Gerade stand Ruben noch in der Tate Gallery in London, jetzt befindet er sich plötzlich in Axikon, der Welt der unendlichen Nacht. Neugierig lässt er sich auf diesen magischen Ort ein und begegnet der hübschen und geheimnisvollen Sotai, die aussieht wie ein Mensch, sich jedoch in den Wind verwandeln kann. Vom ersten Moment an ist Ruben von ihr fasziniert, obwohl auf der Erde seine Verlobte wartet. Ruben will sich auf das Abenteuer einlassen, doch kein Mensch darf in dieser Welt bleiben und so will Sotai ihn unentdeckt zur Erde zurückzubringen. Jedoch müssen beide bald feststellen, dass ihr Vorhaben weitaus gefährlicher ist, als es anfangs scheint ...

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ISBN: 978-9963-53-438-8

Seiten: 271

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Lia Haycraft

Lia Haycraft
Lia Haycraft wurde 1980 in Norddeutschland geboren, wuchs jedoch in Portugal, England und schließlich Nordrhein-Westfalen auf. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie mitten im Bergischen Land. Gern gelesen hat sie schon immer, die Leidenschaft, selbst zu schreiben, packte sie gnadenlos vor einigen Jahren. Aus „Mondtochter“ ist eine vierteilige Reihe geworden: „Die Nacht der Elemente“. Veröffentlicht sind außerdem unter dem Pseudonym Eileen Raven Scott ihre Novelle „Feuerküsse“ und der Roman „Flammenseele“ im Machandel Verlag. Die meisten Geschichten spielen in England oder Köln. Weitere Werke sind natürlich in Arbeit.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Schlüssel

Die Monde Enxía und Serniwe spiegelten sich in dem schmalen Bachlauf zwischen Abertausenden von Sternfischen, die aufleuchteten, wenn sie vorbeischwammen. Sotai holte aus, um ihren Ring ins Wasser zu werfen. Doch da nahm sie eine Bewegung am anderen Ufer wahr, hielt inne und sah auf. Ein Maraga. Es hörte auf zu trinken und hob den Kopf. Sotai hielt den Atem an, trotzdem witterte das Maraga in ihre Richtung. Ruckartig drehte es ihr den Rücken zu und verschwand mit langen Sprüngen in der Dunkelheit der knorrigen, vom ständigen Wind niedrig gewachsenen Bäume.
   Sotai seufzte. Sie hätte sich verwandeln sollen, denn das Maraga hätte bestimmt keinen Unterschied zwischen dem Wind, der Sotai war, und dem, der durch die Blätter der Uferbäume strich, bemerkt. Sotai ließ ihre Hand sinken und stand auf. Kurz betrachtete sie den Ring, ein Geschenk von Seran. Silbern schimmerte er auf ihrer Handfläche. Auf einmal wollte sie den Ring nicht im Bach haben. Er sollte irgendwo liegen, wo sie ihn nicht wiederholen konnte. Am besten im dichten Gras der Steppe vor Lennoxi. Das war eine gute Idee.
   Sotai machte eine Faust um den Ring und rannte so schnell, dass der Wind ihr Kleid eng an ihre Haut presste. Mitten zwischen den langen, weichen Halmen des Steppengrases blieb sie stehen, holte aus und warf. Sie sah das Glitzern des Rings, bevor er in der Dunkelheit verschwand. Sotai atmete tief aus und wollte sich wegdrehen. Etwas rauschte über ihr durch die Luft, Sotai schrak auf. Ein Schatten kam auf sie zu.
   Kasumi landete wenige Schritte vor Sotai und lächelte schief. Mit dem Licht der Monde im Rücken sah sie größer aus als sonst. Sie faltete ihre Schwingen langsam zusammen und kam ein Stück näher. Ihre Augen blitzten belustigt, und Sotai hoffte, dass sie die Sache mit dem Ring nicht mitbekommen hatte. Sie wollte nicht darüber reden, auch wenn Kasumi längst zu einer guten Freundin geworden war.
   »Hi. Wartest du auf jemanden?«
   »Nein.« Sotai seufzte. »Wie war’s auf der Erde? Gibt es Neuigkeiten?«
   »Alles wie immer. Nicht viel zu tun für uns Schwingen. Kein Auftrag in Sicht, und ich habe nicht einmal Miro getroffen. Aber von Elfrun soll ich dir viele Grüße bestellen. Sie lässt fragen, ob du sie nicht mal wieder besuchen möchtest, an der Nacht der Elemente? Lang dauert es ja nicht mehr. Hast du vor, auf die Erde zu reisen?«
   Für einen Moment wusste Sotai es nicht. Sie hatte bisher nicht darüber nachgedacht, aber vielleicht war das die Lösung. Mehr Abstand zu Seran ging beinah nicht. Und es bedeutete ebenfalls mehr Abstand zu allem hier. Etwas Neues entdecken, allein. Das klang sehr verlockend. »Ja, ich werde reisen.«
   »Kann es sein, dass du eben irgendetwas weggeworfen hast? Mir war, als flöge etwas Silbriges an mir vorbei, als ich durch das Tor kam.«
   Es hatte wohl keinen Sinn, es abzustreiten, und vielleicht würde es guttun, darüber zu sprechen. »Serans Ring. Ich habe einfach keine Lust mehr, an ihn zu denken. Das hat in letzter Zeit immer besser geklappt, aber dann fiel mir sein Ring ein, der in den Tiefen irgendeiner Tasche lauerte, um mich zu quälen … oder ich habe ihn auf einmal zufällig in der Hand, wenn ich etwas anderes suche. Du kannst es dir sicher denken.«
   Kasumi legte eine Hand auf Sotais Schulter, das weiche Fell an ihren Fingern kitzelte auf Sotais Haut. »Vergiss ihn.«
   »Ganz bestimmt.«
   »Irgendwann triffst du den Richtigen.«
   »Ich brauche niemanden.« Das stimmte nicht ganz, aber es war einfacher so. Doch, wenn es jemanden gäbe, der zu ihr passte, jemanden, auf den sie sich verlassen könnte, bei dem sie sich öffnen und so sein könnte, wie sie war, sähe die Sache anders aus. Doch darüber wollte Sotai mit Kasumi nicht sprechen. Sie hatte schließlich längst so jemanden gefunden. Ivan und sie waren schon beinah neunzehn Jahre ein Paar.
   Schweigend gingen beide zu dem großen, flachen Stein, auf dem Sotai am liebsten saß. Sie setzten sich, Sotai überkreuzte ihre Beine und lehnte sich zurück.
   »Hast du Lust, mich zu begleiten, wenn ich in der Nacht der Elemente auf die Erde reise?«, fragte Kasumi irgendwann.
   »Ich glaube, es ist besser, ich gehe allein. Wäre das erste Mal für mich, wird sicher Zeit.« Kasumi stieß Sotai aufmunternd in die Seite, und Sotai musste lachen.
   »Hey, was gibt’s so Lustiges?«, fragte jemand hinter ihnen.
   »Ivan«, flüsterte Kasumi und drehte sich um. Sie sprang auf die Füße, wirbelte herum und landete mit einem geschmeidigen Satz auf Ivan, sodass er zwar umfiel, aber im weichen Gras landete. Sie lachten ausgelassen und kugelten hin und her, bis Ivan auf Kasumi saß und sich langsam zu ihr hinunterbeugte. »Sorry«, sagte Kasumi an Sotai gewandt. »Denk dran, was ich dir gesagt habe.«
   Sotai nickte, winkte und ging am Bachlauf entlang, ohne zurückzusehen. Sie hob einen kleinen Stein auf und warf ihn über den Bach, sodass er viermal die Wasseroberfläche berührte und auf der anderen Seite im Moos landete. Sie ging langsam weiter und dachte an ihre Eltern, ihr Zuhause im Höhlendorf Lennoxi. Sie wohnte noch immer hier, wo sie aufgewachsen war, aber ihr Herz zog sie von hier fort. Sie wollte mehr von der Welt sehen. Sotais Fußsohlen wurden vom feuchten Moosteppich allmählich kühl, aber die Luft war mild wie immer. Sotai dachte an ihren ersten und einzigen Besuch auf der Erde, einem magischen Ort. Alles war dort anders als hier, und doch wieder nicht. Zu schade, dass sie die Sonne nicht hatte sehen können. Das war der einzige Grund, weswegen sie gern das Element Feuer gehabt hätte, denn nur Feuerarantai vertrugen Sonnenlicht. Alle anderen waren so sehr Kinder der Nacht, dass ein einziger Sonnenstrahl schmerzte wie ein Messerstich. Erst ein paar Schritte später bemerkte Sotai, dass sie die sanft schimmernden Mauern von Lennoxi erreicht hatte. Sie umrundete die Windschutzmauer und stieß mit jemandem zusammen.
   »Ahol«, rief sie erstaunt, als sie ihren Vater erkannte. Vor Schreck benutzte sie das axikonische Wort.
   »Oh, Sotai. Wo kommst du denn her?«
   »Von draußen vom Walde.« Sotai grinste. »Ich war am Bach.«
   »Hast du Kasumi gesehen?«
   »Ja, aber sie ist beschäftigt. Vielleicht solltest du mit deinem Anliegen warten.«
   »Ah.«
   Sotai hatte den Eindruck, ihr Vater wurde ein wenig rot. Er wusste anscheinend genau, womit Kasumi beschäftigt war. Es war andererseits nicht schwer zu erraten. Schließlich war der Erste, den Kasumi aufsuchte, wenn sie von ihren Erdenreisen zurückkam, natürlich Ivan. »Ich wollte Kani und dir noch etwas sagen.« Sotai wusste nicht, wie ihre Eltern reagieren würden, aber normalerweise würde Kani ihn schon überzeugen, denn er würde dagegen sein. Ahol hielt gern an Altem fest, er lächelte jedes Mal, wenn Sotai axikonische Wörter gebrauchte, obwohl sie sonst oft in der Landessprache ihrer Mutter mit ihr sprach. Kani, die selbst von der Erde stammte, wäre sicher dafür, dass Sotai viel kennenlernte.
   »Ja, mein Windröschen?«
   Gut, offenbar hatte er gute Laune, wenn er schon diesen Spitznamen für sie benutzte. Eigentlich fühlte sie sich mittlerweile zu alt für den Namen, aber bei ihrem Vater drückte sie ein Auge zu. »Ich werde in die Stadt ziehen.« Sotai wappnete sich innerlich für seine Antwort und sah ihm fest in die Augen.
   »So weit weg?« Er hielt inne. »Wir sollten mit deiner Kani darüber sprechen.«
   »Mein Entschluss steht fest. Dies wird bereits meine zweite Nacht der Elemente. Nach Menschenjahren bin ich schon einunddreißig. Zuerst werde ich auf die Erde reisen, dann ziehe ich um.«
   Er überlegte eine Weile. »Aber deine Höhle bei uns ist doch sehr gemütlich. Oder möchtest du eine größere?«
   »Ich möchte nach Konis ziehen. Die Größe der Höhle ist egal.«
   »Aber warum?«
   Sotai hatte keine Antwort, die ihm gefallen würde. »Es ist an der Zeit. Ich brauche etwas Neues um mich.« Er sah sie irritiert an, erwiderte aber nichts. Damit war das Gespräch beendet, das wusste Sotai. Für ihn war sie immer noch das kleine Kind mit dem neugierigen Blick und den wilden Locken. Und tatsächlich war einunddreißig für einen Arantai kein Alter. »Lassen wir das«, sagte sie und ging an ihm vorbei. Sie hörte, dass er nach einem Moment ebenfalls weiterging, vermutlich dorthin, wo er ursprünglich hingewollt hatte. Wahrscheinlich irgendetwas reparieren, irgendwen besuchen, irgendwem helfen und Kasumi irgendeinen Auftrag geben. Wobei sie als Mondschwinge wirklich Wichtigeres zu tun hatte, als für jeden Arantai eine neue Bestellung zu holen. Konnten die Leute nicht mal zur Nacht der Elemente selbst auf die Erde gehen und ihre Sachen holen? Diese paar Tage würden sie wohl noch warten können.
   Sotai stieg die Treppe hinauf. Ein Feuergeist huschte an ihrem Kopf vorbei und kicherte. Ein zweiter folgte ihm. Sotai seufzte erneut. Sie sah überall Verliebte und langsam machte es sie wütend. Den einen Richtigen, wie es sie immer in den Büchern gab, die Kani ihr lieh, gab es sowieso nicht. Sotai erinnerte sich daran, dass Kasumi von der Arantai Noelani Cooke geschwärmt hatte. Sie schrieb Liebesgeschichten, aber die Figuren dort waren nicht immer sofort furchtbar und rettungslos verliebt. Gerade das machte die Bücher realistisch.
   Noelani war bestimmt eine vernünftige Frau. Vielleicht sollte Sotai mal mit ihr über die Liebe reden. Dann könnte sie Kani auch das neuste Buch mitbringen. Und wenn sie zurück wäre, würde sie sich eine Wohnhöhle in Konis suchen. Sotai erklomm die letzten Stufen und schlug den Weg zur Wohnhöhle ihrer Eltern ein.
   »Du siehst glücklich aus«, bemerkte Kani, als Sotai eintrat. Sie saß auf einem großen Kissen an der hinteren Wand und hatte ein aufgeschlagenes Buch auf den Beinen liegen. Eine Hand lag auf den offenen Seiten.
   »Reist du dieses Mal nicht auf die Erde?« Sotai setzte sich auf ein zweites Kissen.
   »Ich würde schon gern. Ich wünschte, dein Vater würde einmal mitkommen.«
   »Ich werde hinreisen. Ich möchte England sehen, das Land, in dem diese Geschichten spielen.« Sie deutete mit dem Kopf auf das Buch. »Vielleicht kann ich den neusten Roman von Noelani Cooke mitbringen.«
   Kani hob das Buch hoch, sodass der Buchrücken sichtbar wurde. »Das hat mir Kasumi neulich gebracht, aber danke, Schatz. Möchtest du allein reisen? Es hörte sich gerade so an.«
   »Ja, das möchte ich.« Sotai sah aus dem runden Fenster. Der erste Mond war eine perfekte Sichel, eine einzelne Wolke schwebte durch seine Mitte, dann war das Licht wieder klar und silbern wie zuvor. »Und wenn ich zurück bin, möchte ich mir eine neue Wohnhöhle suchen.«
   »Du willst sicher in die Stadt, oder? Hast du dir das gut überlegt?«
   Sotai nickte und schwieg eine Weile. »Ich werde packen gehen. Das Tor ist bald geöffnet.«
   »Tu das. Du findest bestimmt eine schöne Ecke in der Stadt. Wir reden später mit deinem Vater darüber.« Kani drückte Sotais Hand und brachte sie zur Tür.
   In ihrer eigenen Höhle stand Sotai einen Moment mitten im Raum und ließ den Blick über die Wände und Möbel streifen. Von einem Wandhaken nahm sie einen Stoffbeutel, schnürte ihn auf und überlegte, was sie für eine Reise auf die Erde brauchen würde. Ihr fiel zuerst nicht eine einzige Sache ein, die sie mitnehmen musste. Doch, sie brauchte einen Schlüssel, um nach Axikon zurückkehren zu können.
   Sotai lief zu einer Kommode an der Wand und zog eine Schublade heraus. Darin lag ein kleines Kästchen. Sie machte es auf und vergewisserte sich, dass der Anhänger, den sie zur Rückkehr benötigte, darin lag. Dann klappte sie die Schachtel zu und verstaute sie in ihrem Beutel. Bevor sie die Schublade zuschob, fiel ihr Blick auf ein kleines grünes Notizbuch und einen Stift, der geformt war wie eine Feder und den Kasumi ihr einmal mitgebracht hatte. Beides steckte Sotai in ihren Stoffbeutel, nahm zwei Stofftücher vom Haken und stopfte auch diese in den Beutel. Tücher konnte man immer gebrauchen.
   Während Sotai gepackt hatte, war ihr Vater heimgekehrt und bedachte sie mit einem langen Blick, als er ihr die Tür öffnete. Vermutlich hatte er Kani schon seine Bedenken mitgeteilt.
   »Ich werde jetzt ins Spiegeltal reisen, bis das Tor geöffnet ist, bin ich dort.« Sotai umarmte ihre Mutter und drückte auch ihren Vater kurz.
   »Gute Reise, Windröschen«, sagte Ahol und auch ihre Mutter wünschte ihr eine aufregende Zeit auf der Erde.
   Sotai verabschiedete sich schnell von ihren Eltern und beeilte sich, deren Wohnhöhle zu verlassen, bevor ihr Vater mehr zum Thema Konis sagen konnte. Sie hatte einfach keine Lust darauf und wollte ihre Reise auf die Erde genießen. Ahol musste einsehen, dass sie schon lang erwachsen war.
   Draußen atmete sie die lauwarme Abendluft tief ein. Sie schulterte ihre Tasche und ging in die Richtung los, in der sie das Meer vermutete. Es war lange her, dass sie dort gewesen war, und seit ihrer Verwandlung in eine Arantai reiste sie selten zu Fuß. Jetzt aber wollte sie nachdenken, und dafür brauchte sie das Gefühl der Erde unter ihren Fußsohlen.

*

Ruben entdeckte Alex in einer dunklen Ecke vor dem Museum, als dieser seine Zigarette an der Wand ausdrückte.
   Alex warf Ruben den Schlüssel für die Eingangstür zu. »Du kommst spät, Mann.« Nach einem Moment fiel ihm offenbar ein, dass Ruben ihm einen Gefallen tat. »Sorry, und danke. Du hast was gut bei mir.«
   »Geht schon klar.«
   »Kann ich dir die Kohle morgen geben?« Alex entfernte sich bereits rückwärts. »Ist okay, wenn ich abhaue, oder? Du weißt ja, wo alles ist.«
   Ruben nickte und schüttelte dann leicht den Kopf über Alex. Er wirkte in letzter Zeit irgendwie abwesend und hektisch. Ruben schloss die Tür auf und stand kurz davor, einen Eulenlaut in das dunkle Museum hineinzurufen, als ihn die einsame Kühle empfing. Er lachte leise und ging hinein. Schnell gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, und er ließ die Taschenlampe ausgeschaltet. Vorsorglich hatte er sich eine mitgebracht, obwohl es auch eine im Wachraum gab. Der Raum hatte den Namen überhaupt nicht verdient, es war eher eine Abstellkammer, eine Wachkammer also. Ruben knipste das Licht an. Nach einem Flackern warf die Leuchtstoffröhre ihren kalten Schein auf den kleinen Plastikstuhl vor dem grauen Tisch und den grünlichen Spind. Es gab nicht mal ein Fenster. Dafür hing an der Wand ein großer Kalender mit Fotografien von Sportwagen und anderen heißen Fahrzeugen.
   Auf dem aktuellen Bild war ein roter Ferrari abgebildet, auf der Motorhaube eine halb nackte Frau mit dunklen Haaren. Dieses Bild kannte Ruben noch nicht. Im Vormonat Mai war eine Harley Davidson mit einer Blondine, die allerdings etwas mehr Stoff am Leib hatte als diese hier, abgebildet gewesen. »Typisch Alex.« Er pfiff trotzdem, denn die Kleine hatte einen wahnsinnig hübschen Körperbau mit Rundungen an den richtigen Stellen, dabei wirkte sie trotzdem athletisch. Ein Vibrieren an seinem Bauch schreckte ihn aus seinen Tagträumen. Er zupfte das Handy aus der Jackentasche. Eine neue SMS. Ruben öffnete sie und las die Nachricht.
   Ich warte auf dich. Komm nicht zu spät! Ich trage rote Spitzenwäsche. Jazz
   Ruben grinste. Das war seine Jasmin. Sie liebte es einfach, ihn heißzumachen. Leider war es in letzter Zeit allzu oft passiert, dass Jasmin nach einer solchen SMS doch schon geschlafen hatte. Der Name Jazz irritierte ihn allerdings ein wenig, er konnte sich nicht erinnern, dass sie ihn schon mal benutzt hatte und auch er hatte sie noch nie so genannt. Egal, jetzt musste er sich auf seine Arbeit konzentrieren. Eine Antwort würde er ihr später schicken. Er suchte den richtigen Schlüssel vom Schlüsselbund heraus und schloss einen Spind auf. Darin waren eine riesige Mag-Lite, die Wachmann-Uniform der Security-Firma und ein Namensschild, auf dem Alex stand, er war also heute inkognito. Ruben grinste.
   Nachdem sich Ruben umgezogen und seine Klamotten in den Spind gehängt hatte, war es fast dreiundzwanzig Uhr. Es war zwar schon spät, aber Ruben sprang gern für Alex ein. Den Fünfziger, den er dafür bekam, konnte er gut gebrauchen. Er wollte vor der Hochzeit mit Jasmin ein Wochenende wegfahren, vielleicht nach Paris, das würde ihr sicher gefallen. Und da sein eigener Job nicht wahnsinnig gut bezahlt wurde oder er einfach zu oft essen ging, passte ihm das zusätzliche Geld sehr gut.
   Ruben holte seine Taschenlampe und für später sein Buch aus dem Rucksack, steckte ihn ebenfalls in den Spind und drehte den Schlüssel herum. Er stöhnte und schloss wieder auf: die Brieftasche. Ruben wollte sein Geld lieber nicht unbeaufsichtigt zurücklassen. Er holte die Brieftasche aus dem Rucksack und steckte sie in die Gesäßtasche seiner Uniformhose. Jetzt hatte er alles. Er verriegelte den Spind erneut und steckte den Schlüssel in die Brusttasche der Jacke.
   Ruben lauschte, irgendwo im Gebäude knackte es, mittlerweile konnte er das Knacken von Holz und anderen Geräuschen schon sehr gut unterscheiden, trotzdem würde er mal nachsehen gehen. Die Leuchtstoffröhre über seinem Kopf gab ein stetes Summen von sich, als Ruben den Wachraum verließ. Er zupfte sein Namensschild zurecht und dachte an Alex. Am Anfang hatte sich Alex richtig Gedanken gemacht und ihm einen Lageplan des Gebäudes zugesteckt, mittlerweile wartete er meist ungeduldig vor der Tür und haute ab, so schnell es ging. Mal wieder hatte Ruben versäumt, Alex zu fragen, was er heute vorhatte. Vielleicht hatte er ein Date? Alex hatte ewig nichts mehr von einer Frau erzählt.
   Das Museum kam ihm in der Nacht viel größer vor als am Tag. Das machte bestimmt die samtige Dunkelheit, die nur durch die grünen Lichtpunkte der Notlampen unterbrochen wurde. Ruben knipste die Taschenlampe an und begann seinen ersten Gang durch das Museum. Jetzt, wo das Museum schön leer war, konnte er sich Zeit nehmen, die Bilder zu betrachten und obwohl er schon so oft für Alex eingesprungen war, entdeckte er immer wieder etwas Neues, nahm sich manchmal einzelne Räume vor, in denen er sich alles genau ansah. Durch andere Räume und Gänge ging er nur hindurch und sah nach dem Rechten. Mit der Taschenlampe waren Gemälde und Skulpturen ohnehin spannender.
   Der Lichtkegel huschte vor ihm den Gang hinunter, und Ruben bog in den ersten großen Ausstellungsraum ab. Hier gab es Skulpturen und Bilder und an einer Wand hing ein blaues Gemälde von Yves Klein. Der Künstler hatte das ganze Bild in dieser irren Farbe bemalt. Ruben stand eine lange Zeit davor, er liebte dieses Blau. Dann ging er weiter und beleuchtete nach und nach die seltsamen Skulpturen, die im Licht der Taschenlampe auch ein wenig unheimlich wirkten.
   Während er die Räume nacheinander ableuchtete und keine Eindringlinge fand, kam eine zweite SMS an, dieses Mal von Alex, ob alles okay sei. Ruben bejahte dies und wünschte Alex noch einen schönen Abend.
   Die Uhr zeigte Mitternacht. Ruben erinnerte sich wie immer daran, dass er sich als Kind gewünscht hatte, einmal zur Geisterstunde in einem Museum zu sein, um zu sehen, ob irgendwelche Skulpturen zum Leben erwachen würden oder irgendetwas aus den Gemälden kommen würde. Als kleiner Junge hatte er sich auf dem Rücken eines riesigen Dinosaurierskeletts im Museum oder als Zuschauer eines leibhaftigen Schwertkampfes gesehen. Hier gab es zwar weder Skelette noch römische oder sonst welche Schwerter, aber haufenweise Bilder, aus denen ein Tier oder ein Mensch hätte schlüpfen können, um ihn mit zu einem Abenteuer zu nehmen.
   Ruben blickte auf und stand vor dem Gemälde, in welches er sich bei seinem ersten Besuch verliebt hatte. Der Mond sah fast echt aus, so stark leuchtete er aus dem Bild heraus. Das Gras wirkte, als würde es sich sanft im Wind bewegen. Noch nie hatte sich Ruben an diesem Bild mit seinen gedeckten und doch lebendigen Farben sattsehen können. Er blickte auf das Schild neben dem Rahmen, obwohl er wusste, dass dort kein Name stand. Ruben wollte seinen Weg gerade fortsetzen, da reflektierte etwas auf dem Boden das Licht der Taschenlampe. Er ging einen Schritt näher heran und hockte sich hin. Dort lag ein breiter Ring aus Silber, in den ein blasser milchig-blauer Stein eingelassen war, umgeben von einem verschlungenen Muster gleich einem keltischen Knoten. In die Innenseite waren Worte graviert, die Ruben nicht sofort entziffern konnte. Er hielt die Taschenlampe so, dass er die Buchstaben genau lesen konnte. »Axikonis bindola shai«, flüsterte er.
   Ein plötzlicher Windstoß erfasste Ruben. Er sah sich um, entdeckte aber kein offenes Fenster. Prüfend hielt er die Hand in die Luft und erstarrte. Der Wind kam aus dem Gemälde. Ruben schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. Das grenzte ja an Träumerei, dass er meinte, den Wind in den Gräsern spüren zu können. Vermutlich war doch irgendwo ein Fenster gekippt. Bevor Ruben nach dem offenen Fenster suchen konnte, erfasste ihn ein Sog. Das Gemälde glich auf einmal einem starken Magneten, der ihn fast aus den Schuhen zog. Ruben hatte nicht einmal Zeit zu schreien, da explodierte die Luft um ihn herum und es regnete tausend Farben. Das Licht wurde grell-weiß, und obwohl Ruben die Augen zusammenkniff, spürte er, wie er sich bewegte.
   Die Luft um ihn herum rauschte, etwas pfiff an seinen Ohren vorbei und durch seine geschlossenen Lider sah er Farben und Schemen an sich vorüberziehen. Er versuchte, seine Augen zu öffnen. Es gelang ihm nur einen Spalt breit, aber das reichte. Wäre der Wind nicht so stark gewesen, hätte er vermutlich den Mund geöffnet und einen Laut der Überraschung von sich gegeben. So blieb er stumm und sah nur hin und wieder etwas an sich vorbeirasen. Bäume, Häuser, seltsame Fabelwesen wie Einhörner und Drachen, Blumen, die zu brennen schienen, Regenbogen, Wolken, Schnee und Eisblumen, Herbstlaub, Wasserfontänen und rot leuchtenden Regen wie Feuerfunken.
   Auf einmal hörte es auf, und Ruben sah nur noch samtig blaue Nacht um sich herum. Zwei Monde tauchten vor ihm auf, ein Sichelmond und ein Vollmond, Baumwipfel und schließlich eine Wiese aus sanft wogendem Gras. Den Ring hielt er immer noch umklammert, die Taschenlampe hatte er unterwegs verloren. Die Landung war für die atemberaubend schnelle Reise erstaunlich weich. Ruben blieb sogar auf den Füßen.
   Er stand nun auf einer Wiese und um ihn herum sah er nur nächtliche Natur. Ein Käuzchen rief in der Nähe und etwas flatterte dicht über seinem Kopf hinweg, es war aber zu schnell, um es zu erkennen. Er hörte Geräusche, die er nicht richtig zuordnen konnte, wie aus dem Zoo oder gar aus einem Science-Fiction-Film. Es roch nach irgendwelchen Blüten und ein lauwarmer Wind erinnerte Ruben an einen Frühlingstag. Wo zum Teufel war er? Wo war das Museum? Und was für ein abgefahrenes Gemälde! Was wohl passieren würde, wenn er sich bewegte? Würde sich alles in Luft auflösen und er wieder im Museum stehen?
   Quatsch, er stand noch im Museum. Das war irgendeine Nachwirkung von dem Zeug, das Jasmin ihm gestern mitgebracht hatte. Absinth oder was das war. Machte das nicht blind oder verrückt? Ruben schüttelte den Kopf. Verrückt, genau, er hatte einfach den Verstand verloren. Weil er sich so sehr gewünscht hatte, zur Geisterstunde würde etwas Ungewöhnliches passieren, hatte er sich das alles erträumt, erdacht, eingebildet.
   Ruben bückte sich, um über das Gras zu streichen. Es fühlte sich echt an. Zwar war es vielleicht etwas weicher als das, was er kannte, aber definitiv vorhanden. Er wagte es, einen Schritt weiterzugehen. Nichts passierte.
   Er sah sich erneut um. Hinter ihm standen Bäume, riesige Eichen, den Umrissen nach zu urteilen. War er möglicherweise gestürzt und hatte sich den Kopf angeschlagen? Müsste er das nicht wissen? Er berührte zur Sicherheit seinen Kopf, aber da war alles in Ordnung. Keine feuchte Stelle, keine Beule, alles wie immer.
   War er durch eine Tür gestürzt? Eine Falltür? Das war natürlich Quatsch, weil er dann einfach ein Stockwerk tiefer gelandet wäre, nicht auf irgendeiner Wiese. Er schien weit außerhalb von London zu sein, denn Häuser konnte er nirgends entdecken. Es war zu ruhig und roch auch viel zu sauber. Er konnte nicht in der Stadt sein. Also doch ein Traum. Ruben nickte, kniff sich in den Arm und schloss die Augen. Er spürte keine Veränderung, und als er die Augen öffnete, lag noch immer diese seltsame Wiese vor ihm. Irgendwo hinter ihm rief wieder ein Vogel. Dieser klang allerdings ziemlich fremd, vielleicht war er irgendwie in einen der Parks gekommen? Nein. Wie sollte das funktionieren?
   Vielleicht hatte er einen geheimen Mechanismus im Museum entdeckt, ihn unbewusst ausgelöst und war nun an einen weit entfernten Ort gereist. Im Grunde konnte er es vermutlich nicht herausfinden, nicht hier. Er sollte sich umsehen. Und froh sein, schließlich hatte er sich genau das für den nächtlichen Wachdienst im Museum ausgemalt: ein Abenteuer. Das konnte er jetzt haben, ob es nun wirklich passierte oder er sich nur verletzt hatte und fantasierte.
   Seltsam war, dass er keine Angst hatte. Dieser Ort fühlte sich nicht richtig fremd an, deswegen war es noch viel wahrscheinlicher, dass er träumte. Er war sicher an irgendeine Wand gelehnt eingeschlafen.
   Ruben drehte sich erneut um die eigene Achse und entdeckte hier und da ein paar dichtere Baumgruppen. Da keine Richtung besser aussah als eine andere, ging er auf die offene Wiese hinaus. Seine Schritte waren völlig lautlos, das Gras so weich und saftig, dass es nicht einmal unter seinen schweren Stiefeln raschelte. Der frische Wind trug ihm einen Hauch ihm unbekannten Blumendufts zu, allerdings sah er keine. Da war nichts außer langen seidigen Grashalmen in verschiedenen Grüntönen.
   Als er die Halme allerdings genauer betrachtete, erkannte er, dass nicht alle grün waren, dazwischen gab es gelbe und bläuliche, und sie waren wesentlich breiter als die anderen. Ruben hockte sich nieder, um sie aus der Nähe anzusehen. Das war überhaupt kein Gras. Zwischen den Halmen wuchsen schmale Blüten, die nach oben hin genauso spitz zuliefen wie die Grashalme. Ruben pflückte eine der bläulichen schmalen Blumen und roch daran. Kein Zweifel, diese Blumen waren der Ursprung des Duftes, der ihn eben in der Nase gekitzelt hatte.
   Gerade versuchte Ruben, die Blume in eins seiner Knopflöcher zu stecken, da sauste etwas durch die Luft. Ein kleiner weißer Käfer mit langen blau schimmernden Fühlern surrte geschäftig um ihn herum. Der Käfer landete auf Rubens Zeigefinger und krabbelte zu der Blume. Als er sie erreicht hatte, fuhr er eine Art glitzernden, langen Rüssel aus und es erklang ein Schlürfen. Es dauerte nur wenige Sekunden, da veränderte sich plötzlich die Farbe der Blüte von einem hellen Blau in ein sattes Dunkelgrün, während sich auch die Farbe der Käferflügel veränderte. Seine Flügel wurden aber nicht blau wie die Blume, sondern golden mit roten Punkten. So einen Käfer hatte er noch nie gesehen. Es war erstaunlich, was man sich alles im Traum ausdachte. Als der Käfer fertig war, sah die Blume nicht mehr anders aus als die Grashalme, die zwischen den Blumen wuchsen.
   Ruben ging langsam weiter. Er kratzte sich am Kopf und sah dem davonfliegenden Käfer nach. Da Ruben nicht wusste, wohin er gehen sollte, beschloss er, in die Richtung zu gehen, in die der Käfer geflogen war.
   Es dauerte eine Weile, bis sich die Landschaft wandelte und in dieser Zeit entdeckte Ruben noch einige mehr der kleinen Käfer, die weiß angeflogen kamen und sich mit farbigen Flügeln oder farbigen Fühlern entfernten. Jeder von ihnen sah anders aus. Es gab violette, bunt gestreifte und gelbe Käfer, sogar einen silbrigen entdeckte Ruben. Die Wiese, die zuerst endlos gewirkt hatte, war nun durch unterschiedlich geformte Bäume begrenzt. Es gab welche, die waren knorrig wie Apfelbäume, hatten aber Blätter so groß wie Elefantenohren, andere waren hochgewachsen und hatten fast quadratische Blätter in hellem Grün, wieder andere hatten breite Stämme und die Äste reckten sich so hoch in den Himmel, dass Ruben die Blätter nicht einmal sehen konnte, lediglich schattige Schemen weit oben. Da es Nacht war, kam es Ruben seltsam vor, dass er die Farben so gut unterscheiden konnte, aber sie hatten beinah die gleiche Intensität wie an einem leicht bewölkten Tag.
   Ruben zog sein Handy aus der Tasche und stellte genau das fest, was er erwartet hatte: Kein Empfang. Langsam nistete sich ein mulmiges Gefühl bei Ruben ein. Das alles kam ihm viel zu real vor für einen Traum. Seine Träume waren zwar oft wirr, aber dieser war vollkommen anders. Was, wenn er doch nicht träumte und sich irgendwo an einem anderen Ort befand? Wenn es so war, war er weit weg von zu Hause. In London hatte er an den meisten Orten Empfang, wenigstens einen Balken. Aber hier? Fehlanzeige. Seltsam waren auch die Nachtfarben. Er konnte deutlich die Farben der Blumen sehen, obwohl der Himmel nachtblau war. Der Mond schien wirklich ungewöhnlich hell. Monde, verbesserte er sich. Es gab schließlich zwei, Ruben sah in den Himmel, drehte sich um sich selbst und stellte fest, dass er den zarten Umriss eines dritten Mondes erkennen konnte. Eine Sichel, ein halb transparenter halb voller Mond und ein Vollmond. Der Vollmond gab zudem noch ein eher goldenes Licht ab, nicht so silbrig, wie er Mondlicht kannte.
   Die fremden Bäume, diese merkwürdigen Käfer, die ihre Farbe änderten. Gut, das konnten Chamäleons auch, aber Käfer? Andererseits konnte er nicht alles kennen.
   Nach einer Weile stellte er fest, dass er immer noch keinen Empfang hatte, also zwang er sich, mit festen Schritten weiterzugehen. Er sollte Alex informieren, dass er nicht mehr im Museum war. Und natürlich auch Jasmin, spätestens um sechs, wenn er normalerweise nach Hause kommen würde. Wenn er bis dahin nicht einen Weg dorthin gefunden hatte. Ruben schluckte trocken bei diesem Gedanken. Die Uhr-Anzeige auf Rubens Handy zeigte zehn Minuten nach Mitternacht. Innerhalb der nächsten sechs Stunden sollte sich doch ein Ort finden lassen, an dem er Empfang haben würde.
   Doch was würde er Alex sagen? Warum er das Museum so plötzlich hatte verlassen müssen? Wenn er die Wahrheit sagte, nämlich, dass ein Gemälde ihn eingesaugt hatte und ihn auf einer sehr fremdartigen Wiese in einem Land mit drei Monden ausgespuckt hatte, würde Alex vermutlich bei Rubens Rückkehr mit einem Psychiater auf ihn warten oder so. Ruben steckte das Handy zögerlich in seine Hosentasche und blickte auf, als er ein Rauschen hörte. Ein Schwarm Vögel flog über seinen Kopf hinweg. Ihr Gefieder hatte Pastelltöne, es gab fliederfarbene Vögel, zitronengelbe und lindgrüne. Alle hatten kurze, spitze Schnäbel und etwa die Form von Amseln, vielleicht ein wenig größer. Am erstaunlichsten war, dass sie sich zu unterhalten schienen. Es war nicht direkt eine menschliche Sprache, dennoch war es kein bloßes Zwitschern. Bevor er ein paar Wörter aufschnappen konnte, war der Schwarm vorüber und etwas anderes forderte seine Aufmerksamkeit.
   Er hob die Hand und schirmte seine Augen gegen das helle Licht des Vollmondes ab. Ruben kniff die Augen zusammen. Doch, eindeutig, da vorn waren Lichter. Lief er vielleicht geradewegs auf eine Stadt zu? Rubens Herz schlug schneller. Er blieb stehen und überlegte einen Moment, ob er sich vielleicht lieber anschleichen sollte. Er schüttelte den Kopf über seine Feigheit. Ruben würde einfach geradewegs auf den Ort zugehen und einen freundlichen Eindruck machen. Erst jetzt kam ihm die Idee, dass die Menschen, die hier lebten, möglicherweise anders waren, als die, die er kannte, wenn die Vögel und Käfer schon so anders waren. Vielleicht waren es am Ende überhaupt keine Menschen. Hoffentlich würde er sie überzeugen können, dass er nicht als Feind kam. Und vor allem, dass er überraschend hier gelandet war und nicht einmal wusste, wo er sich befand.

Kapitel 2
Begegnung

Ruben kam den Lichtern immer näher und straffte die Schultern. Für Vögel und Käfer hatte er keinen Sinn mehr. Aufmerksam beobachtete er stattdessen die Felswände vor ihm, die langsam aus der Dunkelheit auftauchten wie aus Nebel. Sie wirkten wie ein hohes, steil abfallendes Gebirge, welches sich zu den Seiten hinter Bäumen und in der Nacht verlor. In den Wänden gab es kleine, runde Öffnungen, die zu ebenmäßig wirkten, als dass sie von Wind und Wetter geformt sein könnten. Ruben atmete tief durch und hielt inne, als er eine Gestalt sah, die aus den Felswänden zu kommen schien. Er kniff die Augen zusammen. Die Gestalt hatte eindeutig etwas Weibliches an sich. Ihr Kleid leuchtete auf, als das Mondlicht darauf fiel. Sie ging an der Wand entlang, bog plötzlich ab und kam auf ihn zu.
   Der Moment, in dem sie ihn entdeckte, war offensichtlich. Sie blieb stehen. Mit einem Mal verschwand sie, tauchte aber immer wieder plötzlich auf, als würde sie rennen und ihre Silhouette vor seinen Augen flackern. Er hatte kaum Zeit, einen klaren Gedanken zu fassen, da stand sie vor ihm, einen einzigen Meter entfernt. Vielleicht weniger. Wenn er die Hand ausstreckte, würde er ihr glänzendes schwarzes Haar berühren können, welches über ihre Schultern fiel und knapp oberhalb ihrer Ellenbogen endete.
   Ruben bekam kein Wort heraus, zu sehr hatte ihn ihre Art sich fortzubewegen irritiert. Er starrte sie an, ließ seinen Blick an ihr hinunter- und hinaufgleiten. Sie trug Sandalen mit kunstvoll verknoteten schmalen Bändern, ihre Fußnägel schimmerten wie Perlmutt, ihr Kleid war von einem unwirklichen Blau. Sie mochte vielleicht zwanzig sein und war zierlich gebaut. Als er wieder bei ihrem Gesicht angelangt war, fielen ihm ihre Augen auf. Sie hatte die größten, dunkelsten Augen, die er je gesehen hatte. Lange, geschwungene Wimpern, obwohl es nicht aussah, als wäre sie geschminkt. Über den Augen wölbten sich zwei perfekte Augenbrauen, ihre Nase war schmal und ein wenig spitz und ihre Lippen … Ruben schüttelte sich, als ob er aus einem Traum erwachen müsste. »Tut mir leid, ich wusste nicht …«, stammelte er und räusperte sich.
   Sie hielt den Kopf leicht schief und musterte ihn. Es sah nicht unfreundlich aus, aber es dauerte eine Weile, bis sie endlich etwas sagte. Dummerweise verstand Ruben kein Wort.
   Er schüttelte den Kopf. »Ich verstehe dich nicht.«
   Sie nickte. »Mein Name ist Sotai«, sagte sie und sah ihn unverwandt an.
   »Ruben.« Er musste sich schon wieder räuspern. Sie nickte und wiederholte seinen Namen. »Hallo.« Schwach, aber mehr fiel ihm im Moment nicht ein.
   Sie lächelte. Dann stieß sie ein Pfeifen aus, das wie der Ruf eines exotischen Vogels klang. Ehe Ruben wusste, was passierte, rauschte etwas dicht an seinem Kopf entlang und ein kleiner gelber Vogel landete auf Sotais Schulter. Sie zwitscherte, und der Vogel schien ihr zu antworten, bevor er sich erhob und in Richtung der beleuchteten Mauer flog.
   Wow, sie konnte mit Vögeln sprechen? »Wo sind wir?«, fragte Ruben. Er wies mit einer Hand über die Wiese. »England?«
   Sotai schüttelte den Kopf. »Axikon.« Sie drehte sich halb um und deutete auf die Steinwand, aus der sie gekommen war. »Das dort ist Lennoxi.«
   »Du kannst mich verstehen?«
   »Ja, ein wenig«, sagte sie. »Woher kommst du?«
   »Aus London, und du?« Sotai schien einen Moment nachzudenken. Es sah aus, als forschte sie in ihren Gedanken nach den richtigen Vokabeln.
   »Ich wohne dort, in Lennoxi«, sagte sie schließlich mit einem ziemlich exotischen Akzent.
   »Und wo liegt dieses Lennoxi? In Afrika oder so?« Eigentlich wusste er die Antwort schon.
   »Nicht in Afrika.« Sie sagte etwas in ihrer Sprache, aber Ruben kannte das Wort nicht. Kurze Zeit später kam der gelbe Vogel wieder angeflattert, zwitscherte etwas in Sotais Richtung und sie antwortete. Dann flog er fort. »Wir warten.« Sotai deutete in Richtung der Felswand.
   Ruben spähte hinüber, erkannte jedoch nichts. Er kniff die Augen zusammen und stieß einen Schrei aus, als sich wie aus dem Nichts vor seiner Nase ein Mann mit blondem Pferdeschwanz aufbaute. In einem Moment war da nur Luft gewesen, im nächsten hatten sich in Windeseile Konturen eines Körpers geformt, der so schnell fest wurde, dass Ruben nicht einmal blinzeln konnte. Verdammt, wie hatte er das gemacht? Dass der andere völlig nackt war, bemerkte Ruben erst, als Sotai dem Fremden ein Stück Stoff aus ihrer Tasche reichte, welches er sich behelfsmäßig um die Hüften schlang.
   »Hi. Ich bin Ivan. Du kommst aus England? Hast du dich erst heute verwandelt? Und bist ohne Vorbereitung hergekommen? Ganz schön mutig.« Er lächelte, wobei er einen Mundwinkel ein bisschen höher zog als den anderen.
   Ruben starrte Ivan eine Weile ins Gesicht, dann auf seine Hand. Schnell nahm er sie und wunderte sich darüber, dass sich die Hand normal anfühlte. »Ruben«, sagte er, räusperte sich und wiederholte seinen Namen. »England, genau, ich komme aus London. Du auch?«
   »Cool, ja, ich habe auch in London gewohnt, im East End. Machst du Urlaub oder willst du länger bleiben?«
   »Äh. Ich glaube, ich bin nicht wirklich hier. Ich liege vermutlich mit angeschlagenem Kopf auf dem Boden des Museums.« Mist, das klang komplett verrückt, aber anders konnte es nicht sein.
   Sotai sagte etwas zu Ivan, daraufhin antwortete er ihr in ihrer Sprache. Zwischendurch sah er zu Ruben. »Wollen wir das nicht in Ruhe besprechen, vielleicht bei einer Tasse Tee? Bier gibt es hier nicht, zumindest weiß ich nichts davon. Kasumi könnte uns aber bestimmt was mitbringen, wenn ich sie lieb frage.«
   Ruben nickte einfach. Das alles kam ihm mehr als merkwürdig vor. Sotai und Ivan setzten sich in Bewegung, und Ruben ging mit. Hin und wieder sah er zu Sotai und Ivan. Beide wirkten normal, dabei war er sich sicher, dass sie keine Menschen waren oder zumindest übernatürliche Kräfte besaßen. »Was meintest du eigentlich mit der Verwandlung eben?«, fragte Ruben schließlich an Ivan gewandt.
   »Na, heute ist doch die Nacht der Elemente. Oder bist du schon länger ein Arantai?«
   »Hm, also, ich glaube, ich wüsste, wenn ich so ein Arantai wäre. Keine Ahnung, Mann. Was ist denn die Nacht der Elemente?« Ruben begriff so gut wie nichts von dem, was Ivan sagte.
   Ivan sprach leise mit Sotai, und Ruben schnappte das Wort Arantai auf. Das war wohl ein universeller Begriff oder er kam aus Sotais Sprache. Ob sie ihm auch antworten würden? Ihm lagen noch ein paar weitere Fragen auf dem Herzen, aber er wollte sich auch nicht mit den Antworten überfordern, die allesamt vermutlich ziemlich abstrus ausfallen würden.
   Die beiden blieben stehen, Sotai sah in Rubens Augen und versuchte anscheinend, dort etwas zu erkennen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und legte ihre Hände auf seine Schultern.
   »Äh, was suchst du? Was sucht sie?« Ruben spürte Sotais warmen Atem an seinem Hals. Auch ihre Hände waren warm und ihre Haare dufteten fruchtig-würzig, wovon sein Magen knurrte. Um ein Haar hätte er gesagt, dass sie lecker riechen würde, aber er konnte sich gerade noch zurückhalten und musste plötzlich an Jasmin denken. Was sie wohl zu der Story sagen würde, wenn er es ihr erzählte? Vorausgesetzt, er war nicht tot und gerade im Himmel angekommen.
   »Deine Augen.« Sotai nahm wieder ein wenig Abstand zu ihm ein. »Sie haben nur eine Farbe.«
   »Ja.« Er hätte gern gefragt, warum das wichtig zu sein schien, aber er war zu perplex.
   »Du bist kein Arantai«, sagte Ivan erstaunt.
   »Nein, habe ich doch gesagt. Was ist das denn überhaupt?« Ziemliche Geheimniskrämer, die beiden.
   »Wir gehen ins Dorf, da vorn.« Er deutete auf die Wand mit den kleinen Lichtern. »Ich verstehe das nicht«, murmelte Ivan und drehte sich zu Ruben um. »Es ist so. Wie du sicherlich gemerkt hast, bist du nicht mehr in London. Die Frage ist, wie hast du den Weg gefunden? Nur Arantai kennen ihn, und von ihnen auch lang nicht alle. Ein anderes magisches Wesen bist du ebenfalls nicht, oder? Du bist ein normaler Mensch?«
   Ivans Ton beunruhigte Ruben irgendwie. »Ja«, sagte er langsam. »Ein Mensch, genau. Ihr nicht, habe ich recht?«
   »Nein, wir sind Arantai. Wie bist du hergekommen?«
   »Wenn ich das wüsste. Ich bin für meinen Freund Alex als Nachtwächter eingesprungen und …«
   »In der Tate Gallery.«
   »Ja«, fuhr Ruben fort. Langsam sprachen sie nicht mehr aneinander vorbei. »Jedenfalls war ich auf dem ersten Rundgang und habe diesen Ring gefunden.« Er steckte seine Hand in die Tasche und zog den Ring heraus, um ihn Sotai und Ivan zu zeigen.
   »Ein Schlüssel«, bemerkte Sotai, aber irgendetwas in ihrem Blick war seltsam. Sie wirkte ertappt oder erschrocken. Ihr exotischer Akzent war allerdings zum Niederknien. Ruben sah zu ihr hinüber. Eigentlich war ziemlich viel an ihr zum Niederknien. Die samtige Haut, die Farbe ihrer Haare, ihre zierliche Figur, ihre hübschen Hände und natürlich ihre Augen. Der Wahnsinn. O Mann, was für eine Nacht.
   Augenblicklich schämte er sich für die Gedanken, denn vermutlich lag in diesem Moment Jasmin zu Hause auf dem Bett und wartete auf ihn. Ruben lächelte, als er an sie dachte, ihre langen Beine, ihren muskulösen Bauch, ihre schulterlangen, hennaroten Haare. Bestimmt trug sie zu der roten Spitzenwäsche wieder die Stay-ups.
   Da hörte Ruben ein seltsames Geräusch. Es klang wie ein Segel im Wind, aber sie waren nicht am Wasser und wo sonst sollte man Segel finden außer auf einem Segelboot? Er drehte sich um, starrte für den Bruchteil einer Sekunde mit offenem Mund auf die Gestalt, die hinter ihnen landete, und machte einen Satz zurück. Sein Herz raste in doppeltem Tempo weiter. Verdammt, da war gerade eine Drachenfrau oder irgendein anderes geflügeltes Monster gelandet. Eine Dämonin? Ruben sah sich nach einem Versteck um, griff nach Sotais Arm und erstarrte. Ivan ging völlig entspannt auf dieses Wesen zu und küsste sie, wobei sie mit ihren krallenbesetzten Pranken über seinen Rücken fuhr und langsam ihre Flügel zusammen- und wieder auseinanderfaltete. »Was zur Hölle?«, flüsterte Ruben.
   »Kasumi«, wisperte Sotai. »Ivans Liebe. Sie ist eine Mondschwinge.«
   Ruben nickte und trat einen Schritt näher an Sotai heran, falls er sie beschützen musste. Nachdem sich Ivan und diese Kasumi voneinander gelöst hatten, sah sie ihm in die Augen. Für einen kurzen Moment pochte Rubens Herz noch stärker, doch dann erkannte er, dass sie lächelte. Erstaunlicherweise war es kein böses, hinterhältiges Lächeln, sondern ein sehr hübsches. Sie kam langsam auf ihn zu. Ruben konnte allerdings nichts dagegen tun, dass er erneut einen Schritt zurückwich.
   »Hi, ich bin Kasumi. Du bist also der Neue? Freut mich.« Sie reichte ihm ihre Hand. Eine dunkelblaue Hand mit Fellbewuchs auf der Oberseite und scharfen, gebogenen Krallen an den Enden ihrer Finger.
   Ruben starrte für einen Moment auf die Krallen, bevor er sich an einem Lächeln versuchte und ihre Hand schüttelte. »Ruben«, murmelte er.
   »Er ist kein Arantai«, sagte Ivan mit monotoner Stimme.
   »Nein? Ich dachte, du hättest gesagt, er sei gerade erst nach Axikon gereist? Was bist du dann?« Sie musterte Ruben in aller Ruhe.
   »Ein Mensch?«
   »Heilige Scheiße. Nicht schon wieder.«
   »Er hat einen Schlüssel gefunden«, sagte Ivan.
   »Kann mir jetzt mal jemand erklären, was das hier alles ist und wo ich bin? Warum bin ich hier und wie komme ich nach Hause? Bin ich tot oder so was?« Ruben wusste, dass er ungeduldig klang und vielleicht war das keine gute Idee, aber er fühlte sich gerade alles andere als gelassen. Das alles war nämlich verdammt gruslig. Sehr verspätet kroch Gänsehaut über seinen Körper.

*


   Mahin beobachtete, wie sich die Monde im Wasser des Sees spiegelten. Ein Vollmond und ein halb durchscheinender Halbmond. »Wirst du traurig sein, wenn Umbra geht?«
   Es dauerte lang, bis Raja antwortete. »Sie wird mich besuchen. Und Raoul.« Mehr sagte sie nicht und ihre Lippen bildeten einen schmalen Strich.
   Mahin konnte kaum glauben, dass sie die Frage gestellt hatte. Es gab ein paar Tabuthemen in den Gesprächen mit Raja. Eins davon war ihre Mutter, Umbra. Ein Ruck ging durch den Spiegelsee und Mahin war froh über die Ablenkung. »Es ist so weit.« Sie schwang sich auf einen Mondstrahl und ließ sich von seinem Licht hoch über den See tragen. Raja verschwand kurze Zeit später und tauchte auf einem der weit ausladenden Äste eines Taa-Baumes auf. Sie setzte sich gemütlich hin und schlug die Beine übereinander. Nachdem sich Mahin vergewissert hatte, dass Raja bereit war, wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem See zu.
   Die bunten Schlieren auf dem Wasser formten sich schnell zu Gesichtern. Das Bild einer jungen Frau erschien, sie hatte kurze Haare und leuchtend blaue Augen. Mahin bewunderte ihre weichen Formen und das hellblaue Kleid, welches sie trug. Ihr wissender Gesichtsausdruck ließ Mahin denken, dass sie auf ihre Verwandlung vorbereitet war. Im nächsten Moment ging ein zweiter Ruck durch das Wasser, als je ein Mondstrahl der beiden Monde die Oberfläche berührte. Auch dort, wo sich die Frau befand, würde ein Ruck durch die Welt gehen. Auch das Bild der Frau erstarrte. Die Luft um sie herum wirbelte blau und grün durcheinander und wurde flüssig. Ihre Haut färbte sich dunkel und dann so hellblau wie ihr Kleid, ihre Haare wurden zu Wellen, ihre Augen zu klarem Wasser. Sie schnappte nach Luft, selbst von hier aus, hinter dem See, spürte Mahin die Aufregung der Frau. Es dauerte nicht lang, da verwandelte sich ihr erschrockener Ausdruck in ein Lächeln und sie drehte sich zu einer jungen Frau mit dunklen Haaren um, die sie ebenfalls anlächelte. »Wasser«, rief Mahin über den See zu Raja. »Eine junge Frau.«
   Raja zupfte ein schwarzes Taa-Blatt vom Zweig. »Opin.« Das axikonische Wort für Wasser. Das Blatt färbte sich blau. »Hast du den Namen?«
   »Amber«, antwortete Mahin, als das Wasser ihn ihr zuflüsterte. Raja wiederholte den Namen, und Mahin wusste, dass das Blatt nun einen hellblauen Rand bekommen würde, sich zusammenringeln und auf Rajas Handfläche zu einer perfekten, blauen Kugel werden würde. Mahin sah kurz vom See auf und beobachtete Raja, wie sie die blaue Kugel auf einen Zweig legte. Die Kugel rollte zum Stamm, verschmolz mit dem schwarzen Holz und hinterließ einen blauen Punkt, der kurz aufleuchtete.
   Mahin sah erneut in den See und schon bald tauchte das nächste Gesicht auf. Dieses Mal war es ein junger Mann mit dunklen Haaren und hellbraunen Augen, in denen eine Spur Orange zu glühen schien. »Feuer«, flüsterte Mahin, schon bevor er sich verwandelte. Auch er schien vorbereitet, sogar auf den Schmerz, den die Verwandlung mit sich brachte. Er kniff die Augen und die Lippen zusammen, ballte seine Fäuste, als sein Haar zu Flammen wurde, die allmählich über seinen ganzen Körper leckten. Seine Haut glühte auf, seine Kleidung verbrannte und fiel in winzigen Staubflöckchen zu Boden. Seine Gestalt glühte noch immer, als das Wasser seinen Namen freigab. »Aidan.« Mahin sah aus den Augenwinkeln, wie Raja erneut ein Blatt vom Baum zupfte und wenig später die entstandene Kugel im schwarzen Stamm einen roten Fleck hinterließ.
   Die neue Arantai mit dem Zeichen Wind war ebenfalls eine Frau, jedoch mit dunkelbrauner Haut und tiefschwarzen Haaren mit dem Namen Lynnelle. Mahin nannte Raja den Namen und das Element. Der See schwieg daraufhin einen Moment, als ob er Mahins ganze Aufmerksamkeit wollte.
   Das Gesicht eines jungen Mannes erschien. Seine Augen waren so schwarz wie die Blätter des Taa-Baumes. Ein dunkler Schatten lag auf seiner Haut am Kinn und an den Wangen, auch auf dem Kopf waren die Haare nur so lang, dass sie einen Schatten bildeten. Für einen Moment schien es, als sähe er genau durch den See, zu Mahin, dann lächelte er und vollführte eine Drehung. In der Bewegung färbte sich seine Haut dunkelbraun und wurde rau wie die Rinde eines Baumes. Sein Haar wurde länger, als wüchsen Zweige aus seiner Kopfhaut, um kurz darauf zu langen grünen Blättern zu werden. Seine Haut schimmerte grünlich, und bald überzog ein Meer aus Blumen seinen Hals. Neben diesem neuen Arantai stand ein Mann mit einem blonden Pferdeschwanz, der ernsten Blickes das Spektakel verfolgte. Ein sanftes Lächeln breitete sich in seinem Gesicht aus und seine Augen funkelten kurz.
   Irgendetwas an diesem Mann kam Mahin bekannt vor, aber sie wusste weder, woher sie ihn kennen sollte, noch, wer er war, und trotzdem berührte er etwas in ihr. Mahin hätte beinah den Namen des neuen Erd-Arantai verpasst. Erst nach einer Weile drang er zu ihr durch. »Tian«, sagte sie laut. »Erde.«
   Sie beobachtete noch immer den älteren Arantai, bis sein Bild verblasste. Als sie hochsah, schickte Raja soeben die letzte Kugel in den Baum und sprang behände hinunter. Mahin ließ sich an ihrem Mondstrahl hinuntergleiten und landete auf dem violetten Sand neben Raja.
   Auf einmal stellten sich Mahins Härchen am Rücken auf. Es war jemand in der Nähe. Sie sah erneut ins Wasser, aber dort tat sich nichts. Sie ließ ihren Blick weiterschweifen und zuckte zusammen, als sie eine weiße Gestalt auf der schmalen steinernen Brücke sah, die sich über die Mitte des Sees spannte. Umbra. Mahin spürte die eisige Aura, die sie stets umgab. Umbra rieb sich die Hände und hatte einen Gesichtsausdruck, der einen kalten Schauder über Mahins Rücken rieseln ließ. Aus den Augenwinkeln sah Mahin, dass erneut ein Bild im See erschienen war und sie sah ins Wasser. Kurz erhaschte sie den Blick auf den neuen Feuer-Arantai und eine dunkelhaarige Frau, die ihn umarmte, hinter ihnen ein großer, dunkelhaariger Mann mit einem stolzen Blick auf seinem Gesicht. Im nächsten Moment war das Bild verschwunden, Mahin sah erneut zur Brücke, Umbra war noch dort.
   Bevor Mahin Raja auf Umbra aufmerksam machen konnte, hob diese den Blick und fixierte Mahin. Ihr Lächeln verschwand, sie verwandelte sich in eine glitzernde Wolke aus Schneekristallen und schob sich als Eisschicht über den Sand auf sie zu. Genau vor Raja und Mahin formte sich Umbras Gestalt neu. Sie wob ein kunstvolles Kleid aus Eis um ihre schmalen Hüften hinauf bis zu ihren Schultern, doch selbst das Funkeln des Kleides konnte Mahin nicht von Umbras Gesicht ablenken. Noch immer hing eine Spur von Hass und Häme in ihren Augen.
   »Sind die Namen der neuen Arantai vollzählig im Baum versammelt?«
   Mahin überlegte, was Umbra mit dieser Information anfangen würde.
   »Ja.« Raja nickte.
   Umbra schlenderte zu dem Baum und fand auf Anhieb die richtige Stelle. Offenbar hatte sie sie schon eine Weile beobachtet. Wollte sie sicherstellen, dass Raja ihre Aufgabe richtig erledigte? Sie hatte doch schon lang keine Beraterin mehr nötig. Es war zwar das erste Mal, dass Raja Mahin beim Namensbaum half, aber sie hatten vorher darüber gesprochen und es war schließlich auch nicht so schwer. Zudem war der Baum lediglich der Bewahrer aller Namen jener Arantai, die sich auf der Erde wandelten. Vier neue Namen an jeder Nacht der Elemente. Der Baum wuchs langsam, aber in neunzehn Jahren schaffte er immer ein Stück, sodass mehr als genug Platz für die Namen in diesem Jahr gewesen war.
   »Amber«, flüsterte Umbra und schüttelte leicht den Kopf. »Tian.« Sie umrundete den Baum und fuhr mit ihren weißen Fingern über die farbigen Punkte auf der Rinde. »Aidan«, sagte sie und blieb stehen. Ihre Finger krümmten sich zu Krallen. Es sah aus, als wollte sie den roten Punkt aus der Rinde kratzen, doch sie berührte ihn lediglich mit ihrem Zeigefinger und zog die Hand zurück. »Gut«, murmelte sie, aber es klang weder wie ein Lob für Raja und Mahin noch, als meinte sie es ernst.
   Kälte kroch über Mahins Haut. Sie wollte Umbra fragen, was sie vorhatte, doch in diesem Moment bebte der Boden. Ein leises Klopfen ertönte. Raja drehte sich zu den Sichelfelsen um und ging darauf zu, aber Mahin wartete, bis Umbra den Weg zum Versammlungsplatz am axikonischen Feuer einschlug. Erst dann ging auch sie. Sie waren bereits alle versammelt. Der Letzte, der eintraf, war der Baumgeist Xylon. Neun Wesen Axikons: drei Arantai, zwei Tierwandler, ein Baumgeist, ein Feuergeist, ein Luftgeist und mit Mahin auch eine Mondähnliche.
   Cirila blickte ernst in die Runde. Der Kristall am Ende ihres verzierten Stabes glühte weiß. »Umbra«, sagte sie leise, aber klar und deutlich. »Tritt vor.«
   Sie tat wie geheißen, aber Mahin sah an jeder ihrer Bewegungen, dass sie es nicht mochte, Befehle entgegenzunehmen. Ohne dass Cirila etwas sagen musste, kniete sich Umbra vor sie und senkte den Blick zum Boden. Ihre Körperhaltung war angespannt, als ob ihr Wesen nicht dafür gemacht wäre, sich anderen unterzuordnen.
   »Viele Nächte der Vier Monde hast du dem Rat gedient. Du hast deine Schwester ehrenvoll vertreten. Nun nimmt deine Tochter Raja deinen Platz im Rat ein, und du bist frei, zu gehen oder zu bleiben.« Sie wandte sich an Raja. »Wirst du deine Kani gehen lassen?«
   »Ja«, sagte Raja mit fester Stimme. »Es wäre mir eine Ehre, wenn sie weiterhin an meiner Seite bliebe, doch ich heiße ihre Freiheit willkommen.«
   Mahin beobachtete Umbra jede Sekunde, versuchte, dahinterzukommen, warum sich Umbra so sehr für die Namen der neuen Arantai interessiert hatte.
   Ein weißer Käfer kam und landete auf Umbras Schulter.
   »Du willst gehen?«, fragte Cirila.
   »Ja.« Umbra stand nicht auf, blickte aber hoch zu Cirila.
   Kurz berührte Cirila mit ihrem Stab Umbra und den Käfer. Der Kristall erlosch und füllte sich sodann mit neuen Farben. Rot, blau, gelb und grün. Er schillerte abwechselnd in allen Farben, bevor er sein übliches Violett annahm.
   »Hab Dank.« Cirila klopfte sacht mit dem unteren Ende des Stabes auf den Boden.
   Die anderen Mitglieder des Spiegelrats stimmten ein Lied an. Mahin sang zögerlich mit. Das Lied handelte von tiefem Dank und Liebe, von Altem und Neuem, von der Magie des Sees und Umbras neuem Weg.
   »Du bist jederzeit als Gast willkommen«, sagte Cirila, als die letzten Töne des Liedes verklungen waren. »Wir wünschen dir einen glücklichen, geschwungenen Weg.« Sie drehte sich um und verschwand zwischen den beiden höchsten Sichelfelsen im Spiegelwald.
   Nacheinander kamen alle Mitglieder des Rates zu Umbra und berührten ihre Schulter. Mahin war sicher nicht die Einzige, die sich bemühen musste, ihre Hand nicht ruckartig von Umbras kalter Haut zurückzuziehen. Nur Raoul verweilte länger. Er hatte den letzten Platz eingenommen und legte seine Hand schwer auf Umbras Schulter. Vermutlich hielten sie ein geheimes Zwiegespräch. Als der Käfer mit den Flügeln raschelte, löste Raoul seine Hand von ihrer Schulter. Er drückte Umbra an sich, drückte seine Lippen auf ihre und knurrte leise. Der Käfer flatterte erneut mit den Flügeln, es klang ungeduldig.
   Mahin hatte sich nach dem Abschied an einen Mondstrahl in der Nähe geschwungen und ließ Umbra nicht aus den Augen. Als der Käfer zum dritten Mal drängelte, gab Raoul sie frei und Umbra schenkte ihm ein Lächeln. Es war eins der wenigen Lächeln, die Mahin bei ihr gesehen hatte, und sah beinah echt aus.
   Mit bedächtigen Schritten ging Umbra zum Ufer des Sees, als sie ihrem Käfer folgte, dem Wegekäfer, der sie zu ihrem Ziel bringen würde. Doch dann flog er nicht ins Wasser, sondern kehrte zurück auf Umbras Schulter und sie blieb am Ufer stehen. Stattdessen drehte sie sich zur Seite, verwandelte sich in eine Wolke aus Eisblumen und flog mit dem Käfer über den See. Sie verschwanden in der Dunkelheit. Augenblicklich wusste Mahin, dass Umbra etwas plante. Sie war auf der Suche nach jemandem auf der Erde. Mahin wusste, dass sich derjenige vorsehen musste, denn Umbra glaubte, dass sie im Recht war. Noch immer. Aber noch war die Zeit nicht gekommen. Umbra war noch immer in Axikon, was hatte sie vor?
   Mahin flüsterte einen Namen und hoffte, dass sie unrecht hatte. Sie durfte das Wasser nicht aus den Augen lassen und musste auf seine rechtzeitige Warnung vertrauen.

Kapitel 3
Gewünscht

Sotai wartete darauf, dass jemand Ruben erklärte, wo er war und wie er hergekommen war, aber Ivan und Kasumi blieben still. Sie gingen voran in Richtung Lennoxi und sprachen leise miteinander. »Du bist auf Axikon«, sagte Sotai schließlich, obwohl er das natürlich schon wusste. »Du bist nicht tot, nur durch unser Tor gekommen. Wir werden dir helfen, zur Erde zurückzukehren.« Ruben sah sie dankbar an. Nachdem sie eine Handbewegung in die Richtung gemacht hatte, in die Kasumi und Ivan gingen, setzte er sich in Bewegung. Natürlich half ihm die Antwort nicht viel weiter, aber sie wusste nicht, wie sie es ihm besser erklären könnte.
   Sotai versuchte, sich Rubens Geschwindigkeit anzupassen, und sah immer wieder zu ihm hin, denn irgendetwas faszinierte sie an ihm. Vielleicht war es einfach die Tatsache, dass er ein Mensch war. Oder seine Stimme. Sie musste sich eingestehen, dass er ihr ziemlich gut gefiel, aber sie würde sich nicht verlieben. Nicht schon wieder und mit Sicherheit nicht in einen Menschen.
   Dumm nur, dass Ruben so ungefähr alles hatte, was Sotai an Männern mochte. Er war groß, aber sie konnte ihm, wenn sie sich auf Zehenspitzen stellte, gut in die Augen sehen. Und die waren einfach der Hammer. Natürlich hatten sie nur eine Farbe, aber diese war wie flüssiges Gold. Seine Haut hatte einen ähnlichen Schimmer und sogar sein Haar glänzte im Mondlicht golden, was sie noch nie gesehen hatte. Es musste einen Haken geben.
   Sotai seufzte. Sie kannte den Haken längst. Ruben war kein Arantai, sondern ein Mensch, und würde auf die Erde zurückkehren wollen. Aber mit ihm reden konnte sie. So oft gab es schließlich nicht die Gelegenheit, einen Menschen kennenzulernen.
   Sie verstand das meiste, was er sagte, und war dankbar für die Stunden, die Ivan ihr Englisch beigebracht hatte. Ein paar Dinge konnte sie allerdings bestimmt immer noch lernen, vielleicht würde Ruben sie unterrichten?
   Bei dem Gedanken, mehr Zeit mit ihm zu verbringen, hüpfte Sotais Herz und sie hielt inne. Kasumi warf ihr einen amüsierten Blick zu, und Sotais Wangen wurden augenblicklich warm. Glaubte Kasumi etwa, dass Ruben ihr gefiel? Nun, das bedeutete ja nichts. Ein kurzes Herzhüpfen bedeutete schließlich auch nichts.
   Ruben drehte sich halb zu ihr um und lächelte schief. »Es ist so warm bei euch«, sagte er. »Schön.«
   »Nobwen Paíta, das bedeutet: die Frühlingsinsel.« Mit einer weit schweifenden Handbewegung deutete Sotai auf die Umgebung. »Hier ist immer Frühling.«
   »Echt? Das wäre genau richtig für mich.« Sein Blick wanderte über die Landschaft. Es schien ihm wirklich zu gefallen.
   Ivan räusperte sich. »Wir sind gleich da.«
   Aufregung übermannte Sotai, als ihr klar wurde, dass Ivan Ruben vermutlich zu ihren Eltern bringen wollte. Ihn vielleicht sogar Kasumis Großeltern, Analyn und Georg, vorstellen, die auch ursprünglich von der Erde stammten. Was würden sie sagen? Ruben war schließlich nicht der einzige Mensch, der je nach Axikon gekommen war. Auch Kasumi war als Mensch gekommen, aber Analyn, Georg und Kasumi waren zu Wesen geworden, die auf Axikon bleiben durften. Georg als Mondähnlicher und Kasumi als Mondschwinge. Sie hatte die unglaublichste Verwandlung von allen durchgemacht. Ruben aber würde ein Mensch bleiben, da war sich Sotai sicher.
   Sie führten Ruben durch den schmalen Spalt zwischen den Felswänden und gingen weiter zu den Treppen.
   »Hübsch«, sagte Ruben. »Verstehst du eigentlich alles, was ich sage? Sehr schade, dass ich nicht deine Sprache spreche.«
   Sotai nickte. »Ja, das meiste verstehe ich gut. Vielleicht kannst du meine Sprache ja noch lernen.«
   Als sie vor der Höhle ihrer Eltern angekommen waren, hob Sotai eine Hand, um zu klopfen. Im gleichen Moment bewegte sich auch Ruben, vielleicht, um mit der Hand durch seine Haare zu fahren oder seine Jacke auszuziehen. Für einen Moment berührten sich ihre Hände in der Luft. Ruben murmelte eine Entschuldigung, aber Sotai hörte sie kaum.
   Ein Blitz aus Bildern durchfuhr sie. Sotai konnte ein leises Aufkeuchen nicht unterdrücken. Sie hatte unabsichtlich einen von Rubens Wünschen gespürt, was bedeutete, dass er ziemlich stark war, denn sie hatte nicht danach gesucht. Immer wieder sah sie Rubens Hände vor sich, die durch ihre Haare fuhren, über ihre Schulter strichen und wie ihr Gesicht immer näher kam. Er hatte sich sogar vorgestellt, wie sich ihre Lippen berühren würden.
   Wie kam er nur auf diese Idee? Warum gefiel sie ihm so gut? Sie wusste so wenig über Menschen, vielleicht war es gar nichts Besonderes und sogar normal. Vielleicht war er im richtigen Alter, um zu heiraten, und suchte eine Frau für sich. Ihr Blick flog zu Rubens Augen. Er sah sie lang und ernst an, dabei zuckte ein Mundwinkel leicht. Merkwürdig, getäuscht hatte sie sich jedenfalls nicht.
   Jemand hinter ihnen räusperte sich. »Wolltest du nicht klopfen?«
   Sotai atmete tief durch, versuchte, das Bild des Kusses abzuschütteln und drehte sich zur Tür. Die Maserung des Holzes sah heute irgendwie anders aus. Sotai schüttelte über diesen merkwürdigen Gedanken den Kopf und klopfte zweimal. Sie ließ die Hand sinken und spürte immer noch die Stelle, wo sie Rubens Haut berührt hatte. Dort kitzelte es leicht, als ob sie eine Feder sanft streichelte. Sie rieb darüber und starrte auf die Tür. Schritte ertönten auf der anderen Seite, und Sotai erkannte das Klangmuster sofort. Gleich würde Kani die Tür öffnen. »Meine Eltern«, flüsterte Sotai, der bewusst wurde, dass niemand Ruben gesagt hatte, wohin sie gehen würden.

*


   Ruben konnte noch immer nicht klar denken. Was zum Teufel war das eben gewesen? Diese flüchtige Berührung zwischen Sotai und ihm hatte irgendetwas tief in ihm berührt. Man kannte das ja, wenn man verliebt war und sich aus Versehen berührte, rieselte das Glück geradezu durch die Blutbahn, aber das war anders gewesen. Mehr wie ein inneres Gewitter. Was war das an Sotai, das ihn dermaßen faszinierte? Sie war so anders als alle Frauen, die er kannte. Anders als Jasmin, und Jasmin liebte er doch. In den drei Jahren, in denen er mit ihr zusammen gewesen war, war ihm nicht einen Tag langweilig gewesen. Jasmin war hübsch, lustig, frech und wahnsinnig sexy. Sie verstand es, ihn mit lustigen Anekdoten aus ihrem Studium und von ihrem Job an der Tankstelle aufzumuntern, wenn er müde war. Und doch war da etwas an Sotai, das ihn tiefer berührte, als Jasmin es je getan hatte. Er schielte auf den silbernen Ring an seinem Finger. Verlobt. Er war verlobt, erinnerte er sich.
   Zum Glück öffnete sich in diesem Moment die Tür vor ihnen, und er konnte den Gedanken loslassen, der ihm ein schlechtes Gewissen machte. Eine Frau, die kaum älter aussah als Sotai, stand im Türrahmen und lächelte alle nacheinander an. Ihre Schwester? Sie sprach mit Sotai, allerdings in einer Sprache, die Ruben wieder nicht verstand.
   »Das ist Ruben, er spricht nur englisch«, stellte Ivan ihn vor.
   Für einen kurzen Moment war Ruben das ein wenig unangenehm, aber schließlich war er nicht freiwillig hergereist und anscheinend sprach jeder eine andere Sprache.
   »Ah! Willkommen, du bist heute erst nach Axikon gekommen? Mein Name ist Charmine, und wie ich sehe, hast du meine Tochter schon kennengelernt.« Sie sah zu Sotai und lächelte.
   Tochter? Das war Sotais Mutter? Wahnsinn, sie musste sehr früh Mutter geworden sein. Sotai und Charmine standen sich gegenüber und es kam Ruben so vor, als würden die beiden auf irgendeine geheime Art miteinander kommunizieren, jedenfalls veränderte sich der Gesichtsausdruck von Charmine. Zuerst war Charmines Lächeln freundlich, dann strahlte sie regelrecht. Ruben konnte nicht umhin, einen kurzen Seitenblick auf Sotai zu werfen. Ihre Wangen hatten einen hübschen Rosa-Ton angenommen, aber sie verdrehte leicht die Augen. Worum ging es da?
   »Kommt rein, kommt rein!« Charmine deutete auf einen niedrigen Tisch, der aussah, als bestünde er aus Kohlegestein. Fantasievoll verzierte Holzstühle standen um ihn herum.
   Ruben trat ein und sah sich um. Hier gab es kein elektrisches Licht, zumindest entdeckte er weder Lampen noch sonstige elektrische Geräte, dafür waren an den Wänden kleine Nischen. Darin brannten runde Flammen, die sich ab und zu merkwürdig bewegten, aber ein gemütliches Licht im Raum verbreiteten. An einer Wand stand etwas ziemlich Normales: ein Bücherregal. Es war vollgestopft mit Romanen, die allesamt ziemlich gelesen aussahen, wenn man nach den Rillen in den Buchrücken ging. Die meisten waren Taschenbücher, aber es gab auch ein paar gebundene.
   Kasumi, die silbrig-blaue Frau mit den riesigen Schwingen, setzte sich vorsichtig auf einen der Holzstühle und faltete ihre Schwingen eng an den Körper. Ruben musste aufpassen, sie nicht die ganze Zeit anzustarren, und war froh, als Ivan ihm zuwinkte, sich auch zu setzen, als er es tat. Geschäftig lief Charmine in einen Nachbarraum. Nur Ruben und Sotai standen noch immer mitten im Raum, er wollte sich nicht so recht von ihr entfernen.
   Ob sie das auch gespürt hatte? Das Funkengewitter? Rubens Haut kribbelte noch immer an der Stelle, an der sie ihn berührt hatte, aber in ihrem Gesicht konnte er nichts erkennen, sie wirkte gefasst.
   Natürlich hatte sie es nicht bemerkt. Vermutlich war es der Umgebung und dieser seltsamen Nacht zuzuschreiben. Es wirkte alles immer noch wie ein Traum, natürlich würde ihm da eine Traumfrau begegnen. Alex hätte darüber gelacht, hätte Ruben ihm etwas von dem Gefühlsregen erzählt. Für Alex war er ohnehin immer der Träumer gewesen. Sotai deutete nun auch auf den Stuhl neben Ivan, und Ruben setzte sich, während Sotai langsam um den Tisch ging und ihm gegenüber Platz nahm.
   »Möchtest du auch etwas trinken?«, fragte Charmine Ruben, als sie mit einem Tablett zurückkam. Darauf standen fünf Gläser und eine Karaffe mit einer braunen funkelnden Flüssigkeit.
   Ruben traute sich nicht zu fragen, was es war, und beschloss, es zu probieren. Er hätte es sicher ohnehin nicht gekannt. Charmine setzte sich an das Kopfende und goss jedem ein halbes Glas ein. Ruben nahm das ihm angebotene Glas und schnupperte. Das Getränk roch nach Zimt und etwas Fruchtigem.
   »Zimttee.« Kasumi prostete Ruben mit ihrem Glas zu.
   Er nippte an dem Glas. Der Tee war kalt und schmeckte weihnachtlich und gleichzeitig sommerlich. Früchteeistee mit Zimt. »Schmeckt sehr gut, danke.«
   »So, dann erzähl mal der Reihe nach«, bat Charmine. »Mein Mann kommt erst später dazu, wir wollen nicht so lang warten.« Sie lächelte freundlich.
   Ruben wusste nicht, wo er anfangen sollte. »Ich habe einen Freund vertreten, er ist Nachtwächter in der Tate Gallery.«
   Charmine nickte wissend.
   »Bei einem Rundgang habe ich diesen Ring gefunden.« Er zog ihn aus der Tasche und legte ihn in die Mitte des Tisches. Charmines Blick schnellte zu Sotai, bevor sie den Ring kurz berührte. »Dann weiß ich nicht so genau, irgendwie war ich auf einmal in einem Farbgewitter mit Lichtblitzen und allem Drum und Dran, danach war ich in einer Art Bildertunnel und plötzlich stand ich auf dieser Wiese.« Er zeigte durch eine runde Fensteröffnung nach draußen.
   »Du bist ein Mensch, richtig?«, fragte Charmine.
   Ruben nickte.
   »Wer ist ein Mensch?«
   Ruben sah auf. Ein Mann mit wilden dunklen Locken stand in der offenen Tür und sah in die Runde.
   »Ah, da bist du ja, mein Mondstein. Dies ist Ruben, er ist eben angekommen.«
   Der Mann kam an den Tisch und reichte Ruben seine Hand. »Arthur. Willkommen. Und wer ist jetzt ein Mensch?«
   »Na, Ruben«, sagte Ivan.
   Das Lächeln auf Arthurs Gesicht verschwand, und er musterte Ruben erneut. »Woher kommst du?«
   »Aus London.« Ruben schluckte. Die Luft im Raum fühlte sich auf einmal viel kälter an. Charmine stand langsam auf und legte eine Hand auf Arthurs Arm.
   »Was willst du hier?«
   »Arthur«, sagte Charmine empört. »Lass ihn erst mal erzählen.«
   »Du weißt genauso gut wie ich, dass hier keine Menschen sein dürfen. Es ist gefährlich. Für uns alle. Und es ist verboten.« Noch immer machte Arthur keine Anstalten, sich zu setzen. Er stand Ruben gegenüber und starrte ihn an.
   »Ruben ist nicht absichtlich hergekommen«, schaltete sich Ivan ein. »Es war ein Versehen.«
   »Wie kann das ein Versehen sein?«
   Sotai räusperte sich. »Es ist meine Schuld. Ich … Er hat meinen Ring gefunden und damit den Schlüssel in der Hand gehalten. Er muss den Spruch vorgelesen haben.«
   »Welchen Ring?« Arthur musterte Sotai.
   »Serans Ring«, sagte sie leise. »Es tut mir leid.«
   »Wir unterhalten uns später. Es ist nicht zu ändern.« Arthur seufzte schwer. »Aber jetzt muss er zurück.«
   »Ich möchte ja auch zurück.« Langsam ging ihm die ruppige Art dieses Mannes auf den Senkel. Immerhin war es nicht seine Schuld, dass er hier war. Was hätte er auch tun sollen? Das Bild hatte ihn hergeholt. Und Sotais Ring. Er betrachtete ihn und sah dann zu Sotai. Sie zupfte nervös am Stoff ihres Kleides. Warum nahm sie den Ring nicht? »Wie komme ich zurück?«
   »Axikon liegt hinter dem Farbschleier, es ist nur durch die beiden Portale mit der Erde verbunden. Ein Portal führt von London hierher und ein Portal führt von hier nach Köln in Deutschland«, erklärte Ivan.
   »Köln? Wieso Köln und nicht London? Muss ich dann von hier nach Köln reisen, um von da aus irgendwie nach Hause zu kommen? Och nee, da muss ich erst mal telefonieren.« Ruben meinte all das mehr als Scherz, aber als er die Blicke der anderen sah, musste er schlucken. »Kann ich überhaupt zurück?«
   »Du musst. Wenn der Spiegelrat mitbekommt, dass du hier bist, haben wir alle ein Problem. Menschen dürfen nicht nach Axikon. Das hat einen einfachen Grund: Selten kehren sie so zurück, wie sie hergekommen sind.« Ivan griff nach Kasumis Hand und küsste ihre blauen Finger. »Was manchmal ganz und gar nicht schlimm ist«, flüsterte er in ihre Richtung.
   »Davon kann ich ein Lied singen.« Kasumi grinste, als Ivan sie auf eine ihrer riesigen, ledrigen Schwingen küsste.
   Ruben sah Kasumi interessiert an. »Du hast mit eigenen Augen gesehen, was mit einem Menschen passiert ist? Ist es gefährlich?«
   »Nicht gesehen, Ruben. Gespürt. Am eigenen Leib.« Sie deutete mit einer Hand auf ihre schuppige Haut oder ihre Schwingen, genau konnte er das nicht sagen. Ruben verstand nicht, was sie meinte.
   »Sie hat sich verwandelt«, sagte Sotai. »Kasumi war ein Mensch. Jetzt ist sie eine Mondschwinge.«
   Auch wenn Sotai manche Wörter seltsam betonte, kam diese Botschaft ziemlich deutlich bei Ruben an. Diese geflügelte Drachenfrau oder Mondschwinge, wie sie sie nannten, war früher ein Mensch gewesen? Menschen wurden hier zu Mondschwingen? Er starrte Kasumi eine Weile mit offenem Mund an und räusperte sich. »Es wachsen einem Flügel, wenn man als Mensch herkommt?« Er tastete nach seinem Rücken, konnte aber nichts Ungewöhnliches fühlen.
   »Nein, nicht unbedingt. Mein Opa zum Beispiel, der zweite Mensch auf Axikon, von dem ich weiß, wurde zu einem Mondähnlichen. Seine äußere Gestalt ist geblieben, na, bis auf das metallische Schimmern vielleicht. Er altert allerdings nicht mehr, ist fitter, als er es auf der Erde war, und hat ein paar neue Fähigkeiten bekommen.«
   »Ja? Welche denn?«, fragte Ruben, der sich gerade daran festbiss, dass Menschen auf Axikon nicht mehr alterten. Bedeutete das, dass die Zeit auf der Erde stillstand? Oder verging sie hier einfach wesentlich langsamer? Ruben hatte den Eindruck, nur noch Knoten in seinen Gedanken zu haben, außerdem wartete er insgeheim auf das Piepsen von Krankenhausgeräten und Jasmins tränenerstickte Stimme. Er schluckte.
   »Ihr verschwendet eure Zeit. Macht euch auf den Weg«, sagte Arthur streng. »Je schneller der Mensch auf die Erde zurückkehrt, desto besser.«
   »Arthur«, rief Charmine streng.
   »Ahol!«, sagte Sotai.
   Ruben beobachtete Sotais Gesicht und wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihrem Vater irgendetwas mitteilte, ebenso Charmine. Es kam ihm unhöflich vor, sitzen zu bleiben, nachdem Arthur ihn quasi rausgeschmissen hatte, aber die anderen schienen nicht seiner Meinung zu sein. Er würde abwarten müssen, denn allein würde er den Rückweg nicht finden.
   »Mein Großvater kann auf Mondstrahlen laufen und hat über die Jahre Telepathie gelernt. Mittlerweile kann er sogar ziemlich gut axikonisch, aber das hat meine Großmutter ihm beigebracht«, erklärte Kasumi, die offenbar nicht Arthurs Ansicht teilte, dass man sofort alles stehen und liegen lassen musste.
   Ruben entging nicht der Blick, den sie Sotai zuwarf, und ihm war, als ob sie auf den Ring auf der Tischplatte schielte. Sotai jedoch starrte nur entschlossen zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Klingt abgefahren. Wegen der Telepathie braucht ihr auch keinen Handyempfang, richtig?« Ruben grinste, aber in seinem Inneren sah es überhaupt nicht so gelassen aus, wie er sich nach außen gab. Es half jedoch, alles als Scherz anzusehen. Arthur stand auf und wartete offenbar darauf, dass es ihm die anderen gleichtaten. Charmine zog ihn unsanft am Ärmel.
   »Ihr solltet los«, zischte er in Ivans Richtung.
   »Gut, ich erkläre dir jetzt die Fakten. Wir brauchen schließlich einen Plan.« Ivan fühlte sich sichtlich unwohl. »Der Ausgang von Axikon liegt im Spiegeltal, wird bewacht vom Spiegelrat und Menschen dürfen dort nicht hin. Was logisch ist, denn Menschen dürfen ja nicht einmal auf Axikon sein. Das Tor ist noch gut zwei Wochen geöffnet, vielleicht ein bisschen weniger. Wenn es sich schließt, bleibt es die nächsten neunzehn Jahre geschlossen. Es ist also Eile geboten. Und versprich mir eins, Ruben: Mach die Augen zu, wenn du springst. Dann wird dir nichts passieren. Glaube ich zumindest.«
   Niemand sagte etwas, am allerwenigsten Ruben. Er musste das erst mal verdauen. Sie würden ihn zu einem See bringen, er würde vermutlich wieder durch so einen Bildertunnel mit Lichtblitzen reisen und irgendwie in einer deutschen Stadt ankommen. Er sah forschend in die Gesichter aller am Tisch.
   Charmine räusperte sich. »Sotai, wirst du ihn begleiten? Du wolltest doch auf die Erde reisen.«
   Sotai kniff die Lippen zusammen, entspannte sich aber, als sie bemerkte, dass alle sie ansahen. »Ich komme mit«, sagte sie nach einem Moment.
   Übermäßig erfreut schien sie nicht, dass sie einen Menschen babysitten sollte. Ruben freute es trotzdem. Wenn Sotai ihn zum See bringen würde, konnte er sie ja fragen, wie das alles funktionierte, was sie war und überhaupt alles Mögliche über sie erfahren.
   »Wir sollten nicht zu zahlreich erscheinen, aber vielleicht sollte ich euch begleiten«, sagte Kasumi. »Im Notfall kann ich euch beschützen.«

Kapitel 4
Verwandelt

Sotai fühlte sich hilflos. Die Aussicht, mit diesem Mann allein zu sein, kam ihr gefährlich vor. Weil er ihr gefiel, und weil er den Wunsch hegte, sie zu küssen. Aber in ihn durfte sie sich auf keinen Fall verlieben, denn er würde bald wieder auf der Erde sein. Sie ballte ihre Finger zu Fäusten und starrte auf die Tischplatte. Das war albern. Natürlich würde sie einem Mann widerstehen können. Sie wollte nicht wieder eine Liebe, die nicht halten konnte. Plötzlich hörte Sotai Kanis Stimme in ihrem Kopf. Denk dran, er wird bald weg sein. Behalte dein Herz.
   Ein guter Ratschlag, ohne Zweifel. Dass sie wusste, wie es in Sotai aussah, verwunderte sie überhaupt nicht. Eine Liebe wäre in der Tat sinnlos. Ruben würde durch den See zur Erde zurückkehren, und selbst wenn sie sich auf der Erde nicht sofort trennten, würde sie spätestens in zwei Wochen nach Hause müssen. Die Möglichkeit, auf der Erde zu bleiben, war ein Trugschluss. Natürlich könnte sie das, einige Arantai lebten dort schon lange, aber es würde nichts daran ändern, dass sie Ruben nicht haben konnte.
   Sotai schüttelte den Kopf über sich. Sie würde die Finger von ihm lassen. Das war die einzige Möglichkeit, ihr Herz zu schützen. Die Idee, eine Beziehung mit einem Menschen zu haben, war ohnehin absurd. Die ersten Jahre mochte das gutgehen, aber irgendwann würden alle um sie herum bemerken, dass mit Sotai etwas nicht stimmte. Sie würde nicht altern, Ruben schon. Sie konnte nicht bei Tag raus, Ruben schlief vermutlich überwiegend in der Nacht, wenn sie wach war.
   Es war fast wie in diesen kitschigen Vampirliebesgeschichten, wovon Kani ein paar besaß. Am Ende biss der eine den anderen und beide blieben glückliche Vampire. Wenn es überhaupt gut ausging. Aber dies war kein Roman, sondern das wahre Leben.
   Sotai haute mit der flachen Hand auf den Tisch. Sie würde es schaffen, auch sie würde ein Happy End bekommen. Nicht mit Ruben natürlich. Sie würde auf die Erde gehen, sich umsehen, reisen, Erfahrungen sammeln, und wenn sie zurückkäme, würde sie umziehen. Dinge würden sich ändern. Erst im nächsten Moment wurde ihr klar, dass sie nicht allein am Tisch saß. Alle sahen sie verwundert an. »Wollen wir los?«
   Während Ivan mit Kasumi diskutierte, ob er mitkommen sollte, riskierte Sotai einen Blick zu Ruben. Seine Wangen hatten einen gesunden Schimmer und seine Augen funkelten. Sotai griff nach ihrem Beutel, stand als Erste auf und ging zur Tür. Dort umarmte sie ihre Mutter.
   »Hab eine gute Reise. Mögest du finden, was du suchst.« Als sie sich voneinander lösten, glitzerten in ihren Augen Tränen.
   Kanis Worte trafen Sotai unerwartet. Sie sollte finden, was sie suchte? Was suchte sie denn? Meinte sie die Liebe? Eine Liebe, die halten würde? Oder etwas anderes? Sotai fragte nicht, denn sie wollte die Antwort nicht hören. Kani reichte Ruben die Hand und wünschte auch ihm eine gute Reise.
   »Wollen wir?«, fragte Kasumi. »Ich fliege über euch, okay?«
   Sotai bekam für einen Moment weiche Knie, als sie daran dachte, dass die Reise verboten war. Für Ruben zumindest, aber es blieb ihnen keine andere Wahl. Sie erinnerte sich genau an die Gruselgeschichten, die Kasumi und ihre Großmutter Analyn manchmal erzählten. Von den Spiegelratsmitgliedern. Kasumi meinte es nie böse, wenn sie über die anderen im Rat sprach, aber Sotai hatte schon als Kind vor den mysteriösen acht Ratsmitgliedern Angst gehabt. Und bei ihrer letzten Reise auf die Erde, als sie einigen davon begegnet war, waren sie ihr nicht weniger Furcht einflößend vorgekommen. Raoul, der Wolfsmensch, war unberechenbar, ebenso der weiße Vogelmann Gallicus, aus dem niemand schlau wurde. Schließlich Umbra. Wie in ihren Träumen sah Sotai die Szene erneut vor sich.
   Damals waren sie auf dem Weg, Kasumi nach Axikon zu bringen, zu ihrer Großmutter, als es geschah. Der dunkle Museumsgang, in der Luft das Knistern von Gefahr. Mit einem Mal sah Sotai wieder Kanis vor Schreck geweitete Augen, als Umbra ihr den Dolch an den Hals gehalten hatte. Umbra, die plötzlich aufgetaucht war. Sie hätte Kani getötet, da war sich Sotai sicher. Nur, um zu verhindern, dass Ivan einen Menschen mit nach Axikon nahm, hätte sie sie alle getötet. Ihre Rache hatte sie geblendet, doch Ivan hatte den Kampf aufgenommen. Als Sotai mit Kasumi und Kani durch das Tor schritt, blieb Ivan, um Kasumi zu schützen, die damals noch ein Mensch war. Wenig später war Ivan verletzt durch das Tor nach Axikon gestürzt und hatte dabei Kani unter sich begraben.
   An diesen Schreck wollte sich Sotai eigentlich nie wieder erinnern, und doch kam das Bild regelmäßig in ihren Träumen vor. Genau wie Umbras Gesicht. Umbra, die eisige Frau ohne Herz. Sotai schauderte und betete, dass sie dieser Frau nie wieder begegnen musste.

Sotai atmete tief durch, als sie die Mauern Lennoxis hinter sich gelassen hatten. Ruben ging dicht an ihrer Seite und Kasumi flog so hoch am Himmel, dass sie kaum zu erkennen war. Vielleicht war Ivan doch bei ihr. Er hatte sich zwar von Ruben verabschiedet, aber Sotai konnte nicht glauben, dass er die Gelegenheit, bei Kasumi sein zu können, würde verstreichen lassen. Außerdem könnte er so seine Tochter Raja wieder einmal besuchen. Selbst wenn es sicherer war, nur zu dritt zu reisen. Sotai blinzelte zu Kasumi hoch, wies in südliche Richtung und ging los. Sie wollte nicht warten, ob ein Wegekäfer für sie kommen würde, schließlich kannte Kasumi den Weg. Sotais Herz schlug schneller. Sie waren auf dem Weg ins Spiegeltal.
   »Warte.«
   Sotai drehte sich noch einmal zu ihrer Mutter um. In ihrer Hand hielt sie ein Buch mit blauem Einband. In silbernen Lettern stand auf Axikonisch Wörterbuch für Englisch darauf. Sotai nahm das Buch und drückte Kani einen kurzen Kuss auf die Wange. Mit Sicherheit würde sie einige Wörter auf Englisch nicht kennen, die sie brauchen würde. Ruben verstand schließlich kein axikonisch wie Ivan oder die anderen. Und Fragen wollte Sotai stellen, denn interessant fand sie ihn schon. Er war ein Mensch, das allein machte ihn spannend.

*


   Ruben ließ seinen Blick über die Landschaft streifen. Er genoss das weiche Streicheln des lauwarmen Windes auf seinen nackten Unterarmen. Die Uniformjacke hatte er sich um die Hüften geschlungen, um sie nicht tragen zu müssen. Ihr Weg führte über einen sandigen Pfad, der bald endete. Sie liefen durch beinah kniehohes Gras, dieses Mal ohne Blumen und ohne Käfer. Ein paar Vögel flogen dann und wann in Schwärmen über ihre Köpfe hinweg, aber ansonsten sah man kein anderes Lebewesen. Es war, als wäre er mit Sotai völlig allein auf der Welt.
   »Darf ich dich etwas fragen?« Rubens Stimme hallte übertrieben laut über die offene Weite, auch Sotai zuckte zusammen.
   »Ja, natürlich.«
   »Du bist kein Mensch, richtig? Sondern eine Arantai? Was ist das genau? Du siehst aus wie eine normale Frau, also wie eine Menschenfrau, meine ich.«
   Sotai lachte leise. »Ich bin normal. Hier bin ich normal. Arantai sind wie …« Sie schien nach einem passenden Wort zu suchen und schlug das Wörterbuch auf, welches sie immer noch in ihrer Hand trug. »Gestaltwandler? Ja. Ich kann mich in Luft verwandeln.«
   »Echt? Cool.« Ruben schwieg eine Weile und ließ Sotais Worte sacken. »Und wie alt bist du?«
   »Einunddreißig Menschenjahre«, sagte Sotai.
   »Tatsächlich?«
   »Wir altern äußerlich nicht mehr nach unserer Verwandlung mit neunzehn, sobald wir unser Element erhalten.«
   »Wow, das erklärt es. Du siehst wirklich jung aus.« Er schwieg einen Moment. »Könntest du …? Ich meine, könntest du es mir zeigen? Die Verwandlung?« Sotai lächelte zuerst, dann wurden ihre Wangen rot und sie sah auf ihre Füße. »Ist es zu kompliziert? Ich … Du musst nicht.« Ruben wusste nicht genau, warum sie so reagierte. Vielleicht tat sie es nicht gern vor anderen? Er hätte gern gesehen, wie sie sich verwandelte. Obwohl, wenn er genauer darüber nachdachte, wäre das vermutlich recht unheimlich.
   Er wollte ihr gerade seine Bedenken mitteilen, da ließ Sotai ihre Tasche von der Schulter rutschen und stellte sie zu ihren Füßen auf den Boden. Sie schlüpfte aus ihren Sandalen, holte tief Luft und schloss die Augen.
   Zuerst begann ihr Rock zu wehen, ohne dass Wind aufgekommen wäre. Kurz darauf spürte Ruben einen warmen Luftzug, und Sotai hielt mit den Händen ihr Kleid unten. Im nächsten Moment verschwammen ihre Finger. Ihre Haare wehten wild um ihr Gesicht und lösten sich plötzlich strähnchenweise auf. Ihr Gesicht und ihr Körper verschwanden und ihr Kleid fiel zu Boden.
   Ruben sog erschrocken die Luft ein, aber als ihm der Gedanke kam, dass er möglicherweise Sotai eingeatmet hatte, stieß er sie schnell wieder aus. »Beeindruckend«, murmelte er und sah sich in alle Richtungen um. Am liebsten hätte er Sotais Kleid aufgehoben, um zu sehen, ob sie sich vielleicht darunter verbarg, geschrumpft war, aber er hielt sich zurück. »Du kannst jetzt zurückkommen. Dich verwandeln, meine ich.« Ruben beobachtete das verwaiste Kleidungsstück, als ob Sotai einfach daraus erwachsen würde, aber da tat sich nichts. Ein leichter Windhauch berührte Rubens Wange, wuschelte durch sein Haar und raschelte kurz darauf in einem der naheliegenden Bäume. Ruben kniff die Augen zusammen, aber er konnte nichts zwischen den Blättern erkennen. »Sotai?« Erneut rauschten die Blätter, als ob sie ihm antworten wollte.
   Plötzlich lugte ihr helles Gesicht hinter einem Baum hervor. Ihre dunklen Augen funkelten ihn fröhlich an. Sie lächelte breit. »Da bin ich wieder.«
   Sotai sah auf einmal so gelöst und entspannt aus, wie er sie nur kurz gesehen hatte. Ruben konnte sich kaum von ihrem Anblick lösen. Erst nach einer Weile fiel sein Blick auf Sotais Kleid, welches immer noch auf dem Boden lag. »Brauchst du das?«
   Ohne zu antworten, kam Sotai mit fast tänzelnden Schritten auf ihn zu, zu schnell für seine Augen. Er sah nur Momentaufnahmen, einzelne Bewegungen wie im Stroboskoplicht, aber diese Momente reichten dennoch, um Sotai in ihrer ganzen Schönheit zu sehen.
   Ruben wollte sich abwenden, aber er brachte es nicht über sich. Sotais Haut schimmerte leicht bläulich im Mondlicht, ihre Beine waren lang und schlank, ihre Taille zierlich und die Bewegungen geschmeidig. Er bemühte sich, seinen Blick zu zügeln, dennoch konnte er nicht vermeiden, ihn kurz auf Sotais hübschen Brüsten ruhen zu lassen, die genau in seine Hände passen würden. Je näher sie kam, desto dunkler wurden ihre Wangen. Ruben bückte sich, um ihre Sachen aufzuheben. Als er sich aufrichtete, stieß sein Kopf gegen ihren, denn auch Sotai hatte nach dem Kleid gegriffen.
   »Au«, sagten sie gleichzeitig und mussten lachen. Es war ein nervöses Lachen, und Ruben konnte die Aufregung kaum leugnen. Sotai war ihm so nah, und sie war nackt. Er hätte nur eine Hand ausstrecken müssen, um ihre seidig aussehende Haut berühren zu können, an ihrer Seite entlangzustreichen, den Kurven ihres Körpers zu folgen.
   Sotai räusperte sich. »Darf ich mein Kleid haben?«
   »Oh! Natürlich, tut mir leid.« Er reichte ihr das Kleid und ihre Unterwäsche, und Sotai zog sich an. Ruben hätte sie so gern geküsst, aber er traute sich nicht. Ohne ihn anzusehen steckte sie den BH in die Tasche und zog ihre Unterhose an, wobei sie noch einmal ihre langen, muskulösen Beine entblößte. Ruben fühlte sich, als würde er gleich anfangen zu sabbern. »Du bist sehr schön«, flüsterte er, bevor er zu Boden sah, wo er mit der Schuhspitze ein paar Steine zusammenschob. »Ich bin verlobt«, platzte er heraus und wusste nicht, warum er ihr das jetzt sagte. Vermutlich Selbstschutz, er wollte sich selbst daran erinnern.
   »Das freut mich«, sagte Sotai, nachdem sie kurz in ihrem Wörterbuch nachgeschlagen hatte.
   Ruben suchte in ihrem Gesichtsausdruck und ihrer Haltung nach Anzeichen dafür, wie sie das wirklich fand. War sie traurig darüber? Natürlich nicht. Er war es schließlich, der sie küssen wollte, nicht sie.
   »Ich war auch einmal verlobt.« Sotai sah weg. »Aber wir sind zu verschieden.«
   Ruben staunte über Sotais ehrliche Antwort. Bisher hatte sie ein wenig verschlossen gewirkt, was aber möglicherweise daran lag, dass sie sich nicht sicher war, wie sie Dinge sagen sollte, damit er sie verstand. Oder weil sie sich kaum kannten. In ihren Worten schwang Enttäuschung mit, aber es klang auch, als hätte sie sich damit abgefunden. »Ist es lang her?«
   »Zwei Nächte der vier Monde«, antwortete Sotai und ihre Stimme klang wieder fest und unergründlich.
   Kurz hatte Ruben das Bild vor Augen, wie er und Sotai sich küssten. Er hätte sie gern getröstet, aber sie sah nicht traurig aus. Trotzdem hätte er gern mehr über ihre ehemalige Verlobung erfahren. »Vier Monde?«, fragte er stattdessen. »Wie oft ist so eine Nacht? Ich habe bisher nur zwei Monde gesehen.« Er sah in den Himmel und konnte nur zwei entdecken.
   »Wir haben vier Monde. Sie kommen aber nur selten alle an unserem Himmel zusammen. Die meiste Zeit scheinen zwei über dem Spiegeltal und die anderen beiden hier. Es sind …« Sie schlug in dem Wörterbuch nach. »Vier Jahre. Es ist vier Jahre her, seitdem ich mich von Seran getrennt habe.«
   Seran. Ruben spürte einen Stich in seinem Herzen und blieb stehen. War er etwa eifersüchtig auf diesen Seran? Auf einen Namen? Mehr kannte er von ihm schließlich nicht, aber er war der Mann, den Sotai bis vor vier Jahren geliebt hatte. Ruben versuchte, an Jasmin zu denken, aber ihr Gesicht blieb irgendwie in den Schatten. Ruben seufzte und konzentrierte sich auf seine Schritte.
   »Ist er ein Arantai?« Natürlich war er ein Arantai, was sonst?
   Sie nickte. »Es ist Vergangenheit. Er ist weitergezogen, und auch ich werde weiterziehen.«
   Sie schwiegen eine Weile. Ruben fürchtete, ein Tabu gebrochen zu haben, indem er Sotai nach ihrer Verlobung gefragt hatte. Er drehte an seinem Verlobungsring, bis sein Finger wehtat, aber das war es nicht wirklich. Es tat weh, ihren Namen zu denken. So musste sich ein Ehebrecher fühlen, dabei waren sie noch nicht verheiratet. Genau genommen war nichts zwischen ihm und Sotai passiert, außer dass er ständig an sie dachte und sie so dringend küssen wollte, dass ihm alle paar Minuten eine Gänsehaut über den Rücken jagte, wenn er bemerkte, wie nah sie neben ihm ging.
   Woher kamen bloß diese Gedanken? Natürlich war Sotai eine bildhübsche Frau, geheimnisvoll dazu, aber er kannte sie überhaupt nicht. »Muss man jemanden kennen, um sich zu verlieben?«, flüsterte er und blieb stehen. Das hatte er nicht laut gesagt, oder? Seine Wagen wurden ganz heiß, und er traute sich kaum, Sotai anzusehen. Vielleicht bezog sie es auf etwas anderes, seine oder ihre damalige Verlobung.
   Sotai schüttelte den Kopf. Eine Träne rann über ihre Wange, aber sie wischte sie so eilig weg, dass er sich nicht sicher war, ob sie überhaupt da gewesen war. Sie sah ihn nicht an. »Ich glaube nicht.«
   »Mist, ich wollte eigentlich nicht …«
   »Du wolltest das nicht sagen.« Sotai nickte.
   Ruben wusste nicht, was er dazu sagen sollte, und folgte einfach seinem Herzen. Er ging einen Schritt auf Sotai zu und schlang seine Arme um ihre Schultern, um sie näher an sich zu ziehen. Er streichelte über ihren Rücken, küsste ihr Haar und sog den Duft ein. Sotai roch nach Blumen, ähnlich denen, die er vorhin gesehen hatte. Er spürte, wie sie sich zuerst versteifte, aber dann gab sie auf und lehnte sich leicht an ihn. Ihm war, als ob sie zitterte. Weinte sie? Ruben traute sich nicht, sie zu fragen, was los war. Litt sie immer noch wegen ihrer verlorenen Liebe von damals? »Weißt du, deine Haare riechen genau wie diese hübschen, schmalen Blumen, die auf der Wiese wachsen, wo ich gelandet bin«, sagte er, um sie abzulenken. »Unweit von dort, wo du mich gefunden hast.«
   Sotai legte zögernd ihre Arme um Ruben und machte ein leises Geräusch, welches endlos traurig klang.
   Sein Herz wurde ganz weit. Nie hätte Jasmin so bei ihm Trost gesucht, sie weinte nie vor ihm. Sie ließ ihn kaum an ihren Gefühlen teilhaben. Er wischte den Gedanken weg, denn er war unfair und vermutlich kam es ihm in diesem Moment auch nur so vor. »Ich habe erst nicht gesehen, dass es Blumen sind. Wenn du willst, kannst du mir gleich sagen, wie sie heißen. Solche Blumen habe ich noch nie gesehen. Kein Wunder, dass die kleinen weißen Käfer so gern von ihnen trinken, vermutlich ist der Nektar köstlich und süß und …«
   Sotai wand sich aus Rubens Armen und sah ihn mit großen Augen an. Sie schimmerten leicht. »Was für Käfer?« Sotai räusperte sich.
   »Was? Ach so. So kleine weiße Käfer, die ihre Farben aus den Blumen getrunken haben oder so. Echt coole Viecher. Wenn ich mir einen Namen für sie ausdenken müsste, würde ich sie Farbtrinker nennen. Nein, das klingt blöd … Was ist?«
   Langsam kam wieder Leben in Sotais stummes, trauriges Gesicht. Ihre Augenwinkel kräuselten sich, ihre Lippen bogen sich zu einem Lächeln. Dann erstarb es. »Der erste Käfer, erinnerst du dich?«
   »Ich glaube schon. Was ist mit ihm?«
   »Welche Farbe hat er bekommen?«
   Ruben dachte nach. »Irgendwie goldfarben und rot an den Flügeln, glaube ich. Seine Fühler waren blau. Ist das wichtig?«
   »Sehr. Es sind Orakelkäfer. Sie fliegen nur in dieser Nacht auf unserer Insel. Ihre Farbe sagt die Zukunft voraus. Gold? Blau und Rot? Bist du sicher?«
   Noch einmal versuchte Ruben, sich den Käfer ins Gedächtnis zu rufen, aber er war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob er violett oder rot gewesen war. War das der zweite Käfer gewesen oder der erste?
   »Rot steht für die Liebe, Blau für die Elemente Wind oder Wasser, aber Gold? Was bedeutet das Gold?« Sotai war plötzlich aufgeregt. »Vermutlich heißt es nur, dass du in der Liebe stürmisch bist, oder so.« Sie wischte sich eine Strähne aus der Stirn. »Aber Gold habe ich noch nie gehört. Ich wusste nicht, dass die Käfer golden werden können.«
   »Vielleicht gewinne ich in der Lotterie?«
   »Lotterie?« Sotai hielt die Luft an, weil sie einen Schluckauf bekommen hatte.
   In diesem Moment hätte Ruben sie am liebsten geküsst. Sotai sah so niedlich aus, wenn sie die Luft anhielt und sich konzentrierte. »Die Lotterie ist ein Gewinnspiel. Da raten die Leute einige Zahlen, die an einem bestimmten Tag gezogen werden. Wenn man die richtigen Zahlen auf seinem Zettel angekreuzt und den in einer Lottostelle abgegeben hat, gewinnt man Geld.«
   Sotai nickte und pustete die Luft aus. »Verstehe ich nicht.«
   Ruben lachte. »Das klingt wirklich sehr seltsam, wenn ich es so erkläre. Gibt es bei euch keine Gewinnspiele?«
   »Ich glaube nicht.«
   Das laute Flappen von Flügeln ließ Ruben zusammenzucken. Kurz darauf landete Kasumi vor ihnen.
   »Es gibt Probleme. Ich muss schnell ins Spiegeltal. Ich glaube, es wäre besser, wenn ihr erst mal in Deckung bleibt. Kann ich euch allein lassen?«
   Sotai und Ruben nickten, auch wenn Ruben wusste, dass es vermutlich keine gute Idee war, allein mit Sotai zu bleiben. Irgendetwas war zwischen ihnen entstanden. Sotai schien immer mehr Vertrauen zu fassen, und Ruben wusste nicht, ob das gut war.
   »Wir gehen noch bis zum Meer. Dort warten wir.«
   »Gut, ich beeile mich.« Kasumi schwang sich in die Luft und war nach ein paar kräftigen Flügelschlägen nicht mehr zu sehen.
   »Sie konnte mir nicht in die Augen sehen. Da ist etwas Schlimmes passiert«, sagte Sotai.

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