sah hinüber zu dem einzigen Hügel, der sich über Paris erhob, und auf dessen Kuppe die weiße Basilika klein und nur schwach im Licht ihrer Strahler zu erkennen war.
   »Stimmt. Warst du einmal dort, bevor das Dorf zu Paris gehörte?«
   Er angelte ein Stück Forellenfilet und dippte es so tief in die köstliche Meerrettichcreme, dass etwas von der Creme auch an seinen Fingern hängen blieb. »Ja. Damals stand Sacré-Coeur allerdings noch nicht. Am Hang des Hügels wurde in erster Linie Wein angebaut, der gar nicht so übel schmeckte. Ein paar meiner Freunde aus Offizierskreisen und ich haben den Winzern hin und wieder einen Besuch zur Weinprobe abgestattet. Leider fehlten noch die Vergnügungsmöglichkeiten, die es heute dort gibt.«
   Ich lachte. »Somit waren eure Trinkgelage außer ziemlich feucht eher langweilig, nehme ich an.«
   Er grinste und reichte mir das Stück Forelle über den Tisch. Ich biss winzige Happen ab, bis ich an seine Finger kam. Millimeter um Millimeter leckte ich die Meerrettichcreme von seiner Haut. Seine Augen glitzerten. Langsam sog ich seinen Finger immer weiter in den Mund. Er sah mich durchdringend an und knurrte leise. Ich lehnte mich lächelnd zurück und fuhr mit der Zunge über meine Lippen.
   Alexandre stand auf und schob die Teller zur Seite.
   »Darf ich nicht mehr weiteressen?«
   »Hm, ich verspüre plötzlich selbst großen Hunger.« Er zog mich hoch und drückte mich mit einer Hand an sich, während er seine andere meinen Rücken hinuntergleiten ließ.
   »Und wenn der Kellner wieder auftaucht?«, fragte ich und sah zur Tür.
   »Der Kellner hat für heute seinen Dienst getan, das weiß er. Wie wäre es mit einer Nachspeise, ma belle?« Er nahm meine Hand und tauchte meine Finger in die Crème brûlée. Doch anstatt mich davon kosten zu lassen, strich er die Süßigkeit in meinen Ausschnitt.
   »Du bist ein Ferkel, Marquis.«
   Er grinste breit. »Stets zu Diensten, schöne Frau.« Gierig ließ er seine Zunge über die bekleckerten Stellen kreisen. »Aber sie schmeckt nicht halb so gut wie du selbst«, brummte er, während er den Knoten meines Wickelkleides löste. Er schob seine Hände darunter und streichelte mich. »Du bist so wunderschön, mon amour. Selbst die Sonne muss vor deinem Anblick erblassen.«
   Ich schmunzelte. Wenn Männer lyrisch wurden, sollte man sie nicht daran hindern. Vorsichtig zupfte er die Spitze meines BHs beiseite und knabberte an der empfindlichen Stelle um meine Brustwarzen. Ein heißer Schauder lief über meinen Körper. Seine Lippen hinterließen kleine Kälteblitze an den Stellen, an denen sie meine Haut berührten. Immer weiter küsste er sich nach unten. Alles an meinem Körper kribbelte. Ich legte mein Bein über seine Schulter. Seine Zunge suchte nach meiner feuchtesten Stelle. Ich stöhnte und packte ihn bei den Haaren. Er knurrte, ließ sich aber nicht davon abbringen, immer tiefer zu dringen. Mein Herz pochte schneller. Sein kalter Atem kribbelte zwischen meinen Schenkeln. Ich keuchte und versuchte, dem süßen Verlangen zu entkommen.
   Er schob mein Bein von seiner Schulter und stand auf. Ein selbstsicheres Lächeln umspielte seine Mundwinkel, während er sich darüberleckte.
   »Du bist gemein, wenn du nicht weitermachst, Alexandre«, stöhnte ich.
   Er lachte. »Wer hat gesagt, dass ich nicht weitermache? Vielleicht nicht jetzt, aber wir haben die ganze Nacht Zeit.«
   Ich zog ihn zu mir und öffnete mit einem Griff den Gürtel seiner Hose. »Jetzt wird weitergemacht, nicht irgendwann in der Nacht.«

»Wir müssen aussteigen, mon amour«, flüsterte Alexandre.
   Ich öffnete die Augen. Die Fahrt zum Hotel war offenbar lang genug gewesen, um einzunicken. Alexandre reichte mir eine Hand, um mir beim Aussteigen zu helfen, während er sich mit der anderen sein Telefon ans Ohr presste. Die Realität hatte uns wieder.
   Unser Gepäck stand bereits in der Suite. Ich suchte nur kurz mein Nachthemd heraus und verschwand im Bad, um notdürftig die letzten klebrigen Reste unseres Abendessens abzuwaschen. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als ich mich im Spiegel betrachtete. Ich würde am liebsten das ganze nächste Jahr um die Welt reisen und die schönsten Orte besuchen, auf dieselbe Weise, wie wir heute Nacht den Eiffelturm besucht hatten.
   Mein Spiegelbild flackerte. Ich lächelte mich immer noch an, aber der Spiegel war fleckig und das Zimmer hinter mir sah anders aus. Ich drehte mich um. Nichts war verändert. Ich sah erneut in den Spiegel und erblickte lediglich mein erschrockenes Gesicht. Ich musste völlig übermüdet sein. Schnell putzte ich mir die Zähne, bevor ich in einen der weichen Bademäntel des Hotels schlüpfte und mich auf die Suche nach Alexandre machte, in der Hoffnung, mich zum Einschlafen endlich wieder einmal an ihn kuscheln zu können.
   Er lehnte am Geländer der Dachterrasse und redete eindringlich auf seinen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung ein. Ich nahm an, dass er endlich eine Verbindung zur Mine bekommen hatte, da er spanisch sprach. Es würde sicher eine längere Unterredung werden und ich würde wieder allein in den Schlaf sinken. Aber wenigstens hatten wir einen Abend genossen, von dem ich eine Weile zehren konnte. Ich hauchte ihm einen Kuss durch die Scheibe hinaus und ließ mich ins Bett fallen. Es war mir nicht eine Sekunde länger möglich, meine Augen offen zu halten.

Das Feuer kam immer näher. Ich spürte die Hitze auf meiner Haut. Der Qualm trieb mir Tränen in die Augen und machte es fast unmöglich zu atmen. Um mich herum schrien Menschen in Todesangst.
   »Alexandre, wo bist du?«, flüsterte ich, gewahr dessen, dass er mich niemals hören würde, auch wenn ich ihn aus vollem Halse riefe. Ich hatte gewusst, dass der Tag kommen würde, der uns trennte. Nur hatte ich nicht geahnt, wie es passieren würde. Das Böse war da. Es befand sich in unseren Mauern. Beinahe greifbar und doch zu weit weg, als dass ich es zu fassen bekäme, um den Männern und Frauen um mich herum diese qualvollen Minuten zu ersparen.
   Eine Tür fiel krachend hinter uns ins Schloss. Sie würden uns in Feuer und Rauch umkommen lassen. Gnadenlos. Das boshafte Gelächter der Soldaten schallte noch durch den Rauch, als sie den Raum längst verlassen hatten. Es gab kein Entrinnen.
   »Alexandre, wo bist du?« Ich sank keuchend zu Boden. Jeglicher Laut um mich herum verlor sich in einem erstickten Wimmern. Schwärze hüllte mich ein. Es war die tiefste Dunkelheit, die ich jemals erlebt hatte. Kein Licht, nicht einmal ein kleiner Schimmer, drang vor meine Augen, obwohl die Burg um uns herum lichterloh brannte. Die Balken an der Decke des Turms knackten laut. Sie würden bald herunterbrechen und auch all diejenigen, die ihr Leiden noch solange ertragen mussten, ins Jenseits schicken.
   Dürre, raue Finger legten sich um meinen Hals. Ich rang nach Luft, aber nur der beißende Qualm füllte meine Lunge. Etwas zerrte an meinem Kleid. Nur mit Mühe konnte ich blinzeln. Ein schwarzer Schatten, gleich einer haarigen Bestie mit Augen wie glühende Kohlen, hockte neben mir und gaffte mich an, während er versuchte, die Schnürung meines Kleides aufzureißen. Gierig fletschte er seine Zähne und der Geifer tropfte von seinen aufgequollenen Lippen.
   Ein wütender Schrei ließ mich hochfahren. Ich riss die Augen auf. Alexandre stürzte durchs Zimmer und versuchte, den schwarzen Qualm zu packen, der sich schnell unter der Tür hindurch verflüchtigte. Erzürnt schlug er gegen die Wand.
   »Es tut mir so leid, mon amour. Ich war noch auf der Terrasse und habe telefoniert. Ich habe es nicht kommen sehen.«
   Ich fasste an meinen Kopf. Alle Gedanken flogen durcheinander. Es schmerzte, als wollten sie durch die Schläfen nach außen dringen. Mein Hals war trocken, ich konnte kaum ein Wort hervorbringen. Der Druck der Finger lag noch auf meiner Kehle. »Was? … Was hast du nicht kommen sehen?«
   »Dieses zottlige Etwas, das eben durch die Tür verschwunden ist. Wenn ich das zu fassen bekomme …« Er ballte die Hände zu Fäusten und fletschte seine Reißzähne.
   »O Gott, es war real?« Ich untersuchte mein Nachthemd. Das Oberteil war verrutscht. Ich ekelte mich vor der Vorstellung, dass diese rauen Finger mich berührt hatten. Schnell rückte ich zur Seite und suchte nach Spuren des Speichels, der diesem Scheusal aus dem Mund getropft war, aber nichts davon war zu sehen. »Welch ein Albtraum.«
   Alexandre setzte sich zu mir aufs Bett und zog mich fest in seine Arme. Ich fühlte, wie er vor Wut bebte.
   »Was war das? Woher kommt es?«, fragte ich. Meine Stimme zitterte, dass sie fast den Dienst versagte.
   »Ich habe es noch nie vorher gesehen. Kannst du dich noch erinnern, was du geträumt hast?«
   Als ob ich einen derartigen Traum vergessen könnte. Das Wimmern und Keuchen der erstickenden Menschen würde mich bis an mein Lebensende verfolgen. Die Bilder waren zu schrecklich, um sie in einer unzugänglichen Windung meiner Erinnerung verstecken zu können. Ich drückte die aufsteigenden Tränen hinunter. Nur wenige schafften es tatsächlich, sich einen Weg über meine Wangen zu bahnen. Ich wollte nicht weinen. Ich würde nicht diejenige sein, die wegen eines Traumes in Tränen ausbrach.
   Alexandre streichelte mein Haar. Ich spürte sein Herz an meiner Wange. Es klopfte schneller als sonst. Er war immer noch aufgebracht und konnte seiner Wut nicht den Raum geben, den er dafür brauchte. Ich fühlte, dass er sich sehr zusammennehmen musste, weit mehr als sein Temperament es üblicherweise zuließ.
   Sein Telefon läutete erneut.
   Ich seufzte. »Kannst du wenigstens hierbleiben, während du telefonierst? Ich fürchte, ich bringe kein Auge mehr zu, weil ich nicht weiß, ob dieses Biest wiederkommt.« Ich spürte noch immer seine ekligen Finger auf meiner Haut. Es schüttelte mich, und ein Hauch von Kälte zog sich über meinen Rücken.
   Alexandre drückte das Telefongespräch weg. Unruhig tippte er mit dem Finger auf der Bettkante. »Denkst du, du möchtest noch ein paar Tage zu deinen Eltern?«
   Ich sah auf. »Was soll ich dort?«
   »Du hattest keinen einzigen Albtraum, als wir dort waren.«
   »Ich hatte zu Hause nie Albträume. Auch nicht, als ich letztes Jahr beim Klassentreffen dort war. Nur hilft mir das kaum weiter. Ich kann nicht auf Dauer in diesem kleinen Kaff leben, deshalb bin ich ja von dort weggegangen. Und du würdest auch wieder nach spätestens zwei Tagen flüchten.«
   Er knirschte mit den Zähnen.
   Ich setzte mich auf und betrachtete ihn genau. Worüber dachte er so angestrengt nach? »Du willst mich allein dorthin schicken?«
   »Ich weiß nicht, wie ich die Probleme in der Mine lösen soll, wenn ich hier bin. Megan arbeitet mit Hochdruck daran, aber wir sind bisher keinen Schritt weitergekommen. Ich müsste dorthin, um mich selbst von den Vorgängen zu überzeugen, aber ich möchte dich nicht hier allein in Paris lassen. Schon gar nicht nach diesem Vorfall. Wir haben keine Ahnung, was weiter passieren wird, was dieses schwarze Scheusal war oder was es von dir wollte. Wenn ich dich in Sicherheit wüsste, könnte ich für ein paar Tage nach Brasilien fliegen. Und dir würde es vielleicht guttun, dich noch eine Weile zu erholen.«
   Erholen? Wie sollte ich mich erholen, wenn ich wusste, dass die Träume weitergingen, sobald ich wieder aus meinem Heimatort verschwand? Ich hatte keine Ahnung, warum ich dort bisher von den Albträumen nicht behelligt wurde. Es war einfach so.
   Alexandre beobachtete mich angespannt.
   Ich wollte weitermachen, wollte endlich meine eigenen Probleme erledigt haben. Sie nicht dauernd vor mich herschieben müssen, weil in einer der Firmen von Alexandre Schwierigkeiten auftauchten. Es würde nie anders sein. Heute die Mine in Brasilien, morgen seine Aktien und übermorgen die Baumwollfelder oder in welchen Geschäften er auch immer involviert war. Ich konnte ihn ja verstehen, aber es ging hier nicht um Gewinn oder einen Verlust, den sein Vermögen leicht verkraften konnte. Sondern es ging um mein Leben, das irgendwann enden würde, wenn ich es nicht in den Griff bekam. Wenn ich verrückt wurde vor Angst oder nicht mehr wusste, was Traum oder Realität war.
   Ich würde mich sicher nicht bei meinen Eltern verschanzen, und darauf warten, dass er von wo auch immer für ein paar Tage zurückkam, um mich abzuholen und unsere Reise fortzusetzen, nur um mich anschließend wieder dort abzuliefern.
   »Nein, Alexandre. Ich werde nicht zu meinen Eltern fahren. Ich werde versuchen, das Rätsel um diese verfluchten Träume zu lösen, egal, was sie mir noch bringen werden. Es liegt in deiner Entscheidung, ob du mir dabei helfen willst, oder nicht.«
   Er sah zur Seite und schnaubte verdrossen. Für eine Weile sagte er nichts. Dann nahm er sein Telefon und ging auf die Terrasse. Diesmal ließ er mich jedoch nicht aus den Augen. Er starrte durch die Scheiben ins Schlafzimmer, während er sprach, sodass ich das Gefühl hatte, seinen Blick auf mir zu spüren. Ich drehte mich zur anderen Seite und versuchte, zumindest noch ein paar Stunden Schlaf zu finden.

Ein leises Tippen weckte mich. Ich schlug die Augen auf und sah mich um. Wo war ich? Ich blinzelte noch einmal, um sicherzugehen, dass ich wach war. War das wirklich der Raum, in dem ich eingeschlafen war? Er wirkte so alt, beinahe historisch. Ich starrte das Kleid an, das über der geschnitzten Truhe vor meinem Bett lag. Ein grünes Samtkleid? Wann hatte ich jemals ein grünes Samtkleid getragen?
   »Guten Morgen, mon amour«, hörte ich Alexandres Stimme. »Was ist mit dir? Du wirkst verwirrt?«
   Ich drehte mich in die Richtung, aus der seine Stimme kam. Er saß am Sekretär und hatte sein Notebook geöffnet. Ich warf noch einmal einen Blick in Richtung Truhe. Sie war verschwunden, ebenso das grüne Samtkleid. An deren Stelle stand ein großer Flatscreen-Fernseher auf einem glänzenden weißen Lacksideboard. Ich blinzelte erneut und schüttelte den Kopf.
   »Melanie?« Alexandre war zu mir ans Bett getreten.
   »Alles gut. Ich war offenbar noch nicht richtig wach.«
   Er lächelte und setzte sich zu mir auf die Matratze, während er die Nummer des Zimmerservice wählte. »Ich lasse dir Kaffee und Croissants bringen. Darauf hast du dich doch schon gefreut.«
   Ich nickte. Frische französische Croissants mit Marmelade. Das war mein Paris-Frühstück. Ich hatte in jeder Stadt ein anderes Lieblingsfrühstück, aber hier könnte ich sicher ein Leben lang Croissants essen. »Ich möchte im Bett essen, wenn es dir nichts ausmacht.«
   »Wo immer du willst. Du kannst auch den ganzen Tag im Bett verbringen, wenn du möchtest.«
   Ich sah zum Fenster. Die Vorhänge waren weitestgehend zugezogen, was hieß, dass draußen die Sonne schien. »Nein, ich werde später einen Bummel durch die Stadt machen. Mal sehen, was es Neues gibt.«
   »An der Champs-Élysées sollen ein paar neue Boutiquen eröffnet haben, hat mir Pearl geschrieben. Sie hätte gern eine bestimmte Tasche. Ob du ihr die besorgen könntest?«
   »Klar, dann hab ich einen Grund deine Kreditkarten ordentlich zu strapazieren.«
   Er seufzte. »Es tut mir leid, dass ich dir gestern diesen dummen Vorschlag gemacht habe. Ich weiß nur gerade auch nicht, wo mir der Kopf steht. Selbstverständlich werde ich bleiben und dir helfen, nach einer Lösung deiner Probleme zu suchen.«
   »Unserer Probleme, Alexandre. Es sind unsere. Die Träume, die mich überfallen, kommen aus deiner Vergangenheit.«
   Er sah mich nachdenklich an. »Unserer Vergangenheit, wenn du es so genau nehmen willst.«
   Was noch nicht bewiesen war. Auch wenn dieses zottlige Monster in Person bisher noch nie erschienen war, hatten doch die anderen Träume nicht dafür gesorgt, dass ich mit meiner Vergangenheit abschließen konnte – oder besser gesagt mit der von Elaine. Ich fühlte mich ihr nah und doch Welten entfernt. Ihre Erlebnisse, die immer wieder wie Blitze durch meine Gedanken zuckten, waren mir vertraut und unendlich fremd zugleich. Und trotzdem fühlten sich die Träume so real an, als wäre ich dabei gewesen. Nur warum jetzt und nicht schon früher? Und überhaupt, was sollte ich mit dem Wissen um diese grausamen Geschehnisse anfangen? Weshalb konnte ich nicht wenigstens schöne Ereignisse aus dieser Zeit träumen? Es musste doch von diesen auch ein paar gegeben haben.
   Der Zimmerservice klopfte an der Eingangstür unserer Suite, bevor er eintrat. Alexandre verließ das Schlafzimmer, um mein Frühstück in Empfang zu nehmen. Er brachte das Tablett herein und stellte es neben mir auf dem Bett ab. Die Croissants waren noch warm und dufteten himmlisch. Ich versuchte an nichts anderes zu denken, als daran, jeden einzelnen Bissen zu genießen und die Shoppingtour, die ich vorhatte, zu planen. Ich brauchte Schuhe und eine Tasche in einem ganz bestimmten Blau, die ich in New York nicht gefunden hatte. Ein neues Kleid wäre ebenfalls nicht schlecht oder auch zwei und ein Mantel für den bevorstehenden Herbst. Das würde mich sicherlich eine Weile davon ablenken, über den neuerlichen Traum nachdenken zu müssen.
   Sollte ich auch nach einem grünen Samtkleid Ausschau halten? Es ging mir nicht mehr aus dem Kopf, denn es kam mir bekannt vor. Oder bildete ich mir das nur ein? War es vielleicht ein Kleid aus einer Oper, die ich zuletzt am Broadway gesehen hatte? Ich ging die klassischen Vorstellungen durch, aber das Kleid hätte ich nirgendwo zuordnen können. Es war aussichtslos. Ich schaffte es noch nicht einmal beim Frühstück, meine Gedanken an die wirren Albträume und Visionen zu verdrängen.

»Hast du dich bei Megan nach diesem schwarzen Untier erkundigt, das heute Nacht hier erschienen ist?«, fragte ich Alexandre, als er eine kurze Pause bei seiner Arbeit einlegte.
   Er schüttelte den Kopf. »Megan ist auf dem Weg nach Brasilien, ich konnte sie noch nicht erreichen. Aber von den anderen hat keiner jemals etwas in der Art gesehen.«
   Ich seufzte und wühlte mich aus dem Bett, um mich endlich ordentlich zu duschen und anzuziehen. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass die Mittagszeit längst überschritten war. Ich wollte raus, die Sonne und die frische Luft genießen und die Schrecken der Nacht verdrängen, sofern dies möglich war. Und auf jeden Fall würde ich mich auch in ein Café setzen und die Menschen beobachten. Die Pariser waren ein ganz eigenes Völkchen, das wusste, wie man das Leben genoss. Vielleicht färbte etwas davon auf mich ab. Ich hätte es bitter nötig.
   »Ich denke, ich werde eine Weile durch die Stadt bummeln«, erklärte ich Alexandre, während ich den Inhalt meiner Tasche auf Vollständigkeit überprüfte. »Dir wird hier ja sicher nicht langweilig werden ohne mich.«
   »Mach dir einen schönen Tag, so lange du willst. Wenn ich dich irgendwo abholen lassen soll, gib einfach Bescheid, dann schicke ich einen Wagen des Hotels vorbei.«
   Alexandre machte keine Anstalten, mich zurückzuhalten, um den Tag mit ihm zu verbringen. Im Gegenteil: Er schien froh, endlich ohne schlechtes Gewissen arbeiten zu können, bis sein Notebook rauchte. Der gestrige Abend musste ihn viel Überwindung gekostet haben. Einen ganzen Abend nicht erreichbar - für einen Workaholic wie ihn musste es die Hölle sein.

*

Alexandre hatte den leisen Seufzer vernommen, den Melanie ausgestoßen hatte, als sie sich verabschiedete, und fühlte sich schlecht dabei. Er hätte ihr anbieten sollen, mit ihr den Louvre oder ein anderes Museum zu besuchen, wenn er aufgrund des Wetters schon nicht zum Einkaufen mitkommen konnte. Sie wirkte immer noch gekränkt, und er konnte es verstehen. Er hatte sich wie ein Vollidiot benommen, als er ihr den Vorschlag machte, für eine Weile bei ihren Eltern Urlaub zu machen, damit er nach seinen Geschäften sehen konnte. Aber er war noch nie ein guter Verlierer gewesen und es seit ewigen Zeiten gewohnt, seine Probleme selbst zu lösen. Er konnte seine Geschäfte nicht so einfach aus der Hand geben.
   Nachdenklich sah er zur Tür. Selbst er musste sich eingestehen, dass er an einem Punkt angelangt war, wo er, ganz gleich was er tat, nur verlieren konnte. Wenn er in Paris blieb und sich um Melanie kümmerte, verlor er womöglich die Mine, die bisher die reinsten und größten Amethyste hervorgebracht hatte, die je gefunden worden waren. Wenn er nach Brasilien flog, um selbst nach dem Rechten zu sehen, verlor er Melanie. Sie würde es ihm nie verzeihen. Und doch fühlte er diese Unruhe in sich. Nicht zu wissen, was dort vor sich ging, machte ihn rastlos. Er wäre lieber sofort als später aufgebrochen.
   Er dachte an den Abend zuvor. Der Eiffelturm, die Ruhe, Melanies Schönheit, ihre Lebenslust - warum war er nicht in der Lage, einfach nur das Leben zu genießen? Er hatte mehr Geld, als er die nächsten hundert Jahre ausgeben konnte. Er könnte sich aus dem aktiven Management zurückziehen, brauchte nur seine Anteile zu behalten, und sie könnten von einem wunderbaren Ort zum anderen ziehen und alles erleben, wovon andere nur träumten.
   Aber er konnte nicht nichts tun. Hatte nicht Elaine ihm schon vorgeworfen, immer die Herausforderung zu suchen? Immer wieder aufs Neue?
   Er überprüfte noch einmal die Strecke, die er zurücklegen musste, um bei der Mine anzukommen. Wenn er Tom oder Ramon bat, auf Melanie aufzupassen? Sie hielten sich ohnehin gerade in Spanien auf. Oder vielleicht besser Liam? Aber bis der aus New York herüberkam, würde ein weiterer Tag vergehen. Nur wie lange wäre er in Brasilien gebunden, bis er die Lage im Blick hatte? Zu lange. Es würde alles zu lange dauern.
   Alexandre konnte es nicht riskieren. Er hatte Melanie versprochen zu bleiben. Das Problem musste anders gelöst werden, sonst würde er tatsächlich gewaltigen Mist verbocken, wie Pearl vor zwei Stunden auf ihre Art versucht hatte, ihm klarzumachen.
   Er sah noch einmal die Internetseiten durch, die er ausfindig gemacht hatte. Seine wirkliche Herausforderung lag hierin. Er musste herausfinden, was Melanies Träume zu bedeuten hatten. Vor allem, woher dieses schwarze Untier kam.
   Es konnten nicht mehr nur die bloßen Erinnerungen aus einer anderen Zeit sein, die versuchten, sich in Melanies Bewusstsein zu drängen. Es musste etwas anderes dahinterstecken. Nur was in aller Welt war das?

*

Ich schlenderte die Champs-Élysées entlang. Die alten Gebäude nötigten mich geradezu, über ihre Geschichte nachzudenken. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich darüber grübelte, ob vielleicht ihr Grundstein bereits zu Elaines Zeit gelegt worden war? War sie ebenfalls hier gewesen? An genau dieser Stelle? Doch wie ich während einer Pause in einem Café recherchieren konnte, gab es zu der fraglichen Zeit zwischen 1630 und 1640 anstelle der Avenue nur eine Promenade, die durch Felder und Gärten führte. Ob sie trotzdem in einem grünen Samtkleid, wie ich es heute Morgen vor Augen hatte, hier herumgewandert war? Womöglich mit Alexandre? Oder waren sie nur durch die bewohnten Viertel der Stadt flaniert? Nur zu gern hätte ich das Paris dieser Zeit kennengelernt. Es musste unendlich viel kleiner gewesen sein als heute. Eine Kleinstadt im Vergleich zu dem, was sie jetzt war. Mittlerweile waren so viele eigenständige Orte an Paris gewachsen, dass man zu Fuß Stunden brauchte, um von einem Ende zum anderen zu kommen. Ich nahm mir vor, meinen Ärger über Alexandre zu vergessen, und mir von ihm am Abend die wirklich alten Stadtviertel zeigen zu lassen, wie wir es uns vorgenommen hatten. Vielleicht würde das ja tatsächlich ein schönes Erlebnis von damals in Erinnerung rufen.
   Die Sonne fiel auf ein Schaufenster, in dem ich mich widerspiegelte. Ich lächelte mir zu und nickte. Weshalb lächelte mein Spiegelbild, wenn ich rein gefühlsmäßig ein nachdenkliches Gesicht aufgesetzt hatte? Und hatte ich wirklich genickt, als ich den Entschluss gefasst hatte? Ich schüttelte den Kopf. Mein Spiegelbild lächelte mich immer noch an. Ich riss mich von dem Anblick los und floh in das nächste Geschäft. Zitternd setzte ich mich in einen der Sessel, die mitten im Raum standen, und versuchte mich zu beruhigen. Ich war bestimmt nur übermüdet. Es hatte doch seit Langem nur noch wenige Nächte gegeben, in denen ich ungehindert durchgeschlafen hatte. Sicher, das musste es sein. Ich holte tief Luft und sah mich um.
   Eine Verkäuferin kam zu mir herüber und sah mich fragend an. »Kann ich Ihnen behilflich sein? Geht es Ihnen nicht gut?«
   »Nein. Doch. Ich … ich brauche Schuhe.«

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